Dirk Kurbjuweit

 

                                                       Nicht die ganze Wahrheit

 

                                Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag. München 2008

 

                                 Deutscher Taschenbuch Verlag. München 2010 (dtv 13856)

 

Nun ja, Schwule scheinen in einem zeitgenössischen Roman vorkommen zu müssen, gleichgültig ob sie thematisch hineinpassen oder nicht.

Und selbstverständlich folgt diesem ungeschriebenen Gebot der 1962 geborene Dirk Kurbjuweit in dem, was d t v als Polit-Thriller bezeichnet und was nicht mehr ist als eine dünne Ehebruch- und Erpressergeschichte aus der Regierungszeit von Gerhard Schröder ist. Dass auch ein Parteivorsitzender gerne „vögelt“ (um ein Lieblingswort des Ich-Erzählers Arthur Koenen zu benutzen) – und nicht nur die Ehefrau – ist keine Erkenntnis, die den Staat aus den Angeln höbe. Und dass eine junge Bundestagsabgeordnete der SPD an den Schwanz des Parteivorsitzenden denkt (S. 184), ebenso wenig.

 

Was aber haben in einer derartigen Geschichte heterosexueller Beziehungen Schwule zu suchen – und dies gleich in zwei Passagen (S. 64-66, 193f. der d t v –Ausgabe).

 

Kurbjuweit war von 1990 bis 1999 Redakteur der ZEIT und anschließend Leiter des Hauptstadtbüros des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL. Beide Printmedien haben sich bisher Homosexuellen gegenüber nicht sonderlich aufgeschlossen gezeigt und gelten bei vielen Schwulen eher als homophob – erinnert sei an die Artikel des SPIEGELS im Zusammenhang mit dem Aufkommend er Krankheit Aids.

 

Kurbjuweit scheint ganz in der Tradition der Verächtlichmachung homosexueller Männer zu stehen. Er macht sich lustig über die Dauer eines Geschlechtsaktes zwischen Männern (S. 66) und über eingetragene Partnerschaften – über die „Schwulenehe“ im Sprachgebrauch des Romans (S. 193). Dass zwei zusammen lebende homosexuelle Männer einen sechsjährigen Jungen aufziehen, verstehen weder Kurbjuweits Ich-Erzähler oder dessen litauische Sexualpartnerin Noringa noch der Leser, denn ein Adoptivrecht haben schwule Männer in einer eingetragenen Partnerschaft in Deutschland nicht. Möglicherweise ist der kleine Junge der Sohn eines der beiden Freunde aus einer gescheiterten Ehe. Für nicht ausgeschlossen aber halte ich, dass Kurbjuweit mit der Passage auf  S. 193f. dem bekannten und verheerenden Klischee, Schwule seien Paedophile, Nahrung geben will.

 

Jeder soll jedes Buch lesen können und dürfen. Zu empfehlen aber ist schwulen Lesern der meiner Ansicht nach schwulenverachtende Roman des Dirk Kurbjuweit nicht.