Queere Studierende

 

 

 

                             Vortrag am 1. August 2018 an der Hamburger Universität

                             Vortrag am 18. November vor der Geschichtswerkstatt Finkenwerder

 

 

 

                                                          Liberales Hamburg?

 

Zu Beginn eine Zahlenspielerei: Wenn es richtig ist, dass rund 5 % der Bevölkerung gleichgeschlechtlich und noch einmal fünf Prozent bisexuell empfinden, ist der Anteil dieser Menschengruppe in der zweitgrößten Stadt Deutschlands nicht unerheblich. Bei 1.763.000 Einwohnern im Jahr 2015 entspräche er mit rund 90.000 bzw. 180.000 Personen der Größe einer ansehnlichen Mittelstadt bzw. einer deutschen Großstadt. Derartige Zahlen sind eindrucksvoll, auch wenn man von ihnen Neugeborene, Kinder vor der Pubertät und Jugendliche, die sich über ihre sexuelle Orientierung noch nicht im klaren sind, abzieht. Doch fragt man sich, wo diese Schwulen, Lesben und Bisexuellen stecken. 150 bis 200 von ihnen arbeiten in den Institutionen der schwulen, lesbischen, transgendrischen Community mit, einige Hundert besuchen einschlägige Lokale, Bars, Cruisingorte und Pornokinos, ein paar Tausend sind beim CSD  sichtbar zusammen mit Gleichgesinnten aus anderen Städten. Und der „Rest“? Der „Rest“, d. h. die übergroße Mehrheit aller Schwulen, Lesben, Transgender verhält sich unauffällig, ist unsichtbar, ohne dass er zwingend „im Schrank“ lebt.

Das Bild aber „des“ Schwulen oder „der“ Lesbe in der Öffentlichkeit wird geprägt von Menschen, zu deren Selbstverwirklichung ein besonderes Auftreten und Outfit gehören, das ebenso positives Aufsehen erregen kann (beispielsweise angesichts der Dragqueens während der CSD-Demo) wie zu Ablehnung, Diskriminierung, Beschimpfungen und körperlichen Angriffen zu führen vermag. Was hier etwas theoretisch klingt, beruht auf den Erzählungen eines jungen Schwulen und einer Lesbe am 9. Juli 2018 beim allmonatlichen Pride Salon, die Hamburg auf den Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus nicht so tolerant erleben, wie sich die Freie und Hansestadt gerne darstellt, sondern ‒ im Gegenteil ‒ ablehnend, lächerlich machend, die Verfolgungen während der NS-Zeit herbeisehnend.

Und während zahlreiche Hamburger Institutionen und Firmen zum CSD die Regenbogenfahne hissen, tut der Hamburger Rechtsanwalt und Göttinger Juraprofessor Christian Winterhoff mit seinem Rechtsgutachten für den Verein Echte Toleranz e. V. alles, um sexuelle Vielfalt zu diskreditieren, Aufklärung über unterschiedliche Sexualitäten zu behindern bzw. unmöglich zu machen und  statt Akzeptanz die strikte Ablehnung anderer als heterosexueller und familiengeprägter Lebensweisen zu propagieren. Wohin derlei führen kann, haben wir alt gewordenen Homosexuellen in schlechter Erinnerung: zu Entrechtung, Verfolgung, Selbstmorden, Zwangskastrationen, Einweisung in Konzentrationslager usw. Der Name des Vereins Echte Toleranz pervertiert die Bedeutung des Wortes „Toleranz“, verkehrt dessen Sinn in sein Gegenteil. De facto handelt es sich bei dem Verein „Echte Toleranz“ um eine Art Kampftruppe gegen Toleranz.

 

Das ambivalente Verhältnis gegenüber Homosexuellen, die Gleichzeitigkeit und  das Nebeneinander von aufgeschlossener, toleranter, akzeptierender Haltung gegenüber homosexuellen Menschen einerseits und Repression, Diskriminierung, Verächtlichmachung andererseits, ist in Hamburg immer wieder zu beobachten.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Bund einen Flickenteppich von Rechtsvorschriften, die gleichgeschlechtliche Handlungen betrafen und die von völliger Straffreiheit in Bayern bis zu empfindlichen Strafen anderenorts reichten (Die Geschichte des § 175, S. 30-32). Die Reichsgründung führte mit dem Reichsstrafgesetzbuch, das 1872 in Kraft trat, Rechtsgleichheit herbei.  Mit dem § 175 etablierte es ein Sonderstrafrecht für gleichgeschlechtliche Handlungen unter Männern ‒ einer der ganz wenigen Strafrechtsparagraphen, mit dessen Hilfe etwas bestraft wurde, das niemanden schädigte und das in gegenseitigem Einvernehmen stattfand. § 175 betraf  nach höchstrichterlichen Entscheidungen allerdings nur beischlafähnliche Handlungen, d. h. zunächst Anal-, später auch Oralverkehr. Und so konnte Manfred Herzer im Katalog Goodbye to Berlin. 100 Jahre Schwulenbewegung (Berlin 1997, S. 28) feststellen, dass anders als für Baden oder Bayern der § 175 StGB für Hessen, Nassau, Sachsen und für HAMBURG eine Milderung der bis dahin geltenden Strafvorschriften“ bedeutet habe.

Doch ist zweierlei zu beachten:

1. Der § 175 StGB der Kaiserzeit und der Weimarer Republik war nicht die einzige Strafrechtsbestimmung, mit der homosexuelle Handlungen kriminalisiert werden konnten. Viel gefährlicher waren oft die §§ 183 (Erregung eines Ärgernisses in der Öffentlichkeit) und 185 (Beleidigung auf sexueller Grundlage), weil hierbei von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft keine beischlafähnlichen Handlungen nachgewiesen werden mussten.

2. Die Strafrechtsbestimmungen sind das eine, die Reaktion der Zivilgesellschaft auf Homosexualität und Homosexuelle das andere. War die Stimmung im Deutschen Kaiserreich zunächst durchaus nicht generell homosexuellenfeindlich, so änderte sich das durch die Krupp-Affäre (1902) und vor allem die Harden-Eulenburg-Affäre (1907-1909), in der Hamburg insofern eine Rolle spielt, als die Hetze gegen Homosexuelle vor allem auch von dem ehemaligen Reichskanzler Bismarck im Hamburg benachbarten Sachsenwald ausging, denn ist eine menschliche Verhaltensform erst einmal kriminalisiert, so öffnet dies Erpressung und Instrumentalisierung Tor und Tür. Um Rivalen oder politisch, wissenschaftlich oder aus anderen

Gründen missliebige Personen los zu werden, braucht man sie beispielsweise nur als Homosexuelle zu verdächtigen. So denunzierten Karl Marx und Friedrich Engels den Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Johann Baptist von Schweitzer, August Bebel den Parteigenossen Theodor von Wächter, der Philosoph Theodor W. Adorno den Historiker Golo Mann, Göring den General von Fritsch, die SED-Führung den DDR-Justizminister Max Fechner. Goebbels sah in allen katholischen Ordensleuten und Priestern Homosexuelle, und Maksim Gorkij wird die Bejahung folgenden Satzes zugeschrieben: rotte man die Homosexuellen aus, dann rotte man den Faschismus aus . Uns Älteren sind aus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Helmut von Grolman- und die Günter Kießling-Affäre geläufig. Würde mir jedes Wort dieses Manuskripts bezahlt, dann könnte ich mit der Aufzählung weiterer Fälle ein Monatseinkommen verdienen.

Die erwähnten Beispiele zeigen noch etwas anderes: Kämpferische Ablehnung von Homosexuellen einerseits und andererseits die Fähigkeit zu Toleranz gegenüber abweichendem sexuellen Verhalten lassen sich nicht in das Rechts-Links-Schema einordnen. Wenn es ums Eingemachte geht, sind die Linken nicht weniger homophob als die Rechten, die Atheisten nicht weniger als Katholiken oder Protestanten.

 

Im Deutschen Kaiserreich war Hamburg die zweitgrößte Stadt. Diese Position hat es auch im heutigen Deutschland. Von rund 290.000 Menschen im Jahr 1880 stieg die Einwohnerzahl auf ca. 930.000 (1910) bis 1.787.408 im Jahr 2015.

Das rapide Anwachsen der Bevölkerung im Zuge der Industriellen Revolution, der Binnenimmigration aus Holstein, Mecklenburg und den preußischen Ostprovinzen, die Position als führende deutsche Handels- und Schifffahrtsstadt führte dazu, dass sich Hamburg auch zu einer Homosexuellenhochburg  entwickelte: Es gab im Kaiserreich Schwulenlokale (vermutlich mehr als 2018), Klappen, Cruisinggebiete (z. B. die Grünanlagen an der Lombardsbrücke), natürlich auch mann-männliche Prostitution, insbesondere im Umkreis des am 6. Dezember 1906 eröffneten Hamburger Hauptbahnhofs.

Auch das 1897 in Berlin von Magnus Hirschfeld, Max Spohr, Eduard Obeg und Franz Joseph von Bülow gegründete Wissenschaftlich humanitäre Komitee (WhK), das sich für die Aufhebung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle einsetzte und für dieses Ziel zahlreiche Intellektuelle mobilisieren konnte, hatte in Hamburg zahlreiche Anhänger.

 

Unsichtbar also waren gleichgeschlechtlich empfindende Männer im Kaiserreich nicht ‒ und auch nicht deren Diskriminierung und Verfolgung: sie wurden in der Presse verächtlich gemacht und verloren ihre bürgerliche Reputation, wenn ihre Veranlagung öffentlich wurde. Homosexuelle waren tagaus, tagein von den §§ 175, 183 und 185 bedroht, wenn sie nicht enthaltsam lebten, wie die erhalten gebliebenen Strafakten von Männern zeigen, die wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen vor Gericht gestanden hatten, wobei die ausgesprochenen Strafen allerdings geringer waren als in späterer Zeit, vorausgesetzt dass es sich nicht um Missbrauchsfälle handelte.

Nicht geringer als die Gefahr durch Strafgesetzbuchparagraphen war diejenige durch Erpresser. Viele der erpressten Männer sahen einen Ausweg nur in der Selbsttötung, da der § 154 b, der dem erpressten Mann einen gewissen Schutz bot, wenn man eine Erpressung anzeigte, erst am 28. Juni 1935 in die Strafprozessordnung aufgenommen wurde.

 

Vor dem Hintergrund der Homosexuellenverfolgung der NS-Zeit erscheinen in der wissenschaftlichen und in der Erinnerungsliteratur die Kaiserzeit und die nachfolgende Weimarer Republik im Hinblick auf homosexuelle Menschen vielfach als eine

Art Verfolgungsidylle. Das aber waren diese beiden Zeiträume keinesfalls mit ihren Registrierungen, Razzien, Überwachungen, Strafurteilen und Demütigungen im Namen der Moral, der Volksgesundheit, des Jugendschutzes, der Familienideologie, des Bevölkerungswachstums. Alles war schon da oder angedacht und vorgeschlagen, was dann in der NS-Zeit rücksichtslos durchgesetzt und exekutiert wurde.

 

Die Rechtsgrundlage der Kaiserzeit bei gleichgeschlechtlichen Handlungen wurde in der Weimarer Republik unverändert beibehalten, auch wenn Versuche gemacht wurden, den § 175 StGB abzuschaffen. Gleichgeschlechtliche Handlungen wurden bis zu ihrem Ende wie im Kaiserreich nach den §§ 175, 183, 185 StGB bestraft.

Hamburg war auch während der Weimarer Republik eine Homosexuellenhochburg. Wer hier (wie auch in Berlin oder München) zur Bohème gehörte, Künstler, unabhängig, als eigener Arbeitgeber selbständig war, nicht denunziert oder in einen Skandal verwickelt wurde, hatte während der 13 Jahre zwischen 1919 und Ende 1932 als Homosexueller wenig zu befürchten. Anders allerdings erging es den abhängig Beschäftigten, denen Verlust des Arbeitsplatzes und damit Arbeitslosigkeit drohte, wenn ihre sexuelle Präferenz offenbar wurde. Allerdings konnten in Hamburg homosexuelle Männer bisweilen sogar mit Unterstützung und Hilfe der  Homosexuellenabteilung der Kriminalpolizei rechnen, deren leitende Beamte Kriminaloberinspektor Rudolf Förster und Kriminalinspektor Paul Tripke gute Beziehungen zur schwulen Szene hatten und die sogar noch in den Anfangsjahren der NS-Zeit Homosexuelle zu schützen suchten. Die homosexuelle Subkultur blühte in Lokalen unterschiedlichen Niveaus, an Treffpunkten aller Art. Und in den Theatern der Hochkultur, insbesondere in den Kammerspielen im Besenbinderhof, wurden zahlreiche Stücke zeitgenössischer Autoren mit homosexueller und lesbischer Thematik gespielt.

 

Als es wegen Vorwürfen des Missbrauchs in einem Thüringer Internat 1920/21 zu einem Prozess gegen den Reformpädagogen Gustav Adolf Wyneken (1875-1964) kam und dieser zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, empörten sich Hamburger und Altonaer Zeitungen, verteidigte ihn der Leiter der reformerischen Lichtwarkschule Dr. Jäger und konstituierte sich der Wyneken-Kampfausschuß (WKA) mit einer Geschäftsstelle in der Schäferkampsallee 11.

 

Und der homosexuelle Arzt Dr. Andreas Knack (1886-1956), Mitbegründer der Hamburger Gesellschaft für Sexualforschung, Vorstandsmitglied der WhK , war viele Jahre lang Mitglied der SPD-Bürgerschaftsfraktion und wurde Direktor des Barmbeker Krankenhauses.

 

Ein rundherum fast positives Bild also? Doch Vorsicht!

 

Hamburg (wie Berlin oder München) war nicht Deutschland. In den Mittel- und Kleinstädten sowie den  Dörfern herrschte bis Ende des 20. Jahrhunderts vielfach ein  unfreundliches, oftmals feindseliges Klima gegenüber Menschen, die sich nicht heteronormativ verhielten. Der Leiter des Saarbrücker Stadtarchivs erzählte mir vor wenigen Wochen, dass in den kleinen saarländischen Berg- und Hüttenarbeiterorten noch in den 1960er bis 1980er-Jahren Schwule ganz selbstverständlich Prügel bezogen, eine „in die Fresse“ bekamen. Unter diesen Umständen waren junge Homosexuelle, sofern sie nicht schleunigst ihren Heimatort verließen und in die Metropolstädte flüchteten, vereinzelt oder passten sich, wollten sie akzeptiert oder wenigstens in Ruhe gelassen werden, der Umgebung an, zogen mit anderen jungen Männern durch die Kneipen, fuhren mit ihnen nach Saarbrücken in den Puff und heirateten wider besseres Gefühl. In meiner Generation bin ich bei Treffen mit gleichaltrigen Schwulen oft der einzige, der nicht verheiratet war und Kinder gezeugt hat, da ich rechtzeitig die Konsequenzen aus meiner sexuellen Veranlagung gezogen hatte.

 

Zurück nach Hamburg während der Weimarer Republik: Die relative Toleranz gegenüber Homosexuellen und Lesben in den deutschen Großstädten zwischen 1919 und 1932 erwies sich als brüchig, als die strikt homophobe NSDAP (ausgenommen Ernst Röhm) erstarkte.

1928 lösten z. B.  Rechtsradikale im Hamburger Deutschen Schauspielhaus einen Skandal aus, als sie eine Aufführung des homosexuellenfreundlichen Stücks Die Verbrecher von Ferdinand Bruckner mit Gejohle, Stinkbomben, Nies- und Juckpulver störten.  ‒ Ein Fanal!

 

Nein, Hamburg war in der Weimarer Republik kein Eldorado für Homosexuelle. Aber dennoch: Es sollten viele Jahre vergehen, bis in der Freien und Hansestadt wieder eine ähnlich offene Haltung gegenüber Homosexualität und Homosexuellen möglich war wie während einiger Jahre der Weimarer Republik.

 

In der NS-Zeit wurde Deutschland ein zentralistischer Staat. Vieles, was vorher in den einzelnen Ländern eigenständig entschieden worden war, wurde nun durch Weisungen, Anordnungen und Befehlen aus Berlin geregelt. Ob es Unterschiede in der Durchsetzung derartiger Anordnungen und Befehle gab, ist schwer zu belegen. Vor drei Wochen hörte ich im Rheinland von einem Mann, der sich auskennt, dass im Gerichtsbezirk Düsseldorf die Homosexuellenverfolgung härter als anderswo gewesen sei. Das trifft möglicherweise für die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester während der Jahre 1936 und 1937 zu. Gilt dies aber  auch generell? Dass in einem einzigen Straf-Verfahren gegen 50 und mehr Männer wegen gleichgeschlechtlicher Kontakte ermittelt wurde, gab es nicht nur in Düsseldorf, sondern 1938/39 beispielsweise auch auf Helgoland mit anschließendem Prozess in Cuxhaven.

 

In Hamburg wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gerne behauptet, dass die Freie und Hansestadt weniger nationalsozialistisch gewesen sei als andere deutsche Großstädte. Mit der Realität hat das nichts zu tun: weder war der Gauleiter und  Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900-1969) gemäßigter und „anständiger“ als seine Kollegen im übrigen Deutschland, noch ging es im Hamburger Konzentrationslager Neuengamme mit seinen zahlreichen Nebenlagern in Norddeutschland humaner zu als in Dachau, Sachsenhausen oder  Buchenwald. Erreicht wurde mit den Reinwaschungsbehauptungen, dass Kaufmann sein Leben als gutsituierter Hanseat zu Ende führen konnte und dass das KZ Neuengamme erst viele Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in der Öffentlichkeit in seiner tatsächlichen Bedeutung und Funktion erkannt wurde (was auch an der Nachnutzung des Geländes als Justizvollzugsanstalt liegt). Und selbstverständlich war auch die Homosexuellenverfolgung  in Hamburg nicht weniger ausgeprägt als anderenorts, allerdings lief sie auf Grund der Haltung von Rudolf Förster und Paul Tripke zögerlicher an, was dann im Sommer 1936 nach konstruierten Vorwürfen gegen Förster, seiner Verhaftung und Dienstentlassung  zum Eingreifen eines Sonderkommandos der Gestapo führte, das Massenverhaftungen homosexueller Männer, u. a. im Kaufhaus Tietz, dem heutigen Alsterhaus, vornahm, die für die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen zuständige Abteilung der Hamburger Kriminalpolizei auf Vordermann brachte und auf den rigorosen nationalsozialistischen Kurs einschwor.

 

Die juristische Verfolgung sich gleichgeschlechtlich betätigender Männer wurde nach der Röhmaffäre  des Jahres 1934 durch die Neuformulierung des § 175 StGB und die Einführung eines völlig neuen § 175a verschärft. Diese neue Fassung trägt das Datum 28. Juni 1935, trat am 1. September 1936 in Kraft. (Es galt in der späteren Bundesrepublik Deutschland bis zur ersten Reform des § 175 im Jahre 1969, während die DDR bei § 175 zur kaiserzeitlichen Fassung zurückkehrte und das Strafmaß bei Verstößen gegen § 175a halbierte.) Strafbar als Vergehen wurde durch die Neufassung des § 175 alles, was sexuell verstanden und gedeutet werden konnte ‒ vom geilen Blick und einem zu langen Händedruck bis zu handfesten körperlichen sexuellen Praktiken aller Art. Der neue Paragraph 175a wertete sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren sowie mann-männliche Prostitution als Verbrechen, was eine Zuchthausstrafe zur Folge haben konnte. Weitere Verschärfungen brachte die Einführung des § 20a StGB mit dem Begriff „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ und des § 42e StGB, mit dessen Hilfe gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher Sicherungsverwahrung angeordnet werden konnte.

Neben dieser „ordentlichen Justiz“ gab es Sondergerichte mit enormer Machtbefugnis und Sondervollmachten , die bis zur Verhängung von  Todesurteilen nach § 175 reichten,  und eine „Nebenjustiz“ von Gestapo und Kriminalpolizei, durch die nach § 175 StGB verurteilte Männer nach Verbüßung ihrer Strafe und formalen Entlassung aus den Gefängnissen oder Zuchthäusern in Konzentrationslager eingewiesen werden konnten.

 

Wenn von den Opfern der Homosexuellenverfolgung der NS-Zeit gesprochen wird, ist üblicherweise von den Männern, die umgekommen sind, getötet und ermordet wurden sowie von denen, die nach den §§ 175, 175a StGB verurteilt worden sind, die Rede. Die zur Zeit in Publikationen genannten Zahlen von 8.000 bis 15.000 ermordeten bzw. 50.000 verurteilten Männern setzt eine hohe Glaubensbereitschaft voraus. Unerwähnt aber bleiben alle diejenigen Männer, die unter der Verfolgung gelitten haben, ohne von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft belangt worden zu sein, die jahrelang in Angst und Schrecken lebten sowie Diskriminierungen und Demütigungen ertragen mussten.

 

Wer allerdings meint, dass es in Hamburg während der NS-Zeit kein homosexuelles Leben gegeben habe, irrt. Zahlreiche Strafakten von Männern, die wegen Verstößen nach § 175 StGB vor Gericht standen, erwähnen zeitgenössische Treffpunkte, Parks, Klappen und Lokale. Gegenüber der Davidwache (heute Burger-King), also 10 Meter von der Polizei entfernt, befand sich während der NS-Zeit das Automatenlokal Minulla, das bei Homosexuellen besonders beliebt war. Und am heutigen Beatles-Platz, am Eingang zur Großen Freiheit gab es das Monte Carlo als Homosexuellenlokal, um nur zwei von fünf, sechs Schwulenlokalen auf St. Pauli zu nennen. Hätte die Polizei gewollt, sie hätte jeden Abend Verhaftungen vornehmen können. Aber vielfach wurde sie erst nach Denunziationen tätig. Wir gehen davon aus, dass zwischen zwei Dritteln und Dreivierteln aller Verfahren nach §§ 175, 175a StGB auf Denunziationen zurückzuführen sind, auf Denunziationen von Kollegen, Vorgesetzten, Verwandten, Freunden, Bekannten, Vermieterinnen und Vermietern.

 

Neben den überzeugten Exekutoren nationalsozialistischer Rechtsvorstellungen gab es in der Hamburger Justiz auch Männer, die weniger rigoros die einschlägigen Gesetze und Verordnungen umsetzten. Dem Homosexuellenhasser Staatsanwalt Nicolaus Siemssen, der allem Anschein nach Freude an der Verurteilung und Demütigung von Schwulen hatte, stand Staatsanwalt Ernst Buchholz gegenüber. Amtsgerichtsdirektor Erwin Krause, Mitglied der NSDAP seit Mitte der 1920er-Jahre, verfasste zwar entsetzliche Urteilsbegründungen, sprach   aber die niedrigsten Strafen aus. Dr. August Sommerkamp, später westdeutscher Fernsehrichter, konnte neben harten auch sehr milde und verständnisvolle Urteile fällen und zog sich aus dem Justizdienst in die Wehrmacht zurück. Und der Altonaer Richter Freiherr von Seydlitz-Kurzbach wagte es, die Ausstellung eines von Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft verlangten Haftbefehls gegen einen Homosexuellen abzulehnen. Ein williger Hamburger Kollege sprang schließlich für ihn ein.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich in den Westzonen die strafrechtliche Bewertung homosexueller Handlungen nicht. Allerdings stellten die  Sondergerichte ihre Arbeit ein und endete die nationalsozialistische „Nebenjustiz“, so dass beispielsweise  verurteilte Männer nach der Strafverbüßung entlassen und nicht in Konzentrationslager eingewiesen wurden. Die Besatzungsmächte sahen in der Fassung des § 175 von 1935 kein typisches NS-Gesetz ‒ schließlich wurden ja auch in ihren eigenen Ländern Schwule verfolgt. So galt seit 1934 in der Sowjetunion ein Gesetz, wonach der Geschlechtsverkehr unter Männern ein soziales Verbrechen war, das in leichten Fällen mit drei bis fünf Jahren Straflager geahndet wurde. Homosexualität lag damit auf einer Ebene mit den anderen sozialen Verbrechen Banditentum, Konterrevolution, Sabotage, Spionage (Hoffmüller/Neuer S. 37). Und in Frankreich wurden homosexuelle Handlungen noch 1960 offiziell zusammen mit Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Tuberkulose, Prostitution und Zuhälterei als „gesellschaftliche Plagen“ (fléaux sociaux) bezeichnet und behandelt.

Und auch die Haltung der deutschen Zivilgesellschaft gegenüber Homosexualität und Homosexuellen war gleich geblieben, denn die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit war ja von der deutschen Bevölkerung weitestgehend begrüßt worden ‒ wie ja auch die spätere Reform bzw. Abschaffung des § 175 eine politische Entscheidung und nicht etwa das Ergebnis einer Volksabstimmung war.

 

Wie ging es nun in Hamburg weiter? Aus der Konkursmasse des Deutschen Reiches entstand in den drei Westzonen die Bundesrepublik Deutschland. Deren größte Stadt war Hamburg. In ihr gab es selbstverständlich auch Homosexuelle – deutsche Homosexuelle und schwule Angehörige der britischen Besatzungstruppen, die in Hamburg stationiert waren. Und so entwickelte sich in den Trümmern der Stadt ein reges homosexuelles Leben mit einschlägigen Lokalen und Bars, mit  Klappen und in Parkanlagen. Selbstverständlich blühte auch die mann-männliche Prostitution, zumal britische Besatzungssoldaten mit Dingen bezahlen konnten, die  in Hamburg erst wieder nach der Währungsreform legal zu erwerben waren, d. h. mit guten Zigaretten, mit Kaffee, hochwertigen Lebensmitteln, Schokolade und Devisen. Und so erscheint Hamburg in der Literatur der ersten Hälfte der 1950er- Jahre erneut  als Homosexuellenhochburg. Doch Vorsicht! Denn interessant ist, wer diesmal das Urheberrecht für diesen Begriff hat. Die Formulierung, Hamburg sei ein Sammelbecken von Homosexuellen von nah und fern, stammt aus den Vierteljährlichen Sittenberichten der Hamburger Polizeibehörde vom 5. Januar 1954 und die Bezeichnung der Hansestadt als Hochburg der Homosexualität enthält die Doktorarbeit Das Phänomen der Strichjungen in Hamburg von Gerhard Kuhn aus dem Jahr 1955. Kuhn aber war ein entschiedener Verfechter der §§ 175 und 175a StGB und lehnte deren Abschaffung oder auch nur liberalere Handhabung ab. Wenn er nun behauptete, dass „Hamburg nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik zur Hochburg der männlichen Homosexualität geworden ist und damit das Erbe Berlins übernommen hat“,  ist seine Behauptung neben einer objektiv-korrekten Feststellung  auch eine zielgerichtete Projektion, um seine homophobe Position politisch durchzusetzen, denn in der Realität entsprach die Zahl der Homosexuellen-Treffpunkte lediglich der Einwohnerzahl der Stadt und erscheint uns heute keinesfalls überdimensioniert.

 

Und den Hamburger Homosexuellen begegnete keineswegs Wohlwollen von Seiten der Freien und Hansestadt – im Gegenteil: Die Haltung der Hamburger Polizei, der Verwaltung ‒ vor allem auch der Verwaltungsjustiz ‒  sowie von Hamburger  Bürgerschaft und den Parteien von der KPD über die SPD bis hin zu Deutscher Partei (DP) und der äußersten Rechten gegenüber den Homosexuellen war während der 1950er- bis  1980er-Jahre keinesfalls „liberal“, sondern ablehnend, ja geradezu feindselig: Diskriminierende Überwachung der Schwulen- und Lesbenlokale, Toilettenverbotsscheine, häufige Polizeirazzien, Einbau von Einwegspiegeln in öffentlichen Toiletten (Klappen), Verhinderung der Gründung von Homosexuellenvereinen, Indizierungen von Ausgaben der in Hamburg erscheinenden Schwulenpresse, Weigerung, homosexuelle KZ-Überlebende zu beschäftigen, Verweigerung jeglicher Entschädigung homosexueller Männer  für KZ-Haft und erzwungene „freiwillige Kastration“ , Kampf gegen das sogenannte Transvestitenunwesen usw.

(Zwei Ausnahmen: 1. Die Beamten der Hamburger Mordkommission arbeiteten bei den recht zahlreichen Morden im Homosexuellenmilieu professionell und in Abstimmung mit den Betreibern der Schwulenlokale. 2. Eine eigenständig differenzierte Haltung zu Homosexualität und Homosexuellen ist bei der Hamburger Strafjustiz zu beobachten.)

Und um es deutlich zu sagen: Es waren nicht „übriggebliebene“ Nazis, die hinter Diffamierungen, Anfeindungen und Schikanen standen, sondern Männer und Frauen, die von den Nationalsozialisten aus politischen Gründen verfolgt worden waren, die emigriert waren oder Konzentrationslager überlebt hatten. Genannt seien hier nur der Erste Bürgermeister Max Brauer (SPD), der Gesundheitssenator Friedrich Dettmann, der der KPD angehörte, und  der führende und einflussreiche SPD-Jugendpolitiker Max Zelck.  Bei einem solchen Personal benötigte die Politik der Fortsetzung der Homosexuellenverfolgung im Nachkriegs-Hamburg keine „alten Nazis“ (die damals im Übrigen in den „besten Jahren“ waren) ‒ doch konnte man sie später als Ausrede für eigenes Versagen verwenden.

 

Aber nicht nur lebende Homosexuellen wurden in Hamburg verfolgt, sondern auch tote, und zwar durch Löschung des historischen Gedächtnisses, indem zahlreiche erhalten gebliebene Justizakten der NS-Zeit , die Auskunft über sie hätten geben können, kassiert, d. h. im Reißwolf vernichtet wurden – und dies zwischen 1986 und 1996. Die Zahl der heute noch erhaltenen Akten nach §§ 175, 175a StGB der Reponierungsjahrgänge 1935 bis 1949 beträgt 1.850 von einst doppelt so vielen. „Akten nach § 183 […] und 185, die insbesondere vor der Verschärfung des § 175 im Jahr 1935 ein weiteres strafrechtliches Instrument zur Verfolgung gleichgeschlechtlich orientierter Männer waren“ blieben bestenfalls als 15. oder 10. Akte erhalten, schreibt Stefan Micheler, der seinerzeit zusammen mit Ulf Bollmann, Norbert Finzsch und anderen jungen Wissenschaftlern (aber keinem Geschichtsprofessor) gegen die Aktenvernichtung angegangen ist.

Verantwortlich für diesen barbarischen Akt war der  Leiter des Hamburger Staatsarchivs Prof. Dr. Hans-Dieter Loose (*1937).  Er hat inzwischen einen „würdigen“ Nachfolger in Dr. Udo Schäfer gefunden, denn erst vor wenigen Wochen, im Juli 2018 wurde ohne Not oder gar äußeren Druck ein u. a. für die Erforschung homosexuellen Lebens wichtiger Archivbestand völlig kassiert, und zwar „der komplette Aktenbestand 352-5 Gesundheitsbehörde ‒ Todesbescheinigungen mit einer vollständigen Überlieferung der  ärztlichen Todesbescheinigungen von 1876 bis 1942. In der standesamtlichen Überlieferung sind Todesursachen nur von 1939 bis ca. 1957 dokumentiert, die zudem nicht so ausführlich sind wie in der ärztlichen Bescheinigung. Insbesondere für die Anfangszeit der NS-Verfolgung, in der auch die Akten der Polizeibehörde über ‘unnatürliche Sterbefälle’ fehlen, sind uns nun die Möglichkeiten genommen, Suizide“, die bei verfolgten Juden und  Homosexuellen sehr häufig waren, nachzuweisen, schrieb mir am 22. Juli 2018 ein Gewährsmann.

 

So weit, so schlecht. Aber es gab in Hamburg auch Menschen, die sich gegen Homophobie und Homosexuellenverfolgung stellten – sei es als Selbsthilfe innerhalb der Community, sei es von außen.

Es gab ja nicht nur die einschlägigen Lokale zur Sexanbahnung und bzw. oder um einen Strichjungen zu finden, nicht nur die Klappen und Parks für Sexabenteuer, sondern auch Martin Reineckes Buchhandlung an der Oper mit ihrem Angebot an wissenschaftlicher und belletristischer Literatur zum Problemkreis Homosexualität, die überdies ein kleines Informations- und Kulturzentrum war.

In Hamburg wurde eine Reihe seriöser schwuler Zeitschriften, u. a. Hellas, Humanitas, Der Weg zu Freundschaft und Toleranz herausgegeben. Die meisten von ihnen waren kurzlebig und fielen restriktiven Maßnahmen der Verwaltungsjustiz, der Oberpostdirektion und vor allem der Jugendbehörde zum Opfer. Lediglich  Der Weg mit dem Vorgängertitel Die Insel erschienen von November 1951 bis Anfang 1970.

Weiterhin gab es Zusammenschlüsse wie den Hamburger Kreis, die Gesellschaft für Menschenrechte, die Internationale Freundschaftsloge (IFLO), die Internationale Homophile Weltorganisation (IHWO) und den Verband von 1974, in denen sich homosexuelle Menschen außerhalb der schwulen Subkultur treffen, miteinander diskutieren und gesellig sein konnten.

 

Die Buchhandlung an der Oper, die erwähnten Zeitschriften und Zusammenschlüsse sind Teil der Zweiten deutschen Homosexuellenbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu ihrer Ablösung durch die vor allem studentisch geprägten und aktionistisch auftretenden Dritten deutschen Homosexuellenbewegung in der Folge der 68’er – Ereignisse, die nicht mehr Anpassung an die Heterosexuellen und Toleranz von deren Seite anstrebten, sondern Akzeptanz und Emanzipation einforderten. Doch wunderte sich mancher Schwulenaktivist der 1970er- und 1980er-Jahre, der die Spießbürgerlichkeit der bürgerlichen Ehe und die anpasserische Haltung der IHWO gegeißelt hatte, über all diejenigen, die heute in der Homo-Ehe das Nonplusultra sehen und die Eheschließung nicht viel anders zelebrieren als die einst ironisch oder auch abschätzig belächelten Heteros. In der jetzigen Schwulenbewegung steckt mehr IHWO  (ohne deren politisches und vor allem auch historisches Bewusstsein zu besitzen) als vom Aufbruch der Schwulenbewegung der Vor-Aids-Zeit.

 

Ein interessanter Aspekt ist das Verhalten der Hamburger Strafjustiz in der Nachkriegszeit. Die Strafrichter waren kein monolithischer Block und hatten recht unterschiedliche Ansichten zum Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle.

1951 verurteilte Landgerichtsdirektor Fritz Valentin in einem Berufungsverfahren zwei Männer zu je 3,- DM, ersatzweise einen Tag Haft. Das war die geringst mögliche Strafe. Doch dieses Urteil wurde kein positives Fanal, es blieb zunächst die einzige Ausnahme von der Regel. Doch ließ die strafrechtliche Verfolgung nach §§ 175, 175a StGB seit Mitte der 1960er-Jahre erheblich nach. In Hamburg standen zwischen 1945 und 1969 insgesamt 6667 polizeilichen Täterermittlungen 2142 Verurteilungen gegenüber (32,13%). Für die Zeit zwischen der 1. und der 2. Reform des § 175, also zwischen 1969 und 1973, lauten die Zahlen 892:148 (16,6%), nach der Senkung der Schutzaltersgrenze auf 18 Jahre (1973) 411: 22 (5,3%). Die letzten Täterermittlungen (sie betraf 10 Personen) erfolgte in Hamburg 1994, die letzte Verurteilung nach § 175 aber schon 1976, also 18 Jahre früher (sie betraf 8 Männer).

Und die Urteile sahen seit langem nicht mehr nur zu verbüßende Freiheitsstrafen vor, sondern erkannten auf Bewährungs- oder Geldstrafen oder ‒ in mehr als 10%  aller Fälle ‒ auf Freispruch.

Für viele Angeklagte waren weniger die Ermittlungen und das Urteil das Hauptproblem, sondern ‒ selbst bei Freispruch ‒ die soziale Ächtung, der Arbeits- oder auch Wohnungsverlust, wenn bekannt wurde, dass sie „175er“ waren.

 

Bisher unerwähnt geblieben sind die Hamburger Initiativen, die die Aufhebung des § 175 zum Ziel hatten. Sie stellen ein Ruhmesblatt dar.

Rigoroser als Fritz Valentin war der Amtsgerichtsrat Dr. Buse in Hattingen/Ruhr, der einen 26jährigen Hüttenarbeiter und einen 23jährigen Bergmann, die 1951 „gemeinschaftlich Unzucht getrieben“ hatten, freisprach, weil er den § 175 StGB nicht mit dem Artikel 3 des Grundgesetzes für vereinbar hielt. (Rechtlich wirksam wurde dieses Urteil allerdings nicht, weil die von Staatsanwalt Dr. Müller eingelegte Berufung beim Landgericht Düsseldorf Erfolg hatte.)

Das Urteil und die Urteilsbegründung wurden von der Hamburger Arbeitsgemeinschaft zur Pflege der Humanität im Jahre 1954 zusammen mit einem längeren Beitrag Buses zur Frage der Strafwürdigkeit der Homosexualität und einem breiten Kommentar zur straftheoretischen Problematik des § 175 hektographiert und weiterverbreitet.

Unterzeichnet ist das Informationsmaterial der genannten Arbeitsgemeinschaft von Schrader, Pahl und Oskar Kertscher (1893-1956). Dessen bewegtes Leben zu schildern, ist hier nicht der Ort. Erwähnt sei nur, dass er 1946 von den Briten eine Lizenz für Übersetzungsdienste erhielt und eine Schreibstube gründete, aus der sich die Fix-Betriebe Kertscher entwickelten, die lange in Familienhand waren und noch heute existieren.

Und Kertscher war es, der 1952 zusammen mit dem Koch Günther Roebe (1918-1959) vor dem Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde gegen den § 175 StGB einbrachte, die mit Urteil vom 10. Mai 1957, ein Jahr nach Kertschers Tod, abgewiesen wurde.

 

In Großbritannien sah es für Homosexuelle nicht besser aus als in Deutschland. Die dortige Entwicklung, der zunehmende Protest gegen die strafrechtliche Verfolgung der Homosexuellen, vor allem in England, beeinflusste sie deutsche Homosexuellenbewegung insbesondere in Hamburg. In Großbritannien erschütterte 1954 der sogenannte Montagu-Skandal die Öffentlichkeit, in dessen Verlauf Edward Lord Montagu of Beaulieu, Major Pitt-Rivers und der Journalist Peter Wildeblood (1923-1999) am 9. Januar 1954 auf rechtswidrige Weise verhaftet und am 24. Mai desselben Jahres in einem vorurteilsgeladenen Prozess zu 12 bzw. 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurden. Dieser Prozess und Wildebloods Erlebnisbericht unter dem Titel Against the Law von 1955 führten zu erheblichen Gegenreaktionen. So setzte sich in England die anglikanische Kirche mit dem Interim Report (1954), der protestantische Bischof von St. Albans mit dem Bericht Sexual Offenders and Social Punishment (1955), die Katholische Kirche mit dem Griffin Report (1956) des Erzbischofs von Westminster und Kardinals Bernard William Griffin (1899-1956), die Konservative Partei mit dem Wolfenden Report (1957) des John Frederick Wolfenden Baron Wolfenden (1906-1985) und die Quäker mit dem Quäker-Report von 1963 für eine Reform des gegen Homosexuelle gerichteten Strafrechts ein.

Zeitgleich  popularisierte der Hamburger Rechtsanwalt und Barrister at Law Albrecht Diederich Freiherr Dieckhoff (1896-1965) mit seinen Übersetzungen und Veröffentlichungen die genannten englischen Reformschriften in Deutschland, die die Hamburger Unterstützerszene für die Reform bzw. die Aufhebung des § 175 StGB beeinflussten.

 

Diese Unterstützerszene für eine Reform bzw. die Abschaffung des § 175 StGB war recht heterogen

Zu ihr gehörte der Publizist Rolf Italiaander mit seinem Theaterstück Das Recht auf sich selbst, das 1952 in den Kammerspielen von Ida Ehre aufgeführt wurde. Es wurde unter dem Eindruck der Frankfurter Homosexuellenverfolgung und –prozesse von 1950/51 geschrieben. Italiaander gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Freien Akademie der Künste, zu der zahlreiche bekannte Homosexuelle gehörten (z. B. der Schauspieler und Theaterintendant Gustaf Gründgens, der Publizist Karl Hiller, der Schriftsteller Peter Martin Lampel, der Architekt Rudolf Lodders und der Stadtplaner Gustav Oelsner). So wichtig die Freie Akademie auch für das kulturelle Leben des Nachkriegs-Hamburgs war, für die Abschaffung des § 175 hat sich öffentlich letzten Endes nur Italiaander aktiv eingesetzt.

 

Ganz anders Juristen, die der lutherischen und der reformierten Kirche angehörten, ein christliches Welt- und Familienbild hatten und mit der Evangelischen Akademie in der Esplanade, dem reformerischen Hamburger Protestantenverein und der Reformierten Kirche verbunden waren. Einige Namen seien genannt: Rechtsanwalt Dieckhoff, Landgerichtsdirektor Dr. Friedrich Wilhelm Bertram, Fritz Valentin, Arbeitsgerichtsdirektor Dr. Hannes Kaufmann, Landgerichtspräsident Dr. Johannes Meyer (und überdies der Gefängnisarzt Karl Knop.) All diese Personen richteten gemeinsam oder in wechselnder individueller Zusammensetzung Petitionen an die Verfassungsorgane Bundestag und Bundesrat mit der Forderung, den § 175 abzuschaffen.

 

Dieselbe Position vertraten außerhalb der Kirche die drei Rechtsanwälte  Dr. Heinrich Ackermann, Dr. Herbert Ernst Müller und Dr. Friedrich Franz Reinhard. Letzterer verteidigte zahlreiche angeklagte Homosexuelle (u. a. die beiden Männer im Prozess, der zu dem Drei-Mark-Urteil geführt hatte) und war juristischer Berater der Zeitschrift Die Freunde und der IHWO.

 

Als letztes sei die Isermeyer-Reinhard-Petition von 1963 erwähnt. Sie wurde von zahlreichen Hamburgern unterzeichnet, von homosexuellen, aber vor allem auch heterosexuellen. Sie trägt außer den Unterschriften von Rechtanwalt Reinhard und dem Kunsthistoriker Isermeyer diejenigen der Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, des Journalisten Axel Eggebrecht, des Malers Ivo Hauptmann, der Schauspieler Werner Hinz und Will Quadflieg , des Architekten Kallmorgen, auf dessen Hafenspeicher die Elbphilharmonie thront, und der Verleger Ledig Rowohlt.

 

Was die Unterstützerszene zur Aufhebung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen anbelangt, stand Hamburg während der  1950er, vor allem aber in den 1960er-Jahren in Deutschland ganz vorn und war ‒ wenn man so will ‒ nicht nur liberal, sondern auch die Hauptstadt der Reformbemühungen in der Bundesrepublik Deutschland..