Gottfried Lorenz

 

                                 Blicke in die mann-männliche Internetprostitution

                                                         Wandel eines Berufes.

                                                  

 

                                      Vortrag beim CSD Hamburg am 27. Juli 2015,

                     (überarbeitet und ergänzt im Juli, im November und im Dezember 2017

                                                     sowie im Januar 2018)

 

 

Vorbemerkung:

 

1. Es geht um BLICKE in die Internetprostitution, nicht um mehr, aber meine Blicke sind

    authentisch.

2. Woher mein Interesse an diesem Thema?

    Ich habe außer Geschichte, Germanistik und Skandinavistik auch Soziologie studiert.

    Daher mein Interesse an diesem Thema.

3. Ich bin zwar alt, aber  nach wie vor experimentierfreudig, und ich bin unabhängig.

 

Übrigens: Eine meiner Lieblingsgeschichten trägt den Titel Die unwürdige Greisin.

 

 

1954 beendete ich in Thüringen die Volksschule. In der Berufsberatung wurde uns Schülern u. a. empfohlen, Schriftsetzer und Drucker zu werden. Dies sei ein krisensicherer Beruf. Und wer Drucker und Schriftsetzer war, gehörte seit Generationen zur „Arbeiteraristokratie“. Inzwischen stehen Schriftsetzter und Drucker mit beweglichen Lettern unter „Artenschutz“; sie werden nur noch benötigt, wenn besonders schöne Druckerzeugnisse hergestellt werden sollen.

 

Berufe unterliegen wie alles einem steten Wandel. Und so ist wenig überraschend, dass sich auch in der männlichen Prostitution einiges geändert hat.

Als ich in meiner Jugend ab und zu Hamburg besuchte und Mitte der 1970er Jahre im Einzugsbereich der Freien und Hansestadt ansässig wurde, konnte man als einzelner Mann am Ausgang Kirchenallee des Hamburger Hauptbahnhofs kaum zwei, drei Minuten verweilen, ohne von einem der zahlreichen Stricher angesprochen zu werden. (Die Zahl junger Strichjungen in Hamburg während der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg ist nach Angaben der zuständigen Jugendbehörde hoch gewesen. Undifferenzierte Schätzungen schwanken zwischen mehreren Hundert und weit über Tausend Männern).

Heute kann ich mich dort mit Freunden verabreden und auf sie längere Zeit warten, ohne einem einzigen Strichjungen zu begegnen. Natürlich sind sie nicht aus Hamburg verschwunden, sie sind nur weniger in der Öffentlichkeit sichtbar als vor drei Jahrzehnten, zumal auch die einst zahlreichen Klappen der Freien und Hansestadt Hamburg, an denen männliche Prostituierte auf Kunden gewartet hatten, der Vergangenheit angehören. Und nicht mehr vorhanden sind die in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach mit höherem Ansehen verbundenen Männerbordelle wie die Modell-Agentur-Kaiser von Gustav Kaiser (später Agentur Krüger) am Winterhuder Weg 92, der Club König in der Bremer Reihe 26, die Exquisit Bar und das Hotel Florida am Spielbudenplatz 22, die Sir Bar und das Hotel zum Kulmbacher in der Brennerstraße 21, Haralds (Harald’s) Hotel an der Reeperbahn 54, Haralds Bar in der Lincolnstraße 6 auf St. Pauli und zuletzt in der Altonaer Thedestraße sowie der Club Basti in der Simon-von-Utrecht-Straße 10 – das alles ist seit langem Geschichte. In der norwegischen und dänischen wissenschaftlichen Diskussion wird deshalb inzwischen von den Strichjungen als en „usynlig“ gruppe (als einer unsichtbaren Gruppe) gesprochen 1.

Ein Teil der mann-männlichen Prostitution ist nach wie vor in einschlägigen Lokalen und in Pornokinos zu finden. Doch auch in diesem Bereich vollzieht sich ein Wandel. Von vormals rund 15 Stricherkneipen in Hamburg gibt es seit der Schließung des La Strada in der Rostocker Straße im Jahr 2017 nur noch  das Pick Up an der Zimmerpforte (Nähe Hansaplatz im Stadtteil St. Georg).  Stattdessen hat sich im Internet eine eigene umfangreiche mann-männliche Prostitutionsszene etabliert, und mit dieser beschäftigt sich dieser Vortrag, wobei ich mich auf PlanetRomeo (früher GayRomeo) Escorts bzw. Plus Escorts – neuerdings HUNGZ ‒ und das inzwischen eingestellte BBC (Bare Back City) beschränke. Diese Escorts sind nicht „usynlig“ (unsichtbar), aber schwer greifbar bzw. verifizierbar. Sie gehören zur Schwulen Community wie viele andere, ob das den Wächtern schwuler Moral und Wohlanständigkeit passt oder nicht. Unser Augenmerk ist heute vielfach auf LSBTTIQ* Menschen gerichtet und vernachlässigt die eigene Community in ihrer Vielgestaltigkeit oder, um das Modewort zu benutzen, in ihrer „Vielfalt“. Auch für die männliche Prostitutionsszene gilt die Forderung nach Akzeptanz, erfüllt sie doch eine nicht zu unterschätzende Funktion in der schwulen und bisexuellen Gesellschaft, denn anderenfalls gäbe es sie nicht.

Bei GayRomeo Escorts waren für Hamburg Anfang 2015 mehrere Hundert Männer als Escorts registriert; am Donnerstag, dem 13. Juli 2017, um 19.30 Uhr sind es bei PlanetRomeo Escorts 500 Escorts und 42 sogenannte Plus Escorts gewesen. (Die Vergleichszahlen vom selben Tag lauten für Berlin: 405:195, für München: 358:30, für Stuttgart: 204:17, Frankfurt am Main: 372:40, Köln: 411:33 und Leipzig: 12:2). Von ihnen sind in Hamburg je nach Tageszeit und Wochentag zwischen 30 und 70 Männer online und werben damit um Kunden: so am 26. Juni 2017, einem Montag,  um 09.10 Uhr: 25 Escorts:10 Plus Escorts = 35; am selben Tag um 12.30 Uhr: 37:15 = 52, um 18.00 Uhr: 48:17 = 65, am 13. Juli 2017 (Donnerstag)  um 19.30 Uhr: 46:23 = 69. (Die Vergleichszahlen lauten für den 26. Juni 2017 um 18.30 Uhr für Berlin: 164:76 = 240, München: 40:14 = 54, Köln: 21:9 = 30, Frankfurt am Main: 30:16 = 46, Leipzig: 14:7 = 21; für den 13. Juli 2017 um 19.30 Uhr: Berlin: 128:86 = 214, München: 40:16 = 56, Frankfurt am Main: 36:25 = 61, Köln: 39:11 = 50, Leipzig: 12:1 = 13). Dabei erscheinen über eine unterschiedlich lange Zeitspanne, bisweilen über Jahre, immer dieselben Profilnamen als Anbieter für sexuelle Praktiken unterschiedlicher Art und für erotische Massagen. Die Diskrepanz zwischen der Zahl der registrierten Escorts und derjenigen, die de facto zu sexuellen Dienstleistungen bereit sind, indem sie sich für Kontakte bereit halten, fällt auf und sagt einiges aus über die Internetprostitution: Ein relativ kleiner Teil der bei PlanetRomeo verzeichneten Escorts versteht sich mehr oder weniger als hauptberufliche Prostituierte. Dabei handelt es sich vorzugsweise um die Plus Escorts, die mit einer stärker ins Auge fallenden Präsentation als die „Normal“-Escorts um Kunden werben, dafür aber auch monatlich, vierteljährlich oder jährlich einen bestimmten Betrag zahlen müssen. Die allermeisten Escorts aber gehen online, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu haben, sind somit eher Gelegenheits-Escorts, „Reinriecher“. (Und 2015 gab es auch Karteileichen, die zwar noch registriert, aber längst nicht mehr aktiv und deshalb „ausgeloggt“ waren, aber immer noch angezeigt wurden.)

Von den Plus Escorts in Hamburg waren am 26. Juni 2017 um 18.30 Uhr 39,5% online, während es von den Escorts nur 9,6% waren. (Vergleichszahlen: In München waren es um 19.30 Uhr 41,2:10,8%, in Köln: 28,1:5,2%, in Frankfurt am Main: 45,7:8,2% und in Leipzig: 42,9:8,6%. Abweichend davon lautet das Verhältnis in Berlin: 38,2:40,9%). Und für den 13. Juli 2017 zwischen 19.30 und 20.00 Uhr lauten die Zahlen für Hamburg: 54,8:9,2%, Berlin: 44,1:31,6%, München: 53,3:11,2%, Stuttgart: 58,8:12,3%, Frankfurt am Main: 62,5:9,7%, Köln: 33,3:9,5% und Leipzig: 50,0:9,5%.

Neben den registrierten Escorts bieten bei PlanetRomeo auch außerhalb der Rubrik „Escorts“ zahlreiche Männer Sex gegen „Tg“ (Taschengeld) an – sei es, dass dies versteckt irgendwo im Profil steht, sei es (und dies ist die Regel), dass sie die Taschengeldforderung zunächst verschweigen, wenn sie sich gezielt an GayRomeo-User wenden, die in ihrem Profil ein höheres oder hohes Alter angeben, und erst im Laufe des Chats erkennen lassen, dass sie sich als sexuelle Dienstleister verstehen. Die finanziellen Forderungen dieser ihr Gewerbe verschleiernden Personen liegen nicht unter denen der offen als Escorts auftretenden Männer.

 

In der ausufernden Terminologie-Diskussion schließe ich mich dem klugen Dressman Jonny2 an, der seiner Interviewerin sagte, gleichgültig, ob Strichjunge oder Callboy oder wie auch immer genannt – sie tun alle dasselbe. Wer meint, als Escort etwas Besseres zu sein als ein traditioneller Stricher (Strichjunge)3, hat Probleme  mit sich und anderen und erinnert sich nicht, dass er möglicherweise selbst als Stricher begonnen hatte, bevor er in der Hierarchie  der männlichen Prostitution „aufstieg“. Er vergisst aber vor allem, dass jeder, der sich für sexuelle Dienstleistungen bezahlen lässt (falls er nicht gerade ein heruntergekommener Junkie ist) alle Facetten der prostitutiven Arbeit beherrscht (oder beherrschen sollte), angefangen beim „Quickie“ in einer Kneipentoilette, in einer Absteige oder outdoor, aufgehört in gepflegter Zwei- oder Mehrsamkeit in luxuriöser Umgebung. Denn ob man gleich zur Sache kommt oder zunächst gemeinsam gut speist oder ins Theater oder in eine Bar geht: Ziel ist und bleibt die sexuelle Begegnung, die Erfüllung der sexuellen Wünsche des Freiers bzw. des „Partners auf Zeit auf finanzieller Grundlage“. (Die Zahl derjenigen Männer, die einen Escort lediglich als Gesellschafter und zum Sich-Unterhalten engagieren, dürfte überschaubar sein.)

 

Alle gängigen Begriffe für mann- männliche Prostituierte sind problematisch: negativ besetzt sind die Vulgärausdrücke Stricher, männliche Hure oder männliche Nutte, aber auch der Wissenschaftsbegriff Prostituierter. Veraltet ist Pupenjunge (von „Pupe“ = Arsch) und die Verballhornung dieses vielfach nicht verstandenen Wortes in Puppenjunge. Dressman ist aus der Mode gekommen, dasselbe geschieht zurzeit mit Callboy bzw. Callman. Escort suggeriert eine höhere Seriosität als der Begriff Stricher, die de facto aber nicht existiert. Lustknabe enthält eine altersmäßige Begrenzung, die dem Gesamtspektrum mann-männlicher Prostitution nicht gerecht wird. Liebesdiener ist ein Euphemismus, denn mit Liebe hat Prostitution nichts zu tun. Der englische Begriff Sexworker spiegelt den Versuch wider, alles zu anglisieren, damit es wissenschaftlicher klingt. Die deutsche Version Sexarbeiter halte ich für gut, weil sie deutlich macht, dass der männliche Prostituierte Arbeit verrichtet und nicht etwa einem Vergnügen nachgeht. Prostitution ist Arbeit und heißt warten, oft langes (und ist man auf den Verdienst aus der Sexarbeit angewiesen, ein enervierendes und demütigendes) Warten auf einen Freier.

Ich ziehe den Begriff sexueller Dienstleister vor, denn das ist es, was ein Prostituierter tut: Dienstleistungen erbringen – genau so gekonnt und engagiert oder aber stümperhaft, genau so gerne oder eher widerwillig wie andere Dienstleistungen erbracht werden.

 

Ob man will oder nicht, ist Prostitution mit ihrem Austausch sexueller Handlungen gegen materielle oder auch immaterielle Leistungen Teil des sozialen Lebens, in dem sie eine wichtige Ventilfunktion hat und ausübt. Sie ist ein integraler, wenn auch nicht immer gut integrierter Bestandteil jeder Gesellschaft – und dies gilt im heterosexuellen Bereich nicht weniger als im homosexuellen. Denn alles, was mit Prostitution zusammenhängt, ist in der Gesellschaft negativ besetzt. Prostitution haftet à priori ein „Schmuddel-Image“ an, das nur wenige hinterfragen, obwohl das, was im Rahmen der Prostitution vor sich geht, dem entspricht, was bei allen sexuellen Handlungen geschieht: Die Beschäftigung mit den Geschlechtsorganen, Orgasmus und Samenerguss ist eine feuchte, klebrige, riechende Angelegenheit, gleichgültig ob im Rahmen unentgeltlichen oder entgeltlichen Verkehrs. Und sexuelle Handlungen in einem Pornokino sind nicht gepflegter oder ästhetischer, wenn sie ohne Beteiligung eines männlichen Prostituierten stattfinden.

 

Warum ein Mann einen männlichen Dienstleister oder eine weibliche Dienstleisterin aufsucht, hat unterschiedliche, durchaus verständliche und nachvollziehbare Ursachen, die nach einem Ventil suchen. Ich beschäftige mich hier nur mit der mann-männlichen Prostitution, weil ich von der heterosexuellen Prostitution, in der zum Teil andere Mechanismen als in der homosexuellen eine Rolle spielen, nichts verstehe.

 

Im Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz in Berlin habe ich 2014 folgendes Plakat gesehen:                                                

                                                          „PRO Situation“

                                            „Prostitution ist kein Menschenhandel.

                                              Sexarbeit ist Arbeit.

                                              Verbote diskriminieren.

                                              Sprecht mit uns, nicht über uns.“

 

Spricht man nicht mit männlichen sexuellen Dienstleistern, sondern nur über sie, dann sieht man diese nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner, sondern lediglich als Objekte einer Untersuchung. Die auf diese Weise erzielten Forschungsergebnisse sind letzten Endes fragwürdig und bilden die Grundlage des folgenden ‒ zugegeben überspitzten ‒ Bildes des männlichen Prostituierten: Danach ist ein Stricher 14 bis 21, höchstens 25 Jahre alt, prinzipiell heterosexuell, stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, ist ein Versager ohne Schul- und Lehrabschluss, steht am untersten Rand der Gesellschaft und ist drogenabhängig. Als Freier hat er sabbernde alte Männer, die keinen mehr hoch kriegen. Der Stricher ekelt sich vor ihnen, grabscht ein bisschen an ihnen herum, bestiehlt sie, gerät bisweilen mit ihnen in Streit und schlägt sie mitunter tot.

Die meisten dieser Zuschreibungen stammen aus den gängigen Untersuchungen über straffällig gewordene und/oder deviante Strichjungen. – Aber die allermeisten mann-männlichen Prostituierten werden nicht straffällig und sind nicht deviant.

Naturgemäß, geradezu zwangsläufig, gibt es im Bereich der mann-männlichen Gesamtprostitution ein Segment junger Prostituierter, doch ist dieses Segment gerade auch in der Internetprostitution nur ein Ausschnitt aus einem vielgestaltigen Gesamtbild der mann-männlichen Dienstleistung.

 

Die Behauptung, wonach Strichjungen nahezu generell – oder zumindest überwiegend – heterosexuell seien, ist schlichtweg Unsinn; sie war – und ist es zum Teil noch immer – eine Schutzbehauptung. In der Verfolgungszeit wollten die Strichjungen damit vor heterosexuellen Kriminalbeamten, Staatsanwälten und Richtern einen guten Eindruck machen, indem sie angaben, „es“ nur wegen des Geldes getan zu haben, sonst aber völlig „normal“ seien. Und in einer rein heterosexuell geprägten Umgebung, z. B. unter den „Kumpels“ oder in Migrantenkreisen oder in den südosteuropäischen Gesellschaften, ist es noch heute vielfach opportun zu sagen, man sei nicht schwul ‒ man ficke selbstverständlich aktiv und halte nicht etwa hin. Und lässt sich in der Praxis der eine oder andere dann doch penetrieren, ist das in der Regel verbunden mit der Mahnung: „Sag aber niemandem, dass du mich fickst“. In der Realität sind die meisten echten Strichjungen (also solche, die in Wirklichkeit nicht Erpresser, Diebe oder Räuber sind und sich nur zum Schein als Stricher ausgeben) zumindest bisexuell, anderenfalls könnten sie ihre sexuellen Dienstleistungen über längere Zeit gar nicht durchhalten.

 

Die Herkunft aus zerrütteten und randständigen Familienverhältnissen ist vielfach belegt, aber durchaus nicht zwingend und zu verallgemeinern. Viele gut bürgerliche, anständige Familien wunderten sich, wüssten sie, was die heranwachsenden und herangewachsenen Söhne in ihrer Freizeit tun. Einer meiner Schüler aus einer religiösen Handwerkerfamilie erzählte mir  vor  35 Jahren kurz nach seinem Comingout, welche finanziellen Avancen ihm in Kneipen der schwulen Szene gemacht worden seien4 – und an diesen Verführungssituationen junger schwuler Männer hat sich nichts geändert. Warum ein Geldgeschenk ablehnen? Warum es nicht – nun aber gezielt – noch einmal versuchen oder es überhaupt eine Zeitlang  machen – für den Führerschein, eine Konzertveranstaltung, eine Reise, schicke Jeans, das Studium usw.?

 

Den Arbeitslosen ohne Schulabschluss gibt es als Stricher genau so wie den Studenten, Handwerker, Künstler, Angestellten, Akademiker usw.

 

Und was den Drogenkonsum anbelangt, so beschränkt sich der ohne Zweifel nicht auf subproletarische Bevölkerungsgruppe5.

 

Die wohl schönste Charakterisierung des Hintergrundes männlicher Prostituierter habe ich in einem kurzen norwegischen Artikel gefunden. Danach hat der Stricher en vansklig oppvekst, var skoletaper, barnevernsklient m.m., eller vokste opp i en familie med velutdannede og velstående foreldre (eine schwierige  Kindheit und Jugend gehabt, war Schulversager, wurde von der Jugendfürsorge betreut usw. oder aber war in einer Familie gut ausgebildeter und wohlhabender Eltern aufgewachsen)6.

 

Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der mann-männlichen Prostitution gibt es eine Reihe biographischer Berichte männlicher Prostituierter über ihr Leben als sexuelle Dienstleister. Doch sind die allermeisten wenig authentisch und oft nichts anderes als Aneinanderreihungen pornographischer Schilderungen angeblicher Erlebnisse mit Freiern, die viele von uns ohne einschlägige Kenntnisse des Prostitutionsgeschehens hätten schreiben und als Buch herausgeben können7.

Doch gibt es auch eine Reihe empfehlenswerter autobiographischer bzw. autobiographisch verankerter Texte in mehr oder weniger geglücktem literarischem Gewand. Dazu gehören:

1. Arne Pahlkes Roman Sonne, Blut und Sterne. Arne Pahlke war lange Zeit als Strichjunge tätig und verarbeitet seit geraumer Zeit seine Prostitutions-Erfahrungen literarisch, musikalisch und bildend-künstlerisch.

2. Knut Kochs (*1941) Bericht Barfuß als Prinz.

3. Der Roman A Matter of Life and Sex (deutsch: Verglüht) von Oscar Moore.

4. Ich halte auch Hartwig Schröders (*1965) Blog Kleine Hafennutte bzw. sein Buch Mein Prinz, der Callboy auf Grund von Gesprächen mit dem 2010 tödlich verunglückten Autor für authentisch, zumal Schröder auch seine psychischen Probleme als Folge langjähriger hauptberuflicher Prostitution thematisiert8.

 

Und was die Belletristik anbelangt, ist Angelo Algieri (*1977) zuzustimmen, wenn er in seiner Rezension Unser Stricher, der ewig gefallene Engel des Buches Londoner Triptychon von Jonathan Kemp9 feststellt: „Nichts Neues, da Stricher als Heilige, als Märtyrer, als gefallene Engel dargestellt werden“10.  - Das alles aber sind die männlichen Prostituierten des Internets nicht. Im Gegenteil, sie sind zumeist ganz alltäglich, unauffällig, könnten unsere Nachbarn sein, ohne dass wir vermuteten, dass sie als männliche sexuelle Dienstleister arbeiten.

 

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit der Hamburger Schwulengeschichte und in diesem Zusammenhang natürlich auch mit der mann-männlichen Prostitution als einer nicht wegzudenkenden Facette schwulen Lebens, die in den Straf- und Ermittlungsakten gegen homo- und bisexuelle Männer eine erhebliche Rolle spielt. Die Quellenlage zur strafrechtlichen Verfolgung der männlichen gleichgeschlechtlichen Prostitution bis zur Abschaffung des entsprechenden Strafrechtsparagraphen 175a Ziffer 4 im Jahre 1973 ist zufriedenstellend, die wissenschaftliche Aufarbeitung der männlichen Prostitution vor der Internetzeit umfangreich. Anders sieht es mit der Internetprostitution aus – Studien zu diesem Phänomen sind rar und haben oft nur eine schmale Informantenbasis11.

Um aber beim Thema mann-männliche Internetprostitution nicht auf diese wenigen wissenschaftlichen Studien angewiesen zu sein, hatte ich mich 2006 entschlossen, ein eigenes Profil bei GR‒Escorts und bei homo.net‒Escorts zu erstellen, um aus persönlicher Erfahrung und eigener Anschauung Aussagen über die mann-männliche Prostitution machen zu können. Dabei interessierten mich beide Seiten prostitutiver Tätigkeit – die des Anbieters und diejenige des Rezipienten.

Als ich diese Escort-Profile schaltete, war ich 66 Jahre alt – und das korrekte Alter stand und steht auch in den Profilen. Wider Erwarten wurde ich häufig angeschrieben – und dies stand in schroffem Gegensatz zu den Erfahrungen, die ich mit einem neutralen Profil gemacht hatte, mit dessen Hilfe ich männliche Prostituierte als Interviewpartner für ein Projekt suchte, das sich mit sexuellen Dienstleistungen befassen wollte.

Auf Grund der beiden Escort-Profile war und ist es mir möglich, Kontakte zu Escorts zu knüpfen. Mit einem von ihnen bin ich seit Jahren befreundet, mit fünf anderen gut bekannt, mit einem befreundet, mit den anderen gut bekannt.. Ihre Aussagen sind meiner Ansicht nach vertrauenswürdig, da sie deckungsgleich sind. Eine Absprache war nicht möglich, weil sich diese Männer untereinander nicht kennen. Und die Mitteilungen meiner Hauptgewährsleute sind identisch mit dem, was mir rund hundert weitere Dienstleister im Chat oder in persönlichen Gesprächen berichtet und geantwortet haben.

 

Erwähnenswert ist noch etwas anderes: Fragte man auf den Standard-Seiten (also nicht den Escortseiten) bei GayRomeo (GR) oder bis zum März 2015 bei BareBackCity (BBC) seine Chatpartner, ob sie einmal als Stricher/Escorts/Callboys tätig gewesen seien, gaben viele an, dies getan zu haben oder noch zu tun. Bei BBC hatten etwa 25%, bei GR reichlich 10% bejahend geantwortet. Nun handelte es sich hierbei nicht um eine repräsentative Umfrage, dennoch sind diese Antworten insofern aussagekräftig, als sie zeigen, dass das Phänomen mann-männlicher Dienstleistungen verbreiteter ist als vielfach angenommen wird. Dies wird noch dadurch untermauert, dass eine ganze Reihe User bei GR bzw. PlanetRomeo oder BBC sich dahingehend geäußert hatte, sich gut vorstellen zu können, im Nebenjob als sexuelle Dienstleister tätig zu sein12.

 

                       Aus welchen Gründen suchen Männer sexuelle Dienstleister auf?

 

Das Bild des Greises, der kaum noch eine Erektion zustande bringt, oder des fettleibigen Mannes als Freier hat mit der Realität wenig zu tun. (Und stammen entsprechende Charakterisierungen von zwanzigjährigen Strichjungen, dann ist zu bedenken, dass für einen Zwanzigjährigen ein Mann Ende dreißig oder Mitte vierzig schon „uralt“ ist.)

Das Alter der „Kunden“ oder „Gäste“ oder „Freier“ liegt zwischen 18 und 80 Jahren. Zumeist sind es Männer mittleren Alters, Männer „in den besten Jahren“. Der Freier ist nach übereinstimmender Aussage der sexuellen Internet-Dienstleister in der Regel ein Durchschnittstyp, der ganz normale Mann von nebenan, bisweilen sogar ein ausgesprochen attraktiver Mann, der Sexualpartner überall ohne Schwierigkeiten finden könnte, wenn er dies nur wollte – aber das will er aus unterschiedlichen Gründen gerade nicht.

Wer sexuelle Dienstleister bucht, hat in der Regel genau definierte sexuelle Bedürfnisse, die er erfüllt haben möchte.

Auf Grund vielfacher Erfahrungen lassen sich die Freier grob in folgende Gruppen einteilen:

 

1. Junge Freier zwischen 18 und 25 Jahren, die sexuell neugierig sind und wissen wollen, wie es ist, Sex mit einem Mann zu haben. Da sie sich bei Kumpeln, Freunden und Bekannten keine Blöße geben wollen, suchen sie einen erfahrenen Mann auf, der sie in den mann-männlichen Sex einführt und den sie dafür bezahlen. Die Vorstellung, in unserer sexualisierten Zeit sei jeder Jugendliche und junge Mann mit allen sexuellen Wassern gewaschen, gehört zu den medialen Klischees, die einer Überprüfung nicht Stand halten.

Die Renommiersucht junger Männer mit sexuellen Erfahrungen, ihre Angebereien in Schule, Ausbildung und Vereinen, im Studium oder Beruf und in der Clique darf man nicht allzu ernst nehmen. (Es gilt der Erfahrungssatz: Je größer die Fresse, desto kleiner der Schwanz und desto geringer die Erfahrungen.) Die sexuelle Unwissenheit, ja Sprachlosigkeit, ist bei jungen Männern viel größer als vermutet.

 

2. Die große Gruppe der Männer zwischen 25 und 80 Jahren, die bisexuell und verheiratet sind bzw. mit einer Frau in einer festen Beziehung leben.

(Am 18. Juli 2015 schrieb mir einer meiner Gewährsleute über einen seiner Kunden, den er an diesem Tag hatte: „ein netter Familienvater, toller Job, klasse Frau, drei nette Kinder – eine Idylle, und dann ich und er fickenderweise – er hat ein gutes Leben, und er kommt schon lange zu mir, ist einer meiner liebsten Kunden…wir blicken eben noch tiefer bei den Menschen“).

Diese Männer sehen den Besuch bei einem sexuellen Dienstleister nicht als Ehebruch – der ist für sie nur mit einer Frau möglich.

 

3. Schwule Männer, die sexuelle Praktiken mögen, die sie auf andere Weise schwer erhalten können und/oder die ihre Lebenspartner ihnen verweigern. Dazu gehören z. B. Dirty Sex, spezielle Spielarten des Sadomasochismus, reale Reiterspiele auf dem Rücken eines Mannes oder als „Pferdchen“.

 

4. Männer, die den Besuch bei einem männlichen Prostituierten als Fetisch haben.

 

Gemeinsam ist diesen Gruppen, dass sie den unverbindlichen sexuellen Kontakt suchen – je anonymer, desto besser. Denn da muss eine Menge geheim bleiben – sei es die gleichgeschlechtliche Disposition, seien es spezielle sexuelle Wünsche. Auf keinen Fall darf die heterosexuelle oder die homosexuelle Partnerschaft gefährdet werden, weswegen es sich verbietet, gleichgeschlechtliche Kontakte in der Szene zu suchen, was einerseits die Entdeckung der geheimen sexuellen Leidenschaften durch Bekannte zur Folge haben kann, andererseits zeitaufwendig ist. Diese Zeit aber hat der erwähnte Freiertyp nicht. Und so bucht er bei einem sexuellen Dienstleister einen Termin unmittelbar vor Arbeitsbeginn oder kurz nach Feierabend oder in der Mittagspause oder wenn der heimische Partner/die heimische Partnerin unterwegs ist oder auf Dienstreisen. (So lautet die Anzeige eines meiner Gewährsleute in Hamburg-Bergedorf: „Abblasservice im Osten von Hamburg…für Männer gerne schon morgens auf dem Weg zur Arbeit….Du bist geil und hast Lust, dich unkompliziert abblasen zu lassen. Morgens von 5.00 bis 8.00 Uhr jeden Tag möglich…Gerne auch tagsüber, in der Mittagspause oder nach Feierabend, so wie du es brauchst und ich es möglich machen kann. Morgens in der Zeit von 5.00 bis 8.00 immer, tagsüber oft, einfach durchrufen und fragen…“). Es wird niemanden wundern, dass dieser familiär oder partnerschaftlich gebundene Typ an Wochenenden und Feiertagen keine Termine mit Sexual- Dienstleistern zu vereinbaren pflegt.

 

Nur selten erfährt der männliche Dienstleister von seinen Besuchern mehr als einen Vornamen, der mit der Realität zumeist wenig zu tun hat. (Im Übrigen gibt auch der Dienstleister von sich nicht allzu viel Privates preis. Auch er ist der offen auftretende sexuelle Dienstleister nur gegenüber dem Freier und – vielleicht –gegenüber ein paar eingeweihten Bekannten). Die sexuelle Befriedigung wird als Dienstleistung gesehen, die eingekauft und gewährt wird. Hat sie stattgefunden, ist der Kaufvertrag in beiderseitigem Einvernehmen erfüllt worden, trennen sich die Wege von Freier und Dienstleister sehr oft recht abrupt. Das folgende Beispiel wird von allen bestätigt, die sich als sexuelle Dienstleister betätigen und die mir geantwortet haben: ein Freier kommt, ist überschwänglich freundlich, bekommt, was er will, hat seinen Orgasmus gehabt. Vielleicht bleibt er noch einen Augenblick liegen, zumeist aber rollt er sich sofort ab, zieht sich an und geht, oft mit nur knappem Gruß, als schäme er sich bzw. oft auch aus echter Scham oder aus Ärger, „dafür“ Geld ausgegeben zu haben. Der sexuelle Dienstleister wird von einem begehrten Mann zur verachteten Nutte. Für den Freier geht es bei der Dienstleistung ausschließlich um die eigene Befriedigung. Wie der Dienstleister seine sexuelle Erregung abbaut, interessiert nicht, es sei denn, er möchte sich gerade daran delektieren und sehen oder spüren, wie der Dienstleister ejakuliert.

Natürlich gibt es auch den freundlichen, einfühlsamen netten Freier, mit dem man sich gut unterhalten kann, über dessen Besuch sich der Prostituierte freut und den er gern als Stammfreier hat.

Hervorzuheben ist, dass die Internet-Dienstleister nur selten von ausgesprochen unangenehmen Begegnungen mit Freiern berichten.

 

Eine weitere Gruppe von Männern, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, ist in der obigen Aufzählung nicht genannt worden, obwohl sie zur Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche fast ausschließlich auf männliche Prostitution angewiesen ist: die Gruppe der stark bewegungseingeschränkten oder bettlägerigen oder pflegebedürftigen Männer aller Altersgruppen, die nach außen nur mit Hilfe des Internets kommunizieren können. Diese Männer haben in Dänemark die Möglichkeit, mit Billigung der Verwaltung sexuelle Dienstleister anzufordern, die sie in den Senioren- und Pflegeeinrichtungen aufsuchen. Im Interview sagte einer dieser Dienstleister: Jeg laver et godt stykke socialt arbejde  (ich erledige ein Gutteil sozialer Arbeit 13. Ich selbst habe in Berlin einen Prostituierten beobachten können, wie er einen schwersteingeschränkten Mann mittleren Alters im Rollstuhl in ganz liebevoller Weise oral befriedigte. Als Dienstleister hat er sich natürlich bezahlen lassen, aber sonst hätte sein Freier keinen Sex haben können, denn andere Männer hätten ihn vermutlich nicht befriedigen wollen.

 

Die von den Escorts erwarteten sexuellen Praktiken sind vielfältig und entsprechen dem Gesamtspektrum der sexuellen Möglichkeiten:

1. Der bisexuelle Mann sucht zumeist den aktiven oralen und den passiven analen Verkehr,

d. h. gerade das, was ihm die Lebenspartnerin nicht geben kann.

2. Der schwule Mann möchte Praktiken ausleben, die der Partner im heimischen Schlafzimmer ablehnt.

Je stärker es einem Dienstleister gelingt, sich zu spezialisieren und auf der Palette sexueller Wünsche eine Nische zu finden, die er mit seinem Angebot ausfüllen kann, desto größer ist der Erfolg – recht unabhängig vom Lebensalter des Prostituierten. Erstaunlich viele Männer jeden Alters schätzen alte Männer als Sexualpartner. Ihnen gibt der Senior-Dienstleister die Sicherheit, dass sie bekommen, was sie wollen, und dass sie auf einen geduldigen, erfahrenen Sexualpartner stoßen, der nicht im Hauruck-Verfahren den Gast in möglichst kurzer Zeit zum Orgasmus bringen möchte und der auch mit Erektionsproblemen seiner Gäste umgehen kann. (Es ist erstaunlich, wie viele Männer jungen und mittleren Alters derartige Probleme haben.)

Sexuelle Dienstleistung ermöglicht vielen Männern überhaupt erst, ihre speziellen sexuellen Wünsche auszuleben, sie ermöglicht gelebtes sexuelles Leben und trage damit zur Balance einer Gesellschaft bei, wie mir ein Mann schrieb, der seit vielen Jahren in diesem Metier arbeitet.

Geist, Herz und Seele müssen in einer guten Partnerschaft übereinstimmen, nicht aber unbedingt das sexuelle Verlangen – auch wenn dies vielleicht ideal wäre. Unerfülltes sexuelles Verlangen aber kann notfalls von einem sexuellen Dienstleister befriedigt werden, wenn ein Leben ohne Sexualität oder ohne spezielle Praktiken nicht möglich ist.

 

Im Unterschied zu Stricherlokalen, Pornokinos oder zum alten Bahnhof- und Klappenstrich oder gar dem Männerbordell stehen sich Freier und sexuelle Dienstleister beim Chatten im Internet nicht persönlich gegenüber. Das hat erhebliche Konsequenzen, mit denen jeder Internet-Escort rechnen muss: Fakes, kurzfristige Absagen oder gar keine, falsche Adressen und Telefonnummern sowie Profile, die auf einmal abgeschaltet sind. Über derlei Erlebnisse und Behandlung kann jeder Internetdienstleister berichten14.

 

               Welche Männer bieten gleichgeschlechtliche sexuelle Dienstleistungen an?

 

Die Männer, die sich bei HUNQZ, vormals PlanetRomeo Escorts, homo.net Escorts und anderen entsprechenden Foren als sexuelle Dienstleister anbieten, können – wie schon angedeutet ‒ in zwei Gruppen eingeteilt werden – die „Hauptberufler“ und die sehr viel größere Gruppe der „Nebenberufler“.

Das Alter der sexuellen Dienstleister liegt in beiden Gruppen zwischen achtzehn bis Anfang fünfzig Jahren und  reicht in geringem Umfang noch viel weiter hinauf.

Das Einstiegsalter in die mann-männliche Internet-Prostitution liegt trotz niedrigschwelliger Einstiegsmöglichkeit (man benötigt nur einen eigenen Internetzugang und ein einschlägiges Profil, was die Jugendlichen der Smart-/ iPhone-Generation ohne Mühe einzurichten im Stande sind) für viele sexuelle Dienstleister des Internets sehr viel höher als wissenschaftliche Untersuchungen zur männlichen Straßen-, Klappen-, Bahnhofs- und Kneipenprostitution herausgefunden haben, wo die Stricherkarriere oft schon im Kindesalter beginnt. Viele Männer, die im Internet als sexuelle Dienstleister annoncieren, geben bei Befragungen an, mit Mitte Zwanzig oder noch sehr viel später sich für die Prostitution entschieden zu haben, also oft erst nach dem Einstieg in den bürgerlichen Beruf. Manche Dienstleister geben ihren sexuellen Nebenjob nach kurzer Zeit wieder auf, manche lassen ihn irgendwie auslaufen, reaktivieren ihn aber von Zeit zu Zeit. Einer meiner Gewährsleute ist seit seinem Studium mittlerweile dreißig Jahre als sexueller Dienstleister tätig, übt einen freien akademischen Beruf aus, fühlt sich in dieser beruflichen Doppelfunktion wohl und denkt nicht ans Aufhören.

 

Stichproben von Altersangaben Hamburger Escorts, die vom 9. bis 13. Juli 2017 online waren, sollen schlagartig deren Altersstruktur beleuchten. Die angegebenen Altersangaben waren nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass sie nicht selten „geschönt“ sind und der eine oder andere Escort sich etwas jünger gemacht hat, als er in Wirklichkeit ist.

Aufgelistet werden im Folgenden die Altersgruppen I: 18 und 19 Jahre, II: zwischen 20 und 25 Jahren, da das Alter von 25 Jahren als „magische Grenze“ für erfolgreiche Strichertätigkeit gilt; III: zwischen 26 und 29 Jahren, IV: zwischen 30 und 39 Jahren, V: zwischen 40 und 49 Jahren, VI: zwischen 50 und 59 Jahren, VII: älter als 59 Jahre. Dabei ergibt sich stichprobenartig für Hamburg am Sonntag, dem 9.7.2017, um 18.15 Uhr: Online sind 17 Plus Escorts: I: keiner, II: 3 = 17,6%, III: 7 = 41,2%, IV: 4 = 23,5%, V: 2 = 11,7%, VI: 1 = 5,9%;

Um 19.00 Uhr sind 41 Escorts anwesend: I: 1 = 2,4%, II: 4 = 9,7%, III: 13 = 31,7%, IV: 15 = 36,6%, V: 4 = 9,7%, VI: 3 = 7,3%, VII: 1 = 2,4%.

Montag, 10.7.2017, 15.30 Uhr. Online sind 23 Plus Escorts: I: keiner, II: 5 = 21,5%, III: 7 = 30,4%, IV: 10 = 43,5%, V: keiner, VI: 1 = 4,3%. Die Zahl der Escorts, die online waren, betrug 43 Männer: I: 1 = 2,3%, II: 9 = 20,9%, III: 10 = 23,2%, IV: 15 = 34,8%, V: 5 11,6%, VI: 3 =6,9%.

Dienstag, 11.7.2017, 10.30 Uhr: Online waren 14 Plus Escorts: I: keiner, II: 1 = 7,1%, III: 5 = 35,7%, IV: 7 = 50%, V: 1 = 7,1%; 20 Escorts: I: keiner, II: 4 = 20%, III: 2 = 10%, IV: 8 = 40%, V: 5 = 25%, VI: 1 = 5%.

Mittwoch, 12.7.2017, 11.00 Uhr: Online waren 16 Plus Escorts: I: keiner, II: 2 = 12,5%, III: 5 = 31,25%, IV: 6 = 37,5%, V: 2 = 12,5%, VI: 1 = 6,25% sowie 40 Escorts: I: 2 = 5%, II: 8 = 20%, III: 8 = 20%, IV: 17 = 42,5%, V: 4 = 10%, VI: 1 =2,5%.

(Vergleichszahlen für Berlin, 12.7. 2017, 15.00 Uhr: Online 67 Plus Escorts: I: 2 = 3 %, II: 10 = 14,9%, III: 21 = 31,3%, IV: 24 = 35,8, V: 7 = 10,4%, VI: 2 = 3 %, VII: 1 = 1,5%: 168 Escorts: I: 8 = 4,7%, II: 50 = 29,7%, III: 43 = 25,6%, IV: 48 = 28,6, V: 14 = 8,3%, VI: 4 = 2,4%, VII: 1 = 0,6%.)

 

Als Grund für ihre Arbeit als sexuelle Dienstleister geben die Escorts erwartungsgemäß zumeist das damit zu verdienende Geld an. Aber unmittelbar danach wird von dem Kick gesprochen15, den das Sich-Prostituieren bedeute: das „Zur Verfügung-Stehen“, das „Sexuell Gebrauchtwerden“ oder aber – als Gegenposition – das Allmachtgefühl angesichts eines Freiers, den man erniedrigen und demütigen kann und der dafür auch noch Geld bezahlt. Als weitere Motive genannt werden sexuelle Phantasien, Prostitution als Fetisch und Prestigegewinn im Freundeskreis16. Und nicht zuletzt gibt es sexuelle Dienstleister, die als Sklaven oder Diener für einen Master tätig sind.

Während die Prostitutions-Forschung Zuhälter in der männlichen Prostitution als zu vernachlässigende Größe betrachtet oder sie sogar leugnet, sieht und sah die Realität oft anders aus17. Mir ist eine Reihe von Fällen bekannt, wo sexuelle Dienstleister ihren Verdienst abzugeben haben. Dies gilt insbesondere für Internet-Dienstleister russischer, ost- und südosteuropäischer Herkunft. Außerdem schalten Agenturen Escort-Profile junger sexueller Dienstleister ausländischer Herkunft, die des Deutschen oder Englischen kaum mächtig sind, in verständlichem, z. T. gutem Deutsch bzw. Englisch und führen die Geschäftsverhandlungen. Letztlich entscheiden diese Agenturen, welchem der jeweils gerade zur Verfügung stehenden jungen Männer der Kunde begegnet. Einblicke in dieses Escort-Agentur-System zu erhalten, ist außerordentlich schwer.

Vereinzelt gibt es Medien-Berichte über Menschenhandel im Bereich der mann-männlichen Prostitution18, wobei zu vermuten ist, dass dies auch für die Internetprostitution über Agenturen gilt.

 

Ein großer Teil der mann-männlichen Internet-Prostitution wird von Männern ausgeübt, die einer gesellschaftlich akzeptierten Beschäftigung nachgehen oder in einem bürgerlichen Beruf  arbeiten. Sie sind Schüler, Lehrlinge, Studenten, Angestellte, Handwerker, Selbstständige, Akademiker, Künstler, Ingenieure usw.19.  Sie verfügen selbstverständlich über einen eigenen Internetzugang, sind unabhängig und niemandem (außer vielleicht einem Master) Rechenschaft schuldig. Der Prostitution gehen diese Männer zumeist als Nebenjob nach – am Feierabend, an Wochenenden, im Urlaub. Sie stehen nicht rund um die Uhr zur Verfügung, was die Erfolgschancen der Nebenjobber nicht unerheblich mindert. Ihr finanzieller Gewinn ist unterschiedlich hoch. Wirklich große Summen werden von Sexual-Dienstleistern im Nebenjob in der Regel nicht verdient. Die 2015 in den Profilen genannten Honorarsummen und Taschengeldforderungen zeigen – von illusorischen Ausnahmen abgesehen – ein realistisches Bild. Gefordert wurden damals – je nach Alter und Leistungsangebot ‒ für eine Stunde bzw. ein Treffen zwischen 40,‒ und 200,‒ €. Der Durchschnitt dürfte bei gut 100,‒€ gelegen haben. Wurden Sonderleistungen im S/M-Bereich oder gar im Segment k9 (sexuelle Handlungen mit einem Hund oder aber mit einem Mann, der in die Rolle eines Hundes schlüpft) angeboten, waren die zu zahlenden Beträge allerdings wesentlich höher.

Im Juni und Juli 2017 lagen die Preise pro Stunde, soweit sie angegeben und nicht als „a. A.“ (auf Anfrage) deklariert waren, zwischen 50,‒ und 150,‒ € für eine Stunde (wobei jeder Dienstleister weiß, dass eine sexuelle Begegnung selten länger als 30 bis 45 Minuten dauert), und für die Nacht zwischen 110,- und 500,‒ €, in vereinzelten Fällen bei 570,-, 600,-, 1000,- und 1200,‒ €. Die präzisesten Angaben machen Masseure für erotische Massagen mit Preisen zwischen 50,‒ und 145,‒ € je nach Dauer und Leistung. Am  26. Juni 2017 hatten von insgesamt 52 Hamburger Plus Escorts und Escorts 18 Männer (34,6 %) ihre finanziellen Vorstellungen beziffert. Sie lagen im Durchschnitt bei 85,‒ € pro Stunde und 476,‒ € pro Nacht (bzw. 420,‒ €, berücksichtigt man eine einzelne Forderung von 1200,‒ € nicht). Am 9. Juli 2017 geben von 62 Plus Escorts und Escorts der Hansestadt 27 Männer (43,5 %) an, wie viel sie für eine Stunde bzw. eine Nacht sexuelle Dienstleistung verlangten. Der Durchschnitt lag bei 83,‒ € pro Stunde und 500,‒ € pro Nacht (bzw. 400,‒ €, berücksichtigt man drei Forderungen über jeweils 1000,‒ € nicht. Für den 10. Juli 2017 gelten die Durchschnittswerte 84,‒ € pro Stunde und 454,‒ € pro Nacht (bzw. 375,‒ € abzüglich zweier Forderungen über jeweils 1000,‒ €) bei insgesamt 20 Personen (30,3 %) von 66 Plus Escorts und Escorts. Und am 11. Juli 2017 lagen bei 14 von 34 Plus Escorts und Escorts (41 %) die Preisvorstellungen im Durchschnitt bei 86,‒ € pro Stunde und 312,‒ € pro Nacht.

 

Doch sind die Forderungen das eine, die Zahl der Buchungen aber etwas ganz anderes. Oft findet nicht mehr als eine Handvoll Treffen im Monat statt - und wenn es gut läuft vielleicht zehn bis zwanzig. Die Konkurrenz ist groß. Und der Preis regelt sich durch Angebot und Nachfrage. Der Preisverfall im Stricher-Segment Bar und Pornokino, wo Männer südosteuropäischer Herkunft schon für 20,‒ oder 30,‒ € zur Verfügung stehen, hat selbstverständlich Einfluss auf die Internet-Prostitution, auch wenn die jeweiligen Zielgruppen unterschiedlich sind.

 

In der Nebenjob-Prostitutionsszene gilt der oft wiederholte Satz, „das Angenehme mit dem Nützlichen“ verbinden zu wollen. Und dieser Slogan zeigt die Tendenz der männlichen Freizeitprostitution. Der sexuelle Dienstleister dieses Segments hat gerne Sex mit Männern und betrachtet das Salär als willkommene Erweiterung seines Budgets. Angewiesen auf diesen Zuverdienst ist er oft nicht. Was er als Neben-Jobber strikt vermeiden will, ist, sich der Prostitution voll und ganz zu verschreiben und sein ganzes Wesen und seine Psyche nur noch darauf zu richten, möglichst viel Kunden zu bekommen.

 

Das Bild des Nebenjob- Dienstleisters im Internet lässt an Hand der Profile und persönlicher Gespräche auch erkennen, dass er schwul oder bisexuell ist. Meine wichtigsten Gewährsleute sind ausnahmslos schwul. Die ständig wiederholte These, wonach männliche Prostituierte fast immer heterosexuell seien, hat noch nie gestimmt ‒ für die Internet-Prostitution ist sie schlichtweg falsch20. Ihre Ursache hat sie – wie oben erwähnt – darin, dass Strichjungen bei Vernehmungen oder auch in Gesprächen mit Ärzten, Sozialarbeitern und Soziologen zwei Strategien verfochten, um bei den zumeist heterosexuellen Kriminalbeamten, Richtern und anderen Gesprächspartnern einen günstigen Eindruck zu erwecken, um mit einer niedrigen Strafe und einer günstigen Beurteilung wegzukommen:

1. Man sei nicht schwul, sondern gehe nur aus finanziellen Gründen auf den Strich.

2. Der Sex mit dem Freier habe einen angeekelt, so dass man ausgeflippt sei und zugeschlagen habe.

Eine solche Story kann man heute nur noch den Sensationsmedien andrehen, die sie dann mit Tremolo verbreiten: Armer, missbrauchter Junge aus prekären Unterschichtsverhältnissen wurde aus berechtigtem Ekel zum Totschläger. Ein Kriminalbeamter und Richter nimmt derlei schon lange nicht mehr ernst, wie 2012 der Reinbeker Prozess gegen den Oststeinbek –Glinder Freiermörder erneut gezeigt hat.

 

Wer sich hauptberuflicher als sexueller Dienstleister im Internet anbietet, muss über eine eigene Wohnung oder ein Studio verfügen, wo er Kunden empfangen kann. Anzeigetexte wie „Treffen bei dir, Hotel, outdoor“, die bei Nebenjob-Dienstleistern  noch angehen, schränken die Wirkungsmöglichkeit eines Hauptberuflers erheblich ein.

Das beste Einkommen in diesem Segment erzielen neben jungen Dienstleistern auch ältere männliche Prostituierte, die besondere Fetische bedienen. Der etwa sechzig Jahre alte Wandsbeker LEDERKERL-ROY (bisweilen auch: LEATHER-ROY und LEATHERMASTERROY) sagte mir einmal, er habe sich „ein Haus zusammengefickt“. Er hätte mich, wenn ich einverstanden gewesen wäre, als Partner beschäftigt, da er immer wieder Anfragen nach Senioren als Dienstleister erhalte.  

Interessanterweise spielt das Aussehen des sexuellen Dienstleisters eine eher untergeordnete Rolle; der Schönling ist eher die Ausnahme und wird nicht gesucht.

Selbstverständlich gibt es auch im Bereich der männlichen sexuellen Dienstleistung Könner und Stümper. Wer auf Dauer als Hauptberufler etwas verdienen will, muss sein Handwerk beherrschen und zuvor erlernen. Es genügt nicht, über einen Penis zu verfügen und sich penetrieren zu lassen, sondern man muss eine Menge über die männliche Sexualität wissen, und man muss sich rasch auf die sexuellen Bedürfnisse des Gastes einstellen. Sex muss man können!

 

Vorsichtig sein sollte man gegenüber Behauptungen, dass man als hauptberuflicher Prostituierter sehr hohe Summen verdiene. Das mag in Einzelfällen über kurze Zeit möglich sein – ich lasse das dahingestellt, wenn ich auch daran zweifele, dass ein Kunde 1200,‒ oder 1000,‒ € für eine Nacht mit einem Escort zahlt – zuzüglich Hotel, Restaurant usw. Doch die in den meisten Profilen der Hauptberufler genannten Preise lassen allzu hohe verdiente Summen nicht erwarten. Generell liegen sie pro Stunde etwas höher als bei männlichen Freizeit-Prostituierten. Aber auch in diesem Bereich ist die Konkurrenz groß. Sugar-Daddies, die einen Jungen aushalten, sind nicht so zahlreich und wechseln überdies oft ihre Favoriten. Und der reiche Geschäftsmann, der nach einer gemeinsamen Nacht zwei oder drei Tausender hinblättert, gehört in den Bereich der Wunschträume und des Escort-Lateins. Und dies gilt erst recht für den folgenden Witz:

Unterhalten sich vier Damen beim Kaffeeklatsch. Die Erste: „Mein Sohn arbeitet bei VW, der hat mir günstig einen Golf besorgt“. Die Zweite: „Mein Sohn ist Pilot, der hat mir einen Flug nach Hongkong zum halben Preis besorgt“. Die Dritte: Mein Sohn ist Maurer, der hat mir jetzt ein Haus gebaut, fast umsonst“. Die Vierte: „Mein Sohn geht auf den Strich“. „Was für eine Schande!“ sagen die anderen drei. „Ne, find ich nicht. Der hat mir neulich ein Haus, einen BMW und eine Reise nach Australien geschenkt“.

Nach meinen Beobachtungen kann ein Hauptberufler durchaus eine Weile von seinem Verdienst als sexueller Dienstleister gut oder sogar sehr gut  leben. Auf Dauer aber funktioniert mann-männliche Prostitution als Hauptberuf nur dann, wenn der männliche Dienstleister physisch und psychisch stabil ist, wenn er kein Doppelleben zu führen braucht, d. h. wenn sein Partner oder seine Partnerin mit der sexuellen Dienstleistung einverstanden ist (was zumeist der Fall ist) oder sie gegebenenfalls selbst ausübt und wenn er sich nicht selbst isoliert, sondern am sozialen, politischen und kulturellen Leben seiner nicht prostitutiven Umwelt teilnimmt. Vor allem aber muss er bestrebt sein, das verdiente Geld nicht  gleich wieder auszugeben, sondern damit haushälterisch und zukunftsorientiert umzugehen21.

Während das von einem sexuellen Dienstleister im Nebenjob erworbene Geld wohl nicht allzu oft eine steuerpflichtige Höhe erreicht, wird der Hauptberufler nicht umhin können, Steuern zu zahlen, wenn er über ein eigenes S/M- oder Massage-Studio verfügt, was nicht verheimlicht werden kann und für das er gegebenenfalls öffentlich wirbt. Hier greifen die Mechanismen selbstständiger gewerblicher Tätigkeit.

 

Wie sich das Gesetz zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostituiertenschutzgesetz –ProstSchG)  vom 21. Oktober 2016, das am 1. Juli 2017 in Kraft getreten ist, auf die mann-männliche Internetprostitution auswirkt, ist noch nicht absehbar. Für Hamburg lagen bis Ende Juli 2017 keine Durchführungsbestimmungen vor – und das Bundesland Hamburg war keine Ausnahme. Eine Information für Prostituierte der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration zum Inkrafttreten des Gesetzes verwies stattdessen auf aussagekräftige Informationen ab Oktober 2017. Diese Informationen liegen inzwischen auf der Internetseite der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration unter dem Titel Informationen für Prostituierte – Hinweis für weibliche, männliche und trans* Prostituierte vor. Sie sind illustriert mit einem bedrohlich wirkenden roten Fragezeichen und einem grünen Ausrufezeichen und umfassen vier Textseiten. Überdies gibt es zwei Seiten mit der Überschrift Prostituiertenschutzgesetz. Gesundheitliche Beratung für Prostituierte sowie die Hinweise für Betreiberinnen und Betreiber. Die Informationen für Kundinnen und Kunden der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration besteht lediglich aus zwei Sätzen: „Ab dem 1. Juli 2017 besteht eine Kondompflicht. Prostitutionskunden und Prostitutionskundinnen können bei Verstoß gegen die Kondompflicht mit einem Bußgeld belangt werden“. Abrufbar auf der Seite der genannten Behörde sind weiterhin das Faltblatt Infoflyer: Gesundheitliche Beratung für Sexarbeiter*innen in Hamburg nach dem Prostituiertenschutzgesetz sowie der recht umfangreiche Gesetzestext (https://www.gesetze-im-internet.de/prostschg/BJNR237210016.html).

Die Informationen sind sachlich formuliert, doch ist zu bezweifeln, dass sie allgemein verständlich sind.

Die gesetzlichen Bestimmungen und die Hinweise der zuständigen Behörde sind das eine, das andere ist deren Umsetzung.  In diesem Aufsatz geht es um die mann-männliche Internetprostitution, und diese wird von Männern über 25 Jahren vornehmlich in eigener Verantwortung und in Eigenregie betrieben – und dies vorzugsweise als Nebenjob. Weder Zuhälter noch Bordellbetreiber können somit einen solchen Escort veranlassen, sich registrieren zu lassen. Er muss diesen Weg aus Eigeninitiative gehen. Und das bedeutet: er muss den Mut haben, sich bei einer staatlichen Institution als Escort/als Prostituierter/als männliche Hure zu outen. Viele meiner Gewährsleute sind dazu nicht bereit; nur einer von ihnen hat es bisher getan. Überdies ist das Verfahren mit zwei oder drei Behördengängen (falls die Anmeldebescheinigung auf einen Alias-Namen ausgestellt werden soll) aufwendig.

 

Ein Beispiel soll genügen: Ich hatte als Inhaber von Escort-Profilen Mitte 2017 beschlossen, mich nach dem Prostituiertenschutzgesetz anzumelden und mich registrieren zu lassen, um authentische Aussagen über dieses Verfahren und über alles, was damit zusammenhängt, treffen zu können und mich nicht auf Berichte anderer oder Mutmaßungen verlassen zu müssen. Und so habe ich Ende Oktober mit einem Anruf beim Gesundheitsamt in der Kurt-Schumacher-Allee 4, 7. Stock, Tel. 428374120 einen Termin für die „gesundheitliche Beratung GESAH 14“ vereinbart. Vorgesehen war der 6. November 2017, 15.00 Uhr. Dieser Termin wurde kurzfristig am Vormittag des 6. Novembers abgesagt und auf den 14. November 2017, 15.00 Uhr  verschoben. Der Rückruf zeigt, dass meine Telefonnummer im Computer der Behörde schon gespeichert war, ohne dass klar war, ob ich überhaupt unter das Prostituiertenschutzgesetz fiele.

Die vorgeschriebene gesundheitliche Beratung fand dann am 14. November 2017 in einer freundlich-sachlich-höflichen Atmosphäre statt, bei der auch Bedenken gegen eine Registrierung angesprochen wurden: die Indiskretionsgefahr von Seiten der Behörde, die Gefahr von Überwachungen und die Möglichkeit von neuen „Rosa Listen“, wie sie während der NS-Zeit und der Nachkriegszeit gang und gäbe waren. Wie voraussehbar, versuchte die Behördenmitarbeiterin die Bedenken und Ängste zu zerstreuen. Am Ende wurde eine im Computer gefertigte Karte „über die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG“  mit Namen, Geburtstag und Beratungstag ausgefertigt und überreicht. Diese musste am Tag der Registrierung samt Wohnbescheinigung, Personalausweis und zwei Passbildern mitgebracht werden.

Auch die Vereinbarung des zweiten Termins ist der Initiative des Escorts überlassen. Im konkreten Fall erfolgte die Terminabsprache am 14. November 2017 um 15.45 Uhr unter der Hamburger Telefonnummer 42837-4120. Der nächstmögliche Termin war der 18. Dezember 2017 um 13.00 Uhr in der Großen Reichenstraße 14. Und wieder eine Beratung, als ob der Escort nicht wisse, was er tut.

Der vereinbarte Termin wurde wahrgenommen – ein neuer wäre erst im März 2018 möglich gewesen. Das Gebäude Große Reichenstraße ist verschlossen, eine Informationstafel fehlt sowohl am Gebäudeeingang als auch im zweiten Stock an der Tür zu den Räumen der Dienststelle, um Besucherinnen und Besucher in den Augen anderer nicht zu diskriminieren, heißt es. Geklingelt werden muss unter FA-BEA*Pro (d. h. Fachamt Beratung, Erlaubnisse und Anmeldung nach dem Prostituiertenschutzgesetz). Leiter dieses Amtes ist der durch Studium und Lehre an der HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaften) Hamburg, durch Publikationen und Praxis, z. B. beim Basis-Projekt basis & woge e.V. ausgewiesene Fachmann Fabio Casagrande. Seine Mitarbeiterinnen sind kompetent, freundlich, in Gesprächsführung geschult. Sie versuchen, die Schwellenangst zu nehmen, die vermutlich jede Person empfindet, die sich nach dem Prostituiertenschutzgesetz als Sexarbeiterin bzw. sexueller Dienstleister registrieren lassen will bzw. muss. Diese Bemerkung ist wichtig, denn die folgende Kritik hat nichts mit den Personen zu tun, die das Prostituiertenschutzgesetz in Hamburg umsetzen – oder vielleicht besser: exekutieren ‒ müssen.

 

Das von diesem Gesetz vorgeschriebene Beratungsgespräch verlief bei einer Tasse Kaffee freundlich und entspannt. Auch wurde auf die Möglichkeit hingewiesen, sich nicht auf die Registrierung einzulassen und stattdessen die Escortprofile zu löschen. In dem Gespräch wurde auf unterschiedliche Aspekte des Prostituiertenschutzgesetzes eingegangen, doch konnten generelle Bedenken gegen die Registrierung nicht ausgeräumt werden.

Das Gesetz verwendet den negativ konnotierten Begriff „Prostituierte“ statt der üblich gewordenen Bezeichnungen Sexdienstleister oder Sexarbeiterinnen.

Und letzten Endes ist die Registrierungsprozedur trotz aller Freundlichkeit demütigend und herabwürdigend, obwohl sie in Hamburg „humaner“ als in anderen Bundesländern abläuft und überdies kostenlos ist: anderswo werden für die drei Phasen der Registrierung, nämlich 1. die gesundheitliche Beratung, 2. für das Beratungsgespräch vor der Registrierung und 3. für die Ausstellung der Anmeldebescheinigung (d. h. des Hurenpasses, des Prostituiertenausweises) 30,‒, 40,‒ bzw. 10,‒ € verlangt.

Ausgesprochen problematisch ist, dass die Daten der auf Grund dieses Gesetzes registrierten Menschen nicht nur bei der zuständigen Dienststelle erfasst, sondern unverzüglich an die Finanzämter weitergeleitet werden. Nun müssen sich vermutlich nicht allzu viele Nebenjob- Dienstleister aus finanziellen Gründen über diese Weiterleitung Gedanken machen, da ihre monatlichen Einkünfte wohl selten die Grenze der Steuerpflicht überschreiten. Gedanken aber muss man sich machen, ob die Prostituierten-Daten bei den Finanzämtern wirklich geheim bleiben und nicht vielmehr einen Anreiz für Indiskretionen oder auch Erpressungen bieten. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wann Polizei oder Gesundheitsämter, Arbeitgeber und Berufsorganisationen offiziell Zugang zu den Akten und damit Informationen über die prostitutive Arbeit eines Menschen erhalten. Der Verdacht liegt nahe, dass das Prostituiertenschutzgesetz die Basis neuer Rosa Listen für Gay-Escorts und Schwarzer Listen, d. h. Asozialenlisten, für Sexarbeiterinnen und männliche Escorts für Frauen ist ‒ oder zumindest sein könnte.     

Unmittelbar nach der Beratung erfolgte die Registrierung. Damit wird aus einem bisher unbescholtenen Mann, der einer bürgerlichen Profession nachgeht und ein anerkannter Fachmann in seinem Beruf ist, eine männliche Nutte unter Sondergesetz.

Wer sich registrieren lässt, erhält eine lindgrüne Anmeldebescheinigung mit dem Text: „Die Inhaberin/der Inhaber dieses Dokumentes hat eine Tätigkeit nach § 3 ProstSchG Hamburg, BA Altona angemeldet“ (plus englische Version). Dieser „Hurenpass“ enthält Namen (oder Alias-Namen), Vornamen, Geburtsort, Geburtsdatum, Staatsangehörigkeit, Passbild, Tag der Ausstellung, Gültigkeitsdatum (im konkreten Fall bis 17. Dezember 2020), Geltungsbereich (im konkreten Fall: alle Bundesländer) und nennt die ausstellende Behörde ( im konkreten Fall: Hamburg, BA Altona) sowie die Verwaltungsnummer (im konkreten Fall A/FABEA (A)…). Diese Anmeldebescheinigung ist bei der Sexarbeit mitzuführen zusammen mit der oben erwähnten von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz ausgestellten „Bescheinigung über die gesundheitliche Beratung nach § 10 ProstSchG“. Damit ist der alte „Bockschein“ in abgeschwächter Form wieder auferstanden. Und man hat den Verdacht, dass in absehbarer Zeit erneut eine zwangsweise Intimuntersuchung auf STDs (Sexually Transmitted Diseases = Geschlechtskrankheiten), wie sie das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (GeschlKrG) vom 23. Juli 1953 bis zum 31. Dezember 2000 vorgesehen hatte, verordnet werden wird.

Ich halte dieses Gesetz für verheerend. Es ist kein Prostituiertenschutzgesetz, sondern ein Prostituiertendiskriminierungsgesetz.

 

Ich kann auf Grund der geschilderten persönlichen Erfahrungen nur dazu raten, sich als haupt- oder nebenberufliche Sexarbeiterin oder Sexarbeiter  ‒ wenn nur irgendwie möglich ‒ nach diesem Gesetz nicht registrieren zu lassen, da die Registrierung der Diskriminierung Tür und Tor öffnet, denn durch dieses Gesetz wird – wie oben erwähnt ‒ eine unbescholtene Bevölkerungsgruppe prinzipiell unter Sonderrecht gestellt – und wieder gehören schwule und lesbische Menschen dazu.

 

Nicht Kenntnis dessen, was Sexarbeit kennzeichnet, nicht die Realität unterschiedlichen sexuellen Begehrens der Menschen ist für dieses Gesetz aus dem von der SPD geleiteten Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter Führung der derzeitigen Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig ausschlaggebend gewesen, sondern realitätsferne Ideologie, Prüderie, Besserwisserei und darüber hinaus ein gerüttelt Maß  Menschenverachtung, die in der demütigenden Prozedur der Anmeldung zum Ausdruck kommt.

Die Realitätsferne belegt insbesondere das Kondomgebot und die damit verbundene Strafandrohung gegen Freier, die dagegen verstoßen. Medizinisch ist das Gebot sinnvoll. Aber wer will das überprüfen? Sollen Überwachungskameras oder Polizeikontrollen vor Ort oder Behördenangestellte hinter Einwegspiegeln unseligen Angedenkens die Einhaltung dieser Vorschrift kontrollieren? Und was geschieht, wenn Sexarbeiterinnen/Sexarbeiter und ihre Kunden einvernehmlich Sex ohne Kondome haben?

 

Prostitution ist Teil unserer Gesellschaft, ob man das mag oder nicht. Sexarbeiterinnen und Sexdienstleister wird es immer geben, weil die Nachfrage besteht: Nicht das Angebot bestimmt die Nachfrage, sondern die große Nachfrage erst bringt Sexarbeit hervor. Prostitution kann kaschiert, verboten, diskriminiert, umbenannt werden – sie wird dann nur in anderer Form und unter anderem Namen weiterbestehen.

 

Sexuelle Dienstleistung ist im Hauptberuf ein harter Job, der den ganzen Mann erfordert, unabhängig davon, ob sie Spaß macht oder nicht. Meine Gewährsleute beispielsweise nehmen keine Drogen zu sich, rauchen nicht und trinken nur gelegentlich Alkohol22.

 

Besonders schwer hat es der sexuelle Dienstleister, der den aktiven Part bei sexuellen Begegnungen anbietet. Eine erfahrene weibliche Prostituierte kann beim Geschlechtsakt schauspielern, Geilheit und Orgasmus vortäuschen. Männliche Prostituierte werden nur dann keine Schwierigkeiten haben, wenn sie nur für passive Dienstleistungen zur Verfügung stehen und wenn es den Freier nicht stört, dass sein Partner keine sexuelle Erregung zeigt. Aber wer sich als Aktiver anbietet, muss eine länger andauernde Erektion vorweisen. Ohne eine immer wieder hervorrufbare Erektion ist Prostitution die falsche Berufswahl. Und selbst wenn der aktive männliche Prostituierte sexuell sehr potent ist, wird er eine solche Dienstleistung nicht jederzeit und am laufenden Band verrichten können, da Dauererektionen und ständiger Samenerguss nicht ohne weiteres möglich sind. Bringt aber der sexuelle Dienstleister seine Leistung nicht so, wie das der Freier möchte, kann es ihm passieren, dass er im Internet niederschmetternde Kommentare erntet, die ihn dazu zwingen könnten, sein Profil zu löschen.

 

Erwähnenswert sind noch drei weitere Facetten der Internetprostitution:

1. Im Vergleich zu 2015 hat der Anteil ausländischer Escorts als Anbieter auf dem Hamburger Markt erheblich zugenommen. So waren am 26. Juni 2017 um 9.10 Uhr fünf von zehn Profilüberschriften der Plus Escorts ausschließlich englisch formuliert; bei den Escorts waren es nur 8 von 37 (= 21,6 %). Für den 9. Juli 2017, 1800 bis 19.00 Uhr lauten die Zahlen 7 von 17 (= 41 %) bzw. 6 von 41 (= 14,6 %). Am 11. Juli 2017 um 10.30 Uhr sind 8 von 14 Profilüberschriften (= 57 %) der Plus Escorts englisch. Nun, englischsprachige Profilüberschriften können auch deutsche Escorts – aus welchen Gründen auch immer – wählen, und zwei von ihnen haben das auch getan. Ein anderes Kriterium sind die im Profil angegebenen Sprachen. Am häufigsten werden Spanisch und/oder Portugiesisch genannt, wobei die meisten der Escorts, die diese Sprachen sprechen, aus Süd- und Mittelamerika stammen. Arabisch, Englisch, Französisch, Türkisch werden an zweiter Stelle genannt – und jeweils ein- oder zweimal Afrikaans, Albanisch, Bulgarisch, Italienisch, Persisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Tschechisch. Andere Herkunfts-Selbstbezeichnungen sind Asiat, Balkan, Latino.

2. Ein Teil der Profile gibt Telefonnummern an, unter denen der Escort zu erreichen ist (bei den Plus Escorts sehr viel häufiger als bei den Escorts), doch ist dies nicht die Mehrheit. Bei homo.net-Escorts sind Telefonnummern und Adressenangaben verboten.

3. Was die Benutzung von Kondomen anbelangt, enthalten viele Profile den Hinweis no bare oder nur safe. Einige Escorts werben als Bare-Escorts. Andere aber weichen einer Festlegung im Profil aus. Es wird wohl in vielen Fällen eine Frage des Preises sein, ob ein Escort bereit sein wird, auf ein Kondom zu verzichten. (Der Hinweis von Usern bei PlanetRomeo, „immer“ ein Kondom zu benutzen, ist nach allgemeiner Erfahrung in den allermeisten Fällen nicht ernst zu nehmen).

 

Sich mit der mann-männlichen Internet-Prostitution zu beschäftigen, ist schwierig, weil sexuelle Dienstleister sich über ihre prostitutive Arbeit mit Außenstehenden nicht gerne austauschen. Ihr Vertrauen zu gewinnen ist aber unerlässlich, um verlässliche Aussagen machen zu können. Die von mir gewählte Herangehensweise ist gewiss nicht jedermanns Sache; sie hat zwar mit Empathie für die sexuellen Dienstleister und mit persönlichem Einsatz über meine beiden Escortprofile viel Sachkenntnis, Insiderwissen, Erfahrungen und wichtige Eindrücke erbracht, doch müssen diese vertieft und ‒ vor allem ‒ auf eine viel breitere Grundlage gestellt werden. Das aber ist schwierig, weil sich dann die sexuellen Dienstleister als solche outen und ihre Adressen angeben müssten, damit ihre Glaubwürdigkeit und die Seriosität ihrer Mitteilung überprüft werden kann. Schon dies allein zeigt die Schwierigkeiten, mit denen die Erforschung der Internet-Prostitution verbunden ist. (Welchen Mut allein schon dieser Vortrag erfordert, können sich vielleicht einige vorstellen!) Für eine breite Feld-Untersuchung braucht man Personal und Geld – und ein soziales Umfeld, das Forschern und Erforschten mit Wohlwollen und Interesse begegnet. Vielleicht hat mein Vortrag das Feld dafür bereitet. Svienkråm wird erst dann zu Svienkråm, wenn man etwas als Svienkråm denkt.

 

                                                                Anmerkungen

 

Einen knappen Überblick zum Thema des Vortrags gibt der Gaycallboy-Report: Gay-Callboys im Internet –Schwules Cruisen auf Bestellung. Gay-szene.net recherchiert die schwule Callboyszene (2014). Dieser Report enthält neben interessanten Einblicken in die mann-männliche Internetprostitution leider auch eine Reihe Behauptungen, insbesondere über die „alternden“ Freier und das Alter der Anbieter, die meiner Ansicht nach hätten stärker hinterfragt werden müssen. So werden leider nur die altbekannten Klischees bedient.

 

 1  Vgl. z. B. http:www.sexhandel.no: manlig prostitusjon (Eintrag von 2006); Claus Lautrup und Jette Heindorf: Mandlig Prostitution. VFC Socialt Udsatte. København 2003. S. 6; Max Damsgaard, Rebecca Bro, Julia W. Dallerup: Mandlig Prostitution – italesættelse af en usynlig gruppe. Roskilde 2007.

 2  Vgl. Birgit Bader und Ellinor Lang: Stricher-Leben. Hamburg 1991. S. 21‒24; u. a. zitiert von Rüdiger Lautmann: Arbeiten auf dem Männerstrich – Stationen einer Karriere. Vortrag zur Fünfjahresfeier von „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart am 11. Oktober 2002. Internetfassung S. [5].

 3  Der Berliner Sozialpädagoge Ralf Rötten, der selbst einmal als Callboy gearbeitet hat, unterscheidet in einem Interview mit Gay Dating Tricks vom 7. Dezember 2009 zwischen Callboys und Strichern und formuliert: „Stricher sind Jungs, die anschaffen gehen, Jungs, die aus benachteiligten Lebenssituationen kommen. Einige sind arbeitslos und schaffen in Bars an. Circa achtzig Prozent der Stricher sind Migranten, und ein nicht geringer Anteil sind dabei Wanderarbeiter, die für zwei oder drei Monate nach Berlin kommen, anschaffen gehen und danach wieder weg gehen. Die Stricher sind, salopp gesagt, richtig arm dran: Teilweise mit geringem Bildungsniveau, ohne Perspektive und einige auch obdachlos“. Etwas ganz anderes ist nach Röttens Meinung ein Callboy: „Ein typischer Callboy ist ab Mitte Zwanzig, verfügt über eine eigene Wohnung und Grundformen der Absicherung. Viele sind Studenten, Azubis, Arbeitslose und Berufstätige. Für sie ist die Motivation ebenfalls das Geld, doch anders als bei Strichern handelt es sich mehr um ein Zubrot. Nur wenige Callboys leben ausschließlich von den Sexleistungen“.

Akzeptiert man diese Klassifizierung, ist „Stricher“ inzwischen zu einem Begriff geworden, der weitgehend die migrantische mann-männliche Prostitution abdeckt, denn das, was Rötten für Berlin konstatiert, gilt auch für Hamburg (und vermutlich auch für andere deutsche Großstädte): das traditionelle Strichersegment wird heute vorwiegend oder fast ausschließlich von Arbeits-Migranten abgedeckt.

 4  Im Jahre 2006 wurde beim Festival in Haugesund zum ersten Mal der Film Sønner gezeigt, in dem es um die Tabuthemen Pädophilie und Jugendprostitution geht. Im Zusammenhang mit der Thematik des Films waren in der norwegischen Presse schon vorher eine Reihe Artikel erschienen. In einem dieser Zeitungsberichte heißt es: „Gutteprostitusjon er en utbredt problematikk folk ikke vet så mye om. Tall fra PRO-senteret viser at dobbelt så mange gutter som jenter har erfaring med prostitusjon når de er unter 16, sier regissør Erik Richter Strand“ (Vgl. Dagsavisen vom 8.10.2005, schon ähnlich in film + tv). Schon am 4. Februar 1999 hatte Dagbladet berichtet: „Gutter fra tenåren og opp til 20-åra selger kroppen sin i Bergen. Salget skjer via mobiltelefon og internett, og mørketallene er store“.

Seinerzeit schockierte einer der bekanntesten norwegischen Anwälte, die beim Obersten Gericht zugelassen waren –Tor Erling Stagg – mit der Bemerkung, „at han som 12-åring syntes det var fint å ha sex med eldre menn“ (Dagsavisen vom 8.10.2005).

Vgl. zu diesem Themenkreis weiterhin Dan E. Christensen: Unge og prostitution – et overset problem. PRO-Centret. København 2003. S. 19-21, 42-49; Max Damsgaard, Rebecca Bro, Julia W. Dallerup: Mandlig Prostitution – italesættelse af en usynlig gruppe. Roskilde 2007. S. 30-32, 43.

 5  Und selbstverständlich gibt es Prostitution aus einer Notlage heraus, z. B. bei Ausreißern, entlassenen Strafgefangenen, Arbeitslosen, Migranten usw. Aber häufig wird die Not vorgeschoben als Rechtfertigung für den Schritt in die Prostitution. So erzählte mir einer meiner Gewährsmänner am 21. August 2014, er habe dreizehn Jahre als Escort gearbeitet – nicht etwa als Stricher, wie er hinzufügte ‒, weil er Geld gebraucht habe, nachdem er verelendet war als HIV-Positiver. Er habe, als es ihm wieder gut ging, mit der Prostitution Schluss gemacht – und fügte nach kurzem Zögern angesichts der mit Antiquitäten vollgestopften 150-m²-Wohnung (für ihn und seinen Mann und zwei Katzen) hinzu: aus seiner Escort-Zeit habe er noch ein paar Stammfreier, die ihm monatlich zwischen 1200,‒ und 1500,‒ € einbrächten. Er esse gerne gut, fügte er etwas verlegen hinzu.

Hatte sich mein Gewährsmann in seiner Entscheidung für die Prostitution zunächst als Opfer einer prekären Lebenssituation dargestellt, sprach er wenig später davon, dass ihm die Weiterführung der sexuellen Dienstleistung als nunmehr Fünfzigjährigem Spaß mache, ihm Abwechslung von seinem ausgeübten Beruf als bekanntem und erfolgreichem Fotografen und Gastronomen biete und ihm ein zusätzliches Einkommen verschaffe.

 6  Vgl. www.sexhandel.no: Mandlig prostitution (2006), zitiert nach Solevåg, Asbjørn und Isachsen, Margareth: Rapport fra prosjekt „Å nå gutter som prostituerer seg for å muliggjøre Hiv-forebyggende arbeid“. Oslo 1993. S. 11.

 7  Vgl. z. B.:

1. Steve Ross und Anna Gluth: Callboy Steve. Die Autobiographie einer männlichen Hure. Berlin 2008. In meiner Rezension von 2009 heißt es: „Statt auf Probleme, die mit der Prostitution zusammenhängen,…einzugehen, enthält diese 'Autobiographie' Gewäsch, Unwahrscheinlichkeiten und 'Verarschung' der Leser. Ärgerlich“.

2. Ellen Lloyd: Der Stricher. Niebüll 2002.

3.Robert A. Gay: Trækkerdrenge. København 1968. Dieses Buch, vom Verlag als „Kvalitets Porno“ bezeichnet, ist ein schwuler pornographischer Roman, in dem es fast ausschließlich um die Schilderung gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen geht. Den Titel Trækkerdrenge (Stricher) löst der Roman nicht ein. Es geht nicht um Strichjungen und Callboys, sondern um das Verhältnis zwischen jungen und alternden Homosexuellen, wobei sich die jungen Männer bisweilen von ihren älteren Freunden aushalten lassen, aber dies weniger im Sinne von Prostitution.

4. Jan Simonsen: Guttene fra Yorkstrasse. Forlaget Norske Bøker. Rasta 2005. Dieser Roman des rechtspopulistischen norwegischen Politikers Jan Simonsen (*1953) hat allem Anschein nach einen realen Hintergrund. Vor allem aber lässt der Autor alle Formen homosexueller Praktiken Revue passieren und befriedigt damit den Voyeurismus der Leser. Ansonsten wimmelt es in diesem Roman von Unwahrscheinlichkeiten und sachlichen Fehlern. Der Roman spielt im Wesentlichen in Deutschland; die Yorkstraße des Titels befindet sich in Ludwigshafen.

In einem Interview mit Aftenposten vom 14.3.2005 heißt es: „Jeg forsøker å beskrive miljøet med toleranse og uten fordomer, samtidigt som jeg ikke ønsker å forherlige miljøet. Det har vært en vanskelig balansegang, sier han. Han forteller at boka bygger på den sanne historien om oppveksten og ungdomsstriden til en god venn“.

5. Vgl. Cem Yildiz: Fucking Germany. Das letzte Tabu oder mein Leben als Escort. Frankfurt am Main 2009. Cem Yildiz ist eine vom Verlag geschaffene lebende Kunstfigur. Sein korrekter Name lautet anders, das Türkische ist nur bedingt authentisch, ebenso das, was als „Insiderbericht“ angeboten wird, u. a. – vermutlich – seine Honorarangaben. Gespräche bei Buchvorstellungen und Interviews mit ihm zeigen, wie wenig C. Yildiz zu sagen hat. (Vgl. das Interview unter dem Titel Hosen runter, Schwanz raus, geschämt in taz vom 15.8.2009). Positiv zu dem Buch äußert sich Salih Alexander Wolter: Cem Yildiz’ Traum von Männlichkeit unter  www.schwule-literatur.de/2010/05/cem-yildiz...

 8  Vgl. Arne Pahlke: Sonne, Blut und Sterne. Himmelstürmer Verlag Hamburg 2000.

Für mich ist der sterbenskranke Strichjunge Timo die überzeugendste Gestalt dieses Romans. Dem Verfasser gelingt es, ihn und die gesamte Stricherszene kenntnisreich und einfühlsam zu schildern.

Vgl. Knut Koch: Barfuß als Prinz. Berlin 1993 (Edition Dia), München 1996 (dtv), Berlin 2012 (Bruno Gmünder); Rezension von Angelo Algieri in Queer.de vom 28.7.2012.

Vgl. Alec F. Moore (= Oscar Moore): A Matter of Life and Sex. London 1991, deutsch: Verglüht. Berlin 1993.

Oscar Moore (1960‒1996), britischer Journalist, hatte neben seiner journalistischen Tätigkeit auch als mann-männlicher Prostituierter gearbeitet. Beeindruckend in Moores Roman ist die Authentizität dessen, was er schildert, seien es das Klappen-, das Stricher- und Callboy-Milieu, seien es die Schwulenszenen in London und New York oder das Siechtum der an Aids zugrunde gehenden Männer.

Vgl. Hartwig Schröder (1965‒2010): Kleine Hafennutte. Blog 2007/2008; daraus entstand das Buch Mein Prinz, der Callboy. Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 2009. Vgl. auch die Rezension Die „Hobby-Huren“ von Gayromeo vom 6. Dezember 2008 unter Gay Dating Tricks und bei Radio SUB.

 9  Übersetzt von Joachim Bartholomae. Verlag Männerschwarm. Hamburg 2014.

10  Unter Queer.de vom 27.9.2014.

11  Vgl. zum Beispiel die Umfrage von querstrich: Ein Projekt von und für Callboys. Im Zeitraum vom 1. Juli 2002 bis zum 30. Juli 2003 füllten lediglich drei männliche Prostituierte den Fragebogen aus; die Zahl der Freier, die antworteten, war nicht höher.

Die Studie Internetstricher. Eine Bestandsaufnahme der mann-männlichen Prostitution im Internet aus dem Jahre 2006 basiert auf den Aussagen von 36 Männern (S. 15) und beschränkt sich merkwürdigerweise auf eine Einzelgruppe im Gesamtspektrum der mann-männlichen Internetprostitution, nämlich auf die von den Verfassern Michael T. Wright und Michael Noweski „unprofessionelle Anbieter“ bzw. „unprofessionelle Sexarbeiter“ genannten sexuellen Dienstleister. Diese Zielgruppe nennen sie „Stricher“ und definieren sie folgendermaßen: „Sie verlangen maximal 150 Euro für eine Stunde. Sie sind in der Regel nicht älter als 25 Jahre. Ihre Präsentationen im Internet sind wenig professionell. Ihr Angebot ist wenig ausdifferenziert. Sie zeigen Indizien einer finanziellen oder sozialen Notlage, und sie haben kein ausgeprägtes Bewusstsein als Sexworker“ (S. 7, auch 10, 30). Für das Jahr 2015 erscheint eine derartige Charakterisierung willkürlich, problematisch und wenig überzeugend; und dies gilt auch für weitere Behauptungen des Textes (vgl. S. 22 betr. die „Lebenssituation der Stricher“, S. 26 und 30 betr. die willkürliche Unterscheidung zwischen Strichern und Callboys, S. 44 betr. die Einteilung der mann-männlichen Prostitution in fünf Gruppen und S. 43 betr. die Behauptung, wonach „praktisch jeder Callboy/Stricher im Internet über Handy zu erreichen“ ist. Tatsächlich werden Telefonnummern oft erst nach erfolgversprechend erscheinender Kontaktaufnahme mitgeteilt.

Die Untersuchung Mandlig Prostitution von Lautrup/Heindorf beruht in weiten Teilen auf Interviews mit zwölf Personen.

12  Auf meine Frage, ob der Chat-Partner einmal auf den Strich gegangen sei oder als Escort gearbeitet habe bzw. arbeite, gab es folgende Antworten: 1. nein, nein, nie; 2. warum fragst du? Auf meine Antwort hin kam dann oft eine ausführliche bejahende Antwort; 3. ja: 4. nein, aber ich würde es gerne tun oder ich hab mir auch mal überlegt, das zu machen.

13  Vgl. Lautrup/Heindorf: Mandlig Prostitution. S. 66, auch S. 44.

14  Vgl. auch Wright/Noweski: Internetstricher S. 23 Anm. 13 und 14.

Ausgesprochen nützlich und seriös sind die Tipps für Escorts und deren Kunden bei GayRomeo, insbesondere auch die Sätze unter der Überschrift Spezielles zum Internet.

15  Vgl. Peter Edelberg: Trækkerdrenge og hattedamer. In: Information vom 27.10 2007; Freja Bech-Jessen: Drenge sælger sex for opmærksomhed. In: Kristeligt Dagblad vom 30. April 2006 ; www.sexhandel.no: Mandlig prostitusjon (2006), wo es heißt: „Forskning viser at noen unge menn bruker prostitusjonen til å selge sex“; Lautrup/Heindorf: Mandlig Prostitution S. 6: „Antagelsen, at prostituerede mænd sælger sex af lyst snarere en nød, er en påstand, lejlighedsvis fremsættes i den offentlige debat“. Vgl. auch Damsgaard/Bro/Dallerup S. 18, 34, 40f., 44, 78 – und etwas genereller zur Internetprostitution S. 28: „Det virtuelle rum giver mulighed for at afprøve såvel grænser som fantasier, idet det er tilladt at lege med flere forskellige identiter. Samtidigt bliver det mindre farligt at komme med forespørgelse og tilbud i henhold til prostitution, da det kann virke lettere at logge af end fysisk gå sin vij. Internettet tilbyder en høj grad af anonymitet for både kunde og sælger, men det tilbyder også en stor grad af bevægelses frihed, idet  den prostituerede i princippet kann være alle steder, mens han aftaler møder med kunder“.

16  Vgl. Peter Edelberg: Trækkerdrenge og hattedamer.

17  Nach Teuerkauf: Lebenssituationen von mann-männlichen Prostituierten (2003) spielt Zuhälterei in der mann-männlichen Prostitution keine Rolle, während sie nach Wright und Noweski (S. 27f.) vorhanden, aber schwer nachzuweisen ist, eine Position, die ich teile.

18  Vgl. die Meldung Männlicher Prostituiertenring ausgehoben. Die spanische Polizei hat erstmals einen Zuhälterring zerschlagen, der Männer zur Prostitution gezwungen hat (vgl. Spiegel Online, 31. August 2010).

19  Vgl. Leddick, David und Sanchez, Heriberto und Vance, David: Escort. Men who sell sex (2009), deutsch: Escorts (2011). Von den 40 erwähnten Escorts haben 17 ein abgeschlossenes Studium, 9 hatten eine Berufsausbildung, für die ein mittlerer Schulabschluss notwendig war.

20  Vgl. Leddick/Sanchez/Vance: 28 der verzeichneten 40 Escorts gaben an, schwul zu sein, 4 bezeichneten sich als heterosexuell, 8 als bisexuell unterschiedlicher Abstufung.

21  Ralf Rötten sagte in einem Interview mit Gay Dating Tricks am 7. Dezember 2008: „Es ist relativ einfach, 800 Euro im Monat zu verdienen; für denjenigen, der mehr verdienen will, wird es jedoch sehr anstrengend“

Deutsche Agenturen für männlichen Begleitservice für Frauen gehen von einem Stundenpreis von 100,- bis 200,-€ aus, wobei die Agentur allerdings einen beträchtlichen Anteil (mindestens 25%) beansprucht und einbehält.

Zu Doppelleben und Isolierung vgl. auch Damsgaard/Bro/Dallerup S. 48f., 78f.

22  Der Rat, keine Drogen zu nehmen und keinen Alkohol zu trinken, wird auch von vielen Escorts gegeben, deren Biographien Leddick/Sanchez/Vance mitteilen.

23  Vgl. auch Wright/Noweski S. 31f.

 

                                                             Literatur

 

Algieri, Angelo: Unser Stricher, der ewig gefallene Engel. Queer.de. 27.9.2014

Armin, Thomas P.: Männer mieten Männer. Was passiert auf Deutschlands schwulem Strich? Ein Report. Foerster Verlag. Frankfurt am Main 1990 (betr. Hamburg: S. 94-99, 135-138)

Bader, Birgit und Lang, Elinor: Stricher-Leben. Hamburg 1991

Bech-Jessen, Freja: Drenge sælger sex for opmærksomhed. In: Kristeligt Dagblad. 30.4.2006

Christensen, Dan E: Unge og prostitution – et overset problem. PRO-Centret København 2003

Damsgaard, Max; Bro, Rebecca; Dallerup, Julia W.: Mandlig Prostitusjon – Italesættelse af en usynlig gruppe. Sundhedsfremme og sundhedsstrategier. Roskilde 2007

Edelberg, Peter: Trækkerdrenge og Hattedamer. In: Information. 27.10.2007

Gay, Robert A.: Trækkerdrenge. København 1968

Koch, Knut: Barfuß als Prinz. Berlin 1993, München 1996, Berlin 2012

Lautmann, Rüdiger: Arbeiten auf dem Männerstrich – Stationen einer Karriere. Vortrag zur Fünfjahresfeier von „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart am 11. Oktober 2002. Internetfassung

Lautrup, Claus und Heindorf, Jette: Mandlig Prostitution. VFC Socalt Udsatte. København 2003

Leddick, David; Sanchez, Heriberto; Vance, David: Escort, Men who sell sex. Miami Beach. Florida 2009. Deutsche Ausgabe: Escorts. Berlin 2011.

Lloyd, Ellen: Der Stricher. Niebüll 2002

Moore, Oscar: A Matter of Life and Sex. London 1991. Deutsche Ausgabe: Verglüht. Berlin 1993.

Moran, Alec F.: s. unter Moore, Oscar

Pahlke, Arne: Sonne, Blut und Sterne. Hamburg 2000

Ross, Steve und Gluth, Anna Maria: Callboy Steve. Die Autobiographie einer männlichen Hure. Berlin 2008

Schönnagel, Holger: Geteilte Gemeinschaft und mann-männliche Prostitution. Eine  ethnographische Studie im Kontext einer Gaststätte. Wiesbaden 2016.

Diese Dissertation aus dem Jahr 2014 hat mit dem Thema des Vortrags nichts zu tun. Doch halte ich sie mit der Thematik Gaststättenprostitution für eine wichtige Ergänzung der Beschäftigung mit der Internetprostitution.

Schröder, Hartwig: Kleine Hafennutte. Internet Blog 2007/08; ders.: Mein Prinz, der Callboy. Frankfurt am Main 2009

Simonsen, Jan: Guttene fra Yorkstrasse. Rasta 2005

Solevåg, Asbjørn und Isachsen, Margareth: Rapport fra prosjekt “Å nå gutter som prostituerer seg for å muliggjøre Hiv-forebyggende arbeid. Oslo 1993

Teuerkauf, Frank: Lebenssituation von mann-männlichen Prostituierten (Strichern) – Hintergründe – Perspektiven – sozialpädagogische Konsequenzen und Projekte. Dortmund 2003

Yildiz, Cem: Fucking Germany. Das letzte Tabu oder mein Leben als Escort. Frankfurt am Main 2009

Wright, Michael T. und Noweski, Michael: Internetstricher. Eine Bestandsaufnahme der mann-männlichen Prostitution im Internet. Veröffentlichungsreihe der Forschungsgruppe Public Health. Schwerpunkt Arbeit, Sozialstruktur und Sozialstaat Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin 2006.

 

 

                                                                ANHANG

          

     Gibt es Zwangsprostitution bei der mann-männlichen Internetprostitution?

 

„Ich sein Valy und seit einer Woche für 1 Monat neu in Stadt! Bitte schreiben, ich kann sprechen nicht deutsch, wenig Englisch, aber ich habe Google_übersatzprogramm“. (Anzeige von TOP-Valy-18 , 18/175/69 mit der Ortsangabe Berlin-Charlottenburg am 12.7.2017).

 

„Spreche ein bisschen deutsch:) few days in Berlin only – nur schreiben, wenn Rate ok!!...Melder dich doch am besten einfach bei mir:)  und wir besprechen alles weiter;). Bin eher immer aktiv aber vielleicht machst du ein gutes Angebot. More english but little german:). (Anzeige von Felix-18, 19/170/52 mit der Ortsangabe Berlin-Schöneberg am 13.7.2017).

 

„Suchst du ein Sauer Kollegen. Oder eine Begleitung oder ein date zu hause bei dir melde dich bei mir…Das alles was ich Mache/küssen/Ficken. Aktiv/Blasen/lutschen/…“. (Anzeige von Loveboy1122, 19/180/80 mit Ortsangabe Altona-Altstadt, Hamburg am 10.7.2017).

 

„Good, I would like to know generous and common people…nsdbfjabsdfjv svz dsnjgbbgjbsjdgbsv j dbsjfnjad vdnfj j fjefj…“ usw. Zehn Zeilen lang. (Anzeige von boy-for-boy0202, 22/188/70 am 10.7.2017 mit Ortsangabe: Hamburg-Bergedorf, am 17.7.2017 Ortsangabe: Bremerhaven. Ein Foto zeigt den Escort zusammen mit einer jungen Frau. Als Sprachen werden Rumänisch und Englisch angegeben.)

 

Wie sind diese Anzeigen zu bewerten? Sind die hier mit ihren Profilen zitierten jungen Männer in Deutschland freiwillig als Escorts tätig?

 

Am 13.1. schrieb mir Z., Gewährsmann und Chat-Partner bei PlanetRomeo: „Schau hier mal nach den Escorts sweet19stuttgart und danbalan. Die haben 100% auch Zuhälter. Ich habe die Profile einige Tage beobachtet, und beide haben die Stadt gewechselt“. Im Juli 2017 sind diese Profile bei PlanetRomeo Escorts  gelöscht. Z. schreibt weiter, er sei sich sicher, dass beide Escorts auf Deutsch antworteten, bei einem Date aber kein Deutsch könnten. Ausführlicher belegt Z. dies am 2.6.2017 für zwei sogenannte 4you-Jungen, die damals eine Zeitlang online waren mit den Profilnamen Dominik und Lukas.

Das Profil von Lukas ist inzwischen gelöscht; möglicherweise hat er nur den Namen gewechselt. Mitte Juli 2017 waren folgende 4you-Jungen bei PlanetRomeo Escorts mit einem Profil vertreten und online:

1. dominik4you, 20, 180/58, weitgehend englischsprachige Profilüberschrift, Profiltext: deutsch und englisch, Sprachenangabe: Deutsch, Englisch, Tschechisch; Preis: 120,‒ € pro Stunde, Telefonnummer mitgeteilt, Ortsangabe: Berlin-Mitte.

2. patrik_prague4you, 21/178/57, Partnerprofil von Dominik, Profilüberschrift und Profiltext: deutsch und englisch, Sprachenangabe: Deutsch, Englisch, Tschechisch, Slowakisch, Preis: 120,‒ € pro Stunde, keine Telefonnummer, Ortsangabe: Berlin-Schöneberg.

3. Martin_4you, 22/182/60, Profilüberschrift und Profiltext: deutsch und englisch, Sprachenangaben: Tschechisch, Deutsch, Englisch, Preis: 120,‒ € pro Stunde, keine Telefonnummer, Ortsangabe: Berlin-Schöneberg.

Die 4you-Jungen wechseln häufiger den Einsatzort, arbeiten zusammen, dann wieder getrennt und bald darauf zusammen mit einem anderen Partner. Z. schreibt: Die Zuhälter „tauschen immer wieder die Jungs…, damit sie mehr Kunden haben“. Was die Sprache anbelangt, so stehe in den Profilen „sowieso immer deutsch oder englisch…, auch wenn sie [die Escorts] das gar nicht können, weil es besser aussieht. Der Chat mit den 4you-Jungs ist ja auf Deutsch, obwohl sie kein Deutsch können und dann auch nicht richtig wissen, was sie beim Date erwartet“.  Z. beruft sich dabei auf den Bericht eines Bekannten, der Dominik gebucht hatte. Auch habe er, Z., einmal mit Hilfe eines Fake-Profils „angefragt, ob Dominik oder Lukas auch für sm [Sadomasochismus] zur Verfügung stehen: Ohne Zögern ja, und es war auch egal, was oder wie hart…Ich hätte ihn für 100,‒ € mit Gürtel oder Rohrstock verprügeln können und anschließend auch ficken. [Und] das erklärt, warum der Dominik bei dem Date [mit Z:s Bekanntem] schüchtern und ängstlich wirkte“. Man habe es ihm angemerkt, dass er erleichtert war, „als er hörte, dass es nur Sex“ war, was verlangt wurde. Er habe sich dann gleich ausgezogen und gemacht, was ihm gesagt wurde. Man hat am Arsch aber noch leichte Spuren [von S/M-Praktiken] gesehen“.

Auf meinen Einwand hin, dass meine Gewährsleute, die als Dreißig- bis Sechzigjährige als Escorts tätig sind, dies freiwillig machten, erwiderte Z. am 2.6.2017: „Ja, klar“ – in diesem Alterssegment sei für Zuhälter zu wenig zu verdienen, da die Nachfrage nur bei jungen Escorts bis etwa 25 Jahre Gewinne versprächen. Deren Anteil unter den Hamburger Escorts ist nie höher als 20% (lediglich in Berlin kann er bis 30% aller Escorts liegen). Meine Schlussfolgerung: „Das heißt, man muss als Kunde bei der Internetprostitution unterscheiden zwischen den Angeboten junger Escorts bis etwa 25 Jahre und den selbständig tätigen Prostituierten ab etwa 26 Jahren“. Die Antwort von Z.: „Ja, deshalb sind die ausländischen Escorts in den Agenturen und auch bei 4you alle maximal Anfang 20. Dominik und Lukas sind auch erst 19 und 20, aber werden laut Gästebuch schon – mindestens – angeboten, seit sie 18 sind“.

Da die Zuhälter eine hohe Rendite erzielen wollen, müssen die Jungen täglich möglichst viele Kunden haben und dürfen nichts und niemanden ablehnen. „Ich habe extra gefragt, ob sie auch harte Schläge“ aushielten, was bejaht wurde. Ein Entrinnen für sie gebe es aus unterschiedlichen Gründen nicht (Abhängigkeit vom Zuhälter, der vermutlich die Pässe der Escorts eingezogen hat, Schulden, die durch die Prostitution getilgt werden sollen, Sprachbarriere). Sie wagten nicht, sich aufzulehnen, ihre Freier um Hilfe zu bitten oder mit Fremden über ihre Probleme zu sprechen. Um die S/M-Praktiken aushalten zu können, würden Drogen genommen. Nach ein paar Jahren seien die Jungen verbraucht, physisch und psychisch am Ende, würden ausgemustert, „weggeworfen“.

Warum das Profil von Lukas gelöscht wurde, ist nicht zu klären. Z. meint, dass er neu im  Geschäft gewesen sei, während Dominik schon länger als Escort arbeite. Dies sei am Alter der Gästebucheintragungen zu erkennen. Beide Jungen sprächen nicht Deutsch, doch würden Anfragen im Chat auf Deutsch beantwortet, was darauf schließen lässt, dass der Zuhälter oder eine beauftragte Person die Chats erledige. Bei den Escorts werde nicht nachgefragt, ob sie zu bestimmten Praktiken bereit seien. „Für 100 € hätte ich den Dominik oder Lukas eine Stunde lang für alles haben können und sie auch hart verprügeln dürfen“, wiederholte Z. (Der verlangte Stundenpreis ist inzwischen auf 120,‒  € erhöht worden.) Der Zuhälter also entscheidet und schickt dem Kunden den gerade zur Verfügung stehenden Escort. So sei Dominik von einem Auto gebracht und anschließend wieder abgeholt worden. Dominik habe es nach vollzogenem Akt eilig gehabt, „damit er pünktlich bei seinem Fahrer ist…Wahrscheinlich hat schon der nächste Termin gewartet. Aber die scheinen ihnen vorher gar nichts zu sagen, sondern sie unvorbereitet hinzuschicken; deshalb war er wahrscheinlich so nervös…und sie wissen wahrscheinlich, dass sie alles mitmachen müssen“. Der Bekannte von Z. sei übrigens hinterher per Chat gefragt worden, ob alles in Ordnung gewesen sei, was nur bestätigt, unter welcher Kontrolle die Jungen stehen. Wenn dies aber der Fall ist, wenn es Fahrer und Chat-Beauftragte gibt, ist von einer Art „Netz“ auszugehen. Wenn dies finanziell rentabel sein soll, bleibt für die Jungen sehr wenig Geld übrig. In NRW gibt es nach Mitteilung von Z. ein Netz, das junge Polen für 60,‒ € anbiete.

 

Am 5. und 6. Juni 2017 machte Z. auf zwei weitere Internet-Escorts aufmerksam, bei denen im Hintergrund ein Zuhälter oder ein Netzwerk die Fäden zu ziehen scheinen:

1. gc-holiday-boy, 17/179/65, „hi ich bin mit meinem freund auf gran Canaria und soll mich dort auch anbieten, ich habe bereits Erfahrungen als escort und soll mich tagsüber für Dates am strand oder [im] Hotel anbieten, abends auch dünen oder yumbo dark room möglich“. Als Preis pro Stunde verlangt der Escort 80,‒ €, für die Nacht 250,‒ €. Hat der Junge einen Zuhälter, oder macht er während des Urlaubs auf Gran Canaria einen Nebenjob?

Eindeutiger ist es bei Basti_90, 24/178/74, Sprachangabe: Deutsch, Ortsangabe: Berlin. Er hat als User ein Profil bei PlanetRomeo ein Profil, das folgendermaßen lautet: „hallo ich will leben in Berlin und suche wohnung, habe gearbeitet lange als escort für meinen boss in ganz Deutschland“. In einem längeren Chat am 6. Juni 2017 teilte mir Basti_90 mit, dass er zurzeit in Tschechien sei, aber nach Berlin zurückkommen wolle. Er habe aufgehört, als Escort zu arbeiten. „Job nicht gewesen gut“, schreibt Basti.

 

Die Beobachtungen und Mitteilungen von Z. sowie der Chat mit Basti_90 finden eine Bestätigung in meinen Chats mit sweetyboy20 am 4., 5., 7. und 11. März 2016. Sweetyboy20 chattete in einem gut verständlichen, flüssigen, aber grammatikalisch fehlerhaftem Deutsch. Bei sweetyboy20 vermischen sich Internetprostitution mit der mann-männlichen Prostitution in Bars und auf der Straße.

Sweetyboy20 stammt aus Rumänien. Er gibt an, mit „gerade 18 Jahren“ von seinem Onkel an einen 45-jährigen „Boss“, d. h. Zuhälter, verkauft worden zu sein. Dieser habe ihn mehrfach vergewaltigt, und danach habe er über ein Jahr für ihn anschaffen müssen. Jeden Tag hätten er und ein weiterer Junge, der für denselben Zuhälter arbeitete, mehrere Kunden sexuell befriedigen müssen. Als Praktiken hatten sie vor allem passiven Analverkehr sowie aktiven und passiven Oralverkehr zu leisten. Kondome durften benutzt werden. Verrichtet wurde die prostitutive Arbeit bei den Kunden, im Hotel, im Auto oder – bei gutem Wetter – in Parks. War der Verdienst über das Internet-Angebot nicht hoch genug, wurden sie in Kneipen und auf den Straßen- oder Bahnhofsstrich geschickt. Erwartet wurde ein Tagesverdienst von 300,‒ bis 500,‒ €. Sweetyboy 20 schrieb: „5‒6 Männer wir mussten finden um zu schaffen 300 [€] …sie normalerweise zahlen 30‒80 [€] je nachdem was sie wollen machen. Oft wir auch nur kurz blasen auf Toilette für 30 €“. Die Zuhälter zögen die Pässe der Jungen ein, die zwar Kost und Logis erhielten, aber kein Geld zur Verfügung hätten. Außerdem sei es ihnen verboten gewesen, persönliche Beziehungen zu anderen zu knüpfen oder mit ihren Kunden über anderes als Sex zu sprechen. Sie seien von den Zuhältern hart geschlagen worden, wenn sie nicht gefügig waren. Sweetyboy20 betont immer wieder, dass sie Angst gehabt hätten. Er habe aber „abhauen“ können, als er durch eine Unachtsamkeit seines „Bosses“ an den Pass und an Geld hatte herankommen können. Doch müsse er vorsichtig sein, weil ihn sein „Boss“ sicherlich suche. Er arbeite jetzt in einer Restaurantküche.

Sweetyboy20 berichtete auch von zwei 14 und 15 Jahre alten Brüdern, die von einem Zuhälter als Prostituierte vermittelt wurden.

Der viele Stunden umfassende Chat mit sweetyboy20 war nicht frei von Widersprüchen. Das eine Mal ist von einem bis drei Kunden pro Tag (an Wochenenden mehr) die Rede, die sexuell zu befriedigen waren, ein anderes Mal von fünf bis sechs Männern täglich. Und die täglich zu verdienende Summe wird zunächst mit 300,‒ bis 500,‒ € je Junge angegeben, an anderer Stelle mit mindestens 150,-€. Dies mag zum Teil darauf beruhen, dass sweetyboy20 meine Fragen nicht ganz verstanden oder die Antwort nicht richtig formuliert hat. Möglich sind natürlich auch Irrtümer und Erinnerungslücken oder auch Fehlinformationen – aus welchen Gründen auch immer.

 

Am 13. Januar 2017 haben Z. und ich uns im Chat ausführlich über die Mitteilungen von sweetyboy20 ausgetauscht. Z. hält sweetyboy20 für vertrauenswürdig.

 

Am 11. und 15. Januar 2017 berichtete Z. von einem jungen deutschen Escort in Nordrhein-Westfalen, der von seinem Vater im Internet als Escort angeboten wurde. Der Junge sei damals „frisch 18“ und schon sehr routiniert gewesen. (Heute müsste der junge Mann Mitte zwanzig sein.) Vermutlich hatte ihn der Vater schon vorher auf den Strich geschickt. Dieser Vater habe das Internetprofil des Jungen betreut, die Termine gemacht und seinen Sohn erst knapp vor dem nächsten Einsatz über die Absprachen informiert. Es sei ihm verboten gewesen, über Privates zu sprechen; und er habe Schläge bekommen, wenn die Kunden unzufrieden waren. Die sexuellen Dienstleistungen haben entweder in der Wohnung der Freier oder bei dem Jungen zu Hause stattgefunden.

 

Am 25. Januar 2017 schrieb Z. Folgendes: „Inzwischen ist der Markt fest in der Hand von Osteuropäern [worunter Z. den gesamten ehemaligen Ostblock versteht, also auch Südosteuropa], die größtenteils in Banden für einzelne Bosse arbeiten… Auf der Straße oder in Bars findet man nur die Zuhälter-Jungs oder irgendwelche Drogensüchtige“. Und am 4. März 2017 merkte er an, dass im Internet oft zusätzlich Profile erschienen „für die Jungs, die sonst in Bars oder auf den Straßenstrich geschickt werden“. Die meisten Zuhälter hätten mehrere Jungen, was man daran erkenne, dass eine Reihe Profile dieselbe Mobiltelefonnummer angäben. Da neue Jungen – „Frischfleisch“ -  mehr Kunden als alteingesessene Escorts hätten, gebe es „so viele Profile von 18‒20-jährigen Ausländer, die alle paar Wochen in einer anderen Stadt sind. Die Jungen stünden unter Bewachung der „Bosse“ – sie bestimmten den Aufenthalts- bzw. den Einsatzort. Die Jungen bekämen ihre festen Plätze (z. B. Bars) zugeteilt und würden mit einem Profil zusätzlich online gestellt (13.1.2017). Am Ende werden die Mittzwanziger ausgemustert, an andere Zuhälter abgegeben, die sie noch eine Weile im Internet anbieten oder auf den Straßenstrich schicken und schließlich ihrem Schicksal überlassen (15.1.2017).

 

Wer ist der Chatpartner und Gewährsmann Z., mit dem ich am 11., 12., 13., 16., 19., 20., 24. und 25. Januar 2017, am 4., 6. und 7. März, am 20. Mai und am 2. sowie vom 5. bis 9. Juni 2017 lange und intensiv gechattet habe? Da mir der junge Mann viele Details über sein Leben und über die Zwangsprostitution junger Männer erzählt hat und weil er nach wie vor mit seinem Profil bei PlanetRomeo vertreten ist, habe ich ihn anonymisiert. Z. gibt sein Alter im Jahr 2017 mit Ende Zwanzig an. Er stammt aus Russland, kann gut Deutsch, das er von seinen russlanddeutschen Großeltern gelernt habe. Z. arbeitet zurzeit in einer deutschen Großstadt im Gastronomiebereich. Die Glaubwürdigkeit von Z. halte ich für hoch, da das, was er erzählt und worüber er spricht sich mit anderen Berichten, eigenen Beobachtungen und Erfahrungen deckt.

 

Mit 17 Jahren – also vor rund 10 Jahren – hatte Z. Schulden bzw. „finanzielle Probleme“. Um diese zu tilgen bzw. zu lösen, ließ er sich darauf ein, in einem russischen Sex-Club für einen „Boss“, d. h. einen Zuhälter, sexuelle Dienstleistungen zu verrichten. Über diesen „Boss“ berichtete Z. am 11.1.2017: „Er war wie alle streng. Er hatte 2 Jungs und noch eine Frau, die für ihn angeschafft haben“. Dass Z. mit diesem Schritt seine Freiheit für mehrere Jahre verlor, hatte er sich nicht vorstellen können und kam ihm erst später zu Bewusstsein, denn Z. war davon ausgegangen, dass ihn der „Boss“ zu gelegentlichen sexuellen Dienstleistungen im Club heranziehen werde, wogegen er prinzipiell nichts einzuwenden gehabt hatte. Er habe durchaus ab und zu als Prostituierter arbeiten wollen. Stattdessen wurde Z. mit anderen Jungen, die für unterschiedliche Zuhälter arbeiteten, kaserniert bei freier Logis auf Matratzen oder in Stockbetten und Verpflegung, aber ohne Geldzuwendungen. Alle diese Jungen seien entweder verschuldet gewesen oder von ihren Familien in weit entfernten Orten Russlands oder von Fürsorgeheimen an die Zuhälter verkauft worden. Einige Jungen seien heterosexuell gewesen und hätten keine gleichgeschlechtlichen Erfahrungen mit Männern gehabt – im Unterschied zu Z., der schwul ist und sexuell nicht völlig unerfahren war. Die heterosexuellen Jungen seien in zwei, drei Tagen von ihren Zuhältern vor allem in den passiven Anal-Sex „eingeführt“ worden (2. und 7. Juni 2017).

Tagsüber seien die Jungen weitgehend in Ruhe gelassen worden; Schlaf hätten sie genügend gehabt. Das Essen sei gerade ausreichend gewesen, damit die Jungen schlank blieben – Kuchen und Süßigkeiten habe es nicht gegeben. Die hygienischen Verhältnisse seien in Ordnung gewesen. Am frühen Abend hätten sich die die Jungen duschen und  aus hygienischen und ästhetischen Gründen im Intimbereich rasieren müssen. Von 19.00 bis 1.00 oder 2.00 Uhr (je nachdem, wie viel los war) hatten sie sich  in dem von Männern zwischen 40 und 60 Jahren gut besuchten Club, der eine Bar enthielt, (Z. benutzt für den Club auch den Begriff Bordell)  an einer Stange nackt zu bewegen, zu tänzeln und sich den Besuchern gut gelaunt und erotisch aufreizend zu präsentieren. Dabei durften sie von den Gästen an  Genitalien und After berührt („betatscht“) werden. Dies sei für die jungen Männer sehr demütigend gewesen. War die Wahl eines Gastes auf einen der Jungen gefallen, zogen sich beide in einen separaten Raum zurück. Anschließend erkundigte sich der Zuhälter bei dem Freier, ob er mit dem Jungen zufrieden gewesen sei. War das nicht der Fall, setzte es Schläge. Z.s Zuhälter bestand auf dem Gebrauch von Kondomen. Das sei zwar nicht kontrolliert worden, war aber im Club bekannt und wurde befolgt.

Von den jungen Männern wurden vor allem die folgenden sexuellen Praktiken verlangt: passiver Analverkehr, Oralverkehr, Rimmen, Küssen. Pro Schicht habe man bis zu 10 Freier bedienen müssen – „aber das waren teilweise auch nur kurze Ficks oder Blasdates“ (11.1.2017). Club-Gäste, die ihrerseits penetriert werden wollten, hätten diesen Club nicht besucht (11..1.2017).

 

Neben Prostituierten wie Z., die für die gängigen mann-männlichen Sex-Praktiken zur Verfügung standen, habe es in dem Club auch „S/M-Jungen“ gegeben, von deren Schicksal Z. häufig ausführlich berichtet und die ihm noch heute leid tun. So schrieb er am 12.1.2017: Diese Jungen „mussten nicht tanzen [gemeint ist eher: an der Stange tänzeln], sondern nur an ihren Plätzen stehen, waren dort aber angebunden und hatten diverse Piercings, Ringe an den Nippeln, Nase, Bauchnabel und Schwanz. Der Schwanz wurde ihnen vor der Schicht zum Bauchnabel hochgespannt, damit er schön steht. Dafür gab es dünne Ketten, die auch an die Nippel oder Nase kamen als Führungsketten, um sie [die Jungen] damit leichter unter Kontrolle zu haben auch bei härteren Dates…Durch die Nippelketten waren sie wirklich willenlos, weil das muss sehr schmerzhaft gewesen sein, wenn jemand daran zog….Wenn man die [S/M-Jungen] wollte, musste man sich auch erst bei ihrem Boss melden, der an der Bar saß, der hat dann mit den Kunden verhandelt und denjenigen dann losgemacht und wie gewünscht übergeben“. An anderer Stelle schildert Z. den Vorgang am selben Tag sowie am 19. und 24.1.2017 folgendermaßen: „Die Sklaven wurden auch bei der [Intim-]Rasur kontrolliert, dann wurden die Hände auf den Rücken gebunden, der Schwanz hochgespannt und zuletzt die Kette an den Nippelringen befestigt, und an der Kette wurden sie dann auch hingeführt an ihre Stange. Bei der Stange war eine weitere Kette, die am Nasenring befestigt wurde. Die[se] Kette war so angebracht, dass sie nur stehen [und sich nicht bewegen] konnten…Die hatten gegen Ende der Schicht oft Probleme, sich noch aufrecht zu halten…Nur selten wurde die Kette…mal losgelassen oder locker gemacht“. Diese Jungen waren überdies mit dem Branding „slave“ auf der rechten Gesäßbacke versehen (4.6.2017). Die S/M-Jungen wurden mit dem Rohrstock verprügelt, wenn sie nicht funktionierten; sie durften ohne Kondome penetriert werden, wurden mitunter gefilmt oder mussten in Pornofilmen mitwirken (6.-8.6.2017).

Um das alles auszuhalten, hätten sie Drogen erhalten. Je nachdem wie viel sie genommen haben, „hat die Wirkung auch länger oder verstärkt angehalten. Das hat man dann auch während der Schicht gemerkt.“ Bei diesen Jungen sei es nicht nur um Sex gegangen, sondern auch darum, sie komplett als Sklaven zu behandeln.

Die Zuhälter dieser Jungen hätten kein Mitleid gehabt, ebenso wenig die allermeisten Gäste im Club, die gesehen und gemerkt haben mussten, was mit diesen Jungen geschah und wie es um sie stand. Es gab kaum jemanden, der eingriff. Nur „ab und zu kam mal ein Kumpel der Zuhälter, dem das nicht so gefallen hat und der uns manchmal etwas geholfen hat“ (11. und 12.1.2017). Auf die Haltung der Club-Gäste, auf deren Gefühllosigkeit und mangelnde Empathie kam Z. immer wieder zu sprechen: „Ja, die Freier fanden das geil“, und sie hätten sich lustig gemacht, wenn sich die Jungen „verschluckt hatten oder würgen mussten und dafür dann bestraft wurden“ (19.1.2017). Die Striemen auf Gesäß und Rücken, die entzündeten Nippel, die Wirkung der Drogen seien nicht zu übersehen gewesen. In der Nacht hätten die S/M-Jungen unruhig geschlafen, seien von Alpträumen geplagt worden. „Wir und vor allem die S/M-Jungs waren für die [Freier] nichts wert…Wir waren für die eher wie Tiere...war schon alles wie dressiert“ (4.6.2017). Private Kontakte und Gespräche mit Freiern waren den jungen Männern strikt untersagt (6.6.2017). Ein einziger Junge sei während Z.s Zeit im Club frei gekommen, indem ihn ein Freier, der sich in ihn verliebt hatte, dem Zuhälter abkaufte (6.6.2017).

Auflehnen hätten sich die Jungen nicht können; sie seien verängstigt gewesen, hätten keine Papiere gehabt, mussten immer nackt  oder kaum bekleidet sein und seien den Zuhältern und deren Aufpassern ausgeliefert gewesen. „Wir waren alle jung und schlank und die groß und kräftig, und abends waren meist 4‒5 von ihnen [den Aufpassern] da“ (12.1.2017).

Zur Zahl der Escorts im Club führte Z. am 12.1.2017 aus: „Bei uns im Club waren wir 5 Jungs. Ich und ein anderer, die denselben Besitzer hatten, und ein Dritter, der einem anderen gehört hat. Und die 2 Sklaven von dem S/M-Zuhälter. (Die Zahl der Jungen wird an anderer Stelle mit 4 bis 6 plus bzw.  inklusiv S/M-Jungen angegeben.) In einer anderen, sehr gut besuchten Abteilung des Clubs hätten ungefähr zehn junge Frauen zur Verfügung gestanden (8.6.2017).

Die Preise für die männlichen Escorts hätten umgerechnet bei rund 50,‒ bis 60,‒ € gelegen; außerdem war für den Club ein geringer Eintritt zu entrichten. „Bei den S/M-Jungs war es natürlich teurer, das hat ihr Besitzer dann verhandelt“, der Preis richtete sich nach dem, was die Jungen machen sollten Finanziell gelohnt hätten sich die S/M-Jungen für ihren Zuhälter, auch wenn sie bisweilen weniger oft als die anderen Jungen gebucht worden seien (11.1.2017).

Die S/M-Jungen seien nie älter als zwanzig gewesen. Sie hätten „ca. 2 Jahre durchgehalten. Dann waren sie zu fertig und verbraucht für den Club. Die wurden öfter [als die anderen Jungen im Club] ausgetauscht, …an andere weitergegeben oder verkauft, z. B. für S/M-Videos oder [als] Privatsklaven“, als „Hausboy“ eines Mannes (4.6.). Die anderen Jungen wurden drei Jahre länger, allerhöchstens bis 24 im Club beschäftigt und dann ausgemustert, d. h. an andere Zuhälter verkauft, die sie noch eine Weile über ein Internet-Profil anboten oder auf den Straßenstrich schickten, was Z. als erträglicher ansah als die Arbeit im Club, denn „auf der Straße ist man angezogen“ und nicht völlig nackt und den ungenierten Blicken und Berührungen durch die Freier ausgesetzt wie im Club. Und man habe auch einmal einen Freier, den man unsympathisch fand, ablehnen können.  Doch seien die Wartezeiten bis zum nächsten Kunde und damit zum nächsten Verdienst oft sehr lang gewesen. Die Freier auf dem Straßenstrich seien vielfach unangenehmer als die im Club gewesen. Andererseits habe man auf dem Straßenstrich gelegentlich in die eigene Tasche arbeiten können – auf diese Weise habe er das Geld für den Wechsel nach Deutschland erworben und zusammengespart (12., 15., 26.1; 4. und 6.6.2017). Spätestens mit Ende zwanzig waren die Jungen, die keine Berufsausbildung und keine Perspektive hatten, sich selbst überlassen.

Z. vertritt die Ansicht, dass es im heutigen Russland Clubs, wie er sie erlebt hatte, nicht mehr gebe (11.13.1.2017). Auf Nachfrage räumte er allerdings ein: „Im Untergrund wird es das schon noch geben, aber nicht mehr so offensichtlich und professionell denke ich. Es wird sicher[lich] noch Zuhälter geben, die Jungs dazu zwingen, aber eben nicht so in d[ies]er Form“ (7.3.2017). Möglicherweise ist das nur Wunschdenken – was auch Z. zugibt. Vermutlich besteht diese Art Clubs in einer etwas anderen Erscheinungsform in Russland noch immer, und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass es entsprechende Institutionen in Deutschland gibt (7.-9.6.2017). Diesem Verdacht nachzugehen, wird schwer sein.

 

Z. scheint den Ausstieg aus der mann-männlichen Prostitution nicht nur geschafft, sondern auch verkraftet zu haben. Er arbeitet in der Gastronomie als Ungelernter („in der Gastronomie geht das zum Glück“, 26.1.2017) in der Bar oder als Küchenhilfe („was eben anfällt“, 8.6.2017). Eine Ausbildung will er nicht machen. Er fühle sich wohl, schreibt er. Z. mag wieder Sex, aber nur mit gleichaltrigen Männern. Er hat keinen festen Freund und will zurzeit auch keine Beziehung. Wie seinerzeit im Club ist er beim Sex passiv und hat auch beibehalten, im Intimbereich rasiert zu sein. Als Escort möchte er nie wieder arbeiten.

 

Auf die Frage, ob er unter den Erinnerungen an die Zeit als Prostituierter leide, antwortete er  u. a. am 11.1.2017: „Nein, inzwischen nicht mehr, habe damit abgeschlossen, ist auch kein Problem mehr, darüber zu reden“  (im Unterschied zu ein, zwei Jahren vorher, als ich ihn schon einmal angeschrieben hatte). Und Z. erzählte, berichtete, stellte seinerseits Fragen, ging auf alles ein, machte auf verdächtige Internetprofile aufmerksam. Nicht selten wiederholte sich Z. in seinen Chats, vor allem wenn er auf die S/M-Jungen zu sprechen kam. Nach wie vor ist er empört über die Behandlung der S/M-Jungen durch Zuhälter und Freier. Nein, Hilfe brauche er heute nicht mehr: „Hilfe hätte ich damals gebraucht, aber da hat sich kaum ein Freier für uns interessiert“ (11.1.2017).

 

Z. lehnt leider beharrlich ab, all das aufzuschreiben, was er erlebt hat. Das koste zu viel Zeit, antwortete er. Das Angebot, ihm dabei zu helfen, wehrte er mehrfach ab mit Sätzen wie „vielleicht später“ oder „wenn ich mal Zeit dafür habe“.

 

Z. war von seinem 17. Lebensjahr bis kurz vor seinem 23. Geburtstag als Prostituierter im Sex-Club tätig, arbeitete dann noch ein Jahr in Russland als Escort, um Geld zu verdienen für die Übersiedlung nach Deutschland, wo er zunächst ein paar Monate in Berlin und Frankfurt am Main auf den Strich ging, bis er Arbeit fand (8.6.2017).

 

Zu der Internet-Prostitutionsszene gehört auch der neunzehnjährige C., der sich als Wochenend-Escort anbietet („an den Job habe ich mich gewöhnt, auch wenn ich dadurch leider kaum richtige Wochenende habe“.) Kann man auch ihn als Zwangsprostituierten bezeichnen?

C. wohnt in Berlin-Friedrichshain zusammen mit seinem 41jährigen, also doppelt so alten Freund. Anschaffen gehe er, seit er 18 Jahre alt ist (im Februar 2018: „seit 1½ Jahren“). Sein Escort-Profil bei HUNQZ zeigt auf zwei Fotos einen schlanken, hochgewachsenen, sympathisch blickenden jungen Mann. Im Chat ist er kommunikativ und ausdauernd, beantwortet zumeist umgehend jede Frage in gutem und weitgehend korrektem Deutsch. Persönliche Treffen lehnt er ab, wenn es sich nicht um ein Sex-„Date“ handelte: sein Profil sei ausschließlich ein Escort-Profil, doch hindert ihn das nicht daran, sich zu unterhalten, also zu „chatten“, über seine Tätigkeit als männlicher Prostituierter („das tue ich gerne“). Und gechattet haben wir mehrere Stunden ‒ u. a. (mit gerundeten Zeitangaben) am 2. Februar 2018 (16.40 bis 17.24 Uhr), 3. Februar (16.00 bis 16.45), 4. Februar (15.00 bis 15.40), 12. Februar (12.30-17.20), 16. Februar (12.00 bis 13.30 und 15.15 bis 116.30),  17. Februar (10.15 bis 12.00 und 17.00 bis 17.30), 18. Februar (9.50 bis 11.45 und 16.00 bis 18.00), 19. Februar (14.50 bis 16.40) sowie am 20. Februar 2018 (9.25 bis 10.20 Uhr).

C. bietet als Sexualpraktiken an: passiven Analverkehr (nur „safe“), sowohl passiven als auch aktiven Oralverkehr, Küssen und Lecken. Er verlangt pro Stunde 80,-€ (wobei ein Treffen kaum länger als 45 Minuten dauere), für eine Nacht 250,-€, was aber kaum gebucht werde. Penetrieren müsse er sich von nahezu jedem Kunden lassen. Deren Alter beziffert er auch 40 bis Mitte 50 Jahre. Sie stammten aus allen Bevölkerungsschichten, seien in der Regel gepflegt ‒ sind ihm aber körperlich zuwider: sie seien nicht sein Typ, er möge eher jüngere Männer. Und überdies wünscht er sich, dass die Freier ihn freundlicher und höflicher behandelten.

An einem Wochenende hat C. neun bis 15 Freier. C. betonte mehrfach, dass er den Escort-Job sehr ungern mache, manchmal schäme  er sich; und er sei froh, wenn die Männer „fertig seien“ und verschwänden. Auf meine wiederholte Frage, warum er dies dann tue, zumal er doch eine Arbeitsstelle (als Verkäufer) habe, antwortet er immer wieder (abgesehen von der Phrase „wegen dem Geld“), dass dies sein Freund von ihm verlange. Dieser sei kein Zuhälter, sondern er  liebe ihn und mache, was er wolle („ich mache es, weil er es will“). Außerdem habe er auf Grund eines von ihm verursachten Unfalls Schulden bei dem Freund, die sich im Februar 2018 auf noch zweitausend Euro beliefen. Meinem Einwand, dass er an jedem Wochenende zwischen 720,- und 1200,- € verdiene und die Schulden somit rasch getilgt sein würden, begegnet er damit, dass ja auch das Leben zu zweit ‒ der gemeinsame Haushalt, die Wohnung, das Auto des Freundes (der ebenfalls berufstätig sei) Geld koste. Das durch die Prostitution verdiente Geld verwalte der Freund.

C. begreift, dass ich das Verhältnis zwischen ihm und dem „Freund“ nicht verstünde und nicht nachvollziehen kann, aber er wiederholt immer wieder, dass er diesen Mann liebe. Er gebe ihm Geborgenheit, auch wenn er verlange, dass er an jedem Freitag, Sonnabend und Sonntag jeweils mindestens drei Freier befriedigen müsse („er verlangt es aber, sonst würde ich lieber damit aufhören“). Auch mache der Freund ab und zu in der Woche noch Termine für ihn und bringe ihn mit dem Auto zu weiter entfernt wohnenden Kunden. Üblicherweise aber kämen die Freier zu ihm in die Friedrichshainer Wohnung. C. hat inzwischen einige Stammfreier, was er als positiv empfindet.

Der Freund selbst arbeite nicht als Escort und habe das auch nie getan. Doch auch C’s Vorgänger als Partner des Freundes habe sich prostituieren müssen.

C. möchte zwar mit der Prostitution aufhören, fürchtet aber andererseits, dass er in der Verbindung mit seinem Freund noch lange anschaffen gehen werde. Interessant war die Antwort auf die Frage, ob C. auch mit Frauen Sex habe, da er sich als bisexuell bezeichnet hatte: nein, er lebe doch in einer festen Beziehung mit seinem Freund. Sex also hat er nur mit dem Freund ‒ mit den Freiern finden lediglich geschäftlich bedingte und begründete sexuelle Handlungen statt, bei denen Gefühle keine Rolle spielen: er steht zur Verfügung und lässt sich benutzen.

Auf Veranlassung des Freundes wird sich C. im März 2018 nach dem Prostituiertenschutzgesetz als Escort registrieren lassen, „damit es keinen Ärger gibt“. C. findet das ausgesprochen peinlich und will es „eigentlich“ nicht. Er hat überdies Angst, dass irgendjemand, der ihn kennt, erfahren könne, dass er als Prostituierter arbeitet.

C. gibt an, er sei gesund, lasse sich nur mit Kondom penetrieren und gehe alle drei Monate zum Test.

Der junge Mann beklagt, außer zu seinem Freund keinen anderen Kontakt zu Menschen (ausgenommen die Freier und die Arbeitskollegen) zu haben und sieht sich etwas isoliert. Zu seinen Eltern bestünde kein Kontakt.

Wie es mit C. weitergeht, bleibt offen. Drogen nimmt er nach eigenem Bekunden nicht, und auch Alkohol trinke er nur wenig. Wird er, nachdem er seine Schulden abbezahlt hat, sich von dem Freund trennen und sein Leben selbständig ohne Prostitution in die Hand nehmen können? Das Schicksal seines Vorgängers lässt Zweifel aufkommen: Dieser hatte einen neuen Freund gefunden ‒ für den er nach kurzer Zeit auch wieder anschaffte, ohne das eigentlich zu wollen.

 

Die hier abschließend mitgeteilte Biographie eines Escorts spiegelt eine andere Zeit wider, die allerdings in die unmittelbare Gegenwart reicht. Sie dient als Kontrast zu Internet- und Zwangsprostitution. Es ist die Geschichte eines selbstbewussten männlichen Prostituierten, der sich arrangiert hat, ein kleinbürgerliches Leben fühlt und der weitgehend zufrieden zu sein scheint.

Es ist jetzt vielleicht 15 Jahre her (ich hatte damals begonnen, mich mit dem Thema mann-männlicher Prostitution zu beschäftigen), dass er mir auffiel ‒ am Bahnhof Berlin Zoologischer Garten, Ausgang Jebenstraße, wo sich damals ein schwuler Bahnhofs- und Straßenstrich befand und Männer auf Kunden warteten. R. war zurückhaltend, machte einen ärmlichen, aber keinen heruntergekommenen Eindruck. Wir kamen ins Gespräch, ich lud ihn in das Bahnhofscafé zu Kaffee und Kuchen ein und bat ihn, von seinem Job als Strichjunge zu erzählen, was er bereitwillig tat. Und er gab mir seine Telefonnummer. Ab und zu trafen wir uns, und am 8. Dezember 2005 machte ich mit ihm ein ausführliches Interview, das ich reichlich dreizehn Jahre später, am 25. Februar 2018, wiederholte. Die folgende Darstellung zeigt einen Menschen der Vor-Internet-Prostituiertengeneration. Bis heute hat er keinen Computer und kein Escortprofil.

R. ist das, was man einen netten Kerl nennt, höchstens mittelgroß, sieht jünger aus, als er statistisch ist. Es ist schwer zu sagen, was ihn für Männer sexuell anziehend macht ‒ möglicherweise ist es  seine Körpersprache, die Bereitschaft zu sexuellen Handlungen signalisiert. Wer mit ihm spricht, merkt rasch, dass R. trotz des ärmlichen Erscheinungsbildes, das eher auf extreme Sparsamkeit als Armut zurückzuführen ist, sehr auf sich hält. Er raucht nicht, trinkt nur selten ein Glas Sekt oder Wein, nimmt keine Drogen. In sexueller Hinsicht aber ist er nach eigenen Aussagen unersättlich. Seine Sprache ist Hochdeutsch mit Berliner Akzent. Er stammt aus einer intakten Westberliner Kleinbürgerfamilie und hat Kontakt zu seinen Eltern und den beiden Brüdern, die seriöse bürgerliche Berufe ausüben und zur unteren Mittelschicht gehören. R. selbst hat den erweiterten Hauptschulabschluss (EHA). Seine SMS-Mitteilungen sind in Rechtschreibung und Zeichensetzung fehlerfrei. Nach der Schulzeit hat er eine Ausbildung zum Fachgehilfen in der Gastronomie gemacht. Mit all dem erfüllt R. keines der Kriterien, das nach der Ansicht zahlreicher Forscher für eine Strichjungenkarriere kennzeichnend sei (unvollständige Familie oder desolate Familienverhältnisse, fehlender Schulabschluss, abgebrochene Lehre, Drogenabhängigkeit, deviantes Verhalten).

Dass  R. beruflich nicht Fuß fasste, liegt daran, dass er zwar penibel und zuverlässig, aber auch umständlich und sehr langsam ist, so dass er auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht vermittelt werden kann. Nach Arbeitslosenunterstützung und Hartz-IV-Zeit ist er inzwischen auf Vorschlag des Arbeitsamtes frühverrentet worden. R. ist keinesfalls faul oder gar arbeitsscheu: er arbeitete mehrere Jahre lang an zwei Tagen wöchentlich jeweils zwei Stunden in einem Seniorenheim, ist als Reinigungskraft tätig, übernimmt Gartenarbeiten und Autowäsche. Und er hat sich ganz bewusst entschieden, als männlicher Prostituierter  zu arbeiten. R. hat keine moralischen Bedenken gegen diese Tätigkeit, sieht sie als gesellschaftlich notwendig und unterhielt längere Zeit auch Beziehungen zu weiblichen Prostituierten in der Berliner Kurfürstenstraße. R. lebte jahrelang mit einem Freund zusammen, der zwar über R’s Tätigkeit Bescheid wusste, damit aber weder etwas zu tun hatte noch etwas darüber wissen wollte, was R. störte, weil er mit dem Freund nicht über die Probleme und über die Erlebnisse des prostitutiven Alltags sprechen konnte. Die Beziehung endete, nachdem R. gemerkt hatte, dass der gut verdienende, aber spielsüchtige Freund auch R’s Ersparnisse, die ein paar Tausend Euro betragen hatten, verspielte. Heute lebt R. in zwei Beziehungen, wobei die Partner voneinander wissen und sich kennen.

R. führt ein kleinbürgerliches Leben, fährt gerne alleine oder mit einem Partner ein paar Tage weg, macht im Jahr insgesamt vier Wochen Urlaub und begibt sich gelegentlich zur Kur nach Bad Flinsberg (Świeradów Zdrój) im Isergebirge, wobei er Billigangebote und die Vorteile von Frühbuchungen nutzt. R. interessiert sich für die Orte und Gegenden, in die er fährt. Und er legt Wert darauf, dass die Hotels, die er bucht, ein Schwimmbad haben.

 

Geboren wurde R. 1977. Mit 25 Jahren entschloss er sich, nachdem er arbeitslos geworden war, anschaffen zu gehen, d. h. als männlicher Prostituierter zu arbeiten. Seine Freier traf R.  während der ersten Jahre am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin, im Pornokino, das zum „Imperium Beate Uhse“ unmittelbar neben dem Bahnhof Zoo gehörte, und im WOS-Pornokino unmittelbar neben „Beate Uhse“. Die Sexualkontakte fanden während dieser Zeit zumeist in den erwähnten Pornokinos statt. Eine Zeitlang war R. im Beate-Uhse-Kino überdies als Reinigungskraft tätig.

Die Prostitutionsszene im Bahnhof Zoo und in der Jebenstraße vor den Bahnhofseingängen sowie in den erwähnten Pornokinos sind Geschichte. Der Beate-Uhse-Komplex ist abgerissen worden, zur Zeit entsteht auf diesem Gelände ein Neubau. .R. verkehrt inzwischen fast nur noch mit Stammfreiern und mit Männern, die auf Empfehlung von Stammfreiern mit ihm Kontakt aufnehmen. Außer in Berlin und Umgebung wird er von Freiern in Düsseldorf, Hamburg und Lauchhammer gebucht. Problematisch ist für ihn, dass er in letzter Zeit mehrere Stammfreier (etwa 20%) durch Tod verloren hat, was zu nicht unerheblichen finanziellen Einbußen führte.

R. ist zuverlässig, Terminvereinbarungen und Absprachen werden von ihm präzise getroffen und minutiös eingehalten. Überdies verfügt R. über ein hervorragendes Gedächtnis.. Die beiden Interviews vom 25. Februar 2018 und vom 8. Dezember 2005 sind in den Antworten auf die nicht zeitabhängigen Fragen identisch.

Was seine sexuelle Orientierung anbelangt, gibt R. an, früher bisexuell gewesen, heute aber fast ausschließlich („zu 95%) homosexuell zu sein.

Er berichtet wiederholt von freundschaftlichen Kontakten zu weiblichen Prostituierten, mit denen er auch gelegentlich sexuelle Kontakte gehabt habe. Seiner Ansicht nach hatten diese Frauen keine Zuhälter, sondern „sie hätten auf eigene Rechnung“ gearbeitet.

R’s Eltern wüssten, dass er in der Erotikbranche arbeite, nicht aber, dass er anschaffen gehe. War er 2005 ein- bis dreimal täglich als Strichjunge tätig, werde er heute höchstens einmal pro Tag gebucht, allerdings handele es sich nun (wie schon erwähnt) fast ausschließlich um Stammfreier, die im Prostitutionsgewerbe besonders geschätzt werden.

Als „Callboy“/“Escort“/“männlicher Prostituierter“ (wie er sich selbst bezeichnet) arbeite er aus finanziellen Gründen, doch tue er dies gern und habe Spaß daran. Als sexueller Dienstleister bietet er an: aktiven und passiven Oral- und Analverkehr, sadomasochistische Praktiken, Küssen, Massagen.

R. besteht auf safer Sex und ist hiv-negativ.

Als Sexarbeiter tätig sein möchte er, solange ihm diese Arbeit Spaß mache, und noch denkt er nicht ans Aufhören. Sich als Escort nach dem  neuen Prostituiertenschutzgesetz registrieren zu lassen, kommt R. nicht in den Sinn.

R’s Kunden kommen aus allen Gesellschaftsschichten; es handele sich u. a. um Arbeiter, Arbeitslose, höhere Angestellte, Politiker. Ihr Alter reiche von Ende 30 bis Ende 80 Jahre. Als Durchschnittsalter gab R. im Jahr 2005 „etwa 45“ an, 2018 dagegen „etwa 55“. Hatte R. 2005 etwa 12 Stammfreier, so seien es 2018 rund zwanzig.

R. empfindet seine Kunden als sympathisch, sie seien gepflegt. Zu einer ganzen Reihe von ihnen habe er eine emotionale Bindung aufbauen können. An sexuellen Praktiken würden vor allem Oralverkehr und Masturbation verlangt; etwa 10% der Freier wollten S/M-Praktiken und (erstaunlicherweise) nur 5% Analverkehr. R. verlangt und bekommt für ein Treffen je nach Praktik 20,- bis 100,- €, besucht er Freier außerhalb Berlins, erhalte er 150,- bis 200,- € für zwei bis drei Tage zuzüglich Fahrgeld, Kost und Logis. 2005 betrug der durchschnittliche Verdienst bei einem Treffen 60,- bis 70,- €. Die höheren und wirklich hohen Summen seien nur selten zu erzielen, insbesondere auf Grund des Preisverfalls beim Straßenstrich und demjenigen in den verbliebenen Stricherlokalen. Die traditionelle Prostitutionsszene gerate immer mehr durch die Internetprostitution ins Hintertreffen.