Norbert Marohn

 

                                               Röhm. Ein deutsches Leben

 

                                                       (Lychatz Verlag 2011)

 

 

 

 

Beides ist richtig: 1. Röhms Scheitern hat ursächlich nichts mit seiner Homosexualität zu tun.

                             2. Mit seiner offen gelebten Homosexualität hatte sich Ernst Röhm derart

                                 angreifbar gemacht, dass er scheitern musste.

 

Unbestritten hatte Röhms Sturz ausschließlich politische Ursachen: Hitlers Wille, sich auf die Reichswehr zu stützen, musste dazu führen, seine SA-Truppen als eigenständigen Machtfaktor – und damit auch die Führung der SA – auszuschalten.

 

Dass der Führer der SA ein bekennender Homosexueller war, spielte als günstiger Zufall eine Rolle, weil seine Homosexualität instrumentalisiert und als Ursache für seinen Sturz angegeben werden konnte, um die politischen Zusammenhänge zu verschleiern.

 

Röhms offen gelebte Homosexualität und sein bissiger Kampf gegen das Muckertum hätten ihn zu Beginn der 30er Jahre in allen führenden Positionen zu Fall gebracht. Erstaunlich ist deshalb weniger der Sturz 1934 als der Aufstieg des Condottiere Ernst Röhm zum Führer ernst zu nehmender paramilitärischer Verbände, der immerhin mehrere Jahre lang den Angriffen seiner Gegner von links bis rechts standhalten konnte.

 

Aus heutiger schwuler Perspektive mag die Frage, wie man schwul und zugleich Nationalsozialist sein könne, berechtigt sein. Schwulenhistorisch aber ist sie unsinnig, setzt sie doch voraus, dass Homosexualität in Korrelation zu politischen Überzeugungen stehe – wie dies z. B. der linke Kampfbegriff „schwuler Nazi“ suggeriert oder die marxistische These, wonach das Phänomen Homosexualität verschwinden werde, sobald die Klassengegensätze und die Klassenherrschaft beseitigt seien.

 

Die 2011 erschienene und von den schwulen Buchläden im Herbstprospekt empfohlene Neuerscheinung zum Thema Röhm von Norbert Marohn macht ratlos. Denn bei diesem Buch handelt es sich weder um einen historischen Roman, der um das Leben des SA-Führers kreist, noch um eine wissenschaftliche Röhm-Biographie – trotz aller Fakten, die Marohn mitteilt, und trotz aller mehr oder weniger überzeugenden Thesen, die Marohn entwickelt. Der Verfasser verzichtet weitgehend darauf, seine Zitate und Behauptungen exakt (und damit nachprüfbar) zu belegen, wodurch sein Buch im wissenschaftlichen Diskurs nicht verwendbar ist (vgl. S. 316: „Die dokumentarische Anlage des Textes bedingt, dass viel zitiert wird. Jedes Zitat lässt sich belegen. Die freie prosaische Darstellung bedingt, dass solche Nachweise unterbleiben. Alle Originalzitate aus Schriften Röhms sind kursiv gesetzt, komprimierte Aussagen jedoch nicht…“).

Dasselbe gilt für Marohns „Namensübersicht“, denn hierbei handelt es sich nicht um ein umfassendes Namensregister, sondern um eine 5 ½ Seiten umfassende recht willkürliche Auswahl von Personen, die der Verfasser für nennenswert hält (vgl. S. 321: „Nicht berücksichtigt sind Personen, die einmalig bzw. in eindeutigen Kontexten erscheinen, und Exkurse). Damit aber sind zahlreiche Personen in Röhms Umgebung für den Leser nicht auffindbar.

Und warum Marohn beim Namen Strasser die Version „Straßer“ bevorzugt, wird nicht erklärt.

 

Auffällig ist die geringe Distanz Marohns zu Röhm: Oft fragt sich der Leser, ob der Verfasser Röhms oder eigene Gedanken wiedergibt (vgl. S. 9-11). Hier rächt sich der Verzicht auf präzise Nachweise.

Weiterhin entsteht bei der Lektüre des Buches der Eindruck, als beurteile Marohn die SA, insbesondere ihre sozialistische Komponente, positiv. Dazu passt, dass der Verfasser auf die Verbrechen der SA  v o r  1933 (im Unterschied zu deren Wüten nach dem 30. Januar 1933) nur in Einzelfällen (z. B. Potempa-Mord) eingeht.

 

Die Funktion des breit angelegten Exkurses über den Eulenburg-Skandal ist nicht klar, hat er doch nichts mit der Röhm-Affäre zu tun.

 

Ebenso wenig erschließt sich der Sinn der fiktiven Befragungen von Weggenossen Röhms durch Heydrich und Himmler: wissenschaftlich sind sie unbrauchbar, und als Illustration der Vorgänge wirken sie arg bürokratisch.

 

Das abschließende Kapitel La Paz. Übergang (S. 293-315) ist ärgerlich. Was haben die darin geäußerte DDR-Nostalgie und die geradezu kolonialistische Sicht auf Bolivien mit Röhm zu tun? Dieses Kapitel macht nur eines deutlich: Röhm scheint in Bolivien nur wenige Spuren hinterlassen zu haben; ihnen nachgehen zu wollen, lohnt sich deshalb kaum (S. 292: „Röhms 'Geist' senkte sich nicht in mich, nur weil wir im selben Gebäude an einem Schreibtisch gesessen haben“).

 

Auch sprachlich ist Marohns Buch problematisch. Wendungen wie „seidenweiche Berichterstattung“ (S. 147), „der Häftling Röhm lebte nicht unannehmbar“ (S. 161), „vieles bleibt historisch unterirdisch“ (S. 201) wirken gesucht, manieristisch. Die Zeitenfolge und der Unterschied zwischen Konkunktiv I und II bleiben häufig außer Acht.

 

Die große Röhm-Biographie ist Marohns Buch leider nicht geworden. Viele Fragen bleiben offen. So hätte ich zum Beispiel gerne gewusst, warum Röhm nicht nach Bolivien zurückgekehrt ist, als die Angriffe auf ihn immer heftiger wurden und  das Netz über ihm sich mehr und  mehr zusammenzog. Und worin liegen die Ursachen dafür, dass Röhm das falsche Spiel seines „Freundes“ Hitler nicht durchschaute oder wahrhaben wollte.