Christian Dorph und Simon Pasternak

 

                                                 Der Deutsche Freund

 

                                 (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009;

                als suhrkamp taschenbuch (st) Nr. 4342 Frankfurt am Main 2012)

 

                                   Dänische Originalausgabe unter dem Titel

 

                                                       Afgrundens rand

 

                                        Gyldendal Forlag, København 2007

 

Der Dicke Katalog der schwulen Buchläden für das Frühjahr und den Sommer 2012 empfiehlt auf Seite 24 Christian Dorphs und Simon Pasternaks Kriminalroman aus dem Jahr 2007, der im Frühjahr 2012 als suhrkamp taschenbuch erschienen ist.

So weit, so unproblematisch und belanglos – wenn dieser Roman nicht zutiefst schwulenfeindlich wäre und sich deshalb die Frage stellt, was wohl die schwulen Buchläden veranlasst hat, ein solches Buch zu empfehlen, denn es enthält und transportiert gleich drei homophobe Stereotype bzw. Narrative:

 

1. dasjenige des schwulen Nazis:

Eine Grippe schwuler junger dänischer kunstinteressierter Intellektueller aus dem wohlhabenden Bürgertum scharen sich während der Besetzung Dänemarks durch deutsche Truppen (1940-1945) um einen schwulen deutschen SS-Mann. Nach dem Krieg verhelfen sie ihm zu einer neuen Identität als dänischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Christiansfeld in Nordschleswig / Sønderjylland. Mit einer Ausnahme machen die Freunde dieses Mannes Karriere als ethnographischer Schriftsteller, Unternehmer und Staatssekretär im dänischen Verteidigungsministerium.

 

2.  das Stereotyp des schwulen Pädophilen oder pädophilen Schwulen.

 

3.  das Klischee des Schwulen als unsicheren Kantonisten: weil Schwule erpressbar sind, neigen sie zum Verrat.

 

Für deutsche Leser, die mit der dänischen Geschichte und mit dänischen Verhältnissen nicht vertraut sind, ist der Kriminalroman Der deutsche Freund nicht ohne weiteres zu verstehen.

Im Fokus des Buches stehen u. a. der „nachgeholte Widerstand“ gegen die deutsche Besatzungsmacht, die nicht unproblematische Abrechnung mit der Kollaboration mit den Deutschen und mit Deutschland während der Besatzungszeit (retsopgøret efter besættelsen), das Kolonialmacht- bzw. Kolonialherrengehabe gegenüber Grönland und den Inuit und  das angespannte Verhältnis zur islamischen Welt.

 

Was den außerdänischen Bereich der Romanhandlung anbelangt (DDR, Polen), schwimmen die beiden Verfasser, woraus sich eine Menge Unwahrscheinlichkeiten ergibt.

Dass Dorph und Pasternak auf Grund ihres Alters wohl nie von Westberlin aus in Ost-Berlin eingereist sind, ist ihnen nicht vorzuwerfen – nur hätte man sich dann über die damaligen Usancen informieren sollen. Und dass  ein Grenzbeamter der DDR ein amtliches Buch der NS-Zeit, versehen mit einem Hakenkreuz, bewusst passieren ließ – wer soll das glauben?!

 

Darüber hinaus kann ein informierter Leser die gesamte Fluchtgeschichte zweier Protagonisten des Romans durch Ost-Berlin und Ost-Brandenburg, über die Grenze nach Polen, durch den Nordosten Polens bis zur sowjetischen Grenze und zurück nach Danzig und von dort mit einem privaten Segelschiff nach Dänemark nicht ernst nehmen.

 

Und selbst mit einheimisch-dänischen Gegebenheiten nehmen es die Verfasser nicht allzu genau: Christiansfeld ist das dänische Zentrum der Herrnhuter Brüdergemeine, nicht einer Brüdergemeinde.