MIME-Version: 1.0 Content-Location: file:///C:/ACC9450E/Eisel,Ull,Obsessionen.htm Content-Transfer-Encoding: quoted-printable Content-Type: text/html; charset="us-ascii" Ull Ei= sel

        =             &nb= sp;            =             &nb= sp;            =     Ull Eisel

 

        =             &nb= sp;            =             &nb= sp;            =   Obsessionen

        =             &nb= sp;            =             &nb= sp;            Kriminalroman

        =             &nb= sp;         MV Taschenbuch. BS-Verlag- Rostock 2012

 

Ull Eisel ist eine interessante, vielseitig begabte Fr= au. 1949 zog ihre  Familie aus Westdeutschland nach Dresden. Dort wurde sie Mechanikerin, arbeitete als Schlosser, studierte Kraft-, Arbeitsmaschinen- und Werkzeugmaschinenbau, wi= rkte an der Flugzeugentwicklung der DDR mit, besitzt zahlreiche Patente. Nach freiberuflicher Tätigkeit wurde sie in die Bauakademie der DDR berufen. Ein Fernstudium in Philosophie schloss sie mit der Promotion ab. Von 1981 b= is 1986 war sie Direktorin der Barlach-Gedenkstätte in Güstrow. Zusa= mmen mit Hans Barlach gründete sie die Berliner Kunsthof GmbH, die sie bis = 1997 leitete. 1991 übernahm sie die Guts-Ruine Neu Gaarz in Mecklenburg und baute sie zu einem Kunst- und Kulturzentrum aus. Wegen finanzieller Probleme musste sie dieses Projekt aufgeben. Ull Eisel lebt heute in Waren an der Müritz und schreibt Kriminalromane.

 

Obsessionen ist auch ein „Schwulenroman“, denn im Vordergrund der Handlung steht neben Hauptkommissar Jens Carpenter von der Schweriner Mordkommission und Hauptkommissar Erwin Breder, Leiter der Warener Kripo, dessen schwuler Zwillingsbruder Edwin, Innenarchitekt und Krankenpfleger sowie langjähriger Freund des Mordopfers, eines wohlhabenden, in Waren äußerst unbeliebten Schönheitschirurgen.

Während zwischen den Brüdern Breder ein liebevolles Vertrauensverhältnis besteht, hatte Carpenter bis zu diesem Zeitpunkt keine Verbindung zu Homosexuellen, deren Welt ihm fremd ist. Überraschend schnell aber entwickelt er ein freundliches Verhältn= is zu Edwin Breder. Die Gegenposition nimmt der homophobe Warener Oberkommissar Navroth ein, der in Edwin Breder nur allzu gerne den Mörder sähe.=

So sehr sich Edwin Breder und das Mordopfer verstanden hatten, zum Bruch kam es wegen der „Obsessionen“ des Arztes, wo= mit dessen  Ausschweifungen mit Rostocker männlichen Prostituierten gemeint sind. Edwin Breder ist der Ansicht, dass Homosexuelle Sex mit „gestandenen Männern“ bevorzugten. Da sie diese aber nicht im eigenen Milieu fänden, griffen= sie auf die heterosexuellen Strichjungen zurück.

An dieser Argumentation zeigt sich, dass die Autorin m= it der homosexuellen Szene nicht vertraut ist und auf Klischees wie den weichen, unmännlichen Schwulen zurückgreift. Einem tradierten Klischee entsprechen auch die beiden Rostocker männlichen Prostituierten: Sie werden als durch und durch heterosexuell geschildert; ihren Sex-Job versteh= en sie ausschließlich als Dienstleistung.

Nun sind Sex-Worker immer Dienstleister, aber die Vorstellung, wonach männliche Prostituierte in der Regel nicht homosex= uell seien, ist überholt. Sie war das Resultat der Verteidigungsstrategie v= on Strichjungen während der Verfolgungszeit: man wollte nicht zugeben = 211; und vor allem nicht aktenkundig werden lassen – schwul zu sein. Die Realität sieht anders aus: Die meisten männlichen Escorts oder Pr= ostituierten oder Callboys oder  Callmen od= er Huren oder Strichjungen sind zumindest bi-, wenn nicht homosexuell.

Ull Eisel hätte sich vor Ort kundig machen kö= ;nnen: Waren verfügt über homosexuelle Strukturen. Gay Romeo Escorts wei= st darüber hinaus auch Warener männliche Prostituierte aus. Einer von ihnen – Gaytrainer – ist seit Jahrzehnten in diesem Job tä= tig. Er ist ein Mensch mit interessanter Biographie, der nach einer heterosexuel= len Lebensphase seit langem mit einem Mann zusammen lebt. Von ihm hätte Ull Eisel viel über homosexuelles Leben erfahren können – und w= enn es sie über ihren kurzweiligen Roman hinaus interessiert, kann sie das noch immer.