Gottfried Lorenz

 

                           Rezension des Romans und der schwedischen Fernsehserie

 

                                                  Torka aldrig tårar utan handskar

 

                                                          von Jonas Gardell

 

Der Roman:

 

Ein junger Mann liegt im Sterben. Auf der Isolierstation eines Krankenhauses. Er ist allein. Manchmal weint er. Eine Hilfsschwester wischt mit bloßer Hand seine Tränen ab. Daraufhin wird sie von einer älteren Krankenschwester schroff zurechtgewiesen: Torka aldrig tårar utan handskar (Wisch niemals ohne Handschuhe Tränen ab).

 

So beginnt ein dreibändiger Roman von Jonas Gardell über das Sterben an Aids und das Leben als HIV-Positiver während der 1980-er und frühen 1990-er Jahre in der schwedischen Hauptstadt. Torka aldrig tårar utan handskar ist nicht nur der scheinbar sperrige Obertitel der drei Bände Kärleken (Die Liebe), Sjukdomen (Die Krankheit), Döden (Der Tod)1, sondern eines der zentralen Motive der Trilogie, allerdings in einer modifizierten Form und inhaltlich das Gegenteil der Worte der Krankenschwester: Och han skall torka varje tår från deras ögon (und er [Gott] wird abwischen jede Träne von ihren Augen) – und dies ganz gewiss utan handskar (mit bloßer Hand, ohne Handschuhe).

 

Nach der Eingangsszene heißt es im ersten Band des Romans2: „Dies hier ist ein Bericht über eine Zeit und einen Ort. Was berichtet wird, ist geschehen. Es ereignete sich hier, in dieser Stadt, in diesen Stadtvierteln und Häuserblocks, unter den Menschen, die hier leben. In den Parks der Stadt, in den Freiluftrestaurants, den Bars, Saunaklubs, Pornokinos, Krankenhäusern, Kirchen und Friedhöfen. Es geschah auf den Straßen und in den Häusern dieser Stadt, unter ihren Menschen.

Das, worüber hier berichtet wird, ereignet sich zur selben Zeit an vielen anderen Orten, aber davon sollen andere erzählen.

Was in diesem Text berichtet wird, geschieht auch heute noch, es passiert die ganze Zeit, aber auch das gehört nicht in diese Erzählung, selbst wenn sie bis in unsere Zeit hineinreicht.

Es ist eine Art Pflicht, das alles zu berichten. Eine Form der Ehrung und der Trauer und des Sich-Erinnerns. Die Pflicht, den Kampf des Erinnerns gegen das Vergessen zu führen“.

 

Die Wendung Det som berättas har hänt (Das, was erzählt wird, ist geschehen) durchzieht den gesamten Roman, beglaubigt immer wieder all das, was Gardell berichtet und erzählt. Seine Trilogie ist der große Stockholm-Roman, genauer: der große Roman über das schwule Stockholm der 1980-er und frühen 1990-er Jahre.

 

Was geschildert wird, ist wahr, ist nachprüfbar anhand zitierter zeitgenössischer Zeitungsartikel, Schlagzeilen, Äußerungen von Ärzten, Richtern, Politikern und Journalisten zu Homosexualität und Aids und über die Homosexuellen. Die meisten der erwähnten Zeitungen gibt es bis heute, die Namen der für das Geschehene verantwortlichen Akteure, die im Roman genannt werden, lassen sich recherchieren. Die im Text genannten Stockholmer Homosexuellentreffpunkte hat es gegeben und könnten im Rahmen einer schwulenhistorischen Stadtführung besucht werden.

 

Und im übertragenen Sinne wahr sind die ausführlichen Lebens- und Sterbensgeschichten der Protagonisten des Romans. So individuell sie auch gezeichnet sein mögen, sind sie doch auch Typen homosexuellen Lebens und Sterbens.

 

Der deutsche Leser sollte die landesübliche Verklärung Schwedens rasch vergessen. Det svenska folkehemmet (der schwedische Wohlfahrtsstaat, wörtlich: das schwedische Volksheim) ist nicht so gemütlich und idyllisch, wie dies dem deutschen Urlauber erscheinen mag, der die erheblichen sozialen Probleme und Spannungen entweder aus romantischen, vielleicht auch politisch-ideologischen Gründen nicht wahrnehmen oder wahrhaben will oder  mangels Sprachkenntnissen nicht wahrnehmen kann.

 

Zwei Erzählstränge durchziehen den Roman: die Handlung im engen Sinn, d. h. das Leben und Sterben eines kleinen schwulen Freundeskreises, und die Spiegelung der neuen Krankheit aus Amerika, die den Namen Aids erhält, in der schwedischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft ist trotz liberaler Tendenzen seit der Gründung von RSFL (Riksförbundet för Sexuella Likaberättelse/ Reichsverband für sexuelle Gleichberechtigung) im Jahre 1950 und der homosexuellen Emanzipationsbewegung bis zu Beginn der 1980-er Jahre, die das Gefühl sexueller Befreiung bei vielen Schwulen hervorgerufen hatte, weitgehend homophob, wie

z. B. die Haijby-Affäre, in die auch der König verwickelt war, zeigt und in der sich eine moralische Instanz des Landes wie der Schriftsteller Vilhelm Moberg als Schwulenhasser erwiesen hatte. Und diese homophobe Grundstimmung tritt immer stärker hervor mit Beginn der Jahrhundertkatastrophe, dem Übergreifen von Aids auf Mittel- und Nordeuropa.

Ausführlich beschäftigt sich Gardells Roman mit der Hysterie, die als Folge von Aids das Land erfasste, mit der Diskriminierung, ja Ausgrenzung Aidskranker durch Ärzte und Pflegepersonal bis hin zur Verweigerung ärztlicher Hilfe, mit dem Faktum, dass Aidskranke und Infizierte von Staat und Gesellschaft alleine gelassen und an Aids gestorbene Schwule in Müllsäcken mit der Aufschrift „Ansteckungsgefahr“ als Sondermüll entsorgt wurden. Mitleid fanden nur Aidskranke, die durch eine Bluttransfusion infiziert worden waren – sie wurden in einem besonderen Stockholmer Krankenhaus gepflegt3. Eingegangen wird auf die homophoben Pressekommentare von links bis rechts und auf die von führenden schwedischen Medizinern, Journalisten und Juristen erhobenen Forderungen nach Präventivmaßnahmen wie der Tätowierung infizierter Männer oder auch aller Homosexuellen. Nach Zeitungsberichten plante das Parlament von Stockholm Län Groß-Stockholm 1987 die Errichtung eines HIV- Lagers auf der Insel Adelsö im Mälaren4. Thematisiert werden die verbreitete Ansicht, wonach die Homosexuellen an der Krankheit selbst schuld seien, und der Vorwurf, dass sie andere bewusst infizierten, sowie die verbreitete Auffassung von Aids als Strafe wahlweise Gottes oder der Natur für widernatürliches sexuelles Verhalten. Gardell zitiert u. a. den zynischen Kommentar, den ein Medizinalrat der Sozialbehörde am 12. Oktober 1983 Vertretern von RSFL gegeben hatte: man habe tillräckligt med vårdplatser på sjukhusen och gravplatser på kyrkogårdana för att ta hand om dem som skall bli sjuka och dö (man habe ausreichend Pflegeplätze in Krankenhäusern und Grabstätten auf Friedhöfen, um die aufzunehmen, die erkrankten und stürben“5. Wiedergegeben wird auch die Ansicht eines Göteborger Pfarrers, der Aids etwas Gutes abgewinnen kann, wenn diese Krankheit die Schwulen zur Einsicht bringe, dass es falsch gewesen sei, homosexuell zu leben. Nur mit dieser Einsicht und ihrer Umkehr gingen sie nicht für die Ewigkeit verloren6. Und Järntriangeln (das eiserne Dreieck/der eiserne Winkel), bestehend aus zwei leitenden Juristen des Stockholmer Länsrätt7 und dem für die Seuchenbekämpfung in Stockholm zuständige Arzt, verstieß gegen die ärztliche Schweigepflicht und begann, die Infizierten und schwule Ärzte systematisch zu erfassen. Ein dieser Gruppe nahestehender Polizeiausbilder meinte, auch wenn das fast wie in Nazi-Deutschland klinge: man müsse mit den Infizierten härter umgehen8. Und das Fazit des Romans lautet: „Die Ärzte, Journalisten, Chefredakteure, Leitartikelschreiber, Politiker, Polizisten, Juristen und Behördenvertreter, die sich dieser Übergriffe schuldig gemacht hatten – keiner von ihnen hat sich je verantworten müssen für das Leiden und die Verzweiflung, die sie einer von vorneherein dafür ausersehenen Gruppe zugefügt haben“9.

 

Zu dem schwulen und aidshistorischen Erzählstrang gehören aber auch die Selbsthilfe infizierter Schwuler und ihrer Freunde, die Arbeit von RSFL, die Unterstützung durch wenige einsichtige Politiker, die Verbesserung der medizinischen Versorgung und die zunehmend menschenwürdig werdende Behandlung Aidskranker durch Ärzte und Pfleger, die oft selbst schwul waren. Und im selben Jahr, in dem die Saunaklubs verboten wurden (1987), ist die Schwulenehe eingeführt worden – um den nicht promiskuitiven, anpassungswilligen Schwulen die Eingliederung i folkehemmet und den svenska familjen zu erleichtern10.

 

Gardell hat viel Fakten zur schwedischen Schwulengeschichte zusammengetragen und ausgebreitet, was den Text bisweilen zu überfrachten droht und die fiktive Romanhandlung mitunter allzu weit in den hintergrund treten lässt. Der schwulenhistorisch interessierte Leser aber wird diesem Erzählstrang viel abgewinnen.

 

Im Zentrum der Erzählung und der Handlung stehen sieben junge Männer. Ihr Kristallisationsort ist Bögkollektiven Kråkan på Sveavägen, eine Schwulen- WG in der großen Wohnung von Paul am Sveaväg. Paul, der Ältest von ihnen, hat den Freundeskreis zusammengebracht und hält ihn zusammen. Han är allas mama (er ist die Mutter von allen, er ist die Mutter  der Kompanie)11, heißt es an einer Stelle, und er sei der einzige, der von den vornehmen Homosexuellen auf Östermalm genau so  respektiert werde wie von den linken und ausgeflippten Schwulen, den Röda bögar (den roten Schwulen), den schwulen Anhängern von VPK (Vänsterpatiet Kommunisterna), den Kunden der Buchhandlung Rosa rummet (Rosa Zimmer) und den Lesern von Revolt, auf Södermalm12.

Paul ist extrovertiert, ein Spötter und Mystifikator (so heißt er eigentlich ebenso wenig Paul wie er Jude ist, als der es sich ausgibt) – und er ist den Freunden ein guter Freund.

 

Paul nimmt den stets unglücklich verliebten, introvertierten Einzelgänger Reine auf, als er von einer Insel in Bohuslän an der Westküste in die Hauptstadt kommt, um Journalist zu werden. Reine engagiert sich in der Stockholmer Schwulenbewegung, hält aber vor der Familie seine Homosexualität und seine Aidserkrankung strikt geheim. Er ist 1983 einer der ersten Aidstoten in Schweden. Im Eingangskapitel des Romans ist von ihm in seinen letzten Lebensstunden die Rede. Reines einsames Sterben war von ihm gewollt und gegen Paul durchgesetzt worden. Doch lässt ihn der Erzähler in seiner letzten Stunde nicht ganz alleine sein - er begegnet seinem als Jugendlichem ertrunkenen geliebten Stiefbruder: „Er fühlte die warme Wange seines Stiefbruders als Druck auf seiner Brust, und er spürte seine Hand. Jetzt, als sein Herz bald zu schlagen aufhört, hörte er das junge starke Herz seines Bruders schlagen. Er sieht ihn lächeln, sieht, wie seine Augen funkeln. Der Bruder bittet ihn zu warten, er wolle nur zur anderen Seite schwimmen, er werde rasch wieder zurück sein. Der junge Mann, der Reine heißt und der im Bett liegt und bald sterben wird, formuliert tief in seinem erlöschenden Gehirn einen Gedanken, der vielleicht sein letzter sein wird. Einen Gedanken oder eine Einsicht oder eine Erleichterung – dass sein Warten nun zu Ende ist“13. Endlich, im Sterben, wird seine Sehnsucht nach Liebe erfüllt. Begraben wird Reine im Familiengrab auf der abgelegenen Westküsten-Insel, sein Name steht auf dem Grabstein neben dem seines Stiefbruders und „so hält der geliebte Stiefbruder auch nach dem Tod seine schützende Hand über dem sonderbaren und so ganz anders gewesenen kleinen Bruder“14.

 

Lars-Åke stammt aus einem Stockholmer Vorort, hat eine Lehrerausbildung, war verlobt, bis er merkte, homosexuell zu sein. Er kommt in Pauls Schwulen-WG, lernt den Finnen Seppo kennen. Beide werden ein unzertrennliches Paar, bis Lars-Åke an Aids stirbt, umsorgt von Seppo und betrauert von den Freunden. Bei seiner Trauerfeier wird für die Krebshilfe (Cancerfonden) gesammelt. Dass Lars-Åke an Aids gestorben ist, sollte auf Wunsch der Eltern und mit Hilfe der Pastorin nicht ausgesprochen werden.

Lars-Åkes 30. Geburtstag, wenige Wochen vor seinem Tod (1988), wurde ein Fest der Lebensbejahung und des Lebenswillens der schwulen Community, aber auch ein Tanz am Abgrund, ein Totentanz. Über die vielen Geschenke für Lars-Åke sagt sein Partner Seppo:

 

                                      „Bücher, die er nicht lesen wird,

                                       Schallplatten, die er nie hören wird,

                                       Kleidung, die er niemals tragen wird.

                                       So ist es.“

                                      „Ein Leben, das nicht gelebt wurde“15.

 

Seppo ist einer der beiden Überlebenden des Freundeskreises, der einzige, der Paul argumentativ erfolgreich Paroli bieten kann. Nach Lars-Åkes Tod findet er einen neuen Lebensgefährten, verpartnert sich mit ihm 1994, lebt mit ihm zusammen in einem alten Pfarrhaus in der Nähe von Stockholm16.

 

Bengt aus Jämtland wird an seinem 18. Geburtstag von Paul auf der Straße aufgelesen, wo er als Stricher arbeitete. Er war zuvor ein erfolgreicher Kinderdarsteller gewesen, hatte sich von seinem Entdecker und Liebhaber getrennt, war nicht zurück nach Östersund gegangen, um seine Schulausbildung abzuschließen, sondern ging stattdessen im Stockholmer Klarakirchen-Viertel recht erfolgreich auf den Strich. Paul brachte ihn dazu, eine Schauspielerausbildung zu absolvieren, die Bengt als Bester  des Jahrgangs abschloss. Ihm stand nach ersten Erfolgen im Fernsehen eine glänzende Karriere bevor. Als er vom Arzt die Diagnose erhält, hiv-positiv zu sein, scheint ihn das nicht sonderlich zu berühren. Bengt geht nach Hause und erhängt sich. Und so sehr im Freundeskreis darüber diskutiert wird, wann man als Aidskranker freiwillig aus dem Leben scheiden solle – Bengts Selbstmord wird mit dem Wort desertera (desertieren) verbunden wie auch seine Neigung, seine homosexuelle Veranlagung in der Öffentlichkeit zu verheimlichen, je weiter er in seiner Karriere fortschritt. Folgerichtig wird auf Bengts Beerdigung zur Empörung seiner schwulen Freunde vermieden, die wirkliche Ursache seines Todes zu nennen und die Tatsache, dass er schwul war, zu erwähnen. Han hade hundra älskare och ingen som han älskade (er hatte hundert Liebhaber und keinen, den er liebte), heißt es im Text17.

 

Das zweite Freundespaar bilden Rasmus und Benjamin, ein Paradiesvogel und das Gegenteil. Ihre Beziehung ist wegen Rasmus’ Neigung zum „Fremdgehen“ weniger harmonisch als die von Seppo und Lars-Åke. Benjamin war drauf und dran, Rasmus zu verlassen, als dieser die Nachricht erhielt, hiv-positiv zu sein und bald darauf an Aids erkrankte. In dieser Situation hält Benjamin zu dem Freund und stützt ihn. Rasmus Ståhl (1963-1989)18 stammt aus einem kleinen Ort in Värmland, wird dort von Altersgenossen als bögjävel (Scheißschwuler)  beschimpft und von einer Mitschülerin im benachbarten Arvika als Schwuler geoutet, bevor er sich selbst darüber im klaren war. Als kleinem Jungen hatte ihm sein Vater einen weißen Elch gezeigt und erklärt, dass ein Albino-Elch eine Fehlentwicklung der Natur sei und kein Recht auf Leben habe. Instinktiv hatte Rasmus dieses Verdikt auf sich bezogen, ohne sich dessen zunächst bewusst zu sein. In Gardells Roman ist der weiße Elch eines der wichtigsten Motive19 – einerseits ein Todessymbol und andererseits ein Symbol für etwas Andersartiges, für etwas, was nicht dazu gehört, etwas Fremdes, ein Symbol für das Schwulsein in einer Hetero-Gesellschaft, für HIV und Aids in einer „kerngesunden“ Umgebung.

Unmittelbar nach dem Abitur im Jahre 1982 verlässt Rasmus Värmland, geht nach Stockholm, lebt bei einer Tante, lernt die Stockholmer Schwulenszene kennen, taucht in sie ein und lässt nichts aus, wodurch er auch auf Paul trifft. Bei Paul lernt er bei seinem ersten Heiligen Abend (Julafton), den er nicht zu Hause, sondern in Stockholm verbringt (1982), Benjamin kennen. Dieser ist zu Beginn des Romans Zeuge Jehovas, absolvierte schon als Kind und Jugendlicher zusammen mit seinen Eltern den „Dienst“ in der Gemeinde und bei Hausbesuchen.

Gardell braucht Benjamin als Zeugen Jehovas (in Deutschland einmal „Ernste Bibelforscher“ genannt), weil er für die Handlung eine bibelfeste, ernsthafte Person benötigte. Gekleidet ist Benjamin jedoch so, wie in Deutschland üblicherweise die mormonischen Missionare aus den USA auftreten. Benjamin lernt während seines Dienstes bei einem der Hausbesuche Paul kennen, überreicht ihm einen Traktat mit einer Abbildung, die das friedvolle Leben in der neuen Welt zeigt, in der Lamm und Löwe nebeneinander liegen. Paul erkennt in Benjamin einen Homosexuellen und sagt ihm dies auf den Kopf zu. Er lädt ihn ein wiederzukommen – und dies tut Benjamin. Am Heiligen Abend 1982 trifft er bei Paul auf Rasmus. Beide verlieben sich, ziehen zusammen, und Benjamin trennt sich schließlich von den Zeugen Jehovas. Ihr Coming out ist schmerzlich. Als Rasmus an seinem 20. Geburtstag bei einem Besuch in Värmland seinen Eltern mitteilt, homosexuell zu sein, machen diese zwar schließlich gute Miene, begreifen aber wenig und akzeptieren innerlich nie, dass ihr Sohn schwul ist. Für seinen Vater wird Rasmus ein Fremder, der sich als Klein-Rasmus ausgibt, er sieht den Sohn als „vertauscht“20. Und die Mutter reagiert auf ihren durch Krankheit gezeichneten Sohn: Var det detta jag födde dig till? (Habe ich dich dafür zur Welt gebracht)21.

Und Benjamins Eltern kommen nach seinem Coming out und seiner Trennung von den Zeugen Jehovas mit Blumen und Kuchen zu Besuch, wobei Benjamin klar wird, dass dies nichts anderes als ein Beerdigungskaffee ist22. Für seine Eltern ist Benjamin von nun an tot. Weder die schwere Erkrankung von Benjamins Partner noch dessen Tod oder irgendetwas anderes ändern daran etwas.

Rasmus erkrankt an Aids, durchleidet die allerschlimmsten Symptome, erblindet, stirbt 1989. Er wird liebevoll umsorgt von Benjamin, der ihm am Krankenbett vorliest, ohne zu wissen, ob Rasmus dies noch wahrnimmt. Vor allem ist es ein Gedicht von Karin Boye, das Rasmus seit seiner Kindheit kennt: En gång var vår sommar en evighet lång (Einmal währte unser Sommer eine Ewigkeit)23.

Bei seinem Tod sind Rasmus’ Eltern und Benjamin anwesend. Benjamin nimmt folgendermaßen Abschied24: „Er hat nur Augen für seinen Geliebten. Streichelt seine Wangen, sein gelichtetes Haar, Rasmus’ Gesicht, das glatt aussieht, nachdem der Kampf vorüber ist, und Benjamin muss lächeln, denn es sieht so aus, als ob sein Geliebter schlafe, vielleicht auch träume. Och han skall torka varje tår från deras ögon, och döden skall inte finnas mer; inte heller skall sorg eller skrik eller smärta finnas mer. Det som en gång var är borta (Und er wird wegwischen jede Träne von ihren Augen, und den Tod wird es nicht mehr geben, auch nicht mehr Trauer oder Schreie oder Schmerz. Das, was einmal war, ist vergangen)25.

Benjamin beugt sich noch weiter über seinen Geliebten, betrachtet ihn, um jeden Zug seines Gesichtes in seinem Gedächtnis zu bewahren; er weiß, wenn er diesen Raum erlässt, geschieht dies für alle Zeit.

Das Zimmer, in dem er sich befindet, ist heilig geworden. Rasmus ist heilig, die Dinge im Raum sind heilig. Das Bett, die zerwühlten Betttücher, der stickige süßliche Geruch, das Wasserglas, die Salzwasserlösung, das Gestell mit dem Tropf, all das ist nun heilig und der Ewigkeit geweiht – alles außer ihm, er allein ist nicht heilig, und er weiß, wenn er aus dem Zimmer geht, ist er nicht länger ein Wir, wie er es gewesen war, sondern nur Benjamin, und er ist alleine, und er ist niemand und hat niemanden. Niemanden zu lieben, niemanden zu schützen und zu schirmen, er hat keine Verpflichtung mehr, hat keine Verantwortung mehr , ist völlig frei.

Und der will das nicht, will nicht frei sein.

Deshalb versucht er, diesen Augenblick festzuhalten, deshalb beugt er sich so nahe wie möglich über das Gesicht seines Geliebten, versucht, den Abstand stand zwischen ihnen auszulöschen, deshalb streichelt er Rasmus’ Wangen, streicht über sein Haar, küsst ihn und flüstert, während ihm die Tränen fließen, ohne dass er es merkt, benetzt er das Gesicht seines Geliebten mit Tränen.

'Du bist jetzt so schön', flüstert er. 'So ruhig. Du hast keine Schmerzen mehr. Ich habe auch keine Schmerzen'.

Unmerklich schüttelt er den Kopf und wiederholt noch zweimal die Worte wie einen kurzen Vers, den er sich einzuprägen sucht. 'Du bist jetzt so schön. So ruhig. Du hast keine Schmerzen mehr. Ich habe auch keine Schmerzen'“.

Rasmus’ Eltern lassen Benjamin unmittelbar nach dem Tod ihres Sohnes im Stich, verbieten ihm, Rasmus in Stockholm beizusetzen – man wolle kein Bögspektakel (Schwulentheater), und sie verlangen von ihm, dem Begräbnis in Värmland fernzubleiben: du tillhör inte familjen (du gehörst nicht zur Familie)26. Benjamin als weißer Elch. Benjamin als weißer Elche. Die schwulen Freunde als weiße Elche. Endlich haben die Eltern ihren Sohn zurück und ganz für sich alleine – wenn auch als Toten. Damit aber ist den svenska familjen wieder in Ordnung, eine heile schwedische Familie.

 

Paul und Seppo helfen Benjamin nach Rasmus’ Tod aus einer tiefen Depression heraus. Zwanzig Jahre später, nach dem Tod von Rasmus’ Eltern, besucht er das Grab seines Geliebten. Auch Benjamin ist hiv-positiv, doch überlebt er dank neuer Medikamente. Er schließt sich der Stockholmer Homosexuellen-Kirchgemeinde an, lebt ein geregeltes Leben, bleibt alleine. Den Heiligen Abend verbringt er zusammen mit Seppo und dessen Partner. Und mit Seppo nimmt er auch an Pauls Begräbnis im Stockholmer Orion-Theater teil.

Auch Paul stirbt an Aids, als Letzter im Freundeskreis, 1993. Er hatte all die Jahre den Heiligen Abend für die Freunde ausgerichtet. Für ihn war es das wichtigste private Fest im Jahr. Die Freunde begingen es mit gutem Essen und Sekt. Um Mitternacht wurde das Fenster geöffnet, der Plattenspieler laut gestellt, und die Freunde sangen gemeinsam mit Jussi Björling die schwedische Weihnachtshymne O helga natt:

 

O heilge Nacht, o heilger Augenblick für die Welt,

als der menschgewordene Gott zur Erde hernieder stieg!

Um die Verbrechen und Sünden der Welt zu sühnen,

erlitt er für uns den Schmerz des Todes.

Und der Strahl der Hoffnung durchdringt die Welt,

und das Licht leuchtet über Land und Meer.

Fallt nun nieder und begrüßt fröhlich euere Freiheit.

O heilge Nacht, die du uns Errettung schenktest.

 

Denn der Erlöser zerbrach unsere schweren Ketten.

Unsere Erde ist nun frei, der Himmel offen.

In deinem Sklaven siehst du einen geliebten Bruder,

und siehe, dein Feind wird dir lieb werden.

Vom Himmel brachte der Heiland uns Frieden,

für uns stieg er herab in sein stilles Grab.

Fallt  nun nieder…“.

 

Und so wenig religiös sich Paul auch gab, so hatte er einst, am Heiligen Abend zu Beginn ihrer Freundschaft, Benjamin doch veranlasst, vor den nicht mehr ganz nüchternen Freunden diejenige Bibelstelle vorzutragen, auf die ihn Benjamin aufmerksam gemacht hatte. Und Benjamin trägt nach anfänglichem Sträuben Vers 4 aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes vor. Och plötsligt är det som om de alla håller andan (Und plötzlich ist es, als hielten sie alle den Atem an), kein Gelächter, keine ironischen Witzeleien, und Rasmus bittet Benjamin, die Worte noch einmal zu sprechen – für ihn alleine. Der Vers wird zum Nachtgebet  von Rasmus und Benjamin und begleitet Rasmus bis ins Sterben hinein27. „Sie wollten so gerne, dass es so werden möge, dass es wahr würde, dass das Bibelwort nicht nur ein tröstendes, aber leeres Wort sei, sondern Wirklichkeit, ein Übergang von dieser Welt in die andere, durch die Benjamins Geliebter gehen könne, befreit von Leiden und Schmerz. Und nicht nur er. Alle! Alle!“28.

Solange Paul lebt, hält er daran fest, den Heiligen Abend mit den jeweils verbliebenen Freunden zu begehen, und so verlässt er an Julafton 1992 für ein paar Stunden das Krankenhaus, um mit Seppo und Benjamin zusammen sein zu können. Für Benjamin ist es der zehnte gemeinsame Heilige Abend. Doch ist jetzt  nichts mehr, wie es einmal war. Als sich die Freunde schließlich trennen und Paul mit einer Taxe zurück in das Krankenhaus fährt, überreicht er Benjamin einen Brief mit seiner Todesanzeige:

 

                                                                       PAUL

                                                            JAG  HAR  LEVAT!           (ich habe gelebt)29.

 

Als Benjamin Nilsson während seines ersten Besuchs bei Paul diesem einen Traktat mit der eschatologischen Szene vom friedlichen Nebeneinander von Menschen, Löwe und Lamm vor einer Gebirgsszenerie schenkte, spottete Paul, aber er lässt die Abbildung pompös rahmen (Kitsch treibe man am besten mit Kitsch aus). Und dieses Bild begleitet ihn bis in sein Sterbezimmer im Krankenhaus. Und selbst in seiner Trauerfeier spielte es eine Rolle. Diese Trauerfeier hatte Paul im Krankenhaus minutiös geplant und vorbereitet. Sie wurde zu einem schwulen Event: Ein Schauspieler, ein Kollege von Bengt, führt durch die Trauerfeier im Orion-Theater, bei der Seppo und Benjamin auf Pauls Anordnung hin einen Ehrenplatz einzunehmen haben. Der Schauspieler trägt Benjamins alten dunklen Anzug, den er im „Dienst“ angehabt hatte, und er beginnt: „'Wir sind hier zusammen gekommen, um einen letzten Abschied von der Supertunte Paul zu nehmen und sie in Jehovas Hände zu geben…Heute, meine Freunde, werden wir kein bisschen an die Krebshilfe denken!...Denn Paul starb nicht an Krebs, auch wenn er auch Krebs hatte. Es gab wohl keinen Krebs, keine Bakterie oder Pilzinfektion, die er nicht hatte. Oder wie er selbst sagte, damals, als er Amöben kriegte: Mein Arsch ist kein Arsch, er ist ein verdammtes Mietshaus für Darmparasiten…Paul starb nicht an Krebs. Er starb an der Krankheit, die so viele unserer Freunde während der letzten Jahre hinwegraffte. Und wie die Homosexualität die Liebe war, die nicht wagte, ihren Namen zu sagen, so ist Aids die Krankheit gewesen, die geleugnet wurde, deren Name nicht laut ausgesprochen, sondern aus Scham nur verstohlen geflüstert wurde. Es dauerte viele Jahre, bis der Präsident der USA das Wort in den Mund nahm. Gottes Strafe für die Sünden. Schwulenpest. Aids…Aber heute sind wir zusammengekommen, um über sie zu trauern, die toten Schwulen. Denn sie waren die Schönsten der Schönen, die Kühnsten der Kühnen, diejenigen, die am meisten liebten. Sie waren es, die der Frost verwelken ließ!'

Der Mann im Anzug machte eine Kunstpause, kann ein Lächeln nicht verbergen…

'Und nun Paul!'

Der Vorhang geht auf. Durch das Publikum geht ein Raunen, und dann beginnt man zu applaudieren. Denn da liegt er, Paul…In einem offenen Sarg. Paul hatte oft gesagt: 'Hab ich mein ganzes Leben offen als Schwuler gelebt, kann ich mich verdammt noch mal am Ende nicht einsperren und in den Schrank begeben. Das versteht sich von selbst'.

Mager und elend liegt er da, aber irgendwie so lebendig wie eh und je. Bekleidet mit seinen üblichen schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt. Er hatte ja nie Kaposi im Gesicht gehabt, und die Arme waren von Kaposi nicht verunstaltet, aber sonst, wie erschreckend wenig von ihm am Ende geblieben war, sieht man jetzt.

Hinter dem Sarg steht eine Gruppe etwas fülliger Transen, aufgestellt als griechischer Chor in flitterbesetzten Kleidern. Hinter den Transen gemalte Kulissen, die die Alpen darstellen. Auf einer Seite des Sarges ein ausgestopfter Löwe…und ein ausgestopftes Lamm. Benjamin trauten seinen Augen nicht: Paul hatte das Bild neu geschaffen. Sein Bild. Die Illustration, die sich im Traktat befand, das Benjamin Paul vor über zehn Jahren gegeben hatte, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. 'Leben in einer friedvollen Welt'. Paul hatte dieses kitschige Bild geliebt, er hatte danach gefragt und war entzückt, als er es tatsächlich in dem Traktat fand, den Benjamin mit hatte. Er hatte es behalten, eingerahmt und es sogar ins Krankenhaus mitgenommen. Und nun ist es dort. Im Paradies auf Erden. Das er für sich selbst geschaffen hatte! Das Leben in einer friedvollen neuen Welt.

Aus den Lautsprechern strömte Musik, ein Gospel. Die Transen nahmen Mikrofone und begannen zu singen. Oder sie mimen und tun so, als ob sie sängen. Auf jeden Fall wurde gesungen. Das Publikum klatschte im Takt, Seppo und Benjamin sehen sich an und beginnen zu lachen. 'Mitt enda liv' (Mein Leben) singen die Transen. Wieder und wieder. Oder sie mimen es. Oder was sie auch immer tun. 'Mitt enda liv'.

Und sie strömen auf die Bühne, immer mehr Menschen, mehr und mehr, bis die Bühne voll ist. Lederschwule, Transen, ein Bursche, verkleidet als Papst in glänzendem lila Stoff, Netzstrümpfen und hochhackigen Schuhen (das Kostüm, das er immerbei Emanzipationsdemonstrationen getragen hatte), der halbe Stockholmer Schwulenchor, ein paar Balletttänzer auf Zehenspitzen, zwei richtige Pfarrer und ein Mann, gekleidet als orthodoxer Jude mit Bart und Schläfenlocken, weiterhin drei männliche Go-Go-Tänzer in Goldtanga, vier Kinder, die verwirrt aussehen und die Kinder von Pauls Bruder gewesen sein können, auch wenn niemand seinen Bruder kennen gelernt hatte, die Katze Moppsan [die Bengt gehört hatte], getragen von en truckflata (einem kessen Vater; wörtlich: einer Lastwagen-Lesbe), die Sängerin Anne-Lie Rydé…eine Polizistin, zwei von Pauls Ärzten, vier schöne Männer mit silbernen Engelflügeln sowie ein Würstchenverkäufer mit einem Bauchladen, der aussieht, als habe er sich verlaufen. 'Mitt enda liv'. Wieder und wieder. 'Mitt enda liv'. Das einzige Leben, das ich gehabt habe…. Das einzige Leben, das ich je hatte haben wollen! 'Mitt enda liv'. Auch das Publikum steht auf, klatscht im Takt, singt mit. Es ist eine Art Demonstration, eine Widerstandshandlung…Und mitten drin Paul im offenen Sarg, umgeben von seinen Freunden, dem Leben, das er gewählt hatte. Er würde all das genießen. Und schaute man genau hin, entdeckte man sicherlich, dass die Leiche daliegt und schmunzelt. Seht, das sind meine Träume!...Hier ist alles, wovon ich geträumt habe, hier ist alles, was ich erhofft habe…Hier ist mein Wille, leben zu dürfen, hier sind die Freunde, die mich tragen, hier ist mein Herz, das schlägt, das für all das blutet, was ich will“30.

 

Die letzte Seite des Romans gehört Benjamin31, schließ den Kreis zu dem Kernsatz Det som berättas i den här historien har hänt (Alles, was hier erzählt wird, ist geschehen)32. „Eine halbe Million Menschen laufen mit oder stehen am Straßenrand, als die Pride-Parade durch die Straßen Stockholms zieht mit ihrer Botschaft von Freiheit und Toleranz. Das größte privat organisierte jährliche Ereignis in der Hauptstadt.

Da sind viele extravagant gekleidete Menschen…Überall tanzen sie. Aber mitten unter den farbenfrohen, verkleideten, herausgeputzten, vergnügten und ausgelassenen Menschen, unter all den Tanzenden, Singenden und Lachenden befindet sich ein Mann mittleren Alters in einem tadellosen dunklen Anzug.

Er geht stumm, ruft keine Parolen, singt nicht mit, tanzt nicht zur Musik.

Aber er ist da.

Im Dienst. Als Zeuge einer Zeit, einer Stadt und von ein paar Menschen, die darin gelebt haben.

Deshalb geht er durch die Straßen der Stadt, weil er Zeugnis ablegen will. Auf dass keiner vergessen werde.

Dreißig Jahre war er seinem Geliebten treu.

Fünfundzwanzig Jahre hat er mit dem Virus gelebt, das seinem Geliebten das Leben nahm“.

 

Gardell erzählt nicht linear. Die Schicksale seiner fiktiven Personen sind miteinander verschränkt und verbunden, werden durch Rückblenden und Vorausdeutungen  präzisiert. Was erzählt wird, ist vielfach traurig, aber nicht hoffnungslos. Viele Episoden gehen unter die Haut: Reines Tod, Benjamins Trauer um seinen Freund, die Hartherzigkeit von Rasmus’ Eltern gegenüber Benjamin, der letzte Heilige Abend Pauls mit Seppo und Benjamin, die Angst von Rasmus’ Tante vor Aids, die sie dazu bringt, bei einem Essen für Rasmus und Benjamin nur Wegwerfgeschirr, Wegwerfbesteck und Wegwerf“gläser“ aufzudecken und dann, als sie von ihrem Lebensgefährten veranlasst worden war, Porzellan und Gläser hinzustellen, das alles in den Müll wirft, als die Gäste endlich gegangen waren33, das Unvermögen von Benjamin und einem langjährigen Freund der Familie von Rasmus, der sein ganzes Leben als „Schrankschwuler“ verbracht hat, Freundschaft zu schließen, als Benjamin zwanzig Jahre nach Rasmus’ Tod das Grab des Freundes besucht – mit der Konsequenz, dass sie beide alleine bleiben34. Aber nie ist der Text sentimental. Und immer wieder wird die Handlung unterbrochen von dem zweiten Erzählstrang, den zeit-, schwulen- und aidsgeschichtlichen Informationen.

 

Der Rezensent hat die drei Bände wie einen spannenden Kriminalroman verschlungen.

 

 

Die Fernsehserie:

 

Noch bevor die Romantrilogie vollständig vorlag, entstand nach dem Drehbuch von Jonas Gardell die dreiteilige Fernsehserie Torka aldrig tårar utan handskar. Eingespielt wurde sie im Jahre 2012; sie hat eine Gesamtspielzeit von 2 Stunden und 54 Minuten. Regie führte Simon Kajser.

Die Fernsehserie ist also weder eine nachträgliche Adaption eines Verkaufserfolgs auf dem Büchermarkt noch eine Vorlage für die im selben und im folgenden Jahr erscheinende Romantrilogie, sondern Teil eines literarisch-cineastischen Gesamtprojekts, zu dem seit 2013 auch die erfolgreiche fulminante Show Mitt enda liv gehört.

Svenska Dagbladet schrieb am 4. Oktober 2013: Jonas Gardell är överallt. Boktrilogier och dito tv-serier, priser, intervjuer och nu galashow inför 50-årskrisen (Jonas Gardell ist überall. Romantrilogie, Fernsehserie, Preise, Interviews und nun eine Galashow angesichts der Krise in der Mitte des Lebens).

Die Fernsehserie liegt in zwei DVD- Ausgaben vor:

1. In schwedischer Sprache unter dem Originaltitel mit schwedischen und finnischen Untertiteln, 2. unter dem englischen Titel Don’t wipe tears without gloves in schwedischer Sprache mit englischen Untertiteln.

 

Die Fernsehserien beginnt wie der erste Band des Romans mit der Szene des sterbenskranken Reine und der Ermahnung der jungen Krankenschwester durch eine ältere, sich strikt an die Vorschriften zu halten und Tränen eines Aidskranken nie ohne Handschuhe abzuwischen: Torka aldrig tårar utan handskar! Und wie im Roman folgt die Beglaubigung Det som berättas i den här historien har hänt (Das, was hier berichtet wird, ist wahr).

Wirkt der Roman bisweilen überfrachtet von schwulen- und aidshistorischen Passagen, die vor allem für politisch und historisch Interessierte ein wichtiges Ingredienz des Romans sein dürften, ergibt sich in der Fernsehserie der zeithistorische Hintergrund nur aus den Dialogen, die sich auf gelegentlich eingeblendete Fernsehclips oder Schlagzeilen und auf Zeitungsartikel beziehen. Dadurch aber tritt auch der eminent politische und gesellschaftskritische Ansatz der Romantrilogie in den Hintergrund.

Die Handlung der Serie folgt derjenigen des Handlungsstrangs des Romans, wobei die einzelnen Episoden dem Medium Fernsehen/Film angepasst sind. Allerdings fehlen für das Romangeschehen interessante und wichtige Passage: so werden dem Leben Reines nur wenige Einstellungen gewidmet, auch Rasmus’ Stockholmer Tante tritt in den Hintergrund, ebenso die Vorgeschichte von Bengt und Lars-Åke.

Wie die Romanhandlung schreitet auch die Filmhandlung nicht linear fort; Rückblenden und Vorausdeutungen werden mit der Kernhandlung verwoben, unterbrechen sie, schaffen retardierende Phasen in der Erzählung der Lebensschicksale eines kleinen schwulen Freundeskreises in Stockholm zwischen 1982 und 2012. Das Leben mit HIV und das Sterben von Reine, Bengt, Lars-Åke, Rasmus und Paul sowie das Überleben von Benjamin und Seppo sind ein gewichtiges Thema der Romantrilogie und das Thema der Serie.

 

Simon Kajsar lässt die Bilder aus Gardells Text lebendig werden: die Bilder, wie die kleinen Jungen Rasmus und Benjamin sich ihres Ichs bewusst werden, indem Rasmus seinen Namen auf die beschlagene Fensterscheibe schreibt und Benjamin seine Handfläche gegen die gerade geputzte Fensterscheibe drückt; die Szenen, die Rasmus’ Isolierung in seinem Heimatort in Värmland zeigen, die Beschimpfung als Scheißschwuler (bögjävel) am Tag seines Abiturs; Bengts Ärger darüber, dass der hiv-positive Lars-Åke aus seinem Glas getrunken hatte – und Pauls rasche Reaktion darauf, indem er dieses Glas nimmt und austrinkt; Rasmus’ langes Zögern, bevor er das erste Mal in seinem Leben ein Schwulenlokal betritt. Die eindringlichen Bilder der Krankheits-, Sterbe- und Trauerszenen können zu Tränen rühren – und angesichts der Trauerfeier für Paul zuletzt auch befreit auflachen lassen mit den Vorboten der Show Mitt enda liv, wobei der Rezensent die ausführliche Schilderung dieser Szene im Roman allerdings der Filmsequenz vorzieht.

Die Darsteller von Benjamin (Adam Lundgren), Rasmus (Adam Pålsson), Paul (Simon J. Berger) und Seppo (Emil Almén) sind ausgezeichnet.

 

 

                                                                Anmerkungen

 

.1  Vgl. Jonas Gardell: Torka aldrig tårar utan handskar. Bd. 1 (Kärleken),. Stockholm 2012; Bd. 2 (Sjukdomen), Stockholm 2013; Bd. 3 (Döden), Stockholm 2013. Taschenbuchausgabe: Stockholm 2014. Erschienen ist der Roman im Verlag Norstedts. Alle Nachweise beziehen sich auf die dreibändige Taschenbuchausgabe.

 

 2  Vgl. Bd. 1 S. 8.

 

 3  Zu den unterschiedlichen Krankenhäusern für Aidskranke vgl. Bd. 3 S. 68: Södersjukhuset tar emot de homosexuella, Danderyds Sjukhus vårdar de blödasjuka, medan Huddinge tar sig an narkomaner (Das Söderkrankenhaus nimmt die Homosexuellen auf, das Krankenhaus Danderyd pflegt die Bluterkranken, während sich Huddinge der Fixer annimmt).

 

 4  Vgl. Bd.2 S. 173f.

 

 5  Vgl. Bd. 1 S. 292.

 

 6  Vgl. Bd. 2 S. 29f.

 

 7  Etwa: Landgericht.

 

 8  Vgl. Bd. 2 S. 173.

 

 8  Vgl. Bd. 2 S. 98.

 

10  Vgl. Bd. 3 S. 162.

 

11  Vgl. Bd. 3 S. 202.

12  Vgl. Bd. 3 s. 201ff. in Verbindung mit Bd. 1 S. 208 und Bd. 3 S. 168. Der Name der Buchhandlung Rosa Rummet ist eine Assoziation an und eine Verbeugung vor August Strindbergs Journalistenroman Röda Rummet  (Das rote Zimmer) von 1879.

 

13  Vgl. Bd. 2 S. 87f.

 

14  Vgl. Bd. 2 s. 99f.

 

15  Vgl. Bd. 3 S. 206, 213.

 

16  Vgl. Bd. 3 S. 285f.

 

17  Vgl. Bd. 3 S. 43.

 

18  Vgl. Bd. 3 S. 230.

 

19  Vgl. Bd. 1 S. 66-68; Bd. 2 S. 115f, 121; Bd. 3 S. 117f.

 

20  Vgl. Bd. 102: Assoziation an die schwedische und norwegische Sagenwelt: ein christliches Kind wird von Trollen gegen ein Trollkind ausgetauscht.

 

21  Vgl. Bd. 3 S. 114.

 

22  Vgl. Bd. 2 S. 283-289.

 

23  Vgl. Bd. 1 S. 14, Bd. 2 S. 193.

Karin Boye (1900-1941), lesbische schwedische Schriftstellerin.

 

24  Vgl. Bd. 3 S. 118f.

 

25  Vgl. Offenbarung des Johannes Kap. 21 Vers 4. Die Luther-Übersetzung lautet: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen“.

 

26 Vgl. Bd. 3 s. 143-145.

 

27  Vgl. Bd.3 S. 246-248.

 

28  Vgl. Bd. 3 S. 249.

 

29  Vgl. Bd. 3 S. 265.

 

30  Vgl. Bd.3 S. 275-281.

 

31  Vgl. Bd. 3 S. 292.

 

32  Vgl. Bd. 1 S. 8.

Gardell beglaubigt kaum zufällig seinen Text wie der Evangelist Johannes (Joh. 21 Vers 24).

 

33  Vgl. Bd. 3 S. 75-78.

 

34  Vgl. Bd. 3 S. 234, 255-257.

 

 

© Gottfried Lorenz, 4.4.2015