Christoph Peters

 

                                                       Wir in Kahlenbeck

 

                              ( Roman, Luchterhand Literaturverlag, München 2012)

 

 

 

 

Christoph Peters’ fünfhundert Seiten umfassendes Buch ist ein geradezu klassischer Pubertätsroman. Dessen Hauptperson, der vierzehn- bis sechzehnjährige Carl Pacher, Schüler in einem abgelegenen katholischen Internat am Niederrhein, wird von unterschiedlichen Gefühlen fast zerrissen. Gott, die Sehnsucht nach einer Freundin und das Interesse an der Ichthyologie bestimmen sein Leben. Er ist gläubig und zugleich ungläubig, liebebedürftig und geil; er wird von älteren antidarwinistisch, fundamentalistisch- katholisch orientierten älteren Mitschülern genau so beeinflusst wie von den liberalen Vorstellungen seines Beichtvaters oder dem freidenkerischen Gehabe gleichaltriger Kameraden, deren Gott Musik, Alkohol, Drogen und „Weiber“ zu sein scheinen.

Fester Bestandteil der Lebensplanung Carl Pachers ist die Ichthyologie und daraus folgend  die Beschäftigung mit seinem Aquarium weit über ein Hobby hinaus.

Vor allem aber möchte Carl Pacher eine Freundin haben. Für ein Mädchen verschriebe er sich sogar dem Teufel. Ein Versuch, dies zu tun, führt ihn als Katholiken in Gewissenskonflikte.

 

Die Jungen des Internats sind geprägt von erwachender oder blühender Sexualität. Sie durchzieht den Roman, sei es, dass die Jungen ihre Sexualität mehr oder weniger unbefangen miteinander ausleben, sei es, dass die darüber in verquaster Weise sprechen und sie scheinbar sublimieren.

An keiner Stelle ist Peters’ Roman obszön oder gar pornographisch. Es ist, wie es ist: An seiner Sexualität kommt keiner der Jungen vorbei: Onanie, ständige Geilheit, schwule Aktionen oder Beziehungen – all das kommt vor und wird erwähnt. Nirgends denunziert der Roman ein bestimmtes sexuelles Verhalten, wenn auch jugendtypische Abwehrbegriffe wie „alte Schwuchtel“, „schwule Sau“, „Maso-Schwuchtel“, „du Sau, du Wichser“ fallen und von „Steifen“ in der Hose und „jemandem an seinen Pimmel lassen“ die Rede ist. All dies ist intern und nicht diskriminierend oder beschimpfend  gemeint. Cosi fan tutte, könnte man sagen.

Und auch die Lehrer, die zugleich Patres sind, haben sexuelle Vorlieben – doch Peters’ Roman ist glücklicherweise kein Beitrag zur Problematik sexueller Übergriffe in katholischen Institutionen.

 

Christoph Peters (* 1966) war Schüler eines katholischen Internats am Niederrhein und wird vieles von dem, was er beschreibt, selbst erlebt haben. Die Schilderung der Internatsverhältnisse entspricht in vielem dem, was der Rezensent während seiner Zeit auf einem staatlichen Internat in Norddeutschland in den 1950er Jahren erlebt hat.

 

„Wir in Kahlenbeck“ ist ein Roman, dessen Fiktion wahr ist. Zu empfehlen.