Drei Hamburger Schauspieler in Schwierigkeiten

 

                                               (Favart/Pilgram – Kreutz – Lanker)

 

 

 

Es begann im holsteinisch-preußischen Bramfeld: Am 27. Mai 1935 erschien auf dem  örtlichen Polizeirevier Emma Sievers, Ehefrau eines Ohlsdorfer Friedhofsgärtners, und erstattete Vermisstenanzeige. In Wirklichkeit aber bat sie um Festnahme und Zuführung ihres fast fünfzehnjährigen Sohnes Egon (* 29. Mai 1920 in Hamburg), denn sie wusste durchaus, was er trieb und wo er zu finden war, denn in der aufgenommenen Anzeige heißt es: „Ich nehme an, daß er sich in Hamburg umhertreibt. Mir ist bekannt [,] daß er in homosexuellen Kreisen verkehrt. Er läßt sich für seinen liederlichen Lebenswandel in diesen Kreisen bezahlen…Er verkehrt auch viel auf dem alten Pferdemarkt [heute: Gerhart-Hauptmann-Platz] in der Nähe des Karstadtgebäudes…Ich weiß, daß mein Sohn dort auf Männerfang geht. Ich weiß auch, daß er in vorigem Jahr mit einem Schauspieler verkehrt hat. Dieser bewirtete ihn mit Kaffee u. Kuchen und schenkte ihm kleinere Geldbeträge. Der Schauspieler heißt Pilgram und wohnt Hamburg Kreuzweg [21]. Mein Sohn lernte diesen durch einen Mann auf dem Jungfernstieg kennen, der ihm die Adresse dieses Schauspielers gab. Ich weiß auch, daß er mit einem Mann, der eine Villa in Hamburg Hartungstr. hat [,] in Verkehr steht. Mein Sohn hat mir selbst hiervon erzählt.

Ich bitte darum, wenn mein Sohn betroffen wird, daß er in Schutzhaft genommen wird. Ich werde ihn dann abholen“ (1).

Der Polizei fiel es nicht schwer, den Jungen zu finden und aufzugreifen. Einen Tag nach der Vermisstenanzeige wurde er am 28. Juli von dem Bramfelder Kriminalassistenten Düwel befragt (2).

Egon Sievers war am 7. April 1935 aus der 4. Klasse entlassen worden, obwohl er, wie sein Klassenlehrer am 5. Juli verlauten ließ, „das Klassenziel der Kl. 5 eigentlich nicht erreicht hatte“. Seine fast fünfzehn Jahre seien ihm „in der doch durchschnittlich um fast 4 Jahre jüngeren Klasse nicht anzumerken. Das Sexualbewußtsein des Jungen schien noch kaum entwickelt zu sein“ (3). Wie sehr sich ein Klassenlehrer doch irren kann!

Kriminalassistent Düwel spricht hingegen von einem „verhältnismäßig kräftigen Jungen“, bemerkt aber zu Sievers’ Reife, er habe bei der Vernehmung sprunghaft erzählt, sei sich „wichtig“ vorgekommen und habe viel gelacht. „Man hatte den Eindruck, daß er sich bei der ganzen Sache überhaupt nichts dachte. Sicherlich ist er sich des Verwerflichen seiner Handlungsweise bestimmt nicht bewußt“. Düwel empfahl schnellstmögliche Einweisung in Fürsorgeerziehung und fügte hinzu, Mutter und Gemeindeschwester hätten hierzu erste Schritte unternommen (4).

Dennoch: Düwel hielt Egon Sievers für glaubwürdig – und  dessen Aussagen hatten es in mehrfacher Hinsicht in sich, denn Sievers berichtete in naiver, aber durchaus abgebrühter Weise nicht nur von seiner Tätigkeit als Strichjunge, sondern auch davon, wie ihn seine Freier, abgesehen von Favart, mit ein paar Groschen (10 bis 50 Pfennige) abspeisten. Über seine Besuche am Alten Pferdemarkt (Gerhart-Hauptmann-Platz) sagte er: „Ich weiß, daß dort immer Männer sind [,] die junge Leute einladen, um diese lieb zu haben. Ich bin schon oft dort gewesen. Auch an diesem Tag [dem 27. Mai] wollte ich mir einen solchen Mann, den man Freund nennt, dort suchen…Was der Mann von mir wollte[,] das weiß ich, wenn er mir dieses auch nicht sagte. Ich weiß, daß ich mich nackend hinlegen sollte, und er mir hinten sein Dings reinstecken wollte…Mit den Männern bin ich mitgegangen und habe mir Freunde gemacht, um von diesen Geld geschenkt zu bekommen. Gerne habe ich die Männer nicht angefasst. Auch habe ich mich nicht gerne von diesen anfassen lassen. Am liebsten möchte ich eine Stelle als Bote haben und so Geld verdienen…Ich weiß, daß am Pferdemarkt, in der Nähe des Thaliatheaters, sich viele Männer einen Freund suchen. Ich will das jetzt aber nicht mehr tun. Mir fällt noch ein, daß ich auch einmal einen ehemaligen Polizeibeamten auf dem Pferdemarkt kennen lernte. Er erzählte mir, daß er bei der Machtübernahme entlassen sei. Mit diesem war ich bei Karstadt Mönckebergstr. in der Toilette…Ich war auch mal mit ihm in seiner Wohnung, in Hamburg - Barmbeck Nähe Bachstr…“.

Sievers nannte der Bramfelder Kriminalpolizei fünf seiner Sexualpartner mit Namen und Adresse, darunter die beiden Schauspieler Favart und Kreutz.

 

Das Amtsgericht Wandsbek (damals noch Wandsbeck) beschloss am 11.7.1935 für Sievers Fürsorgeerziehung; am 20.7. wurde er auf Anordnung der Kieler Fürsorgeerziehungsbehörde in das Landesaufnahme- und Erziehungsheim in Schleswig eingewiesen. Von dort aus kam er am 10. Dezember 1935 in das „Bewahrungsheim Kuhlen in Rickling i. Holst.“, eine KZ-artige Einrichtung.

Alle sechs gutachterlichen und fachärztlichen Äußerungen zwischen dem 5. Juli 1935 und dem 22. Januar 1936 beurteilen Sievers negativ und sehen in ihm letzten Endes einen hoffnungslosen Fall (5).

 

Am 22. April 1936 verurteilte das Landgericht Hamburg den sechzehnjährigen Egon Sievers zu 2 Jahren Gefängnis mit der Begründung, dass eine exemplarische Strafe notwendig sei, „nachdem Sievers aus der Fürsorgeerziehung mangels Aussicht auf Erfolg entlassen worden ist“.

 

Die Strafe verbüßte Sievers ab 3. August 1936 in Neumünster und seit dem Frühjahr 1937 in Hahnöfersand. Am 3. August 1938 wurde er aus der Haft entlassen und scheint im September 1939 eingezogen worden zu sein, da das Hamburger Wehrbezirkskommando am 8. 9. 1939 um eine Abschrift des Urteils von 1936 bat (6).

 

In seiner Vernehmung am 28. Mai 1935 hatte Sievers den Schauspieler Favart als seinen besten Freund bezeichnet; zu ihm sei er am liebsten gegangen, weil dieser ihm immer 1,- RM gegeben habe und Kaffee und Kuchen. Als ihm Favart kein Geld mehr habe schenken wollen, sei er nicht mehr hingegangen.

 

Favart bestritt sexuelle Handlungen mit Sievers, doch hatte er schlechte Karten, weil er einerseits der Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft mehrfach einschlägig bekannt war und weil andererseits Sievers bei einer Gegenüberstellung die erhobenen Beschuldigungen bekräftigte.

 

Rechtsanwalt Dr. Otto Lilienfeld stellte seine Verteidigung darauf ab, dass gemeinsame Onanie zur Tatzeit nicht strafbar gewesen und Sievers überdies ein dubioser Zeuge sei. Doch hatte er mit seinem Antrag, die Hauptverhandlung gegen Pilgram gen. Favart nicht zu eröffnen, keinen Erfolg. Allerdings setzte das Gericht am 22. April 1936 das Verfahren gegen Favart aus, weil die Staatsanwaltschaft, die für ihn 8 Monate Gefängnis beantragt hatte, ein zuvor eingestelltes Verfahren wiederaufnehmen wollte.

Nach Lilienfelds Tod im Juni 1936 übernahmen zunächst die Rechtsanwälte Franke und Herbert Ruscheweyh und ab 30. November 1937 Rechtsanwalt Dahlström die Verteidigung Pilgrams (7).

Der Prozess gegen ihn fand am 12. Februar 1938 statt. Trotz „nicht unerheblichen Verdachts“ sprach das Gericht den Angeklagten frei, weil gleichgeschlechtliche Handlungen mit Sievers nicht „mit Sicherheit festzustellen“ gewesen seien. Das Urteil bringt überdies drei frühere Vorgänge gegen Pilgram ohne Bestrafung zum Abschluss (8).

Pilgram genannt Favart hatte ungeheueres, kaum vorstellbares Glück, ungeschoren davongekommen zu sein, so belastend die Zeit von Ende Mai 1935 bis Mitte Februar 1938 für ihn auch persönlich und beruflich gewesen war.

Möglicherweise hatten Favarts Ruf als Schauspieler und seine gesellschaftliche Stellung in der Hansestadt Einfluss auf die Entscheidung der Richter.

 

Geboren wurde Wilhelm Pilgram am 1. Januar 1899 in Barmen (9). Sein Vater war Fabrikant. Nach Besuch des humanistischen Gymnasiums durchlief er eine kaufmännische Ausbildung, u. a. beim Crédit Lyonnais in Paris, wo er nahezu täglich Theateraufführungen besuchte. Nach dem Paris – Aufenthalt wurde Pilgram Schauspieler. Er war der letzte Schüler von Siegwart Friedtmann.

Im  Oktober 1910 erhielt Pilgram sein erstes Engagement am neu eröffneten Schauspielhaus Bremen. 1912 ging er  nach Kiel, 1913 nach Heidelberg und kurz darauf nach Dresden. 1915 wechselte er nach Hannover, wo er bis 1920 blieb.

1921 erfüllte sich nach einem fünfmonatigen Intermezzo am Berliner Lessing-Theater sein „alter geheimster Wunsch, 'nach Hamburg zu kommen' “.

Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war Pilgram bis 1936 engagiert; er trat dort unter dem Künstlernamen Willy Favart auf.

„Und dann gings nach vierjähriger Pause auf Veranlassung der Reichstheater Kammer nach Köln“. Dieser Satz aus seinem Schreiben an Paul Möhring vom 21.12.1958 belegt, dass die Strafverfolgung zwischen 1935 und 1938 erhebliche berufliche Folgen für Pilgram hatte, auch wenn er nicht verurteilt worden war.

In Köln wirkte der Schauspieler unter dem Namen Pilgram.

Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg brachte Pilgram in Köln „das erste Ensemble am Rhein wieder auf die Beine“ und inszenierte den „Sommernachtstraum“ mit Mendelssohns Musik.

Seit der Gründung der Norag (Norddeutsche Rundfunk AG) war Pilgram auch im Rundfunk tätig – „immerhin jetzt 35 Jahre“, schrieb er 1958.

Wilhelm Pilgram starb am 1. November 1971 (10).

 

Favart gehörte während seiner Hamburger Jahre nicht zu den heute noch berühmten Stars am Schauspielhaus, sondern zu den gut ausgebildeten, soliden Schauspielern, die zumeist mittlere, selten große Rollen erfolgreich verkörperten, beim Publikum gut ankamen und beliebt waren. Er spielte Helmer in der „Nora“ und Pastor Manders in Ibsens „Gespenstern“, Reißner in Wedekinds „Frühlings Erwachen“, Alba im „Egmont“, Weißlingen im „Götz von Berlichingen), Leicester und  den Großschatzmeister in „Maria Stuart“, Odoardo in der „Emilia Galotti“, Flamm in Hauptmanns „Rose Bernd“, Jakob Kate in Friedrich Kaysslers „Jan der Wunderbare“ usw. In einer Neuinszenierung des „Peer Gynt“ in der Übersetzung von Christian Morgenstern, die am 17.11.1921 herauskam, spielte Favart bis 1933 einhundertsechzehn Mal den Peer, in einer Inszenierung aus dem Jahre 1935 desselben Schauspiels den Trollkönig (11).

Die „Hamburger Theatersammlung“ in der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky enthält eine Reihe Rezensionen, die sich positiv über Favarts schauspielerisches Können äußern (12).

Am Rhein verkörperte Pilgram die großen Rollen seines Fachs wie Lear oder den Dorfrichter Adam.

In Hamburg scheint Favart auch gesellschaftlich erfolgreich gewesen zu sein, wie der folgende Brief vom 12. November 1925 an Albert Wilhelm Westenholz (1879-1939) zeigt:

„Sehr verehrter und lieber Herr Baron!

Es tut mir leid, daß ich bei Ihrem Kommen nicht daheim war; ich hätte Ihnen so gerne gesagt, wie sehr mich Ihre beiden lieben Einladungen erfreut haben, und wie sehr ich bedauere, beide Male nicht zu können! Nicht der [Wille] ist es, an dem es mir gebricht, sondern der Mangel an Zeit + an Nerven hat mir seit Wochen die Teilnahme an jeder geselligen + gesellschaftlichen Unternehmung verwehrt.

Nach meiner Heimkehr von Cuxhaven brachte mir der 29te gleich früh 10 + 1 h. zwei Proben; 3 h. Vorstellung Guiskard + Amphitryon + abends 7 h. Vorstellung Peer Gynt. Dann täglich lange Proben 'Weinberg' und die endlosen Vorbereitungen für unseren Ball, die mich die ganze letzte Woche bis lange in die Nächte hinein beschäftigten. Sonntag, Montag + Dienstag wieder je 2 Vorstellungen + außerdem früh Proben. Ich komme aus dieser Kunst-Fabrik von früh bis spät nicht heraus + finde knapp die nötige Zeit für’s Schlafen.

Da mir der Sonntag auch wieder 2 Vorstellungen (um 10 + 3 Uhr) bringen wird, hatte ich mir vorgenommen, Ihnen am kommenden Sonnabend (14. XI.) (dem einzigen Proben – freien Tage) gegen Mittag Besuch zu machen. Nun sind Sie mir mit Ihrem lieben Besuch wieder zuvorgekommen, + ich muß Ihnen nun leider allen diesen Alltagskram schreiben, damit sie nicht missverstehen, weshalb ich noch nicht kam.

Sollte es Ihnen nicht ungelegen kommen, so werde ich mich riesig freuen, wenn ich Sonnabend zu Ihnen kommen will + mit Ihnen essen darf. Werden Sie die Güte haben, mir zu antworten, ob ich kommen darf + ob gegen 1 h. oder früher oder später?

Mit bestem Danke + mit freundlichen Grüßen!

Ihr sehr ergebener Willy Favart“ (13).

 

Ganz und gar nicht gut meinte es das Schicksal mit Heinz Otto Karl Kreutz. Geboren wurde er am 10. März 1911 in Hamburg; seine Eltern hatten eine Milchhandlung im Reyesweg in Barmbek.

Nach der Schulentlassung machte Kreutz eine Buchdruckerlehre, legte 1929 die Gesellenprüfung ab, begab sich auf Wanderschaft und arbeitete bis 1930 in dem erlernten Beruf. Anschließend wurde der attraktive junge Mann Schauspielschüler am Stadttheater Altona. Nach bestandener Prüfung erhielt er 1933 sein erstes Engagement am Landestheater Altenburg in Thüringen. Von dort wechselte er nach Ostpreußen, wo er zwischen dem 1. Juli und dem 30. September am Kurtheater im Seebad Kahlberg am Frischen Haff (heute Krynica Morska)  und vom 1. Oktober 1935 bis zum 15. April 1936 am Stadttheater Elbing (Elbląg) spielte. Im Sommer 1936 wirkte er bei den Festspielen anlässlich des „Weltkongresses für Freizeit und Erholung“ in Hamburg vom 23. bis 30. Juli 1936 mit, gastierte anschließend an den Theatern in Rudolstadt und Kolberg (Kołobrzeg). Kurze Zeit war er  als Schauspieler bei Telefunken (vermutlich bei Hörspielaufnahmen) tätig. Seit April 1936 war Kreutz „unständig beschäftigt“. Vom 15. Januar bis 5. Februar 1937 befand er sich in Berlin im Krankenhaus (14).

Das war keine glänzende, aber bis 1936 doch eine ansehnliche Karriere.

 

Der Schriftsteller Th. W. Elbertzhagen, der Kreutz anlässlich der Aufführung seines Festspiels „Barbarossa und sein Waffenschmied“ 1935 in Altenburg kennen gelernt und ihn seitdem mehrfach in seine Familie eingeladen hatte, bezeichnete Kreutz als außerordentlich begabten Schauspieler (15). Dasselbe taten Kreutz’ Kollegin Irmgard Hoffmann (16) und sein erster Oberspielleiter am Altenburger Theater Ludwig Hansen (17).

 

Im Unterschied zu Pilgram genannt Favart hatte die Kriminalpolizei bis zu Egon Sievers’ Aussage keine Erkenntnisse darüber, dass Kreutz homosexuell sein könnte.

Kreutz leugnete seine Kontakte zu Sievers nicht, der Anfang der 1930er Jahre in der Nähe des Milchgeschäfts gewohnt hatte und dessen Eltern Kreutz „sehr schätzte“. In einem Brief an den Gerichtsvorsitzenden schrieb Kreutz nach Erhalt der Anklageschrift: „Ich war damals 22 Jahre alt und war mir über meine Handlungsweise völlig im unklaren“ (18).

Im Prozess gegen Sievers und  dessen Sexualpartner am 22.4.1936 kam Kreutz mit dem Schrecken davon: Das Gericht stellte das verfahren „auf Grund des Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit vom 7. August 1934“ ein. Das war kein Freispruch, sondern besagte lediglich, dass die zu erwartende bzw. erkennende Strafe so beschaffen war (nämlich nicht mehr als 6 Monate Gefängnis betragen hätte), so dass sie unter das genannte Amnestiegesetzt fiel (19).

Die Problematik seiner sexuellen Beziehungen jedoch, die im Prozess vom 22. April 1936 zwar aufgezeigt worden war, aber noch  keine ernsten Konsequenzen gehabt hatte, sollten ihn 10 Monate später zu Fall bringen: Kreutz bevorzugte Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren, wobei Irrtümer in der Alterseinschätzung programmiert waren und damit die Gefahr, mit Jungen unter 14 Jahren – und das bedeutete mit Kindern – verkehrt zu haben. Junge Partner hatte der sexuell aktive Schauspieler in allen Orten, in denen er auftrat. Insbesondere auch dies wurde ihm zum Verhängnis.

Am 18. Februar 1937 bat die Staatspolizeileitstelle des Landespolizeibezirks Berlin die Hamburger Kollegen nicht nur um Amtshilfe, sondern auch um Zusammenarbeit mit der Oberstaatsanwaltschaft in Altenburg (Thüringen).

Mit der Vernehmung von Heinz Kreutz am 26. Februar 1937 durch Kriminalsekretär Jahn übernahm die 8. Inspektion der Hamburger Staatspolizeileitstelle und später die Hamburger Justiz federführend die Strafverfolgung der gleichgeschlechtlichen Handlungen des Schauspielers in Hamburg, Altenburg, Elbing und Berlin.

Kreutz war gesprächig, wenn es ihm nach eigenem Bekunden auch schwer fiel, Freunde zu beschuldigen. Mit seinem guten Gedächtnis als Schauspieler erinnerte er sich an weit zurückliegende Ereignisse und Einzelheiten. Kriminalsekretär Jahn, der sich mehrfach seiner Fragetechnik rühmte, verstand es, dem naiven, unerfahrenen Schauspieler Geständnisse zu entlocken über Partner, von denen die Gestapo weder etwas ahnte, geschweige denn etwas wusste. Am Ende waren es rund dreißig Personen, darunter fünf Schauspieler (17) sowie der Direktor des renommierten Lindenau Museums in Altenburg (18), die in den Fall Kreutz involviert waren und von der Kriminalpolizei oder Gestapo in Altenburg, Berlin, Elbing und Hamburg vernommen wurden. Einigen wurde der Prozess gemacht.

 

Die Strafakte Kreutz gibt Einblicke in das Beziehungsgeflecht dieses jungen Mannes, der seine Partner im Umfeld des jeweiligen Wohnquartiers oder seiner Tätigkeit fand – bei Menschen, denen er als Heranwachsender Milch austrug, bei Freunden und Bekannten seiner Eltern, bei Menschen, denen er durch seine Arbeit am Theater begegnete. Verführt  hat Kreutz wohl niemanden; vielleicht hat er den einen oder anderen überredet; doch fanden alle  gleichgeschlechtlichen Handlungen einvernehmlich statt.

Die Jungen, die Kreutz küsste und mit denen er onanierte, freuten sich über eine Theaterkarte, hatten selbst die Absicht, zum Theater zu gehen. Mit einigen Jungen war Kreutz längere Zeit befreundet; in einen von ihnen verliebte er sich und fand seine Liebe erwidert.

Hin und wieder ist Kreutz aber auch Erpressungsversuchen ausgesetzt gewesen. Und ab und zu gab er seinen Partnern geringe Geldbeträge.

 

Kreutz wurde am 25. Februar 1937 in Schutzhaft genommen und in das  KZ Fuhlsbüttel  eingewiesen. Am 22. März 1937 erließ Amtsgerichtsdirektor Krause Haftbefehl, was die Verlegung von Kreutz in das Untersuchungsgefängnis Fuhlsbüttel zur Folge hatte.

Die Anklageschrift trägt das Datum 23. August 1937; sie beschuldigt Kreutz unzüchtiger Handlungen nach §§ 176 Ziffer 3 und 175 StGB mit 27 Partnern, darunter mit drei Jungen, die zur Tatzeit noch nicht 14 Jahre alt waren.

Der Prozess gegen Heinz Kreutz fand am 2. November 1937 unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. Schmarje statt. Staatsanwalt Wienbeck beantragte 2 Jahre und 6 Monate Gefängnis unter  Anrechnung der Schutz- und Untersuchungshaft.

 

Das Gericht entschied, die Anklage nach § 176 Ziffer 3 fallen zu lassen, da Kreutz ein Verstoß dagegen nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Es verurteilte Kreutz zu

1 Jahr und 9 Monaten Gefängnis unter voller Anrechnung der Schutz- und Untersuchungshaft.

 

Die Richter bewerteten positiv, dass „seine Handlungen nicht die übelsten Formen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs angenommen haben, daß er keinen regelmäßigen Verkehr mit Strichjungen unterhielt und keine Lokale aufsuchte, die als Treffpunkte der Homosexuellen bekannt sind, und daß er auch mehrfach ernsthaft versucht hat, den Lockungen zu widerstehen. Endlich ist sein von einer aufrichtigen Wahrheitsliebe getragenes und umfassendes, ja erschöpfendes Geständnis mildernd zu berücksichtigen, in das der angeklagte auch zahlreiche Fälle einbezogen hat, die der Polizei noch nicht bekannt waren“.

Strafverschärfend wirkte sich die große Zahl jugendlicher Partner im Alter von 14 bis 18 Jahren aus.

 

Kreutz verbüßte seine Strafe vor allem im Emslandlager V Neusustrum; von dort wurde er am 24. November um 18.00 Uhr nach Hause entlassen (22).

 

Das Urteil vom 2. November 1937 hatte den Ausschluss aus der Reichstheaterkammer zur Folge, so dass Kreutz nicht mehr als Schauspieler auftreten konnte.

 

Über das weitere Schicksal von Heinz Kreutz ist kaum etwas bekannt. Im Herbst 1943 bat das Gericht der 53. Infanterie Division um Zusendung der Strafakte Kreutz. Dies legt den Schluss nahe, dass Kreutz sich erneut wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen zu verantworten hatte. Und dasselbe ergibt sich aus dem unpaginierten DIN-A 6-Zettel mit Datum 31.5.1952, auf dem der Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht Hamburg das Archiv der Justiz „in der Strafsache Heinz Kreutz…wegen widernatürlicher Unzucht“ um Übersendung seiner Akte mit Urteil vom 2.11.1937 ersuchte.

 

Gänzlich anders verlief das Schicksal von Heinz Lanker – Kollege, Freund und Sexualpartner von Heinz Kreutz. Kennen gelernt hatten sie sich am Altonaer Stadttheater, wo sie beide im Sprechchor und in der Komparserie tätig waren und ihre Ausbildung zu Schauspielern absolvierten.

Erhalten sind eine Ansichtskarte vom 29.9.1935 und ein Brief vom 25.4.1936 von Kreutz an Lanker.

Die Karte zeigt die „neue Wirkungsstätte“ des Schauspielers, das Elbinger Theater. Berichtet wird von vielen Proben und vom Besuch eines Films mit Jan Kiepura am Vortag.

Interessanter für die Kriminalpolizei war der Brief, der folgendermaßen lautet:

„Lieber Heinz!

Seit einigen Tagen bin ich in Hamburg, bei meinen Eltern zu Besuch. Ich möchte Dich heute fragen, ob es Dir recht ist, wenn wir uns in der kommenden Woche einmal sehen könnten.

Am 2. Mai reise ich für einige Wochen nach Berlin. – Ich kann Dir viel erzählen, habe ich doch seit 1934 wieder sehr viel erlebt u. gesehen. Es geht mit mir mächtig vorwärts. Verhandle mit einer großen Bühne!

Du siehst, ich habe Interesse für Dich u. möchte da wieder anknüpfen, wo wir vor 1 ¼ [oder  1 ¾] Jahren aufgehört haben!

Solltest auch Du Interesse haben, so bitte ich Dich, mir doch zu schreiben, wo u. warum wir uns in der nächsten Woche treffen könnten. Ich richte mich nach Dir! Ich überlasse Dir alles!

Also bis dahin.

Es grüßt Dich herzlich Dein alter Freund Heinz Kreutz“ (23).

 

Lanker wurde am 13. März 1937 von Kriminal-Assistent Conrad vom 8. Kriminalkommissariat Altona vernommen; er gab sexuelle Kontakte mit Kreutz zu (24).

Ob Lanker angeklagt und verurteilt worden ist, ließ sich nicht feststellen. Vermutlich ist auf ein Verfahren verzichtet worden, weil die gemeinsame Onanie beider Männer vor Inkrafttreten der verschärften Bestimmungen des § 175 stattgefunden hatte und Lanker zu diesem Zeitpunkt möglicherweise das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte.

 

Heinz Otto Lanker wurde am 4. August 1916 in Altona geboren. Von Beruf war er Feinmechaniker (25) bzw. Ingenieur  (26), bevor er zur Schauspielerei wechselte..

Nach 1945 machte Lanker Karriere bei der Niederdeutschen Bühne Hamburg, dem heutigen Ohnsorg Theater, an dem er 1970 sein 25jähriges Bühnenjubiläum beging. Lanker führte gelegentlich Regie, wirkte in den beiden Spielfilmen „Wilhelmsburger Freitag“ (1964) und „Otto und die nackte Welle“ (1968) sowie in zahlreichen Hörspielen des Norddeutschen Rundfunks mit.

Lanker starb am 11.8.1978 in Hamburg und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof (27)

 

 

                                                              Anmerkungen

 

 1   Vgl. Staatsarchiv Hamburg, SLS 213-11: 1821/38 Bl. 2, 2 links; zur Hausnummer Kreuzweg 21 vgl. Bl. 4 links, 5)

 

 2   s. o. Bl. 3-7.

 

 3   s. o. Bl. 41, 41 links.

 

 4   s. o. Bl. 7f.

 

 5   s. o. Bl. 41-65, 105f.

 

 6   s. o. Bl. 29-47, 169, 186-188; Handakte Bl. 79.

 

 7   s. o. Bl. 79, 88-101, 152-155, 162f., 175, 175 links, 192-197, 202-211.

 

 8   s. o. Bl. 219-227.

Im Urteil (Bl. 122f.) heißt es:

„a) Das Ermittlungsverfahren…gegen Pilgram…wegen widernatürlicher Unzucht mit einem gewissen Ibendorf, begangen im Jahre 1934, ist durch Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 17. Juli 1935 mangels Beweises eingestellt worden.

 

b) Das Verfahren…gegen Pilgram wegen fortgesetzter Unzucht mit mehreren jungen Männern, begangen in der Zeit von 1924 bis zum 2. August 1934 ist durch rechtskräftiges Urteil des Amtsgerichts Hamburg vom 22. Oktober 1936 auf Grund des Amnestiegesetzes vom 7. August 1934 eingestellt worden.

 

c) Das Ermittlungsverfahren…gegen Pilgram wegen widernatürlicher Unzucht mit einem gewissen Francke ist nach einer Verhandlung vor dem Schnellgericht durch Verfügung der Staatsanwaltschaft vom 2. Oktober 1937 auf Grund des Amnestiegesetzes vom 7. August 1934 eingestellt worden“.

 

Keinen Niederschlag in der Akte SLS 213-11: 1821/38 fand die Mitteilung des Schauspielers Heinz Kreutz am 22. April 1937, wonach ein Otto Wittenburg versucht habe, Favart zu erpressen, was Wittenburg jedoch bestritt (vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS: 213-11: 913/38 Bl. 98f, 103f.)

 

 9   Heute: Wuppertal – Barmen.

 

10   Die biographischen Notizen beruhen 1. auf dem Nachruf auf Pilgram in der Zeitschrift „Die Bühnengenossenschaft“, Jg. 1971, Heft 12, S. 474 und 2. auf Pilgrams Brief an Paul Möhring vom 21.12.1958.  Der Brief befindet sich als Autograph in der Theatersammlung Hamburg unter der Signatur 976/1.

 

11   Vgl. zu den Rollen, die Favart in Hamburg bzw. Pilgram in Köln verkörperte: Pilgrams Brief an Möhring vom 21.12.1958 sowie die Aufstellung der Rezensionen derjenigen Inszenierungen, in denen Favart mitwirkte, in der Hamburger Theatersammlung

 

 12  Vgl. die Rezensionen in der „Sammlung Weber“ der Hamburger Theatersammlung, die überdies Programmhefte enthält mit Besetzungslisten, auf denen Favart erscheint, mit Szenen- und Porträtfotos des Künstlers.

 

13   Staatsarchiv Hamburg: 622-1/110 Westenholz B XV, 14 Bd. 7.

 

14   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS: 213-11:913/38 Bl. 1 links, Bl. 127-129.

 

15   s. o. Bl. 130-131.

 

16   s. o. Bl. 128f.

Die Filmschauspielerin Irmgard Hoffmann, die eine Verwandte von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess gewesen sein soll, spielte in den Filmen „Der Sündenbock“ (1940) und „Großstadtmelodie“ (1943; Regie: Wolfgang Liebeneiner) mit

 

17   Vgl. Hansens Schreiben vom  29.6.1935  im Staatsarchiv Hamburg SLS: 213-11: 1821/38 Bl. 87; dessen Schreiben vom 26. Juli 1937 unter SLS 213-11: 913/38 Bl.132.

 

18   Vgl. Staatsarchiv Hamburg SLS: 213-11: 1821/38 Bl. 81-86.

 

19   s. o. Bl. 30, 44f.

 

20   Es handelt sich um Heinz Lanker (Hamburg), Fritz Langeloth (Volksbühne Berlin), Östreich (Altenburg), Theo Reichel-Tross (Volksbühne Berlin), Horst Schmohl (Berlin,

* 1915, ertrunken 1936).

 

21   Dr. Mock.

 

22   Staatsarchiv Hamburg SLS: 213-11: 913/38 Bl. 133- 174; Zitat Bl. 163 links.

 

23   s. o. Bl. 69f.

 

24   s. o. Bl. 8 links, 71-73, 138 f.

 

25   So in der  Strafakte Kreutz (213-11: 913/38).

 

26   So der Nachruf auf Lanker im Hamburger Abendblatt vom 19.8.1978.

 

27   Ausgabe zum 25. Bühnenjubiläum von Lanker am Ohnsorg Theater, Spielzeit 1969/70 Heft 10, S. 1-5.

 

28   Vgl. die kurze Meldung in der „Welt“ vom 19.8.1978 und die Nachrufe im „Hamburger Abendblatt“ vom 19.8.1978, in der Zeitschrift „Die Bühnengenossenschaft“ Jg. 1978, Heft 10 S. 41 sowie im Programmheft des Ohnsorg Theaters der Spielzeit 1978/79 Nr. 1, S. 10.