Veranstaltungsreihe „anders altern“

 

                              (Themenabend III  innerhalb der Pride Woche 30.7. bis 4.8.2011)

 

                                                             Generationen-Café  

                                                                (2. August 2011)

 

                                               Thema: Coming out einst und jetzt

 

                                                           Eingangsüberlegungen: 

 

 

Wie leicht haben es doch heute junge Schwule und Lesben! Niemand hindert sie, ihre sexuellen Präferenzen auszuleben! Und bei ihrem Coming out schlägt ihnen eine Woge von Sympathie entgegen!

Was für schöne Eingangssätze! Und doch grundfalsch!

 

Das Coming out ist heute nicht einfacher oder leichter als „früher“ -  vor 100 oder 50 oder 25 Jahren. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Denn der allererste Schritt zum Coming out ist ein individueller Vorgang und hat mit äußeren Gegebenheiten, die man günstiger gestalten könnte, nur wenig zu tun, nämlich die Erkenntnis und das daraus resultierende Eingeständnis, sexuell das eigene und nicht das andere Geschlecht zu begehren.

 

Diese Erkenntnis wird zumeist mit einem Erschrecken einhergehen und den notwendigen zweiten Schritt zum Coming out – die eingestandene homosexuelle Veranlagung für sich auch zu akzeptieren/zu bejahen – erschweren, weil in dieser Phase all das Relevanz gewinnt, was man über Schwule und Lesben gehört hat oder zu wissen meint. Die individuelle Verarbeitung des individuellen Faktums, homosexuell zu sein, steht nun in spannungsreicher Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Normen, die Homosexualität und Homosexuelle ablehnen.

Gewiss, es ist heute sehr, sehr viel leichter als vor 50 Jahren, sich über Homosexualität sachlich und vorurteilsfrei zu informieren, und die Strafandrohungen für abweichendes sexuelles Verhalten sind gefallen, aber das persönliche Umfeld – die Schule, der Sportverein, die Clique, die Arbeitskollegen, die Vorgesetzten oder auch die Familie – transportiert oft tradierte Sichtweisen, macht sich über Schwule und Lesben lustig, sieht nicht selten in sexuell anders Empfindenden nichts anderes als Verführer und damit  eine Gefahr für Kinder und Jugendliche. Und selbst wenn Eltern und Verwandte sich tolerant zu Homosexualität und über Homosexuelle äußern, bedeutet das noch lange nicht, dass diese Toleranz auch dem schwulen Sohn, Bruder oder Enkel, der lesbischen Enkelin, Schwester und Tochter gilt. Die Umfragewerte weisen beim Thema Homosexualität eine große Diskrepanz zwischen „allgemeiner“, letzten Endes unverbindlicher, und „familiärer“ Toleranz von Eltern auf. Unter diesen Umständen wird man sich nach wie vor überlegen, ob man seine homosexuelle Neigung  bekannt macht oder ob man doch lieber eine Heterofassade aufbaut, hinter der man seine Homosexualität verbirgt.

 

Ein sehr unabhängiger Mensch wird trotz aller Widrigkeiten sein Coming Out in Familie und Gesellschaft planen und vorantreiben oder vielleicht auch eher tollkühn in einer Trotzreaktion in die Tat umsetzen, um nicht länger „im Schrank“ leben zu müssen und mit dem Weben eines Lügennetzes und dem kräftezehrenden Aufbau und vor allem Erhalt einer Fassade beschäftigt zu sein. Er wird  es schließlich als Befreiung empfinden, der Aufforderung come out of the closet gefolgt zu sein.

Viele aber sehen sich der gesellschaftlichen Diskriminierung und dem Mangel einer normativen Erlaubnis, so sein zu dürfen, wie man ist und sein möchte, schutzlos ausgesetzt und  werden den Verzicht auf ein Coming out möglicherweise zusätzlich als Feigheit empfinden und werden damit unter ihrer ohnehin schwierigen Situation noch mehr leiden. Die scheinbare Ausweglosigkeit eines solchen Menschen kann zu Abkapselung, zu Isolierung, Frustration bis hin zum Selbstmord führen, dessen Wahrscheinlichkeit bei homosexuellen Jugendlichen viermal höher liegt als bei heterosexuellen Altersgenossen. Diese Menschen brauchen Hilfe von außen – benötigen Unterstützung, Gespräche, Rückhalt, Ermutigung. Hier sind fachlich kompetente Beratungsinstitutionen genau so gefragt wie Jugendleiter oder Lehrer.

 

Wir wollen während unserer Veranstaltung das Thema „Coming out“ generationsübergreifend beleuchten und uns dabei auf zwei Kernfragen konzentrieren und beschränken:

 

                             1. Was war schwierig an unserem Coming out?

 

                             2. Was war hilfreich beim bzw. für das Coming out?

 

Abschließend wollen wir eine dritte Frage zu beantworten suchen:

                           

                             3. Welche Perspektiven ergeben sich aus dem, was wir erörtert haben;

                                 was muss über das Erreichte auf der juristischen und politischen Ebene

                                 hinaus noch geschehen?