30 Jahre CSD in Hamburg

 

                                                Veranstaltung der AIDS-Hilfe Hamburg e.V.

 

                                                                      im Café Spund

 

                                                     am Montag, dem 5. Juli 2010, 19.00 Uhr

 

                                                       Vor 30 Jahren – ein Jahr vor AIDS

 

 

Wie war das vor 30 Jahren, ein Jahr vor AIDS – waren da alle schwulen Männer kerngesund? Hatten sie höchstens hin und wieder einen Schnupfen – womit ich medias in res bin, denn Schnupfen bedeutete im schwulen Rotwelsch und im konspirativen Slang der Schwulen: Tripper/Gonorrhöe.

 

Sicherlich, Tripper konnten alle promiskuitiv lebenden Männer und Frauen bekommen, er war keine spezifische „Schwulenseuche“ – aber ihn bekamen eben auch zahlreiche  homosexuelle Männer. Die Tripperbakterien lauerten beim Sex auf der Klappe, im Stadtpark, mit einem Strichjungen oder einem solide aussehenden, scheinbar biederen Familienvater. Und da man als Schwuler niemals mit Gummi/Pariser/Überzieher/Kondom/Tüte fickte und vögelte – denn dieses Erzeugnis sollte ursprünglich Nachwuchs verhindern (so glaubte man zumindest), - so waren die männlichen Geschlechtsorgane Penis und After Trippererregern frei zugänglich.

Nun, Tripper war heilbar – sei es durch die äußerst unangenehme und gefürchtete Tripperspritze, sei es mit Hilfe von Antibiotika, die dem Spuk nach zwei Tagen ein Ende machten, wenn man sie auch eine Woche oder zehn Tage lang einnehmen musste.

Peinlich nur, wenn sich der Ausfluss nicht in der Harnröhre zeigte, sondern im After und damit die Geschichte von einer Ansteckung bei einer namentlich leider nicht bekannten Frau unwahrscheinlich erschienen ließ. In diesem Fall, so berichten Betroffene, habe man mit dem eitrigen Analausfluss den Penis infiziert (ob dies möglich ist, weiß ich nicht) und mit dem Arztbesuch gewartet, bis sich endlich auch die Harnröhre entzündet hatte. Diese Aussage belegt die Bedenken vieler (vor allem auch etablierter) Männer, sich dem behandelnden Arzt als Schwuler zu offenbaren, denn bis weit in die 80er oder 90er Jahre des 20. Jahrhunderts erschien vielen schwulen ein Outing bedenklich – vor allem auch gegenüber einem Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, da damals sexuell übertragbare Krankheiten meldepflichtig waren und  der Patient Auflagen zu erfüllen hatte.

 

Weniger schmerzhaft, aber in den langfristigen Konsequenzen bedrohlicher und in der Behandlung langwieriger als Tripper war eine Ansteckung mit Lues/Syphilis. Und wenn der Primäreffekt sich im Analbereich zeigte, war die sexuelle Orientierung schwer zu verheimlichen.

Auch die Syphilis war keine typische Schwulenkrankheit, traf Homosexuelle aber vergleichsweise oft. Dies behauptet zum Beispiel Gerhard Fehrs in seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1983 mit dem Titel Zu einigen Aspekten der Entwicklung der Risikogruppe der männlichen Homosexuellen und der Risikogruppe der kriminell gefährdeten, nicht lesbischen, weiblichen Jugendlichen und Jungerwachsenen in der Hauptstadt Berlin (Dissertation der Humboldt-Universität). Fehrs zufolge waren männliche Homosexuelle besonders stark mit Syphilis infiziert (S. 73, auch 76, 87): „Jeder fünfte Homosexuelle der Hauptstadt ist durch Infektion oder als Kontaktperson bisher einmal“  mit der Fürsorgestelle für Geschlechtskranke „in Berührung gekommen“ (S. 96). Zusammenfassend stellte er fest: Die Gruppe der Homosexuellen „ – ist auf Grund ihrer vielen sexuellen Kontakte Hauptinfektionsquelle für Syphiliserkrankungen und andere sexuell übertragbare Krankheiten; - ist in der Hauptstadt Berlin zu 90 % an der Erkrankung und Verbreitung der Syphilis beteiligt; - ist auch maßgeblich an der Erkrankung und Verbreitung von Gonorrhöe beteiligt“ (S. 115).

 

Nun ist diese Dissertation des Volkspolizei-Offiziers Fehrs in ihrer Tendenz homophob und wissenschaftlich alles andere als über alle Zweifel erhaben, sie spiegelt jedoch beispielhaft die Einstellung des Staates und der Gesellschaft wider, denn der Kampf gegen Geschlechtskrankheiten war nach 1945 eine immer wieder geltend gemachte Begründung für die Überwachung von Homosexuellen und deren Treffpunkten, für Razzien und Verbote.

 

Wenig untersucht worden sind die psychischen Erkrankungen und Deformierungen homosexueller Männer auf Grund der Verfolgungssituation bis 1969 bzw. 1973 und der Diskriminierung bis in die Gegenwart.

Und dringend erforderlich ist die Erforschung der Suizide unter Homosexuellen auf Grund strafrechtlicher Verfolgung, Erpressung, Ausgrenzung und Mobbing – dies um so mehr, als die Auswertung der von Ulf Bollmann im Hamburger Staatsarchiv entdeckten Aktenkonvolute über ungeklärte Todesfälle erbracht hat, dass ca. 25 % der rund 300 Hamburger homosexuellen Opfer, für die Stolpersteine gelegt worden sind und noch gelegt werden, sich in einer ausweglos erscheinenden Situation selbst getötet haben.

 

Nachdem 1969 und 1973 die Strafbestimmungen gegen Homosexuelle über 21 bzw. 18 Jahre aufgehoben worden waren, lebten schwule Männer ihre sexuellen Phantasien freier als zuvor aus: In der verklärenden Rückschau erscheint diese Zeit unbeschwert. Sexuell schien nahezu alles möglich; Martin Danneckers Formulierung „Wir sind Säue“ spiegelt das Lebensgefühl dieser Zeit.

 

Dies alles nahm ein Ende 1981 mit ersten Berichten aus den USA über eine Krankheit, die nur Schwule zu treffen schien. Jeder Kenner der Situation wusste, dass diese Krankheit nicht auf die USA beschränkt bleiben werde. Ihr Übergreifen auf Europa und Deutschland schlug wie eine Bombe ein und hinterließ Angst und Schrecken, Bedrohung und Unsicherheit. Plötzlich hatte sich alles verändert. All die sexuellen Freiheiten, die die positiven Entwicklungen seit 1969 für die Homosexuellen gebracht hatten, wurden fragwürdig und oft auch hinfällig – oder sie brachten den Tod. Verstärkt wurden die Ängste durch hysterische Reaktionen in der Öffentlichkeit, vor allem aber durch die Panikmache des SPIEGELS (Tödliche Seuche AIDSDie rätselhafte Krankheit, 6.6.1983), der von der Schwulenpest sprach, der BILD-Zeitung und anderer Medien, durch Forderungen von Politikern wie Gauweiler, Zehetmair und Seehofer, durch kirchliche Stellungnahmen, die in AIDS eine Strafe Gottes für Homosexualität, sexuelle Freiheit und unzüchtiges Verhalten sahen. Ich erinnere mich daran, wie mir 1987 ein Professor der Medizinischen Akademie Lübeck seine Vorstellungen für die Bekämpfung von AIDS erläuterte – sie hätten die Menschen- und Bürgerrechte für Homosexuelle weitgehend aufgehoben mit Zwangs-Screening, Kasernierung aller Homosexuellen, soweit man ihrer hätte habhaft werden können, mit einer persönlichen Kennzeichnung (Tätowierung an gut sichtbarer Stelle) aller Männer, die an AIDS erkrankt waren, sowie mit nur minimaler ärztlicher Versorgung aus Kostengründen – die zynische Deutung der Abkürzung AIDS mit „Ab in den Sarg“ sollte staatlich beschleunigt werden.

 

Es war ein Fortschritt, als Wissenschaftler 1983 den Erreger von AIDS entdeckten und so ab Mitte der 80er Jahre die Möglichkeit eines gewissen Schutzes durch Safer Sex eröffneten. Das klingt heute so selbstverständlich: Safer Sex. Dass dies seit langer Zeit ein erster Lichtblick war und wieder ein angstfreies Sexualleben ermöglichte, ist weitgehend vergessen. Safer Sex aber verlangt einen Paradigmenwechsel, der für zahlreiche Männer ein emotionales Problem darstellte (und darstellt) – die Benutzung von Kondomen.

 

Die Bedrohung durch AIDS schuf aber auch ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl – und nicht nur unter den Betroffenen -, brachte Selbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen hervor, führte 1984 zur Gründung der Hamburger AIDS-Hilfe und 1986 zur Eröffnung von deren Struensee-Centrum, entwickelte eine eigene Begräbniskultur mit der Steinlegung Windrose II von Tom Fecht vor der Dreieinigkeitskirche und den Memento-Grabstätten der AIDS-Seelsorge auf dem Ohlsdorfer Friedhof (1994) und trug mit der Gründung der AIDS-Seelsorge dazu bei, verkrustete Strukturen in der evangelischen Kirche aufzubrechen.

 

Also gut, dass es AIDS gibt, wie jemand provozierend formulierte? Oder ein Satz, dessen Zynismus nicht zu überbieten ist?

Der Tribut, den AIDS forderte – und damit der Preis für die erwähnten neuen Formen homosexuellen Lebens und Sterbens – war hoch. Zu hoch!? Beschäftigt man sich als Historiker mit der Geschichte der Schwulen in Hamburg während der 70er, 80er und 90er Jahre, wird einem bewusst, dass eine ganze Generation schwuler Aktivisten durch AIDS zwar nicht ausgelöscht, aber erschreckend stark dezimiert worden ist. Nicht nur die Namen auf den Steinen vor der Dreieinigkeitskirche in St. Georg oder auf den Grabstelen der Gemeinschaftsgrabstätten in Ohlsdorf und auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof in Berlin-Schöneberg zeugen davon, sondern auch zahlreiche Einzelgräber überall in Deutschland.

 

Carl Stoewahs und Claus Fischdick, die Gründer und ersten Vorsitzenden der von Hamburg aus agierenden IHWO, hatten sich Mitte der 80er Jahre in einem Leserbrief gegen die durch AIDS ausgelöste Hysterie gewandt (meiner Erinnerung nach in der Frankfurter Rundschau). Sie schrieben damals: auch in Zukunft stürben die Schwulen eher an Krebs oder Herz- und Kreislauferkrankungen als an AIDS.

Galt dieser Satz auch nicht für sie selbst, so haben die Fortschritte in der medizinischen Forschung und Versorgung ihren Satz bestätigt. Dennoch: AIDS ist nicht besiegt. Ein Leben mit HIV und AIDS ist für viele Betroffene nach wie vor außerordentlich belastend. Birgit hat dies im Juni-Gottesdienst 2010 der AIDS-Gemeinde in einer Performance eindrucksvoll geschildert und vorgeführt: AIDS ist ein schwerer und immer schwerer werdender Koffer, den man mit sich herumschleppt, den man weder liegen lassen noch auspacken kann, den man nie los wird, solange man lebt.