Von Anfang  an antinazistisch eingestellt gewesen zu sein , den Antifaschismus gleichsam genetisch in sich verankert zu haben , gehört zu den verbreiteten Überzeugungen der meisten Schweden , Norweger und Dänen . Diese Resistenz gegenüber autoritären und totalitären Vorstellungen ergebe sich aus dem freiheitlichen „Nordischen Denken“ , das als positiver Gegenpol dem „Deutschen“ und „Germanischen“ gegenübergestellt wird (1) .

 

Und lassen sich Gruppierungen in Norwegen , Schweden und Dänemark , die zwischen 1933 und 1945 den Deutschen freundlich gesinnt waren und mit ihnen zusammengearbeitet

hatten , nicht leugnen , so wird deren Mitgliederzahl oder Einfluß heruntergespielt , der Bildungsgrad , die soziale Herkunft und die Moral dieser Menschen in dunklen Farben gemalt. Kollaboration in den besetzten Ländern habe es danach nur gelegentlich gegeben - und wenn , dann im Lumpenproletariat ( bei Prostituierten , Spitzeln , leichtsinnigen jungen

Frauen ) , bei  Außenseitern der „normalempfindenden“ Gesellschaft und - in Dänemark -

generell bei der deutschen Minderheit in Nordschleswig.

 

Daß die Abrechnung mit der Kollaboration in Norwegen und Dänemark nun doch nicht so ganz wenige Personen betraf (2) , tritt im Bewußtsein der Bevölkerung vor der scheinbar „nach-

weislich“ antideutschen Haltung nahezu aller guten Dänen und Norweger zurück , wobei das Tragen nationaler Symbole oder das Lesen antideutscher Flugblätter zu bedeutenden Widerstandsleistungen stilisiert werden .

 

Daß die antifaschistische Schablone die historische Realität nicht deckt , daß das Bild einer weitestgehend antifaschistischen und widerstandleistenden Bevölkerung eher einem Wunschbild als der Wirklichkeit entspricht , daß es in allen drei Staaten äußerst willige Helfer der Deutschen auf allen Ebenen der Gesellschaft gegeben hatte , daß diese Helfer gut informiert waren über das , was vor sich ging in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten , und daß sie nach dem Krieg scheinbar genau so entsetzt über das „unbegreifliche“ Geschehen waren wie die , mit denen sie sich verbündet hatten , ist von skandinavischen Schriftstellern wiederholt thematisiert worden . Wie wenig aber populäre Romane wie „Frydenholm“  von Hans Scherfig  oder „Djævelens penge“  von  Hans Kirk  oder Den hedervärde mördaren von Guillou  in das Bewußtsein der Leser haben dringen können , zeigt deren unangenehmes Berührtsein eine Generation später durch „Enthüllungen“  in Presse (3) oder Wissenschaft , die seit langem Bekanntes als Sensation oder als neue Erkenntnis präsentieren .

 

Die folgenden Ausführungen wollen darlegen , wie skandinavische literarische Texte die Involvierung ihrer Länder in faschistisches und rechtsradikales Denken und Handeln während der dreißiger und vierziger Jahre und die Aufarbeitung - oder Abrechnung -  damit nach dem Zweiten Weltkrieg spiegeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als geradezu klassische und in gewissem Maße beispielhafte Auseinandersetzung mit den Verwicklungen des eigenen Landes in Faschismus und Nationalsozialismus kann der 1962 erschienene Roman Frydenholm  des dänischen Schriftstellers und Malers Hans Scherfig

 (1905-1979) bezeichnet werden .

Interesse verdient dieser Roman auch deshalb , weil er der letzte einer Reihe von Bänden dieses Verfasser ist , die sich kritisch mit der dänischen Gesellschaft der dreißiger und vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts auseinandersetzen : Dem 1938 erschienenen scheinbaren Kriminalroman Den forsvundne fuldmægtig folgt 1940 Den forsømte forår , eine Kriminal- und Schulgeschichte in der Tradition von Franz Werfels 1928 veröffentlichtem Roman Der Abituriententag . Die Geschichte einer Jugendschuld .  Ein Jahr später , im Herbst 1941 , hätte der gesellschaftskritische „Kriminalroman“  Idealister  erscheinen sollen . Nach dem Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der Sovetunion am 22. Juni 1941 war dies aber undenkbar , da am selben Tag Scherfig -  zusammen mit zahlreichen anderen dänischen Kommunisten - verhaftet worden war . Der Versuch , das Buch 1942 zu veröffentlichen , scheiterte am Verbot des dänischen Außenministeriums ; 1944 kam der Roman in schwedischer Übersetzung in Stockholm heraus , nachdem ein Durchschlag des Manuskriptes 1943 nach Schweden hatte gebracht werden können . In dänischer Sprache erschien das  Buch Idealister unmittelbar nach Kriegsende im Jahre 1945 . Von diesen vier Romanen stehen Idealister  und Frydenholm inhaltlich und formal in enger Beziehung zueinander . Im Buch Idealister beschäftigt sich Scherfig kritisch mit der geistigen Situation Dänemarks während der dreißiger Jahre ; die Handlung dieses Romans endet im Winter 1938 , während diejenige von Frydenholm wenige Wochen danach , im Frühjahr 1939 , beginnt und mit dem 5. Mai 1946 schließt (4) . Die Personen beider Romane sind weitgehend identisch , abgesehen von Veränderungen , die sich aus der fortschreitenden Handlung ergeben ; identisch ist auch die Erzählstruktur mit ihrer Schnitt-Technik , zahlreichen episodischen Satiren und dem durchgehaltenen sarkastischen Ton .

Die beiden frühen Romane stehen in einer weniger engen Beziehung sowohl untereinander als auch im Verhöltnis zu den späteren Werken Scherfigs , doch werden in ihnen Personen und Sujets vorgestellt , die in den nachfolgenden Romanen an Bedeutung gewinnen , z. B. der Ort Frydenholm - wenn auch nicht unter diesem Namen (5) - mit einigen seiner Bewohner wie auch die bürgerliche städtische Gesellschaft Kopenhagens im Roman Den forsvundne fuldmægtig . Dieser satirische „Kriminal“roman zielt auf die bürgerliche Ehe , die zeitgenössischen Erziehungsmaximen im gehobenen Bürgertum , auf das Dorf mit seiner Ordnung , auf die bäuerlichen , besitzenden Familien und die Dorfarmut ; er stellt der „dänischen Idylle“ die dänische Wirklichkeit gegenüber (6) , entlarvt als Scheinidylle eine Gesellschaft mit (prae)faschistischen Strukturen . Die Person des Buchdruckers Damaskus aus dem Roman Den forsvundne fuldmægtig (7) wird eine zentrale Figur des Romans Idealister  und spielt auch in Frydenholm eine Rolle ; Sylvia Drusse (8) hat ebenfalls im Roman Idealister ihren Platz ; Jens Jensen , Mitglied des Gemeinderates des unbenannten Dorfes in Sjælland und zuständig für den Sozialbereich (9) , vereinigt Züge zweier besonders negativ gezeichneter Typen der Romane Idealister  und Frydenholm , nämlich von Rasmus Larsen und Niels

Madsen .

Wenn  „den forsvundne fuldmægtig“ , T. Amsted , am Ziel seines Lebens ist - im Gefängnis auf Lebenszeit , in Sicherheit und versorgt (10) - , so spiegelt er in Scherfigs Interpretation allegorisch Dänemark unter deutscher Okkupation (11) im Roman Frydenholm wider.

Der forsømte forår  führt drei Personen ein , die in den Romanen Idealister  und Frydenholm  eine Rolle spielen : den bigotten Pfarrer Nørregaard-Olsen (12) ( Idealister , Frydenholm ) , dessen Freund, den Literaturhistoriker und Möchtegern-Dichter Harald Horn (13) ( Frydenholm ),

sowie den Sexologen und Psychoanalytiker Robert  Riege (14) ( Idealister ) .

Hans Scherfig betrachtet in seinen Romanen die dänische Gesellschaft von einem dezidiert politischen Standpunkt aus . Er ist Kommunist , und dies bestimmt seine  Sicht der politischen und  gesellschaftlichen Gegebenheiten . Danach ist Dänemark als kapitalistischer Staat à priori anfällig für faschistische Strukturen ; eine latent faschistische Einstellung bestimmt das Handeln der Dänen , die nur eines auszeichnet : Opportunismus , Anpassung an die Macht - selbstverständlich abgesehen von den wenigen Kommunisten , die in krisenhafter Situation Opfer ihrer Landsleute werden .

Scherfig  seziert die Denkströmungen seiner Zeit , macht sich über sie lustig , stellt sie satirisch dar bis zur Lächerlichkeit und läßt alleine die (vulgär)marxistische Gesellschaftsanalyse gelten , wie sie im Roman Frydenholm der klassenbewußte Proletarier Jakob Enevoldsen stereotyp äußert (15) . Nur wenige Figuren außerhalb der kommunistischen Gemeinschaft werden positiv oder weitgehend positiv gezeichnet : so etwa der alte grundtvigianische Lehrer Tofte in Frydenholm  oder - im selben Roman - der zu Radikale Venstre gehörende Arzt dr. Damsø oder auch der deutsche Deserteur Günter Sulzberg , der sich , von Tofte beeinflußt , dem dänischen Widerstand anschließt , sowie der Polizist Hansen , der im Roman Idealister  den Mörder Skjern-Svendsens ermittelt, was den arroganten Kopenhagener Spezialisten nicht gelungen war , und in Frydenholm  sich nicht scheut , den nationalsozialistischen Grafen , der unter Alkoholeinfluß Sachbeschädigung begangen hatte , strafrechtlich zu verfolgen (16) , andererseits aber Ermittlungen wegen Widerstandshandlungen im Ort Frydenholm im Sande verlaufen läßt .

Die Personen in Scherfigs Romanen sind zumeist Typen , sich nicht entwickelnde Figuren , deren Handeln und Denken in nahezu allen Situationen vom Leser vorausgeahnt oder vorausgewußt werden kann . Wie erwähnt , sind viele dieser Typen - von den wichtigen nahezu alle - in dem Roman Idealister , dessen Titel durch und durch ironisch zu verstehen ist , eingeführt worden ; sie agieren in Frydenholm  in derselben Weise wie in Idealister , wenn auch den geänderten Zeitbedingungen angepaßt .

 

Im Roman Idealister sieht Scherfig das Dänemark der dreißiger Jahre als Land ohne Schwerpunkt , die dänische Gesellschaft dieser Zeit als eine zerfasernde Gesellschaft ohne ein die meisten Menschen verbindendes Ideal - und dies auf dem Hintergrund des immer stärker werdenden Faschismus in Europa , der im Roman von den meisten Menschen kaum wahrgenommen zu werden scheint , gegen den aber , wie der Folgeroman Frydenholm zeigen wird , die dänische Gesellschaft durchaus nicht immun war - im Gegenteil : der Faschismus hatte auch in diesem Land kräftige Wurzeln und Ableger .

Der Mord an dem erfolgreichen, sparsamen , ja geizigen , steinreichen, persönlich bescheidenen und frommen und über seine Ehe mit einer Gräfin Rosenkop-Frydenskjold Eigentümer des Schlosses Frydenholm gewordenen C. C. Skjern-Svendsen und die Aufklärung dieses Verbrechens sind nicht mehr als der Rahmen für ein Szenarium , in dem der Erzähler die unterschiedlichen Ideen und Gruppierungen , die in der dänischen Gesellschaft vorhanden waren , skizziert .

Dabei springt der Roman Idealister  zwischen zwei topographischen Zentren - dem Dorf mit dem gleichnamigen Schloß Frydenholm in der Nähe der mehrfach erwähnten Kleinstadt Præstø auf Sjælland und der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

Selbstverständlich gibt es Interferenzen zwischen beiden Zentren , doch stellt jedes weitgehend eine eigene Welt dar , in die Personen des jeweils anderen Zentrums zumeist nicht passen , in denen sie fremd sind und Eindringlinge oder Außenseiter bleiben .

Im Dorf dominieren - der Zeit entsprechend - (noch) die Strukturen der Gutsherrschaft und des wohlhabenden Bauerntums sowie der Landeskirche , die sich in Frydenholm zugleich als dänische Missionsgemeinde versteht . Über Kleingewerbe , Ziegeleien (17) und Meiereien sowie den Einfluß der nahe gelegenen Industrie- und Kreisstadt Præstø haben aber auch sozialistische und kommunistische Vorstellungen Eingang im Dorf gefunden .

Abgesehen von einer Hand voll Kommunisten und wenigen anderen Personen , werden die meisten Personen des Dorfes als mehr oder weniger zwielichtige Gestalten geschildert : Dies gilt für den kleinlichen, auf seinen Vorteil bedachten , bigotten , sentimentalen Industriellen und Schloß(Guts)besitzer C. C. Skjern-Svendsen ebenso wie für seine adelige frustrierte Frau ; für den ebenfalls bigotten , dazu korrupten , aber auch volksmissionarisch jovialen und durchsetzungsfähigen Geistlichen Nørregaard-Olsen (18) und für den brutalen , das herrschende sozialdemokratische Regierungssystem - von ihm „das System“ (19) genannt - generell ablehnenden Großbauern Niels Madsen in gleicher Weise wie für den ehemals roten , linksradikalen , nun aber gemäßigten , systemstützenden , auf seinen Vorteil außerordentlich bedachten und korrupten Gewerkschafter Rasmus Larsen (20) .

Das eheliche Zusammenleben zahlreicher Personen (Skjern-Svendsen , Hofgärtner Holm , Großbauer Madsen , Bäcker Andersen) ist zerrüttet .

Als verdorben schildert Scherfig auch die Unterschicht , das Lumpenproletariat , vertreten durch die Diener des Gutsherrn - ehemalige Strafgefangene - oder den aus dem Kleinbürgertum herabgesunkenen Geflügelzüchter Marius Petersen , einen Dameunterwäsche-

fetischisten und deshalb zumeist Bukse-Marius genannt .

Ermordet wird C. C. Skjern-Svendsen im übrigen von einem religiösen Psychopathen , dem Hofgärtner Holm , aus Zuneigung zu Julie Skjern-Svendsen , geb. Gräfin Rosenkop-Frydenskjold, - gewissermaßen in einer Schutzengelfunktion .

Geprägt ist die dörfliche Gesellschaft also durch Bigotterie , Habsucht , Geiz , Gewalt , Korruption , aber auch von nationalistischen Tönen und einem „Blut-und-Boden-Bewußtsein“ .

 

Eine andere Klientel kennzeichnet die Hauptstadt Kopenhagen : Scherfig  stellt dem Leser in einer veritabelen Gesellschafts- und Wissenschaftssatire (21) zahlreiche Sonderlinge und Einzelgänger unterschiedlicher Art , mehr oder weniger ernsthafte und uneigennützige Weltverbesserer und sehr eigennützige Weltbeglücker vor : Kabbalisten und Mystiker , Philanthropen , Sexomanen und sexuelle Aufklärer , politische Extremisten und politische Sonderwegler, Vegetarier kämpferischer Art und Astrologen diverser Provenienz , religiöse Phantasten und scheinbar religiös Erleuchtete . Geschildert wird in dem Roman Idealister  eine nervöse Spannung, eine aufgeregte Atmosphäre zwischen und unter den einzelnen Gruppierungen, Denkrichtungen, den gärenden und unausgegorenen Projekten ; es liegt etwas in der Luft, etwas Nichtgreifbares, Schicksalsschwangeres . Das Bild des Tanzes auf einem Vulkan unmittelbar vor dessen Ausbruch kommt dem Leser in den Sinn - und so hat dies wohl auch Scherfig  gesehen, denn alles, was er zynisch, sarkastisch, ironisch oder humorvoll gestaltet, spielt sich ab vor dem Hintergrund des zunächst aufziehenden und dann immer bedrohlicher werdenden , aber von nur ganz wenigen Dänen (22) wahrgenommenen Faschismus . Kristallisationspunkt der unterschiedlichen Strömungen ist im Roman Idealister  der selbstlose Drucker Damaskus mit seiner kleinen Druckerei ; er ist einer der wenigen zurecht als Idealist bezeichneten Menschen des Romans Idealister .

Aber überwiegend benutzt Scherfig die Begriffe „Idealist“ , „Idee“ , „ideal“  ironisch, sarkastisch oder zynisch, ganz abgesehen von der Bedeutung des Begriffs „Idealist“ in der marxistischen Terminologie als Person, die die Welt nicht richtig zu interpretieren versteht , was - aus Scherfigs Sicht - auch für Damaskus gilt .

Als „Idealisten“  werden im Roman Idealister  somit bezeichnet wenige selbstlose und viele selbstherrliche , viele auf Vermehrung des eigenen Wohlstandes bedachte und wenige hilfsbereite Menschen , deren politisches Bewußtsein mangelhaft ist und die deshalb den Faschismus in Europa und den heraufziehenden Weltkrieg - trotz gelegentlichen Stutzens (23) - nicht wahrnehmen , nicht wahrnehmen können oder wollen .

Der Satz : „Der trækker et tordenvejr op ovre bag ved skoven . Himlen er mørk og mærkelig , mens solen endnu skinner på den lyse kornmark . Og det buldrer og ruller“ (24) ist nicht nur als Naturbild, sondern auch übertragen zu verstehen . Diesen Naturkräften ausgesetzt zu sein , ist die Ansicht des Pastors Nørregaard-Olsen (25) ; dem heraufziehenden politischen Unwetter begegnen zu müssen - und zu können - , dies aber (bewußt) versäumt zu haben , ist Scherfigs Position - und sein Vorwurf an die Gesellschaft .

Interferenzen zwischen Stadt und Land stellen her : Skjern-Svendsen als Industrieller und in seiner „Verkleidung“ als unerwartet auftretender philanthropischer Wohltäter Danielsen ; der alte Henningsen, der aus religiösen Gründen an der Integration ehemaliger Strafgefangener arbeitet und dessen Sohn in Kopenhagen im Gefängnisdienst tätig ist ; Egon Olsen , ein ehemaliger Strafgefangener und für kurze Zeit als Diener bei Skjern-Svendsen tätig , der in Damaskus’ Druckerei arbeitet, diesen bestiehlt und hintergeht , am Ende des Romans angestellt wird , um Skjern-Svendsens Ehefrau Julie, geb. Rosenkop-Frydenskjold, zu bespitzeln ; schließlich die Kopenhagener Kriminalpolizei, die den Mord an Skjern-Svendsen untersucht, wobei die Städter allerdings unprofessionell, dafür aber überheblich arbeiten und vorschnell „Täter“ präsentieren und damit bei der Aufklärung scheitern , während es dem menschlich gezeichneten Dorfpolizisten Hansen gelingt, den Mord aufzuklären .

 

Der Roman Frydenholm schließt zeitlich und inhaltlich unmittelbar an Idealister  an und beschäftigt sich infolgedessen mit der dänischen Gesellschaft während des 2. Weltkriegs.

Das Buch setzt ein mit der Neuregelung der Eigentumsverhältnisse an Schloß Frydenholm nach dem gewaltsamen Tod von C.C.Skjern-Svendsen und dem Einzug des neuen Eigentümers am 90. Jahrestag der dänischen Verfassung (Riges Grundlov) am 5. Juni 1939 (26) . Neuer Schloßherr ist der jüngere Bruder der Ehefrau des Ermordeten mit Namen Preben Flemming Fido Graf Rosenkop-Frydenskjold . Mit seinem Erscheinen wird Schloß Frydenholm zu einem Zentrum der DNSAP, zu deren Führungsgruppe der Graf gehört (27) . Das Schloß wird damit seinem Ruf als Hort von Verbrechen (28) und vor allem Verrat (29) gerecht : Hatte 1658 der damalige adelige Eigentümer die schwedischen Okkupanten freundlich empfangen - der schwedische König übernachtete sogar im Schloß - , so wird der neue Schloßherr 1940 die deutsche Okkupationsgeneralität herzlich willkommen heißen .

Scherfig  versteht die Vorgänge während der schweren dänisch-schwedischen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts (30) , insbesondere die Besetzung Dänemarks durch schwedische Truppen im Jahre 1658 , als Parabel auf die deutsche Besatzungszeit . Während  die schwedischen Offiziere und der schwedische König von den dänischen Standes-

genossen gut aufgenommen werden, kämpft das gemeine Volk als gønge-bander gegen die schwedischen Okkupanten . Doch ist eine Parabel kein Gleichnis , und so läßt sich Scherfigs Rückblick nicht exakt auf die Verhältnisse im 20. Jahrhundert übertragen, denn jetzt sind es nicht nur Adelige, die ähnlich denken und handeln wie die Kollaborateure des 17. Jahrhunderts, sondern beträchtliche Teile der dänischen Bevölkerung . Und die gønge-bander des 20. Jahrhunderts bestehen letztlich - im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gesehen - aus recht wenigen Dänen , allerdings aus nahezu allen Gesellschaftsschichten .

Generell behält Scherfig  die aus dem Roman Idealister geläufige Sicht auf zwei unterschiedliche topographische Zentren - auf das Dorf Frydenholm und auf die Hauptstadt Kopenhagen - bei, doch sind diesmal die Interferenzen größer und dichter : Dorf und Stadt sind - zeitbedingt - enger zusammengerückt , die überregionale Geschichte bricht ein in die Geschichte des Dorfes , Stadt und Land werden einander ähnlicher , spiegeln die natio-

nal- und weltgeschichtlichen Vorgänge gleichermaßen wieder . Die Scheinidylle - gar eine Idylle - „Dorf“ gegenüber dem Moloch Großstadt ist nicht mehr möglich .

Das Handlungs- und Gliederungsschema des Romans entspricht weitgehen dem realen historischen Verlauf der Ereignisse, wobei Fiktion und konkretes historisches Ereignis nebeneinander gestellt oder miteinander verbunden werden . Scherfig  paraphrasiert oder zitiert zeitgenössische, authentische Texte, erwähnt namentlich oder verschlüsselt (aber leicht zu entschlüsselnde) reale, historisch verbürgte Personen in ihrer jeweiligen Haltung und „spinnt“ gleichzeitig die Frydenholm-Handlung seines Romans Idealister fort : Den Monaten vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgen der Beginn des Krieges am 1. September 1939 und die Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen am 9. April 1940 . Anschließend beschäftigt sich der Roman mit der deutschen Besatzung , mit der dänischen Kollaborationspolitik, mit dem Versuch einer Machtübernahme durch die dänischen Nationalsozialisten am 17. 11.

1940 , mit der Verfolgung der dänischen Kommunisten in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Beginn des deutsch-sovetischen Krieges . Die deutsche militärische Niederlage bei Stalingrad macht nicht nur die Wende im Kriegsverlauf deutlich, sondern führt auch zu einer sich ändernden Haltung Dänemarks gegenüber Deutschland und den Deutschen im Land , was zunehmend zu einer Verschärfung der innenpolitischen Situation des okkupierten Staates in den Jahren 1943 und 1944 führt . Am Ende des Romans werden die letzten Kriegsmonate , die Befreiung Dänemarks und der Beginn der juristischen Abrechnung (retsopgøret ) mit dänischen Kollaborateuren und Kriegsverbrechern behandelt . Die Feiern in Frydenholm am 5. Mai 1946 , dem 1. Jahrestag der Befreiung Dänemarks - parallel gesetzt zu den Feiern zum 90. Jahrestag der dänischen Verfassung 1939 im 1. Kapitel (31) - beschließen mit einem sarkastischen und  zynischen , zugleich aber resignierenden Kapitel den Roman (32) .

Scherfigs  Darstellung der dänischen innenpolitischen Ereignisse entspricht in vielem der Gliederung des 1996 erschienenen Katalogs von Frihetsmuseet  in Kopenhagen (33) .

Das chronologische Erzählen schließt aber weder Vorausblicke noch Rückblicke aus . So verweisen der zweite und vierte Absatz der ersten Seite des Romans auf dessen oben erwähntes höchst satirisches Schlußkapitel mit seiner Aussage, daß in Dänemark alles beim Alten geblieben , ein Lernprozeß ausgeblieben sei . So gibt der Roman in den ersten Kapiteln einen Rückblick auf C.C.Skjern-Svendsens Leben und Tod, auf die nicht mehr verwirklichten Pläne dieses Mannes, auf die Geschichte des Schlosses Frydenholm (34) . So werden im Roman Frydenholm  - wie in Idealister - in nicht selten rondohafter und ermüdender Wiederkehr längst mitgeteilte und damit bekannte und mehrfach wiederholte Ereignisse, Gegebenheiten, Positionen, Eigenheiten und Besonderheiten einer Person erneut erwähnt ,

z. B. daß Rasmus Larsen ursprünglich „roter Rasmus“ genannt worden sei und als linksradikal gegolten habe , daß er sich nun aber systemkonform verhalte , daß „Bukse-Marius“ ständig Süßigkeiten nasche und Damenunterwäschefetischist sei , daß Pastor Nørregaard-Olsen sich besonders geschäftstüchtig verhalte und Graf Preben wie auch Niels Madsen von der Teuerung im Kriege profitierten etc. , etc.

Der Erzählstil des Romans Frydenholm ist - wie in Idealister -satirisch ; Ironie, Sarkasmus und Zynismus vermischen sich , gezeichnet werden Typen statt Charaktere ; ideologische Stereotypen dringen überall durch .

Die schon aus dem Roman Idealister bekannten Einwohner Frydenholms werden beleuchtet in ihrer Haltung zu den Ereignissen der Zeit , zum neuen Schloßherrn , zum Krieg , zu den Deutschen , zu den Verfolgten .

Die Spannbreite der Menschen reicht hierbei von Kommunisten wie Martin und Margrete

Olsen , Jakob Enevoldsen oder Oscar Poulsen bis zu dem führenden dänischen Nationalsozialisten Preben Graf Rosenkop-Frydenskjold und seinem Anhang im Schloß (Verwalter , Diener Lukas) und seinen Mitstreitern im Dorf (Niels Madsen, Bukse-Marius) .

Während außer den Kommunisten sich der Grundtvigianer Tofte , der Arzt dr. Damsø und die alte Häuslerin Emma nicht kompromittieren und gegen den verbreiteten Zeitgeist, gegen Faschismus oder Nationalsozialismus  Position  beziehen, unterstützen alle anderen namentlich genannten Dorfbewohner die dänische Kollaborationspolitik gegenüber den Deutschen zumindest bis Anfang 1943 . Dies gilt - abgesehen von den bekennenden Nationalsozialisten - für den Pfarrer Nørregaard-Olsen und seinen Freund, den Kopenhagener Literaturhistoriker Harald Horn, ebenso wie für Bäcker Andersen , den neuen Lehrer Agerlund und vor allem für den Sozialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionär Rasmus Larsen , dem die besondere Abneigung des Erzählers und wohl auch des Autors gilt .

Die hauptstädtische Szene dagegen ist im Vergleich zum Roman Idealister personell weitgehend neu besetzt . Damaskus und seine Kunden treten in den Hintergrund, werden zu Opfern der Ausspähung durch Egon Olsen, der - wie im Roman Idealister - auch in Frydenholm  sowohl der Stadt als auch dem Dorf zuzurechnen ist und somit weiterhin eine Verbindung zwischen diesen Welten darstellt .

Im wesentlichen aber sind es Regierungsmitglieder, Beamte aus Justiz, Verwaltung und Polizeiwesen, Journalisten, Spitzel sowie deutsche Offiziere und Beamte, die für Kopenhagen stehen , abgesehen von den inhaftierten Kommunisten, die allerdings bald außerhalb Kopenhagens in einem Lager (Horserødlejre) interniert werden, das damit zu einem dritten topographischen Zentrum des Romans Frydenholm wird. Die Verbindung zwischen dem Lager und der Hauptstadt sowie zum Ort Frydenholm stellen die Frauen der Gefangenen her , die ihre Männer besuchen .

 

Die erste Kapitel des Romans Frydenholm  lassen deutlich werden, wie sich die Situation in Europa und für Dänemark zunehmend zuspitzt .

Anfang 1939 scheint Dänemark noch eine Idylle zu sein - freilich nur für die, die genügend Mittel haben, um Kälte, Teuerung und Arbeitslosigkeit zu meistern . Lediglich deutsche Rundfunksendungen und Berichte aus Deutschland lassen aufhorchen - positiv die einen, die die sozialdemokratische Politik in Dänemark ablehnen und voller Verachtung vom „System“ sprechen und damit eine Kampfvokabel des deutschen Nationalsozialismus gegen die Weimarer Republik verwenden (35) , die anderen mit mehr oder weniger großen Bedenken und ungutem Gefühl (36) .

Der Kriegsbeginn am 1. September 1939 läßt viele Dänen , auf deutsche Zusagen auf Grund des deutsch-dänischen Nichtangriffspaktes vertrauend (37) , sich noch in Sicherheit wiegen , so daß die deutsche Besetzung Dänemarks am 9.4.1940 für sie überraschend kommt . Scherfig  schildert sarkastisch (38) die Vorgänge dieses Tages, das Überraschungs- und das Verwunderungselement und läßt Romanfiguren (39) die Überzeugung äußern, daß einflußreiche dänische Personen und Institutionen allem Anschein nach von der bevorstehenden Okkupation Kenntnis gehabt hatten (40) .

Dänemark - die Regierung, die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Eliten, die nichtkommunistische Presse (41) und der dänische Rundfunk (42), Wissenschaft und Kultur (43), weite Teile der Bevölkerung - arrangieren sich mit der Besatzungsmacht, die zunächst mehr oder weniger verbindlich (44), direkt (45) oder auch indirekt mit Hilfe ihr verpflichteter dänischer Staatsbürger (46) und Institutionen (47) Einfluß ausübt .

Dieses Sich-Arrangieren - oder, anders gesagt : diese Kollaboration - mit der Besatzungsmacht führte politisch zu einer parteiübergreifenden Sammlungsregierung , in Verwaltung und Wirtschaft zu äußerst enger, oft kollegialer Zusammenarbeit mit den Deutschen (48) .

Begleitet wird diese Entwicklung von einem durch die Presse (49) gesteuerten Identifikations-

akt weiter Teile der Bevölkerung mit dem Königshaus und dem zuvor gar nicht unumstrittenen König (50) , der nun zu einem stabilisierenden Faktor der von der Regierung angestrebten Zusammenarbeit mit Deutschland stilisiert wird .

Allerdings gab es auch Menschen aus allen politischen Lagern, die diese Konsens- und Kollaborationspolitik ablehnen, die sich an England orientieren und Informationen über englische und schwedische Medien zu erhalten suchen(S. 90) und denen die Haltung der norwegischen Regierung, des norwegischen Königs und des norwegischen Militärs zu Beginn der Besetzung dieses Landes durch deutsche Truppen als Vorbild dient .

 

Hat Scherfigs  kommunistische Überzeugung in den beiden Romanen Den forsvundne fuld-

mægtig und  Det forsømte forår  nicht allzu viel Gewicht, und wird sie im Roman Idealister vor allem im Unterstreichen der Notwendigkeit des Klassenkampfes (51), in der Verurteilung des Formalismus (52) und - ganz besonders - in der Ablehnung trockistischer Vorstellungen und Gruppierungen (53) zum Ausdruck gebracht, ist sie das Movens des Romans Frydenholm .

Letztlich spiegelt Scherfig auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges - ex posteriori - die dänische Geschichte während der deutschen Okkupation in der Geschichte der dänischen Kommunisten während dieser Jahre , und das heißt auch : in seiner eigenen Geschichte und seinem eigenen Schicksal . Dies steigert Brillanz, Authentizität und Radikalität der Aussage, verengt aber auch den Blick auf die Ereignisse, da alle Vorgänge ausschließlich sub specie eines kommunistischen Märtyrertums während der deutschen Okkupation gesehen werden . Von dieser Basis aus ist Dänemark ein Vasall , ein „Gefolgsland“ des Deutschen Reiches . Scherfig  stellt das Verhalten der meisten mit Namen versehenen Personen seines Romans außerhalb des kommunistischen Milieus als Kollaboration dar, schlimmer noch : als überaus freiwillige Kollaboration, die weit über das hinausging, was die deutschen Okkupanten verlangt hatten . Daraus ergibt sich logischerweise, daß die Dänen den Deutschen nicht unähnlich gewesen seien, doch schreckt der Verfasser vor dieser Konsequenz zurück, weswegen er bisweilen betont, daß das Volk  oder die Leute  oder die Dänen - also eine  anonyme Masse - die Deutschen abgelehnt hätten - ein wenig redliches, marxistisch  aber korrektes Verfahren .

Ärgerlich ist an Scherfigs Schilderung des Schicksals der dänischen kommunistischen Märtyrer in den  dänischen Gefängnissen und im Internierungslager Horserød, daß der Verfasser Anfang der sechziger Jahre Verhältnisse und Zustände im Dänemark der vierziger Jahre - berechtigt - anklagt, die er in ungleich schlimmerer Form für die politischen Gefangenen in den kommunistischen Staaten Europas und in der Sovetunion nicht nur kritiklos akzeptiert, sondern auch gutgeheißen hat .

 

Zu Beginn der Handlung des Romans Frydenholm , im August 1939 , saßen die dänischen Kommunisten zwischen allen Stühlen ; sie hatten sich von der  dänischen Gesellschaft völlig isoliert : Waren sie schon bis dahin eine radikale Außenseitergruppierung im Rahmen des breit gefächerten dänischen Parteienspektrums gewesen und  waren sie sowohl von den bürgerlichen Parteien als auch von der regierenden Sozialdemokratie strikt abgelehnt worden, so hatten sie sich im Sommer 1939 vollends vom größten Teil der politisch interessierten Dänen dadurch isoliert, daß sie den deutsch-sovetischen Nichtangriffspakt uneingeschränkt befürwortet und die stalinistische Position übernommen hatten, wonach der Krieg zwischen Deutschland und den westlichen Staaten Frankreich und Großbritannien eine gesetzmäßige Auseinandersetzung zwischen kapitalistischen Staaten sei, in der man nicht Partei ergreifen werde (54) .

Die Entfremdung zwischen dänischen Kommunisten und dänischer Bevölkerung wurde noch verstärkt durch die Haltung der Kommunistischen Partei Dänemarks zum und im Sovetisch-Finnischen Krieg, der am 30. 11. 1939 mit dem sovetischen Angriff auf Finnland begonnen

hatte . Diesen Krieg interpretierten die dänischen Kommunisten als Konflikt zwischen den finnischen Kapitalisten und dem finnischen Proletariat, das internationalistisch und brüderlich von der Sovetunion unterstützt werde (55) , während weite Teile der dänischen (und schwedischen) Bevölkerung sich mit Finnland solidarisierten, materielle Hilfe leisteten oder als Soldaten nach Finnland gingen (56) . Diese Solidarität mit Finnland wird im Roman breit ausgeführt, ironisiert und lächerlich gemacht : „ Sykredsen strikkede i denne vinter sokker og halstørklæder, som skulle sendes til Finland til Mannerheims soldater“ (57) ; mit diesem Satz assoziiert Scherfig  das deutsche Winterhilfswerk und rückt somit das Verhalten der Dänen, die Finnland unterstützen, in die Nähe der deutschen Nationalsozialisten .

Die Verächtlichmachung der dänischen Unterstützung für Finnland und des Kampfes der Finnen wird überdies durch eine Religionssatire deutlich (58) : „Der havde for nylig vist sig en engel for finnerne ved Ladoga-søen, den var blevet meget omtalt i aviserne og havde efter sigende været soldaterne til stor opmuntring, og pastor Nørregaard-Olsen havde nævnt den i sin søndagsprædiken . Englen fra Ladoga, der var overskrift i kirkebladet“ .

Auf Grund des Deutsch-Sovetischen Nichtangriffspaktes (Hitler-Stalin- bzw. Ribbentrop-Molotov-Paktes) können die dänischen Kommunisten nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen zunächst weitgehend ungehindert arbeiten, doch trauen sie diesem scheinbaren Frieden nicht und bereiten sich deshalb auf die illegale Arbeit vor - eine Maßnahme, deren Notwendigkeit der Sommer 1941 zeigt, denn mit dem Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der Sovetunion am 22. Juni 1941 sollten sich die Verhältnisse für die dänischen Kommunisten schlagartig ändern.

Schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hatten dänische Instanzen kommunistische Aktivitäten ausgeforscht und mehr oder weniger korrekte Karteien kommunistischer Funktionsträger erstellt . Diese Ausforschungen waren nach der deutschen Besetzung des Landes verstärkt worden - und zwar ohne Wissen oder gar Verlangen der Deutschen .

Nur zum Teil auf deutschen Wunsch hin werden auf Grund der erwähnten Karteien am 22. Juni 1941 die dänischen kommunistischen Funktionäre - inklusive Parlamentsmitglieder - , soweit man ihrer habhaft werden konnte , von der dänischen Polizei verhaftet und in Gefängnisse eingeliefert . Eine Rechtsgrundlage für diese Maßnahme gab es nicht , sie wird sowohl vom Parlament als auch vom Obersten Gericht des Landes „nachgeliefert“ . Mitleid für die dänischen Kommunisten gab es kaum : Keine dänische Institution setzte sich für sie ein (59) . Ihre Situation wird von offizieller Seite als Internierung zum eigenen Schutz interpretiert (60) , anderenfalls sie die Deutschen verhaftet hätten . Ein deutsches Verlangen aber nach einer breiten Verhaftungswelle von Kommunisten hatte es zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben .

Grundlage für das deutsche Vorgehen gegen die dänischen Kommunisten zwei Jahre später - 1943 - sind dann dieselben Listen, nach denen schon 1941 die dänischen Instanzen verhaftet und die sie nun den Deutschen bereitwillig und aus eigenem Antrieb zur Verfügung gestellt hatten (61) .

Die historischen Vorgänge werden im Roman breit behandelt ; in der fiktiven Romanhandlung finden sie ihren Niederschlag in der Verhaftung von Martin Olsen und in dem Untertauchen von Oscar Poulsen . Ihr und anderer kommunistischer Romanfiguren Schicksal steht von diesem Zeitpunkt an im Zentrum des Romans Frydenholm ; alles andere wird weitestgehend gespiegelt in dem, was den dänischen Kommunisten widerfährt . Sie - die kommunistischen Gefangenen, deren Frauen und Kinder - bilden eine eigene, festgefügte, konspirativ arbeitende Gruppe, isoliert in einer Gesellschaft, die in der Verhaftung und Internierung der Kommunisten weder einen Rechtsbruch noch ein staatlich sanktioniertes Verbrechen sieht und vielfach das Vorgehen gegen die Kommunisten begrüßt (nicht zuletzt wegen deren Haltung im Finnisch-Sovetischen Krieg) oder ihnen gleichgültig gegenübersteht . So werden Angehörige der Kommunisten auf dem Weg zum Internierungslager von Mitreisenden beschimpft, wenn sich gelegentlich auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zeigt (62) .

Die dänische Justiz und die dänische Polizei als Gegenspieler der dänischen Kommunisten werden im Roman als durch und durch deutschfreundlich geschildert ; nahezu alle Institutionen dieser Behörden (63) und fast alle mit Namen versehenen Personen der Romanhandlung dieses Bereiches (64) kollaborieren nicht nur mit den Deutschen, sondern kompromittieren sich überdies ; Ausnahmen sind außerordentlich selten : Ohne allzu großen deutschen Druck wird gegen die dänischen Kommunisten, gegen dänische Spanienkämpfer und gegen deutsche Emigranten, die in Dänemark Schutz gesucht hatten, vorgegangen (65) ; alles wird juristisch sanktioniert (66) ; die Zusammenarbeit mit den Deutschen ist kollegial und freundschaftlich , man arbeitet Hand in Hand (67) - und dies ohne Folgen für die Kollaborateure nach dem Krieg, weil manche von ihnen auf Grund der Deportation dänischer Polizisten nach Deutschland  von Tätern zu Opfern werden, womit sich die Prophezeiung des kommunistischen Internierten Mads Ram ( i. e. Carl Madsen ) erfüllt , wonach die dänischen Instanzen später , „når krigen er forbi , vil . . . give tyskerne skylden“  samt seiner Vermutung , „måske får vi et monument engang“ (68) .

Die Kollaboration des dänischen Justiz- und Polizeiwesens mit den Deutschen ist nur möglich gewesen auf Grund der Politik der dänischen Regierung, die darauf ausgerichtet war, mit den deutschen Instanzen friktionsfrei zusammenzuarbeiten . Die Bildung der Sammlungsregierung signalisierte das Einschwenken nahezu aller dänischen Parteien auf diese Politik, die überdies eine Stütze in der dänischen Wirtschaft fand ; denn zahlreichedänische Firmen florierten auf Grund deutscher Großaufträge.

Propagiert und nachhaltig gefördert wurde von der dänischen Regierung auch der Arbeitseinsatz dänischer Arbeitsloser im Deutschen Reich, wofür Dänemark u.a. dringend benötigte Kohle erhielt .

Die Kollaborationspolitik ganz oben , an der Spitze des Staates, durch Regierung, Wirtschaft, Justiz und Presse mündet in deutlicher Konsequenz in die Aufstellung einer dänischen militärischen Einheit, die auf seiten der deutschen Wehrmacht kämpft , das Frikorps Danmark (69) . Werbungen für dieses Korps werden nicht nur erlaubt, sondern sind ausdrücklich erwünscht (70) .

Dieses dänische Korps unterschied sich in seinem Verhalten nicht von dem der deutschen Truppen . Das Erstaunen der dänischen Öffentlichkeit des Jahres 1997 über Kriegsverbrechen der dänischen militärischen Abteilungen (71) kann der Leser des Romans Frydenholm  aus dem Jahr 1962 nicht nachvollziehen .

 

Selbstverständlich waren nicht alle Dänen mit der Kollaborationspolitik der Regierung einverstanden .Widerstand kam von allen politischen Seiten - von derjenigen der Konservativen unter dem auf deutsche Weisung abgesetzten Handelsminister Christmas Møller schon bedeutend früher (72) als von der kommunistischen Seite , weil sich die dänischen Kommunisten auf Grund ihrer Haltung zum Hitler-Stalin-Pakt zurückhielten oder zurückhalten mußten - was Scherfig  hätte wissen müssen, aber verschweigt - , wenn auch im fiktiven Teil des Romans kommunistischerseits eine gewisse Verwunderung darüber deutlich wird. daß die dänische Kommunistische Partei - anders als die kommunistischen Parteien der anderen besetzten Länder - von den Deutschen geschont werde . Als Ursache hierfür sieht man taktische Gründe (73) , und deshalb wird aus der Partei heraus vorgeschlagen , die Zeit der Legalität zu nutzen, um sich für Untergrundkampf und Widerstand im Rahmen einer Volksfront vorzubereiten (74) .

Von wirklichem , in Grenzen wirksamem Widerstand zu sprechen, ist allerdings erst von dem Augenblick an möglich, als seit 1942 ein deutscher Sieg im 2. Weltkrieg immer unwahrschein-

licher wird ; Symbolkraft hierbei hat die deutsche Niederlage bei Stalingrad (75) . In den ersten zwei, drei Jahren der Okkupation gab  es am ehesten symbolischen Widerstand, wobei es sich zumeist um das übliche Arsenal von Stereotypen handelt, wie man  sich gegen Eindringliche, Okkupanten, Besatzungsmächte verhält (76) - zumeist ohne nennenswerte Folgen . Später kommen die Entlarvung von Spitzeln hinzu (77) sowie die Herstellung illegaler Zeitungen in Heimarbeit : der Roman erwähnt vor allem solche kommunistischer Herkunft (so ging aus der illegalen Zeitung „Land og Folk“ die spätere Zeitung der DKP gleichen Namens hervor) . 1943 , vor allem aber 1944 gewinnt der Widerstand an Schubkraft bei steigender Gefährdung der Menschen, die in der Illegalität lebten und arbeiteten . Zu nennen sind nun : Sabotageakte (79) , „Hinrichtungen“ (Tötungen) von Spitzeln (80), Streiks (81) , Herstellung von Waffen (82) , Protestaktionen (83) . Am Ende stehen bisweilen kriegsmäßige Auseinandersetzungen zwischen Widerstandsgruppen und dänischen Nationalsozialisten : „Sabotageaktionerne foregår ved højlys dag . Der udkæmpes slag mellem sabotører og tyskere . Sabotørerne er somme tider bevæbnet . . . De benytter biler og rutebiler og flyttevogne . De er en hær i landet . De adlyder en regering : Danmarks Frihedsråd“ (84) .

Nach „Stalingrad“ leisten auch Personen Widerstand, die bisher Täter waren , z.B. am 29.8.1944 - bei der Räumung des Internierungslagers Horserødlejre durch die Deutschen - diejenigen dänischen Kriminal- und Polizeibeamten , die zuvor die Kommunisten aufgespürt und festgenommen hatten (85) .

Widerstand während der Okkupation heißt aber nicht nur Widerstand gegen die Okkupationsmacht , sondern in nicht geringem Maße auch gegen deren dänische Helfershelfer (86) , z.B. gegen Spitzel (87) , zumal  solche, die speziell zur Aufdeckung von Widerstandhandlungen eingesetzt worden waren (88) , „Kriegsgewinnler“ (89) , Mörder im Rahmen der Clearing-Morde (90) , dänische Fahnder (91), dänische Nationalsozialisten , die militärische Aktionen in Dänemark durchführen (z.B. die Schalburg-Leute (92) ), und darüber hinaus gegen die Durchsetzung neuerer dänischer „Rechtsbestimmungen“ (92) .

Summa summarum jedoch spielt der dänische Widerstand im Roman Frydenholm  - wie letzten Endes in der historischen Realität - eine eher untergeordnete Rolle . Der Verfasser beschränkt sich auf die ausführliche Schilderung der Rettung dänischer Juden durch breite Kreise der dänischen Bevölkerung (94) , auf die satirische Darstellung des Marsches dänischer Nationalsozialisten durch Kopenhagen am 17.November 1940 und die ablehnende Reaktion der Kopenhagener Bevölkerung auf diese Provokation, auf die Erwähnung von Herstellung und Vertrieb illegaler Schriften - insbesondere durch Kommunisten - sowie auf die Produktion von Waffen .

Lustig aber macht er sich über den nicht mit dem Freiheitsrat (Frihedsråd) abgesprochenen „Widerstand in letzter Minute“ , der sich durch unsinnige - wenn auch nicht ungefährliche - Aktionen wie die Vernichtung von Einwohnermeldekarteien (95) „auszeichnet“ , oder über einen lediglich behaupteten Widerstand (96) . „Bridge-parti“ heißt eine solche Widerstandsgruppe in Frydenholm , sich aus Personen zusammensetzend , die bis dahin eher Kollaborateure waren wie der Lehrer Agerlund und der Bäcker Andersen (97) . Und Rasmus Larsen hält für Widerstand , von der Gruppe „Bridge-parti“ gewußt zu haben (98) .

Den vielleicht wirksamsten Widerstand im Roman Frydenholm leistet Lehrer Tofte , die integerste Romanfigur , die entgegen dem, was mancher dänische Widerstandskämpfer für richtig hält, und deswegen Empörung erntend, einem jungen deutschen Soldaten, der sich verirrt hatte, freundlich begegnet, ihn einlädt und bewirtet, mit ihm spricht und ihm schließlich den richtigen Weg zeigt : und dies vor allem auch in übertragenem Sinne, denn dieser Soldat findet den Weg in den dänischen Widerstand und arbeitet dort aktiv für die Befreiung des besetzten Landes .

Das Kriegsende wird im Roman Frydenholm auf wenigen Seiten zwiespältig abgehandelt : Die Rückkehr von dänischen und norwegischen Deportierten in den schwedischen Weißen Bussen (99) , die Trauer über Menschen, die in den deutschen Lagern umgekommen waren (100) , die Freude über das Ende des Krieges (101) und das Wirken des Freiheitsheeres (frihedshær ) (102) stehen auf der einen Seite ; auf der anderen sind zu nennen die durch dänische Instanzen verschuldete schlechte Ausrüstung dieses Heeres (103) , die rauschenden Feste der vermögenden Menschen in den Kopenhagener Villenvororten , denen es an nichts fehlt (104) , die geringe Unterstützung der „besseren Kreise“ für die Freiheitskämpfer (frihedskæmpere) , ja die Kritik an ihnen, die in einer Zeitung als Freizeitkämpfer (fritidskæmpere) verhöhnt werden (105) , der Opportunismus der Presse, die durch Anpassung an die neuen Verhältnisse ihre Kollaboration mit den Deutschen vergessen machen will (106) , die Geschäfts-Annoncen in dieser Presse von Firmen, die während der Okkupation ausgezeichnete Geschäfte mit den Deutschen gemacht hatten (107) , die gleichzeitig - in derselben Zeitung - erhobene Forderung nach Abrechnung mit Kollaborateuren, geäußert von demselben Chefredakteur, der bislang die Sache der Deutschen vertreten hatte, die Empörung von Mittelstand und Presse über Verhaftungen von Unternehmern als Kriegsgewinnlern (værnemagere) .

Für den Erzähler - wie für den Verfasser - spiegelt dies alles Klassenkampf wider . Die Nutznießer der Okkupation sind Nutznießer der neuen Entwicklung, der neuen politischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse (108) ; nichts hat sich an der dänischen Klassenstruktur geändert .

Die scheinbar positiv zu verstehende Passage „ . . . man festede og glædede sig med rette . For landets befrielse var ikke noget klassebestemt . Det var noget som kom alle ved . Hvert enkelt menneske . Der var ingen , som ikke havde venner og slægtninge i koncentrationslejre eller fængsler . Der var ingen, som ikke havde savnet en ven i Sverige eller Frøslev eller Vestre Fængsel . Det var hele folkets fest og hver enkelts fest“  endet in einem Satz , der für die „besseren Kreise“ , für die Villengegenden die Beteiligung an Widerstand und Teilhabe an Verfolgung und Märtyrertum sehr relativiert : „Også på villavejene havde man været i modstandsbevægelsen på den ene eller den anden måde“ (109) . Vier Verse über diese Zeit nach Krieg und Okkupation geben die Stimmung des Textes wieder :

                   „ En skummel fred går op med denne dag !

                    Af sorg vil Solen selv sit ansigt dølge . -

                    Kom , lad os drøfte nøje denne sag ;

                    derpå skal nåden eller straffen følge - -“ (110) .

 

Der Abzug der deutschen Truppen wird nur in zwei insgesamt fünfzehn Zeilen umfassenden Absätzen erwähnt (111) . Die Okkupanten verlassen - besiegt - das Land zu Fuß , am Ende noch gedemütigt dadurch, daß ihnen ihre Habe an der Grenze weggenommen wird . Zwei Passagen dieser Absätze aber zeigen, daß der Roman eine halbe Generation nach Kriegsende geschrieben worden worden ist : die Unterstellung, daß SS-Leute im besiegten Deutschland (genannt wird expressis verbis Westdeutschland) als Polizeipräsidenten Verwendung fänden (112) , und die Bemerkung zu Drohungen abziehender Soldaten, einmal wiederzukommen : „De ville aldrig komme igen ! Der ville aldrig mere komme tyske soldater til Danmark !“ (113) - zwei Sätze , die wie eine Beschwörung klingen ; denn dies waren Wünsche , die durch die gemeinsame Mitgliedschaft Dänemarks und der Bundesrepublik Deutschland in der NATO obsolet zu werden drohten .

 

Ein besonderes Problem stellt die Abrechnung mit Kollaboration und Kriegsverbrechen nach der Befreiung Dänemarks dar . Scherfig  vermag diese Phase der dänischen Geschichte im 87. Kapitel des Romans Frydenholm nur zynisch zu schildern, nachdem im Roman während der Okkupation von Kommunisten - gegenüber zweifelnden  Genossen - Hoffnung auf die Bestrafung derjenigen Dänen gesetzt wurde, die gegen die Verfassung verstoßen hatten

(114) . Außer dem Geflügelzüchter Petersen und dem ehemaligen mißhandelten Fürsorgezögling und zum Kriegsverbrecher in der Sovetunion sowie zum Mörder in Dänemark gewordenen Harry Mosegaard wird aus dem Kreis der Kollaborateure in Frydenholm niemand zur Verantwortung  gezogen ; dies gilt weitgehend auch für den führende Nationalsozialisten Graf Preben, der letztlich zu einer eher symbolischen Strafe verurteilt wird .

Wie im kleinen, so verhält es sich im großen : Zwar werden auch in den Villengebieten - wie im ganzen Lande - Verhaftungen vorgenommen , doch wird - auch mit Hilfe des assoziativen Erzählstils  - deutlich, daß die Verantwortlichen, die Kriegsgewinnler, die ideologischen Vordenker und Wegbereiter kaum oder gar nicht bestraft  werden (115) .

Richter gegen Kollaborateure sind Kollaborateure - dieselben, die zuvor die Kommunisten hatten verhaften, rüde behandeln und internieren lassen (116) ; für sie benutzt der Verfasser den Lieblingsbegriff der dänischen Minderheit in Deutschland :  en god dansk mand  - mit sarkastisch-zynischer Konnotation (117) . Und Kollaborateure sind es auch in Frydenholm, die ein Denkmal für einen kommunistischen Widerstandskämpfer der Gemeinde enthüllen - mit pathetischen, tönenden und tönernen Reden , deren Verlogenheit sich zeigt, als der Geehrte, der die deutschen Lager wider Erwarten überlebt hatte, bei dem „Staatsakt“ erscheint (118) .

 

Hans Scherfigs  (119) Roman Frydenholm formuliert eine Gegenposition zu dem in Dänemark verbreiteten Bild der Geschichte des Landes unter deutscher Besatzung . In vielem vertritt er ähnliche Vorstellungen wie Claus Bryld  in seiner umfangreichen Studie Besættelsestiden som kollektiv erindring , die in Dänemark umstritten ist, weil sie sich kritisch mit der Mythologisie-

rung und Instrumentalisierung der Geschichte der Besatzungszeit und des Widerstandes in der dänischen Gesellschaft beschäftigt (120) . Scherfig  verweist in seinem Roman wiederholt auf die andere, die ehrenvollere Entwicklung in Norwegen im Frühjahr und Sommer 1940 .

Das Gefühl, Norwegen habe sich 1940 richtiger entschieden, scheint in Dänemark nicht selten gewesen zu sein (121) -  zumindest nicht nach dem Krieg ; denn wenn auch am 9. April 1940 sowohl Norwegen als auch Dänemark von deutschen Truppen angegriffen wurden, so ist dies doch das einzige, was die Geschichte der beiden Länder bis zur Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 verbindet : In Norwegen stießen die deutschen Truppen auf militärischen Widerstand und konnten sich in den Kämpfen um Narvik nur auf Grund des Rückzugs der englischen und französischenVerbündeten der Norweger behaupten ; in Dänemark endet der militärische Widerstand, wenn man überhaupt davon sprechen darf, nach reichlich zwei Stunden . Und während die legitime norwegische Regierung und der norwegische König nach London ins Exil gingen, blieben Dänemarks König und Regierung im Lande und arbeiteten unter deutscher Besetzung weiter .

Die Folgen dieser unterschiedlichen Entscheidung von Monarch und Regierung in Norwegen und in Dänemark waren kurz- wie mittelfristig erheblich : Norwegen wurde nicht nur von deutschen Truppen besetzt und unter den Befehl des Reichskommissars Terboven gestellt, sondern erhielt überdies eine einheimische nationalsozialistische Regierung unter dem Vorsitzenden von N.S. , Vidkun Quisling . Da aber die legitimen Instanzen sich im britischen Exil befunden und die norwegische Flotte auf seiten der Alliierten gekämpft hatten , galt Norwegen als (Kriegs)Verbündeter der Antihitlerkoalition - trotz aller Kollaboration mit den Deutschen im Lande selbst. Die deutsche Kapitulation besiegelte auch das Schicksal der Regierung Quisling ; die neue norwegische Nachkriegsregierung hatte personell und ideologisch mit der Vorgängerregierung nichts gemein .

Anders in Dänemark : In diesem Land herrscht Kontinuität von Vorkriegs- , Kriegs- und Nachkriegsregierung : So wird Vilhelm Buhl, der als Sta(a)tsminister 1942 - systemerhaltend - Sabotage und Widerstand verurteilt hatte, Sta(a)tsminister der ersten dänischen Nachkriegs-

regierung, einer Sammlungs(Koalitions)regierung unter maßgeblichem Einschluß der Widerstandskämpfer, gegen die Buhl 1942 polemisiert hatte .

Die Entscheidung von König Christian X. und der Regierung Stauning, nicht ins Exil zu gehen, bewahrte Dänemark einerseits vor einer undemokratischen oder sogar nationalsozialistischen Regierung, wie sie von konservativen Kreisen bzw. von DNSAP angestrebt wurde (122) , verlangte andererseits aber von der legitimen dänischen Regierung nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit der  Besatzungsmacht, sondern auch Kompromisse und Entscheidungen, die sie in vielem als Marionettenregierung in der Hand der Deutschen erscheinen lassen . Vielleicht bewahrte die Krise des Jahrers 1943, die am 28. August zum Rücktritt der dänischen Regierung führte, diese davor, vollends  zu einer dänischen Quislingregierung  zu werden . Dieser Rücktritt und eine sich nach der Schlacht bei Stalingrad breiter entwickelnde Widerstandsbewegung führten dazu, daß Dänemark nach der Kapitulation Deutschlands nicht als Verbündeter der Deutschen dastand . An der Befreiung des Landes selbst hatte die dänische Widerstandsbewegung keinen Anteil, ihr Gewicht war moralischer Art . Dieses moralische Gewicht wollten  die dänischen Freiheitskämpfer nach dem Krieg in der Abrechnung mit der Kollaboration geltend machen, doch gelang dies nur bedingt ; denn maßgeblich beteiligt an der Rechtsabrechnung waren und wurden in Dänemark auch dieje-

nigen, die auf Regierungsebene bis zum 28. August 1943 und auf der Verwaltungsebene bis zum 4. Mai 1945 mit der Okkupationsmacht eng zusammengearbeitet hatten . Um dies zu rechtfertigen, wurde der nicht allzu effektive dänische Widerstand gegen die Deutschen mythologisiert und instrumentalisiert und hierfür der Begriff „Widerstand“  so weit uminterpretiert, daß schon eine unfreundliche Antwort einem Deutschen gegenüber als Widerstandstat gelten konnte, wodurch Dänemark zu einem Land wurde, in dem - überspitzt formuliert - nahezu die gesamte Bevölkerung , ausgenommen die deutsche Minderheit in Nordschleswig und eine kleine Gruppe von dänischen „Außenseitern“ (123) , einmütig gegen die Deutschen Widerstand geleistet hätten . Diese Fiktion wurde - und ist es noch vielfach - communis opinio der öffentlichen und veröffentlichten Meinung in Dänemark, so wenig sie von der Geschichtswissenschaft bestätigt wird, die die Ambivalenz des dänischen Verhaltens während der Okkupationszeit, und zwar sowohl der Regierung als auch des allergrößten Teils der dänischen Bevölkerung, thematisiert und erforscht hat .

Daß man eine große Gabel braucht, um mit dem Teufel zu essen , gehört zu den volkstüm-

lichen Grundüberzeugungen . Diese große Gabel scheinen nach Ausweis der dänischen Rechtsabrechnung sowohl die dänischen Regierungen Stauning, Buhl und Scavenius als auch alle die Dänen, die in Wirtschaft, Polizei und Verwaltung mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten, besessen zu haben . Sie alle gerieten zwar in den Dunstkreis des Teufels, ihr Geruch aber wurde nicht als unangenehm empfunden, weil er vom Gestank des Teufels überdeckt wurde . Voller Hohn reagiert Scherfig deshalb auf die juristische Aufarbeitung der dänischen Kollaboration durch Mittäter (124) , wobei überdies interessant ist, daß Scherfig  die beiden größten Gruppen, gegen die sich die Rechtsabrechnung tatsächlich gerichtet hatte, nämlich die deutsche Minderheit in Nordschleswig und die tyskerpiger , die dänischen Freundinnen  der Deutschen , entweder nicht oder - die tyskerpiger - nur aus der bigotten Sicht der „feinen“ Damen aus den Kopenhagener Villenvororten erwähnt (125) .

Hans Scherfig  hätte sich in seinem Sarkasmus und Zynismus durchaus vorstellen können, daß fünfundfünfzig Jahre nach Kriegsende ein Sta(a)tsminister das Land regiert, dessen Vater in Deutschland gearbeitet und Mitglied  von DNSAP gewesen war (126) : Der Rasmus-Larsen-Typ seines Romans als sozialdemokratischer Inhaber der Macht vor dem Krieg, während der Okkupation und nach dem Krieg bezeichnet die reale politische Kontinuität Dänemarks im 20. Jahrhundert .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während Scherfig  in den Romanen Idealister  und Frydenholm alle Bereiche der dänischen Gesellschaft und der dänischen Politik ins Visier nimmt und sich kritisch mit dem Verhalten seiner Landsleute während  der Vorkriegszeit und zwischen 1939 und 1946 auseiandersetzt, beschäftigt sich Erik Aalbæk Jensens  Roman Kridtstregen  aus dem Jahr 1976 mit nur einem, allerdings äußerst sensibelen, komplizierten und in Dänemark lange Zeit weitgehend verdrängten Aspekt der Okkupations- und Kriegszeit : mit der aktiven dänischen militärischen Unterstützung der deutschen Wehrmacht, der Waffen-SS und der SS in unterschiedlichen Verbänden (vor allem in Frikorps Danmark, aber auch in der Division Wiking und dem Regiment Nordland ) und mit den dänischen Kampfgruppen auf deutscher Seite im eigenen Land (insbesondere - nach der Auflösung von Frikorps Danmark -  dem Schalburgkorps und dessen Untergruppierungen) zur Unterstützung der deutschen Besatzungsinstitutionen und zum Kampf gegen dänische Widerstandsgruppen .

Die Handlung des Romans Kridtstregen ist einfach : Zwei Angehörige des „SS-Vagtkorps Zephyr“ desertieren am Neujahrstag 1945 , erschießen zwei dänische SS-Leute, die hinter ihnen her sind , schlagen sich von Sjælland über Fünen bis Nordjütland durch - ständig auf der Hut, nicht entdeckt zu werden . Ihre Verfolger sind nicht nur ihre ehemaligen dänischen Gesinnungsgenossen, sondern auch Mitglieder des dänischen Widerstandes, der sie als Informanten über das Vagtkorps Zephyr nutzen will . Dänischen Freiheitskämpfern gelingt es schließlich, die beiden Deserteure zu stellen, wobei einer von ihnen erschossen, der andere verhört und nach dem Krieg im Zuge der Rechtsabrechnung zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt wird .

Den Deserteuren - als wichtigsten Handlungsträgern -  werden die Verantwortlichen des SS-Vagtkorps Zephyr , insbesondere auch dessen Kommandeur , und eine kleine Gruppe Widerstandskämpfer gegenübergestellt .

Letztlich handelt es sich bei Erik Aalbæk Jensens Buch um einen historisch-politischen Kriminalroman - mit der Besatzungszeit, den Erlebnissen der dänischen Kriegsfreiwilligen an der Ostfront und der dänischen Beteiligung an deutschen Verbrechen im Ausland wie im Inland als Handlungshintergrund .

Die Erzählstruktur des Romans ist komplizierter als das Handlungsgerüst : das chronologisch erzählte Geschehen zwischen Neujahr und Mai 1945 wird unterbrochen von mitunter langen Rückblicken, deren Thema der persönliche, familiäre, gesellschaftliche und politische Hinter-grund der handelnden Personen, die militärische Ausbildung der dänischen Kriegsfreiwilligen auf deutscher Seite und deren Erlebnisse an der Ostfront sind . Das letzte Kapitel des Romans Kridtstregen beschäftigt sich mit der Rechtsabrechnung gegen einen der Deserteure und gegen den Kommandierenden des SS-Vagtkorps Zephyr und mit dessen Hinrichtung .

 

Anders als Scherfig  schreibt Aalbæk Jensen nicht von einem ideologischen Standpunkt aus . Für ihn ist das nationalsozialistische dänische Milieu ebensowenig klassenbedingt wie der Widerstand . Letzterer beschränkt sich in der Handlung des Romans auf eine kleine Gruppe, eine Handvoll Personen , deren persönlicher, sozialer, politischer Hintergrund weitgehend im Dunkeln bleibt . Diese Gruppe ist als likvidationsgruppe  tätig - tötet auftragsgemäß Spitzel (stikker)  und soll die beiden nationalsozialistischen Deserteure verhaften (128) . Über diese Liquidationsgruppe des dänischen Widerstandes hinaus erwähnt der Roman auch den eher passiven Widerstand aus der dänischen Bevölkerung heraus, der sich in Schikanen gegen dänische Nationalsozialisten äußert oder in der Beschädigung von Militärfahrzeugen oder darin, zur Trauerfeier eines nationalsozialistischen Gutsbesitzers nicht selbst zu kommen, sondern nur Kränze zu schicken (129) . Daß Widerstand aber durchaus nicht eine dänische Volksbewegung war - zumindest während der ersten Jahre der Okkupation - verdeutlicht die folgende Bemerkung eines in Dänemark stationierten deutschen Feldwebels : „Danskerne er flinke folk . . . Hovedparten . Selvfølgelig er der også nogen , der er utifredse . Dem skal De passe lidt på . . .“  (130) .

 

Die Deutschen als Besatzungsmacht haben im Roman Kridtstregen  eine untergeordnete Rol-le ; ihre Funktion besteht vor allem darin, den dänischen Nationalsozialisten die Machtbasis zu geben, auf der sie sich entfalten können ; mit der Niederlage der Wehrmacht geht diese Basis verloren , und die dänischen Nationalsozialisten werden durch retsopgøret  zur Rechenschaft und zur Verantwortung gezogen . Diese Phase der dänischen Nachkriegsgeschichte wird im Roman auf wenigen Seiten exemplarisch abgehandelt (131) .

Interessant ist, daß Aalbæk Jensen - ähnlich wie Scherfig und Kirk (s.u.)  - die deutsche Minderheit in Nordschleswig nicht als in besonderem Maße nationalsozialistisch schildert . In der Handlung des Romans spielt sogar deutscher Widerstand  gegen Hitler eine Rolle (122) .

 

Intensiver als die dänische Widerstandsbewegung oder die deutsche Besatzungsmacht skizziert Erik Aalbæk Jensen die dänischen Nationalsozialisten und deren Milieus . Doch ist stets zu bedenken, daß der Verfasser einen spannenden Roman hat schreiben wollen ; um eine tiefere Auseinandersetzung mit dem dänischen Nationalsozialismus geht es ihm dabei weni-ger , weswegen die Charakterisierung des Romans als „en syleskarp psykologisk studie i løgnen som livsform“ , wie dies nach Ausweis des Buchumschlags Berlingske Tidende (BT) geschrieben haben soll, nicht nachzuvollziehen ist . Recht aber hat BT , wenn sie von Aalbæk Jensens Roman als von „et fabelagtigt tidsbillede og et krast opgør med myter“  spricht .

 

Aalbæk Jensen beschreibt drei unterschiedliche nationalsozialistische dänische Milieus : ein (groß)bäuerliches in Nordjütland (133) , das kleinbürgerliche einer seeländischen Fischer- und Schifferfamilie (134) und - vor allem - das militärische , zunächst im Umkreis der dänischen Armee , später von Frikorps Danmark und Schalburg-Korps (135) .

Geprägt werden die nationalsozialistischen dänischen Milieus von antidemokratischen und antienglischen Ressentiments(136) , von der strikten Ablehnung sozialistischer und kommunistischer Vorstellungen , von der Betonung dänischen Denkens und nordischer Kultur, von einem ausgeprägten Wehrwillen (137) .

Der Roman Kridtstregen thematisiert die Unterstützung der dänischen Regierung bei der Bildung von Frikorps Danmark - zunächst unter dem Kommando von C. P. Kryssing , später unter C. F. von Schalburg (138) . Diese Unterstützung der dänischen Regierung wird im Rahmen von retsopgøret  als unter Zwang gegeben und damit als von Anfang an unwirksam interpretiert (139) . Es wird nicht zweifelsfrei deutlich, ob der Verfasser diese Interpretation als ironische Anmerkung verstanden haben will oder ob er sie voll und ganz teilt . Diese Unsicherheit betrifft die gesamte Darstellung von retsopgøret   im Roman Kridtstregen (140) . Es ist durchaus möglich, daß Aalbæk Jensen es im Jahre 1976 noch nicht gewagt hat, in einem Roman an  der Rechtsabrechnung Kritik zu üben . Andererseits legt der Roman nahe, daß das Verhlaten der dänischen Nationalsozialisten im In- und Ausland in einem demokratischen Staat ein juristisches Nachspiel haben mußte ; denn der Roman Kridtstregen  läßt in den Rückblicken der dänischen Kriegsteilnehmer keinen Zweifel daran, daß diese an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt waren (141) , er schildert weiterhin verbrecherische Aktionen dänischer Nationalsozialisten gegen Landsleute (142) und die journalistische Kollaboration in der Zeitung „Fædrelandet“ (143) .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zehn Jahre vor Hans Scherfigs Buch Frydenholm  ist Hans Kirks  Roman Djævelens penge (Teufelsgeld) erschienen . Kirk  behandelt dasselbe Thema wie Scherfig  auf derselben ideologischen Basis ; in nuce enthält sein Roman all’ das , was Scherfig  in seiner Darstellung -allerdings wesentlich breiter, fundierter und bisweilen auch ausgewogener - ausführt ; von  Kirk  scheint Scherfig  den Firmennamen Klitgaard & Sønner  als Inbegriff der Besatzungs (Kriegs)-gewinnler und die Beschreibung des Finanzierungsmodus der Arbeit für die Deutschen übernommen zu haben (144) .

 

Die Illustration des Umschlags der Ausgabe von Djævelens penge aus dem Jahre 1984 stammt von Hans Scherfig  : Sie zeigt zwei Personen - einen SS-Offizier und einen gutgekleideten strahlenden Dänen (einen Geschäftsmann oder Politiker oder Beamten) mit gutgescheiteltem blonden Haar , blauen Augen und einem Mund in den Landesfarben . Seitlich über beiden Männern ein Teil der Nationalflagge - des Danebrog für den Dänen , rot und weiß , die deutsche Flagge der Hitlerzeit , ebenfalls rot und weiß mit zwei wie Spinnenbeine sichtbaren Zacken des schwarzen Hakenkreuzes . Beide Männer prosten sich zu . Das Bild drückt bestes Einvernehmen aus, dasselbe Einvernehmen , das in Kirks Roman zwischen der deutschen Besatzungsmacht und der dänischen wirtschaftlichen und politischen Elite besteht .

 

Der Titel Djævelens penge  ist mehrschichtig zu verstehen . Er geht zurück auf die Bemerkung eines Verwandten des tüchtigen, begabten, ehrenhaften bäuerlichen Unternehmers Grejs Klitgaard , der viel Geld dadurch verdiente, daß er Küstensicherungsanlagen (Buhnen, Wellenbrecher) auftragsgemäß zuverlässig und pünktlich gebaut hatte , der aber, um diese Arbeiten vertragsgemäß abschließen zu können , auch an Sonntagen hatte arbeiten lassen , womit er die religiösen Gefühle der Missionsgemeinde seines Heimatortes verletzte, weswegen das verdiente Geld von seinen frommen Verwandten als Teufelsgeld („Djævelens penge . Æ Døvls pæng “ ) bezeichnet und zurückgewiesen wird (145) .

Grejs Klitgaard wird im Roman zu einem der bedeutendsten dänischen Unternehmer ; der Text schildert ihn durchgehend als ehrenhaft , als „en forbandede kapitalist , men en mand af gammel ærlighed“ , wie der letzte Satz des Romans lautet (146) , als fleißig, persönlich bescheiden , als einen Mann, der die deutsche Okkupation ablehnt (147) und seinen zum Kommunisten gewordenen Enkel (148) Gregers (man beachte die Assonanz Grejs  und

Gregers  ) im Widerstand gegen die Okkupanten ideell und materiell unterstützt

(149) . Am Ende des Romans wird Gregers zum Tode verurteilt , aber zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt (150) , und Grejs Klitgaard fällt - schalburgtagen -  einem Clearingmord zum Opfer (151) .

Für Grejs Klitgaard ist Geld kein Teufelszeug , da es ihn nicht kompromittieren konnte (152) . Anders verhält es sich bei seinen beiden Söhnen Thomas und Johannes . Auf sie bezogen , spricht Grejs Klitgaard vom Geld als von einem Werkzeug - einer Reuse - des Teufels . Ist man erst einmal in der Reuse , gibt es keinen Ausweg mehr : und in dieser Situation befänden sich seine Söhne ( „Pengene er Djævelens ruser . Og er man først sluppet ind i rusen , er det ikke til at finde vej ud . Og nu er børnene i rusen“ (153) ) .

Den Begriff „Teufelsgeld“ interpretieren Grejs Klitgaard und ein befreundeter Ingenieur noch einmal am Ende des Romans (154) . Hiernach ist Teufelsgeld das Geld , das man von anderen ohne Gegenleistung , ohne dafür redlich gearbeitet zu haben , nimmt  . Gerade dies gelte - nach seinem Ausscheiden -  für die von ihm aufgebaute Firma : „Jeg blev engang beskyldt for, at det var djævelens penge , jeg tog imod . . . Jeg mente ikke, de havde ret, og det mener jeg heller ikke i dag . Djævelens penge tager man fra andre , men jeg leverede redeligt arbejde . Men firmaet , Kaas , er det ikke djævelens penge ? - Jo, svarede Kaas . Det er djævelens penge . De fleste af de penge, som tjenes i dag, lugter af helvedes svovl, akkurat som Judas’ tredive sølvpenge gjorde det . . .“ . Diese Passage ist deutlich : Grejs’ Sohn und Gregers’ Vater Thomas Klitgaard verrät als Wirtschaftskollaborateur , als  værnemager  , Dänemark gegen Geld wie Judas für 30 Silberlinge Jesus verraten hatte . Dieses Geld gibt ihnen der Teufel , d.h. die deutsche Besatzungsmacht . Mephistofelisch ist dieses Geld darüber hinaus auch dadurch , daß es sich nicht um deutsches , sondern um von der dänischen Nationalbank bis zu einem deutschen Sieg geliehenes Geld handelt .

 

                                       Stjæl ej, og hold dine hænder fri

                                       for åger og alskens blodsugeri ,

                                       men oplad hånden og mæt , hvor du kan ,

                                       med brød de fattige i dit land .

 

 

 

                                       Falsk vidne aldrig du være må

                                       og ingenting lyve næsten på ,

                                       er han uskyldig , da frelse du ham ,

                                       men har han syndet , da dølg hans skam .

 

 

                                       Stiehl’ nicht , und halt’ deine Hände rein

                                       vor Wucher und aller Blutsaugerei (Ausbeutung) ,

                                       aber fülle deine Hände und sättige , wo du kannst ,

                                       mit Brot den (die) Hungrigen in deinem Land .

 

                                       Ein falscher Zeuge sollst du niemals sein ,

                                       und belüge deinen Nächsten nicht ,

                                       ist er unschuldig , dann rette ihn ,

                                       hat er sich aber versündigt , dann verbirg’ seine Schande (Schmach) .

 

Diese Verse (155) trägt ein alter , einfacher Arbeiter aus den Anfangsjahren der Firma Klitgaard dem Enkel Gregers Klitgaard als Vermächtnis vor und fügt hinzu : „Det er den kristendom, en børste har levet sit liv på , og det var, hvad vor gamle degn kunne lære os . Og husk vel på de ord , når du bliver en stor direktør, som har fået alting til givende , fordi Grejs var en dygtig mand“ .

Was die Verse sagen, lebte Grejs Klitgaard , und sein Enkel scheint dieselbe Einstellung wie sein Großvater zu haben . Für das Handlungsgeschehen des Romans aber gilt während der Besatzungszeit das Gegenteil : Diebstahl auf Kosten des Staates , Wucher bei Wohnraum, Nahrungsmittel, Brennstoffen, Ausbeutung aller Art, Hartherzigkeit und Habgier, falsches Zeugnis, Lüge und Bloßstellung kennzeichnen Thomas und Johannes Klitgaard, ihren Schwager Torsten Abildgaard und deren Weggenossen . Diese Haltung führt zur Kollaboration mit den deutschen Okkupanten , zum Verrat an den Interessen des eigenen Landes .

 

Obwohl Kirks  Roman Djævelens penge  alle Facetten der Geschichte der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen berührt (156) , ist sein Hauptthema die Kollaboration der dänischen Wirtschaft (157) mit den Deutschen , unterstützt von Dänemarks Regierung , Beamtenapparat, Justiz und Gewerkschaften (158) .

Dieses Thema war 1952 wegen der Nähe zu der von vielen als unzureichend empfundenen und noch nicht völlig abgeschlossenen Rechtsabrechnung mit der wirtschaftlichen Kollaboration ausgesprochen aktuell . Für den dänischen zeitgenössischen Leser war deutlich, daß sich hinter Kirks  Firmenname  Klitgaard & Sønner mit ihrem Direktor Thomas Klitgaard die Firma Wright , Thomsen og Kier (WTK) mit T.K.Thomsen an der Spitze verbarg - und die Rechtsabrechnung mit dieser Firma nicht dem entsprach, was sich viele Dänen gewünscht hatten . Dasselbe gilt für die Rechtsabrechnung mit Gunnar Larsen , dem Vorbild für Kirks  Minister Hakon B. Møller (159) . Kirk  selbst war in retsopgøret insofern involviert , als er mit seinem Artikel De litterære nazister  in der kommunistischen Tageszeitung Land og Folk   vom 15. Mai 1945 an der Rechtsabrechnung gegen dänische nationalsozialistische Schriftsteller und Journalisten beteiligt war (160) .

 

Der Roman Djævelens penge setzt um die Jahrhundertwende in Westjütland ein (Kap.1-4) . Mit Kap. 5 (161) ändern sich Perspektive und Handlung . Der Firmengründer Grejs Klitgaard gibt an seinem 70. Geburtstag im Jahre 1940 die Leitung seiner Firma an seinen Sohn Thomas ab . Dieser erörtert im selben Kapitel mit seinem Schwager ein am selben Tag erfolgtes deutsches Angebot, die Firma Klitgaard & Sønner  umfangreiche deutsche Militäranlagen in Dänemark bauen zu lassen . Sowohl Thomas Klitgaard als auch sein Schwager Torsten Abildgaard sind sofort bereit, dieses Angebot anzunehmen , doch liegt ihnen daran, in der dänischen Gesellschaft nicht als Kollaborateure dazustehen , weswegen sie vom dänischen sozialdemokratischen Regierungschef Stauning ein Schreiben erwirken , wonach die Arbeit der Firma Klitgaard & Sønner für die Deutschen im Interesse des dänischen Staates liege . Mit einem entsprechenden Schreiben Staunings in der Hand, errichtet die   Firma Klitgaard & Sønner  in den folgenden Jahren im ganzen Land Militäranlagen (162) großen Ausmaßes .

Der Roman endet in Kap. 30 (163) irgendwann Ende 1943 mit dem Clearingmord an dem Firmengründer Grejs Klitgaard , nachdem im vorletzten Kapitel Gregers Klitgaard als Saboteur verhafte und verurteilt worden war und die Firma Klitgaard & Sønner durch den Rücktritt der dänischen Regierung am 28.August 1943 in Schwierigkeiten zu geraten schien, die aber von den dänischen Verantwortlichen ausgeräumt werden konnten (164) .

Während dieser drei Jahre entstehen in enger vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen deutschen Stellen und dänischen Firmen - im Romanhandlungsgeflecht vor allem von der Firma Klitgaard & Sønner - Flugplätze, Befestigungsanlagen, Bunker (165) .

Während ein großer Teil der Bevölkerung materielle Not leidet (166) , machen die an den militärischen Großbauten beteiligten Firma unerhörte Gewinne (167) , die über Clearingkonten der dänischen Nationalbank ausgezahlt werden (168) - letzten Endes bringen also der dänische Staat und die dänische Gesellschaft die Kosten für die Bautätigkeit der Besatzungsmacht auf (169) .

Nutznießer dieser wirtschaftlichen Scheinblüte sind aber nicht nur - wie Kirk  glauben machen möchte -  Klitgaard & Sønner und ähnliche Firmen und eben nicht nur (im Unterschied zu den einfachen, anständigen dänischen Menschen) lediglich prahlerische Großgrundbesitzer und Kaufleute, Diebe, Hochstapler und Lumpen (170) , nicht zu vergessen die Feltmadrasser  , die dänischen Freundinnen von Deutschen, denen die besondere Verachtung des Romans gilt (171) , sondern auch Fuhrunternehmer, Handwerker, Kaufleute, Zimmervermieter, Restaurants, die dänische Landwirtschaft  (172) . Dies ist im Roman Djævelens penge aber nur zwischen den Zeilen zu lesen, da Kirk  aus politisch - ideologischen Gründen die Fiktion aufrecht zu erhalten sucht, als sei die Zahl der Kollaborateure in Dänemark gering gewesen und als habe die breite Masse der Bevölkerung eine Zusammenarbeit mit den Deutschen abgelehnt, vor allem das Proletariat, das jedoch von der Regierung unter Druck gesetzt worden seien , Arbeit bei der Besatzungsmacht aufzunehmen, anderenfalls die dänischen staatlichen Sozialleistungen aufhörten und sie sich der Gefahr auszusetzen, dann in Deutschland Arbeit annehmen zu müssen (173) . Der Handlungsverlauf des Romans allerdings läßt darauf schließen, daß die Ablehnungsfront, die gutbezahlte Arbeit der Firma  Klitgaard Sønner und anderer Unternehmen, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten , aufzunehmen, nicht sehr groß gewesen zu sein scheint - zumindest nicht während der ersten Besatzungsjahre (174) .

 

Nicht unproblematisch ist Kirks  Darstellung des dänischen Widerstandes . Von seiten der Kollaborateure werden ein Murren in der Bevölkerung, das gemeinsame Singen patriotischer Lieder ( alsang ) , das gemeinsame Spazierengehen als Zeichen des Protestes ( algang ) ironisiert (175) , so daß daraus geschlossen werden könnte, daß Kirk  dies alles als Widerstand betrachtet ; möglicherweise aber sieht er in diesen Äußerungen der Unzufriedenheit mit der deutschen Besatzung nur ein „Luftablassen“ und ebensowenig ernstzunehmenden Widerstand wie darin, daß man sich in Restaurants von der Anwesenheit von Deutschen unangenehm berührt fühlt, daß manKollaborateuren unfreundlich begegnet, daß Schimpfwörter wie

værnemager (Kriegs- oder Besatzungsgewinnler) , tørvespekulanter  ( Torf- oder Brennstoff-spekulanten), vareågrer (Menschen, die Waren zu überhöhten Preisen verkauften, mit ihnen Wucher trieben) , tyskerarbejde (Deutschen-Arbeit) im Umlauf waren (176) .

Kirk  läßt Grejs Klitgaard die Kommunisten als diejenigen bezeichnen, die zuerst Widerstand geleistet hätten (177) , doch mußte er gewußt haben , daß dies nicht richtig war und daß die dänischen Kommunisten erst seit dem Beginn des Krieges mit der Sovetunion und dem Bruch des Hitler-Stalin-Paktes Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht geübt hatten . Der über Unmutsäußerungen, Flugblätter und illegale Schriften (178) hinausgehende Widerstand setzt aber auch in Kirks  Roman erst nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad ein, wobei Kirk  im wesenlichen Kommunisten die Träger dieses aktiven Widerstandes mit Sabotageak-

tionen und Hinrichtungen von Spitzeln sein läßt (179) .

 

Die dänischen Kommunisten, die von weiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere den Besitzenden und den Sozialdemokraten, gemieden worden und Hauptopfer der Besatzungszeit waren (180) , sind im Roman Djævelens penge die positiven Gegenspieler der von Kirk   mit Ironie, Sarkasmus und Satire verächtlich gemachten dänischen Sozialdemokraten (181) . Ihre moralische Kraft im Kampf gegen die deutsche Besatzung und die dänische Kollaboration erhalten sie in Kirks  Roman durch Stalin : „ Du [Gregers] mußt Stalin lesen - gerade jetzt mußt du ihn lesen, dann wirst du verstehen, daß das Volk siegen wird !  Er hörte ihr zu, der junge Intellektuelle . Und es war, als verstünde  er zum ersten Male den Namen Stalin. Plötzlich wußte er, was dieser Name bedeutete : Ein Traum von Freiheit, von menschlicher Würde, von Großmut, von Freude und Humor in der Welt . Empörung gegen Gewalt und Unrecht kulminierte plötzlich in diesem Namen . . . alles, was man auf der Welt lieben konnte, hieß heute Stalin . Und während er ihr mildes und reges Gesicht ansah, wußte er ganz gewiß (oder : fest) , daß Stalin , daß das Volk siegen werde, denn das Volk ist unüberwindlich . Und es erfüllte ihn mit großer Freude“ (182) . 

Diese Apotheose Stalins ist befremdlich und ärgerlich in einem Roman, der mit dem Totalitarismus nationalsozialistischer Prägung und dessen dänischen Helfershelfern abrechnet  - und blind ist gegenüber dem. was in der Sovetunion und in den Ostblockstaaten sich ereignet hatte und noch immer geschah , was Kirk  nicht unbekannt geblieben sein konnte.

 

Interessant ist, daß Kirk  scharfe Kritik am Verhalten der mit den Deutschen eng zusammenarbeitenden Dänen auch einem Deutschen in den Mund legt ; so sagt Baurat Funche zu Thomas Klitgaard , als ihm dieser ein Geschenk überreichen wollte : „Tag det væk , slyngel . . . Er der da ikke andet end forrædere i dette land ?“ (183) .

Kirk  hat kein antideutsches Buch geschrieben , ruft nicht zum Haß gegen alles Deutsche auf : Dem als Karikatur eines „häßlichen Deutschen“ geschilderten Oberbaurat von Drieberg wird der erwähnte Baurat Funche gegenübergestellt, der die Nationalsozialisten ablehnt und mit dem dänischen Widerstand zusammenarbeitet (184) ; Grejs Klitgaard warnt seine Tochter vor dem Haß gegen die einfachen deutschen Soldaten (185) ; und Grejs’ Schwiegertochter spricht vom „anderen Deutschland“ (186) . Feinde sind die Deutschen für Kirk   nur, insoweit sie Nationalsozialisten sind ; seine Ablehnung und Feindschaft gilt den dänischen Kollaborateu-

ren , die sich selbst oft als gute Dänen (en god dansk mand ) , als gute Patrioten als gute dänische Bürger sehen - oder vom Erzähler ironisch genannt werden - und die meinen, stets national würdig zu handeln  und gehandelt zu haben (187).

Deutsche Nationalsozialisten und dänische Kollaborateure haben für Kirk  eines gemeinsam : sie sind Stabilisatoren des Kapitalismus ; die jeweiligen Völker sind Leidtragende der Klassengesellschaft , Opfer des Klassenkampfes (188) zwischen Proletariat und Kapitalis-

mus ,der in Krisensituationen zu Faschismus und Nationalsozialismus greift, um seine Macht zu erhalten .

In Grejs Klitgaard zeichnet Kirk  einen positiven „altmodischen“ Kapitalisten - letztlich „nur“ einen tüchtigen Menschen . Ihn läßt Kirk  am Ende seines Romans ermordet werden von Handlangern der modernen Kapitalisten. Seine Tochter Sara und sein Enkel Gregers könnten Grejs Klitgaards Erbe antreten - Gregers, der Kommunist geworden war und zu lebenslanger Haft begnadigt worden ist , was ihm eine Überlebenschance gibt , Sara, die für Gregers’ Vorstellungen Sympathien zeigt (189) .

Kirks  Hoffnungen auf eine kommunistische Entwicklung Dänemarks haben sich nicht erfüllt ;  Scherfigs  Roman Frydenholm macht dies deutlich : Es ist alles beim Alten geblieben ; Sieger des Krieges und der Okkupationszeit in Dänemark sind die Opportunisten , nicht die Opfer .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Ikke under Quisling - men efter krigen kom den fascistiske periode i norsk historie . . . Man må til Hitlers Berlin eller Stalins og Bresjnevs Moskva for å finne lignende rettspraxis . . . Smittestoffet fra fascismen ble overført i de dager da vi feiret vår demokratiske frihet“ (190) .

So formuliert Jens Bjørneboe in dem 1968 geschriebenenNachwort zu seinem 1957 erstmals erschienenen Roman Under en hårdere himmel , der seinerzeit in Norwegen scharfe Reaktionen hervorgerufen hatte .

Diese Reaktionen sind verständlich, stellt der Roman doch die offizielle norwegische Sicht der deutschen Besatzungszeit und deren späteren juristischen Aufarbeitung sowie des einheimischen Widerstandes in Frage, wobei es nicht möglich war, dem Verfasser Sympathien für Nationalsozialismus und Faschismus vorzuwerfen, hatte er doch in seinem Roman Før hanen galer von 1952 die Bestialitäten nationalsozialistischer Mediziner thematisiert und bezeichnet er Verbrechen der Deutschen in Norwegen auch in dem umstrittenen Buch Under en hårdere himmel mit deutlichen Worten als Verbrechen .

Ein Blick auf die Widmung - „Denne bok er tilegnet dem

                                                 som er for unge

                                                 til å være medskyldige“

(dieses Buch ist denen gewidmet, die zu jung sind, um mitschuldig geworden zu sein)

zeigt, worum es Bjørneboe geht - um das Schuldig- und Mitschuldigwerden aller einzelnen

Zeitgenossen während der dreißiger und vierziger Jahre .

Der Roman Under en hårdere himmel ist ein Buch über Selbstgerechtigkeit und Opportunismus, über die Manipulierbarkeit des Menschen und des Rechts, über Feigheit und Mut des einzelnen, über Irrtum und Menschenverachtung .

Dies verdeutlicht Bjørneboe an Denken und Handeln der fiktiven Personen des Romans, wobei es ihm vor allem auch darauf ankommt, Kritik an der juristischen Aufarbeitung der Jahre 1940 bis 1945 zu üben . Diesem Ziel untergeordnet wird die Handlung : Ende der vierziger oder Anfang der fünfziger Jahre treffen sich im winterlichen Oslo zufällig zwei ehemalige Klassenkameraden - der  Ich-Erzähler und der Rechtsanwalt Jan ; sie speisen in einem guten Restaurant und unterhalten sich über die vergangenen eineinhalb Jahrzehnte (191) . Der Ich-Erzähler schreibt nach diesem Gespräch nieder, was er für notwendig und wichtig hält (192) .

Zu Beginn des Gesprächs interessiert sich der Ich-Erzähler vor allem für die Frau, die er zusammen mit Jan gesehen hatte . Diese Frau war ihm bekannt vorgekommen , doch hatte er sie nicht erkannt (193) . Das Schicksal dieser Frau bis zu ihrer bevorstehenden Eheschließung mit Jan (194) ist ein  wichtiger Handlungsstrang des Romans .

Der Handlungs- , besser Erinnerungsteil des Romans beginnt mit dem zweiten Kapitel - Faren  (Der Vater) - und setzt in den dreißiger Jahren ein . Er beschäftigt sich ausführlich mit fünf, weniger ausführlich mit sechs weiteren Personen , die im wesentlichen zwei politischen, weltanschaulichen und moralischen Lagern zuzuordnen sind .

Einem Major mit dem Vornamen Helge , seinem Sohn Cato und seiner Tochter Fransiska  werden Catos Klassenkamerad Jan und der Rechtsanwalt Wastrup gegenübergestellt . Mit den beiden letzteren verbunden sind die Psychologin Afrodite und der Journalist Oskar Storland , mit der Familie des Majors der deutsche Soldat Wolfgang und Kapitän Ross, Schiffahrtsminister im Kabinett Quisling .

Rechtsanwalt Leer und Kapitän Falkenberg sind unabhängig genug, um zu keiner der Gruppen zu gehören .

Der Major (195) - allein diese im Roman zumeist verwendete unpersönliche Bezeichnung einer der Hauptpersonen , deren Vorname Helge nur von seinem einzigen Freund, dem Kapitän Falkenberg, gebraucht wird, weist auf einen entscheidenden Zug des Vaters von Cato und Fransiska hin : er ist durch und durch Soldat mit den Ehrbegriffen des altgewordenen Offiziers (196) . Dies schließt andere Interessen nicht aus - so spielt der Major recht gut Cello - , aber soldatisches Denken und soldatische Tugenden bestimmen zusammen mit einem streng rechtlichen Denken (197) sein Wesen .

Der Major beobachtet äußerst besorgt, daß die norwegischen Regierungen während der dreißiger Jahre die Landesverteidigung vernachlässigt hatten (198) , was dazu führte, daß am 9.April1 194o das Land schutz- und wehrlos Deutschland ausgeliefert ist (199) . Er selbst - getreu seiner Berufsauffassung - kämpft während der  ersten Tage der Invasion in einer unkoordinierten Einzelaktion mit unzureichenden Mitteln tapfer gegen die Wehrmacht (200) , und Knut Hamsuns Aufruf, den militärischen Widerstand einzustellen (201) , gefällt ihm nicht , doch kann er Hamsun insofern verstehen und seinen Aufruf nachvollziehen, als es „var regjeringen som hadde ødelagt forsvaret, og det var for sent å rette på det nu ved å føre privat krig“ (202) .

Nachdem Norwegen die Waffen niedergelegt hatte, wird für ihn die seit langem geäußerte Kritik an der Militärpolitik der norwegischen Vorkriegsregierungen zu einer fixen Idee, wonach diese Regierung - inklusive die Exilregierung in London - die Verantwortung für das militärische Desaster trügen . Aus pazifistisch-sozialistisch-bol’sevistisch-antichristlicher Gesinnung heraus hätten sie Landesverrat begangen und müßten deswegen nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen  werden (203) .

Der Major , an dessen patriotischer Gesinnung der Ich-Erzähler keinen Zweifel läßt (204) , gerät durch diese Sicht der Dinge - aus Wut über das Versagen der demokratischen Regierungen Norwegens also - in das Fahrwasser von Nasjonal Samling (N.S.) des Vidkun Quisling , den er als Privatsekretär Nansens schon vor dem Krieg geschätzt hatte (205) , und tritt schließlich dieser Partei bei (206) , weswegen in seinem Wohnort von diesem Zeitpunkt an weder er noch seine Kinder gegrüßt werden (207) . In zahlreichen Zeitungsartikeln vertritt er seine Meinung vom Verrat der norwegischen Regierungen und Englands an Norwegen , bis in seinem Denken nur noch die Vorstellung von den gottlosen Bol’seviki in Moskau , London, und Oslo Platz hat , die er auch hinter dem Sabotageakt gegen das Schiff sieht , mit dem der deutsche Freund seiner Kinder auslaufen sollte (208) .

Durch seine Tätigkeit isoliert er sich in seinem Wohnort so sehr , daß er ein halbes Jahr vor Kriegsende in eine andere Stadt zieht (209) . Menschliche Zuwendung erhält er letztlich - außer von den zumeist abwesenden Kindern - nur noch von dem amtierenden Schiffahrtsminister Ross, einem ehemals berühmten Seemann und Kameraden (210) . Nach Kriegsende wird der Major verhaftet und stirbt , nachdem ihm ärztliche Hilfe verweigert worden war, schwer gedemütigt, an Krebs in einem Gefängniskrankenhaus, ohne daß es zu einer Gerichtsverhandlung gegen ihn gekommen war bzw. hatte kommen können (211) . Vor seinem Tod versöhnt er sich mit Falkenberg, der den politischen Weg des Majors scharf abgelehnt und sich deswegen mit ihm entzweit hatte, der sich nach Kriegsende aber nicht um das Gerede der Leute kümmert und seinen alten Freund im Gefängniskrankenhaus be-

sucht . Über Falkenberg wiederum versöhnt er sich mit seiner Tochter (212) , die er in wütender Reaktion auf ihre Schwangerschaft aus dem Haus getrieben hatte (213) .

 

Zu Beginn der dreißiger Jahre lebt der Major mit seinen beiden Kindern Cato und Fransiska zusammen ; seine Frau ist seit längerem tot . Der Ich-Erzähler schildert das Familienleben nicht unfreundlich . Daß die Erziehung bürgerlichen und soldatischen Normen folgt, ist nicht überraschend (214) . Sowohl Sohn als auch Tochter folgen ihrem Vater in weltanschaulicher Hinsicht aus Überzeugung und halten zu ihm .

Daß die ganze Familie zu den Norwegern gehört, die mit der deutschen Besatzungsmacht zusammenarbeiten, also samarbeidsfolk  sind, ist keineswegs in Herkunft,  Charakter und Erziehung angelegt -  vor Beginn des Krieges empfand es der Major als schmachvoll , daß Cato in der linken Presse als Faschist bezeichnet worden war (215) : Cato hatte als Schüler kurze Zeit zu einer halbfaschistischen und semimilitärischen Vereinigung gehört , die sich an Deutschland orientierte (210) . Nach seinem Austritt aus dieser Vereinigung wird er von seinen ehemaligen Weggenossen als Verräter und als Überläufer zu den Roten, von der linksgerichteten Jugend aber trotzdem als Faschist bezeichnet (217) ; und nach einer Schlägerei mit Mitgliedern der Arbeiterjugend, in die er ohne eigene Schuld geraten war , wird er Opfer einer lügnerischen Kampagne „ i den radikale presse“ unter der Überschrift „Fascistyngel overfaller arbeiderungdom“ , gegen die Cato machtlos ist, zumal seinem Verlangen nach einer Gegendarstellung nicht nachgekommen wird (218) . Cato ist somit Opfer der politischen Auseinandersetzungen der dreißiger Jahre und der linksgerichteten Presse, was seinen weiteren Weg bestimmt .

Wenn auch Cato eng mit Jan während dessen marxistischer Phase befreundet ist, wendet er sich als Primaner in der Schule gegen das linksrevolutionäre, antikapitalistische, antireligiöse Gehabe der Gymnasiasten, gegen modische linksradikale Tendenzen (219), weswegen Wastrup ihn als Faschisten bezeichnet, der gehenkt werden müsse (220) .

Unter dem Einfluß eines als Faschisten bezeichneten Spanienkämpfers (221) und mit Billigung seines Vaters nimmt Cato als Freiwilliger 1940 auf finnischer Seite am Winterkrieg teil (222) , was zum Ende seiner Freundschaft mit Jan führt (223) . Nach Beginn der deutschen Invasion in Norwegen versucht Cato, sich zum norwegischen Militär durchzuschlagen, doch findet er keine militärische Einheit und kehrt entmutigt nach Hause zurück (224) . Für Cato entspricht die deutsche Invasion in Norwegen derjenigen der Russen in Finnland , „selv om tyskernes fremferd var mindre brutal“ . Verwirrend für Cato ist vor allem die Zusammenarbeit Deutschlands mit der SU „over Polens lik“ (225) .

Durch seine Erfahrungen im finnischen Winterkrieg sieht sich Cato in seiner Beurteilung des menschenverachtenden Bol’sevismus derart bestätigt , daß er unmittelbar nach Beginn des Deutsch-Sovetischen Krieges sich als Kriegsfreiwilliger auf deutscher Seite meldet (226) , den Krieg gegen die Sovetunion als Kreuzzug auffassend , in dem es auch um Norwegens Schicksal gehe (227) . Nachdem während eines Heimat- und Genesungsurlaubs (228) sein deutscher Kamerad und Freund Wolfgang , der mit ihm nach Norwegen gekommen war, auf einem Truppentransporter infolge eines Sabotageaktes umkommt, zeigt er seinen ehemaligen Freund Jan als Tatbeteiligten bei der norwegischen Polizei - nicht bei den deutschen Besatzungsinstitutionen - an (229) .

Das Kriegsende erlebt Cato schwer verwundet in einem Lazarett in Norwegen , wird verhaftet und in ein ehemaliges deutsches Konzentrationslager eingeliefert, wo er Selbstmord begeht,als er von der Verhaftung seines Vaters und seiner Schwester erfährt (230) .

 

Fransiska, deren helles, offenes Lachen - ein den ganzen Roman durchziehendes Motiv - ihr viel Sympathien einbringt, möchte Krankenschwester werden (231) ; mit der Erlaubnis ihres Va-

ters (232) und nach dessen Rücksprache mit dem Norwegischen Roten Kreuz (233) - das nach dem Krieg jedoch davon nichts mehr wissen will - absolviert sie ihre Ausbildung beim Deutschen Roten Kreuz in einer süddeutschen Mittelstadt - weitgehend unter Kriegsbedingungen (235) .

Politisch ist sie - im Gegensatz zu ihrem Bruder - so naiv, wie dies kaum möglich scheint . Verständlich ist dies im Roman nur aus Bjørneboes Absicht heraus, eher unterschiedliche repräsentative Typen als Individuen darzustellen (236) .

Während eines Heimaturlaubs hat sie eine intensive Liebesbeziehung zu dem deutschen Freund ihres Bruders , dem Soldaten Wolfgang (237) . Als dieser durch den erwähnten Sabotageakt umkommt , zeigt Fransiska zusammen mit ihrem Bruder einen der Urheber des Sabotageaktes - ihren Schulkameraden Jan - an (238) .

Die Beziehung zu Wolfgang hatte zu einer Schwangerschaft geführt , weswegen Fransiska vorzeitig aus Deutschland nach Norwegen zurückkehrt . Als ihr Vater von der Schwangerschaft erfährt, vergißt er sich in seiner Wut, was dazu führt, daß Fransiska das Elternhaus verläßt (239) . Der Wutausbruch des Majors ist einerseits klischeehaft, andererseits aber auch bedingt durch eine Krebserkrankung und die psychische Belastung durch die gesellschaftliche Isolierung . Kurz vor seinem Tod bittet der Major seinen Freund Falkenberg , sich in seinem Namen bei Fransiska zu entschuldigen (240) . Fransiska hatte zunächst abtreiben wollen, entscheidet sich dann aber doch dafür, das Kind auszutragen . Unterstützt wird sie dabei vom Seefahrtsminister Ross, dessen Familie sie aufnimmt (241) . Nach dem Krieg wird Fransiska als  tyskertøs  (Deutschenhure)  und wegen ihrer Arbeit beim DRK zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die sie in mehreren Haftanstalten verbüßt (242) . Ihr Sohn Ulf wächst in einer Pflegefamilie auf (243) .

Nach ihrer Entlassung (244) findet sie bei Jan, ihrem ersten Jugenfreund und Mitschuldigen am Tod ihres Freundes Wolfgang, Aufnahme, erleidet einen schweren Verkehrsunfall (245), von dem sie sich erholt, und steht am Ende des Romans kurz vor der Eheschließung mit Jan . Ihr Lachen aber hat sie während der Haftzeit verloren (246) . Die Frage des Ich-Erzählers , ob Fransiska über Haft- und Verfolgungszeit hinweggekommen sei, klingt und ist naiv, und so ist Jans Antwort einleuchtend :“ Det er vel ingen av dem som har vært gjennem det som kommer sig helt igjen efterpå“ (247) und „Fransiska brøt altså sammen i fengselet ;  ikke helt , men hun mistet motet . Der var noe som røk inne i henne . Og latteren hennes blev helt og aldeles borte for altid“ (248) .

 

Jan, der Gesprächspartner des Ich-Erzählers und dessen Klassenkamerad (249), war ursprünglich mit Cato und Fransiska befreundet . Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs verbringen sie eine Spätsommernacht gemeinsam auf einer abgelegenen Insel im Fjord, um Krebse zu fangen, zuzubereiten und zu essen . In dieser Nacht verlieben sich Fransiska und Jan ineinan-

der ; diese Basis ist so tragfähig, daß auf ihr nach jahrelanger Entfremdung eine Ehe entstehen kann .

Jan ist ein durchschnittlich begabter Schüler, der in den Sog eines linksgerichteten Agitators, des Kommunisten und späteren Mitglieds der Arbeiderparti Wastrup gerät, ein gläubiger Anhänger von dessen Ideen wird und dazu beiträgt, in seinem Gymnasium eine von der Partei initiierte, aber parteifern firmierende Schülergruppe aufzubauen, wogegen Cato in der Gründungsversammlung opponiert . Unbeeindruckt bleibt Jan lediglich von der antireligiösen Propaganda seiner (Weg)Genossen - er liest häufig in der Bibel und hält christliche Werte für unverzichtbar  (250) - und von Wastrups Lebensgefährtin, der stets alkoholisierten, nymphomanischen Psychologin Afrodite .

Nachdem Norwegen von deutschen Truppen besetzt worden war, wird Jan, dessen Ortskenntnisse (Ort, Festung, Innen-und Außenfjord) als ausgezeichnet geschildert werden, von Wastrup für Sabotageakte rekrutiert (251) . Er ist dabei so erfolgreich, daß seine Person  als besonders schützenswert gilt und er von Wastrup zum Auswendiglernen eine Liste mit 120 Namen von Genossen erhält, die er bei Verhören preisgeben könne, um Folterungen zu überstehen, ohne umzukommen (wie sein Cousin Eivind Leer) (252) oder (wie Severin) (253) kompromittiernde Aussagen zu machen.

Nach dem erfolgreichen Sabotageakt gegen den Truppentransporter (254) , durch den Wolfgang , Fransiskas Freund (und Vater ihres Kindes) , ums Leben kommt, wird Jan von Cato und Fransiska als mutmaßlicher Mittäter bei der norwegischen Polizei angezeigt ; durch eine Verkettung von Zufällen kann Jan nach Schweden entkommen (255) , wo ihm von seinen Genossen in den dort ansässigen norwegischen Organisationen großzügig geholfen

wird (256) . Nach wenigen Wochen reist er nach London (257) , wo er mit Wastrup eng zusammenarbeitet (258) , sich von ihm aber geistig immer weiter entfernt . Unmittelbar nach dem Krieg macht er sein juristisches Examen, tritt in den Polizeidienst ein, wo er der Abteilung, die sich mit dem Landesverrat während der Okkupation befaßt, als Polizeirat tätig ist . In dieser Stellung wendet er sich gegen die von der Londoner norwegischen Exilregierung gegen die norwegischen Anhänger von Nasjonal Samling und Kollaborateure vorbereitete Abrechnung (rettsoppgjøret) , deren juristische und moralische Grundlagen er ablehnt und die er nun durch private Sabotage bekämpft (259) . Insbesondere wendet er sich gegen die wieder eingeführte Todesstrafe (260) . Schließlich wird Jan Rechtsanwalt, und zwar zumeist für Fälle, die sich aus rettsoppgjøret  ergeben (261) . In dieser Position setzt er sich trotz Widrigkeiten, Drohbriefen  und  - vermutlich - von Wastrup ausgehenden hinterhältigen Versuchen, ihn zu kompromittieren (262) , durch und wird auch über die politische Fälle hinaus ein bekannter und anerkannter Rechtsanwalt (263) . Durch seine Haltung zu rettsoppgjøret  ist der Weg frei zu Fransiska, die bei ihm Zuflucht findet, nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen worden war (264) .

 

Wastrup, mit Spitznamen Lillesatan  (kleiner Teufel, Teufelchen) genannt, ist in seiner Undurchsichtigkeit, Manipulierfreude und Fähigkeit zur Indoktrination eine der beherrschenden Gestalten des Romans (265) . Ursprünglich Kommunist , trennt er sich in den dreißiger Jahren im Zusammenhang mit den Moskauer Prozessen von der Kommunistischen Partei Norwegens und tritt der Arbeiterpartei (Arbeiderparti )  bei, doch agiert und denkt er weiterhin stalinistisch . Wastrup zieht die Fäden im Vorkriegsnorwegen, zumindest zum Teil im Londoner Exil und wiederum in Norwegen nach dem Krieg (rettsoppgjøret ist weitgehend seine Schöpfung) .

Er unterwandert das Bildungswesen (266) , die bürgerliche Presse und alle möglichen Organisationen, indem er dort Anhänger seiner politischen Richtung unterbringt (267) . Sein

Ziel : die Verfassung mit den Mitteln dieser Verfassung auszuhöhlen und zu instrumentali-

sieren (268) .Wastrup steht hinter der Gründung eines scheinbar apolitischen Schülervereins - von Frie Gymnasiasters Landsforbund  (269) ; Wastrup wird Mentor und Übervater (Überich) Jans, Wastrup rekrutiert Jan  für den Widerstand , er läßt ihn eine Liste mit 120 Namen lernen, die er bei einem etwaigen Verhör durch die Deutschen preisgeben solle, um sich selbst zu schützen (270) , und er hält Jan nach dessen Flucht aus Norwegen für zu wichtig - oder zu gut - für den Kriegsdienst in norwegischen Einheiten als Verbündeten der Alliierten (271) ; selbst nachdem Jan sich von ihm losgesagt und Wastrup ihn zu diskretieren sich bemüht hatte, sucht er das Gespräch mit Jan .

Während der Besatzungszeit verläßt Wastrup sein Land und geht nach London ; süffisant wird Wastrups Flucht nach England durch die Formulierung des Erzählers „flyttet , eller ‘flyktet’ som det het dengang“ (272) relativiert ; dort erarbeitet er die Grundlagen für die Rechtsabrechnung, dessen Initiator und Promotor in Norwegen er nach Kriegsende ist.

Lebenspartnerschaftlich verbunden ist Wastrup mit der Kommunistin, Psychologin und Alkoholikerin Afrodite (273) , die nach Kriegsende Leiterin der Haftanstalten für diejenigen Frauen wird, die auf Grund der Bestimmungen der Rechtsabrechnung verurteilt worden wa-

ren . Der Ich-Erzähler schildert das System der über das ganze Land verteilten Frauenhaftanstalten unter Leitung von Afrodite als norwegische Version des sovetischen Systems Gulag (274) . 

 

Nicht minder wichtig als Personenkonstellation und Handlungsgerüst sind in Bjørneboes Roman zahlreiche eingestreute Bemerkungen zum historischen Geschehen und viele Dialoge - bzw. Monologe - über politische Themen, bei denen der Gesprächspartner zumeist nicht mehr als ein Stichwortgeber ist . Dem Verfasser scheint es auf diese „Gespräche“ und Bemerkungen mehr als auf eine konzise Handlung angekommen zu sein , und so liegt auch in ihnen eine der wichtigsten Ursache für die schweren Kontroversen , die Bjørneboes  Roman Under en hårdere himmel ausgelöst hatte , und für die Undenkbarkeit , diesen Roman in deutscher Übersetzung erscheinen zu lassen .

Themen der Dialoge sind :

1.   die Unterwanderung des demokratischen Staates durch Linksradikale - d.h. a) durch Stalinisten , b) durch vom Stalinismus enttäuschte Kommunisten , die sich Ende der dreißiger Jahre infolge der Moskauer  Prozesse von der Kommunistischen Partei abgewendet bzw. losgesagt hatten , c) durch Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Norwegens ;

 

2.   das militärpolitische  und moralische Versagen der norwegischen Vorkriegsregierungen sowie das Problem , diese Regierungen (juristisch) zur Verantwortung zu ziehen ;

 

3.   die deutsche Besatzung , die norwegische Kollaboration , der norwegische Widerstand ;

 

4.   die Abrechnung mit den Anhängern Quislings und mit den norwegischen Kollaborateuren nach dem Krieg .

 

Im Kapitel „Tiden“ wird unter Wastrups VorsitzFrie Gymnasiasters Landsforbund“  gegrün-

det (275) , in dessen Leitungsgremium nach erheblichen Manipulationen nur Anhänger Wastrups , u.a. Jan , gewählt werden (276) . Jan hatte Cato auf dem Weg zur Gründungs-

versammlung versichert, man werde die Macht übernehmen und die Gesellschaft umbilden (277) . Dabei werde es zweifellos Tote geben - wenn auch viel weniger als in den Kriegen des Patriarchats und des Kapitalismus’ ; diese Toten werden die am wenigsten wertvollen Menschen , „die Wertlosesten“  sein (278) . Auf Catos Frage, wer hierüber entscheide, lautet Jans Antwort , daß dies die Psychologen seien.

Cato hatte schon zu Beginn dieser kurzen Gesprächssequenz betont, daß er in der von Jan erstrebten Gesellschaft nicht leben möchte (279) ; an deren Ende bezeichnet er Jans Vorstellungen als Unsinn  ( sprøyt , vrøvl  ) ; doch hat dieses kurze Gespräch eine weit über den Anlaß hinausreichende Bedeutung : Was Jan vor dem Krieg als neue Gesellschaft vorschwebt und was er anstrebt , wird er wenige Jahre später - nach dem Krieg - desillusioniert, energisch und mutig bekämpfen : Bei der Rechtsabrechnung wird die Psychologin Afrodite genau die Entscheidungen treffen , die Jan ihr im oben erwähnten Gespräch zugebilligt hatte . Cato zieht für sich die Konsequenz , in der neuen Gesellschaft nicht leben zu wollen , wie er dies im Gespräch angedeutet hatte , - daß man ihn darin hätte leben lassen , ist ohnehin zweifelhaft . Und Catos Vater wird zwar nicht - wie nach Jans Aussage zu erwarten oder befürchten gewesen war - am Laternenmast aufgehängt (280) , doch rettet ihn davor vermutlich nur der „rechtzeitige“ Krebstod .

 

Drei Dialoge des Romans behandeln die Frage, wie nach dem Krieg mit den norwegischen Kollaborateuren und mit den Mitgliedern von Nasjonal Samling (N.S.) , den norwegischen Nationalsozialisten, zu verfahren sei . In diesen drei Dialogen ist Jan einer der  Gesprächspartner.

 

Im  e r s t e n  unterhält er sich mit seinem Klassenkameraden (281) Oskar Storland (282) , einem derer , die auf der Gründungsversammlung von Frie Gymnasiasters Landsforbund  zu den von Wastrup ausgewählten Rednern gehört hatten (283) , Mitglied der Partei (284) und von dieser durch Wastrup bestimmt,die bürgerlich-konservative Provinzzeitung seiner Heimatstadt zu unterwandern (285) , weswegen er pro forma aus der Partei auszutreten hatte (286) ; später wird er an eine größere bürgerliche Zeitung in Oslo berufen . Storland sollte von Jan im äußersten Notfall an die Gestapo und deren norwegischen Helfershelfer verraten wer-

den (287) . Nach dem Krieg arbeitet er als Redakteur an der Osloer Boulevardzeitung , die eine Hetzkampagne gegen Jan anführt , nachdem dieser sich von der Partei getrennt hatte (288) . Storland wird durch den Zwiespalt zwischen seinem rechtlichen Denken, das in den Positionen,die er einst Jan gegenüber vertreten hatte, deutlich wird, und dem Parteiauftrag , Jan verleumden zu müssen , zum Alkoholiker (289) . Dieser Oskar Storland vertritt in einem Gespräch mit Jan wenige Stunden vor dem Sabotageakt gegen den deutschen Truppentransporter , mit dem Fransiskas Freund Wolfgang an die Front hätte zurückkehren sollen , einen legalistischen Standpunkt (290) : Die Abrechnung mit den Kollaborateuren und den Mitgliedern von Nasjonal Samling und deren Organisationen müsse sich strikt auf dem Boden bestehender Gesetze und Normen vollziehen . Für diejenigen , die Verbrechen begangen haben, gebe es hinreichend Strafnormen ; wer Mitglied von N.S.  ist und sich nichts zuschulden habe kommen lassen , müsse dagegen - auf der Basis geltenden Rechts - straffrei ausgehen (291) .

Jans Gegenposition basiert auf dem emotional verständlichen Rachestandpunkt ; er plädiert für Lynchjustiz : sinnvoll , ja notwendig seien drei Tage, während derer die Gesetze aufgehoben seien , drei Blutnächte (292) . Im Unterschied zu Jan weiß Oskar Storland , daß ein derartiges Verhalten Schleusen in einem Volk öffnen werde, die besser verschlossen blieben - nur so ist seine abschließende Bemerkung zu verstehen : „ det må vi ikke ha , for folkets skyld . De vil skade sig selv ved det . . . Vi må ikke ha noen blodnatt“ (293) .

 

Kurze Zeit später im Handlungsgefüge des Romans , am selben Abend , unmittelbar vor dem Beginn des Sabotageaktes, kommt es zu einem weiteren Gespräch Jans - diesmal mit seinem Onkel, dem Rechtsanwalt Leer (294) , dessen Sohn Eivind kurz zuvor vom deutsch-norwegischen Sicherheitsdienst zu Tode gefoltert worden war (295) und der selbst nach dem Sabotageakt , an dem Jan beteiligt ist, verhaftet und zur Vergeltung erschossen werden wird (296) . Leer vertritt - wider seine eigenen Gefühle (297) - dieselben Vorstellungen wie  vor ihm Oskar Storland . Zwei wesentliche Problemkreise bestimmen dieses Gespräch :

1.   die Todesstrafe für Spitzel, Folterer, Spione zugunsten Deutschlands ;

2.   die Bestrafung von Kollaboration und Mitgliedschaft in N.S. und deren Organisationen nach dem Krieg .

Für Leer ist fraglich, ob Norwegen sich völkerrechtlich überhaupt im Krieg befinde (298) ; überdies habe der Okkupant gemäß internationaler Abkommen durchaus Repressionsrechte (299) . Leer ist der Ansicht, daß die norwegischen Gesetze , wie sie bis zum 9.April 1940 gegolten hatten , weiterhin gültig seien - und in diesem fortgeltenden norwegischen Recht ist die Todesstrafe nicht enthalten . Deren Einführung lehnt er ab ; die Londoner Exilregierung, die sie beschlossen hatte , hält er für nicht befugt, eine derart weitreichende gesetzliche Neuregelung zu treffen . Ebensowenig gehe es aus juristischen Gründen an , nach dem Krieg - oder auch in ihm - rückwirkend geltende Strafbestimmungen zu erlassen und danach zu verfahren ; auch in diesem Falle hält er das Vorgehen der Londoner Exilregierung, die das Strafrecht um-schreibe, für inakzeptabel (300) .

Leer ist typischer Vertreter einer streng rechtlich denkenden Juristentradition, die situationsbedingte oder populistisch opportune Manipulationen des Rechts ablehnt , selbst wenn er das Fehlen von Strafbestimmungen für sich neu ergebende Tatbestände (z.B. Kollaboration) bedauert .

Dieses Denken durchzieht das gesamte Gespräch, das ausgeht von der Ermordung bzw. Hinrichtung von Spitzeln (angivere ) (301) . Dies ist für Leer deshalb inakzeptabel, weil weder zuvor die Schuldfrage (skyldsspørsmålet ) geklärt noch für diesen Tatbestand die Todesstrafe vorgesehen ist, mag für Norwegen nun der Kriegszustand gelten oder nicht .

Jan , eher Stichwortgeber als Dialogpartner , erwidert nun, daß dann auf jeden Fall nach dem Krieg mit den norwegischen Nationalsozialisten nach Recht und Gesetz (efter lov og rett ) abzurechnen sei (302) .

Gerade dies könne nach norwegischem Recht nicht geschehen , antwortet der Onkel, es sei denn, es lägen Verbrechen wie Körperverletzung oder Spionage oder auch Denunziation vor (303) . Die bloße Mitgliedschaft in einer (auch vor dem Kriege) legalen Partei sei nicht strafbar ;

so unbegreiflich nationalsozialistische Vorstellungen auch für viele seien , Schuld im strafrechtlichen Sinne ergebe sich nicht aus ihnen (304) ; halte man die Mitglieder von N.S. auch für Verräter , im juristischen Sinne seien sie es nicht (304) ; und überdies gelte, daß die meisten Mitglieder von Nasjonal Samling in gutem Glauben handelten und ohne subjektive Strafschuld seien (306) . Kurz darauf relativiert Leer diese Aussage ; seiner Ansicht nach wüßten viele Angehörige nationalsozialistischer Organisationen durchaus Bescheid über die nationalsozialistischen Verbrechen und billigten diese durch ihre Mitgliedschaft - strafbar aber sei dies, leider, nicht (307) . Auch nach dem Krieg müsse man sich an die (bestehenden) Gesetze halten , „så ydmykende og avskyelig hele dette skuespillet er“ (308) ; daran könne auch die Londoner Exilregierung nichts ändern (309) - selbstverständlich könne man neue Gesetze machen, aber nicht mit rückwirkender Kraft , sondern nur solche, die die gegenwärtigen Erfahrungen für zukünftige vergleichbare Fälle nutzbar machten (310) . Alles andere wäre „en selvopgivelse som var værre enn alt annet“ (311) ; Selbstjustiz lasse denjenigen, der sie begeht, genau so schuldig wie die Gewaltverbrecher werden . Man müsse sich darein finden , in einem Rechtsstaat zu leben . Dies bewußt und deutlich zu machen - Rückgrat zu zeigen - , sei Aufgabe von Regierung und Presse, die populistischen und populären Vorstellungen nicht nachgeben dürften . Gelinge dies, so - mit reinen Händen und (rechtlichem) Rückgrat - den Übergang vom Krieg zum Frieden zu gestalten , habe man einen großen Sieg gewonnen . Dies müsse nicht etwa wegen der norwegischen Nationalsozialisten, sondern ausschließlich um der nicht kompromittierten, der integeren Norweger , d.h. um des größten Teils des norwegischen Volkes willen geschehen (312) - eine Position , die mit Oskar Storlands Ansicht korrespondiert, wonach man auf Lynchjustiz verzichten müsse „for folkets skyld. De vil skade sig selv ved det“ (313) .

Je stärker Leer traditionelle Rechtspositionen betont, desto mehr gewinnt der Leser den Eindruck, daß es ihm weniger um Jans Einwände geht  (Jan sähe am liebsten die Todesstrafe (314) für die Angehörigen der norwegischen nationalsozialistischen Organisationen ; er redet dem Brandmarken (315) oder Ohrenabschneiden (316) , kurz der Lynchjustiz (317) , das Wort ) , sondern daß er ahnt , daß sein rechtliches Denken „altmodisch“ , „überholt“ ist und daß nach dem Krieg gerade die entgegengesetze Entwicklung einsetzen , daß populistischen Forderungen nachgegeben werde (318) .

Leer unterliegt ; er, der scharf zwischen dem äußerst korrekten Verhalten der Wehrmacht einerseits und den Verbrechen des Sicherheitsdienstes und der Gestapo andererseits unterscheidet (319) , wird nach dem Sabotageakt, an dem Jan maßgeblich beteiligt war und vor dem er Jan abzuhalten versucht hatte (320) , verhaftet und zur Vergeltung mit elf anderen hingerichtet (321) . Sein Tod steht u. a.  für das Ende seines Rechtsdenkens und seiner Rechtsvorstellungen nach dem Krieg . Wie von ihm geahnt, wird rettsoppgjøret  (die Rechtsabrechnung) ein hevnoppgjør (eine Rache- oder Vergeltungsabrechnung) (322) .

Der Patriot Leer (323) , dem keine Hilfe von seiten des norwegischen Widerstandes zuteil wird , den kein norwegischer Sozialist nach London oder Stockholm rettet, geht an seiner Haltung ebenso zugrunde - wenn auch ehrenvoll in den Augen der Mit- und Nachwelt - wie der patriotische Major , den sein Patriotismus aus Verzweiflung über die Politik der norwegischen Sozialisten zu Nasjonal Samling geführt hatte .

Sieger bleiben die anderen, für die das Recht keinen Wert an sich besitzt , sondern als Manövriermasse dient - letztlich um ihr eigenes Versagen zu kaschieren .

Dies wird deutlich im d r i t t e n  Dialog, den Jan über das Problem der rechtlichen Behandlung der Kollaboration von Norwegern mit den Deutschen führt . Dieser Dialog findet in London statt mit Wastrup, Jans ideologischem und politischem Ziehvater und Überich , von dem Jan sich allerdings innerlich zunehmend entfernt sowohl auf Grund der beiden Gespräche mit Oskar Storland und seinem Onkel (324) als auch durch seine Erfahrungen in Schweden, nachdem er wegen seiner Beteiligung am Sabotageakt gegen den deutschen Truppentransporter dorthin hatte fliehen müssen bzw. hatte fliehen können (325). Nach Jans Einblicken in die Korruption und die Menschenverachtung der demokratischen norwegischen Institutionen und seiner Partei in Stockholm und - etwas später -  in London (326) fallen die Gedanken seines Onkels zunehmend auf fruchtbaren Boden , so daß sich die Argumentationsfronten verkehren.

Wastrup lebt in London nicht als einflußloser Emigrant, sondern er erweist sich für Jan als ein - oder  der - Mann, der hinter den Kulissen großen Einfluß auf die norwegische Exilregierung ausübt (327) . Der Dialog zwischen Jan und Wastrup hat seinen Ausgangspunkt in dem von Jan angeschnittenen Problem der (Mit-)Verantwortung der norwegischen Regierungen der zwanziger und dreißiger Jahre an dem militärischen Desaster des Frühjahrs 1940 und einer möglicherweise sich daraus ergebenden juristischen Aufarbeitung dieser Verantwortung nach dem Krieg (328) . Jans kritische Fragestellung setzt Wastrup durchaus nicht in Erstaunen ; seine Antwort zeigt, daß es gerade dieses Problem ist, das ihn  umtreibt und womit er sich beschäftigt . Wastrups juristische Arbeit scheint danach vor allem das Ziel zu verfolgen, eine Aufarbeitung der Vorkriegsversäumnisse nach dem Krieg zu verhindern , eine Diskussion darüber nicht aufkommen zu lassen und eine Anklage gegen Mitglieder der norwegischen Exilregierung unmöglich zu machen , indem der Volkszorn - beispielsweise mit Hilfe der Presse (329) - auf andere Objekte gelenkt wird (330) . Wastrups Ausführungen - er monologisiert über eine halbe Stunde (331) - erfährt der Leser alein aus Jans Reaktion, aus seinen Einwänden . Wastrups Vorstellungen für die Nachkriegszeit kulminieren in dem Vorschlag einer Amnestiegesetzgebung für diejenigen, die sich während der Besatzungszeit kompromittiert hatten . Doch hat Wastrups Amnestiebegriff mit dem üblichen juristischen Begriff einer Amnestie nichts gemein . Wastrup geht bei seiner Pervertierung eines international verwendeten juristischen Begriffs davon aus , daß Amnestie à priori rückwirkende Kraft habe (was nicht korrekt ist) . Diese rückwirkende Kraft ist Wastrups Ansatzpunkt, da er  in das norwegische Rechtssystem der Nachkriegszeit das Prinzip rückwirkend geltender Gesetze einführen möchte , um mit deren Hilfe die Besatzungszeit juristisch aufarbeiten zu können . Eine derartige Amnestiegesetzgebung sollte die (wiedereinzuführende) Todesstrafe, die lebenslange Haftstrafe, Enteignungen und Geldstrafen für norwegische Nationalsozialisten ermöglichen . Eine derartige Gesetzgebung hält Wastrup zudem für besonders milde, denn „ellers måtte vi dømme alle  til over tre år“ (332) . Jans Einwände beziehen sich auf die Rückwirkung von Gesetzen, auf den Verzicht auf eine subjektive Strafschuld sowie auf die Gesetzgebungskompetenz der Mehrheit des norwegischen Obersten Gerichtes (333) .

Nach dem Krieg - in der Phase der gerichtlichen Auseinandersetzung mit den norwegischen Nationalsozialisten - ist es das von Wastrup in London erdachte und geformte Rechtssystem mit seinen Ausnahmegesetzen und -verordnungen und insbesondere mit der Todesstrafe , das Jan , nunmehr Rechtsanwalt (334) , mit Leers Argumenten bekämpft . Überdies verteidigt er samarbeidsfolk (Kollaborateure) , ohne deren Taten zu verharmlosen . Durch dieses Abweichen von der norwegischen Norm - die Rechtsabrechnung hatte in der norwegischen Öffentlichkeit großen Rückhalt (335) -  , und wegen seiner Opposition gegen die herrschende politische Eli-

te , insbesondere die Arbeiterpartei , wird Jan fast zum Außenseiter in der norwegischen Gesellschaft, wozu maßgeblich eine heftige Pressekampagne gegen ihn beiträgt, die von seinen ehemaligen Gesinnungsgenossen , vor allem Wastrup , gesteuert wird (336) .

Der Roman thematisiert einerseits Jans  - vergeblichen - Kampf gegen die Todesstrafe , die er als rechtspolitischen Rückschritt sieht (337) , der Norwegen unwürdig sei (in diesem Kampf findet er Unterstützung bei einem Teil der geistigen Elite des Landes) , andererseits seine generellen Einwände gegen das neue Rechtssystem der Nachkriegszeit, die er in einem Memorandum veröffentlicht, aus dem der Erzähler fünf Punkte mitteilt (338) :

1.     Die Landesverratsverordnung ist von einer Exilregierung in England ohne Ermächtigung durch Storting (339) oder die norwegische Öffentlichkeit verfaßt und in Kraft gesetzt worden und stellt damit einen Bruch von § 17 der norwegischen Verfassung sowie völkerrechtlicher Bestimmungen dar .

2.     Die Landesverratsverordnung hat rückwirkende Kraft - ein Verstoß nicht nur gegen die norwegische Verfassung , sondern auch gegen demokratisches Rechtsempfinden .

3.     Die Einführung des Begriffs kollektive Strafschuld  (340) .

4.     Die absolute Geltung des Prinzips der Generalprävention statt des demokratischen Prinzips der Spezialprävention (341) .

5.     Der Bruch des Gleichheitsprinzips, weil Mitglieder von Nasjonal Samling und ‘Nichtmitglieder’ vor dem Gesetz nicht gleich sind , indem eine Handlung , die nicht strafbar ist, wenn sie ein ‘Nichtmitglied’ begangen hatte, automatisch strafbar wird , wenn sie einem Mitglied von Nasjonal Samling vorzuwerfen war .

 

Wie sich in den skizzierten drei Dialogen zwei Rechtsauffassungen bzw. Rechtspositionen antagonistisch gegenüberstehen , so werden im Handlungsablauf für die Zeit nach dem Krieg zwei entgegengesetzte Verhaltensmuster thematisiert : Dem gelassenen , gelösten Verhalten der norwegischen Bevölkerung unmittelbar nach der deutschen Kapitulation (342) wird die hitzige , angespannte, rachedurstige Atmosphäre kurze Zeit später nach der Rückkehr der Exilregierung aus London mit ihrer Politik der Abrechnung gegenübergestellt .

Die Kapitelüberschrift „De hellige tre dager“  (343) signalisiert dem Leser , wo die Sympathie des Erzählers , der zentralen Figur Jan und Bjørneboes  liegen . Auf zwei Seiten schildert der Erzähler in enthusiastischem Ton die Freude der Norweger über das Ende von Krieg und Besatzungszeit , ihr unaggressives Feiern , ihre Gelöstheit und Freundlichkeit untereinander - und auch gegenüber den besiegten Deutschen (man spricht auf einmal wieder freiwillig Deutsch) - ; erwähnt wird ausdrücklich das Fehlen von Ausschreitungen .

Dieses schöne Gegenbild zur Besatzungszeit , das den Unterschied von Unterdrückung und Freiheit eindrucksvoll hervorhebt , wird abrupt zerstört durch den Satz des Erzählers :  „Det var visst den fjerde dagen engelskmennene våre kom hjem igjen“  (344) . „Unsere Engländer“ (engelskemennene våre ) , dem Norwegischen Fremdgewordene , leiten eine neue, weitere repressive Phase in der Geschichte Norwegens ein - gut doppelt so lang wie die Besatzungszeit . Freude, Jubel, Dankbarkeit (glede, fryd, jubel, takknemlighet) (345) verwandeln sich unter dem Einfluß der Exilpolitiker und mit Hilfe von Pressekampagnen (346) in Haß und Rache(durst) und den Schrei nach Vergeltung (hat, hevn, gjengjeldelse) . Die Gefängnisse füllen sich erneut - mit mehr Gefangenen als während der Besatzungszeit (347) : eine Verhaftungs- (348) und Prozeßlawine (349) rollt gegen alle, die Beziehungen zu den Deutschen hatten - angefangen von den Mitgliedern der Quislingregierung bis hinunter zu den Freundinnen deutscher Soldaten, die in der Presse als Deutschenhuren (tyskertøs) (350) und als zumeist schwachsinnig (åndssvak) bezeichnet werden . Bei den Verhaftungen , oft von schwerbewaffneten (352) Jugendlichen vorgenommen (353) , kommt es zu zahlreichen Übergriffen und Demütigungen (354) ; viele Menschen werden schuldlos , fälschlich verhaftet (355) , viele begehen Selbstmord (356) . In den Gefängnissen herrschen schlimme Zustände ; Schikanen sind an der Tagesordnung (357) .

Der Erzähler konstatiert diese Vorgänge einerseits abstrakt , andererseits exemplifiziert er sie an den Personen des Handlungsbereiches des Romans :

Cato erlebt das Kriegsende schwer verletzt in einem Osloer Lazarett ; er wird in ein ehemaliges deutsches Konzentrationslager gebracht , wo er sich das Leben nimmt, als er von der Verhaftung seines Vaters und seiner Schwester hört (358) ; von seinem Tod erfährt Fransiska erst sehr viel später , da Gefangene keine Post empfangen durften (359) .

Fransiska wird in der Presse als tyskertøs  und Denunziantin durchgehechelt ; ihr wird vor allem übelgenommen,  daß sie sich zu ihrer Liebe zu Wolfgang bekennt - zu einer Liebe, die sie höher als  fedrelandet  achtet (360) . Initiator und Verfasser des ersten Artikels über Fransiska ist der einstmals feinfühlige und gerecht denkende Oskar Storland , „og han gjorde det slik som det var presseskikk overalt den gangen“ (361) . Fransiskas Verhaftung , ihre Verurteilung und Strafverbüßung sind Thema des Kapitels „Afrodites ø“ (Afrodites Inselreich oder : Afrodites Archipel Gulag ) (362) . Ulf, der Sohn von Fransiska und Wolfgang, wächst in Pflegefamilien auf, geächtet als Sohn einer Deutschenhure . Am Ende des Romans, als Jan und Fransiska heiraten, wird er von Jan adoptiert (363) .

Der Major wird ebenfalls unmittelbar nach Beginn der Verhaftungswelle festgenommen ; obwohl schwer erkrankt, wird ihm keine ärztliche Hilfe zuteil ; man versucht ihn durch Strafexer-

zieren und dadurch, daß man ihn auf dem Exerzierplatz robben läßt, zu heilen . Vor Gericht sollte er sich verantworten wegen seiner Mitgliedschaft bei Nasjonal Samling und wegen seiner Artikel über die Verfehlungen der Vorkriegsregierungen  (364) . Bevor es zur Eröffnung eines Prozesses kommt, stirbt der Major (365) .

Der Prozeß gegen Ross, den Seefahrtsminister in der Regierung Quisling , wird in der Presse breit abgehandelt - „der bragte avisene både bilder fra rettsalen og aktors tale i sin heltet! (366) .

 

Die Erkenntnis, wonach alle tyskertøs  schwachsinnig seien, verdankt der Leser der führenden Psychiaterin (fremtredende psykiater ) , der Alkoholikerin, Nymphomanin und Psychopathin, Wastrups Lebensgefährtin Afrodite, die die Aufsicht über alle „sexuellen Landesverräterinnen“ (de kvindelige, seksuelle landssvikere ) erhält . Bjørneboe läßt sie Herrscherin über eine eigene Gefangeneninsel bzw. eine  Gefangeneninselgruppe werden , einen norwegischen Archipel Gulag mit Verhältnissen, die dem sovetischen Archipel Gulag kongeniel sind (367) .

 

Bjørneboe arbeitet gerne dialektisch ; Kontraste werden scharf gegeneinandergesetzt . Wie er die nahezu idyllischen „hellige tre dager“  der erhitzten rettsoppgjør-Stimmung gegenüberstellt (368) , so erwähnt er im Kapitel „Afrodites ø“ Presseberichte über die Schrecken der deutschen Konzentrationslager und über die Verhöre norwegischer Gefangener durch deutsche Sicherheitskräfte (369) , um anschließend das Schicksal der durch die Rechtsabrechnung belangten Gefangenen zu schildern, das in vielem dem ähnelt, was vermutlich die genannten Presseberichte unter anderem Vorzeichen enthalten (370) . Bjørneboes Bemerkungen über das Nachkriegsgeschehen wirken dabei nicht selten ironisch oder zynisch . So beginnt das Kapitel „Afrodites ø“ mit dem Satz (371) : „På denne tid var det avisene skildret alle redslene fra de tyske koncentrasjonsleire og fra det tyske politis forhør av norske fanger . Daglig stod der nye ting å lese om det, og det var tydelig for alle at noen måtte straffes for det“ . Und im zweiten Absatz der ersten Seite des Kapitels „Majoren“ heißt es nach der Beschreibung der Verhaftung des Majors (372) : „Det var ikke nødvendig å bruke våpen mot ham , som mot enkelte andre , og det er vel også mulig at guttene våre tok litt hårdere i ham enn det strengt tatt behøvdes . I det hele tatt forekom det av og til at iveren gikk litt for langt under arrestasjonene i de dagene , og mange av de unge mennene som hentet lanssvikerne og stuet dem op i lastbilene, hade jo først fått utlevert våpen efter at tyskerne hadde kapitulert . En del blev også arrestert feil fortelles det , og hadde et svare strev med å slippe ut igjen efterpå . . .“ .

Am Ende des Romans (373) läßt Bjørneboe seine literarische Figur Jan dem Ich-Erzähler von einem Gespräch mit Wastrup berichten, das allem Anschein nach vor nicht allzu langer Zeit geführt worden war . Darin vertritt er die für viele (norwegischen) Leser vermutlich schockierende These, daß die Besatzungszeit nicht nur eine Zeit von Unterdrückung und Schrecken gewesen sei , sondern daß „mange mennesker tenkte på krigen og okkupasjonen med et visst vemod i dag . Bortsett fra at det var redselsfullt, så var det en god tid også, en stille tid, hvor folk kom sammen til huskonserter og poesiaftener . . . frem for alt sa jeg at tiden var så god, fordi Wastrup og sammensværgelse hans befant sig i Stockholm og London“ .

 

 

Was veranlaßte Bjørneboe, den Roman Under en hårdere himmel zu schreiben, da Sympathien für den Nationalsozialismus und dessen norwegische Spielart auszuschließen sind, wobei man gar nicht auf  Bjørneboes Buch Før hanen galer als Beleg für die antinazistische Einstellung des Verfassers zu verweisen braucht, da der hier im Mitteipunkt stehende Text schonungslos, klar und deutlich von Verbrechen , die Deutsche und ihre norwegischen Helfershelfer während der Besetzung Norwegens begangen hatten , berichtet und sie zu einem der zentralen Themen seines Buches macht (374) ?

Vorstellbar sind drei Ursachen :

1.     Bjørneboes Wunsch, sich auseinanderzusetzen a) mit der Selbstgerechtigkeit vieler Norweger in ihrem Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen  , b) mit zeitgenössischen norwegischen Lebenslügen , c) mit dem Messen mit zweierlei Maß in der Bewertung von Unrechtstatbeständen .

2.     Bjørneboes Mitleid mit den Schwachen, den Außenseitern und Ausgestoßenen einer Gesellschaft .

3.     Bjørneboes   prinzipielle Auseinandersetzung mit den Begriffen Schuld  und Schuldigwer-den .

 

Wie für Schweden , so spielte - wenn auch in geringerem Maße - für Norwegen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine gewisse Orientierung an Deutschland eine Rolle . So setzt der Erzähler des Romans als selbstverständlich voraus, daß das mittlere und gehobene Bürgertum gute Kenntnisse des Deutschen besitzt oder diese Sprache sogar beherrscht (375) . Reisen nach Deutschland scheinen nicht unüblich gewesen zu sein (376) . Und der große Einfluß der Konjunkturschwankungen der deutschen Wirtschaft auf das norwegische Wirtschaftleben wird im Roman expressis verbis erwähnt . Wodurch und zu welchem Zweck Deutschland die Folgen der Wirtschaftskrise - insbesondere auch die Arbeitslosigkeit - nach 1933 relativ rasch überwindet, wird im Vorkriegs-Norwegen nicht kritisch erörtert, solange nur die eigene Wirtschaft und Arbeitslosenstatistik von der deutschen Entwicklung profitierten (377) .

Folgt man dem Roman, ist Vorsorge  für eine militärische Auseinandersetzung mit Deutschland nicht getroffen worden . Statt dessen hat der unreflektierte Pazifismus der sozialistischen Arbeiterpartei zur Verteidigungsunfähigkeit eines Landes geführt, dessen Topographie gute Voraussetzungen für eine militärische Auseinandersetzung mit einem Aggressor geboten hät-

te . Der Antifaschismus der Linken sei vor allem deklaratorisch gewesen, instrumentalisiert für den innenpolitischen Gebrauch ; die Erfahrungen der Spanienkämpfer seien zum Propagandakult verkommen (378) .

Als positives Gegenmodell zur norwegischen Entwicklung wird vom Erzähler wiederholt auf Finnland verwiesen (379) .

Schuld an der politischen und militärischen Entwicklung des Jahres 1940 haben somit weniger die Deutschen als die in den dreißiger Jahren regierende politische Eliten, und somit geht es in dem Roman Under en hårdere himmel  gar nicht so sehr um den deutschen Sieg als um die selbstverschuldete norwegische Niederlage, deren Verantwortliche nach dem Krieg dringend Sündenböcke für ihr eigenes Fehlverhalten brauchten und suchten , um nicht selbst zur Verantwortung gezogen zu werden (380) . Der eigenen Haut wegen also , um sich selbst zu retten, wird gegen andere rücksichtslos vorgegangen - und zwar mit Methoden, wie sie kurz zuvor von den Deutschen und deren norwegischen Verbündeten zur Sicherung ihrer Macht angewendet worden waren .

Die „Rechts“grundlage der norwegischen Nachkriegsdemokratie für dieses Vorgehen war ebenso zweifelhaft wie die der ehemaligen Besatzungsmacht, ja noch zweifelhafter, weil sich die neuen Machthaber vorgeblich demokratischen Traditionen verpflichtet fühlten, mit denen weder rückwirkende Gesetze noch eine außerparlamentarische Gesetzgebung vereinbar

sind .

Dem Roman zufolge waren es die politische Vorkriegselite und die von ihr instrumentalisierte und gesteuerte Presse, die in populistischer Manier erst die Atmosphäre für die Rechtsabrechnung mit allen Mitgliedern nationalsozialistischer Organisationen und mit den Freundinnen deutscher Soldaten schufen .

Nicht belangt wurden dagegen alle Zusammen-Arbeiter mit den Deutschen, die dies ohne innere Zustimmung zu den Vorstellungen von Nasjonal Samling getan haben oder - wohl besser - hätten . Dies betraf u.a. die Arbeiter - zumeist Mitglieder der sozialistischen Gewerkschaft - , die für die Wehrmacht noch während  der Kämpfe zwischen deutschen und norwegischen Truppen gegen gute Bezahlung zerstörte Flugplätze und militärische Anlagen repariert oder neue errichtet hatten . Von echten Kollaborateuren unterschied sie ihre - vemutete - reservatio mentalis (381) . Abgesehen von der Einschätzung der Tätigkeit dieser Arbeiter, zeigt sich an diesem Beispiel, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der norwegischen Bevölkerung sich durchaus nicht im Widerstand gegen die Deutschen befand.

 

Jan führt die norwegische Rechtspraxis nach dem Krieg auf kommunistischen Einfluß zurück und spricht im Zusammenhang mit der Generalprävention von Moskva-jus  (382) .

Jans Ziehvater Wastrup gehörte ursprünglich der Kommunistischen Partei an ; sein  -schein-

barer - Bruch mit dieser Partei und sein Übertritt zur Arbeiterpartei bedeutet Jan zufolge nicht, daß Wastrup sich von seinen stalinistischen  Ansichten gelöst hatte . Sein Ziel sei es gewesen , die Arbeiterpartei und Norwegen zu unterwandern, die norwegische Verfassung für seine Zwecke zu instrumentalisieren (383) .

Ein gewichtiges Thema des Romans ist somit auch die Auseinandersetzung mit dem sovetischen System, mit dem kommunistischen Denken - sei es in norwegischen kommunistischen Organisationen , sei es in der von Kommunisten unterwanderten norwegischen Arbeiterpartei (384) - , mit der verbreiteten positiven Beurteilung der Sovetunion (nicht zuletzt bei den Intellektuellen) . In dieser Hinsicht teilt Bjørneboe  weitgehend die Positionen seiner literarischen Figuren (Jan, Major) .

Thematisiert werden die Moskauer Prozesse (385), das sovetische Verhalten in Finnland, in den baltischen Staaten  und in Polen , das Figuren des Romans mit dem deutschen Vorgehen gleichsetzen , das kollaborative Verhalten der norwegischen Kommunisten nach Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes, als sie „gikk inn for et varmt og aktivt samarbeide med okkupantene, og mange fant det fornunftig“ (386) . Daß die norwegische Linke nicht dagegen protestierte, daß deutsche Kommunisten von Stalin an Hitlerdeutschland ausgeliefert worden waren (387), läßt jegliches Vertrauen in die norwegische radikale Linke , die - wie erwähnt - zum Teil der norwegischen Arbeitetpartei beigetreten war und sie unterwanderte, schwinden .

Nach dem Krieg war es diese stalinistisch beeinflußte Personengruppe, der demokratisches Denken fernlag, die vehement hinter der Rechtsabrechnung stand .

Auch in dieser Frage geht es Bjørneboe weniger um deutsches Fehlverhalten, deutsches totalitäres Denken und deutsche Schuld als um das Fehlverhalten und die Schuld und totalitäres Denken einheimischer Intellektueller und Politiker , das opportunistisch verschwiegen werden konnte, weil die Schuld anderer aufgearbeitet und gesühnt werden mußte oder konnte . Die Selbstgerechtigkeit des Nachkriegsnorwegens ; die Meinung der Norweger, in allem richtig gehandelt zu haben und eine weit höhere Moral als die Deutschen zu besitzen ; die norwegische Lebenslüge von einem (ganzen) Volk im Widerstand, dem sich nur ganz wenige (zumeist sozial Dklassierte) verweigert hätten ; die Vorstellung von einer Gesellschaft, deren Basis stets ein spezifisch nordisches Demokratie- und Rechtsverständnis gewesen sei ; die Ansicht der norwegischen Arbeiterpartei, daß ihre Führungskräfte nie totalitären stalinistischen Ideen erlegen seien, sind ebenso Angriffsziel Bjørneboes  wie die Tendenz, mit zweierlei Maß zu messen, indem der totalitäre Stalinismus und das Verhalten der Sovetunion gegenüber den eroberten Völkern nicht ebenso schroff und unerbittlich abgelehnt werden wie die Unterjochungspolitik des Nationalsozialismus (388) .

 

Bjørneboes  Werk kennzeichnet generell ein Grundthema, das man als Mit-Leiden mit Schwachen, Außenseitern, Ausgestoßenen bezeichnen kann (389) . Diesen Grundzug enthält zu einer speziellen Thematik auch sein Roman Under en hårdere himmel . Wenn dieser Roman hart mit rettsoppgjøret ins Gericht geht, so nicht deswegen, weil die Verbrechen der Besatzungszeit nicht juristisch gesühnt werden sollten - eine schwere Bestrafung von Verbrechen und Verbrechern nach dem Anfang 1940 geltenden norwegischen Recht steht für Bjørneboe  außer Frage, wie er dies auch alle Figuren des Romans äußern läßt, die hierzu Stellung nehmen . Doch handelt der Roman im Zusammenhang mit der Rechtsabrechnung vor allem von der Verfolgung der Deutschenhuren (tyskertøs  ) und der Ausschließung von deren Kindern, den Hurenkindern oder tyskerunge , aus der norwegischen Nachkriegsgesellschaft (390) .

 

Bjørneboe  widmet sein Buch denen, die zu jung sind, um mitschuldig sein zu können , und damit ist Schuld  ein Schlüsselbegriff des Romans Under en hårdere himmel . Schuldig geworden ist in diesem Roman nahezu jeder Jugendliche und Erwachsene .

Thematisiert wird Bjørneboes Schuldbegriff vor allem in Jans langem Schlußmonolog (391) - im Anschluß an die Kapitel über tyskertøs und tyskerbarn . Jan entwickelt aus seinem Mit-Fühlen für diese Frauen und Kinder - in geistiger Abhängigkeit von Otto Weininger (392) -  seine Vorstellung, wonach alles Männliche revolutionär sei und auf Zerstörung hinauslaufe (eine These, die im übrigen im Roman schon Fransiska auf Grund ihrer Erfahrungen als Krankenschwester in deutschen Lazaretts vertreten hatte (393) ) . Dieses Zerstörerische des männlichen Prinzips beruht auf dessen Prinzipientreue zu einer Idee oder einer Ideologie gegenüber, die, koste es, was es wolle, verwirklicht zu werden verlange . Diese Ideen und Ideologien bezeichnet Bjørneboe  als abscheuliche politische Leidenschaften, von denen Menschen besessen sein können und um derer willen sie andere verraten . Das Zeitalter der Ideologien sei deshalb ein Zeitalter des Verrates und der Verräter (394) . Was den Ideologen und den von ihren Ideen Besessenen fehlt, ist die Liebe zu den Menschen ; statt dessen liebten sie die „Menschheit“ , also abstrakte Prinzipien (395) . Dieses Denken in ideologischen Mustern, in abstrakten Begriffen ist für Bjørneboe  teuflisch, worauf auch Begriffe wie „besessen“ (396) oder  „Tausendjähriges Reich“ (397) deuten ; d.h., es ist für Bjørneboe  nicht nur ein irgendwie wirkendes teuflisches Prinzip, sondern es ist der Teufel selbst, der durch seine Auserwählten handelt (398) . Seine Auserwählten hat er  fest im Griff (399) ; das Teuflische  (Satanische) färbt auf sie so ab, daß es sichtbar wird (400)  . Wirksam werden sieht Jan das Denken in ideologischen Mustern vor allem in Wastrup (Lillesatan) , aber auch im Major, in Cato, in Willi Randstad (401), kurz, in allen durch und durch männlichen Männern , in den „absoluten Männern“ (402) . Je mehr in einem Mann das männliche Prinzip dominiere, desto ideologi-scher ,d.h. teuflischer, verhält er sich (403) - und dies gilt auch für Frauen, in denen der männliche Teil stark ist oder die sich in einem Emanzipationsprozeß „vermännlichlichen“ ließen , z.B. Afrodite (404) .

Das weibliche Prinzip dagegen ist antizerstörerisch, lebenbewahrend, steht für verständnisvolles Zusammenleben, für das Überwinden von Haß und Gegensätzen . Gerade dies hätten die tyskertøs  geleistet . In ihnen - so auch in der letztlich unpolitischen Fransiska -habe das weibliche Prinzip in seiner konsequentesten Form gewirkt (405) .

Jan, die einzige differenzierte Figur des Romans, die einzige Person, die nachvollziehbar einen Wandel durchmacht, die bei aller Anfälligkeit in der Jugend für vulgämarxistische Vorstellungen nie aufgibt, in der Bibel zu lesen und an Gott zu glauben (406), hat in sich einen nicht unerheblichen weiblichen Anteil, was ihm Fransiska während ihrer ersten intensiveren Begegnung in der Schulzeit schon gesagt und was er  - widerstrebend - eingeräumt hatte (407) .

 

Bjørneboe  hat einen Roman geschrieben , wenn auch einen historisch-politischen , keine wissenschaftliche Arbeit über die Geschichte Norwegens seit dem 9. April 1940 , und doch scheint Bjørneboes  Buch von 1957 , das mehrfach Neuauflagen erlebt hat , authentischer, präziser und wahr(haftig)er zu sein als viele scheinbar wissenschaftliche oder populärwissenschaftliche norwegische Texte über diese Zeit ( Bjørneboes  Blick auf die norwegische Geschichte, die Erfahrungen seiner literarischen Figuren während der Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit sind durch die neuere historische Forschung in vielem bestätigt, zumindest nicht widerlegt worden ) . Die Thematik, mit der sich Bjørneboe  beschäftigt, wird mit ihrem kritischen Ansatz in der norwegischen Publizistik erst viel später aufgenommen - in den achtziger und neunziger Jahren - , und selbst dann galt es als wagemutig, heiße Eisen wie das Schicksal der tyskertøs oder tyskerbarn  anzufassen (408) . Das Schicksal Fransiskas in Bjørneboes  Roman ist in vielem paradigmatisch, prototypisch, signifikant für das Schicksal aller norwegischen Frauen in ähnlicher Situation . Rückwirkende Gesetze (409) , Verleumdung (410), Geschichtsklitterung (411) , von den Deutschen übernommene rassistische  Vorstellungen (412) über Abstammung, Volkszugehörigkeit etc. prägten Storting und norwegische Regierung, vor allem aber die norwegische Justiz sowie die in den Medien veröffentlichte Meinung - und dies nicht nur während der eigentlichen Nachkriegszeit . Während die norwegischen Männer, die als tüchtige, fleißige und äußerst zuverlässige Arbeiter den Deutschen dienten (413) , während die Bauern und Fischer und Kaufleute und Handwerker, die die Besatzungstruppen gut versorgten, während die Industriellen, die mit der Besatzungsmacht zusammengearbeitet hatten, und zwar ausgesprochen gewinnbringend, weitestgehend ungeschoren davonkamen (414) , traf gerade diese Maßnahme, das Geschorenwerden (415), als „Vorstrafe“ der eigentlichen Strafe, diejenigen norwegischen Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten (416) , traf eine massive „Eisfront“ der „guten Norweger“ die Kinder aus diesen Verbindungen (417) . Dabei handelte es sich nicht, wie heute oft behauptet wird, um spontane Racheakte, sondern um inszenierte Aktionen der Lynchjustiz gegen Hunderte, wenn nicht Tausende tyskertøs  , vorbereitet, durchgeführt und begleitet von der norwegischen Widerstandsbewegung, deren Maßnahmen vom Parlament, von Regierung, Presse und Justiz zumeist gebilligt, wenn nicht - wie im Fall der Presse - sogar bejubelt wurden (418) .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Titel seiner Rezension des norwegischen Romans  Der Anschlag von Jon Michelet  wählt Jörg Thomann  in der FAZ die Zeilen  Im Lande der Quislinge  und als Untertitel Düsterer Prophet : Jon Michelet bewältigt norwegische Geschichte (419) . Doch nichts weniger als das geschieht in diesem 1976 unter dem Titel Jernkorset (420) erschienenen Roman, für den norwegische Alt- und Neo“nazis“ nur ein interessanter Hintergrund sind, auf dem die in der maoistischen AKP-ml organisierten radikalen Linken der siebziger Jahre und deren Ideenwelt vorgestellt werden können . Die wenigen Seiten über die einheimische Kollaboration mit den Deutschen während der deutschen Besetzung Norwegens wirken plakativ und sind in ihrem Informationsgehalt eher dürftig ; die Geschichte der Rechtsabrechnung mit den Kollaborateuren wird weitestgehend ausgespart (421) , so daß der Leser, der mit der norwegischen Geschichte nicht vertraut ist, den Eindruck gewinnen muß - und diesen Eindruck soll  er erhalten - als seien mit der Ausnahme Quislings alle norwegischen Kollaborateure entweder ins Ausland entkommen oder als hätten sie im Nachkriegs-Norwegen Karriere gemacht . Folgt man Jon Michelet, so gibt es graduelle, aber keine prinzipiellen Unterschiede zwischen der Haltung führender Kreise der norwegischen Wirtschaft, Justiz und des norwegischen Militärs während der Okkupationszeit und in den siebziger Jahren . Diese Auffassung und der Jargon der Protagonisten des Romans deuten eher auf die Propagierung der Grundposition kommunistischer Parteien und Gruppierungen, wonach der Kapitalismus grundsätzlich faschistische Strukturen aufweise und der reaktionärste Teil des (norwegischen) Bürgertums in Krisensituationen Faschisten bzw. (Neo) Nazis benötige und sich ihrer bediene (422), als auf einen Versuch, sich sachlich mit der norwegischen Vergangenheit auseinanderzusetzen .

Doch ist Michelets Roman im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit insofern interessant, als er die norwegische Geschichte vom 9. April 1940 bis Anfang Mai 1945 nicht als Saga heldenhaften Widerstandes nahezu des gesamten norwegischen Volkes gegen die Okkupanten sieht , sondern daß in ihm - bei allen Vorsicht , was die Glaubwürdigkeit von Michelets Darlegungen anbelangt  -  die faschistische Vergangenheit eines nicht unbeträchtlichen Teils der norwegischen Bevölkerung und dessen Zusammenarbeit mit den Deutschen während der Besatzungszeit (423)  deutlich wird .

Der Roman ordnet - mit Ausnahme des später entlassenen ersten offiziellen Ermittlers und späteren Rechtsanwalts und Privatermittlers Vilhelm Tygesen (424) - alle seine Personen nach dem Links-Rechts-Schema : OPFER sind die dem antifaschistischen Kampf verpflichteten Proletarier der AKP-ml (425) und deren Sympathisanten ; TÄTER sind die Rechtsradikalen bzw. die Neonazis, die von der norwegischen Machtelite unterstützt werden, die sich hierzu der  - besser : ihrer - Polizei bedient (426) .

Der Gebrauch - identischer - militanter Begriffe,  ist bei den Linken ausschließlich positiv zu verstehen, während deren Verwendung durch Rechte den faschistischen Charakter dieser Richtung deutlich werden läßt (427) ; Entsprechendes gilt für die antiisraelische Haltung, die der Roman zum Ausdruck bringt (428) .

Die einheimischen norwegischen Neonazis (429) werden einerseits aus dem Ausland unterstützt (430) : So wird der im Mittelpunkt des Romans stehende Brandanschlag  (431) gegen einen Buchladen der AKP-ml, bei dem zwei Kinder ums Leben kommen, von einem jungen Norweger mit bewegter Biographie ausgeführt : Er ist der Sohn eines Quislinganhängers, der nach Kriegsende aus Norwegen hatte fliehen können (432) ; aufgewachsen in einem nationalsozialistischen Milieu in Argentinien, wird er selbst zum Nationalsozialisten ; erst kurz vor dem Anschlag gegen den linken Buchladen, der Signalwirkung haben sollte, kehrt er nach Norwegen zurück (434) . Andererseits erhalten die norwegischen Neonazis Hilfe sowohl von in Norwegen gebliebenen Quislinganhängern, die bisweilen Karriere gemacht haben , bisweilen heruntergekommen sind (435) , als auch, wie schon erwähnt, von norwegischen Rechtskreisen in Wirtschaft, Militär und Polizei (436) .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1968 erschien in Stockholm ein literarisches Werk, das, Fiktion und Dokumentation miteinander verbinden wollend , ein Ereignis aus der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945/46) in den Mittelpunkt stellt, das für Schweden zwar keine wirklich traumatische Bedeutung hat, das aber doch ein Stachel im Fleisch der schwedischen Selbstsicherheit, stets den moralisch unfehlbar richtigen Weg gegangen zu sein, ist (437) .

Per Olov Enquist, der Verfasser dieses von ihm als literarische Dokumentation verstandenen Werkes, setzt sich in dem Roman Legionärerna - En roman om baltutlämningen (438) mit der Geschichte von 146 (ursprünglich 167) Balten in deutschem Militärdienst auseinander, denen bei Kriegsende - im April und Anfang Mai 1945 - die Flucht nach Schweden gelungen war, die dort interniert worden waren und die Schweden 1946 an die Sovetunion ausgeliefert hatte (439) .

In den Kontext dieser speziellen Geschichte gehört das schwedisch-deutsche Verhältnis zwischen 1933 und 1945, das letzten Endes auch ausschlaggebend war für die Auslieferung der 146 baltischen Militärinternierten (440) .

Es ist daher nicht erstaunlich, daß P.O.Enquist  in seinem’Dokumentarroman’ - sei es durch die (literarische) Figur des Rechercheurs , sei es durch Äußerungen von Zeitgenossen oder Dokumentensplitter - immer wieder auf diese engen und guten Beziehungen zwischen Deutschland und Schweden zu sprechen kommt : auf die Deutschfreundlichkeit breiter Bevölkerungskreise (441) - insbesondere des schwedischen Offizierskorps (442) und der höheren Beamtenschaft (443) - ; auf die deutschfreundliche Haltung in der schwedischen Presse (444) bis weit in den Krieg hinein ; auf eine traditionell weit verbreitete Russensfeindschaft (445) , gefestigt durch die Ereignisse im Baltikum nach 1939 und  den Sovetisch-Finnischen Krieg ; auf die äußerst wohlwollende schwedische Neutralität gegenüber dem Deutschen Reich (446) , die Erzlieferungen nach Deutschland (447) und deutsche Truppentransporte durch Schweden (448) zuließ ; auf die gute Zusammenarbeit zwischen deutschen und schwedischen Behörden während des Krieges (449) und - damit zusammenhängend - auf die restriktive schwedische Flüchtlingspolitik - zumindest bis Ende 1942 - , die die Aufnahme von zentraleuropäischen Juden weitgehend verhinderte , die aber auch norwegische Flüchtlinge betraf (450) ; auf die Repressionen gegenüber einheimischen Kommunisten und Überlegungen , die Kommunisti-

sche Partei Schwedens zu verbieten ; auf die Bewegungsfreiheit nationalsozialistischer Parteigänger (451) ; auf Sympathien für Deutschland in Schweden auch nach dem Krieg (452) - auch hier wieder besonders im Offizierskorps (453) .

Dieses enge, gute und nachgiebige Verhältnis der Großmacht Deutschland gegenüber (454) , worüber die Sovetunion selbstverständlich gut informiert war (455) , mußte nach der Niederlage und Zerschlagung des Deutschen Reiches auf Schweden zurückschlagen .

 

Ohne von der Sovetunion allzu sehr gedrängt worden zu sein (456) - allerdings hatte es in der sovetischen Presse wiederholt Angriffe auf Schweden wegen Antisovetismus , sovetfeindliche Propaganda , Deutschfreundlichkeit auch noch nach dem Krieg (457) gegeben - wurde der russischen Bitte bzw. Forderung  nach Auslieferung derjenigen deutschen und baltischen Soldaten , die zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation an der Ostfront gekämpft hatten und nun in Schweden interniert worden waren , entsprochen (458) , weil die neue Großmacht Sovetunion nicht verärgert werden sollte , weil von Seiten der Regierung (459) , der Gewerkschaften , der sozialistischen und sozialdemokratischen Presse und einem Teil der Bevölkerung (460) die Abrechnung mit dem Faschismus angemahnt wurde und die stalinistische Sovetunion nicht auf eine Stufe mit dem nationalsozialistischen Deutschland gestellt werden sollte - oder durfte (461) . Enquist zufolge verbanden sich bei dem Beschluß der Regierung zugunsten der Auslieferung die russischen Reaktionen „och det svenska dåliga samvetets trauma“ (462) ; eine völkerrechtliche Verpflichtung Schwedens zur Auslieferung der baltischen (und deutschen) Militärinternierten hatte es nicht gegeben (463) .

 

Per Olof Enquist ,1968 Radikalsozialist mit Zweifeln an seiner politischen Position ; Westdeutsch-

land gegenüber so kritisch und feindlich eingestellt , wie seine Elterngeneration Deutschland in vielem unkritisch und freundlich gegenübergestanden hatte ; seine Recherchen  vornehmend ohne Kenntnis der  baltischen Sprachen und des Russischen, bemüht sich scheinbar um Objek-

tivität seinem Untersuchungsgegenstand gegenüber (464) , doch läßt er von vorneherein wenig Zweifel an seinem Untersuchungsergebnis, wonach die Auslieferung der Balten und Deutschen deshalb richtig und notwendig , wenn auch nicht moralisch oder völkerrechtlich gerechtfertigt oder von der schwedischen Verfassung geboten  gewesen sei , weil es sich um Deutsche und um Menschen handelte, die mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten (465) . So heißt es im Zusammenhang mit dem der Auslieferung vorausgehenden Hungerstreik und dessen Begleitumständen : „Det föreföll egendomligt och overkligt att något sådant kunde inträffa i Sverige, men eftersom tyskar var inblandade kunde  han acceptera att det verkligen skett“ (466) - dieser Satz des  Berichterstatters (Erzählers) - i.e. der Verfasser als Elfjähriger - bestimmt weitgehend auch den zwanzig Jahre Älteren in seiner Haltung . P. O. Enquist zufolge hatte die Auslieferung der 146 Balten für diese kaum unangenehme Folgen - sieht man ab von einem (nicht vollstreckten) Todesurteil , hohen (aber weitgehend nur zum Teil verbüßten) Zwangsarbeitsstrafen, von Aufenthaltsverboten im Baltikum oder von der lebenslangen Trennung von der im Westen lebenden Familie (467) . Berichte von Begeg-

nungen des Berichterstatters mit Ausgelieferten während zweier Besuche in der lettischen Sovetrepublik sollen den günstigen Eindruck vom Schicksal der von Schweden ausgelieferten Balten erhärten ; über die Strukturen des Baltikums unter sovetischer Herrschaft , über die Problematik freier Gespräche mit einem Westeuropäer ohne Kenntnis der Landessprache(n) , über die Unterdrückungs- und Überwachungsmechanismen eines totalitären Systems macht sich der Erzähler und Verfasser zwar Gedanken, doch neigt er dazu, Menschenrechtsprobleme in der Sovetunion im Stile der Protestbewegung der sechziger Jahre, die in den USA den Erzfeind sah , als quantité négligeable zu betrachten , als weitgehend übertrieben abzutun.

Enquist übernimmt in vielem die Position, die er Östen Undén , dem ersten schwedischen Nachkriegs-Außenminister,  unterstellt , den er wiederholt zu Wort kommen läßt und für den er viel Sympathie zeigt . So sehr Östen Undén die schwedische Politik gegenüber Deutschland während des 2. Weltkriegs kritisierte (468) , so wenig wandte er sich gegen die sovetische Politik im Baltikum nach dem 2. Weltkrieg . Undén  lehnte die antisovetische Position der Balten in Schweden ab , hält die Selbständigkeit baltischer Staaten für eine Illusion , gesteht der Sovetunion das Recht auf das Baltikum zu (469) . Östen Undéns  Ablehnung des Nationalsozialismus hatte kein Gegenstück in der Ablehnung des Stalinismus - er reagiere „ursinnig över varje försök att  stämpla ryssarna som barbarer eller mindre human“ , heißt es in Enquists Text (470) , der Undén anschließend zitiert : „Varför kan vi inte visa förtroende för ryssarna ? Vad har de egentligen gjort oss för ont ? Vad har man för grund för denna misstänksamhet ?“ (471)

 

Während für Jens Bjørneboe die Blindheit der norwegischen Sozialisten und Sozialdemokra-

ten gegenüber den Vorgängen in der Sovetunion (oder auch : die Kollaboration der norwe-

gischen Radikalsozialisten und Kommunisten mit der SU) Anlaß und Ursache für sein Buch über die norwegische Abrechnung mit der norwegischen Kollaboration mit den Nationalsozialisten war und er in beiden Systemen, dem nationalsozialistischen wie dem kommunistischen , dieselbe Menschenverachtung, dieselbe Neigung zum Verbrechen an Menschen sieht , ist für Enquist die Sovetunion zwar nicht - im westlichen, liberalen, rechtsstaatlichen , demokrati-

schen Sinne - über alle Zweifel erhaben, doch zeigt er für nahezu alles, was dort geschieht, Verständnis, so daß es scheint, die SU sei ihm - zumindest in den sechziger Jahren - in vielem akzeptabeler als die  - seiner Ansicht nach -  rassistischen USA . Wenig später tritt P. O. Enquist  hervor als glühender Anhänger Pol Pots (Kambodscha) , dessen Verbrechen er gutheißt und verteidigt .

Eine andere Position, derjenigen Bjørneboes ähnelnd, eingenommen von Schweden , die im 2. Weltkrieg antinazistisch tätig waren und nach dem Krieg auch der Sovetunion gegenüber nicht kritiklos gegenüberstanden, wird von Enquist im Zusammenhang mit Kampagnen gegen die Auslieferung der baltischen Militärinternierten etwas breiter dargestellt . Es handelt sich um die Rede des Dozenten und Vorstandsmitglieds in GHT seit Januar 1942, Hans Forssmann, bei einer Protestversammlung am 26. November 1945  in Uppsala . Enquist führt aus (473) : „Han höll ett tal som var ganska kort, det var bara tio minuter långt . Det var egendomligt dubbelbottnat . Han konstaterade att opinionen i studentkåren mot utlämningen tycktes stark, och uttalade som sin och kårens bestämda förväntan att ‘vi nu icke skola glida över i ett skede, då man ånyo fingrar på svenska rättstraditioner till förmån för en militärt mäktig stat på samma sätt som man tidigare anpassat sig till en annan, nu besegrad stormakt’ . Han fortsatte, med syftning på bollhusmötet i Uppsala där judiska läkare vägrades komma in i landet : - ‘ Vid ett herostratiskt ryktbart tillfälle 1939 gav en majoritet av Uppsala studenter i kårmöte [474] uttryck åt en opinion i frågor om flyktingar och asylrätt - flera av er voro kanske med den gången också . Andan var icke lika positiv för den humanitära ståndpunkten 1939 som den är i dag . När enstaka yrkesgrupper under den gångna sommaren med adress till de baltiska flyktingarna givit uttryck åt skråets ängslan för konkurrens om arbetstillfällena, så har ett av de första och ett av de mest uppmärksammade mönstren för sådanna uttalanden kommit från Uppsala studenter - den saken må vi gärna besinna vid detta tillfälle . Svensk flyktingpolitik, även före kriget, har ingalunda saknat sina svarta sidor, men studentopinionen, liksom annan opinion, förhöll sig oftast tyst och likgiltig . Vi måste erkänna, att den restriktiva flyktingpolitik, som Sverige drivit före och under kriget, indirekt medfört en plågsam död för tusentals oskyldiga människor, som hade kunnat räddas om humaniteten då hade stått i lika hög kurs som här i dag’ . Han slutade med att konstatera att stämningen i en aktuell flyktingfråga nu tycktes vara en annan, och vädjade till myndigheterna för militärbalterna.“

Diese Rede lehnt die schwedische Flüchtlingspolitik der Jahre 1933 bis 1945 und die dahinter stehende politische und menschliche Haltung genauso ab wie die neue schwedische Flüchtlingspolitik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit deren Begründung .

 

Einer generellen, geradezu vernichtenden Kritik wird Enquists vielgelobter dokumentarischer Roman, der oft als „Dokumentation“  (miß)verstanden wurde und verstanden werden sollte, in Curt Ekholms sorgfältiger und ausführlicher Untersuchung  Balt- och tyskutlämningen 1945 - 1946  unterzogen (475) . Ekholm sieht in Enquists Text nichts anderes als einen R O M A N  , also eine mehr oder weniger frei erfundene Handlung, auch wenn gelegentlich Übereinstimmung zwischen Fiktion und Realität besteht . Ekholm zitiert zustimmend Artur Landsmanis’  Urteil, wonach Enquists  Text „ein Schulbeispiel“  sei für „einseitige, tendenziöse, z.T. demagogische Darstellung“ (476) . Auf Ekholms  Studie verweist auch das 1996 in Stockholm erschienene Buch Baltutlämningen von Valentins Silamikelis . Es handelt sich hierbei um die Veröffentlichung des Tagebuchs eines der baltischen Militärflüchtlinge und Ausgelieferten . Diesem Tagebuch vorangestellt ist eine längere Einleitung (477), die die lettische Geschichte der Zwischenkriegs-

zeit und das lettisch-jüdische Verhältnis wenig überzeugend  in leuchtenden Farben malt

(478) . Silamikelis’ Veröffentlichung schließt mit einer auf C. Ekholms  Studie Balt- och tyskutlämningen 1945-1946 basierenden Liste der Betroffenen mit kurzen Hinweisen auf deren Schicksal (479) . Daraus ist zu schließen, daß P. O. Enquists Darstellung  und Schlußfolgerungen  - vermutlich wissentlich - ein viel zu positives Bild vom Schicksal der baltischen Ausgelieferten in der Sovetunion malen . Eingeleitet wird Silamikelis’ Buch von Curt Ekholm (480), der indirekt auf P. O. Enquists  schönfärberische Darlegungen verweist, indem er schreibt (481) : „ Under femtio år har denna okunnighet[über das, was sich in der Sovetunion ereignet] bestått, då och då uppfräschad med dimbildning och halvsanningar av personer, som kunnat besöka de baltiska länderna på grund av sin gemenskap med landets förtryckare . . .“ . V. Silamikelis verzichtet auf eine Auseinandersetzung mit P. O. Enquist ; nur an einer Stelle (482) wird er deutlich, wenn er schreibt : „ Om sergeant Baldis [483] vet vi ännu inget . Den svenske författaren P. O. Enquist påstår i sin bok Legionärerna att någon av dem [458] skrivit hem så sent som på sextiotalet . Det tror jag inte på . Enquist har snarare försökt blanda bort korten i stället för att forska och han har tolkat allt utifrån sitt halvkommunistiska synsätt, vilket också Curt Ekholm från Uppsala universitet anser . . . Enquist påstår i sin bok att jag också skulle ha talat i radio som om jag redan vore frisläppt . Jag blev inte ens tillfrågad . Jag var fortfarande kvar i lägret i Liepaja och tydligen har någon av tjekans folk talat i mitt namn . . .“ .

Immerhin war P. O. Enquist 1994 anwesend bei einem Essen, welches das schwedische Außenministerium für Überlebende der Baltenauslieferung gab, nachdem sie zuvor vom schwedischen König empfangen worden waren (484) .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1990 veröffentlicht Jan Guillou seinen Kriminalroman Den hedervärde mördaren  (485) , in dessen Zentrum die Aufklärung zweier Verbrechen steht, deren Ursache in Ereignissen zu finden ist, die rund fünfzig Jahre zurückliegen : Zwei Norweger mittleren Alters töten - in ihrem eigenen Verständnis : richten hin - zwei alte, längst pensionierte schwedische Generäle, die sie mitverantwortlich für den Tod ihrer Väter halten - in einem Fall zurecht, im anderen irrtümlich . Diese Väter waren während des 2. Weltkriegs in Göteborg für die britische Abwehr tätig und sind nach deren Enttarnung von schwedischen Anhängern des nationalsozialisti-

schen Deutschland nach dem deutschbesetzten und von Quisling regierten Norwegen ausge-

wiesen, dort verhaftet, in Deutschland zum Tode verurteilt und im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet worden (486) .

Vierzig Jahre später ergibt sich für die Söhne der beiden Hingerichteten auf Grund der Öffnung des schwedischen Archivmaterials nach dessen vier Jahrzehnte umfassenden Sperrfrist die Möglichkeit, die Hintergründe der Auslieferung aufzuklären und Vergeltung zu üben . 

Der Denunziant der beiden norwegischen Widerstandskämpfer hatte schon während des Krieges , ein maßgeblich beteiligter schwedischer Offizier - infolge einer Geisteskrankheit - 1946 Selbstmord begangen ; zwei in den Akten erwähnte Generäle aber leben noch und werden nun getötet - einer von ihnen unter ungewöhnlich brutalen, entwürdigenden und ehrenrühri-

gen Umständen : Dem lebenden Menschen schnitt man ein Hakenkreuz und das Wort E D  (ein Hinweis auf den schwedischen Grenz- und Auslieferungsort) in den Körper, durchschoß ihm anschließend die Achseln und Kniekehlen, und nach der ‘Hinrichtung’ des Generals mit dem fünften Schuß urinierten die Täter auf dessen Uniform (487).

Jan Guillou nimmt die beiden Mordfälle zum Anlaß, etwas ausführlicher die schwedische Unterstützung Deutschlands während des 2. Weltkriegs (insbesondere während der ersten Phase bis zur deutschen Niederlage bei Stalingrad) zu thematisieren - neben einer Fülle anderer Themenbereiche, die vom Palme- Mord und von der Unfähigkeit der schwedischen Untersuchungsorgane, ihn aufzuklären, über diverse Abwehrgeschichten und -intrigen, eine komplizierte Beziehungs- und Liebesaffäre bis zur Stellung der Homosexuellen in der modernen schwedischen Gesellschaft und zu neonazistischen Tendenzen im heutigen Schweden reichen (488) .

Aufgearbeitet werden die schwedisch-deutschen Beziehungen zwischen 1933 und 1946 vor allem von demFinnlandschweden (finländare) Åke Stålhandske, einem jungen schwedischen Geheimdienstoffizier . Sein Vater, ein hochdekorierter finnischer Offizier des Winterkrieges , hatte Finnland verlassen und war nach Schweden emigriert, nachdem und weil sich Finnland im Fortsetzungskrieg  mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet hatte (489) .

Stålhandskes Kollege, der homosexuelle Geheimdienstoffizier Joar Lundwall, und der Vorgesetzte und Mentor dieser beiden Männer, Carl Gustaf Gilbert Hamilton, haben keine Kenntnisse der neueren und neuesten schwedischen Geschichte und profitieren von Stålhandskes historischer Bildung ; sie dienen im Roman oft nur als Stichwortgeber, Fragen-

Steller und Kommentatoren (490) .

Für Åke Stålhandske ist der Hintergrund der beiden Mordfälle - ein Spionagefall zugunsten England, dessen Verrat für Geld durch einen schwedischen Nationalsozialisten aus der untersten Bevölkerungsklasse, die Ausweisung der Spione nach Norwegen durch national-

sozialistisch gesinnte Polizisten und Militärs - prototypisch für Schwedens Haltung im 2. Welt-

krieg (491) .

Åke Stålhandske zufolge hat sich Schweden im gesamten zweiten Weltkrieg, vor allem aber bis zur deutschen Niederlage bei Stalingrad (492), Deutschland gegenüber wie ein Prostituier-

ter verhalten (493) . Personifiziert sieht er diese Prostitution Schwedens im schwedischen Sta(a)tsminister Per Albin Hansson (494) . Er ist für Åke Stålhandske der Haupttäter ; er  -und mit ihm die schwedische Regierung (459) - (nicht aber  das schwedische Volk, das noch nicht einmal ‘vor Stalingrad’ den schwedischen Nationalsozialisten so viele Stimmen bei Wahlen gegeben hatte, daß sie in den Reichstag hätten einziehen können [496])  ist Stålhandske zufolge verantwortlich für den schwedischen Kotau vor dem nationalsozialistischen Deutsch-

land, für die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Schweden, für das schwedische Entgegenkommen gegenüber Deutschland (472) , für das schwedische Mitläufertum (medlöperiet ) (498) und letzten Endes auch für die schwedische Lebenslüge - den Nachkriegsmythos vom neutralen alliiertenfreundlichen Schweden (499) . Wollte man alle Schweden, die den Deutschen während des Krieges geholfen hatten, wie die beiden Generäle hinrichten, so hätte man nach Ansicht Stålhandskes mit Per Albin Hansson und seinen Helfershelfern beginnen müssen (500) .

Seine Ansicht belegt Åke Stålhandske mit zahlreichen Beispielen - insbesondere aus den Jahren 1940 bis 1943 :

1.   Schweden lieferte Deutschland ununterbrochen das dringend benötigte Eisenerz - so sei jede Stunde ein Erzzug nach Narvik abgefertigt worden, und überdies seien von schwedischen Häfen täglich viele Tausend Tonnen Eisenerz verschifft worden , 45.000 t. allein von Luleå aus (501) .

 

2.   Mit Hilfe der schwedischen Eisenbahn sind nicht nur mehr als zwei Millionen deutsche Kombattanten, sondern auch deutsche Artillerie von und nach Norwegen und zum Eingreifen in Finnland transportiert worden, während England und Frankreich der Transport von Entsatztruppen nach Finnland während des Winterkrieges verboten worden war . Bis August 1943 hätten 100.000 Eisenbahnwagen mit deutschem Kriegsmaterial Schweden durchquert (502) .

 

3.   Sowohl die schwedische Flotte als auch die schwedische Luftwaffe haben die deutschen Streitkräfte aktiv oder durch Unterlassung unterstützt : so eskortierte die schwedische Flotte deutsche Konvois auf der Ostsee zum Schutz gegen russische U-Boote, so sind deutsche Kurier- und Bombenflugzeuge über schwedischem Hoheitsgebiet - wobei es sich um rund 7000 Überflüge handelte - unbehelligt gelassen worden (503) . (Einmal allerdings wird im Roman erwähnt, daß nicht nur deutsche Schiffe eskortiert worden waren, sondern auch norwegische Spionageschiffe auf dem Weg nach England [504]) .

 

4.   Es war eine schwedische Idee, die Pässe von Juden mit einem großen J zu kennzeichnen, um deren Einreise nach Schweden als politische Flüchtlinge zu verhindern, da man Juden in Deutschland und in den von Deutschland besetzten Staaten nicht als politisch verfolgt ansah und ein bloßes ‘Sich-Nicht-Wohl-Fühlen’ oder ‘Sich-Unwohl-Fühlen’ nicht zur Aufnahme als politisch Verfolgte in Schweden berechtigen könne (505) .

 

5.   Die schwedische Opposition sollte mundtot gemacht werden, indem man oppositionelle Zeitungen nicht transportierte und gegen schwedische Oppositionelle Razzien veranstaltete ; ein Teil der schwedischen Presse habe Selbstzensur geübt (506) . Bis zur deutschen Niederlage bei Stalingrad hat die schwedische Polizei regelmäßig Razzien gegen die im Lande lebenden Kommunisten vorgenommen (507) .

 

6.   Der Anteil des schwedischen Außenhandels mit Deutschland im Jahr 1941 macht 41 % des Gesamtvolumens (508) aus .

 

7.   Zwischen den schwedischen Sicherheitsbehörden (säkerhetspolis ) und deutschen Stellen hat es eine gute und intensive Zusammenarbeit gegeben ; noch 1941 sind Beamte dieser Behörde nach Berlin gereist und haben sich dort mit R. Heydrich getroffen . Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist u.a. die Auslieferung zahlreicher norwegischer Flüchtlinge an das national-

sozialistisch regierte Norwegen gewesen, wo diese Menschen von der Gestapo verhaftet worden sind . Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß die schwedische Regierung die norwegische Quislingregierung nicht anerkannt hatte, sondern zur norwegischen Exilregierung in London hielt (509) .

 

8.   Die Verfolgung von Spionen der Alliierten und des Deutschen Reiches weisen ein markantes Ungleichgewicht zugunsten Deutschland auf - selbst nach der Niederlage bei Stalingrad (510) .

 

Åke Stålhandskes Sicht der schwedischen Geschichte während des 2. Weltkriegs werden gegenübergestellt Gründe für die hohe Wertschätzung Deutschlands in Schweden und für die Zusammenarbeit auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland . Doch werden diese Gründe vor allem der Witwe des unter entehrenden Umständen getöteten Generals, den die kriminalpolizeilichen Untersuchungen als überzeugten Nationalsozialisten ausweisen und der auch von seiner Tochter als solcher bezeichnet wird (511), in den Mund gelegt (512), wodurch in den Augen des Verfassers deren Gewicht relativiert wird : Man habe eher mit Deutschland sympathisiert als mit dem Nationalsozialismus, den man als eine Art Linksideologie betrachtet hätte . Bis 1933 sei in Schweden alles Deutsche hoch im Kurs gewesen - Sprache und Literatur, Weine und Reisen nach Deutschland , deutsche Technologie und die deutsche Militärmacht ; Deutschland sei eine Art ‘älterer Bruder’ (storebror ) gewesen, Schweden dagegen der jüngere oder „den fattiga kusinen från landet“ ; in Schweden sei man  deutschorientiert gewesen ; erstaunlicher hätte man das Gegenteil empfunden (513) .

 

Nicht nur die schwedische antifaschistische Lebenslüge - oder anders, der schwedische antifaschistische Mythos - wird in Guillous  Roman thematisiert, sondern auch die norwegische Version von einem Volk, geeint im Widerstand gegen die Deutschen, sowie die  Vorstellung vom solidarischen und hilfbereiten Schweden gegenüber den Brudervölkern während des Krieges : In diesem Fall ist es die Hauptperson des Romans, Hamilton, der im Gespräch mit seiner Geliebten auf Unstimmigkeiten in der Darstellung in Norges Hjemmefrontsmuseum  aufmerksam macht : Weder werde das schwedische Verhalten gegenüber norwegischen Flüchtlingen bis weit in den Krieg hinein wahrheitsgemäß erörtert, noch würden die 80.000 Norweger erwähnt, die nach dem Krieg als Landesverräter verurteilt worden waren und die leeren deutschen Lager erneut füllten . „ Här var allt heroism och ett enat folk“ , hebt Hamilton hervor . An anderer Stelle spricht er von „ legenderna från de fyra år som tycktes prägla norsk historia mer än någonting annat, 1941 - 1945“ (514) .

 

Die Abrechnung mit dem schwedischen Verhalten während der Jahre 1933 bis 1945 korrespondiert  mit der Behandlung rechtsradikaler Tendenzen im gegenwärtigen Schweden . diese Tendenzen manifestieren sich vor allem in den Skinhead (515) . Stålhandske und Lundwall bezeichnen die Skinhead als nazistyngel, fascistyngel, nynazister  (516) . Geschildert werden die Skinhead als dumm, brutal, alkoholisiert , in ihrem Verkehrslokal das Horst-Wessel-Lied grölend (517) , die faschistischen Sonnenkreuzsymbole und das Hakenkreuz zeigend (518) ; sie benutzen falsche Wörter oder Begriffe (519), spielen sich als Vaterlandsfreunde und als Verteidiger der weißen Rasse auf (520) und sehen infolgedessen in Menschen ausländischer Herkunft - in den svartskallar  -  ihre Gegner (521) . Ihre Verehrung gilt dem Heldenkönig  Karl XII. , an dessen Statue sie Hitlers Geburtstag begehen (522) . Ihre Mitgliederzeitung Vit Rebell  bringt die üblichen Versatzstücke rechtsradikaler Ideologie : Gefährdung der weißen Rasse, Leugnen der Morde an Juden, Verehrung Hitlers (523) . Das große Interesse der Skinhead an einer militärischen Laufbahn wird vom heutigen schwedischen Militär allerdings nicht erwidert (524) .

 

Daß die Haltung der drei Hauptpersonen des Romans  (Hamilton, Ståhlhandske, Lundwall) aber durchaus nicht zweifelsfrei demokratisch ist, zeigt die den gesamten Roman durchziehende Häme dieser drei sich als Elite fühlenden Personen gegenüber dem schwedischen demokratisch-parlamentarischen System (525) .

 

Enquists oder Guillous Bemerkungen zur schwedischen Geschichte entsprechen zwar in vielem dem Stand der schwedischen Geschichtsschreibung, sind im Unterschied dazu aber kritischer, denn selbst in neuesten Darstellungen zur schwedischen Geschichte, die in den neunziger Jahren erschienen sind, fällt eine vielfach verharmlosende und selbstgerechte Beurteilung des schwedischen Verhaltens zwischen 1933 und 1946 auf . Deutlich wird dies unter anderem in der von Sta(a)tsminister Göran Persson 1997 initiierten, von St. Bruchfeld und P. A. Levine verfaßten und kostenlos verteilten Schrift „. . . om detta må ni berätta . . .“ En bok om Förintelsen i Europa 1933 - 1945 (Stockholm 1998) , in der u.a.  die USA angeklagt werden, weil sie - z.B. - Auschwitz nicht bombardiert haben (526) - sogar  Antisemitismus wird ihnen unterstellt - , während das schwedische Verhalten sehr positiv gesehen wird (527) . Lediglich 8 Zeilen Kritik an Schweden enthält die Schrift (528) , obwohl dieses Land Hunderttausende Juden hätte retten können, wenn es dies gewollt hätte . Weiterhin kennzeichnen den Text antipolnische Ressentiments - so wird kaum ein polnischer Ortsname korrekt geschrieben, vor allem aber werden die polnischen Opfer des Nationalsozialismus als quantité négligeable behandelt . Diese Broschüre hat die sozialdemokratische Kultusministerin von Schleswig-Holstein kostenlos an alle Schüler und Schülerinnen verteilen lassen . . .