Prostitutionsvortrag

 

                                                            Gottfried Lorenz

 

             Blicke in die mann- männliche Internetprostitution – Wandel eines Berufes.

                                                  Anreiz für junge Schwule?

 

                                           Vortrag zum CSD am 27. Juli 2015

 

 

1954 beendete ich in Thüringen die Volksschule. In der Berufsberatung wurde uns Schülern u. a. empfohlen, Schriftsetzer und Drucker zu werden. Dies sei ein krisensicherer Beruf. Und wer Drucker und Schriftsetzer war, gehörte seit Generationen zur „Arbeiteraristokratie“. Inzwischen stehen Schriftsetzter und Drucker mit beweglichen Lettern unter „Artenschutz“; sie werden nur noch benötigt, wenn besonders schöne Druckerzeugnisse hergestellt werden sollen.

 

Berufe unterliegen wie alles einem steten Wandel. Und so ist wenig überraschend, dass sich auch in der männlichen Prostitution einiges geändert hat.

Als ich in meiner Jugend ab und zu Hamburg besuchte und Mitte der 1970er Jahre im Einzugsbereich der Freien und Hansestadt ansässig wurde, konnte man als einzelner Mann am Ausgang Kirchenallee des Hamburger Hauptbahnhofs kaum zwei, drei Minuten verweilen, ohne von einem der zahlreichen Stricher, die sich dort aufhielten, angesprochen zu werden. (Die Zahl junger Strichjungen während der Weimarer Republik und nach dem Zweiten Weltkrieg wird für Hamburg von der zuständigen Jugendbehörde bzw. von der Forschung auf mehrere Hundert bis weit über Tausend geschätzt.)

Heute kann ich mich dort mit Freunden verabreden und auf sie längere Zeit warten, ohne einem einzigen Strichjungen zu begegnen. Natürlich sind sie nicht aus Hamburg verschwunden, sie sind nur weniger in der Öffentlichkeit sichtbar als vor drei Jahrzehnten, zumal auch die einst zahlreichen Klappen, an denen männliche Prostituierte auf Kunden gewartet hatten, verschwunden sind. Und nicht mehr vorhanden sind die in der öffentlichen Wahrnehmung vielfach mit höherem Ansehen verbundenen Männerbordelle wie die „Modell-Agentur-Kaiser“ von Gustav Kaiser am Winterhuder Weg, „Haralds (Harald’s) Hotel“ an der Reeperbahn 54, Haralds Bar in der Lincolnstraße 6 auf St. Pauli und zuletzt in der Altonaer Thedestraße oder die „Exquisitbar“ mit dem „Hotel Florida“ auf der Reeperbahn. In der norwegischen und dänischen wissenschaftlichen Diskussion wird inzwischen von en „usynlig“ gruppe (von einer unsichtbaren Gruppe) gesprochen 1.

Ein Teil der mann-männlichen Prostitution ist nach wie vor in einschlägigen Lokalen und in Pornokinos zu finden. Doch auch in diesem Bereich vollzieht sich ein Wandel. Von vormals rund 15 Stricherkneipen in Hamburg sind zwei, drei geblieben. Stattdessen hat sich im Internet eine eigene umfangreiche mann-männliche Prostitutionsszene etabliert, und mit dieser beschäftigt sich dieser Vortrag, wobei ich mich auf GayRomeo Escorts bzw. Escorts Plus und das inzwischen eingestellte BBC (Bare Back City) beschränke. Diese Escorts sind nicht „usynlig“ (unsichtbar), aber schwer greifbar bzw. verifizierbar. Sie gehören zur Schwulen Community wie viele andere, ob das den Wächtern schwuler Moral und Wohlanständigkeit passt oder nicht. Unser Augenmerk ist heute vielfach auf LSBTTIQ -Menschen gerichtet und vernachlässigt die eigene Community in ihrer Vielgestaltigkeit oder, um das Modewort zu benutzen, in ihrer „Vielfalt“. Auch für die männliche Prostitutionsszene gilt die Forderung nach Akzeptanz, erfüllt sie doch eine nicht zu unterschätzende Funktion in der schwulen Gesellschaft.

 

Bei GayRomeo Escorts sind für Hamburg zurzeit 650 bis 700 Männer als Escorts registriert. Von ihnen werben je nach Tageszeit und Wochentag zwischen 60 und 90 Männer um Kunden, indem sie online sind, wobei über längere Zeit immer dieselben Anbieter erscheinen. Diese Diskrepanz zwischen eingetragenen und de facto zu sexuellen Dienstleistungen bereiten Escorts fällt auf und sagt einiges aus über die Internetprostitution: Ein relativ kleiner Teil der bei GayRomeo verzeichneten Escorts versteht sich als mehr oder weniger hauptberufliche Prostituierte. Die allermeisten aber gehen online, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu haben, sind somit eher Gelegenheits- Escorts, „Reinriecher“. Und zahlreiche Männer, die sich als Escorts haben registrieren lassen, sind inzwischen als „Karteileichen“, ausgeloggt, weil sie lange nicht online waren., sie erscheinen aber nach wie vor unter den verzeichneten Escorts.

 

Neben den registrierten Escorts bieten auch außerhalb der Rubrik „Escorts“ zahlreiche Männer Sex gegen „Tg“ (Taschengeld) an – sei es, dass dies versteckt irgendwo im Profil steht, sei es (und dies ist die Regel), dass sie die Taschengeldforderung zunächst verschweigen, wenn sie sich mit ihren Angeboten gezielt und ungebeten an GayRomeo- User wenden, die in ihrem Profil ein höheres oder hohes Alter angeben, und erst im Laufe des Chats erkennen lassen, dass sie sich als sexuelle Dienstleister verstehen. Die finanziellen Forderungen dieser ihr Gewerbe verschleiernden Personen liegen nicht unter denen der offen als Escorts annoncierenden Männer.

 

In der ausufernden Terminologie-Diskussion schließe ich mich dem klugen Dressman Jonny 2 an, der seiner Interviewerin sagte, gleichgültig, ob Strichjunge oder Callboy oder wie auch immer genannt – sie tun alle dasselbe. Wer meint, als Escort etwas Besseres zu sein als ein traditioneller Stricher (Strichjunge) 3, hat Probleme  mit sich und anderen und erinnert sich nicht, dass er möglicherweise selbst als Stricher begonnen hatte, bevor er in der Hierarchie innerhalb der männlichen Prostitution „aufstieg“. Er vergisst aber vor allem, dass jeder, der sich für sexuelle Dienstleistungen bezahlen lässt (falls er nicht gerade ein heruntergekommener Junkie ist) alle Facetten der prostitutiven Arbeit beherrscht, angefangen beim „Quickie“ in einer Kneipentoilette, in einer Absteige oder outdoor, aufgehört in gepflegter Zwei- oder Mehrsamkeit in luxuriöser Umgebung. Denn ob man gleich zur Sache kommt oder zunächst gemeinsam gut speist oder ins Theater oder in eine Bar geht: Ziel ist und bleibt die sexuelle Begegnung, die Erfüllung der sexuellen Wünsche des Freiers bzw. des „Partners auf Zeit auf finanzieller Grundlage“. (Die Zahl derjenigen Männer, die einen Escort lediglich als Gesellschafter und zum Sich-Unterhalten engagieren, dürfte überschaubar sein).

 

Alle gängigen Begriffe für mann- männliche Prostituierte sind problematisch: negativ besetzt sind die Vulgärausdrücke Stricher, männliche Hure oder männliche Nutte, aber auch der Wissenschaftsbegriff Prostituierter. Veraltet ist Pupenjunge (von „Pupe“ = Arsch) und die Verballhornung dieses vielfach nicht verstandenen Wortes in Puppenjunge. Dressman ist aus der Mode gekommen, dasselbe geschieht zurzeit mit Callboy bzw. Callman. Escort suggeriert eine höhere Seriosität als der Begriff Stricher, die aber de facto nicht existiert. Lustknabe enthält eine altersmäßige Begrenzung, die dem Gesamtspektrum mann-männlicher Prostitution nicht gerecht wird. Liebesdiener ist ein Euphemismus, denn mit Liebe hat Prostitution nichts zu tun. Der englische Begriff Sexworker spiegelt den Versuch wider, alles zu anglisieren, damit es wissenschaftlicher klingt. Die deutsche Version Sexarbeiter halte ich für gut, weil sie deutlich macht, dass der männliche Prostituierte Arbeit verrichtet und nicht etwa seinem Vergnügen nachgeht. Prostitution ist Arbeit und heißt warten, oft langes Warten auf einen Freier.

Ich ziehe den Begriff sexueller Dienstleister vor, denn das ist es, was ein Prostituierter tut: Dienstleistungen erbringen – genau so gekonnt und engagiert oder aber stümperhaft, genau so gerne oder eher widerwillig wie andere Dienstleistungen erbracht werden.

 

Ob man will oder nicht, ist die Prostitution mit ihrem Austausch sexueller Handlungen gegen materielle oder auch immaterielle Leistungen Teil des sozialen Lebens. Dennoch ist alles, was mit Prostitution zusammenhängt,  in der Gesellschaft negativ besetzt. Prostitution haftet à priori ein Schmuddelimage an, das nur wenige hinterfragen, obwohl das, was im Rahmen der Prostitution vor sich geht, dem entspricht, was bei allen sexuellen Handlungen geschieht: Die Beschäftigung mit den Geschlechtsorganen, Orgasmus und Samenerguss ist eine feuchte, klebrige, riechende Angelegenheit, gleichgültig ob im Rahmen unentgeltlichen oder entgeltlichen Verkehrs. Und sexuelle Handlungen in einem Pornokino sind nicht gepflegter oder ästhetischer, wenn sie ohne Beteiligung eines männlichen Prostituierten stattfinden.

 

Warum ein Mann einen männlichen Dienstleister oder eine weibliche Dienstleisterin aufsucht, hat unterschiedliche Gründe.

Ich beschäftige mich hier nur mit der mann-männlichen Prostitution, weil ich von der heterosexuellen Prostitution, in der zum Teil völlig andere Mechanismen als in der homosexuellen eine Rolle spielen, nichts verstehe.

 

In einer Berliner Bezirksverwaltung habe ich 2014 folgendes Plakat gesehen:                                                 

                                                          „PRO Situation“

                                            „Prostitution ist kein Menschenhandel.

                                              Sexarbeit ist Arbeit.

                                              Verbote diskriminieren.

                                              Sprecht mit uns, nicht über uns“.

 

Spricht man nicht mit, sondern nur über Prostituierte, sieht man die männlichen sexuellen Dienstleister nicht als gleichberechtigte Gesprächspartner, sondern lediglich als Objekte einer Untersuchung, sind die auf diese Weise erzielten Forschungsergebnisse fragwürdig und bilden die Grundlage des folgenden - zugegeben überspitzten - Bildes des männliche Prostituierten: Danach ist ein Stricher 14 bis 21, höchstens 25 Jahre alt, prinzipiell heterosexuell, stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, ist ein Versager ohne Schul- und Lehrabschluss, steht am untersten Rand der Gesellschaft und ist drogenabhängig. Als Freier hat er sabbernde alte Männer, die keinen mehr hoch kriegen. Der Stricher ekelt sich vor ihnen, grabscht ein bisschen an ihnen herum, bestiehlt sie, gerät bisweilen mit ihnen in Streit und schlägt sie mitunter tot.

Die meisten dieser Zuschreibungen stammen aus den gängigen Untersuchungen über straffällig gewordene und/oder deviante Strichjungen. – Aber die allermeisten mann-männlichen Prostituierten werden nicht straffällig und sind nicht deviant.

Naturgemäß, geradezu zwangsläufig, gibt es im Bereich der mann-männlichen Gesamtprostitution ein Segment junger Prostituierter, doch ist dieses Segment gerade auch in der Internetprostitution nur ein Ausschnitt aus einem vielgestaltigen Gesamtbild der mann-männlichen Dienstleistung.

 

Die Behauptung, wonach Strichjungen nahezu – oder zumindest überwiegend – heterosexuell seien, ist schlichtweg Unsinn; sie war – und ist es zum Teil noch immer – eine Schutzbehauptung. In der Verfolgungszeit wollten die Strichjungen damit vor heterosexuellen Kriminalbeamten, Staatsanwälten und Richtern einen guten Eindruck machen, indem sie angaben, „es“ nur wegen des Geldes getan zu haben, sonst aber völlig „normal“ seien. Und in einer rein heterosexuell geprägten Umgebung, z. B. unter den „Kumpels“ oder in Migrantenkreisen oder in den südosteuropäischen Gesellschaften, ist es noch heute vielfach opportun zu sagen, man sei nicht schwul - man ficke selbstverständlich aktiv und halte nicht etwa hin. Und lässt sich in der Praxis der eine oder andere dann doch penetrieren, ist das in der Regel verbunden mit der Mahnung: „Sag aber niemandem, dass du mich fickst“. In der Realität sind die meisten Strichjungen (die in Wirklichkeit nicht Erpresser, Diebe oder Räuber sind und sich nur zum Schein als Stricher ausgeben) zumindest bisexuell, anderenfalls könnten sie ihre sexuellen Dienstleistungen über längere Zeit gar nicht durchhalten.

 

Die Herkunft aus zerrütteten und randständischen Familienverhältnissen ist vielfach belegt, aber durchaus nicht zwingend und zu verallgemeinern. Viele gut bürgerliche, anständige Familien wunderten sich, wüssten sie, was die heranwachsenden und herangewachsenen Söhne in ihrer Freizeit tun. Einer meiner Schüler aus einer religiösen Handwerkerfamilie erzählte mir  vor knapp 35 Jahren kurz nach seinem Comingout, welche finanziellen Avancen ihm in Kneipen der schwulen Szene gemacht worden seien 4 – und an diesen Verführungssituationen junger schwuler Männer hat sich nichts geändert. Warum ein Geldgeschenk ablehnen? Warum es nicht – nun aber gezielt – noch einmal versuchen oder es überhaupt eine Zeitlang  machen – für den Führerschein, eine Konzertveranstaltung, eine Reise, schicke Jeans, das Studium usw.?

 

Den Arbeitslosen ohne Schulabschluss gibt es als Stricher genau so wie den Studenten, Handwerker, Künstler, Angestellten, Akademiker usw.

 

Und was den Drogenkonsum anbelangt, so beschränkt sich der ohne Zweifel nicht auf subproletarische Bevölkerungsgruppen5.

 

Die wohl schönste Charakterisierung des Hintergrundes männlicher Prostituierter habe ich in einem kurzen norwegischen Artikel gefunden. Danach hatte der Stricher en vansklig oppvekst, var skoletaper, barnevernsklient m.m., eller vokste opp i en familie med velutdannede og velstående foreldre (eine schwierige  Kindheit und Jugend, war Schulversager, Klient der Jugendfürsorge usw. oder aber war in einer Familie gut ausgebildeter und wohlhabender Eltern aufgewachsen) 6.

 

Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der mann-männlichen Prostitution gibt es eine Reihe biographischer Berichte männlicher Prostituierter über ihr Leben als sexuelle Dienstleister. Doch sind die allermeisten wenig authentisch und oft nichts anderes als Aneinanderreihungen pornographischer Schilderungen angeblicher Erlebnisse mit Freiern, die viele von uns ohne einschlägige Kenntnisse hätten schreiben und als Buch herausgeben können 7.

Doch gibt es auch eine Reihe empfehlenswerter autobiographischer bzw. autobiographisch verankerter Texte in mehr oder weniger geglücktem literarischem Gewand. Dazu gehören:

1. Arne Pahlkes Roman Sonne, Blut und Sterne. Arne Pahlke war lange Zeit als Strichjunge tätig und verarbeitet seit geraumer Zeit seine Prostitutions- Erfahrungen literarisch, musikalisch und bildend- künstlerisch.

2. Knut Kochs Bericht Barfuß als Prinz.

3. Der Roman A Matter of Life and Sex (deutsch: Verglüht) von Oscar Moore.

4. Ich halte auch Hartwig Schröders Blog Kleine Hafennutte bzw. sein Buch Mein Prinz, der Callboy auf Grund von Gesprächen mit dem 2010 tödlich verunglückten Autor für authentisch, zumal Schröder auch seine psychischen Probleme als Folge langjähriger hauptberuflicher Prostitution thematisiert 8.

 

 Und was die Belletristik anbelangt, ist Angelo Algieri zuzustimmen, wenn er in seiner Rezension Unser Stricher, der ewig gefallene Engel des Buches Londoner Triptychon von Jonathan Kemp 9 feststellt: „Nichts Neues, da Stricher als Heilige, als Märtyrer, als gefallene Engel dargestellt werden“ 10.  - Das alles aber sind die männlichen Prostituierten des Internets nicht. Im Gegenteil, sie sind zumeist ganz alltäglich, unauffällig, könnten unsere Nachbarn sein, ohne dass wir vermuteten, dass sie als männliche Dienstleister arbeiten.

 

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit der Hamburger Schwulengeschichte und in diesem Zusammenhang natürlich auch mit der mann-männlichen Prostitution als einer nicht wegzudenkenden Facette schwulen Lebens, die in den Straf- und Ermittlungsakten gegen homo- und bisexuelle Männer eine erhebliche Rolle spielt. Die Quellenlage zur strafrechtlichen Verfolgung der männlichen gleichgeschlechtlichen Prostitution bis zur Abschaffung des entsprechenden Strafrechtsparagraphen 175a Ziffer 4 im Jahre 1973 ist zufriedenstellend, die wissenschaftliche Aufarbeitung der männlichen Prostitution vor der Internetzeit umfangreich. Anders sieht es mit der Internetprostitution aus – Studien zu diesem Phänomen sind rar und haben oft nur eine schmale Informantenbasis 11.

Um aber beim Thema mann-männliche Internetprostitution nicht auf diese wenigen wissenschaftlichen Studien angewiesen zu sein, hatte ich mich 2006 entschlossen, ein eigenes Profil bei GR – Escorts und bei homo.net – Escorts zu erstellen, um aus persönlicher Erfahrung und eigener Anschauung, also als eine Art „undercover- Escort, Aussagen über die mann-männliche Prostitution machen zu können. Dabei interessierten mich beide Seiten prostitutiver Tätigkeit – die des Anbieters und diejenige des Rezipienten.

Als ich diese Escort-Profile schaltete, war ich 66 Jahre alt – und das korrekte Alter stand und steht auch in den Profilen. Wider Erwarten wurde ich häufig angeschrieben – und dies stand in schroffem Gegensatz zu den Erfahrungen, die ich mit einem Profil gemacht hatte, mit dessen Hilfe ich männliche Prostituierte als Interviewpartner für ein Projekt suchte, das sich mit sexuellen Dienstleistungen befassen wollte.

Auf Grund der beiden Escort-Profile war und ist es mir möglich, Kontakte zu Escorts zu knüpfen. Mit fünf von ihnen bin ich seit Jahren gut bekannt, mit einem befreundet. Ihre Aussagen sind meiner Ansicht nach vertrauenswürdig, da sie deckungsgleich sind. Eine Absprache war nicht möglich, weil sich diese Männer untereinander nicht kennen. Und die Mitteilungen meiner Hauptgewährsleute sind identisch mit dem, was mir rund hundert weitere Dienstleister im Chat oder in persönlichen Gesprächen geantwortet haben.

 

Erwähnenswert ist noch etwas anderes: Fragte man auf den Standard-Seiten (also nicht den Escortseiten) bei GayRomeo (GR) oder bis zum März 2015 bei BareBackCity (BBC) seine Chatpartner, ob sie einmal als Stricher/Escorts/Callboys tätig gewesen seien, gaben viele an, dies getan zu haben oder noch zu tun. Bei BBC hatten etwa 25%, bei GR reichlich 10% bejahend geantwortet. Nun handelte es sich hierbei nicht um eine repräsentative Umfrage, dennoch sind diese Antworten insofern aussagekräftig, als sie zeigen, dass das Phänomen mann-männlicher Dienstleistungen verbreiteter ist als vielfach angenommen wird. Dies wird noch dadurch untermauert, dass eine ganze Reihe User bei GR oder BBC sich dahingehend geäußert hatte, sich gut vorstellen zu können, im Nebenjob als sexuelle Dienstleister tätig zu sein 12.

 

                       Aus welchen Gründen suchen Männer sexuelle Dienstleister auf?

 

Das Bild des Greises, der kaum noch eine Erektion zustande bringt, oder des unförmigen Mannes als Freier hat mit der Realität kaum etwas zu tun.  

Das Alter der „Kunden“ oder „Gäste“ oder „Freier“ liegt zwischen 18 und 80 Jahren. Zumeist sind es Männer mittleren Alters, Männer „in den besten Jahren“. Der Freier ist nach übereinstimmender Aussage der sexuellen Dienstleister in der Regel ein Durchschnittstyp, der ganz normale Mann von nebenan, bisweilen sogar ein ausgesprochen attraktiver Mann, der Sexualpartner überall ohne Schwierigkeiten finden könnte, wenn er dies nur wollte – aber das will er aus unterschiedlichen Gründen gerade nicht.

 

Wer sexuelle Dienstleister bucht, hat in der Regel genau definierte sexuelle Bedürfnisse, die er erfüllt haben möchte.

 

Auf Grund vielfacher Erfahrungen lassen sich die Freier grob in mehrere Gruppen einteilen:

 

I    Junge Freier zwischen 18 und 25 Jahren, die sexuell neugierig sind und wissen wollen, wie es ist, Sex mit einem Mann zu haben. Da sie sich bei Kumpeln, Freunden und Bekannten keine Blöße geben wollen, suchen sie einen erfahrenen Mann auf, der sie in den mann-männlichen Sex einführt und den sie dafür bezahlen. Die Vorstellung, in unserer sexualisierten Zeit sei jeder Jugendliche und junge Mann mit allen sexuellen Wassern gewaschen, gehört zu den medialen Klischees, die einer Überprüfung nicht Stand halten.

Die Renommiersucht junger Männer über sexuelle Erfahrungen, ihre Angebereien in Schule, Ausbildung und Vereinen, im Studium oder Beruf und in der Clique darf man nicht allzu ernst nehmen. (Es gilt der Erfahrungssatz: Je größer die Fresse, desto kleiner der Schwanz und geringer die Erfahrungen.) Die sexuelle Unwissenheit, ja Sprachlosigkeit, ist bei jungen Männern viel größer als man vermutet.

 

II  Die große Gruppe der Männer zwischen 25 und 80 Jahren, die bisexuell und verheiratet ist bzw. mit einer Frau in einer festen Beziehung lebt.

(Am 18. Juli 2015 schrieb mir einer meiner Gewährsleute über einen seiner Kunden an diesem Tag: „ein netter Familienvater, toller Job, klasse Frau, drei nette Kinder – eine Idylle, und dann ich und er fickenderweise – er hat ein gutes Leben, und er kommt schon lange zu mir, ist einer meiner liebsten Kunden…wir blicken eben noch tiefer bei den Menschen“).

Diese Männer sehen den Besuch bei einem sexuellen Dienstleister nicht als Ehebruch – der ist für sie nur mit einer Frau möglich.

 

III Schwule Männer, die sexuelle Praktiken mögen, die sie auf andere Weise schwer erhalten können und/oder die ihre Lebenspartner ihnen verweigern. Dazu gehören z. B. Dirty Sex, spezielle Spielarten des Sadomasochismus, reale Reiterspiele usw.

 

IV Männer, die den Besuch bei einem männlichen Prostituierten als Fetisch haben.

 

Gemeinsam ist diesen Gruppen, dass sie den unverbindlichen sexuellen Kontakt suchen – je anonymer, desto besser. Denn da muss eine Menge geheim bleiben – sei es die gleichgeschlechtliche Disposition, seien es spezielle sexuelle Wünsche. Auf keinen Fall darf die heterosexuelle oder die homosexuelle Partnerschaft gefährdet werden, weswegen es sich verbietet, gleichgeschlechtliche Kontakte in der Szene zu suchen, was zeitaufwendig ist. Diese Zeit aber hat der erwähnte Freiertyp nicht. Und so bucht er bei einem sexuellen Dienstleister einen Termin unmittelbar vor Arbeitsbeginn oder kurz nach Feierabend oder in der Mittagspause oder wenn der heimische Partner/die heimische Partnerin unterwegs sind oder auf Dienstreisen. Es wird niemanden wundern, dass dieser familiär oder partnerschaftlich gebundene Typ an Wochenenden und Feiertagen keine Termine mit sexuellen Dienstleistern zu vereinbaren pflegt.

Nur selten erfährt der männliche Dienstleister von seinen Besuchern mehr als einen Vornamen, der mit der Realität zumeist wenig zu tun hat. (Im Übrigen gibt auch der Dienstleister von sich nicht allzu viel Privates preis. Auch er ist der offen auftretende sexuelle Dienstleister nur gegenüber dem Freier und – vielleicht –gegenüber ein paar eingeweihten Bekannten). Die sexuelle Befriedigung wird als Dienstleistung gesehen, die eingekauft und gewährt wird. Hat sie stattgefunden, ist der Kaufvertrag in beiderseitigem Einvernehmen erfüllt worden, trennen sich die Wege von Freier und Dienstleister sehr oft recht abrupt. Das folgende Beispiel wird von allen bestätigt, die sich als sexuelle Dienstleister betätigen und die mir geantwortet haben: ein Freier kommt, ist überschwänglich freundlich, bekommt, was er will, hat seinen Orgasmus gehabt. Vielleicht bleibt er noch einen Augenblick liegen, oft aber rollt er sich sofort ab, zieht sich an und geht, oft mit nur knappem Gruß, als schäme er sich. Der sexuelle Dienstleister wird von einem begehrten Mann zur verachteten Nutte. Für den Freier geht es bei der Dienstleistung ausschließlich um die eigene Befriedigung, wie der Dienstleister seine sexuelle Erregung abbaut, interessiert nicht, es sei denn, er möchte sich gerade daran delektieren und sehen oder spüren, wie der Dienstleister ejakuliert.

Natürlich gibt es auch den freundlichen, einfühlsamen netten Freier, mit dem man sich gut unterhalten kann, über dessen Besuch sich der Prostituierte freut und den er gern als Stammfreier hat.

Hervorzuheben ist jedoch auch, dass die Internet- Dienstleister nur sehr selten von ausgesprochen unangenehmen Begegnungen mit Freiern berichten.

 

Eine weitere Gruppe von Männern, die sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, ist in der obigen Aufzählung nicht genannt worden, obwohl sie zur Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche fast ausschließlich auf männliche Prostitution angewiesen ist: die Gruppe der stark bewegungseingeschränkten oder bettlägerigen oder pflegebedürftigen Männer aller Altersgruppen, die nach außen nur mit Hilfe des Internets kommunizieren können. Diese Männer haben in Dänemark die Möglichkeit, mit Billigung der Verwaltung sexuelle Dienstleister anzufordern, die sie in den Senioren- und Pflegeeinrichtungen aufsuchen. Im Interview sagte einer dieser Dienstleister: Jeg laver et godt stykke socialt arbejde  (ich erledige ein Gutteil sozialer Arbeit) 13. Ich selbst habe in Berlin einen Prostituierten beobachten können, wie er einen schwersteingeschränkten Mann mittleren Alters im Rollstuhl in ganz liebevoller Weise oral befriedigte. Als Dienstleister hat er sich natürlich bezahlen lassen, aber sonst hätte sein Freier keinen Sex haben können, denn andere Männer hätten ihn vermutlich nicht befriedigen wollen.

 

Die von den Escorts erwarteten sexuellen Praktiken sind vielfältig und entsprechen dem Gesamtspektrum der sexuellen Möglichkeiten:

1. Der bisexuelle Mann sucht zumeist den aktiven oralen und den passiven analen Verkehr,

d. h. gerade das, was ihm die Lebenspartnerin nicht geben kann.

2. Der schwule Mann möchte Praktiken ausleben, die der Partner im heimischen Schlafzimmer ablehnt.

Je stärker es einem Dienstleister gelingt, sich zu spezialisieren und eine sexuelle Nische auszufüllen, desto größer ist der Erfolg – recht unabhängig vom Lebensalter des Prostituierten. Prinzipiell gibt es nur sehr wenig, was es an sexuellen Wünschen nicht gibt. Erstaunlich viele Männer jeden Alters schätzen alte Männer als Sexualpartner. Ihnen gibt der Senior- Dienstleister Sicherheit, dass sie bekommen, was sie wollen, und dass sie auf einen geduldigen, erfahrenen Sexualpartner stoßen.

Sexuelle Dienstleistung ermöglicht vielen Männern überhaupt erst, ihre speziellen sexuellen Wünsche auszuleben, sie ermöglicht gelebtes sexuelles Leben und trage damit zur Balance einer Gesellschaft bei, wie mir ein Mann, der seit vielen Jahren in diesem Metier arbeitet, schrieb.

Geist, Herz, Seele müssen in einer guten Partnerschaft übereinstimmen, nicht aber unbedingt das sexuelle Verlangen – auch wenn dies vielleicht ideal wäre. Unerfülltes sexuelles Verlangen aber kann notfalls von einem sexuellen Dienstleister befriedigt werden, wenn ein Leben ohne Sexualität oder ohne spezielle Praktiken nicht möglich ist.

 

Im Unterschied zu Stricherlokalen, Pornokinos oder zum alten Bahnhof- und Klappenstrich oder gar dem Männerbordell stehen sich Freier und sexuelle Dienstleister beim Chatten im Internet nicht persönlich gegenüber. Das hat erhebliche Konsequenzen, mit denen jeder Internet- Escort zu rechnen hat. Fakes, kurzfristige Absagen oder gar keine, kuriose Entschuldigungen, falsche Adressen, Telefonnummern und Profile, die auf einmal abgeschaltet sind. Über derlei Erlebnisse und Behandlung kann jeder Internetdienstleister berichten 14.

 

 

 

               Welche Männer bieten gleichgeschlechtliche sexuelle Dienstleistungen an?

 

Die Männer, die sich bei GR Escorts, homo.net Escorts und anderen entsprechende Foren als sexuelle Dienstleister anbieten, können in zwei Gruppen eingeteilt werden – die „Hauptberufler“ und die sehr viel größere Gruppe der „Neben-Jobber“.

Das Alter der sexuellen Dienstleister liegt in beiden Gruppen zwischen achtzehn bis weit über fünfzig Jahren und  reicht in geringerem Maße noch viel weiter hinauf.

Das Einstiegsalter in die mann-männliche Internet-Prostitution liegt trotz niederschwelliger Einstiegsmöglichkeit (man benötigt nur einen eigenen Internetzugang und ein einschlägiges Profil, was die Jugendlichen der Smartphon/ i- phon – Generation ohne Mühe einzurichten im Stande sind) für viele sexuelle Dienstleister des Internets sehr viel höher als wissenschaftliche Untersuchungen zur männlichen Straßen-, Klappen-, Bahnhofs- und Kneipenprostitution herausgefunden haben, wo die Stricherkarriere oft schon im Kindesalter beginnt. Viele Männer, die im Internet als sexuelle Dienstleister annoncieren, geben bei Befragungen an, mit Mitte Zwanzig oder noch sehr viel später sich für die Prostitution entschieden zu haben, also oft erst nach dem Einstieg in den bürgerlichen Beruf. Manche Dienstleister geben ihren sexuellen Nebenjob nach kurzer Zeit wieder auf, manche lassen ihn irgendwie auslaufen, reaktivieren ihn aber von Zeit zu Zeit. Einer meiner guten Bekannten ist seit seinem Studium mittlerweile dreißig Jahre als sexueller Dienstleister tätig, übt einen freien akademischen Beruf aus, fühlt sich in dieser beruflichen Doppelfunktion wohl und denkt nicht ans Aufhören.

 

Als Ursache, warum Männer als sexuelle Dienstleister arbeiten, wird erwartungsgemäß zumeist das damit zu verdienende Geld angegeben. Aber unmittelbar danach wird von dem Kick gesprochen 15, den das Sich- Prostituieren bedeute: das „Zur Verfügung- Stehen“, das „Sexuell Gebrauchtwerden“ oder aber – als Gegenposition – das Allmachtgefühl angesichts eines Freiers, den man erniedrigen und demütigen kann und der dafür auch noch Geld bezahlt. Als weitere Motive werden genannt sexuelle Phantasien, Prostitution als Fetisch und Prestigegewinn im Freundeskreis 16. Und nicht zuletzt gibt es sexuelle Dienstleister, die für einen Master tätig sind.

Während die Prostitutions- Forschung Zuhälter in der männlichen Prostitution als zu vernachlässigende Größe betrachtet oder sie sogar leugnet, sieht und sah die Realität oft anders aus 17. Mir ist eine Reihe Fälle bekannt, wo sexuelle Dienstleister ihren Verdienst abzugeben haben. Dies gilt insbesondere für Internet- Dienstleister russischer, ost- und südosteuropäischer Herkunft. Außerdem schalten Agenturen Escort-Profile für sexuelle Dienstleister ausländischer Herkunft in korrektem Deutsch. Letztlich entscheidet dann die Agentur, welchem der jeweils zur Verfügung stehenden Männer der Freier begegnet. Einblicke in dieses Escort-Agentur-System zu erhalten, ist außerordentlich schwer.

Vereinzelt gibt es Medien-Berichte über Menschenhandel im Bereich der mann-männlichen Prostitution 18, wobei unklar ist, ob dies auch für die Internetprostitution gilt.

 

Ein großer Teil der mann-männlichen Internet-Prostitution wird von Männern ausgeübt, die einer bürgerlichen Beschäftigung nachgehen oder einen bürgerlichen Beruf haben und in ihm auch arbeiten. Sie sind Schüler, Lehrlinge, Studenten, Angestellte, Handwerker, Selbständige, Akademiker, Künstler, Ingenieure usw. 19.  Sie verfügen selbstverständlich über einen eigenen Internetzugang, sind unabhängig und niemandem (außer vielleicht einem Master) Rechenschaft schuldig. Der Prostitution gehen diese Männer zumeist als Nebenjob nach – am Feierabend, an Wochenenden, im Urlaub. Sie stehen nicht rund um die Uhr zur Verfügung, was die Erfolgschancen der Nebenjobber nicht unerheblich mindert. Ihr finanzieller Gewinn ist unterschiedlich hoch. Wirklich große Summen werden von sexuellen Dienstleistern im Nebenjob in der Regel nicht verdient. Die in den Profilen genannten Honorarsummen und Taschengeldforderungen zeigen – von illusorischen Ausnahmen abgesehen – ein realistisches Bild. Gefordert werden zurzeit – je nach Alter und Leistungsangebot - für eine Stunde bzw. ein Treffen zwischen 40,- und 200,- €. Der Durchschnitt dürfte bei gut 100,-€ liegen. Werden Sonderleistungen im S/M – Bereich oder gar im Segment k9 angeboten, liegen die zu zahlenden Beträge allerdings wesentlich höher.

Doch sind die Forderungen das eine, die Zahl der Buchungen aber etwas ganz anderes. Oft findet nicht mehr als eine Handvoll Treffen im Monat statt - und wenn es gut läuft vielleicht zehn bis zwanzig. Die Konkurrenz ist groß. Und der Preis regelt sich durch Angebot und Nachfrage. Der Preisverfall im eigentlichen Stricher-Segment in den Bars und Pornokinos, wo Männer südosteuropäischer Herkunft schon für 20,- oder 30,-€ zur Verfügung stehen, hat selbstverständlich Einfluss auf die Internet-Prostitution, auch wenn die jeweiligen Zielgruppen unterschiedlich sind.

 

In der Nebenjob-Prostitutionsszene gilt der oft wiederholte Satz, „das Angenehme mit dem Nützlichen“ verbinden zu wollen. Und dieser Slogan zeigt die Tendenz der männlichen Freizeitprostitution. Der sexuelle Dienstleister dieses Segments hat gerne Sex mit Männern und betrachtet das Salär als willkommene Erweiterung seines Budgets. Angewiesen auf diesen Zuverdienst ist er oft nicht. Was er als Neben-Jobber strikt vermeiden will, ist, sich der Prostitution voll und ganz zu verschreiben und sein ganzes Wesen und seine Psyche nur noch darauf zu richten, möglichst viel Kunden zu bekommen.

 

Das Bild des Neben- Job- Dienstleisters im Internet lässt auch erkennen, dass er schwul oder bisexuell ist. Meine wichtigsten Gewährsleute sind ausnahmslos schwul. Die ständig wiederholte These, wonach männliche Prostituierte fast immer heterosexuell seien, hat noch nie gestimmt - für die Internet-Prostitution ist sie schlichtweg falsch 20. Ihre Ursache hat sie – wie oben erwähnt – darin, dass Strichjungen bei Vernehmungen oder auch in Gesprächen mit Ärzten, Sozialarbeitern und Soziologen zwei Strategien verfochten, um bei den zumeist heterosexuellen Kriminalbeamten, Richtern und anderen Gesprächspartnern einen günstigen Eindruck zu erwecken, um mit einer niedrigen Strafe und günstigen Beurteilung wegzukommen:

1. Man sei nicht schwul, sondern gehe nur aus finanziellen Gründen auf den Strich.

2. Der Sex mit dem Freier habe einen angeekelt, so dass man ausgeflippt sei und zugeschlagen habe.

Eine solche Story kann man heute nur noch den Sensationsmedien andrehen, die sie dann mit Tremolo verbreiten: Armer, missbrauchter Junge aus prekären Unterschichtenverhältnissen wurde aus berechtigtem Ekel zum Totschläger. Ein Kriminalbeamter und Richter nimmt derlei schon lange nicht mehr ernst, wie jüngst der Reinbeker Prozess gegen den Oststeinbek - Glinder –Freiermörder erneut gezeigt hat.

 

Wer sich hauptberuflicher als sexueller Dienstleister im Internet anbietet, muss über eine eigene Wohnung oder ein Studio verfügen, wo er Kunden empfangen kann. Anzeigetexte wie „Treffen bei dir, Hotel, outdoor“, die bei Nebenjob- Dienstleistern vielleicht noch angehen, schränken die Wirkungsmöglichkeit eines Hauptberuflers erheblich ein.

Das beste Einkommen in diesem Segment erzielen neben jungen Dienstleistern auch ältere männliche Prostituierte, die besondere Fetische bedienen. Der etwa sechzig Jahre alte Wandsbeker LEDERKERLROY (neuerdings: LEATHER-ROY und LEATHERMASTERROY) sagte mir einmal, er habe sich „ein Haus zusammengefickt“. Er hätte mich, wenn ich gewollt hätte, als Partner beschäftigt, da er immer wieder Anfragen nach Senioren als Dienstleister erhalte. LEATHERMASTERROY wiederum ist verlinkt mit dem 54-jährigen hhmietsklave – nomen est omen – der in einer „Master-Slave-Beziehung“ lebt.

Interessanter Weise spielt das Aussehen des sexuellen Dienstleisters eine eher untergeordnete Rolle; der Schönling ist eher die Ausnahme und wird nicht gesucht.

Selbstverständlich gibt es auch im Bereich der männlichen sexuellen Dienstleistung Könner und Stümper. Wer auf Dauer als Hauptberufler etwas verdienen will, muss sein Handwerk beherrschen und zuvor erlernen. Es genügt nicht, über einen Penis zu verfügen und sich penetrieren zu lassen. Sex muss man können!

 

Vorsichtig sein sollte man gegenüber Behauptungen, dass man als hauptberuflicher Prostituierter sehr hohe Summen verdiene. Das mag in Einzelfällen über kurze Zeit möglich sein – ich lasse das dahingestellt. Doch die in den Profilen der Hauptberufler genannten Preise lassen allzu hohe verdiente Summen nicht erwarten. Generell liegen sie pro Stunde etwas höher als bei männlichen Freizeit-Prostituierten. Aber auch in diesem Bereich ist die Konkurrenz groß. Sugar- Daddies, die einen Jungen aushalten, sind nicht so zahlreich und wechseln überdies oft ihre Favoriten. Und der reiche Geschäftsmann, der nach einer gemeinsamen Nacht zwei oder drei Tausender hinblättert, gehört in den Bereich der Wunschträume und des Escort-Lateins. Und dies gilt erst recht für den folgenden Witz:

Unterhalten sich vier Damen beim Kaffeeklatsch. Die Erste: „Mein Sohn arbeitet bei VW, der hat mir günstig einen Golf besorgt“. Die Zweite: „Mein Sohn ist Pilot, der hat mir einen Flug nach Hongkong zum halben Preis besorgt“. Die Dritte: Mein Sohn ist Maurer, der hat mir jetzt ein Haus gebaut, fast umsonst“. Die Vierte: „Mein Sohn geht auf den Strich“. „Was für eine Schande!“ sagen die anderen drei. „Ne, find ich nicht. Der hat mir neulich ein Haus, einen BMW und eine Reise nach Australien geschenkt“.

Nach meinen Beobachtungen kann ein Hauptberufler durchaus eine Weile von seinem Verdienst als sexueller Dienstleister leben. Auf Dauer aber funktioniert mann-männliche Prostitution als Hauptberuf nur dann, wenn der männliche Dienstleister physisch und psychisch stabil ist, wenn er kein Doppelleben zu führen braucht, d. h. wenn sein Partner mit der sexuellen Dienstleistung einverstanden ist (was zumeist der Fall ist) oder sie gegebenenfalls selbst ausübt und wenn er sich nicht selbst isoliert, sondern am sozialen, politischen und kulturellen Leben seiner nicht prostitutiven Umwelt teilnimmt. Vor allem aber muss er bestrebt sein, das verdiente Geld nicht auszugeben, sondern damit haushälterisch und zukunftsorientiert umzugehen 21.

Während das von einem sexuellen Dienstleister im Nebenjob erworbene Geld wohl nicht allzu oft eine Höhe erreicht, die steuerpflichtig wäre, wird der Hauptberufler nicht umhin können, Steuern zu zahlen, wenn er über ein eigenes S/M- oder Massage - Studio verfügt, was nicht verheimlicht werden kann und für das er gegebenenfalls öffentlich wirbt. Hier greifen die Mechanismen selbständiger gewerblicher Tätigkeit.

 

Sexuelle Dienstleistung ist im Hauptberuf ein harter Job, der den ganzen Mann erfordert, unabhängig davon, ob sie Spaß macht oder nicht. Meine Gewährsleute beispielsweise nehmen keine Drogen, rauchen nicht und trinken nur gelegentlich Alkohol 22.

 

Besonders schwer hat es der sexuelle Dienstleister, der den aktiven Part bei sexuellen Begegnungen anbietet. Eine erfahrene weibliche Prostituierte kann beim Geschlechtsakt schauspielern, Geilheit und Orgasmus vortäuschen. Männliche Prostituierte werden nur dann keine Schwierigkeiten haben, wenn sie nur für passive Dienstleistungen zur Verfügung stehen und wenn es den Freier nicht stört, dass sein Partner keine sexuelle Erregung zeigt. Aber wer sich als Aktiver anbietet, muss eine länger andauernde Erektion vorweisen. Ohne eine immer wieder hervorrufbare Erektion ist Prostitution die falsche Berufswahl. Und selbst wenn der aktive männliche Prostituierte sexuell sehr potent ist, wird er eine solche Dienstleistung nicht jederzeit und am laufenden Band verrichten können, da Dauererektionen und ständiger Samenerguss nicht ohne weiteres möglich sind. Bringt aber der sexuelle Dienstleister seine Leistung nicht so, wie das der Freier möchte, kann es ihm passieren, dass er im Internet niederschmetternde Kommentare erntet, die ihn dazu zwingen könnten, sein Profil zu löschen.

 

Sich mit der mann-männlichen Internet-Prostitution zu beschäftigen, ist schwierig, weil sexuelle Dienstleister sich über ihre prostitutive Arbeit mit Außenstehenden nicht gerne austauschen. Ihr Vertrauen zu gewinnen ist aber unerlässlich, um verlässliche Aussagen machen zu können. Die von mir gewählte Herangehensweise ist gewiss nicht jedermanns Sache; sie hat zwar mit Empathie für die sexuellen Dienstleister und mit persönlichem Einsatz über die beiden Escortprofile viel Sachkenntnis, Insiderwissen, Erfahrungen und wichtige Eindrücke erbracht, doch müssen diese vertieft und - vor allem - auf eine viel breitere Grundlage gestellt werden. Das aber ist schwierig, weil sich dann die sexuellen Dienstleister als solche outen und ihre Adressen angeben müssten, damit ihre Glaubwürdigkeit und die Seriosität ihrer Mitteilung überprüft werden kann. Schon dies allein zeigt die Schwierigkeiten, mit denen die Erforschung der Internet-Prostitution verbunden ist. (Welchen Mut allein schon dieser Vortrag erfordert, können sich vielleicht einige von Ihnen vorstellen!) Für eine breite Feld-Untersuchung braucht man Personal und Geld – und ein soziales Umfeld, das Forschern und Erforschten mit Wohlwollen und Interesse begegnet. Vielleicht hat mein Vortrag das Feld dafür bereitet. Svienkråm wird erst dann zu Svienkråm, wenn ich etwas als Svienkråm denkt.

 

 

                                                                Anmerkungen

 

Einen knappen Überblick zum Thema des Vortrags gibt der Gaycallboy-Report: Gay-Callboys im Internet –Schwules Cruisen auf Bestellung. Gay-szene.net recherchiert die schwule Callboyszene (20014). Dieser Report enthält neben interessanten Einblicken in die mann-männliche Internetprostitution leider auch eine Reihe Klischees, insbesondere über die „alternden“ Freier und das Alter der Anbieter, die meiner Ansicht nach hätten stärker hinterfragt werden müssen.

 

 1  Vgl. z. B. http:www.sexhandel.no: manlig prostitusjon (Eintrag von 2006); Claus Lautrup und Jette Heindorf: Mandlig Prostitution. VFC Socialt Udsatte. København 2003. S. 6; Max Damsgaard, Rebecca Bro, Julia W. Dallerup: Mandlig Prostitution – italesættelse af en usynlig gruppe. Roskilde 2007.

 

 2  Vgl. Birgit Bader und Ellinor Lang: Stricher-Leben. Hamburg 1991. S. 21-24; u. a. zitiert von Rüdiger Lautmann: Arbeiten auf dem Männerstrich – Stationen einer Karriere. Vortrag zur Fünfjahresfeier von „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart am 11. Oktober 2002. Internetfassung S. [5].

 

 3  Der Berliner Sozialpädagoge Ralf Rötten, der selbst einmal als Callboy gearbeitet hat, unterscheidet in einem Interview mit Gay Dating Tricks vom 7. Dezember 2009 zwischen Callboys und Strichern und formuliert: „Stricher sind Jungs, die anschaffen gehen, Jungs, die aus benachteiligten Lebenssituationen kommen. Einige sind arbeitslos und schaffen in Bars an. Circa achtzig Prozent der Stricher sind Migranten, und ein nicht geringer Anteil sind dabei Wanderarbeiter, die für zwei oder drei Monate nach Berlin kommen, anschaffen gehen und danach wieder weg gehen. Die Stricher sind, salopp gesagt, richtig arm dran: Teilweise mit geringem Bildungsniveau, ohne Perspektive und einige auch obdachlos“. Etwas ganz anderes ist nach Röttens Meinung ein Callboy: „Ein typischer Callboy ist ab Mitte Zwanzig, verfügt über eine eigene Wohnung und Grundformen der Absicherung. Viele sind Studenten, Azubis, Arbeitslose und Berufstätige. Für sie ist die Motivation ebenfalls das Geld, doch anders als bei Strichern handelt es sich mehr um ein Zubrot. Nur wenige Callboys leben ausschließlich von den Sexleistungen“.

Akzeptiert man diese Klassifizierung, ist „Stricher“ inzwischen zu einem Begriff geworden, der weitgehend die migrantische mann-männliche Prostitution abdeckt, denn das, was Rötten für Berlin konstatiert, gilt auch für Hamburg (und vermutlich auch für andere deutsche Großstädte): das traditionelle Strichersegment wird heute vorwiegend oder fast ausschließlich von Arbeits- Migranten abgedeckt.

 4  Im Jahre 2006 wurde beim Festival in Haugesund zum ersten Mal der Film Sønner gezeigt, in dem es um die Tabuthemen Pädophilie und Jugendprostitution geht. Im Zusammenhang mit der Thematik des Films waren in der norwegischen Presse schon vorher eine Reihe Artikel erschienen. In einem dieser Zeitungsberichte heißt es: „Gutteprostitusjon er en utbredt problematikk folk ikke vet så mye om. Tall fra PRO-senteret viser at dobbelt så mange gutter som jenter har erfaring med prostitusjon når de er unter 16, sier regissør Erik Richter Strand“ (Vgl. Dagsavisen vom 8.10.2005, schon ähnlich in film + tv). Schon am 4. Februar 1999 hatte Dagbladet berichtet: „Gutter fra tenåren og opp til 20-åra selger kroppen sin i Bergen. Salget skjer via mobiltelefon og internett, og mørketallene er store“.

Seinerzeit schockierte einer der bekanntesten norwegischen Anwälte, die beim Obersten Gericht zugelassen waren –Tor Erling Stagg – mit der Bemerkung, „at han som 12-åring syntes det var fint å ha sex med eldre menn“ (Dagsavisen vom 8.10.2005).

Vgl. zu diesem Themenkreis weiterhin Dan E. Christensen: Unge og prostitution – et overset problem. PRO-Centret. København 2003. S. 19-21, 42-49; Max Damsgaard, Rebecca Bro, Julia W. Dallerup: Mandlig Prostitution – italesættelse af en usynlig gruppe. Roskilde 2007. S. 30-32, 43.

 

 5  Und selbstverständlich gibt es Prostitution aus einer Notlage heraus, z. B. bei Ausreißern, entlassenen Strafgefangenen, Arbeitslosen, Migranten usw. Aber häufig wird die Not vorgeschoben als Rechtfertigung für den Schritt in die Prostitution. So erzählte mir einer meiner Gewährsmänner am 21. August 2014, er habe dreizehn Jahre als Escort gearbeitet – nicht etwa als Stricher, wie er hinzufügte - , weil er Geld gebraucht habe, nachdem er verelendet war als HIV-Positiver. Er habe, als es ihm wieder gut ging, mit der Prostitution Schluss gemacht – und fügte nach kurzem Zögern angesichts der mit Antiquitäten vollgestopften 150m² Wohnung (für ihn und seinen Mann und zwei Katzen) hinzu: aus seiner Escort-Zeit habe er noch eine Reihe Stammfreier, die ihm monatlich zwischen 1200,- und 1500,-€ einbrächten. Er esse gerne gut, fügte er etwas verlegen hinzu.

Hatte sich mein Gewährsmann in seiner Entscheidung für die Prostitution zunächst als Opfer einer prekären Lebenssituation dargestellt, sprach er wenig später davon, dass ihm die Weiterführung der sexuellen Dienstleistung als nunmehr Fünfzigjährigem Spaß mache, ihm Abwechslung von seinem ausgeübten Beruf biete und ihm ein zusätzliches Einkommen verschaffe.

 

 6  Vgl. www.sexhandel.no: Mandlig prostitution (2006), zitiert nach Solevåg, Asbjørn und Isachsen, Margareth: Rapport fra prosjekt „Å nå gutter som prostituerer seg for å muliggjøre Hiv-forebyggende arbeid“. Oslo 1993. S. 11.

 

 7  Vgl. z. B.:

1. Steve Ross und Anna Gluth: Callboy Steve. Die Autobiographie einer männlichen Hure. Berlin 2008. In meiner Rezension von 2009 heißt es: „Statt auf Probleme, die mit der Prostitution zusammenhängen,…einzugehen, enthält diese 'Autobiographie' Gewäsch, Unwahrscheinlichkeiten und 'Verarschung' der Leser. Ärgerlich“.

2. Ellen Lloyd: Der Stricher. Niebüll 2002.

3.Robert A. Gay: Trækkerdrenge. København 1968. Dieses Buch, vom Verlag als „Kvalitets Porno“ bezeichnet, ist ein schwuler pornographischer Roman, in dem es fast ausschließlich um die Schilderung gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen geht. Den Titel Trækkerdrenge (Stricher) löst der Roman nicht ein. Es geht nicht um Strichjungen und Callboys, sondern um das Verhältnis zwischen jungen und alternden Homosexuellen, wobei sich die jungen Männer bisweilen von ihren älteren Freunden aushalten lassen, aber dies weniger im Sinne von Prostitution.

4. Jan Simonsen: Guttene fra Yorkstrasse. Forlaget Norske Bøker. Rasta 2005. Dieser Roman des rechtspopulistischen norwegischen Politikers Jan Simonsen (*1953) hat allem Anschein nach einen realen Hintergrund. Vor allem aber lässt der Autor alle Formen homosexueller Praktiken Revue passieren und befriedigt damit den Voyeurismus der Leser. Ansonsten wimmelt es in diesem Roman von Unwahrscheinlichkeiten und sachlichen Fehlern. Der Roman spielt im Wesentlichen in Deutschland; die Yorkstraße des Titels befindet sich in Ludwigshafen.

In einem Interview mit Aftenposten vom 14.3.2005 heißt es: „Jeg forsøker å beskrive miljøet med toleranse og uten fordomer, samtidigt som jeg ikke ønsker å forherlige miljøet. Det har vært en vanskelig balansegang, sier han. Han forteller at boka bygger på den sanne historien om oppveksten og ungdomsstriden til en god venn“.

5. Vgl. Cem Yildiz: Fucking Germany. Das letzte Tabu oder mein Leben als Escort. Frankfurt am Main 2009. Cem Yildiz ist eine vom Verlag geschaffene lebende Kunstfigur. Sein korrekter Name lautet anders, das Türkische ist nur bedingt authentisch, ebenso das, was als „Insiderbericht“ angeboten wird, u. a. – vermutlich – seine Honorarangaben. Gespräche bei Buchvorstellungen und Interviews mit ihm zeigen, wie wenig C. Yildiz zu sagen hat. (Vgl. das Interview unter dem Titel Hosen runter, Schwanz raus, geschämt in taz vom 15.8.2009). Positiv zu dem Buch äußert sich Salih Alexander Wolter: Cem Yildiz’ Traum von Männlichkeit unter  www.schwule-literatur.de/2010/05/cem-yildiz...

 

 8  Vgl. Arne Pahlke: Sonne, Blut und Sterne. Himmelstürmer Verlag Hamburg 2000.

Für mich ist der sterbenskranke Strichjunge Timo die überzeugendste Gestalt dieses Romans. Dem Verfasser gelingt es, ihn und die gesamte Stricherszene kenntnisreich und einfühlsam zu schildern.

 

Vgl. Knut Koch: Barfuß als Prinz. Berlin 1993 (Edition Dia), München 1996 (dtv), Berlin 2012 (Bruno Gmünder); Rezension von Angelo Algieri in Queer.de vom 28.7.2012.

 

Vgl. Alec F. Moore (= Oscar Moore): A Matter of Life and Sex. London 1991, deutsch: Verglüht. Berlin 1993.

Oscar Moore (1960-1996), britischer Journalist, hatte neben seiner journalistischen Tätigkeit auch als mann-männlicher Prostituierter gearbeitet. Beeindruckend in Moores Roman ist die Authentizität dessen, was er schildert, seien es das Klappen-, das Stricher- und Callboy-Milieu, seien es die Schwulenszenen in London und New York oder das Siechtum der an Aids zugrunde gehenden Männer.

 

Vgl. Hartwig Schröder (1965-2010): Kleine Hafennutte. Blog 2007/2008; daraus entstand das Buch Mein Prinz, der Callboy. Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 2009. Vgl. auch die Rezension Die „Hobby-Huren“ von Gayromeo vom 6. Dezember 2008 unter Gay Dating Tricks und bei Radio SUB.

 

 9  Übersetzt von Joachim Bartholomae. Verlag Männerschwarm. Hamburg 2014.

 

10  Unter Queer.de vom 27.9.2014.

 

11  Vgl. zum Beispiel die Umfrage von querstrich: Ein Projekt von und für Callboys. Im Zeitraum vom 1. Juli 2002 bis zum 30. Juli 2003 füllten lediglich drei männliche Prostituierte den Fragebogen aus; die Zahl der Freier, die antworteten, war nicht höher.

Die Studie Internetstricher. Eine Bestandsaufnahme der mann-männlichen Prostitution im Internet aus dem Jahre 2006 basiert auf den Aussagen von 36 Männern (S. 15) und beschränkt sich merkwürdigerweise auf eine Einzelgruppe im Gesamtspektrum der mann-männlichen Internetprostitution, nämlich auf die von den Verfassern Michael T. Wright und Michael Noweski „unprofessionelle Anbieter“ bzw. „unprofessionelle Sexarbeiter“ genannten sexuellen Dienstleister. Diese Zielgruppe nennen sie „Stricher“ und definieren sie folgendermaßen: „Sie verlangen maximal 150 Euro für eine Stunde. Sie sind in der Regel nicht älter als 25 Jahre. Ihre Präsentationen im Internet sind wenig professionell. Ihr Angebot ist wenig ausdifferenziert. Sie zeigen Indizien einer finanziellen oder sozialen Notlage, und sie haben kein ausgeprägtes Bewusstsein als Sexworker“ (S. 7, auch 10, 30). Für das Jahr 2015 erscheint eine derartige Charakterisierung willkürlich, problematisch und wenig überzeugend; und dies gilt auch für weitere Behauptungen des Textes (vgl. S. 22 betr. die „Lebenssituation der Stricher“, S. 26 und 30 betr. die willkürliche Unterscheidung zwischen Strichern und Callboys, S. 44 betr. die Einteilung der mann-männlichen Prostitution in fünf Gruppen und S. 43 betr. die Behauptung, wonach „praktisch jeder Callboy/Stricher im Internet über Handy zu erreichen“ ist. Tatsächlich werden Telefonnummern oft erst nach erfolgversprechend erscheinender Kontaktaufnahme mitgeteilt wird.

Die Untersuchung Mandlig Prostitution von Lautrup/Heindorf beruht in weiten teilen auf Interviews mit zwölf Personen.

 

12  Auf meine Frage, ob der Chat-Partner einmal auf den Strich gegangen sei oder als Escort gearbeitet habe bzw. arbeite, gab es folgende Antworten: 1. nein, nein, nie; 2. warum fragst du? Auf meine antwort hin, kam dann oft eine ausführliche bejahende Antwort; 3. ja: 4. nein, aber ich würde es gerne tun oder ich hab mir auch mal überlegt, das zu machen.

 

13  Vgl. Lautrup/Heindorf: Mandlig Prostitution. S. 66, auch S. 44.

 

14  Vgl. auch Wright/Noweski: Internetstricher S. 23 Anm. 13 und 14.

Ausgesprochen nützlich und seriös sind die Tipps für Escorts und deren Kunden bei GayRomeo, insbesondere auch die Sätze unter der Überschrift Spezielles zum Internet.

 

15  Vgl. Peter Edelberg: Trækkerdrenge og hattedamer. In: Information vom 27.10 2007; Freja Bech-Jessen: Drenge sælger sex for opmærksomhed. In: Kristeligt Dagblad vom 30. April 2006 ; www.sexhandel.no: Mandlig prostitusjon (2006), wo es heißt: „Forskning viser at noen unge menn bruker prostitusjonen til å selge sex“; Lautrup/Heindorf: Mandlig Prostitution S. 6: „Antagelsen, at prostituerede mænd sælger sex af lyst snarere en nød, er en påstand, lejlighedsvis fremsættes i den offentlige debat“. Vgl. auch Damsgaard/Bro/Dallerup S. 18, 34, 40f., 44, 78 – und etwas genereller zur Internetprostitution S. 28: „Det virtuelle rum giver mulighed for at afprøve såvel grænser som fantasier, idet det er tilladt at lege med flere forskellige identiter. Samtidigt bliver det mindre farligt at komme med forespørgelse og tilbud i henhold til prostitution, da det kann virke lettere at logge af end fysisk gå sin vij. Internettet tilbyder en høj grad af anonymitet for både kunde og sælger, men det tilbyder også en stor grad af bevægelses frihed, idet  den prostituerede i princippet kann være alle steder, mens han aftaler møder med kunder“.

 

16  Vgl. Peter Edelberg: Trækkerdrenge og hattedamer.

 

17  Nach Teuerkauf: Lebenssituationen von mann-männlichen Prostituierten (2003) spielt Zuhälterei in der mann-männlichen Prostitution keine Rolle, während sie nach Wright und Noweski (S. 27f.) vorhanden, aber schwer nachzuweisen ist, eine Position, die ich teile.

 

18  Vgl. die Meldung Männlicher Prostituiertenring ausgehoben. Die spanische Polizei hat erstmals einen Zuhälterring zerschlagen, der Männer zur Prostitution gezwungen hat (vgl. Spiegel Online, 31. August 2010).

19  Vgl. Leddick, David und Sanchez, Heriberto und Vance, David: Escort. Men who sell sex (2009), deutsch: Escorts (2011). Von den 40 erwähnten Escorts haben 17 ein abgeschlossenes Studium, 9 hatten eine Berufsausbildung, für die ein mittlerer Schulabschluss notwendig war.

 

20  Vgl. Leddick/Sanchez/Vance: 28 der verzeichneten 40 Escorts gaben an, schwul zu sein, 4 bezeichneten sich als heterosexuell, 8 als bisexuell unterschiedlicher Abstufung.

 

21  Ralf Rötten sagte in einem Interview mit Gay Dating Tricks am 7. Dezember 2008: „Es ist relativ einfach, 800 Euro im Monat zu verdienen; für denjenigen, der mehr verdienen will, wird es jedoch sehr anstrengend“

Deutsche Agenturen für männlichen Begleitservice für Frauen gehen von einem Stundenpreis von 100,- bis 200,-€ aus, wobei die Agentur allerdings einen beträchtlichen Anteil (mindestens 25%) beansprucht und einbehält.

Zu Doppelleben und Isolierung vgl. auch Damsgaard/Bro/Dallerup S. 48f., 78f.

 

22  Der Rat, keine Drogen zu nehmen und keinen Alkohol zu trinken, wird auch von vielen Escorts gegeben, deren Biographien Leddick/Sanchez/Vance mitteilen.

 

23  Vgl. auch Wright/Noweski S. 31f.

 

 

                                                             Literatur

 

Algieri, Angelo: Unser Stricher, der ewig gefallene Engel. Queer.de. 27.9.2014

 

Bader, Birgit und Lang, Elinor: Stricher-Leben. Hamburg 1991

 

Bech-Jessen, Freja: Drenge sælger sex for opmærksomhed. In: Kristeligt Dagblad. 30.4.2006

 

Christensen, Dan E: Unge og prostitution – et overset problem. PRO-Centret København 2003

 

Damsgaard, Max; Bro, Rebecca; Dallerup, Julia W.: Mandlig Prostitusjon – Italesættelse af en usynlig gruppe. Sundhedsfremme og sundhedsstrategier. Roskilde 2007

 

Edelberg, Peter: Trækkerdrenge og Hattedamer. In: Information. 27.10.2007

 

Gay, Robert A.: Trækkerdrenge. København 1968

 

Koch, Knut: Barfuß als Prinz. Berlin 1993, München 1996, Berlin 2012

 

Lautmann, Rüdiger: Arbeiten auf dem Männerstrich – Stationen einer Karriere. Vortrag zur Fünfjahresfeier von „Café Strich-Punkt“ in Stuttgart am 11. Oktober 2002. Internetfassung

 

Lautrup, Claus und Heindorf, Jette: Mandlig Prostitution. VFC Socalt Udsatte. København 2003

 

Leddick, David; Sanchez, Heriberto; Vance, David: Escort, Men who sell sex. Miami Beach. Florida 2009. Deutsche Ausgabe: Escorts. Berlin 2011.

 

Lloyd, Ellen: Der Stricher. Niebüll 2002

 

Moore, Oscar: A Matter of Life and Sex. London 1991. Deutsche Ausgabe: Verglüht. Berlin 1993.

 

Moran, Alec F.: s. unter Moore, Oscar

 

Pahlke, Arne: Sonne, Blut und Sterne. Hamburg 2000

 

Ross, Steve und Gluth, Anna Maria: Callboy Steve. Die Autobiographie einer männlichen Hure. Berlin 2008

 

Schröder, Hartwig: Kleine Hafennutte. Internet Blog 2007/08; ders.: Mein Prinz, der Callboy. Frankfurt am Main 2009

 

Simonsen, Jan: Guttene fra Yorkstrasse. Rasta 2005

 

Solevåg, Asbjørn und Isachsen, Margareth: Rapport fra prosjekt “Å nå gutter som prostituerer seg for å muliggjøre Hiv-forebyggende arbeid. Oslo 1993

 

Teuerkauf, Frank: Lebenssituation von mann-männlichen Prostituierten (Strichern) – Hintergründe – Perspektiven – sozialpädagogische Konsequenzen und Projekte. Dortmund 2003

 

Yildiz, Cem: Fucking Germany. Das letzte Tabu oder mein Leben als Escort. Frankfurt am Main 2009

 

Wright, Michael T. und Noweski, Michael: Internetstricher. Eine Bestandsaufnahme der mann-männlichen Prostitution im Internet. Veröffentlichungsreihe der Forschungsgruppe Public Health. Schwerpunkt Arbeit, Sozialstruktur und Sozialstaat Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin 2006.

 

© 27.7.2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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