Kristof Magnusson

ZUHAUSE


1. Auflage: Verlag Kunstmann GmbH. München 2005
1. Auflage der Taschenbuchausgabe. Wilhelm Goldmann Verlag
München 2007



Heimgekehrt nach Island ist kurz vor dem 1. Advent der etwa dreißigjährige (S. 94) Dokumentarfilmer Lárus aus Hamburg, und dorthin kehrt er auf einem russischen Schiff am Silvestertag wieder zurück (S. 301).

Lárus ist der Ich-Erzähler des vorliegenden Romans. "Willkommen zu Hause" (S. 56,) wird er auf dem Flughafen Keflavík begrüßt. Als er am Ende des Romans an Bord des Schiffs nach Deutschland geht, verlässt er gerne dieses Zuhause.

Kristof Magnussons Roman steht in der Tradition der isländischen Familiensaga:
Stolz auf eine angebliche, in der Regel konstruierte, bisweilen aber auch tatsächliche Familientradition;
Rache und Vergeltung gegenüber jedem, der es unternimmt (oder auch nur eine Ahnung aufkommen lässt), die Herkunft in Frage zu stellen, die Familie zu kränken oder ihrer unwürdig zu sein;
Idealisierung des Macht- und Tatmenschen - vor allem, wenn er überdies ein begnadeter Dichter ist;
Frauen, die es an (Geistes)Kraft, Mut, Stärke und Brutalität mit den Männern nicht nur aufnehmen können, sondern sie zu beherrschen verstehen;
Gewaltanwendung - physisch und psychisch;
selbst eine Brenna (das Anzünden des Hauses eines Gegners) kommt vor - in diesem Falle ohne das sonst übliche Verbrennen des Gegners;
Friede gibt es nur außerhalb des Landes.

Mit einem "Kriminalroman" hat das alles nichts zu tun: es gibt keine Staatsgewalt, die dem Geschehen Einhalt geböte, keine Polizei, keine Ermittler, keine Detektive.

Kristof Magnusson ironisiert die Tradition, in der sein Roman steht. Die berühmte Egils saga Skalla-Grímssonar lässt er von seinen Protagonisten in unterschiedlichen Brechungen erzählen (S. 96-98, 103-107, 229f.)Der vermutliche Verfasser dieser Saga, Snorri Sturluson, eine - bzw. die isländische "Ikone" - wird als bedeutender Dichter, ansonsten aber als Schubiack dargestellt (S. 229-232) - sein Egill entpuppt sich schließlich als das erträumte fiktive positive alter ego.

Und Lárus, die zunächst wenig heldisch wirkende Hauptperson, erweist sich schließlich des angeblichen Stammvaters Egill würdig (D. 287f., 297).

In sexueller Hinsicht waren die Isländer der Sagazeit freizügig. Und das spiegelt auch Magnussons Roman: Für ihn gehören gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu dieser Freizügigkeit. Gleich drei Hauptfiguren sind schwul: Lárus, dessen ehemaliger Freund Milan und Lárus' Schulkamerad und Vetter Dagur, der sich vergeblich um Lárus' Liebe bemüht.
Selbstverständlicher, freundlicher und unptätentiöser als Magnusson dies tut, kann man homosexuelle Verhältnisse kaum darstellen.

Magnusson zitiert immer wieder Splitter aus Popsongs. Während er die isländischen Texte (vor allem die schönen Titel der Gruppe Múm) übersetzt (S. 61-63, 102), tut er dies leider nicht bei den englischpopsprachigen.

Zuhause ist ein vergnüglicher Roman, vor allem wenn einem Südwestisland und die Hauptstadt Reykjavík, Snorri Sturluson und die isländische Sagaliteratur sowie Hamburg nicht unbekannt sind.

© Dr. Gottfried Lorenz (6.3.2009)