Ausstellung 2013

Vortrag mhc während der Pride-Woche

29. Juli 2007

 

 

                                                          Dr. Gottfried Lorenz

 

 

                                Hundert Jahre Schwulenverfolgung in Hamburg

 

 

Wo auch immer, wann auch immer – in unserem Kulturkreis sind gleichgeschlechtlich empfindende Menschen selten akzeptiert worden, widersprach doch deren sexuelles Fühlen und Handeln dem, was die sie umgebende Gesellschaft für gott- oder naturgegeben betrachtete.

Im Laufe der Zeit sind sie in Staat und Gesellschaft das eine Mal stärker, ein anderes Mal schwächer abgelehnt und diskriminiert worden. Ihre Verfolgung konnte forciert oder auch scheinbar eingestellt werden. Sicher aber konnten – und ich füge hinzu: können – sie sich nie fühlen, denn allzu leicht ließ und lässt sich Homosexualität instrumentalisieren im Kampf gegen was auch immer. Damit teilen homosexuelle Menschen das Schicksal aller Minderheiten: Sündenbock zu sein für Fehlentwicklungen und Begehrlichkeiten. So war den Angehörigen des Templerordens vom französischen König Homosexualität unterstellt worden, um sie töten zu können und damit an die Reichtümer des Ordens zu gelangen. So wurden und werden Schwule verantwortlich gemacht für Sittenverfall, für die negative Bevölkerungsentwicklung, für AIDS oder die Gentrifizierung – speziell auch hier in Hamburg. Diejenigen, die hinter dieser Instrumentalisierung stehen, mussten und müssen selbst nicht notwenig homophob sein. Dies gilt beispielsweise für Maximilia Harden, der den Eulenburg-Skandal vom Zaun brach, oder für die Verleger Axel Springer und Rudolf Augstein, die mit BILD- Zeitung und SPIEGEL für die AIDS-Hysterie der 1980er Jahre verantwortlich waren.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Bund mehrere Bundesstaaten wie Baden, Bayern oder das Königreich Hannover, in denen homosexuelle Handlungen strafrechtlich nicht verfolgt wurden. Doch bedeutete dies nicht, dass Homosexualität in diesen Ländern gesellschaftsfähig gewesen wäre – selbst wenn es sich um gekrönte Häupter handelte. Bestenfalls sprach man nicht darüber, üblichenfalls waren Homosexuelle Zielscheibe obszöner anzüglicher Witze. Homosexuelle, die es sich leisten konnten, suchten deshalb ihre Zuflucht in Italien, weil der dortige Umgang mit Homosexualität erträglicher als nördlich der Alpen schien.

 

In der (neueren) Geschichte der deutschen Homosexuellen stellt 1872 eine Epochengrenze dar. In diesem Jahr trat das neue Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) in Kraft, das die Strafrechtsbestimmungen des Norddeutschen Bundes und damit dessen Sonderstrafrecht gegen homosexuelle Männer zum geltenden Recht im 1871 gegründeten Deutschen Reich erhob. Allerdings beschränkte sich der strafbare Tatbestand nach Interpretation der obersten deutschen Gerichte auf beischlafähnliche Handlungen, das hieß zunächst: auf Anal-, später auch auf Oralverkehr – und dies musste vor Gericht erst einmal zweifelsfrei nachgewiesen werden. Gravierender fast waren die §§ 183 und 185 StGB (Erregung eines öffentlichen Ärgernisses und Beleidigung – u. a. auf homosexueller Grundlage), die schon bei „Unanständigkeiten“ griffen.

Entgingen im Kaiserreich Männer einer Verurteilung nach § 175, wenn sie bestritten, beischlafähnliche Handlungen ausgeführt zu haben und ihnen diese  nicht nachgewiesen werden konnten, so war ihre bürgerliche oder adlige Reputation zerstört, sobald Gerüchte auftauchten, eine homosexuelle Ader zu haben. Dies erlebten der Berliner Stadtkommandant Kuno Graf von Moltke, Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertenfeld oder Alfred Krupp.

Hierbei ist die causa Eulenburg fast ein Hamburger Fall, denn konzipiert wurde die Eulenburg-Affäre in Friedrichsruh im Sachsenwald vom ehemaligen Reichskanzler Bismarck und dem Berliner Journalisten und Herausgeber der Zeitschrift Die Zukunft, Maximilian Harden, um mit Angriffen auf einen Vertrauten Wilhelms II. und eine von diesem Kaiserfreund geleitete angeblich schwule Kamarilla am Berliner Hof den Kaiser zu treffen und sich damit an ihm für Bismarcks Entlassung zu rächen. Die Homosexualität Eulenburgs  und anderer Beschuldigter bzw. Verleumdeter war hierbei lediglich Mittel zum Zweck und interessierte den Herausgeber der Zukunft persönlich überhaupt nicht.

In ähnlicher Weise instrumentalisierten die Sozialdemokraten die Homosexualität Alfred Krupps im Kampf gegen Kapitalismus und bürgerliche Dekadenz, obwohl August Bebel sich im Reichstag für die Aufhebung des § 175 einsetzte (wenn auch viel weniger als für die Streichung des § 218 StGB). In seiner Haltung zu § 175 ist August Bebel ein weißer Rabe in der Linken seiner Zeit, deren Väter Marx und Engels ausgesprochen homophob waren, damit nicht hinter dem Berg hielten und diese Homosexuellenfeindlichkeit auch im Kampf gegen politische Gegner nutzten (z. B. der Fall Johann Baptist von Schweitzer).

 

Das Selbstbild Hamburgs als einer liberalen Stadt findet in der Geschichte der Hamburger Homosexuellen nur sehr bedingt eine Bestätigung: Das gegen homosexuelle Männer gerichtete Reichsstrafrecht ist in Hamburg wie anderenorts im Deutschen Reich angewendet worden. Andererseits hat die Hamburger Polizei zweitweise nicht allzu scharf durchgegriffen. Selbstverständlich gab es in Hamburg, der Größe der Stadt und ihrer durch den Hafen bedingten Weltoffenheit entsprechend, eine schwule Infrastruktur mit einschlägigen Treffpunkten. Bereits in den 1860er Jahren berichtete Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) von einer Wildnis in Hamburg, die allen „Urningen“ wohlbekannt sei.

Später waren es die Grünanlagen bei der Lombards-Brücke, die Schwule anzogen. Sie flanierten vom Graskeller durch die Alsterarkaden über den Jungfernstieg und am Alsterpavillon vorbei ins Gebüsch zwischen Binnen- und Butenalster. Das Treiben dort schilderte 1920 ein Artikel in der Zeitschrift Die Freundschaft (Nr. 23): „Wenn man leider auch jetzt noch, oft genug auf offener Straße, ein mit lautem Gelächter begleitetes 'Huch nein' vernimmt, so ist es  in dieser Hinsicht bedeutend besser geworden…Hier in Hamburg hatte der Unfug in den letzten Jahren ganz besonders an Umfang zugenommen…Ich habe es erlebt, dass an Sommerabenden an der Alstergegend bei der Lombardsbrücke ein Geheul in Szene gesetzt wurde, als ob Friedrichsberg mit seinen Irren und die Hagenbeckschen Bestien sich hier ein Stelldichein gäben“

Am Beginn der erwähnten Flaniermeile in der Nähe des Graskellers, am Schleusenweg 2 (heute Alsterfleet/Alsterwanderweg) gab es zur selben Zeit das Stadtkasino, das von Hans Eisersdorff geführt wurde. (Eisersdorff betrieb später den Bronzekeller in der Neustädter Straße 27-29). In seinen Anzeigen im Freundschaftsblatt pries er das Stadtkasino als „mondäne Tanzbar“ an. Zumindest dem Geschmack von Magnus Hirschfeld, der hier einzukehren pflegte, wenn er in Hamburg war, entsprach das Stadtkasino. Andere bezeichneten es als Kaschemme, als „billige Eckkneipe“, als Treffpunkt von Prostituierten, Zuhältern und Strichjungen“.

ABER: Die Existenz einschlägiger Treffpunkte, Lokale, Zeitschriften und Verbände darf nicht darüber hinwegtäuschen und vergessen machen, dass Männer, die ihre homosexuelle Anlage auslebten, juristisch von den §§ 175, 183 und 185 StGB und gesellschaftlich von Ächtung bedroht waren. Und diese Bedrohung war in Kaiserreich und Weimarer Republik real und wahrhaftig kein Papiertiger, wovon zahlreiche Strafakten im Hamburger Staatsarchiv zeugen. DOCH  im Unterschied zu dem, was folgen sollte, herrschte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik Rechtssicherheit: bestehende Gesetze wurden nicht willkürlich verschärft, es gab bei Verstößen gegen § 175 keine wochenlange Polizei- und Untersuchungshaft; verurteilte Männer wurden nach der Strafverbüßung entlassen und nicht in Konzentrationslager gebracht; es gab keine nachdrückliche, d. h. erpresserische Aufforderung von Justiz oder Polizei, sich freiwillig kastrieren zu lassen. Und da sich in der Strafrechtsdiskussion der Weimarer Republik die Möglichkeit abzeichnete, die Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter volljährigen Männern aufzuheben, scheint der Verfolgungsdruck in Großstädten in gewisser Weise nachgelassen zu haben.

 

In Hamburg kam noch ein Glücksfall hinzu: Kriminalinspektor Rudolf Förster, seit 1925 Leiter des Sittendezernats bei der Kriminalpolizei, zeigte kein Interesse an der Verfolgung „gewöhnlicher“ Homosexueller, sondern setzte sich öffentlich für die Anerkennung „anständiger Homosexueller“ ein. In seiner im November  1932 veröffentlichten Broschüre: Über Sexual-Delikte und sexuelle Triebrichtungen betonte er, es sei falsch, Homosexuelle generell mit Verbrechern gleichzusetzen, und unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Homosexuellen. Erstgenannte lebten monogam, letztere promiskuitiv und bevorzugten Strichjungen. Försters Kampf, in dem er von der Hamburger Sektion des Bundes für Menschenrechte (BfM) unterstützt wurde, galt Erpressern und Strichjungen, die für ihn weitgehend identisch waren. Förster beabsichtigte, die von der Polizei verhafteten Strichjungen, sofern sie nicht geschlechtskrank waren, erst einmal zwei Wochen festzuhalten, sie dann dem Jugendamt zu überstellen, das sie ebenfalls ein paar Tage in Gewahrsam nehmen sollte, damit sie danach von Hamburg die Nase voll hatten und diese gastliche Stadt für immer verließen. Im Unterschied zu Förster plädierte der Direktor des Hamburger Jugendamtes Dr. Hertz 1926 für die Unterbringung von Strichjungen, die er für prinzipiell arbeitsscheu hielt, in Einzelzellen in Arbeitslagern! (Vgl. Hamburg auf anderen Wegen S. 16, 27).

 

Mit der Machtübergabe an Hitler verschlechterte sich die Situation der Homosexuellen in Deutschland schlagartig: einschlägige Zeitschriften und Zusammenschlüsse durfte es nicht länger geben; Treffpunkte wurden stärker überwacht, zahlreiche Schwulenlokale geschlossen. Eine Reihe Gerichte ging ohne rechtliche Grundlage schärfer gegen Homosexuelle vor und verurteilte Männer nach § 175, auch wenn keine beischlafähnlichen Handlungen vorlagen – ein Verfahren, das von oberen Reichsgerichten gedeckt wurde.

Am 1. September 1935 traten dann der verschärfte § 175 sowie der neue § 175a in Kraft. Damit war jede Handlung zwischen Männern, die sexuell interpretiert werden konnte, strafbar. Mann-männliche Prostitution galt von nun an nach § 175a Ziffer 4 als Verbrechen (statt als Vergehen) und konnte mit hohen Zuchthausstrafen belegt werden. (ABER: Alle Bestimmungen der Neufassung des Homosexuellenstrafrechts von 1935 waren im Übrigen schon in den vorausgegangenen Jahrzehnten angedacht und ein schärferes Vorgehen gegen Strichjungen auch von Homosexuellen befürwortet worden.)

Wichtiger und bedeutender aber – und für die betroffenen Männer verheerender  als die Verschärfung der Strafbestimmungen - war die Existenz einer „Nebenjustiz“ durch Gestapo, SS und Kriminalpolizei (unter Umgehung der Gerichte): diese Nebenjustiz verfügte z. B. die Einweisung homosexueller Männer nach verbüßter Strafe oder auch während der Strafverbüßung in Konzentrationslager oder verlangte von ihnen „nachdrücklich“, d. h. als Drohung, der „freiwilligen Entmannung“ zuzustimmen. Ohne die Existenz dieser Nebenjustiz brauchten wir heute keine Stolpersteine für homosexuelle Opfer zu verlegen.

 

In Hamburg gingen die Uhren zunächst etwas anders als beispielsweise in der Reichshauptstadt. Rudolf Förster blieb im Amt, trat der NSDAP bei und wurde 1934 Chef der Oberinspektion F mit dem Dezernat 36 (F 36), das für die Bekämpfung der „widernatürlichen Unzucht“ zuständig war. In dieser Funktion suchte er zusammen mit seinem Kollegen Tripke seine bisherige Linie beizubehalten, den „anständigen Homosexuellen“ nicht zu belästigen und vor allem gegen Strichjungen und deren Freier, sofern sie Minderjährige bevorzugten, vorzugehen. Förster versuchte auch, die Hamburger Transvestiten zu schützen, die seit November 1933 polizeilich verfolgt werden sollten. Und er wandte sich entschieden gegen die (von der Jugendbehörde unterstützten) 1934 eingerichteten HJ- Wache auf dem Hauptbahnhof zur Überführung von Männern, die homosexuelle Kontakte suchten, zumal junge HJ- Mitglieder – um Erfolge vorzeigen zu können – Männer sexuell stimulierten und provozierten. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die NS-Verantwortlichen mit Försters Arbeit nicht einverstanden waren. Im Sommer 1936 wurde er wegen angeblicher Bestechlichkeit vom Dienst suspendiert und einen Monat in Untersuchungshaft genommen. Das Verfahren gegen Förster wurde zwar mangels Beweisen eingestellt, seine Suspendierung vom Dienst aber nicht aufgehoben.

Parallel zu Försters Absetzung  im Sommer 1936 – und damit erweist sich diese als staatlich angeordnete gezielte Aktion – war in Hamburg nun das Sonderkommando Nord des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin (SoKo Nord) für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Homosexuellenpolitik zuständig. ( Vgl. Hamburg auf anderen Wegen S. 43-49). Sie führte von Juli bis September 1936 in der Hansestadt Säuberungsaktionen durch, während derer es u. a. bei den Hamburger Electricitätswerken (HEW)  und im Warenhaus Tietz ( heute: Alsterhaus) zu Massenverhaftungen von Homosexuellen kam ( im „Tietz“ allein sind 40 Männer verhaftet worden) ; außerdem wurden mehrere einschlägige Lokale ( u. a.  in St. Georg das Tusculum in der Baumeisterstraße 17 und die Gemütliche Klause in der St. Georg Straße 8) geschlossen.

„Die Hamburger Presse begleitete die Aktionen des Gestapo-Sonderkommandos mit ausführlicher Berichterstattung. Insgesamt wurden mehrere Hundert Männer festgenommen und zahlreiche im KZ Fuhlsbüttel in Schutzhaft genommen…Die Gestapo verhörte sie so lange, bis sie die Namen von Bekannten oder Freunden angaben, die dann umgehend verhaftet wurden“. Waren die Beamten überzeugt, dass die Verhafteten „abgeschöpft“ oder „ausgepresst“ waren und keine weiteren Sexualpartner nennen konnten, wurde der jeweilige Fall der Staatsanwaltschaft übergeben, die in der Regel Haftbefehl erließ. Erst von diesem Zeitpunkt an besaßen die Inhaftierten die von der Strafprozessordnung festgelegten Rechte eines Untersuchungsgefangenen.

„Nachdem das Berliner Sonderkommando seine Arbeit eingestellt hatte, wurde die Verfolgung bis zum Sommer 1937“ von der ortsansässigen „Hamburger Gestapo mit gleicher Intensität fortgesetzt“. Von da an bis zum Einmarsch britischer Truppen in der Freien und Hansestadt übernahm die Hamburger Kripo – und zwar das 24. Kriminalkommissariat – die Ermittlungen. „Die Hoffnungen…, die Situation werde sich nun…entspannen“, trogen. Die Hamburger Kripo ermittelte nun nach dem „Schema des Berliner Sonderkommandos“. Der Geist Försters war den neuen jungen, ehrgeizigen Kriminalbeamten fremd. (Hamburg auf anderen Wegen S. 49). Die Strafen wurden von Jahr zu Jahr höher, die Überstellungen in Konzentrationslager nahmen zu wie auch die Nötigung zur „freiwilligen Entmannung“, die in Hamburg 120-mal durchgeführt wurde.

Dennoch erlosch das  homosexuelle Leben in der Freien und Hansestadt nicht. Nach wie vor trafen sich gleichgeschlechtlich begehrende Männer in oder an Klappen (Millerntor, Fähre VII, Christuskirche), in Anlagen (Alter Elbpark – „beim Bismarck“ - , Planten un Blomen) oder in Lokalen wie dem  Monte Carlo, dem Minulla (unmittelbar gegenüber der Davidwache) oder in der Theaterklause, deren Wirtin eine zwiespältige Rolle spielte, da sie wohl mit der Polizei zusammengearbeitet hat. Diese und andere einschlägige (oder halb-einschlägige) Lokale wurden überwacht, auch fanden in ihnen Razzien statt. Sie existierten jedoch, bis die meisten von ihnen im Bombenkrieg zerstört wurden.

 

Und als der Krieg zu Ende war, änderte sich für die Homosexuellen der Hansestadt wenig und viel zugleich. Das Bild ist facettenreich. Die nach 1945 auf den neuesten Stand gebrachten Strafakten der NS-Zeit erwecken vielfach den Eindruck, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen.  Sie enthalten Vermerke über die erfolgreiche Beendigung der Bewährungsfrist oder über die Gewährung der „beschränkten Auskunft aus dem Strafregister“ sowie über die Benachrichtigung der Männer, die von diesen Maßnahmen betroffen waren. Juristische und verwaltungsrechtliche Routinearbeit! Und zur Routine gehörte schließlich auch gemäß Generalverfügung vom 13.November 1945, Strafgefangene und Sicherungsverwahrte zu ermitteln, die infolge der Kriegs- und Nachkriegswirren freigekommen waren oder deren Aufenthalt aktenmäßig nicht erfasst war. Hierbei ging es der Oberstaatsanwaltschaft Hamburg vor allem darum, ob diese Männer von den Alliierten in einem rechtsverbindlichen formalen Akt entlassen worden waren oder ob sie „nur“ situationsbedingt hätten entweichen können. In ersterem Fall hatte die Hamburger Justiz kein Zugriffsrecht und musste die Entscheidung der Engländer, Russen oder Amerikaner – wenn auch zähneknirschend –  respektieren. Anderenfalls aber sorgte sie dafür, dass die Reststrafe verbüßt und die Sicherungsverwahrung vollzogen wurde. Die Fahndung nach diesen Männern lief auf vollen Touren und mutet nicht selten makaber an, da oft nach Menschen gefahndet wurde, die längst tot waren.

 

Nach wie vor wurden Männer wegen Verstößen gegen § 175 StGB verhört und verurteilt. Im Strafvollzug wurden homosexuelle Männer – seien sie nach § 175 StGB verurteilt, seien sie aus anderen Gründen als Homosexuelle bekannt geworden – staatlicherseits diskriminiert mit Aufschriften auf den Vollzugsakten wie Achtung § 175 oder Vorsicht homosexuell. Außerdem wurden sie möglichst nicht in Gemeinschaftszellen verlegt. Gegen homosexuelle Handlungen unter Strafgefangenen wurde mit Hausstrafen und Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft vorgegangen. All’ dies aber verhinderte nicht, dass sich in Strafanstalten eine homosexuelle Subkultur entwickeln konnte, da wegen der sexuellen Notsituation vieler Gefangener in einer reinen Männergesellschaft gleichgeschlechtliche Handlungen „keinem Makel“ unterlagen, sondern „Vorteile mannigfacher Art bringen“ konnten, „seien es Freundschaft, Schutz, Geborgenheit oder seien es materielle Vorteile in Form von Geschenken, Geld oder sonstigen Erleichterungen „.

Ähnlich hartnäckig, wie die Hamburger Justiz unmittelbar nach Ende des Krieges nach Verurteilten fahndete, die ihre Strafe noch nicht verbüßt hatten, suchte die Hamburger Gesundheitsbehörde nach Männern, die sich hatten „freiwillig entmannen“ lassen müssen und nicht zu den vorgeschriebenen Nachuntersuchungen erschienen waren. Spürte man sie nach aufwendiger Suche auf, wurden sie nachdrücklich aufgefordert, sich zu der obligatorischen Nachuntersuchung einzufinden, deren Formulare sich nicht geändert hatten: nach wie vor wurde nach den rassischen Merkmalen des Patienten gefragt.

 

So problematisch die Quellensituation für die NS-Zeit auch ist, unerfreulicher ist sie für die Nachkriegszeit, denn für sie fehlen reine 175er Akten. Wie also Hamburger Gerichte in Fällen von Verstößen gegen den § 175 geurteilt haben, muss deshalb aus Sekundärmaterial erschlossen werden, insbesondere aus archivierten Akten von Männern, die aus schwerer wiegenden Gründen verurteilt worden sind, in denen aber einschlägige frühere Bestrafungen erwähnt werden, z. B. in den Auszügen aus dem Strafregister oder in der Urteilsbegründung.

Aufbewahrt worden sind dagegen Akten „schwerer“ Fälle, also bei Verstößen gegen § 175a Ziffer 3 oder bei homosexuellen Handlungen nach § 176 StGB mit bisweilen drastischen Bestrafungen, wodurch der Eindruck entstehen kann, als seien nach dem Krieg Homosexuelle in Hamburg generell wie während der NS-Zeit oder sogar noch schärfer bestraft worden. Dieser Eindruck aber ist für Hamburg falsch (ob das in anderen deutschen Städten anders war, muss dahingestellt bleiben und erfordert weitere Forschungen): In Hamburg fallen Urteile bei Verstößen gegen § 175 StGB weniger hart aus als während der NS-Zeit. Vielfach wurden die Strafen im Urteil zur Bewährung ausgesetzt (während der NS-Zeit geschah dies – wenn überhaupt – erst nach langwierigen sogenannten Gnadenverfahren und betraf dann in der  Regel kaum mehr als  ein oder zwei Wochen).

Eklatant ist in Hamburg die Differenz zwischen den Zahlen der polizeilichen Täterermittlungen auf Grund der §§ 175 und 175a und den Verurteilungen (Freiheits-, Bewährungs-, Geld- und Jugendstrafen, Einstellung der Verfahren sowie Freisprüche) der Jahre 1945 bis 1969: 6667 polizeilichen Täterermittlungen standen 2142 Verurteilungen gegenüber. Für die Zeit zwischen der 1. und der 2. Reform des gegen Homosexuelle gerichteten Strafrechts, also zwischen 1969 und 1973, betragen die Zahlen 892: 148 Personen. Und nach der Senkung der Schutzaltersgrenze auf 18 Jahre (1973) ist das Zahlen-Verhältnis zwischen ermittelten und verurteilten Männern 411: 22. Die letzte polizeiliche Täterermittlung  in Hamburg erfolgte 1994 (10 Personen); die letzte Verurteilung 1976 (8 Personen).

 

Erfreulicher als bei der Justiz ist die Aktenlage im Polizeibereich. Hier liegen Berichte, Statistiken und eine mehrere Bände umfassende Polizeichronik vor. Allerdings fehlen die kriminalpolizeilichen Vernehmungsakten. Aus dem durchgesehenen Material ergibt sich: Die kriminalpolizeiliche Beobachtung und Bespitzelung der Hamburger Homosexuellen ist durch das Kriegsende nicht unterbrochen worden. Lag auch die Stadt in Trümmern, schufen Ausgebombte, Flüchtlinge, Heimkehrer, Heimatvertriebene, Displaced Persons, Hunger und Elend kaum zu bewältigende Probleme, lag für alles und jedes die letzte Entscheidung bei der britischen Militärbehörde: die Hamburger Kripo stellte nach der kriegsbedingten Vernichtung der alten Spezial-Schwulenkartei sofort eine neue zusammen. Schon am 25. August 1945, also ein reichliches Vierteljahr nach der Besetzung Hamburgs durch britische Truppen und der Kapitulation Deutschlands, hielt die Polizeibehörde fest: „Karteimässig sind von der sachbearbeitenden Dienststelle nach Neuaufbau der vernichteten Kartei bisher bereits etwa 4000 Männer erfasst worden. Das Karteimaterial ist grösstenteils aus noch vorhandenen Unterlagen gewonnen worden. Die in der Kartei erfassten Personen sind deshalb in den letzten Monaten nicht unbedingt als Homosexuelle angefallen“. Damit lebte die aus dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und NS-Zeit bekannte Speziallichtbildkartei auch im Nachkriegs- Hamburg weiter und sollte dies noch Jahrzehnte tun, wofür es bis 1981 eine Reihe Belege gibt.

Bei der Beobachtung und Verfolgung homosexueller Männer war  trotz Ende der NS-Herrschaft und britischer Militärregierung keine Pause eingetreten.. Im Hinblick auf die Schwulen hat es in Hamburg zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrepublik Deutschland von Seiten der hanseatischen Polizei keine „liberale“ Periode gegeben. Allerdings war nach dem Krieg die zwischen 1933 und 1945 übliche tage- oder wochenlange Gestapo- bzw. Polizeihaft beschuldigter Homosexueller, bevor gegen sie Untersuchungshaft beantragt wurde, nicht mehr möglich. Festgenommene wurden sofort dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Als  im Dammtorbahnhof-Bereich im Sommer und Herbst 1947 allem Anschein nach Polizisten eines benachbarten Polizeireviers in das „Schwulenticken“ einer Jugendbande involviert waren, ergriff  ohne Zögern die Hamburger Staatsanwaltschaft die Initiative und verlangte unter Umgehung der Kriminalpolizei die sofortige Festnahme der Jugendlichen, deren Inhaftierung und Vernehmung durch einen Untersuchungsrichter.

Der Polizeieinsatz gegen Homosexuelle wurde bis in die 1960er Jahre in monatlichen und vierteljährlichen Berichten der Kriminalpolizei festgehalten. Im Fokus der polizeilichen Beobachtungen standen:

1. Schwule Treffpunkte

  a  Klappen, Anlagen/Parks, Wandelhalle des Hauptbahnhofs

  b  einschlägige Lokale (Besucherzahlen, Veränderungen, Tanz/Tanzverbot)

  c  Spielhallen als Orte, an denen Schwule junge Partner suchen

2. Maßnahmen zum Schutz der Jugend vor Homosexuellen

3. Strichjungen („das Strichjungen-Unwesen“, Verhalten „nach Strichjungenart“)

4. Transvestiten („das Transvestiten-Unwesen“)

5. Verstöße gegen die Paragraphen 175a Ziffer 3 und 176 StGB

6. Schwule als Opfer von Erpressern und gewalttätigen Jugendlichen (Zweiergruppen,  

    Jugendbanden bis zu 10 Personen)

7. Vorgänge, die der Polizei aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen erwähnenswert erschienen. Die einzelnen Bemerkungen der letztgenannten Rubrik sind oft traurig oder schockierend, gehören aber eher unter die Rubrik  „Sensation“ und sind damit kaum repräsentativ für die Situation der Homosexuellen in der Hansestadt – etwa der Selbstmord eines 16jährigen mit E-605, weil er mit seiner Homosexualität und dem Trieb zu onanieren nicht zurechtkam, oder  die Strichjungentätigkeit eines taubstummen Taschendiebes.

Und festgehalten wurden auch Beobachtungen wie die folgende, die das zeitgenössische Klima für die Homosexuellen widerspiegelt: „Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, daß sich die Partner [in den Schwulenlokalen] nur mit Vornamen- wenn überhaupt… mit Namen, anreden“.

ABER: Razzien und Polizeistreifen an Schwulentreffpunkten, denen bisweilen auch höhere Polizeibeamte zum Opfer fielen,waren nicht nur Ausdruck der Überwachung und Erfassung gleichgeschlechtlich begehrender Männer, sondern dienten nicht selten deren Schutz, denn immer wieder erwähnen die Polizeiberichte Überfälle in Anlagen und an bzw. auf Klappen auf Schwule, an denen entweder zwei Jugendliche/Heranwachsende oder Jugendbanden mit bis zu 10 Personen im Alter von 15 bis 20 Jahren beteiligt waren. Und während der 1960er Jahre sind etwa 20 homosexuelle Männer Mordopfer geworden.  

In den Fällen der Jugendbanden und der erwähnten Morde an Homosexuellen hat die Hamburger Ordnungs- und Kriminalpolizei  professionell ohne Ansehen der Person und ohne homophobe Bemerkungen gearbeitet. - Dies gilt aber nicht, wenn für Männer, die während der NS-Zeit wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen verurteilt worden waren, nach dem Krieg die beschränkte Auskunft aus dem Strafregister eingeräumt werden sollte. In solchen Fällen beschloss die Hamburger Generalstaatsanwaltschaft diese Maßnahme entgegen den Wünschen bzw. der Forderung der Polizei.

Und sooft auch homosexuelle Männer von Jugendlichen angegriffen, „abgekocht“, beraubt, erpresst und misshandelt worden waren – die Hamburger Polizeiführung forderte unter Hinweis auf den Schutz der Jugend und unterstützt von der Jugendbehörde stets und ständig schärfere Maßnahmen gegen Homosexuelle, Strichjungen, deren Freier und Transvestiten wie die Aufhebung der Tanzerlaubnis in Homosexuellenlokalen, Arbeitslager für Transvestiten und vor allem die Beibehaltung der §§ 175, 175a Ziffer 4 StGB. Polizeilicherseits wurde scharfe Kritik an der Rechtsprechung Hamburger Gerichte geübt, die man für viel zu mild hielt.

Kulminiert ist die negative Sicht der Hamburger Polizei auf Homosexuelle, Transvestiten und Strichjungen, die in denunziatorischer Weise mit Erpressern gleichgesetzt werden, um ihre Verfolgung zu rechtfertigen, im Hamburger Beitrag für die Internationale Polizeiausstellung in Hannover im Jahre 1966.

Die Scharfmacher in Polizei und Jugendbehörde waren: der Leitende Regierungsdirektor in der Jugendbehörde Dr. Walter Becker (1905-1984), Polizeipräsident Walter Buhl, Polizeipräsident Dr. Jürgen Frenzel (1922-1986), Polizeioberrat Dr. Gunther Freytag (1903-1980), der von der englischen Militärregierung 1945 eingesetzte Leiter der Hamburger Polizei und von 1952 bis 1958 erster Polizeipräsident nach dem 2. Weltkrieg Bruno Georges (1892-1968), der Kriminalhauptkommissar und Leiter der „Sitte“ Erich Klünder (1903-1967) sowie der erste Leiter des Jugendamtes nach dem Krieg Max Zelck (1878-1965).

Während durch die beiden Strafrechtsreformen der Jahre 1969 und 1973 in Hamburg die Homosexuellenverfolgung durch Staatsanwaltschaft und Strafjustiz reduziert wurde und ab Ende der 1970er Jahre fast zum Erliegen gekommen war , übte die Exekutive der Freien und Hansestadt hinhaltenden Widerstand gegen die neue Tendenz der westdeutschen Strafrechtspolitik, das Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle einzuschränken, und bestätigt damit den Eindruck, dass es in Hamburg seit Mitte der 1950er Jahre vor allem die Innenbehörde, die Polizei und das Bezirksamt Mitte sowie die Jugendbehörde waren, die die Homosexuellenverfolgung betrieben und mit immer neuen Vorschlägen und Schikanen (Tanzverbot, Verhinderung von Vereinsgründungen, Indizierungen, Razzien, Toiletten-Hausverbote, Einwegspiegel auf Klappen) gegen die Schwulen die Justiz für ihre Zwecke einspannten - und allzu oft betätigte sich die Hamburger Verwaltungsjustiz als Dienerin und nicht als Kontrolleurin der Bezirksämter, von Polizei, Innen- und Jugendbehörde. Und so ist es wenig erstaunlich, dass Homosexuelle von diesen Institutionen auch nach den Reformen von 1969 und 1973 bespitzelt und in Rosa Listen erfasst wurden:

1. Einwegspiegel, die es bis 1969 nur in den Klappen Gerhart-Hauptmann-Platz/Mönckebergstraße (1964), Spielbudenplatz (1964), Großneumarkt (1965), am Alten Fischmarkt (1966), Mönckebergstraße/Wallring-Tunnel (1966) und Berliner Tor (1968) gab, wurden 1970 in der Klappe Überseebrücke/Fähre 7, 1973 in denjenigen am Stephanplatz/ Dammtor und am Jungfernstieg und 1974 in der Klappe Rathausmarkt installiert.

2. Noch im Herbst 1979 lehnten der Petitionsausschuss der Hamburger  Bürgerschaft und die Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg Bestrebungen zur Beseitigung der Einwegspiegel strikt ab.

3. 1973 fand in der Nacht vom 30. März zum 1. April eine Durchsuchung im Homosexuellenlokal Spundloch (Paulinenstraße) statt.

Politisch verantwortlich für den Einbau der Einwegspiegel waren die Innensenatoren Helmut Schmidt, Heinz Ruhnau und Hans-Ulrich Klose, die den Senaten der Ersten Bürgermeister Herbert Weichmann und Peter Schulz angehörten.

Erst 1980 im Zusammenhang mit den Vorgängen im Umkreis der ersten Hamburger Stonewall-Veranstaltungen (Bespitzelung während der Stonewall-Aktionswoche, Observierung der Demonstration, Zusammenstoß mit der Polizei im Sternschanzenpark, Hamburger Spiegelaffäre) kam es zu einem Umdenken auf der politischen Ebene mit einer Stellungnahme des Ersten Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose, mit der Anordnung des Innensenators Werner Staak vom 3. Juli 1980, die Einwegspiegel sofort zu beseitigen, und mit dem Eingeständnis des Polizeisprechers Peter Kelling, dass es nach wie vor Rosa Listen gebe.

 

Die Einwegspiegel auf Hamburger Toiletten waren mit dem 3. Juli 1980 Geschichte. Doch erteilte der Senat 12 Tage später dem Senator Curilla den Auftrag, „dafür Sorge zu tragen“, dass in der Behörde für Inneres „geprüft und entschieden wird, wie öffentliche Toiletten zur Vermeidung von strafbaren Handlungen – ohne Verwendung von Einwegspiegeln – weitgehend überwacht werden.

 

Mochte die Hamburger Justiz Verstöße gegen § 175 StGB nach 1945 auch milder als während der NS-Zeit bestrafen – die soziale Situation festgenommener oder gar verurteilter Schwuler war nach wie vor schlecht: der Arbeitgeber wurde sofort benachrichtigt, was zumeist zur Entlassung oder Suspendierung vom Dienst führte; Disziplinar- oder Amtszuchtverfahren wurden eingeleitet und bei einer Verurteilung durchgeführt, wenn es sich um Beamte, Berufssoldaten, Studenten, Professoren oder Pastoren handelte. Wurde beispielsweise ein Student im universitären Disziplinarverfahren wegen derselben Handlungen, wegen derer er von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden war, mit der Relegierung von der Universität Hamburg bestraft, so wurde nicht nur der  Relegationsentscheid als solcher im Hauptgebäude der Universität mehrere Wochen lang öffentlich ausgehängt, sondern diese Mitteilung erwähnte darüber hinaus auch die Gründe, weswegen die Gerichts- und nachfolgende Disziplinarstrafe verhängt worden war. Und während im staatlichen Rechtswesen Urteile nach bestimmten zeitlichen Vorgaben gelöscht werden konnten und das Strafregister bzw. das polizeiliche Führungszeugnis damit wieder „sauber“ war, ist dies im Bereich der Hamburger universitären Disziplinargerichtsbarkeit bis 1964 nicht vorgesehen gewesen.

 

Während der zwölfjährigen NS-Zeit sind rund 100.000 Männer polizeilich erfasst und 50.000 nach den §§ 175 und 175 a StGB verurteilt worden – zuzüglich zahlreiche Strafverfahren nach §§ 183 und 185 StGB. 10.000 bis 15.000 der Verurteilten wurden in Konzentrationslager gebracht, wo etwa 55% ums Leben kamen.

Die Zahl der Verurteilten in Westdeutschland während der knapp 24 Jahre nach Kriegsende bis zur ersten Reform 1969 wird in seriösen Studien mit 45.000 bis 64.000, zumeist mit 50.000 angegeben. In der Freien und Hansestadt lag sie bei 2.500 Männern.

Doch verstellen die Verurteiltenzahlen den Blick. Denn nicht nur die nach § 175 Verurteilten waren Opfer, sondern Hunderttausende Homosexuelle haben in Deutschland wegen ihrer Veranlagung Angst gehabt, dass „etwas herauskommen“ könne. Das Damoklesschwert der Diskriminierung und des bürgerlichen Todes schwebte über jedem von ihnen. Hilfe von Autoritäten war nicht zu erwarten – weder in der Familie, noch in der Schule, geschweige denn in Kirche oder Staat.

Und so war nach dem Zweiten Weltkrieg vielfach die Abkapselung der Homosexuellen von den „Normalen“ geblieben. Dies führte einerseits nicht selten zur Ghettoisierung, zum Eintauchen und Verharren in der schwulen Szene einer Großstadt. Doch selbst in dieser Szene erschien die Camouflierung der Identität notwendig. So kannte man in einschlägigen Lokalen und selbst in Schwulengruppen oft nur den mitgeteilten Vor oder Spitznamen. Mitglieder- oder Abonnementskarteien wurden streng gehütet, um rasch vernichtet werden zu können. Andererseits aber waren viele Homosexuelle, vor allem wenn sie außerhalb der Ballungszentren lebten, isoliert. Die Zahl der Selbstmorde unter Schwulen ist nach allem, was wir wissen, hoch gewesen.

Wollte jemand in Wirtschaft, Politik, Kirche, im Schulwesen oder in der Wissenschaft eine gute Anstellung erhalten oder Karriere machen, musste die sexuelle Orientierung verborgen bleiben. Und auch im familiären Umfeld war es nicht opportun, sich als Schwuler zu bekennen (das Wort „outing“ gab es im Deutschen noch nicht). Wie viele Schwule sind Ehen eingegangen und haben Kinder in die Welt gesetzt, um den heteronormativen Schein zu wahren! Die meisten dieser Ehen sind nicht glücklich gewesen, selbst wenn nie bekannt wurde, dass der Ehemann gleichgeschlechtliche Kontakte suchte oder gar hatte. Pervers war nicht, dass sich ein Mann beim Analverkehr mit Tripper oder Syphilis infizierte, sondern dass er sich gezwungen sah zu versuchen, die Symptome vom After auf den Penis zu übertragen, damit der behandelnde Arzt nicht merkte, dass er einen homosexuellen Patienten vor sich hatte, denn der Mediziner hätte seine Kenntnisse ja weiterleiten können!

Das Versteckspielen mit der eigene Identität überdauerte die beiden ersten Strafrechtsreformen 1969 und 1973 und hat erst seit den 1980er Jahren etwas nachgelassen. Aber noch im Jahre 2011 sagte mir ein schwuler Handwerksmeister, der in einem norddeutschen Dorf zu Hause ist: ich kann mir nicht leisten, mich als Schwuler zu outen. Ich habe mehrere Angestellte, bin Mitglied des Kegelklubs und der Freiwilligen Feuerwehr, und bei jedem Dorffest bin ich als einer der Organisatoren dabei. Wenn rauskommt, dass ich schwul bin, bricht das alles zusammen. Das mag richtig oder falsch sein – aber die Angst ist geblieben – nicht zuletzt auch die Angst vor einem generellen Rückschlag, einem Rollback.

1963 erschien im evangelisch orientierten Hamburger Furche-Verlag ein Taschenbuch mit neun Essays zu Aspekten der Homosexualität. Der Titel des Bandes: Der homosexuelle Nächste. Einer dieser Texte trägt die unspektakuläre Überschrift Überlegungen zum Problem der Homosexualität. Seine zentrale Aussage aber war hochpolitisch, denn sie lautet kurz und bündig: „Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende“ – und wenige Seiten später heißt es: „fast alle Gegner des Nationalsozialismus [sind] in der Bundesrepublik rehabilitiert worden. Nur die Homosexuellen bleiben weiterhin unter Ausnahmerecht gestellt“. Urheber dieser prägnanten und immer wieder zitierten Formulierung war der äußerst konservative, preußisch und monarchistisch gesinnte Erlanger Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps (1909-1980).

Wie steht es nun mit seinem Verdikt in Hamburg? Hatte Schoeps in seinem berechtigten Zorn Recht mit seiner plakativen Bemerkung, oder ist er in seiner Polemik zu weit gegangen? Verstellt oder verschleiert sie möglicherweise  sogar den Blick für die tatsächlichen Ursachen der Homosexuellenverfolgung in Deutschland? Und ist nicht der Rekurs auf die NS-Zeit und auf alte NS-Seilschaften als Verursacher der Fortdauer der Verfolgung homosexueller Männer nach dem 2. Weltkrieg eine Schutzbehauptung, die die wirklichen Täter entlasten soll?

 

Die Hamburger Situation nach 1945 ist in manchem mit derjenigen zwischen 1933 und Mai 1945 vergleichbar. Die Haltung vieler Mitarbeiter der Hamburger Polizei, der Kripo, des Bezirksamtes Mitte, des Jugendamtes und der Jugendbehörde zu Homosexualität und Homosexuellen sowie die Wortwahl so manches hanseatischen Juristen unterscheiden sich wenig von der ihrer Kollegen im nationalsozialistischen Hamburg. In vielem aber hatte sich die Situation geändert: die Urteile wegen homosexueller Handlungen fallen weniger hart aus, die Verurteilten konnten sicher sein, nach Verbüßung der Strafe freigelassen zu werden, nicht länger drohten Vorbeugehaft, KZ und „freiwillige“ Entmannung.

Dass auch in Hamburg zahlreiche Polizeibeamte und Juristen den Systemwechsel weitgehend unbeschadet überstanden hatten und nach wie vor im Amt waren, ist wenig erstaunlich, führt aber hier nicht weiter. Denn die Hamburger Staatsanwälte Skok und Buchholz oder der Landgerichtsdirektor Dr. Friedrich Wilhelm Bertram, die während der NS-Zeit Karriere gemacht hatten, setzten sich nach 1945 für Homosexuelle ein und forderten eine Reform oder gar die Aufhebung des „einfachen Tatbestandes“ nach § 175 StGB (einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen). Und sie taten dies zusammen mit dem Emigranten Fritz Valentin und den 1933  entlassenen Juristen Dr. Johannes Meyer und Dr. Kaufmann. Unterstützt wurden sie von den Hamburger Rechtsanwälten Dr. Biederich und Dr. Dieckhoff, die beide der SS angehört hatten, oder dem äußerst konservativen Professor Dr. Schoeps und dem umstrittenen Mediziner Prof. Dr. Bürger-Prinz.

Auf der Seite der Befürworter der Beibehaltung der NS-Fassung des § 175 oder sogar einer Ausdehnung  dieses Paragraphen auf lesbische Frauen standen in Hamburg Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, rassisch und politisch Verfolgte wie Albert Blankenfelde (SPD), Max Brauer (SPD), Friedrich Dettmann (KPD), der erste Nachkriegspolizeipräsident Bruno Georges, Gerhard Wundermacher (CDU) und Max Zelck (SPD).

Dies belegt: es geht weniger um die Fortdauer der NS-Zeit als um das Weiterleben homophober Strukturen in der Gesellschaft. Max Brauer oder Helmut Schmidt wussten, dass Aversionen gegen Homosexuelle von der Mehrheit ihrer Wähler – von Proletariern und Kleinbürgern, von Intellektuellen und Wohlhabenden -  geteilt wurden.

Im Hinblick auf das Verhältnis zu Homosexualität und Homosexuellen taugen das Rechts – Links – Schema oder die politische Farbenlehre nicht. Und so ist die Aufhebung der Sondergesetzgebung nach den §§ 175 und 175a Ziffer 4 und die Emanzipation der Schwulen in Deutschland weniger eine Frage der Bewältigung der NS-Zeit gewesen als die einer Neujustierung der politischen und wissenschaftlichen Eliten und in deren Folge größerer Teile der deutschen Gesellschaft, d. h. die Überwindung homophober Positionen, die das Denken weiter Teile des deutschen Volkes während der Kaiserzeit, der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der Nachkriegszeit bestimmt hatten. Diese Neujustierung gilt es zu bewahren und zu vertiefen, damit das Pendel nicht zurückschlagen kann, denn Vorurteile sind langlebig und jederzeit aktivierbar und in Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren.