Zur  Verfolgung homosexueller Männer in Deutschland

 

                                                 Vortrag in Jena am 19. Mai 2010

 

 

Die moralische Ächtung und strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen ist Teil unserer Geschichte und unserer Gegenwart. Werden in Deutschland seit 1994 einvernehmliche  gleichgeschlechtliche Handlungen unter männlichen Personen über 14 Jahren in der Regel juristisch nicht verfolgt (vgl. § 176 StGB; wobei allerdings die außerordentlich komplizierte Regelung des § 182 StGB beachtet werden muss), ist deren Ablehnung und Ächtung in der Gesellschaft durchaus nicht überwunden, wie zahlreiche Übergriffe auf Schwule oder auch auf das Schwulendenkmal in Berlin oder die „Heilungs“- Kampagnen evangelikaler Gruppierungen belegen.

 

Was die Strafwürdigkeit homosexueller Handlungen anbelangt, gab es im 19. Jahrhundert bis 1870 kein einheitliches Bild: In den katholisch geprägten Bundesstaaten wie dem Königreich Bayern, aber auch im Königreich Hannover gab es keine staatlich sanktionierte Verfolgung. Anders in Preußen, das im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Strafgesetzgebung in Deutschland dominierte: preußische Strafrechtsbestimmungen wurden weitgehend übernommen im Strafgesetzbuch des Norddeutschen Bundes und nach der Reichsgründung im gesamten Deutschen Reich, wo das Reichsstrafgesetzbuch am 1. Januar 1872 in Kraft trat. Dessen § 175 lautete:

 

          Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder

          von  Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann

          auf  Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

 

Indem dieser Paragraph sexuelle Handlungen zwischen Männern als Vergehen wertete, schuf er ein geschlechtsabhängiges Sonderstrafrecht (vergleichbar § 218), während die allermeisten Strafrechtsbestimmungen  geschlechtsneutral waren.

 

Den Begriff widernatürliche Unzucht interpretierten die obersten Gerichte des Deutschen Reichs  der Kaiserzeit und der Weimarer Republik als  beischlafähnliche Handlungen, worunter Anal- und Schenkel-, später auch Oralverkehr verstanden wurden. Damit blieben gemeinsame und mutuelle (wechselseitige) Onanie  straffrei. Die Staatsanwaltschaft  hatte also jeweils nachzuweisen, dass beischlafähnliche Handlungen vorlagen, sollte es zu einer Verurteilung nach § 175 kommen. Und dieser Nachweis war gemeinhin nicht leicht zu erbringen.

 

Gefährlicher als § 175 waren für Männer, die gleichgeschlechtlich verkehrten, zwei andere Strafbestimmungen: die Paragraphen 183 und 185 StGB.

 

§ 183 lautete:

 

          Wer durch eine unzüchtige Handlung öffentlich ein Aergerniß gibt, wird mit Gefängniß

          bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bis zu fünfhundert Mark bestraft.

          Neben der Gefängnißstrafe kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt

          werden.

 

Dieser Paragraph ist zahlreichen Männern zum Verhängnis geworden, die auf Klappen (= öffentliche Toiletten) oder in Parks sexuelle Handlungen vornahmen, dabei beobachtet und  angezeigt oder von Polizei- bzw. Kriminalbeamten in flagranti ertappt wurden.

In diesem Fall brauchten für eine Verurteilung die Bedingungen des § 175 (koitusähnliche Handlungen) nicht erfüllt zu werden, sondern es genügten irgendwelche sexuelle oder sexuell konnotierbare Handlungen,  die Außenstehende -und mit ihnen die Richter - als Ärgernis empfanden.

 

Ähnlich verhielt es sich bei Vergehen nach § 185: Dieser Paragraph griff dann, wenn ein Mann sein Gegenüber falsch einschätzte und sexuelle Annäherung versuchte, die der andere als Beleidigung wertete und deswegen Klage erhob. Auch in diesem Fall mussten die Voraussetzungen des § 175 nicht erfüllt sein.

 

Anders jedoch als § 175, stellten die §§ 183 und 185 kein Sonderstrafrecht für mann-männliche sexuelle Beziehungen dar.

 

Die drei genannten Paragraphen des Reichsstrafgesetzbuches – d.h. die rechtliche Beurteilung gleichgeschlechtlicher Handlungen – sind aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Haltung der Zivilgesellschaft: Wurde bekannt, dass ein Mann homosexuell war oder  gleichgeschlechtliche Kontakte hatte, bedeutete dies für ihn in der Regel den bürgerlichen Tod, selbst wenn er juristisch nicht belangt werden konnte, weil die Beweise nicht ausreichten oder die Voraussetzungen des § 175 nicht erfüllt waren: er verlor zumeist seine berufliche Position und war als 175er, als warmer Bruder, als einer vom anderen Ufer usw. für die „gute Gesellschaft“ erledigt.

 

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen Erpresser  Hochkonjunktur hatten: viele ihrer Opfer zahlten, um ihre bürgerliche Reputation nicht zu gefährden; andere verübten Selbstmord  aus Verzweiflung oder um ihre Ehre oder die ihrer Familie zu retten. Wieder andere gingen mit Gewalt gegen ihre Erpresser vor. Nur eines taten sie selten: den Erpresser anzuzeigen und davon auszugehen, nach § 154b (bzw. heute  § 154c) der Strafprozessordnung (1) strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. In Fällen nach § 175 hätten sie damit sowohl während der NS-Zeit als auch nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland Erfolg gehabt. Allerdings hätten sie mit der Anzeige ihre sexuelle Orientierung offenbaren müssen, wären erkennungsdienstlich (3 Fotos – von rechts, von links und von vorn, Fingerabdrücke) behandelt und in die Homosexuellenkartei (Rosa Liste) aufgenommen worden. Dieser Stigmatisierung wollten sich viele nicht aussetzen.

 

Nicht weniger  gefährlich als die Erpressung durch Kriminelle war die Instrumentalisierung von Homosexualität und homosexuellen  Neigungen in politischen Auseinandersetzungen oder Intrigen, um entweder missliebige Personen  auszuschalten oder Institutionen, die sie repräsentierten, zu desavouieren. Genannt seien für das Kaiserreich die Krupp-Affäre (1902) und die Moltke-Eulenburg-Affäre (1906-1909) (2).

Für das sozialdemokratische Parteiorgan Vorwärts waren Krupps homosexuelle Neigungen ein Vorwand, um das kapitalistische System zu diskreditieren und die Dekadenz der herrschenden Klasse anzugreifen.

Maximilian Hardens Enthüllungen in der Zeitschrift Die Zukunft über den Stadtkommandanten von Berlin, Kuno von Moltke, und über den Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld waren gegen Kaiser Wilhelm II. gerichtet.

Die  veröffentlichte Meinung in beiden Affären führte in der öffentlichen Meinung zu einem homophoben Klima, das alle Bestrebungen, den § 175 abzuschaffen, die es am Ende des 19. Jahrhunderts gegeben hatte, zurückwarf – so war die Petition des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld und des Verlegers Max Spohr von 1897 zur Reform des Sexualstrafrechts, insbesondere des § 175, vom Vorsitzenden der SPD, August Bebel, als einem der Erstunterzeichner unterstützt und im Reichtag aktiv vertreten worden;  Maximilian Harden hatte diese Petition ebenfalls unterschrieben.

 

 

Nach dem Ende der Monarchie änderte sich in der Weimarer Republik für die deutschen Homosexuellen nur wenig: § 175 galt unverändert. Alle Bemühungen, diese Strafbestimmung aufzuheben, scheiterten an der instabilen parlamentarischen Situation und an den Mehrheitsverhältnissen.

 

Dennoch existierte in deutschen Metropolen wie Berlin, Hamburg, Breslau, Köln oder München eine lebendige Schwulenszene mit zahlreichen einschlägigen Lokalen und Treffpunkten. Darüber hinaus entwickelte sich die im Kaiserreich entstandene erste deutsche Schwulenbewegung weiter: Es gab eigene Zeitschriften, Verlage, Verbände und das weltweit beachtete Sexualwissenschaftliche Institut von Magnus Hirschfeld. Auf Bühnen in Berlin und Hamburg wurden Stücke mit homosexueller Thematik gespielt.

 

Aber auch wenn es in den Großstädten Freiräume gab – der Verfolgungsdruck bestand. Und  wer  außerhalb der Ballungsräume lebte, tat gut daran, sein Schwulsein nicht öffentlich werden zu lassen.

 

 

Mit der Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 änderte sich die Situation gleichgeschlechtlich begehrender und nicht zölibatär lebender Männer grundlegend: Die erste deutsche Homosexuellenbewegung wurde innerhalb weniger Wochen zerschlagen: so genannte „anstößige Schriften“ wurden verboten, das Sozialwissenschaftliche Institut im Berliner Tiergarten verwüstet. Die Zeitschriften für Homosexuelle stellten ihr Erscheinen ein, homosexuelle Gruppierungen lösten sich auf, zahlreiche einschlägige Lokale wurden geschlossen – und diejenigen, die in Berlin oder Hamburg weiter existieren durften, boten nicht länger relative Sicherheit.

 

Gefährlicher  aber war ein genereller Paradigmenwechsel in der Sicht der Homosexuellen und auf das Phänomen Homosexualität. Galten Männer, die gegen den § 175 verstießen, bis 1933 als Kriminelle wie Diebe oder Urkundenfälscher, so wurden homosexuelle Männer nun als „Volksschädlinge“ und „bevölkerungspolitische Blindgänger“ zu Staatsfeinden, da sie in der Regel keine Kinder zeugten und die Wehrkraft des Volkes nicht verstärkten. „Wenn ich ein bis zwei Millionen Homosexuelle annehme“, führte der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Himmler aus, „so ergibt das, daß ungefähr 7 – 8 – 10 % der Männer in Deutschland homosexuell sind. Das bedeutet, wenn das so bleibt, daß unser Volk an dieser Seuche kaputtgeht. Ein Volk wird es auf Dauer nicht aushalten, daß sein Geschlechtshaushalt und Gleichgewicht derartig gestört ist“ (3).

Der biologistische Seuchenbegriff im Zusammenhang mit Homosexualität implizierte deren unnachsichtige Bekämpfung und Vernichtung – oder „Ausmerzung“, um einen nationalsozialistischen Begriff zu benutzen.

 

Schon 1933 begannen einzelne Gerichte, homosexuelle Handlungen härter als in der Weimarer Republik zu bestrafen, ohne dass die strafrechtlichen Grundlagen geändert worden wären. Noch aber hielt das Reichsgericht an der traditionellen Ansicht fest, dass § 175 nur für beischlafähnliche Handlungen gelte.

 

Die entscheidende Wende der Rechtspolitik gegenüber Homosexuellen stand im Zusammenhang mit der Röhmaffäre im Sommer 1934: Hitler wollte einen Ausgleich mit der Reichwehr herbeiführen. Dabei waren ihm seine Revolutionsarmee, die SA, und deren Führer Ernst Röhm im Wege.  Um dessen Ermordung und die der SA-Führung sowie von mehr als 200 Gegnern aus allen politischen  und religiösen Lagern zu rechtfertigen, instrumentalisierte die nationalsozialistische Propaganda Röhms Homosexualität, die seit Jahren bekannt war, zu der Röhm sich offen bekannte (4) und die Hitler bis dahin nicht zum Anlass genommen hatte, sich von ihm zu trennen.

Das Kalkül der Propagandamaschinerie ging in mehrfacher Hinsicht auf: In der deutschen Bevölkerung wurde das Vorgehen gegen die schwulen SA-Leute begrüßt. Und bei der politischen Linken und den deutschen Emigranten verfestigte sich das Klischee vom schwulen Nazi, das für viele Homosexuelle bis in die Nachkriegszeit verheerende Folgen haben sollte.

 

Eine Folge der Röhmaffäre war ein rigoroses Vorgehen von Gestapo und Justiz gegen Homosexuelle. Zunehmend wurden nach §175 nicht mehr nur beischlafähnliche Handlungen bestraft, bis dann im Juni 1935 nach dem Grundsatz  Strafrecht ist Kampfrecht der § 175 grundlegend geändert und neu gestaltet wurde.

 

Die am 1. September 1935 in Kraft getretene Fassung lautet:

 

§ 175:

 

          Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht

          missbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.

          Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war,

          kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.

 

§ 175a:

 

          Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei mildernden Umständen mit Gefängnis nicht

          unter drei Monaten wird bestraft:

 

              1. ein Mann, der einen anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit

                  gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben

                  oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen zu lassen;

 

              2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Mißbrauch einer durch ein

                  Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit

                  bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht

                  missbrauchen zu lassen;

 

              3. ein Mann über einundzwanzig Jahren, der eine männliche Person unter

                  einundzwanzig Jahren verführt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur

                  Unzucht missbrauchen zu lassen;

 

              4. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern sich

                  zur Unzucht missbrauchen läßt oder sich dazu anbietet.

 

§ 175b:

 

          Die widernatürliche Unzucht, welche von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit

          Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt

          werden.“

 

Diese Fassung des  Paragraphen 175 sollte 34 Jahre lang gelten – 10 Jahre im nationalsozialistischen Deutschland, 24 Jahre, also zweieinhalb Mal so lang, in der Bundesrepublik Deutschland

 

Die neue Fassung des Paragraphen 175 beseitigte in der Rechtsprechung die Aufspaltung in beischlafähnliche und anderweitige gleichgeschlechtliche Handlungen und entsprachen damit durchaus auch Forderungen von Kriminalisten und Juristen der Monarchie und der Weimarer Republik, die das Ziel hatten, die Beweisführung zu § 175 zu erleichtern.

Beurteilt wurden homosexuelle Handlungen unter Männern nun nach einem Neun-Punkte-Schema, das Johannes Nagler (1876-1951) zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte und das von Rudolf Klare in den 30er Jahren propagiert wurde.

Die neun Tatbestände gleichgeschlechtlicher Handlungen als „vollständig selbständige Varianten homosexuellen Verkehrs“ lauten:

 

1. Das bloße Anschauen des geliebten Objekts (ideeller Koitus).

2. Das bloße Berühren (infolge hochgradiger Hyperästhesie [Empfindlichkeit] verbindet sich 

    u. U. schon damit Erektion, Ejakulation, Orgasmus).

3. Das Streicheln, Umarmen, Küssen u. dgl. (mit denselben Wirkungen).

4. Das Anpressen des  (entblößten) Gliedes an irgendeinen Körperteil (wie Schenkel, Arm,

    vielleicht auch in aurem [an das Oh] des Partners.

5. Das Aneinanderliegen der Körper mit oder ohne Friktion [Aneinanderreiben].

6. Stoßbewegung inter genua [Knie], femora [Oberschenkel] oder in axillam [Achselhöhlen].

7. Den Kunnilingus (penis in os non immittitur, sed penis lingua lambitur).

8. Die immissio penis in os viri delicti (des sog. Fellators).

9. Die eigentliche Päderastie (immissio penis in anum). (5)

 

Obwohl § 175 n[eue] F[assung] gleichgeschlechtliche Handlungen nach wie vor als Vergehen und nicht als Verbrechen einstufte und mit Gefängnis und nicht mit Zuchthaus bedrohte, galt dies alles nicht ab zweitem Wiederholungsfall, da dann die §§ 20a und 42e griffen, die am 24. November 1933 durch das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung in das Strafgesetzbuch eingefügt worden waren.

 

§ 20a:

 

Hat jemand, der schon zweimal rechtskräftig verurteilt worden ist, durch eine neue vorsätzliche Tat eine Freiheitsstrafe verwirkt und ergibt die Gesamtwürdigung der Taten, daß er ein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher ist, so ist, soweit die neue Tat nicht mit schwererer Strafe bedroht ist, auf Zuchthaus bis zu fünf Jahren…zu erkennen. Die Strafverschärfung setzt voraus, daß die beiden Verurteilungen wegen eines Verbrechens oder vorsätzlichen Vergehens ergangen sind und in jeder von ihnen auf Todesstrafe, Zuchthaus oder Gefängnis von mindestens sechs Monaten erkannt worden ist…

 

§ 42e:

 

Wird jemand nach § 20a als ein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher verurteilt, so ordnet das Gericht neben der Strafe die Sicherungsverwahrung an, wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert.

 

Und darüber hinaus galt seit dem 28. Juni 1935 die Neufassung des § 2 StGB. Galt bis dahin der Rechtsgrundsatz nulla poena sine lege oder auf deutsch  Eine Handlung kann nur dann mit einer Strafe belegt werden, wenn diese Strafe gesetzlich bestimmt war, bevor die Handlung begangen wurde, so lautete die Neufassung: Bestraft wird, wer eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Bestrafung verdient. Findet auf die Tat kein bestimmtes Strafgesetz unmittelbar Anwendung, so wird die Tat nach dem Gesetz bestraft, dessen Grundgedanke auf sie am besten zutrifft.

 

Überspitzt formuliert: eine Verschärfung des Wortlauts des § 175 wäre gar nicht nötig gewesen, denn zur Verurteilung eines Homosexuellen hätte der Appell an das gesunde Volksempfinden nach § 2 genügt; das Urteil wäre in diesem Fall allerdings härter als nach § 175 ausgefallen.

 

Männliche Prostitution war bis zum 1. September 1935 kein eigener Straftatbestand, sondern wurde als  Vergehen nach § 175 bewertet. Das hatte schon weit vor der NS-Zeit zu Überlegungen geführt, mann-männliche Prostituierte, d. h. die Strichjungen, härter als „normale“ Homosexuelle zu bestrafen. Einen solchen Spezialparagraphen hielten auch  Homosexuellenverbände, die zwischen „anständigen“ und „unanständigen“ homosexuellen Handlungen unterschieden, für geboten in der Hoffnung, damit § 175 abschaffen zu können.

 

Nachdem seit 1935 homosexuelle Prostitution als Verbrechen galt, waren Strichjungen von Seiten der Untersuchungsbeamten erpressbar. Für den Fall, dass sie bei den Ermittlungen gegen ihre Freier mitwirkten, konnte Strafnachlass versprochen werden (was in der Tat auch geschah  (6)), anderenfalls hätten sie eine hohe Zuchthausstrafe und Sicherungsverwahrung zu erwarten.

(§ 175a Abs. 4 wurde erst am 23. November 1973 aufgehoben. Seit dieser Zeit ist männliche Prostitution in der Regel straffrei.)

 

Und  dennoch: Es wird überraschen, wenn ich feststelle: Hätte sich die nationalsozialistische Justiz begnügt, homosexuelle Handlungen ausschließlich nach den Bestimmungen des Strafgesetzbuches zu ahnden (also nach den §§ 175, 175a, 20a, 42e, 2), so hätte es in den Konzentrationslagern keine toten Homosexuellen gegeben und keine Verstümmelung durch Kastration, und es bedürfte heute keiner Stolpersteine für homosexuelle Opfer. Denn es gab keinen Strafgesetzbuchparagraphen, wonach Männer wegen gleichgeschlechtlicher

Handlungen  nach den  §§ 175, 175a StGB zu Kastration oder Einweisung in ein Konzentrationslager oder als „lebensunwertes Leben“ zum Tode in einer so genannten Heil- und Pflegeanstalt hätten verurteilt werden können. Für diese Maßnahmen  sorgte die nationalsozialistische Nebenjustiz – d.h. Kriminalpolizei und Gestapo, die unabhängig von den Gerichten veranlassten, dass zahlreiche verurteilte Männer nach der Strafverbüßung nicht frei kamen, sondern in Vorbeugehaft genommen, in Fürsorgeanstalten, Pflegeheime, in Vernichtungs- und Konzentrationslager eingewiesen und dort entweder planmäßig ermordet wurden oder durch die Lagerbedingungen zu Tode kamen.

 

 

Verfolgt, verhaftet, verhört, verurteilt – das war das Schicksal sich gleichgeschlechtlich betätigender Männern nicht nur in der NS-Zeit, sondern auch in Westdeutschland bis 1969, vielfach bis 1973.

In der NS-Zeit kamen hinzu: in Lager verschleppt, verbrannt, verscharrt.

 

Die Zahl der  wegen  homosexueller Handlungen in der NS-Zeit verhafteten Männer wird auf bis zu 100.000 geschätzt. Davon sind etwa 50.000 verurteilt und von diesen 5000 bis 15.000 in Konzentrationslager überführt worden. Von diesen seien ca. 60% (also zwischen 3000 und 6000 Personen) umgekommen (7). Hinzuzurechnen sind nach § 175 verurteilte Männer, die in Heil- und Pflegeanstalten planmäßig ermordet wurden, und Männer, die auf Grund von kriminalpolizeilichen Vorladungen oder während Vernehmungen Selbstmord begangen haben (8), so dass mit 5000 bis 10.000 Todesopfern zu rechnen ist.

 

Aber nicht wegen dieser vergleichsweise überschaubaren Zahl kann nicht von einem Homocaust gesprochen werden, sondern wegen der Tatsache, dass gleichgeschlechtliche Handlungen Voraussetzung für eine Verurteilung waren und nicht die homosexuelle Orientierung eines Menschen. Dies unterscheidet die Verfolgung der Homosexuellen von derjenigen der Juden, die keine Chance hatten, durch unauffälliges oder angepasstes Verhalten  Verhaftung und Deportation zu entgehen.

 

Die meisten  Männer, die  in der nationalsozialistischen Zeit wegen homosexueller  Handlungen belangt worden waren, fielen weniger eigenständigen Ermittlungen von Gestapo und Kriminalpolizei als Denunziationen und Aussagen während Verhören zum Opfer.

Als Denunziation bezeichne ich in diesem Zusammenhang Anzeigen von Nichtbeteiligten, also von dritter Seite, z. B. von Nachbarn, Arbeitskollegen, Vermietern und Vermieterinnen, Hotelportiers, Kneipenwirten, Hausmeistern, Familienmitgliedern (Eltern, Geschwistern), von zufälligen Beobachtern und Beobachterinnen. Sie erfolgten ohne äußeren Druck, allein aus der Abneigung gegen Homosexuelle oder aus Ekel vor ihnen.

Auf der anderen Seite stehen die Aussagen von Freunden und Partnern eines Beschuldigten während deren Vernehmungen mit scharfen Verhörmethoden, „hartem Anfassen“ (auch körperlicher Art), Drohungen und massivem psychischen Druck, oder sie waren das Ergebnis der geschickten Fragetechnik des vernehmenden Beamten.

Unter Vernehmungsdruck standen (wie schon erwähnt) auch die Strichjungen, die seit 1935 sehr viel härter als ihre Freier bestraft werden konnten.

Hinzu kommt: Wurde ein Sexualpartner verschwiegen und kam dies später ans Tageslicht, folgten neue und schärfere Verurteilungen, so dass erfahrene Beschuldigte sexuelle Kontakte mit Unbekannten einräumten oder „gestanden“, um später bekannt werdende Fälle diesen subsumieren zu können.

 

War ein Mann von der Kriminalpolizei wegen des Verdachts auf Vergehen nach § 175 einbestellt oder durch Zivilfahnder festgenommen und vernommen worden, wurde er im Regelfall nach dem ersten Verhör in Polizei- oder Schutzhaft genommen. Dort verblieb er, solange es  Gestapo oder Kripo für richtig hielten. Und dies konnte lange dauern. Während dieser Zeit hatte der Beschuldigte keine Rechte; Kontakt zu Angehörigen oder einem Anwalt waren nicht möglich.

Erst wenn die Kriminalpolizei die Vernehmungen beendet und den Beschuldigten „abgeschöpft“ hatte, wurde das Material der Staatsanwaltschaft zugeleitet, die daraufhin Untersuchungshaft beantragte. Der Untersuchungsrichter kam diesem Antrag der Staatsanwaltschaft fast ausnahmslos nach. (Es gibt in Hamburg eine einzige Ausnahme bei Hunderten Fällen, den Amtsgerichtsrat Freiherr von Seydlitz-Kurzbach, dessen Entscheidung durch einen willfährigen anderen Hamburger Richter korrigiert wurde.)

Erst nach Wochen oder gar Monaten kam es dann zum Prozess. Bestraft wurden Ersttäter (in Hamburg) je nach Intensität und Zahl der homosexuellen Handlungen mit 2 Wochen bis 18 Monaten Gefängnis, im Wiederholungsfall konnten es 8 Monate bis 2 Jahre werden. Vom dritten Prozess an erhielt der Angeklagte als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ eine Zuchthausstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung.

War ein Angeklagter geständig und hatte er mit den Vernehmungsinstanzen kooperiert, wurden ihm Polizei- und Untersuchungshaft auf die Strafe angerechnet; gestand er aber nicht, oder zog er gar ein Geständnis zurück, wurde ihm diese Vergünstigung nicht gewährt – bei der langen Dauer der Untersuchungshaft eine erhebliche indirekte Straferhöhung!

 

Waren kürzere Gefängnisstrafen ausgesprochen worden, blieben die Verurteilten in Strafanstalten vor Ort. Die Verbüßung langer Gefängnis- und Zuchthausstrafen sowie der Sicherungsverwahrung konnte überall in Deutschland stattfinden.

Es gehörte zu den Prinzipien des NS-Strafsystems, die Gefangenen ständig auf Transport zu schicken, um sie aus ihrem jeweiligen sozialen Gefüge, das eine gewisse Sicherheit und Überlebenschance bot, zu reißen. Die Gefangenen sollten weder psychisch noch physisch zur Ruhe kommen.

Dies gilt vor allem auch für die Menschen, die als Vorbeugehäftlinge oder aus sonstigen Gründen in Konzentrationslager kamen. Dort wurden nach § 175 verurteilte Männer mit gelben Arm- und Beinbinden, auf denen ein großes „A“ für „Arschficker“ stehen konnte, vor allem aber mit dem „rosa Winkel“ als Homosexuelle gekennzeichnet. Diese Brandmarkung und Stigmatisierung führte zur besonderen Diskriminierung nicht nur durch das Wachpersonal, sondern auch durch Mitgefangene. Eine Reihe homosexueller Häftlinge erhielt aber auch einen grünen oder roten Winkel (bisweilen mit aufgedruckter „175“) und galten damit als kriminelle oder politische Gefangene.

Homosexuelle Häftlinge gab es vor allem in den Konzentrationslagern Buchenwald, Lichtenburg, Neuengamme, Sachsenhausen, wenn auch deren Gesamtzahl im Verhältnis zu anderen Häftlingsgruppen – mit Ausnahme von Lichtenburg – immer niedrig war.

 

Thüringen hatte keine Berlin oder Hamburg vergleichbare Metropole mit einer entsprechenden Homosexuellenszene. Dennoch gab es natürlich auch hier homosexuelle Opfer. Erwähnen möchte ich im Folgenden fünf Fälle mit Bezug auf Thüringen:

 

1. Johann Hermann Friedrich („Fritz“) Essiger, geboren am 19. 10. 1888 in Schleusingen. Er war als Kellner, Steward und Seemann tätig. 1941 wurde er Opfer einer Denunziation seines Vermieters Karl Brandt. Dieser sagte aus: „Ich sah durch das Schlüsselloch und stellte fest, daß der Beschuldigte mit meinem Sohn W. widernatürliche Unzucht betrieb…“ Essiger wurde  festgenommen, befand sich vom 17. bis 24. März in Polizeihaft im KZ Fuhlsbüttel und wurde im September 1941 vom Landgericht Hamburg nach §§ 175, 175a Ziffer 3 zu zwei Jahren und vier Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach Strafverbüßung im Zuchthaus Fuhlsbüttel wurde er der Kripo Hamburg überstellt und am 21. Juni 1943 in das  KZ Neuengamme eingeliefert. Umgekommen ist er vermutlich am 3. Mai 1945 bei der britischen Bombardierung der „Cap Arcona“, auf die Teile des Konzentrationslagers Neuengamme evakuiert worden waren. (9)

 

2.  Albert Bannau, 1902 in Hamburg geboren, befand sich seit 5.9.1944 in Haft im Strafgefängnis Ichtershausen bei Arnstadt. Am 14. März 1945 erfolgte Haftunterbrechung wegen einer Lungenentzündung, an der Bannau am 2. April 1945 im Städtischen Krankenhaus Arnstadt verstarb. (10)

 

3. Max Auerbach war 1907 in Bad Kreuznach geboren. Er wurde Laienbruder beim Franziskanerorden. Als solcher geriet er in den Focus des nationalsozialistischen Staates, der zwischen 1935 und 1938 tatsächliche oder erfundene gleichgeschlechtliche Missbrauchsfälle in katholischen Institutionen (Schulen, Pflegeheime, Erziehungsanstalten) instrumentalisierte im Kampf gegen die Kirche und die Bündische Jugend.

In einer  wahren Prozessflut in den katholischen Gebieten des Deutschen Reiches, vor allem im Rheinland, im Münsterland, in Ober- und Niederbayern sowie in  bayerisch Schwaben, endeten viele Anklagen mit Freisprüchen. Die Missbrauchsdiskussion wurde beendet, nachdem die nationalsozialistische Führung gemerkt hatte, dass der gewünschte antikatholische Effekt nicht eingetreten, sondern das Gegenteil der Fall war.

Auerbach trat aus dem Franziskanerorden aus und zog nach Ilmenau, wo er als Gärtner tätig war. Über ihn heißt es in einem Schreiben  der Ilmenauer Kriminalpolizei vom 16.1.1939: „…Auerbach ist am 1.12.1936 von Mettmann [bei Düsseldorf] hier zugezogen [,] und er ist bereits kurz nach seinem Eintreffen wegen evtl. Betätigung auf homosexuellem Gebiete im Auftrage einer auswärtigen  Behörde vernommen worden. Die Brüder sollten sich im Kloster an Zöglingen vergangen haben. Auerbach hat alles bestritten und ist auch nicht bestraft worden. Seit dieser Zeit ist Auerbach scharf überwacht worden,  und es sind keine Tatsachen bekannt geworden, daß sich Auerbach auf homosexuellem Gebiete betätigt. Er hat hier Mädchenverkehr“ (11).

 

4. Der 1890 im heutigen sachsen-anhaltischen Saalekreis geborene Kurt Haucke war Volksschullehrer im thüringischen Mühlhausen, hatte sich aber schon 1931 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzen lassen. Anschließend arbeitete er als Sänger.

Zwischen Januar 1935 und Januar 1941 stand Haucke dreimal wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen vor Gericht. Seit 1942 befand er sich als Befristeter Vorbeugehäftling (B.V.) im KZ Neuengamme. Von dort aus beantragte er seine „freiwillige Kastration“, um möglicherweise auf diese Weise als Vorbeugehäftling entlassen zu werden. Der zuständige Hamburger Senator Ofterdinger genehmigte am  2. November 1942 den Antrag und richtete an die Kommandantur des Konzentrationslagers folgendes Schreiben „mit der Anheimgabe, den H[aucke] in das Hafenkrankenhaus zur Vornahme der Entmannungsoperation zu überführen. Es empfiehlt sich, vorher beim Hafenkrankenhaus fernmündlich unter 421086 anzufragen, ob Platz für die Aufnahme des H[aucke] vorhanden ist. Es wird gebeten, anliegende Rechnung dem H[aucke] auszuhändigen.“

Der Eingriff erfolgte am 3. Dezember 1942. Haucke verblieb nach wie vor im KZ Neuengamme. Am 23. Januar 1945 erklärte allerdings ein Lagerarzt im Anschluss an eine Nachuntersuchung: „Durch die Operation ist der erwünschte Zweck erreicht. Die Gefahr eines Rückfalls scheint nicht gegeben.“ Doch wurde Haucke aller Wahrscheinlichkeit nicht entlassen, da sich sein Nachlass beim Internationalen Suchdienst in Arolsen befindet. Er starb vermutlich am 3. Mai 1945 bei der Bombardierung der „Cap Arcona“ (12).

 

5. Der letzte nach § 175 verurteilte KZ-Überlebende Rudolf Brazda wurde 1933 in Brossen, das heute zu Meuselwitz (Kreis Altenburg) gehört, geboren. Er befand sich von 1942 bis zum 11. April 1945 im Konzentrationslager Buchenwald. Brazda lebt im Elsaß.

 

 

Das Thüringer KZ Buchenwald gehörte zu den Konzentrationslagern, in denen homosexuelle Häftlinge besonders schlecht behandelt wurden. Mehr als jeder dritte wurde ermordet oder ging „an den unmenschlichen Bedingungen des Lagers zugrunde“, schreibt Wolfgang Röll, und fügt hinzu „Dies war eine der höchsten Todesraten einer Häftlingsgruppe im Lager“ (13). In der Lagerstatistik wurde unmittelbar nach der Befreiung im April 1945 noch 81 Homosexuelle als Überlebende erfasst, unter ihnen Rudolf Brazda. (In Buchenwald hatte der Anteil homosexueller Gefangener an der Gesamthäftlingszahl  0,1 bis 0,8 %, an der Zahl der deutschen Häftlinge 2 bis 3 % betragen.)

 

In Buchenwald waren seit 1938 homosexuelle Männer in unterschiedlichen Mordaktionen gezielt umgebracht worden – sei es im Steinbruch, sei es im Bunker, sei es durch tödliche Injektionen, sei es – wie Anfang Januar 1944 – durch Verlegung in das KZ Dora Mittelbau, das die meisten dorthin transportierten Häftlinge nicht überlebten, oder sei es in der Mordaktion im Februar 1945.

 

Homosexuelle Häftlinge gehörten im KZ Buchenwald zu der untersten Gefangenen-Kategorie; sie waren innerhalb der Häftlingsgesellschaft isoliert und wurden insbesondere von der politischen Häftlingselite ausgegrenzt.

 

Hinzu kam, dass missliebige Gefangene als homosexuell diskreditiert wurden, dass das Etikett „homosexuell“ als unbelegte, aber außerordentlich wirksame Zuschreibung in den Auseinandersetzungen zwischen den Häftlingen mit dem grünen bzw. dem roten Winkel, besonders aber im Machtkampf unter den politischen Häftlingen instrumentalisiert wurde.

 

Homosexuelle Häftlinge wurden bevorzugt in Vernichtungslager abgeschoben, d.h. als körperliche Wracks „auf Transport“ geschickt. In dem kurz nach der Befreiung im April 1945 verfassten Bericht Die Situation der Homosexuellen im Konzentrationslager Buchenwald des kommunistischen Buchenwaldhäftlings Ferdinand Römhild (*1903), der als Arzthelfer und als Privatsekretär der SS-Lagerärzte Hoven und Schiedlausky zur Häftlingsaristokratie gehört hatte, steht ein böser Satz, der von dem katholischen Publizisten und Buchenwaldhäftling Eugen Kogon 1946 in seinem Buch Der SS-Staat unkritisch übernommen worden ist: Die Homosexuellen waren „gerade in den schwersten Jahren die niedrigste Kaste des Lagers. Bei Transporten in ausgesprochene Vernichtungslager wie Mauthausen, Natzweiler und Groß-Rosen stellten sie im Verhältnis zu ihrer Zahl den höchsten Prozentsatz, da das Lager immer die verständliche Tendenz hatte, weniger wichtige und wertvolle oder als nicht wertvoll angesehene Teile abzuschieben“ (14).

 

 

Und als Deutschland den Krieg verloren hatte, endete zwar die nationalsozialistische Nebenjustiz; in strafrechtlicher Hinsicht aber änderte sich für gleichgeschlechtlich verkehrende Männer nichts, da von den vier Besatzungsmächten die Paragraphen 175, 175a StGB nicht als nationalsozialistisches Recht eingestuft worden waren und somit unangetastet erhalten blieben, was insofern nicht erstaunlich war, als die Strafgesetzgebung in den USA, in der SU, in Großbritannien und Frankreich gegenüber Homosexuellen nicht liberaler als die §§ 175, 175a war.

 

Als eine der  ersten Maßnahmen nach dem Krieg versuchten die Justizverwaltungen, Nachricht über den Verbleib verurteilter Männer zu erhalten, die in Konzentrationslagern gewesen waren oder als Sicherungsverwahrte in Zuchthäusern einsaßen.

 

Dabei fand eine enge kollegiale Zusammenarbeit über die Zonengrenzen hinweg statt – so im Frühsommer 1945 zwischen der Justizverwaltung Hamburg in der britischen Zone und den Zuchthausverwaltungen in Bützow  und Waldheim in der sowjetischen Besatzungszone.

 

Nach § 175 verurteilte Männer  hatten die Strafe bis zur letzten Minute abzusitzen. Paul Hahn, wegen Hochverrats zum Tode und wegen homosexueller Handlungen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, blieb wegen des Einmarsches der Alliierten am Leben, musste die Gefängnisstrafe aber bis 1946 verbüßen.

 

Der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Robert Gärtner war während der NS-Zeit wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden und kurz vor der Verurteilung aus der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer ausgetreten. Er kam nach der Haftentlassung in einer renommierten Steuerberaterkanzlei als Spezialist für Devisentransaktionen unter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verweigerte die Hamburger Rechtsanwaltskammer Gärtner mehrfach die Wiederaufnahme in diese Standesorganisation – und zwar expressiv verbis als Homosexuellem und wegen seiner Verurteilung nach § 175. Erst 1948 konnte er seine Mitgliedschaft unter britischer Mithilfe durchsetzen.

 

Alle Versuche, ein Verfahren der NS-Zeit wieder aufzunehmen und ein Urteil nach § 175  aufheben zu lassen, scheiterten.

Zurückgewiesen wurden in der Regel Anträge auf Entschädigung bzw. Wiedergutmachung für Kastration und Haftzeit.

Verwehrt wurde homosexuellen Opfern die Anerkennung als O d F und die Mitgliedschaft in der VVN.

Die Begründung für alle ablehnenden Bescheide lautete: die Antragsteller seien nicht aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen verfolgt worden. Mit ihnen wurde nach dem Grundsatz verfahren „Homosexuelle sind und bleiben Verbrecher“ – und dies hieß unmittelbar nach dem Krieg genau so wie in den folgenden Jahrzehnten konkret:

Observierung einschlägiger Lokale und Treffpunkte durch die Homo-Abteilungen der Kriminalpolizei, Razzien, die Fortschreibung der Rosa Listen, Bekämpfung der homosexuellen Presse, Berufsverbote, Verlust des Beamtenstatus’, Exmatrikulation, Psychiatrisierung usw.

 

Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1949 setzte sich die Verfolgung homosexueller Handlungen fort – allerdings in unterschiedlicher Weise:

Die DDR kehrte für § 175 zu der Version des Kaiserreichs zurück und behielt den 1935 eingefügten § 175a mit niedrigerer Strafandrohung bei. § 175 wurde in der Praxis zunehmend weniger angewendet, konnte aber aktiviert werden, wenn es opportun erschien, z. B. im Fall des Justizministers Paul Fechner (1954).

 

In der Bundesrepublik Deutschland blieb die Gesetzgebung von 1935 in Kraft, wurde Anfang der 1950er Jahre vom BGH und 1957 vom Bundesverfassungsgericht als grundgesetzkonform bezeichnet.

Es sollte bis 1969 dauern, bis im Bundestag  von der Großen Koalition eine erste Reform des Sexualstrafrechts verabschiedet wurde.

 

 

                                                             ANMERKUNGEN

 

 1   § 154 b * lautete:

 

          Ist eine Nötigung oder Erpressung** durch die Drohung begangen worden, eine Straftat zu offenbaren, so kann die Staatsanwaltschaft von der Befolgung der Tat, deren Offenbarung angedroht worden ist, absehen ***, wenn sie nicht zur Sühne und zum Schutze der Volksgemeinschaft unerlässlich ist.

 

* Eingefügt durch G[esetz] v[om] 28.6.35 (RGBl. I 844), Art. 4 Nr. 2, um dem Opfer einer Erpressung die Scheu zu nehmen, den Erpresser anzuzeigen.

 

** Oder ein Nötigungs- oder Erpressungsversuch.

 

*** Abweichend von § 153 II ist hier also der Anklagezwang auch bei 'Verbrechen' beseitigt und bei 'Vergehen' eine Zustimmung des Amtsrichters nicht nötig.

 

(Zitiert nach: Strafprozessordnung und Gerichtsverfassungsgesetz, bearbeitet von Dr. Eduard Kohlrausch. 24. Auflage. Walter de Gruyter & Co. Berlin und Leipzig 1936, S. 201.)

 

Der heutige § 154c StPO in der Fassung vom 7. April 1987 und der Änderung vom 30. Juli 2009 lautet:

 

          (1) Ist eine Nötigung oder Erpressung (§§ 240, 253 des Strafgesetzbuches) durch die Drohung begangen worden, eine Straftat zu offenbaren, so kann die Staatsanwaltschaft von der Verfolgung der Tat, deren Offenbarung angedroht worden ist, absehen, wenn nicht wegen der Schwere der Tat, deren Offenbarung angedroht worden ist, absehen, wenn nicht wegen der Schwere der Tat eine Sühne unerlässlich ist.

 

          (2) Zeigt das Opfer einer Nötigung oder Erpressung (§§ 240, 253 des Strafgesetzbuches) diese an (§ 158) und wird hierdurch bedingt ein vom Opfer begangenes Verbrechen bekannt, so kann die Staatsanwaltschaft von der Verfolgung des Vergehens [sic] absehen, wenn nicht wegen der Schwere der Tat eine Sühne unerlässlich ist.

 

 2   Hinzuweisen ist weiterhin auf die Denunziation Röhms als Homosexuellen durch die sozialdemokratische Münchener Post in der Endphase der Weimarer Republik (1931, 1932), die Röhmaffäre 1934, die pauschalen Vorwürfe gegen Ordensleute und Priester (1935-1938), die Fritsch-Affäre (1938); die Grolmann-Affäre (1961) und die Kießling-Affäre (1984) in der Bundesrepublik Deutschland und die Paul-Fechner-Affäre in der DDR (1953, 1954).

 

Die Angriffe der Münchener Post zielten auf Hitler und die NSDAP. Die Prozesse gegen Priester und Ordensleute sollten den Einfluss der katholischen Kirche im nationalsozialistischen Staat zurückdrängen. Mit der Röhmaffäre wollte Hitler die SA als revolutionäre Kraft und Machtinstrument zugunsten der Wehrmacht ausschalten. Die Fritsch-Affäre hatte das Ziel, Hitlers Einfluss auf die Wehrmacht auszubauen und zu festigen. Die Grolmann-Affäre betraf das neue Amt des Wehrbeauftragten. In der Kießling-Affäre ging es um den Einfluss des damaligen Verteidigungsministers Wörner. Und die Fechner-Affäre hatte ihre Ursache im Aufstand vom 17. Juni 1953.

 

Die behauptete oder tatsächliche Homosexualität der Protagonisten war immer nur vorgeschoben, bot aber jedes Mal publizistische Aufmerksamkeit, rief Ekelgefühle hervor und damit Verständnis für die Maßnahmen gegen die (angeblich) schwulen Verursacher der Affäre.

 

 3   Heinrich Himmler am 18. Februar 1937 vor SS-Gruppenführern in Bad Tölz.

 

 4   Vgl. Röhm, Ernst: Die Geschichte eines Hochverräters. 1. Auflage. Verlag F. Eher Nachf. München 1928. (Nur die 1. und 2. Auflage (von 1930)  dieser Autobiographie enthalten den authentischen Text.

Vgl. auch Klotz, Helmut: Der Fall Röhm. Drei Briefe Röhms an Herrn Dr. Heimsoth, München. Selbstverlag des Herausgebers. 1932

 

 5   Vgl. Klare, Rudolf: Homosexualität und Strafrecht. Hanseatische Verlagsanstalt. Hamburg und Wandsbek 1937. S. 132-138; die neun Punkte von Johannes Nagler S. 135.

 

 6   So formulierte der Kriminalbeamte Conrad in seinem Bericht an die Staatsanwaltschaft nach den Vernehmungen des Strichjungen Willi Rauch (StaHH, 213-11: 9860/38): „Seine Angaben über seine Mittäter müssen als ein wertvoller Beitrag zur Bekämpfung der Homosexuellen angesehen werden… Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es auch im Interesse der weiteren Ermittlungen, wenn R. nicht allzu hoch bestraft wird, da es wohl bleibender Grundsatz sein wird, daß die Kriminalpolizei auf die Mithilfe der Strichjungen angewiesen ist, um die Homosexuellen wirksam bekämpfen zu können.“

 

 7   Wolfgang Röll geht von 7000 Todesopfern aus – vgl. Homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945 – neue Aspekte der Forschung. Internetausdruck S. 4.

Vgl. auch Röll, Wolfgang: Homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald. Nationale Mahn- und Gedenkstätte 1992.

 

 8   In Hamburg haben sich ca. 25% der insgesamt etwa 250 homosexuellen Todesopfer selbst getötet.

 

 9   Vgl. Rosenkranz/Bollmann/Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1941-1969. lambda Verlag. Hamburg 2009. S. 209.

 

10   s. o. S. 199.

 

11   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS (Staatsanwaltschaft-Landgericht-Strafsachen) Rep. 213-11:6317/39 Bl. 46-47 r.

 

12   Vgl. Rosenkranz/Bollmann/Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969. lambda Verlag. Hamburg 2009. S. 216.

 

13   Vgl. Wolfgang Röll: Homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945 – neue Aspekte der Forschung. Internetausdruck S. 7

 

Seit 2006 gibt es auf Grund einer Initiative der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland einen Gedenkstein (mit „Rosa Winkel“) für die homosexuellen Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald. Die Inschrift lautet: Im Gedenken an die homosexuellen Männer,/ die hier gelitten haben./ -/ Von 1937-1945 waren im Konzentrationslager Buchenwald/ 650 Rosa-Winkel-Häftlinge inhaftiert./ Viele von ihnen kamen ums Leben.

 

14   Vgl. Ferdinand Römhild: Die Situation der Homosexuellen im Konzentrationslager Buchenwald. In: Der Buchenwald-Report. Bericht über das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Hrsg. von David A. Hackett. C.H. Beck Verlag. München 1996. S. 206-212.