V O R W O R T

 

 

Kollaboration in den von deutschen Truppen besetzten europäischen Ländern  - (Rechts)Ab-rechnung mit dieser Kollaboration nach dem Krieg : diese Aspekte der Geschichte des

20. Jahrhunderts sind durchaus nicht jedem politisch Interessierten in Deutschland geläufig, handelte es sich doch dabei um Vorgänge in unseren Nachbarländern, die in der Nachkriegszeit eher daran interessiert waren, ihre Geschichte während der deutschen Okkupation als ein Hohes Lied des Antifaschismus und des Widerstandes zu stilisieren und damit ein patriotisches Bild zu malen, in das eine Zusammenarbeit mit den Deutschen nicht paßte.

Daß dies nur die eine Seite der Medaille ist und daß es auch die andere, weniger ansehnliche gibt, wußte man immer, doch galt es als inopportun, sei es aus innenpolitischen , sei es aus biographischen Gründen der politischen Eliten - und nicht nur dieser -, sich dieser Seite intensiver zuzuwenden. Man begnügte sich mit dem Hinweis auf abgeurteilte führende Kollaborateure wie Quisling oder Pétain oder Mussert und auf die Nachkriegsprozesse gegen Denunzianten und an Verbrechen der Besatzungsmacht Beteiligte - und damit schien die Angelegenheit für den überwiegenden Teil der Bevölkerung der zuvor von deutschen Truppen besetzten Ländern erledigt.

Doch wie alles, was ‘unter den Teppich gekehrt’ wird, - irgendwann durchbricht es die  schein-bar hermetisch abschließende Schicht - in Wissenschaft und Literatur gewiß eher als in der Politik, in den Medien oder gar im allgemeinen Bewußtsein des Volkes.

Im deutschsprachigen Raum hat man sich zum Thema Kollaboration in Europa seit 1979 informieren können in Werner Rings’ Buch Leben mit dem Feind. Anpassung und Widerstand in Hitlers Europa 1939-1945 (in der Schweiz erschienen unter dem Titel : Europa im Krieg 1939-1945. Kollaboration und Widerstand) , und 1991 erschien als Taschenbuch ein Sammelband zu diesem Thema unter dem Titel Politische Säuberung in Europa. Die Abrechnung mit Faschismus und Kollaboration nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Auf P.O. Enquists  Roman Legionärerna wurde ich vor dreißig Jahren aufmerksam. In der damaligen literaturtheoretischen Diskussion interessierte er einerseits wegen der in ihm thematisierten Identitätsproblematik, andererseits als Beispiel für dokumentarische Literatur.

 

Fünfzehn Jahre später lernte ich Jens Bjørneboes Texte kennen - zunächst seinen Roman Haiene, danach För hanen galer und schließlich - beim Stöbern in einer Osloer Buchhandlung - sein Buch Under ein hårdere himmel , diese irritierende und zunächst schockierende Auseinandersetzung mit Kollaboration, Widerstand und Rechtsabrechnung in Norwegen während und nach der deutschen Okkupation.

 

Und nachdem ich  - eher zufällig - Scherfigs Romane Idealister und Frydenholm kennengelernt hatte, entwickelte sich langsam der Plan, einen Essay zum Thema ‘Kollaboration und Rechtsabrechnung in der skandinavischen Literatur’ zu schreiben.

Unterbrochen wurde die Arbeit an diesem Essay immer wieder durch andere Vorhaben und Aufgaben - durch die Übersetzung von L. Janáceks Libretto Kat’ia Kabanová, von Ibsens Dramatischem Gedicht Peer Gynt und von Strindbergs Schauspiel Gustav Adolf für den laufenden Unterricht, durch eine Studie über die Tageszeitung der dänischen Minderheit in Deutschland, Flensborg Avis, unter dem Titel  Modell Südschleswig ? - Dänische Minderheit und deutsche Mehrheitsbevölkerung, gespiegelt in „Flensborg Avis“ und den RomanenRegnbuelandet“ und „Identitet“, durch einen Essay über dänischsprachige Literatur in Deutschland und durch die Chronik des Gymnasiums Glinde zu seinem fünfundzwanzig-jährigen Bestehen - durch Arbeiten also, die meine Freizeit so sehr in Anspruch nahmen, daß ich anderes immer wieder zurückstellen mußte.

 

Wenn der Essay Der indignierte Blick zurück nun vorliegt - mit einem essay-unüblichen Anmerkungsapparat - sei zugleich das Fragmentarische an ihm betont. Ihn zu erweitern um hier noch nicht berücksichtigte skandinavische literarische Darstellungen zum Thema Kollaboration, könnte ein Vorhaben für die Zeit nach meiner beruflichen Tätigkeit sein. Für Anregungen und Hinweise bin ich dankbar - und danken möchte ich denen, die mich angeregt oder die mir geholfen haben : Herrn Prof. Dr. Bandle, der mich seinerzeit auf P.O.Enquist aufmerksam gemacht hatte, Herrn Jan-Peter König, der mich Mitte der achtziger Jahre auf Bjørneboe ansprach, und Herrn Dr. Claas Riecken, der so freundlich war, mir die in der Kieler Universitätsbibliothek vorhandene Literatur zu Bjørneboe nachzuweisen.