Pride- Magazin 2014

 

                                             War alles nur halb so schlimm?

 

Je länger wir uns mit der Geschichte der Hamburger Schwulen beschäftigen, desto mehr fallen uns Forschungslücken und allzu rasch gefällte Pauschalurteile auf. So werden den 50.000 Urteilen gegen homosexuelle Männer während der NS-Zeit die 50.000 Urteile gegenüber gestellt, die westdeutsche Gerichte zwischen 1945 und 1969 fällten. Und die Schlussfolgerung liegt scheinbar auf der Hand: es hat sich nichts geändert. Bei einer solchen Einschätzung wird einerseits nicht beachtet, dass der Vergleichszeitraum doppelt so lang wie die NS-Zeit ist, und andererseits nicht erwähnt, dass nach 1945 die Einweisung in ein KZ nicht mehr möglich war, dass „freiwillige Kastrationen“ aufgehört hatten und dass gleichgeschlechtlich empfindende Männer nach der Strafverbüßung tatsächlich auch entlassen wurden. Das alles mag heute als selbstverständlich gelten, war es aber für homosexuelle Männer, die die NS-Zeit erlebt hatten, durchaus nicht.

 

Wie aber sah es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Bestrafung homosexueller Handlungen durch die Hamburger Justiz aus? Eine Antwort darauf ist alles andere als einfach, da sämtliche § 175-Akten der Nachkriegszeit vernichtet worden sind. Deshalb musste auf die mehr oder weniger vollständig erhalten gebliebenen staatsanwaltlichen Verfahrensregister zurückgegriffen werden, die allerdings nur statistisches Material enthalten (Name, Vorname, zumeist Geburtsdatum, bisweilen Beruf, immer Entscheidung der Staatsanwaltschaft bzw. des zuständigen Gerichtes). Der Bestand im Staatsarchiv Hamburg umfasst ca. 60 Meter.

Das Ergebnis unserer Recherchen ist erstaunlich: Von Tausenden verzeichneten Urteilen zwischen 1949 und 1969 betreffen knapp 350 solche nach § 175 StGB. Von diesen verzichten zwei Drittel auf eine zu verbüßende Freiheitsstrafe.

Komplizierter sieht es bei den Fällen nach § 175a aus. Hier begibt sich der Forscher auf vermintes Gelände. Denn in den zahlreichen Fällen nach § 175a Ziffer 3 (und dann womöglich noch in Kombination mit § 174 oder § 176,3 StGB) greift neben den strafrechtlichen Bestimmungen der ihnen zu Grunde liegende Jugendschutz-Gedanke, der darüber hinaus eine eminente moralische Dimension besaß und besitzt. Trotzdem: rund 45 % der etwa 500 Urteile nach § 175a verzichten auf eine Freiheitsstrafe, die zu verbüßen war.

 

Aus unseren Forschungen ergibt sich, dass in Hamburg die strafrechtliche Verfolgung einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen nach 1945 wesentlich geringer war als während der NS-Zeit. Hieraus folgt, dass bei der Betrachtung der Nachkriegsgeschichte der Hamburger Homosexuellen weniger die Zahl der Urteile, zu denen ja auch Freisprüche, Geld- und Bewährungsstrafen gehören, im Vordergrund der Diskussion zu stehen hat als die Mechanismen der Diskriminierung homosexueller Menschen durch die Gesellschaft und deren Institutionen, die nach 1945 nicht weniger als davor Angst und Schrecken verbreiteten. Weit gefährlicher als die Strafjustiz waren für die Hamburger Schwulen bis weit in die 1980er-Jahre die Polizei, das Bezirksamt Mitte, die Jugendbehörde, die Verwaltungsjustiz, die Medien und der gesamte homophobe Mainstream in der Gesellschaft, der die genannten Institutionen stützte und inspirierte.

Über unsere Forschungsergebnisse, die wir auf der Hirschfeld-Tagung an der Kölner Universität Mitte Mai 2014 vorgetragen haben, informieren wir in einer gemeinsamen Veranstaltung des mhc/UHA e.V. und der Initiative „Gemeinsam gegen das Vergessen, Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer“ in einem Vortrag im Pride-Haus am 28. Juli 2014, 19.30 Uhr.

Gottfried Lorenz/Ulf Bollmann