Stefan Wolter

 

                                                    Der Prinz und das Proradies

 

                                          Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen

 

                                          Projekte - Verlag Cornelius GmbH. Halle/Saale 2009

 

 

 

Im Sommer des Jahres 2009 veröffentlichte Stefan Wolter ein weiteres Buch zum Thema NVA-Bausoldaten in Prora auf Rügen. Es ist mit 391 Seiten der umfangreichste Band seiner Prora – Trilogie (vgl. meine Homepage Text Nr. 34). In ihm geht es nicht mehr so sehr um die Erfahrungen eines Bausoldaten (obwohl diese immer wieder thematisiert werden oder bei seinen Darlegungen zumindest durchscheinen), sondern darum, wie den Bausoldaten der DDR Orte der Erinnerung genommen werden und wie man versucht, diese Menschen und ihr Schicksal operativ aus der Geschichte zu entfernen (vgl. u. a. S. 157f, 164f, 170-175, 301, 322, 337,385).

Gegen alle historische Wahrheit wird in den deutschen Medien Prora als KdF - Bad bezeichnet, was Prora nie gewesen ist, weil mit Beginn des Zweiten Weltkriegs alle derartigen Pläne auf Eis gelegt wurden. Ziel dieser Mystifikation scheint zu sein, die tatsächliche Geschichte Proras als Militärbastion der DDR-Armee und als Ort der Stationierung zahlreicher Bausoldaten (darunter zahlreicher homosexueller Männer) , die dort der Willkür der DDR-Militärs ausgesetzt waren,  in den Hintergrund treten zu lassen. Diese Camouflage historischer Zusammenhänge wird sowohl von den Medien, die im ehemaligen Westdeutschland ansässig sind, als auch von der auf Rügen herrschenden Partei Die Linke (die die Landrätin des Inselkreises stellt) und den Medien des ehemaligen DDR-Bezirks Rostock betrieben.

Ein NVA-Museum mit problematischer ideologischer Ausrichtung behandelt die Bausoldaten der NVA als quantité négligeable; Erinnerungs- und Gedächtnisorte der Bausoldaten sind „plattgemacht“ worden oder sollen zerstört werden. (Freilich tut auch das Desinteresse mancher Bausoldaten an ihrer Geschichte ein Übriges).

Gegen diese Geschichtsklitterung kämpfen Stefan Wolter und der von ihm ins Leben gerufene Verein Denk – Mal - Prora e.V. an. Dieser Verein „widmet sich allen Facetten der Geschichte von Prora und Mukran und richtet sich gegen die komplette Entsorgung und Verdrängung der Geschichte der DDR in Prora und Umgebung. Er nimmt Ihre persönliche Geschichte ernst“ (S. 316).

In seinem Kampf fühlt sich Wolter oft allein gelassen. Der Rezensent ahnt, dass es ein Kampf gegen Windmühlenflügel ist, selbst wenn die Herrschenden Rügens zu  Zugeständnissen bereit sein sollten (was nach der Lektüre von Wolters Buch allerdings unwahrscheinlich ist).

 

Der homosexuelle Aspekt in Stefan Wolters Biographie wird auch im vorliegenden Buch deutlich: Nach einem schweren und komplizierten Weg der Selbstfindung hat sich Stefan Wolter für das Zusammenleben mit einem Partner und gegen eine heterosexuelle Beziehung entschieden.

 

Der Prinz und das Proradies ist ein lesenswertes Buch zur Situation einer der vielen Minderheiten in Deutschland, die keine Lobby haben und für die sich keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Kirche einsetzt.

Profiteure der Revolution in der DDR von 1989 sind vielfach nicht die Menschen, die diese Revolution getragen haben, sondern mit allen Wassern gewaschene Gruppierungen des „Ancien Régimes“, die entscheiden, was historisch „wahr“ ist, welche Orte Denk-Male  und Erinnerungsstätten sein dürfen. Es ist ein bitteres Fazit, das sich aus Wolters Buch ergibt.

 

Stefan Wolter ist wütend und enttäuscht über das, was geschehen ist und geschieht. Und dies prägt seine Darstellung.

Bisweilen stören Wiederholungen und Redundanzen den Lesefluss.

Notwendig und ergiebig sind die  „Anlagen“  und  „Nachträge“.

Die beigefügten „Wende-Briefe“ (S. 339-385) haben nur am Rande mit Wolters Hauptanliegen zu tun, doch geben sie Auskunft über Wolters Entwicklung nach seiner Armeezeit, während der Revolution von 1989/90 und als Student in Göttingen. Sie sind somit interessante persönliche Dokumente eines Zeitenwechsels.