Tore Renberg

 

                                                       Mannen som elsket Yngve

 

                                            Forlaget Oktober, 1. Auflage Oslo 2003

                                     

  (Zitiert wird im Folgenden nach der Taschenbuchausgabe des genannten Verlages von 2008)

 

 

 

 

Stavanger 1990: Hauptort der norwegischen Erdölindustrie. Mittelstadt mit Schulen, Sportstätten, Jugendklubs. Für junge Leute eher langweilig als anregend.

 

Dort leben der Ich-Erzähler Jarle Klepp, sein Kumpel Helge und Jarles Freundin Katrine. Sie sind siebzehn Jahre alt und besuchen dieselbe Schule.

Jarle und Katrine schlafen zusammen und ziehen dabei viele Register sexueller Lust.

 

Die drei Jugendlichen verstehen sich als alternativ und dokumentieren dies in Kleidung, Haarlänge, Musikgeschmack, Benehmen.

Ihre Gegner – oder auch Feinde – sind entweder die freikirchlichen Christen mit deren Moralvorstellungen oder die „angepassten“, „rechten“ Jugendlichen, die zur Businesswelt gehören, Popmusik mögen und Mitglieder konservativer  Verbände sind Doch verbindet die drei Freunde mit ihren rechten Gegnern der  Konsum von Alkohol und Drogen.

 

Helge stammt aus einer klassenbewussten Arbeitnehmerfamilie; seine Eltern bekleiden Funktionen in der norwegischen Arbeiterpartei und der Gewerkschaft.

Jarle ist bürgerlicher Herkunft und gefällt sich  in besonders radikalen, als links verstandenen Ansichten. Seine Eltern sind geschieden. Jarle lebt bei seiner Mutter, an der er so hängt, wie es einem siebzehnjährigen möglich ist. Den gut verdienenden Vater, der Alkoholiker ist, lehnt er ab, doch ist er unentbehrlich, wenn Jarle Geld braucht.

Im Laufe des Romans wird Jarles Mutter arbeitslos, was in ihr Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle auslöst und sie krank werden lässt. In dieser Situation ist ihr der Sohn nur bedingt eine Stütze.

 

Jarle, Helge und der etwas ältere Andreas haben sich zu einer alternativen, systemkritischen Band zusammengefunden, mit der sie die Gesellschaft revolutionieren wollen und deren erstem Auftritt sie entgegenfiebern.

 

Die geschilderte Konstellation – gleichsam eine „heile Welt“ -, der nichts Außergewöhnliches und Spannendes anhaftet und die sich auf dem Niveau der zeitgenössischen gesellschaftskritischen literarischen Massenproduktion mit ihren Klischees bewegt, verändert sich und wird in ihren klaren Freund-Feind-Positionen in Frage gestellt, als der Ich-Erzähler Jarle Klepp einem neuen Mitschüler begegnet, der ihn fasziniert und körperlich anzieht: Yngve. Liebe auf den ersten Blick – oder in der norwegischen Version: „At du kjenner det som om du står et kyss fra lykken“. Diesen Kuss weiterzugeben, Yngve zu küssen, wird für Jarle zur Idée fixe, die er am Ende des Romans umsetzt. Der letzte Satz lautet: „Jeg kysset Yngve“ (S. 382).

Jarle nimmt jeden Körperteil Yngves wahr: Zunächst seinen Mund: „Han hadde fyldige lepper, kraftige, ikke kvinnelige, og en forsiktig framskutt, litt pikelig amorbue. Munnevikene trakk seg en  tanke nedover, noe som ved første øyekast ga en følelse av tristhet. Men når Yngve smilte, forandra denne detaljen hele ansiktet hans…Leppene hade fin farge, varmt røde mot den bleke huden, fin og litt sart…Av alle tingene jeg aldri gjorde mens jeg hadde muligheten, er det dette som plager meg mest. Munnen til Yngve. Hvorfor kysset jeg ham ikke?“ (S. 17).

Später, beim Duschen nach dem Tennisspielen, wird es die ganze Gestalt des ein Jahr älteren jungen Mannes sein, die Jarle gefällt und die ihn berührt.

 

Jarle gerät aus dem Gleichgewicht, aus der Sicherheit, nur Mädchen attraktiv zu finden – „og så kom Yngve“ (S. 25).

Im Unterschied zu anderen Schulkameraden war „Yngve … ikke påfallende morsom. Yngve var ikke søt. Yngve var vakker og foruroligende“ (S. 20).

Jarle verliebt sich in den Mitschüler; er beginnt, die Kontrolle zu verlieren (S. 25), und gesteht sich ein: „Jeg var forelskelsens marionette“.

Jarle verändert sich – er rückt von seinen radikalen Ansichten ab, achtet auf sein Äußeres, lässt sich die Haare schneiden, geht im musikalischen Geschmack Kompromisse ein, beginnt sogar – geradezu paradigmatisch für eine dekadente Haltung in den Augen der „Alternativen“ – Tennis zu spielen, um mit Yngve, einem ausgezeichneten Tennisspieler, zusammen sein zu können.

Dies bringt Jarle in Gegensatz zu seinem bisherigen Freundeskreis, dem er ebenso wenig wie seiner Mutter zu erzählen wagt, dass er sich in einen Jungen verliebt hat. Um sein Gesicht zu wahren, belügt er alle – sogar sich selbst, indem er mehrfach versucht, der „alte Jarle“ zu sein.

Jarle lässt sich treiben, reagiert statt zu agieren, gibt sich nicht wirklich Rechenschaft über die „Verwirrung“ seiner Gefühle. Er ist sich durchaus darüber im Klaren, dass er mit seinen Gefühlen Grenzen überschreitet. Er wagt es aber nicht, sich ernsthaft die Frage zu stellen, ob er nicht auch eine homosexuelle Seite habe: „Yngve var jo en gutt. Og jeg var en gutt. Og jeg er ikke homo, for å si det enkelt. Tvert om“ (S. 25).

Und ohne Vorurteile gegenüber Homosexuellen ist Jarle nicht, wie der folgende Satz des scheinbar liberalen und aufgeklärten Siebzehnjährigen zeigt: „Jeg var ikke homofob, og mine politiske holdninger tilsa at jeg var liberalt innstilt til homosaken, kom igjen, sa jeg, la dem gifter seg, la dem få ha barn, kjør på; men selv holdt jeg en helt klar distanse til sånt. Det var ikke meg. Det var ikke min stil. Jeg tenkte ikke på gutter“ (S. 25) – bis Yngve in Jarles Leben tritt.

Im Roman kommt es zu keiner sexuellen Annäherung zwischen Jarle und Yngve – nicht zuletzt weil in einer Situation, in der dies hätte geschehen können, Helge in den Duschraum kommt (S. 234f.). Dieser aber unterstellt allem Anschein nach den beiden eine homosexuelle Beziehung (S. 236, 291, 348).

 

Der erste  (und auch letzte) öffentliche Auftritt von Jarle, Helge und Andreas mit ihrer ambitionierten alternativen „Mathias-Rust-Band“ wird ein Misserfolg: Helge und Andreas sind bekifft und angetrunken; fehlende Routine tut ein Übriges.

Auf einer Fête nach dem Konzert mit viel Alkohol und Drogen und Aggression gegen den reichen Gastgeber von Seiten Helges und Jarles kommt es zum Eklat: Yngves Zurückhaltung gefällt weder Helge noch Jarle. Helge provoziert Yngve, und Jarle stößt ins selbe Horn: „Hvorfor faen er du syk hele tiden… Er du homo, er det det? Du vet at alle i Egypt var homo… Du vet at alt de ville var å stikke pikken inn i ræva på hverandre mens de sugde en annen“ (S. 298). Yngve ist entsetzt – nicht zuletzt deswegen, weil Jarle Yngves Ägypenbegeisterung  zum Anlass der Schmähungen genommen hat. Jarle genießt Yngves Entsetzen – „Yngve skalv. Han så på meg. Skrekkslagen satt han foran meg og skalv. Men jeg bare nøt det“ (S. 298). So weit, so schlecht. Aber Jarle setzt noch einen drauf: Er demütigt und verrät denjenigen, den er doch mag und nach Aussage des Romantitels liebt: Unvermittelt macht Jarle Yngve eine Liebeserklärung: „Yngve, ich bin in dich verliebt“ (S. 298). Als dieser antwortet „Auch ich bin in dich verliebt“ (S. 298), brüllt Jarle lachend los „Herregud! Tror du faen jeg er homo! Tror du faen jeg liker deg! Herregud“ (Herr Gott noch mal. Glaubst du etwa, verdammt noch mal, ich bin schwul! Glaubst du, verdammt noch mal, ich liebe dich! Herr Gott noch mal – S. 299).

Konsterniert verlässt Yngve die Party. Jarle wird ihn erst dreizehn Jahre später wieder sehen.

 

Am selben Abend kommt es zum Bruch zwischen Jarle und Katrine, die Jarles Machogehabe und sexistischen „Sprüche“ abstößt.

Und auch Helge wendet sich wenig später endgültig von Jarle ab: Eine schwere Schlägerei zwischen beiden Kumpeln beendet ihre freundschaftliche Beziehung. Sowohl Katrine als auch Helge rechnen mit Jarle auch verbal ab, werfen ihm seine Unehrlichkeit, seine Falschheit, seine Feigheit vor; sie beschuldigen ihn, seine Freunde, auch Yngve, und die Mutter belogen und getäuscht zu haben.

 

Yngve ist – im Gegensatz zu Katrine und Helge – verschwunden. Was mit ihm passiert ist, erfährt Jarle viele Jahre später: Yngve litt und leidet an Schizophrenie. Nach scheinbarer Heilung war er vor dreizehn Jahren nach Stavanger gekommen und Jarle begegnet. Durch Jarles Verrat war die Krankheit erneut ausgebrochen. Yngve kam erneut in psychiatrische Behandlung. Seit einiger Zeit lebt er wieder in Stavanger in einer sozialen Einrichtung.

Als Jarle dies von seiner Mutter erfahren hat, sucht er den kranken Yngve auf, der Jarle wieder erkennt, sich an seine Geschenke und das gemeinsame Tennisspielen erinnert. Jarle verspricht, am nächsten Tag wiederzukommen. Danach tut Jarle das, was er vor dreizehn Jahren hatte tun wollen: „Jeg lente meg mot ham. Jeg kysset Yngve“ (S. 382).

 

Thema des Romans Mannen som elsket Yngve ist die Konfrontation eines jungen Mannes mit Gefühlen, die er bis dahin nicht gekannt und für sich ausgeschlossen hatte. Die Verwirrung seiner Gefühle kann er nicht meistern. Er verstrickt sich in Feigheit und Lüge, verliert seine alten Freunde und zerstört – wenn auch unwissentlich und unbeabsichtigt – das Leben eines ihm nahe stehenden Menschen. Die Wiederannäherung an diesen Mann dreizehn Jahre später hat auf Grund von dessen schwerer psychischen Erkrankung keine Zukunft.

 

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob  Jarle oder Yngve schwul oder bisexuell seien; denn das Motiv der Zuneigung zwischen zwei Männern, die über eine „normale Männerfreundschaft“ hinausgeht, versickert in Renbergs Roman. Durch diese Unentschiedenheit wird der positive Eindruck, den der Leser bei der Gestaltung der „Verwirrung der Gefühle“ des Schülers Jarle gewonnen hat,  zerstört. Der Schluss des Romans ist rührend, geht aber über die Schuld, die Jarle auf sich geladen hat, allzu leicht hinweg.

 

Renbergs Roman ist nach einem Drehbuch des Verfassers verfilmt worden und hatte am 15. Februar 2008 Premiere.