Podiumsdiskussion der LINKEN während der Pridewoche 2016, 31.7.2016

 

                                   (Einleitender Beitrag von Dr. Gottfried Lorenz)

 

Die wieder und wieder genannte  Zahl „50.000 verurteilte Homosexuelle nach 1945“ ist ein politischer Kampfbegriff, der wie viele griffige Propagandaschlagworte in Wirklichkeit Zusammenhänge simplifiziert, verschleiert und – im konkreten Fall – verharmlost.

 

Wer zu meiner Generation (ich bin Jahrgang 1940) gehört, weiß, dass die Zahl der Opfer der Homosexuellenverfolgung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, und zwar sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der DDR – weit höher liegt und vermutlich mehrere Hunderttausend Männer umfasst – Männer, die viele Jahre ihres Lebens alles daran  setzen mussten, damit ihre sexuelle Orientierung nicht bekannt würde, wollten sie nicht Ausgrenzung, Diskriminierung, berufliche Nachteile, Wohnungsverlust, soziale Isolierung, strafrechtliche und darüber hinaus berufsständische oder universitätsstrafrechtliche Verfolgung riskieren. Diese Menschen lebten mit einem ständigen Gefühl der Angst vor Entdeckung, viele von ihnen lässt ein Gefühl des Bedrohtseins auch heute nicht los, und deswegen lebt bis in die Gegenwart so mancher älterer Homosexueller weiterhin „im Schrank“ und wagt nicht zuzugeben, schwul zu sein.

Nur ein Bruchteil der schwulen Männer wagte, sich homosexuellen Gruppierungen wie der IHWO oder dem Reutlinger Kreis anzuschließen – und selbst da sind Klarnamen oft vermieden worden, und Mitgliederverzeichnisse wurden so verwahrt, dass sie notfalls rasch vernichtet werden konnten.

Um sich und andere nicht zu gefährden, fand Sex häufig an anonymen Orten statt – in Parks und auf Klappen. Denn wäre irgendwie bekannt geworden, dass ein Mann homosexuell war, dann konnte dieses Wissen im politischen, wissenschaftlichen, militärischen, beruflichen Macht- und Konkurrenzkampf instrumentalisiert und in Intrigen benutzt werden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Grolmann- und Kießling-Skandale in der Bundesrepublik, an die Affäre um den Justizminister Max Fechner (SED) und die Haltung der DDR gegenüber dem Sexualmediziner Rudolf Klimmer (seit 1926 Mitglied der KPD, während der NS-Zeit nach § 175 StGB verurteilt) und dem gefeierten Schriftsteller Ludwig Renn, der öffentlich nicht schwul sein durfte (Renn und seine beiden Männer haben ein gemeinsames Grab auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde – allerdings nicht im Ehrenbereich der Gedenkstätte der Sozialisten).

Diskriminierung und Missachtung der Homosexuellen endete nicht mit der Reform und der Aufhebung der Strafparagraphen 175 und 175a StGB. Die strafrechtlichen Bestimmungen sind das eine, etwas anderes Toleranz oder gar Akzeptanz abweichenden sexuellen Verhaltens in der Bevölkerung. Und in den Vorbehalten gegenüber Schwulen waren sich die Menschen in beiden deutschen Staaten sehr ähnlich, wie dies für die Bundesrepublik nach 1969 bzw. 1973 eine Reihe Umfragen sowie für Hamburg neue Überwachungsmaßnahmen gegen Homosexuelle zeigen, die u. a. auf Grund von Bevölkerungsprotesten „gegen das Klappenunwesen“ vorgenommen wurden und in der Einführung von Toilettenverbotsscheinen und Toilettenüberwachung durch Einwegspiegel gipfelten. Für die DDR sei an Jürgen Lemkes Buch Ganz normal anders aus dem Aufbauverlag (1989) erinnert.  

Getragen wurde der homophobe Grundkonsens vom gesamten politischen und gesellschaftlichen Spektrum – von den biologistischen Vorstellungen der Rechten, wonach Schwule den Volkskörper schädigten, indem sie keinen Nachwuchs zeugten, und überdies zu Cliquenbildung neigten, über Jugendschutzvertreter, die stets davon ausgehen, dass Schwule nichts anderes vorhätten als Kinder zu verführen und zu missbrauchen, über die Kirchen, die Homosexualität als Todsünde sahen und z. T. noch immer sehen, bis hin zum Dekadenzvorwurf der Arbeiterbewegung und zu Vorstellungen der linken Seite des Spektrums, wonach Homosexualität verschwinden werde, sobald der Kapitalismus und mit ihm die Klassengesellschaft überwunden sei.

Der linke Kampfbegriff schwuler Nazi prägte lange Zeit auch die Nachkriegsdiskussion in beiden Teilen Deutschlands. So lehnte die VVN in Ost- und Westdeutschland homosexuelle KZ-Überlebende als Mitglieder und deren Anerkennung als OdF ab. Und die dritte deutsche Homosexuellenbewegung hätte es in dem bekannten Ausmaß nicht gegeben, wären die 68er den Homosexuellen gegenüber aufgeschlossener und toleranter gewesen. In Kommune I jedenfalls hätte man ihnen die Tür gewiesen.

Zwar gab es seit Bestehen des § 175 eine Reihe Initiativen zu dessen Abschaffung (im Übrigen getragen von Angehörigen aller politischen Richtungen), doch fühlten sich die meisten Homosexuellen mit ihren Problemen alleine gelassen. In meiner Generation machte man persönliche Probleme in der Regel mit sich selbst ab – schaffte man es, nun gut, schaffte an es nicht, dann nahm man sich irgendwann das Leben: Die Selbstmordrate unter Schwulen war besonders hoch (und ist es selbst heute noch: sie gilt insbesondere bei männlichen schwulen Jugendlichen als bis zu siebenmal höher als bei den heterosexuellen Altersgenossen).

 

Ich selbst habe als Abiturient drei Entscheidungen getroffen, die ihre Ursache ausschließlich in meiner Homosexualität hatten:

1. Ich habe nie geheiratet – in meiner Generation ist das für einen schwulen Mann fast eine Ausnahme, haben doch viele Betroffene versucht, mit ihrer Eheschließung dem heteronormativen Ideal zu entsprechen.

2. Ich habe nicht Theologie studiert, was ich gerne getan hätte.

3. Ich habe promoviert, um – bei meiner Studienfächerwahl - nicht in den Schuldienst gehen zu müssen. Dass ich dort gelandet bin und bis zum Ende meiner Berufstätigkeit im Jahr 2005 gerne unterrichtet habe, ist der Ironie des Schicksals geschuldet.

Der Versuch, mich während meines Studiums in Saarbrücken zu erpressen, hat mich an die Grenze meiner Existenz gebracht.

Nun, ich habe die oben genannten Entscheidungen getroffen und als Pragmatiker und Realist nicht bereut, habe die Existenzkrise von 1965 gemeistert, mein Leben als schwuler Mann aktiv und selbstbewusst gestaltet. ABER: ein solch positives Fazit ihres Lebens können  viele schwule Männer meiner Generation leider nicht ziehen, gleichgültig, ob sie nie in die Fänge von Polizei und Justiz geraten sind, „nur“ polizeiliche Ermittlungen über sich ergehen lassen mussten oder vor Gericht standen. Sie alle sind Opfer der staatlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung und Verfolgung. Und  mich beschleicht wie viele alte und ältere Schwule bis heute die Angst, dass die im Augenblick herrschende Aufgeschlossenheit und scheinbare Akzeptanz gegenüber sexuellen Minderheiten nichts anderes als ein Zwischenhoch ist.

 

Wie könnten Staat und Gesellschaft die von der Homosexuellenverfolgung betroffenen Männer entschädigen? Wenn eine individuelle Entschädigung möglich ist, dann ist sie geboten. Doch wird der Kreis der Anspruchsberechtigten recht klein sein infolge Tod, Vernichtung der einschlägigen Justizakten und einigen anderen Gründen. Jeder, der mit dieser Problematik vertraut ist, weiß, wie schwierig es ist, nach § 175 verurteilte Männer aufzuspüren und für Interviews zu gewinnen. Dies liegt vor allem auch an der Doppelgestaltigkeit des § 175, zu dem eben auch § 175a Ziffer 3 gehört. Und hier steckt bei einer individuellen Entschädigung nicht nur ein Teufel, sondern die gesamte Hölle im Detail.

Meiner Ansicht nach sollte eine Entschädigung vor allem in finanziellen Zuwendungen für diejenigen Institutionen bestehen, die sich beratend und helfend für (alte) Schwule und generell für sexuelle Minderheiten einsetzen, das bedeutete in Hamburg z. B. für das mhc oder Hein&Fiete.