R U T H    R O S S    K A R L S E N

 

 

                         

                                                    Doch  meine  Welt war  weit

 

 

  - Eine Kindheit unter Hitler –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                             R U T H    R O S S    K A R L S E N

 

 

                                                 Doch  meine  Welt  war  weit

 

  - Eine Kindheit unter Hitler –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                       Die Autorin hat ihre biographische Erzählung

                                                 „Rummelig var min egen have“

                                            für die deutsche Ausgabe überarbeitet.

                           

                                               Die Ortsnamen und die allermeisten

                                                 Personennamen sind authentisch

 

                                             Übersetzung aus dem Dänischen von

                                                           Gottfried Lorenz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                  D O C H   M E I N E    W E L T   W A R    W E I T    

 

 

                                                            

 

 

 Die Erfahrungen eines langen Lebens und viele unterschiedliche Menschen auf meinem Lebensweg haben dieses Buch ermöglicht.

   Ich danke Helge, meinem Ehemann und Freund, für seine Geduld und Unterstützung bei meiner langen Reise in die Vergangenheit.

 

 

   Ereignisse prägen die Erinnerung.

   Nichts kann sie löschen, nichts kann sie verbergen.

   Wie ein Schatten sind sie immer in der Nähe,

   vor oder hinter mir,

   oder sie wechseln schnell von einer Seite zur anderen.

   Das Licht bestimmt, wo der Schatten zu finden ist.

   In der Nacht ist er am stärksten.

   Mitten in der Stadt, wenn alle Menschen schlafen,

   wenn ich mich froh einer Laterne nähere,

   denn jetzt kann ich besser sehen und gesehen werden.

   Aber da wird es mir bewusst: Der Schatten tanzt um mich herum,

   kreist mich ein und nimmt mich gefangen.

 

   Bei meiner Heimkehr nach einer nächtlichen Wanderung

   zünde ich alle Lampen an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                   PROLOG

 

   Die Reise verlief in kleinen Abschnitten, anscheinend planlos und nur mit einem einzigen Ziel: ein Ort, möglichst weit westlich. Ich schloss die Augen, versuchte nachzurechnen, wie lange wir wohl seit unserem Aufbruch unterwegs waren. Versuchte, unser Dasein in fremden Städten, auf Chausseen, Straßen und Schienenwegen – zu Fuß oder in Lastwagen und Zügen fahrend – in chronologischer Reihenfolge zu ordnen. Nahm die Finger zu Hilfe: das war dieser Tag – und diese Nacht – und wieder jener Tag – und dann wurde es wieder Nacht. Aber ich konnte über den Gang der Ereignisse keine Ordnung in meine Erinnerung bringen. Alles erschien mir ohne Anfang und ohne Ende.

   Der Zug fuhr nun sehr langsam. Während der Nacht hatte er oft sein Tempo gedrosselt. Jedes Mal  hatten wir angenommen, dass er auf dem platten Lande halte, um das Ende eines  Fliegerangriffs auf eine Stadt, die an unserer Strecke lag, abzuwarten. Ab und zu hatten wir das Fenster geöffnet und angespannt gehorcht, ob die wohlbekannten, alltäglichen Geräusche wie das Grollen der Kanonen und das dunkle Brummen der Bombenflugzeuge zu hören seien; hatten zumindest in der Ferne Detonationen zu hören erwartet. Auf jeden Fall waren wir der Ansicht gewesen, einem neuen Angriff von Jagdflugzeugen, die in der Regel ohne Warnung die Luft mit höllischem Lärm erfüllten, erwarten zu müssen. Aber die Nacht war merkwürdig ruhig. Nur das monotone ratta – ta – tat, ratta – ta – tat der  Wagenräder und das schwere Prusten der Lokomotive unterbrachen die Stille, die über der schneebedeckten Landschaft lag. Die Stille wirkte absurd in dieser hellen Nacht. Das Wetter war wie geschaffen für Luftangriffe.

   Während der ganzen Fahrt hatte sich der Zug wie ein gejagtes Tier bewegt. Einmal rasch, ein andermal  langsam,  durch ein Land kriechend, das nun – zu Beginn des Jahres 1945 – sich wie ein Sieb darbot – durchpflügt von Bomben und Granaten.

   Der Zug war am Tag zuvor gegen Mittag in Berlin abgefahren, wo meine Mutter und ich die Flucht unterbrochen hatten, um bei der  Mutter meines Vaters, die in einem Vorort von Berlin ein Haus am Wald besaß, auszuruhen. Einen ganzen Tag oder zwei – oder vielleicht auch drei – hatten wir dieses besondere  Gefühl von Sicherheit genossen, das von einem Haus mit unzerstörtem Dach  und heilen Fenstern und Wänden  ausgeht, waren zur Ruhe gekommen in einem vertrauten Zuhause mit einer Großmutter und einer Tante und einem Lebensrhythmus, der an den Frieden erinnerte. Viele Stunden lang hatte ich ununterbrochen  schlafen können. Aber schon bald versuchte meine Großmutter - mal bittend, mal drohend - , uns verständlich zu machen, dass wir ganz und gar nicht in Sicherheit waren und deshalb schnellstmöglich die Reise nach Norden oder Westen oder in einen anderen Ort weit weg von der russischen Frontlinie fortsetzen müssten. Denn die russischen Truppen würden Berlin einnehmen, und die hätten eine besondere Art, Siege zu feiern. Als das Selbstverständlichste auf der Welt lehnte es meine Großmutter ab, mit uns zu fahren. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sie durch die Grenzveränderungen des Versailler Vertrages schon einmal ihr Heim in Westpreußen verlassen müssen. Nun konnte sie nicht mehr. Nun wollte sie bleiben und abwarten, bereit, das Unausweichliche auf sich zu nehmen. Alles liege in Gottes Hand, sagte sie.

   Sie bestand darauf, uns zum Bahnhof zu begleiten, um uns beim  Einsteigen zu helfen. Aber auf dem Bahnsteig im dichten Gewimmel aufgeregter Menschen war sie nur eine Belastung. Ein Soldat half uns dabei, den Zug durch ein Fenster zu entern. Hier saßen wir angespannt und ängstlich, beruhigten uns aber etwas, als man durch den Lautsprecher bekannt gab, dass der Zug nach Hamburg nun abfahre. Seitdem waren ein halber Tag und eine ganze Nacht vergangen. Jetzt graute der Morgen eines neuen Tages, und niemand wusste, was er bringen würde. Plötzlich verspürte ich ein Wohlbefinden, ein warmes, längst vergessenes Glücksgefühl. Der Zug brachte mich nach Hause! Meine Mutter saß neben mir. Bald würden wir zu Hause sein.

   Eine dampfende, schwer arbeitende Lokomotive zog einen langen Zug voll von Menschen durch ein Winterland. Der Zug fuhr verdunkelt. Es war fast unmöglich, die Gesichter der Mitreisenden auszumachen. Und das passte mir gut. Die anderen im Abteil waren Flüchtlinge, jeder Kilometer in Richtung Westen  entfernte sie von ihrer Heimat im Osten, von allem, was ihnen gehört hatte. Aber ich hatte ja nichts mehr mit ihnen gemein, ich war ja  auf dem Weg nach Hause. Ich wollte nichts mehr von den „anderen“ wissen. Auf der ganzen Flucht nach Berlin hatte ich mich auf besondere Weise mit diesen Menschen, mit denen wir das Schicksal teilten, verbunden gefühlt. Merkwürdige und bisweilen gefährliche Situationen verbanden uns auf ewig, obwohl wir uns bald trennen würden. Aber dieser Zug war voll von Menschen, die mich nichts angingen. Nun wollte ich nur noch nach Hause. Die Endstation  einer  langen Reise war in Sicht: Hamburg-Altona, die Stadt meiner Kindheit. Alles, was mich bedrängte, würde nun bald hinter mir liegen. Und es wurde Zeit, denn ich konnte keine weiteren Erlebnisse und Eindrücke mehr  in mir aufnehmen. Wollte nichts mehr von Menschen und Schicksalen wissen. Jetzt wollte ich nur noch heim.

   „Jetzt sind wir in Altona“ – diese Mitteilung fegte alle meine Gedanken beiseite. Ich ging ans Fenster und presste mein Gesicht gegen das kalte Glas. Wie eine Silhouette gegen den Morgenhimmel sah ich meine Stadt, sah Schornsteine aus Ruinenhaufen ragen. Ausgefranste, zerborstene Hausfassaden erzählten stumm, dass hier mehr geschehen war, als ein Mensch begreifen kann. Ich schloss meine Augen, wusste, dass mich vor meinem inneren Auge etwas ganz anderes erwartete: Es ist Winter. Ich bin auf dem Weg nach Hause aus dem Park, in dem ich mit  meinen Freunden den ganzen Nachmittag gerodelt hatte. Im ganzen Körper ist Müdigkeit zu spüren. Die Fausthandschuhe sind steif gefroren, und unten an den Hosenbeinen hängen kleine Eisklumpen. Ich gehe einen Pfad zwischen den Gärten der Reihenhäuser entlang. Vor allem an Winterabenden nehme ich gerne diesen Weg. Von hier aus kann man in die erleuchteten Häuser blicken. So gut wie alle  Mütter sind in ihrer Küche dabei, das Abendbrot vorzubereiten. Niemand ist mir unbekannt. Ich kenne alle Nachbarn mit Namen, kenne ihre Eigenheiten. Jeder ist mir auf seine Weise lieb. Das neunte Haus in der Reihe gehört uns. Die Gartenpforte ist nur geschlossen, nicht verschlossen. Nun fange ich an zu rennen. Als ich in die Küche komme, sehe ich, dass meine Mutter gerade den Tisch deckt.

   „Gut, dass du nach Hause kommst. Du weißt, dass ich unruhig bin, wenn du dich allzu lange da draußen in der Dunkelheit aufhältst . . .“.

 

   Nun hielt der Zug auf dem Altonaer Bahnhof. Mutter riss mich aus meinen Gedanken. Ich fühlte ihre Hand schwer auf meiner Schulter liegen. Aber ihre Stimme kam von ferne, als befänden wir uns an verschiedenen Orten. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen, denn wir mussten nachsehen, ob und wann ein Zug nach Flensburg ging. Tante Marie würde uns sicherlich aufnehmen.

   Meine Mutter drängelte sich aus dem Zug und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge auf dem Bahnsteig. Ich versuchte, mit ihr Schritt zu halten. Meine Beine wurden schwer. Warum redete sie von Tante Marie in Flensburg? Was hatten wir dort zu schaffen? Und dann schrie ich. Laut und schrill, wie ich seit undenklichen Zeiten nicht mehr geschrieen hatte:

   „Mutti, ich kann nicht mehr, ich will heim!“

   Sie wandte sich jäh um. Ließ den Koffer, der unsere gesamte Habe enthielt, fallen, so dass er neben ihre Füße klatschte.

   „Heim?“

   Sie sah aus, als habe sie nicht richtig verstanden. Plötzlich war sie neben mir. Ich hatte etwas Unerhörtes  gesagt.

   „Heim, das wollen so viele. Jetzt, in dieser Stunde, gibt es Millionen Menschen, die nur einen einzigen Wunsch haben: Heimzukommen. Aber sie haben kein Zuhause mehr“.

 

   Als wir an Tante Maries Tür klopften, aß die Familie zu Mittag. Man hatte gerade über uns gesprochen und sich gegenseitig versichert, dass wir der Hölle  entrinnen und eines schönen Tages zu viert vor der Tür stehen würden. Mein Vetter Kurt hatte sich besonders auf ein Wiedersehen mit meinem Bruder Wolfgang gefreut. Deshalb ging er zur Treppe und lehnte sich über das Geländer, um nach ihm Ausschau zu halten – Wolfgang hatte vermutlich nicht so schnell die Treppe hinaufkommen können. Bevor meine Mutter ihren Mantel ablegte, bevor sie irgendetwas tat, erzählte sie mit monotoner Stimme, dass Wolfgang unterwegs gestorben sei und dass Papa nicht mit uns habe fahren können, weil kein Mann zwischen 15 und 70 Jahren sich auf die Flucht begeben dürfe. Tante Marie begann zu weinen. Ich starrte sie an. Warum weinte sie? Es sterben so viele in diesen Zeiten. Ja, so unendlich viele sterben, dass es geradezu unnormal scheint, am Leben zu sein.

   Nachdem sie uns ins Wohnzimmer bugsiert hatten, begann Kurt, geschäftig hin und her zu laufen. Als ob er nicht recht wüsste, wie er sich verhalten solle, tat er bald das eine, bald etwas anderes. Nahm meine Hand, klopfte mir auf die Schulter, strich mir über das Haar.

   „Morgen zeige ich dir die Stadt. Es sind nur ein paar Bomben auf Flensburg gefallen. Denk dir, eine unzerstörte Stadt. Die Engländer schonen sie, weil sie nach dem Krieg sicher dänisch wird. Aber das darf man nicht laut sagen. Auf keinen Fall! In der letzten Woche haben sie einen eingesperrt, der diesen Gedanken geäußert hatte. Und das Schlimme dabei ist, dass er es unter Freunden getan hatte. Beim Kartenspielen, weißt du. Aber einer der Freunde zeigte ihn bei der Gestapo an, und so landete er im Gefängnis“.

   Wie Kurt nur über Sachen sprechen kann, die mich nichts angehen, dachte ich, wie er nur immer redet und redet. Und so sagte ich wieder, diesmal bittend:

   „Mutti, ich will nach Hause“.

   Sie antwortete kaum hörbar: „Sag’ so etwas nie wieder! Ich halte das nicht aus, weil ich dir nicht helfen kann. Ich will auch so schrecklich gerne heim. Zu  Papa, zu Wolfgang, in unser Haus . . . nur heim“.

   Dann brach Mutter zusammen. Zum ersten Male seit unendlich langer  Zeit brach sie zusammen.

 

   Nein, Mutter, ich werde das nie wieder sagen. Vielleicht ist es mir ja einmal vergönnt, nach Hause zu kommen. Du hast mir vor langer Zeit erzählt, dass dein Vater sich bei einem Aufenthalt in der Fremde heim-gemalt habe, wenn ihn das Heimweh überkam. Und damals hast du gesagt, wir Menschen hätten jeder unsere eigene Art, sich auf eine Heimfahrt zu begeben.

 

   Siehst du, Mutter, ich schreibe mich heim!

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                     V a t e r   u n d   M u t t e r

 

                                                                „Erindringen mætter mere end al virkelighed“

                                                              ( „Erinnerungen bedeuten mehr als alle Wirklichkeit“)

                                                                                                                 

                                                                                                         Søren Kierkegaard

 

 

 

   Die Kerzen waren das Wichtigste am Weihnachtsbaum, die Glaskugeln aber das Allerschönste. Prachtvoll in sich selbst, spiegelten sie das Licht wider. Zunächst wagte ich nicht, sie zu berühren. Meine Mutter sagte, dass die Kugeln echt und alt und somit unersetzlich seien. Ich hatte die Angewohnheit, Dinge, die ich behalten wollte, sehr fest anzufassen. Das Glas war dünn, die Kugeln konnten durch den geringsten Druck zerdrückt werden, fast wie Seifenblasen. Trotzdem gab es einen großen Unterschied. Die Seifenblasen zerplatzten, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Glaskugeln dagegen wurden  zu Splittern, die sich in die Haut bohrten und die Hand bluten ließen. Die Wunden verursachten Schmerzen; viele Tage hatte man dann keine Lust mehr, etwas in die Hand zu nehmen. Deshalb lernte ich, die Kugeln vorsichtig zu behandeln: Sie anzufassen, wie Mutter es machte, mit den Fingerspitzen – vorsichtig, vorsichtig. Sie in weißes Papier einzuwickeln und sie bis zum nächsten Weihnachtsfest in dafür bestimmten Schachteln aufzubewahren, jede Kugel in ihrem eigenen  Fach. Mutter erlaubte nicht, dass wir die Kugeln zur Unzeit zu sehen bekämen, auch nicht während der Adventszeit. Sie müssen ja lange halten, sagte sie. Gewiss kann man neue kaufen, aber die passen nie zu den alten. Andere Menschen machen zu anderen Zeiten neue Kugeln aus ganz anderem Material. Vielleicht kommt man einmal darauf, Kugeln für den Weihnachtsbaum herzustellen, die nicht aus Glas sind, sondern nur so aussehen, als seien sie echt. Da werden die Menschen nach und nach vergessen, wie die echten sein müssen. Ja, wir müssen Acht geben auf das, was wir besitzen.

 

   Mein Vater erzählte niemals etwas aus seiner Kindheit. Zuerst fragten wir, drängelten ein bisschen, denn es gab sicherlich viel zu erzählen. Er war weit weg von meiner Heimat aufgewachsen – mindestens eine Tagesreise von Altona entfernt. Aber er verbarg seine Kindheitserinnerungen gut. Mutter meinte, er wage nicht, daran zu rühren. Vielleicht verhielt es sich mit seinen Kindheitserinnerungen bei ihm wie mit den Glaskugeln bei mir. Vielleicht fürchtete er, durch eine falsche Berührung etwas kaputt zu machen. Vielleicht würde er einmal lernen, mit den Erinnerungen umzugehen, sie niederzulegen – jede an ihren eigenen Platz. Sie aufzunehmen, wenn die Zeit dazu gekommen ist, und sich darüber zu freuen, dass sie überhaupt in seinem Besitz sind. Aber es war ganz unmöglich, sich ein Bild von der Kindheit meines Vaters und von ihm als Kind zu machen. Verwandte sagten das eine oder andere -  Bruchstücke, die man nur schwer zu einem verständlichen Gesamtbild zusammensetzen konnte: Ein Haus in Nakel an der Netze [heute Nakło nad Notecią], unweit  Bromberg [heute Bydgoszcz]. Eine achtköpfige Kinderschar, mein Vater gehörte zu den Jüngsten. Mein Großvater – groß und stark und patriarchalisch. Meine Großmutter – mild, klein, zart, aber auch zäh und willensstark. Bei Tagesanbruch stand sie in der Küche, um der Familie eine gute Mahlzeit zu bereiten. Dabei sang sie Kirchenlieder. Diese Lieder ersetzten den Wecker.

   Etwas deutlicher wird das Bild von Vaters Lehrzeit als Konditor in Nakels bester Konditorei, die er einmal hätte übernehmen sollen. Er begann seine Lehre nach der Entlassung aus der Volksschule im Oktober 1909, vierzehn Jahre alt. Der Eigentümer, ein Freund der Familie, ein Jude, wollte Europa verlassen, weil es, wie er sagte, hier zu stinken beginne. Er wollte sich in Amerika niederlassen. Aber zuerst wollte er sein Lebenswerk in guten Händen sehen.

   Auf einer Photographie, die ihn als Soldat zeigt,  trägt Vater an der linken Hand einen Ring. War er verlobt? War die Auserwählte die Tochter des Eigentümers der Konditorei? Er hat nie darüber gesprochen.

   Die Menschen machen  Pläne und vergessen in ihrem Eifer, dass es etwas gibt, was man die Macht des Schicksals nennen könnte. Der Erste Weltkrieg brach aus, und die Grundlage von Vaters Kindheit und Jugend wurde vernichtet. Von dieser Zeit erzählte Vater gerne.

   Nach der Gesellenprüfung wollte er sich in einer Konditorei in der Fremde vervollkommnen. Er bekam im Januar 1914 – kurz vor Kriegsausbruch – einen Platz in Beuthen [heute Bytom] in Oberschlesien bei Konditormeister Jusczyk, dem Eigentümer der „vornehmsten Konditorei am Ort“, dem „Größten Lieferanten für Hochzeiten und Gesellschaften“, wie es auf  den Geschäftsbriefen von Meister Jusczyk hieß. Vater war damals neunzehn Jahre alt, und es war beabsichtigt, dass sein Aufenthalt bei diesem tüchtigen Meister eine Weile dauern solle. Aber schon im April 1914 kehrte er nach Hause zurück. Niemand hat je erzählt, weshalb. Machten ihn die Ereignisse in Europa unsicher? Vielleicht, Vater sagte ja so oft, dass man Notzeiten am besten im Familienkreis überstehe. Er wurde zum Militär eingezogen und 1916 zum schlimmsten Frontabschnitt, nach Verdun, geschickt. Und hier erlebte er den unbeschreiblich harten  Stellungskrieg, der mehrere   Monate dauerte, ohne einer der Parteien den Sieg zu bringen. Die Deutschen versuchten mit anhaltendem Artilleriebeschuss, die Festung Verdun einzunehmen; die Briten und Franzosen kämpften, um an der Somme Fuß zu fassen. Dies missglückte beiden Seiten. Vater sagte, man erfinde Waffen und Kriegsstrategien, aber man sei nicht im Stande, Worte zu finden, die das Grauen und die Schmerzen als unumgängliches Ergebnis der Waffen und ausgeklügelter Strategien angemessen beschreiben können. Vielleicht können die  Verlustzahlen einen Eindruck vom Umfang des Wahnwitzes geben. Durch Tod, Verwundung oder Gefangenschaft verloren die Deutschen bei Verdun 282.000, an der Somme 220.000 Mann, die Briten und Franzosen 317.000 und 270.000. Somit mussten innerhalb recht kurzer Zeit rund 1.089.000 junge, gesunde und – wie ich annehme – lebensfrohe Männer auf einem kleinen Stückchen Erde leiden, das man „Front“ nannte, obwohl dies letztlich ohne Bedeutung für den Ausgang des Krieges war. Mein Vater beschrieb die Ereignisse folgendermaßen:

   Nach jedem Kampf wurde uns befohlen, die Leichen beizusetzen. Das war eine entsetzliche Arbeit. Der Boden, durchpflügt von Granateinschlägen, war zwar locker genug, aber wo immer wir einen Spaten ansetzten, stießen wir auf  Leichen. Oder -  an den Einschlaglöchern der Granaten – auf Teile von Leichen. Junge französische, deutsche, schottische und englische Männer . . .

   Vater sagte, dass er das nicht habe aushalten können. Aber es gab keinen, der sich darum kümmerte. Niemand fragt einen Frontsoldaten, wie viel er aushalten könne. Man möchte so gerne leben. Nur leben. Überleben! Am liebsten heil an Körper und Seele. Deswegen musste man sich zu verteidigen lernen. Einen Verteidigungsmechanismus aufbauen. Ein stilles Gebet sprechen – wenn man konnte. In der Regel konnte man nicht. Gott wird unwirklich in einer solchen Hölle. Aber das ist wohl  auch die Absicht – nicht Gottes, nicht des Menschen, sondern des Teufels. Das sagte mein Vater.

   Er versuchte, sich mit Sarkasmus zu helfen. Schlug seinen Kameraden vor, die Gefallenen stehend zu begraben, auf diese Weise würden sie weniger Platz einnehmen!

   Es kam auch vor, dass die Front auf beiden Seiten wegen Nachschubmangels ruhig blieb. Mein Vater erzählte:

   „Schließlich saßen wir auf dem Rand des Schützengrabens und starrten hinüber zu den französischen Linien, die recht nahe lagen. Wir konnten die Gesichter der Feinde sehen und hatten das Gefühl, dass sie lächelten – nicht über uns, sondern uns zulächelten. Wir winkten. Zuerst ganz vorsichtig, aber als die Franzosen, also der Feind, diese Geste erwiderten, winkten wir kräftiger. Ich erinnere mich nicht mehr, wer als erster etwas rief und wer von den beiden eingefleischten Feinden auf die Idee kam, dass es schön wäre, sich zwischen den Linien zu treffen. Wir machten Tauschgeschäfte. Die Franzosen hatten mitunter Wein, wir Zigaretten und Schokolade. Und dann konnte es geschehen, dass wir uns hinsetzten und uns Bilder unserer Angehörigen zeigten. Oh Gott, wie kriegsmüde wir Soldaten auf beiden Seiten waren. Aber dann – ganz plötzlich – oft mitten in der Nacht oder beim Morgengrauen – wurde zum Angriff geblasen oder Alarm gegeben. Da galt es wieder, zu den Waffen zu greifen und zu schießen, oder man wurde erschossen. Herr Gott - wie viel Angst wir alle hatten. Einige versuchten laut – fast  schreiend – ein  'Vater Unser' zu beten, einige riefen nach ihrer Mutter, andere schrieen nur. Auf beiden Seiten der Front verhielten wir uns so. Nach einer Schlacht hatten wir dann Mühe, unsere Hosen zu säubern. Wir machten nämlich in die Hosen – aus purer Angst“.

   Wenn Vater merkte, dass uns seine Erzählungen zu quälen begannen, versuchte er, eine lustige Geschichte zu erfinden. Die Soldaten hatten Läuse. Hielten sie sich ein seltenes Mal unter einem Dach -  in einem Haus oder einer Scheune – auf, zogen sie ihre Uniformen aus und klaubten die Läuse aus der Kleidung. Vater konnte das Geräusch, wie man eine Laus mit den Fingernägeln knackte, mit dem Mund nachmachen. Man konnte die Läuse mit Naphthalin oder einem anderen Mittel gegen Motten, das heißt, wenn man so etwas zur Hand hatte, entfernen. Zwar tötet dieses Mittel – soviel ich weiß – die Läuse nicht, aber es ließ sie  auswandern. Vater dachte sich eine Art „Märchen“ aus, in dem die Läuse in Reih’ und Glied marschierten, um die nicht mit Naphthalin verpesteten Uniformen anderer Soldaten einzunehmen. Irgendwo muss man sich ja aufhalten, auch wenn man nur eine Laus ist!

 

   Und wenn auch Wolfgang diese Erzählungen nicht sonderlich lustig fand und deswegen selbstsicher behauptete, dass dies ganz sicher der letzte Krieg gewesen sei und dass all’ das, wovon Vater sprach, anno Tobak gewesen und somit veraltet sei, konnte Vater nicht anders als uns zu versichern, dass es sich so verhalte, dass es nie wieder einen Krieg in Europa geben werde. Denn wir hätten ja alle aus dem Grauen des Krieges gelernt, wir  müssten unsere Probleme auf  zivilisierte Art und Weise bewältigen. Das würden wir auch schaffen. Sicher! Die Menschen seien doch keine Narren!

   Aber mit Onkel Ernst, Vaters Freund und Vertrautem, sprach er anders. Das war nicht für unsere Ohren bestimmt. Und wenn wir Kinder Bruchstücke aufschnappten, begriffen wir nichts.

 

   Vor Ende des Krieges geriet Vater in Frankreich in englische Kriegsgefangenschaft. Aus dieser Zeit besaß er ein Album, das er selbst angefertigt und mit Fotos versehen hatte. Im Gefangenenlager war es die Aufgabe meines Vaters, Essen für die britischen Offiziere zu kochen. Unter den Gefangenen gab es keinen Koch, und so war wohl ein Konditor der nächste, dem man diese wichtige Position anvertraute. Nach Ende des Krieges entließ man langsam die Gefangenen. Einzeln oder gruppenweise wurden sie nach Hause geschickt. Jedes Mal hoffte mein Vater, dass er nun auch an der Reihe sein müsse. Er konnte nicht verstehen, warum ihn die Offiziere so lange festhielten. Er verhielt sich doch beispielhaft. Ein älterer Gefangener gab ihm eines schönen Tages eine plausible Erklärung:

   „Du gibst dir zu viel Mühe mit dem Essen. Du versuchst sogar, es nett anzurichten. Damit verhältst du dich unklug. Du musst das Essen anbrennen lassen, ein paar Löffel Salz zuviel hineintun, einen undefinierbaren Pamps zurechtkochen. Ich verspreche dir, die schicken dich sofort heim“. Aber mein Vater konnte diesem wohlgemeinten Rat nicht folgen. Er hatte die Ermahnungen seiner Mutter nicht vergessen, Nahrungsmittel nicht als selbstverständliches Geschenk zu betrachten. Das, was wir einmal leichtsinnig verderben lassen, wird uns später bitter fehlen. Der unverantwortliche Umgang mit Gottes Geschenk ist eine Verhöhnung Gottes. Seine Mutter wurde nie müde, solche Sätze zu sagen.

   Alles hat seine Zeit. Fast ein Jahr nach Ende des Krieges wurde auch mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Aber er konnte nicht nach Hause zurückkehren. Die Siegermächte hatten nämlich ihr Versprechen eingelöst und Polen einen Teil Westpreußens  – Vaters Heimat – eingeräumt:  Polen sollte einen Zugang zur Ostsee bekommen. Mein Großvater war deutscher Postbeamter und wurde nun arbeitslos, seine Familie wurde gezwungen, ihr Haus, ihr Zuhause und ihre Heimat zu verlassen. Sie floh in das von der Depression geprägte Berlin, wo sie lange Zeit unter recht kümmerlichen Verhältnissen lebte. Nach langem Suchen bekam sie eine Wohnung, verbunden mit der Anstellung meines Großvaters als Hauswart und Mädchen für alles in einem Wohnungskomplex für Wohlhabende. Auch meine Großmutter musste für Treppenreinigung und andere anfallende Arbeiten zur Verfügung stehen. Und die „anderen anfallenden Arbeiten“ erwiesen sich als ein äußerst elastischer, dehnbarer Begriff. Die beiden Alten sagten nie nein, wenn man ihre Hilfe einforderte. Aus Furcht vor Kündigung und Obdachlosigkeit wagten sie nicht, Grenzen zu ziehen. Auch nicht, wenn man nachts Hilfe in Bagatellfällen verlangte, die ebenso gut am folgenden Tag hätten geregelt werden können. Besonders für meine Großmutter war das eine äußerst harte Zeit. Noch trug sie Verantwortung für minderjährige Kinder; die erwachsenen waren in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ein Sohn kam bei Bauarbeiten in den schlesischen Bergen um. Er wurde von  einem umstürzenden Strommast erschlagen. Eine Tochter, Grethe, hatte in Pommern eine Näherei eröffnet. Ein paar Tage vor Kriegsende hatte sie die Mitteilung erhalten, dass ihr Mann an der Front gefallen war. Noch lange Zeit  danach kamen seine Briefe an, die er während des Krieges geschrieben hatte. Mit jedem Brief lebte er für Grethe erneut auf; und jedes Mal musste sie erneut kämpfen, um einsehen zu können, dass er nie wieder nach Hause kommen werde. Sie war der Ansicht, keine Kraft zu haben, um ihrem neugeborenen Sohn  eine gute Kindheit und Jugend geben zu können, und übertrug deshalb die Sorge für das Kind  ihrer kinderlosen Schwester und deren Mann. Diese teilten ihre Wohnung mit Grethes Eltern, meiner Großmutter und meinem Großvater. Es gab also vier, die sich um das das Kind kümmerten und ihm Liebe gaben. Und Grethe meinte, dass sie aus Liebe zu und mit Rücksicht auf ihren Sohn das einzig Richtige getan habe. Aber als der Junge erwachsen wurde, scheute er keine Gelegenheit, um zu erkennen zu geben, dass er seiner Mutter niemals werde verzeihen können. Nie!

   Mein Vater fuhr nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft nach Kiel, wo er für eine Weile Unterschlupf bei Ernst, einem Kriegskameraden, fand. Eines Tages erfuhr Vater, dass auch Emma, seine älteste Schwester, mit ihrer siebenköpfigen Kinderschar die Heimat, Nakel, verlassen müsse. Ihrem Mann wurde die Ausreise verweigert, bis er seinen polnischen Nachfolger eingearbeitet hätte. Vater kratzte seine letzten Pfennige zusammen und fuhr nach Nakel, um seine Schwester auf der Reise unterstützen zu können. Mehrer Kinder  der Schwester waren so klein, dass ein Nachttopf unausweichlich zum Reisegepäck gehörte. Die Familie besetzte zwei Abteile und war darüber glücklich, dass kein Mitreisender das Bedürfnis hatte, sie mit ihnen zu teilen. An jeder Station, an der neue Reisende zu erwarten waren, setzte Vater nämlich ein Kind auf den Topf. Wenn mein Vater von dieser Reise erzählte, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.   

   Jeder hat seine eigene Art, mit den Widerwärtigkeiten des Schicksals fertig zu werden. Ernst konnte die Schreckensbilder des Krieges nicht verdrängen und suchte deshalb Trost und Vergessen in der Flasche - mitunter sehr viel Trost und noch mehr Vergessen. Für meinen Vater war der Aufenthalt in Kiel sinn- und zwecklos. Sein Heimweh machte ihn rastlos. Er fühlte sich wie ein Zugvogel, der, nachdem der Aufenthalt in der Fremde um und die Zeit des Aufbruchs gekommen war, mit aller Macht daran gehindert wird, nach Hause zu fliegen. Er gehörte nicht nach Kiel. Man baut kein Nest in der Fremde.

 

   Eines Tages, es wird Anfang 1920 gewesen sein, geschah etwas Eigenartiges. Nach stundenlangem, planlosem Umherwandern in der Stadt kam er in die Nähe des Fischmarktes, wo er vor einer kleinen Konditorei Halt machte. Eigentlich nicht, um Arbeit zu suchen. Er hatte längst alle Hoffnungen aufgegeben, eine Arbeit als Konditor zu finden. Viele Konditoreien hatten schließen müssen. Auch für einen tüchtigen Bäcker hatte man keine Verwendung in Zeiten, in denen Mehl  Mangelware war. Noch die Türklinke in der Hand, zögerte er. In der Tat konnte er sich nicht erlauben, sein Geld bei einem Konditoreibesuch auszugeben. Aber er ging trotzdem hinein und ahnte nicht, dass dies eine schicksalhafte Entscheidung war.

 

   Gutes ist in schweren Zeiten Mangelware, während Böses aller Art die Tendenz hat, sich zu vermehren. Die Kriminalität und Straßenkämpfe nahmen zu, und es wurden mehr Polizisten benötigt. Das war Vaters Rettung. Nicht aus Berufung, sondern aus Not bewarb er sich bei der Polizei und wurde angenommen. Als Soldat war mein Vater eine Weile Ulan gewesen. Seine Kenntnisse im Umgang mit Pferden waren ausschlaggebend, einen Platz im Polizeikorps zu finden. Allein auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen, bedeutete Glück. Und so erhielt er gleichzeitig ein Dach über dem Kopf und ein Gehalt, das die täglichen Ausgaben gerade deckte. „Glück muss der Mensch haben“, sagte mein Vater, wenn das Glück kaum zu fassen war.

   Während meiner Kindheit lag im Garderobenschrank im Korridor als Erinnerung eine tüchtig benutzte Bürste. Mit dieser hatte Vater sein erstes Polizeipferd gestriegelt. Auf Grund einer Hautkrankheit sollte das Pferd getötet werden. Vater bat um eine Frist. Übernahm selbst jeden Morgen die Pflege des Pferdes. Wenn er über den Hofplatz ging und sich dem Stall näherte, erkannte das Pferd seinen Schritt und begrüßte ihn mit Wiehern. Das Striegeln konnte für das Pferd sehr schmerzhaft sein, aber  es stand trotzdem still. Mein Vater hatte immer einen Leckerbissen bei sich. Manchmal versuchte das Pferd, ihn zu bekommen, indem es an Vaters Hosentasche rieb und schnupperte. Aber der Leckerbissen war als Belohnung gedacht und wurde nur gegeben, wenn die Behandlung überstanden war.

   Selbstverständlich wurde das Pferd wieder gesund.

 

 

 

   Mutters Verhältnis zur Vergangenheit und zu Erinnerungen war ganz anders. Sie erzählte viel und ausführlich von „damals“. Dieses Wort war ihre allumfassende Bezeichnung für die Vergangenheit. Uns Kindern war es egal, ob „damals“ vor zehn oder hundert Jahren war. Ob etwas nah war und uns anging oder fern war und uns fremd blieb, hing ganz und gar nicht von der Jahreszahl ab, sondern von der  Schilderung des Vergangenen durch meine Mutter. Sie verknüpfte die Ereignisse unauflösbar zu einer Kette, bei der Glied auf Glied  folgte, Geschlecht auf Geschlecht, Ereignis auf Ereignis; das eine musste sich aus dem anderen ergeben, musste sich ereignen, weil etwas anderes sich ereignet hatte. So ist das nun einmal. Manchmal erzählte sie wie ein Film, der rückwärts abläuft. Die Erzählung begann dann bei den  nächsten Angehörigen, bei Vater und Mutter, Wolfgang und mir. Wir und ein wesentlicher Teil unseres  Schicksals waren unmittelbar verknüpft mit vielen, die uns voraus gegangen und deren Erben wir waren. Ob wir sie persönlich kannten oder durch Erzählungen nur ahnen konnten, dass sie einmal da waren, hatte keine Bedeutung. Mehr oder weniger gingen sie uns alle zusammen etwas an. Die meisten von Mutters Vorfahren waren auf dem Lande nördlich der Eider aufgewachsen, viele als Bauern und Kolonisten. Das Land an der Eider war für immer und ewig unsere unbestrittene Heimat, weil – und das versuchte meine Mutter mir verständlich zu machen – die Familie dort immer ihr Zuhause gehabt hatte und noch immer hat. Doch der Familienname hatte seine eigene Art, eine Geschichte zu erzählen. Einige Namen meiner Vorfahren  mütterlicherseits hatten mich schon als Kind stutzig gemacht und mich vermuten lassen, dass der Ursprung dieses Teils der Familie weiter südlich gesucht werden müsse. Erst als Erwachsene fand ich meinen Verdacht durch die Literatur bekräftigt. Die dänischen Könige hatten Schwaben als Kolonisten in die Moore westlich von Rendsburg geholt. Aber hiervon sprach meine sonst so geschichtsbewusste Mutter nie. Vielleicht war es ihr gleichgültig, ob Schwaben unter unseren Vorvätern und  -müttern waren. Vielleicht schwieg sie, weil auch die Vorfahren es für klug gehalten hatten, vorsichtig zu sein, wenn die Wiege eines von ihnen in der Fremde gestanden hatte. In diesem Fall war es ein Glück, dass das Aussehen gegen keinen in der Familie sprach - alle waren blond und entsprachen dem norddeutsch-skandinavischen Typ. Und dann waren sie Protestanten und sprachen Plattdeutsch, wie sich das gehörte. Gewiss war Marie, die Schwester meiner Mutter, etwas anders. Ihre Gesichtshaut war auch im Winter sonnengebräunt – auf Grund ihrer Gesundheit, sagte man. Und ihre braunen Augen erklärte meine Großmutter mit der oft wiederholten und ohne jeden Zweifel akzeptierten Erzählung von einem Zigeuner, der sich über sie gebeugt hatte, als sie wegen des wild gewordenen Pferdes  des Zigeuners ohnmächtig geworden war. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, sah sie ein paar feurige, kohlschwarze Augen. Meine Großmutter presste da ihre Hände gegen ihren Leib – als müsse sie ihre Leibesfrucht beschützen. Aber eine der älteren Frauen des Dorfes, die Zeugin dieses Ereignisses gewesen war, meinte, dass gerade das ein Fehler gewesen sei. Die Schwangere habe nämlich gerade dadurch etwas von dem Zigeuner auf ihr kleines, noch nicht voll entwickeltes Kind übertragen. Ja, so war das also, und es war die Schuld des Pferdes und des Zigeuners, dass Marie als braunäugige Brünette in einer Schar blauäugiger, hellblonder Geschwister aufwachsen musste. Aber auch Mutters Schwester Erne unterschied sich etwas von allen anderen. Sie hatte ein sehr rundes Gesicht und recht hohe Backenknochen, und ihre Augen waren schmal und weder blau noch braun. Wenn sie nicht zu Hause geboren wäre, ja, dann müsse man annehmen, dass sie vertauscht worden sei, konnte meine Großmutter schmunzelnd behaupten, wenn Nachbarn und Freunde und alle möglichen Leute aus den umliegenden Dörfern Andeutungen über das Aussehen der kleinen Erna machten. Um all das Gerede abzuwehren, verwies meine Großmutter bisweilen auch auf die Schwäche des Kindes gleich nach seiner Geburt. Es konnte keine Milch vertragen und  wäre fast verhungert. Die weisen Frauen des Dorfes wussten Rat und mogelten es tatsächlich am Tod vorbei. Das wussten alle. Aber bekam man davon hohe Wangenknochen? Und so sonderbare Augen?

 

   Es muss etwas Besonderes an diesen Schwaben gewesen sein, die arm aus der Fremde kamen, um durch schwere Arbeit Land urbar zu  machen. Denn man stritt im Allgemeinen nicht ab, dass Menschen aus anderen Gegenden in die Familie gekommen waren. Die Liebe  kennt  nämlich keine Grenzen. In der Regel waren es die Männer, die so mutig oder einfach in der Lage waren, eine Frau in der Fremde zu finden. Mutters Großvater, Marx Grimm, hatte sich eine Frau aus Kiel geholt und, als diese starb, eine zweite aus Kappeln (die wurde meine Urgroßmutter). Sie war Tochter des Schlachtermeisters Johann Gottfried Jessen und seiner Ehefrau Chaterine Margaretha, geb. Petersen; die Verwandtschaft war zur Beruhigung aller einheimisch und wohlbekannt. Anders hatte es sich mit Marxens erster Frau aus Kiel verhalten. Sie starb allzu früh nach der Geburt eines geistesschwachen Jungen. Marx hatte nach Ansicht einiger Leute aus dem Dorf daran selbst Schuld, denn so könne es einem gehen, wenn man die Familie nicht seit Generationen kennt.

   Es kam auch vor, dass Einwanderer aus Holstein durch Eheschließung in die Familie kamen. Aber den Erzählungen nach zu urteilen, taten sowohl die Kieler als auch Kappeler und Holsteiner alles, sich schnellstmöglich anzupassen. Unbekannte Sitten und Gebräuche nahm man mit äußerst kritischen Augen wahr.

 

   Meine Mutter liebte besonders ihre Großmutter; deshalb erfuhren wir über sie mehr als schriftliche Quellen je enthüllen könnten. Mutters Erzählungen stellten besonders das Erbe in den Vordergrund, das diese Frau an die Familie weitergegeben hatte. Ein Erbe, das Fleiß, Willen, Beständigkeit und Ausdauer hieß. Denn dieses Erbe ist – wie meine Mutter sagte – mehr wert als irdische Güter.

   Eine verblichene Urkunde berichtet, dass Anna, meine Urgroßmutter mütterlicherseits, auf Christiansholm am 11. 11. 1845 als Tochter des Kolonisten Hinrich Delfs und seiner Ehefrau Anna Elsabe, geb. Hölmer, geboren wurde. 1845 wurde man also „auf“ dem Holm, der zur Zeit der Kolonisten nach dem König benannt worden war, geboren. Später vergaß man das Dänische, und in Urkunden wurde „in“ Christiansholm geschrieben. Denn nun wusste man nicht mehr, dass man nur „auf“ einem Holm, auf einer Insel, und nicht „in“ einem Holm, in einer Insel, sein konnte. Und noch später, als ob es gegolten hätte, sowohl das eine als auch das andere zu vergessen – bezeichnete man in den Dokumenten die Grund- und Hofbesitzer aus der Familie Delfs als Bauern. Aber das Geschlecht Delfs war ein Kolonistengeschlecht. Ein Kolonist ist jemand, der mit dem Spaten in der Hand Land in einen solchen Zustand bringt und brachte, dass es unter den Pflug genommen werden kann. Und das sei wahrhaftig keine geringe Tat, sagte meine Mutter immer mit Stolz in der Stimme.

   Eine andere Urkunde dokumentiert Anna Delfs’ Eheschließung mit dem Kolonisten Claus Mumm. Der Vater des Bräutigams wird in diesem Dokument noch als Tagelöhner bezeichnet. Aber aus späteren Urkunden erfährt man, dass auch er den Spaten in die Hand genommen hatte und Kolonist geworden war und dass er sich hierdurch mit Hilfe seiner Söhne und Brüder eigenen Boden unter die Füße und ein Dach über den Kopf erarbeitet hatte.

   Als Kind konnte ich nicht begreifen, dass ein Kolonist sich nicht Bauer oder Landwirt nannte, besaß er doch Grund und Boden und Hof und Pferd und Kuh. Meine Mutter erzählte viel von diesem in den Dörfern dauerhaft gepflegten Standesunterschied. Und ich spürte, wie sehr sie das verletzte und in wie hohem Grade sie dies als Ungerechtigkeit erlebte.

   Ein Kolonist steht nicht auf derselben Rangstufe wie ein Bauer. Vielleicht lag hierin der Grund, warum man in ihrer Umgebung behaupten konnte, dass Anna Delfs den falschen Ehepartner gewählt habe, dass sie sicherlich einen besser gestellten Mann hätte haben können. Und es kann sein, dass es deshalb so außerordentlich wichtig für Anna Delfs war, dass ihre Töchter gut heirateten und aus den Söhnen etwas wurde.

   Wer auf dem Lande lebe, sagte meine Mutter, kenne alles und alle und glaube sich deswegen berechtigt, über alles eine Meinung zu haben. Und aus unerforschlichen Gründen ist es nun einmal feiner, einen Hof zu erben oder sich zu erheiraten als ihn sich mit eigenen Händen zu erarbeiten.

   Es waren die dänischen Könige, die Anfang des 18. Jahrhunderts Moore in Ackerland verwandelten. So sagte man, und so sagt man noch heute: Es waren die Könige, die den Kampf gegen die nasse Wildnis aufnahmen und sie in urbares, äußerst fruchtbares Ackerland verwandelten! Und deswegen gaben sie zu ewigem Gedächtnis  an diese Großtat den Dörfern ihre Namen wie Friedrichsholm, Christiansholm und Sophienhamn. Alle wissen, dass die Könige bei dieser Arbeit nicht alleine waren. Besitzlose Knechte und Bauernsöhne, die weder Land noch Hof erben konnten, spuckten in die Hände und nahmen den Spaten in die Hand und gruben Meter um Meter Entwässerungskanäle durch das Moor. Der Wille war stark und unverwüstlich, denn sie erwartete eine Belohnung, die zuvor nur ein unerreichbarer Traum gewesen war: einen eigenen Hof! Aber da gab es noch etwas ganz anderes, was sich als unerschöpfliche Kraftquelle erwies: Einheimisch zu sein und das Moor zu kennen. Im Guten wie im Bösen wussten sie Bescheid. An Unwetter und Sturm, an Wasser und Nässe überall waren sie gewöhnt. Sie waren abgehärtet. Anders verhielt es sich mit den Menschen, die man aus dem Süden, aus Schwaben, wo Wein in der warmen Sonne gedieh, geholt hatte. Auch sie waren fleißig und genügsam, auch bei ihnen war der Lohn, ein eigenes Stück Land, die Triebkraft. Aber viele mussten aufgeben. Wind, Kälte, Wasser, Nässe und das allerorten Unbekannte zehrte an den Kräften. Nur die Stärksten hielten durch. Die vom König so sorgfältig geplante Kultivierung des Moores drohte in einem Fiasko zu enden. Bis der leitende Kolonisator auf die Idee kam, einheimische Knechte, Tagelöhner und „übriggebliebene“ Bauernsöhne zu dieser Arbeit heranzuziehen. Und so kommt es, dass ich, wenn ich über dieses Land sehe, wie meine Mutter mit Stolz und Freude denke: auch meine Vorfahren haben das geschaffen. Hier „besitze“ auch ich etwas in besonderer Weise, was mir niemand nehmen kann.

   Als Anna Delfs und Claus Mumm heirateten, schafften sie sich zuerst einen kleinen Hof mitten auf Friedrichsholm an. Später – als die Kinderschar wuchs – grub und kolonisierte Claus sich einen größeren Hof etwas außerhalb des Dorfes am Rande des Moores hinzu. Und Anna rackerte sich im Haus und auf dem Feld ab: Sie spann und webte alle Stoffe, die im Haushalt und in der Familie benötigt wurden. Die Kleidung nähte sie mit der Hand. Alles in ihrer Obhut wurde sorgfältig in Ordnung gehalten. Keiner sollte mit den Fingern auf irgendetwas zeigen. Sie hatte den tüchtigsten Mann geheiratet! Genügsamkeit stand ganz oben auf der Tagesordnung. Keine Not, aber auch keine Bedürfnisse. Sie hatte eine Riesenangst, den Hof zu verlieren. Als sie heiratete, war sie 23 Jahre. Man hat mir erzählt, dass sie 14 Kinder geboren habe. War sie es, die die Zwillinge verloren hatte? Meine Großmutter hatte mir von Zwillingen erzählt, die sie in der „feinen“ Stube aufgebahrt gesehen habe. Und meine Mutter hatte einmal eine Liste angefertigt mit 12 von Annas Kindern, die sie geboren und aufgezogen und gepflegt und zu selbständigen, tüchtigen Menschen erzogen hatte. Die Mädchen wurden alle, wie man das so nannte, „gut verheiratet“. Drei mit Bauern, eine mit einem Bäcker mit eigener Bäckerei, eine andere mit einem Malermeister Auch ein Beamter befindet sich auf der Liste. Doch war allgemein bekannt, dass die Kinder ihrer Mutter die harte Lebensführung und Erziehung vorwarfen: Sparen und arbeiten, arbeiten und sparen – sie hat wohl nichts anderes gekannt, diese Anna Mumm, geborene Delfs.

   Claus Mumm wusste gut mit Vieh Bescheid. Eines Tages war er wegen eines Viehhandels in Rendsburg. Als er am Nachmittag noch nicht zurückgekehrt war, sagte Anna ihren Kindern, dass der Herr des Hauses mit einem guten Verdienst  nach Hause kommen werde. Sie schickte deshalb eine Tochter zum Bäcker, um einen Rosinenstuten zu besorgen. Ermahnte alle Kinder, dem Vater davon nichts zu sagen. Er betrachtete nämlich Bäckerbrot als Verschwendung. Was man mit  eigenen Händen herstellen kann, kauft man nicht bei anderen! Spät am Abend kam der Vater heim. Seine vier Jahre alte Tochter hatte sich mit Mühe wach halten können. Sie sprang aus dem Bett und lief ihm fröhlich entgegen:

   „Weißt du was, Vater, weißt du was! Wir haben keinen Klöben gekauft, und wir haben ihn auch nicht aufgegessen, dick beschmiert mit Butter und mit Zucker“.

   Der Hausherr wurde nicht wütend, wie alle, ein wenig beschämt, erwarteten. Ja, er war sogar traurig über dieses Spiegelbild eines allzu sparsamen Mannes, wie es ihm die Tochter mit ihren Worten vor die Nase gehalten hatte. Aber die Angst, seinen Verpflichtungen nicht nachkommen zu können, die Angst, Haus und Hof verlassen zu müssen, wurzelte tief in ihm, und diese besondere Angst ist er nie ganz losgeworden.

   Sie waren sehr, sehr sparsam, Anna und Claus. Jedes Mal, wenn ein Kind heiratete, behielt man etwas von der Mitgift zurück mit dem Versprechen, es später auszuzahlen. Die Kinder warteten mehr oder weniger geduldig auf ihr Geld. Eine zwölfköpfige Kinderschar kostet viel, und elfmal eine gute Mitgift auszubezahlen – das belastet auch einen wohlhabenden Hof. Anna Elsabe, meine Großmutter, war das siebente Kind. Meine Mutter mochte mir nicht die volle Wahrheit erzählen. Doch tat sie es schließlich, weil ich ständig fragte, warum meine Großmutter, unsere Oma, nach Rendsburg gezogen sei, wo sie sich nie zu Hause fühlte.

   Sie hatte eine gute Mitgift erhalten, die Anna Elsabe, als sie ihren Malermeister geheiratet hatte, aber nicht die volle Summe. Und die ließ auf sich warten, denn die Schwester Dora sollte ihren Anteil haben, als sie einen Bauern heiratete, ebenso Lise. Und Marie durfte nicht zurückstehen, als sie ihren Bäcker heiratete, und die Mitgift  wurde bei jedem Kind, das sich verheiratete,  geringer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts plante Anna Elsabes Mann (mein Großvater), seine Malerwerkstatt auszubauen, und zwar zu einer solchen Größe, dass sie im Winter die Pferdefuhrwerke der Großbauern aufnehmen konnte, wenn diese angestrichen werden sollten. Wenn man die Möglichkeit hatte, diese Arbeit auszuführen, würde dies ohne Zweifel die Einnahme vergrößern. Anna Elsabes Eltern versprachen, die Mitgift bald auszubezahlen. Deshalb wagte es der Malermeister, eine Hypothek auf sein Haus zu nehmen. Die Mitgift kam, aber nicht in der erwarteten Höhe. Überdies blieben ein paar Aufträge aus. Ein Unglück kommt selten allein. Der Kampf, nicht Konkurs anmelden zu müssen, war lang und hart. Schließlich schrieb er in seiner großen Not an den wohlhabenden Mann seiner Halbschwester in Altona und bat um ein kurzfristiges Darlehen über – ich glaube, es handelte sich um 5.000 Reichstaler. Die Bitte wurde abgeschlagen. Viel später, als es zu spät war, kam die Begründung: Man habe nicht gewusst, wie schlimm es gestanden hatte. Man hatte überdies Angst, dieses Darlehen zu gewähren. Der Mann der Schwester war Jude. Und die Gefahr, dass man mit dem Finger auf ihn zeigen werde, lag schwer in der Luft. Man sagte ja ganz allgemein, dass die Juden immer Geld hätten, und fand dafür oft auch eine Erklärung: Juden seien Halsabschneider und Blutsauger. Sie gäben fleißigen Handwerkern, die in Not gerieten, Darlehen - selbstverständlich zu überhöhten Zinsen.

1912    verkaufte er Haus und  Werkstatt, mein Großvater. Zog mit Frau und den letzten noch

zu Hause wohnenden Kindern nach Rendsburg, wo er Arbeit in einer Malerfirma fand. Doch zeigte sich im Laufe der Zeit, dass er mit dem Zuhause und dem Heimatort und der Selbständigkeit auch Gesundheit und Glück eingebüßt hatte. Es hängt ja alles miteinander zusammen, wie meine Mutter sagte. Und deshalb wollte sie nicht mehr darüber sprechen, sondern kam immer auf eine Geschichte von „damals“ zurück, als sie Kind war, und wie das Glück so unendlich viele Ursachen habe: Wie damals, als sie sonntags mit den Geschwistern von Hohn nach Friedrichsholm ging, um ihre Großmutter, Anna Mumm, zu besuchen. Die Kinder nahmen am liebsten die Abkürzung, einen Pfad über das Hohner Moor. Von weitem schon konnten sie dann die alte Großmutter in der Tür stehen und nach den Enkeln Ausschau halten sehen. Die Kinder fühlten sich sicher, sie wussten, dass sie die Großmutter nicht aus den Augen ließ. Es ist gefährlich, sich im Moor zu bewegen – „o schaurig ist’s übers Moor zu gehen“. Im Dorf waren viele Geschichten über das schauderhafte Tun und Lassen der Moorgeister im Umlauf, und man kannte Menschen, die im Moor verschollen waren. Die Kinder nahmen aber trotzdem die Abkürzung. Die leckeren, frisch zubereiteten, mit Äpfeln gefüllten Pfannkuchen der Großmutter erwarteten sie.

 

   Als Anna etwas über 60 Jahre alt geworden war, begann sie zu kränkeln. Sie nahm so viel zu, dass sie sich kaum noch rühren konnte. Nun sprach man darüber, wie fett sie geworden sei und wie träge, diese Anna Mumm. Claus zimmerte einen speziellen Stuhl für sie. Im Sommer saß sie gerne an der zweigeteilten Küchentür, der sogenannten „Klatsch-und-Tratsch–Tür“ [Klön-Döör], damit sie das Leben und Treiben auf dem Hof verfolgen konnte. Der jüngste Sohn, Johannes, hatte den Hof übernommen. Anna starb, neunundsechzigjährig, ein paar  Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es blieb ihr also erspart, die Einberufung ihres Sohnes Johannes und seine Entsendung an die Front in Frankreich zu erleben. Eines Nachts 1917 marschierte sein Trupp über ein Moor. Man tat dies in breiter Formation, um beim Feind keine Aufmerksamkeit zu erwecken. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass er, der an einem Moor geboren und aufgewachsen war, sich verirrte. Keiner sah, was mit ihm geschah. Er wurde als vermisst gemeldet. Und obwohl man zu Hause wartete und wartete, kam er nie wieder heim. Seine  junge Frau, die zunächst nicht glauben wollte, dass sie nun Witwe war, konnte mit ihren kleinen Kindern den Hof nicht weiterführen.

   Und unten im Dorf steckten die Leute die Köpfe zusammen und begannen, über das traurige Geschick, dass der Hof dem Geschlecht verloren gegangen war, zu reden. Und sie taten dies auf ihre eigene Weise:

   Das sei – gewissermaßen – Anna Mumms Schuld, das ganze. Wenn sie nur rechtzeitig das Steuer abgegeben hätte! Aber dazu hatte sie sich nicht bereitfinden können. So war es der jüngste Sohn, der allzu spät die Erlaubnis erhalten hatte, den Hof zu übernehmen. Und dann saß sie – die Alte – auf ihrem Stuhl und verfolgte die Arbeit auf dem Hof mit Argusaugen. Welche junge Frau traute sich da, den Platz als Hofbesitzerin einzunehmen? Er hatte sich ja nicht verheiraten können, als die Auswahl groß genug war, der junge Mumm. Nicht unter diesen Verhältnissen. Er hatte unter denen wählen müssen, die übrig geblieben waren. Und als er endlich eine davon überredet hatte – ja, was sollte man über sie sagen. Tüchtig war sie wohl nicht. Drei kleine Kinder, wie die Orgelpfeifen, hatte sie bekommen. Ja, ja, die Mumms waren ja immer recht fruchtbar. Sie, die Junge, war jedenfalls als Witwe nicht in der Lage, den Hof alleine zu betreiben. Sie wollte nicht einmal einen anderen heiraten. Sie hoffte wahrscheinlich, dass Johannes eines schönen Tages nach Hause kommen werde. Und, wie es hieß, schuldete sie den Geschwistern ihres Mannes eine enorme Mitgift. Die würde sie nie bezahlen können, ohne den Hof zu verkaufen. Insgesamt gesehen, hatte das alles also Anna selig zu verantworten.

   Der Hof wurde verkauft. Claus musste zu einer Tochter ziehen, die mit einem Bäckermeister in Meggerdorf verheiratet war. Und da begann man wieder zu reden. Was soll ein Landwirt wie Claus bei einem Bäcker? Wie schlägt er da den Tag tot?

   Er starb 1929 mit 88 Jahren, überlebte also Anna um 19 Jahre. Eine allzu lange Zeit für einen Bauern ohne Scholle. Ja, sie sagten „Bauer“. Einige bezeichneten ihn wirklich als  Bauern.

 

   Wenn meine Mutter von den Frauen, die uns vorausgegangen waren, erzählte, hatte ich manchmal den Eindruck, dass sie weder deren Lebensstil noch deren Schicksal nachleben wollte. Es gibt ein Hochzeitsbild von den Eltern meiner Mutter. Eine Zeit lang konnte ich kaum glauben, dass die junge, frohe Braut dieses Bildes dieselbe Person sei wie meine alte, ernste Großmutter, die wir Oma nannten. Das Brautbild zeigt eine junge Frau in schwarzem Kleid mit weißem Schleier, der auf dem Kopf zu einer Art Brautkrone zusammengebunden ist Das Haar ist stramm nach hinten gekämmt – nun ist sie eine Ehefrau. Aber ein paar kleine Locken fallen kokett in die Stirn. Sie lächelt. Der Bräutigam sieht sehr erwachsen und ernst aus. Man spürt, dass er älter als die Braut ist und Lebenserfahrung hat. So musste es sein. Er hat einen Kaiser-Wilhelm-Bart, wie es üblich war. Sie sitzen vor dem Elternhaus des Bräutigams in Hohn.

   Zehn Jahre später ist das Paar an derselben Stelle fotografiert worden, umgeben von ihren fünf ersten Kindern, alles Mädchen. Omas Gesicht ist verändert, aber auch jetzt lächelt sie. Meine Mutter steht neben ihr, sie ist da knapp 10 Jahre alt. Ich kann erkennen, dass wir zwei uns ähneln.

 

   Oma gebar acht Kinder. Meine Mutter war das erste. Als sie heranwuchs, konnte ihr Vater bisweilen eine Bemerkung machen, dass es wohl am besten gewesen wäre, auf jeden Fall leichter für ihn, wenn seine Frau zuerst einen Jungen bekommen hätte. Dieser hätte dann in der Werkstatt helfen können. Besonders im Winter, wenn man ohne Gesellen zurechtkommen musste. Im Sommer hatte er mehrere mit Kost und Logis angestellt. Auffallend, dass keiner von der Arbeit sprach, die die Frau des Meisters zu leisten hatte: Die Kinder, der riesige Garten, der Haushalt, der mit Gesellen, Schwiegervater und der schnell wachsenden Schar Kinder wirklich groß war. Niemand erwähnte, dass sie sich dann und wann auch um den erwachsenen schwachsinnigen Halbbruder ihres Mannes kümmerte, wenn dieser, von Heimweh getrieben, die Anstalt verlassen hatte. Und nicht nur das. Jeden Sommer kam die Halbschwester ihres Mannes, Marie, - jene, die mit einem Juden verheiratet war – mit ihren beiden Kindern in den Ferien aus Altona heim ins Elternhaus. Kein Wunder also, dass das älteste Kind, meine Mutter, immerzu von ihrer Mutter hören musste, dass sie ja schon so groß sei und deshalb helfen könne. Was sie auch tat, wann immer sie gebeten wurde. Sie versuchte auch, sich in der Werkstatt ihres Vaters nützlich zu machen. Denn sie wollte gerne geliebt und gelobt und gemocht werden – auch vom Vater, den sie sehr liebte und dem sie gleichen wollte. Mehr als alles andere wünschte sie, dass er aufhören möge zu sagen, dass sie nur ein Mädchen sei. Deshalb lernte sie eifrig, Farben zu mischen, Tapeten zu verkaufen, und besonders gut wurde sie darin, Ordnung in den Dingen ihres Vaters zu halten. Er verlegte nämlich ständig seine Sachen.

   Dennoch wurde sie von den Eltern meistens als „Mutters großes Mädchen“ bezeichnet. Es war selbstverständlich, dass sie auf  die jüngeren Geschwister aufpasste und Verantwortung übernahm und oft auch beschuldigt und bestraft wurde, wenn diese etwas  ausgefressen hatten. Sie half  in Haus und Garten und machte Besorgungen. Einmal fand sie ihre Mutter auf dem Boden der Waschküche liegen, blutend und bewusstlos wegen eines plötzlichen Aborts. Da war sie es, die sehr schnell herausfinden musste, wie sie ihr helfen konnte. Und es war ebenfalls sie, die den Boden und die Kleidung von Blut säuberte. Niemand hatte Zeit, sich um das Mädchen zu kümmern, niemand erklärte ihr etwas. Sie glaubte, die Mutter sei todkrank, und die Angst, sie zu verlieren und mit all’ dem alleine gelassen zu werden, war kaum zu ertragen.

   Von diesem Vorfall erzählte sie mir erst, als ich erwachsen war. Denn wie es in Mutters Kindheit gewesen war, war es auch in meiner: Alles, was mit der Entstehung eines Kindes zusammenhing, wurde vor den Kindern geheim gehalten.

   Recht früh in meiner Kindheit erzählte mir meine Mutter von dem Sommer, als sie – nur zehnjährig – an einen großen Hof als Kindermädchen „ausgeliehen“ wurde. Während der  Ferien nur vormittags, als die Ferien vorüber waren, jeden Morgen vor Schulbeginn. Als es Herbst wurde, erhielt sie als Belohnung für die gut geleistete Arbeit den alten Sommerhut der Bauersfrau, den niemand mehr gebrauchen konnte. Der Vater des „Kindermädchens“, der Malermeister, erklärte tröstend, dass der eigentliche und reale Lohn in einem Großauftrag des Bauern an ihn bestehe. Ein Auftrag, der erteilt wurde dank der guten Hilfe der Tochter, die der Bauer als Voraussetzung verlangt hatte. Das Hauptgebäude des Bauernhofes musste von innen und außen gestrichen werden. Andere Malermeister hatten sich um den Auftrag bemüht. Und der Großbauer nutzte diese Situation schamlos aus. Aber so ist es nun einmal: Wenn man dermaßen um das tägliche Brot kämpfen muss, kann man sich nicht den Luxus erlauben, feinfühlig und verletzlich zu sein. Trotz des Glücks, ihrem Vater derart geholfen zu haben, behielt sie aus diesem Sommer vor allem einen besonderen Schmerz, der in einer Mischung aus Scham, Ohnmacht und Zorn bestand. Am liebsten hätte sie den Strohhut auf die Erde geworfen und in den Dreck getreten Aber man konnte sich nicht erlauben, den Spender zu beleidigen.

   Und dann war da ihr enormes Gefühl von Ohnmacht und Schuld, nicht wirklich zu etwas nutze gewesen zu sein. Sie mussten dennoch alles aufgeben, die Eltern meiner Mutter. Meine  Großmutter fühlte sich in  Rendsburg, wo sie eine kleine Wohnung fand, nie heimisch. Wenn sie mit dem Postwagen auf Besuch nach Hohn fuhr und über das Moor nach Friedrichsholm ging, ging sie „naa hus“, nach Hause. Und mit großer Bitterkeit erlebte sie den Verkauf ihres Geburtshauses. Wäre die junge Kriegerwitwe tüchtiger gewesen, hätte man den Hof behalten können, bis einer der Söhne ihn übernommen hätte. Friede nährt, Unfriede verzehrt! So ist es nun einmal. Sagte Oma.

   „Wäre nicht Krieg gewesen“, auch meine Mutter benutzte diesen Satz oft, besonders wenn es galt, ein Unglück herunterzuspielen. Aber wir Kinder lernten früh, ihr zu antworten: „Hätte es keinen Krieg gegeben, wärst du nie Papa begegnet“. Und das wäre ja eine Katastrophe gewesen. Denn wenn sich Mutter und Vater nicht begegnet wären, wie hätten dann wir beide, Wolfgang und ich, zu den Menschen werden können, die wir waren? Wolfgang ähnelte dem Vater vom Aussehen her, ich dem Wesen nach. So sagte man. Und davon abgesehen, gehörten wir zusammen, wir vier. Oft fragte ich, wo ich denn gewesen sei, bevor ich bei ihnen landete. Die Antwort war immer dieselbe. „Nun ja, du warst nirgends. Du kamst zur Welt, und damit warst du da“. Ich wusste nur ganz im  Inneren, dass dies nicht so einfach sein konnte, denn ein Mensch existiert vorher und jetzt und in Ewigkeit. Dieses Wissen lag tief in mir verborgen. So tief, dass ich nicht in der Lage war, es auch mit nur einem Wort hervorzuholen. Deshalb musste ich die Erwachsenen in Frieden lassen mit ihrem Gerede von Geburt und Tod, den beiden Begriffen, die, wie  man mir weismachen wollte, das menschliche Dasein begrenzten. Gewiss sind die Erwachsenen klug; aber ganz gewiss verstehen sie nicht alles. Obwohl sie es glauben. Und an dieser Überzeugung kann niemand und nichts rütteln.

     Wenn man als Kind durch Erzählungen die Welt zu verstehen sucht, beobachtet man aufmerksam die Mimik des Erzählers. Hielt meine Mutter ihren Kopf etwas schief, begann sie zu lächeln, richtete sie ihren Blick an uns vorbei an einen Ort, den wir nicht kannten, ja , dann begann sie üblicherweise zu erzählen von damals, als sie meinen Vater kennen lernte.

   Denn als er zögernd in die Konditorei kam, wusste die plötzlich, dass es mit diesem Manne etwas Besonderes auf sich hatte. Sie stand gerade hinter der Ladentheke. Ihr Vetter war zwar der Eigentümer, aber sie war für den täglichen Betrieb verantwortlich, obwohl sie in einem Zeugnis als „Verkäuferin“ bezeichnet wird. Ihr tatsächlicher Aufgabenbereich hätte sie zu mehr Lohn berechtigt. Aber sie stellte keine Forderungen. Sie kannte ihren Platz in einer Zeit, in der Menschen an Straßenecken mit einem Schild um den Hals standen, auf dem sie um irgendwelche Arbeit bettelten.

   Der Mann in der Tür sah sich auf eigenartige Weise um. Es war niemand sonst da, er hätte sich ja nur einen passenden Tisch auszusuchen brauchen. Zögernd kam er zum Ladentisch. Sie war gerade dabei, nach einem Besuch der Fischfrauen die Kuchenstücke neu zu ordnen. Es war Markttag, und die Fischfrauen pflegten dann vormittags nach Verkaufsschluss sich mit reichlich Kuchen zu vergnügen. Die Fischfrauen hatten Geld, und deshalb lief die Konditorei so gut. Aber der Mann, der gerade hereingekommen war, sah nicht gerade begütert aus. Er bestellte einen Kaffe und entschied sich recht zögerlich für ein Stück Kuchen. Sie schnitt es extra groß. Das pflegte sie sonst nie zu tun, denn ein paar Gramm ergeben rasch ein Kilo, und der Vetter kontrollierte sorgfältig die Geschäftsbücher. Am nächsten Tag kam der Mann erneut, und so ging es die ganze Woche und die folgende Woche, und sie fand, dass dies merkwürdig sei, denn wer konnte  es sich schon so gut wie jeden Tag leisten, in eine Konditorei zu gehen. Blieb er einmal aus, war der Tag leer. Und obwohl sie Angst hatte, dass dieser Mann sich überlegen könne, nie wiederzukommen, schnitt sie die  Kuchenstücke kleiner. Denn sie fürchtete, dass er nur auf Grund der großen Kuchenstücke komme. Eines Tages aber brachte er Ernst mit, - den rothaarigen, sommersprossigen, lustigen, kecken Ernst, der in allen Lebenssituationen ein passendes Wort fand, am liebsten gereimt oder gesungen. Er brachte sie zum Lachen – und den stummen, eigenartigen Mann dazu, mit ihr ein Stelldichein zu verabreden. Kurz danach machte er ihr einen Heiratsantrag. Heiligabend 1920 verlobten sie sich. Am Tag danach borgte sich meine Mutter von einem verwandten Bauern Pferd und Wagen. Und dann fuhren sie durch die Landschaft entlang der Eider von Hof zu Hof, von Haus zu Haus, um den Verwandten Mutters Auserwählten zu präsentieren. Mein Vater saß auf dem Kutschbock, die Zügel fest in der Hand. Alle konnten erkennen, der Mann konnte mit Pferden umgehen, und sie konnten hören, dass er kein Einheimischer war. Er sprach überhaupt nicht Plattdeutsch, nur Hochdeutsch, was man in der Familie meiner Mutter am liebsten vermied, weil man - wie es hieß - diese Sprache nur mit einem Knoten in der Zunge sprechen könne. Und meinem Vater konnte nicht entgangen sein, dass man sich in der  Familie meiner Mutter generell nicht für  Unbekanntes begeistern konnte. Meine Mutter hatte angedeutet, dass die Neuen – woher sie auch kämen – sich nicht einbilden sollten, neue Sitten und Gebräuche einzuführen. Der Grünkohl hatte zu schmecken, wie er immer geschmeckt hatte, und nicht, wie eine aus dem Norden meinte, mit Sahne gemischt, so dass man Spinat zu essen glaubte.

   Meine Mutter war mit einer verhaltenen Lust, die Grenzen zu sprengen, aufgewachsen. Und nun kam sie mit einem Mann, der ganz anders war. Ach, das geschah der Verwandtschaft wahrhaftig recht. Sie fühlte die musternden Blicke, obwohl niemand kritische Bemerkungen machte.

   Sie war nicht blind gegenüber den erstaunten und bewundernden Blicken, die manche ihnen zuwarfen. Auf dieser Fahrt wurde mein Vater in die Familie eingeführt, meine Mutter nahm Abschied von ihr. Nun wollte sie frei sein, wollte in der Lage sein, sie selbst zu sein. Glaubte sie.

   Wollte ein Polizeibeamter heiraten, musste er einen Nachweis über die ökonomische Unabhängigkeit des Paares vorlegen. Schulden waren auf keinen Fall erlaubt, erforderlich waren ein Sparkonto und eine solide Aussteuer zur Einrichtung eines Hausstandes. Ein Polizist, der unter erbärmlichen Verhältnissen lebt, kann leichter verführt werden, Bestechungen anzunehmen. Das Anfangsgehalt war äußerst gering.

   Meine Mutter hatte einiges gespart, und ihr Vater besorgte durch ein Tauschgeschäft Holz, woraus ein enger Freund, ein Möbeltischler, ein wirklich schönes Schlafzimmer machte. Die Inflation nahm Fahrt auf. Es fehlte an allem. Auch das junge Brautpaar beeilte sich mit der Anschaffung der notwendigsten Dinge für den Haushalt. Einige Möbel kauften sie gebraucht, denn das mühsam gesparte Geld verlor jeden Tag mehr an Wert. Mein Vater war nach Rendsburg  versetzt worden und erhielt da eine Wohnung in einer alten Kaserne. Die Nachbarn waren ebenfalls Polizisten. Die Hochzeit wurde mit einem äußerst bescheidenen Mittagessen im engsten Familienkreis begangen. Von Vaters Seite kam nur dessen Vater aus Berlin. Vaters  Eltern wohnten jetzt in einem geräumigen Haus, das ihnen der älteste Bruder meines Vaters gekauft hatte. Als wohlhabender Kaufmann und Fabrikant hatte er die Erlaubnis erhalten, in Polen zu bleiben. Meine Mutter hatte unmittelbar nach der Verlobung zusammen mit meinem Vater ihre Schwiegereltern besucht und sich dort auf eigenartige Weise fremd gefühlt. Sie konnte nicht ertragen, dass die Geschwister meines Vaters sie mit Umarmungen und mit herzlichem Drücken willkommen hießen. Sie selbst berührte nie einen Menschen, den sie nicht besonders gut kannte, war überhaupt sehr sparsam mit Zärtlichkeiten. Um zu zeigen, wie gut sie es mit allem und allen im Haus der Eltern meines Vaters meinte, machte sie sich nützlich. Vor allem Vaters jüngste Schwester missverstand ihr Verhalten als dienstbarer Geist. Meine Mutter hatte den Eindruck, dass sie ein bisschen auf sie herabsah. Und als diese Schwester ihr eines Tages ein Kleid in die Hand drückte mit der Bitte, es zu waschen, wurde meine Mutter wachsam und kritisch und konnte nie die guten Beziehungen, die sie eigentlich haben wollte, aufbauen.

   Doch alle  Fotos von meiner Mutter aus dieser Zeit erzählen mehr als Worte es können von einer jungen, glücklichen und sehr schönen Frau. Wolfgang wurde im selben Jahr geboren, in dem meine Eltern geheiratet hatten. Er wurde zu Hause geboren, wie es damals üblich war. Mein Vater hatte Urlaubstage gespart, um meine Mutter, das Kind und den gesamten Hauhalt „passen“ zu können  - wie das so schön auf Norddeutsch heißt. Dabei entdeckte er, wie mühevoll Hausarbeit sein kann. Er versprach meiner Mutter, dass er in Zukunft stets die Fenster putzen und den Fußboden scheuern werde. Wenn er mitten in der Woche einen freien Nachmittag hatte, konnte er auf die Idee kommen, Mutter und Kind spazieren gehen zu lassen. Dass die Küche bei ihrer Rückkehr gescheuert sein würde, wusste Mutter genau. Fußboden und Küchenmöbel bestanden aus nicht lackiertem Holz. Manchmal überraschte Vater sie mit frisch gebackenen Milchbrötchen oder Kuchen. Schon im Treppenhaus begegnete ihr ein angenehmer Duft.

   Vaters „Nebenbeschäftigungen“ entgingen nicht der Aufmerksamkeit der Nachbarn. Zwar taten die Männer so, als merkten sie nichts. Aber die Frauen, die bemerkten es. Und natürlich konnten sie nicht den Mund halten! Sieh nur, was Emil kann, sagten sei. Oder schlimmer noch: Sieh nur, wozu Emil bereit ist!

   Aber welcher Mann will schon so etwas hören. Einer der Nachbarn sagte spitz, dass er leider keine Konditorlehre hinter sich habe. Ein anderer wies auf seinen beschädigten Rücken hin. Ein dritter begann tatsächlich von seiner eigenen Mutter zu erzählen. Hatte sie nicht neun Kinder zur Welt gebracht? Und es dennoch nie für notwendig gehalten, ihren Mann zu einem Dienstmädchen zu degradieren! Denn sie – die Mutter – war nämlich eine tüchtige Frau. Zweifellos!

   Ganz allgemein waren die Männer der Ansicht, dass man tun müsse, wozu man am besten geeignet sei. Hausarbeit war nun einmal Frauensache. War das gesagt, konnte man sich erlauben, Vater als unkollegial und unsolidarisch abzustempeln. Vater ließ das alles kalt, bestärkt vom norddeutschen Sprichwort: „Do wat du wült, de Lüt schnackt doch!“

 

   Vater machte noch auf andere Weise von sich reden. Wegen seiner Tüchtigkeit, seines Ordnungssinns und seiner Pflichterfüllung wurde er mehrfach außerhalb der Reihenfolge  und der Anciennität befördert. Und das geschah vor 1933! Vor Hitlers Machtergreifung. Nach diesem markanten Datum wurde er nur noch aus Anciennitätsgründen befördert! Meine Mutter unterließ nie, darauf hinzuweisen – auf dieses Vorher und  Nachher. Sie sprach darüber bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Gegenüber uns Kindern, Freunden und Vaters Kollegen. Insbesondere den Gleichaltrigen gegenüber, die noch nicht Vaters Rang erreicht hatten. Und es sollten viele Jahre vergehen, bevor ich die Bedeutung dieser Periodisierung begreifen sollte, dieses vor und nach der Machtergreifung eines Führers. Meine Mutter war an Politik nicht interessiert. Sie wollte nur verdeutlichen, dass Vater wegen seiner Tüchtigkeit und anderer für einen Polizeibeamten notwendigen Tugenden befördert worden war. Und nur deswegen!

 

   Vater wurde nach Wolfgangs Geburt zur Fortbildung auf die Polizeischule nach Altona geschickt. Anschließend erhielt er dort eine Stelle. Mutter und Wolfgang zogen nach, nachdem Vater mit viel Mühe eine Wohnung gefunden hatte. Hier fühlte sich meine Mutter nicht wohl, denn in der Großstadt ist der Himmel allzu selten sichtbar. Dagegen machten sich Armut und Not  stark bemerkbar. Obwohl der Alltag nun leichter zu bewältigen war. Die Frauen brauchten nicht mehr – wie in der Inflationszeit – am Zahltag  mit einem Koffer voller Geldscheine einzukaufen, die am Tag darauf schon wieder an Wert verloren hatten. Die Inflation war überstanden. Die letzten Billionenmarkscheine tat Mutter in einen alten Koffer. Sie sollten sie und die nachfolgenden Geschlechter für immer an eine Zeit erinnern, die – so meinte sie jedenfalls – die schlimmste ihres Lebens gewesen sei.

   Die Menschen begannen, wieder Hoffnung zu schöpfen. Langsam begann das Sparen wieder. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Die Arbeitslosigkeit nahm langsam ab.

   Pläne machen zu können und nicht von der Hand in den Mund leben zu müssen, war Mutter recht. Dennoch wurde sie wegen der gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen oft von Angst ergriffen. Sie hatte als junges Mädchen die Revolution in Kiel erlebt. Ein paar Arbeiter und Matrosen hatten sich damals auf dem Dachboden der Bäckerei verschanzt und von dort geschossen. Aber das, was sie jetzt erlebte, war etwas ganz anderes. Besonders die Nationalsozialisten und  die Kommunisten brauchten – oder richtiger gesagt: missbrauchten – immerfort jede sich bietende Gelegenheit für Demonstrationen, Streit und Schlägereien. Vater versuchte, Mutter zu beruhigen, und erklärte ihr, dass Not und Hunger langsam abnähmen. Allmählich würden die Leute  das  Interesse an den extremistischen Parteien verlieren und Zeit und Kraft für die vergnüglicheren Seiten und Dinge des Lebens nutzen: Häuser bauen, eine Ausbildung machen, eine Familie gründen, sich zusammen amüsieren, statt mit der geballten linken oder der erhobenen rechten Hand zu drohen.

   Mutter blieb zu Hause, wenn demonstriert wurde. Aber hinterher konnte sie in den Zeitungen Reportagen über den gewaltsamen Verlauf der Demonstration lesen. Wenn Politik gleichbedeutend war, in Wort und Tat auf Andersdenkende einzuschlagen, ja dann wollte sie nicht das Geringste mit Politik zu schaffen haben. Aber Vater hatte keine Wahl. Auf Grund seines Berufes wurde er erneut auf ein Schlachtfeld beordert, diesmal an der Heimatfront. Es war ja Aufgabe der Polizei, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. War eine Demonstration rechtmäßig angemeldet, musste die Polizei die Demonstrierenden vor Unruhestiftern schützen. Auch wenn die Demonstranten Nationalsozialisten oder Kommunisten waren. Und auch, wenn selbst ein Blinder erkennen konnte, dass der Zweck der Demonstration nichts anderes als eine grobe Provokation war. Die Kommunisten kämpften nicht nur gegen Andersdenkende, sie hatten überdies den Kampfruf „Nieder mit der Ordnungsmacht!“ auf ihr Banner geschrieben. Somit wurde auch die Polizei als Repräsentant der Ordnungsmacht zu ihrem erklärten Feind. Die Nationalsozialisten kämpften anders. Sie versuchten langsam und sicher, das Polizeikorps mit Leuten ihrer Gesinnung zu infiltrieren. Wie erfolgreich das war, kann ich nicht beurteilen. In unser Haus kamen niemals Kollegen dieser Kategorie.

   Es kam vor, dass Polizeibeamte während der Ausführung ihres Dienstes schwer verwundet oder gar getötet wurden. Mein Vater hatte oft Extradienst, und meine Mutter blieb abends oft alleine mit ihrer Unruhe und ihrer Angst.

   Eines schönen Tages kam mein Vater mit einem Vorschlag. Was, wenn wir versuchten, ein Haus außerhalb der Stadt, weit weg von Kampf und Lärm zu finden. Ein kleines Haus mit Garten an einem Ort, wo der Himmel den ganzen Tag zu sehen ist. Wo Platz genug ist für Kinder und Gäste und ein ganz alltägliches, friedliches Leben.

   Er fand diesen dort, wo gerade ein neuer Stadtteil errichtet wurde. Wenn Mutter uns später von dieser Zeit erzählte, zeichnete sie uns Kindern Bilder aus der Erinnerung, die uns froh machten. Vater pfiff und Mutter sang. Alles würde sich nun zum Besseren wenden, alles! Darin waren sie sich ganz sicher. Doch blieb meine Mutter immer etwas skeptisch. Es wäre das Beste, nicht allzu viel zu erwarten. Man könne dann auch nicht enttäuscht werden. Nach und nach riss mein Vater sie in seiner Freude mit. Sei gewiss, die schlimmste Zeit haben wir hinter uns. Und meine Mutter möchte ihm am liebsten glauben. Als Polizeibeamter hatte er ja einen Finger am Puls der Zeit, und als eifriger Zeitungsleser konnte er sich ein Bild von der großen Welt machen.

 

   Abends, wenn Mutter bei einer Näharbeit saß, unterhielt sie mein Vater damit, ihr Artikel, die ihm wichtig erschienen, laut vorzulesen. Meine Mutter hielt  lange Zeit Zeitungsberichte ohne jede Einschränkung für die reine Wahrheit, obwohl es schon lange sprichwörtlich hieß, dass jemand wie gedruckt lüge. Wahrscheinlich meinte meine Mutter, nur rechtschaffene, verantwortungsbewusste und kluge Leute könnten Redakteure werden. Eine objektive Berichterstattung durch die Zeitung war  für sie eine moralische Selbstverständlichkeit. Viel musste geschehen, bevor sie bereit war, ihre Auffassung zu revidieren. Ich weiß nicht, wie Vater die Berichterstattung der Zeitungen beurteilte. Während meiner gesamten Kindheit versuchte er, mich auf den menschlichen Drang nach subjektiver Beurteilung von Ereignissen, der sich insbesondere auch in den Medien geltend machte, aufmerksam zu machen. Aber wie beurteilte mein Vater die Zeitungsberichte zur Zeit meiner Geburt? Das hätte ich wirklich gerne gewusst. Sah er dem ins Auge, was er sehen musste? Oder wünschte er, um jeden Preis glücklich zu sein, so dass Nachrichten, die er nicht mehr einordnen konnte, seiner Aufmerksamkeit entgingen? Konnte er  - mit den Zeitungsartikeln als Grundlage – in die Zukunft sehen? Hatte er böse Vorahnungen, oder wendete er das  Bibelwort seiner Mutter an, indem er sagte „kümmere dich nicht um den morgigen Tag, denn jeder Tag hat seine eigene Plage“. Später, als er mir zu denken und zu urteilen – und dies außerhalb der üblichen Schablonen – beizubringen suchte, sagte er oft, dass man klugerweise eine Zeitung auf sehr unterschiedliche Weise lesen könne und solle. Manchmal reiche die Bedeutung einer Nachricht nicht über den Tag ihres Erscheinens hinaus. Aber oft erkläre eine Zeitung mit ihren Artikeln auch die Vergangenheit. Und Zeitungen seien in der Tat auch im Stande, einen scharfen Blick auf die Zukunft zu werfen. Mehr noch, die Behandlung  eines Stoffes und das Setzen von Prioritäten zeigten Niveau und Mentalität eines Volkes. Des Volkes, für das die Zeitung geschrieben wird.  „Denk’ dran, Zeitungen sind eine Ware, mit der man Geld verdienen will! Deswegen druckt man auf der Vorderseite in Fettbuchstaben eine Überschrift  zu einem Thema, von dem man meint, dass sie die Aufmerksamkeit vieler Käufer fesseln werde. Und deswegen wird am liebsten alles weggelassen, was die guten Kunden brüskieren und sie vom Kauf abhalten könnte“.

 

   Zeitungen sind meinungsbildend.  Klug ist der Redakteur, der sich in dieser Beziehung seiner Verantwortung bewusst ist, schlau derjenige, der weiß, was das Volk lesen will. Klugheit und Schlauheit in einer Person zu vereinen, gelingt wohl nicht immer.

   Die Zeitungen, die am Tag meiner Geburt, am 18. April 1928, erschienen, erzählen etwas von dieser Welt, die von diesem Tag an auch meine Welt war. Es war eine Welt, die dringend Frieden brauchte. Im Rückblick betrachtet, zeichnen die Artikel der Zeitungen und besonders ihre Platzierung für mich ein erschreckendes Bild. Aber wie die Leser im Jahre 1928 die Berichte beurteilten, werde ich nie erfahren.

   Der „Hamburger Anzeiger“ brachte in fett gedruckten Lettern auf der Vorderseite einen Bericht über eine Weltsensation: den Flug des Flugzeugs „Bremen“ über den Atlantik. Große Schwierigkeiten während des Fluges, eine Notlandung und die allgemeine und – nach der Weltpresse zu urteilen – besonders amerikanische Freude über den glücklichen Ausgang gaben genügend Stoff für eine Reportage über die  Erfolge der waghalsigen Piloten Köhl und Hünefeld. Aber unter der Überschrift „So tief sitzt der Hass“ wurde im „Hamburger Anzeiger“ die Reaktion der polnischen Zeitungen beschrieben. Diese hätten auf der Frontseite fett gedruckt und in äußerst herabsetzender Sprache die ersten Meldungen über den ungünstigen Verlauf des Fluges und die schlechten Leistungen der deutschen Piloten gebracht. Aber als die Nachricht von der Notlandung auf der anderen Seite des Atlantiks kam, hätten die polnischen Zeitungen in sehr kurzen und zudem schlecht platzierten Artikeln die Meinung vertreten, dass  die Deutschen den glücklichen Ausgang des Fluges allein dem irischen Piloten Fitzmaurice verdankten.

   Weiterhin veröffentlichte der „Hamburger Anzeiger“ auf der ersten Seite unter der Überschrift „Die Geschichte eines Reinfalls“ einen Bericht über einen komplizierten diplomatischen Streit  zwischen dem französischen Politiker Briand und dem amerikanischen Staatsmann Kellog. Der Streit zwischen den beiden hatte seine Ursache in der ungeklärten amerikanisch-französischen Kontroverse über die französischen Kriegsschulden. Ein Streit, der von Briand schnell genutzt wurde zur Deklaration von Friedensbotschaften und zur Definition von Krieg, Angriffskrieg und Sanktionen, während der Pazifist Kellog in seinem Antwortbrief Kriege kurz und bündig als „Raubzüge“ bezeichnete. In Frankreich fanden bald Wahlen statt [am 29. April 1928], und Briand wollte sein Land in ein positives Licht setzen. Nach Ansicht des „Hamburger Anzeigers“ aber habe Briand einen Reinfall erlebt und sein Gesicht verloren.

 

   Als weiteren wichtigen Stoff sahen die Redakteure der ganzen Welt die im Frühjahr 1928 stattfindende Reise des Amerikaners Parker Gilbert in europäische Hauptstädte. Gilberts Ziel war es, die beteiligten Regierungen zu veranlassen, über die deutschen Reparationsschulden zu verhandeln. Er verweist darauf, dass die deutsche Inflationspsychose inzwischen überwunden sei, dass man begonnen habe, wieder Sparkonten einzurichten, dass die Industrie aber noch gelähmt sei. Schuld daran seien besonders die enormen Kriegsschulden Deutschlands in Höhe von 6 Milliarden £.  Gilbert schlug eine Reduzierung auf 1,6 Milliarden £ vor. Denn, wie er sagte, fördere ein armes Land mitten in Europa nicht den Wohlstand der anderen Länder. Und ein erniedrigtes Volk werde allzu leicht ein Opfer extremer Politik. Auch die „Daily Mail“ brachte hierüber einen Bericht und hob hervor, dass man sowohl in französischen politischen Kreisen als auch in Finanzkreisen einer Mobilisierung der deutschen Industrie und des deutschen Eisenbahnwesens mit Sympathie gegenüberstehe.

   Dazu bemerkte der „Hamburger Anzeiger“  recht trocken, dass man derartige Mitteilungen mit Skepsis und Vorsicht aufnehmen müsse. Man glaube nicht an ein französisches Wohlwollen.

   Auf der letzten Seite des „Hamburger Anzeigers“ wurde ein Beleidigungsprozess mit Bezug zur Reichswehr geschildert. In einem Gerichtsverfahren waren zwei Autoren – Jakob Salomon und Carl von  Ossietzky – angeklagt, in einem Artikel behauptet zu haben, dass mehrere Offiziere der Reichswehr auf die Anklagebank kämen, wenn der Oberleutnant Schulz wegen eines Fememordes verurteilt werde. Die Autoren wurden für diesen Artikel wegen Beleidigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

   Auch die Welt der Kinder nahmen die Zeitungen glücklicherweise unter die Lupe. Unter der Überschrift „Keine Prügelstrafe mehr! Eine wichtige Neuerung in Preußen“, berichtete der „Hamburger Anzeiger“  über den Hinweis des preußischen Kultusministers an die Schulen, wonach in der pädagogischen Theorie und Praxis die Prügelstrafe immer mehr verworfen werde. Zwar gebe es noch kein förmliches Verbot der Prügelstrafe, doch werde schon jetzt beanstandet, wenn ein Mädchen körperlich bestraft und wenn ein Junge im ersten und zweiten Schuljahr geprügelt würde. Der Minister machte darauf aufmerksam, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler schwerlich aufgebaut werden könne, wenn Unaufmerksamkeit und unzulängliche Leistungen mit Prügel geahndet würden.

   Dieser Artikel ist – wie all’ die anderen, die am Tag meiner Geburt erschienen sind – außerordentlich wichtig für mein Leben. Aber davon hatte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht die geringste Ahnung. Und ich weiß noch nichts von meinem späteren Interesse an einer kleinen Zeitung und deren Leserkreis im nördlichsten Teil Deutschlands, nämlich an „Flensborg Avis“, dem Sprachrohr der dänischen Südschleswiger. Selbstverständlich brachte auch dieses Blatt auf der Titelseite den Flug der waghalsigen Piloten über den Atlantik.

    Die Wahl in Frankreich war nach Ansicht von „Flensborg Avis“ von drei Tendenzen geprägt: von der Furcht vor dem Kommunismus, von dem Wunsch nach Frieden und Verständigung und von dem Glauben an den Politiker Poincaré.

   „Flensborg Avis“ hielt den Besuch des belgischen Königspaars in Kopenhagen für ein geeignetes Thema für die erste Seite. Auf der dritten Seite wurde berichtet, dass das Düppel-Abzeichen [Dybbøl-mærke] nun im gesamten Königreich verkauft werde und dass „sich alle politischen Lager einsetzen für Dänemarks Sache auf einem Außenposten, für die Unterstützung von Seiten des Mutterlandes, wonach man so sehr verlangt“.

   Auf einer der letzten Seiten berichtete die Zeitung von einem Prozess über einen  Zusammenstoß zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten in Berlin. Die Nationalsozialisten waren in der Überzahl, so dass entgegen aller Gewohnheit – wie die Zeitung bemerkt – die Nazis angeklagt wurden. Doch sei während des Prozesses erwähnt worden, dass es schwierig gewesen sei festzustellen, was sich eigentlich ereignet habe, weil die Zeugen von Dritten beeinflusst worden seien..

 

   Die „Flensburger Nachrichten“, das Sprachrohr der deutschen Schleswiger, sahen in den Verhältnissen in Elsaß-Lothringen, das nach dem ersten Weltkrieg erneut seine Nationalität geändert hatte und französisch geworden war, einen passenden Stoff für die Titelseite. In einem äußerst ausführlichen Artikel wurde der Kampf der deutschen Bevölkerung um Anerkennung ihrer Eigenart und des Heimatrechts behandelt. Mit Empörung zitierte man die französische Presse, denn in Frankreich werde diese Forderung als Heuchelei, Verstellung und Doppelzüngigkeit bezeichnet. Der Präfekt Susini habe in einer offiziellen Rede die Kämpfer für das Heimatrecht als eine „Bande von Schurken“ [„une bande encanaillée“] bezeichnet. Die deutschen Heimatzeitungen würden verboten, verbunden mit einer Reihe Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Das alles, weil man ein „Komplott gegen die Sicherheit des Staates“ fürchte. In einem Prozess habe man die Angeklagten beschuldigt, als Unterstützung ihrer Arbeit Geld aus Deutschland und der Schweiz angenommen zu haben.

   Die Nachrichten vom Atlantikflug platzierte auch diese Zeitung auf der Titelseite. Erst auf der zweiten Seite brachte sie unter der Überschrift „Faschisten überwachen die Geistlichen in der Provinz Bozen“ einen Artikel über faschistische Strategien und Zielsetzungen. Die faschistischen Parteisekretäre waren aufgefordert worden, ein Auge auf das Tun und Lassen der Priester zu werfen und Kontrollberichte hierüber an das „faschistische Verbandsdirektorium“ weiterzuleiten.

   So zeichneten am 18. April die Zeitungen ein Bild der Welt, in der von diesem Tag an auch ich einen Platz einnahm. Ich habe nie erfahren, wie die Menschen auf unserem gemeinsamen Erdball dieses Bild deuteten. Wenn meine Mutter mir später die Zeit um meine Geburt beschrieb, unterstrich sie stets, wie schwer alles gewesen sei. Die Sonne habe keine Kraft gehabt. Hierbei sprach sie nicht nur vom Wetter, obwohl der Wetterbericht der Zeitungen am 18. 4. 1928 von starkem Schneefall in Mitteleuropa sprach. In Hamburg war der Himmel bedeckt, und die Luft war kalt. Das Hoch über West-England konnte sich nicht ausbreiten. Turbulenzen über dem Kattegatt und dem Skagerrak verursachten Böen, die viel Regen oder Schnee brachten. Die Temperaturen waren für die Jahreszeit zu niedrig, und man konnte für die nähere Zukunft keine wesentliche Wetterbesserung erwarten.

 

   Mein Vater wurde später – als wir älter geworden waren – nie müde, darauf aufmerksam zu machen, dass wir 1928 noch im Schatten von Versailles lebten. Dieses Friedens, der im Winter entstanden war, weil die Herzen steif vor Kälte waren. Deshalb seien dessen Bedingungen nicht gut für all’ das Neue, das hervorbrechen und sprießen wolle.

   Er ermahnte uns, klar zu erkennen, dass die würdige Umsetzung eines Sieges genau so schwierig sei wie die Bewältigung einer Niederlage. Aber ich bin mir sicher, dass er nicht hatte ahnen können, in welch hohem Grad die Sieger und dann besonders die Verlierer bei der Lösung dieser schwierigen Aufgabe versagten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                               D a s   H a u s

  

 

 

 

 

 

 

   Auf einem Höhenzug parallel zur Elbe und weit weg von der Altonaer Innenstadt, dort  wo Windmühlen, Hünengräber, Wald und Gebüsch ihren Platz hatten, entstand in den zwanziger Jahren ein neuer Stadtteil. Damit wurde das noch von Bauernhöfen geprägte nördliche Gebiet von Groß Flottbek mit der Tönningersiedlung und der an Bahrenfeld grenzenden Steenkamper Siedlung ein zusammenhängendes Wohngebiet. Auf sandigen und moorigen Wiesen, die keinen ordentlichen Ertrag brachten, entstanden zumeist Reihenhäuser. Während der  Ausschachtungsarbeiten stieß man auf zahlreiche Spuren des Menschen der Frühgeschichte. Wie wir hatten sie sich einmal  diesen schönen Ort gewählt. Hier hatten sie Wohnungen errichtet, Geräte angefertigt und an der höchsten Stelle ihre Toten begraben. Deshalb gab man  den Straßen des neuen Stadtteils Namen, die auf unsere Vorfahren, auf ihre Lebensweise und auf die damalige Beschaffenheit der Landschaft hinwiesen und uns Nachkommen von Menschen erzählten, die sich bewusst diesen Platz zu eigen gemacht hatten, denn das Moor bot Weide für das Vieh, der Wald Jagdmöglichkeiten, und eine Quelle konnte als  Kultstätte dienen. Hier ließ es sich gut leben, hier war man zu Hause. 

   Und hier wurde Ende der zwanziger Jahre in Hochfeld das Reihenhaus gebaut, das wie kein anderes auf der Welt mein Zuhause werden sollte, denn zur Zeit meiner Zeugung wurde auch der Grundstein zu diesem Haus gelegt. Wir beide wuchsen im selben Takt. Als das Gebäude fertig zum Einzug war, war auch ich bereit, auf der Welt zu erscheinen. Als erste in der Verwandtschaft wurde ich in einem Krankenhaus geboren. Währenddessen mühte sich mein Vater mit dem Umzug  ab.

   Das Haus und ich, wir waren Winterkinder. Die Bauerei bei Frost hatte ihre Spuren hinterlassen. Zur Zeit des Einzugs waren die Straßen noch nicht fertiggestellt. Tauender Schnee verwandelte die Zufahrtswege in Matsch-Pfade. Der Möbelwagen musste auf der Möllnerstraße (heute Notkestraße) stehen bleiben. Für die Möbelpacker bedeutete es eine Schufterei ohnegleichen, Hausrat und Möbel über eine weite Strecke zu tragen. Sie taten es verbissen – keiner wagte in jenen Tagen, über schlechte Arbeitsverhältnisse zu klagen. Ohne sich im Geringsten vorzusehen, verdreckten sie mit ihren schmutzigen Stiefeln das Haus. Mit jeder Schmutzspur auf dem lackierten Fußboden reagierten sie ein Stück ihres angestauten Zorns über die schmerzhafte Machtlosigkeit ab. Mein Vater machte hinter ihnen sauber, ohne zu klagen. Sein Leben lang konnte er den Machtlosen mit Verständnis und Mitgefühl begegnen.

   Ein Unglück kommt selten allein. Nur wenige Tage später fiel eine Lampe mit Gewinde und Dose und einer Menge Putz von der Decke, denn das Haus war  nicht richtig ausgetrocknet, und  deswegen konnte mein Vater auch keine Gardinenstangen anbringen. Diese Winterbauerei war eine traurige Angelegenheit. Meine Mutter wollte in so einem Haus nicht Kindtaufe halten, deswegen wurde ich im Krankenhaus getauft an dem Tag, an dem meine Mutter daraus entlassen wurde. Mein Vater erschien in seinem besten Anzug. Meiner Mutter ging es nicht gut und konnte das Bett nicht verlassen. Und so hielt mich mein Vater während der Taufzeremonie auf den Armen. Einmal packte ich dabei sein Schmucktaschentuch, das in der oberen Jackentasche steckte. Davon  erzählte er später oft, während meine Mutter nie etwas über meine Taufe erzählte. 

   Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus bekam sie eine schwere Brustentzündung. Der Arzt hielt eine Operation für dringend geboten. Die große, hässliche Narbe blieb immer sichtbar. Jedes Mal, wenn ich ihre nackten Brüste sah, dachte ich, dass ich die Ursache dieser Misere war. Ein paar Wochen nach meiner Geburt bekam sie auch eine langwierige Mittelohrentzündung und Gelenkrheumatismus. Sie hatte viele Beschwerden. Schließlich kam ihre Mutter aus Rendsburg, um den Haushalt zu führen. Mein Vater hatte mit seiner Arbeit genug zu tun. Aber die Plagen wollten nicht enden. Großmutter, die nun zwischen Hamburg und Rendsburg pendelte, denn sie hatte ja ihren Mann und zwei halberwachsene Kinder zu Hause, die verlangten, dass man sich um sie kümmerte, meine Oma also brach sich einen Fuß. Mit einem Schuh am gesunden Fuß und Opas altem Pantoffel am lädierten fuhr sie nun  mit dem Zug und der Straßenbahn bis zur Endstation Rennbahn und humpelte das letzte Stückchen bis zu unserem Haus. Wenn meine Mutter davon erzählte, sah ich in Gedanken Oma in der Straßenbahn sitzen in etwas altmodischer Kleidung und mit Opas altem Pantoffel. Was werden wohl die Leute über Oma gedacht haben? Man zog sich ja gut an, wenn man mit der Straßenbahn in die Stadt fuhr. Gewiss hat man über meine merkwürdig angezogene Oma gelächelt. Man stelle sich nur vor, Ursache von so viel Unglück zu sein!

   Nein, da war es wahrhaftig angenehmer, meine Mutter erzählen zu hören von damals, als Wolfgang geboren wurde. Da wohnten sie in der Nähe von Oma und Opa  in Rendsburg. Mein Vater war oft zu Hause, und meine Mutter fuhr mit dem Kinderwagen häufig zu ihren Eltern. Oma freute sich jedes Mal, wenn sie auf Besuch kamen. Da machte sie Kakao und brachte Rosinenbrot, dick mit Butter bestrichen und mit Zucker bestreut. Die Sonne schien, und Omas Kanarienvögel sangen um die Wette – damals, als Wolfgang auf die Welt gekommen war.

   Meine Geburt hinderte Mutter daran, den Frühling und den Sommer zu genießen. Der darauf folgende Winter war lang und für sie beschwerlich. Aber jeder Winter hat einmal ein Ende, und als 1929 der Frühling kam, war meine Mutter gesund. Mutters Schwester Elli war aus Amerika zu Besuch gekommen. Sie ermutigte mich, die ersten Schritte zu wagen. Mein Vater verewigte diese wichtige Begebenheit auf Fotografien.

   Über Tante Elli erzählte meine Mutter, dass sie schon als Kind nicht alles hingenommen habe. Deshalb hatte sich auch niemand gewundert, als sie nach dem 1. Weltkrieg wegen der Arbeitslosigkeit Deutschland verließ, um ihr Glück in Amerika zu suchen. Ihr Verlobter hatte diesen Schritt schon gewagt. Trotzdem warnte die Familie: „Denk an all die fremden Menschen“.

   Natürlich begegnete sie Schwierigkeiten, aber ihre Hartnäckigkeit war ihr größtes Kapital. Ohne Geld  für Unterrichtsstunden lernte sie die Sprache, ohne Ausbildung verschaffte sie sich eine Arbeitsstelle. Sie heiratete ihren Verlobten, der eine schwere  Herzkrankheit bekam. Manchmal war sie vor allem seine Krankenpflegerin. Und weil sie so viel Übung und Geduld in der Krankenpflege hatte, meinte die Familie ihres Mannes, dass sie am besten geeignet sei, ihre Schwiegermutter zu pflegen, als diese nicht mehr alleine sein konnte. Leider fühlten sich die Schwestern ihres Mannes, die reich geheiratet hatten, berechtigt, auf sie herabzublicken. Elli hatte nämlich nie Zeit gefunden, so richtig „fein“ zu werden.

   Aber das Schmerzlichste war vielleicht, dass sie nie ihr Heimweh überwinden konnte. Halb im alten Land und halb im neuen, war es schwer, Wurzeln zu schlagen. Erst als beide Eltern tot waren, erst als ihr die Verhältnisse in Deutschland mit aller Deutlichkeit sagten, dass das, wonach sie sich sehnte, nicht mehr existierte, konnte sie zur Ruhe kommen. Wohl tat es ihr weh, als ein paar Amerikaner, die aus Europa stammten, sich während des 2. Weltkriegs berechtigt fühlten, ihr gemeiner Weise vorzuhalten, dass sie Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland zur Welt gekommen war. Aber sie konnte das ertragen. Sie war so alt und aus Erfahrung klug geworden, dass sie das Törichte im Benehmen dieser Menschen erkennen konnte. Aber sie bekam Angst. Denn, so sagte sie, es ist diese Dummheit, die Kriege verursacht.

   Tante Elli war – wie meine Mutter – in Hohn aufgewachsen. Die Vorfahren hatten die umliegenden Dörfer geprägt, die auf Erhebungen – vor Zeiten einmal Inseln – aus dem flachen Land emporragen. In unserer Familie erzählte man viel von Ellis hervorragendem Gedächtnis, und man nahm gerne ihren Rat in Anspruch, wenn Zweifelsfälle zu klären waren. Doch meinten viele ihrer Freunde und die Familie drüben im neuen Land, dass Elli übertreibe, wenn alles aus der Kindheit in ihren Erzählungen groß und weit war – die Häuser, Höfe, das offene Land und nicht zuletzt Herz und Gesinnung von Vater und Mutter.

   Doch ich verstehe meine nahe Verwandte.

   Ich erinnere mich nämlich, dass  unser Haus riesig war und der Abstand von der Küche durch die Stube bis zur Eingangstür sehr weit. So weit, dass ich diesen Weg manchmal nur zögernd zu gehen bereit war. Der Weg die Treppe hinauf in die erste Etage war ein Wagnis, die Treppe war sehr hoch und supergefährlich zu gehen. Wohl lernte ich, mit heiler Haut nach oben zu kommen, aber da oben zu stehen – in einer solchen Höhe – und sich wieder runter zu wagen, das ging nicht, auch nicht auf allen Vieren.

   Auf diese Weise erinnere ich mich an unser Haus, ehrlich und redlich erinnere ich mich so an dessen unvorstellbare Geräumigkeit. Denn ich lernte in diesem Haus laufen, lernte, mit Mutters Ermahnungen in den Ohren, die Treppe zu erklimmen. Lernte überhaupt, umgeben von Liebe, viele Widerwärtigkeiten des Lebens meistern. In Wirklichkeit aber – und besonders mit heutigen Augen betrachtet – war das Haus für eine mindest vierköpfige Familie zu klein. Deshalb frage ich mich, wie ich meine Erlebnisse als Erinnerung bearbeiten und an andere weitergeben  kann. Ob ich mich an sie wirklich erinnere oder ob mein jetziger Verstand und eine lebenslange Erfahrung mir sagen, wie sie waren? Vielleicht glückt es mir – um der Wahrheit am nächsten zu kommen – einen Mittelweg zu finden.

   Aber wie dem auch sei, stets werde ich sagen: geräumig war mein Elternhaus, groß war der Garten meiner Kinderzeit, und meine Welt war weit.

   Mein Vater errichtete vor der Küche ein Gestell für Kletterrosen. Sie wuchsen üppig und bildeten nach und nach ein Dach. Ich nannte diesen Raum „Rosenstube“. Hier summten die Bienen den ganzen Sommer lang, aber sie stachen mich nie. Daneben legte er einen Spielplatz an mit einer Schaukel, der größten im Viertel, so dass immer viele Kinder in unseren Garten kamen. Er umgab den Sandkasten mit einer Terrasse und baute eine Bude, die nur uns Kindern gehörte. Den sonnigsten Platz bekam ein Holunderbeerbaum, denn in seinen Früchten sammelte er die Sonnenstrahlen des ganzen Sommers. Tante Mieze – diese kluge, einzigartige und  geliebte Freundin der Familie - nannte den Holunder einen Zauberbaum. Vielleicht half der Holunderbeersaft, den wir Fliederbeersaft nannten, deswegen so gut gegen Erkältungen. Auch für Stachelbeersträucher, für schwarze und rote Johannisbeeren, für zwei Rhabarberstauden und für Gemüsebeete war in unserem Garten Platz. Und für fünf dunkelrote Rosenstöcke! Sogar einen Rasen legte mein Vater an. Der war so groß, dass er nicht mit einer Wolldecke verdeckt werden konnte – wie man auch die Decke legte, immer war daneben ein Streifen Gras zu sehen. Ja, und dann rammte er für Mutters Wäsche Stangen für die Wäscheleine und eine Teppichstange, die ihr das Teppichklopfen erleichterte, in den Boden. Er selbst hatte nämlich nicht mehr richtig Zeit für die Hausarbeit. Aber den Garten hielt er meisterlich in Stand. Unkraut hatte hier keine Chance.

   Märchenhaft groß war der Garten meiner Kindheit, denn er enthielt alles, was ich mir wünschen konnte. Und so wird er in meiner Erinnerung bleiben, obwohl manch einer sagen wird, dass er die Größe eines Badehandtuches hatte.

   Als der Sommer 1929 zur Neige ging, reiste Tante Elli beruhigt zurück in ihr Zuhause in Stamford, Con. Sie wusste nun, dass die Schwester wieder gesund und dass das Umfeld ihres Lebens in Ordnung war. Auch die Verhältnisse in Deutschland stabilisierten sich mehr und mehr, die Industrie kam langsam, aber sicher in Gang. Die Nationalsozialisten begannen, Niederlagen mit deutlichen Stimmenverlusten zu erleiden. Die politisch geprägten gewaltsamen Zusammenstöße nahmen ab.

 

   Am 25. Oktober 1929 erlebte die New Yorker Börse den sogenannten „Schwarzen Freitag“, der auch die europäische Wirtschaft und das europäische Erwerbsleben völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Die Welt ging wieder einer Eiszeit entgegen.

   Erneut musste mein Vater Extra-Nachtschichten machen. Erneut standen die Arbeitslosen an den Straßenecken mit Schildern um den Hals, auf denen sie um Arbeit bettelten. Und die Nationalsozialisten lebten wieder auf.

   „Mein Haus ist meine Burg“, sagte meine Mutter oft und lebte danach. Aber draußen auf den Straßen rotteten sich die armen, verzweifelten oder auch nur streitlustigen Männer zusammen  und schrieen: „Nieder mit den Kommunisten! Nieder mit dem Kapital! Nieder mit der alten Ordnungsmacht! Nieder mit der Polizei! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Freiheit und Brot! Deutschland erwache! Juden raus!“

   Je nachdem, um wen es sich handelte, ballte man die linke Hand oder streckte die rechte drohend in die Luft. Und Mutter seufzte. Die Welt ließ den Menschen keinen sorgenfreien Raum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                     T e m p o r a    m u t a n t u r

 

                                                         (Die Zeiten ändern sich)

 

 

    Einmal hatte ich angenommen, dass ein Buch, das auf eigenen Erinnerungen beruht, am besten da beginnt, wo das Erinnerungsvermögen einsetzt. In meinem Fall wäre das meine Begegnung mit dem Vater meiner Mutter gewesen, denn er starb, bevor ich vier Jahre alt wurde, und die Erinnerungsbilder, die ich von ihm habe, können nur von einem kleinen Kind stammen. Aber gerade bei der Beschreibung seiner Person erkannte ich, wie wichtig das Wesen und die Lebensweise der Vorfahren für den eigenen Charakter und die eigene Bewertung des Lebens und der Umwelt sind. Wie schon die Alten sagte, lebt der Mensch nicht für sich und nicht von sich allein.

 

   Die Zeiten ändern sich, aber die Menschen ändern sich nicht, meinte meine Mutter. In Krieg und Frieden, Hass und Liebe, Freude und Trauer, in der gesamten Vielfalt, die Leben heißt, reagieren die Menschen unverändert durch die Zeiten hin, als ob sie in Schablonen dächten.

    Ausgenommen Opa! Er war – meinte sie - absolut anders als andere Männer. Ich konnte ihr uneingeschränkt zustimmen. Ihr Vater, mein Opa, schrie nie laut – was Männer sonst taten - oft ohne vorhergehende Warnung, so dass man furchtbar erschrak. Opa erweckte auch nie – wie die anderen – den Eindruck, als ob wir Kinder im Wege seien. Und er verzog nie sein Gesicht zu einer zornigen und Angst machenden Grimasse. Wenn Opa schmunzelte, zog er den linken Mundwinkel nach oben, so dass das linke Auge  zu einem schmalen Spalt wurde, der an der Schläfe in vielen kleinen Falten endete. Lachfalten nannte sie meine Mutter. Die waren auch zu sehen, wenn er sprach. Deshalb hatte ich den Eindruck, dass mein Großvater in seinem Inneren voller Freude und Freundlichkeit sei, die hinaus wollten. Wie andere Männer oft voller Zorn waren, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit auszubrechen suchte mit herumfuchtelnden Armen, lauter Stimme und gerunzelter Stirn. Denn so konnten Männer sein. Aber nicht mein Opa.

 

 

   Wenn meine Mutter etwas Ruhe haben wollte, gab sie mir Farben und Papier. Ich malte schrecklich gerne. Und meine Mutter sagte, das hätte ich von Opa geerbt, und es war ja nicht schlecht, ihm nachzuschlagen. Opa war wie sein Vater Glaser und Maler geworden. Einmal, in seiner Jugend, hatte er davon geträumt, Kunstmaler zu werden. Doch nur mit einem soliden Handwerk konnte ein Mann eine Familie ernähren. Als Geselle war er in Deutschland auf der Walz gewesen. Bei vielen unterschiedlichen Meistern in fremden Gegenden hatte er gelernt, Häuser und Höfe in ganz anderer als der in Norddeutschland bekannten Weise anzustreichen und auszuschmücken. Aber nach seiner Heimkehr benutzte er genau die Farben und Schablonen, wie sie sein Vater und dessen Vater vor ihm benutzt hatten. Denn so wollten es die Menschen in seiner Heimat.

   In seiner Freizeit malte er Bilder. Die Landschaft an der Eider und die Heide in deren Umgebung waren das bevorzugte Motiv. Die niedrigen Wolken über dem Moor kamen mir immer etwas zu schwer und düster vor und passten meiner Ansicht nach nicht richtig zu seinem stets hellen Wesen. Ganz er selbst war er für mich auf Bildern mit den reetgedeckten Fachwerkhäusern. Er behauptete, keine Menschen malen zu können, deshalb unterließ er es. Aber wenn ich mir Opas Bilder ansah, konnte ich immer Menschen ahnen – in den Häusern, im Stall, in der Werkstatt, hinter einem Baum oder gleich um die Ecke. Urgroßmutter, Oma und Mutter als Mädchen und viele andere, die ich durch die Erzählungen meiner Mutter kennen gelernt hatte. Sie waren für mich ohne diese Landschaft undenkbar, und die Landschaft und die Häuser waren ohne sie ein großer, leerer Raum. Opas letztes Bild war die Darstellung eines zornigen Ziegenbocks, der auf einer Wiese unter einem Baum an einen Pfahl gebunden war. Ein kleiner Hund springt frei und bellend und neckend um den Ziegenbock herum. Nun ist der Bock in einer Laune, dass er nach jedem, der ihm zu nahe kommt, tritt und stößt. Opa hatte vorgehabt, mir dieses Bild zu meinem vierten Geburtstag zu schenken. Aber er konnte mir dieses so liebevoll gemalte Geschenk nicht mehr geben, das – wie mein Vater später immer schmunzelnd sagte – ein Porträt von mir sei. Er meinte den Ziegenbock, und wenn ich sauer und mürrisch reagierte oder wahnsinnig vor schlecht beherrschtem Zorn wurde, ja, dann konnte mein Vater sagen: „Bock, Bock, stoß’ mich nicht!“

 

   Am 21. März 1932 starb Opa. Während dieses Frühjahrs waren viele Briefe von Tante Hanna und Onkel Karli gekommen, und meine Mutter war immer sehr still und nachdenklich geworden, wenn sie die Briefe gelesen hatte. Opa war krank. Schließlich kam er ins Krankenhaus. Eine Operation brachte an den Tag, dass er Magenkrebs hatte. Wenn immer es sich machen ließ, war Oma bei ihm. Eines Abends ging sie nach Hause, um sich umzuziehen und sich auszuruhen. Am nächsten Morgen fand sie sein Bett leer. Ihr geliebter Wilhelm war für immer fort. Er war während der Nacht, gleich nachdem sie das  Krankenhaus verlassen hatte, gestorben. Wäre sie nur eine oder zwei Stunden länger geblieben, sagte sie oft. Wäre sie nur diese eine Nacht geblieben . . .

   Meine Mutter, Wolfgang und ich fuhren nach Rendsburg. Mein Vater konnte nicht mitkommen; das Begräbnis eines Schwiegervaters war in diesen unruhigen Zeiten kein Grund, um dienstfrei zu bekommen.

   Alles bei Oma hatte sich verändert. Man konnte es dort fast nicht mehr aushalten. Das Haus war mir fremd geworden, obwohl alles an seinem Platz war. Aber Opa war weg. Meine Mutter versuchte vergeblich, mir das Unerklärliche verständlich zu machen. Denn Oma war ja auch nicht anwesend – nicht richtig – nicht so, wie sie es zu sein pflegte. Es war, als ob diese alte, schwarz gekleidete Frau nicht meine Oma war.

   Wir Kinder durften zum Begräbnis nicht mitkommen. Tante Christine, die behauptete, sie könne nicht ertragen zuzusehen, wie ihr geliebter Schwager in die Erde gesenkt werde, blieb als Kindermädchen zu Hause. Doch setzte sie sich lediglich auf einen Stuhl, die Hände vor dem Gesicht, und weinte bitterlich. Der Friedhof lag gleich um die Ecke, und Tante Christine merkte nicht, wie Wolfgang mich bei der Hand nahm und zum Wall um den Friedhof führte. Darauf stehend, konnten wir die Begräbniszeremonie verfolgen. Ich wunderte mich darüber, dass die schwarz gekleideten Männer diese merkwürdigen schwarzen, hohen Hüte trugen, die bei festlichen Anlässen üblich waren. Und es war mir unbegreiflich, dass am Grab eine Blaskapelle spielte. Musik, meinte ich, könne man nur aushalten, wenn man froh ist. Und hier gab es bestimmt niemanden, der ein Zeichen von Freude zeigte. Die Frauen benutzten eifrig ihre Taschentücher, das konnten wir sehen. Plötzlich wurde es sehr still. Die Frauen senkten ihre Köpfe, die Männer nahmen die Zylinder ab.

   „Was ist jetzt los?“ fragte ich.

   „Jetzt buddeln sie Opa in die Erde ein“, erklärte Wolfgang.

   Später, am Abend, als die Gäste gegangen waren und mit der Dämmerung Stille im Haus eingekehrt war, setzte sich Oma neben den alten Schrank. Da hing Opas Pfeife, ein großer, langer, verschnörkelter Gegenstand, der mit mehreren bestickten Seidenbändern geschmückt war. Jedes Band hatte eine Bedeutung, war eine Erinnerung, war aus einem bestimmten Anlass an der Pfeife befestigt worden. Diese Pfeife war von Opa in feierlichen Augenblicken benutzt worden. Plötzlich brach Oma ihr Schweigen und begann von ihrer Verlobungszeit zu erzählen. Damals waren sie nach Rendsburg gefahren, wo der Bräutigam seiner Braut ein schönes Kaffeeservice kaufte.

   „Aber Oma, das ist doch lange her“.

   „Ach nein“, antwortete Oma, „ach nein“. Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen“.

   Mutter erklärte: „Oma trauert. Wir müssen sie in Ruhe lassen. Oma und Opa waren miteinander zu einer Einheit verschmolzen. Die Trennung fühlt sie als eine riesige, schmerzhafte Wunde. Alle Freuden werden nun halb, alle Sorgen aber doppelt so groß sein“.

   Was ist Trauer? Einmal starb mein Kanarienvogel. Ein anderes Mal musste ich mein Kaninchen in meinem Blumenbeet begraben. Kalt und steif und sehr zottelig hatte ich es am Morgen im Stall gefunden. Ich wagte nicht, es zu berühren. Sicherlich habe ich geweint. Aber eine Woche später gab mir Vater ein neues Kaninchen, einen warmen, süßen kleinen Kerl.

   „Weil sie Opa eingebuddelt haben? Ist Oma deswegen so traurig?“

   Mutter berichtigte, es heiße „begraben“. Opa komme nie wieder. Es gebe keinen Ersatz für Opa. Oma ist nun sehr alleine, und das werde sie bis zum Ende ihrer Tage bleiben.

   In der Zeit danach stand ich nachts oft auf und stellte mich an das Bett meiner Eltern. Beobachtete ihre ruhigen Atemzüge.

   Sie werden mich nie verlassen. Das können sie einfach nicht tun. Ich werde nie gezwungen sein, sie in kalter und schwarzer Erde zu begraben. Sie werden immer dort sein, wo ich bin. Ja, so wird es immer sein. Denn etwas anderes könnte ich gar nicht ertragen.

 

   Durch und in Mutters Erzählungen blieb der Großvater bei uns, wenn auch verändert, denn er hatte in ihnen nicht viel gemein mit dem Opa meiner Erinnerung. Jetzt war er zu Mutters jungem Vater geworden, der sonntags, als Mutter ein Mädchen war, mit ihr im Kirchenchor gesungen hatte und dem es hatte einfallen können, an langen Winterabenden laut vorzulesen, wenn der Wind um das Haus heulte und die Kinder fürchteten, es könne Hochwasser bis zum Haus hin geben, wie es doch die Alten so oft erzählt hatten. Ja, an solchen Abenden hatte er Märchen vorgelesen, in denen alles gut endete. Nein, das war nicht mein Opa, den Mutter in ihren Erzählungen beschwor. Aber ich konnte ihn gut leiden. Als Omas treuen Ehemann und fürsorglichen Vater von acht Kindern. Als Kunstmaler und Malermeister aus Hohn. Meine Mutter hatte wohl Recht, er war nicht wie andere Männer. Und doch . . . Insbesondere bei einer Geschichte entstand bei mir allmählich der Verdacht, dass sich Opa jedenfalls ab und zu wie andere Männer verhalten hatte.

 

   Jungen benutzen untereinander Beschwörungsworte wie „Das wagst du nicht“. Man muss diesen Satz zu allen Zeiten und an allen Orten gekannt haben, denn er verfehlte nie seine Wirkung. Das kann ich selbst bezeugen. „Du wagst ja nicht, über das dünne Eis des Sees zu gehen!“ – Ach ja, natürlich wagt er. Er wagt es, obwohl er weiß, dass das Eis brechen und der Tod durch Ertrinken die eine Möglichkeit sein kann und eine Tracht Prügel vom Vater die andere. Und wenn er überlebt, geht er ein ähnliches Wagnis erneut ein. Denn Jungen sehen sich ständig gezwungen zu beweisen, dass sie Männer seien. Deshalb haben sie es so schwer, erwachsen zu werden. Denn ein erwachsener Mann sagt: „Nein, ich wage es nicht, und ich tue das nicht, denn ich habe keine Lust, den Idioten zu spielen!“

   Opa konnte keinen Alkohol vertragen. Vielen in der Familie ging es ebenso. Frauen machte das nichts aus. Die sagten lediglich: „Nein danke, vom kleinsten Tropfen wird mir übel“, und damit war die Sache erledigt. Sie waren ja nur Frauen. Aber von den Männern im Allgemeinen und von Handwerkern im Besonderen meinte man, dass sie ein Glas oder zwei oder drei oder mehrere oder viele schon vertragen müssten. Das heißt, so dachten Männer über Männer, Frauen hatten in der Regel eine andere Auffassung von der Angelegenheit.

   Wieder einmal ging es auf Weihnachten zu, und der Gesangverein – oder war es die Malerzunft, das erinnere ich nicht mehr – hielt ihre Weihnachtsfeier, ihre Adventsgilde, wie es sich unter Männern gehörte. Und Malermeister Grimm saß da und fühlte sich eigentlich so richtig wohl, denn er liebte Geselligkeit. Aber da kamen seine Kumpane auf die Idee,  Wilhelm müsse auch trinken – nur einen oder zwei oder mehrere – wie es sich gehörte. Sie kannten Wilhelms Verhältnis zum Alkohol gut. Und als er schmunzelnd ablehnte, kamen sie mit dem Zauberwort der Knabenzeit: „Du wagst es nicht! Du wagst es nicht wegen deiner Frau!“ Und das hätten sie nicht sagen sollen. Er nahm einen Schluck. Trank dann ein Gläschen und noch eins. Keiner weiß, wie viel er trank, denn er traute sich ja ganz schön.

   Er kam richtig gut in Stimmung, und alle klopften ihm auf die Schulter, und sie nannten ihn „Unser aller Wilhelm“. Ja, und dann lud er die ganze Bande zu sich nach Hause ein, denn  der Weihnachtsschinken war am selben Tag besorgt worden. Und zu Hause holte er seine Frau aus dem Bett mit den Worten: „Nun wollen wir feiern, Frau, nun musst du uns den Schinken servieren!“ Und seine geliebte Frau tat, was er befohlen hatte, maulend, mit schmalen Lippen und Blicken, die töten konnten. Aber mein Opa, „unser aller Wilhelm“ der Kumpane, grinste nur. Man soll keine Notiz von den Launen der Frauen nehmen, man ist ja Herr im Haus, jawohl!

   Meine Mutter stand währenddessen hinter der halbgeöffneten Schlafzimmertür, um zu horchen und zu beobachten. Sie war schon ein großes Mädchen und verstand jedes Wort. Und sie vergaß diese Szene nie. Sonderbar nur, dass sie mir so intensiv gerade von diesem Ereignis erzählte, wo ihr Vater, der anders als all’ die anderen war, eine so schlechte Figur gemacht hatte. Er wurde sehr krank; und Oma war sehr, sehr wütend auf die Männer, die diesen Schaden verursacht hatten. In diesem Jahr gab es für die Familie ein schinkenloses Weihnachtsfest. Ob es auch freudlos war, wusste meine Mutter nicht mehr genau. Jedenfalls war es ganz anders als sonst. Oma konnte wie meine Mutter lange Zeit beleidigt sein.

   Wenn Mutter erzählte, hatte sie am liebsten eine Näharbeit in der Hand, denn Zeit war kostbar, sie musste genossen und genutzt werden. Und wir genossen beide diese Stunden, in denen an Mutters Nähmaschine  erzählt wurde. Damals, als meine Mutter Kind war, herrschten andere Bedingungen. Besonders die  Maschinen hatten große Veränderungen hervorgerufen. Doch lange Zeit noch nähte meine Oma wegen ihrer Sparsamkeit alles mit der Hand. Kleider mit einer Menge Falten und Schmucksäumen, Volants und Spitzen. Und selbstverständlich in gleicher Weise die Kleider für alle Mädchen. Meine Mutter war voller Bewunderung für diese Arbeit. Oma nähte die Kinderkleidung aus neuem Stoff. Oft war dieser von ihrer eigenen Mutter mit der Hand gewebt worden. Die Unterwäsche nähte sie aus feinstem Leinen. Die handbetriebene Nähmaschine, die schließlich angeschafft wurde, erleichterte diese Arbeit merklich. Die Unterhosen wurden mit Volants und Spitzen verziert. Ich fand sie sehr unpraktisch, denn ihnen fehlte Elastizität, sie wurden, um Halt zu haben, mit Knöpfen befestigt. Ein paar Exemplare bewahrte meine Mutter sorgfältig in einer Schachtel auf, als ob sie Kostbarkeiten wären. Es wunderte mich sehr, dass ein Mädchen jemals ohne Protest sich so etwas hatte anziehen können. Mutter  versuchte, mir etwas über die Mode zu erklären, die sich im Laufe der Zeit verändere und damit etwas Wesentliches über eine Gesellschaft und eine Zeit aussage. Aber ich war davon überzeugt, dass meine Kleider nie komisch und altertümlich würden.

 

   Mutter besaß eine Singer-Tretmaschine, aber sie konnte es sich nicht leisten, Stoff als Meterware zu kaufen, sie nähte deshalb sehr oft Kinderkleidung aus abgelegter Erwachsenenkleidung. Ich bewunderte sie, wenn sie die Sachen auftrennte, wusch, wendete und aus mehreren verschiedenen Teilen Neues zusammenstückelte. Sie hatte einen Sinn für Farben, viele gute Ideen und fast eine Engelsgeduld. Und wenn andere Frauen sagten, wir seien gut gekleidet, war sie sehr stolz.

   Wenn ich aus den Sachen herausgewachsen war, packte sie meine Mutter zusammen und gab sie an eine Familie weiter, die auf Grund der Dauerarbeitslosigkeit des Mannes in Not geraten war. Sie wohnte in  einer Kellerwohnung und freute sich immer sehr über unseren Besuch. Und wenn sie unsere abgelegten Sachen, die aus abgelegten Sachen genäht worden waren, ausgepackt hatte, bedankte sie sich immer sehr, denn die Kleidung war in der Tat noch in Ordnung, und die Hilfe war bitternötig. Aber in den Augen dieser Menschen war etwas, was nicht zu deren Lächeln passte. Auf dem Nachhauseweg sprach meine Mutter darüber, wie schwer es ist, arm und stets nur der Nehmende zu sein.

 

   Man sollte meinen, meine Mutter habe es sich gemütlich gemacht, wenn sie bei einer Stickerei saß. Nach Opas Tod hatte sie wieder begonnen, Tischtücher zu besticken. Meistens in der Nacht. Das Wohnzimmer war vom Flur durch ein Fenster getrennt. Wenn ich nachts aufwachte und Licht im Treppenhaus sah, ging ich zu ihr hinunter. Zuerst glaubte ich, sie sitze da und warte auf Vater, der zu dieser Zeit viel Nachtdienst hatte. Aber nach und nach wurde mir klar, dass sie ebenfalls wachte. Sie hatte Angst. Denn eines Abends, als Vater und alle Nachbarn, die auch Polizisten waren, auf Grund angekündigter Umzüge von Rechts- oder Linkssozialisten (die immer in Straßenkämpfen endeten) wieder zu Nachtwachen beordert worden waren, kam eine Schar halbwüchsiger Jungen in unsere Straße. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob sie von der Sorte waren, die als Drohung die linke Faust hoben, oder von der, die sich immer mit dem ausgestreckten rechten Arm bemerkbar machten. Es ist auch egal, sie kamen mir gleich vor. Gleich wütend und gleich bedrohlich. An diesem Abend, als kein einziger Mann zu Hause war, kamen sie wie üblich als Gruppe und warfen Steine gegen die Häuser und riefen Schlagworte, deren Bedeutung ich nicht verstand. Ein Stein fiel durch unser Schlafzimmerfenster und landete auf Mutters Bett. Allmählich begann ich, Fragen zu stellen: Mutter, warum sind die jungen Männer so? Warum müssen wir uns fürchten? Warum schreien sie immer so laut, wenn sie viele sind? Warum schmeißen sie Steine gegen Häuser, wenn alle Väter im Dienst sind? Warum hat eine Gruppe neulich Wolfgang verdroschen, wenn sie  - wie sie behaupten - auf Vater wütend sind?

   Meine Mutter antwortete auf solche Fragen immer ausweichend. Vielleicht hatte sie keine passende Antwort. Vielleicht meinte sie, dass ich sie doch nicht begreifen würde. Manchmal hörte ich sie seufzen über „diese Zeiten, die bald ein Ende finden mögen“. Und wer ist schon im Stande, ein solch unklares Gerede zu verstehen. Wenn es heißt, dass sich die Zeiten ändern, die Menschen sich aber nicht veränderten, welchen Nutzen hat dann für uns der Lauf der Zeit. Verstehe die Welt, wer kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                              P o l i t i k,   a l l e s    i s t    P o l i t i k

 

 

Als Menschen können wir sehen und bewerten,

wir können uns sehnen und Entbehrungen ertragen.

Und wir können Stellung nehmen zu dem, was unserer Ansicht nach recht und unrecht ist.

In uns haben wir eine Art Kompass, der unsere Bewertungen lenkt.

Unsere Gewissen äußern sich sicherlich auf verschiedene Art und Weise, aber

trotz aller Unterschiede haben wir dennoch gemeinsame moralische Werte,

in welcher Gesellschaft wir auch leben.

                                                                   (Das kleine Buch vom christlichen Glauben)

                                                                      (Übersetzung aus dem Schwedischen)

 

   Der Sonntag war auf vielerlei Art ein besonderer Tag. Unsere Großmütter sagten, am Sonntag solle man ruhen und zur Kirche gehen. Aber  für Mutter und Vater, Wolfgang und mich war Sonntag, wenn wir lange am Frühstückstisch sitzen konnten, ohne auf die Uhr sehen zu müssen, wenn Vater in alten Klamotten erschien, weil er vorhatte, in seinem Garten zu arbeiten, wenn  wir Kinder unser bestes Zeug anziehen mussten und wenn alle Zeit hatten, Besuche zu machen oder lange spazieren zu gehen.

   Sonntage wurden auch anders markiert, zum Beispiel mit Fahnen. Fast alle Häuser hatten ihre eigene Art zu flaggen. Von hohen Masten, kleinen Fahnenstangen oder nur am Fenster befestigt, flatterten Fahnen aller Art. An einem Sonntagvormittag nahm Vater uns Kinder mit hinauf zum Dachfenster, denn, so erklärte er, wolle man weit sehen, müsse man hoch hinauf gehen. In der Tat hatten wir dort einen Überblick, der mir fast den Atem nahm. Da unten lagen alle die mir so bekannten Gärten nebeneinander. Jetzt konnte ich erkennen, sie waren zu einer Einheit gruppiert, einem großen Viereck, das von allen Seiten von Häusern umgeben war, von den Heimen aller meiner Freunde und Bekannten und Nachbarn. Dieses Karree war das Zentrum der Welt. Unlängst hatte mir mein Vater die Gliederung in die vier Himmelsrichtungen erklärt. Die Sonne werde mir immer einen Fingerzeig geben können, in welche Richtung mein Blick geht und welchen Weg ich einschlagen muss, um ans Ziel zu kommen. Und dann hatte er mir einen Reim beigebracht: „Im Osten geht die Sonne auf, nach Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen hat sie ihn vollbracht, im Norden, da ist Mitternacht“. Nur durch ein Drehen des Kopfes bekam ich von meinem hohen Aussichtspunkt einen enormen Überblick. Nach Norden hin erstreckten sich Wiesen. Nach Westen, auch das konnte ich nun mit aller Deutlichkeit erkennen, lag die Stadtgrenze. Da begann das Land mit Windmühlen und Bauernhöfen. Und nach Osten hin erblickte ich die Stadt. Diese Großstadt, in der ich mich nur an Vaters oder Mutters Hand zu bewegen wagte. Die Welt war groß -  begrenzt und gleichzeitig unendlich. Und die Welt war mannigfaltig.

   Sieh nur all’ die Fahnen. Die meisten waren dreigeteilt, die Farbzusammenstellungen verschieden: blau-weiß-rot, schwarz-weiß-rot, schwarz-rot-gold – jeder wählte die Farben nach seinem Zugehörigkeitsgefühl zu Schleswig-Holstein [Altonagehörte bis 1937 zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein], dem vergangenen Kaiserreich, der Weimarer Republik oder einer bestimmten Partei. Am schönsten waren meiner Meinung nach die Hakenkreuzfahnen und die blutroten mit Hammer und Sichel in der einen Ecke. Die fielen jedenfalls besonders gut auf. Es gab nur wenige Fahnen mit einem Hakenkreuz, aber Vater sagte, zähl’ sie! In der kommenden Zeit gingen wir an so manchem Sonntagmorgen hinauf zum Dachfenster. Und es war etwas merkwürdig, dass er uns immer wieder bat, besonders die Fahnen mit dem quicklebendigen Hakenkreuz in der  Mitte zu zählen. Und jedes Mal entdeckten wir, dass diese Fahnen immer zahlreicher wurden, bis wir – wie von Vater vorausgesagt – keine Lust mehr hatten, die Hakenkreuzfahnen zu zählen: es waren zu viele geworden.

   Noch aber gab es da nur wenige von denen mit dem Hakenkreuz, und noch fand ich, sie nähmen sich sehr schön aus. Ich bemerkte sehr wohl, dass mein Vater dort oben auf dem Dachboden zumeist mit Wolfgang sprach. Sie unterhielten sich nämlich über Politik! Wolfgang wusste eine ganze Menge über die „Sozis“ und die „Nazis“. Ich wusste nichts. Und das war ganz in Ordnung, denn Mutter sagte, dass Politik Männersache sei. Erst als Wolfgang eines schönen Sonntags da oben auf dem Dach über die Kommunisten zu sprechen anfing, spitzte ich die Ohren. Ich hatte nämlich geglaubt, dass Kommunisten Leute seien, die Kaninchen  hielten. Denn Menschen mit Kaninchen hatten in der Regel eine Sichel, die sie gebrauchten, um damit an den Wegkanten Gras zu schneiden, um ihren lieben Tieren Futter zu verschaffen. Ja, wir hatten auch Kaninchen, und mein Vater mähte auch Gras mit einer Sichel, aber wir waren keine Kommunisten, denn Polizeibeamte durften nicht parteigebunden sein, das sei eine uralte und wohl erprobte Regel, sagte Vater.

   Aber an diesem Sonntag da oben, da behauptete Wolfgang, dass die Kommunisten Leute seien, die eine Revolution anstrebten. Und bei einer Revolution liefen wütende Männer herum und versuchten, allen Bürgern und Polizisten die Hälse abzuschneiden – behauptete Wolfgang.

   Ach du liebe Zeit, wie munter ich bei dieser Erklärung wurde. Ich hatte nämlich einen guten Freund, Horsti. Und Horstis Vater – das jedenfalls hatte ich gehört – war ein großer Kommunist. Dass man ihn groß nennen konnte! Horstis Vater war doch klein. Der kleinste Vater war er, der allerkleinste von denen, die ich kannte. Er war nicht einmal stark. Blass war er, und wie seine Frau und der älteste Sohn sah er fast immer aus, als könne er sich nie satt essen. Ein solcher Mann war nicht in der Lage, meinem Vater den Hals abzuschneiden. Mein Vater würde ihm da nur die Hand festhalten und ihn auf den Rücken werfen, wie das die starken Jungen mit einem taten, der ihnen unterlegen war. Und dann würde Vater ihn festnehmen und ins Gefängnis stecken. Das musste mein Vater dann tun, obwohl er Horstis Vater gut leiden konnte. Horstis Vater, den alle als einen ruhigen und friedfertigen Mann bezeichneten. Aber als Kommunist war er wahrscheinlich gezwungen, den Menschen die Hälse abzuschneiden. Und das konnte kein gutes Ende nehmen, dessen war ich mir ganz sicher. Deshalb stürzte ich, so schnell mich meine Beine tragen konnten, hinüber zu dieser Familie; unsere Gärten lagen beiderseits  des Fußwegs, so dass wir faktisch Nachbarn waren, und Nachbarn müssen zusammenhalten. Nun galt zu retten, was zu retten war!

  Ich wiederholte bei Horsti und seinen Eltern das Gespräch auf dem Dachboden und bat sie inständig, aufzuhören, den Leuten die Hälse abzuschneiden. Man müsste doch Kommunist sein können, ohne gezwungen zu sein, Menschen zu köpfen. - Aber irgendetwas war fehlgeschlagen bei dieser meiner ersten politischen Aktivität. Man war wütend! Die ganze Familie war beleidigt und böse auf mich. Außer Horsti, der heulte los, und ich hatte den Eindruck, dass er nichts verstanden hatte, ausgenommen das eine: seine ganze Familie wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Schließlich sagten sie, dass ich nie wieder meine Füße in ihren Garten setzen solle und Horsti nicht in den unseren, und am allerbesten wäre es, wenn wir es für immer und ewig unterließen, miteinander auf Wegen und Straßen oder irgendwo auf der Welt zu spielen.

   Ach, was für ein Unglück für uns beide. Meine Mutter hatte nämlich Horst ab und zu ein Stück Brot gegeben, wenn ich ein Butterbrot bekam. Sogar Kuchen hatte er bekomme, denn. Mutter backte jeden Sonnabend, das konnte sich Horstis Mutter nicht leisten. Und in Horstis Garten wiederum wuchs ein Augustapfel-Baum. Dessen Äpfel wurden sehr zeitig reif – gerade zu der Zeit reif, als die Lust danach am größten war, denn es war so lange her, dass man einen Apfel zwischen den Zähnen gehabt hatte. Und niemand in der Nachbarschaft hatte einen solchen Baum. Horsti durfte nur das Fallobst nehmen. Aber er war schlau, er konnte mit seinem ganzen Körpergewicht gegen den Baum plumpsen und ihn dazu bringen, seine Früchte fallen zu lassen. Er füllte dann immer seine Hosentaschen, bevor wir in unseren Garten gingen, wo wir, gut versteckt unter Johannisbeerbüschen, in aller Ruhe die köstlichen Klaräpfel genießen konnten.

   Ich hatte mich in  Politik eingemischt. Und dafür muss man wohl sehr klug sein. Anderenfalls sind die Folgen fürchterlich schwer zu ertragen. Wo wir vorher geteilt hatten, aß Horsti die Äpfel nun alleine, und ich gab ihm, der oft hungrig war, nie wieder ein Stück von Mutters Kuchen oder Brot. Horsti kam auch nicht mehr, um unseren Handwagen  (den man in Norddeutschland Blockwagen nennt) auszuleihen, wie er es immer getan hatte, wenn sein Vater bei Nacht – denn es war sehr peinlich, dass man dazu gezwungen war – herabgefallenes Laub holte, das er als Streu für seine Haustiere benutzten. Wolfgang sagte, dass Horstis Vater nun das Laub mit einem Sack auf dem Rücken nach Hause trage.

 

   An der Fahnenstange in unserem Garten hinter dem Haus wehte sonntags die Fahne von Vaters Heimat, und die war weiß und blau. Oft hörte ich ihn sagen, dass er nie Mitglied einer Partei werden wolle, aber gerne zur Wahl gehe und dann eine Partei nach deren Zielsetzung, Arbeit und Resultaten wähle. Er war davon überzeugt, dass von einem Polizeibeamten gefordert werden müsse, keiner Partei beizutreten. Wiederholt versuchte er, uns den Begriff „neutral“ verständlich zu machen: Es mit niemandem zu halten, aber mit fester Hand dafür zu sorgen, dass die Gerechtigkeit die besten Bedingungen hat - dies sah er als oberste Pflicht und oberstes Gesetz eines jeden Polizisten. Insbesondere in diesen Kampfzeiten müsse man von der Ordnungsmacht verlangen können, sich unparteiisch zu verhalten.

   So versuchte er, uns beim Verständnis unserer Zeit und unserer Welt zu helfen, während wir am Bodenfenster standen und von oben auf unser vertrautes Viertel schauten. Unten in einem Garten wässerte ein Mann seinen neu gepflanzten Baum. In ein  paar Jahren würde er Früchte tragen. Obwohl ich klein war, war das leicht zu verstehen. Aber Politik war und blieb mir ein Rätsel, wie sehr mein Vater sie mir auch begreiflich zu machen versuchte. Aber ich war ja nur ein Mädchen. Und Mädchen brauchen sich nicht mit so komplizierten Sachen zu beschäftigen.

   Eines Tages fiel mir auf, dass die Gebäude sonntags und bei festlichen Anlässen nur mit Hakenkreuzfahnen geschmückt waren. Ich werde mich kaum für die Ursachen und den Zeitpunkt dieser Veränderungen interessiert haben. Alles Wesentliche schien ja seinen gewohnten Gang zu gehen. Doch dann kam der Tag - wenn es auch eine Weile gedauert hatte – an dem Horstis Mutter mich in ihren Garten rief und mich wahrhaftig auch in ihrem Haus begrüßte. Sie hatte eine kleine Tochter bekommen, Rosemarie, und ich durfte sie sehen. Und als Horstis Mutter sich davon überzeugt hatte, dass ich saubere Hände hatte, durfte ich Rosemaries klitzekleinen Füße anfassen. Horstis Vater hatte wieder Arbeit. Er sei nicht mehr böse auf die Polizei, sagte Horsti.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                             D e r    k l e i n e   U n t e r s c h i e d

 

 

   Es musste unbedingt fotografiert werden. Wenn wir Gäste von weither hatten, mussten sie sich vor der Haustür aufstellen, um auf einem Bild verewigt zu werden. Denn – wie Vater sagte – gute Erinnerungen soll man festhalten. Er hatte eine Agfa-Box, die leicht zu bedienen war. Ein Druck auf den Knopf, und das Bild war fertig. Anders verhielt es sich, wenn Ernst ein Bild aufnehmen wollte. Zuerst faltete er ein paar Metallstangen auseinander. Die erschienen mir recht widerspenstig, aber Ernst fummelte sie zu etwas zusammen, was er „Stativ“ nannte. Dies stellte er in einem passenden Abstand von einem „Motiv“ auf. Das Motiv also, das waren wir, die wir vor dem Haupteingang standen. Die großen Männer ganz hinten, wer nicht groß genug war, musste sich strecken, damit  sein Gesicht mit auf das Bild kam. Die Frauen wurden in der ersten Reihe platziert. Damit ich gut zu sehen war, musste ich mich vor alle anderen stellen. Und wenn der Abstand stimmte – Ernst maß ihn mit zusammengekniffenen Augen und die Schritte zwischen Motiv und Stativ zählend – befestigte er auf dem Stativ einen Apparat. Dann begann er, während seine Zunge eifrig von einem zum anderen Mundwinkel wanderte, die Höhe des Stativs einzustellen. Das war wirklich äußerst schwer. Ernst war ein großer Mann, er musste sich sehr über den Apparat beugen. Der Apparat war auseinanderzufalten, er bekam gleichsam eine lange Nase. Danach deckte Ernst diese ganze kunstvolle Anordnung mit einem großen schwarzen Tuch zu. Wenn das getan war, bückte er sich und versteckte seinen Kopf und den halben Oberkörper unter dem Tuch. Er fummelte und fummelte an dem Apparat herum, denn er musste etwas einstellen, was er Linse nannte. Und wenn das getan war, wurden seine Arme und Hände sichtbar. Den linken Arm hielt er hoch, um das Zeichen zu geben, dass wir nun lächeln und mucksmäuschenstill sein sollten. Und in der rechten Hand hielt er eine schwarze Schnur mit einer Art Druckknopf. Wenn er darauf drückte, war das Bild aufgenommen. Die ganze Zeit musste man still stehen und durfte nicht mit den Augen zwinkern, denn durch die kleinste Bewegung wurde das Bild undeutlich und damit verdorben. Ich solle, sagte Ernst, in die Linse gucken. Wenn der Apparat „klick“ sagte, komme da nämlich ein kleiner Vogel raus

   Ich ließ die Linse nicht eine Sekunde aus den Augen. Das Bild war gemacht, aber der Vogel saß immer noch eingesperrt in dem kleinen schwarzen Kasten. Man hatte mir eine Lügengeschichte erzählt. Die Linse war für einen Vogel viel zu klein. „Der Vogel, Papa, ihr habt den Vogel vergessen!“ Aber das kümmerte keinen der Erwachsenen, alle gingen hinaus in den Garten.

    Der Apparat lag nun auf dem Tisch. Ich legte ein Ohr dicht an den Kasten. Der Vogel war ganz still. Vielleicht hatte er solche Angst, dass er nicht einmal piep zu sagen wagte. Ich nahm den Kasten mit zum Sofa und legte ihn in meinen Schoß. Der Kasten war wirklich gründlich verschlossen. Und ich wagte nicht, ihn mit Gewalt zu öffnen, das würde ja den Vogel noch mehr ängstigen. Wie ich mich auch anstrengte, der Kasten war nicht zu öffnen.

   Plötzlich stand mein Vater in der Tür. Er sagte: „Ach, du meine Güte“, und ich konnte – wie stets in solchen Situationen – ihn durch die Nase atmen hören. Väter sind Meister darin, auf unartige Kinder sicht- und hörbar böse zu sein. Aber er konnte mich nicht einschüchtern. Denn nun galt es, den Vogel zu retten. Kam der nicht schnell aus dem Kasten, starb er. Und Vater mochte doch Vögel so gerne. Fielen sie aus dem Nest, versuchte er, ihr Leben zu retten, indem er sie fütterte. Auch wenn der  Vogel nur ein Spatz war. Von denen hatten wir viele. Sie pickten manchmal Vaters frisch ausgesäte Sämereien auf oder nahmen ein Sandbad in den neu angelegten Beeten. Aber mein Vater hatte sie gern, setzte einen kleinen Spatzen, der aus dem Nest gefallen war, in einen alten Vogelbauer  und befestigte den im Kirschbaum. Dort war der Vogel sicher vor Frau Schütts fetter Katze, und die Vogeleltern fanden den Kleinen und fütterten ihn.  

   Aber jetzt war Vater also böse. Er sagte, dass ich schwerer zu hüten sei als ein Sack Flöhe. Und da musste ich ihn ja fragen, wie Flöhe aussähen und warum man sie in einen Sack sperrte. Ja, und dann wurde Vater noch ungeduldiger mit mir, denn das mit den Flöhen und mit dem Vogel im Apparat, das war etwas, was man nur so sagte. Und da konnte ich nicht unterlassen zu fragen, warum man etwas sage, was nicht wahr war. Aber darauf zu antworten, hatte Vater keine Lust. Er drehte mir den Rücken zu und ging.  Selbst auf seinem Rücken konnte ich lesen, dass er über sein dummes Mädchen allem Anschein nach äußerst irritiert war. Nur Väter bringen es fertig, mit ihrem ganzen Körper zu zeigen, wie ärgerlich sie sind.

   Auf einmal erinnerte ich mich an einen Vorfall. Wolfgang hatte in der Stube auf dem Sofa gesessen. Er war damit beschäftigt, eine Reihe undefinierbarer Teile, die einmal als Ganzes ein neuer Fotoapparat gewesen waren, zu untersuchen. Er hatte ihn auseinandergeschraubt und konnte ihn nun nicht wieder zusammensetzen. Immer war eine Schraube übrig. Vater freute sich sichtlich, als er Wolfgang mit rot glühenden Backen sitzen sah. Und da sagte Vater zu meiner Mutter, dass in dem Jungen ein Techniker stecke. Alles, was er in die Hände bekommt, müsse er untersuchen. Mit einer solchen Wissbegierde werde er es weit bringen – und Mutter lächelte glücklich bei Vaters Worten.

   Es gab niemanden, der lächelte, als ich das befreien wollte, von dem ich annahm, dass es ein lebender Vogel sei. Wolfgang wollte einen toten Kasten untersuchen. Durch meine Anstrengungen war kein Schaden entstanden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass alle fanden, dass ich dumm und Wolfgang klug sei. Ich wurde bestraft, Wolfgang gelobt.

   Glücklicherweise war auch Tante Mieze, Ernsts Schwester, zu Besuch. Sie versuchte eine Erklärung: Wenn zwei dasselbe tun, ist es oft trotzdem nicht dasselbe – jedenfalls nicht, wenn es sich um Junge und Mädchen handelt. Als Mädchen musst du lernen, Situationen  auf besondere Weise zu meistern.  Von einem Jungen erwartet man das eine, von einem Mädchen etwas ganz anderes.

   Nicht zu fassen, dass die Welt so kompliziert ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                     E t w a s     ü b e r    G r o ß e s    u n d    K l e i n e s

 

 

   Man sagt, das Glück komme und gehe, doch niemand konnte mir sagen, woher und  wohin. Doch glaubte Tante Mieze zu wissen, wo das Glück auf alle Fälle zu finden sei, nämlich unter und über, um und in der Mitte von allem. Sie konnte nur nicht genau erklären, was Glück war. Und sie war ganz und gar nicht in der Lage, Auskunft zu geben, wie groß das Glück sein müsse, damit man es bemerkte. Denn Glück konnten so viele Dinge sein.

   Merkwürdig genug, konnte ich, die sonst nicht viel Verstand besaß, hier mitreden. Ich wusste nämlich viel über das Glück. Zum Beispiel war es ein Glück, in einem kinderreichen Viertel zu wohnen. Zu einer großen Schar irgendwie gleichgestellter Wesen zu gehören. Eins unter vielen zu sein, unbemerkt und zugleich doch unentbehrlich. Grenzenlos wird das Glück, wenn einer oder eine in dieser Schar sich als Freund oder Freundin erweist. Die allerbeste und unersetzliche. Eine in allen wichtigen Situationen Gleichgesinnte. Ein Wesen, dem man sich anvertrauen kann – auch wenn einen das Gewissen plagt. Ein uneigennütziger Gefährte bei dem, was man sich für den Tag vorgenommen hat. Ein Mensch, der einem Freude macht, weil es ihn  gibt. Ein Kamerad, der unterstützt und tröstet, wenn jemand oder etwas einen im Stich lässt. Eine Person, der es im Beisein anderer nicht einfällt, einen dem Spott preiszugeben oder auf  Fehler und Mängel aufmerksam zu machen, sondern die im Gegenteil immer versuchen wird, sie zuzudecken. Ein Menschenkind, dem man all’ das in reichlichem Maße zurückgeben kann, ohne zu fragen, warum. Ja, all’ das ist reines Glück!        

   Sie hieß Ursel und wohnte neben uns. Unsere Wohnungen waren identisch, wenn auch  spiegelverkehrt. Deshalb lagen Ursels und mein Zimmer Wand an Wand. Sehr früh dachten wir uns eine Klopfzeichensprache aus, die es uns ermöglichte, Zeichen zu geben und uns unserer Existenz zu versichern. Vor allem wenn uns die Erwachsenen zu früh ins Bett beordert hatten. Leider rückten die Mütter eines Tages die Betten an die entgegengesetzte Wand. In Absprache versuchten sie, die Trennwand zwischen uns durch Kleiderschränke und anderen Kram schalldicht zu machen. Sie dachten sicher, die Kinder müssten lernen, auf Kommando mucksmäuschenstill zu sein. Die Mütter meinten, ein ewiges Recht darauf zu haben, sich einzumischen.

   Alles an Ursel war sehr hübsch. Ihre glatten Haare waren kurz geschnitten. Diese Frisur nannte man „Bubikopf“, eine Bezeichnung, die die Gedanken in eine Zeit lenkten, in der es modern war, kleinen Jungen die Haare bis über die Ohren wachsen zu lassen. Aber nun sah man diese Haarmode bei jungen, schicken, berufstätigen Frauen und Schauspielerinnen, und sie wurde in der Tat als bedeutender Fortschritt für Frauen, als Demonstration, als Herausforderung bezeichnet und als Hinweis auf eine Art Gleichberechtigung und Emanzipation verstanden. Denn seit Anbeginn der Zeiten hatte das Haar der Frauen nicht geschnitten werden dürfen, hatte lang bleiben und brav in Zöpfen zusammengehalten werden müssen.

   Ursel war in vielem das Gegenteil von mir. Sie war immer gut frisiert. Mein Haar war weder lang noch kurz und – wie meine Mutter das ausdrückte, - schwer zu zähmen. Die Kinder nannten mich deshalb „Pudel“. Nicht wegen der Locken. Hätte ich nur welche gehabt! Locken waren damals das Erstrebenswerteste für ein richtiges Mädchen, besonders Korkenzieherlocken galten als hübsch. Und hübsch hatte ein Mädchen zu sein. Ich war nicht reizend. Weder meine Haare, noch irgendetwas machten mich „reizend“. Ich war ein Wildfang. Das meinte Onkel Ernst. Ein Pudel also und ein Wildfang. Ich wäre gerne eine andere gewesen oder eine, der niemand einen Spitznamen geben wollte. Loris Mutter, die immer auszugleichen suchte, nannte mich Rudl statt Ruth. Und wenn sie richtig freundlich war, und das war sie oft, nannte sie mich Rudl-Pudl. So kam es, dass mich allmählich alle so nannten, ohne zu merken, dass dieser Name ursprünglich als Fopperei gedacht war. Deswegen wurde mir dieser Name genau so lieb wie Tante Miezes „Ruth-Put-Appelsnut“.

   Ursel war nicht nur moderner, sondern auch gewandter als ich. Sie lernte sehr zeitig, „sauber“ zu sprechen. Von meinem sprachlichen Unvermögen erinnere ich mich am besten an meine Schwierigkeiten mit dem Namen des Milchmanns, Quistorf. Ich konnte den Laut „quv“ nicht aussprechen. Das wussten alle Kinder auf der Straße. Und wenn ich, die Milchkanne in der Hand, kam und die Kinder Lust hatten, mich zu necken, konnte ihnen einfallen, mich mit zuckersüßer Stimme zu fragen, wohin ich wollte.

   Es gab zwei Geschäfte, die Milch verkauften, und die Kinder wussten, dass meine Mutter am liebsten bei Quistorf Milch kaufte. Die Frage war also nicht notwendig. Aber wenn man Lust hat, sich über irgendetwas zu amüsieren, und ein Objekt fehlt, da ist die Schwierigkeit eines Menschen mit der Sprache schon eine Möglichkeit. Ich antwortete „Kistorf“ oder „Vistorf“, und beide Versuche, den Namen korrekt auszusprechen, ließ die Kinder loslachen.

   Ursel war anders als all’ die anderen Kinder. Wenn sie mich mit der Milchkanne sah, nahm sie mich, ohne zu fragen, bei der Hand und ging mit mir mit. Wir gingen nämlich gerne zusammen einkaufen.

   Wie an dem Tag, als Ursels Mutter Gäste erwartete und erst, als sie den Kuchenteig machte, entdeckte, dass ihr Eier fehlten. Sie ermahnte uns, schnell zurückzukommen, während sie uns das in ein Stück Papier eingewickelte Geld und ein Einkaufsnetz, das gerade in Mode gekommen war, gab. Meine Mutter benutzte immer einen Korb, obwohl der unmodern war und eher bäuerlich wirkte. Aber Ursels Mutter war eine „Stadtdame“ und überhaupt eleganter als meine Mutter. Ursels Mutter benutzte Puder! Und ging zum Friseur zur Wasserwelle. Die Haare lagen nach einer solchen Prozedur in regelmäßigen Wellen an den Kopf geklebt. Das  hielt man allgemein für schick. Meiner Mutter konnte es einfallen, Wäsche zu waschen, wenn ein Stadtbesuch oder ein Theaterabend auf dem Programm stand. Durch den Wasserdampf kräuselte sich ihr Haar und machte es leicht und luftig. Ein paar Mal kam dann Frau Radecke, unsere Nachbarin auf der anderen Seite, mit einem Lockeneisen und ordnete Mutters Locken ein bisschen. Dann war meine Mutter die Schönste, die ich mir vorstellen konnte. Trotzdem wünschte ich mir manchmal ganz im Geheimen, meine Mutter möge etwas „moderner“ sein, die hochhackigen Schuhe benutzen, die Tante Elli gekauft hatte, anstatt sie in der hintersten Ecke der Rumpelkammer zu vergraben (ich zog sie ein paar Mal an, wenn wir „Dame“ spielten), möge nach Parfum duften oder mit einem neumodischen bunten Netz einkaufen gehen. Alle Kinder hatten den Milchmann Quistorf gern. Nicht nur, weil er ein Grübchen im Kinn und sehr hellblaue Augen hatte. Wir mochten ihn sehr, weil er immer freundlich war – selbst Kindern gegenüber.

   Wir legten das Papier mit dem Geld auf den Ladentisch. Er wickelte es langsam aus; auf der Innenseite des Papiers stand: Zwölf frische Eier! Sehr vorsichtig umfasste er die Eier mit den Fingerspitzen und tat sie, eines nach dem anderen, in eine braune Papiertüte, die er sehr sorgfältig ins Netz legte. Und dann machte er uns die Tür auf. Er behandelte uns wirklich mit größter Selbstverständlichkeit wie richtige, feine Damen, während er uns zu äußerster Vorsicht ermahnte. „Nein, wie groß ihr seid“, sagte er mehrfach, so groß, dass  ihr für die Mutter Eier einkaufen gehen könnt“.

   Na ja, sicherlich waren wir groß, und es war ja nicht schwer, Eier zu kaufen. Wir waren ja zu zweit.      

   Entschlossen fassten wir je einen Griff an und trugen das Netz zwischen uns. Der Bürgersteig war nicht gepflastert, so dass an dessen Rändern Platz für Unkraut war; insbesondere  Kamille gedieh üppig und duftete stark. Sie erinnerte mich daran, dass meine Mutter Kamilleblüten als Tee verwendete, um damit meine Haare zu spülen und dadurch die blonde Haarfarbe hervorzuheben. Und sie verwendete getrocknete Kamillenblüten als Medizin gegen Entzündungen und Halsschmerzen und Magenschmerzen. Denn Kamille reinige und heile.

   Kamille sei teuer, hatte meine Mutter erklärt, wenn sie zweimal aus denselben Blüten Tee zubereitete. Wie froh unsere Mütter sein würden, wenn wir mit einer Menge frisch gepflückter Kamille nach Hause kämen. Ursel meinte dasselbe und so versäumten wir keine Zeit und fingen rasch an zu pflücken. Das war nur nicht so einfach, die Pflanzenstängel waren zäh, ließen sich nicht brechen. Ursel kam nun auf die geniale Idee, die ganze Pflanze mitsamt den Wurzeln herauszuziehen. Zu Hause könne die Mutter mit einem Messer die Blüten leicht abschneiden. Gesagt, getan! Bisweilen musste sie an einer der Pflanzen mit Gewalt ziehen, bevor sich die Wurzeln aus der Erde lösten. Gewiss rackerten wir uns ab. Aber wir taten das mit viel Freude, daran besteht kein Zweifel! Ursel riss die Pflanzen heraus, ich sammelte sie in meinem freien Arm zu einem großen Strauß. Das Netz mit den Eiern ließen wir nicht aus den Händen, trugen es die ganze Zeit zwischen uns. Mann kennt ja seine Verantwortung!

   Es war Ursel, die entdeckte, dass irgendetwas mit ihrem linken und mit meinem rechten Bein nicht in Ordnung war. Sie waren nass von etwas, das wie Rührei aussah. Und Rührei war auch auf unseren Kleidern und Schuhen. Dass so viel Plörre aus nur zwölf Eiern entstehen konnte, war unverständlich. Oh und Ach und große Not, alle zwölf Eier waren zerdrückt. Ursel begann zu weinen, nun war guter Rat teuer. Aber nun war ich es, die auf eine wirklich geniale Idee kam. Wenn wir nun den ganzen schönen Strauß Kamille auf den Küchentisch von Ursels Mutter legten, dann würde sie sich freuen, sehr freuen. Und bei dem Gedanken an die Menge Kamillentee würde sie fast vergessen, dass alle zwölf Eier ein bisschen kaputt gegangen waren.

   Gesagt, getan. Ursels Mutter war glücklicherweise nicht in der Küche, als wir ankamen. Wir legten den Kamillestrauß mitten auf den Tisch neben den begonnenen Kuchenteig. Da nahm er sich wirklich schön aus, fanden wir. Zwar war da vielleicht ein bisschen viel Erde an den Wurzeln – und dann hatten wir aus Versehen leider auch etwas Erde auf eine Schüssel mit entkernten Kirschen und auf Mehl und Butter und Zucker gestreut. Aber ein bisschen Sand schadet ja nichts, Sand reinigt den Magen, pflegten wir als Kinder immer zu sagen, wenn wir etwas sandige Möhren aßen.

   Plötzlich stand Ursels Mutter in der Küche. Sie sah uns an, sah die Herrlichkeit auf dem Küchentisch und versteinerte. Ja, sie sah tatsächlich aus, als ob sie Gespenster sähe. Eine Ewigkeit lang musste man annehmen, sie habe die Sprache verloren. Aber das hatte sie dann doch nicht, konnten wir feststellen, als sie schrie: „Nein, oh nein! Ach, du meine Güte! Nein, oh nein! Nein – nein – nein – nein!“ Etwas anderes konnte sie offensichtlich nicht sagen.

   Als sie schließlich wieder zu sich kam, gab sie Ursel eine Backpfeife. Allein deren Schall machte mich böse. Resolut trug sie die Kamille zur Tür und schmiss sie raus, während sie Ursel hinauf ins Kinderzimmer kommandierte. Ich schlich mich leise zum Gartenpfad und machte aus den Kamillenpflanzen einen Strauß. Meine Mutter würde sich über dieses Geschenk freuen, dessen war ich mir sicher, wurde aber sehr enttäuscht, als auch sie nur den Sand und mein schmutziges Zeug wahrnahm. Sie haute mich nicht, war aber zornig und grantig. Aber sie schnitt dann doch die Wurzeln der Pflanzen ab, spülte die Blüten sorgfältig  und breitete sie zum Trocknen aus.

   Durch die Wand hörte ich Ursels Schluchzen. Undank ist der Welt Lohn, pflegten die Erwachsenen zu sagen, und das immer mit einem enttäuschten oder vorwurfsvollen Unterton. Nun wusste ich, wer so spricht, meint immer die „anderen“, nie sich selbst. Wir hatten es so gut gemeint, doch selbst unsere eigenen Mütter hatten kein Auge für den guten Willen hinter unserer Tat. Wohl wahr, es ist eine schwierige Sache, die Menschen zufrieden zu stellen.

   Ursels Mutter hatte ihren Gästen von unserer Einkaufstour erzählt, sie brauchte ja eine Erklärung für den fehlenden Kuchen. Die Damen hatten seufzend konstatiert, dass Kinder, die noch keinen Verstand besäßen, für schlimme Überraschungen sorgten. Sie hatten auch gelacht und den Vorfall „ganz amüsant“ gefunden. Sie sprachen laut, obwohl sie wussten, dass Ursel hinter der Tür stand und sich schämte.

   Die Erwachsenen konnten sich in besonderer Weise sehr dumm verhalten, darin waren wir zwei Freundinnen uns einig. Und im Laufe der Zeit dachten wir darüber nach und kamen zu dem Resultat, dass es eigentlich nicht erstrebenswert sei, erwachsen zu werden, dass es trotz aller Schwierigkeiten im großen und ganzen am besten sei, Kind zu bleiben. Zwar ist es in gewissen Situationen ganz lustig, erwachsen zu sein. Denn die Erwachsenen, das sind die Großen, die immer meinen, das Recht zu haben, über alles, was kleiner ist, zu entscheiden. Andererseits – wenn man groß ist, muss man immer über alles Bescheid wissen. Oder auf jeden Fall so tun, als ob man es täte, und das muss beschwerlich sein. Vielleicht ist es gar nicht sonderlich lustig, sondern nur notwendig, erwachsen zu werden. Weil erwachsen zu sein, damit zusammenhängt, dass man eine Menge kann. Jedes Mal, wenn ich etwas Neues kann, sagt meine Mutter, nein, wie groß du geworden bist!

   Wir zwei versuchten wirklich, die Erwachsenen und die sonderbaren Bedingungen, unter denen sie leben mussten, zu verstehen. Wir versicherten uns wiederholt, dass wir, wenn wir groß seien, unsere Kinder ganz anders behandeln würden, als unsere Mütter sich dies angewöhnt hatten. Wir würden nie im Kommandoton sprechen und nie bestimmen über die Schlafenszeit der Kinder. Wir würden uns überhaupt mehr erkundigen, was die Kinder selbst tun möchten. Und wir würden uns mehr Zeit nehmen für die Erklärung der Kinder von diesem und jenem. Und selbstverständlich würden wir bei Gelegenheit alle Mysterien des Lebens erklären und nicht, wie dies unsere Mütter oft taten, in Rätseln sprechen oder uns schlichtweg mit einer dummen Geschichte abspeisen, die im Laufe der Zeit jedes Mal als Lüge entlarvt wurde. Wir würden viel klüger sein und uns entsprechend verhalten. Ja, ganz, ganz sicher würden wir so sein!

   Manchmal konnten wir auch erkennen, dass sie nicht ganz so übel und überhaupt nicht dumm waren, unsere Mütter. Sicherlich war das, was sie sagten, oft richtig. Besonders wenn sie feierlich verkündeten, dass „die Schule des Lebens viele Lehrer“ habe. Auf diese Weise lernten wir Kinder mit der Zeit, dass „erwachsen“ oder „Kind“ zu sein glücklicherweise nicht immer etwas mit dem Alter zu tun habe. Mutter sprach vom „ewigen Kind im Manne“. Vater sagte liebevoll von Onkel Ernst, dass dieser Hüne von Mann in vielem ein Kind sei und hoffentlich bleiben werde. Umgekehrt hörte ich die Leute über Irene sagen, dass sie für ihr Alter schon sehr erwachsen sei. Und das wird schon richtig sein. Irene war nicht wie all’ die anderen. Wir Kinder fanden sie ein bisschen sonderbar, vielleicht auch ein wenig langweilig. Mein Vater konnte mir gegenüber nicht oft genug beteuern, wie froh er über meine Freundschaft mit diesem Mädchen sei. Er meinte sogar, sie könne ein Vorbild für mich sein. Ich machte mir durchaus nichts daraus, dass mein Vater „Exempel“ für mich auswählte, also nachahmenswerte Wesen. War ich mit Irene zusammen, war er immer unbesorgt. Ja, das sagte er jedenfalls. Armer Vater, er konnte sich nämlich nicht vorstellen, dass die kluge, brave Irene etwas Verrücktes anstellen könne. Ich erzählte ihm nichts! Irene wohnte an der Ecke Möllnerstraße (Notkestraße) / Düngerweg. Wir nannten dieses Haus „Zippelmannseck“,  keiner wusste, warum. Diese Stelle wurde von uns Kindern für manche Spiele bevorzugt, denn hier waren weder  Pfade noch  Bürgersteige  gepflastert, hier konnten wir rasch Kuhlen im Sand für unsere Murmelspiele oder für Tippel-Tappel  [in anderen Gegenden Norddeutschlands: Kippel-Kappel] machen. Die „Geräte“ – ein 15 Zentimeter, an den Enden angespitzter Tippel und ein ungefähr 70 Zentimeter langer Tappel – ließen sich leicht aus einem alten Besenstiel oder einem dickeren Ast basteln. Eine längliche Kuhle und ein ungefähr drei Schritte davon entfernt, quer über den Weg  in den Sand gezogener Trennstrich ergaben die restlichen Utensilien. Und dann natürlich die große Kinderschar, die sich entweder durch Verlosung oder Wahl in zwei Gruppen teilte und jeweils hinter der Kuhle und ein gutes Stück auf der entgegengesetzten Seite der Trennlinie Aufstellung nahm. Nun galt es, den quer über die Kuhle gelegten Tippel mit dem Tappel so weit wie möglich zu schleudern. Es gab Kinder, die es wagten, den Tippel zu fangen, was der Gruppe besondere Pluspunkte einbrachte und den Abstand zur Kuhle wesentlich verkürzte. Denn der Tippel sollte ja zum „Tippelloch“, wie wir die Kuhle nannten, zurückbefördert werden. Landete der Tippel auf dem Erdboden, konnte er durch einen kräftigen  Schlag mit dem Tappel auf das angespitzte Ende wieder in die Luft befördert werden. Nun galt es, ihn mit Tappelschlägen dort zu halten und gleichzeitig in die Nähe des Tippellochs zu befördern, was Konzentration und Geschicklichkeit verlangte. Man konnte auch den Tippel einfach nur aufsammeln und von der Landestelle aus versuchen, den über dem Tippelloch liegenden Tappel zu treffen. Was gar nicht so einfach war, denn jeder Wurf, der vorbei ging, gab Minuspunkte für die ganze Gruppe. Die Spielregeln variierten manchmal, weil wir uns das Recht nahmen, neue zu erfinden und alte abzuschaffen.

   Es war ebenfalls möglich,  Striche in den Sand zu ziehen, wenn wir „Hinkepeter“ hopsen oder „Ich führe Krieg mit - “ spielen wollten. Und die Jungen vergaßen alles um sich herum, wenn sie ihre Messer in die Erde warfen, Linien zogen und dadurch Landstriche gewannen oder verloren. Ich habe die Spielregeln dieses merkwürdigen Messerspiels nie verstanden, aber die Jungen spielten zu allen Zeiten viele sonderbare Spiele, auf die sich die Mädchen generell nicht verstanden. Trotzdem spielten wir gerne mit den Jungen zusammen ein Versteckspiel, dessen Regeln wir erfunden hatten. Abschlagstelle war ein Feuermelderkasten, deshalb nannten wir das Spiel „Feuerversteck“. Als die Straße asphaltiert wurde, nahmen wir sie als Rollschuhbahn in Besitz. Kam ein Auto, hatte es auf uns Rücksicht zu nehmen. Zu unserem Glück blieb der Bürgersteig ein Sandweg.  Wir machten bei unseren Spielen viel Lärm, wovon Irenes Nachbarn nicht sonderlich begeistert waren. Sie hatten keine Kinder, waren uralt - mindestens 60 - und wollten ihre Ruhe haben. Die Frau nannte uns „Gören“. Für uns war sie wegen ihrer Länge und Dürre die „Bohnenstange“. Der Mann war klein und rund und ganz gemütlich. Das heißt, wenn seine Frau nicht anwesend war . . .  Aber beide wurden grenzenlos wütend, wenn sie auf Grund unseres Krachs keine Ruhe für ihren Mittagsschlaf finden konnten. Deshalb wurde Irene befohlen, während der Mittagsstunde in der Sandkiste im Garten hinter dem Haus „ruhige Spiele“ zu spielen. Für eine gute Nachbarschaft soll man ja alles tun. Manchmal tat mir Irene leid, und ich erhielt dann von ihrer Mutter die Erlaubnis, ihr Gesellschaft zu leisten. Das heißt, wenn wir ganz ruhig spielten und uns nur flüsternd unterhielten. Mit feuchtem Sand kann man gut spielen. Aber es gab Sommertage, an denen der Sand ausgetrocknet war. Irene durfte nicht einfach aus der Waschküche einen Eimer Wasser holen. Kinderfüße machen nämlich den Fußboden dreckig! Doch wusste Irene Rat; sie pinkelte in den Sand und  forderte mich auf, dasselbe zu tun. Ich fand das ganz in Ordnung, war aber etwas im Zweifel, ob mein Vater Irene noch als klug und wohlerzogen bezeichnete, wenn er Bescheid wüsste.

   Leider kann man nicht auf Kommando pinkeln. Und so saßen wir an einem schönen warmen Sommertag im Garten und langweilten uns. Nebenan lagen Kugelrund und Bohnenstange auf ihrer Terrasse und schliefen wie die Murmeltiere. Die kleinen Gärten der Reihenhäuser fielen nach Süden hin ab. Die Alten hatten eine Terrasse aus Holz. Sie sah aus wie eine kleine Tribüne mit ein paar Stufen hinunter in den Garten. Auf einer der Stufen stand ein Käfig mit weißen Mäusen. Irene und ich beobachteten die Mäuse durch die Hecke. Auch die Mäuse langweilten sich.

   „Wenn man nun die Tür des Käfigs öffnete?“

   „Dann laufen die Mäuse weg“.

   Wir flüsterten nur. Wer fragte, wer antwortete? Das weiß ich nicht mehr, aber ich nehme an, dass ich durch die Hecke kroch, um die Tür des Mäusekäfigs zu öffnen. Irene kroch nämlich nie auf der Erde rum, hatte nie schmutzige, zerkratzte Knie.

   Gespannt beobachteten wir die Mäuse, als sie die offene Tür entdeckten. Vorsichtig steckten sie die kleine Schnauze raus, schnupperten, indem sie ihre spitze Nase schnell in alle Richtungen bewegten. Dann taten sie eine Weile so, als ob  die Freiheit ganz besonders rieche. Diese Freiheit, die sie anfangs nur sehr zögerlich nutzten. Aber dann war es soweit! Schnell kamen sie heraus – eine nach der anderen – nun konnte es nicht schnell genug gehen. Sie liefen hin und her, untersuchten das unbekannte Terrain, um sich dann unter der Terrasse in Sicherheit zu bringen. . . . Die Zeit verging nun sehr langsam. Wir warteten gespannt. Und dann geschah es! „Die Mäuse!!!“ – dieser Schrei gellte plötzlich über die Gärten. „Die Mäuse!!!“ Das war die Stimme der Bohnenstange. „Vater, alle Mäuse sind weg!“

   Es dauerte geraume Zeit, bis Kugelrund ganz wach war. Aber dann hörten wir ihn kommen. „Immer mit der Ruhe, Liebe, immer mit der Ruhe, Liebste, Vater fängt sie schon“.

   „Sie sind weg!“ schrie sie, „ganz weg!“

   „Vater fängt sie, Vater fängt sie“.  Mit trippelnden Schritten lief er hierhin und dorthin und überallhin. Legte sich vor der Terrasse auf den Bauch, guckte unter die Bretter und rief schließlich: „Mutter! Hier ist eine. Nein, mehrere!“

   Er versuchte es mit Lockrufen, sagte immer wieder: „Vater fängt sie, Vater fängt sie“. Dann versuchte er, unter die Terrasse zu kriechen. Vergaß dabei seinen dicken Bauch und geriet damit in die Klemme. Erwischte aber dennoch eine Maus und wurde gebissen, während die Bohnenstange ihn an seinen Füßen packte und ihn frei zu ziehen suchte.

   Oh weh – was für ein Jammer! Irene und ich krochen durch die Hecke in den Garten der alten Leute. Boten unsere Hilfe an. Sie nannten uns „liebe Kinder“. Irene fing eine Maus - ohne gebissen zu werden. „Ach ja – die liebe, tüchtige Irene“.

   In den folgenden Tagen hörten wir die Frau nach ihren Tieren rufen. Wir bekamen ein schlechtes Gewissen. Nachts fiel mir plötzlich Frau Schütts fette Katze ein, die ein geschickter Jäger war. Ach, die armen Mäuse. Wir beiden hätten gerne unsere Tat rückgängig gemacht.

   Zweifellos war Irene klug und verständig. Ich bin ihr sogar zu ewigem Dank verpflichtet. Denn als ein blasser junger Mann mit aufgeknöpftem Hosenstall uns auf der großen Wiese beim Blumenpflücken ansprach, wusste sie sofort, was zu tun sei: Sie erwähnte gelassen unseren Vater, der uns entgegenkommen wolle, nahm mich schleunigst bei der Hand und suchte im nächsten Wohnhaus Schutz und Beistand, so dass die Eltern und die Polizei sofort benachrichtigt und der Bösewicht unmittelbar danach verhaftet werden konnte.

   Nach diesem Vorfall fühlte sich meine Mutter verpflichtet, mich über Sittenstrolche, die wir „Mitschnacker“ nannten, aufzuklären. Uns Kindern wurden diese Personen als erkennbar widerliche Männer dargestellt, denen wir mit Leichtigkeit misstrauisch entgegentreten konnten. Dass Mutters „Aufklärung“ zu oberflächlich und einseitig war, stellte sich heraus, als eine elegant gekleidete Dame mich eines Tages ansprach. Ich war alleine auf der Wiese neben dem Flugplatz und sammelte  nach einer Flugveranstaltung  Papier und anderen Abfall, den die Zuschauer zurückgelassen hatten, auf.  Sie lobte meinen Fleiß, mein hübsches Kleid und mein besonders schönes Haar. Dass eine so feine Person überhaupt Lust hatte, mit mir so nett zu sprechen, war ja schon etwas Besonderes. Ihr Wunsch, mich wiederzusehen, kam mir fast unglaublich vor. Aber als sie mir beim Abschied mit den Worten: „Morgen – am selben Ort, zur selben Zeit 50 Pfennig in die Hand drückte – und das war damals in meinen Augen enorm viel Geld – war ich von ihren guten Absichten überzeugt.

   Dies wiederholte sich mehrere Tage hintereinander. Obwohl ich sonst von dem Taschengeld, das ich bekam, etwas sparte, nahm ich ihr Geld  nicht mit nach Hause; meine Eltern brauchten über diese neue Bekanntschaft nicht Bescheid zu wissen. Ich kaufte Süßigkeiten, die ich mit den anderen Kindern teilte. Was hätte da nicht alles schief gehen können, wenn meine Spielkameraden es unterlassen hätten, ihren Eltern von meinem enormen Geldverbrauch zu erzählen?  Die Mütter meiner Freunde suchten schleunigst meine Eltern. Was den Ausgang dieser Geschichte anbelangt, erfuhr ich lediglich, dass die Dame in Gewahrsam genommen worden war. Trotzdem fiel es mir schwer, in ihr eine Verbrecherin zu sehen. Auf meine vielen Fragen blieb man mir die Antwort schuldig. Doch erklärte mir Vater schließlich, dass ebenso wie in einem Menschen mit hässlichem Äußeren eine Perle verborgen sein könne, in einer schönen Dame ein Sittenstrolch mit hässlichen Absichten stecken könne. Deshalb sei es am besten, bei einem Treffen mit Fremden vorsichtig zu sein. Denn Menschen versteckten ihr wahres Wesen oft hinter einer Maske.

   Mein Vater sprach  auch in anderer Hinsicht von Masken, die eine Modesache geworden seien. Wer nur er selbst ist, laufe Gefahr, naiv zu wirken oder schlichtweg dumm. Und den Dummen fräßen die Ziegen. Aber Vaters Ausführungen blieben mir lange ein Rätsel.

   Meine Mutter war leichter zu verstehen. Sie sang ein Lied über den Mond, der nur halb zu sehen war, aber doch rund und schön ist. So sei es auch mit den Menschen, sagte sie. Ich hatte eine Menge gelernt über Freunde. Der wirkliche Freund zeigt sich, wenn du Dummheiten machst oder in Gefahr bist oder unglücklich oder alle und jeden gegen dich hast. Aber wie verhält es sich mit dem wahren Feind? Wenn er nett und freundlich und wohlerzogen dir zu nahe kommt in der Absicht, dir Leid zuzufügen? Auch nicht das Lied vom Mond konnte hier eine verständliche Antwort geben. Ich wollte Wolfgang fragen. Denn  er wusste eine Menge. Er wusste auch Bescheid über die „Heimlichkeiten“ der Erwachsenen. Ich hatte das Gefühl, dass auch diese „Heimlichkeiten“ dazu dienen konnten, Schaden zuzufügen. Aber Wolfgang war für solche Gespräche nicht zu haben. Das heißt – nicht mit der kleinen Schwester. Und das war schade, denn er war klug. Bei Halbmond konnte Wolfgang mit Sicherheit sagen, ob er zu- oder abnehmend war. Er sagte, ich brauchte ihn deshalb nicht zu bewundern, er habe nämlich eine Eselsbrücke, die ihm dabei helfe, sich zu erinnern. Und dann schrieb er mit großen Buchstaben in Sütterlinschrift die Wörter „Abnehmender – Zunehmender Mond“ auf ein Stück Papier. Bei „Abnehmender“ führte er den Stift in einem Bogen von rechts nach links, bei „Zunehmender“ von links nach rechts. Genau so sorgfältig, wie er den ersten Buchstaben der Wörter geschrieben hatte, zeichnete er die Konturen des abnehmenden und des zunehmenden Mondes. „Es ist so leicht, so leicht“, versicherte er  mir, „es ist eine Kleinigkeit, etwas zu lernen und im Gedächtnis zu behalten, wenn man viele Eselsbrücken kennt“.

   Ich hatte da meine Zweifel. Eselsbrücken kommen ja nicht aus dem Nichts. Die muss man sich aneignen, und wo findet man sie?  Darauf konnte er nun  keine Antwort geben. Eines Tages fiel ich über das Wort „durchschauen“. Ich hatte gehört, dass man über einen Menschen gesagt hatte, dass er leicht zu durchschauen sei. Und ich hatte zu meinem großen Bruder gesagt, dies müsse eine Lüge sein, denn ich kannte den Betreffenden als durchaus nicht durchsichtig, also nicht durchschaubar. Da hatte Wolfgang sich viel Mühe gegeben, mir zu erklären, was es heiße, das verschleierte Wesen eines Menschen zu „durchschauen“. Und er hatte mich auf das Eigentümlich aufmerksam gemacht, dass wir Menschen von „durchschauen“ sprächen, wenn es sich um einen Menschen handelte, der böse Seiten und schlechte Absichten hinter einer freundlichen Maske verbirgt. Die guten Seiten und die guten Absichten eines Menschen, die sehe oder bemerke man in der Regel ohne Schwierigkeiten. Denn die brauche er ja nicht zu verstecken.

   Und Wolfgang sagte mir auch etwas über  „Wölfe im Schafspelz“; er meinte dass man mutig sein müsse, wenn man zu zeigen wagte, wer man sei. Ich sah zu ihm auf und  konnte nicht ahnen, dass er eines Tages selbst auf die Lügen von „Wölfen“ hereinfallen sollte, dass er sie nicht durchschaute, weil er es nicht wollte. Er wollte sich befreien von Vaters ewiger „Besserwisserei und unerträglichen Befehlen“. Und die Sache der Nationalsozialisten kam ihm in manchen Dingen recht gelegen. Und als er endlich begann einzusehen, wohin er geführt wurde, war es zu spät. Viel, viel zu spät für ihn – für uns alle. 

   Aber noch ahnten wir nichts von all dem, was in naher Zukunft geschehen würde. Noch lernten wir – jeder auf der Grundlage seines Entwicklungsstandes – durch die alltäglichen Ereignisse, dass die Dinge zusammenhängen: das Glück und die Freunde und der Mond und die Eselsbrücken und die Masken. So vieles wurde mir nach und nach klar, und allmählich kam ich in die Lage, vieles zu durchschauen. Es gab Erwachsene in meiner Umgebung, die mir dabei bereitwillig halfen. Aber im Großen und Ganzen war es klug, wenn man die Welt der Erwachsenen als ein Land betrachtete, das für Kinder nicht zu durchschauen und von einer Mauer umgeben ist, die aus Geheimnissen und Verschweigen besteht. Auf Tausende und mehr Fragen war niemand bereit, mir eine Erklärung zu geben.

   „Sprich ja und nein, und dreh’ und deute nicht. Was du berichtest, sage kurz und schlicht. Was du gelobest, sei dir höchste Pflicht. Dein Wort sei heilig, drum verschwend es nicht“. Diese  Sätze hingen in hübscher Schrift und nett gerahmt über Vaters Bett. Mein Vater mochte diesen Text, den er mit oder ohne Aufforderung vor uns Kindern oft zitierte. Aber ich brauchte lange Zeit, ehe ich den Schmerz meines Vaters über allzu oft missbrauchte Wörter in unserer Gesellschaft verstehen konnte.

   Glück können so viele Dinge sein. Da kam eine Zeit, in der mein Vater meinte, dass es Glück bedeute, wenn man seine Freunde daran erkennt, dass sie es wagten, sich vor einem ohne Maske zu zeigen und eine ehrliche Meinung ohne Umschweife zu äußern. Das war während der Zeit, in der man sich nur einem wahren Freund gegenüber „durchschaubar“ verhielt.

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                              D a s    L e b e n    i s t    s o,   w i e    m a n   e s    m e i s t e r t

 

 

 

Morgenstund’ hat Gold im Mund,

und Gold bedeutet Freude“.

 

                                                (Grundtvig)

 

 

   Mein Kinderzimmer lag nach Osten. Wenn die Sonne aufgeht, ist die Nacht vorbei und der Tag beginnt, dachte ich. Im Nachthemd ging ich barfuß in den Garten hinaus. Der war nicht wie immer, sondern merkwürdig verändert. Die Sonne wärmte nicht, obwohl  Sommer war. Die Blumen, Sträucher, der Zaun - alles war taubenetzt. All meine Sachen und alle Pflanzen warfen lange Schatten aus einer unbekannten Richtung. Und auch die Ameisen waren nicht sie selbst, sie kamen nur langsam voran, als habe die Kälte ihre Beine steif werden lassen. Sie hatten sich eine Wohnung neben dem Gartenpfad am Lattenzaun gebaut. Zuerst hatte mein Vater versucht, sie  zu vertreiben, indem er ihre Häufchen und kunstvollen Gänge dem Erdboden gleichmachte. Aber ich fütterte die Ameisen und sagte, sie gehörten mir. Von da an führte Vater die Harke vorsichtig um den Ameisenhaufen herum.

   Auch die Stille in meinem Garten war mir fremd. Nicht eine einzige Menschenstimme war zu hören. All’ das  machte mich auf eine eigenartige Weise beklommen. Wären doch nur  ein paar Kinder in den Nachbargärten gewesen! Wie kam es nur, dass sie alle weg waren? Dinge haben keinen Wert ohne all’ die bekannten Menschen. Welche Freude hat man an seinem eigenen Garten oder dem des Nachbarn, wenn sie kalt und menschenleer sind? Schließlich fand ich es am besten, ins Haus zu gehen, die Tür zu schließen und wieder ins Bett zu kriechen. Aber die Sonne war da, sie füllte den Raum mit Licht und Wärme und erzählte, dass die Nacht nun ganz und gar vorbei sei. Doch hörte ich allein die Sonne sprechen. All’ die anderen Menschen schliefen wie die Murmeltiere. Man  sollte vielleicht der Sonne helfen, indem man ein Wecklied sang. Ich konnte viele schöne Lieder.

   Aber meine Mutter freute sich nicht über das Morgenkonzert. Um die Wahrheit zu sagen, niemand freute sich. Nicht einmal Ursel, die mich durch die Wand hören konnte. Alle wollten schlafen. Man denke sich nur, obwohl die Sonne aufgestanden war, wollten sie schlafen! Meine Mutter kaufte ein Rollo. Es war grün und „sonnendicht“ -  dachte sie. Aber sie irrte. Die Sonne lässt sich nicht so ohne weiteres ausschließen. Sie schickte ihre Strahlen durch die Ritzen neben dem Rollo, und diese lockten und lockten. Das erzählte ich Vater und Mutter. Die Sonne rufe mich, erklärte ich.

   „Denk an etwas anderes“, sagte Mutter. „Schließ deine Augen und schlaf, dann siehst du weder die Sonne, noch hörst du sie rufen, und wir anderen haben unsere Nachtruhe“.

 

   Tag und Nacht, Morgen und Abend, welche Tageszeit ist wohl die schönste? Gewiss ist der Morgen erfüllt von Freude. Denn die Nacht hat viele Schatten, und da kann man ohne ersichtlichen Grund Angst kriegen. Aber dann geht die Sonne auf und jagt Schatten und Kälte weg. Richtig allein ist man ja nur in der finsteren Nacht.

   Doch am meisten liebte ich die Abendstunden, wenn alles zur Ruhe kommt. Besonders wenn im September die Dunkelheit zeitig einfiel. Da durften wir Kinder nach dem Abendbrot unsere Laternen hervorholen, die Kerzen anzünden und das Licht gemeinsam auf die Straße bringen. Wir versammelten uns immer in größeren Gruppen, manchmal zu so großen, dass es einem Umzug glich. Das war auch die Absicht, denn im Finsteren mit einer noch so schönen Laterne alleine auf der Straße – das  war bestimmt nicht schön. Die Laternen waren an einem dünnen Stock befestigt, und es forderte Konzentration, diese Kostbarkeit aus gefaltetem Papier mit Mondgesicht, Sonne und Sternen heil nach Hause zu bringen. Wenn wir unseren Umzug machten, sangen wir, das gehörte dazu:

 

                                        „Hier geh ich mit meiner Laterne

                                        und meine Laterne mit mir.

                                        Da oben leuchten die Sterne,

                                        und hier unten leuchten wir.

                                        Mein Licht ist aus

                                        Ich geh’ nach Haus,

                                        labimmel, labammel, labum.“

 

   Da waren viele Gruppen unterwegs, überall hörte man Singen. Trafen wir eine andere Gruppe, blieben wir stehen, um die Laternen zu bewundern, und manchmal folgten wir ihr. Nur die Jüngsten wurden von einem Erwachsenen begleitet. Nur Mädchen und kleine Jungen nahmen am Laternenumzug teil. Die großen Jungen bastelten sich eine Art Lampe aus Konservenbüchsen, die sie mit Karbid füllten. Je mehr die Lampe rauchte und stank, desto besser. Die Jungen sind schrullig, das weiß man ja. Wir taten, als ob wir sie nicht sähen, obwohl sie große Anstrengungen unternahmen, sich bemerkbar zu machen. Wir ließen sie schreien und rufen und die Luft mit Gestank füllen. Wenn sie uns nur in Frieden ließen, konnten wir tun, als ob sie uns nicht störten.

   Waren die Kerzen in den Laternen heruntergebrannt, ging man nach Hause. Es gab Kinder die stets eine Reservekerze in der Tasche hatten. Zwei Kerzen an einem Abend zu verbrauchen, hielt meine Mutter für allzu verschwenderisch. Am liebsten wäre man jeden Abend  mit seiner Laterne rausgegangen – auch der Herbst hat seine Zeit, und die musste genossen und genutzt werden – aber dafür erhielt man keine Erlaubnis. Kinder würden verwöhnt, wenn sie Gutes geradezu selbstverständlich erhielten. Das meinten Vater und Mutter. Insbesondere mein Vater hatte begonnen, einer merkwürdigen Sorge Ausdruck zu geben, wenn er sagte, das Leben werde „mich nicht mit Samthandschuhen anfassen“. Er hielt es für notwendig, mich an Entbehrungen zu gewöhnen. Denn wer verzichten kann, ist ein freier Mensch. Und tatsächlich vermisste ich viel, wenn ich die Kinder draußen die Laternenlieder singen hörte, während ich im Bett lag. Das plattdeutsche Lied von dem alten Weib mit der Laterne; sie betrog die Leute, holte Eier, vergaß aber, sie zu bezahlen – ja, dieses Lied war wohl das lustigste. Ich dachte, mein Vater spreche in Rätseln. Was hatten die brennenden Kerzen in den Laternen, meine Freude am Gesang und am Zusammensein mit allen meinen Freunden mit dem zu tun, was er „den harten Griff des Lebens“ nannte? Vater meinte, ich würde das verstehen, wenn ich alt genug wäre. Aber wann tritt dieser phantastische Zeitpunkt ein, wo ein Menschenkind  „alt genug“ ist?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                            U n s e r    B a u m

 

 

   Alte Bäume haben tiefe, starke Wurzeln. Man braucht nicht zu fragen, warum; allein dass sie alt werden können, ist Erklärung genug. Ein Baum mit flachen Wurzeln wird schon in seiner Jugend umgeweht. Wenn man nicht Nahrung in der Tiefe zu suchen braucht, holt man sie sich von der Oberfläche und fasst nicht festen Fuß. Ein Baum benötigt Platz und viel Licht. Dann kann er Kraft sammeln und stark werden. Alte Bäume haben dicke Wurzeln, die mit der Zeit unter der Krone des Baumes sichtbar werden, obwohl die Wurzeln bestimmt sind, in der Erde verborgen zu wirken. Wirklich alte Bäume können sich wie alte Menschen erlauben, anders zu sein als das Junge, Neue und Moderne um sie herum. Und deswegen dürfen sie gerne ihre Wurzeln zeigen, die oben am Stamm beginnen. Denn wenn man ein Baum ist, ist alt zu sein, eine Ehre, und knorrige Wurzeln gelten als schön. Alte Bäume wissen viel, denn sie haben hier auf Erden lange gelebt, länger als ein Mensch. Ja, vielleicht gibt es nichts Lebendes auf der Erde, was älter als Bäume werden kann. Bäume sind nämlich geschaffen, um zu leben und zu wachsen, und das wissen sie. Ein langes  Leben bringt Erfahrungen mit sich. Alte Bäume sind klug. Sie wissen, wann sie sich beugen müssen. Gescheit beurteilen sie, wann es sich lohnt, schief zu wachsen. Und sie können auch genau berechnen, in welchem Grade sie es sich erlauben können, sich mit ihren Kräften  entgegenzustemmen. Ich habe das beobachtet an Bäumen im Westwind und an Bäumen an einem Bach oder Fluss oder auf einem Bergabhang. Sie stehen schief, aber sie fallen nicht, weil sie ihr Gleichgewicht gerade in der Schiefheit gefunden haben. Als hätten sie an der Universität die Schwerkraft studiert, haben sie die Zweige in der Dicke und der Richtung wachsen lassen können, die ihnen das Gleichgewicht gibt. Ja, Bäume brauchen freien Raum um sich. Ein eingezwängter Baum verkrüppelt oder wächst in die Höhe und muss gestützt werden. Wie die Menschenkinder.

 

   Auf der Wiese stand ein uralter Baum. Man hatte ihn stehen lassen, als man unser Viertel baute. Er wurde unser Versammlungsort. Vor allem im Frühjahr, wenn wir kleinen Mädchen den dicken Fuß und die knorrigen Wurzeln des Baumes als eine Art Bank benutzten. Denn es war noch zu kalt, um sich ins Gras zu setzen. Wir hockten uns hin, zogen den Rock über die Beine und suchten Wärme am Stamm. Aber wenn es endlich warm wurde, schoben wir die Kleider hoch, zogen uns die hässlichen,  stets kratzenden braunen Strümpfe aus und streckten die Beine in die Sonne. Im Sommer fanden wir Kühle unter der großen, dichten Krone, die uns auch Schutz bot bei Regenschauern.

   Hier unter dem Baum fühlten wir uns wohl. Hier konnten wir ungestört miteinander sprechen. Über alles und nichts und über das Leben. Über das Beste und Schlechteste auf der Welt. Edith meinte, das Schlimmste sei der Tod, denn sie hatte gerade ihre Großmutter verloren, die bei ihnen zu Hause gewohnt hatte und die tagaus, tagein da gewesen war. Stets hatte sie da gesessen, wo die Kinder sie hatten finden können. Und nun war sie fort. Aber dann wurden wir anderen uns schnell einig, dass das mit dem Tod nicht galt, da der Tod nicht zum Alltag gehöre. Ja, das glaubten wir. Und es war ja abgesprochen worden, dass wir nur über alltägliche Dinge sprechen sollten, wenn es um das Beste und um das Schlimmste ginge.

   Wollene, lange Strümpfe, meinte Elfi, seien das Schlimmste auf der Welt. Aber Irmi fand, dass handgestrickte, frisch gewaschene wollene Unterwäsche auf der bloßen Haut – nach einem Bad angezogen – das Widerlichste sei, was ein Mensch zu ertragen hat. Lori, die gerne etwas Besonderes sein wollte, fand, dass Frühstücksbrettchen aus Holz in der Abwaschschüssel das Ekelhafteste auf der Welt seien. Sie bekomme eine Gänsehaut, wenn sie die Brettchen abtrocknen müsste. Irmgard konnte es nicht vertragen, in fremden Betten schlafen zu müssen, weil fremde Betten röchen. Inge meinte, sie müsse sich beim Anblick von Schwarzsauer übergeben. Und ich betrachtete Dosenmilch als das Schlimmste auf der Welt. Dazu konnte ich eine Geschichte erzählen von damals, als ich bei der Tante einer Freundin zu Gast war, die uns mit einem leckeren Nachtisch, den man „Götterspeise“ nannte, etwas Gutes tun wollte. Leider hatte sie keine andere Soße als Dosenmilch, die sie reichlich über diese wunderbare Nachspeise goss. Meine Mutter hatte mir beigebracht, dass man als Gast all’ das, was angeboten wird, ohne Kritik essen müsse. Möge man das nicht, solle man bis drei zählen und das Essen mit geschlossenen Augen hinunter zwingen. Aber bevor mein Leiden so richtig begann, kam der Wellensittich der Tante geflogen und setzte sich mitten in die Soße. Der Tante war das sehr, sehr peinlich, und ich musste mich beherrschen, um nicht meine Freude und Erleichterung zu zeigen. Die Tante befreite den Nachtisch von der Dosenmilch, und ich aß den Rest mit großem Genuss. Das Beste ist also ein Wellensittich, der im rechten Augenblick auf etwas landet, was man nicht essen mag.

   Vieles konnte für uns das Beste sein, zum Beispiel mit Mutter eine große Portion Erbsen zu pulen, denn das war gleichzeitig eine gute Gelegenheit zum Plaudern mit einer Mutter, die es oftmals recht eilig hatte. Aber am allerbesten war wohl, wenn Mutter sang. Und das geschah oft. Besonders, wenn sie etwas tat, bei dem man nicht nachdenken musste. Sie sang gerne Balladen -  das seien gesungene Erzählungen, erklärte sie mir. Am liebsten hörte ich die  vom Reimer Thomas, der an einem Bach in der Nähe eines Schlosses saß. „Da sah er eine blonde Frau, die saß auf einem weißen Ross, die Mähne war geflochten fein, und hell an jeder Flechte hing ein silberblankes Glöckelein“. Diese Ballade hatte viele Strophen. Die letzten Verse sang Mutter immer staccato: „Und – wenn – sie – leicht – am Zügel – zog – dann – klan-gen -  hell  - die – Glök- ke – lein“.  

   Meine Mutter sang auch vom Soldaten auf der Schanze zu  Straßburg. Diesem jungen Mann, der eines Abends von der anderen Seite des Flusses her – von dort, wo seine Heimat lag, - den Klang des Alphorns hörte. Von Heimweh getrieben, versuchte er, über den Fluss zu schwimmen, aber die Wachtposten fischten ihn heraus und brachten ihn zum Hauptmann. Früh am nächsten Morgen wurde er vor das Regiment gestellt. Da sollte er um Pardon bitten, doch wusste er, was ihn als Lohn erwartete: die Hinrichtung.

   Mutter konnte auch die Ballade eines anderen Verfassers. Für mich war es die Fortsetzung des Liedes vom Soldaten zu Straßburg auf der Schanz’. In diesem Lied ist der Erzähler ein Freund des zum Tode verurteilten Soldaten. Und da dieser Freund auch zu der Gruppe gehört, die das Urteil vollstrecken müssen, empfand ich dieses Lied lange als das traurigste meiner Kinderzeit. „Sie zittern alle vor Jammer und Schmerz, ich, aber ich traf ihn mitten ins Herz“. Von allem Unbegreiflichen in diesem Lied war mir dies am unverständlichsten – „Mutti, warum bringt er es fertig, seinen Freund mitten ins Herz zu treffen? Und warum erschießt man jemanden, der nicht Soldat sein will?“ 

   Und dann sang sie:

                                            Oh Straßburg, oh Straßburg,

                                            du wunderschöne Stadt,

                                            darinnen liegt begraben

                                            so mannicher Soldat.

 

                                            So mancher, auch schöner

                                            und tapferer Soldat,

                                            der Vater und lieb Mutter

                                            böslich verlassen hat.

 

                                            Verlassen, verlassen,

                                            es kann nicht anders sein.

                                            Zu Straßburg, ja, zu Straßburg

                                            Soldaten müssen sein!

 

   Bisweilen musste ich bei diesen Liedern weinen. Dennoch bat ich meine Mutter immer wieder, sie zu singen.

   Am allermeisten mochte ich jedoch ihr Lied von der Uhr. Mit dieser Uhr ist das Menschenherz gemeint. Ein großer Meister hat das Uhrwerk erdacht und zusammengefügt, das sich nicht  nach den Wünschen seines Trägers richtet. An manchen Tagen wollte der, die Uhr möge schneller gehen, und bisweilen wollte er, dass sie ihren Gang verlangsame. In dem Lied heißt es:

                                            In meinen Leiden und Freuden,

                                            in Sturm und in der Ruh,

                                            was  immer geschah im Leben,

                                            sie pochte den Takt  dazu.

 

                                            Sie schlug am Sarge des Vaters,

                                            sie schlug an des  Freundes Bahr,

                                            sie schlug am Morgen der Liebe,

                                            sie schlug am Traualtar.

 

                                            Sie schlug an der Wiege des Kindes,

                                            sie schlägt, will’s Gott, noch oft,

                                            wenn bessere Tage kommen,

                                            wie meine Seele es hofft.

 

   Wenn die Uhr stehen zu bleiben droht, zieht sie der Meister großmütig wieder auf. Aber eines Tages wird sie nicht mehr aufgezogen werden können und für immer still stehen.

 

                                             Dann müsst ich zum Meister wandern,

                                             der wohnt am Ende wohl weit,

                                             wohl draußen jenseits der Erde,

                                             wohl dort in der Ewigkeit.

 

                                             Dann gäb ich sie ihm zurücke

                                             mit dankbar kindlichem Flehn:

                                             Sieh, Herr, ich habe nichts verdorben.

                                             Sie blieb von selber stehn“.

 

   Meine Mutter und ich liebten dieses Lied. Obwohl es mich bisweilen auch wehmütig stimmte.

 

   Eines Tages kamen Männer in unser Viertel. Sie fällten unseren Baum, weil er im Wege war. Man hatte angefangen, den Jungen in der Hitler-Jugend eine vormilitärische Ausbildung im Segelfliegen zu geben. Das Gelände hinter unseren Häusern – wo früher Wagehälse der Luft in  kleinen Doppeldeckern ihre eigenen Grenzen und die der Maschinen erprobt hatten – war für dieses Ziel wie geschaffen. Aber die Jungen berechneten Landebahn, Höhe und Abstand manchmal verkehrt und gerieten in Gefahr, im Baum zu landen. Diese Burschen waren die angehenden Piloten des Landes, und der Baum war nur ein alter Baum, und deshalb musste er weichen. Eigentlich war es Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg verboten, eine Wehrmacht aufzubauen. Aber Jungen, die in Segelflugzeugen schweben, seien wohl keine Wehr und hätten keine Macht, sagten einige. Andere meinten, dass alle anderen Länder Soldaten hätten. Und warum sollten wir in Deutschland nicht dieselben Rechte in Anspruch nehmen?

   Wie es sich damit auch verhielt, sie kamen und legten den Baum um. Ich weiß nicht mehr, wann das geschah. Vor dem Fällen von Bäumen, dem Einebnen von Gärten und dem Niederreißen von Häusern „zum Nutzen der Allgemeinheit“ verging oft viel Zeit. Ich fragte neulich meine Freunde, ob sie mir vielleicht dabei helfen könnten, den genauen Zeitraum zu bestimmen, aber auch sie hatten vergessen. Ja, einige konnten sich nicht erinnern, dass da überhaupt einmal ein Baum gewesen sei. Einige wollten wetten, dass er nie gefällt worden sei. Und einer behauptete, es sei völlig gleichgültig, ob da einmal ein Baum gewesen und wann er gefällt worden sei oder auch nicht, weil man sich ohnehin falsch erinnere.

   Den Stubben ließen sie stehen. Es war zu beschwerlich, die alten Wurzeln zu entfernen. Die Männer, die alles entschieden, waren der Ansicht, dass die Wurzeln nach einer gewissen Zeit anfangen würden zu vermodern und zu verschwinden. Wir Mädchen nutzten diesen Baumstumpf. Während unserer gesamten Kindheit diente er uns als Tisch, wenn wir Glanzbilder – Oblatenbilder – tauschten. Und weil wir Kinder waren, hatten wir die glückliche Gabe, den Lauf der Stunden und die Veränderung der Zeit erleben zu können, ohne an den Begriff „Zeit“ zu denken. Denn wenn man noch nicht groß ist, kann man sich erlauben, das Hier und Jetzt zu genießen, ohne eilen zu müssen. Die Erwachsenen halten es für sehr, sehr wichtig, die Zeit zu messen, und stülpen ihr deshalb Zahlen über, die bis ins Unendliche reichen - Zahlen, die allzu deutlich die Kostbarkeit Zeit abgrenzen, einschränken, abschließen und bekräftigen. Die Erwachsenen eilen und jagen, um „rechtzeitig“ all’ das zu erreichen, was sie erreichen zu müssen meinen. Wegen der Ordnung, sagte mein Vater. Ohne Ordnung ende die Welt im Chaos. Doch meine Mutter hatte manchmal Lust, der festen Zeiteinteilung des Tages ein Schnippchen zu schlagen. Denn das Essen musste zu einer bestimmten Zeit mit dem Glockenschlag auf dem Tisch stehen. Und es musste Kuchen gebacken werden, weil am nächsten Tag Sonntag war. Und das Haus musste jeden Tag aufgeräumt werden. So war sie im Haus ständig in Eile und konnte nichts anderes antworten als: „Ich habe keine Zeit. Vater kommt bald nach Hause“.

   Damals, als ich Mittelohrentzündung hatte, wollte die Zeit nicht vergehen. Mutter hatte mich eine ganze Nacht auf dem Arm. So wanderten wir hin und her, hin und her, an der Uhr vorbei. Niemals zuvor hatte ich erlebt, dass die Zeiger so langsam krochen. Denn am  Morgen, wenn der kleine Zeiger an einer bestimmten Stelle angelangt wäre, dann werde der Arzt kommen und helfen, und alles werde wieder gut.

   Die Zahl lässt die Zeit im Schneckentempo vergehen, wenn man ungeduldig erwartet, dass sie schnell vergehen möge. Und umgekehrt: nichts verrät besser als die Zahl, dass die Zeit davonrast, obwohl man gerade diesen Augenblick festhalten möchte. Und die Zahl macht gnadenlos deutlich, dass Zeit, die vergangen ist, nie zurückgeholt werden kann.

   Alles kann mit Zahlen begrenzt werden. Nichts anderes als Zahlen sagen mit aller Deutlichkeit, ob ein Mensch „nicht alt genug“ oder „zu alt“ für etwas ist, was schön ist. Das ging mir auf, als ich vier Jahre alt geworden war. Nur bis zum Alter von vier Jahren durften Kinder in einem Fahrradkorb transportiert werden. Das behauptete jedenfalls mein Vater. Im Sommer  fuhren wir bei gutem Wetter manchmal nach Wittenbergen [zwischen Blankenese und Schulau]. Der Strand der Elbe war hier breit, der Sand sauber und weiß. Das Wasser duftete nach dem nahen Meer. Wenn ein großes Schiff vorbeikam, machte es Wellen, und Mutter stand dann am Ufer wie eine Glucke, die ihre Küken draußen im Wasser hatte. Weder Vater noch Mutter konnte schwimmen, und Mutter war überdies wasserscheu. So beruhigte sie sich erst, wenn wir alle auf der Decke saßen und es uns beim Inhalt des Picknickkorbes gemütlich machten. Danach spielte Vater mit uns Ball, was er sonst nicht mochte.

   Nach meinem vierten Geburtstag meinte Vater, es verstoße gegen die Vorschriften, ein Kind über dieses Alter hinaus in einem Fahrradkorb zu transportieren. Und Gesetze müssten nun einmal befolgt werden, insbesondere von einem Polizeibeamten und dessen Familie. Meine Mutter bemerkte dazu, dass ich eigentlich nicht größer als eine Dreijährige sei. Und das Gesetz sei am besten mit Logik auszulegen. Es sei nicht das Alter des Kindes, sondern dessen Größe, was einen Transport im Fahrradkorb gefährlich mache.

   Wie Mutter reden konnte, wenn sie etwas erreichen wollte, was ihr wichtig erschien. Schließlich entschied Vater, dass alles blieb, wie es war, dass wir diesen Sommer noch einmal genießen durften mit Fahrradtouren zum Strand, in den Wald und hinaus in die weite Welt.

   Wir hielten die Zeit an, indem wir spielten, dass ich nur drei Jahre alt sei. Noch ein Jahr lang blieb der Korb auf Vaters Fahrrad. Auf unseren Exkursionen saß Vater hinter meinem Rücken. Seine beiden Arme lagen dicht neben mir. Ich befand mich in einem soliden Rahmen. Nichts konnte mir geschehen. Er fuhr langsam, auf diesen Touren hatten wir immer viel Zeit. Vater war mir so nah. Ich konnte ununterbrochen fragen und fragen. Nun hatte er keine Chance, konnte sich nicht umdrehen und weggehen mit der Begründung, dass es irgendetwas Wichtiges gebe, was hier und jetzt sofort erledigt werden müsse. Nun musste er dableiben und antworten.

   Am Ende des Sommers schraubte Vater den Korb von seinem Fahrrad ab und tat ihn in eine Kiste. Ein großer, schwerer, schmerzender Stein – fast schlimmer als Zahnschmerzen – legte sich auf mein Herz. Ich wurde ganz stumm. Worte hätten doch nichts mehr ändern können. Vater wusste, was er tun musste, und er wurde niemals müde, eben dies zu sagen: Gesetze müssen befolgt werden, sie sind nämlich dazu da, unsere eigene und besonders die Sicherheit der Schwächsten zu gewährleisten.

 

   Auch in diesem Sommer gab es in der Stadt viele politische Krawalle, Demonstrationen und Straßenkämpfe. Es gab  Sonntage, an denen wir nicht an den Strand kamen, weil die Polizei Alarmbereitschaft hatte. Am 17. Juli 1932, einem Sonntag, versammelten sich sieben- bis zehntausend Nationalsozialisten in Hamburg zu einer Demonstration und marschierten ins „rote“ Altona, in das ärmste Viertel der Stadt. Die Demonstration war angemeldet und nach demokratischen Regeln genehmigt worden. Besonnene Köpfe hatten versucht, die Altonaer Polizeiführung zu überreden, die Demonstration zu verbieten oder die Marschierenden weniger gefährliche Wege wählen und nicht durch das von Kommunisten dicht bewohnte Armenviertel ziehen zu lassen. Auch die Altonaer Kommunisten hatten die Polizei gebeten, die Nationalsozialisten daran zu hindern, die engen, von armen Menschen bewohnten Straßen zu benutzen. Aber Altonas Polizeipräsident Eggerstedt wollte beweisen, dass seine Untergebenen im Stande seien, diese Aufgaben zu meistern, und ließ deshalb die gesamten Polizeikräfte Altonas zum Schutz der nationalsozialistischen Demonstration einsetzen. Die von der Hamburger Polizei angebotene Hilfe wies er als unnötig zurück. Nach dieser Entscheidung  begab er sich am 15. Juli – zwei Tage vor dem Marsch – auf eine Reise und schickte gleichzeitig seinen Stellvertreter für drei Tage in  Urlaub. Am 16. Juli wandten sich die Altonaer Kommunisten noch einmal an die Polizei mit der Bitte, die Demonstration zu verbieten, denn anderenfalls sehe man sich gezwungen, zur Selbsthilfe zu greifen. Die Antwort war – wie befohlen – eine Ablehnung. Man war demokratisch, wollte sich nicht von den Kommunisten „erpressen“ lassen.

  Während der nationalsozialistischen Demonstration kam es in den engen Straßen  des Altonaer Armenquartiers schnell zu den von den Nationalsozialisten gewünschten Straßenkämpfen. Diese Ereignisse wurden von den Nazis als Beleg dafür angeführt, dass eine demokratische Regierung in Entscheidungsprozessen schwach sei. Deswegen müsse sie - insbesondere in diesen Notzeiten - abgelöst werden von einer Bewegung, die geordnete Verhältnisse nicht nur wünsche, sondern - koste es, was es wolle -  auch  durchsetzen könne.

   Dieser 17. Juli 1932 ging in die Geschichte als „Altonaer Blutsonntag“ ein. Fünfzehn zivile und zwei uniformierte Nationalsozialisten wurden getötet, viele Polizisten verletzt. Dass es nicht mehr waren, erklärte man mit der professionellen Handhabung der Situation und damit, dass die Kommunisten häufig aus ihren Verstecken auf Hausdächern und hinter Fenstern schossen, ohne zielen zu können.

   Ich weiß nicht, ob es an diesem Sonntag war, an dem ich meinen Vater in Uniform und mit Tschako und Koppel aus dem Haus stürzen sah. Vater mit einem Tschako auf dem Kopf zu sehen, löste in mir stets das Gefühl von Unheimlichkeit und Gefahr aus, denn Mutter war lange Stunden schweigsam, wenn er zum Dienst hatte hasten müssen.

   Ich weiß auch nicht, wie viel ich unmittelbar nach diesem Aufruhrtag über die Reihenfolge der Ereignisse und deren wirklichen Verlauf erfuhr. Vater und Mutter versuchten, uns mit den Tatsachen nicht vertraut zu machen. Und hörte ich schließlich etwas, hatte ich weder Verstand noch Lust, die Ereignisse nach einem bestimmten Muster zu ordnen. Doch meine ich, die Bemerkungen meiner Mutter über Gesetze verstanden zu haben. Sie sagte ja immer, dass man am ehesten Gesetze und Ordnungen anerkenne, wenn sie logisch seien. Wahrscheinlich glaubte ich, dass sie hierbei auf die Sache mit meinem Alter und dem Fahrradkorb anspielte. Dass ein verantwortlicher Polizeichef mit dem Gesetzbuch in der Hand den Befehl gab, einen Riesentrupp provozierender und prahlender Demonstranten, die, für alle sichtbar, Gewalt wollten, zu beschützen – das habe ich trotz allem nie verstehen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                    D a s   W e t t e r    i s t,   w i e    m a n’ s   n i m m t

 

 

 

 

                                                                                  Vi, der valgte livet,

                                                                                  går en dag på tværs af vejen,

                                                                                  ender i et efterår.

                                                                                  Vi får regnen, natten, landet

                                                                                  trycket ind mod vore hjerter,

                                                                                  mens vi går“.

 

                                                                                                         Frank Jæger

 

                                                                                  (Wir, die wir das Leben wählten,

                                                                                  gehen eines Tages unseren eigenen Weg,

                                                                                  enden in einem Herbst.

                                                                                  Der Regen, die Nacht, das Land

                                                                                  drücken gegen unsere Herzen,

                                                                                  während wir gehen.)

 

 

   Es klingt vielleicht etwas eigenartig, ist aber dennoch wahr: Als ich Kind war, war das Wetter immer schön. Allerdings hörte ich Menschen über schlechtes Wetter klagen. An einem Tag, für den meine Mutter eine Einkaufstour in der Großstadt geplant hatte, war für sie die warme Sommersonne das Schlimmste. Denn sie verwandelte die Luft in eine Glocke, die sich über die Dächer der Häuser legte und die Straßen mit Gerüchen erfüllte, die meiner Mutter Übelkeit verursachten. Ja, da konnte sie sich beschweren und von Herzen über das Wetter seufzen, das nicht auszuhalten sei. Oh, wie herrlich ein erfrischender Regenschauer wäre! Oder ein ordentlicher Sturm, der die Straßen sauber fegte!

   Und wenn es an dem Tag regnete, an dem die Familie und Freunde Tante Berta, Vaters Cousine, und Onkel Jürgen in ihrem Schrebergarten besuchten, konnte es ein paar Gästen einfallen, sich über das elende Wetter zu beklagen. Denn bei Regen mussten wir im kleinen Gartenhaus Schutz suchen, wo Gedränge entstand, weil wir immer viele waren. Dann seufzte man und sagte, ach, wie schön wäre es, wenn man unter dem Apfelbaum Kaffee trinken könnte. Außer Onkel Jürgen, der war glücklich, wenn der Regen niederrauschte. Dann ging er den Gartenweg auf und ab und sah richtig selig aus. Oh, ein richtiges Gartenwetter, nun wird alles gut wachsen!

   An Onkel Jürgen war etwas Besonderes. Als junger Mann, zu Beginn der zwanziger Jahre, Berta und Jürgen hatten sich gerade verlobt, hatte er Glück und bekam als Ungelernter Arbeit bei der Eisenbahn. Bei Rangierarbeiten wurde er zwischen zwei Puffern eingeklemmt. Eine  Weile fürchteten alle, dass er nicht überleben werde oder für immer ein hilfsbedürftiger, bedauernswerter Mensch sein werde. Aber er erholte sich wieder. Nur sein rechter Arm blieb gelähmt, und der Körper musste durch ein Korsett gestützt werden. Doch konnte er in seinem Garten allein mit Hilfe seines linken Armes graben und pflanzen. Auch wenn es zu jäten und schaufeln, zu harken und zu hacken galt, kam er ohne Hilfe aus. Aber gutes Gartenwetter konnte er nicht machen, da benötigte er die Hilfe des Himmels. Er kannte den Reim, den wir Kinder sangen, wenn es regnete und wir fröhlich waren: „Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass“.

 

   Wirklich, das Wetter war in meiner Kinderzeit schön. Nach einem langen und sonnigen Sommer empfanden wir den Herbst als willkommene Abwechslung. Am Morgen war die Welt plötzlich verwandelt: Büsche und Bäume, Grashalme und Stauden waren voll von dichten Spinnweben, die den Tau eingefangen hatten, funkelnd wie Tausende winzigkleiner Diamanten in der zögernden Morgensonne. „Altweibersommer“ nannten das die Erwachsenen.

   Wenn am Nachmittag der Nebel vom Meer aufzog und die Dämmerung früher einfiel, als man sich vom Vorjahr erinnerte, ja, dann war es herrlich, mit Mutter  einkaufen zu gehen. Die Geschäfte waren hell erleuchtet. Der Kontrast zwischen Licht und Wärme drinnen und dem feuchten Halbdunkel draußen war zu spüren und erfüllte mich mit einer unerklärlichen Freude und entspannten Zufriedenheit. Hier war es gut sein. Und es war ein Glück, wenn die Einkäufe lange dauerten, vielleicht einen  ganzen Nachmittag. Meine Mutter war außerordentlich genau in der  Auswahl der Geschäfte und dessen, was sie einkaufte. Der Kaufmann, der Gurken, Heringe und Sauerkraut aus einer Tonne verkaufte, wog zunächst sorgfältig Mutters Glas oder Schüssel, füllte das Gefäß dann mit der gewünschten Ware, wog, rechnete, das Gesicht in Falten, was von Konzentration zeugte, den Preis aus. Die Waren waren von bester Qualität, und Mutter hatte mitgerechnet -  nicht mit einem Gramm oder mit einem Pfennig hatte er sich zu seinen Gunsten verrechnet. Es kam vor, dass es für „die Kleine“ eine Gurke  extra gab. Meine Mutter hatte ihm erzählt, dass ich besonders seine Gewürzgurken schätzte. Auch Bäcker Schletzer konnte uns in all den Jahren zu seinem festen Kundenkreis rechnen, denn sein Brot – das hatte Mutter mit ihrer Waage kontrolliert – wog mehr und schmeckte auch besser als bei der Konkurrenz. Auch bedeutete  Mutter Frau Schletzers Freundlichkeit viel. Dass diese nicht  Fassade war, sollte sich in einer Zeit zeigen, als Nahrungsmittel rationiert und das Brot auf Grund von Wolfgangs enormem Appetit nie reichte. Da landete so manches Extrabrot in Mutters Einkaufskorb.

   Recht oft suchten wir auch einen Schlachter in einem Kellergeschäft auf, denn seine Frau wusste genau, was Mutter haben wollte, wenn sie nach gutem und billigem Aufschnitt fragte. Die Schlachterfrau fand dann Wurstenden und verschnittenen Aufschnitt, immer vom Besten.

   Und der Flickschuster, er lebte in einem kleinen strohgedeckten Haus. Die Werkstatt war winzig, hatte eine niedrige Decke und wurde während der kalten Jahreszeit durch einen gusseisernen Ofen gut geheizt. Hier roch es herrlich nach Leder und anderen undefinierbaren Dingen. Die reparierten Schuhe standen in einem Regal, sie waren immer blank geputzt, denn, wie mir der Schuster erklärte, man liefert seine Arbeit  in gutem Zustand ab.  Deshalb bekamen die Schuhe vor ihrer Ablieferung immer noch einmal eine Abreibung. Mit langsamen, fast liebkosenden Bewegungen strich er mit seiner Bürste über die Schuhe, denen man ihre Benutzung ansah. Ich glaube, mein Empfinden für die eigenartige Schönheit gebrauchter Schuhe verdanke ich diesem Schuster. Er und alles um ihn herum war etwas Besonderes. Meine Mutter, die sonst insbesondere fremden Männern mit Vorbehalt begegnete, konnte mit ihm über Gott und die Welt sprechen. Mutter sagte, der Schuster sei so klug, dass er Bücher schreiben müsse und seine Zeit nicht damit vergeuden solle, Schuhe zu reparieren. Aber ich konnte mir den Schuhmacher nirgendwo anders vorstellen. Viele Jahre dachte ich, sollte ich wirklich einmal heiraten, dann einen Flickschuster.

 

   Auch im Winter war das Wetter herrlich. Der Schnee verwandelte die Welt. Er machte den Schmutz unter einem weichen Teppich unsichtbar. Scharfe Konturen wurden gleichsam rund und sanft und Geräusche auf besondere Weise gedämpft. Nirgends konnte es so still sein wie in einem Winterwald. Der Schnee verwandelt und verzaubert. Wenn große Schneeflocken langsam vom Himmel kamen, stand ich gerne am Fenster und starrte auf den fallenden Schnee, bis ich zu sehen  glaubte, dass die Schneeflocken stillstünden, während ich selbst und das Haus zum Himmel empor schwebten. Doch war mir bewusst, dass mich ein einziger Wimpernschlag in die Wirklichkeit zurückbrächte: Ich war in unserem Haus. Man konnte hinauslaufen und Spuren in den Schnee machen, wo vorher  kein anderer gegangen war.

   War genügend Schnee gefallen, baute Wolfgang eine Schneehöhle. Bisweilen war sie groß genug, um einen Schlitten aufnehmen zu können, der zu unserem Sofa wurde. Vater fand einen alten Sack, der als Teppich diente. Mutter servierte Kakao oder warmen Holunderbeersaft und spendierte eine Schachtel Stearinkerzenstummel vom letzten Weihnachtsfest, die wir in den Nischen der Wand der Schneehöhle unterbrachten. Die brennenden Lichter bedeuteten viel, sie gaben mehr als nur ein bisschen Wärme. In einer solchen Höhle konnten wir auch Besuch empfangen.

   Herrschte der Winter lange genug, sehnten wir uns nach Sonne und Wärme. Nach einem langen und kalten Winter war die Sonne etwas ganz Besonderes. Wir beobachteten, wie der Schnee schmolz.  Es tropfte von allen Hausdächern, und der Winter, der seinen Griff nicht lockern wollte, machte Eiszapfen und schmückte die Welt auf eigene Weise. Während des Tauwetters war es gut, Galoschen zu besitzen – über die Schuhe gezogen, kam man ungeschoren durch Matsch und Pfützen. Aber sie hinderten einen daran, schnell zu laufen. Mein Vater versuchte jeden Winter, einen trockenen Gehweg durch den Garten anzulegen, indem er die Asche und Schlacke aus dem Ofen ausstreute. Doch wurde der Pfad erst dann richtig trocken, wenn Sonne und Frühjahrswind das Ihre getan hatten. Und richtig kam der Frühling dann, wenn die Marienkäfer aus ihrem Winterquartier unter dem Laub hervorkamen. Plötzlich waren sie da und tankten Sonne auf dem braunen Laub an der warmen Südseite der Hecke. Es kam mir vor, als seien die Marienkäfer immer das Röteste zu Beginn des Frühlings. Nun konnte man auch sicher sein, dass der Huflattich bald blühen werde. Nach dem langen Winter war der Huflattich das Gelbste, was man sich denken konnte.

   Vielleicht empfanden wir das Wetter dann am schönsten, wenn der Frühsommer wieder mit einer Wärme kam, die meine Mutter veranlasste, die Sommerkleidung hervorzukramen. Oft waren die Kleidungsstücke vom Vorjahr zu klein geworden. So wuchs ich also, obwohl es fast nicht zu sehen war.

   Und dann kam der richtige Sommer. Sommer haben etwas Besonderes. Meine Mutter sagte, im Sommer  werde alles wieder gut. Am schönsten war der Hochsommer, der lange Reihen von Sonnenscheintagen brachte, die plötzlich von Gewittern und starken Regengüssen abgelöst werden konnten. Wenn das Gewitter vorüber war, liefen alle Kinder, nur mit einem Badeanzug bekleidet, in den Garten hinaus. Wir wussten, wo das Regenwasser Pfützen gebildet hatte. Hier konnten wir hemmungslos planschen.

   Das Wetter, wie immer es sich auch zeigt, markiert den Wechsel der Jahreszeiten. Wohnt man wie wir in der Nähe des Meeres, kündigen schwere Stürme das Ende des Sommers an. Auch die Herbststürme mochten wir. Wenn der Herbst an den Baumkronen rüttelte, mussten die Bäume schließlich ihre Schätze hergeben. Pflaumen und Äpfel fielen runter, mehr als man essen konnte. Und Kastanien und Eicheln, glänzend und fein, man wurde förmlich gezwungen, sie aufzusammeln. Sie wurden an langen Winterabenden von uns Kindern in Puppenmöbel, Tiere und Schmuck verwandelt.

   Es kam vor, dass der Herbststurm mit Orkanstärke von Westen kam, und diese Art Sturm meinte immer, sich wie ein Verrückter benehmen zu müssen. Hysterisch zerrte er an allem, was im Wege stand. Auch die Häuser konnte er nicht in Frieden lassen. Der Orkan presste sich förmlich in die Dächer und löste die Ziegel. Eigenartigerweise freuten wir Kinder uns darüber, wenn Ziegelsteine herunterfielen und am Boden zerschmetterten. War der Orkan auf seinem Höhepunkt, breiteten wir unsere Mäntel aus, als ob wir Flügel hätten, und der Verrückte fuhr in sie hinein und trieb uns weiter fort. Wir kreischten und brüllten mit dem Sturm um die Wette. Manchmal hofften wir, er werde uns hochheben und fliegen lassen. Aber so etwas geschieht nur in Märchen.

   Das Jahr nimmt seinen Lauf, ist in ewiger Bewegung – wie ein Rad, das sich ständig dreht. Die Jahreszeiten verändern sich in festgelegtem Rhythmus. Wenn der Winter mit Schneeregen einsetzte, war ein kalter und heftiger Wind oft sein Begleiter. Ein Wind, der wünschte, als Feind betrachtet zu werden, denn er stach mit Eismessern in unsere Gesichter und peitschte unsere Beine. Nicht einmal die braunen Wollstrümpfe boten Schutz. Aber auch dieses Wetter begrüßten wir Kinder stets. Denn dann durften wir im Haus spielen, und dies ohne vorausgehende Bettelei, ein paar Freunde mit reinbringen zu dürfen. Die Mütter waren auf einmal ohne Einschränkung froh, uns unter einem Dach in einem warmen Zimmer zu haben. Sie beschwerten sich noch nicht einmal über das Durcheinander und den Lärm. Wie herrlich es war, zusammenzusein, wenn Hagel und Regen gegen die Fensterscheiben trommelten.

   Die Dunkelheit des Winters bescherte uns lange Abende, die zu etwas ganz Besonderem benutzt werden konnten. Wolfgang und ich durften alle Nachbarkinder zum Kasperletheater einladen. Die Eintrittskarten bezahlten die Kinder mit Knöpfen. Ich saß an der Kasse, Wolfgang war für die Aufführung verantwortlich. Er war auch der Verfasser des Stücks, konnte aber vorher niemals besonders viel über den Verlauf der Handlung sagen. Er dichtete sich vorwärts zu etwas Spannendem. Das Kasperletheater und die Handpuppen waren ein Erbstück der Berliner Kusinen. Keiner in unserem Freundeskreis besaß etwas Ähnliches.

   Bevor man des Winters so richtig überdrüssig wurde, war der Frühling in Sicht;  jedes Jahr glich dem Jahr davor und war trotzdem etwas für sich. Wiederholung und trotzdem Veränderung, das war vielleicht das Beste von allem.

 

   Wetter kann so vieles bedeuten. Eines Tages hörte ich meine Mutter von einem Unwetter sprechen, das unser Haus betroffen habe.  Ich versuchte zu trösten: So etwas geht rasch vorüber, du weißt ja, es heißt, die Sonne scheint auch hinter den Wolken. Aber Mutters dunkle Gedanken konnte ich nicht mit hellen Worten wie dem von der Sonne oder mit Omas Satz „Alles hat seine Zeit“ verjagen.

   Längst hatte ich entdeckt, dass zwischen Vater und Mutter irgendetwas getreten war. Sie sprachen nicht mehr zusammen wie früher. Dass Vater im Zorn laut schreien konnte und Mutter aus demselben Grund sehr lange schweigsam war – ja, das machte fast nichts, denn so waren sie nun einmal, die beiden. Aber jetzt war es fast umgekehrt: Mutter sprach- manchmal schneidend scharf, und Vater hörte zu in schweigender Ergebenheit.

   Eines Tages kam ich vom Garten rein und sah sofort, dass Mutter geweint hatte. Meine Mutter weinen zu sehen, war etwas ganz Entsetzliches. Ich wurde dann unglücklich, unsicher und ängstlich, denn sie sagte nie etwas über den Grund ihrer Tränen. Aber an diesem Tag war es anders. Sie saß bei irgendeiner Näharbeit und führte die Nadel mit zornigen Bewegungen durch den Stoff, während sie mit mir sprach:

   „Siehst du, die Rollenverteilung von Mann und Frau ist eine Pest. Der Mann verdient das Geld, die Frau übernimmt die Verantwortung für Haus und Kinder. So ist das immer gewesen. Und so ist das auch ganz in Ordnung, obwohl ich auch davon geträumt hatte, Lehrerin zu werden. Die Kehrseite der Sache ist nur, dass der Mann, indem er das Geld verdient, auch der ist, der alles bestimmt. Dazu kommt, dass der Frau die Hände gebunden sind. Das, was sie an Werten hinzugewinnt, ist nicht sichtbar. Ihre Arbeit ist zwar unentbehrlich, aber im wahrsten Sinne des Wortes auch unschätzbar und unbezahlt. Das ist auch ganz in Ordnung, denn wir könnten ja nicht zusammenleben, wenn Vater meine  tägliche Arbeit und meine Nachtwachen bezahlen müsste. Vater hätte sich nicht den Luxus leisten können, Kinder zu haben, wenn er von seinem Gehalt die Betreuung der Kinder bezahlen müsste. Aber weil ich alles gratis mache und dies mit Freude tue, braucht man mir nicht das Recht auf Einfluss und Entscheidung abzuerkennen“.

   So sprach sie. So hatte sie sicherlich oft vorher gesprochen, und sie hatte reichlich Ursache, so alle ihre Lebtage zu sprechen. Aber ich weiß, als ich aus dem Garten reinkam und entdeckte, dass sie geweint hatte, da begann ich zuzuhören. Denn da  war ihre Rede nicht nur ein Klagegesang. Diesmal enthielten ihre Worte eine Drohung. Denn nun werde sich der Ton ändern, sagte sie. Und wenn das auch  Krieg bedeute! Krieg gegen Vater! Einen Krieg, den sie bereit war, mit allen Mitteln zu führen. Denn nun galt es Wolfgangs Zukunft. Seine Ausbildung.

   „Aber – Mutti – welche Mittel?“

   Ja, darauf konnte sie nicht richtig antworten. Noch nicht. Nein, noch nicht. Aber sie würde einen Weg finden. Einen Ausweg. Denn einen solchen müsse sie finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

        P o l i t i s c h e    P r o p a g a n d a    u n d    w a h r h e i t s g e t r e u e    R e d e

 

 

Sie, mein Führer, gaben uns wieder unser täglich Brot. Dafür steht eine 66 Millionen-Nation wie ei Kraft- und Stahlblock geeint und zusammengeschweißt hinter Ihnen . . .“.

 

                                                   Rede von Joseph Goebbels vom 30. 9. 1934 anlässlich

                                                   einer Massenkundgebung zum Erntedankfest

 

 

   Die gesamte Nation – hieß es – esse einmal in der Woche „Eintopf“. Damit – so sagte man auch – zeige die gesamte Nation gemeinsam ihre Bereitschaft zu Genügsamkeit, die dem Vaterland zugute kommen werde. Ja, das sagte man. Und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln. Meine Mutter kochte nämlich oft „Eintopf“. Vater und Mutter sparten wie besessen für ein Radio. Ein solches Gerät werde die Welt in unser Wohnzimmer bringen, erklärte Vater. Und obwohl ich  unser Wohnzimmer groß fand, war es für mich unverständlich, wie es auch nur einen kleinen Zipfel der Welt fassen könne, dieser großen Welt, die mir schon weit weg von unserem Haus im Zentrum der Großstadt oder unten am Hafen grenzenlos vorkam. Wolfgang sagte, sie komme mit Hilfe des Radios zu uns durch den Äther. Die Welt also. Aber Vater erklärte das ganz anders. Er sagte, dass durch das Radio Nachrichten aus der ganzen Welt zu uns kämen. Man werde uns, dem Volk, erzählen, was die Regierungen fremder Länder meinten und unternähmen und was sie über uns dächten. Ja, und auf diese Weise wäre es leicht, sich von allem ein Bild zu machen.

   Ach, wie sie da sparten und wie sie auch uns Kinder dazu brachten, die meisten Wünsche aufzuschieben. Wenn wir uns beklagten, meinte Mutter, dass Kinder lernen müssten, zu dem einen nein sagen zu können, um das andere zu erhalten. Man könne nicht alles verlangen; so sei nun einmal das Leben. Sie freute sich darüber, mit Hilfe des Radios bald Musik und Theater hören zu können – zu Hause, in ihrer eigenen Wohnung – man denke nur, dass sich so was  machen lässt! Mein Vater hörte nicht auf, von den Nachrichten als dem Allerwichtigsten zu sprechen, was das Radio zu bieten habe. Und dann meinte er, dass man unbedingt die Reden der Politiker hören müsse. Diese würden uns einen Fingerzeig geben können, wie die Welt sich entwickeln werde. Und aus all’ diesem Gerede musste ich erneut erkennen, dass Äther und Radio und Politik unbegreiflich für eine Größe wie mich sind und dass man genau so gut ab und zu desinteressiert sein konnte. Was geschehen soll, geschieht, sagten die Alten bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es gab Augenblicke, in denen ich meinte, etwas verstanden zu haben. Das Radio würde Äther in unser Haus senden, und durch den Äther könne die Welt in jeden Winkel unseres Wohnzimmers gebracht werden. Aber ob er sich auch die Treppe hinauf bewegen und in mein Kinderzimmer kommen könne – dieser Äther – darüber war ich etwas im Zweifel. Immerhin hatte meine Tür ein Schloss, dachte ich, und längst hatte ich gelernt, den Schlüssel zu benutzen.

   Da geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Onkel Georg, Vaters jüngster Bruder, war aus Berlin zu Besuch gekommen. Er hatte große Lust, Hamburg im Allgemeinen und dessen Nachtleben im Besonderen kennen zu lernen, denn über dieses eigenartige Leben hatte er eine Menge gehört. Und  mein Vater meinte, wenn der kleine Bruder sich schon die Mühe gemacht und sich auf den langen Weg hierauf begeben hatte, könne man ihm diesen bescheidenen Wunsch nicht abschlagen. Sie wollten nur ein bisschen gucken gehen, und das koste ja nichts. Sagten sie. Ich habe nicht gehört, was Mutter antwortete.

   Eines Abends brachen die beiden Männer also auf, um zu sehen, was Hamburg zu bieten hatte. Es muss recht viel gewesen sein, denn sie waren eine ganze Nacht unterwegs. Und als sie am frühen Morgen nach Hause kamen, hatten sie das ganze Geld verbraucht, das für das Radio gespart worden war. Ich kann Mutters Reaktion nur erraten. Das, was sie in dieser Situation Lust hatte zu sagen, teilte sie Vater flüsternd und hinter verschlossener Tür mit. Wir anderen erlebten sie viele Tage lang ganz schweigsam und mit verschlossenem Gesicht, das uns sagte: rühr mich nicht an, frag mich nicht, lass mich in Frieden! Später erzählte sie mir, dass sie innerlich rasend gewesen sei, was man wohl sein dürfe, wenn erwachsene Männer sich wie dumme, verantwortungslose Bengel benähmen. Aber sie wollte nicht vor Georg und den Kindern Vaters Rolle als unbestrittenem Familienoberhaupt zerstören. Sie wollte um nichts in der Welt Vaters Familie in Berlin einen Vorwand geben zu glauben, sie sei eine schlechte Ehefrau.

   Und Vaters Reaktion? Ja, er war in der Zeit danach sehr sanft. Ohne um irgendetwas gebeten worden zu sein, führte er alle möglichen Arbeiten und Reparaturen aus – allerdings ohne bei der Arbeit zu singen und zu pfeifen, was er sonst zu tun pflegte. Es gab keine Grenzen dessen, was er tun wollte und konnte. Sogar Plätzchen backte er. Und Honigkuchen – jene, die so schwierig zu machen waren – gefüllt mit Orangenmarmelade und mit Schokoladenglasur überzogen und verziert mit Nüssen und kandierten Früchten.

   Und dann begannen sie wieder von vorn. Legten Pfennig für Pfennig beiseite, ohne von all’ den Freuden zu sprechen, die ein Radio in unser Haus bringen werde. Wir hörten auch kein Gerede mehr, dass Kinder lernen müssten, zu manchem nein zu sagen, wenn ein großer Wunsch auf der Liste stehe.

   Endlich kam der Tag, an dem das Radio geliefert werden sollte. Zuvor hatte Mutter das Wohnzimmer geputzt, als ob man einen geschätzten Gast empfangen wollte. Vor der Lieferung stand sie am Fenster und hielt nach dem Auto Ausschau. Das Gerücht des großen Ereignisses hatte sich verbreitet, mehrere Nachbarkinder hatten sich bei uns eingefunden. Aber als zwei Männer mit dem Radio kamen, schickte Mutter uns alle in die Küche. Von der geöffneten Tür her durften wir alle die Aufstellung dieses Wunderdings verfolgen. Es wurde vorläufig auf Vaters Schreibtisch gestellt, der für uns alle unantastbar war und darum von Mutter als sicherster Platz für dieses mystische Ding angesehen wurde. Mutter wirkte merklich angespannt und nervös und wollte keinesfalls einen der vier Radioknöpfe berühren. Die folgenden Tage bediente nur Vater den Kasten. Erst nach geraumer Zeit wagte er, Mutter Unterricht in der richtigen Bedienung der Knöpfe zu geben. Und sie begriff wirklich schnell den Unterschied zwischen Kurz-, Mittel- und Langwelle. Dies schien mir bewundernswert.

   Mit dem Radio kam zweifellos die Welt in unser Haus. Wenn Vater Nachrichten hörte, durfte keiner ein Wort sagen. Das war unangenehm. Herrlich dagegen waren die Sonntage mit Kinderhörspielen, die auch die Eltern begeisterten, weil die Sendezeit mit ihrem Nachmittagsschlaf zusammenfiel. Radiotheater war etwas ganz anderes, als Märchen in einem richtigen Theater zu sehen. Das Hörspiel gab mir die Möglichkeit, mir das Aussehen der Menschen, deren Stimme ich hörte, selbst vorzustellen.

   Mutter und Vater hörten auch – um sich zu orientieren, wie sie sagten – Hitlers und Goebbels’ Reden. Glücklicherweise waren diese Sendungen nichts für Kinder. Es war klar, dass Politik etwas für Männer und nicht für Frauen und Kinder war. Ich hörte Menschen sagen, dass Hitler ein ungewöhnlich begabter Redner und Goebbels ein tüchtiger Analytiker sei – was das bedeutete, musste eine wie ich erraten. Aber es war sicher etwas enorm Gutes, sonst hätte man sich wohl nicht die Zeit genommen zuzuhören. Ich fand, Hitler schrie, und Goebbels redete salbungsvoll. Aber so etwas sagt man nicht laut, sagte Vater, und man sagt das keinesfalls im Beisein anderer. Man hatte zu flüstern begonnen. Auf eine merkwürdige und mir unverständliche Weise hatten Menschen mehr Heimlichkeiten. Zum Beispiel wurden Erwachsene plötzlich merkwürdig schweigsam, wenn man in ein Zimmer kam, wo man zuvor recht laut gesprochen hatte. Oder man antwortete nicht mehr auf Fragen. Kurz gesagt, die Art der Menschen, miteinander zu sprechen, hatte sich verändert.

   Hitler war am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen. Das war ein äußerst wichtiges Datum, das sich auch alle Kinder merken mussten. Mutter erzählte, dass man damals, als sie Kind war, sich auch Kaisers Geburtstag gemerkt habe. Aber es war ungefährlich, ja, es war in Wirklichkeit völlig gleichgültig, wenn man ihn vergaß. Was man aber nicht tat, denn Kaisers Geburtstag wurde mit Schulfrei begangen. Ich fragte, ob sie sich auch an das Datum der Machtübernahme des Kaisers erinnere. Aber das tat sie nicht. Obwohl sie es hätte tun müssen, denn man musste sich die Regierungszeit aller Könige und Kaiser merken, auch wenn sie vor tausend Jahren gelebt hatten. Dieses Wissen gehörte zur „Allgemeinbildung“. Und im Übrigen handelte es sich nicht um eine Machtübernahme, damals, als Könige herrschten. Könige erben nämlich den Thron. Sie nehmen ihre Position ein, indem sie den Thron „besteigen“. So heißt das, „besteigen“, wie andere Berge besteigen. Aber einen Berg zu besteigen, ist wohl ein bisschen anstrengender, sollte man meinen.

   Wie es sich damit auch verhält, ich hätte gerne gewusst, ob auch Hitler auf einem Thron saß, der sich vererbte. Und diese Frage verneinte Mutter lächelnd. Ja, sie grinste sogar, konnte ich sehen. Und da musste ich wieder einsehen, dass ich mich blamiert hatte, weil ich die Welt nicht verstand. Denn ich hatte einmal  einen Erwachsenen sagen hören: „ . . . da thront Hitler und meint, er könne alles bestimmen“.

   Zu dieser Zeit sagte Vater oft, alles sei politisiert worden. Ich kann mich nicht an die Reihenfolge der Ereignisse erinnern. Weiß nur, dass Vater aufhörte, Massenkundgebungen zu besuchen. Vorher war er zu allen möglichen Versammlungen gegangen - um zuzuhören und um sich ein Bild machen zu können, wie er sagte. Nun trat er sogar aus allen Vereinen aus. Das heißt, ein paar Vereine hörten auch auf zu existieren. Sie wurden nämlich schlichtweg verboten. Alles wegen der Politik, sagte Vater. Und eines schönen Tages wollte er auch nicht mehr zur Sonnenwendfeier gehen, obwohl da alles geboten wurde, was zu einem richtigen Fest gehörte: Musik, ein Fackelzug, Fahnen Gesang und Festreden. 

   Die Fahnen, ja, in die war auch die Politik gefahren, und das auf eine äußerst merkwürdige Weise. Eines Sonntags ging mir auf, dass all’ die unterschiedlichen Fahnen von den Fahnenstangen und den Fenstern der Häuser verschwunden waren. Nur die Hakenkreuzfahnen flatterten im Wind. Denn so sollte es sein. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ - und eine Fahne, natürlich, denn die gehörte ja gleichsam dazu. Alles war vereinfacht worden. Vierschrötig, hörte ich einen Erwachsenen sagen. Trotzdem gab es viel Unverständliches. Wie die Geschichte von Heinz, einem etwas barschen und schweigsamen Nachbarn. Er war ein Mann, dem alle mit größtem Respekt begegneten. Über ihn sagte man, dass er seine Fahne mit allen Mitteln, mit Zähnen und Klauen, verteidigt habe. Diese Fahne, die allen und jedem zu erkennen gab, dass ihr Eigentümer Sozialdemokrat ist. Junge Nazis hatten während der „Kampfzeit“ versucht, diese Fahne von der Fahnenstange herunterzureißen mit der Drohung, das wieder zu tun und dazu schlimmere Dinge, wenn Heinz es wagen sollte, diese „Scheißfahne“ noch ein einziges Mal zu hissen. Aber am Sonntag darauf hing die Fahne wieder da – für alle sichtbar. Herr Heinz hatte an einer Ecke der Fahne eine dünne Leine befestigt. Das andere Ende der Leine hielt er in der Hand, während er versteckt hinter einer Mauer lag. Nun sollten sie wagen zu kommen! Was sie auch taten. Wortgefechte und Streit und Prügelei waren gewiss das Ergebnis. Aber wie das vor sich gegangen war, erfuhr ich nie, das verheimlichten mir die Erwachsenen. Klug aus Erfahrung, denn es hatte sich herumgesprochen, dass ich Meisterin darin war, Tatsachen auf eine Weise weiterzuerzählen, die  - gelinde gesagt – nicht sonderlich erfolgreich war. Wie es sich damit nun auch verhielt, Heinz’ Fahne verschwand von seinem Haus, und zu einer neuen, einer mit einem Hakenkreuz in der Mitte -  nein, dazu habe er gerade kein Geld, sagte er.

   Mutter erzählte mir, dass mein Vater, nachdem wir in das Haus eingezogen waren, der Fahnenstange einen Platz im Garten hinter dem Haus gegeben hatte, an der seine Westpreußen-Fahne jeden Sonntag gehisst wurde. Die Fahne war seine Privatsache, sie war eine kleine Erinnerung an seine Heimat. Nach 1933 musste er jedoch einsehen, dass - was die Fahne anbelangt -  auch die Ecke im Garten hinter dem Haus nicht mehr privat sein durfte. Er grub die Fahnenstange aus. Die Fahne sah ich nie wieder. Und ob die ausgegrabene Fahnestange dieselbe war wie die, die ein paar Jahre später in unserem Vorgarten ihren Platz fand, das weiß ich wirklich nicht. Ich erinnere mich nur, dass Vater eines Tages den Spaten nahm und ein großes Loch im Rasen des Vorgartens aushob für eine Fahnenstange, die die Hakenkreuzfahne tragen sollte. Eine Zeitlang hatten wir, wie so viele andere, die Fahne  am Schlafzimmerfenster an der Vorderseite des Hauses befestigt. Was sollen wir mit einer Fahnenstange, hatte Vater gesagt, bald ist das doch alles vorüber. Aber Mutter hatte genörgelt: Wir brauchen eine Fahnestange. Man kann das Fenster nicht ordentlich schließen. Und es sieht schlampig aus, wenn die Fahne gegen die Mauer klatscht.

   Aber als Vater das Loch für die Fahnenstange aushob, meckerte sie wieder: Der kleine Rasen werde verwüstet. Und was sollen wir mit einer Fahnenstange. Der Rasen ist zu klein. Zu klein für so etwas! Hörst du, Emil?

   Aber Vater grub nur weiter, als sei er schwerhörig. Er murmelte, dass jetzt alle in der Straße eine Fahne hätten. „Was sein muss, muss eben sein!“ Der kleine hässliche Fleck im Rasen sei ohne Bedeutung und werde bald wieder zuwachsen.

   Einmal hatte Wolfgang von einer Gruppe halbstarker Nazis Prügel bezogen, weil wir keine Hakenkreuzfahne hatten. Und als wir endlich eine hatten, bekam er wieder Prügel, dieses Mal von einer anderen Gruppe Halbstarker – die sich Sozialisten nannten; sie warfen ihn in den Dreck und zerrissen seine Kleidung.

   „Mutti, man kann es doch nicht allen recht machen. Irgendwer wird immer unzufrieden sein mit dem, was man tut. Wie soll man sich verhalten, wenn man Prügeleien aus dem Wege gehen will? Ich habe Angst vor Haue, und ich habe keine Lust, andere zu verhauen“.  .

   Ach, all’ die Scherereien mit den Fahnen! Man konnte sie satt haben. Ob das Leben ohne Fahnen leichter wäre? Wohl sind die Menschen ungleich in tausenderlei verschiedener Weise. Und wohl ist es schön, diese Verschiedenheit zu erkennen zu geben. Aber vielleicht könnte man auf andere Ausdrucksformen kommen. Zweifellos waren die Sonntage damals herrlich dekoriert durch Fahnen mit allen möglichen Symbolen und in allen möglichen Farben. Und wahrscheinlich war es auch gut zu wissen, wer welche politische Einstellung hatte. Aber ist es notwendig, angesichts einer Fahne sich so zu ereifern? Vielleicht  können Männer nicht anders sein? Vielleicht weiß das  Hitler. Man behauptet ja, er sei klug, und vielleicht hat er deshalb alle anderen Fahnen verboten. Weißt du, wenn alle gleich sind oder so tun, gibt es nichts mehr, weswegen man sich schlagen müsste. Stimmst du mir nicht zu, Papa? Vielleicht ist es so, dass Hitler aus reiner Friedensliebe all’ diese dummen Fahnen verboten hat?

   Aber Vater antwortete nur wie üblich: „Du fragst zu viel, du läufst rum wie ein Fragezeichen. Ich glaube, wir gehen einer Zeit entgegen, wo es mir schwer fallen wird, dir auf alles eine Antwort zu geben. Denn du fragst nicht nur zu viel, du schnackst auch zu viel. Mit deinem Mundwerk kannst du uns alle an den Galgen bringen“.

 

   Dann ereignete sich das Erstaunliche, dass Mutter sagte, sie baue in einer bestimmten Angelegenheit auf Hitlers Hilfe: der hatte nämlich das Napoléon zugeschriebene Wort wiederholt, dass jeder in seinem Reich mit dem Marschallstab im Tornister geboren werde. Dies war für viele Menschen eine der wichtigsten und deswegen häufig zitierten Äußerungen Hitlers. Man vertraute dieser Behauptung, und das, fand ich, war ein wenig sonderbar, denn ich hatte noch nie ein Baby mit einem Tornister gesehen, und um uns herum wurden viele Kinder geboren. Mutter erklärte, der Marschallstab symbolisiere die Möglichkeit einer Offiziersausbildung, beziehungsweise einer höheren Ausbildung überhaupt, für alle – also für alle Jungen. Mädchen täten weiterhin gut daran, zu heiraten und gute Hausfrauen zu werden.

   Ostern 1933 war Wolfgang in die vierte Grundschulklasse gekommen, in der üblicherweise von den Eltern und den Lehrern entschieden wurde, ob ein Kind für eine weiterführende Schule, zum Beispiel ein Gymnasium, geeignet sei. Vater hatte Mutter rechtzeitig erklärt, dass das Gymnasium für Wolfgang nicht infrage komme. Die Ausgaben für die Schule, für Bücher, für die täglichen Fahrten mit der Straßenbahn würden unseren ohnehin schon sehr engen Haushaltsplan sprengen.

   Wegen Vaters Haltung wurden er und Mutter von Wolfgangs Klassenlehrer und dem Rektor der Schule zu einem Gespräch gebeten. Nur Mutter ging hin, Vater hatte während seines Dienstes nicht so recht Zeit für so etwas. Mutter war aufgebracht, dass Vater sie dieses schwierige Gespräch alleine führen ließ.

   Der Lehrer sprach mit Mutter über Wolfgang. Bezeichnete ihn als ein sehr begabtes Kind. Diese Worte prägten sich ihr ein. „Ein sehr begabtes Kind“! Viele Jahre lang zitierte sie diesen Satz bei jeder sich bietenden Gelegenheit, besonders in Vaters Gegenwart.

   Eines Abends, wir alle saßen um den Tisch in der Wohnstube, notierte Vater alle unsere festen Ausgaben in langer Reihe auf einem Stück Papier: Miete, Feuerung, Strom, Gas, Essen, das feste Konto für seine Uniform, Krankenversicherung, Steuern. Da blieb nichts übrig. Nicht ein Pfennig für Beförderung und Neuanschaffungen. Das Wort „Vergnügungen“ nannte er überhaupt nicht, aber wir waren ja auch daran gewöhnt, die kostenlosen Freuden zu finden.

   Mutter schlug vor, sich eine Arbeit zu suchen. Sie hatte ja etwas gelernt. Hatte bewiesen, dass sie tüchtig war. Du weißt, die Konditorei, damals, ging gut unter meiner Leitung.

   Wie gewöhnlich, wenn Mutter noch so vorsichtig andeutete, sie könne ja versuchen, eine Arbeit zu finden, reagierte Vater wie von einer Hornisse gestochen.

   „Arbeit? Du weißt genau, dass es der Frau eines Polizeibeamten verboten ist, Geld zu verdienen. Ja, ja, du kannst natürlich um Dispens nachsuchen. Aber wer soll die Kinder betreuen, wenn du außer Haus bist? Kannst du mir das sagen? Und habe ich vielleicht nicht Anspruch darauf, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn ich müde nach Hause komme?“

   Ach, wie wir diese Tiraden kannten, die manchmal von Vater wie eine Salve abgefeuert wurden.

   Auch Mutters Antwort war uns wohlbekannt:

   „Die Kinder sind so groß, dass sie sich gut ein paar Stunden um sich selbst kümmern können. Und vielleicht wäre es sogar gut, wenn du – nur ab und zu – lerntest, ein wenig auf das Essen zu warten - oder versuchtest, selbst etwas zu machen!“ Doch muss erwähnt werden, dass sie den letzten Satz nicht so häufig sagte.

   Vaters Ansicht über die Rollenverteilung in der Ehe war fest verwurzelt und unerschütterlich. Mutter durfte ja auch nicht  wie andere Frauen in der Nachbarschaft  im Garten arbeiten. Sand unter den Fingernägeln einer Frau  ist des Mannes Schmach. So sprach Vater. Und ich glaube, Mutter war mit dieser Einstellung ganz zufrieden. Als Kind hatte sie als „Mutters großes Mädchen“ hart arbeiten müssen, auch im Garten. Mutter hasste Gartenarbeit. Dass Vater Kuchen backte, war in ihren Augen vertretbar, er war ja gelernter Konditor. Aber ansonsten durfte man ihm nicht mit „Frauenarbeiten“ kommen.

   Not lehrt nackte Frauen spinnen. Wolfgang sollte eine ordentliche Ausbildung bekommen. Und da sie keine Arbeit annehmen durfte, war sie gezwungen, andere Argumente zu finden. Das Haushaltsgeld! So werde sie also gezwungen, einen Teil der Ausbildungskosten am Haushaltsgeld einzusparen. Dieses war ihr letztes Argument. Vaters eiskalter Kommentar pflegte dann zu sein, ob sie wirklich wünsche, dass die Kinder fehlernährt würden.

   Nein, nein! Das wollte sie auch wieder nicht. Aber sie gab nicht auf: Man könne einen größeren Stall bauen und mehr Tiere halten. Hühner zum Beispiel, andere Nachbarn hätten sich auch Hühner angeschafft. Die gäben reichlich Eier, von denen man backen und Pfannkuchen machen könne und  . . . .

   Eine Weile schwieg Vater in einer Weise, die einen Wutausbruch ankündigte. Aber statt zu brüllen, fragte er ironisch, ob denn seine süße, liebe Frau im Stande sei, für all die Tiere Futter zu besorgen.

   Nein, das werde sie wohl kaum schaffen.

   Na also!

 

   Vater sprach oft über die Verhältnisse in Deutschland. Er erwartete harte Zeiten. Wohl hatten viele Arbeit gefunden. Aber das Land hatte schwere wirtschaftliche Probleme. Man erwartete Preissteigerungen auf Gebrauchsgegenstände und Waren des täglichen Bedarfs. Unser privates Budget  werde das nicht verkraften. Wie das Budget des „Führers“ dies nicht aushalten werde und zu scheitern drohe. Den „Marschallstab“ werde Wolfgang nicht erhalten. Und damit müssten wir uns abfinden. Wir seien es ja gewohnt, den Gürtel enger zu schnallen.

   Erneut wurde Mutter zu einem Gespräch mit dem Rektor der Schule gebeten. Wieder versuchte man, Mutter klarzumachen, was sie längst wusste: Der Junge sei sowohl musisch als auch mathematisch begabt. Die meisten der begabten Kinder würden auf das Gymnasium gehen. Der Unterricht für die „Nicht-Geeigneten“ werde auf  einem Niveau stattfinden, bei dem sich Wolfgang langweilen werde. Die Schule sei schon jetzt nicht in der Lage, ihm genug zu bieten. Er hungere geradezu nach mehr Wissen.

   Auch diesen Satz wiederholte Mutter in der folgenden Zeit – nein, viele Jahre lang  - bei allen möglichen Gelegenheiten. Insbesondere als von Seiten der Schule erneut Klagen über Wolfgangs Benehmen kamen. Die Leitung der Schule teilte den Eltern eines Tages mit, dass man sich nicht länger mit seinem unruhigen, uninteressierten Verhalten abfinden werde.

   In einem Gespräch mit dem Klassenlehrer erfuhr Mutter viel von Wolfgangs irritierendem Betragen. Man stelle sich vor, er tat, als ob er wie ein Murmeltier schlafe – während des Unterrichts. Verlangte der Lehrer von ihm eine Antwort auf eine Frage zu einem Thema, das gerade durchgenommen worden war, pflegte der Junge, auf den Tisch gelümmelt, mit halbgeschlossenen Augen und sichtbaren Zeichen äußerster Langeweile und sehr, sehr herablassend, richtig zu antworten. So dürfe man sich nicht benehmen!

   Während der folgenden Monate wurden Vater und Mutter wiederholt zu Gesprächen mit dem Lehrer oder dem Rektor gebeten. In letzter Zeit immer wegen Wolfgangs schlechtem Benehmen. Trotzdem bezeichneten Rektor und Klassenlehrer im Zeugnis Wolfgangs Betragen als „gut“, machten aber in einer „besonderen Bemerkung“ auf Wolfgangs schlechte Schrift aufmerksam. Er müsse sich insbesondere bei den Hausarbeiten mehr Mühe geben! Mutter begriff nicht, warum die Schrift Anlass zu einer negativen Bemerkung gegeben hatte, während sich doch andere Probleme häuften. Vater ärgerte sich deutlich sichtbar. Befahl Wolfgang extra Schreibübungen. Sprach häufig mit ihm in einem gereizten Ton: Du hast dich gut zu benehmen! Du musst in der Schule das Beste leisten! Während dieser „Gespräche“ antwortete Wolfgang nie, sondern starrte in die Luft und zuckte mit den Schultern. Dann kam eine neue Mitteilung von der Schule: Wolfgang mache nun Unsinn, den man keineswegs tolerieren könne. Er beeinflusse die übrigen Mitglieder der Klasse störend und anfeuernd. Allmählich sei er in die Rolle eines Anführers hineingewachsen, und diese Stellung benutze er keineswegs kreativ. Behauptete der Lehrer. Doch Wolfgang, der machte den Eindruck, als genieße er die Bewunderung seiner Kameraden für alle seine Streiche.

   Schließlich wurde Wolfgang bestraft. Der Lehrer gab ihm eine Tracht Prügel. Vater begnügte sich damit, ihm Ohrfeigen und Hausarrest zu geben.

   Eigenartigerweise weinte oder klagte Wolfgang nie, wenn Vater wütend auf ihn war. Und Kinder seiner Klasse erzählten mir, dass Wolfgang die Schläge des Lehrers mit einem Grinsen quittiere. Einmal, kurz darauf, rief Wolfgang Vater zu: „Hitler hat versprochen, die Prügelstrafe abzuschaffen. Hitler hat seinen Jungen versprochen, diese Form so genannter „Erziehung“ unter Strafe zu stellen! Dann warte nur ab, Vater, warte nur ab!“

   Vater erklärte, dass die Abschaffung der Prügelstrafe lange vor der Hitlerzeit diskutiert worden sei, aber Wolfgang wusste es besser: Niemals vor Hitler habe man sich für Kinder und Jugendliche eingesetzt.

   Und Vater antwortete mit einem Seufzer: „Das Küken ist immer klüger als die Henne. So war es auch, als ich jung war. Nur mit einem Unterschied, mein Sohn. Wir Kinder und Jugendlichen begegneten damals den Älteren mit mehr Respekt. Und damals gab es auch keinen Machthaber, der versucht hätte, den Eltern das Recht auf und die Verantwortung für die Erziehung abzuerkennen“.

 

   Wolfgang war schon Ende 1933 der Hitlerjugend beigetreten. Dieser Verband war zu diesem Zeitpunkt eine Jugendorganisation auf völlig freiwilliger Basis. Wolfgang war begeistert. Die Aktivitäten entsprachen denen der Pfadfinder. Sport, besonders Schwimmen, war Wolfgangs Steckenpferd, er konnte eine Stunde schwimmen und erhielt dafür eine Medaille. Auch das erwähnte Mutter recht oft. Später wurde Wolfgang in das Orchester der Hitlerjugend aufgenommen. Damit wurde einer von Wolfgangs großen Wünschen erfüllt – er erhielt Musikunterricht.

   Wahrscheinlich wurde damals etwas für die Jugend in Gang gesetzt, das für viele eine Freude und von Nutzen war. Die Jugend verschwand von der Straße. Die Jugendkriminalität fiel. Dies merkte insbesondere auch Vater auf Grund seines Berufs als Polizeibeamter. Und er sprach oft davon.

   Wolfgang lernte die Trommel schlagen und Flöte spielen. Einmal sah ich sie marschieren, ich erinnere mich nicht mehr, wann das war. Aber ich erinnere mich an die Stimmung. Es war dunkel geworden. Die Jungen an der Außenseite der Marschkolonne trugen brennende Fackeln. Das war schön, aber auch ein bisschen gruselig. Die Fackeln warfen merkwürdige, flackernde Schatten auf die Gesichter der Jungen, die fremd, fast nicht wieder zu erkennen waren. Da lief es mir kalt über den Rücken. Wolfgang hatte eine Uniform bekommen, auf den Schultern trug er Zeichen, die deutlich machten, dass er dem Spielmannszug angehörte. Obwohl er nicht sonderlich groß war, marschierte er als Trommler in der ersten Reihe.

   Bum! – Bum! – Bum Bum Bum! – Bum! – Bum! Bum Bum Bum! Schlugen die Trommeln immer wieder. Das war keine Musik, nur dunkle, Furcht einflößende Töne.
Als der Umzug sich der Stelle näherte, wo ich stand, sandte mir mein Bruder ein  wiedererkennendes Lächeln. Später meinte er, es sei das Beste, wenn ich mich von den Vorführungen weg hielte. Alle wussten ja, dass ich seine kleine Schwester sei, und er mochte mich nicht dort stehen und dämlich lächeln und vielleicht auf die Idee kommen sehen, ihm zuzuwinken. Die „Sache“ nämlich, für die er kämpfte, war eine ernste Angelegenheit und nur geeignet für Jungen und Männer und nicht für dumme Gören.

   Nach und nach hörte er auf, mit mir zu spielen. Nur bei Mensch-ärgere-dich-nicht und Schwarzer-Peter konnte er sich dazu herablassen, wenn niemand anders da war. Das Kasperletheater verschwand in der Rumpelkammer. Niemand von uns anderen konnte mit den Handpuppen umgehen wie Wolfgang. Vater meinte, es sei gut, dass Wolfgang in etwas aufgehe, was ihn interessierte. Wegen seines Benehmens kamen von der Schule keine Klagen mehr. Mehr als zuvor sprach nun auch Vater über Wolfgangs Zukunft: Der Junge könne es weit bringen. Er solle zunächst eine Lehre bei einem Meister machen und danach eine Technikschule besuchen. Er habe ja die Fähigkeiten und den Willen, etwas zu lernen.

   Wolfgang redete davon, Elektroingenieur zu werden, nach Afrika zu gehen und dort das Stromnetz mit aufzubauen. Gewiss hatte man Deutschland nach dem Weltkrieg alle Kolonien weggenommen. Aber Hitler hatte versprochen, die „Schmach des Friedensvertrages“ von unserem Land zu nehmen. Ich fragte, was das Wort „Schmach“ bedeute, aber Wolfgang meinte, dass er das einem Mädchen nicht zu erklären brauche, das zu klein sei, um solch ernste Dinge zu begreifen. Er begann, Bücher über und Bilder von Afrika zu sammeln. Während dieser Zeit kaufte Vater nur Zigaretten, in deren Schachteln Bilder zum Thema „Die deutschen Kolonien“ lagen, und er besorgte Wolfgang ein Album speziell dafür. Die Bilder wurden eifrig gesammelt, Onkel und Freunde halfen dabei. Bald war das Album ein spannendes Buch, in dem auch ich gerne blätterte.

   Vorher hatte Vater Zigaretten gekauft, in deren Schachteln Schmetterlinge und Blumen lagen, die aus einem dünnen, seidenähnlichen Stoff gemacht worden waren. Mutter nähte sie auf meine Blusenkragen oder Kleidertaschen, sie machte daraus auch Deckchen oder verwendete sie als Schmuck für meine Puppenkleider. Und den Rest hob ich in einer Schachtel auf. Aber dann standen die Bilder von den ehemaligen deutschen Kolonien hoch im Kurs, und ich tat gut daran, alles über Schmetterlinge und hübsche Kragen zu vergessen. Egal, Wolfgang war wieder froh. Das war die Hauptsache. Wohl kam es mir vor, dass er ein bisschen zu vorlaut geworden sei, besonders Mutter und mir gegenüber, doch waren Vater und Mutter nicht länger zerstritten. Im Großen und Ganzen war nun alles in Ordnung.

 

 

    Viele Jahre später – ich war längst erwachsen – haben Menschen, besonders im Ausland, mich vorwurfsvoll auf die unbegrenzte, verantwortungslose Naivität der deutschen Jugend im Dritten Reich hingewiesen. Wir hätten die nationalsozialistischen Politiker durchschauen müssen und den Erklärungen der Eltern mehr Gehör schenken sollen. Erst da ging mir auf, wie sehr wir Kinder „damals“ gewohnt waren, sowohl die Lügen der Politiker als auch die allgemein üblichen Schwindeleien und Verheimlichungen der Erwachsenen als etwas Gegebenes, als eine für die „Großen“ anscheinend notwendige Verschleierung zu nehmen. Wir schenkten den uns in allem überlegenen Erwachsenen Glauben, weil dies für Kinder und kindliche Gemüter wohl auch das Natürlichste ist. Zwar warnte mich Wolfgang: „Leute, die alles glauben, laden dazu ein, beschwindelt zu werden“. Doch erfand er selbst manch dick aufgetragene Horrorgeschichte, und seine Freude war groß, wenn ich ihm glaubte. Aber er stellte sich ganz auf meine Seite, als Vater mir seine vielen harten Bartstoppeln als Folge der in der Kindheit gegessenen Stachelbeeren aus Nachbars Garten erklärte, wobei er natürlich erwähnte, dass es allen so ergehen werde, die Früchte von der anderen Seite des Zaunes naschten. Er wird gewusst haben, dass ich mir ein paar gelbe Stachelbeeren aus Ursels Garten geholt hatte. Die Aussicht, als Mädchen mit Bartstoppeln herumlaufen zu müssen, machte mir Angst. Unglücklich aber war ich über Vaters Grinsen, als er mir versicherte, das alles sei doch nur eine lustige Lügengeschichte gewesen.

   Glücklicherweise aber war vieles die reine Wahrheit: Natürlich brachte der Storch die kleinen Kinder, wie man uns erzählt hatte. Dies aber brachte Ursel und mich zum Grübeln, denn wie konnte der dünnhalsige Storch das Baby durch die Luft befördern? Und auf welche Weise lieferte er es im Haus ab? Klopfte er, oder benutzte er die Klingel? Es gab Erwachsene, die den Storch mit einem gewickelten Baby im Schnabel hoch oben in der Luft gesehen haben wollen. Darum war es ärgerlich, dass Ursel in der Nacht, in der es dem Storch eingefallen war, ihrer Mutter ein Baby zu bringen, bei der Großmutter schlafen musste. Ich konnte Ursel erzählen, dass es während ihrer Abwesenheit in ihrem Haus viel Lärm gegeben habe, denn ich hatte jemanden laut schreien hören. Wir beschlossen, Ursels Mutter zu fragen. Nach einigem Zögern sagte sie, der Storch habe sie ins Bein gebissen – ins linke. Widerstrebend zeigte sie uns schließlich das Bein. Da war keine Wunde zu sehen, nur ein kleiner roter Punkt. Ach, du liebe Zeit! Soviel Geschrei um nichts. Und das bei Ursels Mutter, die nicht duldete, dass Ursel weinte, wenn sie sich wehgetan hatte. Alles war recht mystisch. Ich hätte auch gerne so ein kleines Baby gehabt und legte darum Zucker auf das Fensterbrett, denn der locke den Storch ins Haus, hatte man mir erzählt. Und wenn ich einen Storch sah, sang ich zusammen mit anderen Kindern:

                    Storch, Storch, bester, bring mir eine kleine Schwester;

                    Storch, Storch, guter, bring mir einen kleinen Bruder!

 

Aber meine Mutter wollte kein Kleinkind mehr im Hause haben. Nie mehr! Sie wirkte sehr entschlossen. Vielleicht tat es der Mutter wirklich weh, wenn der Storch mit einem kleinen Neubürger zur Familie kommt und die Mutter ins Bein beißt. Nach sorgfältiger Überlegung entschied ich mich, keine Kinder zu bekommen. Aber wie schafft man das nun wieder?

   „Mutter, kann man auch ein Kind bekommen, wenn man nicht verheiratet ist?“

   Sie wischte gerade den Fußboden. Einen Augenblick hörte sie auf, drehte sich aber nicht zu mir um. Dachte ein bisschen nach, als ob sie nicht richtig Bescheid wisse. Dann sagte sie endlich – ohne mich anzusehen -: „Nein, das kann man nicht!“ Damit war entschieden, dass ich niemals die Dummheit begehen würde zu heiraten.

 

   Es war Sommer. Dieser merkwürdige Sommer, als Nachbarn, Männer wie Frauen, die Köpfe zusammensteckten. Flüsterten und tuschelten und verstummten, wenn sich ein Kind näherte. In derartigen Fällen spitzt man die Ohren und fängt Teile einer  Geschichte auf, die man nicht versteht: Ein Mädchen aus dem Viertel hatte „Pech“ gehabt. Nur sechzehnjährig, erwartete sie ein Kind, dessen Vater vermutlich Fritz hieß und Soldat in einer nahe gelegenen Kaserne war. Mehr wusste das junge Mädchen nicht über den, der „ihr ein Kind gemacht hatte“. Sie kannte jedenfalls nicht seinen Nachnamen. Eine solche Geschichte rief ein Grinsen  in den Gesichtern der Männer hervor - und in denen der Frauen eine sich distanzierende Empörung. Und wir Kinder, wir bekamen den Eindruck, dass der Name des Kindsvaters das Allerwichtigste sei, wenn man ein Kind erwartete.

   Um den frechen Kerl – also den Vater des neuen Erdenbürgers – zu finden, musste das junge Mädchen, von ihrem eigenen Vater und einem Offizier begleitet, die Reihe der Soldaten, die zum Morgenappell angetreten waren, abschreiten. Das kann für dieses junge Mädchen nicht sonderlich angenehm gewesen sein, meinten die Frauen in der Nachbarschaft. Und die Männer grinsten wieder und sprachen von einem Heidenspaß. Die Soldaten fanden es sicher ganz lustig an diesem Morgen – abgesehen einmal von dem, der Fritz hieß und der Vater des Kindes war. Der stand sicher wie auf Kohlen und hatte es schwer, Haltung zu bewahren. Das Ende der Geschichte verliert sich für mich im Nebel. Einige meinten zu wissen, dass der Vater ausfindig gemacht worden sei, aber alles abgestritten habe. Insgesamt äußerte man über diese Sache eine Menge  mir unverständlicher Ansichten.

   Mit der Zeit nahm das Gerede über dieses arme junge Mädchen ab und verstummte schließlich. Oder war es vielleicht so, dass ich keine Lust mehr hatte zuzuhören?  Es kam ja nie ein kleines Kind in das Haus des Mädchens. Der Storch war vielleicht von dem ganzen Lärm so eingeschüchtert worden, dass er es nicht mehr wagte, in dieses Haus zu kommen, wo er, wie es üblich war, sein  Kommen rechtzeitig angekündigt hatte.

   „Lügen haben kurze Beine“, sagt ein altes Sprichwort. Ein anderes: „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen“. Es dauerte Jahre, bis ich das letztgenannte Sprichwort verstehen und dessen Wahrheit  erkennen konnte. Menschen schwindeln, daran ist nichts zu ändern. Als kleines Menschenkind fand ich alle Lügen ekelhaft – die allgemeinen, die witzigen, die aus Not erfundenen. Und die politischen! Aber es musste viel Wasser die Elbe hinunterfließen, bevor ich die politischen Lügen als die gefährlichsten begriff.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                     M i e z e   

 

 

   Ernst, Vaters guter Freund aus der Kriegsgefangenschaft, hatte zwei Schwestern, Mieze und Luise. Luise, die einen Witwer geheiratet hatte, lernte ich 1939 kennen, aber Mieze habe ich gekannt, solange ich lebe. Sie war die Jüngste einer Geschwisterschar und blieb unverheiratet. Deswegen – und aus Gründen, über die man nicht sprach – war es am besten, dass sie bei ihren Eltern wohnte. Als Vater nach dem Ersten Weltkrieg Unterschlupf bei Ernst und seiner Familie fand, lernte er Mieze kennen, und zwischen den beiden entwickelte sich eine Freundschaft, die das ganze Leben hielt. Mehr als Ernst, mehr als alle anderen wurde Mieze Vaters Vertraute. Und sie wurde Wolfgangs und meine am meisten geliebte Tante. Wolfgang behauptete, dass sie mehr seine als meine sei, denn sie war Wolfgangs Patentante. Doch wurde das Verhältnis zwischen Mieze und mir äußerst eng, vielleicht weil wir beide „Mädchen“ waren. Während meiner gesamten Kindheit kam Mieze zu allen unseren Geburtstagen. Ohne sie gab es kein Fest. Sie kannte viele Kinderspiele. Alle meine Freundinnen beneideten mich geradezu um Mieze. Keine hatte eine Tante wie sie. Mit uns Kindern zusammen wurde sie wieder Kind. Allerdings mit einer gewissen Autorität und mit Respekt, die in ihrer Gegenwart Zank und Streit unmöglich machten.

   Alle, die bei uns ein- und ausgingen, kannten und mochten Mieze. Auf eine sehr bescheidenen Art und Weise prägte sie unsere Familie – und auch unser Heim, denn sie machte die schönsten Handarbeiten und strickte alle meine Pullover. Mutter bezahlte ihr nur das Material, so wollte es Mieze haben.

   Für uns war sie das liebenswürdigste Wesen der Welt. Manchmal legte ich den Arm um sie; eine wie Mieze konnte man  nicht oft genug drücken. Mutter umarmte einen nicht – nicht so ohne weiteres, nur, wenn man Trost brauchte. Aber Vater konnte Mieze umarmen und ihr etwas Nettes und Liebes sagen. Dabei schmunzelte Mutter immer, und ich konnte erkennen, dass sie es wie Vater meinte und deshalb nicht das Gesicht verzog, was sie doch sonst so gerne tat, wenn Vater in Anwesenheit einer anderen Frau allzu fröhlich und aufgekratzt war.

   Mieze wagte, Vater Dinge zu sagen, die wir anderen kaum zu denken wagten. Sie durfte ihm auch widersprechen. Wenn Vater sich über Wolfgangs Eigenwilligkeit und Bockigkeit und meine Zornesausbrüche aufregte, konnte Mieze mit einem hintergründigen Lächeln feststellen, dass wir Kinder in der Tat unserem Vater ähnelten. Ja – und dann hatte Vater keine andere Möglichkeit als zu schmunzeln – resignierend, verzeihend oder verstehend, vielleicht sogar einig mit ihr. Jedenfalls musste er schmunzeln.  

   Sie hatte grüne Augen und kastanienrotes Haar, das recht lockig war. Sie versuchte, die Haare zu bändigen, indem sie ihre Locken, wie die Mode vorschrieb, in gut frisierte Wellen legen ließ, die mit Haarklemmen befestigt wurden. Aber Mieze liebte auch das Hamburger Wetter, wobei ihr der Wind ihr Haar zerzauste und die feuchte Luft ihre Frisur zu einer krausen Mähne machte, die ihr feines Gesicht umrahmte.

   Mieze und ich machten oft lange Spaziergänge. Üblicherweise nahmen die Erwachsenen mich bei der Hand, um auf mich Acht zu geben. Aber gingen wir zwei miteinander aus, führte immer ich Mieze, um dadurch besser auf sie aufpassen zu können. Sie konnte nicht schnell gehen, sie verlor leicht die Puste. Oft mussten wir stehen bleiben, um eine kleine Pause zu machen. Eines Tages konnte ich es mir nicht verkneifen und fragte sie, warum sie so anders sei, und da erzählte sie mir, dass sie als Kleinkind  die Englische Krankheit – Rachitis - gehabt habe. Das war während des Ersten Weltkriegs. Das gute Essen, das sie damals in reichlicher Menge gebraucht hätte, konnte man nicht beschaffen. Die Krankheit dauerte sehr lange und hatte schlimme Folgen für ihren Knochenbau: Der Rücken wurde zu einem großen Buckel gekrümmt.

   Eines Tages sagte ich, dass sie heiraten und ein eigenes Heim und einen Mann und ein paar Kinder haben müsse. Denn ich wusste, das Zusammenleben mit ihren Eltern war nicht immer schön. Besonders der Vater verursachte zunehmend Probleme.

   Sehr ruhig erklärte sie, dass sie als Kind von einer eigenen Familie geträumt habe, aber mit der Zeit habe sie gelernt, der Realität ins Auge zu sehen. Die Männer wählen kein Mädchen wie mich, sagte sie.  Die Männer nehmen mich nicht einmal zur Kenntnis, wenn sie eine Freundin oder eine Frau suchen. Ich versuchte, ihr zu widersprechen. Und so sagte ich, es könne ja einer kommen, der sich in dich verliebt. Noch bist du jung! Aber sie wiederholte nur, dass sie nie eine eigene Familie gründen werde. Denn Männer sind und bleiben, wie sie sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                       E t w a s    ü b e r    d i e    H e x e    K a k a o,    d a s    R e n o m m e e  

                                                    u n d    v i e l e s    a n d e r e

 

 

Es gibt vieles, was man tun muss, ohne vorher gefragt zu werden. Man muss zum Beispiel in die Schule gehen. Der Schulbesuch ist Pflicht! Denn es gilt,  „sich Weisheit und Wissen anzueignen“, und dies möglichst gleichgewichtig. Dies geschieht am besten in der Schule. Nur Weisheit oder Wissen taugen nämlich nichts in dieser Welt. Kinder müssen rechtzeitig lernen, „sich in der Gesellschaft einzuordnen“.

   Eigentlich ist gegen einen Schulbesuch nichts einzuwenden. Die Erfahrungen haben einem ja längst gezeigt, dass der Umgang mit anderen leicht fällt, wenn man von allem etwas versteht. Vor allem aber ist die Schule eine Angelegenheit der Pflicht. Das machten mir vor allem Wolfgangs Berichte klar. Ach, wie gut es ist, einen großen Bruder zu haben, der Bescheid weiß, dann ist man auf alles, was kommt, vorbereitet! Unter den Kindern des Viertels gab es wilde Gerüchte über die Schule und über wirklich schlimme Lehrer, die die Kinder in dunkle Ecken stellten, damit sie sich schämten, die nachsitzen ließen und Prügel verteilten! – Ist man wirklich in der Lage, etwas zu lernen, wenn man jeden Augenblick Prügel erwarten muss? Dies, meinte Wolfgang, sei leicht möglich. Man gewöhne sich nämlich allmählich daran und nehme das alles nicht mehr ernst. Also – nicht so sehr. Und dann wollte er mich trösten und sagte, dass es Mädchen leichter hätten, denn Mädchen schlügen  die Lehrer lediglich, wenn sie wütend seien. Nur die Jungen bezögen in der Schule Prügel. Und als ich sehr erschrocken fragte, worin denn der Unterschied bestünde, atmete er ein paar Mal tief durch, während er mitfühlend – sehr mitfühlend –seine kleine Schwester ansah. Einen Augenblick wusste ich nicht, ob ich nun wirklich die Wahrheit über die Bestrafungsmethoden der Schule zu erfahren wünschte. Aber bevor ich diesen Gedanken zu Ende denken konnte, hatte Wolfgang schon einen sehr detaillierten Bericht über die Bestrafung der unartigen Jungen begonnen:

   „Mit dem Rohrstock! Ja, das stimmt! Das ist ein Stock, den die Schule ausschließlich anschafft, um damit Kinder zu prügeln. So einen gibt es in jedem Klassenzimmer. Manche Jungen bilden sich ein, der Strafe entgehen zu können, wenn sie den Stock an abgelegener Stelle versteckten. Erst neulich rückte die Putzfrau in Festings Klasse den Schrank beiseite und fand da eine Unmenge Rohrstöcke, die die Jungen nach und nach zwischen Schrank und Wand versteckt hatten. Festing wurde wütend, wie er das zu tun pflegt. Oh, wie der wütend werden kann! Und nun gibt es eine Anordnung, dass ein Lehrer, wenn der Rohrstock nicht zu finden ist, das unartige Kind nur in eine andere Klasse zu schicken braucht, um den dortigen Stock zu borgen. Und dann fragt der Lehrer dieser Klasse, ob man es selbst sei, der eine Tracht Prügel kriegen solle, und wenn man das bejaht, dann grinst der Lehrer, und alle Kinder der Klasse fühlen sich verpflichtet mitzugrinsen, während er den Stock überreicht und viel Vergnügen wünscht. Dann ist es schon besser, man baut beizeiten vor, indem man den Klassenstock mit Zwiebeln oder etwas anderem einreibt, was den Stock spröde macht und ihn beim ersten Schlag zerbrechen lässt. Und dann muss man gleich jämmerlich schreien, denn dann denkt der Lehrer, dass der Stock kaputt gegangen sei, weil er zu hart zugeschlagen hatte. Wenn man Prügel erwartet, kann man eine Zeitung in den Hosenboden stopfen. Dann spürt man die Schläge nicht so sehr. Es gibt aber Lehrer, die die Zeitung entfernen, bevor sie zuschlagen. Aber dann muss man sich so verhalten wie Günter, man muss schreien, dass  der Lehrer, verdammt noch mal, aufhören solle, einem in der Hose rumzufummeln. Und dann wird der Lehrer sehr verlegen und windet sich. Günter behauptet, dass seine Mutter verlange, dass er mit Zeitungen in der Hose herumläuft, weil die den Hintern wärmen und den Stoff vor Abnutzung bewahren. Das ist gelogen, verstehst du, aber Günters Mutter kommt nie in die Schule, auch nicht, wenn der Rektor einen Brief geschickt hat, und so ist es gleichgültig, was Günter von ihr erzählt. Man kann auch etwas anderes tun. Man kann die Schläge mit versteinerter Miene einstecken. Wenn man dann auch noch grinsen kann, dann ist man ein Mann und verbessert sein Renommee in der Klasse“.

   Renommee? Dieses eigenartige Wort musste er gleich etwas näher erklären. Ich fühlte mich erheblich klüger, als mir mein nahezu allwissender Bruder verständlich machen konnte, dass ein gutes Renommee ein guter Ruf ist. Und den bekommt man, wenn man beweisen kann, dass man ein harter Kerl sei. So einer hat immer viele Freunde, und niemand in der Schule oder im viertel wagt, ihn zu mobben und zu ärgern. In der Tat, mit einem guten Renommee hat man viele Vorteile.

   Ach du meine Güte – was für ein merkwürdiger Ort muss die Schule sein, wo man einen guten Ruf kriegt, weil man grinsen kann, wenn man geprügelt wird. Aber Wolfgang schwor, dass er die reine und pure Wahrheit sage. Er hatte Blut geleckt und konnte mit seinen Schrecken erregenden Berichten kaum aufhören – von Lehrern, die Freude daran hätten, auf Jungen einzuschlagen. Diese Freude werde bereits sichtbar, wenn ein solcher Lehrer den Rohrstock zur Hand nehme. Wenn er ihn an beiden Enden anfasse. Wenn er ihn leicht zu biegen suche und ihn federn lasse, als ob er damit die Elastizität des Stockes prüfen wolle. „Guck mal, was für ein toller  Stock das ist. Ha, ha, ha!“ Wenn er ihn plötzlich hochhebe und ihn mit ein paar kräftigen Hieben ohne Ziel durch die Luft pfeifen lasse – während der Junge, hinuntergebeugt, das erwarte, was da kommen solle: den ersten kräftigen Schlag auf den Po. Er, der Lehrer, genieße das, verdammt noch mal! Er genieße es, wenn es im Jungen zuckt – nicht nur im Körper, sondern auch im Gesicht, im ganzen Jungen. Wer geprügelt wird, der hat es schlecht, das kannst du mir glauben. Denn das ist so doof, dazustehen – hinuntergebeugt -   und die anderen daran Spaß haben.

   All’ das berichtet Wolfgang und noch viel mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals im Leben zuvor entsetzter war als gerade jetzt. Niemals hatte jemand versucht, mich auf diese Weise zu prügeln. Mutter konnte schon mal einen Klaps auf den Po geben. Was ich dann mit Heulen oder, wenn ich wütend war, mit Brüllen quittierte. Nicht wegen des Schmerzes. Mutter schlug niemals hart zu. Aber allein von jemandem, den man gern hat, geschlagen zu werden, - oder auch nur, überhaupt geschlagen zu werden – tut ganz innen im Körper entsetzlich weh.

   Wolfgang versicherte mir, es tue äußerlich wie auch innerlich verdammt weh, wenn mit einem Rohrstock auf einen eingeschlagen würde. Ein bisschen helfe es, wenn man die Hände fest um die Knie klammert und sie kräftig zusammendrückt, sobald ein Schlag auf dem Hintern landet. Man muss ja vorgebeugt stehen, weißt du. Und wenn man dann seine Knie festhält, vermeidet man, sich noch mehr zu krümmen. Denn das ist eigentlich das schlimmste, weißt du, sich zu krümmen oder zu jammern und all’ das. Ein Junge müsse seine Abstrafung erdulden können.

   Nein, wie entsetzlich das in der Schule sein musste! Nicht einen einzigen Tag würde ich es dort aushalten. Ich würde mir nie ein „Renommee“ verschaffen können. Denn ich würde es nie schaffen, Prügel auf diese Art einzustecken. Bei Schmerzen muss ich weinen. Und die Wut anderer über meine Fehler und Schwächen machten mich immer sehr traurig. Ich weine überhaupt sehr leicht - das behauptet Wolfgang immer. Die Schule würde mich zu einer Heulsuse machen.

   Wolfgang tröstete mich. Sagte, dass es bei den Mädchen ganz anders sei: Die bekämen ein gutes Renommee allein durch ordentliches Benehmen. Mädchen schafften es leichter, immer sauber und nett und ruhig und süß zu sein. Die könnten auch mit Leichtigkeit immer freundlich sein und ihren Krempel in Ordnung halten. Es sei bei Mädchen nämlich genau anders herum. Niemand wolle mit einem Mädchen zu tun haben, das in der Schule eine Strafe erhalten hatte.

   Mit diesem Trost vergrößerte er nur meine Angst. Ich wusste aus Erfahrung, wie leicht man etwas falsch machen kann, ohne es zu wollen. Ja, oft will man irgendetwas richtig gut machen, aber das Resultat ruft bei den Erwachsenen nur Gereiztheit und Zorn hervor, ohne dass man dafür klar und deutlich eine Begründung bekommt.

   Wie damals, als ich das Kaninchen Max aus dem Stall nahm und es in meinem Puppenwagen, einem kleinen Korbwagen mit Holzrädern, im Viertel herumfuhr. Es war ein herrlicher Frühlingstag, und Max würde es nicht schaden, ein bisschen herauszukommen. Er war nämlich aggressiv geworden. Vater sagte, der Frühling sei Max ins Blut gestiegen, er brauche Gesellschaft. Aber Mutter meinte, das Tier benehme sich ungestüm. Und wenn das Viehch nicht aufhöre, sie zu beißen, ja, dann müsse es geschlachtet werden. Ich wollte Max also nur vor dem Tod bewahren. Und ich glaube, er hat das gut verstanden. Er erlaubte mir nämlich, ihn aus dem Stall zu ziehen, in den Puppenwagen zu heben, ihn mit einer Puppendecke zuzudecken, er leistete fast keinen Widerstand. Jedenfalls biss er mich nicht. Und dann rollten wir los. Das Tier saß ganz still. Ich glaubte, es werde einschlafen. Aber dann hörte ich Mutter hinter mir herkommen. Sie rief und winkte – nein – sie fuchtelte mit den Armen. Da ahnte ich, dass sie ärgerlich war. Deswegen rannte ich so schnell ich nur konnte, und der Puppenwagen holperte über Stock und Stein. Einmal versuchte Max, die Flucht zu ergreifen. Als ich ihn festhalten wollte, biss er mich. Ja, so kam es, dass Mutter mich einholte. Sie hatte überhaupt kein Verständnis für meine gute Tat Max gegenüber; sie war nur ärgerlich. Vielleicht war das der Grund, dass Max sie weiterhin biss und dass auch Vater dabei blieb, vom Gesellschaftsbedürfnis des Kaninchens zu sprechen. Deshalb hatte ich eines anderen schönen Frühlingstages die geniale Idee, allen Kaninchen eine Freude zu machen, indem ich sie alle zusammen im Auslauf miteinander spielen ließ. Gedacht, getan. Es sah aus, als fühlten sich die Kaninchen wohl, aber Vater freute sich weniger. Um ganz ehrlich zu sein, er war recht böse über „die Situation“. Die Situation war nämlich die, dass wir nach kurzer Zeit viele, viele junge Kaninchen bekamen. So viele, dass Platzmangel herrschte. Auch ein paar allzu junge Kaninchen, die noch nicht genügend Milch hatten, um zu säugen, bekamen Junge. Mutter kaufte kleine Flaschen, und die neugeborenen Kaninchen bekamen wie Menschenbabys die Milchflasche. Ich durfte sie in der Hand halten, während sie auf dem Rücken lagen und Milch saugten. Und dann konnten die anderen ja sagen, was sie wollten, ich war in dieser Situation recht glücklich. Aber wir sind ja so verschieden: Vater konnte sich nicht freuen, überhaupt nicht. Zuerst sagte er, dass er schwören könne, dass er die Kaninchen nicht zum Bock gelassen habe. Aber dann sagte Mutter etwas, was beide dazu bewog, zu mir hinzuschielen – ohne ein einziges Wort zu sagen. Und da fühlte ich mich auf unerklärliche Weise schuldig – trotz meiner Freude über „die Situation“. Wie es sich nun auch verhält, „die Situation“ war auf jeden Fall ein Resultat meines guten Willens. Aber dessen war nur ich mir bewusst. Später, bei einer Mittagsgesellschaft, bei der ich am Erwachsenentisch sitzen durfte und deshalb glaubte, auch am Gespräch teilnehmen zu dürfen, hörte ich einen Herrn sagen, dass er gerne Kaninchenjunge hätte, aber dass es so schwierig sei, einen passenden Bock gerade für seine Kaninchenrasse zu finden. Ja, und da sagte ich – wieder aus Hilfsbereitschaft – dass er sich  bloß unsere Kaninchenrasse anzuschaffen brauche, denn die bekämen Junge ohne Bock, und das massenhaft. Ja, und dann begannen besonders die Männer entsetzlich hässlich zu grinsen. In diesem Augenblick entstand mein Verdacht, dass an der „Situation“ irgendetwas eigenartig sei. Und nun – unmittelbar bevor ich in die Schule kommen sollte – begriff ich, dass es vielleicht klug sei, Bescheid zu wissen. Deshalb fragte ich Wolfgang. Aber der hatte keine Lust, über Kaninchen zu sprechen. Er guckte mich nur an, und ich konnte ihm ansehen, dass er überlegte und überlegte. Und dann sagte er schließlich, dass es wahrhaftig nicht gleichgültig sei, ob man ein Mädchen oder ein Junge sei - Mädchen behandele man etwas besser, obwohl sie nicht die Bohne besser seien. Deshalb sehe man sich ab und zu auch gezwungen, die Mädchen zu bestrafen. Das gehe so vor sich, dass sie die Hände vorzeigen müssten, dann bekämen sie mit dem Lineal einen über die Finger, manchmal auch mit dem Stock. Wenn ein Lehrer so richtig wütend sei, dann gebe er dem Mädchen eine Ohrfeige, zerre es an den Haaren oder ziehe es an den Zöpfen durchs Klassenzimmer. Und die ganz dummen Mädchen würden rausgeschickt und müssten vor der Klassentür am Pranger stehen.

   Seine lakonische Bemerkung, dass man sich daran gewöhne, wie man sich an alles gewöhnte, war als Trost gedacht. Doch sie verstärkte nur meine Unruhe.

 

   Vater hatte mich in der Schule angemeldet, auf die Wolfgang ging, obwohl in der Möllnerstraße eine neue Schule gebaut worden war. Ich hörte viel über diese Schule: Sie habe helle, nette Räume und eine tolle Turnhalle. Alle Nachbarkinder kamen auf diese Schule, aber Vater sagte, Geräumigkeit könne so vieles bedeuten, und gute Gebäude seien keine Garantie für eine gute Schule. Über Wolfgangs Schule wusste er Bescheid, und er wünschte keine Überraschungen.

   Mutter hatte eine Weile Zweifel an meiner „Schulreife“. Nicht nur das Alter des Kindes, sondern in hohem Grade auch dessen Reife sind dafür entscheidend, ob der Start glückt. Sie konnte das nicht oft genug sagen. Ach du meine Güte, ich war also nicht schulreif. Unreife verursacht Schmerzen, das hatte ich damals, als ich unreife Stachelbeeren gegessen hatte, erfahren. Welche Schmerzen verursachen da wohl unreife Menschenkinder? Wie viele Bauchschmerzen würde ich meinen Lehrern durch meine Unreife bereiten? Niemand kann ein Kind leiden, das Bauchweh verursacht. Gegen Gereiztheit und Ärger über ein solches Kind würden sich die Lehrer mit einem Lineal wehren. Und sie würden mich an den Haaren zerren oder mich an den Zöpfen durch das Klassenzimmer ziehen. Ja, nun wusste ich, warum Mutter partout wollte, dass meine Zöpfe abgeschnitten würden, bevor ich in die Schule kam: Sie wollte mir diese Erniedrigung ersparen. Ich bat sie sehr eindringlich, die Zöpfe behalten zu dürfen. Wolfgang nannte meine schönen Zöpfe „Affenschaukeln“, weil Mutter sie hochband und die Enden mit einer Schleife neben den Ohren befestigte. Sie behauptete nämlich, dass das keine Zöpfe, sondern „Rattenschwänze“ seien und es nicht gut aussehe, wenn sie so herumhingen und baumelten. Mutter handelte also aus großer Liebe, als sie mit mir resolut zum Friseur ging. Es war ein schrecklicher Augenblick, als er die Schere nahm und meine Zöpfe abschnitt. Lange hatte ich dieses eigenartig sägende Geräusch im Ohr. Wie sich dies aber alles auch verhielt, Mutter meinte es mit mir nur gut. Sie wollte mir nur Schmerzen und Strafe ersparen. Sie wusste, wie schwer es manchmal für mich war, ruhig und süß und all’ das zu sein.  – Ich durchdachte alles gründlich, teilte dies aber niemandem mit.

 

   Vater nannte mich „ein Fragezeichen auf zwei Beinen“, und er sagte, dass meine Einschulung für ihn eine große Erleichterung sein werde. Einmal hörte ich ihn sagen, Mutter könne sicher sein, dass die Lehrer mit Kindern „wie Jette“ schon fertig würden, denn sie seien ja dafür ausgebildet. Zu all’ meinen Grübeleien kam nun auch die, wie „Kinder wie Jette“ eigentlich seien. Ganz so schrecklich, wie es klang, konnten sie nicht sein, denn Vater nannte mich immer Jette, wenn er zärtlich und lieb sein wollte. Und als Ursel bei ihren Eltern ihre Anmeldung in der altmodischen Schule durchgesetzt hatte – denn ohne mich an ihrer Seite in einer anderen Schule würde sie, wie sie sagte, faul sein und sich keine Mühe geben, irgendetwas zu lernen – als also alles geregelt war, begann ich wirklich, mich auf das Frühjahr 1934 zu freuen, auf den Beginn  meiner Schulzeit, auf meinen Start zu einem neuen Lebensabschnitt. Schulkinder sind schon große Kinder, und der Schulranzen auf meinem Rücken würde dann der sichtbare Beweis meiner neuen Würde sein.

   Wie es üblich war, kaufte Mutter für meinen ersten Schultag eine große Tüte aus Pappe. Man nannte – und nennt – sie „Zuckertüte“, eine Tüte für süße Sachen. Sie war fast so lang wie ich. Verwandte und Freunde füllten die Tüte mit Naschereien. Ganz voll wurde sie aber nicht. Wie üblich, wusste Mutter Rat. Sie stopfte die Spitze der Tüte mit Seidenpapier aus. Ich protestierte, denn das war ja Schmu, aber Mutter erklärte lächelnd, die anderen machten das genauso, in diesen Zeiten hätten nur wenige Geld für so viel Süßigkeiten.

   Ursel bekam einen neuen Schulranzen, ich erbte Wolfgangs, der aus dickem schwarzem Leder und sehr strapazierfähig war. Ich wagte nicht zu protestieren gegen dieses hässliche, tüchtig benutzte und sichtbar misshandelte schreckliche Ding. Wolfgang hatte ihn im Winter auf dem Heimweg von der Schule sogar als Schlitten benutzt. Mutter versuchte, die schlimmsten Schrammen mit schwarzer Schuhcreme zu beseitigen. Danach polierte sie den Ranzen sehr, sehr lange und gründlich mit einem Lumpen aus Wolle. Sie kaufte eine neue Schiefertafel und einen Griffelkasten mit zwei Griffeln. Durch ein Loch im Rahmen der Tafel zog Mutter eine Schnur, an der ein Flanelllappen befestigt war. Den hatte sie mit blauem Stickgarn umsäumt. Der Lappen musste immer aus der Tasche hängen. Einen feuchten Schwamm legte sie in eine Schale unten in der Tasche. Schwamm und Lappen waren dafür bestimmt, die Tafel sauber zu wischen.

   Wolfgang grinste und sagte, dass der Lappen ein Erkennungszeichen sei. „Nun können alle erkennen, dass du eine aus der ersten Klasse bist, die noch nicht auf Papier schreiben  kann, und man wird dir 'Babyklasse' nachrufen“. Er erzählte auch, wie der erste Schultag verlaufen werde:

   „Also, zuerst versammelt ihr euch alle in der Aula. Dort hält Festing, der Rektor, eine Festrede. Die wird lang, das kannst du mir glauben, denn er hört sich selbst gerne reden. Du verstehst nicht einen Piep von dem, was er sagt, und das ist auch gleichgültig. Während er spricht, hopst sein dicker Bauch rauf und runter, und sein Spitzbart wippt und wippt im Takt dazu. Du, ich rate dir, grins’ nicht. Er kann nicht vertragen, dass man glaubt, er sei ulkig. Lachst du über ihn, wird er krebsrot im Gesicht und schnappt total ein und wird völlig verrückt. Wenn er mit der Rede endlich fertig ist, spielt Lulu Klavier, er hört sich selbst gerne spielen, und dann singt man – möglicherweise kennst du das Lied – und dann kommt da ein  Fräulein – die nehmen immer ein Fräulein für die Babyklasse, denn die haben mehr Geduld mit dummen Kindern – und dann geht ihr alle in eueren Klassenraum. Da bekommt ihr einen Platz, die Jungen auf der einen und die Mädchen auf der anderen Seite, und die Mütter dürfen an der Wand stehen, und dann ruft das Fräulein eueren Namen auf, und dann . . .“. Hier machte Wolfgang eine lange Pause und begann zu grinsen. Und dann sagte er mit einem Schalk im Nacken: „Ja, und dann bekommt ihr alle eine ordentliche Tracht Prügel. Mit dem Rohrstock!“

   „Auch die Mädchen?“ Nun ging die Welt gleich unter. Aber Wolfgang grinste weiter und sagte in aller Seelenruhe: „Na klar, selbstverständlich! Denn  die Lehrer wollen ja an diesem Tag auch etwas Spaß haben. Und dann denken die sicher noch, wenn die Kinder einmal richtig toll Prügel bezogen haben, können sie in Zukunft mehr vertragen“.

 

   Als ich das erste Mal zur Schule ging, hielt ich Mutters Hand ganz fest. Wir trafen auf unserem Weg ein paar Jungen. Tatsächlich riefen sie:

                                            „Babyklasse, Untertasse

                                            Nachgesessen, Brot vergessen!“

   Hinter uns gingen zwei alte Damen. Ich hörte gut, dass sie über mich sprachen. „Sieh“, sagten sie kichernd, „da geht ein Schulranzen mit Kopf und Armen und Beinen“. Der Ranzen war nämlich so groß – und ich so klein – dass er fast meinen ganzen Körper bedeckte. Die Bemerkung der Damen gefiel mir überhaupt nicht.

   Vermutlich war alles so, wie Wolfgang vorausgesagt hatte. Während Festing seine Rede hielt, hüpfte sein Bauch rauf und runter, und der Spitzbart wippte im selben Takt. Obwohl das gewaltig komisch aussah, wagte ich nicht zu lachen. Vielmehr nahm meine Angst immer mehr zu. Nun erwartete ich bloß noch die Prügel. Niemals hatte mich jemand mit einem Stock geschlagen, niemals hatte ich eine Ohrfeige bekommen. Wenn man sich nur unsichtbar machen und verschwinden und in aller Ewigkeit von der Schule befreit werden könnte.

   Plötzlich nahm mich ein Fräulein bei der Hand. Sie sagte, sie heiße Hoppe und werde gerne meine Lehrerin sein. Ich sah sofort, sie hatte Lachfältchen um die Augen, ein Grübchen im Kinn und Löckchen, die wie bei Oma in die Stirn zu fallen drohten. Sie sah überhaupt nicht so aus, als hätte sie Lust, Kinder zu verprügeln.

   Im Klassenraum wies sie uns Kindern einen Platz zu. Das musste sie wohl tun, denn die Lehrer bestimmen ja alles. Aber als sie Ursel und mich trennen wollte, hielten wir uns fest bei der Hand. Auf diese Weise durften wir auf derselben Bank sitzen. Die Mütter standen an der Wand und lächelten die ganze Zeit. Da merkte ich, dass Wolfgang mir wieder einen Bären aufgebunden hatte. Niemals wäre ein Lehrer im Stande, ein Kind zu schlagen. Sie würden ein unartiges Kind wohl auf eine bessere Weise bestrafen. Wie Vater etwa, der über uns Hausarrest verhängte. Eingesperrt zu sein und die Kinder draußen spielen zu hören, ja das war eine harte Strafe, man vergaß sie niemals und versuchte, alles zu vermeiden, was zu einer Wiederholung führen konnte. Die Lehrer waren sicherlich genau so klug wie Vater und hatten uns fast genau so gern. Glaubte ich.

 

   Ein paar Wochen später wurde ich sechs und war damit die erste, die in der Klasse Geburtstag feierte. Fräulein Hoppe stellte mich auf ihr Pult, und die ganze Klasse sang:

                                     „Ich freue mich, dass du geboren bist

                                       und hast Geburtstag heut’ “.

   Und während die Kinder sangen, gab mir Fräulein Hoppe eine Tüte voller Zuckereiern. Ich gab jedem Kind eins und teilte das letzte mit der Lehrerin, indem ich das Ei in zwei Teile zerbiss.

 

   In einer Klasse war Platz für viele Kinder. Ich hörte nie einen Erwachsenen sich über die hohe Anzahl der Kinder einer Klasse beklagen. Und keines von uns Kindern kam auf den Gedanken, dass wir wohl zu viele seien – auch nicht, wenn neue dazu kamen. Ein Klassenbild belegt, dass wir einmal 54 Kinder waren. 54 sehr verschiedene Wesen, die lernen mussten, ganz still zu sitzen. Das war schwer. Vieles war schwer. Und manchmal war man ganz anderer Meinung als Fräulein Hoppe. Sie meinte zum Bespiel, dass das zweite Frühstück in der Pause gegessen werden solle und nicht, wie ich meinte, während des Unterrichts. Die Pause – da war ich bombensicher – gab einem das Recht, selbst zu entscheiden, was man machen wollte. Und ich wollte diese kostbare Zeit am liebsten zum Spielen benutzen. Man kann nämlich prima essen und gleichzeitig dem Lehrer zuhören. Aber man kann nicht essen und sich gleichzeitig auf ein Spiel konzentrieren. Unser geliebtes Fräulein Hoppe hatte hierüber eine völlig andere Auffassung. Ach, wie wir darüber diskutierten! Bis ich so tat, als könne ich einsehen, dass sie Recht hatte.

   Jeden Morgen sangen wir zu Beginn des Unterrichts einen Choral. Mutter hatte mir viele Lieder und Choräle beigebracht, die meisten konnte ich auswendig. Eines Tages übersprangen die anderen in der Klasse beim Morgenlied zwei Verse, verhedderten sich überhaupt beim Text des Liedes, und das Fräulein ließ das nicht nur geschehen, sondern sang genauso falsch mit. Das war so ulkig, dass ich lachen musste. Und weil ich lachte, musste Ursel auch lachen. Fräulein Hoppe nahm uns beide – ohne ihren Gesang zu unterbrechen – bei der Hand und brachte uns aus dem Klassenzimmer. Wir wurden also ausgeschlossen. Wir beide waren die ersten in der Klasse, die auf diese Weise bestraft wurden. Das war nicht zu ertragen. Wir weinten vor Schmerz, heulten schließlich so laut, dass man uns im ganzen Haus hörte. In der ersten Etage standen die Konfirmanden, jeder mit einer Tüte rosa Bonbons in der Hand, dem obligatorischen Abschiedsgeschenk des Rektors. Unser jämmerliches Weinen ließ die Konfirmanden das Schlimmste befürchten. Sie – das heißt die Mädchen – stürzten die Treppe hinunter; die Junge ließen es dabei bewenden, über das Treppengeländer zu gucken. Nun taten Ursel und ich uns noch mehr leid. Schluchzend erzählten wir von unserem Unglück. Die großen Mädchen versuchten, uns zu trösten, steckten uns Bonbons in den Mund, füllten unsere Hände und auch die Schürzentaschen. Wir wollten gerne zu weinen aufhören, aber es war etwas schwierig, die Tränen zu trocknen mit Händen voll rosa Zuckerzeug. Schließlich waren wir über und über beschmiert - am Mund, im Gesicht, an den Fingern und Armen. Als Fräulein Hoppe kam, um uns hereinzuholen, zog sie schnell ihre Hände weg, nahm uns stattdessen an den Schultern und führte uns zum Waschbecken, wo sie uns einer energischen Reinigung unterzog. Eigenartigerweise war sie keine Spur wütend. Erklärte nur, dass man sich nicht erlauben dürfe zu lachen, wenn andere einen Choral sängen. Auch nicht, wenn sie falsch sängen.

  

   Alle Kinder kannten „die Uhr“. Ich nicht. Mutter hatte an Hand der Stubenuhr versucht, mich in das Mysterium der Uhr einzuweihen. Diese Uhr hatte keine Zahlen, nur Striche. Vater versuchte, mir die Uhr mit Hilfe seiner Taschenuhr zu erklären, die er an einer Goldkette in der Westentasche oder in der Uhrentasche der Hose trug. Vaters Uhr war ein Erbstück, und sie hatte eigenartig verschnörkelte Zahlen. Tante Miezes Armbanduhr war modern, auf ihr konnte man die Zahlen lesen. Ein Zeiger bezeichnete die Stunden, ein anderer die Minuten, und einige Uhren hatten auch einen Sekundenzeiger. Das war leicht zu verstehen, ebenso, dass eine Minute sechzig Sekunden und eine Stunde sechzig Minuten und ein Tag 24 Stunden hat. Und dass es deswegen morgens 6 Uhr und abends 18 Uhr heißt, obwohl sich der Zeiger an derselben Stelle befindet. Verwirrend aber war die Stundeneinteilung der Erwachsenen: Dreiviertel und Viertel, Viertel vor und Viertel nach und Halb und Voll und 17 nach und 20 vor und 40 nach, und was weiß ich noch.

   Wenn man etwas nicht kann, muss man kostbare Zeit und Kräfte aufbieten, um die Misere zu verheimlichen. Als Fräulein Hoppe mich rausschickte, um auf der großen Uhr in der Vorhalle nachzusehen, wie spät es sei, weil ihre Uhr – die sie an einer Kette um den Hals trug – stehen geblieben war, wusste ich Rat – ich ging raus auf die Straße und setzte mich auf den Kantstein in der Hoffnung, dass ein Mensch mit einer Uhr vorbeikommen werde. Nach einer Weile, die mir wahrscheinlich recht lang vorkam, war meine Rettung ein alter Herr mit Hut und weißen Gamaschen über den schwarzen Schuhen und einem Spazierstock mit Silberbeschlägen. Solche Herren haben immer eine  goldene Uhr in der Tasche. Er antwortete auf meine Frage, wie spät es sei, freundlich, obwohl die Kirchenuhr ganz in der Nähe gerade die halbe Stunde schlug. Und Fräulein Hoppe schien über mein langes Fernbleiben nicht erstaunt zu sein, sie bedankte sich nur für meine korrekte Antwort. In der Pause ging sie mit mir zu der großen Uhr und begann zu erklären. Und siehe da, ich verstand auf einmal alles.

 

   Fräulein Hoppe sagte, jeder Mensch habe Fehler. Sichtbar oder unsichtbar, alle hätten wir  irgendeine Behinderung. So sei das nun einmal. Deshalb beachteten wir kaum, dass Fritz ein bisschen zu klein war und nie sonderlich groß werden würde. Hilde hatte einen Klumpfuß, da war nichts zu machen, sonst war sie in Ordnung und sehr lustig als Spielkameradin. Und Inge – ja, die war sehr zart und hatte ein zu kurzes und sehr dünnes und kraftloses Bein, das von einer Schiene gestützt wurde. Auf sie mussten wir ein bisschen aufpassen, sie konnte allzu wild und eifrig sein, und wir hatten Angst, dass sie sich etwas tun könne. All das bereitete uns keine Schwierigkeiten. Anders verhielt es sich mit Charly. Seinen Fehler konnten wir nicht begreifen und unmöglich akzeptieren. Seine Kleidung war oft schmutzig. Er war aller Welt gegenüber freundlich, aber niemand wollte von ihm etwas wissen. Ich hörte die Leute über seine Mutter herziehen: Sie sei „leichtlebig“. Ich war sicher, dass das eine Lüge sei, denn wie konnte ein Leben leicht zu leben sein für eine, die in einem Gartenhaus alleine mit einem Jungen wie Charly lebte. Einige behaupteten auch, dass Charly Läuse habe. Niemand lud Charly zum Geburtstag ein, denn er selbst feierte nie. Und eines Tages kam es an den Tag, dass er die merkwürdigsten Dinge geklaut hatte. Er wurde seiner Mutter weggenommen und kam nie mehr in unsere Schule. Unser Seufzer der Erleichterung war bestimmt deutlich zu vernehmen. Aber er verstummte jäh, als Fräulein Hoppe von unserer Schuld und unserer Verantwortung an Charlys Scheitern sprach. Man beachte, sie sagte „unsere“ und nicht „euere“, als sie über Verantwortung und Schuld sprach: Charlys private Verhältnisse seien schrecklich, und er selbst habe keine Möglichkeit, sie zu ändern. Er hungere nach Anerkennung. Es wäre für uns ein Leichtes gewesen, ihn in unseren Kreis aufzunehmen. Da hätten wir ihn als freundlichen Jungen kennen gelernt, der es schwer habe. Sagte unsere Lehrerin.

   Wir hätten Charly also helfen sollen. Aber niemand sagte uns, auf welche Weise. Wie hilft man einem Kind, in eine Gruppe zu kommen, um nicht mehr einsam zu sein, wenn man wie Charly ist. So stinkend, so jämmerlich und obendrein verlaust. Wenn Charly blind gewesen wäre wie Svens Vater, dann hätte man Charly bei der Hand nehmen und gut zu ihm sein und ihm in manchen Dingen helfen können. Aber Charlys Hände waren nie sauber.

   Svens blinder Vater besuchte uns eines Tages in der Schule. Er sah ganz und gar nicht aus, als habe er unsere besondere Fürsorge nötig. Er war Organist in unserer Kirche. Als er uns nun von seinem Leben als Blinder von klein auf erzählte, war es, als lese er aus einem Buch vor. Und tatsächlich nahm er auf einmal ein Buch und las laut vor, indem er die Finger über die gedruckten Buchstaben führte, die er selbstverständlich auch schreiben konnte. Jedes Kind bekam von ihm eine Visitenkarte in Blindenschrift mit dem jeweiligen Namen des Kindes. Diese Karte hob ich in einer kleinen Schachtel auf, die andere wertvolle Dinge enthielt.

 

   Alle Märchen beginnen mit „Es war einmal“. Einmal, als ich Kind war, lehrte man uns die Welt auch dadurch zu  verstehen, dass man Fabeln und Märchen erzählte. Fräulein Hoppe mochte besonders die Erzählung vom Schmetterling, die ihrer Ansicht nach alle Kinder auf der Welt kennen sollten, denn sie sage etwas ganz Wichtiges und Wesentliches. Da war also einmal ein Schmetterling, der nur den Sommer genießen und nicht wie die Bienen die Zeit nutzen wollte, um Vorräte zu sammeln, solange Zeit war: „Komm, sei nicht dumm, genieße das Leben, wenn die Sonne scheint“, sagte der wunderschöne Schmetterling zu der Biene. Aber die Biene hatte es so eilig, sie hatte nicht einmal Zeit, sich hübsch zu machen und den Blütenstaub von ihren Beinen abzuputzen. Als der Winter kam und alle Blumen starben und alles kalt und steifgefroren war, litt der Schmetterling Not. Da erinnerte er sich plötzlich, dass die Biene eine warme Wohnung und einen großen Vorrat an Nektar habe. Da könnte man um Hilfe bitte. Gedacht, getan. Doch die Biene wollte nicht die Tür öffnen, sie war nämlich müde, so müde nach all der Plackerei im Sommer. Aber am schlimmsten war sicher, dass die Biene den Spott des Schmetterlings über ihre Emsigkeit und ihren Fleiß nicht vergessen konnte. „Ich hätte gerne den Sommer genossen, aber ich wusste ja, dass der Winter kommen werde, du aber hast damals geantwortet  'Alles zu seiner Zeit!'  Es war deine Zeit, nun aber hast du Sorgen, Du bist selbst daran schuld!“ Ja, so kam es, dass der Schmetterling trotz seiner Schönheit erfror.

 

   Am liebsten hatte ich die Erzählung von der Hexe Kakao, die selbstverständlich keine Hexe war, sondern eine alte, arme, krumme, zahnlose Frau. Sie wohnte in einer dunklen Kellerwohnung. Niemand besuchte sie. Die Kinder hatten vor ihr Angst und riefen ihr deshalb hässliche Wörter nach –  in weitem Abstand zu ihr und wenn sie mehrere waren. Die Hexe drohte ihnen dann mit dem Stock. So machten sie sich das Leben gegenseitig schwer, bis etwas geschah – ich habe völlig vergessen, was es war – aber irgendetwas ereignete sich, was dazu führte, dass die Kinder die Hexe als eine alte, liebe - und sehr einsame Frau kennen lernten. Da wurden die Kinder und die „Hexe“ Freunde, natürlich. Die Kinder wagten nun, in den Keller zu gehen, um die Alte zu besuchen. Sie machten für sie Besorgungen und halfen bei anderen Dingen. Und da entdeckten sie, dass die „Hexe“ lächeln und Geschichten erzählen und nett und fröhlich sein konnte. Man darf niemanden verurteilen, den man nicht kennt. Vorurteile machen das Leben schwer. Besonders für die Vorverurteilten.

 

   In den ersten Schuljahren unterrichtete man uns noch (noch muss hier betont werden) im Fach Religion, in Christenlehre. In einer Religion also, die weltweit Menschen in Liebe und Gemeinschaft verbindet, wie uns unsere Lehrerin erklärte. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Alle Menschen sind 'Unser Nächster'! Das sind in der Tat gute Worte. In meiner Klasse waren  - mit einer Ausnahme –  alle Kinder evangelisch, die meisten nannten sich Lutheraner. Und das war wichtig, denn auf diese Weise konnten wir alle am Religionsunterricht teilnehmen; alle, außer Karlchen, der Katholik war, gehörten dazu. Während wir wirklich schönen Erzählungen lauschten, stand Karlchen auf dem Schulhof und zeichnete mit den Schuhspitzen gelangweilt Figuren in den Sand. Wir fragten ihn einmal, ob er nicht an Gott und Jesus glaube, und er antwortete erschrocken, dass er das tue, wie könne man nur daran zweifeln? Und dann sagte er etwas uns Unverständliches, nämlich dass seine Mutter der Ansicht sei, unsere Lehrerin bringe uns eine falsche Lehre bei, die den wahren Glauben zerstören könne. Da konnten wir nicht anders, als Fräulein Hoppe zu bitten, so lieb zu sein, uns Karlchens merkwürdige Worte und seinen  freiwilligen Ausschluss vom Religionsunterricht zu erklären. Ihre Antwort kam uns etwas rätselhaft vor: „Das ist nicht Karlchens Entscheidung. Kinder halten in der Regel die Religion ihrer Eltern für richtig. Deshalb ist Karlchen Katholik“.

   Fräulein Hoppe nutzte die Gelegenheit, uns von anderen Glaubensrichtungen zu erzählen, von anderen Menschen, die auch Christen waren. Und dann versuchte sie, uns verständlich zu machen, dass sie alle glaubten, sie begriffen die Botschaft der Bibel auf die einzig wahre und richtige Weise. Das aber könne nicht stimmen, denn in der Bibel heiße es, dass Gottes Wort die Wahrheit ist. Wie aber kann die eine Wahrheit in viele Wahrheiten geteilt werden? Und -  was schlimmer ist -  wie kann man die Wahrheit der anderen als  falsch bezeichnen?  

   Vielleicht ist es nicht möglich, auf alles eine Antwort zu bekommen. Unsere liebe Lehrerin unternahm zögernd einen Versuch, musste aber aufgeben. Sie wisse nicht, sagte sie, sie wisse keineswegs, warum es so sei.

   Und sie konnte in der Tat auch keine Erklärung dafür geben, wieso die Nazis so viel über „Wahrheit“ sprächen. Sie redeten, als ob sie die Wahrheit gepachtet hätten. Alles, was sie sagten, sahen sie als die reine Wahrheit. Und sie redeten auch von Gott, diese wahrheitsliebenden Nazis. Am Anfang jedenfalls. Im Laufe der Zeit und als die Welt um uns sich deutlich erkennbar veränderte, hörten sie damit auf und sprachen stattdessen von der „Vorsehung“. Ich habe selbst das Transparent mit dem Satz „Gott mit uns!“ gesehen. Das war, bevor ich lesen konnte. Mutter musste es mir laut vorlesen. Und ich erinnere mich an die Wörter wie an ein Bild. Mit zum Bild gehören SA-Männer in Uniform mit Schulterriemen und Stiefeln und verdrießlichen Gesichtern. Gott war mit ihnen, mit den Nazis. Man konnte nur nicht so richtig verstehen, warum sie dann die Abschaffung des Chorals zu Beginn des Unterrichts und die Entfernung des Faches Religion aus dem Stundenplan verlangten. Leider konnte man nirgends eine klare Antwort bekommen. Die Frage war vielleicht zu verzwickt, oder vielleicht war sie auch zu dumm. An anderen Schulen war man längst dazu übergegangen, den Schulalltag mit einem munteren Lied wie dem von der Fahne, die im Morgenwind gehisst wurde, zu beginnen, oder mit dem Lied von Freiheit und Brot und dem Kampf gegen Nacht und Not. Und vom Opfertod und dem Endsieg und von den hohen Schanzen, die auf Grund unseres Siegeszuges fallen mussten - nein, man sang in Wirklichkeit „Lauf“, unser „Siegeslauf“ ; es sollte alles sehr schnell gehen. Doch an meiner Schule Röbbek wurde der Morgengesang ganz abgeschafft. Als ob die Kinder keine Freude am Singen gehabt hätten!

   Aber noch waren wir nicht so weit. Noch war fast alles so, wie es sein sollte. Obgleich unser Lehrer uns keine Antwort geben wollte auf die Frage, warum Hitler Gott Vorsehung nannte. Die Machthaber hatten begonnen, die Lehrer auf ihre Zuverlässigkeit hin zu beobachten. Ich weiß nicht, wann und weshalb wir Kinder in unserer Schule das Gefühl bekamen, dass unsere Lehrer in gewissen Situationen nicht waren, wie sie nach den Vorschriften hätten sein sollen.

Die Kinder sollten für eine „Sache“ erzogen werden. Dieser Wunsch war nicht zu übersehen. Weniger klar war für viele Menschen – Kinder wie Erwachsene – was „die Sache“ eigentlich war. Die Lehrer wurden jedenfalls als wichtiges Werkzeug zum Erreichen eines ganz bestimmten Ziels betrachtet. Ich weiß, dass ich zunächst – und dieses „Zunächst“ dauerte Jahre – nicht begriff, was dieses Ziel war und was dessen Erreichen bedeuten werde, obgleich sie – die Machthaber – ja sagten, dass Brot für alle das Ziel sei. Und dieses „Brot für alle“ war ja wahrhaftig nicht das Übelste, was man sich wünschen konnte. „Niemand soll hungern und frieren“ war eines der Schlagwörter, die die Nazis oft benutzten, das einige, die so richtig witzig sein wollten, umdichteten in „Keiner soll hungern, ohne zu frieren“. Deswegen kam es mir etwas eigenartig vor, dass unsere Lehrer das wohlbekannte Lied von Freiheit und Brot nicht singen wollten. Man bekam den Eindruck, dass die Lehrer unserer Schule uns Kinder zu einem ganz anderen Ziel führen wollten. Wenn sie unterrichteten, verpackten sie ihre Meinung, fingen an, in Gleichnissen zu reden, und versuchten manchmal, uns ein anderes als das offizielle Weltbild durch rätselvolle Äußerungen zu vermitteln. Als gute Pädagogen müssen sie gewusst haben, dass diese Äußerungen uns Kinder oft nur als ungereimtes Zeug erreichen würde. Sie haben nur hoffen können, dass etwas davon im Bewusstsein der Kinder gespeichert und eines schönen Tages – wenn die Zeit reif wäre – sprießen und wachsen werde.

 

   Die Übermacht hat viele Waffen, und Machtlosigkeit bedeutet viele Niederlagen. Es kam der Tag, an dem auch meine Schule eine Fahnenstange und eine Hakenkreuzfahne erhielt. Die musste man offiziell hissen an Führers Geburtstag und den Gedenktagen der Partei und zu Beginn und am Ende der Ferien. Daran war nichts Besonderes. So gut wie jede Wohnung und auf jeden Fall jede Schule hatte jetzt eine Hakenkreuzfahne. Es wäre uns eigenartig vorgekommen, wenn es anders gewesen wäre. Wir Kinder standen bei diesen Anlässen in Reih’ und Glied in einem Karree um die Fahne. Zuerst sangen wir die deutsche Nationalhymne, danach – mit der Zeit als untrennbar mit dem ersten Lied verbunden – das Lied der Partei, das Horst-Wessel-Lied „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert“  und so weiter und so weiter. Dieses Lied blieb in unserer Schule das einzige politische Lied, das man uns zu singen befahl.

   Eigentlich habe ich so gut wie alles vergessen, was diese „Feierstunden“ betrifft. Ausgenommen das eine: Meine Freude über meine geringe Größe. Vorher hatte ich es oft als peinlich empfunden, so klein zu sein. Nun konnte ich dies endlich nutzen. Aufgestellt der Größe nach, war mein Platz in der letzten Reihe ein gutes Versteck. Wir mussten mit dem zum Heil-Hitler-Gruß ausgestreckten erhobenen rechten Arm die ganze Zeit, die das Singen der beiden Lieder dauerte, stehen. Man versuche das einmal: Der Arm wird zum Bleiklumpen, man kann es nur mit zusammengebissenen Zähnen schaffen, ihn  erhoben zu halten. Da ist es gut, wenn man die Hand zur Entlastung auf die Schulter des Vordermannes legen kann. 

 

   Unsere Schule bekam auch ein Radio, denn – wie es hieß - es könne Schülern und Lehrern nichts schaden, Hitlers und Goebbels’ erbauliche Reden zu hören. Aber merkwürdigerweise ging das Radio bei den unpassendsten Gelegenheiten kaputt. So blieb dann nichts anderes übrig, als alle Kinder nach Hause zu schicken. Stets mit der Ermahnung, zu Hause oder bei jemandem, der ein Radio hatte, die wichtigen Reden zu hören. Und weil niemand am nächsten Tag fragte, ob wir zugehört hätten, und weil niemand eine Wiedergabe des Gehörten verlangte – eventuell in Form eines Aufsatzes, wie das an anderen Schule üblich war – nutzten wir mit Freude diese Anlässe für ein paar zusätzliche freie Stunden. Einmal gingen wir, Helga, Inge und ich, zu Lotti, weil deren Mutter nicht zu Hause war. Von Lottis Haus riefen wir verschiedene und völlig willkürlich gewählte Nummern an. Inge war eine Meisterin, Stimmen nachzuahmen. Mit fast männlicher Stimme fragte sie den Menschen am anderen Ende der Leitung, ob man wohl Hitler reden höre. Ach ja, selbstverständlich hörte man Hitler reden, selbstverständlich! Alle hörten ja Hitler reden. Hatte man etwas anderes erwartet? Aber als Inge dann fragte, worum es in dieser Rede gehe, konnte es geschehen, dass Schweigen die Antwort war. Oder ein verlegenes Räuspern und Stammeln und banale Ausreden wie „Es klingelt gerade an der Tür, ich habe den Faden verloren . . . mein Kind weint . . . der Hund bellte so laut“. Als die Antwort mit dem Hund kam, fragte Inge mit tiefer Männerstimme: „Welcher Hund?“ Und wenn die Antwort lautete: „Meiner selbstverständlich“, bemerkte Inge mit barscher Stimme, man könne sonst glauben, das mit dem Hund sei eine böse Anspielung. Nein, was hatten wir für einen Spaß! Zu Hause erzählte ich von unserem neuen lustigen Spiel; -  Vater schmunzelte oft über meine verrückten Streiche. Aber diesmal wurde er zu meinem Entsetzen sehr böse.

   Nachdem sich sein Zorn gelegt hatte, erklärte er, wie wir mit unseren dummen, gedankenlosen Fragen unschuldige Menschen erschreckt hätten. Denn diese dächten nun darüber nach und grübelten, ob es vielleicht die Gestapo gewesen sei, die angerufen hatte, um die Leute zu kontrollieren.

   Meine Antwort war „Aha“. Was hätte ich sonst sagen sollen. Die Gestapo war auf geheimnisvolle Weise im Besitz einer riesigen Macht. So viel wusste ich. Aber wie konnte man in seiner üppigsten Phantasie uns Kinder in Verbindung mit der Gestapo bringen? Wir Quatschköpfe hatten ja nur ein bisschen Spaß gemacht. Wenn die Menschen wegen Unsinn und Spaß Angst bekämen, sind sie sicher selbst dran Schuld, dachte ich.

 

   Mutter wünschte, ich solle aufhören, nach dem Unterricht rumzustromern. Es fiel mir manchmal sehr schwer, gerade diesen Wunsch zu erfüllen, denn es war äußerst spannend, zu der einen oder anderen meiner Schulkameradinnen mit nach Hause zu gehen. Die Wohnungen waren  sehr verschieden, was Größe und Atmosphäre betraf. Die Schule lag im Zentrum von etwas, was ich als außerordentlich wichtig empfand. Rundherum war die Welt geteilt durch unsichtbare, aber deutlich spürbare Trennungslinien. Aber die Schule war trotz dieser Trennungslinien für uns alle da. Südlich der Schule, auf der Sonnenseite, hinunter zur Elbe, lag das Viertel der Wohlhabenden. Hier durfte man zeigen, dass Geld etwas war, worüber man nicht sprach, sondern was man hatte. Nach Nordwesten hin wohnten viele Arme. Helga, die Tochter eines arbeitslosen Müllmanns, war eine von ihnen. Hier brauchte man Geld nicht zu erwähnen, sein Mangel war überall deutlich sichtbar. Und mitten drin – im Reihenhausviertel – wohnten wir, und hier gehörte es zum guten Ton, nicht sonderlich oft über Geld zu sprechen. Weder über das, was man hatte, noch über das, was fehlte.

   Ich lernte in der Tat etwas über soziale Unterschiede. Und ich bekam ein Auge für das bisweilen zu erkennende Mitwirken oder die Mitschuld der Menschen an Glück und Pech. Es gab Wohnungen, die alle Zeichen der Verwahrlosung zeigten. Arbeitslosigkeit war das eine, der Alkoholismus des Mannes oder die schlampige Haushaltsführung der Frau aber das andere. Das Schreckliche bei meinen Besuchen in diesen Wohnungen war, die Scham meiner Kameradinnen über diese Verhältnisse zu sehen. Am liebsten hätten sie – das konnte ich spüren – jeden Besuch vor der geschlossenen Tür abgefertigt.

   Bei uns zu Hause empfing ich jederzeit gerne Besuch. Hier war immer alles in Ordnung. Und zu dieser Ordnung gehörte auch, dass ich immer wusste, wo meine Mutter war. Vormittags machte sie das Haus sauber und kochte das Mittagessen, das immer mit dem Glockenschlag um zwölf Uhr auf dem Tisch stand. Vater kam pünktlich nach Hause, aß und legte sich zum Mittagsschläfchen aufs Sofa, während Mutter den Abwasch machte und die Küche aufräumte. Nachdem Vater geweckt worden war, konnte er in einer sauberen und gemütlichen Küche eine Tasse frisch gebrühten Kaffee trinken. Wenn er gegangen war, zog sich Mutter nett um. Nachmittags nähte sie, kaufte ein oder machte Besuche. Nur während der Einmachzeit und bei der großen Wäsche arbeitete sie den ganzen Tag. Und manchmal auch während der Nacht. Genauso ging es  in den Nachbarhäusern zu.

   Nach dem Unterricht und, selbstverständlich, nachdem die Hausaufgaben gemacht waren, hatten wir Freizeit. Wir Kinder machten, was wir wollten – natürlich innerhalb der Grenzen, die von den Eltern abgesteckt waren. Diese scharf gezogenen Grenzen zu überschreiten, lohnte sich nicht. Die Strafe war stets unangenehm; das Schlimmste aber war vielleicht die Enttäuschung und der Zorn der Erwachsenen, denn ohne  Verantwortung sei Freiheit nicht möglich, wie man uns mehr als genug gepredigt hatte. Eine Selbstverständlichkeit war auch, dass wir  pünktlich zum Abendbrot erschienen. Ich war völlig überzeugt, dass ich – sollte ich selbst einmal Mutter sein – an meine Kinder nie eine solche Forderung stellte. Denn es war schrecklich schwer, mitten in einem spannenden Spiel auf die Zeit zu achten und auf die Uhr zu sehen. Und es tat sogar weh, im Galopp - die Zunge aus dem Hals, mit  Seitenstichen und schmerzenden Füßen – nach Hause zu eilen, nur weil man vergessen hatte, rechtzeitig aufzubrechen. Sowohl zu Hause als auch in der Schule war zu spät zu kommen ein böser Verstoß gegen die Regeln. Aber das Unangenehmste waren Mutters Sorgen, wenn wir nicht zur festgesetzten Zeit zu Hause waren. Ihre Phantasie kannte keine Grenzen für all das Grässliche, was uns hätte geschehen sein können und uns daran gehindert hätte, zur vereinbarten Zeit pünktlich nach Hause zu kommen. Vater begründete seine Forderung nach Pünktlichkeit damit, dass er sagte, „ohne Ordnung funktioniert nichts. Und in einer Familie nimmt man Rücksicht“. Am liebsten hätte er es verheimlicht, aber wir Kinder bemerkten auch seine Angst vor all’ dem, was uns geschehen konnte. Durch seine Arbeit wusste er, was alles schief gehen konnte.

   Bisweilen half es, meine Mutter an ihre Jugend zu erinnern. Sie hatte selber gern den Heimweg von der Schule in die Länge gezogen und mir von ihren spannenden Erlebnissen dabei erzählt, aber sie erfuhr nicht viel von meinen. Es wäre nicht klug gewesen, ihr von dem Haus zu erzählen, wo an der Südwand – gehörig eingezäunt von einem Gitter – ein paar Weintrauben reif zu werden versuchten. Wir sahen sie jeden Tag, Ursel und ich, und schließlich konnten wir es nicht sein lassen – der Arm war gerade lang genug, um ein paar Beeren zu erwischen. Noch den Arm im Gitter, wurden wir von der Eigentümerin auf frischer Tat ertappt. Eigenartigerweise sprach sie mit uns sehr freundlich. Sie forderte uns sogar auf, viele Weintrauben zu essen. Ja, eine Weile sah es aus, als ob sie uns zwingen wollte, eine Beere nach der anderen zu essen, bis alle verspeist waren. Diese Trauben waren das Sauerste, was ich jemals gekostet hatte. Nie wieder haben sie uns in Versuchung führen können.

   Und ich erzählte Mutter auch nichts von dem Moor nahe der Osdorfer Landstraße, das wir vor kurzem entdeckt hatten, obwohl es eingezäunt und in dichtem Gebüsch versteckt war. Wir fanden ein Loch im Zaun. Und solche Löcher ziehen Kinder immer außerordentlich an. Man wird dann schlecht und recht gezwungen, hinter dem Zaun auf Entdeckungsreise zu gehen. Sowohl Ursel als auch ich fanden es klug, auf diese Tour Meta mitzunehmen. Ein Mädchen, das sich allerlei zutraute und beinahe mit allem Bescheid wusste. Wir entdeckten einen schmalen Pfad, der uns zu einigen Wasserlöchern führte; sie waren überwachsen und kaum zu erkennen. Der Pfad machte uns nicht unbesorgt, denn er war weich und federnd. Und Meta sagte: „Wenn man in ein Moorloch fällt, kommt man nie wieder hoch“. Sie behauptete, da lägen wohl viele Tote unten im Loch. Durch Tausende Jahre habe das Moor Menschen gleichsam gesammelt. Moorleichen verwesten nicht, sie lägen alle da unten und sähen aus, als seien sie erst gestern ins Moor gefallen . . . . Um uns herum herrschte Totenstille. Nicht ein zarter Piep war zu hören. Wir sahen das Gas in dem Loch blubbern und mussten uns bei den Händen nehmen. Uh, wie schaurig war es im Moor.  

   Ich glaube nicht, dass ich gewagt hatte, Mutter von meinen Erlebnissen an dem  Teich neben der Schule zu erzählen, den ich eine Zeit lang als sehr groß und enorm tief empfand. Wir nannten ihn „Schulteich“, und hier war es besonders spannend nach dem ersten harten Frost, wenn das Wasser mit einer Eisschicht bedeckt war. Die Frage lautete da immer, ob das Eis wohl schon trage. Und die Antwort war in meinem Fall, es trug nicht. Ein großer Junge fischte mich raus. Ich meine, mich erinnern zu können, dass ich fast unter eine Eisscholle geraten und ertrunken wäre. Aber das kann nicht stimmen, denn nur der unterste Teil meines Kleides und die Unterhose waren nass. Ich wusste, dass ich bestraft würde, wenn ich nach Hause käme. Deshalb erbarmte sich Gisela und nahm mich mit in ihr Haus. Ihre Mutter benachrichtigte meine Mutter, dass ich erst gegen Abend nach Hause käme. Und dann wurde extra tüchtig eingeheizt, wo meine Sachen zum Trocknen hingen, und das Kleid wurde mit dem Bügeleisen bearbeitet. Mutter bemerkte zwar, dass der Mantel etwas klamm war. Aber gerade zu dieser Zeit hatte sie eine Menge anderer Sorgen. Und so vergaß sie, nach den Ursachen zu fragen.

   Neben dem Teich stand ein klitzekleines reetgedecktes Haus. Hier hatte die Bonbonmutter ihr Geschäft. Eigentlich waren die  Süßigkeiten nur eine Nebensache, sie verkaufte sonst alles für den Schulgebrauch: Hefte und Bleistifte und Tinte, Löschpapier, Federhalter und Schreibfedern, Radiergummi. Zeichenpapier und Knetmasse hatte sie auch immer auf Lager. Dass sie Platz für all’ diese wundervollen Sachen hatte, war ein Rätsel. Wir mochten ihren Laden lieber als die anderen. Hier war die Decke niedrig, und der Geruch war ganz besonders. Die Bonbonmutter war immer nett, auch wenn wir es schrecklich eilig hatten, weil man in der Pause abgehauen war (was man auf keinen Fall durfte), um etwas, was wir brauchten, zu kaufen oder auch nur, um Süßigkeiten zu besorgen. Aber am wichtigsten war wohl, dass man beim Kauf von Unterrichtsmaterial den Preis um einen oder zwei Pfennige herunterhandeln konnte, die dann für Brausepulver oder Salmis verwendet wurden. Ich bekam reichlich Taschengeld, musste aber alle diese Dinge selbst bezahlen. Das brachte einen dazu, mit dem Material äußerst umsichtig umzugehen. Denn auf diese Weise war man Herr der Entscheidung, wie weit das Geld reichte.

   Das Unterrichtsmaterial wurde von der Schule nicht unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Alles – Bücher, Hefte, Bleistifte, Tinte und Federn -  kurz gesagt, alles, mussten die Eltern bezahlen. Das war besonders schmerzlich im Werkunterricht. Die Eltern der armen Kinder konnten nicht einsehen, dass Tuschkasten und Knetmasse in solchen Notzeiten wichtig für die Entwicklung ihrer Kinder seien. Unsere Lehrerin hatte in ihrem Schrank eine große Menge Knetmasse, die die armen Kinder ausleihen konnten. Nach der Stunde wurden die Kunstwerke dieser Kinder wieder zu einem Klumpen geformt und zur Wiederverwendung zurückgegeben. Diese Kinder wurden also daran gehindert, die von ihnen geformten Figuren als  Geschenk oder zur Bewunderung durch die Familie mit nach Hause zu nehmen. Ilse war besonders phantasiebegabt. Einmal  hatte sie einen Vogel in einem Nest, umgeben von Blumen, modelliert. Ich sah ihr Gesicht, als dieses Kunstwerk in den Händen der Lehrerin wieder zu einem Klumpen wurde, bereit zu weiterem Gebrauch.

   Eines Tages – ich hatte Ordnungsdienst – sah ich im Lehrerschrank einen neuen Karton noch nicht benutzter Knetmasse. Die Farben waren rein und klar und nicht zu vergleichen mit der ständig wiederbenutzen Masse. Ohne nachzudenken, nahm ich die Schachtel, legte sie samt Inhalt vor Ilse auf den Tisch und sagte: „Das ist deins, nun kannst du die Figuren mit nach Hause nehmen“.

   Ihre Augen strahlten. Rasch legte sie Arme und Hände um den Karton. So saß sie da, als Fräulein Hoppe in die Klasse kam und – wir beide saßen in der ersten Reihe – sofort die Schachtel vor Ilse entdeckte. Sehr schnell kam die Lehrerin zu uns. Aber bevor sie etwas äußern konnte, sagte ich, dass ich die Knetmasse Ilse gegeben hätte.

   Fräulein Hoppe starrte mich sprachlos an. Nun ist sie wütend, dachte ich. Nun wird sie fragen, warum ich etwas getan hätte, wozu ich keine Erlaubnis hatte, und ich würde ihr nicht antworten können. Ich hatte etwas weggegeben, was mir nicht gehörte, wofür ich aber Verantwortung trug. Ich hatte das spontan gemacht, ohne nachzudenken. Doch plötzlich wusste ich, ich würde es wieder tun, obwohl es nicht erlaubt war.

   Wenn Fräulein Hoppe jetzt nur nicht anfing, über den „verantwortungslosen Umgang mit anvertrautem Gut“ zu sprechen! Denn dann würde ich gezwungen, mich zu verteidigen, dachte ich und bekam Angst. Ich wusste, ich wäre nie im Stande, die richtigen erklärenden Worte zu finden.

   Aber sie stand nur da und starrte uns an, als habe sie die Sprache und die Fähigkeit zu denken verloren. Dann wandte sie sich abrupt ab, ging zu ihrem Pult und begann mit dem Unterricht. Die Knetmasse wurde nie wieder erwähnt.

 

   Ja, wir haben viel gelernt während der ersten Schuljahre, und wir haben der Röbbeker Schule viel zu verdanken. Ich bin der Ansicht, zu dem Wichtigsten, was ich mir in dieser Zeit habe aneignen können, gehört das zunehmende Verständnis für Zusammenhänge. Etwas, von dem ich angenommen hatte, es wirke unabhängig voneinander, nämlich Elternhaus und Schule, wurde miteinander verflochten, und ich erkannte, dass beides einander bedingte. Wenn der eine „Zopfstrang“ nicht in Ordnung ist, ist auch der andere davon betroffen. So ist das nun einmal.

   Aber ein Zopf, das hatte mir Mutter beigebracht, kann nur aus drei gleichen Strängen geflochten werden – gleich an Länge, Dicke und Beschaffenheit – alles andere lässt einen Zopf schlampig aussehen. Ich sah gerne zu, wie ein Zopf geflochten wurde, und es war schön, das Haar einer Freundin flechten zu dürfen. Ein Strang von links und dann einer von rechts sorgfältig über den Mittelstrang gelegt, der damit zum linken wird – ständig wechselnd in gleichmäßigem Rhythmus bis zum Ende des Zopfes.

   Meine Welt war heil. Die beiden wichtigsten Teile dieser Welt, mein Elternhaus und meine Schule, fasste ich als vollkommen auf. Als so vollkommen, wie sie sein konnten, wenn man es mit Menschen zu tun hat. Diese beiden Welten waren die beiden Stränge eines dicht zusammengefügten Zopfes. Der dritte Strang entstand durch mein äußeres und mein inneres Auge, meine Gedanken und meine Visionen und, nicht zuletzt, durch meine Fähigkeit, das, was mir gegeben wurde, nutzen zu können. So war meine Welt, heil und rund und schön. Und das konnte ich stark und intensiv erfassen. Nicht so, dass ich im Stande gewesen wäre, dies in Worten auszudrücken. Wenn man klein ist, hat man nicht für alles Worte. Aber Empfindungen und Gedanken und ein  Wissen über manches, das besitzt man.

 

   In der Tat, wir Kinder haben viel gelernt. Oft nicht wegen, sondern trotz allem. Dass man neben einer solchen Menge Wissen uns auch Fertigkeiten im Lesen und Schreiben, im Zusammenzählen und Abziehen hat beibringen können, klingt nahezu unglaublich. Ist aber dennoch wahr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                        D i e   V e r l o b u n g

 

 

 

   Jungen sind merkwürdig; daran besteht kein Zweifel. Man braucht als Mädchen nicht viele Jahre gelebt zu haben, um das festzustellen. Jungen wollen ständig befehlen. Sie glauben nämlich, sie seien größer und stärker und deshalb fähiger zu allem. Schlichtweg zu allem. Und sie können es nicht vertragen, nicht beachtet zu werden. Deswegen sind sie laut und grob. Tante Mieze sagte, dass sie damit eine „Duftmarke“ setzten. Dennoch ist es nicht so übel, dass sie existieren. Manchmal findet man den einen oder anderen sogar nett. Das ist dann eben so.

   Walter mochte Ursel. Und Ursel fand Walter nicht so übel. Aber Walter war sehr eng mit seinem allerbesten Freund Harald verbunden. Ja, und Ursel machte sich nichts daraus zu spielen, wenn ich nicht dabei war. So kam es, dass wir vier zusammen gingen. Harald war in manchem Walters Gegenstück. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Aber am meisten mochte ich sein friedfertiges Wesen. Eine Zeitlang meinte ich, dass er anders war als all’ die anderen.

    Wir waren ungefähr acht Jahre alt, als ein neuer Junge in unsere Klasse kam. Er hieß Edgar. Und dieser Edgar hatte schwarze Augen und schwarzes, lockiges Haar. Das konnte ich nicht übersehen. Ursel vertraute mir an, dass sie ihn nett fand, und ich fand das auch. Edgar war Frau Schütts Enkel. Diese Frau Schütt war zu allen Kindern unserer Straße wie eine Großmutter. Sie war eine liebenswürdige alte Dame, aber ich muss zugeben, einer ihrer großen Pluspunkte war sicherlich ihr großer Obstgarten. Seit ich alleine auf die Straße gehen durfte, hatte ich sie oft besucht. Oft mit einem Blumenstrauß. Meine Freigebigkeit wurde von ihr im Herbst reichlich belohnt. Das heißt, wenn sie Lust und Zeit hatte. Und die hatte Frau Schütt leider nicht immer. Nun, seit wir Edgar kannten, hatten wir leichter Zugang zu ihrem Garten. Alles an Edgar erschien in den hellsten Farben. Wenn Edgar nach dem Unterricht seine Großmutter besuchte, begleitete er gerne Ursel und mich. Und Frau Schütt war froh, dass Edgar so schnell Freunde in unserem Viertel gefunden hatte, so kam er dann auch öfter zu Besuch.  Edgar war also für alle Beteiligten von Vorteil. Außer für Walter und Harald, die unsere Begeisterung für Edgar nicht teilten. Sie erzählten uns, dass kein Junge der Klasse „den Schönling“ mochte, und deshalb gaben sie ihm abschätzige Spitznamen. Ursel konnte das nicht verstehen, denn Edgar war doch immer so nett. Doch ich konnte ihr erklären, dass irgendetwas mit Edgars Renommee in der Schule nicht stimme. Die Lehrer sahen sich nämlich nie veranlasst, ihn zu schlagen.

   Eines Tages nahm mich Harald zur Seite und fragte mich, ob ich nicht begriffen hätte, dass wir beide Freunde seien. Also richtige Freunde! Er machte mir verständlich, dass wir nämlich „miteinander gingen“. Und da sei es nicht möglich, auch noch mit einem anderen Jungen zu gehen. Und man könne auch nicht seine Großmutter besuchen. Deshalb meinte Walter, dass wir uns aus praktischen Gründen offiziell verloben sollten. „Praktische Gründe“ bedeutete in diesem Fall, dass alle anderen Jungen dann sehen könnten, dass wir beiden Mädchen nun nicht mehr frei, sondern sozusagen von jemandem „besetzt“ seien, dem wir ewige Treue geschworen hatten. Deswegen nennt man die Verlobung auch Treueversprechen. Ursel und ich wussten nicht so recht, was wir davon halten sollten, kamen aber schließlich zu dem Ergebnis, dass man ja ausprobieren könne, wie es ist, dieses Verlobtsein. Man konnte die Verlobung ja lösen, wenn man keine Lust mehr hatte. Die Ringe beschaffte Walter aus dem Juweliergeschäft seines Vaters. Er nahm sie einfach aus den Schubladen, da gab es ja genug Ringe. Aber diese Ringe passten nicht, sie waren zu groß. Deshalb hoben sie Ursel und ich in Streichholzschachteln auf. Walter besorgte neue Ringe, die ebenfalls nicht passten. Ich weiß nicht, wie viele Ringe ich schließlich erhielt, meine Schachtel war auf jeden Fall recht gut gefüllt mit prächtigen Ringen aus Gold oder Silber, und einige besaßen einen funkelnden Stein.

   Nun aber verhielt es sich so, dass Edgar diese Verlobung völlig egal war. Er begleitete uns Mädchen – zu Walters und Haralds großer Empörung – nach wie vor nach Hause. Und dann geschah das Unglaubliche: Walter und Harald bewaffneten sich mit Weidenruten, folgten uns den ganzen Weg und drohten uns Mädchen eine ordentliche Tracht Prügel an, wenn wir nicht aufhörten, mit diesem Großtuer zu gehen. Sie schrieen Edgar alle möglichen Schimpfwörter nach, während sie die Weidenruten durch die Luft pfeifen ließen. Ich bekam wahrscheinlich ein bisschen Angst, aber Edgar tat so, als berühre ihn das alles nicht. Alle drei gingen wir sofort nach Hause, und hinter den Gardinen stehend, konnten wir Walter und Harald draußen auf der Straße sich wie toll gebärden sehen. Frau Schütt meinte, es fehle gerade noch, dass wir die Drohungen der beiden Lümmel ernst nähmen. Edgar sei ein so artiger Junge, sagten sie, niemand habe einen Grund, darüber ärgerlich sein, dass wir drei so gut miteinander spielten. Aber unsere „Anverlobten“ beleidigte es derartig, dass sie sich eines schönen Tages genötigt sahen, uns Mädchen mit den Ruten ein paar Schläge über die Beine zu versetzen. Lange rote Streifen, die meine Mutter sofort entdeckte, waren das Resultat. Nach echter Mütterweise forderte sie unverzüglich eine Erklärung. Und die kriegte sie, ob ich wollte oder nicht – über die Verlobung, über meine Untreue mit Edgar und über Haralds Zorn -  alles, so empfand ich, war auf geheimnisvolle Weise meine Schuld.

   Was sonst gesagt oder getan wurde, daran erinnere ich mich nicht. Mir war das Ganze gleichgültig, wenn Mutter nur nicht über mich wütend wurde. Zu meiner großen Erleichterung reagierte sie weder belustigt noch zornig. Sie zog lediglich ihren besten Mantel an und legte die Schachtel mit den Ringen in ihre Handtasche und nahm Ursels Mutter unter den Arm, um sich mit Fräulein Hoppe gut und lange zu unterhalten. Auch zu Walters Vater wurde Kontakt aufgenommen. Eines schönen Tages lud er uns vier in sein Geschäft ein. Wir sprachen über allerlei. Wie Fräulein Hoppe sagte auch Walters Vater, dass man nicht aus Zorn schlagen dürfe. Man schlage auch nicht, um seine Ansichten über irgendetwas verständlich zu machen oder sie durchzusetzen. Man schlage überhaupt nicht. Über Probleme müsse man miteinander sprechen. Walters Vater zeigte uns das Geschäft und erklärte, warum das Lager so groß sei und wie der Verkauf von Schmuck ihn in die Lage versetze, sein Geschäft zu betreiben. Zum Schluss zog er eine Schublade auf, die Freundschaftsringe aus Messing enthielt. Wir durften uns beide einen aussuchen. Und dann sagte Walters Vater, dass echte Freundschaft bedeute, dass man ohne zu fragen helfe, dass man einander vertraue und Verantwortung übernehme und sich gegenseitig erlaube, viele Freunde zu haben. Unbekümmert spielten wir fortan, manchmal nur zu viert, aber meistens zusammen mit anderen Kindern. Wir spielten Räuber und Prinzessin, Pfeiljagd, Tippel-Tappel, Schlagball, kurz gesagt, all’ die Spiele, die am meisten Spaß machen, wenn man sie mit Jungen spielt. Wir waren unbekümmert, ja, denn niemand kann in die Zukunft sehen – glücklicherweise. Keiner hatte genügend Phantasie oder die Fähigkeit, sich Walters und Haralds schreckliches Schicksal vorzustellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                        M a c h t l o s i g k e i t

 

                                                            ( O h n m a c h t)

 

 

            „Ich wünsche eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend”.

 

                                                                                                                                 Adolf Hitler

 

 

   „Schmerzen gehören zum Leben“, sagte meine Mutter, wenn sie trösten wollte. Schmerzen kommen, und Schmerzen vergehen. Meistens konnte sie helfen. Tat ein Ohr weh, füllte sie ein Leinensäckchen mit gekochter, warmer Gerstengrütze oder Leinensamen und legte dies so heiß wie möglich auf das schmerzende Ohr. Bauchschmerzen  linderte sie mit heißen Umschlägen oder übel schmeckendem Tee. Wenn man Halsschmerzen bekam, machte sie einen kalten Umschlag und wickelte ihn – einen Wollschal darüber – um den Hals. Im Großen und Ganzen konnte sie allerlei Übel mit kalten oder warmen nassen Umschlägen vertreiben. Unbarmherzig verordnete sie bei Infektionen ein heißes Bad mit anschließender Schwitzkur. Während man dalag, dick eingepackt in Badetuch, Wolldecke und Bettdecke, saß sie daneben, um aufzupassen. Die Notwendigkeit einer solchen Quälerei war schwer einzusehen, obwohl sie vor kurzem erklärt hatte, wie der Körper bei einer solchen Kur in die Lage versetzt werde, den Kampf gegen all’ die bösen Bakterien aufzunehmen. Mutter wusste, welcher Tee – je nach den Umständen – für oder gegen etwas half. Musste ich längere Zeit das Bett hüten, durfte ich während des Tages auf dem Sofa unten in der Wohnstube liegen, so dass sie die ganze Zeit in meiner Nähe war. Das machte mich sicher und unsagbar entspannt. Wolfgang war als Kind nur zweimal krank. Er hatte nicht einmal eine Erkältung – und das sei, wie er sagte, schade, denn es sei schön, ein bisschen krank zu sein und schulfrei zu haben und mit seinen Leibgerichten verwöhnt zu werden und Besuch zu bekommen von Freunden und Verwandten, die Geschenke und Blumen brachten. Loris Mutter konnte es sogar fertig bringen, mir als Geschenk einen hübschen Strauß von ihrem einzigen Alpenveilchen zu pflücken. Aber wenn mich das Fieber quälte, wenn Mutter widerlich schmeckenden Tee in mich hineinzwang, wollte Wolfgang nicht an meiner Stelle sein, sondern stand dann nur an der Tür – erkennbar traurig. Da konnte er sogar Mutter wegen ihrer Härte kritisieren. Doch Mutter sagte nur, dass man Böses mit Bösem vertreiben müsse. Wusste sie nicht mehr weiter, kam Dr. Erbach, und er nahm sich immer viel Zeit, als ob man der einzige Patient auf der Welt sei. Sein eigenartiger Dialekt verriet, dass er aus Bayern kam. Wenn er in die Stube trat, laut und vergnügt und stets mit einer aufmunternden Bemerkung, waren die Schmerzen irgendwie weniger stark zu spüren. Doch bat ich Mutter einmal unmittelbar vor dem Besuch des Doktors um eine große, dicke Stopfnadel, die ich unter der Bettdecke verbarg. Würde er mich mit einer Spritze stechen, bekäme er es wahrlich zurück! Schmerzen gehören zum Leben, und es findet sich immer ein Mittel, das sie stillt.

   Doch es kommt der Tag, an dem man erkennen muss, dass man Schmerzen ausgesetzt sein kann, gegen die kein Kraut gewachsen ist und kein Dr. Erbach Rat weiß. Erneut war Unfrieden in unser Haus gekommen. Wolfgang und Vater hatten schwere Zusammenstöße. Erneut waren Mitteilungen von der Schule gekommen wegen der Faulheit des Jungen und seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Schule, und der Rektor hatte äußerst deutliche Worte gefunden, wenn er von Wolfgangs naseweisem Benehmen sprach. Als Vater mit ihm hierüber reden wollte, antwortete Wolfgang mit einer Stimme, die uns fremd war. Er sagte eine Menge, aber da gab es etwas, was sich uns allen einprägte: „Ich habe nicht die Absicht, wertvolle  Zeit mit dem Schulquatsch zu verplempern. Papa, du musst endlich begreifen, auch Hitler sieht darin etwas Idiotisches, seinen Kopf mit etwas zu füllen, was man nicht richtig gebrauchen kann. 'Trainieren geht über Studieren!' sagt Hitler. Mit einem starken, gesunden Körper dienen wir unserem Vaterland am besten. Und dem Vaterland zu dienen, das ist das Allerwichtigste. Wusstest du das nicht, Papa. Einmal ganz ehrlich, hast du von alldem, was wir alle unbedingt wissen müssen, keine Ahnung?“

   Vater verbot Wolfgang, alle Aktivitäten der Hitler-Jugend mitzumachen: Geländelauf an Sonntagen, alle möglichen Sportarten mitten in der Woche, politische Schulung wöchentlich einen ganzen Nachmittag lang, Propagandaaufmärsche abends und vieles andere. Vater verbot das nicht, weil er gegen das System, die „Bewegung“, war. Vater meinte lediglich, dass der Sohn vor allem anderen seine Pflichten in der Schule und zu Hause erfüllen müsse, und damit basta! Niemand sollte wagen, Vater die Verantwortung für die Erziehung der Kinder aus der Hand zu nehmen.

   Da kamen sie, um Wolfgang zu holen. Immer zwei halbwüchsige Führer, nie einer allein. Anfangs klingelten sie an der Haustür und stellten sofort einen Fuß in die Tür, wenn diese geöffnet wurde. Deshalb passten wir auf, versuchten, sie rechtzeitig zu entdecken, und unterließen es, zur Tür zu gehen. Aber die Jungen wussten sich zu helfen. Sie gingen hintenherum, nahmen den ganz privaten Eingang durch Gartenpforte und die Waschküche, die den Tag über nie verschlossen war. So waren sie im Haus und verlangten Wolfgangs „Auslieferung“. Als handele es sich um eine Ware. Denn „ausliefern“ – das tut man mit Waren. Das sagte ich Mutter. Menschen liefert man nicht aus. Menschen können aus eigenem Willen gehen oder es sein lassen.

      Die jungen Hitler-Jugend-Führer schämten sich nicht, sich über Mutters Einwände lustig zu machen. Sie sprachen über ihren Kopf hinweg und nannten Wolfgang einen Waschlappen, ein Muttersöhnchen und ein Söhnilein; für so einen habe Hitler eigentlich keine Verwendung. Nach dieser Tirade war Wolfgang zusehends bereit, ihnen zu folgen.

   Es kam vor, dass Vater sehr böse wurde, wenn er bei seiner Heimkehr aus dem Büro Wolfgang nicht über seine Hausaufgaben gebeugt fand, weil er zum „Dienst“ bei der Hitler-Jugend war. Aus meiner Sicht war Vater besonders auf Mutter böse. Seiner Ansicht nach hätte sie ja leicht sowohl das eine als auch das andere verhindern können. Und dann geschah es, dass Mutter ihm ganz gegen ihre Gewohnheit mit scharfen Worten antwortete. Sie kritisierte ihn, dass er nicht anwesend sei, wenn man den Sohn abholte. Vater schiebe immer seine Arbeit vor. Jungen würden aber am besten von Männern erzogen. Ja, das sagte Mutter und vergaß nicht, darauf aufmerksam zu machen, dass er zu wenig mit  dem Sohn spreche, und wenn er es endlich tue, dann in einem zornigen und verletzenden Ton.

   Jedes Mal, wenn Wolfgang zum Dienst gegangen und seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, bestrafte ihn Vater mit Stubenarrest, der obligatorischen Strafe für Nachlässigkeit und Pflichtversäumnis. Eingesperrt und alleine mit sich selbst und seinen Gedanken, habe man genügend Zeit, um seine Verantwortung für sich selbst und die übrigen Familienmitglieder zu erkennen. Sagte Vater. Also saß Wolfgang in seinem Zimmer unter dem Dach, wo er auch seine Mahlzeiten einnahm. Und wenn die Zeit des Arrestes vorbei war, begegnete er uns mit stummer Verachtung. Dann kam die Zeit, in der Mutter sich Sorgen machte. Er fühlte sich nicht wohl. Er aß zu wenig. Er, der immer einen Riesenhunger hatte.

      Du musst mit ihm reden, hatte Mutter zu Vater gesagt. Aber jedes Wort erreichte Wolfgang wie ein Wassertropfen, der auf Öl fiel. Umgehend wurde er mit neuem Hausarrest bestraft, diesmal zwei Wochen lang. Da lief er eines Nachmittags weg, verschwand einfach, ohne zu sagen, wohin. Vater kam nach Hause, wurde ganz stumm und mahlte mit den Zähnen. Gegen Abend tat Vater, als ob er nicht auf Wolfgang warte, als ob ihm das ganze egal sei. Aber ich beobachtete Vater, seinen Blick zur Uhr und sein Starren in Richtung Gartenweg. Als es Nacht wurde, verschloss Vater alle Türen und Fenster, nur das Badefenster stand wie üblich einen Spalt breit offen. Die halbe Nacht wartete er auf die Heimkehr seines ungehorsamen Sohnes. Saß da in der Dunkelheit, bald wütend, bald sichtlich besorgt. Wenn er nur wohlbehalten nach Haus käme, dann wäre alles vergeben. Als Wolfgang kam und die Türen verschlossen fand, versuchte er, durch das Badezimmerfenster ins Haus zu kommen, indem er auf den Lattenzaun, der mit Kletterrosen ein Dach über unsere Rosenarkaden bildete, kletterte. Vater stand unter dem Fenster und nahm ihn in Empfang. Er wollte mit seinem Sohn sprechen. Aber Wolfgang wies ihn mit wenigen Worten zurück. Mit den Alten zu reden, sagte er, sei vergebliche Liebesmüh. Die Alten verstünden überhaupt nichts.

   Vor der Badewanne lag eine Badematte aus Holzleisten. Vater hatte sie selbst gemacht. Nun löste er mit einiger Kraftanstrengung eine Leiste und hob sie zum Schlag. Wolfgang stand aufrecht und sah Vater in die Augen.

   „Schlag nur!“ sagte er, „schlag mich tot, wenn es sein muss. Aber bis dahin mache ich, was ich für richtig halte!“

   Da verprügelte ihn Vater. Schlug auf ihn ein, als ob er sich mit den Schlägen frei machen wollte von seiner Machtlosigkeit, von seiner Ohnmacht dem Sohn gegenüber. Wolfgang verzog dabei keine Miene. Aber Mutter und ich, wir standen dabei und weinten.

 

   Es war an einem Nachmittag. Vater war zu Hause. Zwei Hitler-Jungen-Führer kamen forschen Schritts durch unseren Garten. Sie gingen nicht, nein, sie marschierten. Ihre Art, sich zu bewegen, signalisierte Macht und Stärke. Und die benötigten sie auch, sie kamen nämlich, um Wolfgang zu holen. Halbwegs ging Vater ihnen entgegen. Wie ein König, der Untertanen empfängt, versperrte er ihnen den Weg mit der ganzen Breite seines Körpers. Nur einen kleinen Augenblick sah es aus, als wollten sie Vater beiseite schieben. Oder befürchteten wir das nur? Vater sprach laut, als er sie darauf aufmerksam machte, dass dies hier sein Reich sei; hier bestimme er, wer Zugang habe und wer unerwünscht sei – und dies waren die beiden in  höchstem Grade. Hierüber  mussten die beiden Jungen grinsen, aber sie wurden sehr ernst, als sie Vater darüber belehrten, dass „Kinder und Jugendliche ja erzogen werden müssen, und dies können sie nur durch uns – 'Jugend erzieht Jugend' “.

   Eine Weile war Vater ganz stumm. Aber dann blitzte der Zorn aus seinen Augen, während er mit lauter Stimme sagte:

   „Was? Ihr wollt andere erziehen? Ihr, die ihr nicht trocken hinter den Ohren seid. Ihr, die ihr euch wie Rotzjungen benehmt? Ihr Flegel, ihr Grünschnäbel, bildet ihr euch wirklich ein, ihr könntet Kinder zu fertigen Menschen erziehen?“ Vater wartete die Antwort nicht ab. Er schnaubte verächtlich. Und dann schrie er „Raus!“ und noch einmal „Raus!“, während er auf die Gartentür wies. Aber die beiden  rührten sich nicht. Sie rührten sich nicht einen Zentimeter, auch nicht, als Vater sehr zornig und sehr, sehr laut rief, dass er keine Einmischung in die Erziehung seiner Kinder wünsche. Die Verantwortung für die Familie habe er - und nur er! 

   Die beiden Jugendlichen amüsierten sich sichtlich über Vaters Zornesausbruch. Aber dann legten sie plötzlich das Gesicht in sehr ernste Falten, während sie meinen Vater über das neue Gesetz belehrten [Gesetz über die Hitlerjugend vom 1. Dezember 1936]. Dieses wichtige Gesetz, das er längst kennen müsste. Denn dies lege das unbestreitbare Recht der Hitlerjugend fest, über die Aktivitäten der Kinder außerhalb der Schule zu bestimmen. Und diese Aktivitäten bestünden vor allem in Pflichterfüllung! In der  Pflicht, Führer, Volk und Vaterland zu dienen.

   „Jedes Kind über zehn Jahren habe seine Pflicht gegenüber dem Vaterland in den Reihen der Hitler-Jugend zu erfüllen. Und jeder Erwachsene, der entweder physisch oder psychisch ein Kind davon abhält, diese Pflicht zu erfüllen, macht sich als Volksfeind schuldig und kann entsprechend bestraft werden“.

   Als das gesagt war, nahmen sie unseren Wolfgang in die Mitte und führten ihn weg zur nachmittäglichen politischen Schulung. Die Nachbarn, die in ihren Gärten gestanden und zugehört hatten, waren nun plötzlich sehr beschäftigt mit ihrer Arbeit. Vater kniff die Lippen zusammen und verschwand im Haus, er, der sonst so viele seiner freien Stunden im Garten verbrachte. Den ganzen Abend wollte er nicht sprechen, auch nicht mit Mutter. Obwohl sie immerfort sagte: „Was habe ich gesagt! Aber du wolltest ja nicht hören. Du hast sogar gemeint, ich brauchte den Jungen nur Vernunft zu predigen und damit wäre alles in schönster Ordnung. Ja, was habe ich gesagt. Was habe ich gesagt!“  

   Vaters Zorn gegen das System beruhte nicht auf der Erkenntnis und der Furcht vor einer ungeheuerlichen Entwicklung, denn dazu hätten – wie er später sagte – weder seine Phantasie noch seine Visionen ausgereicht. Er reagierte, weil man dabei war, ihm die Verantwortung, zu der er sich verpflichtet und berechtigt fühlte, zu entziehen.

   Man war dabei, seinen Sohn zu verderben. Vor seinen Augen und in seiner unmittelbaren Nähe war man dabei, ein Kind umzumodeln, ohne dass er als Vater eingreifen konnte. Deshalb wollte er sich gegen eine Gefahr wehren, die im Verzug war. Eine Gefahr, die er für seine Familie kommen sah – nicht für sein Volk oder die Menschheit, wie sich später erweisen sollte. Oder wie so viele kluge Köpfe – lange Zeit, nachdem alles vorbei war – meinten, einer wie Vater hätte das richtig einschätzen und dagegen Widerstand leisten müssen. Die Probleme einer kleinen Familie mit ihrem aufsässigen Sohn mit dem Unglück eines Volkes, ja eines ganzen Kontinents in Beziehung zu setzen, das wäre Vater als Größenwahn vorgekommen.

   Allerdings begann mein Vater, genau hinzusehen und zu erkennen; Schritt für Schritt, Stufe um Stufe tat er das. Und da war es in der Regel jedes Mal zu spät zu reagieren. Das heißt, zu spät, wenn man leben und seine Angehörigen nicht gefährden wollte. Das übelste Prinzip aller nationalsozialistischen Prinzipien war das der „Sippenhaft“. Nicht nur der Einzelne, sondern die ganze Familie machte sich bei dem Vergehen einer Person gegen die Machthaber, gegen „Blut und Boden“ und das Vaterland – also gegen die „Sache“ – schuldig und verdienten Strafe. Vater erklärte mehr als einmal, dass er selbstverständlich Manns genug sei, die Folgen seiner Ansichten und Handlungen auf sich zu nehmen. Aber er werde es nie ertragen können, dass man ihn bestrafte, indem man Frauen und Kinder folterte, die Eltern einsperrte oder Schwestern und Brüder schikanierte, kurz gesagt, alle, die er so sehr liebte. Die „Sippenhaft“ war einer der stärksten Schutzwälle des nationalsozialistischen Regimes. Sie hatten sich teuflische Gehirne ausgedacht, und sie war gegen die gerichtet, die noch lieben konnten. Auf diese Weise wurde das Licht, wurde die Liebe eine Waffe des Bösen in einer Zeit, in der die Finsternis zu siegen schien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                            E i n   B i l d    d e s    E l t e r n h a u s e s

 

 

   In der letzten Klasse der Volksschule  - man war dreizehn, vierzehn Jahre alt – lernten die Schüler, ihren Lebenslauf  zu schreiben. Es war sehr notwendig, die wichtigsten Daten seines Lebens ordentlich zu Papier bringen zu können, denn diese Auskünfte wurden verlangt, wenn man sich um einen Arbeitsplatz oder eine Lehrstelle bewarb. Zusammen mit anderen Dokumenten bewahrte meine Mutter den Lebenslauf ihres dreizehnjährigen Sohnes ihr Leben lang auf. 

   Selbstverständlich erwähnte Wolfgang zunächst seinen Geburtstag und die Namen seiner Eltern. Aber alles, was er anschließend berichtet, betrifft ausschließlich seine Aktivitäten in der Hitler-Jugend - als ob es keine andere Seite seines Lebens gegeben hätte. Oder noch schlimmer: als ob dies die wichtigsten Auskünfte wären, die ein junger Mensch seiner Mitwelt geben musste, wenn er etwas werden wollte.

   Zu dieser Zeit sprach Vater mehr als je zuvor mit Wolfgang. Am Anfang des Gesprächs in der Regel liebevoll, eindringlich, fast bittend; am Ende aber immer böse. Einmal antwortete Wolfgang: „Pass auf, was du mir sagst. Eines schönen Tages bin ich hochrangiger Offizier, und dann musst du vor mir Haltung annehmen und mich ehrerbietig grüßen“. Aber als Wolfgang das sagte, lächelte er Vater an, als ob er sagen wollte, dass dies nur ein Scherz sei.

   Vater sah da aus, als wisse er nicht, ob er lachen oder weinen solle. Legte dann den Arm auf die Schulter des Sohnes, um zu sagen, dass der, der befehlen wolle, zuerst lernen müsse zu gehorchen. Wolfgang murmelte etwas davon, dass er die ganze Zeit nichts anderes getan habe als zu gehorchen. Das heißt, dem Führer -                 

 

                                                                     Freiheit das Ziel,

                                                                     Sieg das Panier,

                                                                     Führer befiehl’,

                                                                     wir folgen dir!“  

 

   Kinder und Jugendliche lernen leicht. Lieder wie dieses konnten wir im Schlaf. Man hörte sie ja immer und überall. Weshalb sich über Dinge wundern, die zum Alltag gehören? Weshalb an etwas zweifeln, was als reine Wahrheit bestätigt wird? Weshalb kostbare Zeit für unnötige Grübeleien verplempern? Die Räder, die einmal gänzlich still gestanden hatten, waren wieder in Gang gekommen. Auch hiervon sang man:

 

                                                             Auf hebt unsere  Fahnen

                                                              in den frischen Morgenwind,

                                                             lasst sie weh’n und mahnen,

                                                             die, die müßig sind. . . .

 

                                                             Soll’n Maschinen schaffend

                                                             Wieder ihre Räder dreh’n,

                                                             sollen deutsche Brüder

                                                              bessre Zeiten seh’n,

                                                             muss unser Streben

                                                             danach unermüdlich sein,

                                                             muss ein neues Leben

                                                             sie für uns befrei’n. . . .

 

   Wolfgang wusste jetzt alles besser und widersprach Vater ständig. Mutter behauptete, so sei das oft zwischen Vätern und Söhnen. Das Beste sei, wenn wir das alles nicht so ernst nähmen. Der Junge sei in den Flegeljahren, er werde schon noch vernünftiger werden. Vergaß sie dabei, dass Wolfgang sie allzu oft dazu gebracht hatte zu weinen?

   Wolfgang behauptete, Hitler hinter sich zu haben – niemand anders kümmere sich so voll und ganz um das Schicksal der Jugend wie unser Führer Adolf Hitler.

   Vater gab nicht auf. Er versuchte es mit Schlauheit, Liebe, Zorn oder Macht, um den Sohn zu Hause und bei den Schulbüchern zu halten. Es kam vor, dass er mich zum Treffpunkt der Hitler-Jugend schickte, um den Bruder nach Hause zu holen. Stets mit einer Begründung, die mit der Wahrheit wenig zu tun hatte. Vater, der immer gesagt hatte, dass man der Welt mit offener Stirn begegnen solle, brachte mir nun bei, sich zu ducken, indem man sich einer Lüge bediente. Als ich wieder einmal meinen Bruder nach Hause holen sollte, sagte der Hitler-Jugend-Führer zu mir: „Grüß den Alten und sag’ . . . !“

   Ich verstand nicht den Sinn des Wortes, überbrachte aber Vater den Gruß wortgetreu. Es muss eine grobe Antwort gewesen sein, denn er wurde zunächst bleich und anschließend wirklich rasend. Er wollte den HJ-Führer sofort aufsuchen. Doch glückte es Mutter, ihn zurückzuhalten, und das wunderte mich sehr.

   Einmal fuhr Wolfgang zusammen mit vielen anderen fröhlichen, aufgekratzten Jungen in ein Lager der Hitler-Jugend. Zunächst hatte man ihm die Teilnahme verweigert, weil er zu häufig den Dienst versäumt habe. Groß war also sein Glück, als er trotzdem wieder in Gnaden aufgenommen wurde und mitfahren durfte. Vater schenkte ihm zu unser aller Freude einen Tornister und die zu einem Lagerleben gehörende Ausrüstung. Ein paar Tage nach seiner Abreise erhielten wir die Nachricht, dass der Junge das Lager vorzeitig verlassen müsse, weil man ihn im Verdacht habe, Bakterienträger und -ausscheider zu sein. Ich weiß nicht mehr, ob es Typhus oder Diphtherie war. Als Wolfgang nach Hause gekommen war, verlangte man von der Familie, das Haus nicht zu verlassen und keinen Kontakt zu anderen zu haben. Dr. Erbach besuchte uns nur einmal, dann blieb er weg. Fremde Männer suchten uns in unserem Haus auf. Immer zu zweit oder dritt, nie nur alleine. Sie nahmen Blut-, Stuhl und Urinproben. Andere kamen, um mit uns zu sprechen und Fragen zu stellen. Die Antworten trugen sie in Listen ein. Nachdem sie gegangen waren, war Vater stets auf eine merkwürdige Weise schweigsam. Oft stand er nur da und starrte ins Leere. Anscheinend übersah er mich völlig und überhörte auch alle meine Fragen. Ich erinnere  mich nicht, wie lange das dauerte. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Endlich erhielten wir Bescheid: Alles war in Ordnung! Niemand war  Bakterienträger. Vater versuchte, der Sache nachzugehen. Das Resultat wagte er Mutter nur flüsternd mitzuteilen: Kein Mensch im Lager hatte Zeichen einer ansteckenden Krankheit aufgewiesen. Selbst bei Wolfgang hatten sich niemals Symptome gezeigt, die zu einer Entlassung aus dem Lager berechtigt hätten.

   Danach kam mir Vater verändert vor. Die Stimmung im Haus war friedlicher. Schüchtern fragte ich Mutter nach der Ursache. Mit meinen Augen gesehen, hatte sich eine erfreuliche Veränderung ergeben: Vater nörgelte nicht mehr, wenn Wolfgang zum Dienst in der Hitler-Jugend musste, er ließ ihn ohne weiteres gehen.

 

   Eines Tages belohnte die Hitler-Jugend Wolfgang für treue Dienste mit der Ernennung  zum „Hordenführer“, dem untersten Rang der Hierarchie der Hitler-Jugend-Führer. (Eine Horde war eine kleine Schar Jungen. Eigentlich benutzt man das Wort Horde für eine Gruppe wilder, ungebändigter, wohl auch unsympathischer Menschen). Nun war es Wolfgangs Aufgabe, sehr junge Menschen zu beeinflussen und in die „richtige“ Richtung zu lenken. Meiner Aufmerksamkeit entging nicht, dass mein großer Bruder Selbstvertrauen und Freude ausstrahlte. Vater musste ihm eine neue Uniformmütze kaufen. Die war schwarz und glich in der Form derjenigen der Soldaten. Vater fand sie überflüssig, aber Wolfgang sagte, die Mütze sei eine absolute Notwendigkeit. Doch eines Tages kam er ohne sie nach Hause, aber mit einem Meerschweinchen unter dem Arm, das er von einem anderen Jungen im Tausch gegen die Mütze erhalten hatte. Merkwürdig, sehr merkwürdig war, dass Vater ihn nicht ausschimpfte, sondern das Meerschweinchen auf den Arm nahm, es hätschelte und feststellte, dass es süß, zahm, fett und alt sei. Während die ganze Familie wegen eines Namens beratschlagte, gab das Meerschweinchen einen Laut von sich - „nuk, nuk“ – und so wurde dies sein Name. Wir entdeckten rasch, dass Nuk-Nuk nicht allein sein mochte. Es fraß nur mit einem Menschen oder einem anderen Tier an seiner Seite. Vater beseitigte also die Trennwand zwischen zwei Käfigen und ließ Nuk-Nuk mit einem Kaninchen zusammenleben. Das Meerschweinchen bekam immer besonders viel Stroh, denn es wollte sich gerne verstecken. Wolfgang trug Nuk-Nuk oft mit sich herum, und er konnte auf die Idee kommen, in dessen Käfig zu kriechen, wo er dann lag und es sich bei den Tieren gemütlich machte, als sei er noch ein Kind. Eines Tages wurde unser lieber Nuk-Nuk krank, und Vater konnte erkennen, dass das Tier starb. Er legte es in eine Pappschachtel auf ein paar weiche Lumpen, stellte sie auf eine Bank in der Waschküche und blieb dort die halbe Nacht bis zu Nuk-Nuks letztem Atemzug.

   Das allgemeine Ziel der Hitler-Jugend wurde mehr und mehr die vormilitärische Ausbildung. Wolfgang wurde eines Tages Mitglied der gerade ins Leben gerufenen Marineabteilung der Hitler-Jugend in Altona. Die Jungen hatten ein großes, altes Segelschiff zur Verfügung. Wolfgangs Begeisterung für diese „Freizeitbeschäftigung“ war grenzenlos.

   Wegen einer Hochzeit eines Freundes kam Göring ganz privat in unseren Stadtteil. An seinem Weg standen Hitler-Jungen Ehrenspalier, und Wolfgang war unter den Auserwählten. Darauf war er mächtig stolz. Er erzählte mir, dass ihn Göring mit „Hitler-Junge Wolfgang“ angesprochen und gefragt habe, wie es ihm gehe. Staunend lauschte ich der Erzählung meines Bruders, bis er sich sein Lachen nicht mehr verkneifen konnte. Es war doch allzu verrückt, dass ich diese Lügengeschichte glauben konnte.

   Du liebe Zeit – kleine Ruth, eine so hohe Person kennt doch meinen Namen nicht.

 

                                Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not

                                mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.

                                Unsere Fahne, die flattert uns voran.

                                Unsere Fahne ist die neue Zeit.

                                Unsere Fahne ist mehr als die Ewigkeit,

                                Unsere Fahne ist mehr als der Tod.

 

                                Jugend, Jugend, wir sind der Zukunft Soldaten.

                                Jugend, Jugend, Träger der kommenden Taten.

                                Deutschland, du sollst leuchtend stehen,

                                 mögen wir auch untergehen.

                                Jugend, Jugend, wir sind der Zukunft Soldaten.

                                Jugend, Jugend, Träger der kommenden Taten.

                                Ist das Ziel auch noch so hoch,

                                Jugend zwingt es doch!

                                Unsere Fahne usw. usw.

 

   Dies war nicht nur ein Lied, sondern das Lied selbst, der Jugend gewidmet. Es war die Pflicht jeden Kindes, alle Strophen auswendig zu können.

   „Jugend, Jugend, wir sind der Zukunft Soldaten“, die Melodie selbstverständlich im Marschtakt, unterstrich die jubelnde Freude und Bereitschaft, die die Botschaft des Liedes war. „Ist das Ziel auch noch so hoch, Jugend zwingt es doch!“ Eine Weile glaubte ich, dass mich dies alles nichts angehe, ich war ja nur ein Mädchen und würde niemals Soldat werden. Es wurden so viele Lieder gesungen. Die meisten handelten von Freiheit und Brot, aber auch vom Tod, von der Bereitschaft zum Opfertod für die Sache. Und ich wollte nicht sterben. Ich wollte leben, nur leben. Und ich wollte auch nicht kämpfen und auf andere schießen, wenn dies für die „Sache“ unbedingt notwendig sein sollte. Was dies alles betraf, würde man von mir nichts verlangen, denn ich war ja – was für ein Glück – nur ein Mädchen.

   Mehr als einmal hörte ich Goebbels im Radio sagen, dass das ganze deutsche Volk hinter Hitler stünde. Ich wusste im Geheimen, dass das eine Lügengeschichte war, denn es war kein Geheimnis, dass Hitler Hamburg nur äußerst ungern besuchte und noch weniger Altona, denn diese Städte seien nach wie vor einerseits durch die Sozialisten und andererseits von den Hanseaten geprägt – behauptete Tante Christine. Sie sagte im Übrigen viele erstaunliche Dinge, wenn sie auf Besuch bei Mutters Tante Ascher war.

   Aus dem Wort „Sozialist“ wurde ich nicht ganz klug. Hitlers Partei bestand aus Nationalsozialisten. Also waren auch diese Nazis Sozialisten, die für das Wohl der Armen kämpften. Die Straßenkämpfe gehörten der Vergangenheit an. Warum in aller Welt sollte Hitler sich fürchten, in unsere Stadt zu kommen? Fast alle hissten nun die Hakenkreuzfahne. Bei Hitlers Besuch in unserer Stadt verwandelten sich die Straßen in ein Meer von roten Hakenkreuzfahnen, und die Route des Führers wurde gesäumt von jubelnden, heil rufenden Menschen.

   Allerdings erzählte Vater unter vier Augen, dass Hitler bei solchen Besuchen in der Stadt aus Sicherheitsgründen eine schusssichere Weste und Mütze trage und dass es verboten sei, Blumen vor sein Auto zu werfen, wie ich es in einem Film aus einem anderen Land gesehen hatte, wo man dies anlässlich des Besuches einer Königin getan hatte. Hitler fürchtete, dass Bomben in den Sträußen versteckt sein könnten. Ob nun auch Vater anfing zu schwindeln? Denn wer würde wohl auf einen schießen oder eine Bombe werfen, der dem Volk von der Vorsehung geschenkt worden war?

   Wie auch immer, es war auf jeden Fall außerordentlich schwierig, all’ diese sich widersprechenden Aussagen mit dem Verstand zu erfassen. Vielleicht, weil man so klein und nicht besonders klug war.

 

   Groß waren meine Erwartungen damals, als Hitler sich schließlich zu einem Besuch unserer Stadt entschlossen hatte. Vater organisierte für uns einen Fensterplatz im 3. Stock eines Hauses, das an Hitlers Route lag. Die Wohnung war mir fremd, ich war niemals zuvor dort gewesen und kannte niemanden von den Menschen, denen sie gehörte oder von denen, die wie wir gekommen waren, um den Führer zu sehen. Das Zimmer hatte mehrere Fenster zur Straße hinaus. Anfangs klebten wir förmlich an den offenen Fenstern. Die Zeit verging, und der Führer kam nicht. Ich fragte ungeduldig, ob er denn nun nicht bald komme, und die Antwort war immer, ja, ja, er werde schon kommen. Einmal sagte ein Mann, dass der Führer von anderen wichtigen Dingen so in Anspruch genommen sei, dass er immer zu spät käme. Und ein anderer sagte, dass der Führer einen nie im Stich lasse.

   Die Zeit verstrich, ohne dass etwas geschah. Aus lauter Langeweile hatte ich Lust, einen Spaß zu machen und sagte: „Hitler kommt nicht, er legt euch rein wie immer“.

   Mit einem Mal wurde es im Zimmer still. Alle sahen Vater an, der zu meinem großen Schrecken bestürzt aussah. Niemand sagte etwas. Wenn sie nur schmunzelten, dachte ich, denn ich hatte ja nur einen Spaß machen wollen. Ich hatte einen Witz gemacht. Erwachsene sind auf diese Weise ja auch bisweilen witzig.

   Als man endlich wieder anfing zu reden – etwas bemüht und künstlich – sprach man über Allerweltsdinge. Mein Witz und Hitler wurden nicht mehr erwähnt. Ich wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Durch die offenen Fenster vernahm ich das eigenartige Geräusch Tausender wartender, leise sprechender Menschenstimmen auf der Straße.

   Aber plötzlich verstummte dieses Murmeln. Die Stille war genau so hörbar wie die zuvor, als ich mich blamiert hatte. Wir stürzten alle zu den Fenstern, irgendetwas war geschehen. Unten, mitten auf der Straße, dort, wo der Führer fahren sollte, ging ein Mann, dem man die Hände auf dem Rücken gefesselt hatte. Er ging erhobenen Hauptes. Vor ihm, neben und hinter ihm gingen Polizeibeamte.

   Ich fragte fast schreiend meinen Vater: „Was hat dieser Mann getan? Er sieht nicht wie ein Verbrecher aus!“ Vater antwortete nicht. Aufs Neue erfüllte eine besondere Stimmung den ganzen Raum. Und dann sagte ein älterer Herr:

   „Er hat vielleicht etwas Ähnliches gesagt wie du vor einer Weile.“

   Da wurde ich starr vor Schreck. Mein Herz begann zu hämmern, als wollte es zerspringen. Und während es noch bis hinauf zum Hals schlug, fragte ich, ob man wirklich wegen einer solchen lächerlichen Bagatelle verhaftet werden könne. Noch einmal verstummten alle. Dann kam einer zu mir, legte mir die Hand auf die Schulter und flüsterte:

   „Wegen viel weniger, mein Kind, wegen viel weniger“.

   Nach diesen Worten kroch die Zeit noch langsamer voran. Aber dann kam er! Aus Tausenden und Abertausenden Kehlen brauste ein „Heil! Heil! Heil!“ ohne Ende, immer wieder und immer wieder, Welle auf Welle zu uns hinauf. Wir alle stürzten erneut zu unserem Fensterplatz. Das Auto des Führers kam näher. Ich lehnte mich weit aus dem Fenster. Mutter packte mich mit beiden Händen, hielt mich mit festem Griff. Der Führer stand in einem offenen Wagen, während er das Volk auf seine Weise grüßte: Die rechte Hand hatte er nach hinten über seine Schulter erhoben, mit der anderen Hand hielt er sich am oberen Rand der Windschutzscheibe des Autos fest. Er sah geradeaus.

   Und dann schrie ich mit den anderen im Chor „Heil“. Schrie dieses Wort, solange der Führer zu sehen war. Und das Merkwürdigste war, dass ich beinahe davon überzeugt war, dass er – Hitler also, dieser Übermensch – mich sowohl gesehen als auch gehört hatte. Ja, ich meinte, dass ich hatte spüren  können, dass er, als sein Auto sich vor meinem Zuschauerplatz befand, seinen Kopf  gedreht und zu mir hinauf gesehen hatte –  mir so richtig in die Augen.

   Am Abend, als wir endlich zu Hause waren, versuchte ich, darüber zu sprechen. Aber Vater war nicht bereit, sich über meine Gefühle zu unterhalten. Er sagte nur:

   „Du musst lernen, dich in Acht zu nehmen, Jette. Vor allem musst du auf dein Mundwerk aufpassen, sonst bringst du uns alle an den Galgen“.

 

   Dann kam der Tag, an dem unsere Lehrerin Hoppe uns zu Beginn der Stunde mitteilte, dass niemand mehr Butterbrote für die hungernden Kinder in unserer Klasse mitbringen müsse: alle Väter hätten jetzt nämlich Arbeit. Und das hieß, dass niemand mehr zu hungern brauchte. Von dieser Minute an war unser Unterricht vergessen. Nun konnten viele nur noch von all dem Guten sprechen, was kommen werde: Eine richtige Wohnung mit einer Küche. Eine Reise zur Großmutter. Eine große Bettdecke für die kleine Schwester. Ein Bett für jedes Kind. Und Rollschuhe. Und eine Puppe. Und eine Mundharmonika für den Vater. Und einen neuen Wintermantel für Mutter. Die Wünsche waren vielfältig und der Glaube, dass sie eingelöst würden, augenfällig. Unser Fräulein Hoppe stand neben ihrem Pult, lächelte entspannt und genauso fröhlich wie wir. An diesen Tag erinnere ich mich als einen der schönsten für uns alle an dieser Schule. Aber mit zum Bild dieses sonnigen Tages gehört auch eine Beschreibung unserer Gedanken in diesem Zusammenhang: Zweifellos war das alles etwas, wofür wir Hitler danken konnten. Das dachten wir – und dies, meinten wir, hatten wir auch aus den Äußerungen unserer Lehrerin heraushören können. Wir meinten, hören zu können, wie sie uns mit klaren, einfachen Worten zu verstehen gab: „Wir können Hitler für diesen Fortschritt danken!“

   Wenn  ich mich an diesen Tag erinnere und an vieles, was zuvor geschehen war, und an unendlich vieles, was sich danach ereignen sollte, weiß ich ganz sicher, dass unsere Lehrerin uns niemals mit einem einzigen Wort oder einer Geste auf unsere Dankesschuld gegenüber Hitler hingewiesen hatte. Aber in unseren Kinderköpfen waren Hitler, sein Kampf und das Ende aller Not ein und dasselbe, wir konnten gar nicht anders denken. Wir waren schon dabei, in Schablonen zu denken. Ein paar Signale riefen in unseren Herzen und Hirnen Bilder hervor, die den Machthabern gefallen mussten. Fräulein Hoppe hatte Hitler mit keinem Wort erwähnt. Trotzdem meinten wir, sie sagen zu hören: Erinnert euch, wie tüchtig unser Führer ist. Dank Hitler ist alle Not vorüber, es gibt sie nur noch als Erinnerung.

   Wenn das kein Erfolg staatlicher Manipulation, Propaganda und Gehirnwäsche ist!

 

   Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, erinnere ich mich an die euphorische Freude der Kinder und an die sichtbare, stille Dankbarkeit der Lehrerin. Die Zeit war vorbei, während der wir jeden Morgen armen und notleidenden Kindern begegneten. Am stärksten aber ist – so viele Jahre später – die Erinnerung an die Gedanken der Kinder, an Worte der Lehrerin, die niemals gesagt worden sind. Denn das – so meine ich – ist doch das Allerwichtigste, was keinesfalls vergessen werden darf.

   Sich zu erinnern, kann so vieles sein. Vergangenheit durch Erzählung wieder zu beleben, ist nur subjektiv möglich. Jeder hat sein eigenes Bild von den Geschehnissen. Es heißt, der große Abstand verwische die Konturen. Ich glaube aber, dass gerade eine gewisse Entfernung dem Erinnerungsbild Weite und Klarheit verleiht. So, wie ein Blick von einem Berg einen gewissen Rundblick ermöglicht. Aber jeder, der eine Bergwanderung macht, sollte wissen, dass mit jedem Schritt die Luft da oben dünner wird, der Weg steiniger und der Wind kälter. Einsam auf dem Gipfel des Berges, kann es geschehen, dass die Sehnsucht nach einem kleinen, begrenzten Raum wach wird. Das Haus da unten im Tal und meine Stadt sind etwas, was ich von Grund auf kenne, und das gibt mir Wärme und Geborgenheit.  Deshalb wende ich mich um und sehe zurück, blicke hinunter ins Tal, sehe das Ganze, wo ich zuvor nur Details habe wahrnehmen können. Mein Haus ist nur ein kleiner Punkt. Aber weil ich jeden Stein kenne, jeden Winkel, wird auch mein Haus von hier aus deutlich sichtbar. Wie ein Adler, der aus der Höhe eine kleine Maus ausmachen kann, vermag ich mit meinem inneren Auge mein Haus hervorzuholen und es groß und sichtbar zu machen, wo immer ich mich auch befinde. Aber das Tal in seiner Gesamtheit kann ich nur aus der Höhe überblicken, und von ihr aus erkenne ich die Zusammenhänge. Aus der Höhe sehe ich, wie sehr sich der Fluss krümmen muss, um weiter fließen zu können. Da unten glaubte ich tatsächlich, er fließe nahezu geradeaus. Aus der Höhe gesehen, wird mir bewusst, dass sich auch die Wege winden – von Hof zu Hof. Hier war der Mensch der Erste. Dann kam der Hof und danach der Weg, der den einen Hof mit dem anderen verbindet. Denn der Mensch kann nicht alleine sein.

   Immer,  wenn ich von meinem hohen Berg genügend gesehen habe, werde ich versuchen, in mein Tal zurückzukehren, zum Nahen, Wohlbekannten. Erinnerungen sind auch eine Heimfahrt, obwohl der Weg schwer zu finden sein kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                         A u s s o n d e r u n g

 

 

„Jeder hat in Deutschland mitzureden: Der Jude, der Franzose, der Völkerbund, das Weltgewissen und weiß der Teufel wer. Nur der deutsche Arbeiter nicht, er muss kuschen und arbeiten. Wir haben das Recht zu verlangen, dass in Deutschland nur mitredet, wer als Deutscher in diesem Staat mitschafft und dessen Schicksal dem des Vaterlandes auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet ist. Darum fordern wir: Vernichtung des Systems der Ausbeutung, her mit dem deutschen Arbeiterstaat, Deutschland den Deutschen!“

 

                                                                                       Propagandaminister Joseph Goebbels

 

 

   Mutters Tante Maria wohnte auch in Altona. Um sie besuchen zu können, mussten wir vom Bahnhof Othmarschen ein paar Stationen mit der S-Bahn fahren. Ich lernte sehr zeitig die Namen der Stationen der Reihenfolge nach auswendig. Üblicherweise stiegen  wir an der Station Holstenstraße aus; der Weg von dort bis zum Haus der Tante war nicht weit, und ich mochte diese Tour. Meine Mutter war mit  ihrer Tante Ascher sehr verbunden, die beiden hatten nicht nur die Familie, sondern auch das Elternhaus gemeinsam. Während Mutters Kindheit war die Tante mit ihren beiden Kindern oft nach Hohn gekommen, in das Dorf ihrer Kindheit, um dort vom Alltag auszuspannen, wo alles wohlbekannt war und wo sie noch die meisten aus alter Gewohnheit beim Mädchennamen nannten. Sie war mit einem Juden verheiratet. Die Ehe war – für uns alle deutlich – von Liebe und Harmonie geprägt.  Dass das Zusammenleben der beiden eine große Portion guten Willen, Anpassung, Umstellung und viel Toleranz erfordert haben muss, das habe ich erst im Nachhinein begreifen können.

   Maria hatte ihren christlichen Glauben behalten; er ging in die Synagoge, solange es sie gab. Ich weiß nicht, in welchem Glauben sie die Kinder erzogen, seit 1933 habe ich sie nicht mehr gesehen. Der Sohn war als Nicht-Arier übel angesehen und besaß überdies die Frechheit, eine völlig falsche politische Anschauung zu haben, die er – und das war wohl das Schlimmste – in Schrift und Rede zu erkennen gegeben hatte. Er musste, wenn er überleben wollte, rasch „unter die Erde gehen“. Ein Besuch bei seinen Eltern war mit Lebensgefahr verbunden. Die Gestapo würde sofort auftauchen, denn „nette“ Nachbarn hatten ein Auge drauf, wer in dem Haus des Juden ein- und ausging.

   Ich sprach meinen Onkel und meine Tante mit „Sie“ an, das tat man damals oft auch bei nahen Verwandten, insbesondere wenn sie als Respektpersonen galten. Der Onkel besaß große Mietshäuser, die Familie selbst aber bewohnte das unansehnlichste, denn dies hätte die geringsten Mieteinnahmen eingebracht. „Man muss genügsam sein, wenn man seiner Nachkommenschaft eine sichere Zukunft schaffen möchte und der Ausbildung und Erziehung der Kinder Priorität einräumt. Und Genügsamkeit macht einen stark gegen Missgeschick“. Das waren Onkel Aschers oft zitierte Worte.

   Onkel Aschers Steckenpferd war die deutsche Geschichte. Er liebte sein Land und empfand es als Manko, in der eigenen Geschichte nicht Bescheid zu wissen, die so manches in der Gegenwart erklären und einen Fingerzeig für zukünftige Entwicklung geben könne. Ja, das sagte er als eine Art Entschuldigung, bevor er begann, uns Kinder über historische Ereignisse auszufragen. Ich war wegen meines Alters glücklicherweise davon ausgenommen, dachte ich jedenfalls. Musste aber erleben, dass er mir etwas erzählte, um sich beim nächsten Besuch zu erkundigen, ob ich mich noch daran erinnern könne. Ich begriff rasch, dass er es sicherlich gut meine, aber eben mit Kindern nicht umgehen könne. Wenn ich gut gewesen war und ein paar richtige Antworten gegeben hatte, fühlte er sich verpflichtet, mich zu belohnen. Und weil ich mich bei etwas angestrengt hatte, was mich nicht interessierte, meinte er wahrscheinlich, dass er mir auch etwas geben müsse, wozu er eigentlich am wenigsten Lust hatte: Er spielte eine Weile mit mir, obwohl er sich absolut nicht für Kinder interessierte, jedenfalls nicht auf diese Weise. Oft stellte er zwei Lehnstühle zu einem „Schiff“ zusammen, in dem wir Platz nahmen, er  - selbstverständlich – als Kapitän. Und dann gab er Geräusche von sich, die einer Schiffssirene ähneln sollten, und dann rief er: „Nun fahren wir nach Amerika!“ Und ich musste mich sehr anstrengen zu tun, als ob es mir Spaß machte. Das Gute für uns beide war, dass das Spiel nicht lange dauerte und dass wir zufrieden sein konnten, denn wir hatten ja – so glaubten wir – etwas zur Freude des anderen getan.

   In Aschers Haus war es üblich, dass die Kinder nicht zusammen mit den Erwachsenen aßen. Ich glaube, ich aß in der Küche, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Dagegen entsinne ich mich sehr gut an den Platz in der Ecke am Fenster, den man mir angewiesen hatte, während die anderen um den Tisch herum oder in der Sofaecke saßen, um sich zu unterhalten. Es gab nichts, womit ich mich hätte ablenken und beschäftigen können, denn als Aussicht hatte ich im Sommer die grüne Krone eines großen Baumes und im Winter dessen nackten Zweige und das Dach eines darunter liegenden Schuppens. In diesem Fall kann man nichts anderes tun, als die Erwachsenen zu beobachten und ihren Gesprächen zuzuhören, obwohl die oft rätselhaft waren. Es kam vor, dass Mutter und Tante Ascher hinausgingen, und wenn sie wieder reinkamen, konnte ich sehen, dass Tante Ascher geweint hatte. Am liebsten hatte ich die Stunden, in denen Tante Christine zu Besuch war. Sie war die Frau von Marias Bruder. Zunächst fiel mir vor allem ihr feuerrotes Haar auf, das in dichten „Negerlocken“ ihren Kopf bedeckte. Ich bezweifelte, dass das alles Haare  waren. Ob sie wohl etwas unter die Frisur gestopft hatte? In Gedanken stocherte ich mit einer Stricknadel in ihren Haaren, um zu untersuchen, wie diese gigantische üppige Mähne entstehen konnte. Es war diese Tante Christine, die bei Opas Beerdigung auf uns Kinder hatte aufpassen sollen, sich aber statt dessen weinend in eine Ecke setzte, so dass Wolfgang und ich zum Friedhof entkommen konnten. Aber nun entdeckte ich, dass sie Grübchen hatte und wirklich viel lachte. Ihrer Ansicht nach war die Angst der Leute vor Hitler unbegründet. Und unter Lachen äußerte sie, dass „der Kerl“ nicht lange an der Macht bleiben werde. Unmittelbar nach den Olympischen Spielen seien Hitlers Tage gezählt. Diese große internationale Sportveranstaltung werde nämlich für Hitler zu einem Fiasko werden. Die Sportler würden ausbleiben. Die ganze Welt werde Hitler den Rücken kehren. Denn wie er die Juden behandele – sie durften nicht einmal Mitglied eines Sportvereins sein – so etwas dürfe man sich nicht erlauben – sagte Tante Christine.

   Aber Tante Christines Weissagung ging nicht in Erfüllung. Die Olympischen Spiele 1936 wurden ein Riesenerfolg für Hitler und damit wohl auch für Deutschland. Für mich erkennbar veränderte sich da etwas nicht zum Guten. Unsere Besuche bei Aschers liefen bald auch anders ab. Früher konnte es geschehen, dass Mutter auf dem Weg zu Aschers Haus stets mit wohlbekannten Ermahnungen kam wie „Denk endlich dran, du darfst nur etwas sagen, wenn du gefragt wirst. Und du sollst im Treppenhaus nicht rumtrampeln, denn Aschers sind Kinderlärm nicht mehr gewöhnt“. Nun aber forderte sie mich tatsächlich auf, sehr laut zu sprechen, während wir im Treppenhaus seien. Und noch lauter, wenn wir vor der Tür stünden und geklingelt hätten. Und wenn ich erstaunt fragte, warum, ja, dann gab mir Mutter die sonderbare Antwort: „Dann wissen die da drin, dass es nur wir sind, die kommen“. Ja – aber – dachte ich, das erfahren sie doch rechtzeitig, wenn sie die Tür öffnen und uns da stehen sehen.

   Fragte ich nach den Kindern, antwortete Tante mir immer, dass „Theo in der Stadt“ und „Dora auf Reisen“ sei, und ich war sehr erstaunt darüber, dass die beiden jungen Menschen keine Lust hatten, bei ihren Eltern und in deren gemütlicher Wohnung zu sein. Einmal hörte ich jemanden flüstern, dass Theo sich bald bei dem einen, bald bei dem anderen Freund versteckt halte und dass er bei Fischern als Gehilfe, aber auch Steuerberater arbeite. Und jedes Mal, wenn die Erwachsenen meine Anwesenheit bemerkten, hörten sie auf zu sprechen oder wechselten das Thema. Ein derartiges Benehmen lässt ein Kind aufhorchen. Es nutzte nicht zu fragen, obwohl ich brennend gerne gewusst hätte, warum Aschers Sohn und Tochter auf so geheimnisvolle Weise wegblieben. Keiner meinte, sich darauf verlassen zu können, dass ich mein Wissen für mich behielte. Vater hatte ja gesagt, dass ich eines schönen Tages mit meinem Mundwerk die ganze Familie an den Galgen bringen würde. Und wenn Vater das sagte, dann wird das schon stimmen.

   Und dann kam die Zeit, in der Onkel Ascher bei unseren Besuchen nicht mehr anwesend war. Er war zwar in der Wohnung, aber er wollte nicht mehr mit uns zusammen in der Wohnstube sitzen. Ich war sehr traurig darüber, denn ich glaubte, es sei wegen des einen oder anderen Fehlers, den wir gemacht hätten. Wir waren ja nicht so wohlhabend. Und vielleicht  hatte ich mich vielleicht völlig falsch verhalten. Er hatte wohl gemerkt, wie wenig ich mir aus seinen eigenartigen Spielen machte. Ich fragte die Tante, aber die wandte mir nur den Rücken zu und verließ das Zimmer, während ich ihr von Raum zu Raum folgte. Ich wollte eine Erklärung haben, wollte wissen, was ich falsch gemacht hatte, um es wieder gutmachen zu können. Da wandte sie mir ihr Gesicht zu, setzte sich auf einen Stuhl und erklärte eindringlich und klar und mit sehr ernster Stimme:

   Sie seien schon lange nicht mehr reich, im Gegenteil, man habe ihnen alles weggenommen – auch die Erlaubnis, ein Geschäft betreiben zu dürfen. Als Jude müsse Onkel Ascher auf der Straße einen Judenstern tragen, und als Jude dürfe er  nur den Rinnstein benutzen. Er sei zu stolz für eine solche Behandlung. Er gehe nicht mehr aus. Er fühle sich schwer verletzt und habe sich deshalb zurückgezogen. Er wolle mit seiner Gegenwart andere nicht in Verlegenheit bringen. Und dann vertraute sie mir auch an, dass das Herz des Onkels vor Angst und Kummer krank geworden sei. Und dass sie beide ständig Angst hätten. Einfach nur Angst. Von früh bis spät und von spät bis früh.

   Wie aus Stein gemeißelt, haben sich ein paar Bilder scharf in mein Gedächtnis eingeprägt: So der Sonntag, als Mutter einen Besuch bei Aschers vorschlug. Vater begann, sich zu räuspern, als ob er eine Rede halten wolle, aber nicht die richtigen Worte finden könne. Dann kam es endlich in kurzen Sätzen: sein Chef hatte ihn zu sich gerufen und ihn gewarnt – der Umgang mit einem Juden könne für einen Polizeibeamten ernste Folgen haben.

   Ich sah, dass Vater dies alles peinlich war, das konnte er nicht verbergen.

   „Als Versorger bin ich gezwungen, den Wünschen meines Vorgesetzten nachzukommen und seine Warnung ernst zu nehmen. Ich kann nicht tun, was ich am liebsten täte. Kann nicht. Darf nicht. Wage nicht“.

   Und dann kam er wieder mit der später allzu oft benutzten Erklärung: „Ich muss ja auf euch Rücksicht nehmen!“

   Das veranlasste mich, etwas tiefer nachzudenken: Wieso war da ein Zusammenhang zwischen Vaters Arbeitsplatz und dem Haus der Familie Ascher?  Wie und warum können Vaters Einkommensmöglichkeiten gefährdet sein, wenn man Menschen besucht, die so fein sind, dass man sich in ihrer Gegenwart ordentlich benehmen muss. Das war mir unbegreiflich. Bin ich dümmer als je zuvor, oder ist die Welt dabei, verrückt zu werden?

   Vater bewegte sich nicht. Seine beiden Hände und Unterarme lagen sonderbar kraftlos auf dem Tisch. Er pflegte sonst immer seine Aussagen mit Armbewegungen zu unterstreichen; und wenn er sehr aufgeregt war, redete er mit dem ganzen Körper. Nun saß er nur da, resigniert, vielleicht schämte er sich auch ein wenig.  

   Mutter hatte Vater stehend zugehört. Sie antwortete ihm mit keinem Wort. Sah ihn nur an. Und dann – ganz spontan – drehte sie sich auf dem Absatz um und ging – nein, sie marschierte – mit raschen Schritten aus der Küche. Dann hörten wir sie über uns im ersten Stockwerk rumoren. Als sie wieder runter kam, merkten wir sofort, dass sie ihre Ausgehkleidung angezogen hatte: den neuesten Mantel, Hut und Handschuhe und die Tasche über dem Arm.

   „Ich besuche Ascher“, sagte sie.

   Mutter war immer eigensinnig und konsequent. Niemand hat je bestimmen können, wen sie als Freund oder Feind empfand. Niemand würde ihr je verbieten können, die Menschen zu besuchen, die sie liebte.

   Vater nickte zustimmend. „In Ordnung, aber nimm unbedingt Jette mit!“ 

 

   Und nach einiger Zeit – ich weiß nicht mehr, wann es war – wurden wir eines Tages sehr zeitig durch heftiges Läuten an der Haustür geweckt. Vater war der erste, der erschrocken aus dem Bett sprang, um aus dem Schlafzimmerfenster, das direkt über der Haustür lag, zu sehen. „O, mein Gott, es ist Maria Ascher!“ rief er und sprang sofort barfuß und noch im Nachthemd die Treppe hinunter, um sie hereinzulassen. Er riss die Tür auf und zog Maria Ascher hinein. Er legte den Arm um sie, und sie begann zu weinen, und Vater wiegte sie vor und zurück - wie  ein Kind, das man trösten will. Ich stand daneben, starrte auf Vaters nackte Füße auf dem kalten Marmorboden. Noch halb im Schlaf, zeigte sich Wolfgang auf der Treppe und fragte, was geschehen sei.   

   „Die haben Ascher geholt!“

   Aber da machte sich die Tante aus Vaters Armen frei, sah etwas verwundert auf uns und sagte mehrmals: „Nein, noch nicht, noch nicht“. Dann erzählte sie mit sehr, sehr leiser Stimme: Dass der Onkel sich ein Versteck auf dem Boden einrichte. Ihr wisst ja, er ist so ruhelos und ängstlich und hält es manchmal in der Wohnung nicht mehr aus.  Beim Aufräumen hatte er eine uralte, unbrauchbare Pistole gefunden. Ein Jude durfte keine Waffe besitzen, darüber waren sich die beiden alten Menschen im klaren, und so beratschlagten sie, mussten einen Ausweg finden; nun galt es, klug zu handeln, um sich nicht noch mehr in Gefahr zu bringen. Maria hatte die Idee, bei Einbruch der Dunkelheit in die Stadt zu gehen. Dort konnte sie die Pistole in ein Gewässer oder durch ein Gullygitter werfen. Du liebe Zeit, es ist wohl das Leichteste auf der Welt, einen so kleinen, bedeutungslosen Gegenstand loszuwerden. Aber als sie draußen war mit der gut verborgenen Pistole in der Tasche, hatte sie das Gefühl, dass überall Augen waren. Argwöhnische, feindliche Blicke aus jedem Fenster, jeder Tür, jeder Ecke hatte sie auf sich gerichtet gefühlt.

   Wenn sie sich umsah, war da niemand. Selbstverständlich war da keiner. Alle in der Stadt schliefen mit gutem Gewissen. „Die Leute schlafen, Emil, ohne zu ahnen, wie wir leben müssen“.   

   Draußen in der Stadt wagte sie nicht, die Pistole aus der Tasche zu nehmen. In ihrer Ohnmacht begann sie zu beten: „Gott, hilf mir aus meiner Not! Hilf uns aus unserer Not!“

   Plötzlich kam sie in ihren Gedanken auf uns da draußen in Groß Flottbek. Ein Polizeibeamter, der könne vielleicht helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Bei diesem Gedanken beruhigte sich Maria Ascher etwas. So wanderte sie die ganze Nacht lang durch die Straßen der Stadt. Es wäre unklug gewesen, mit der Pistole in der Tasche nach Hause zurückzukehren. Die Gestapo beobachte oft das Haus, hatte Theo berichtet.

   „Emil, hilf uns! Sag, was ich tun muss, um uns nicht noch mehr in Gefahr zu bringen“.

   Da begann mein Vater zu lächeln, und dann sagte er: „Gott sei Dank ist es nicht mehr, das werde ich schon in Ordnung bringen. Die Pistole liefere ich als Fundstück ab“.

   Und alles nahm seinen Lauf. Die Kinder sangen auf der Straße:

 

                                          Schmeißt sie raus, die ganze Judenbande.

                                          Schmeißt sie raus aus unsrem Vaterlande.

                                          Schmeißt sie raus! Wo bringen wir sie denn hin?

                                          Wir bringen sie nach Jerusalem, wo alle Juden sind.

 

   Ich sang nicht mit, obwohl es immer besonders leicht ist, mit anderen im Chor zu brüllen. Zu dieser Zeit hörte ich zum ersten Male auch den Text eines anderen Liedes. Ich beachtete ihn eigentlich nur deshalb, weil man mir gesagt hatte – und das mit ernster Miene – dass das Lied verboten sei! Es heißt in ihm, dass die Gedanken immer frei seien, weil sie nicht gefesselt werden könnten. Und damit passte der Text gut zu Vaters Ansicht, dass wir immer – bis zu einem gewissen Grad – uns durch Aktivierung unserer Gedankentätigkeit wehren könnten. Oft ermahnte er uns zu denken – am besten im stillen Kämmerlein.

   Aber im Lauf der Zeit merkte ich, dass meine Gedanken im Kreis liefen oder an Hindernisse stießen. Hätte ich mich nur getraut, mit einem älteren oder erfahrenen Menschen zu sprechen, dann hätte ich vielleicht die befreiende Erklärung erhalten, dass meine unklaren Gedanken nicht auf Dummheit beruhten, sondern auf dem zielgerichteten Streben der Machthaber nach Gleichschaltung. Diktatoren wollen keine nachdenklichen Untertanen. Sie wissen, dass Gedanken mit Scheuklappen versehen werden können, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Wenn die Scheuklappen um einen jungen Menschen in Gleichschaltung, Einförmigkeit und Einheit um jeden Preis bestehen, versperren sie die Aussicht. Gedanken können sich nur frei entfalten auf einem Plateau, das frei daliegt, Tiefe zulässt und Platz für Breite hat. Auf einem solchen Plateau bilden sich Gedanken, die Einsicht vermitteln, wenn sie genügend Licht und Nahrung erhalten. Aber meine Gedanken begannen zusammenzuschrumpfen. Auf  unerklärliche Weise (nicht einmal das konnte ich durchdenken und mir damit klarmachen) wurden meine Gedanken unbeholfen. Und trotzdem. Ich weiß, dass ich mich mit merkwürdigen Fragen herumschlug, ohne eine Antwort finden zu können. Mit welchem Recht und warum verfolgen die Machthaber und deren Helfershelfer Menschen wie Ascher? Die offiziell angegebenen Gründe konnte ich nicht anerkennen, denn all’ die gemeinen Beschreibungen von Juden passten nicht auf meinen Onkel oder die anderen Juden, die ich kannte.

   Ich grübelte, suchte Erklärungen, weil es die ja geben musste. Ohne Grund setzt ein Machthaber nicht eine so große und bis ins kleinste Detail gehende Verfolgung ganz normaler Menschen in Gang. Ich wollte so gerne Klarheit haben über diese so wichtige Angelegenheit. Aber wie kann man in einem abgesperrten, nebligen Raum klar sehen?

   Nimm Jette unbedingt mit, hatte Vater gesagt, als wir Aschers, die Ausgesonderten, besuchen wollten und er nicht gewagt hatte mitzukommen. Er wusste, was er mit dieser Aufforderung tat. Ich hatte das Gefühl, dass er es besonders jetzt mit mir gut meine, obwohl er mich zu etwas zwang, was mir unangenehm war. Das Schicksal dieser Familie trug dazu bei, dass mein Blick nicht durch Scheuklappen getrübt wurde. Eine Tür war geöffnet worden. Zunächst nur einen Spalt breit und mir ganz unbewusst. Aber die Hauptsache war, dass sie offen war, und das so weit, dass sie nie wieder geschlossen werden konnte. Durch die Öffnung dieser Tür wurde es mir immer mehr möglich, die Welt nach anderen Maßstäben zu beurteilen als den von den Machthabern zugelassenen. Obwohl unser Land sich mehr und mehr abkapselte, sichtbare und unsichtbare Mauern errichtete.

   Ich wurde Zeuge, indem ich in Aschers Wohnzimmer saß. Nicht mitten im Zimmer am Tisch zusammen mit den Erwachsenen, sondern etwas abseits am Fenster, das zum Hinterhof hin lag. Ohne Möglichkeit eines Zeitvertreibs oder einer Zerstreuung war es leicht, das Unglück und die Sorge, die sich wie schwere Wolken über dieses Haus gelegt hatten, wahrzunehmen. Nach einem solchen Besuch war es schön, nach Hause zu kommen. Hier wartete Jakob, mein Wellensittich, auf mich. Beim Spielen mit diesem lustigen Gefährten konnte ich manches vergessen, was nicht zu meiner Welt gehörte. Vergessen konnte ich auch während des Unterrichts oder wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen war, denn Aschers, die Ausgestoßenen, wurden hier nicht erwähnt, und es wurde niemals verlangt, dass ich etwas von ihrem Schicksal erzählte.    

   Am Ende wurde dieser Wechsel zwischen Sorge und Freude, zwischen Wissen und Vergessen eine Gewohnheitssache, die zu meinem Kindsein gehörte und deshalb als etwas Natürliches und Unabwendbares akzeptiert wurde.

 

 

                                                                      M e t a

 

 

   Sie war das Abenteuer in meinem Kinderland. In meinen Augen. In Vaters Augen war sie das Mädchen, mit dem ich nicht spielen durfte. Es half nichts, ihm von all den unermesslich guten Eigenschaften Metas zu erzählen. Sie war groß und stark, aber sie schlug nie einen Kleineren. Sie foppte niemanden, war überhaupt zu allen freundlich. Doch konnte es passieren, dass sie einem Lehrer gegenüber vorwitzig war, allerdings nur, wenn sie der Ansicht war, dazu berechtigt zu sein. Nein, alle meine Argumente hatten keinen Erfolg. Vater blieb hart wie Stein. Meta durfte unser Haus nicht betreten.

  Einmal – es herrschte Frost; Erde und Sand wirbelten über den Schulhof – standen wir beide auf der Eisenplatte, die über dem Schacht eines Kellerfensters lag. Der Rektor hatte sein Büro gerade über uns im ersten Stock, aber das vergaßen wir eine Weile. Die Eisenplatte war nämlich mit winzigen Steinchen bedeckt. Wenn man auf der Platte in gleichmäßigem Rhythmus herumhopste, tanzten die Steine im selben Takt dazu. Das war komisch. Wir hopsten, lachten und schrieen und konnten den Rektor deshalb weder hören noch sehen, der mit seinem ganzen Oberköper zum Fenster herausging und rief und schrie und – mit beiden Armen fuchtelnd – Ruhe für seine Arbeit forderte. Die anderen Kinder machten uns auf ihn aufmerksam. Aber da war der Rektor schon so wütend, dass er uns hinauf in sein Büro befahl – und das sofort. Dorthin befohlen zu werden, war zumeist eine unangenehme Angelegenheit. Doch glücklicherweise hatte ich ein gutes Gewissen. Groß war somit mein Erstaunen, als er  - ohne ein Wort zu sagen – einen Rohrstock hervorholte. Wollte er uns wirklich schlagen? Und weswegen?

   Er war sichtlich böse. Sein Gesicht zitterte, der Spitzbart wippte im selben Takt. Und dann fing er an, den Stock durch die Luft pfeifen zu lassen Mit einem Schrecken ohne gleichen wurde mir klar, dass er die Absicht hatte, uns zu schlagen! Uns eine richtige Tracht Prügel verabreichen wollte. Mit einem Rohrstock. Als ob wir Jungen wären.

   Ich wollte das schnell hinter mich bringen und beugte mich deshalb runter – den Hintern  ihm zugedreht. Aus unerklärlichen Gründen verstärkte das seine Raserei.

   „Die Hände vor!“ fauchte er. Und als wir die Hände vorstreckten, die Handrücken nach oben, wie wir das immer getan hatten, wenn unsere Lehrerin kontrollieren wollte, ob unsere Finger sauber seien, verlor er die Besinnung. Hörbar zog er Luft durch die Nase ein, als ob ihm das Kühlung verschaffte, während er unsere Hände nahm und sie umdrehte, die Innenseite nach oben. Und dann hob er den Stock zum ersten Schlag. Unsere Hände waren kalt. Man fühlte den Schlag wie einen Messerstich. Doch begnügte er sich weder mit einem Hieb noch mit einem zweiten.

   In der folgenden Stunde unterrichtete uns Herr Hatje in Rechnen. Er galt als streng und gerecht. Ich versuchte, meine Hände zu verbergen. Schämte mich entsetzlich, eine so erniedrigende Strafe erhalten zu haben. Meta dagegen hielt die Hand dicht über den Behälter des Tintenfasses, der aus Blei war. Ab und zu rubbelte sie ihre Hand, die anschwoll und die Farbe zum Bläulich-Grünen wechselte. Dieser Tipp stammte von ihrem Bruder, der in der Schule viel Prügel bekommen hatte. Nachdem die Rechenstunde zu Ende war, ging sie zu Lehrer Hatje, zeigte ihm die Hand und bat mit kläglicher Stimme, nach Hause gehen zu dürfen, weil sie ärztliche Hilfe brauche.

   Ach du liebe Zeit, wie war unser Lehrer da erschrocken. Ungläubig hörte er sich Metas Bericht an, der häufig von Schniefen oder Seufzen unterbrochen wurde. Als das geschafft war, sagte sie – während sie noch einmal aufschluchzte – dass ihr das fast gar nichts ausmache, dafür aber umso mehr der kleinen Ruth. Die sei nämlich nicht gewohnt, verprügelt zu werden.

   Es war, als ob die Zeit und mit ihr der Lehrer stockten. Herr Hatje stand da und sah komisch aus. Aber dann drehte er sich plötzlich um, eilte aus der Klasse heraus und hin zum Büro des Rektors. Sein offener Kittel flatterte hinter ihm. Wir kannten die Zeichen, sie verhießen nichts Gutes: Jetzt war Herr Hatje wütend.

   Wieder wurden wir ins Büro gerufen. Diesmal zusammen mit unserem Lehrer. Der Rektor empfing uns stehend, die Arme über der Brust gekreuzt. Er sah aus wie eine Festung oder etwas Ähnliches. Und ich dachte: „Rektor Festing ist  'ne Festung“. Dieses Wortspiel hätte mich bei jedem anderen Anlass grinsen lassen. Herr Hatje forderte uns auf, unsere Hände vorzuzeigen. Meine waren mit dicken, roten Streifen „verziert“; Metas geschwollen und mehrfarbig. Ich biss die Zähne zusammen, sie jammerte herzzerreißend, sagte, dass die Schmerzen bis in die Schultern hinauf hämmerten. Und bis ins Herz. Ach, wie ihr das Herz wehtue!   

   Dazu konnte ich nur zustimmend nicken. Mein Herz lag wie ein Klumpen in der Brust. Dann heulten wir beide, und Meta durfte nach Hause gehen. Sie lehnte jede Hilfe ab. Sie werde sich schon zu helfen wissen. Und ich sagte ihnen, das könne ich ebenfalls. Na klar! Denn ich hatte überhaupt keine Lust, nach Hause zu gehen. War entsetzt beim Gedanken, dass andere von meiner Schande erführen.

   Am nächsten Tag kam Metas Mutter in die Schule, um mit dem Rektor zu sprechen. Ich kannte ihren Wortschatz, wenn sie wütend war: Sie konnte Ausdrücke wie „Scheiße“ und „Pisse“ und noch schlimmere benutzen. Niemand -  auf jeden Fall keine andere Frau - in meinem Bekanntenkreis nahm solche Wörter in den Mund. Leider wollte sie uns nicht erzählen, was sie dem Direktor gesagt hatte. Aber sie war außerordentlich zufrieden, weil sie diesem Mann (sie bezeichnete ihn als Dreckskerl) so richtig die Meinung gesagt habe. Und noch mehr bereitete es ihr Vergnügen, dass er keinen Piep zu seiner Verteidigung hervorzubringen gewagt hatte.

   Meta ist das Märchen in meinem Kinderland gewesen. Im Märchen liegt nämlich das Gold auf der Straße und muss nur aufgesammelt werden! Und Meta war mehr als einmal in der Lage, dieses Gold zu entdecken. In Flottbek, wuchsen viele mehrere hundert Jahre alte Eichen. Meta kannte einen Bauern, der eimerweise Eicheln als Schweinefutter kaufte, und sie konnte wie ein alter Krämer verhandeln, so dass die Bezahlung aus unserer Sicht angemessen war. Sie kannte auch die Stellen mit den uralten Eichen. Da fanden wir so viele Eicheln, dass wir, um uns den Heimtransport zu erleichtern, Wolfgang und meinen Blockwagen mitnahmen. So ging das, bis Vater Wind von der Sache bekam. Er wurde eigenartigerweise nicht böse, sondern bot uns eine höhere Belohnung, denn noch hatten wir Kaninchen, die auch Eicheln fraßen. Sonderbar war auch, dass Vater sich nicht nach meiner Mithelferin und Kameradin erkundigte. Ich tröstete mich damit, dass das, was er nicht wusste, ihm auch keine Kopfschmerzen verursache.

   Unser Stadtteil war etwas ganz Besonderes.  Sein Name rührte von einem dort liegenden Gut gleichen Namens her. Eigentümer und Schöpfer dieses Gutes, Baron Caspar Voght, war im 18. Jahrhundert geadelt und von vielen europäischen Königshäusern, auch dem dänischen, geehrt worden. Besonders verdient hatte er sich gemacht durch die Errichtung eines Gesundheits-, Krankenhaus- und Pflegewesens für Arme und Einsame. Auch wurde er berühmt für seine supermoderne Landwirtschaft. So war er  der erste, der in unseren Breitengraden Kartoffeln anzubauen wagte. Er unternahm auch Versuche mit dem Anbau von Viehfutter und vielem anderen. Und er versammelte Künstler in seinem Haus. All’ das gehörte der Geschichte an. Aber etwas für mich ganz Wichtiges hatte die Zeit überlebt: seine intensive Landschaftspflege. Nicht nur seinen Park, sondern auch Wald und Flur hatte er verschönert, indem er Teiche anlegen und Bäume pflanzen ließ. Denn – so sagte er – Menschen tue es gut, schöne Dinge zu sehen. Er holte aus Schottland zwei Gärtner, die etwas von Landschaftspflege verstanden, und in der ganzen Welt ließ er Samen und Ableger von Pflanzen und Bäumen sammeln oder sammelte sie selbst. So viel Enthusiasmus bringt keinen Reichtum. Nach und nach musste er zur Freude reicher Hamburger Grund und Boden verkaufen. Und Hamburger Kaufleute bauten nun in diese schön gestaltete Natur ihre Sommerhäuser, die von den nachfolgenden Generationen ausgebaut wurden und ihnen zunehmend  als Dauerwohnsitze dienten.  

   Lange bevor ich etwas über Baron Voght wusste, konnte ich die besondere Schönheit dieses Stadtteils empfinden. Sonntags gingen wir hier mit den Eltern oder mit Freundinnen spazieren. Hier war es zu allen Jahreszeiten schön, am schönsten aber war doch der Herbst. Da nahmen die Bäume von dem Sommer Abschied, indem sie Purpurmäntel anlegten. Alle waren prächtig, doch beachtete ich lange Zeit vor allem die Eichen. Die knorrigen Äste ragten hoch in den Himmel hinauf und erstreckten sich weit in die Breite. Man hatte sie nie gestutzt, hatte ihnen erlaubt, zu wachsen und die Form anzunehmen, die Eichen  haben können, wenn sie frei wachsen dürfen.

   Im Herbst trugen sie Gold in Form von Eicheln. Das ließen sie fallen, und das Gold bedeckte Pfade und Wege, und Kinder kamen und sammelten sie auf, so dass schließlich die meisten Wege geradezu saubergefegt waren. Also die öffentlichen Wege. In den großen privaten Gärten und Parks bedeckten die Eicheln wie ein Teppich die Pfade, denn die Menschen, denen diese Häuser gehörten, samt ihre Kinder benötigten das Gold nicht – das heißt, nicht solches Gold, das mit einem Eimer Eicheln hervorgezaubert werden konnte.

   Durch einen Zaun sahen Meta und ich sie liegen, und ihr Anblick bereitete uns Qualen, bis Meta, wie üblich, auf eine gute Idee kam: Man müsse nur ein Loch im Zaun finden, in den Park gehen und den Eimer ganz schnell füllen.

   Gesagt, getan. Danach hatten wir Zeit, uns ein wenig umzusehen. Auf der anderen Seite des Gartenpfades hatte man einen neuen Obstgarten angelegt. Jeder Baum trug zwei, drei Äpfel. Alle Bäume waren mit Namensschildern versehen. Aber ich erinnere mich nur an den Apfelbaum mit dem Namen Prinz. Meta hatte es nämlich nicht lassen können: sie schlich sich zu dem Baum und pflückte die beiden Äpfel, die sie in ihren Schlüpferbeinen, die damals unten einen Gummizug hatten, versteckte. Dann wurde sie vermutlich etwas nervös und rannte allzu schnell zu mir zurück, so dass die Äpfel aus dem Schlüpfer fielen und den Gartenpfad entlang kullerten. Die Frau des Hauses, die gerade am Fenster ihren Nachmittagkaffee einnahm, sah das.

   Sie schickte ihr Hausmädchen zu uns hinaus – ein Wesen, wie man es sonst nur im Film sehen konnte – mit schwarzem Kleid und weißer Spitzenschürze und mit gestärkter Serviererinnenschleife im Haar.

   Man hatte uns beobachtet. Und man war sehr traurig, als man uns die Äpfel von den Bäumen des Sohnes pflücken sah. Aber man wolle uns verzeihen, sagte die Frau. Und sie fügte hinzu, dass sie Lust habe, uns zu einer Art Wachtposten insbesondere für den Obstgarten des Sohnes zu ernennen. Als Belohnung wolle sie uns den alten Pflaumenbaum geben. Den könnten wir dann jedes Jahr plündern. Aber wir müssten ihr versprechen, in manierlicher Weise zu erscheinen – durch den Haupteingang und mit höflicher Begrüßung.

   Diesen Vorschlag fanden wir einmalig, und wir schlugen ein. Auf dem Heimweg gab Meta ihren Senf dazu: „Die Reichen können auch ganz nett sein, man muss nur verstehen, sie richtig zu nehmen“.

 

   Eines Sonntags im Frühling ging ich mit Vater und Mutter an diesem Haus vorbei. Im Vorgarten harkte die Frau des Hauses gerade ein Beet.
Sie hatte ein nettes, gut sitzendes helles Kleid an und helle Handschuhe, die bis zu den Ellenbogen reichten, und auf dem Kopf trug sie einen großen Hut. So schön gekleidet war Mutter noch nicht einmal, wenn sie ins Theater ging. Die Dame sah auf, als wir vorbeigingen. Ich knickste, und sie grüßte freundlich zurück, indem sie meinen Namen nannte.

   „Kennst du sie? Kennt sie dich?“ Vater konnte seine Bewunderung nicht verbergen.

   „Ja, sicher kennen wir uns, die Dame und ich, wir sind gewissermaßen Freunde“.

   Selbstverständlich wollte Vater ein bisschen genauer Bescheid wissen; Väter können irritierend neugierig sein.

   „Ach“, sagte ich so nebenbei wie nur möglich, „sie hat uns einmal angesprochen – eine Freundin und mich - als wir Eicheln sammelten, und sie hat uns erlaubt, die Eicheln in ihrem Park aufzusammeln, ja, und so wurden wir Freunde, sie hat uns auch einen Pflaumenbaum geschenkt, von dem wir in jedem Herbst so viel ernten dürfen, wie wir wollen. Und dann sind wir in ihr Haus eingeladen worden. Von einem richtigen Hausmädchen. Ja, und das nächste Mal, wenn wir vorbeikämen, sollten wir auf keinen Fall zu klingeln vergessen“.

   „Neee“, sagte Vater sichtlich imponiert. „Was du nicht sagst, Jette“.

   Es kam mir vor, als hätte ich nicht die volle Wahrheit gesagt, aber bestimmt auch nicht gelogen. So lässt sich das auch machen.

 

   Es ist abenteuerlich, auf Entdeckungen zu gehen Gefahrvolles und Unwirkliches liegen am Wegesrand. Darum ist es gut, von einer starken Freundin wie Meta begleitet zu werden. Einmal war der Bahrenfelder See unser Ziel. Unser Lehrer hatte uns erzählt, dass dort am Ende der Eiszeit ein tonnenschwerer Eisblock gelegen habe. Als der schmolz, habe sich dieser See mit seinen steilen Ufern gebildet. Wollte man zum Wasser, musste man einen steilen Abhang hinabklettern. Das hatte ich nie zuvor gewagt. Aber Meta nahm mich fest bei der Hand und führte mich sicher hinunter bis zur Wasserlinie. Dunkel und undurchsichtig lag der See da. Man konnte eine Gänsehaut bekommen. Sagten die Leute nicht, dass der See keinen Grund habe? Meta begann zu erzählen: „Hier – gerade an dieser Stelle – lag einmal ein Kloster. Die Mönche lebten in Unzucht“.

   „Was ist Unzucht?“

   „Irgendetwas mit Frauen und Saufereien und so was“.

   Ich sagte „Aha“ und tat so, als wüsste ich Bescheid. Und dann fuhr sie fort: „Die Mönche führten also ein ganz entsetzlich sündiges Leben. Und als sie ein Bischof besuchte, um sie auf den rechten Weg zurückzubringen, wurden sie böse auf ihn und brachten ihn um und wollten die Leiche unten im Keller unter einem großen Stein verstecken. Und, weißt du was, als sie diesen Stein hochhoben, da entsprang eine Quelle aus dem Loch. Wasser strömte heraus. Es strömte und strömte und strömte, und schließlich wurde das ganze Kloster unter Wasser gesetzt, und die Mönche ertranken jämmerlich. Auch die Kirche verschwand im Wasser mitsamt dem Turm und allen Kirchenglocken. Die liegen noch da unten, die Glocken. Ein guter Mensch mit reinem und unverdorbenem Herzen kann sie läuten hören. Hörst du die Glocken?“ Meta sah mich fragend an. Nein, ich hörte nichts. Nicht sofort. Aber als wir dastanden, andächtig lauschend, hörte ich Töne aus der schwarzen Tiefe heraufkommen. Natürlich hörte ich die Glocken läuten, natürlich hörten wir sie beide. Gedämpft, sehr gedämpft, aber wir hörten sie! Und das ist ganz bestimmt wahr!

 

   Meta hatte eine richtige Großmutter – eine, die den Großmüttern in Märchen glich. Die sitzen nämlich am Spinnrad, und das tat Metas Großmutter auch. Wenn man sie besuchte, saß sie da und spann und spann und spann und erzählte dabei Geschichten. Und wie der Faden, der aus ihren Händen kam, nie ein Ende nehmen wollte, war ihr Wissen über merkwürdige Ereignisse endlos. Sie erzählte auch vom „Satan“. „Niemand soll sich einbilden, dass er nicht existiere“, sagte sie voller Grauen in der Stimme. „Die Menschen wollen ihn am liebsten nicht wahrhaben, obwohl er manchmal zu erkennen ist. Und  dann und wann spricht er mit einem. Ja, das tut er!“

   Ich bezweifelte das. Man kann doch nicht alles glauben. Gewiss hatte sich Satan einmal Luther zu erkennen gegeben. Das hatte ich bei den Diakonissen gelernt. Aber der war ja etwas ganz Besonderes.

   Dennoch habe ich Satan sprechen  hören – freilich von Meta nachgeholfen. Das war an dem Tag, an dem wir an ein paar vor kurzem erst angelegten Schrebergärten vorbeikamen. Die Kirschen hingen überreif an einem kleinen Baum. Die Gärten waren noch nicht eingezäunt.

   „Pst!“ sagte Meta, „pst!“ und horchte angestrengt. Tatsächlich hörte sie Satans Stimme. „Geh’ nur zum Baum, und pflück die Kirschen“, sagte er. „Pflück! Pflück nur“. Aber so sehr ich mich auch anstrengte, ich hörte nur Metas Stimme. Sie forderte mich auf, die Kirschen genau zu betrachten. Die waren jetzt, ach, so reif. Und dann hörte sie den Satan aufs Neue sprechen. Er sagte, die Leute seien selbst schuld, wenn sie keine Lust hätten, einen Zaun aufzustellen, um ihr Eigentum zu schützen. Ohne Zaun könne keiner der Versuchung widerstehen. Wer lockt, ist der Sünder! Drum pflück! Pflück nur!

   Ja, und das taten wir dann. Wir waren ja ohne Schuld – hatte Satan gesagt. Wir pflückten unsere Hände voll. Die Kirschen schmeckten herrlich. „Verbotene Früchte schmecken am besten“, hatte die Großmutter gesagt. Und hinzugefügt, wir Menschenkinder seien schwache Seelen und könnten nichts dafür, dass Satans uns versuchende Stimme so stark sei. Meta sagte, die Großmutter wisse über vieles Bescheid, denn sie besitze viel Lebenserfahrung.

 

   Im neuen „Landhaus-Kino“ stand der Film „Sergeant Barry“ auf dem Programm. Alle Kinder in der Nachbarschaft, alle Kinder in der Klasse – ja, so gut wie alle Kinder auf der ganzen Welt hatten diesen Film gesehen und waren deshalb in der Lage, von ihm zu erzählen. Das heißt, außer Meta und mir. Wir hatten den Film nämlich nicht gesehen. Meta fehlte das Geld dafür, und ich durfte den Film nicht sehen. Meine Eltern meinten, er gehöre sich nicht für ein Mädchen. Wir „diskutierten“ wahrscheinlich recht heftig miteinander, Vater und ich. Während der Diskussion wagte ich zu behaupten, dass ich mit meinem Taschengeld wahrhaftig machen könne, was ich für richtig hielt. Und das brachte Vater dazu, mein Taschengeld zurückzuhalten und mein Sparbuch in Verwahrung zu nehmen.

   Meta sagte, jetzt gelte es, sich das Gehirn zu zermartern. Was sie dann auch tat. Das Resultat bestand in einer hervorragenden Idee: „Wir sammeln Altmetall. Gehen wie die Hitler-Jugend von Haus zu Haus. Und dann verkaufen wir es an Schluckwerder und bekommen viel Geld, und dann gehen wir beide ins Kino. Du brauchst ja deinem Vater nichts zu sagen. Denn wenn man selbst Geld verdient, braucht man nichts zu erzählen“.

   Gesagt, getan! Wir nahmen jeder den alten Einkaufskorb unserer Mütter über den Arm und gingen von Haus zu Haus. Erstaunlicherweise hatte Meta ein Gefühl dafür, wo es richtig war, freundlich zu knicksen und zu sagen: „Guten Tag, wir sammeln Altmetall – Zahnpastatuben, Milchflaschenkapseln, Stanniol – haben Sie etwas?“ Oder wo man absolut gerade stehen und mit erhobenem Arm sagen musste: „Heil Hitler, wir sammeln Altmetall“.

   Eines Tages erzählte mir Meta einen Witz, der im Umlauf war. Ein tüchtiger, aber einfältiger Junge wurde beauftragt, in den Haushalten Küchenabfälle zu sammeln für die Schweinehaltung, die überall in den Städten von der Partei ins Leben gerufen worden war und die das Ziel hatte, Deutschland zum Selbstversorger zu machen. Der Junge ging also von  Tür zu Tür und sagte jedes Mal: „Heil Hitler, ich komme von der Partei, haben Sie etwas für die Schweine?“ Mancherorts wurde er gelobt, anderenorts getadelt, aber der arme einfältige Junge wusste nicht, warum. Über diesen Witz grinsten wir sehr, als wir zu einem Haus kamen, deren Bewohner als ausgemachte Nazis galten. Aber wir konnten uns bremsen, wir wagten niemals, es dem Jungen nachzumachen.

   Wir gingen also jeden Nachmittag von Haus zu Haus. Gegen Abend lieferten wir den Schatz bei Schluckwerder ab. Er wog, schätzte ab und zahlte sparsam, er musste ja von seinem Geschäft leben. Wir legten Pfennig auf Pfennig zur Seite. Als der Film das letzte Mal auf dem Programm stand, fehlten uns nur ein paar Pfennige.

   Jemand wie Meta gibt nie auf. Am Tag zuvor hatte sie neben dem Sportplatz – dort, wo verantwortungslose Menschen bisweilen ihren Abfall hinbrachten – das große Rad eines Lastkraftwagens erblickt. Die Welle war aus Eisen! Wir eilten dorthin und holten das Rad. Rollten es vor uns her. Vergaßen völlig, dass es geregnet hatte.

    Schluckwerder empfing uns mit einem Grinsen. Er hörte damit auch nicht auf, als er uns genau die Summe gegeben hatte, die uns fehlte. Und als wir gingen, wünschte er uns viel Vergnügen und murmelte auch noch: „Deine Mutter wird sich freuen, wenn sie dich sieht“.

   Das tat sie ganz und gar nicht. Sie fasste sich nur mit beiden Händen an den Kopf. Und dann wollte sie alles wissen, wie und wann und warum, wie Mütter eben sind. Während ich Mutter alles erzählte, stand Meta treu auf der Straße und wartete auf mich. Und Mutter sagte: „Da kannst du sehen, was bei einem solchen Umgang herauskommt, “ und mehr von dem üblichen Müttergerede, und dann nahm sie mein eigenes, selbstverdientes Geld und versteckte es. Danach schickte sie mich in die Badewanne – mitten in der Woche! Da saß ich dann und schrie all’ meine Wut in die Welt hinaus, die mich nicht groß und selbständig werden lassen wollte. Und plötzlich stand Mutter da. Irgendetwas von dem, was ich geschrieen hatte, hatte sie gleichsam ins Herz getroffen. „Beeil dich!“ sagte sie, half mir ganz schnell beim Anziehen und schubste mich liebevoll aus der Tür. Meta stand noch vor dem Haus.

   Als wir ins Kino kamen, hatte der Film schon begonnen. Wir kamen an der Stelle an, wo der Sergeant in einem kleinen See badete. Seine Kleidung lag auf dem Rücksitz des Autos, der Hut obendrauf. Es sah wirklich so aus, als liege er selbst im Auto und schlafe. Das dachten auch die Banditen oben in den Bergen, so dass sie auf den Kleidungshaufen losknallten und sich zurückzogen, weil sie den Sergeanten für tot hielten.

   An mehr aus diesem Film erinnere ich mich eigentlich nicht.

   Mindestens ein halbes Jahr habe ich von Sergeant Barry gesprochen. Schließlich erteilten mir meine Freunde – was den Film anbelangte – Redeverbot. Sie ahnten nämlich nicht, dass ich, wenn ich von dem Film erzählte, eigentlich über einen Sieg sprach. Ich hatte einen Einsatz gewagt und hatte ein Ziel erreicht, hatte dies aus eigener Kraft und mit Hilfe einer guten Freundin getan. Hatte schließlich die letzte Barriere, meine Mutter, überwunden. Nein, ich sprach nicht von Sergeant Barry, ich sprach davon, frei zu sein.

   Kurze Zeit danach wurde Meta sehr krank. Ich besuchte sie oft. Heimlich, denn Vater wollte ja nicht, dass ich in ihrem Haus ein- und ausginge. Um die Besuchszeit zu verlängern, nahm ich den kürzesten Weg nach Hause, eine besonders öde Strecke, vorbei am Sportplatz, obwohl es längst dunkel geworden war. Wolfgang bekam davon Wind und petzte es Vater. Dort meinte man nämlich, dunkle Gestalten sich herumtreiben gesehen zu haben. Diesmal hörte mir Vater besser zu bei meinen langen Ausführungen über Metas vielen guten Seiten. Zum Schluss trafen wir eine Vereinbarung: Ich durfte das Mädchen unter der Bedingung besuchen, dass ich meinen gesunden Verstand benutzte und immer die ordentlichen, beleuchteten Wege nähme. Und „ordentliche Wege“ könne vielerlei bedeuten, sagte Vater.

   Als Meta wieder gesund war, wurde alles wie zuvor. Manchmal begleitete sie mich nach der Schule nach Hause. Ich glaube, sie hoffte im geheimen, dass ich sie hereinbäte. Aber Vaters Bedingung war gewesen: „Sie kommt mir nicht ins Haus!“ Einmal, in strömendem Regen, stand sie an der Tür zum Garten, während wir aßen, und presste ihr Gesicht demonstrativ gegen das nasse Fenster. Ich sagte vorwurfsvoll: „Papa . . .!“ Aber er blieb hart. Sagte nur, dass ich einmal, wenn die Zeit reif sei, verstehen werde. Und diese Zeit kam, und ich verstand ihn – in gewisser Hinsicht. Ich hätte Meta auch dann in mein Haus gelassen. Im Märchen verkleidet sich der Wolf in eine liebe Großmutter, oder er frisst Kreide, um die zarte Stimme einer Ziege zu erhalten. Später, als die Zeit gekommen war, verstand ich, dass Meta die Wohnung mit einem Wolf geteilt hatte, der lange Zeit einen Schafspelz hatte tragen können. Vater wusste wohl auf Grund seines Berufs Bescheid oder vermutete etwas, worüber er mit mir nicht sprechen durfte. Aber Meta war das Märchen meiner Kinderzeit. Allein, dass sie trotz der Verhältnisse die blieb, die sie war – allein das ist ja märchenhaft

 

 

 

 

                                                         V i e l e r l e i   G ä r t e n,

 

                                                     m a n c h    e i n    P a r a d i e s

 

 

 

 

 

   Die große Ebene hinter unseren Häusern erstreckte sich über den Höhenzug bis zum Luruper Wald. Einmal hatten hier Menschen der Vorzeit gelebt, wir fanden noch ihre Gebrauchsgegenstände und freundeten uns mit den Archäologen an, die zu Ausgrabungen hierher kamen. Man hätte annehmen können, dass diese Ebene seit der Vorzeit unberührt dagelegen habe. Und uralte Eichen ringsum ließen uns erraten, dass hier einmal Wald gewesen sein musste, der später gefällt worden war. Niemand konnte sagen, weswegen. Wir, die wir wussten, mit welcher Stärke der Wind über die Ebene fegen konnte, hegten den Verdacht, dass der Wind im Laufe der Zeit den Mutterboden mit sich genommen und dadurch diesen Ort unfruchtbar gemacht habe. Im letzten Jahrhundert war hier kurze Zeit ein Exerzierplatz, und in den zwanziger Jahren – unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg – hatten Söhne reicher Eltern und Flugenthusiasten diese Stelle zum Segelfliegen geeignet gefunden. Hier konnte der Wind ungehindert zupacken. Etwas später kamen die kleinen Doppeldecker-Sportmaschinen hinzu. Manchmal zeigten sie sonntags in einer Flugschau ihr Können. Hoch oben in der Luft ließen sie die Maschinen Purzelbäume machen oder Sturzflüge. Wir, die wir nur zusahen, hielten oft den Atem an aus lauter Spannung oder aus Angst, dass die jungen Männer da oben die Kontrolle über die Maschinen verlieren und abstürzen könnten. Leider erfüllten sich unsere bangen Ahnungen: Einmal waren wir Kinder als erste an der Unglücksstelle. Aber ich war noch zu klein, um die Szenerie zu begreifen: Ein zerschmettertes Flugzeug in der Krone eines Baumes. Ein skalpierter Kopf, ein merkwürdig zerrissener Mensch.

   Unser Garten lag in der Einflugschneise. Die Flugzeuge sausten über unsere Köpfe hinweg, wenn sie landen wollten. Eines Sonntags, wir tranken gerade im Garten Kaffee, stürzte ein Segelflugzeug auf das Dach des Nachbarn gegenüber. Der Pilot kletterte glücklicherweise unverletzt aus seinem Führersitz.

   Um 1934 wurde das alles der Wehrmacht unterstellt. Zunächst errichtete man eine Flugzeughalle. Und  für das Personal wurden ein paar Häuser gebaut. Kasernen gab es schon in der Nähe.

   Alles, was den Flugzeugen im Weg war, musste fallen, besonders hohe, alte Bäume. Auch die großen, uralten Eichen um das Hünengrab fällte man. Schließlich – man kann es kaum glauben – ebnete man sogar das Hünengrab ein. Es ragte nämlich zu sehr auf, wo eine große, einförmige Ebene das Ziel war. Man müsse heute aufpassen, nicht hervorzutreten, meinte Vater. Die Schrebergärten, die auf dem schlechten Boden während der Hungerzeit Anfang der zwanziger Jahre von den Bewohnern unseres Stadtteils mit viel Mühe angelegt worden waren, um sich etwas besser ermähren zu können - diese in späterer Zeit so hübschen Gärten mussten auch aufgegeben werden und wurden erneut in Ödland verwandelt. Hie und da hatten ein armseliger Stachelbeerstrauch, ein paar Erdbeerpflanzen, eine Rhabarberpflanze oder eine Blume überlebt. Zur Freude von uns Kindern. Wir streiften dort umher, als ob das alles uns gehörte.

   In unserer Nähe gab es die Gaststätte „Wilhelmshöhe“, und zu diesem Wirtshaus gehörte ein großer und reichhaltiger Garten. Der Wirt war als Pflanzensammler bekannt, und sowohl sein privater Garten hinter dem Haus als auch der für die Kunden angelegte Vorgarten legten Zeugnis ab von seiner Liebe zu diesem Stück Erde. Aber dann sollten das Wirtshaus und der Garten abgebrochen und niedergelegt werden, um das Areal für militärische Zwecke zu nutzen. Wir verfolgten gespannt den Kampf des Eigentümers des Gasthauses um sein kleines Paradies. Aber „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, hieß es. Nur wenige Mutige wagten zu fragen – doch ohne eine Antwort zu erwarten -, worin in dieser Angelegenheit das Gemeinwohl (also der Gemeinnutz) zu sehen sei. Als es wieder Sommer wurde, lag das Gasthaus öde und verlassen da. Haus und Garten existierten noch, aber die Gaststätte war geschlossen. Bald würde alles dem Erdboden gleichgemacht sein.

   Mit einem Korb und einer Pflanzschaufel ging ich hinauf zur Wilhelmshöhe. Fand ein Loch im Zaun und schlüpfte in den Garten, der alle Zeichen fehlender lieber Hände trug. Aber mitten im Unkraut standen die Blumen in all ihrer Pracht. Meine Augen fielen auf eine Gruppe orangenfarbener Lilien und Margeriten in voller Blüte. Wie sie doch zueinander passten. Bald würde man sie zerstören. Ich ging in die Hocke, grub vorsichtig ein paar Pflanzen aus und legte sie in meinen Korb. Plötzlich sah ich ein paar Herrenschuhe dicht neben meinen Händen. Erschrocken sah ich auf, blickte dem Eigentümer des Wirtshauses direkt in die Augen. Bevor ich mich erheben konnte, ging er neben mir in die Hocke. Erschrocken stammelte ich irgendetwas.

   Als Antwort ergriff er die kleine Pflanzschaufel und half mir, meinen Korb zu füllen. Als das erledigt war, führte er mich zu anderen Pflanzen. Ich durfte alles mitnehmen, was ich gebrauchen konnte. Er wünschte nur, nicht alle möglichen Menschen in seinem Garten herumwühlen sehen zu müssen. Denn die Leute würden so leicht zu Barbaren in einem Garten, den sie plündern können.

   Eines Tages fand ich das Gasthaus abgerissen und mitsamt dem Garten dem Erdboden gleichgemacht. Mehr geschah  an diesem Ort eigentlich nicht. Wieder war alles Wind und Wetter preisgegeben. Wir Kinder nahmen einen Teil des Areals in Besitz. Da, wo die Archäologen gegraben hatten, bauten wir Höhlen. In unseren Sommerferien hielten wir uns dort viele Stunden auf. Bisweilen kamen ein paar große Jungen vorbei, und manchmal blieben sie stehen, um sich mit uns ein bisschen zu unterhalten. Ihre Uniformen ähnelten denen der Luftwaffe. Aber sie waren Mitglieder der Hitler-Jugend und wurden im Segelfliegen ausgebildet. Sie gaben sich gerne als richtige Männer aus, aber reichten wir ihnen eine Schaufel und baten um Hilfe beim Höhlenbauen, wurden sie wieder Jungen. So gut wie alle wollten Piloten werden. Wenn sie uns so richtig gut geholfen hatten – denn Jungen gehen mit dem Spaten nun einmal besser um als unsereiner – teilten wir Mädchen Saft und Gebäck mit ihnen.

   Die Zeit verging, die „Wilhelmshöhe“ und ihr prächtiger Garten existierten nicht mehr. Das lernten wir als etwas Unabänderliches hinzunehmen. Aber in meinem Garten blühten Sommer für Sommer die orangenfarbenen Lilien. Ich nannte sie Feuerlilien, denn ihre Farbe war wie Feuer.

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                  E i n e    E h e s c h e i d u n g

 

 

 

   Ursels Vater hatte eine andere gefunden. Eines Tages kam er nach Hause, packte ein paar Sachen ein und verschwand. Vorher war er häufiger und heftiger als üblich mürrisch und gereizt gewesen, und ich hatte weitest möglich versucht, ihm auszuweichen. Deshalb war mein erster Gedanke, es wäre für sie alle – für uns alle – ein Glück, dass er seiner Wege ging. Aber hierin musste ich umdenken. Ursel war sehr niedergeschlagen, und ihre Mutter sah oft verweint aus.

   Es dauerte eine Weile, bis das Paar vor Gericht geschieden wurde. Zu den Gerichtsverhandlungen war meine Mutter als Zeugin geladen worden. Während des Prozesses versuchte Ursels Vater, die Frau, für die er nun keine Verwendung mehr hatte, als eine völlig unfähige Hausfrau abzustempeln. Mutter versuchte als Verteidigerin aufzutreten. Sie erzählte vor Gericht, wie Ursels Mutter – um ihren Ehemann nicht zu stören – die Große Wäsche während der Nächte erledigte, in denen er Nachtdienst hatte. Wenn der Mann morgens nach Hause kam, flatterte die Wäsche auf der Leine, und im Haus war alles sauber und schön. Aber nach der Geburt der kleinen Helga bekam die Familie ein neues Problem: der Schlafrhythmus des Kindes harmonisierte nicht mit dem des Vaters. Ein kleines Kind ist nicht auf Kommando still. Meine Mutter wünschte sehr, dass der Richter, der selbstverständlich ein Mann war, die Zusammenhänge verstünde. Deshalb erzählte sie, dass Ursels Mutter – um dem Mann die benötigte Ruhe nach dem Nachtdienst zu verschaffen – Helga in der Regel mit zu ihrer eigenen Mutter nahm, wo sie blieb, bis sie davon ausgehen konnte, dass der Mann ausgeschlafen habe. Aber manchmal wachte er eben früher auf. Ja, und dann war die Frau nicht da und das Haus nicht ganz so ordentlich, wie es hätte sein sollen, und da konnte man seinen Zorn durch die dünnen Wände vernehmen. Er bezeichnete seine Frau als faul – unter anderem. Aber – wie meine Mutter dem Richter sagte – faul war er wohl selbst, der Mann, der sich selten Zeit für die Gartenarbeit nahm, sondern seine Freizeit auf einem Schießplatz verbrachte.

   Das hätte Mutter nach Vaters Ansicht nicht sagen sollen. Man müsse seine Zunge hüten und stets das Richtige zur richtigen Zeit den richtigen Personen sagen, anderenfalls könne das fürchterlich falsch laufen. Denn der Richter – diesen Eindruck jedenfalls hatte Mutter – fand an den pflichtbewussten Sonntagsdiensten von Ursels Vater Gefallen.

   Ursels Mutter wurde „mitschuldig geschieden“. Das bedeutete, dass der Mann – trotz seines Ehebruchs – nur bedingt eine wirtschaftliche Verantwortung für sie und die Kinder hatte. Ursels Mutter besaß keine Ausbildung und war nun sehr schlecht gestellt. Mutter konnte sich über dieses Urteil nicht beruhigen. Noch lange Zeit danach sagte sie eigenartige Dinge, wenn sie über die allgemeine Ohnmacht der Frau sprach. Sie setzte die Stellung der Frau mit der eines Sklaven gleich, was ich für grob übertrieben hielt, weil ich spürte, wie gerne sie Mutter und Hausfrau war. Sie nahm meine Proteste mit großer Ruhe auf, meinte, ich würde schon verstehen, wenn ich selbst verheiratet wäre.

   Trotz seines Sieges schien Ursels Vater über die Entscheidung des Gerichts wütend zu sein. Ohne Bescheid zu sagen, kündigte er eines Tages die Wohnung seiner Frau. Sie werde, meinte er, die teuere Miete nicht bezahlen können. Im letzten Augenblick gelang es Ursels Mutter, die Kündigung zurückzuziehen. Nun begann für sie ein Existenzkampf, den niemand für möglich gehalten hätte. Am Ende musste die geschiedene  Frau aufgeben. Sie zog mit den beiden Kindern in eine Wohnung in der Stadt. Diese lag im Erdgeschoss im Schatten anderer Häuser. Der dreieckige Hinterhof war von hohen Häusern umgeben. In dessen Sandkasten schlugen sich viele Kinder um einen Platz. Da standen auch viele Abfalltonnen. Dicht an einem Zaun wuchsen hohes Gras und Goldrute, sonst gab es da nur die von vielen Füßen zertrampelte nackte Erde.

   Eine Familie aus Segeberg zog in Ursels Wohnung. Sie hatte eine vierjährige Tochter, die wenige Tage nach dem Einzug von Tür zu Tür ging und erzählte, dass der Vater Hans heiße, die Mutter Herta, sie selbst Hella und ihr Teddybär Schlingel. Ich durfte mit Hella sooft spielen, wie ich wollte. Kurze Zeit nach dem Einzug bekam sie Asthma, eine Krankheit, die sie nie wieder loswurde. Ihre Mutter war der Ansicht, dass das Mädchen über den Umzug und die Trennung von einer großen, zusammengeschweißten Familie nicht hinwegkomme.

   Solange Ursel neben uns gewohnt hatte, war sie darauf bedacht gewesen, an meinem Geburtstag der erste Gratulant zu sein. Früh am Morgen war sie mit einem Strauß gelber Gemswurz – „Frühlingsmargeriten“ – aus ihrem Garten gekommen. Unsere neuen Nachbarn fanden auch, dass diese gelben Frühjahrsboten sehr schön seien. Aber die neue Familie wusste nicht, dass diese Blume zu meinem Geburtstag gehörte. Allerdings hatte ich darüber ein paar Bemerkungen fallen lassen. Aber entweder hatte sie nicht zugehört, oder sie hatte es vergessen. Letztlich war es auch gleichgültig. Ursel wohnte nicht mehr dort, und sie konnte durch nichts und von niemandem auf der Erde ersetzt werden.

   Eine Tat ist wie ein Steinwurf im Wasser. Sie bildet Ringe. Nicht nur einen Ring, sondern viele, die sich ausbreiten. Das Schlimmste bei dieser Scheidung, sagte Ursel, sei letztlich, dass ihr Vater das Recht habe, von seinen Kindern besucht zu werden, und dass sie anfange, die neue Frau des Vaters zu mögen. Und dass sie, um die Mutter zu trösten, dies nicht nur verberge, sondern bei ihrer Heimkehr abschätzig von Vaters neuer „Zicke“ und von all dem dummen Zeug, das sie verzapfe, spreche. Schuldbeladen ihnen allen gegenüber, versuchte Ursel auszugleichen, selbstverständlich mit neuen Lügen; was anders hätte sie tun können? Schließlich kam es ihr vor, als ob alle anderen sich mit den Verhältnissen abgefunden hätten, als ob nur sie es sei, die eine Last trug, mit der sie nicht klarkommen, die sie nicht loswerden und die sie kaum ertragen könne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                    Z u m    N a c h d e n k e n

 

 

gewinnen:     siehe:   bestehen (durchkommen), erobern, profitieren, siegen, drehen und

                                                                                                                                wenden

 

verlieren:      siehe:    unterliegen, erliegen, ins Hintertreffen geraten, zu kurz kommen,

                                   ins Gras beißen, überwunden werden, Prügel beziehen, den Kürzeren

                                   ziehen, zurückstehen, sich unterwerfen

 

                                                                                            Aus einem Synonymenwörterbuch

 

 

   Alles hat seine Zeit, glücklicherweise; Straßenunruhen und Schießereien hatten nun ganz aufgehört. Vielleicht war deshalb der Schock besonders groß, als unser Nachbar von Gegenüber, Edith Springers Vater, eines Nachts während seines Dienstes als Polizeibeamter von einem ganz gewöhnlichen Einbrecher erschossen wurde. Wir waren alle mit beim Begräbnis, das in unserer Kirche begann. Der Pfarrer wies in seiner Ansprache auf Jesus hin: Er trage unsere Schmerzen. Ich hörte dem Pfarrer nicht besonders gut zu. Hatte meine Gedanken und Augen auf Edith und ihre Mutter gerichtet. Beide waren schwarz gekleidet, die Mutter trug einen Schleier, der ihr Gesicht bedeckte.

   Ich gab mir auch keine Mühe, den Worten des Polizeipräsidenten bei der Beisetzung zu lauschen. Die dreifache Gewehrsalve, die von einer Gruppe Polizisten über dem offenen Grab abgefeuert wurde, erschreckte mich sehr. Ich riss mich von Mutters Hand los und versteckte mich hinter einer Hecke. Mutter versuchte, mir diese Zeremonie als einen Ehrenbeweis für den Toten zu erklären. Aber ich konnte nicht begreifen, weshalb man mitten in dieser Trauer, deren Ursache doch ein Schuss war, versuchte, den Toten zu ehren, indem man diese schrecklichen Geräusche über sein Grab krachen ließ.

   Später, sehr viel später, lese ich in einem Zeitungsbericht über diesen Tag sowohl die Ansprache des Pfarrers als auch die Rede des Polizeipräsidenten und merke sofort, dass die beiden wohl deutsch gesprochen hatten, aber jeder in fast unheimlicher Weise seine eigene Sprache. Unheimlich, weil es mir (später, lange, sehr lange nach diesem Begräbnis) aufging, dass der Gegensatz dieser beiden Redner – wie so vieles andere – aufmerksamen Menschen eine Wahl ermöglicht hätte.

   „Dich, Kamerad, grüßt das nationalsozialistische Deutschland, dem du dein Leben gegeben hast!“ sagte der Polizeipräsident unter anderem. Was für ein Quatsch! Wir alle kannten Ediths Vater sehr gut als einen lebensfrohen, äußerst fürsorglichen Familienvater. Er gab sein Leben nicht für sein Land, sein Leben wurde ihm genommen. Ein Gewohnheitsverbrecher handelte in Panik und tötete den Polizisten, der ihn während seines Dienstes gestellt hatte. Der Gewohnheitsverbrecher wusste, dass er nach diesem Einbruch – sollte er als Täter entlarvt werden - im Zuchthaus landen werde. Der Polizeibeamte tat nur seine Pflicht. Nichts bei diesem Ereignis hatte etwas mit „dem nationalsozialistischen Deutschland“ zu tun. Aber so war es damals, alles konnte nach Gutdünken oder Bedarf der Machthaber eine Wendung hin zu einer Heldentat oder einem Verbrechen für oder gegen „Führer, Volk und Vaterland“,

für oder gegen „Blut und Boden“ bekommen. Nicht einmal ein eigenes Schicksal mehr schien der Mensch zu besitzen.

   Ich weiß, Vater ermahnte uns, aufmerksam zu sein. Hör zu! sagte er, hör zu und denk’ nach!

   Vater war klug, zweifellos. Aber nach und nach musste ich entdecken, dass auch Vaters bombensichere Vorhersagen wie Seifenblasen zerplatzen konnten. Vater bezeichnete die Judenverfolgungen als „Weltkrieg“. Denn die Juden lebten über die ganze Welt verstreut, und die Welt  werde gegen Hitler reagieren. Das werde ihn zu Fall bringen. Sagte Vater. Aber die Welt schwieg. Und die Olympischen Spiele - auch das glaubte Vater -  würden ein Fiasko werden, denn die Sportler der ganzen Welt würden wegbleiben. Aber Vater hatte Unrecht. Sie kamen, ich sah sie in der Wochenschau. Sah einen lächelnden Hitler auf der Tribüne stehen, während die Sportler beim Einmarsch Deutschlands Führer mit dem im Lande üblichen “Heil“ begrüßten. Mich wunderte nicht die Art und Weise, wie die Ausländer grüßten – ein höflicher Gast folgt den Sitten und Gebräuchen des Landes - , sondern die völlig falsche Einschätzung der Lage durch meinen doch so klugen Vater.

   Es war schön, die Wochenschau zu sehen, Berlin zu sehen, ja, das ganze Deutschland – geputzt und festlich geschmückt. Man wurde mitgerissen und konnte nur denken: „Schaut, das ist mein Land! All’ den ausländischen Gästen schadet es wohl nichts zu sehen, wie schön mein Land ist!“ Und man war fast mit denen einig, die der Ansicht gewesen waren, Politik und Sport dürften nicht miteinander vermischt werden, und deswegen konnte man gut mitmachen, auch wenn man sich von der Politik des Landes distanzierte. Hier und da entstand allerdings ein kleiner, nagender Zweifel: zum Beispiel angesichts von Soldaten – den Helm auf dem Kopf und das Gewehr geschultert -, die jeden Morgen zum „Wecken“ durch die Olympiastadt marschierten. Was haben bewaffnete Soldaten mit den Olympischen Spielen zu tun? Aber vielleicht war es in Deutschland so, dass alles zusammengehörte: Sport und Soldaten und Fahnen und Lieder und Musik. Vielleicht hatten die Ausländer stillschweigend akzeptiert, dass es in Deutschland  eben so sei und dass daran nichts zu ändern sei. Oder?

   Ich tat, wie Vater gesagt hatte, ich versuchte zu denken. Aber meine Gedanken wurden zu einem dicken, zähen Brei. Es war schrecklich, aber ich konnte daran nichts ändern.

   Während dieser Zeit ging ich oft ins Kino. Vater bekam Freikarten für zwei Kinos. Ich jubelte mit den anderen über die Siege deutscher Sportler. Der  Kommentator der Wochenschau hob hervor, dass derartige Rekordleistungen nur in einem Lande unter einem Führer wie Adolf Hitler möglich seien. Ja, das behauptete er, und ich musste annehmen, dass dies wohl richtig sei, denn du liebe Zeit, wie wir Jugendlichen zum Sport getrieben wurden, der auch „Körperertüchtigung“ genannt wurde. Ein dämliches Wort, meinte ich, denn es stellte mich ins Abseits; ich erreichte nie – auch nicht mit großen Anstrengungen – meinen Körper zu „ertüchtigen“.

   Man hatte mir erzählt, dass unser Führer während der Olympischen Spiele einem Schwarzen den Handschlag verweigert habe, obwohl dieser mehrere Goldmedaillen erreicht hatte. Auch darüber dachte ich sehr lange nach. In der Hafenstadt Hamburg hatte ich während meines Heranwachsens viele unterschiedliche Menschen mit allen möglichen Farbnuancen gesehen. Die schönsten Menschen waren meiner Meinung nach diejenigen, die bei der Schöpfung reichlich Farbe abbekommen hatten. Mit viel Mühe hatte meine Mutter mir beigebracht, dass man diese Menschen nicht einfach bei der Hand nehmen, sie anstarren, anlächeln oder ansprechen könne, nur weil man sie so schön findet. Ehrlich gesagt, verstand ich unseren Führer nicht. Vater sagte, Hitler sei nun einmal so, er ekele sich, wenn er einen Neger sehe, und er könne auch keine Juden leiden und andere nicht arische Menschen, er bevorzuge die blonden, nordischen Menschen. Und dann sagte ich etwas ganz Dummes: „Ja – aber – Goebbels ist doch nicht nordisch und Himmler auch nicht und Göring und all die anderen – und er selbst – ja – aber - “. Ja, da grinste Vater, als hätte ich einen Witz gemacht. Und dann sagte er wieder das mit dem Galgen. „Du musst aufpassen, dass du uns mit deinem Mundwerk nicht alle an den Galgen bringst“. Und obwohl das mit dem Galgen ja sehr ernst war, hörte er diesmal nicht auf zu grinsen.

   Nachdem die olympische Flamme gelöscht worden war, besuchte uns ein Verwandter, der in Amerika lebte. Er war ein eifriger Zuschauer bei den Olympischen Spielen gewesen und ein kritischer Beobachter der Zustände „im neuen Deutschland“. Seine Freunde drüben in Amerika hatten ihn nämlich gewarnt, in Hitlers Deutschland zu reisen. „Allzu Grausames geschieht in diesem Land“, hatten sie gesagt, „die Gefängnisse sind voll und die Stimmung gedrückt und unfrei. Wer weiß, vielleicht lässt Hitler dich nicht nach Amerika zurückreisen. Einen wie dich kann Hitler gut gebrauchen - groß und blond, wie du bist, deutlich nordischer Herkunft. Solche wie dich sammelt er, die 'anderen' versucht er auszurotten“.

    Nun saß er in unserem Wohnzimmer und erzählte ein wenig herablassend von der Schwarzseherei der Freunde. Ja, ja, er habe seine Augen offen gehalten, aber von dem Vorhergesagten habe er nichts gesehen. Keine dieser gut gemeinten Warnungen sei in Erfüllung gegangen. Allerdings gehe es der Familie Ascher nicht so gut. Das müsse er zugeben. Ascher habe auch nicht mit ihm sprechen wollen. Maria habe erzählt, dass sich ihr Mann oft in einem Zimmer auf dem Boden einschließe. Aber war er denn nicht immer etwas eigen, dieser Ascher? Als orthodoxer Jude habe er mitunter sonderbare Sitten und Gebräuche gehabt. So seien die Juden auch drüben in Amerika. Die seien eben anders, etwas für sich. Ja, wenn er sich richtig erinnere, habe es einige in der Familie gegeben, die Maria vor dieser Verbindung gewarnt hätten. Er sei wohlhabend gewesen, und einige hätten wissen wollen, dass sie ihn wegen seines Vermögens genommen habe. Aber wie sie nun im Unglück an seiner Seite stehe – nein, da müsse man schon etwas anderes glauben. Aber wir wüssten ja alle, die Juden hätten ein besonderes Verhältnis zum Geld. Vielleicht habe er als Geschäftsmann zu hoch gespielt und dabei alles verloren. Und nun sei er zu stolz, um dies zuzugeben. Stolz sei er ja immer gewesen. Aber davon abgesehen, sei es herrlich zu sehen, wie sich Deutschland aus der Asche erhoben habe, ein Deutschland, das geprägt sei von Fleiß, Arbeitsfreude und Zusammenhalt. Ja, zu Hause in Amerika, wolle er von all dem Großartigen, das er im Land seiner Vorväter habe sehen können, erzählen und darüber schreiben.

   Vater saß nur da, als unser Gast redete und redete. Ab und zu lächelte Vater und murmelte etwas, was keiner verstehen konnte. Aber dann sagte er, dass man als Tourist oft nur die „Sonnenseite“ eines Landes sehe. Nicht alles, was glänzt, sei Gold.

   Aber unser Gast meinte, dass allzu viel Schwarzseherei den Fortschritt behindere. Optimismus gehöre dazu, Optimismus und ein unbedingter Glaube an den guten Willen des Führers. Deutschland sei dabei, in einem Maße aufzublühen, wie das niemand in der schweren Zeit der Niederlage für möglich gehalten habe.

   Als der Gast gegangen war, sagte Vater, dass von nun an harte Zeiten auf das gesamte deutsche Volk, besonders aber auf Familien wie die Aschers, zukämen. Denn nun habe Hitler gesiegt.

 

   Auch diese Weissagung ist nicht in Erfüllung gegangen. Es kam nämlich eine recht gute Zeit. Arme Arbeiterkinder aus meiner Klasse reisten in den Ferien mit „Kraft durch Freude“ nach Italien oder fuhren mit der ganzen Familie durch die norwegischen Fjorde. Manchmal war Adolf Hitler selbst mit auf einer dieser Reisen. Erwachsene, die ihn aus nächster Nähe erlebt hatten, sagten: „Der Führer hat eine wunderbare Ausstrahlung“. Eine Frau wusch sich sieben Tage lang nicht die Hände, weil der Führer ihr die Hand gegeben hatte. Die Kinder, die mitreisen durften, waren an so etwas nicht sonderlich interessiert. Die Kinder sprachen nur davon, wie lustig es sei, in ferne Länder zu reisen.

   Wenn Mutter zu Oma nach Rendsburg fahren wollte, legte sie lange Zeit vorher Kleingeld zur Seite, obwohl Vaters Einkünfte erhöht worden waren. Er arbeitete nun auf der Wache im Büro und nicht mehr auf der Straße. Unsere Ferien verbrachten wir wie alle unsere Nachbarn, die auch Polizisten waren, zu Hause. Von meiner Seite aus gesehen, war es ein Glück, jeden Morgen mit dem Wissen zu erwachen, alle meine Freundinnen und Spielkameraden in der Nähe zu haben. Nun galt es nur noch, sich irgendetwas richtig Spannendes einfallen zu lassen. Am schönsten waren die warmen Sommertage, die wir im Freibad zubrachten. Normalerweise ließen wir die Fahrräder zu Hause und gingen den weiten Weg dorthin. Nicht alle Mädchen hatten ein Fahrrad, auch war das Parken der Fahrräder auf die Dauer eine teuere Angelegenheit, denn das kostete jedes Mal ein paar Pfennige. Der Weg zum Freibad zu Fuß dauerte ja nur eine halbe Stunde, und die verging mit Unsinn und Gerede und unter viel Lachen. Eigentlich beneidete ich kein einziges Kind, das mit vielen fremden Erwachsenen und Kindern in fremde Länder reisen musste. Aber nach den Ferien, wenn eine Unterrichtsstunde benutzt wurde, um von den Ferienerlebnissen zu erzählen, kamen mir meine eigenen Erlebnisse recht mager vor. Welches Interesse konnten die anderen an einem Bericht über einen Sommertag mit Saft und Keksen in der Höhle haben, wenn sie gerade vorher Beschreibungen der hohen norwegischen Berge gelauscht hatten. Wie nahmen sich meine Erzählungen vom Strand an der Elbe oder in einem überfüllten Freibad aus gegenüber  Erlebnissen an der Sonnenküste des Mittelmeers. Und Hagenbecks Tierpark, ja, was ist der schon im Verhältnis zum Kolosseum in Rom? Die anderen erzählten, und wir, die wir prächtige Tage in unserer eigenen Stadt zugebracht hatten, hörten stumm zu.  Zu Hause versuchte ich, Vater für eine solche Reise mit uns zu erwärmen. Doch vertrat Vater die sonderbare Meinung, dass man sich zu teuer verkaufe, wenn man eine Partei seine Vergnügungen bezahlen ließe. Wieder kam er mit seiner allmählich etwas abgenutzten Bemerkung, dass ein Polizeibeamter sich politisch neutral verhalten solle. Er sagte viel mehr, aber ich dachte nur an die vergnügten Erzählungen von den Reisen, die, wie man das nannte, „Kraft durch Freude“ gaben. Weder wollte noch konnte ich eine andere Meinung verstehen und fegte Vaters Erklärung vom Tisch. Er könne unmöglich immer Recht haben. In der Tat – so meinte ich  - könne es kein Verbrechen sein, die vorher so armen, vergessenen Kinder froh zu machen, indem man die sonst unerreichbaren Reisen für sie bezahlte.

   Hitler war uns von der „Vorsehung“ gegeben worden, das hatte ich ihn selbst sagen und  andere bekräftigen hören. Noch wusste ich nicht, was „Vorsehung“ eigentlich bedeutete. Ich dachte ein bisschen über die Zusammensetzung des Wortes nach und kam zu dem Ergebnis, dass die Vorsehung etwas sein müsse, was weiter sehen könne als wir gewöhnlichen Menschen, etwas, was im Voraus Visionen von Ereignissen hat, die geschehen würden. In meinem Land geschah viel Böses, das war nicht zu übersehen. Doch hieß es, dass man Böses mit Bösem vertreiben und dass man Opfer bringen müsse. Und es wurde auch gesagt, dass im Krieg und in der Liebe alle Mittel erlaubt seien.

   Wir Menschen tun klug daran, uns in das Unvermeidliche zu fügen, wie Tante Mieze zu sagen pflegte, wenn sie nicht in anderer Weise trösten konnte.

 

   Und dann vergaßen wir eine Zeitlang alle diese Dinge, weil ich Keuchhusten bekam und wirklich sehr geschwächt war. Dr. Erbach sagte, dass in einem Fall wie dem meinen ein Flug hoch oben in der feuchten Luft vielleicht Wunder bewirke. Aber ich war über diesen Gedanken entsetzt. Deswegen schlug der Arzt zur Linderung eine Luftveränderung vor. Mutter fuhr mit mir zu Oma nach Rendsburg. Jeden Abend spannte Oma eine Leine durch das Schlafzimmer und hängte feuchte Betttücher auf in der Hoffnung, dass die Feuchtigkeit meinen Husten lindern werde. Einmal wurde ich bei einem Hustenanfall ohnmächtig und bekam Krämpfe. Es tat gut, Mutters und Omas Zusammenhalt zu merken. Wie immer wurde Mutter in Gegenwart ihrer Mutter ruhig und wirkte entspannt.

   Überraschend kam Wolfgang eines schönen Tages mit dem Fahrrad nach Rendsburg. Vater kam nicht. Er schrieb, dass er gerade dabei sei, die Küchenmöbel in zwei schönen Blautönen zu streichen. Auch die Treppe wolle er neu lackieren. Und dann versprach er, mit mir ins Freibad zu gehen, wenn ich wieder zu Hause sei. Das war wahrhaftig großartig, denn dazu hatte er früher nie Lust gehabt.

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                           Die Konfirmation

 

 

                                                                               

 

   Vaters Verhältnis zu den deutschen Geistlichen war mit der Zeit sehr kritisch geworden. Gefragt, warum, sagte er, dass die Pastoren mit beiden Seiten zu singen versuchten – mit Mehl im Mund, und das könne nur zu Missklängen führen. Eines Tages raffte ich mich auf und fragte die Pfarrerstochter Anne, ob sie mir wohl diese merkwürdige Aussage meines Vaters erklären könne. Ihr missfiel meine Frage, sie musterte mich misstrauisch und rückte unwillkürlich einen Schritt von mir weg.

   Ich weiß jetzt, dass Göring 1934 den Befehl gegeben hatte zu rücksichtsloser Verfolgung aller Pastoren, die auf Grund ihrer eigenen Auslegung des Evangeliums meinten, Adolf Hitlers Botschaft untergraben zu müssen und dies – nach Art der Pastoren – mit dem Christentum als Schutzschild. Aber ich weiß nicht, ob Anne damals gewagt hatte, mir das zu sagen. Ich bin auch im Zweifel darüber, ob es Anne war, die mir von einer Pfarrfamilie erzählt hatte, die als Landesverräter bestraft worden war, weil sie sich der Kinder eines verhafteten Pfarrers angenommen hatte. Aber ich weiß, dass ich solche Dinge erfuhr. Ich begann nämlich zu verstehen, dass es auch andere Väter gab, die wie mein Vater auf ihre Verantwortung für die Familie verwiesen, und meinte deshalb, dass besonders mein Vater den Gesang der Pastoren „mit Mehl im Munde“ verstehen müsse. Anne hatte viele Geschwister. Ich meine, mich zu erinnern, dass sie zu Hause sechs Kinder waren. Bei einem meiner Besuche im Pfarrhaus führte sie mich in ein kleines Zimmer. Es war gefüllt mit merkwürdigen Gegenständen, die Annes Vater während seines Aufenthaltes als Missionar in China gesammelt hatte: winzige Frauenschuhe, Seidentücher und Fächer; Kinderspielzeug gab es dort auch und viele andere Dinge. Anne erzählte, ihr Vater habe als junger Missionar oft in größter Gefahr geschwebt. Und obwohl er damals auf keine Kinder Rücksicht zu nehmen hatte, gab es doch anderes, für das er Verantwortung trug. Deshalb war er genötigt, die Kunst der Verstellung und der Camouflage zu lernen, und manchmal sah er sich auch gezwungen, sie zu benutzen. Denn sonst wäre es ihm schlecht gegangen. Und das durfte nicht geschehen, denn ein toter oder inhaftierter Pastor könne nicht verkündigen.

   Wir saßen beim Abendbrot, als Vater der Familie den Austritt aus der Kirche mitteilte. Wenn wir in Zukunft nach unserer Religionszugehörigkeit gefragt würden, sollten wir sagen, wir glaubten an Gott, wir seien „gottgläubig“. Wolfgang starrte Vater an, dann erhob er sich jäh und baute sich vor Vater auf. Und dann sagte er sehr bestimmt: „Du hast kein Recht, in dieser Sache über mich zu entscheiden. Morgen gehst du zum Kirchenbüro und meldest mich wieder an!“ Wir erwarteten einen Zornesausbruch unseres Vaters. Zu unserer großen Verwunderung blieb er doch ruhig. Und dann sagte er tatsächlich lächelnd: „Wird gemacht, mein Junge“.

   Wolfgang ging also zum Konfirmandenunterricht des Pastors, Annes Vater. Abends berichtete uns Wolfgang begeistert über diese Stunden. Insbesondere die Berichte des Pastors über seinen Aufenthalt in China fesselten die Jungen. Eine Erzählung handelte von der Festnahme des Pastors durch chinesische Soldaten, als er ein Stück Papier mit einem Bibeltext verschlucken musste. Gottes Wort werde nämlich von den weltlichen Machthabern oft als sehr gefährlich angesehen.

   Ich mochte diese Erzählung sehr. Und wunderte mich nicht, wenn Wolfgang in dem mir gegenüber üblichen belehrenden Ton erklärte, dass Pastoren wahrhaftig keine Waschlappen und Angsthasen sein müssten. Und biblische Geschichte könne ganz interessant sein. Stell dir vor, ein so mutiger Mann wie Pastor Juhl zu sein! Wolfgang war voller Bewunderung.

   Die Konfirmation wurde nun mit großem Eifer geplant. Vater kam mit Broschüren, vielen Broschüren mit Bildern von Porzellan und Glas, nach Hause. Abends saßen Vater und Mutter und wählten aus und verwarfen, stellten Berechnungen an und plauderten ein wenig. Schließlich entschieden sie sich gemeinsam für ein Ess- und Kaffeeservice mit schwarzem Rand, weil man, wie Mutter behauptete, das nicht so leicht leid werde. Sie bestellten auch Weingläser. Vater machte aus Stachelbeeren den besten Wein. Sie kauften auch einen neuen Wohnzimmerschrank, jetzt, wo sie so viele schöne Sachen gekauft hatten. Und als das alles getan war, begann Mutter, das Haus auf den Kopf zu stellen. Alle Gardinen wurden gewaschen, die Messingstangen blank geputzt. Da wurde geschrubbt und gescheuert, das wollte kein Ende nehmen. Zum Schluss backte Vater die feinsten Konditorkuchen. Und Wolfgang bekam einen Anzug, neue Wäsche und ein schönes Oberhemd.

   Dann kam er endlich, der große Tag. Nein, er kam nicht, er „brach an“. Wolfgang war von Anfang an ungewöhnlich still. Unser Haus füllte sich mit vielen  fröhlichen Menschen. Es waren so viele da, dass mir das Haus wieder sehr groß und sehr, sehr geräumig vorkam – obwohl Mutter unverkennbar Probleme hatte, für alle Platz zu finden.

   An die Konfirmation selbst kann ich mich nicht erinnern. Bei so vielen Menschen in und vor der Kirche verschwand alles andere vor mir. Als wir nach Hause kamen, standen Blumengeschenke vor unserer Tür. Viele Hortensien, die Mode waren.

   An das Mittagessen kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Aber ich weiß, es war so viel zu essen und zu trinken da, dass ich am Nachmittag alle meine Freunde in unsere Waschküche einlud. Die sorgten dann dafür, dass auf jeden Fall Vaters Kuchen sehr schnell verschwand.

   An diesem Tag wurde viel gesungen. Nachts, als ich mich schon längst hingelegt hatte, hörte ich halb im Schlaf noch die Lieder. Wohl hatten wir immer gesungen, wenn wir Gäste hatten, aber diesmal war alles – auch die Lieder – etwas ganz Besonderes. Die letzten

Gäste gingen im Morgengrauen. Da war Mutter wirklich müde. Sie räumte ein bisschen beiseite, danach wollte sie sich hinlegen. Aber dazu kam sie nicht. Sie hatte gerade das Kleid ausgezogen, als es an der Tür klingelte. Einige Gäste hatten auf dem Weg zur S-Bahn darüber gesprochen, wie wunderbar entspannt und gleichzeitig feierlich dieses Fest gewesen sei. Allzu schön, um schon vorbei zu sein! Und so drehten sie um und kamen zurück in unser Haus und erklärten lachend, dass sie den Bahnhof nicht hätten finden können und deshalb weiterfeiern müssten. Alle halfen Vater und Mutter, den Frühstückstisch zu decken. Hier saßen sie und plauderten, bis die Müdigkeit sie alle übermannte, so dass sie sich entschließen konnten aufzubrechen.

 

   Man sagt, Schwalben bauten keine Nester auf einem Hof, der einmal abbrennen wird. Denn Tiere wüssten, dass Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen. Aber wie viel ahnt der Mensch von seinem Schicksal? Später sprach Mutter  sehr oft von diesem Fest, das an Umfang, Inhalt und Intensität das erste und das letzte Fest des Hauses war. Mutters Ansicht nach ahnten wir alle auf seltsame Weise mehr oder weniger instinktiv, dass wir nie wieder einen Anlass haben würden, so zusammenzusein.

 

   Als Wolfgang in der Schule seinen Lebenslauf schreiben lernte, hob er in diesem Schriftstück nur die Daten hervor, die die Hitler-Jugend betrafen. Aber der letzte Satz dieses Lebenslaufs lautete: „Und 1937 werde ich konfirmiert“. Obwohl es üblich ist, in einem Lebenslauf nur Ereignisse zu erwähnen, die geschehen sind.

 

 

 

 

 

 

 

                                                           E i n    S o m m e r

 

 

                                                                                         I afskedslys i bondens haver

                                                                                         nu æblet blusser, skønt at se.

                                                                                         (Men hvor er vårens blomstersne?)

                                                                                         Trindt ligger mejet markens gaver

                                                                                         en gammel sædemand og graver

                                                                                         gik over landet med sin le.

 

                                                                                                        Johannes V. Jensen

 

                                                                                         (Im Abschiedlicht der Bauerngärten

                                                                                         loht nun der Apfel, schön zu seh’n.

                                                                                         (Wo aber ist des Frühlings

                                                                                                                         Blütenschnee?)

                                                                                         Gemäht ringsum der Äcker Gaben,

                                                                                         ein alter Sämann und Totengräber

                                                                                         schritt mit der Sense über’s Land.)

 

   Der Sommer kam, und Vater meinte, der werde gut werden. Wolfgang war nun mit der Schule fertig und hatte sofort eine Lehrstelle bei einem Elektriker gefunden. Das nannte man „in die Reihen der Erwachsenen treten“. Aber Wolfgang kam mir keine Spur erwachsen vor, lediglich groß und ein bisschen verändert. Er sprach viel davon, Elektrotechniker zu werden. Zuerst eine Lehre zu machen und dann eine Technikerschule zu besuchen, bezeichnete er als „den zweiten Weg“, d.h. einen Umweg zu einem Ziel.

   Wolfgangs Meister hatte die Werkstatt neben seiner Villa. Und so konnte es ihm einfallen, den Lehrling ins Haus zu schicken, wo er der Ehefrau bei der Hausarbeit helfen musste. Sie schurigelte und kommandierte den Lehrling, so dass er wirklich schnell lernte, Fenster zu putzen, Kartoffeln zu schälen oder die Kellertreppe zu scheuern. Aber nicht diese Kenntnisse waren es, die Wolfgang sich aneignen wollte. Zu Hause sprach er nicht über seine Enttäuschung, weil er – wie er später sagte – es leid gewesen sei, Anlass für ärgerliche Auseinandersetzungen zu sein. Wir merkten, dass er sich nicht wohlfühlte, fragten aber nicht nach der Ursache. Erst als der Meister wegen einer Glühbirne, die während der Reparatur einer Lampe kaputt gegangen war, Wolfgangs Lohn kürzte, erkundigte sich Vater über diesen Meister, und Wolfgang packte aus. Vater wurde böse und stellte sich vorbehaltlos hinter Wolfgang. Es kam zu einer Auseinandersetzung mit dem Meister, die zur Aufhebung des Lehrvertrags führte. Als alles überstanden war, bemerkte Wolfgang, dass man Hitler für die Rechte und den Schutz der Jugend danken könne. Mutter sah ihn nur an. Vielleicht etwas wehmütig. Aber dann sagte sie ganz ruhig: „Es ist dein Vater, der dich liebt, mein Junge“.

   Wolfgang fand rasch eine neue Lehrstelle und war diesmal zufriedener. Einmal arbeitete die ganze Belegschaft auf einem großen Bauplatz. Bei einem Richtfest machten sich die Gesellen einen Spaß daraus, Wolfgang betrunken zu machen. An diesem Abend hielt Vater zu Hause gleichsam Wache. Als er jemanden an der Haustür herumhantieren hört, denkt er sich sein Teil, öffnet die Tür und breitet beide Arme aus, um seinen Sohn aufzufangen, der sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Beide sagen nichts zu einander, aber Vater hilft ihm ins Bett.

   Am nächsten Morgen sagt Wolfgang mit leicht verlegenem Lächeln: „Er hat mich vermutlich trotzdem gern – der Alte“.

   Während seines Urlaubs fuhr Wolfgang mit dem Rad nach Rendsburg, um Oma zu besuchen. Die Vettern kamen mit dem Fahrrad aus Flensburg, und die Jungen hatten zusammen viele lustige Erlebnisse. Ich genoss nun die Ruhe zu Hause bei meinen Büchern. Vater begann, mich eine Leseratte zu nennen. In diesem Fall war ich eine Leseratte mit Stöpseln in den Ohren, denn ich schloss beim Lesen die Umgebung aus, indem ich mir die Zeigefinger in die Ohren steckte. Im Garten fand ich eine kleine Ecke hinter den roten Johannisbeersträuchern. Hier konnte mich Mutter auf meiner Reise rund um die Welt nicht entdecken. Hier war ich alleine mit Vroni und Heidi in Johanna Spyris Büchern. Mit einem Mädchen namens Monika erlebte ich Madagaskar. Eine Buchserie über das Leben einer Familie in Afrika fesselte mich sehr. Hätte ich geahnt, dass ich innerhalb ganz weniger Jahre den Familievater und Verfasser kennen lernen sollte, hätte ich die Bücher mit größerer Intensität gelesen. Vater kaufte mir Bücher über das Mädchen Schimm, das voller Possen steckte. Und ich sammelte auch die Bücher über Pucki, die Tochter des Revierförsters – und hielt es für durchaus vorstellbar, wenn die Zeit käme, einen Revierförster zu heiraten.

   In diesem Sommer baute ein Rotschwänzchenpaar sein Nest im alten Kaninchenstall gleich neben meinem gut verborgenen Leseplatz. Als die Jungen aus den Eiern geschlüpft waren, begann Frau Schütts Katze um den Stall zu streifen. Und dann geschah etwas ganz Merkwürdiges: Das Vogelmännchen setzte sich auf  Vaters Rücken. Vater deutete dies als Bitte um Hilfe und begab sich spornstreichs zu Frau Schütt. Er verlangte, dass die Katze eingesperrt werde, solange die Jungvögel in unserem Garten seien. Frau Schütt war ein bisschen beleidigt: Das Jagen gehöre zur Natur der Katzen, und so ein süßes kleines Kätzchen könne man nicht einsperren und . . . Ja, ihre Verteidigungsrede für die Katze wollte kein Ende nehmen. Aber Vater gab nicht nach. Schließlich drohte er, der Katze eine Konservendose an den Schwanz zu binden – damit werde sie sich zu Tode laufen. Frau Schütt war eine nette alte Dame, die wir alle leiden konnten und der wir immer mit viel Respekt begegneten. Als Vater merkte, wie sehr seine Drohung sie verärgerte, versuchte er mit Sanftheit, ihr verständlich zu machen, dass  wir  einen Garten hätten und in diesem Garten ein Vogel sei und dieser Vogel  unsere  Freude sei. Wie  Frau Schütt   einen Garten und eine Katze habe, die  ihre  Freude seien. Wie auch immer, Frau Schütt sperrte ihre Katze eine Weile ein, und wir sahen die Rotschwanzjungen groß werden.

 

   Und in diesem Sommer – wie so viele Sommer vorher – baute der Igel sein Nest unter unserer Gartenbude. Das Tier war sehr zahm und brachte auch seinen Jungen bei, vor uns keine Angst zu haben. Wir gaben ihnen Milch, Schokolade, Käserinden und gelben Lebertran. Letzteren zu Vaters großer Freude, denn so wurde er endlich dieses Wundermittel gegen Erkältungen los. Er hatte die Flasche im letzten Winter gekauft, weil man ihm erzählt hatte, dass besonders der gelbe Lebertran die Kinder groß und stark werden lasse. Ich hatte auch versucht, Willensstärke zu zeigen, indem ich Augen und Nase schloss, um dieses stinkende Zeug mit „Todesverachtung“ hinunterzuschlucken. Aber mein Magen rebellierte, und ich erbrach mich über Vater, der vor mir stand, den Löffel noch in der Hand.

   Die Igel, ach, die schlabberten und schlabberten den Lebertran den ganzen Sommer lang. Und Vater stellte zufrieden fest, dass sie fett wurden und den Winter besonders gut überstehen würden.

   Als der Sommer zu Ende ging, begann Wolfgang mit seinen Abendkursen. Mutter sang viel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                              I m   D i  e n s t

 

                                     ( o d e r    d i e    v e r d a m m t e    P f l i c h t )

 

 

                                                                            Auch du!

                                                                           Sei auch ein Träger dieser deutschen Tat,

                                                                           die größer ist als alles, was da war!

                                                                           Sei dieser Sache, die so wunderbar,

                                                                           wie wir, Soldat.

 

                                                                           Auch deine Hand ist Heiligem geweiht!

                                                                           Töte in dir den Toren und den Tand

                                                                           Und sage dann zu Volk und Vaterland:

                                                                           Ich bin bereit!

 

                                                                                             Baldur von Schirach

 

   Baldur von Schirach war Reichsführer der Hitler-Jugend. Hinter vorgehaltener Hand sprach man darüber, dass dieser Mann kein Abitur gemacht habe. Einige wagten auch, auf Schirachs schwülstigen Huldigungsgedichte an den Führer als einzige Ursache für Schirachs hohe Position im Staat hinzuweisen. Diese Gedichte standen in den Schulbüchern und wurden von uns Kindern  als Gebrauchsanweisung für unseren Dienst für Führer, Volk und Vaterland aufgefasst. Das Gedicht „Auch du“ wandte sich an uns Jugendliche als Einzelpersonen und Verantwortliche und war, wie so vieles andere, eine ständige Aufforderung, bereit zu sein und seine Pflicht zu tun als Soldat für die großartige Sache. Schirach hatte einmal gesagt, dass das einzige erstrebenswerte Ziel der Hitler-Jugend der Dienst an der Waffe sein müsse. Mit seinem Kampfruf für die Jugend „Marschieren geht über Studieren“ stellte er den Dienst in der Hitler-Jugend über alles andere. Einiges von dem muss mir zu Ohren gekommen sein - ich glaubte nämlich, dass der intensive Einsatz für die „Bewegung“ in Wirklichkeit nur eine Sache für Jungen sei, dass wir Mädchen nur als kleines Anhängsel ohne sonderliche Bedeutung gesehen  wurden. Und ich räume gerne ein, dass diese „Anhängselposition“ mir ausgezeichnet passte. Weniger zufrieden war ich mit der Botschaft, die mir die von den Nazis  anerkannte „moderne“ bildende Kunst vermittelte. Wenn ich diese Kunstwerke betrachtete mit ihren starken Stahlblick-Frauen, die üblicherweise Arbeiterinnen, Bauersfrauen und Mütter waren und deshalb oft ein Bündel Ähren, Feldblumen oder ein Kind im Arm hatten und einen hammer- oder gewehrtragenden, in die Ferne schauenden Mann an ihrer Seite, wusste ich, dass ich nie und nimmer – auch nicht annäherungsweise – eine Frau wie diese Idealbilder werden könne.

   Wie auch immer, eines Tages kam ein Arzt in unsere Schule. Er untersuchte alle Neunjährigen – sowohl Mädchen als auch Jungen -, um zu entscheiden, ob man gesundheitlich für den Dienst in der Hitler-Jugend geeignet sei. Hilde, die einen Klumpfuß hatte, und Inge, die auf Grund eines zu kurzen Beines behindert war, waren unruhig, bis der Bescheid „zum Dienst geeignet“ sie als normal und fähig zum üblichen Zusammensein mit all’ den anderen Kindern erklärte. Die beiden Mädchen versuchten, es zu verbergen, aber der Stein, der ihnen nach dieser Entscheidung vom Herzen gefallen war, konnte von uns allen wahrgenommen werden. Ich wurde als „zu schwach für die von der Hitler-Jugend verlangten Dienste“ gestempelt und bekam dieses Manko durch ein Attest bestätigt. Nun stand da schwarz auf weiß, dass ich klein und schwächlich und deswegen nutzlos für die Gesellschaft, für mein Vaterland, sei.

   Welche Schande! Zu Hause versuchte Vater mit tröstenden Worten zu erklären: Das mit dem Attest war im Grunde genommen seine Idee und die des Hausarztes. Das Attest entsprach nicht der Wahrheit, war aber gut geeignet, um mich vor dem Weg zu bewahren, den Wolfgang gegangen war. Er sprach entsetzlich in Rätseln, mein lieber Vater – zum Beispiel: „Durch schwere Zeiten kommt man am besten mit dem richtigen Nebenmann, mit einem Freund und indem man  ein paar 'Kanäle'  kennt – du musst verstehen, das mit dem Attest – du weißt schon“. Aber ich wusste nichts, verstand nur das eine: Ich war amtlich untauglich gestempelt worden. Alle nämlich sollten Mitglieder der Organisation sein. Alle richtigen Menschen. Nur Kriminelle, Idioten, Krüppel, Volksfeinde, Juden und Sozialisten waren ausgeschlossen. Wenn mich nun jemand fragte – dachte ich -, warum ich nicht zu dieser Gemeinschaft gehörte, warum ich nicht im Dienst sei, ja, welche Antwort sollte ich darauf geben? Unter welcher Rubrik musste ich eingeordnet werden? Man konnte doch nicht einfach sagen: Ich wiege nicht genug, ich bin zu klein, zu dünn, zu schwach!

   Im Frühjahr 1938 wurden alle meine gleichaltrigen Freundinnen, Schulkameraden und Bekannten Mitglieder der Hitler-Jugend. Nach ihren Erzählungen zu urteilen, erlebten sie eine Menge spannender Dinge: Singestunden, Sportfeste, Ausflüge, Zusammenkünfte und Kameradschaft. Ich stand außerhalb.

   „Schnell wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl – so soll meine Jugend sein“, hatte Adolf Hitler gesagt.

   Vater hatte oft behauptet, dass ich lebhaft wie ein Wiesel sei. Mutter meinte, ich hätte einen zähen Willen. Aber ich wusste selbst, dass mir etwas Wesentliches fehlte: ich war weit weg davon, „hart wie Stahl“ zu sein. Also aß ich in Mengen „Quäker Rapidflocken“, denn auf den Tüten stand, dass besonders diese Haferflocken Eisen enthielten und Kraft gäben. Wolfgang bemerkte, Kraft alleine tue es nicht, man müsse auch mutig sein. Deshalb versuchte ich, meine Angst vor dem tiefen Wasser zu überwinden, indem ich im Freibad ins Schwimmerbecken sprang, obwohl ich nicht schwimmen konnte. Glücklicherweise war ein Erwachsener zur Stelle, der mich herausfischen konnte. Ich tat viele merkwürdige Dinge, nichts half, ich blieb die, die ich war. Trotzdem wollte ein paar Monate später kein Arzt mein Untauglichkeitsattest erneuern.

   Damit war also entschieden, dass auch ich zu der Gemeinschaft gehörte, in der alle richtigen deutschen Kinder und Jugendlichen ihren Platz hatten. Vater kaufte eine gebrauchte Uniformjacke, die kleinste Größe, die es gab. Trotzdem reichte mir die Jacke bis zur Hüfte, obwohl sie eigentlich gleich unter der Taille enden musste. Die Schultern der Jacke waren zu breit und die Ärmel zu lang. Mutter meinte, es sei gut, etwas zum Hineinwachsen zu haben, aber glücklicherweise kürzte sie mir die Ärmel.

   Wolfgang bemerkte mit einem Grinsen, dass ich einer Vogelscheuche ähnlich sei. Doch war mir seine Meinung völlig egal. Die Uniform war das Kennzeichen eines Zugehörigkeitsverhältnisses. Nun würde keiner mehr mit merkwürdigen Fragen kommen. Mutter nähte mir aus Vaters alten, abgelegten Hosen einen schwarzen Rock. Der Stoff passte nicht so richtig, aber Mutter meinte, dass dies schon keiner merken werde. Die weiße Bluse entstand aus den Randstücken eines zerschlissenen Betttuches. Wie üblich, war Mutter sehr tüchtig, etwas aus dem reinen Nichts zu machen. Aber als sie der Ansicht war, dass sie bei der Bluse allgemein übliche Knöpfe verwenden könne, protestierte ich. Bloß nicht, denn dann war das ja keine richtige Uniform. Es war nicht leicht, Knöpfe zu beschaffen, die mit den Buchstaben BDM/JM versehen waren, was für „Bund deutscher Mädel/Jungmädel“ stand. Ursel, die sich in Bahrenfeld gut auskannte, half mir dabei, ein Geschäft zu finden, das nur Uniformzubehör führte. Hier kaufte ich auch die Dreiecke mit der Aufschrift „Nord Nordmark“, die Mutter auf den linken Ärmel der Bluse und der Uniformjacke nähte. Wohin ich auch käme, allerorten würde man auf Grund der Dreiecke erkennen können, dass ich aus dem Norden, meiner Heimat, stammte. Aber „Nord Nordmark“ sei politisch gemeint, sagte Vater. Und das wird wohl stimmen, denn wir haben diese Bezeichnung im Heimatkundeunterricht nicht benutzt.

   Der wichtigste Teil der Uniform, das schwarze Halstuch mit Lederknoten, durfte erst nach einer Probezeit von ein paar Monaten benutzt werden. Während dieser Zeit hatte man reichlich Gelegenheit zu beweisen, dass man ein „würdiges Mitglied“ dieser einzigen, richtigen, großen Schar werden könne. Halstuch und Lederknoten wurden immer an den von der Parteileitung festgelegten und der Jugend geweihten Festtagen überreicht: dem 30. Januar (dem Tag von Hitlers Machtergreifung), dem 20. April (Hitlers Geburtstag), dem 1. Mai (dem Kampftag der Arbeiter), dem 21. Juni (dem Sonnenwendtag), dem 9. November  (dem Tag des Marsches auf die Feldherrenhalle in München) und dem Wintersonnenwendetag im Dezember. Was uns anbelangte, fand die Überreichung dieser ehrenvollen Dinge im Volkspark an einem von Spaziergängern vielbenutzten Weg statt. Auf diese Weise hatten wir Zuschauer. Es war ein bitterkalter Tag. Mutter hatte warme Unterwäsche und lange braune Strümpfe herausgelegt, obwohl unsere Führerin verlangt hatte, dass wir uns unbedingt in einheitlicher Kleidung einfinden sollten. Das hieß, nicht nur  in Uniform, sondern auch ohne Kopfbedeckung und mit Söckchen. Mütter pflegen kein Verständnis für solche Forderungen zu haben. Und nach einer recht heftigen Diskussion mit Mutter hatte ich nachgegeben und die langen, braunen Strümpfe angezogen. Mutters Verweis auf meine freie Wahl – Blasenentzündung oder „peinliche“ Kleidung – ließen mich letztere wählen. Alle anderen Mädchen befolgten den Befehl. Ihre Beine wurden vor Kälte rot und blau. Und da stand ich mit meinen langen, braunen Wollstrümpfen und hatte keine Lust, zu Ehren meines Führers zu frieren, dem ich von diesem Tag an, wie es damals hieß, „mit Haut und Haaren“ gehörte.

   Selbstverständlich wurde auch mir an diesem Tag das Halstuch überreicht. Mit ein paar ernsten Worten legte mir eine hochrangige Führerin das Halstuch um den Hals und befestigte es mit dem Lederknoten, wonach wir beide, vom Ernst der Situation geprägt, mit angestrengtem Gesichtsausdruck den rechten Arm zum Hitler-Gruß erhoben. Sonderbarerweise war es bei Anlässen, die mit „der Sache“ zu tun hatten, immer das Beste, sehr, sehr ernst auszusehen. Die ganze Zeremonie war sehr feierlich. Schade nur, dass ich auch nicht eine Minute meine braunen, langen Strümpfe vergessen konnte, die mich von allen anderen unterschieden.

   In diesem feierlichen Augenblick war ich aus ganzem Herzen überzeugt, dass ich meinem Führer, meinem Volk und Vaterland treu sein würde, ewig und für alle Zeiten - und ahnte nicht, dass ich immer wieder diesen Eid brechen würde. Bisweilen merkte ich das nicht, aber die Führerinnen machten mich stets darauf aufmerksam.

   Auf Ehre und Gewissen, ich hatte nie die Absicht, mich negativ hervorzutun. Es war nur so, dass ich Dinge tat und sagte, die völlig unpassend waren und Verärgerung und Anstoß bei den Führern zur Folge hatten. Eine Führerin meinte, dass ich allem Anschein nach nicht begriffen hätte, was die Hitler-Jugend bezwecke. Diese Äußerung setzte mich nicht in Erstaunen. Mein Unvermögen, Selbstverständlichkeiten zu begreifen, war nahezu grenzenlos. Aber man konnte sich ja Mühe geben. Man konnte sich ja erkundigen. Doch wagte ich nicht, mich bloßzustellen und anderen mit dummen Fragen zu kommen. Deshalb versuchte ich, Selbstgespräche zu führen. Tat das wieder und wieder, fragend und belehrend. Und ich versuchte vor allem, Antworten zu finden:

   „Das ist ja sehr einfach“, sagte ich zu mir selbst. „Also – Mitglied der Hitler-Jugend zu sein, bedeutet zu dienen. Führer, Volk und Vaterland und all’ dem Guten. Deswegen sagt man auch nicht, dass man zu einem Treffen gehe, wenn man sich mit den anderen in der Hitler-Jugend trifft, sondern man sagt, man gehe  'zum Dienst'. Damit ist die Absicht festgelegt und leicht zu verstehen und zu durchschauen: Du musst deinem Land immer zur Verfügung stehen! Und 'dienen' bedeutet, sich unterzuordnen, hatte Vater gesagt, allerdings in einem anderen Zusammenhang.

   Dienst ist Pflicht, niemand kann sie ernst genug nehmen. So hieß es jedenfalls. Bisher waren meine Pflichten nicht schwer zu ertragen. Mutter sparte nie mit Lob, wenn ich die Küche aufgeräumt hatte. Vater erzählte weit und breit, wie tüchtig ich bei der Gartenarbeit sei und wie sehr es ihn freue, dass ich sie ganz freiwillig machte. Herr Hatje konnte mich nicht genug loben für meine liebevolle Pflege der Zimmerpflanzen. In der Schule war man im Großen und Ganzen mit mir zufrieden. Aber wie erfüllt man nun seine Pflicht für etwas so Großes und Unüberschaubares wie ein Land, ein Volk – ja, und einen Führer, den uns die Vorsehung gegeben hatte?“

   Auf diese schwierige Frage konnte ich nicht gleich eine Antwort finden. Denn der Führer war so fern. Der Abstand zwischen ihm und mir war groß – der größtmögliche überhaupt. Mit Gott sprach ich in meinen Gebeten. Aber mit dem Führer konnte man nicht sprechen, auch nicht in Gedanken. Aber dann sagte ich mir, dem Führer zu dienen, das tue man wohl am besten, indem man seine Erwartungen erfüllt.

   „'Einer für alle, alle für einen!' Es ist der Zusammenhalt, der wichtig ist. Genau! Und dann dies, die Fahne zu achten und zu ehren,  ist auch wichtig. Die Fahne ist mehr als die Ewigkeit. Ja, die Fahne ist mehr als der Tod, wie es in einem Lied heißt. Wenn man nur gewusst hätte, was 'die Ewigkeit' ist - . Na, egal, im 'Lied der Jugend' heißt es: 'Unsere Fahne ist mehr als die Ewigkeit, ja, die Fahne ist mehr als der Tod'. Man sang überhaupt so viel vom Tod.

   Ja – aber – ich habe eigentlich keine Lust zu sterben. Noch nicht. Und im Übrigen, mein Leben und mein Tod können für das Land wohl kaum von Bedeutung sein. Ich meine, wie kann man bereit sein zu sterben? Wie soll ich von der Fahne mehr als von meinem Leben halten können? All’ diese verdammten Fahnen. Vater sagt, eine Fahne sei nur ein Symbol.

   Vielleicht sollte man nicht so viel grübeln, sondern nur zum Dienst gehen, sich einfinden mehrere Male in der Woche und auch am Sonntag, wenn das verlangt wird. Vielleicht sollte man einfach nur bereit sein zu Gesang, Sport, Marschübungen. Vielleicht kann auch ich Deutschland zur Unabhängigkeit verhelfen, indem ich Altmaterial sammele und mit der Sammelbüchse herumgehe und andere Menschen um Geld für die Armen bitte. Oder für die Deutschen im Ausland, auch die brauchten dringend Geld und Unterstützung.

Vielleicht sollte man die Dinge beim rechten Namen nennen. Der Nachmittag, an dem wir uns zur politischen Schulung zu treffen hatten, heißt 'Heimabend'. Weshalb wohl? Das Wort klingt so gemütlich, aber die Stunden dort sind alles andere als gemütlich. Denn auf einem 'Heimabend' haben wir alles über Politik zu lernen. Das heißt, über die Politik des Führers. Eine andere gibt es ja nicht in unserem Land. Und das – glaube ich – ist auch gut, denn Politik verleitet die Männer nur zur Feindseligkeit.

   Eigentlich ist es auch ein bisschen merkwürdig, dass es 'Abend' heißt, denn die Treffen finden nachmittags statt. Und unser Versammlungsort hat mit einem 'Heim' nichts gemeinsam: Ein schmaler Raum über einer Gaststube; die Geräusche lautstarker Männerstimmen dringen bisweilen zu uns hinauf. Mutter sagt, in einer Kneipe säßen all’ die, die kein gemütliches Zuhause, alle Einsamen, die, die keine Familie hätten, und die Unglücklichen. Vater schickte mich einmal in diese Gaststätte, um Zigaretten zu kaufen. Selbst wollte er nicht hineingehen. Hansis Mutter sitzt oft da. Hansis Mutter ist anders als andere Mütter. Man sagt, sie sei Trinkerin. Eines Nachmittags, auf dem Heimweg, fiel sie mitten auf der Straße auf die Nase und blieb liegen. Wie Hansi sich da abmühte, um sie wieder auf die Beine und ins Haus zu kriegen, während wir dastanden und das alles interessiert verfolgten und dachten, das schafft der doch nie, und nein, wie hässlich sie in diesem Zustand ist.

   Hansi versteckte sich danach mehrere Tage. Er  tat mir entsetzlich leid.

   Na ja, das hat nichts mit des Führers Jugend zu tun, das da mit Hansis Mutter. Und Hansi ist im Übrigen zu klein und zu dünn und zu anders, um Mitglied der Hitler-Jugend zu werden. Das mit Hansi fiel mir nur ein, weil Mutter dagegen ist, dass wir unseren Versammlungsraum in einer Gaststätte haben.

   Wir lernen viel Neues. Wir lernen auf jeden Fall alles über den Vierjahresplan, der Deutschland unabhängig von anderen Ländern und zum Selbstversorger im Falle eines Krieges machen soll. Deshalb ist es meine Pflicht, Altmaterial zu sammeln. Ich tue also auch meine Pflicht, indem ich versuche, Vater zu überreden, seinen Aschenbecher und eine Vase aus Messing bei einer Altmetallsammlung abzugeben. Aber meine Worte und meine Bitte können ihn nicht erweichen. Sein Aschenbecher soll nicht als Teil einer Granate enden, sagt er. Und bittet mich gleichzeitig, meinen Mund zu halten und das nicht anderen zu sagen. Aber er schämt sich nicht, die Vase und der Aschenbecher stehen, für alle sichtbar, weiterhin im Wohnzimmer.

   Vater kennt nicht das Lied 'Nur der Freiheit gehört unser Leben', das wir Jugendlichen oft und mit großer Begeisterung zu Beginn des Dienstes singen. Es kommt mir nur ab und zu so vor, dass nichts auf der Welt meine Freizeit und meine Freiheit so verringert wie der Dienst in der Hitler-Jugend. Nicht wegen der Politik, denn da höre ich oft nicht richtig zu.

   Man soll nicht so viele Fragen stellen, man soll dienen! Ich muss auch verstehen lernen, dass ich Mitglied eines auserwählten Volkes bin, und das verpflichtet. Ein Volk, ein Reich, ein Führer – das vereinfacht den ganzen Regierungsprozess, weil der Herrscher handlungsfähig ist. Genau! Man bedenke nur, wie das ist, wenn viele Parteien durcheinander schreien. Eine solche Regierungsform wird 'Demokratie' genannt. In einer Demokratie wird eine Regierung von einer Mehrheit gewählt, auch wenn die Mehrheit aus Dummköpfen besteht. Aber wir, das auserwählte Volk, werden regiert von einem einzigen klugen und aufopfernden Führer. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Heißt es. Und das will ich auch gerne glauben. Deshalb ist es unsere Pflicht zu dienen. Ihm und dem Land und dem Volk. Und das mit aller Kraft! Und mit dem Leben als Pfand, wenn es sein muss. Und dienen, das heißt, sich unterordnen. Die ganze Zeit. Ohne allzu viele Fragen nach dem Warum. Denk dran!

   Aber wenn man diese Dinge nun trotzdem nicht so richtig begreifen kann. Ja, ja, dann muss man lernen. Man kann nie genug lernen. Obwohl – gerade da ist etwas, was ich nicht richtig verstehen kann. Eine der äußerst wichtigen und oft zitierten Parolen lautet nämlich, dass es wichtiger sei zu trainieren als zu studieren. Und das heiße – so hatte man mir erklärt – dass es wichtiger sei, für einen kräftigen Körper zu trainieren als sich den Kopf mit nutzlosem Wissen und mit unergiebigen Spekulationen über alles Mögliche zu füllen.

   Trotzdem plagt mich, dass ich so wenig weiß. Diese Unwissenheit ist jämmerlich. Es ist zum Beispiel furchtbar wichtig, sich die wichtigsten geschichtlichen Daten zu merken. Hier bin ich, die sich Zahlen schlecht merken kann, gut dran. Ich weiß nämlich stets Hitlers Geburtsdatum, denn ich bin am 18. April, er am 20. geboren. Gefragt nach meinem Geburtsdatum, antwortete ich bisweilen '1928, zwei Tage vor Hitlers Geburtstag'! Diese Antwort wurde zumeist freundlich aufgenommen. Schwerer ist es, anderes zu behalten. Wann und warum saß Hitler im Gefängnis in Landsberg am Lech, zum Beispiel. Und in welchem Jahr fand der berühmte Heldenmarsch am 9. November zur Feldherrenhalle statt? Vieles kann man vermutlich aus Büchern lernen. Es gibt aber auch viele Bücher, von denen man dumm wird, aber die haben die Nazis unlängst aussortiert und verboten und verbrannt. Vater sagt, es sei eine große Sünde, Bücher zu verbrennen. Mutter mag Heinrich Heine, das darf sie nicht, denn er ist Jude. Aber sie tut es trotzdem. Mutter ist auf eine stille Weise eigensinnig, und deshalb kommt sie ganz gut durch. Das behauptet Vater. Besonders klug wird man, wenn man 'Mein Kampf' liest. Diese Klugheit muss man sich dringend aneignen, deswegen bekommt jedes Brautpaar bei der Hochzeit Hitlers Werk als Geschenk des Bürgermeisters überreicht. Die Gemeinde, nicht Hitler, bezahlt dieses Geschenk. Hitler erhält seinen Anteil am Verkauf, aber darüber spricht man nicht. Jedenfalls nicht laut. Doch hörte ich das einmal unseren Nachbarn sagen, der früher Sozialdemokrat war, weshalb er manchmal so merkwürdige Äußerungen mache, meinte Vater. Eine Schande nur, dass wir zu Hause nicht 'Mein Kampf' haben. Vater und Mutter haben nämlich vor der Machtergreifung geheiratet. Vater sagt, er entscheide selbst, welche Bücher wir im Haus haben und welche wir entbehren können. Und dann meint er, dass es überhaupt dumm von mir sei, über so etwas zu sprechen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass auch Vater den Eindruck hat, dass ich nicht sehr gescheit sei. Und darüber bin ich sehr, sehr traurig.

   Es ist recht wichtig, viel zu wissen. Über Göring zum Beispiel.  Er ist immer so kameradschaftlich und jovial. Neulich, als er in Hamburg war, riefen die Hitler-Jugend-Jungen, die Spalier standen: 'Onkel Hermann, wir sammeln Knochen für den Vierjahresplan!' und da schmunzelte Göring und sagte: 'Ja, ja, Jungs, macht nur so weiter'. Man bedenke, wir haben einen hohen Führer, der nicht böse wird, wenn man ihn 'Onkel Hermann' nennt, ja, dann ist es sicher nicht so schlimm. Und dann gibt es da Goebbels und Hess. Goebbels – ich weiß nicht so recht, was ich über ihn denken soll. In seinen Reden sagt er immer 'Mein Führer' auf  so merkwürdige Weise. 'Maaaaiiin Füüüührer', sagt er, und das klingt komisch. Wolfgang sagt, Goebbels flirte mit den Filmstars. Ich weiß nicht, was 'flirten' bedeutet, und Wolfgang erklärt mit einem Grinsen, dass Goebbels ein Weiberheld sei und dass die Filmstars nur durch sein Bett etwas würden. Ich kann nicht begreifen, was Goebbels’ Bett mit dem Film zu tun hat, er ist ja Kultur- und Propagandaminister. Aber ich wage nicht nachzufragen, Wolfgangs Grinsen gefällt mir nicht. Aber dann sagt er, dass Goebbels ein Genie sei, und das glaube ich gerne, denn sonst würde er ja nicht eine so bedeutende Stellung bekommen haben. Alle diese Führer sind enorm klug – nehme ich an. Jedenfalls sind sie hohe, wichtige Personen. Ich spekuliere nur so entsetzlich viel darüber, warum ich Kleine in all dem so wichtig bin? Warum können die mich nicht nur ein klein bisschen in Ruhe lassen? Mir etwas mehr Raum für meine Gedanken geben? Mich – nur ab und zu – den Dienst so machen lassen, wie ich es selbst am besten finde? Warum wollen sie eine wie mich mit Haut und Haar besitzen? Das ist nicht zu begreifen“.

 

   Auf diese Weise führte ich Selbstgespräche. Mit anderen wagte ich nicht zu sprechen, nicht über diese Dinge. Man hätte sich ja blamieren – mehr als zulässig - und dabei sich selbst und andere in Gefahr bringen können.

   Noch etwas anderes konnte ich nicht begreifen:  Wenn es so enorm wichtig war, so viel über Politik zu lernen, warum gab man uns Kindern in meiner Gruppe eine Führerin, deren Dummheit nicht zu übersehen war? Sie hieß Hilde. Einmal hörte ich ein paar Erwachsene über sie sagen, sie habe eine niedrige Stirn. Ich glaubte, dass man damit  treffend ihre Gesichtsform beschriebe. Es wunderte mich, dass Hilde nicht versuchte, ein bisschen hübscher auszusehen. Man konnte glauben, sie wünsche, schroff zu wirken. Ihre Haare bürstete sie stramm nach hinten und hielt sie hinter den Ohren, die eigentlich ein klein wenig zu groß waren, mit zwei soliden Klemmen fest.

   Mutter sagte zu Recht, niemand dürfe wegen seines Äußeren aufgezogen werden. Aber Hilde konnte auch nicht ordentlich deutsch sprechen. In der Tat fand sie sich nicht zurecht im Gestrüpp der deutschen Grammatik. Wolfgang sagte, dafür könne sie nichts, Deutsch sei nämlich eine Sprache für Pferde, weil die so einen großen Kopf hätten. Und den hatte Hilde nicht.

   Dumm oder nicht, sie war unsere Führerin, das hatten wir als gegeben hinzunehmen. Ein Trost war, dass man versuchen konnte, aus dem nicht zu Ändernden etwas Honig zu saugen. Hilde hatte die Angewohnheit, affektiert zu sprechen. Vielleicht, weil sie glaubte, etwas zu sein. Vielleicht aber wollte sie damit nur ihre schlechte Sprache kaschieren. Wer weiß. Wie es sich gehörte, begannen und beschlossen wir jeden Dienst mit einem „Heil Hitler“! Hilde schnitt dabei immer Grimassen, so dass dieser Gruß in ihrem Mund  Heilllllllllitler klang. Deshalb sagte ich zu den anderen Mädchen, nun sagen wir „Hei-Litler“. Nur aus Spaß, sie ist wohl zu dumm, um das zu merken.

   Ich gelobe auf Ehre und Gewissen, ich hatte nicht die Absicht, den Führer zu beleidigen. Er hatte ja nichts mit Hilde und uns zu tun, erhaben und fern, wie er war.

   Aber unsere Llllilde, wie wir sie nach und nach nannten, merkte leider überhaupt nichts. Obwohl wir mehr als deutlich mit „hei Litler“ grüßten.

 

   In Deutschland bereiteten sich auch in diesem Sommer Kinder und Jugendliche im Training auf das obligatorische große Sportfest vor. Eines Nachmittags – auf einem Heimabend – maß Hilde unsere Länge und trug die Ergebnisse in eine Tabelle ein. Wieder musste ich hören, wie klein ich sei und dass ich mich in der Tat anstrengen müsse, meinen Körper zu trainieren. Sie forderte uns überhaupt alle auf, mehr Zeit und Kraft auf das Training zu verwenden, denn nun gelte es, die Ehre der Gruppe zu retten und ein paar Medaillen heimzuholen. Ja, und so gab das eine Wort das andere. Ich sagte, ich hätte keine Lust zu sportlichen Wettkämpfen. Sport treibe man aus Spaß. Und Hilde antwortete, es komme überhaupt nicht darauf an, was ich meinte oder nicht meinte und ob ich Lust hätte oder nicht, hier heiße es nur: Du musst!

   Selbstverständlich konnte ich ihr darauf antworten, dass ich das gut verstanden hätte, aber das ändere nicht meine Abneigung gegen sportliche Wettkämpfe. Und dann sagte sie, ich solle die Schnauze halten. Und ich antwortete, dass sie  mit mir nicht so reden solle, denn eine solche Sprache sei ich von zu Hause nicht gewohnt. Woraufhin sie fauchte: „Hier sprechen wir, wie ich will! Hier tun und lassen wir, was  I C H  für richtig halte. Hier hast du zu gehorchen und die Schnauze zu halten!“ Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich meiner Führerin auf diese Salve geantwortet habe, aber es muss etwas ganz Entsetzliches gewesen sein, da Hilde die Kontrolle über ihre Stimme verlor, als sie rasend vor Wut mich in die „Ecke zum Schämen“ kommandierte.

   Darüber musste ich lachen. Und das darf man sich bei einer so ernsten Angelegenheit nicht erlauben. Deshalb versuchte ich, den Spieß umzudrehen, indem ich fragte, ob das hier ein Kindergarten sei, in  dem die Kleinen  damit bestraft würden, in der Ecke stehen zu müssen.

   Ich hielt mich an meiner Tasche fest, während ich ihr meine Meinung sagte. Ich weiß nicht, warum ich das tat, vielleicht hatte ich das Bedürfnis, etwas in der Hand zu haben, was mir gehörte. Plötzlich fuhr sie auf wie eine Rakete. Mit wenigen Schritten war sie bei mir. Einen Augenblick glaubte ich, sie wolle mich schlagen, aber sie riss mir nur die Tasche aus der Hand und stellte sie unter ihren Stuhl. Jedes Mal, wenn sie sich erhob, um bei einem Mädchen Maß zu nehmen, trampelte sie auf meiner Tasche herum. Ich sah, dass dies bewusst geschah. Die Tasche hatte ich von Mutter bekommen. Sie war aus echtem Leder, also aus etwas, was 1938 fast nicht mehr aufzutreiben war. Aber Mutter war von Geschäft zu Geschäft gegangen, denn sie wollte, dass ich endlich eine schöne Tasche hätte

   Ich machte Hilde mehrfach darauf aufmerksam, dass sie ständig auf meine Tasche trete. Aber das überhörte sie. Da holte ich die Tasche und legte sie auf meinen Platz. Das veranlasste sie, noch ärgerlicher zu werden und noch mehr herumzuschreien. Sie bezeichnete mich als „ein störendes Element“. Daraufhin meinte ich, die Probleme ließen sich am leichtesten lösen, wenn ich nach Hause ginge, denn ich wollte wirklich nicht stören. An der Tür drehte ich mich um und sagte „Tschüs“, grüßte also mit dem für  Hamburg üblichen  Abschiedsgruß. Wie von einer Tarantel gestochen, ging sie in die Luft, fuchtelte mit den Armen und rief: „Stopp!! Hier grüßen wir mit dem Deutschen Gruß!“ Und dann weiß ich nicht, was in mir vor sich ging. Ich hob den rechten Arm, wie es sich für eine anständige

Deutsche gehörte, und sagte: „Hei-Llllilde!“ und ging.

   Die Mädchen feixten, und Hilde begann, erstaunlich genug, etwas zu merken. Sie lief hinter mir her und schrie, dass sie mich schon lange beobachte, aber nun sei es genug. Nun werde sie mich  an höchster Stelle anzeigen. Alles, was ich gesagt und getan und wozu ich andere veranlasst hatte, werde sie melden. „Du kommst auf die schwarze Liste“, schrie sie. „Schwarze Liste! Weißt du, was das bedeutet?“

   Nein, das wusste ich noch nicht, und es war mir auch gleichgültig. „Du dumme Gans“, dachte ich nur, während ich nach Hause ging, „du superdumme Gans, du kannst mir nichts beibringen und hast kein Recht, mir Befehle zu erteilen. Und du kannst mich mit deinen Drohungen überhaupt nicht erschrecken. Ich erzähle Vater das Ganze, er wird mich unterstützen und der Ansicht sein, ich hätte richtig reagiert. Er wird grinsen und mir einen Klaps auf die Schulter geben“.

   Hier aber irrte ich mich zu meinem Schrecken ganz entsetzlich. Vater hörte meinem Bericht aufmerksam zu. Aber statt mit Lob kam er mit der nachgerade wohlbekannten Warnung: „Du musst auf dein Mundwerk aufpassen, Jette!“ „Ja – aber warum?“ Vater antwortete nicht sofort. Als er es endlich tat, verwies er auf die drei Affen. Diesmal mit der Ermahnung, nicht die Augen zu schließen. „Schau hin und denk nach! Was du siehst, und was du denkst, gehört auf ewig dir“. Und dann sagte er etwas ganz Unverständliches: „Aber du musst aufpassen, mein Kind, dass du nicht zu einem Michael Kohlhaas wirst!“

   Eine Weile danach gab mir Vater das Buch von Kleist. Ich las also über den Pferdehändler Michael Kohlhaas, der zur Zeit Martin Luthers, nachdem er auf dem Rechtsweg nichts erreicht hatte, einen Aufruhr gegen einen Adligen unternahm, um sein sonnenklares Recht durchzusetzen: Die Auslieferung seiner beiden wertvollen und gut gepflegten Pferde, die ihm der Adlige unberechtigter Weise weggenommen und heruntergewirtschaftet hatte. Erst als der Pferdehändler während eines langen Kampfes gegen den verbrecherischen Adligen - und später gegen die gesamte herrschende  Gesellschaft - alles verloren hatte: die Pferde, den Hof, die Familie, die Ehre; erst als sein Kopf auf dem Schafott fallen sollte, wurde allen – dem Volk, den Machthabern und all’ denen, die nur zugeschaut hatten (denn das ist ja immer das Leichteste und am wenigsten Verpflichtende) klar, dass der Prozess gegen Michael Kohlhaas, der Landfriedensbruch begangen hatte, anders hätte geführt werden müssen, so dass auch der schuldige Adlige hätte verurteilt werden können – wenn auch nicht zum Tode, denn das wäre unmöglich gewesen, weil der Gegner ein bürgerlicher Pferdehändler war. Als der Adel, das Volk und die ganze Gesellschaft die Zusammenhänge richtig verstanden hatten, erschrak man. Aber da war es zu spät, zu spät für Michael Kohlhaas.  

   Das konnte ich ganz gut verstehen. Schwerer zu begreifen war, was der hoffnungslose Kampf eines Pferdehändlers zur Zeit Martin Luthers mit meiner Situation zu tun hatte. Das sagte ich auch meinem Vater und sah damit die Sache als erledigt und  ausdiskutiert an. Aber Vater fuhr mit  seinen Ermahnungen fort – oftmals mit der herzlichen Bitte, nicht zu einem Michael Kohlhaas zu werden.

 

   Ich muss zugeben, ich hatte mich auf den Sportdienst der Hitler-Jugend gefreut. Privat war ich zu Herrn Vested zur Tanzgymnastik gegangen, und zwar aus reiner Freude. Und Freude an der Arbeit in einer Gruppe und Interesse für eine Sache ließen mich treu bei Frau Schröder erscheinen, die in ihrer Wohnung ganz privat eine Gruppe Kinder versammelte, die sie im Theaterspielen und im Tanzen unterrichtete. Ich seufzte niemals über das dicke Rollenheft, das wir auswendig lernen sollten. Frau Schröder und ihre Freundinnen nähten die Kostüme, das übrige hatten wir Kinder zu leisten.

   Als Leiterin des Sportdienstes in der Hitler-Jugend bekamen wir ein Mädchen namens Luzi. Ich kannte sie gut, sie wohnte nicht weit weg von unserem Haus, unsere Väter waren Kollegen. Schon seit ich als Kind begonnen hatte, draußen zu spielen, war ich dafür dankbar, dass dieses Mädchen nicht in unserer Straße wohnte, war überhaupt froh über alles, was einen Abstand zwischen ihr und mir schuf. Keine meiner Freundinnen wollte mit ihr spielen. Sie war in unserem Viertel dafür bekannt, dass sie Unfrieden brachte, und berüchtigt dafür, alle zu necken und zu peinigen, die kleiner waren.  Mehrfach hatte sie mich als passendes Opfer auserkoren. Einmal hatte sie meinen neuen, schönen, extra großen Kreisel durch ein Gullygitter geschmissen und über meinen vergeblichen Versuch, ihn herauszufischen, gegrinst. Die Peitsche, die notwendig ist, um einen Kreisel zum Tanzen zu bringen, konnte in Luzis Händen zu einem Gerät werden, mit dem sie kleine Mädchen schlug, am liebsten auf die nackten Beine. Ich hatte sie immer Rotz-Luzi genannt und es stets vorgezogen, nach Hause zu gehen, wenn sie in der ihr eigenen Weise anfing, „Spaß“ zu machen. Und jetzt war sie also meine Führerin. Nun musste ich sie jedes Mal, wenn ich sie sah, grüßen, auch wenn ich nicht in Uniform war. Im Dienst musste ich vor ihr gerade stehen, sollte im wahrsten Sinne des Wortes nach ihrer Pfeife tanzen. Denn es konnte ihr einfallen, ihre Kommandos mit der Trillerpfeife zu geben. Ein Pfiff bedeutete „Angetreten, Marsch, Marsch!“, mit zweien kommandierte sie uns, „im Gleichschritt Marsch“ zu marschieren, usw. so wurde es unsere Pflicht, ihre spezielle Trillerpfeifen-Kommandosprache in unsere Sprache zu übersetzen, sonst gnade uns Gott.

   Jetzt war sie mir übergeordnet, und ich musste ihre Einfälle hinnehmen. Dazu hatte ich nicht unbedingt Lust. Und  so kam ich dann ganz von alleine auf eine äußerst wirkungsvolle Methode, die Luzi rasend machte. Ich begann ganz einfach, ihre Befehle misszuverstehen. Wenn wir Marschieren übten und sie „rechtsum“ pfiff, wandte ich mich nach links um. Marschierte einzig und allein in die entgegengesetzte Richtung. Sie fragte schreiend, ob ich nicht verstanden hätte, und ich antwortete treuherzig und untertänig: „Nein, das habe ich  wirklich nicht. Ich bin ja – Luzi, du musst entschuldigen, aber du hast das ja selbst mehr als einmal gesagt – manchmal etwas langsam von Begriff“. Nach wiederholten Versuchen wies sie mir, die ich wegen meiner kleinen Statur immer der Schwanzstummel der Gruppe war, einen Platz in der Mitte der Marschkolonne an. Da war ich ja nun gezwungen, in die Richtung der anderen zu trampeln. Aber dann kam ich während des Marsches auf die Idee, mich nieder zu kauern, um mir die Schnürsenkel festzubinden. Die Mädchen mussten die Formation aufheben und einen Bogen um mich machen. Luzi meckerte und verbot mir, die schlenkernden Schuhbänder zu binden. Mit dem Ergebnis, dass ich – absichtlich – auf die Schnürsenkel trat, stolperte und hinfiel. Die nachfolgenden Mädchen fielen über mich. Das taten sie mit viel Dramatik und Übertreibung, denn niemand mochte Luzi und ihre Art, Führerin zu sein. Ja, und auf diese Weise wurde es eigentlich ganz amüsant. Ich wurde zum Gruppenkasper, der nach Clownmanier die anderen zum Lachen brachte.

   Das alljährliche große Ereignis, das Sportfest, rückte näher. Wir, die wir der jüngste Spross der Hitler-Jugend seien, benötigten ein besonders hartes Training, sagte Luzi. Eines Tages – die Luft war feucht und schwül, ein Gewitter zog auf – veranstalteten wir ein Extra-Training. Aber bei dieser Wärme waren unsere Leistungen ein Fiasko. Wir liefen alle viel zu langsam. Und Luzi kommandierte: „Noch einmal!“ Sie selbst lag mit der Trillerpfeife im Mund und einer Stoppuhr in der Hand auf dem Bauch unter einem schattigen Busch. Wir baten darum aufzuhören. Boten ihr an, am Abend wiederzukommen – nach dem Gewitter. Oder am nächsten Tag, unseretwegen gerne auch viele Tage danach, nur nicht heute.  

   Aber sie war anderer Meinung und hatte ihre eigene Methode, Probleme zu lösen. Sie teilte uns lakonisch mit, dass „wir“ weitermachten, bis die Leistungen zufriedenstellend seien. Noch einmal versuchten wir, sie zur Vernunft zu bringen. Als Antwort bekamen wir ein Donnerwetter. Sie machte uns runter. Wir seien Schlappschwänze. Unwürdig seien wir auch. Schließlich antworteten wir ihr damit, dass wir uns unmittelbar neben sie und soweit wie möglich in den Schatten des Busches setzten. Und stellten mit einem Lächeln fest, dass man hier ja die Wärme aushalten könne. Plötzlich befahl sie uns, das Sportzeug mit der Uniform zu vertauschen, denn nun sollten wir strafexerzieren.

   Wie eine Herde Schafe ließ sie uns laufen, hopsen, in die Hocke gehen. Einmal rief ich ihr zu, dass wir nicht mehr könnten. Und da kam ihr Kommandoruf: „Runter! . . . Robben!“

   Eine Robbe ist ein Seehund. Soldaten wird während des Exerzierens gerne befohlen zu „robben“. Sie sollen ja lernen, unter einem Stacheldrahtzaun oder anderen Hindernissen hindurchzukriechen. Wir standen auf einem Kiesweg. Die Gehorsamsten schmissen sich hier hin, andere versuchten, sich zu retten, indem sie auf die Wiese liefen, wo sie nach dem Takt von Luzis Trillerpfeife sich auf dem Bauch kriechend vorwärts bewegten.

   Ich kann mich nicht genau erinnern, was ich tat. Weiß nur, dass ich rasend wurde, mich vor sie hinstellte, während ich eine intensive Lust verspürte, sie zu schlagen – ja, zu beißen. Aber das tat ich nun doch nicht. Man hatte ja gelernt, sich zu beherrschen. Ich drehte mich nur um und rief den anderen Mädchen zu: „Tschüs! Auf Wiedersehen! Tschüs alle zusammen. Amüsiert euch gut, ich gehe nach Hause, ich bin keine Robbe, ich habe Beine, um darauf zu stehen und damit zu gehen!“

   Wie damals Hilde, lief nun auch Luzi hinter mir her. Durch die Zähne fauchte sie, dass ich nun gemeldet würde, und diesmal werde es eine ernste Sache werden. Trotzdem grinste ich. Vater würde versuchen, mich zu decken. Er kannte Luzi, wusste von Ihrer Neigung, Streit vom Zaun zu brechen. Mehr als einmal während unseres Heranwachsens hatte Vater sich veranlasst gesehen, Luzis Vater darum zu bitten, seiner Tochter ein kameradschaftliches Benehmen beizubringen oder – wenn sich dies nicht bewerkstelligen ließe – sie von unserer Straße wegzuhalten. Ja, ich war sicher. Diese Angelegenheit würde Vater bestimmt mit der ihm eigenen Überlegenheit für mich regeln.

   Als ich nach Hause kam, zog sich Vater im Wohnzimmer gerade seine Uniformjacke aus und nahm den steifen Kragen ab, bevor er hinaufging, um seine Freizeitkleidung anzuziehen. Er stand an der Tür zur Treppe hin, ich konnte nicht eine Minute warten, ich musste ihm die letzte Episode mit Rotz-Luzi sofort erzählen. Er hörte zu, ohne sich  mir zuzuwenden. Während ich eifrig meinen Einfallsreichtum hervorhob und meinen Mut, jemanden wie Luzi entgegenzutreten, hob er eine Hand hoch und stützte sie gegen den Türrahmen, lehnte den Kopf gegen den Arm – es war etwas Resignierendes in dieser Geste. Ich erwartete, dass er sich rasch umdrehen werde. Ich hatte ihn auf meiner Seite, das wusste ich. Er war im Umgang mit Menschen besonders wählerisch. Und was uns Kinder anbelangte, da war das Beste gerade gut genug. Umgang bilde und „missbilde“, sagte Vater so oft. Vater wird etwas tun. Das eine oder andere wird er tun, was mich von Hilde und Luzi und den Sonntagsmärschen und dem blinden Gehorsam und einem Sport, der nichts mit Freude zu tun hatte, befreite. Er wird niemals zulassen, dass sie mich peinigten mit der Forderung, auf der Erde zu kriechen wie ein Tier ohne Beine. Vater wird nicht wollen, dass ich mich mit solchen Menschen einlassen müsse. Mein starker Vater wird sich immer wie eine starke Wehr zwischen mich und alles Böse stellen. Er wird auch das hier für mich regeln. Ohne Zweifel wird er das schaffen.

   Er drehte sich um. Nur mit dem Gesicht, nicht mit dem Körper. Langsam, als wisse er nicht so recht, was er antworten solle. Und dann sagte er:   

   „Jette, ich habe dir schon früher gesagt, dass du lernen musst, dich anzupassen. Wenn sie bestimmen, dass du von zu Hause zu entfernen seiest, wenn sie mich bestrafen, weil ich dir nicht die passende Unterwürfigkeit habe beibringen können, kann ich mich nicht wehren, dann müssen wir uns damit abfinden. So ist das nun einmal, Jette, so sind die Verhältnisse. Ein Aufbegehren von unserer Seite bringt uns keine Verbesserung, im Gegenteil. Das habe ich dir schon früher erklärt, Jette“.

   Aufbegehren, dachte ich, redet er von aufbegehren? Es geht doch nur darum, sich gegen ein paar dumme Forderungen zu wehren.   

   Selbstverständlich meldete mich die Führerin an eine Instanz, die mich erneut auf etwas schrieb, was man „Schwarze Liste“ nannte. Diesmal war ich mir einer unangenehmen Strafe sicher. Aber nichts geschah. Nichts, soweit ich das beurteilen konnte. Später, viel, viel später begriff ich, dass da eine Menge geschehen war. Doch ganz anderer Art, als ich vermutet hatte. Meine Vorgesetzten handelten nämlich - wie üblich - auf lange Sicht sehr klug und zu ihrem eigenen Vorteil und dem der „Sache“. Hätten sie mich einfach nur bestraft, hätte es höchstwahrscheinlich eine Reaktion der anderen Mädchen gegeben. Ich war als jemand bekannt, der andere mitreißen konnte.

   Nein, ich wurde nicht bestraft. Auf der oft erwähnten „Liste“ notierte man unter anderem auch etwas über meine „Führungsfähigkeiten“. Zunächst begnügte man sich damit, mich zu befördern, indem man mich zum Vizekurier ernannte. In der Tat eine Ehre, die mit sich brachte, dass ich einmal wöchentlich an einem Nachmittag – selbstverständlich in Uniform – Briefe und andere „streng geheime“ Postsachen von unserer Gruppe zum Hauptbüro – zum „Bann“ – befördern musste. Unsere oberste Leiterin, die „Bannmädelführerin“, hatte dort ihren Sitz. Mir wurde beigebracht, wie man sich an solch einem wichtigen Ort richtig zu benehmen hatte: Steh grade, heb den rechten Arm korrekt – die Hand genau in Augenhöhe – zum Heil-Gruß. Sag: „Heil Hitler! Jungmädel Ruth meldet sich als Kurier.“ 

   Ich tat selbstverständlich, was man von mir erwartete. Das war auch nicht so schwer. Nur  etwas ärgerlich, dass ich aus eigener Tasche die Fahrt mit der Straßenbahn bezahlen musste. Und dass ich nun einen Nachmittag weniger zur eigenen Verfügung hatte. Aber tröstlich war, dass ich nur „Vize“-Kurier war. Ich machte die Arbeit einer anderen nur dann, wenn sie verhindert war. Eines schönen Tages übernahm sie die Aufgabe wieder, die sie froh und stolz machte. 

   Hilde wurde gegen eine sehr sympathische Führerin, Margot, ausgetauscht, die erstaunlicherweise nicht kommandieren mochte. Sie sagte selbst, dass dieses „Im Gleichschritt marsch!“ für Mädchen nicht passe.  Sie sagte auch, dass mehrere Führerinnen, darunter ein paar hochgestellte Personen, meinten, dass das Kommando gegenüber Mädchen geändert werden sollte in „Mädchen geht!“ Sie fragte uns auch immer, welches Lied wir singen wollten, und sie richtet sich dann in der Tat sehr oft nach unseren Wünschen – das heißt – wenn das Lied zu den von der Partei anerkannten Liedern gehörte. Und das war nach Margots Ansicht nicht der Fall bei einem sehr lustigen und äußerst populären Lied, obwohl es ulkig war, dieses Lied über die “Kaninchenzüchtervereinigung“. Margot erklärte, dieses Lied sei schlichtweg verboten. Eine Antwort auf unsere Frage nach dem Grund der Gefährlichkeit des Liedes wollte oder konnte sie uns nicht geben. Das Lied war ein Scherzlied – nicht zu fassen, dass jemand auf die Idee hatte kommen können, ein solches Lied zu verbieten. Sein Text brachte wirklich so manchen zum Lachen:

 

                                  Wir kommen vom Idiotenklub und laden herzlich ein:

                                  Bei uns ist jeder gern geseh’n, nur blöde muss er sein.

                                  Bei uns geht die Parole um: Sei doof bis in den Tod,

                                   und wer  der größte Dussel ist, wird Oberidiot.

                                  Wir sind vom K, K, K, Kaninchenzuchtverein,

                                  tritt ein, tritt ein, tritt ein.

                                  Tra – la – la - la  . . .      

 

   Wenn wir dieses Lied sangen, dachten wir eigentlich nicht daran, dass das Wort „Zucht“ sowohl Disziplin und Manneszucht als auch Züchtung heißt.

   An einem schönen sonnigen Tag bemerkte Margot, wie schade es sei, bei einem solchen Wetter drin zu sitzen. Aber es sei nun einmal unsere Pflicht, über all’ das Bescheid zu wissen, was Führer, Volk und Vaterland anging. In aller Heimlichkeit könne sie uns anvertrauen, dass es eine Lösung dieses Problems gebe. Und die heiße „Hausarbeit“. In unserer Freizeit könnten wir ja zu Hause all’ das lesen, was wir schafften. Bei unseren Dienst-Treffen würde sie dann höchstens zehn Minuten in Anspruch nehmen, um uns abzuhören. Die übrige Zeit könnten wir zum Spielen benutzen. Geländelauf, zum Beispiel, oder eine nette Wandertour. Aber gnade uns Gott, wenn es nur ein Mädchen gebe, das seinen Kram nicht könne, dann müssten alle darunter leiden. So waren wir gezwungen, drin zu sitzen und besonders hart zu pauken.

   Niemand von uns wünschte, diese Vereinbarung um der anderen willen kaputtzumachen. So mancher Abend verging damit, politische Daten, Lieder, Parolen und Texte auswendig zu lernen. Die Belohnung war ein guter Zusammenhalt der Schar. Margot, unsere Führerin, war ein Mädchen, das alle leiden konnten. Nun verstand ich endlich die Parole „Einer für alle, alle für einen“.

   Eines Tages erhielt unsere Gruppe als eine Art Belohnung Besuch einer erwachsenen, hohen Führerin, die uns über die Kampfzeit, also die Zeit vor Hitlers Machtergreifung, berichten sollte. Über die Zeit, in der die Blinden sehend gemacht werden sollten, die Tauben hörend, die Zweifelnden glaubend. Unser Gast war also jemand, der von Anfang an gewusst hatte, dass nur Hitler Deutschland aus der Finsternis ins Licht führen könne.

   Sie erzählte mitreißend. Wir erlebten ihren Kampf für die Sache, für die Bewegung förmlich mit. Wir litten mit ihr, als sie nachts von Kommunisten auf der Straße durchgeprügelt wurde und als sie bei ihrer Heimkehr von einem wütenden Vater erneut Prügel bezog. Doch habe sie ihrem Vater verziehen. Denn sie wusste, dass die Alten nicht im Stande seien, die Weitsicht  der Jugend und deren Zukunftsvision zu haben. Deshalb habe sie durchhalten können, sich opfern können für ihr Land und Volk. Denn sie wusste, dass der Tag kommen werde, an dem die Alten ihr danken würden. Ja, und das hätten sie erst vor kurzem getan. Und dann sagte sie, es könne ja sein, dass es ein paar in der Gruppe gebe, die einen ähnlichen Vater hätten. So einen  Alten, der nicht das Leuchtende und Gute der Sache zu sehen vermöchte. Wenn das so sei, dürften wir nicht verzweifeln, meinte sie. Das einzige, was wir in einem solchen Falle tun müssten, sei auszuhalten. Seid stolz, für eine so große Sache kämpfen zu können! Unweigerlich werde nämlich der Tag anbrechen, an dem auch unsere Eltern uns belohnen würden, indem sie uns dankten für Ausdauer und Treue gegenüber dem Vaterland.  

   Ich hörte sehr gut zu. Verglich das phantastisch spannende Leben der Erzählerin mit meinem gewöhnlichen bürgerlichen. Jede Nacht schlief ich ruhig und sicher in meinem Bett. Sie hatte gekämpft und gelitten, ich brauchte nur zu ernten.

   Konnte sie Gedanken lesen, oder hatte eine von uns eine entsprechende Bemerkung gemacht? Jedenfalls sagte sie plötzlich etwas, was mich hellwach und ganz aufmerksam werden ließ:

   „Es wird eine Zeit kommen, wo auch ihr große Opfer werdet bringen müssen. Wir sind nämlich noch nicht am Ziel. Zwischen uns und dem Ziel liegt eine lange und finstere Nacht! Ihr seid nur die Brückenpfeiler hinüber in die Zukunft. Bis das Ziel erreicht ist, werden viele fallen. Ihr müsst bereit sein, für die Sache zu sterben!“

   Dies sagte sie mit dramatischer Stimmführung. In meinem Hinterkopf begann eine kleine Alarmglocke zu schrillen. Nicht wegen ihrer Äußerung über den Tod. Davon hatte ich zu oft gesungen. So häufig hatte ich von Freiheit, Brot und Tod gesungen, dass ich nahezu vergessen hatte, mir die Bedeutung des Wortes klarzumachen. Nein, die Alarmglocke begann zu schrillen bei dem Satz: „Das Ziel ist noch nicht erreicht!“ Welches Ziel? Ja – aber – das wusste ich ja. Das Ziel war: Keiner darf hungern und frieren! Alle sollen eine Arbeit haben! Alle haben das Recht auf eine ordentliche Wohnung“. Aber dieses Ziel ist ja längst erreicht. Also – was ist dann das Ziel, das große Opfer und vielleicht unser Leben fordert? Wonach streben die Machthaber? Es wird ja so viel über Eroberungen gesprochen. Wollen sie sich mit Krieg zum Herren der Welt machen? Ist dies das Ziel? Soll das mein Opfergang sein? Ein Krieg? Können Mädchen auch zum Werkzeug für einen und in einem Krieg werden? Bin ich vielleicht schon ein solches Werkzeug?

   Nein, ich habe nicht gefragt, obwohl alles in mir eine Antwort verlangte. Die Führerin redete weiter. Wir müssten, sagte sie, verstehen, dass der einzelne seine Bedeutung und seinen Wert nur im Verhältnis zu seinem Volk besitze. Alle seien wir zu einer Einheit zusammengeschweißt, deren Hauptaufgabe darin bestehe, der Sache zu dienen – wenn nötig, mit unserem Leben als Pfand.

   Und als sie endlich mit ihrer Rede fertig war, stimmten wir auf  ihren Wunsch hin das folgende Lied mit seiner ach so getragenen Melodie und seinen düsteren Worten an:

 

 

                                                          Fallen müssen viele

                                                          und die Nacht vergehn,

                                                          eh’ am letzten Ziele

                                                          hoch die Banner wehn!

 

   Ich war nicht zum Kämpfen geschaffen. Nicht auf die von der Führerin verlangte Art und Weise. Ich wollte nicht für eine Sache sterben – und schon gar nicht für diese. Irgendetwas stimmte nicht. Aber noch konnte ich weder erkennen noch mir vorstelle, was es war. Allerdings vernahm ich eine Alarmglocke. Vielleicht hatte ich sie schon einmal gehört, aber diesmal ließ sie sich nicht übertönen.  Zunächst fand ich es sonderbar, dass ich diese Glocke als Sieg auffasste. Fortan begann ich, die Siege zu zählen. Das war leicht, denn deren Zahl war gering. Niederlagen dagegen gab es viele – allzu viele, um sie in Zahlen ausdrücken zu können, allzu viele, um sie hinnehmen zu können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                               E i n    K i n d    o h n e    N a m e n        

 

 

      Beate war zugezogen und neu in unserer Klasse. Sie kam mir scheu vor und eigenartig. Etwas einsam vielleicht, aber sie tat auch nicht viel, um mit andern in Kontakt zu kommen. Sie wohnte östlich, ich nördlich der Schule, aber am Schnittpunkt des Weges konnte ich sie bisweilen kommen sehen. Dann wartete ich auf sie, so dass wir zusammen gehen konnten. Deshalb wurde die Stelle, an der sich unsere Wege kreuzten, morgens zum Treffpunkt und nach dem Unterricht zur „Klönecke“.

   Als wir uns eine Zeitlang kannten, wollte sie mir etwas anvertrauen. Eine große Heimlichkeit, sagte sie; eigentlich habe sie ihren Eltern ewiges Stillschweigen versprochen. Aber dieses Schweigen bedrücke sie entsetzlich. Zu Hause sprächen sie nie darüber. Überhaupt sprächen sie selten miteinander. Die Eltern hätten ja nicht viel Zeit, beide waren in derselben Fabrik angestellt, die Teile der Messerschmidt-Flugzeuge herstellte. Der Vater hatte eine verantwortungsvolle Stellung, die Mutter war Sekretärin. Dies wusste ich längst. Beate trug immer einen Schlüssel um den Hals. Wenn sie von der Schule nach Hause kam, war das Haus leer und unordentlich. Beate musste die Zimmer aufräumen, abwaschen und das Treppenhaus sauber halten. Ab und zu half ich ihr. Nie kamen andere Kinder in ihre Wohnung. Beate war nicht gewöhnt, mit anderen zusammen zu spielen. Wenn ich sie nach Hause zu mir einlud, stellte sie immer die Bedingung, dass dann keine anderen Mädchen kommen dürften.

 

   Wir standen an unserem gewohnten Platz, als sie erzählte: „Siehst du, ich hatte einmal einen kleinen Bruder. Ich darf das nur niemandem sagen. Denn wir hatten ihn irgendwie trotzdem nicht. Aber es stimmt, ich habe einen kleinen Bruder gehabt. Er war niedlich, das kannst du mir glauben. Weißt du, meine Mutter wollte ihn im Krankenhaus zur Welt bringen, um sich bei der Geburt sicherer zu fühlen. Es war, wie wir uns das gewünscht hatten, ein Junge. Vor allem mein Vater war außer sich vor Freude. Unmittelbar nach der Geburt durfte ich das Baby einmal durch die Glasscheibe sehen. Ach, wie war er süß! Eines Abends kam Vater nach Hause, er war ganz still, und ich sah ihm an, dass etwas Entsetzliches geschehen war. Ich rief nach meiner Mutter. Ich hatte plötzlich entsetzliche Angst, weil mein Vater so sonderbar aussah. Ich glaubte, Mutter sei tot.

   Nein, nein! Es ist  nur der Kleine, sagte da mein Vater, ihn haben wir nicht behalten dürfen. Er ist weg. Fort und weg für immer. Er war also tot. Aber es war eigenartig, dass es kein Begräbnis gab. Meine Mutter kam vom Krankenhaus nicht nach Hause, man schickte sie direkt in ein Heim für Gemütskranke. Und ich durfte sie nicht besuchen, denn man konnte nicht mit ihr reden, sie konnte nämlich nicht klar denken. Alle trösteten mich und sagten, das werde nicht ewig dauern; wenn deine Mutter wieder normal ist, darf sie nach Hause kommen. Siehst du, mein kleiner Bruder war nicht gesund. Wir konnten das nicht sehen, aber die Ärzte konnten. Ein paar Tage nach seiner Geburt hatte man  meinen Vater in einen kleinen Raum geführt, das Baby war schon da, nicht aber meine Mutter, die hielt man fern. Und dann sagten die Ärzte meinem Vater, dass das Kind nicht lebenstüchtig sei. Um zu demonstrieren, wie schlimm es stand, nahmen sie das Baby hoch und hielten es aufrecht, bis es ganz blau im Gesicht war. Der Vater erweise seinem Kind den größten Liebesdienst, wenn er es töten lasse. Die Ärzte sagten auch, dass das Kind ganz furchtbar leiden werde – das heißt, wenn man es leben ließe. Und da sagte mein Vater, dass er das Kind liebe. Und es sei wohl am besten, es ganz friedlich sterben zu lassen.

   Als er am Tag darauf ins Krankenhaus kam, war der Junge nicht mehr da. Er war buchstäblich weg. Der Arzt erklärte, dass der Tod ganz schmerzfrei gekommen sei.

   Das Schwierigste danach war wohl, meiner Mutter die ganze Wahrheit zu sagen. Sie brach völlig zusammen. Hätte sie doch wie andere geweint, aber sie rief und schrie. Sie schrie den reinsten Unsinn. Sie schrie ja nicht nur nach ihrem Kind, sie vermischte auch die Regierung Deutschlands und die im Lande herrschende Mentalität mit ihrem Kummer. Ja, man kann gar nicht wiedergeben, was sie alles sagte. Aber die Ärzte meinten es gut mit ihr, und ein paar meinten es besonders gut, sie ließen sie für geisteskrank erklären. Denn sie war ja auch ganz verwirrt, sie hatte nämlich Hitler und den Tod ihres Kindes miteinander vermischt. Und das kann man ja nicht tun, was hat denn Hitler mit dem Tod eines Babys zu tun. So halfen sie ihr damit, sie in eine Anstalt zu schicken. Um ihrer Sicherheit willen, sagte Vater. Nun ist sie wieder gesund. Wir sprechen nicht über den kleinen Bruder, nicht so ohne weiteres, und überhaupt nicht, wenn Vater zu Hause ist. Der kleine Bruder ist weg, ganz weg. Am besten ist es, wir versuchen zu tun, als ob er nie da gewesen sei“.    

   Beate war mit ihrer Erzählung fertig. Sie ritzte mit den Fußspitzen Ringe in den Sand. Ein Ring ging in den anderen über. Sie zeichnete Ring auf Ring. Und dann beteuerte sie, mir die Wahrheit gesagt zu haben; „Vater kann tun, als ob nichts geschehen sei. Aber Mutter – die ist nicht gesund. Sie tut, als ob sie gesund sei, aber das hilft nichts. Ich kann ja sehen, dass es ihr nicht gut geht“. 

   Monate danach besuchter mich Beate. Ihre Mutter hatte sich an diesem Tag nicht wohlgefühlt und war zu Hause geblieben. Beate und ich waren noch mitten im Spiel, als die Mutter kam, um ihre Tochter zu holen. Dass sie überhaupt kam, war sonderbar, denn sie kam üblicherweise nicht zu uns. Aber, wie sie erzählte, hatte sie etwas eingekauft – und es war ja so dunkel da draußen – und da sei es das Beste, Beate nach Hause zu bringen.

   Unsere Mütter setzten sich ins Wohnzimmer, um miteinander zu sprechen. Das heißt, meine Mutter hörte intensiv der Geschichte zu, die ich teilweise schon kannte.

   „Die Ärzte waren klug, sie wagten nicht, mit mir das Schicksal meines Sohnes zu erörtern; nicht mit einem Wort hatten sie mir gegenüber erwähnt, wie krank er war. Sie verweigerten mir nur, ihn am Tag nach seiner Geburt zu sehen, angeblich, weil ich erkältet war. Und dann war er plötzlich tot. Ich drängte meinen Mann zu erzählen, aber erfuhr nur Bruchstücke, denn er stand selbst unmittelbar vor einem Zusammenbruch.

   Ich wollte mein totes Kind sehen. Wortkarg teilte man mir mit, dass das nicht möglich sei; die Leiche sei schon an unbekanntem Ort in irgendeinem Sarg zusammen mit einer unbekannten toten Frau begraben worden. Fertig! Ein namenloser Mensch ist ja keine Person und hat keinen Anspruch auf ein Grab. Was hätte man auf den Stein schreiben sollen?

   Sie hätten mir zumindest erzählen können, wie krank mein Sohn war. Dann hätte ich verlangt, dass er sofort getauft werde. In meinen Gedanken hatte das Kind ja längst einen Namen. Er war ein kleiner Mensch, ein richtiger Mensch, Fleisch von meinem Fleische. Niemand auf Erden darf sich zum Herrn über Leben und Tod eines anderen Menschen machen. Und dann habe ich geschrieen. Ich weiß nicht mehr ganz genau, was ich schrie. Ich klagte an. Und ich fragte mit lauter Stimme, wohin diese Menschensicht in unserem Lande führen werde. Ich schrie entsetzliche Dinge, denn ich war verwirrt. Einmal vor langer Zeit bin ich Hitler persönlich begegnet, als er zusammen mit Angestellten unserer Fabrik an Bord eines Schiffs anlässlich einer „Kraft-durch-Freude-Fahrt“ nach Norwegen war. Er hatte eine enorme Ausstrahlung, die Frauen flogen auf ihn. So war es wohl berechtigt, dass ich nach dem Tod meines Sohnes für geisteskrank erklärt wurde. Als solche konnte man mich nicht für all’ das verantwortlich machen, was ich gesagt hatte. Mein Mann sagte, man wolle nur mein Bestes. Und dann isolierten sie mich in einem Krankenhaus für Geisteskranke. Hier würde ich auf andere Gedanken kommen. Wenn das geschehen sei, wenn ich wieder denken könnte – das versprachen sie mir – dann würde ich wieder nach Hause kommen.

   Sie sagten auch, dass man genötigt sei, mich von Zwangsgedanken zu befreien. Ein böser Verdacht hatte nämlich in mir Wurzeln geschlagen: Der Junge ist gar nicht tot, dachte ich. Er lebt. Sie halten ihn am Leben, um das Kind für medizinische Versuche zu benutzen. Man hätte mir mein totes Kind in meine Arme legen müssen. Dann hätte ich von ihm Abschied nehmen können. Dann hätte ich Gewissheit gehabt. Der Gedanke, dass man ihn missbraucht habe, hat mich niemals verlassen. Bisweilen höre ich ihn schreien. Aber ich spreche nicht darüber. Auch nicht mit meinem Mann. Denn dann würden sie mich wieder für geisteskrank erklären. Aber das bin ich nicht“.

 

   Als Beate und ihre Mutter gingen, standen wir am Fenster und sahen ihnen nach. Beate hatte ihre Mutter bei der Hand genommen. Mutter ging schnell hinaus in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und den Tisch zu decken. Vater würde ja gleich müde von der Arbeit kommen. Draußen war es dunkel, Mutter hatte die Gardinen nicht zugezogen, das Wohnzimmer wurde von der Straßenlampe vor der Haustür erhellt. Ich mochte diese Zeit der Dämmerung mit dem gedämpften Licht der Straßenlampe in unserem Wohnzimmer. Da konnte es geschehen, dass Mutter alle ihre häuslichen Arbeiten unterbrach und locker wurde und bereit zu einem Gespräch war. Ich hatte gehofft, sie werde sich hinsetzen, um mit mir über Beates Mutter und ihren toten Sohn zu sprechen. Zwar sprach Mutter nicht gerne über das Kinderkriegen und all’ das Geheimnisvolle. Aber die Stimmung im Wohnzimmer lud zu einem vertraulichen Gespräch ein. Seit langem wusste ich, dass ein Kind im Bauch seiner Mutter wächst. Dass die Mutter ihr Kind neun Monate lang schützt und deshalb die Schmerzen bei der Geburt ertragen kann. Die Belohnung ist das Kind in ihrem Arm, das lässt sie alles vergessen. Beates Trauer schockierte mich.

   Ich folgte Mutter hinaus in die Küche. Versuchte, ihren Blick aufzufangen. Das Licht in der Küche war recht grell. „Ist es wirklich möglich, dass ein Kind auf diese Weise von den Eltern entfernt wird? Und warum sagt Beates Mutter „dieses Land“ mit einem so bitteren Unterton? Was hat dieses Land mit dem Tod von Beates kleinem Bruder zu tun?“

   Vielleicht konnte meine Mutter nicht antworten? Vielleicht wollte sie nicht. Kinder fragen, und Kinder verplappern sich. Kinder müssen nicht alles wissen. Das meinen die Erwachsenen. Aber Kinder können doch sehen und hören. Kinder machen sich Gedanken, die im Kopf herumgehen, weil keiner bereit ist, dabei zu helfen, sie zu ordnen und am richtigen Ort zu speichern. Ist das überall auf der Welt so, oder sehen die Erwachsenen nur in „diesem Lande“ sich gezwungen, so zu sein?   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                            E i n e   S c h u l e    f ü r s    L e b e n

 

  

   Wir wussten lange, dass wir – wie üblich – nach der vierten Klasse den Klassenlehrer wechseln sollten. Aber wir hatten das verdrängt. Wir hielten unendlich viel von Fräulein Hoppe. Und Herr Hatje, den wir als Klassenlehrer kriegen sollten, war unserer Meinung nach als Rechenlehrer auszuhalten, aber mehr wollten wir mit ihm nicht zu tun haben.

   Der Übergang zu einer anderen Unterrichtsform war nicht leicht. Schon in seiner „Begrüßungsrede“ machte uns der Lehrer Hatje verständlich, dass das, was er „Spiel“ nannte, nun vorbei sei. „Der Schulbesuch ist von nun an eine ernste Angelegenheit! Ihr gehört jetzt zu den Großen. Die Schule wird nun mit Forderungen kommen; alle erwarten von euch einen größeren Einsatz – nicht für die Schule, sondern um euretwillen. Diese Schule ist auf mehr als eine Weise eine Schule fürs Leben. Das werdet ihr später merken!“

   Wir hatten uns vorgenommen, Hatje als Klassenlehrer nicht leiden zu  können. Er seinerseits hatte sich vorgenommen, uns generell schlechte Zensuren zu geben. „Dann könnt ihr euch ja hocharbeiten“, war seine Begründung. Verständlich genug, begründeten wir unseren Vorsatz nicht; wir versuchten nur, ihn zu foppen. Aber das glückte nicht so richtig. Er konnte sonst über alles Mögliche recht ärgerlich werden, sehr ärgerlich sogar. Aber einmal zeichnete Walter den Kopf eines rasenden, schnaubenden Stiers auf ein Stück Papier, das ich zum großem Gaudi der ganzen Klasse auf Hatjes Kittel heftete, während er mit dem Rücken zu mir stand; und da war es nur ärgerlich, dass der Lehrer keine Spur böse wurde, als er die Zeichnung entdeckte. Ohne nach dem Meister zu fragen, beurteilte er die Zeichnung mit Kennerblick und stellte fest, dass er als Zeichenlehrer die Ausführung loben müsse.

   Allmählich begannen wir gegen unseren Willen, ihn ganz gut zu finden. Aber nie habe ich vergessen, dass er, als er unser Rechenlehrer war, ein sehr angespanntes Verhältnis zu Ursel hatte. Schon damals, beim ersten Verlesen der Namen, bemerkte ich, dass Hatje bei Ursels Nachnamen stutzte. Der Name war ihm wohlbekannt und verursachte ihm Unbehagen. Ursels Vater brachte sonntags Männern das Schießen bei. Das heißt, Männern, die einmal, vor langer Zeit, den Dienst mit der Waffe abgelehnt hatten. Sie kamen nicht freiwillig zu diesen Übungen. Viele mussten hin und wieder mit Gewalt geholt worden.

   Ursel hörte aus dem Munde ihrer Vaters manch böse Dinge über diesen „unfähigen“ Lehrer. Eigenartigerweise verteidigte Ursel ihren Vater, was diese Schießübungen anbelangt. So kam es also, dass Ursel und unser Lehrer nicht gerade freundliche Gefühle füreinander hegten. Wir anderen konnten die Spannungen zwischen den beiden spüren. Beide waren erleichtert, als Ursel an eine Mittelschule wechselte.

   Eigentlich hatte ich vor, zusammen mit Ursel zu wechseln. Ja, eigentlich hatte ich den weiteren Schulbesuch auf einer Mittelschule als das Natürlichste auf der Welt betrachtet. Aber meine Mutter widersetzte sich, obwohl es uns jetzt ökonomisch besser ging. Das Verhältnis zwischen Wolfgang und mir werde zerstört werden, wenn ich als Mädchen die bessere Ausbildung bekäme, die man Wolfgang, dem Jungen, verweigert hatte. Das war Mutters Begründung. Und damit war mein weiterer Schulweg ausdiskutiert. Ich war etwas enttäuscht, fand mich aber schnell damit ab. So war das nun einmal, Jungen mussten eine gute Ausbildung haben, Mädchen brauchten sie nicht, die heirateten ja doch.

   Eine Zeitlang wirkte die Klasse leer  ohne die Schüler, die an andere Schulen gegangen waren. Aber dann begannen wir, den intensiveren Unterricht zu genießen. Herr Hatje war gebürtiger Dithmarscher, das konnte er nicht verleugnen. In den Deutschstunden machte er uns auf den Wert des Plattdeutschen, unsere Muttersprache, aufmerksam. War er mit uns zufrieden, belohnte er uns oft damit, dass er laut vorlas. Am liebsten wählte er Texte über das Meer und die Menschen am Wattenmeer aus, z. B. die Ballade „Pidder Lüng“ von Detlev von Liliencron, die als Refrain  das Wort „Lewwer duad üs Slaav“ (Lieber tot als Sklave) hat. Wenn er diesen inhaltsschweren Satz vorlas, unterstrich er ihn, indem er mit der geballten Faust den Takt dazu schlug. Und – das entging unserer Aufmerksamkeit nicht – er meinte, was er  sagte!

   Er wies uns auf das wertvollste Werkzeug des Menschen hin: die Sprache, die er auch eine Waffe nannte. Seine Forderung an uns, die Sprache korrekt und nuanciert anzuwenden, fanden wir nicht ganz berechtigt. Es sei beschwerlich und überkandidelt, meinten wir, dass wir immer nur in ganzen Sätzen antworten, fragen und sprechen sollten. Und er verlangte, dass wir die Wörter stets sorgsam und korrekt wählen sollten. Ein Anspruch, den er – zu meinem großen Kummer – einmal selbst nicht einlöste.

   Hier muss ich einflechten, dass ich die schlechte Angewohnheit hatte, während des Unterrichts unaufgefordert zu sprechen. Noch als Schülerin der 5. Klasse hatte ich nicht gelernt, das, woran ich gerade dachte, für mich zu behalten; ich musste es sofort meiner Nachbarin sagen. Die Strafe war immer  eine Woche – oder zwei - auf der Schlingelbank vor dem Katheder. Und wenn dann andere Lehrer in die Klasse kamen, konnte sich keiner irgendeine dumme Bemerkung verkneifen wie „Na, schon wieder, kleine Ruth, war das wieder einmal so schwer, ruhig zu sein“.

   Deshalb entschied ich mich eines Tages, dass damit nun Schluss sei! Zunächst konnte ich ein paar Tage lang meinen Mund halten. Das war sehr hart. Die Tage wurden zu Wochen. Und als vier Wochen vorüber waren, zog ich in meinem Kalender einen dicken Strich. Ich war über dem Berg.

   Kluge Köpfe behaupten, dass man einen schlechten Ruf schlecht loswerde. Dieses Schicksal ereilte mich in der Erdkundestunde, als Hatje von Spitzbergen erzählte. Das war wirklich interessant. Trotzdem verlor ich den Faden. Lisa stieß mich nämlich an und begann zu flüstern:

   „Also, ich kenne eine lustige Geschichte von einem Schiffer, der auf Spitzbergen an Land ging. Weißt du, was er tat? Nein? Oh, er . . . “.

   Weiter kam sie mit ihrer Erzählung nicht. Sie wurde nämlich von Hatjes Gebrüll unterbrochen. „Ruth, redest du schon wieder!“

   „Nein“, antwortete ich mit reinstem Gewissen, „nein, ich rede nicht, ich höre bloß zu, was Lisa von einem Kapitän erzählt – nein, es war ein Schiffer, der auf Spitzbergen an Land

ging, - “.

   „Raus!“ schrie Hatje, indem er auf die Tür zeigte.

   Ich sah ihn nur an, ohne mich zu rühren. Er hatte sich geirrt. Wie hatte er das nur tun können. Es war Lisa, die geredet hatte. Also - . Auf einmal stand er neben mir, vor Zorn bebend. Noch einmal schrie er „raus!“ Ich packte alle meine Sachen in den Ranzen. Nahm mir viel Zeit, schaute noch einmal unter den Tisch, ob ich auch nichts vergessen hätte. Denn Ordnung muss sein! Und da schrie er noch einmal „Raus! Und das sehr schnell!“ Ja, und da schritt ich mit hocherhobenem Kopf zur Tür. Seine ungerechte Behandlung sollte mich wahrhaftig  nicht kaputtmachen. Einen Augenblick zögerte ich etwas an der Tür. Wollte gerade die Tür hinter mir schließen, als mir etwas sehr Wichtiges einfiel. Steckte deshalb den Kopf wieder rein und sagte laut und deutlich: „Nicht ich habe gesprochen. Lisa erzählte, ich hörte nur zu. Es ist nicht dasselbe, ob man redet oder zuhört, und das wissen Sie genau, Herr Hatje. Sie dürfen also etwa sagen: „Du bist unaufmerksam, weil du zuhörst“! Aber Sie dürfen nicht behaupten, dass ich geredet hätte. Das habe ich nicht getan! Das habe ich vier Wochen lang nicht getan. So ist das!“ 

   Jetzt hatte er genug! Mit ein paar großen Schritten war er bei mir. Bevor ich nur ahnen konnte, was da geschehen werde, hob er die Hand zum Schlag und gab mir eine Backpfeife.

   Das tat weh. Nicht im Gesicht – da brannte es nur. Alles in mir tat entsetzlich weh. Ich lief und versteckte mich hinter einem großen Schrank am Ende des Korridors. Und dann konnte ich nicht anders und weinte jämmerlich. Hatje hatte mich geschlagen!

   Der Rektor konnte mich in seinem Büro hören. Vielleicht irritierte ihn nur der Lärm. Vielleicht konnte er den Schmerz in meinem Jammer vernehmen. Jedenfalls klang seine Stimme nicht zornig, als er eine Erklärung verlangte. Abgehackt, unterbrochen von Schluchzen und Schniefen, erzählte ich, was geschehen war:

   „Er, Herr Hatje, der immer sagt, wir sollten unsere Worte sorgfältig wählen, er sagt, ich hätte geredet, obwohl ich nur Lisa zugehört habe“.

   Ich erwartete vom Rektor weder Mitleid noch Verständnis. Aber zu meinem großen Erstaunen gab er mir Recht. Öffnete die Klassentür und rief Hatje zu einem Gespräch. Ja, und als das beendet war, meinte der Rektor wirklich, dass Hatje sich bei mir entschuldigen werde, was er auch tat. Es wunderte mich nur, dass die beiden Lehrer bei einer so ernsten Sache nicht zu schmunzeln aufhörten. Zum Schluss bemerkten die zwei, dass es immer wichtig sei, über Probleme zu sprechen. Ein paar Sekunden war ich versucht, ihnen von einem Problem mit einem anderen Lehrer zu erzählen. Aber ich ließ es sein. Wagte es trotzdem nicht.                                                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   Das Problem war der Geschichtslehrer Intemann, der den Spitznamen Döler trug. Schon mein Bruder und die Kinder vor ihm hatten ihn so genannt. Niemand wusste, was der Name bedeutete und warum und wann man ihn ihm angeheftet hatte, am allerwenigsten Intemann selbst. Einmal hatte er seiner Klasse als Hausaufgabe das Thema „Warum nennt man mich Döler?“ gestellt. Niemand wusste eine Antwort.

   Lotti wohnte neben Familie Intemann. Sie erzählte, dass er während des Ersten Weltkriegs ein Bein verloren habe und deswegen mit einer Holzprothese laufen müsse und dass in seinem Körper noch ein Granatsplitter sei, der wandere und Schmerzen verursache. Und sie vergaß nicht zu erwähnen, dass er ein liebenswürdiger Mann sei, gefällig als Nachbar und liebevoll gegenüber seiner Familie. Aber das nutzte nichts, wir konnten mit ihm und seiner Art, uns zu unterrichten, nicht warm werden. Er hatte - dies erzählten die älteren Schüler – den Kindern stets ausgefallene Spitznamen gegeben. So nannte er Günter, den man nicht als begabt bezeichnen konnte, „zugefrorenes Gehirn“. Und Traute Vogel rief er überhaupt nicht mit Namen auf. Er pfiff nur das Lied „Kommt ein Vogel geflogen“ und erwartete, dass Traute sich augenblicklich erhob. Was sie selbstverständlich tat  - mit roten Backen und dem Weinen nahe.

   Gerda, das stets ernste, freundliche, stille Mädchen, rief er nur mit dem Namen ihrer großen Schwester, Wilma, die er ein paar Jahre vorher als Schülerin gehabt und nicht vergessen hatte. Sie war nämlich ein fröhliches und lebhaftes Mädchen, das totale Gegenteil von Gerda.

   Döler ließ mich in Ruhe, obwohl mein Familienname, ein schottischer Clan-Name, im Deutschen eine andere Bezeichnung für ein Pferd ist, und das reizte viele zu Neckereien. Damals, als Wolfgang Dölers Schüler war, hatte er ihn tatsächlich nur „Pferd“ genannt. Alle in der Klasse amüsierten sich köstlich, aber Wolfgang beklagte sich  bei Vater, der ihm den guten Rat gab, seinen Lehrer von ihm zu grüßen und zu verlangen, unseren Familiennamen korrekt zu verwenden. Und Wolfgang sollte auch nicht vergessen, ihm auszurichten, dass alle, die ein bisschen in schottischer Geschichte Bescheid wüssten, diesen Clan-Namen kennten und ihn niemals mit einem Pferd in Verbindung brächten.

   Der Lehrer nahm diesen Gruß zur Kenntnis.

   Intemanns Stunden konnten wirklich interessant sein. Insbesondere, wenn er über die Frühzeit sprach. In unserem Garten und auf dem Brachland, wo ich die Ausgrabungen von Wohnplätzen und Grabstätten durch die Archäologen verfolgte, fand ich ständig Flintsteine. Ich hatte große Lust, meine Funde dem Lehrer zu zeigen. Doch wusste man nie so richtig, welche Laune er gerade hatte. Dachte man, er sei ganz gelassen, weil er entspannt dasaß und erzählte, so konnte er plötzlich aufspringen und mit seinem Stock wie mit einem Schwert herumfuchteln. Manchmal führte er vor uns Kindern ein Schauspiel auf, das „Krieg“ hieß. Dann wurde er zum Helden, der Häuser in Brand setzte, Gegner tötete und alles, was ihm entgegentrat, niederschlug. Dann schrie und brüllte er, während er seinen Stock über unsere Köpfe sausen ließ. Wir duckten uns, denn wir hatten Angst.

   War die Raserei Theater, oder war sie echt? Das konnten wir nicht entscheiden. War er auf einen Schüler wütend, dann konnte er seinen Stock auf dessen Tisch knallen lassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass er zuschlug, aber im Zorn konnte er ein Buch nach einem Schüler werfen. In seiner Nähe waren wir immer sehr angespannt und fanden selten die nötige Ruhe, um den Unterrichtsstoff wirklich aufnehmen zu können. Ich versuchte, mich in seinen Stunden möglichst unsichtbar zu machen. Und bekam selbstverständlich immer die denkbar schlechteste Note in Geschichte. Denn, wie Döler meinte, zeigte ich ja für ihn und sein Fach kein Interesse.

   Geschichtsunterricht war damals die Erzählung bedeutender Taten. Die Reihenfolge der Kaiser und Könige und die Jahreszahlen von Kriegen lernten wir auswendig. Wir sollten  in der Lage sein, die richtige Jahreszahl in dem Augenblick zu nennen, in dem die Frage gestellt wurde, obwohl er immer wieder sagte, Geschichte müsse eine Erzählung über Menschen sein.

   In Wirklichkeit war Geschichte alles andere als eine klare und verständliche Erzählung dessen, was sich ereignet hatte. Trotzdem verlangte man von uns Kindern, wir sollten das Erzählte begreifen, uns dran erinnern und wiedergeben können. So viel verstand ich damals: die Welt ist nicht  wie ein Globus, auf dem Berge, Flachland, Flüsse und Meere je ihre Farbe und ihren festen Platz  haben. Was die Länder anbelangt, ist die Welt ein verwirrender Tuschkasten. Und es half nichts, sich die Grenzlinien und ihre Lage einzuprägen. Vater hatte seinen Globus in die äußerste Ecke der Rumpelkammer getan. Dieser Globus war nicht alt, aber trotzdem völlig veraltet und deswegen nicht zu gebrauchen. Nur die Flüsse und Berge und Meere waren an der wohlbekannten Stelle zu finden. Die Grenzen waren verändert, verschoben oder ausgelöscht worden.

   Intemann spielte für uns auch „Eroberungskrieg“. Dabei nahm er seinen Stock wie ein Gewehr über die Schulter und marschierte im Stechschritt durch die Klasse. Auch sein Holzbein streckte er aus, um es dann unkontrolliert auf den Fußboden knallen zu lassen. Bump, klang das jedes Mal. Und Intemann begann im selben Takt, Stakkato, zu erzählen: „Bump! – Bump! – Bump! So nehmen die Soldaten das Land ein. Bump! – Bump! – Bump! so werden sie verwundet! Bump! – Bump! – Bump! So fallen sie auf dem Schlachtfeld. Bump! – Bump! – Bump! so werden die Jungen zu Helden. Bump! – Bump! – Bump!“

   Es gab einen Jungen in meiner Klasse, der neu war und deshalb nicht wusste, was er tat, als er bei Intemanns Parademarsch zu kichern anfing. Er tat dies nur dieses eine Mal, denn der Lehrer hob seinen Stock und schwang ihn wie ein Schwert über die geduckten Köpfe der Kinder. „Ich will euch etwas über die Welt beibringen. Ich will!“

   Unser Geschichtslehrer konnte auch auf die Idee kommen, einen Krieger der Frühgeschichte zu spielen und gleichzeitig im Stechschritt zu marschieren. Keiner wagte, etwas zu sagen, obwohl wir wussten, dass der Stechschritt eine Erfindung aus neuerer Zeit war. Diese eigenartige Art zu gehen, erinnerte mich immer an Hähne – aufgeplusterte Hähne, über die man lacht. Aber was Intemann uns mit diesen Vorführungen sagen wollte, blieb uns allen ein Rätsel. War er ein Friedensapostel? Wollte er uns auf seine Art zu verstehen geben, dass er Kriege ablehnte? Niemand konnte eine Antwort geben. Hätte man damals bloß über so etwas sprechen können. Wäre man nur gewohnt gewesen, die Dinge beim Namen zu nennen. Die klare und logische Sprache, die Hatje suchte und anstrebte, wo war die in Intemanns Geschichtsunterricht und überhaupt in unserem Alltag?

   Es hieß damals ganz allgemein – aber besonders in gewissen Kreisen – dass meine Schule eine besonders gute Schule sei. Sie war nicht gut auf Grund eines modernen Gebäudes, kostspieligen Unterrichtsmaterials, einer schönen Ausgestaltung oder fehlerfreier Lehrer. Das Gute lag als etwas Unaussprechliches in der Luft. Wie in Märchen das Geheimnisvolle verschwinde, nennt man es beim Namen, so werde die Schule ihre Eigenart einbüßen, wenn wir zu laut das Unsagbare sagten – etwas in diesem Sinne hörte ich einmal einen Erwachsenen sagen. Was ist gut und was ist schlecht an einer Schule unter einem dämonischen Herrscher? „Wat den eenen sin uhl, dat is den annern sin nachtigall“, sagt ein Sprichwort.

   Meine gute Schule war für mich wahrhaftig nicht unproblematisch. Mutter sagte: So ist das Leben, Gut und Böse liegen immer dicht beieinander. Die Turnstunden und der Handarbeitsunterricht waren für mich eine Plage, obwohl beide Fächer uns meiner Ansicht nach hätten Freude machen sollen. Zunächst tat uns Mädchen die Lehrerin, die uns in diesen Fächern unterrichten sollte, leid. Denn wir entdeckten sofort, dass sie nicht lachen konnte. Wir versuchten, uns unsere Lehrerin Katinka Krumpel als Kind, als ein Mädchen in unserem Alter vorzustellen. Trotz großer Anstrengungen und Phantasie wollte das nicht gelingen. Es war unmöglich, uns auszumalen, wie sie fröhlich mit dem Springseil hopste. Oder bei Regenwetter barfuß durch Pfützen lief. Man konnte sie sich nicht mit Zöpfen denken – und noch weniger in einem geblümten Sommerkleid.

   Katinka Krumpel ist nie Kind gewesen, nicht so ein richtiges, war unsere Schlussfolgerung. Menschen wie sie werden gewissermaßen als Erwachsene geboren – in unansehnlichem Zeug. Vielleicht hatte man Katinka niemals erlaubt, sie selbst zu sein. Vielleicht durfte sie nie umherstreifen und Dummheiten machen, aus denen man doch zu guter Letzt klug wird.

   Sie fror und behielt deshalb auch ein paar Mal während der Unterrichtsstunden ihren braunen Mantel an. War es ganz schlimm, legte sie auch ihren Hut nicht ab. Einen braunen Hut, den Meta „Topf mit Regenrinne“ nannte. Wenn Katinka uns in Sport unterrichtete, geschah das in ein- und derselben Weise. Das Turnen auf dem Schulhof – auch dabei behielt sie selbstverständlich den Mantel an – bestand darin, nach ihrer Trillerpfeife im Takt zu hüpfen. Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei! Wir klatschten die erhobenen Hände über dem Kopf zusammen und landeten gleichzeitig mit gespreizten Beinen auf der Erde, mit dem nächsten Sprung stellte man sich gerade hin und legte die Hände gestreckt und steif an die Hüften. Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei. Sie liebte es, während sie unablässig „eins-zwei, eins-zwei“ schrie, sich ein ganzes Stück von uns entfernt hinzustellen, um uns plötzlich mit einem unangenehm lauten, langen Trillerpfeifen-Ton zu kommandieren, sich der Größe nach vor ihr aufzustellen. Und das musste selbstverständlich extrem schnell gehen. Das war nicht Gymnastik, das war Dressur.

   Leider machte ich mich gleich am Anfang unserer Bekanntschaft unangenehm bemerkbar. Ich war so daran gewöhnt, die Kleinste zu sein, dass ich in meinem Eifer und weil sie auf Geschwindigkeit drang, mich als Letzte in der Reihe aufstellte, obwohl ich zur Drittkleinsten herangewachsen war. Ich erschrak, als die Sportlehrerin über dieses unbedeutende Versehen sehr ärgerlich wurde. Ein anderes Mal bekam ich während der Hopserei Seitenstiche und sah mich gezwungen, eine Pause einzulegen, doch ohne erst um Erlaubnis gebeten zu haben. Da machte sie sich über mich lustig, denn, wie sie sagte, von so ein bisschen Gymnastik kriegt man keine Seitenstiche. Ganz treuherzig und ohne böse Absicht antwortete ich ihr, dass sie das ja eigentlich nicht beurteilen könne, weil sie nie mit uns zusammen springe. Mit diesem Satz legte ich die Grundlagen für unser zukünftiges Verhältnis.

   Die Art meines nächsten Versehens, das sie zu einer heftigen Reaktion herausforderte, habe ich vergessen. Aber an ihre Reaktion erinnere ich mich. Es geschah auf dem Schulhof. Langsam kam sie auf mich zu. Mit festem Griff packte sie meinen nackten Oberarm. Ich merkte, wie ihre Nägel in mein Fleisch stachen. Sie sah mich an, als ob sie mit ihren Blicken Löcher in mein Gesicht bohren wollte. Ihr Mund stand offen. Sie atmete mit einem merkwürdigen Ton durch die zusammengebissenen Zähne. Selbst Meta sagte später, dass auch sie Angst bekommen habe. Die Abdrücke ihrer Nägel auf meinem Oberarm versteckte ich vor meiner Mutter. Wenn Katinka Krumpel so böse wurde, war das sicher meine Schuld.

   Katinka sagte vor der ganzen Klasse, dass ich zu weich sei und mich abhärten müsse. Ihre Lieblingsart, uns Mädchen abzuhärten, war das Duschen nach der Gymnastik. Nachdem wir uns gerade an das oft ein bisschen zu warme Wasser gewöhnt hatten, drehte sie ohne vorhergehende Warnung das kalte Wasser an. Gnade Gott dem Mädchen, das selbst die Dauer der Qual bestimmen wollte. Als ich zähneklappernd meinte, dass es nun genug sei, fuhr sie mir mit einer Hand über den Rücken, nahm Haut zwischen die Finger und kniff zu. Wieder fühlte ich ihre spitzen Nägel, hörte sie durch die Zähne atmen. Ich war nackt, sie bräunlich gekleidet. Ich ekelte mich in ihrer Gegenwart. 

   Sie schützte vor, sich Sorgen um meine Gesundheit zu machen. Kam mit zudringlichen Fragen nach unseren Mahlzeiten und der Zusammensetzung unseres Essens zu Hause. Es lag nahe, dass sie meine Mutter in Verdacht hatte, mich zu vernachlässigen. Eines Tages verlangte sie, den Inhalt meines Stullenpakets zu sehen. Denn es müsse einen Grund für meine zarte Konstitution geben. 

   Ihr Erfindungsreichtum, mich zu quälen, erschien mir unendlich. Sie verbot mir, die heruntergefallenen hübschen Stecknadeln mit den farbigen Köpfen wieder aufzusammeln, denn sie seien nun ihr Eigentum. Diese Frau brachte es auch fertig, die von mir in den Ferien mit viel Mühe und Ausdauer gestrickten Socken wieder aufzutrennen, und sie machte das mit einer solchen Lust, dass es uns Kindern grauste.

   Katinka Krumpel war mit einigen meiner Leistungen nie zufrieden. Bei Übungen am Barren war ich nicht tüchtig, aber am Reck war ich mit den Worten meines Vaters ein Schlangenmensch. Über den Bock konnte ich wie ein Gummiball springen. Wenn wir Mädchen draußen Bockspringen machten, indem wir uns gebeugt hinstellten und hintereinander über lange Strecken übereinander hopsten, war mir kein Bock zu hoch, und auch die großen Mädchen, die einen extra hohen „Bock“ bildeten, nahm ich mit Leichtigkeit. Aber in der Turnhalle war der Lederbock glatt, und das Sprungbrett vor ihm federte stark. Bei meinem ersten Versuch wurde ich allzu hoch geschleudert, verlor die Balance, fiel und verletzte mich. Da verhöhnte mich unsere Sportlehrerin und befahl mir umgehend, einen neuen Versuch zu machen.

   Ich bat sie, mir zu zeigen, wie man das richtig mache. Wusste ganz gut, dass ich hierbei mehr als frech war, denn sie hatte nie eine Übung vorgemacht, hatte sich nie Sportzeug angezogen. Zu allem Unglück begannen die Mädchen zu kichern.

   Seit diesem Tag schlug sie mich beim kleinsten Versehen mit geballter Faust auf den Rücken. Glücklicherweise konnte ich hierbei nicht ihr Gesicht sehen. Aber meine Klassenkameraden erzählte mir, dass Krumpel bei einer solchen Prügelszene bisweilen Spucke in ihren Mundwinkeln habe und – wenn es besonders schlimm war – förmlich sabbere.

   Einmal hämmerte sie geradezu auf meinen Rücken ein. Die Schläge oder die Angst oder beides verursachten, dass ich Atemnot bekam und fast ohnmächtig wurde. Die Mädchen in meiner Klasse steckten die Köpfe zusammen, denn nun musste das ein Ende haben.

   Sie informierten ihre Eltern. Am selben Abend suchten einige meinen Vater und meine Mutter auf. Ich war längst ins Bett gegangen und ahnte nichts. Am nächsten Tag suchte Vater den Rektor Festing auf, der während des Unterrichts Fräulein Krumpel in sein Büro holen ließ. Nun wurde es Ernst!

   Wir Kinder standen auf dem Schulhof und starrten neugierig hinauf zum Fenster des Rektors. Vater war anschließend nicht sonderlich bereit, etwas über seine Unterredung mit dem Rektor und Katinka Krumpel zu erzählen. Aber ich erfuhr, dass die Lehrerin zunächst alles abgestritten habe und auch Rektor Festing nicht willens gewesen sei, Vaters Beschwerde ernst zu nehmen. Erst als Vater vorschlug, die Kinder der Klasse als Zeugen heranzuziehen und der Rektor dies für eine gute Idee hielt, brach Katinka Krumpel zusammen und gab alles zu, während sie in unbändiges Weinen ausbrach.

   Am selben Tag ließ mich Vater vom Arzt untersuchen. Die Diagnose war: zu große Mandeln und Polypen in Hals und Nase. Aber ich hätte in keiner Weise Schaden genommen, sagte der Arzt, weder physisch noch psychisch. Die Untersuchung wurde nicht  von unserem Hausarzt vorgenommen, sondern von einer mir unbekannten Frau.

   Die Polypen sollten in der Praxis des Hals-Nasen-Ohrenarztes entfernt werden. Mutter und ich saßen im Wartezimmer. Als sie mich von Mutter wegziehen wollten, klammerte ich mich fest an sie. Eine Krankenschwester trennte uns. Ich konnte in Mutters Augen lesen, dass sie hier nichts zu sagen hatte. Die Krankenschwester platzierte mich auf dem Schoß der Sprechstundenhilfe, um mich festzubinden. Die Narkose wurde mit Äther durchgeführt - hässliche Träume und Erscheinungen waren die Folge: Fräulein Krumpel wurde zu einer braunen Krähe, die auf einer  Stange saß. Sie begann – begleitet von entsetzlichen Geräuschen – sich wieder und wieder herumzudrehen, und dies schließlich in einer Geschwindigkeit, die alle Konturen auslöschte und das ganze Bild zu einer schwarz-braunen Schmiere werden ließ.

   Die Nach darauf hatte ich Schmerzen, konnte nicht schlucken, dachte nur an Essen und Trinken. Vater kaufte ein kleines Geschenk und die schönsten Früchte, die man sich denken konnte, und legte sie auf meinen Nachttisch. Ich wollte seine Geschenke nicht haben, wollte nicht mit ihm sprechen. Warum ich so reagierte, weiß ich nicht.

   Vielleicht erlebte ich Krumpels Misshandlung, Vaters Reaktion und die Halsoperation zu dicht aufeinander. Man hätte mit mir sprechen, mir eine Erklärung geben müssen. Die Peinlichkeit, der Ekel und der Schmerz hätten dabei nicht unerwähnt bleiben dürfen. Auch über den Verlauf der Operation und die anschließenden Symptome hatte mir niemand richtig Bescheid gesagt. Das Schlimmste war vielleicht das Schweigen des Arztes. Für mich bestand seine einzige Arbeit darin, mich fesseln zu lassen, um mit Herzenslust so richtig in mich hineinschneiden zu können, ohne sich Sorgen um meine Angst und Schmerzen machen zu müssen.

   Während ich krank war, hörte ich Vater im Garten arbeiten: Ein  Rechen, der mit gleichmäßigen Bewegungen durch die Erde gezogen wurde. Da beruhigte ich mich. Seither mag ich dieses Geräusch.

 

   Wir bekamen eine neue Sportlehrerin, Fräulein Grage. Trotz ihrer Korpulenz war sie geschmeidig und durchtrainiert. Die Gymnastik auf dem Schulhof und die Übungen in der Sporthalle machte sie zusammen mit uns. Sie verlangte niemals Unmögliches. 

   Für Fräulein Grage war Gymnastik etwas, was Freude machen sollte und der Gesundheit diente. Sie schlug deshalb dem Rektor vor, die Zensuren in Gymnastik und Sport abzuschaffen. Wir hatten Behinderte in der Klasse. Besonders für sie war es eine große Erleichterung, als wir am Ende des Schuljahrs mit eigenen Augen feststellen konnten, dass auf dem Zeugnis in der Rubrik Sport bei allen ein dicker Strich war.

   Katinka Krumpel blieb noch eine Weile unsere Handarbeitslehrerin. Mit verbissenem Gesicht brachte sie uns weiterhin bei, dass auch Sticken und Stricken zu den Plagen des Lebens gehören. Da war kein Platz für unsere eigenen Ideen. Alles war Pensum, alles festgelegt: Technik, Muster, Material – sie duldete keinerlei Abweichung. Ein Mädchen, das mit seinem Pensum fertig war, hatte lieber mit den Händen im Schoß dazusitzen als dass es sich eigene Gedanken machen und diese umsetzen durfte. Das sei nämlich ein „nachlässiger Umgang mit kostbarem Material“ (das die Eltern bezahlten). Eine Weile hoffte ich, dass mich Fräulein Krumpel nun in Ruhe lassen oder wenigstens so tun werde, als existierte ich nicht für sie. Aber das geschah leider nicht: Hatte ich etwas vergessen - eine Schere oder ein Zentimetermaß - verwehrte sie mir, diese Dinge bei der Nachbarin auszuleihen, und bestrafte mich mit Nachsitzen – nicht in einer Klasse, wie das üblich war, nein, sie verlängerte ihre eigene Arbeitszeit, indem sie mit mir zusammen in einem Einzelraum nachsaß. Ich hatte Angst, mit ihr alleine zu sein. Denn einmal hatte sie mich ärgerlich angefahren, warum ich damals gepetzt hätte. Ein andermal sperrte sie mich in einem winzigen dunklen Raum ein. Das erzählte ich Meta. Beim nächsten Nachsitzen blieb Meta bei mir, obwohl Katinka ihr befohlen hatte zu gehen. Wir standen am Eingang zum Handarbeitsraum. Meta hatte Fräulein Krumpel gesagt, dass sie die Absicht habe, bei mir zu bleiben, und als die Lehrerin uns trennen wollte, indem sie Meta zur Treppe schob, ergriff das Mädchen mit beiden Händen einen Garderobenhaken. Kathinka versuchte, Metas Finger zu lösen, indem sie diese nach oben bog. Sie kannte wahrscheinlich Meta noch nicht, die zu ihr sagte: „Rühren Sie mich nicht an, sonst spucke ich Sie an!“ Meta war wütend. Katinkas Nasenlöcher vibrierten, sie atmete schwer. Und dann geschah es. Sie begann, ihre Fingernägel in Metas Hände zu bohren. Da spuckte Meta nach ihr, ließ einen großen Klecks Spucke auf Katinka Krumpels Hut landen und sagte mit sichtlichem Vergnügen: „Da ist sicherlich noch Platz für mehr“, und wirklich, Meta begann, Backen und Mund heftig zu bewegen, als ob sie Spucke für einen neuen Angriff sammelte. Ich dachte, das ist das Ende. Nun wird Katinka über Meta Bericht erstatten. Und dann käme sie in eine Erziehungsanstalt.

   Aber nichts geschah. Nichts anderes, als dass Krumpel sich jäh umdrehte und verschwand.

   Meta aber behielt den Vorfall nicht für sich. Alle Kinder der Klasse sollten die Wahrheit erfahren, fand sie. Die Jungen meinten, man müsse Katinka Krumpel zwingen, entweder ihr Verhalten zu ändern oder aber die Schule zu verlassen. Der erste Angriff sollte darin bestehen, Katinka nach Hause zu begleiten: Man traf sich also in einer großen Gruppe. Ein Stück von der Schule entfernt begannen die Kinder zu rufen “Katinka!“ Sonst nichts. Nur „Katinka! Katinka!“

   Ich hatte Vater versprochen, mich dieser Lehrerin gegenüber jeder Form von Selbstjustiz zu enthalten. Deshalb war ich spornstreichs nach Hause gegangen. Aber so gut wie die ganze Klasse - und darüber hinaus noch andere Kinder – gehörten zu dieser Gruppe, deren Ziel es war, sich zu verteidigen.

   Wie auch immer, Katinka berichtete den Vorfall dem Rektor. Alle Kinder wurden sowohl vom Rektor als auch von Lehrer Hatje verhört. Besonders die Jungen lehnten es ab, sich zu entschuldigen oder sich schuldig zu fühlen. Ich kann mich an Einzelheiten nicht erinnern, aber Fräulein Grage wurde auch unsere Handarbeitslehrerin. Ob Katinka Krumpel als Lehrerin an der Schule blieb, weiß ich nicht mehr. Ich jedenfalls hatte mit ihr nicht mehr das Geringste zu tun, und das war das Wichtigste.

   Wenn ich an diese Schule zurückdenke, erinnere ich mich insbesondere an einen Sommertag. Wir standen in der Aula, eine kleine Gruppe Mädchen und Jungen – der Schulchor. Es war nach dem obligatorischen Unterricht, alle anderen Schüler hatten die Schule schon verlassen. Sie waren losgestürmt, denn die Sonne schien geradezu unanständig warm, und die meisten Kinder wollten ins Freibad. Aber wir standen in der Aula, in der die Luft stickig und verbraucht war. Die Fenster lagen nach Norden hin, sie waren geschlossen, Luft und Sonne konnten nicht hinein kommen. Doch konnten wir aus dem tristen Halbdunkel den wolkenlosen, blauen Himmel wahrnehmen. Ein solcher Raum lässt einen aufseufzen.

   Die Mitgliedschaft im Chor war nicht freiwillig. Der Musiklehrer einer Klasse suchte sich die geeigneten Schüler und Schülerinnen für den Chor aus. Dabei zu sein, war Ehrensache. Sagte der Lehrer. Ich hätte auf diese Ehre wahrhaftig gerne verzichtet. Es war peinlich, dass ich keine Noten lesen konnte. Aber ich schaffte es, dies vor Lulu, unserem Chorleiter, zu verbergen.

   Draußen war der Himmel blau, Lulu hörte uns die Liedertexte ab. Lulu war nicht nur alt, er war auch seinem ganzen Wesen und seiner Erscheinung nach altmodisch. Der Bowlerhut und der maßgeschneiderte schwarze Mantel mit Samtrevers und Taschenklappen gehörten einer Welt an, die nicht mehr existierte. Er brachte uns  nur altmodische Lieder bei, und das erschwerte den Unterricht. Das heißt – unserer Ansicht nach. Die neuen Lieder konnten wir ja im Schlaf: „Vorwärts, vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren. Vorwärts, vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren!“ Aber Lulu wollte von diesen Liedern nichts wissen – was, wie wir meinten, er hätte tun müssen. Denn dann hätten wir das Pensum spielend schnell geschafft, hätten danach unser Badezeug geschnappt - und ab ins Freibad. Denn Sommer ist nur einmal im Jahr.

   Aber Lulu hatte eine andere Auffassung von Musik und Gesang. Er liebte Liedtexte, die uns unbegreiflich waren:

                                  Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,

                                  ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.

                                  Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere,

                                  vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort.

 

   Dieser Text war für uns ein Rätsel. Wie konnte man vom Himmel in der Mehrzahl sprechen, wir sahen doch nur einen! Und der lag nun – während wir eingesperrt waren – sommerblau über unserer Stadt. Wer ist „der Ewige“, den die Himmel so preisen? Das hätte man gerne gewusst. Aber Lulu war der Letzte, den man zu fragen gewagt hätte. Seine ganzen Erscheinung drückte etwas Unnahbares aus. Wie so oft zuvor war Lulu – der eigentlich Herr Ludwigsen hieß, und so sprachen wir ihn selbstverständlich an – auch an diesem Tag dabei aufzugeben; er war nahe daran zu verzweifeln. Denn wir verpfuschten die Kunst, misshandelten Text und Melodie.

   „Beethoven ist da oben!“ Lulu hob seine Arme gen Himmel. „Aber ihr Kinder singt, als ob Beethovens Musik aus einem dunklen Keller heraufgeholt werden müsse“. Nun wussten wir genau, was da kommen würde: Er würde uns als Hausaufgabe „erlauben“, den Text fünfundzwanzigmal abzuschreiben – in Schönschrift! So könne er sich in unseren – seiner Ansicht nach – leeren, dunklen, verkrüppelten, unterernährten Gehirnen festsetzen. Er begriff nichts, dieser alte Lulu. Dachte nicht daran, dass wir eingesperrt waren. Draußen war Sommer.

   Ja, und dann wandte er seinen Kopf um und sah hinaus. Vergaß sonderbarerweise die Hausaufgaben. Als er wieder merkte, dass wir Kinder noch in der Aula standen, ging er langsam die drei Stufen zum Flügel hinauf. Wir kannten die Zeremonie, die nun folgte: Zuerst drückte er den Zeigefinger lotrecht auf den Klavierstuhl, um ihn so hoch wie möglich zu drehen. Wenn das erledigt war, setzte er sich auf den Stuhl und drehte sich mit ihm Runde um Runde herunter, bis der Stuhl die für ihn geeignete Höhe hatte. Das war die Einleitung. Die Vorbereitung selbst bestand in einer intensiven Gymnastik seiner Hände. Danach kam eine Pause, die einer Andacht glich. Und dann kam das Allerwichtigste: der erste Ton des Liedes, das wir nun singen sollten. Den Körper vorgebeugt und den Kopf schräg, als ob er die Töne mit dem Ohr einsaugen wolle, sang sie Lulu im Zusammenklang mit dem Klavierspiel: „mi-mi-mi-mi-mi-mi“. Wir hatten gelernt, Ernst und Interesse zu mimen. Und dann endlich begannen wir zu singen. Wir strengten uns wirklich an, um Lulu einigermaßen zufrieden zu stellen. Mit viel Mühe brachten wir die richtigen Töne hervor – glaubten wir. Aber Beethovens Musik klingt nicht gut, wenn sie gequetscht aus angestrengten Kinderkehlen kommt. Lulu hob wiederum beide Arme empor gen etwas, was, wie er behauptete, der Himmel sei.

   „Dort – in der Höhe, im Licht, befindet sich Beethoven. Seine Musik ist Nahrung für die Seele. Sie wirkt reinigend und aufbauend. Aber was macht ihr mit dieser Musik? Ihr verwandelt sie in ausgebrannte Asche!“

 

                                                Heil’ge Nacht, o gieße du

                                                Himmelsfrieden in dies Herz!

                                                Bring dem armen Pilger Ruh,

                                                holde Labung seinem Schmerz!

                                                Hell schon erglühn die Sterne,

                                                grüßen aus blauer Ferne:

                                                Möchte zu euch so gerne

                                                Fliehn himmelwärts!

 

   Lulu begann zu summen. Wir kannten den Text, konnten ihn im Schlaf aufsagen nach fünfundzwanzigmal Schönschrift. Lulu summte mit geschlossenen Augen. Als er sie wieder öffnete, starrte er uns abwesend an und sagte „Sonate f-Moll, Appassionata“.

   Eine Weile geschah gar nichts. Aber dann spielte er. Die Hände glitten über die Tasten, bald tanzend, bald schwebend, bald hämmernd. Und ich dachte, nun hat er unsere Anwesenheit vergessen. Sein Körper bewegte sich im Takt. Die Töne füllten den Raum. Plötzlich wandte er sein Gesicht uns zu und sagte, während er spielte: „Ja, das ist Beethoven. Hört, Kinder, das ist Beethoven!“

   Er hatte uns also nicht vergessen. Er war bewusst mit uns zusammen. Er spielte für uns, obwohl er sich oft darüber beklagt hatte, wie unvollkommen wir seien.

   Es war das erste Mal, dass ich ein Konzert erlebte. Zum ersten Mal hatte ich Musik nicht nur gehört, sondern ihr auch gelauscht, ich erlebte sie, erlebte eine Verwandlung – und ich fühlte mich nicht mehr eingesperrt.

   Lehrer Ludwigsen litt unter chronischer Bronchitis und hustete oft. Die Jungen seiner Klasse hatten ihm deshalb – um ein bisschen Spaß zu haben – zum Geburtstag einen Spucknapf geschenkt, wie er, gefüllt mit Sand, in früheren Zeiten – die ja längst vorüber waren – in den Wohnungen alter Menschen zu finden war. Herr Ludwigsen spuckte manchmal in ein Glas mit Schraubverschluss. Die Schüler seiner Klasse waren nicht bereit zu erzählen, wie Herr Ludwigsen den Spucknapf entgegengenommen hatte. Doch wusste die ganze Schule, dass er ihn in eine Ecke neben der Tafel auf den Fußboden gestellt hatte. Da stand er unbenutzt und für den Lehrer zumeist unsichtbar, denn er stand ja mit dem Rücken zu ihm, während die Kinder während der ganzen Unterrichtsstunde auf dieses lieblose Geschenk gucken mussten.

 

   Damals war auch Hermann Görings berühmter „Vierjahresplan“, der Deutschland zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit von anderen Ländern verhelfen sollte, richtig in Gang gekommen. „Wiederverwertung“ war das Zauberwort. Leere Tuben, Stanniolpapier, Zeitungen, Lumpen, Kupfer, Messing, Alteisen – alles Mögliche, auch Knochen,  konnte wiederverwendet werden. Aus Letztgenannten stellte man Seife, Dünger und Futtermittel her. -  Damals also wurde am Eingang der Schule eine große Tonne aufgestellt; die sollten wir Kinder füllen mit Knochen von Rindern, Schweinen und anderen Schlachttieren.

   Das Einsammeln von Altmetall, Lumpen und ähnlichem war keine schwierige Angelegenheit. Wir Kinder bekamen die Bezirke zugeteilt, deren Haushalte wir aufzusuchen hatten. Unser Eifer erbrachte wirklich gute Resultate. Aber das Sammeln von Knochen – das wollte nicht so richtig in Gang kommen. Es gab keine Kühlschränke, und Knochen stinken in der Sommerwärme nach wenigen Tagen. Die Hausfrauen hatten keine Lust, sie aufzubewahren, und die Kinder hatten keine Lust, sie abzuholen. Deshalb übertrug die Partei den Schulen die Verantwortung und die Organisation für die Knochensammlung.

   Zunächst nahmen wir Kinder das gleichmütig auf. Die Jungen, die ja immer eine eigenartige Art Humor haben, verfassten ein Lied und brüllten das bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus vollem Halse:

                                 Lumpen, Knochen, Eisen und Papier,

                                 ausgeschlagne Zähne sammeln wir.

                                 Onkel Hermann braucht den Kram

                                 für den Vierjahresplan!

 

   Das alles war ja irgendwie lustig. Leider sollten wir bald den Ernst hinter der Aktion „Knochensammlung“ zu spüren bekommen. Jedes Kind erhielt einen Bezirk mit einer bestimmten Anzahl Haushalten zugeteilt. Jeder Lehrer hatte vor Beginn des Unterrichts eine bestimmte Anzahl Aufsichten. Zwei Morgen in der Woche wurden festgelegt für die Ablieferung der Knochen. Da stand ein Lehrer mit einer Liste neben der Tonne und führte Buch über die Kinder, die ihre Pflicht versäumt hatten und ohne Knochen kamen. Weil das gesammelte Material rasch verdarb, war uns befohlen worden, die uns zugewiesenen Haushalte wöchentlich an zwei Nachmittagen aufzusuchen.

   Ich setzte mich hin und rechnete zusammen: Unterricht, Hausaufgaben, Dienst bei der Hitler-Jugend und nun noch die Knochensammlung. Es gab Wochen, in denen ich mehr Arbeitsstunden hatte als Vater. Ich zeigte meinem Vater die Rechnung. Erinnerte ihn daran, dass da ein Gesetz zum Schutz der Jugend existiere. Vater hatte ja immer behauptet, dass Gesetze dazu dienten, besonders die Schwachen zu beschützen. Ich berichtete Vater von der Knochensammlung, von der Schande, ohne Knochen in die Schule zu kommen, obwohl man den ganzen Nachmittag wie ein Bettler von Haus zu Haus gegangen war. Und dann sagte ich sehr bestimmt, dass ich mit der Knochensammlung nichts zu tun haben möchte. Doch musste ich von neuem hören, dass niemand auf das, was ich wollte oder nicht wollte, Rücksicht nehmen werde.

   In meinem Sammelbezirk lebten leider viele Wohlhabende. Viele ihrer Häuser hatten zwei Eingänge – einen für die Bewohner, einen für Dienstboten und Lieferanten. An beiden Türen stand in der Regel: „Betteln und Hausieren verboten!“ Anfangs kam es vor, dass ich an der verkehrten Tür klingelte und – nicht immer freundlich – auf den Dienstboteneingang verwiesen wurde. Es passierte auch, dass man mich ohne ein Wort auf den Satz „Betteln verboten“ hinwies. Vater erklärte mir dieses eigenartige Benehmen damit, dass in diesem Stadtteil viele Schiffsreeder und Industrielle lebten, die Verwandtschafts-, Freundschafts- und Handelsverbindungen mit England hatten. Diese Menschen beschäftigten sich nicht mit stinkenden Knochen. Und die könnten natürlich nicht den notwendigen Enthusiasmus im Kampf um die Selbstversorgung Deutschlands aufbringen. Nun wusste ich jedenfalls, warum ich aus diesen Häusern mit leeren Händen kam.

   Aber zweimal in der Woche stand die Tonne am Eingang des Schulhofs und erinnerte mich an meine Pflicht, die ich – ohne Verschulden – nicht erfüllen konnte. Ich hatte keine Lust, auf einer Liste vermerkt zu werden. Glücklicherweise kamen wir Kinder auf einen Trick. Die Schüler, die so richtig viele Knochen und eine gute Portion Nächstenliebe hatten, warteten ein Stück vor der Schule und teilten generös mit den „Knochenlosen“. Und ein paar Kinder kamen auf die Idee, die Situation für Scherze zu nutzen: Es waren in der Regel Jungen, die das wagten. Denn es gehört Mut dazu, nur mit einem dünnen, kleinen Hühnerknochen in der Hand anzukommen. Aber Knochen ist Knochen, weder Menge noch Größe waren vorgeschrieben. Und es gab auch den Jungen, der die Knochen erst dann ablieferte, wenn sie ganz entsetzlich stanken.

   Alle Lehrer hatten Tonnenwache, aber am besten kann ich mich an Lulu erinnern. In seinem alten, eleganten Mantel und mit dem Bowlerhut auf dem Kopf stand er da und hielt sich ein sauberes, gutgebügeltes Taschentuch vor die Nase. Er machte einen langen Hals, während er gleichzeitig sein Gesicht von der Tonne wegdrehte. Er ging auf Distanz. Viele glaubten, weil ihn der Gestank der Knochen quäle. Aber ich meinte, etwas ganz anderes spüren zu können.

   Die Tonne und Lulu  - sie waren Repräsentanten zweier Welten, verkörperten unvereinbare Gegensätze. Ihr Bild setzte sich in meinem Inneren fest und wird dort für immer bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                      D i e   W o c h e n s c h a u

 

 

   Es kam die Zeit, als Mutter am liebsten alleine Aschers besuchte. Ich kann mich nicht erinnern, wann das begann. Erst nach und nach wurde mir bewusst:  Mutter ist alleine gegangen; sie will nicht, dass ich mitkomme. Wenn ich nach der Knochensammlung oder anderen Diensten nach Hause kam, fand ich bisweilen einen Zettel, auf dem mir meine Mutter mitteilte, wohin sie gegangen sei, und dies immer mit der Versicherung, dass sie bald wieder zu Hause sein werde. Diese Nachricht nahm ich mit gemischten Gefühlen auf. Ich liebte, was Mutter und ich gemeinsam taten. Zugleich war die Befreiung von den Besuchen in Aschers Haus eine Erleichterung. Denn längst hatte ich aufgehört, nach den erwachsenen Kindern der Familie zu fragen. Niemand wollte erzählen, wo sie sich befanden, und an die Erklärung der Tante, dass sie gerade „in der Stadt“ seien, glaubte ich nicht mehr. Onkel Ascher hielt sich zumeist in seinem Versteck auf dem Boden auf. Er hatte keine andere Fluchtmöglichkeit. Er war herzkrank. Tante Aschers Gesicht zuckte, wenn ich nach ihm fragte. Deshalb hatte ich aufgehört, seinen Namen zu nennen.

   Trotz allem gab es viel, was wir, Mutter und ich, gemeinsam erleben konnten. Wir fuhren in die Stadt, als der ungarische Führer Miklos Horthy während eines Staatsbesuchs nach Hamburg kam. Es war wirklich etwas Besonderes, ihn und sein Gefolge in einer Wagenkolonne fahren zu sehen. Ich hatte gehört, Horthy sei ein guter Freund Hitlers. Beide  wollten entsetzlich gerne zusammenarbeiten, um - zum Beispiel -  Europa neu zu ordnen. Soweit ich verstand, hatte das etwas mit der Weltordnung zu tun. Vater hatte irgendwo gehört, dass Horthy zwar Antisemit, aber, was die „Lösung der Judenfrage“ betraf, mit Hitler nicht ganz einig sei. Ich wusste nicht, was ein „Antisemit“ ist, ließ es aber dabei bewenden. Man konnte sich nicht erlauben, nach allzu komplizierten Dingen zu fragen. Auch die Bedeutung des Begriffs „Judenfrage“ war mir unklar. Aber zu dieser Frage  konnte ich nach einigem Nachdenken eine Antwort  finden: „Judenfrage“ hatte sicher etwas  mit der Behandlung der Juden durch die Machthaber zu tun. Eine Behandlung, von der sie selbst nicht wussten, ob sie  richtig sei. Deshalb hieß das „Frage“. „Infragestellung einer Lösung“, einen solchen Satz hatte ich auch gehört. Man setzte also ein Fragezeichen bei etwas, was zweifelhaft war. So kann vielleicht Horthy - wenn er ein naher Freund von Hitler ist, und richtige Freunde sagen sich ja die Wahrheit – also, vielleicht kann Horthy seinen Freund Hitler davon überzeugen, dass man mit Menschen nicht so umgehen darf, wie man mit der Familie Ascher umgeht. Man darf sich auch nicht erlauben, den Leuten zu verbieten, zu einem jüdischen Hausarzt zu gehen, wenn dieser tüchtig und sympathisch ist. Und man darf sich nicht vor ein Haus stellen und „Juden raus!“ brüllen, wenn die Menschen, die in dem Haus wohnen, ihre Miete bezahlt und sich ordentlich benommen haben und außerdem noch deutsche Staatsbürger sind –  all das darf man nicht tun.

   Ich kann mich nicht erinnern, ob Hitler selbst oder ein anderer der „Großen“ mit Horthy durch Hamburg fuhr. Ich sah nämlich nur Frau Horthy; sie war apart und kam mir wie ein Wesen aus einer anderen Welt vor. Gekleidet in Lila: großer lila Hut, lila Spitzenschal, lila Kleid und lange lila Handschuhe.

 

   Mutter und ich gingen damals – weil Vater Freikarten erhielt - oft zusammen ins Kino. Dem Vorfilm, der Wochenschau und dem Spielfilm folgte ich mit großem Interesse. Viele Jahre lang war Shirley Temple meine Favoritin und die aller meiner Freundinnen. Meta sagte sogar bisweilen: „Du kannst glücklich sein, kleine Ruth, du hast Grübchen wie Shirley“. Aber Grübchen reichten nach meiner Erfahrung nicht aus. Nur wenn man Locken wie Shirley hätte und singen könnte und stepptanzen, wäre das Glück vollkommen gewesen. Eine Weile hieß es, dass Shirley keine richtige Amerikanerin sei, sondern mütterlicherseits aus einer Familie von Volksdeutschen aus Siebenbürgen stamme. So war sie also – recht besehen – eine Deutsche. Das glaubten wir. Aber dann wurden ihre Filme nicht länger in deutschen Kinos aufgeführt. Ich kann mich nur nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern. Man zeigte stattdessen Filme mit dem österreichischen Kinderstar Traudl Stark. Und ich versuchte mir einzubilden, dass sie für mich dasselbe wie Shirley Temple sei. Aber das wollte nicht gelingen.

   Ich kann mich nicht erinnern,  wie viel wir in der Wochenschau über die „Sudetenkrise“ erfahren haben. Aber ich weiß, dass ich im Zusammenhang mit den Ereignissen um das Sudetenland ein bisschen über das Wort „Krise“ spekulierte. Hitler hatte Österreich heimgeholt. Gut! Noch waren die Bilder vom „Anschluss ans Reich“ sehr deutlich in meinem Gedächtnis. Die Menschen in Österreich hatten gejubelt. Deshalb hätte ich jetzt sehr gerne gewusst, warum dieses „Heim-ins-Reich-Bringen“ des Sudetenlandes eine Krise verursachen konnte. Vaters Freunde in Hamburg, eine Familie Demmich, waren Sudetendeutsche, und die sagten mir, dass sie sich darüber freuten, dass ihre Heimat deutsch geworden sei. Aber sie wagten auch zu bemerken, dass in diesem Gebiet auch Tschechen lebten und dass allzu viel Nationalismus wie eine Sprengbombe wirken könne.

   Herr Demmich erzählte mir eine Menge über Böhmen und Mähren und insbesondere über Prag, das von Angehörigen mehrerer Völker – von Tschechen, Juden und Deutschen – gebaut und gestaltet worden sei, und, dass jedes Volk das Seine dazu beigetragen habe, dass Prag als „Goldene Stadt“ bezeichnet werden könne. Demmich sagte, was Vater immer gesagt hatte, dass die unterschiedlichen Volksgruppen ohne weiteres nebeneinander und dicht zusammen in Eintracht leben könnten, solange sie das nur wollten! Und solange die Regierenden ihnen das erlaubten! Aus all’ dem Gesagten meinte ich verstehen zu können, warum Vater und Demmichs so gute Freunde waren.

 

   Viele Menschen setzten zu dieser Zeit ihr Vertrauen in Chamberlain. Ich hörte seinen Namen oft nennen, insbesondere im Zusammenhang mit der Sudetenkrise. Einige gingen so weit, ihn als „Friedensbewahrer“ zu bezeichnen. Vielleicht beobachtete ich diesen Mann deshalb in der Wochenschau besonders genau. Er besuchte Hitler dreimal. Das, was ich bemerkte, war der große Unterschied zwischen ihm und unserem Führer. Ein Unterschied, den ich nicht definieren konnte. Vielleicht war Chamberlain typisch englisch. Oder auf eine mir unbekannte Art elegant. Auf jeden Fall war er ganz anders als auf den Zeichnungen und Karikaturen, die ich auf Plakaten und in Zeitungen gesehen hatte. Da wurde er oft wiedergegeben mit Melone und Regenschirm, und man erhielt den Eindruck, dass alle Engländer so seien: Dünn und schlaksig, altmodisch und ein bisschen lächerlich. Und auf einigen Zeichnungen hatte er eine „Judennase“. Hitler selbst bezeichnete Chamberlain als den „Regenschirmpolitiker“, dem er nicht mehr zu begegnen wünsche. Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, dass Hitler äußerst gerne mit dem Herzog von Windsor und seiner amerikanischen Frau zusammenkam. Die Bilder zeigten sie immer lächelnd und vermittelten den Eindruck, dass Hitler und der abgedankte englische König dicke Freunde seien. Vielleicht  konnten dann auch das englische und das deutsche Volk dicke Freunde werden? Dieser Gedanke gefiel mir. Aber Vater sagte, dass in den englischen Zeitungen viele hässliche Zeichnungen über die Deutschen gedruckt würden. Woher konnte Vater das wissen? Er las ja keine englischen Zeitungen.

   Damals kam ich häufig mit Lotti zusammen. Auch sie hatte gehört, dass man im Falle eines Krieges die Kinder von ihren Eltern trennen werde, und Lotti wollte ihre Mutter nicht verlassen. Sie hatte eine große Schwester, die mir oftmals schwermütig vorkam. Lottis Vater traf ich nur selten, und ich wusste von ihm nur, dass er eine eigene Firma hatte und gerne Wein trank. Das Lustigste in Lottis Haus war eine Zeitlang ein Igel, den man im Winter völlig geschwächt und dem Tode nahe gefunden und dem man im Keller Quartier gegeben hatte. Eines Tages fanden wir das Tier auf dem Rücken liegen – alle Viere von sich gestreckt – und völlig betrunken vom Inhalt einer umgekippten Weinflasche. Der Igel schnarchte entsetzlich. Lotti bemerkte trocken: „Wie mein Vater, wenn er zuviel getrunken hat!“

 

   Wir lernten durch die Wochenschau viele neue Wörter und Begriffe kennen: Westwall, Reichsluftschutzbund, Daladier, Berlin-Rom-Achse, Duce, Resttschechei, Expansionswille und KLV (Kinderlandverschickung).

   Berlin-Rom-Achse, ich wusste, was eine Achse an einem Wagen ist. Aber was bedeutete sie in politischer Hinsicht? War diese Berlin-Rom-Achse zu verstehen als die Achse der Zukunft, um die sich die ganze Welt drehen würde? War das ein Schritt zu Hitlers Neuordnung Europas? „Expansionswille“, was meinte man damit? Am liebsten hätte man solche Gedanken ausgeschaltet, denn das Leben hatte anderes zu bieten. Aber da war dieses verflixte Wort KLV, Kinderlandverschickung. 

 

   In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 setzten die Nationalsozialisten die meisten Synagogen in Deutschland in Brand. Auch in Hamburg, wo mancherorts zornige und erschrockene Einwohner die Feuerwehr alarmierten. Diese versuchte auch zu löschen, konnte aber die Verwüstung nicht verhindern.

   Ich erinnere mich nicht, über welche Kanäle – die offiziellen wie die geheimen – ich von diesen Ereignissen erfuhr. Ich bin sicher, dass Vater und Mutter vorzogen, mich nichts wissen zu lassen.

 

   Und eines Morgens steht man auf und entdeckt, dass es Winter ist, richtiger harter und eiskalter Winter, und diese Entdeckung ist das Wichtigste an diesem Tag. Vater kaufte mir Schlittschuhe, aber ich ging nicht mit den anderen Kindern zum Bahrenfelder See, auf dessen Grund das Kloster lag. Ich habe mein Grauen vor diesem Tümpel nie überwinden können. Obwohl das Eis dick genug war und die Polizei garantierte, dass es halten werde. Vater und die anderen Väter benahmen sich in diesem Winter uns Kindern gegenüber anders als sonst. Sie gossen abends einen Eimer Wasser nach dem anderen auf den Gartenweg. Auf diese Weise bekamen wir unsere eigene Eisbahn. Wir machten lange Schlitterbahnen. Das hatten wir auch in den vorhergehenden Wintern getan. Aber in diesem Winter vergaßen die Eltern, sich über abgetragene Schuhsohlen zu beklagen, waren überhaupt mehr als sonst mit uns Kindern zusammen – fanden wir. Vater sprang ins Haus und holte seinen Fotoapparat, um den prächtigen Schneemann und mich auf einem Bild zu verewigen. Und abends, da konnte er plötzlich redselig werden und von Burgen und Schlössern und uralten deutschen Städten erzählen, die wir einmal besuchen wollten.

 

   Wie alle ordentlichen Mädchen bildeten wir in der Nachbarschaft ein Nähkränzchen. Frau Lutz wollte uns gerne das Handarbeiten mit Perlen beibringen. Einmal wöchentlich kamen wir in ihrer gemütlichen Stube zusammen, machten Handarbeiten und unterhielten uns dabei. Wenn die Dämmerung einfiel, konnte Frau Lutz auf die Idee kommen, uns Versteckspielen in ihrem dunklen Haus vorzuschlagen. Wir durften uns im ganzern Haus verstecken: im Keller, im Wohnzimmer, im ersten Stock und auf dem Boden. Du liebe Zeit, was das für einen Spaß machte. Unmittelbar bevor Herr Lutz nach Hause kam, räumten wir sehr schnell auf, knipsten die Lampe über dem Tisch an, an dem uns dann der Hausherr über eine Handarbeit gebeugt fand. Ich spürte, dass ihm dieser Anblick gefiel. Ich versuchte, mir meine Mutter in der Rolle von Frau Lutz vorzustellen. Das gelang mir nicht. Mutter wäre nie darauf gekommen, lediglich wegen eines Spiels in ihrem Haus Unordnung dieses Ausmaßes zuzulassen.

   Die Perlen kaufte man am besten in Othmarschen neben dem Bahnhof. Da gab es auch einen Park mit uralten Bäumen. Im Herbst hatte das Laub sich nicht ohne weiteres von den ihnen trennen wollen, obwohl die Blätter sich längst verfärbt hatten und schon ganz braun geworden waren. Aber vielleicht hatten die Bäume sie nur besonders gut festgehalten. Jedenfalls dauerte der Herbst unserer Ansicht nach eine Ewigkeit. Aber die Jahreszeiten wechseln, obwohl es nicht immer danach aussieht. Dieser Herbst war besonders lang gewesen –  als ob festzuhalten gälte, was bald Vergangenheit  wäre.  

   Aber dann hatte es plötzlich ein Unwetter gegeben, über dessen Heftigkeit wir ein bisschen erschrocken waren. Der Sturm rüttelte an den Bäumen. Da mussten sie ihre ganze Pracht auf einmal freigeben. Der Parkwächter hatte viel zu tun, um all’ die Blätter zu großen Haufen zusammenzurechen. Und er wurde noch nicht einmal böse, wenn wir uns in sie fallen ließen und Unordnung schufen. Wir deckten uns mit dem Laub zu, verschwanden manchmal in einem Haufen und waren eine Weile weg für uns selbst und die Umwelt. Wenn es dunkel wurde und die Lichter angingen und wir rechtschaffen müde waren, halfen wir uns gegenseitig, die Laubreste aus unserem Zeug und den Haaren zu beseitigen. Und obwohl Mutter merkte, dass ich mich in guter Kleidung im Laub herumgewälzt hatte, sagte sie nie etwas.

 

   Nach dem Abendbrot ging ich hinauf in mein Zimmer; Mutter durfte meine Perlenarbeit nicht sehen, denn sie sollte ein Weihnachtsgeschenk werden. Ich webte manche Gedanken und manche Erinnerung in den Perlenläufer, wie Tante Mieze ihre Gedanken in Tischtücher eingearbeitet hatte. Aber meine Gedanken waren nicht so wehmütig wie die ihren.

   Der Perlenläufer bestand aus einem äußerst strapazierfähigen Material. Ich glaubte, er werde lange halten. Dachte, wenn ich alt wäre, könnte ich die Perlenarbeiten wieder hervorholen und mich an damals erinnern: An Frau Lutz, an alle meine Freundinnen, an alle meine Erlebnisse, alle meine Freuden und meine Träume. Aber daraus sollte nichts werden. Doch das wusste ich nicht, damals, als ich Perle um Perle aufzog. Ich konnte nicht ahnen, dass ich alles verlieren würde und dass auch diese Handarbeit mir niemals werde etwas erzählen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                    1  9  3  9

 

                                                    ( A n f a n g    v o m    E n d e )

 

 

                                                                          Jeg står her og planter et lite tre,

                                                                          jeg planter min glæde til livet:

                                                                          Voks til du favner hele mit hus,

                                                                          og lav så skyerne drive!

 

                                                                                                      Arnulf Øverland

 

                                                                          (Ich stehe hier und pflanz’ ein Bäumchen,

                                                                          ich pflanz’ meine Freude am Leben:

                                                                          Wachs’, bis du mein ganzes Haus umfängst,

                                                                          und lass’ die Wolken treiben!)

 

 

   Der Kirschbaum vor dem Küchenausgang war nicht das geworden, was wir uns vorgestellt hatten: ein kleiner Baum, der Jahr für Jahr saftige Früchte tragen sollte. Zwar blühte er jedes Jahr über und über, aber allmählich mussten wir einsehen, dass der Baum keine Früchte trug, aber Schatten warf, wo wir  Sonne vorgezogen hätten. Vater hatte oft betont, dass der Baum im Wege stehe, und eines schönen Tages sägte er ihn ab. Ich mochte den Baum, oben in der Krone hatte ich ein Versteck. Aber dass er gefällt wurde, war für mich kein großes Unglück, ich hatte nämlich rechtzeitig einen neuen Baum gepflanzt. Hatte einen Kirschkern in einen Blumentopf gesteckt und ihn sprießen und wachsen sehen, Schon im ersten Sommer hatte der Baum die Größe eines kleinen Fingers. Vater hatte mir das beste, sonnigste Beet im Garten gegeben. Dorthin, mitten in meine Blumen, pflanzte ich meinen ersten Baum.

   Ich sah ihn wachsen. Ich weiß nicht, ob es viele Jahre waren oder nur zwei oder drei – ich wunderte mich nur darüber, dass ein Baum so schnell wachsen konnte. Wolfgang meinte, dass ich von diesem Baum nie etwas ernten werde. Auf der Wiese neben dem Flugplatz hatte nämlich Mitte der Dreißiger Jahre ein Unternehmer ein Musterhaus errichtet. Geplant war, dass viele Häuser folgen sollten. Vater unterschrieb als einer der ersten Interessenten und zahlte häufig eine festgelegte Summe ein. Er freute sich auf ein größeres Haus. Unseres werde allmählich zu klein, meinte er. Wie konnte er nur auf  einen solchen Unsinn verfallen?

   Glücklicherweise mussten wir nie in ein anderes Haus ziehen. Die geplanten Häuser wurden nie gebaut. Der Unternehmer, ein  Jude, hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt und sich und seine große Familie in Sicherheit gebracht, indem er das eingezahlte Geld für Schiffskarten verwendet hatte. Vater verschwieg mir eine Zeitlang diesen Grund. Der Verlust des sauer ersparten Geldes muss ihn geschmerzt haben, aber er beklagte sich nie. Im Gegenteil, er sagte, man könne nur hoffen, dass andere auch auf solche Ideen kämen.

 

   Ohne Zweifel ereigneten sich im Frühjahr 1939 viele wichtige und bemerkenswerte Dinge. Aber das wichtigste war eigentlich, dass mein Kirschbaum blühte, und meine größte Erwartung bestand darin, dass er nun Früchte tragen werde.

   Im Frühjahr 1939 – am 15. März -  marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Hitler erklärte Böhmen und Mähren zu einem deutschen Protektorat. Ich fragte Vater, was ein Protektorat sei, und er erklärte, dass der Begriff Schutz bedeute. Glücklicherweise verstand ich dieses Wort und erlaubte mir deshalb zu fragen, weswegen und gegen wen und warum und wie Hitler meinte, Böhmen und Mähren schützen zu müssen oder zu sollen oder zu dürfen? Ich hatte nicht die Absicht, anzüglich oder ironisch zu sein. Ich wollte nur Bescheid wissen. Aber Vater blieb mir die Antwort schuldig. Er guckte mich bloß an. Und dann sagte er: „Die Art und Weise, in der du fragst, Jette, diese Art darfst du dir nicht erlauben“.

   Als Tante Mieze wie üblich zu meinem Geburtstag am 18. April kam, hatte sie nichts anderes im Kopf als Vater zu bearbeiten, dass ich in den Sommerferien zu ihr kommen dürfe, denn nun sei ich elf und für eine solche Reise groß genug. Vater wollte nicht so recht; er kam ständig mit Gegenargumenten. Tante Mieze wies sie alle zusammen zurück. Auch dieses letzte: „Das Haus in Gadeland liegt recht abgelegen, da gibt es keine Kinder, Ruthchen wird Heimweh bekommen.“.

   Diesen Frühling nähte mir Mutter ein Kleid aus neuem Stoff. Sie nähte auch Strandkleidung und freute sich so über das Resultat, dass sie dazu einen weißen Leinen-Hut kaufte. Ich sagte Vater, dass ich jetzt für eine Ferienreise wirklich fein genug gekleidet sei. In einem Brief teilte Tante Mieze mit, dass noch ein Junge aus Berlin kommen werde, der Sohn eines Kriegskameraden von Schwager Hans. Schließlich gab Vater nach - unter der Bedingung, dass er mich dorthin begleite. Nun konnten wir ernsthaft Ferienpläne schmieden. Vater rechnete aus, dass die Kaltenkirchener Bahn [AKN] am billigsten war. Mit ihr mussten wir nicht ganz bis Neumünster fahren, sondern konnten in Kummerfeld aussteigen und das letzte Stück bis Gadeland zu Fuß gehen. Onkel Hans würde mit seinem Fahrrad kommen, und das werde den Transport des Koffers erleichtern.

   Wir kamen am Sonnabend in Gadeland an. Vater blieb bis zum Sonntag. Als sich die Stunde der Rückreise näherte, nahm er mich diskret beiseite und fragte noch einmal, ob ich nach Hause fahren möchte – jetzt – zusammen mit ihm. Das sei keine Schande, sagte er, niemand werde darin etwas Merkwürdiges sehen. Doch antwortete ich ihm, dass ich furchtbar gerne bleiben möchte. Alle begleiteten wir  Vater zum Bahnhof: Tante Mieze, Tante Luise und Onkel Hans, Manfred und ich – und, selbstverständlich, der Hund Bob.  Nur Oma und Opa Hempert blieben zu Hause. Der Weg war zu weit für ihre alten Beine. Durch das offene Zugfenster tröstete ich Vater so gut ich konnte. Versprach ihm, eine Menge Briefe zu schreiben. Aber dazu hatte ich wenig Zeit.

   Ernsts und Miezes älteste Schwester, Luise, war mit Hans verheiratet. Das Paar war kinderlos, doch hatte Hans eine Tochter aus erster Ehe; ich habe sie nie kennen gelernt. Luises Eltern wohnten - wie Mieze -  bei Hans und Luise in deren Schrankenwärterhaus. Es lag recht abseits, aber das passte Hans ausgezeichnet. Er brauchte viel Zeit für seinen Garten oder seine Bücher, denn seine eigentliche Arbeit beanspruchte ihn nicht allzu sehr. Er musste dafür sorgen, dass die Schranken runter waren, wenn ein Zug kam, und bei der nächsten Station Meldung über die Ankunft des Zuges machen. Einmal, in seiner Jugend, hatte er große Pläne gehabt für seine Zukunft: Studieren und reisen, danach ein gut bezahlter Job, ein Titel und Ansehen. Aber dann wurde er wie mein Vater Soldat im Ersten Weltkrieg. Er verlor seinen linken Arm, behielt nur einen Stumpf. So ist das Leben: Man bekommt nichts, ohne etwas zu geben. – Im Krieg  verlor er Arm und Illusionen, bekam aber eine neue Lebensanschauung und offene Augen für Werte des Lebens, die ihm zuvor unbekannt waren. Ja, Hans war mit seinem Leben sehr zufrieden, und manchmal war er sogar glücklich. Das behauptete er jedenfalls. Und es gab niemanden, der an dieser Aussage zweifelte.

   Er liebte Blumen. Verwendete viel Zeit für die Kreuzung von Begonien. Riesengroße Blüten in sehr klaren Farben waren sein Ziel. Der ganze Wintergarten war voll von Begonien in Kästen und Töpfen.

   Es war merkwürdig, das Schrankenwärterhaus war nicht sonderlich groß, aber alles um Hans herum vermittelte mir das Gefühl von Weiträumigkeit.

   Gleich hinter dem Haus lag ein Wald. Tante Luise brachte uns bei, Pilze zu sammeln. Wir pflückten auch Beeren. Bob, ein Rauhaarterrier, war immer dabei. Bob war Tante Luises „Kind“. Wir durften nicht herabsetzend über ihn sprechen. Herabsetzend war zum Beispiel, wenn wir Bob in liebevoller Weise Schlingel, Straßenköter und Vagabund nannten oder wenn wir die Nase rümpften, weil Bob nach Wälzen in Kuhmist zu sehr stank. Er war der beste Wachthund, ließ uns nicht aus den Augen – ausgenommen die Zeit, in der alle im Hause ihren Mittagsschlaf hielten. Da stromerte Bob mit Herzenslust in der Gegend herum. Und da konnte es tatsächlich auch passieren, dass er dann alles über den Wachtdienst vergaß und ein echter Hund war, der sich im Dorf mit anderen Hunden tummelte.

   Während der Mittagspause musste ich mich neben Tante Mieze legen. Wenn sie eingeschlafen war, schlich ich mich raus. Der Berliner Junge Manfred „schlief“ im ersten Stock, aber konnte ungesehen über ein angrenzendes Dach hinunter zu mir klettern. Wir versteckten uns auf dem Rasen hinter den Büschen, wurden aber eines Tages von Hans entdeckt, der uns gerne Gesellschaft leistete und mit größten Vergnügen Geschichten erzählte. Wir verabredeten von jetzt an mit Hans unsere Treffen während der nachmittäglichen Ruhezeit, mussten das aber vor Luise streng geheim halten. Sie konnte schwer verstehen, dass Kinder unseres Alters nicht mitten am Tag schlafen konnten.

   Neben dem Haus hatte Hans ein großes, viereckiges Bassin zum Auffangen des Regenwassers gegraben. Hier nahmen wir Kinder ein Bad, wenn der Sommertag zu schwül war. Einmal teilte eine Kröte die Badefreuden mit uns, doch schaffte sie es nicht, aus eigener Kraft aus dem Bassin herauszukommen. Ich nahm sie in meine Hände und trug sie  unter einen Strauch im Garten – was Manfred große Bewunderung abnötigte: Eine kalte Kröte in der Hand, das war für Manfred das Schlimmste, was einem passieren konnte.

   Hans hatte auch für einen Haufen weißen Sand neben seinem Dienstzimmer gesorgt. Aus diesem Sandhaufen machten wir eine hohe Burg mit hinunterführenden Wegen und Tunneln. Von oben ließen wir unsere Glaskugeln hinabrollen. Das heißt, ich musste die Burg bauen, Manfred war mitten in einer Großstadt aufgewachsen und hatte nie mit Sand gespielt. Überhaupt hatte er vorher so vieles noch nie getan: Beeren vom Strauch gepflückt. Eine Möhre gegessen, gleich nachdem sie aus der Erde gezogen worden war. Seine Nase in das Fell eines jungen, quicklebendigen Schafes gesteckt. Junge Vögel in einem Nest beobachtet.

   Manfreds Vater war wohlhabend, er hatte entsetzlich viel zu tun, denn von nichts kommt nichts, und deshalb hatte sein Vater nie richtig Zeit. Die Familie wohnte in einer großen, feinen Wohnung. Bisher hatte Manfred geglaubt, dass das alles ein Glück sei. Aber in einer unserer Mittagspausen hinter den Sträuchern vertraute er mir an, dass er nun wisse, was er werden wolle, wenn er groß sei, nämlich Schrankenwärter – oder so etwas.

   Eines Tages war Luises Mutter, Oma Hempert, für das Mittagessen verantwortlich. Das war an dem Tag, als sie die Vorratsfächer aufgeräumt und Reste von Reis, Grieß, Haferflocken, Buchweizen, Nudeln, Rosinen, Nüssen und anderen Trockenfrüchten gefunden hatte, und da hatte sie sich gesagt, Ordnung müsse sein und Sparsamkeit und Respekt vor dem kleinsten Korn. Deshalb hatte sie das Ganze in einen Topf geschüttet und aus all’ den winzigen Resten eine undefinierbarer Milchsuppe gekocht. Beim Mittagessen machte sie daraus ein Spiel. Wer erraten könne, was in der Suppe sei, habe gewonnen. Deshalb glaubten wir, dass dies die Ursache sei, warum Onkel Hans stumm dasaß und in der Suppe herumrührte, ohne etwas zu essen. Tante Luise begann, ihn streng anzugucken. Schließlich fragte sie, was für eine Laus ihm über die Leber gelaufen sei. War die Suppe vielleicht nicht fein genug? Sie war essbar. Und ich dachte schon, sie werde nun mit einer Anspielung auf hungernde Chinesenkinder oder etwas in dieser Richtung kommen. Um die Wahrheit zu sagen, Luise verspürte allzu oft  den Drang, andere zu erziehen, wie Frauen, die keine Kinder haben, dies bisweilen tun.

   Aber so weit kam sie nicht. Hans hörte auf, in der Suppe herumzurühren. Als spreche er mit sich selbst, sagte er: „Es ist sonderbar. Es ist wirklich sonderbar. In letzter Zeit sind viele Züge außerplanmäßig vorbeigekommen. Alle voll von Soldaten. Alle fahren sie nach Süden. Da ist irgendetwas im Gange. Da braut sich etwas zusammen“.

   Wir vergaßen unser Ratespiel völlig. Hans war so eigenartig. Mir gefiel sein Gesichtsausdruck nicht.

   Wenn Hans die Schranken bediente, machte es Spaß, neben ihm zu stehen und den vorbeifahrenden Reisenden zuzuwinken. Hans winkte nie. Die Reisenden gingen ihn nichts an. Seine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass niemand, der über die Schienen gehen wollte, durch den Zug zu Schaden kam.

   Wieder einmal standen wir an den Schranken. Die Sonne schien seit den frühen Morgenstunden. Auch ein Junge aus dem Dorf war dabei mit seinen beiden Ziegen, die er oft auf dem Gras neben den Schienen weiden ließ. Der Junge hieß Oswald. Alle drei standen wir neben Hans, als ein Zug voll von Soldaten vorbeirollte. Viele Fenster waren offen. Die Soldaten lehnten sich lachend und winkend aus den Fenstern, und wir winkten zurück – auch Hans. Er hatte seine Jacke ausgezogen, denn es war sehr warm. Er trug nie eine Armprothese, denn die sei ja nur Humbug, und er habe nicht das Bedürfnis, etwas zu verbergen, sagte er. Das Ende des leeren Jacken- oder Hemdenärmels stopfte er nur in die Jacken- oder Hosentasche. Aber an diesem Sommertag hatte er ein kurzärmeliges Hemd an. Das machte nichts, wir hatten uns daran gewöhnt, die Narben auf dem dünnen Armstumpf zu sehen. Der Zug war sehr lang. Zunächst winkte Hans kräftig mit dem gesunden Arm. Vielleicht strengte ihn das an. Jedenfalls wechselte er zum linken Armstumpf. Diesen hatte er nicht richtig unter Kontrolle. Sein Winken wurde zu einem Herumfuchteln mit dem Armstumpf, rauf und runter und vor und zurück. Wir Kinder sahen das und hörten auf zu winken, so erschrocken waren wir. Hans winkte und winkte, auch noch, als der Zug mit den fröhlichen Soldaten vorüber war. Er hörte erst auf, als der Zug am Horizont zu einem Punkt geworden war. Dann drehte er sich um, ging an uns vorbei, als ob wir nicht vorhanden seien, und schloss sich in sein Dienstzimmer ein. Bob legte sich vor dessen Tür, um Wache zu halten. Wenn Hans heraus musste, um die Schranken zu bedienen, wich Bob nicht von seiner Seite. Keiner durfte Hans zu nahe kommen. Mit Luise war nicht zu sprechen, sie lief mit verschlossenem Gesicht umher und vergaß ganz ihre erzieherischen Bemerkungen. Am nächsten Tag schickte Tante Mieze Manfred und mich schon früh nach Neumünster. Wir bekamen Geld mit, so dass wir Eis essen gehen konnten. Auf dem Rückweg setzten wir uns im Bus auf die hinterste Bank, jubelten bei den Unebenheiten der Straße über die starke Federung des Busses. Wir kicherten und alberten herum, unsere Mitreisenden aus dem Dorf sprachen später Hans an wegen der fröhlichen Ferienkinder, die er sich angeschafft hatte. Luise aber äußerte mit spitzem Mund, dass wir uns das nächste Mal ordentlich benehmen müssten, wie man das eben tue, wenn man mit anderen in einem Bus säße. Aber es gab kein nächstes Mal. Onkel Hans war wieder der Alte. Beinahe. Sein Gesicht veränderte sich merkwürdig, wenn ein Zug mit Soldaten vorbeifuhr. Aber er winkte nicht mehr. Er bediente die Schranken, das war seine Aufgabe. Die Passagiere gingen ihn nichts an, das hatte er ja immer gesagt.

   Eines Morgens sahen wir Hans’ neue Begoniensorte zum ersten Male in Blüte. Ihre Farbe war eine Mischung aus Orange und Rosa. Die Pflanze wurde im feinsten Topf des Hauses mitten auf den Esstisch gestellt. Noch war Sommer.

   Als ich zu Vater und Mutter nach Hause kam, hatte ich viel zu erzählen. Jeder Tag in Gadeland war reich an Erlebnissen. Aber den Tag, an dem Hans den Soldaten mit seinem Armstumpf zuwinkte, diesen Tag  habe ich nie erwähnt.

 

   Lüneburger Heide – wenn Tante Mieze dieses Wort aussprach, nahm ihr Gesicht einen schwärmerischen Ausdruck an. Sie wusste, wie die Heide im September aussah, sie erzählte es oft: Mitten in einem Meer blühender Heide duckt sich ein reetgedecktes Fachwerkhaus. Ein paar Birken wachsen an einem Weg mit tiefen, sandigen Räderspuren. Der Sand ist hell und weich, hier kann man barfuß gehen. Und wenn man müde wird, kann man sich an den Wegrand setzen und ausruhen.

   Mieze kannte dieses Paradies nur von einem Gemälde. Aber sie konnte sich gut vorstellen, dorthin eine Reise zu machen. Und Hans unterstützte sie sehr. „Wenn du wirklich möchtest, dann in diesem Sommer!“ sagte er. Aber Tante Mieze hatte viele Einwände. Als Vater nach Gadeland kam, um mich abzuholen, konnte er Miezes letzte Einwände beiseite fegen.

   Mieze und Oma Hempert brachen Ende August in Gadeland auf und unterbrachen die Fahrt in Hamburg, um ein paar Tage bei uns zu verleben. Tante Mieze war nicht mehr sie selbst, sie freute sich maßlos.

   Am 31. August 1939 stand ich am späten Nachmittag an unserer Gartenpforte. Ich hatte die Hand an der Klinke, als ich Mutter den Pfad zwischen den Reihenhäusern kommen sah. Sie hatte Nahrungsmittel eingekauft und schleppte zwei schwere Netze. Trotzdem lief sie sehr schnell. Nie zuvor hatte ich meine Mutter so laufen sehen. Sie lief mit einer solchen Anstrengung und gleichzeitig mit einer solchen Beherrschung, dass ihre Knie manchmal unbeabsichtigt einknickten. Sie hielt den Kopf starr aufrecht und streckte den Hals vor, als ob ihr das helfe, schnellstmöglich nach Hause zu den Ihren zu kommen. Ich war auf dem Weg in meinen Garten. Ich erinnere mich an jedes Detail. Mutter sah aus wie von Entsetzen gepackt. Bevor sie mich erreicht hatte, schrie ich:

   „Um Himmelswillen, Mutti, was ist los?“

   „Wir haben Generalmobilmachung“. Sie stand neben mir. Außer Atem, voller Angst.

   „Was bedeutet das, ich kenne dieses Wort nicht“.

   „Das bedeutet, dass man alle jungen Männer zur Wehrmacht einberufen hat . . . Das bedeutet Krieg!“

   Ich starrte sie an. Und dann sagte ich, weil mir nichts anderes einfiel und in dieser Sekunde gerade dies das Wichtigste war: „Jetzt, wo Tante Mieze endlich Urlaub in der Lüneburger Heide machen kann“ Wir gingen ins Haus. Mutter tröstete sich selbst und uns andere damit, dass Wolfgang zu jung und Vater zu alt sei, um gleich eingezogen zu werden.

   Tante Mieze und Oma Hempert entschieden sich, den Urlaub abzubrechen und nach Hause zu fahren. Vater gab ihnen Recht. Angesichts von Krieg und anderen Katastrophen ist es am besten, bei seinen Angehörigen zu Hause zu sein.

   Am Abend nahm mich Vater bei der Hand; zusammen gingen wir hinauf zum Kasernentor.

Die Soldaten verließen die Kasernen zu Fuß, auf Motorrädern oder Lastkraftwagen. Sie sangen nicht. Keine Menschenstimme, nur die Geräusche der Motore waren zu hören. Viele Zuschauer hatten sich am Straßenrand aufgestellt. Neben mir stand eine Frau. Eine von denen, über die man sagte, dass sie immer ein Kind unter dem Herzen trage, eins an der Brust und zwei an der Hand. Vor Hitlers Machtübernahme war sie Kommunistin gewesen und hatte oft drohend die linke Faust erhoben. Und so erinnere ich mich am besten an sie. Erinnere mich an ihr knochiges Gesicht mit dünnem, jämmerlichem Haar, das straff nach hinten gekämmt und auf dem Kopf zu einem  kleinen, armseligen Knoten gebunden war. Ja, so steht sie vor mir: nahezu ohne Zähne, in Holzpantinen, mit schon oft gestopften Strümpfen, die in Falten um ihre dünnen Beine schlenkerten, eine Schürze über einem allzu abgetragenen und nicht immer sauberen Kleid. Aber Mitte der Dreißiger hatte der Mann dieser Frau – wie andere auch –  Arbeit bekommen. Da erhielt sie Zahnersatz, konnte sich besser kleiden – dank der Hilfe der Partei. Mutter erkannte die Kleider wieder, die sie in der Nähstube genäht hatte, als sie zu unbezahlter gemeinnütziger Arbeit einberufen worden war. In der Nachbarschaft hatte man über die Veränderungen im Leben dieser Frau ein bisschen geklatscht. Einige Leute sahen in der Veränderung zum Besseren einen eindrucksvollen Beleg für die nationalsozialistische Volkswohlfahrt gegenüber den Armen, andere meinten, die Frau habe Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille als Beispiel für den einfachen Menschen Modell stehen können.

   Am Abend des 31. August, als sich die Kaserne leerte, stand sie neben uns. Ohne dass ich mir darüber im Klaren war, beobachtete ich sie. Drei Söhne dieser Frau waren einberufen worden. Und wenn der Krieg sich hinzog, würden mehrere Söhne folgen. Sie stand wie erstarrt und hielt die geballte Hand vor den Mund. Als sie merkte, dass ich sie anstarrte, bedeckte sie ihr Gesicht mit ihrer Schürze.

   Vater stand hinter mir. Er hatte seine Hände auf meine Schultern gelegt. Er hielt mich fest, und sein Griff tat mir weh.

   Am ersten September früh morgens überschritten deutsche Soldaten die polnische

Grenze.

   Tante Mieze und Oma Hempert fuhren heim nach Gadeland. Mutter begleitete sie zum

Zug.

   England und - etwas später - Frankreich erklärten Deutschland den Krieg. Vater  zweifelte nicht daran, dass Hamburg jetzt im vordersten Frontbereich liege. Man sprach auch davon, dass die neue, effektive Kriegsführung in Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung der Großstädte bestehen werde, um damit das Hinterland der Soldaten zu zerstören und die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Vater behauptete, dass  Experten vieler europäischer Länder einen Luftkrieg gegen Städte und deren Bevölkerung erörtert hätten. Mutter versuchte zu beruhigen: man werde wohl nur Kasernen und Fabriken bombardieren. Aber ihre Worte machten mich nur noch ängstlicher. Eine Kaserne lag ja gleich um die Ecke, eine Werft nicht weit von unserem Viertel entfernt, Fabriken gab es überall. Doch zweifelte ich stark an der Treffsicherheit der englischen Piloten. Irgendwie wusste Vater besser Bescheid als Mutter. Oder gab er sich vielleicht mehr Mühe, Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen? Immerhin wussten wir alle, dass die Regierung schon 1933 den „Reichsluftschutzbund“ gegründet hatte. Wozu? Man muss  damals schon gewusst haben, dass er eines Tages  erforderlich sein werde. Mit mehr oder weniger Beharrlichkeit hatte man auch versucht, die Bevölkerung zu animieren, sich über das Verhalten bei Luftangriffen unterrichten zu lassen.  - Wenn Vater im Sommer Brennholz kaufte, dann tat er das, um der Kälte im Winter vorzubeugen. Man konnte nicht allerorten Abteilungen des  Reichsluftschutzbundes einrichten und den Leuten gleichzeitig erklären, dass es niemals einen Luftkrieg gegen Deutschland geben werde. Zweifel, Verunsicherung und Angst veranlassten mich, alle meine inneren Antennen auszufahren. Hermann Göring versuchte, mit vielen Mitteln die Zivilbevölkerung in Sicherheit zu wiegen. Er sagte unter anderem: „Ein Ring von Geschützen macht Luftangriffe sinnlos!“ Und dann sagte er in seiner bekannten jovialen Art, dass er Hermann Meier heißen wolle, wenn nur ein einziges feindliches Flugzeug während des Krieges deutsches Territorium verletzte.

   Ja, das hat er wirklich gesagt!

   Er hätte lieber befehlen sollen, bombensichere Bunker zu bauen. Aber wahrscheinlich fürchtete man, dass derartige Aktivitäten unnötig Angst unter der Zivilbevölkerung verbreiteten würden. Stattdessen wurde die Bevölkerung  darin unterwiesen, ihre Keller gegen Bomben- und Granatsplitter zu sichern. Und das trotz Görings Wort, dass ein feindliches Flugzeug über unserer Stadt unmöglich sei. Großschnäuzig hatte er uns ja aufgefordert, ihn  im Falle eines feindlichen Flugzeugs über deutschem Territorium „Meier“ zu nennen. Er liebte, im Mittelpunkt zu stehen. Mehr als genug kannten wir alle seine Eitelkeit. Eine Blamage werde er schwerlich ertragen können. Glaubten wir.

   Nun galt es wirklich, sich umzuhören. Niemand wusste, was uns bevorstand.

   Hitlers Rede vom 1. September 1939 war als Menetekel unserem Gedächtnis eingebrannt:

   „ . . . Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Gift bekämpft, wer mit Giftgas bekämpft, wer sich selbst von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwartet, als dass wir den gleichen Schritt tun  . . .“.

Deutlicher konnte das nicht gesagt werden: Vergeltung an allen Fronten, von allen Seiten, jederzeit - das würde unser aller Schicksal sein, ob Freund, ob Feind. Unter dem Motto: „Wenn du mich auf die rechte Wange schlägst, schlage ich dich dreimal stärker auf die linke zurück“, würde in diesem Krieg alles erlaubt sein. Ich fragte Vater, was Hitler wohl unter „humaner Kriegsführung“ verstehe und ob Kriegsführung überhaupt „human“ sein könne. Vater antwortete mir nicht. Er mahlte mit den Zähnen und ging raus.

 

   Herbst 1939 – wenn nicht anderes, so lernte man in diesen Tagen Erdkunde – und dies ohne große Anstrengung. Auf Grund des Vormarsches des deutschen Heeres in Polen wusste ich nun genau, wo Kutno, Radom und Brest-Litowsk zu finden sind. Posen, Thorn und Bromberg waren mir wohlbekannt, denn die lagen in Vaters Heimat. Wir hörten im Radio, dass das russische Heer in Ostpolen einmarschiert sei. Bei dieser Nachricht sah Vater sehr besorgt aus. Am 25. September griffen deutsche Flugzeuge Warschau mit Spreng- und Brandbomben an, und zwar mit der Begründung, die Stadt sei eine Festung, denn es gebe dort Soldaten und Munitionsfabriken. Wie in meiner Stadt Hamburg, wie in vielen, vielen anderen Städte. Am 27. September kapitulierte Warschau, das übrige Polen folgte am 5. Oktober. Die Sowjetunion und Deutschland teilten Polen unter sich auf. Ein Gebiet in der Mitte nannte man „Generalgouvernement“ – eine Art polnisches Gebiet unter deutschem Oberbefehl. (So erklärte man mir die Bedeutung dieses Wortes). Das westliche Gebiet Polens wurde dem Deutschen Reich einverleibt. Ich erwartete, dass Vater jubeln werde, weil seine Heimat nun wieder deutsch geworden war. Und musste mit Erstaunen seine zunehmende Besorgnis über eine aus dem Ruder laufende Entwicklung feststellen. Im Freundes- und Bekanntenkreis hörte ich wiederholt, dass man die Sowjetunion als gemeinsamen Feind Deutschlands, Englands und Frankreichs betrachtete. Können Feinde gemeinsame Feinde haben? Von dem Wunsch getrieben, Klarheit in diesem Dschungel von Begriffen, Ansichten und Behauptungen zu erhalten, verband ich diese Bemerkungen mit Hitlers Friedensangebot an die Westmächte. Hitlers „einzige“ Forderung bestand in der Rückgabe der deutschen Kolonien. Eine Forderung, die viele Menschen in Deutschland sicherlich als gerechtfertigt ansahen. Ich hörte die unterschiedlichsten Äußerungen über die Ablehnung der Westmächte, und es gab wahrscheinlich gar nicht so wenige, die nun der Ansicht waren, jetzt den endgültigen Beweis für Hitlers Friedenswillen und die Kriegslüsternheit der Westmächte bekommen zu haben. Und Vater sagte, dass Schuld nie leicht zu tragen sei und dass ich gut daran täte, nie zu vergessen, dass der, der einen Krieg anfange, ihn auch gewinnen müsse, da der Verlierer der Einfachheit halber in der Regel als Schuldiger behandelt werde. Das war meiner Ansicht nach eine komplizierte Angelegenheit, aber sicherheitshalber entschied ich mich, es immer mit meinem Land „zu halten“, immer zu wünschen, dass wir siegten. Denn für einen Besiegten – einen Schuldigen – würde das Leben schwer werden. Ich hielt meine Ohren diesmal sperrangelweit offen, hörte ein  Flüstern und Tuscheln und konnte eine Angst vor dem Krieg spüren, die ansteckte. Es sah aus, als habe Chamberlain jegliches Vertrauen zu Hitler verloren. Aber die Hoffnung wuchs erneut, als wir von Hollands und Belgiens Bereitschaft hörten, als Friedensvermittler aufzutreten. Die Welt musste zur Vernunft kommen. Wie ein Kranker, der auf alle Symptome achtete, nahmen wir  die geringsten Anzeichen, die bald Besserung, bald Verschlechterung des Zustandes versprachen, wahr.

   Und plötzlich, als ob es nicht schon genügend Probleme gäbe, sprach die Sowjetunion von finnischen Übergriffen. Vater behauptete, dass das mit den „Übergriffen“ Schwindel sei; schlimmstenfalls handele es sich um Flohstiche im Pelz des Bären. Vater sprach oft von der großen Gefahr, die Europa von der Sowjetunion drohe, und er war überhaupt nicht erstaunt, dass es in Finnland zum Winterkrieg kam. In der Wochenschau sah ich Reportagen und war entsetzlich traurig über die Strapazen und Leiden der Pferde in diesem Krieg. Die Tiere verstehen ja nichts – im Unterschied zu den Menschen. Wissen nicht, worum es geht, sie müssen nur leiden und aushalten, ohne sich mit einem Sinn oder der „Notwendigkeit“ des Ganzen trösten zu können.

   Uns Menschen hatte man jedenfalls beizubringen versucht, dass es heldenhaft und notwendig sei, für eine Sache zu sterben. Glücklicherweise war Finnland weit weg. Weit weg war auch Churchill. Ich hatte etwas von seiner Verärgerung über Erztransporte aus Schweden über den norwegischen Hafen Narvik gehört und konnte nicht begreifen, dass Churchill sich überhaupt erlauben konnte, eine Meinung über Norwegen und über das schwedische Erz zu haben. Vater erklärte, der Ausgang des Krieges, also Sieg oder Niederlage, sei auch eine Angelegenheit von Rohstoffen. Plötzlich fühlte ich mich ein bisschen mitverantwortlich wegen meines eifrigen Sammelns von Altmetall. Ich wollte siegen, aber nicht dazu beitragen, Waffen herzustellen. Da war es  ein Trost, dass ich  nie der Aufforderung der Partei nachgekommen war, die Hausbesitzer anzugeben, die nicht das schmiedeeiserne Gartentor oder den Metallzaun zum Einschmelzen abgeliefert hatten. Und nach und nach vergaß ich all’ das, denn jeder Tag brachte neue Nachrichten, die Anlass zu neuen Spekulationen gaben. Generell wurde das Außergewöhnliche zur Alltagskost. Die Zeitungen hatten keine „Sauere –Gurken – Zeit“ mehr. Die Radiosendungen wurden oft unterbrochen von den Worten „Achtung! Achtung! Eine Sondermeldung!“ - in der Regel mit dem nachfolgenden Satz „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt!“

   Viele aus meiner Generation haben die ersten Kriegsmonate bis etwas Weihnachten 1939 als „ganz normal“ in Erinnerung. Die Tage seien wie üblich verlaufen, behaupten sie, der Krieg habe keine großen Veränderungen mit sich gebracht. Vielleicht hatten sie niemanden in ihrem Bekanntenkreis, der wegen eines Sohnes oder des Vaters die Mitteilung „Gefallen für Großdeutschland“ erhalten  hatte. Vielleicht hatten sie auch nicht die Geschichte von der Mutter gehört, die während der ersten Kriegsmonate ihre drei Söhne „auf dem Felde der Ehre“ verloren hatte und die nach dem Tod ihres letzten Sohnes in der Todesanzeige nicht den obligatorischen Wortlaut „Für Führer, Volk und Vaterland fiel unser geliebter Sohn auf dem Felde der Ehre“ benutzt, sondern den Satz „Nun hat der Krieg uns den letzten Sohn entrissen“ verwendet hatte. Sie war umhergegangen und hatte allen, ob sie es hören wollten oder nicht, gesagt, dass sie den Schmerz, den sie jetzt fühlt, niemandem wünsche, auch nicht den Müttern der Feinde. Die Frau wurde für geisteskrank erklärt, denn so etwas durfte man nicht sagen. Ich kannte sie und habe sie nie vergessen können. Deshalb kann ich auch nicht behaupten, dass das Leben im ersten Kriegsjahr seinen gewohnten Gang gegangen sei. Vielmehr muss ich sagen, dass die Angst besonders im ersten Kriegsjahr übermäßig groß war. Das Leid war noch nicht zur Gewohnheit geworden.

   Am 4. September 1939, nur wenige Tage nach Kriegsbeginn, erlebten wir den ersten Fliegeralarm. Er dauerte nur 13 Minuten, aber ich erinnere mich an jede Einzelheit. Das Wetter war an diesem Spätsommertag herrlich. Man weiß ja: „Septembers himmel er så blå“ (Der Septemberhimmel ist so blau); man hatte Lust, sich unter ihm zu bewegen. Wir Kinder spielten vor unserem Haus Schlagball. Ursel war zu Besuch. Plötzlich begannen die Sirenen mit ihrem an- und abschwellenden Ton, der Gefahr verkündet, zu heulen. Alle – Erwachsene wie Kinder – reagierten kopflos. Die Mütter riefen die Kinder bald vom Garten hinter dem Haus, bald von der Haustür aus, und wir Kinder liefen verwirrt umher und riefen nach unseren Müttern. Gegen Abend gab es einen neuen Alarm. Ich meine, mich zu erinnern, dass man der Bevölkerung über den Rundfunk erklärte, dass es sich um einen Fehlalarm gehandelt habe. Die Ursache sei  ein englisches Spionageflugzeug gewesen, das zudem die deutsch-holländische Grenze nicht überflogen habe. Soweit ich mich erinnere, erfuhren wir über Umwege die wahre Ursache des Alarms. Und die war nicht so harmlos, denn die RAF (Royal Air Force) hatte deutsche Kriegsschiffe, die vor Brunsbüttel und Schilligreede [bei Schillighörn, nördlich vor Wilhelmshaven gelegen] vor Anker lagen, angegriffen. Mehrere britische Flugzeuge waren abgeschossen worden. Die Front war ein Stück näher gerückt. Jedenfalls erlaubten wir uns von diesem Tag an, Göring „Meier“ zu nennen.

 

   Wie war doch alles anders geworden. Dennoch – später, als sich die Verhältnisse in einem gleichmäßigen Rhythmus verschlechtert hatten, erinnerte mich diese Zeit zu Beginn des Krieges an die Geschichte von den Krebsen, die in kaltem Wasser zum Kochen gebracht werden. Als das Wasser etwa 40° C warm ist, beginnen die Krebse über die nicht auszuhaltende Wärme zu jammern und zu klagen. Noch wissen sie nicht, dass sie sich bei 50°C zurücksehnen werden zu den nicht auszuhaltenden vierzig Grad und dass sie bei sechzig Grad anfangen werden, von den paradiesischen Zeiten bei nur 40°C Wassertemperatur zu sprechen.

   Man begann, den Alltag zu schätzen, all’ das Übliche, das Wohlbekannte, das fast Halblangweilige. Alle jüngeren Lehrer waren zum Frontdienst einberufen worden. Aber Hatje durften wir behalten. Er trug wie üblich denselben hellbraunen Kittel, blieb derselbe, behielt dieselbe Art zu unterrichten bei.

   Eines Tages im Oktober bat er uns, ihm dabei zu helfen, Werkzeug, Hammer, Säge, Leim, Nägel, Spanplatten usw. zu besorgen. „Euere Väter haben vielleicht etwas, was sie nicht mehr brauchen“, sagte er, während er auf dem Pult eines Schülers saß, wie er das so oft tat beim Vorlesen oder wenn er uns etwas erzählen wollte. Es schien mir, dass er auf angestrengte Weise versuchte, entspannt zu wirken, während er von seinen Besuchen im Lazarett erzählte. Er hatte sich freiwillig gemeldet, den von der Front heimgekehrten verwundeten Soldaten Werkunterricht zu erteilen. Es war bitternotwendig, ihnen Ablenkung zu verschaffen. Da gab es viele Schwerverwundete, einige hatten ihre Hände verloren. Denen wollte er beibringen, stattdessen ihre Füße zu benutzen. Plötzlich bedeckte unser Lehrer sein Gesicht mit beiden Händen. Aber dann ballte er sie zu Fäusten und schrie: „Das ist Wahnsinn! Wahnsinn! Reiner und klarer Wahnsinn! – Alles meine Jungen! Meine Jungen – kaputt- und zusammengeschossen auf dem 'Felde der Ehre'!“

   Und dann begann er zu weinen. Das war nicht zu ertragen. Seine Wut hatten wir ausgehalten; für seine Heftigkeit hatten wir gelernt, Verständnis aufzubringen. Aber sein Weinen? Er ließ seine Tränen ungehindert über seine Wangen laufen, während er von „seinen“ Jungen, die jetzt verstümmelt waren, sprach. Wegen dieses Wahnsinns.

   Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Normen. Unsere Gesellschaft war – das lernten wir ja – vielem überlegen und hatte deshalb nicht nur ihre eigenen, sondern auch ganz „spezielle“ Normen. Und die verletzt man nicht  ohne Gefahr für sich und andere, auch das hatten wir Kinder mit der Zeit gelernt. Und dass es klug sei zu schweigen. Über Herrn Hatjes „Verbrechen gegen die Kriegsmoral“ schwiegen wir, ohne dass wir uns abgesprochen hätten.

 

   Eine der elementarsten Eigenschaften des Menschen ist sein Wille, aus allen möglichen Situationen – auch aus den schwierigsten – einen Vorteil zu ziehen. So verlangten wir Kinder die Abschaffung des Englischunterrichts. Du liebe Zeit, sagten wir, man könne doch in diesen Zeiten nicht Zeit und Kräfte damit verplempern, die idiotische Sprache des Feindes zu lernen! Und die Lehrer reagierten entrüstet. Sie wirkten beleidigt. Englischunterricht auf der Volksschule war damals nicht obligatorisch. Vieles an unserer Schule sei nicht obligatorisch. Sagten die Lehrer. Und bezeichneten uns als undankbare Dummköpfe. Man habe sich bemüht, uns - die „sprachlich Begabten“ - auszuwählen, um uns die phantastische Möglichkeit zu geben, eine Weltsprache zu erlernen. „Undank ist der Welt Lohn!“

   Man benutzte damals die Sütterlinschrift, und wir „sprachlich Begabten“ fanden es ziemlich mühselig, neben zusätzlichen Unterrichtsstunden auch noch die „lateinische“ Schrift lernen zu müssen. Auch vom Englischlehrer waren wir nicht begeistert; er konnte nämlich auf eine widerliche Weise ironisch werden, wenn wir das Englische falsch aussprachen. Deshalb fassten wir es als Erleichterung auf, als er eingezogen wurde. Eine Weile bildeten wir uns ein, dass wir nun keinen Englischunterricht mehr hätten. Aber man machte uns einen Strich durch diese Rechnung, indem man uns mit einer neuen Lehrerin, einem Fräulein Wille, belästigte. Edith, die auf der Mittelschule deren Zwillingsschwester als Englischlehrerin hatte, vertraute mir an, dass ihr Fräulein Wille nett aber hin und wieder ein bisschen wunderlich sei. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen. Beide waren – freundlich gesagt – recht rundlich, beide hatten eine Vorliebe für engsitzende, maschinengestrickte Bleyle-Kleider in kräftigen Farben. Walter meinte, eine solche Lehrerin könne man gut für Späße nutzen.

   Die passende Gelegenheit ergab sich rasch nach einer Stunde Schönschrift bei Frau Hausmann. In ihren Stunden lernten wir, mit dazu besonders geeigneten Federn Buchstaben zu „malen“. Fräulein Hausmann schrieb mit Kreide das Sprichwort „Wo ein Wille, da ein Weg“ an die Tafel, während sie uns die Bedeutung des Sprichworts erklärte. Mit einer guten Portion Willen werde man stets einen Ausweg aus einem Dilemma finden. Das müssten wir uns unbedingt merken!

   Nach der Stunde stand Walter, unser Klassenerster und Anführer, vor der Tafel, um sie für den Englischunterricht sauber zu wischen, und da kam ihm eine geniale Idee: Er schrieb den Text ein bisschen um, so dass auf der Tafel zu lesen war: „Wo dicke Wille ist, da kein Weg “. Mit einem Grinsen drehte Walter die Tafel um, so dass der Text nun auf der Rückseite stand.

   In der folgenden Englischstunde mit Fräulein Wille waren wir ausnahmsweise sehr arbeitswillig. Wir fragten und fragten nach unterschiedlichen Schreibweisen, nach der Stellung der Wörter im Satz, nach grammatikalischen Regeln bei Deklination und Konjugation usw. usw. Und Fräulein Wille schrieb und schrieb; das Stückchen Kreide flog nur so über die Tafel. Und dann war die Tafel voll und musste umgedreht werden, um Platz zu haben für weiteren Stoff für diese wunderbare Schar fleißiger, wissbegieriger Kinder.

   Alle waren wir gespannt, was geschehen werde. Sie drehte die Tafel um, las den Text laut vor. Zweimal las sie ihn mit ruhiger, natürlicher Stimme. Und dann sagte sie, zur Klasse gewendet: „Na, so hängt das also zusammen. Ich hatte mich schon über euer Interesse für eine Sprache, die Ihr später gut gebrauchen könnt, gefreut“. Dann machte sie eine kleine Pause. Und wir dachten, nun kommt es: Jetzt fängt sie mit einem schlimmen Theater an. Nun beginnt sie, sich zu haben. – Aber nein, das tat sie nicht. Mit einem Augenzwinkern sagte sie: „Sieh’ mal an, wie pfiffig Ihr seid, dass Ihr bemerkt habt, dass ich dick bin. Wirklich, ich habe es hier mit einer Klasse ausgesprochen aufgeweckter Kinder zu tun“.

   Sie gab uns fast keine Hausaufgaben auf, denn wir hatten ja in der Stunde so fleißig mitgearbeitet. Und wir verloren wir jede Lust, sie zu foppen.

 

   Auf  staatliche Anordnung hin wurde der Unterricht  nun auf  Bereiche ausgedehnt, die meiner Ansicht nach etwas merkwürdig waren (aber, wie schon gesagt, mich fragte ja niemand nach meiner Meinung). Wir Kinder lernten, dass es klug sei – während die Bomben fielen – Schutz unter einem Esstisch zu suchen, das heißt, wenn andere Möglichkeiten nicht vorhanden waren. Oh, wir lernten wirklich eine Menge Dinge, um uns, sollten wir in eine gefährliche Situation geraten, zu schützen.

   Mutter wurde zum „Blockwart“ ernannt – alle mussten etwas Nützliches für die Gemeinschaft tun. Mutters Pflicht bestand darin, die Dachböden der sechs Häuser, die zu unserer Reihenhausreihe gehörten, regelmäßig zu kontrollieren. Sie liebte es gar nicht, in den Häusern der Nachbarn herumzuschnüffeln, ob diese die Dachböden völlig entrümpelt hätten und ob die notwendigen Gerätschaften zur Brandbekämpfung bereitstünden. Mutter hatte auch die Aufgabe, die Leute zu motivieren, an Schulungen über das Löschen von Brandbomben und das Verhalten während eines Fliegeralarms sowie an Erste-Hilfe-Kursen teilzunehmen. Wir Kinder hatten es besser - wir erhielten diese Unterweisung während des Unterrichts. In unserer Schule wurde Herr Hatje der oberste „Luftschutzwart“. Damit verbunden war die wirklich wichtige Aufgabe, uns Kindern etwas beizubringen über die Notwendigkeit, während eines Fliegerangriffs auf den Dachböden Kontrollgänge zu machen, sich furchtlos einer gerade abgeworfenen und bereits gezündeten Brandbombe zu nähern, diese mutig in die Hand zu nehmen, zielbewusst zu einem (hoffentlich weit offen stehenden) Dachfenster zu eilen und die feuerspeiende Brandbombe weit weg vom Haus zu werfen. Oder eine Schaufel zu nehmen und die Brandbombe mit Sand, der sich immer auf dem Dachboden zu befinden hatte, zuzudecken. Hatje sollte uns auch den Nutzen der Eimerspritze, einer Art Zwergpumpe in einem Eimer Wasser, begreiflich zu machen, falls auf dem Dachboden ein Brand gelöscht werden musste. Es wurde von uns Kindern verlangt, dass wir während dieser Arbeit uns in aller Seelenruhe daran erinnern sollten, dass man  Brandbomben nicht mit Wasser löschen könne. Schließlich mussten wir auch lernen, wie wichtig es war, in die entlegensten Winkel der Dachschrägen zu kriechen, denn da könnte ja eine Brandbombe liegen und schwelen und erst lichterloh zu brennen beginnen, wenn wir uns unten im Keller wieder sicher glaubten. Als kleine Randbemerkung erfuhren wir auch etwas über Brandbomben, die eine ätzende Flüssigkeit enthielten, die sich durch Haut und Fleisch in den Körper fraß, wo sie schmerzhafte Löcher hinterließ. Man erklärte uns, dass man durch Spionage in England erfahren habe, dass man dabei sei, Brandbomben zu entwickeln, die Phosphor enthielten. Man machte uns auch mit sehr genauen Beschreibungen darauf aufmerksam, wie schnell ein Haus auf Grund einer einzigen zu spät entdeckten Brandbombe niederbrennen konnte. Aber man könne sich ja dagegen schützen, sagte Hatje mit Ironie in der Stimme. Man könne seine Kontrollgänge machen - wohlwissend, dass während eines Alarms der Aufenthalt außerhalb eines Schutzraums oder Kellers streng verboten ist, weil so etwas lebensgefährlich wäre. Er sagte nicht: „Das ist Wahnsinn, das ganze!“ Diesmal nicht. Er sagte nur, er habe die Aufgabe erhalten, uns Kindern beizubringen, wie wir eventuell dazu beitragen könnten, unsere Stadt vor Brand und Vernichtung zu bewahren.

 

   Von einem gewissen Zeitpunkt an war überdies vorgeschrieben, eine Gasmaske zu besitzen und dieses schreckliche Ding benutzen zu lernen. Wenn ich mich recht erinnere, geschah das schon vor Beginn des Krieges. Die Gasmaske konnte man für fünf  Reichsmark pro Stück erwerben, die nicht vom Staat übernommen wurden. Wir besorgten uns dieses Folterinstrument eines Sonntags in einem vormals herrschaftlichen Haus. Die Flecken an den Wänden und die Abdrücke auf dem Fußboden erzählten von Bildern, Teppichen und Möbeln, die es einmal in diesem Haus gegeben hatte – zusammen mit Menschen, die nun weg waren. Auf unerklärliche Weise wurden für mich dieses von einer Familie verlassenen Haus und die Gasmasken ein und dasselbe. Ich fragte Vater, ob das Haus Juden gehört habe, und er antwortete: „Das glaube ich schon!“  Hatten sie ihr Heim – wie Tante Hannas Arbeitgeber es getan hatten – bei Nacht und Nebel verlassen? Oder waren sie – was Onkel Ascher immer befürchtete – von der Gestapo geholt worden? Vielleicht hatten sie das Haus „nur“ verkaufen müssen, weil man ihnen – wie den meisten Juden – die Ausübung einer selbständigen Tätigkeit untersagt hatte. Onkel Ascher war ja schon längst enteignet, und jüdische Ärzte waren völlig von der Bildfläche verschwunden. Ich glaube nicht, dass ich mir von Vater Erklärungen versprach. Er hätte sie auch nicht geben können.

   Als der Krieg begonnen hatte und es notwendig war, eine Menge Dinge zu lernen, übte Vater mit mir den Gebrauch der Gasmaske, denn Mutter war zu nervös und machte Murks. Die Gasmaske saß zu stramm am Gesicht; ich fürchtete zu ersticken und wurde hysterisch. Es hieß nämlich, dass es  lebensnotwendig sei, den Filter der Maske während eines Gasangriffs wechseln zu können, und das sehr schnell, weil man während dieses Vorgangs nicht atmen durfte. Es war – wie bei allen Katastrophen – lebensnotwendig, Ruhe zu bewahren – und ich wusste, dass ich das nicht konnte. Wie viele Chancen hätte ich wohl, wenn es ernst würde.

   Nicht alles wurde immer komplizierter, manches wurde mit der Zeit einfacher – zum Beispiel Erdkunde und Geschichte. Wo man sich früher unter großer Anstrengung so viel wie möglich von der bunten Welt, von Bevölkerungsgruppen und Ländergrenzen, von Landschaften mit Flüssen und Bergen und mit Städten in allen Größen und aller Art einprägen musste – kurz gesagt, wo früher eine überwältigende Vielfalt herrschte, schien mir nun die Welt nur zweigeteilt zu sein, wobei die einzige Grenze von Bedeutung der Frontverlauf war. Es war nicht möglich, diese Grenze zu überschreiten, denn alles auf der anderen Seite war „der Feind“, und wir waren der Feind des Feindes – ausnahmslos. So bewegten wir Menschen uns im Kreis. Manchmal dachte ich, es wäre schön, wenn wir alle eine Pause einlegen, ganz ruhig stehen und nur das Herz sprechen lassen könnten -  aber dann war es vielleicht nicht mehr möglich, Krieg zu führen. Jedenfalls nicht auf diese Weise. Denn dann würde „die Front“ zerstört werden, und die Menschen würden kreuz und quer über diese Trennungslinie laufen.

   So, wie sich jetzt die Lage darstellte, gab es kein Fleckchen auf der Welt, wo der Mensch er selbst sein konnte, Freund oder Feind nach eigenem Gutdünken. Es gab nicht einen Ort, wo wir alle eine gemeinsame Verantwortung hatten. Herr Hatje hatte uns vom Meer, dem internationalen Fahrwasser, unser aller Eigentum, berichtet. Aber auch da draußen auf dem freien Meer hatte man – wie auf wilde Tiere – die Jagd aufeinander begonnen.  In den Geschichten, die Herr Hatje vorgelesen hatte, war das Meer „Blanker Hans“ genannt und  damit zu einem Lebewesen geworden, das man ernst zu nehmen hatte. Früher – das wussten insbesondere wir, die wie an der See zu Hause waren – war es selbstverständlich, einen Schiffbrüchigen zu retten. Jetzt versenkten sich die Seeleute gegenseitig.

   Herr Hatje erzählte uns in einer Erdkundestunde von seinem Sohn, der Kapitän auf einem Handelsschiff war. Während er erzählte, ließ er seinen Zeigestock hin und her über den Atlantik fahren. Irgendwo zwischen Amerika und Europa befand sich sein Sohn. Er war pflichtbewusst. Herr Hatje war sich sicher, dass der Sohn als verantwortlicher Offizier alles tun werde, um sein Schiff heil nach Deutschland zu bringen. Und dass er nach seiner Heimkehr sofort zur Kriegsmarine einberufen werde! Dann - . Plötzlich konnte Hatje nicht weiterreden. Er drehte sich um, starrte auf die Karte - .

   So stand er da, als die Tür, ohne dass jemand geklopft hätte, sehr, sehr vorsichtig einen Spalt breit geöffnet wurde. Wir Kinder drehten uns um und sahen Fräulein Willes  Kopf im Türspalt. Sie hatte sich etwas hinuntergebeugt, als wolle sie sich in die Klasse schleichen. Und dann sagte sie mit leiser, fast flüsternder Stimme:

   „Herr Hatje! Nun dürfen Sie nicht erschrecken!“

   Herr Hatje wandte sich ganz langsam um. Da entdeckten er und wir etwas hinter Fräulein Willes Rücken. Einen Mann in Uniform. Einen Augenblick war alles ganz still. So still wurde es, dass ich meinen Nebenmann schlucken hörte. Aber dann geschah es. Mit ausgebreiteten Armen eilte der Lehrer in ein paar Riesenschritten zur Tür, und der Mann in Uniform lief ihm entgegen. Gleich neben meinem Platz umarmten sie sich. Vater und Sohn. Der eine alt, in seinem üblichen verschlissenen Kittel, der andere jung, in der Uniform eines Kapitäns der Handelsmarine. Aber wie ähnlich sie sich doch waren. Der Vater hielt seinen Sohn sehr fest und verbarg sein Gesicht an dessen Schulter. Aber dann nahm der Sohn den Vater bei den Schultern, streckte seine Arme aus, um dem Vater in die Augen zu sehen. Da sah er, dass der Vater vor Freude weinte, und zog ihn an sich und strich ihm über den Kopf.

   Kurz danach klingelte es zur Pause. Gut für die beiden. Gut auch für mich, denn auch ich musste weinen. Zu meiner großen Erleichterung entdeckte ich, dass alle anderen Kinder auch  blanke Augen hatten. Auch die Jungen.

 

   Oh ja, wir lernten viel in diesen ersten Monaten des Krieges. Wir lernten zum Beispiel ständig neue Wörter. „Sperrballon“ ist eines dieser Wörter.

   Zu Beginn des Krieges waren sie plötzlich da. Auf den Feldern rund um die Stadt wurden militärische Stellungen angelegt. Jede war versehen mit einem großen Zelt, ein paar Soldaten, einem riesig langen Stahlseil und einem großen Ballon, der, mit Gas gefüllt, in die Luft stieg. Wenn dann die feindlichen Flugzeuge kämen, um unsere Stadt anzugreifen, würden die Drahtseile als Sperre dienen und im schlimmsten Fall das Flugzeug durch- oder einen Flügel abtrennen oder irgend so was. So seien wir gut geschützt. Erzählte man uns.

   Ein solcher Sperrballon fand seinen Platz neben dem Flugplatz auf dem Brachland, wo die Archäologen einst nach Überresten der Vor- und Frühgeschichte gegraben und wo wir später unsere Höhlen gebaut hatten. Wir Kinder unterhielten uns dort mit den Soldaten, die sich über unsere Besuche sichtlich freuten. Diese Soldaten langweilten sich, sie hatten zunächst Ausgehverbot. Die Versorgung klappte überhaupt nicht. Das Wasser holten sie aus einem einsam gelegenen Haus, einer Art Kneipe (mit „unanständigem“ Ruf). Die Soldaten hatten einen kleinen Primuskocher, auf dem sie Essen oder Wasser wärmen konnten. Auch Seife hatten sie nicht genug, und als ich sah, wie sie ihre Wäsche wuschen, rümpfte ich die Nase. Die Kaserne lag gleich um die Ecke. Aber die Soldaten erklärten mir, dass die der Luftwaffe gehöre, sie aber Infanteristen seien, und das ganze sei eine Frage der Organisation, und die klappe überhaupt nicht. Ich erzählte zu Hause von den elenden Bedingungen der Soldaten. Mutter bemerkte seufzend, dass der Bürokratie nicht leicht beizukommen sei. Vater wurde nachdenklich und meinte, dass die geschilderten Bedingungen für die Soldaten der reine Luxus seien, warte nur ab -. Und da begann meine Mutter, für die Soldaten einen großen Pflaumenkuchen zu backen.

   Als die Nächte kalt zu werden begannen, gruben sie ein großes Loch in die Erde, bedeckten es mit Brettern und Grassoden und bezeichneten das ganze als „Bunker“. Nun kriegten sie auch einen kleinen Ofen, der Wärme spendete und die Möglichkeit bot, Apfelschmalz zu machen. Als ich sie besuchte, servierte mir ein Soldat frisch zubereitetes Apfelschmalz auf einer großen, dicken Schnitte „Kommissbrot“. So nannte man diese Sorte Brot, die nur für Soldaten gebacken wurde. Als „Kommiss“ bezeichnet man das ganze Soldatenwesen oder

 -unwesen, wenn man so will. Das Brot galt nicht gerade als Delikatesse. Aber als ich da saß und aß, hatte ich das Gefühl, nie zuvor so etwas Köstliches gegessen zu haben. Der Soldat, der mir das Brot gegeben hatte, hieß Bruno. Er war ziemlich alt, volle 35 Jahre sei er, hatte er mir erzählt. Und dass er aus Berlin stamme. Einmal, als ich aus meiner Höhle kam, sah Bruno, dass ich Sand unter den Fingernägeln hatte, und da sagte er, dass Mädchen nicht mit solchen Nägeln herumlaufen dürften. So etwas konnte nur ein Großstadtmensch sagen. Dennoch achtete ich von da an sehr sorgfältig auf mein Aussehen, wenn ich ihn besuchen wollte. Plötzlich war es nicht mehr so wichtig, in meiner Höhle zu spielen.

   Die Tage wurden kürzer, und der Herbstwind fegte kalt über die Ebene. Ich durfte nun mit in den Bunker kommen, obwohl es Zivilisten streng verboten war, sich auf militärischem Gelände aufzuhalten. Manchmal lagen da ein paar Soldaten und schnarchten, und Bruno merkte, dass ich diesen Anblick nicht mochte. Er sagte, dass Männer nun einmal hässlich seien, wenn sie schnarchend auf dem Rücken lägen. Ich mochte diese Art, wie er die Dinge beim Namen nannte. Unten im Bunker saß er auf einem selbstgemachten Schemel, es gab keine anderen Sitzgelegenheiten, so durfte ich gerne auf seinem Schoß sitzen. Das war fast genau so sicher, wie bei Vater zu sitzen. Wir sprachen über viele Dinge, Bruno und ich, und er nahm mich immer sehr ernst. Einmal verstieß er gegen die Kriegsmoral: Er sagte, dass dieser Krieg ein Elend ohne gleichen sei. Ich mochte Bruno sehr.

   An einem Nachmittag wollte ich Kuchen bringen und fand den Platz leer. Nur ein mir fremder Soldat stand Wache, der mir entweder nicht sagen wollte oder nicht sagen konnte, wohin man Bruno und seine Kameraden geschickt hatte. Und da ich aufdringlich weiterfragte - denn ich musste wissen, wo Bruno war -  wurde der Wachtposten auf mich ärgerlich. Voller Verachtung in der Stimme fragte er, ob ich nicht wisse, dass wir Krieg hätten und dass alle Truppenverschiebungen in einem Krieg in tiefer Heimlichkeit vorgenommen würden.

   Ich ging nach Hause. Wollte mit niemandem reden. Hatte am meisten Lust, alleine zu sein. Vater lächelte nicht über mein merkwürdiges Benehmen, behandelte mich keineswegs, als hielte er mich für dumm. Er sagte tröstend: „Nun erlebst du deinen ersten ernsten Liebeskummer. Der geht vorüber, Jette. Glaub’ mir, der geht schneller vorüber, als du ahnst“.

 

   Die Sperrballons waren ein Fiasko. Gewährten überhaupt keinen Schutz. Die englischen Jagdflugzeuge flogen am hellerlichten Tag über sie hinweg und benutzten sie als Zielscheibe. Einen nach dem anderen schossen sie ab. Man erzählte uns, dass Blitzschläge die Ballons zerstört hätten. Aber das glaubten wir nicht.

   In den Randgebieten der Stadt legte man auf Feldern und Wiesen Schützengräben an. Ein paar wurden mit Dächern versehen, bedeckt mit Grassoden. Niemand sagte etwas über deren Zweck. Aber es lag  nur allzu sehr in der Luft, dass diese Schützengräben der Bevölkerung irgendwie ein Gefühl der Sicherheit geben sollten. Auch hinter Margarets Garten errichtete man so einen „Bunker“ sowie einen Zick-Zack-Schützengraben. Wir Kinder spielten dort, bis der Gestank von Urin und anderem Unrat das unmöglich machte.

 

 

                                                               W i n t e r s z e i t  

 

 

 

                                                                                 Tung og mørk den tavse nat

                                                                                 over jorden spænder;

                                                                                 hist kun bag et vindue mat

                                                                                 vågelys der brænder.

                                                                                 Du, som lindrer sorg og nød,

                                                                                 al vor synd forlader;

                                                                                 lyser op den mørke død,

                                                                                 tak, du lysets Fader!

 

                                                                                                                   Jakob Knudsen

 

                                                                                 (Schwer und dunkel die stille Nacht

                                                                                 überspannt die Erde,

                                                                                 dort nur hinter einem Fenster

                                                                                 matt ein nächtlich’ Licht noch brennt.

                                                                                 Du, der Sorg’ und Nöte linderst,

                                                                                 all’ uns’re Sünden uns vergibst,

                                                                                 erhellest uns den finstren Tod,

                                                                                 Dank, Dir, des Lichtes Vater!)

 

   Am 9. November 1939 sprach Hitler wie üblich im Münchner Bürgerbräukeller aus Anlass seines missglückten Putschversuchs am 9. November 1923. Ich weiß, dass er sprach und dass diese Rede selbstverständlich im Radio übertragen wurde, aber ich erinnere mich nicht daran. Ich weiß auch, dass wir dieses Ereignisses an jedem Jahrestag mit besonderen Veranstaltungen, mit Fackelzügen und Liedern gedachten.

 

                                               In München sind viele gefallen,

                                               in München war’n viele dabei.

                                               Es traf vor der Feldherrenhalle

                                               deutsche Helden das tödliche Blei. . . .

 

                                               Ihr Toten vom 9. November,

                                               ihr Toten, wir schwören es euch:

                                               Es leben noch vieltausend Kämpfer

                                               für das Dritte, das Großdeutsche Reich.

 

Wir sangen dieses Lied stets mit viel Pathos. Ich weiß, dass wir dies auch am Gedenktag 1939 taten, aber auch daran erinnere ich mich nicht mehr. Es gab damals so viele Gedenktage, an denen die Führer Reden hielten, und wir Kinder sangen und marschierten mit Fahnen und Fackeln und all’ dem, was dazu gehörte. Richtig erinnern kann ich mich nur an wenige. Das ganze Theater um die Gedenktage ging mich eigentlich nichts an, sie mussten als eine Art Pflichtübung hinter uns gebracht werden.

 

   Kurz vor Weihnachten 1939 kaufte Vater einen Selbstauslöser für seinen Fotoapparat, denn er wollte gerne ein Bild von der Familie unter dem Weihnachtsbaum haben, und Heilig Abend waren wir immer zu viert. Er kaufte auch ein Stativ, auf dem er den Apparat anbringen, ihn einstellen und von dem aus er zu uns eilen konnte, um so mit aufs Bild zu kommen. Von diesem Heiligen Abend erinnere ich mich am besten an Vaters Ausdauer, Spannung und Freude, dass er dieses Bild auf Grund so vieler technischer Raffinessen hatte machen können. Als  Vater sich vom Stativ schnell zu seinem Platz neben mir begeben hatte, forderte er mich auf zu lächeln, was ich selbstverständlich tat. Aber Wolfgang setzte eine „ernste Miene“ auf. Er hatte in mancher Beziehung immer noch das Bedürfnis, das Gegenteil von dem zu tun, was Vater wollte. Mutter lächelte angestrengt, etwas wehmütig. Dieses Bild ist das einzige Familienporträt von uns überhaupt. Mutter ließ viele Kopien anfertigen und schenkte sie nahen und entfernten Verwandten und Freunden.

 

   Auch 1940 kam der Frühling. Unser Erdball lässt sich durch einen kleinen Krieg nicht stören. Kinder auch nicht – sollte man annehmen. Doch geschah da etwas Besonderes. Langsam, fast unmerklich, begannen wir Kinder zwei verschiedene Leben zu leben: Tagsüber spielten wir, als ob nichts Ungewöhnliches eingetreten oder zu erwarten sei. Ich war sehr erfolgreich beim Seilspringen mit einem und zwei Seilen. Auch beim Himmel-und-Hölle-Spielen (oder „Hinkebein“) war ich schwer zu schlagen. Vater sagte, dass ich wegen meiner raschen Sprünge einem Tennisball ähnelte. Wir Kinder dachten uns viele neue Ballspiele aus, die es uns ermöglichten, in großen Gruppen zu spielen. Besonders in  diesem Frühling war auch unsere Höhle wieder zu Ehren gekommen. Wir Kinder hatten ja jetzt so gut wie das ganze Brachland zur Verfügung. Die störenden Segelflugzeuge waren verschwunden und die Sperrballon-Stellungen längst dem Erdboden gleichgemacht. Überhaupt konnte alles zwischen Himmel und Erde zum Spielen genutzt werden.

   Unser Stadtteil war wie geschaffen zur „Pfeiljagd“, da die Bürgersteige zumeist nicht gepflastert waren. Wir konnten also während des Laufens mit einem Stock Pfeile in den Sand kratzen, um die Fluchtrute der Gejagten anzugeben. Die Jägergruppe musste nicht  nur die Gejagten aufspüren, sondern auch verwickelte Aufgaben lösen. Dieses Spiel konnten wir nicht oft genug spielen. Wir gingen auch auf Entdeckungsreise im Stadtzentrum, strolchten überhaupt gerne herum, und das verlockte uns dazu, etwas Gefährliches, Freches und Verbotenes zu tun, zum Beispiel bei Teufelsbrück in der Elbe zu baden, obwohl sie ein gefährlicher Strom ist. Ja, und dann dieses „Spiel“ mit den Klingelknöpfen an den Eingangstüren der Mietshäuser. Die Klingelknöpfe, die in Reih und Glied angebracht waren, klemmten wir mit Streichhölzern oder Pflaster fest. Es hat wirklich Spaß gemacht, die Leute aus den Häusern stürzen zu sehen, um das Klingeln zu beenden. Einen großen Luxus bedeuteten für uns die Schwimmstunden im Bismarckbad am Altonaer Bahnhof. Den Weg dorthin gingen wir oft zu Fuß, um uns mit reinem Gewissen noch mehr Luxus in dem in der Nähe des Bades – in der Ottenser Hauptstraße -  liegenden Café Hirt gönnen zu können. Wir Mädchen amüsierten uns köstlich bei unserem ersten Besuch in diesem bekannten und  vornehmen Café, bei denen wir bewusst übertrieben „Dame“ spielten und – zu unser aller Begeisterung – von der Bedienung als solche auch angesprochen und behandelt wurden. Überhaupt waren die Quellen unseres Vergnügens unerschöpflich. Wenn die Fabriksirenen den Feierabend verkündeten, konnte uns einfallen, mein knallrotes Portemonnaie, an dem ein schwarzer Bindfaden befestigt war, auf den Fahrradweg zu legen. Gut versteckt hinter einer Hecke, registrierten wir die Reaktion der Fahrradfahrer. Man lässt ein anscheinend gut gefülltes Portemonnaie nicht liegen; man hält an, steigt ab, langt umständlich – denn man muss ja auch noch das Fahrrad halten – nach der Geldbörse und muss erleben, wie die sich fortbewegt. Die Reaktion ist voraussehbar: man zeigt weder Wut noch Enttäuschung oder andere Gefühle, wenn eine Gruppe kichernder Mädchen ein Portemonnaie wegzieht. Man schwingt sich männlich auf sein Rad und tut ganz gleichgültig.

   Wenn wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatten, erfanden wir etwas Neues. Wir hatten jederzeit Hunderttausende Ideen, was wir spielen könnten. Man glaube nur nicht, dass „Hunderttausende“ eine grobe Übertreibung seien. Die Spiele und die Spielmöglichkeiten waren ebenso grenzenlos, wie unsere Phantasie unerschöpflich war. Dazu kam, dass wir meinten, jetzt groß zu sein und uns allerhand erlauben zu können.

   Aber dann kamen Nächte, die uns auf ganz andere Weise zwangen, „groß“ zu sein. Da galt es zu verbergen, wie klein wir Menschenkinder eigentlich sind. Während meiner ersten Lebensjahre hatte ich vor Gewittern Angst. Schon Blitz und Donner waren furchteinflößend. Am schlimmsten aber war die Unberechenbarkeit des Unwetters. Man wusste nicht, ob und in welcher Geschwindigkeit es näherkommen und mit welcher Gewalt es zuschlagen werde. Später, als ich etwa zwölf war, lernte ich, dieses Gefühl als „Ohnmacht“ zu bezeichnen. Da hatte die Angst vor Flugzeugen die Oberhand gewonnen, die Angst vor dem Unfassbaren. Und da fand ich es unbegreiflich, dass ich einmal vor Gewitter Angst gehabt hatte - das war ja nur eine Naturerscheinung, die man erklären und als zu unserer Erde gehörend begreifen konnte. Aber die Flugzeuge, die von Menschen geflogen werden und die mit Bomben beladen sind, deren Bestimmung es war, Tod und Verzweiflung über meine Stadt zu bringen? Und Flieger-Abwehr-Kanonen, die einzig und allein dazu bestimmt sind, diese Flugzeuge abzuschießen. Flugzeuge mit Menschen.

   Nicht weit von unserem Haus hatte man eine Flak-Stellung errichtet. Das nördlich des Hauses gelegene Geschütz  war vom üblichen Kaliber, während das südliche, das wir „Eisenbahngeschütz“ nannten, weil es auf Eisenbahnschienen stand, groß war, einen Höllenlärm machte und die Erde bei jedem Schuss erbeben ließ. Aber man erklärte mir, dass es für meine Verteidigung notwendig sei. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Krach wie an so vieles. Ja, im Verlauf des Krieges entwickelte ich mich psychisch dahin, dass ich mir wünschte, so ein mächtiges Geschütz zu besitzen. Nicht um zu töten, sondern nur um den Feind gewaltig abzuschrecken. Und mit dem Feind meinte ich nicht nur die da oben in der Luft, sondern auch jene, die sich in unserer Nähe auf Erden an allen Ecken und Enden befanden.

   Vater und Mutter taten viel, um uns das Gefühl von Sicherheit zu geben. Vater füllte Säcke mit Sand und verdeckte das Kellerfenster – damit wären wir einigermaßen sicher vor Bomben- und Granatsplittern. Er stützte die Decke des Kellers mit Querbalken und Stützpfeilern aus Holz ab. Das sah toll aus. Vater besorgte auch einen Erste-Hilfe-Kasten mit reinem Alkohol, Mullbinden und viel Pflaster. Und ich überlegte, wie viel wohl ein Stück Pflaster helfen werde, wenn unser Haus oder das Nachbarhaus von einer Bombe getroffen worden wäre und Glassplitter oder Mauerbrocken uns verletzt hätten.

   Und dann bereitete die Rationierung der Lebensmittel Vater und Mutter Sorge. Vater versuchte, Hunger und Fehlernährung vorzubeugen, indem er Enten anschaffte. Enteneier seien fett und besäßen einen hohen Nährwert, sie eigneten sich hervorragend zum Backen, meinte er. Den alten Kaninchenkäfig, in denen die Rotschwänzchen einmal ihr Nest gebaut hatten, baute Vater zu einem Entenhaus um, und das Beet daneben, wo ich mir ein Plätzchen zum ungestörten Lesen eingerichtet hatte, wurde zum Entengehege. Hier grub er einen alten Holzzuber ein, denn wenn man Tiere hat, muss man dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen. Es war nun meine tägliche Arbeit, den Zuber zu leeren, ihn zu reinigen und mit frischem Wasser zu füllen. Die Enten genossen diese Zeremonie mit einem solchen Vergnügen, dass mir meine Pflicht jeden Tag Freude bereitete. Und wenn ich wegen eines nächtlichen Fliegeralarms nicht zur Schule zu gehen brauchte, gab ich den Enten schon in den frühen Morgenstunden frisches Wasser. Wenn der Zuber leer war, stand der Enterich ganz allein in dem leeren, sauber gescheuerten Bottich, um die erste Dusche zu empfangen. Es war immer ein schönes Theater, wie er seinen Hals drehte und wendete, mit den Flügeln schlug und übermütige Freudenschreie von sich gab. Bei jedem neuen Eimer Wasser nahm sein Wohlbefinden sichtlich zu. Zwischendurch war es, als könne er seine Freude nicht bändigen. Da flitzte er mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestrecktem Hals im Entengehege umher, um dann wieder mit einem Platsch im Wasser zu landen. Bisweilen badete er so ungestüm, dass man keine Ente mehr, sondern nur einen Klumpen in Rausch versetzter Federn sah. Währenddessen standen seine beiden Weibchen in gehörigem Abstand und warteten darauf, dass sie drankämen. Die soziale Stufenleiter und die Berechtigung, bei den angenehmen Dingen immer der Erste zu sein, waren in unserem Entengehege wirklich ausgeprägt. Abends stand unser Enterich in einsamer Majestät auf einer kleinen Erhebung. Hier wartete er auf Vater, der bei seiner Ankunft mit einer Begrüßungszeremonie ohnegleichen empfangen wurde. Selbstverständlich nahm sich Vater  jedes Mal ein bisschen Zeit, um mit dem Enterich „von Mann zu Mann“ zu plaudern.

   Wir gaben auf die Eier Acht und ließen die beiden Entenweibchen brüten. Irgendetwas war schiefgegangen: das Ergebnis waren nur zwei  Küken. Eines davon war verkrüppelt, der Enterich biss es tot. Die beiden Mütter nahmen sich in liebevoller Gemeinschaft des einen Kükens an, das die Fürsorge zu nutzen verstand – bisweilen saß es auf dem Rücken der einen Mutter und ließ sich fröhlich umhertragen.

 

   Da gab es wohl andere Entenställe, die außerhalb unseres Zuhauses in der großen weiten Welt lagen. Ja, Vater bezeichnete die Welt als einziges großes Entengehege. Er sagte es mit Bitterkeit in der Stimme; deshalb meinte ich, dass der Vergleich nicht richtig sei, denn unser kleines Entengehege bereitete mir nur Freude.

   Am 9. April 1940 besetzten deutsche Truppen Dänemark und Norwegen. Man erzählte uns in Rundfunk und Presse, dass die Bevölkerung und die Regierungen dieser Länder unsere Freunde seien und dass man die Besetzung als Schutz betrachten müsse, anderenfalls wären die beiden Länder nämlich von englischen Truppen besetzt worden. Am 10. Mai rückten  deutsche Truppen – nach intensivem Bombardement – in Holland, Belgien und Luxemburg ein. Erst am späten Vormittag wurden der belgische und holländische Gesandte in Berlin zu Ribbentrop einbestellt, der ihnen mitteilte, was geschehen war. Wieder erzählte man uns – der Bevölkerung – dass man die kleinen Länder vor einem lange geplanten alliierten Angriff habe schützen müssen.

   Am 17. Mai 1940 durchbrachen deutsche Truppen die Maginotlinie. In der darauf folgenden Nacht, am 18. Mai, griffen Bomber der RAF das erste Mal ernstlich meine Stadt, Hamburg, an. Die ersten Bomben fielen um 0.28 Uhr. Die Alarmsirenen aber gingen erst um 0.41 Uhr los. Viele glaubten da, dass dies „Entwarnung“ bedeute, und verließen deshalb den schützenden Keller. Niemand erzählte uns anschließend etwas Konkretes. Dass die Flak erst eine Stunde, nachdem die ersten Bomben gefallen waren, zu schießen begonnen hatte, war uns ebenso aufgefallen wie die Tatsache,  dass der Angriff mehrere Stunden dauerte. Alles andere war zwar genau notiert worden, wurde der Bevölkerung aber erst lange nach dem Krieg zugänglich gemacht: In zweieinhalb Stunden waren 80 Sprengbomben und 400 Brandbomben gefallen, 34 Menschen waren getötet und 72 verletzt worden. Es hieß, dass Göring von diesem Überraschungsangriff und von der Unzulänglichkeit der Flak und des Alarmsystems „peinlich berührt“ gewesen sei.

   Die Machthaber zogen vor, diesen Vorfall totzuschweigen. Im Hamburger Anzeiger waren hierüber ganze drei Sätze zu lesen. Die Zeitungen wurden verboten, wenn sie nicht den Wünschen der Regierung nachkamen. Das war ihnen von Propagandaminister Goebbels längst unmissverständlich klargemacht worden.

   Nach dieser Nacht erfolgten im Mai drei weitere Angriffe auf Hamburg. Schlaflose Nächte wurden für uns bald zur Gewohnheit. Vielfach flogen RAF-Flugzeuge nur über die Stadt hinweg. Diese Aktionen stufte man nach und nach als „Störmanöver“ ein, und wir waren dankbar, wenn man bei solchen Gelegenheiten nicht immer Alarm gab, sondern uns schlafen ließ. 1940 gab es in Hamburg die meisten Fliegeralarme. Insgesamt hielt sich die Bevölkerung deswegen 9575 Minuten in einem Schutzraum auf, nicht mitgerechnet die Minuten, während derer ein Angriff stattfand, ohne dass Alarm gegeben worden war. 1940 fielen 1.136 Sprengbomben, 7.248 Brandbomben, aber die Zahl der Toten betrug „nur“ 125 und die der Verletzten 567 Personen. Verglichen mit den Verlustzahlen des gesamten Krieges, klingt das nicht viel. Aber es waren 9575 Minuten meines Lebens. Und während eines Bombenangriffs ist eine Minute manchmal sehr lang. 9575 lange Minuten, die eine lange Reihe schmerzvoller Ereignisse zur Folge hatte. Denn Vater entschloss sich eines Tages, diese Stadt zu verlassen.

 

   Am 10. Juni war der Feldzug in Norwegen beendet, und Mussolini meinte, dass es an der Zeit sei, Frankreich den Krieg zu erklären. Ich hörte einige Leute ironisch sagen, dass die Italiener es immer mit den Siegern hielten. Andere bezeichneten Italien als unseren Bundesgenossen, der unsere beste „Rückwärtsarmee“ sein werde. Am 30. Juni besetzten deutsche Truppen die Kanalinseln Jersey, Guernsey und Alderney. Am 4. Juni brach Marschall Pétain die diplomatischen Beziehungen zu England ab.

   Es ist nicht so, dass ich mir diese Zahlen und die chronologische Reihenfolge gemerkt hätte – ich habe in einem Geschichtsbuch nachgeschaut. Aber ich erinnere mich deutlich, dass dies geschah. Und ich erinnere mich an den Jubel jedes Mal, wenn „unsere Jungs“ gesiegt hatten. Ein Jubel, gut gemischt mit schlecht versteckter Furcht. Wie sollte das enden? Viele junge Soldaten fielen, und viele wurden verletzt. Die Front wurde immer weiter ausgedehnt – so viele Soldaten hatten wir gar nicht. Hitler konnte kinderreichen Müttern noch so viele „Mutterkreuze“ als Belohnung geben, den erforderlichen Nachschub und die Verstärkung der Truppen mit neuen jungen Soldaten würden diese Mütter nicht schaffen können.

   Am 10. Juli griffen deutsche Flugzeuge das erste Mal mit starken militärischen Kräften militärische Ziele in Südengland an, lese ich in einem Geschichtsbuch. Wenn es damals um „militärische Ziele“ ging, wurde ich immer hellhörig. Die RAF-Flugzeuge – das heißt der Feind – griff ja auch nur „militärische Ziele“ in meiner Stadt an. Das hatte Wolfgang gehört, als er heimlich den Londoner Rundfunk mit seinen Sendungen für das deutsche Volk gehört hatte. (Das Abhören feindlicher Rundfunkstationen konnte die Todesstrafe zur Folge haben). Aber es verhielt sich nun einmal so, dass die feindlichen Flugzeuge zu diesem frühen Zeitpunkt des Krieges nicht in geringer Höhe über eine von  Flakbatterien geschützte deutsche Großstadt fliegen konnten. Dies hätte ohne Zweifel die Treffsicherheit erhöht - aber auch die Möglichkeit, abgeschossen zu werden. Die Besatzungen da oben in den Flugzeugen waren junge Männer, die lebend und so heil wie möglich nach Hause zurückkehren wollten – das konnte ich ganz gut verstehen -  ich, ein Mädchen, eine Feindin der Flieger. Ich fand es nicht merkwürdig, dass sie an ihre eigene Sicherheit dachten und deswegen weit oben flogen, so dass es äußerst schwierig war, korrekt zu zielen. Vater sagte, der Tag werde kommen, an dem sie direkt auf zivile Ziele schießen würden. Dass er Recht haben sollte, konnte ich mir zunächst nicht vorstellen. Vater hatte ja – glücklicherweise – so oft Unrecht gehabt. Ich konnte wirklich nicht ahnen, dass die technische Entwicklung, die im Krieg immer sehr schnell voranschreitet, es innerhalb kurzer Zeit ermöglichen werde, Wohngebiete mit Luftminen zu verheeren, als ob die Häuser Streichholzschachteln wären. Und ich hatte nicht Phantasie genug, mir vorzustellen, welchen Feuersturm ein Flächenbombardement mit Brandbomben entfacht.

   In der Wochenschau sah ich „unsere Helden“ in den Stukas angreifen, sah Bomben fallen und detonieren und Städte in Brand setzen. Städte, die unserer Stadt ähnelten. Man konnte auf  den Fotografien, die aus einem Flugzeug gemacht worden waren, erkennen: da waren Häuser und Straßen, eine Stadt mit vielen Menschen. In der Wochenschau sah ich, wie die feindlichen – immer nur die feindlichen – Jagdflugzeuge brennend abstürzten. Und stets wurden die Filmreportagen der Wochenschau von heroischer Musik begleitet und dem Lied:

 

                                            Hört ihr die Motoren singen:

                                            Ran an den Feind!

                                            Hört ihr’s in den Ohren klingen:

                                            Ran an den Feind!

                                            Bombe!, Bomben!

                                            Bomben auf Engelland!

 

   Kriegspropaganda ist immer vielfältig und einfallsreich. Denn es gelte, ein Feindbild deutlich und kräftig zu malen, sagte Vater. Und Herr Hatje behauptete etwas Ähnliches. Am 3. Juli 1940 flog am helllichten Tage ein englisches Flugzeug in niedriger Höhe über Hamburg. Es wurde kein Alarm ausgelöst. Die Maschine warf eine Bombe. Ein Volltreffer auf einen Kindergarten. 17 Menschen starben, darunter 11 Kinder. Die nationalsozialistische Propaganda nutzte diesen Vorfall kräftig aus. Ich hörte jemanden sagen, dass der Pilot mit der Maschine runtergegangen sei und mit einer Maschinenpistole die 11 Kinder bewusst niedergemäht habe. Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich das nicht glaubte. Keinem jungen Mann, keinem Soldaten werde es einfallen – auch nicht im Krieg – auf Kinder zu zielen und diese zu erschießen. Und Mutter gab mir Recht.

 

   Mehr und mehr wurde die Evakuierung der Kinder aus der Stadt zum Gesprächsthema, und man begann, sie zu organisieren. Oft wurde den Schulen diese wichtige Aufgabe anvertraut, denn oft wurden Schulen geschlossen evakuiert. Eines Tages teilte uns Herr Hatje mit wenigen Worten mit, dass man von Seiten der Partei versuche, nazistische Lehrer als  Begleiter der evakuierten Kinder auszuwählen. Mit Bitterkeit in der Stimme sagte Herr Hatje, dass es sich hierbei nicht um eine „Kinderlandverschickung“, sondern um eine  „Kinderzwangsverschickung“ handele. Wenn ein Kind erst aus der Familie entfernt und aus seiner bekannten Umgebung herausgerissen sei, dann sehe die Partei sich besser in der Lage, jedes einzelne Kind einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Er riet uns, nicht mitzufahren, empfahl uns inständig, bei unseren Familien zu bleiben. Denn gewiss solle man versuchen, sein Leben zu retten, aber nicht um jeden Preis.

   Diese unmissverständlichen Ausführungen erschreckten mich. Am Nachmittag standen Vater und Nachbar Radecke im Garten. Noch aufgerührt, gab ich Lehrer Hatjes Äußerungen wörtlich wieder. Da sahen mich die beiden Männer an; und unser Nachbar sagte: „Wenn du den Lehrer magst und wenn du ihn an euerer Schule behalten willst, darfst du seine Äußerungen nie in Gegenwart Dritter wiedergeben“. Und damit hatte auch Nachbar Radecke zuviel gesagt. Er war einmal, vor langer Zeit, Sozialdemokrat gewesen. Allerdings hatte er die Notwendigkeit, Mitglied der nationalsozialistischen Arbeiterpartei zu werden, eingesehen. Sonst hätte er seine Stellung als Polizeibeamter verloren. Aber es ist eine Sache, der „einzig richtigen“ Partei beizutreten, eine ganz andere, die „richtige“ Sprache  und die „richtige“ Mentalität zu lernen. In der Tat beobachtete man ihn jahrelang und schrieb häufig Berichte über seine Anpassungsfähigkeit oder deren Mangel.

   An einem Sommerabend waren Eltern und Kinder zu einer Informationsveranstaltung über die „Kinderlandverschickung“ eingeladen. Auf dem Nachhauseweg sagte ich Mutter, dass ich bei ihr und Vater hier in der Stadt bleiben möchte. Mutter drückte mir die Hand und versuchte nicht, mich zu etwas anderem zu überreden.

   Zu Hause braute sie einen beruhigenden Pfefferminztee. Wir saßen und unterhielten uns ein bisschen. Und Vater meinte, wir müssten nun versuchen, mit dieser Angelegenheit in möglichst guter Weise fertig zu werden. Er hätte es lieber gesehen, wenn ich die Stadt verlassen hätte. Aber ich sagte, ich würde es nicht aushalten, irgendwo in Sicherheit zu leben, während meine Familie in der Stadt bleiben müsse. Er konnte meine Argumente gut verstehen. Und dann sagte er tröstend: „Vielleicht ist der Krieg bald vorbei“.

 

   Manchmal dauerte der Fliegeralarm bis in die Morgenstunden. Es kam auch vor, dass die RAF-Flugzeuge, die von einer anderen Stadt zurückkehrten und sich dabei Hamburg näherten, Anlass für einen neuen Alarm wurden. Solche schlaflosen Nächte führten zu ein paar Stunden Schulfrei am nächsten Morgen. Aber wenn der Alarm bis in die frühen Morgenstunden dauerte, bedeutete dies, dass Vater vom Nachtdienst nicht nach Hause kam. Da war es dann bisweilen meine Aufgabe, mit der Straßenbahn zu ihm zu fahren, um ihm eine Zahnbürste und Seife, saubere Wäsche und etwas zu essen zu bringen. Ich sah dann, wie müde er war. Er fragte üblicherweise nicht nach unseren Erlebnissen während der vergangenen Nacht, wie auch ich nichts von ihm über die Ereignisse der Nacht hören wollte. Vaters Bezirk war Altonas düsterer Stadtkern, der während der „Kampfzeit“ von den Nazis als „das rote Altona“ bezeichnet worden war, weil dessen Bewohner, oft sehr arme Leute, Kommunisten waren, die bis zum Letzten gegen die Nazis kämpften. Altona war jahrhundertlang  „Abfalleimer“ insbesondere für Menschen aus den untersten sozialen Schichten des benachbarten Hamburg gewesen. Ihre Häuser waren alt und baufällig, nur wenige Bomben genügten, um sie in Schutt und Asche zu verwandeln. Und Brandbomben bedeuteten bei der dichten Bebauung der Innenstadt oft eine Katastrophe. Nein, wir sprachen nicht darüber, wir sprachen nicht über die vergangene Nacht. Wir sprachen über die Enten und über alles Mögliche zwischen Himmel und Erde, nur nicht über den Krieg,

 

   Eines Tages, beim Mittagessen, meinte Vater, es sei vielleicht das Beste, die Versetzung in seine westpreußische Heimat zu beantragen, denn über und in Hamburg werde bald die Hölle los sein. Vielleicht wäre es möglich, eine Anstellung in seinem Heimatort oder in dessen Nähe zu bekommen. Auf jeden Fall habe man ihm gegenüber schon angedeutet, dass eine Versetzung in den Warthegau, wie das Land zwischen Weichsel und Warthe nun hieß, keine Schwierigkeiten bereiten werde. Vaters Vorschlag ließ Mutter in Tränen ausbrechen. Ich war entsetzt. Aber meine Argumente gegen eine Ansiedlung in der Fremde verhallten ungehört. Schließlich wurde ich fast hysterisch. Vater ließ mich mit wenigen Sätzen verstummen: die Hauptursache war seine Sorge um mich. Kriegserlebnisse könnten zu dauerhaften Schäden an Leib und Seele führen. Und dort – in seiner Heimat – fielen keine Bomben. Die Lebensmittelrationen seien auch größer – also - .

   Später fühlte ich mich durch diese Begründung schuldig: Unser Schicksal, das Schicksal der ganzen Familie, war größtenteils meine Schuld – was sonst konnte ich denken? Hätte ich  an der Kinderlandverschickung teilgenommen – wäre ich dazu nur bereit gewesen -  dann hätte Vater nicht die Versetzung beantragt, dann - .

   Und wenn ich während eines Alarms Vater mit dem Fahrrad wegfahren sah – ungeschützt im Regen der Granatsplitter, und wenn ich Mutters Angst spürte, auch da fühlte ich Schuld. Denn wenn ich jetzt gesagt hätte: „Vater, wir gehen nach Polen, ich freue mich schon auf all’ das Neue, was ich dort erleben kann“ – wenn ich nur so etwas sagte, dann würde sich Vater beeilen und die Zelte abbrechen und uns in Sicherheit bringen. Dorthin, wo er einmal zu Hause war. Aber ich bekam diese Worte nicht über meine Lippen.

 

   Mutter verstand mich ohne Worte. Sie versuchte, mich zu beschützen, indem sie eine Art Wall um mich errichtete. Sie tat das auf die bestmögliche Art, indem sie alle Tätigkeiten und Pflichten in der aus Friedenszeiten gewohnten Weise und in altbekannter Reihefolge ausführte. Aber wenn sie abends das Bett im Keller zurechtmachte – denn, wie sie sagte, „der Himmel ist wolkenfrei, es liegt Fliegeralarm in der Luft“ – oder wenn sie sehr spät vom Einkaufen zurückkam, weil lange Schlangen vor den Geschäften viel Zeit kosteten, wenn sie versuchte, ihre Angst und Sorge über Vater und Wolfgang, der nach einem Alarm nicht nach Hause gekommen war, zu verbergen, da half es nichts, so zu tun, als finde der Krieg weit entfernt statt.

   Ich versuchte, Mutter eine Stütze zu sein. Nicht mit Blumen und Geschenken, netten Worten und extra gutem Benehmen – dazu war weder Zeit noch Muße. Sondern ich tat, als berühre mich all’ der Kriegslärm nicht sonderlich. Ich lernte, mich zu verstellen. Sprach nie über meine Angst. Sagte sogar: „Hoffentlich dauert der Alarm lange, damit wir morgen schulfrei haben“. Und ich bildete mir ein, dass meine Verstellung gelang. Wollte nicht glauben, dass Mutter mich durchschaute – und nur mitspielte. Vielleicht wäre es auf die Dauer besser gewesen, offen über alles zu reden. Denn trotz allem gab es Momente, in denen wir weder Zeit noch Kraft für diese Schauspielerei hatten.

 

   Nur die Hälfte unseres kleinen Reihenhauses war unterkellert. Dieser Keller bestand aus einem kleinen Raum für Lebensmittel und einem solchen für Kohle und Brennholz. Diesen Raum unterteilte Vater mit  einer halbhohen Trennwand. In die Ecke, die am weitesten vom Fenster entfernt war, stellte Mutter eine Schlafpritsche und zwei Stühle. Sie legte sich während eines Alarms nie hin. Sie wachte und hoffte, dass ich auf der Pritsche Schlaf fände. Hier lag ich eines Nachts und guckte gegen die Decke und achtete auf die mittlerweile nur allzu bekannten Geräusche da draußen: das schwere Brummen der Bombenflugzeuge, den Abschuss- und Explosionsknall der Granaten und – am schlimmsten - das eigenartig summende Geräusch der fallenden Bomben. Mutter tröstete: die Bomben fallen schräg; solange wir dieses Sausen hören, können wir hoffen, dass sie nicht da explodieren, wo wir sind.

   Über uns, an der Kellerdecke entlang, liefen zwei Rohre; durch das eine kam Gas, durch das andere Wasser ins Haus. Mutter kochte das Essen auf einem Gasherd. Als ich klein war, hatten mir Vater und Mutter eine Heidenangst vor dem Gas eingeimpft – in der Hoffnung, mich davon  abhalten zu können, die Gashähne genauer zu untersuchen. Den Tag, an dem sie mir beibrachten, wie man Gas anzündet, vergesse ich nie: Was da geschah, glich einer seelischen Folter -  so große Angst hatte ich und so erschrocken war ich über den Wunsch meiner Eltern, mich einer derart entsetzlichen Gefahr auszusetzen.

   Nun lag ich da und betete ein sonderbares Gebet. Ich bat Gott darum, dass die Gasleitung zuerst kaputt gehen möge, wenn eine Bombe unser Haus einstürzen ließ und wir nicht mehr aus dem Keller herauskämen. Denn Gas tötet schnell. Wenn nur die Wasserleitungen zerstört oder undicht würden, müssten wir ertrinken. Vielleicht ganz langsam. Das meinte jedenfalls Wolfgang. Das Wasser würde dann immer höher steigen – während die Kellertreppe und der Ausgang von dicken Mauerbrocken verschüttet wären.

   Ich meine, dieses Gebet still gebetet zu haben. Aber es kann ja sein, dass etwas davon herausgerutscht war, während Mutter mit mir das Abendgebet sprach. Auf jeden Fall redete sie mit den anderen Müttern, und da zeigte sich, dass deren Kinder – ja selbst die Mütter – dasselbe fürchteten. Und da bemühten sich die Eltern, eine Lösung zu finden, die die Situation für uns Kinder erleichtern könnte. Aber es wollte ihnen nichts einfallen. Nicht gleich. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen war, dass wir Kinder bei Fliegeralarm einen Keller unter einer Fabrik in der Nähe aufsuchen sollten. Der Keller dort hatte nämlich dicke Mauern und keine Fenster über der Erdoberfläche. Und es gab in der Fabrik keine offen liegenden Wasser- und Gasleitungen. Unser Nachbar von gegenüber, Herr Koter, übernahm die Verhandlungen mit der Leitung der Fabrik, denn für so etwas sind Männer am besten geeignet. Und alles wurde abgesprochen und geregelt. Wir Kinder sollten uns bei Alarm an der Ecke Möllnerstraße / Hochfeld einfinden und, von einem Erwachsenen begleitet, zur Fabrik laufen. Herr Koter war gut geeignet, das alles zu leiten und zu bewerkstelligen. Er war alt und zuckerkrank, aber ich glaube, er genoss es auch, eine Aufgabe gefunden zu haben. Er werde, wenn die Sirenen versagten, jede Familie wach klingeln. Denn er habe einen sehr leichten Schlaf. Das geringste Geräusch eines Flugzeugmotors lasse ihn sofort aufwachen.

   Und dann kam die Nacht, als Bomben ohne vorherigen Alarm fielen. Wir hatten den Fabrikkeller bis dahin noch nie in Anspruch genommen, und wir hatten auch die Prozedur -  zusammengerufen zu werden, uns zu versammeln und dorthin geführt zu werden - nicht geübt. Warum auch – sich in einen Keller in einer nahe gelegenen Fabrik zu begeben, ist doch ein Leichtes!

   Wir lagen alle in tiefstem Schlaf, als die Erde von den ersten Bombeneinschlägen zu beben begann. Vater war der Schnellste, er zog sich rasch an und war sofort weg. Ich hatte bei offenem Fenster geschlafen. Vielleicht versuchte ich deshalb, meine Kleidung im Dunkeln zu finden, vielleicht gab es keinen Strom – jedenfalls verhedderte ich mich und geriet in Panik. Mutter musste Wolfgang wach, aus dem Bett und runter in den Keller kriegen. Sein Zimmer lag direkt unter dem Dach, er war also derjenige, der am meisten gefährdet war. Aber er konnte wie ein Murmeltier schlafen. Nichts, auch nicht der schlimmste Lärm, konnte ihn wecken. Immer noch im Nachthemd, stand Mutter auf der Treppe zu Wolfgangs Zimmer. Sie rief und rief, aber da oben rührte sich nichts. Inzwischen war ich angezogen und wollte Mutters Aufgabe übernehmen. Beide rannten wir rauf zu Wolfgang, versuchten, ihn aus dem Bett zu werfen. Noch halb im Schlaf, holte er mit dem Arm aus, als wollte er zuschlagen. „Lass mich sein!“ schrie er, „verdammt noch mal, ich will schlafen!“

   Da drehte sich Mutter zu mir um und sagte nachdrücklich: „Lauf! Lauf zur Fabrik! Ich werde das hier schon schaffen“.

   Und da rannte ich die Treppen hinunter und raus aus dem Haus. Nachbar Koter lief in seinem Nachthemd  und barfuß die Straße rauf und runter. Mit einem Fleischklopfer schlug er heftig auf einen großen Topfdeckel und rief: „Fliegeralarm! Fliegeralarm!“ Ich nahm nicht einmal das Komische dieser Situation wahr, ich dachte nur daran, in dem Keller, von dem bei den Erwachsenen die Rede gewesen war, in Sicherheit zu kommen. Unterdessen vermischte sich das Heulen der Sirenen mit dem Krachen der Bomben, dem Schreien kleiner Kinder und den Rufen der Mütter. Schnell war ich an der Ecke, die wir meiner Ansicht nach als Sammelpunkt verabredet hatten. Da standen wir – fünf Mädchen - ratlos, denn kein Erwachsener ließ sich sehen. Wir rannten weiter – zur Schokoladenfabrik Gartmann in der Möllnerstraße. Aber dort war alles verschlossen, verdunkelt und menschenleer. Was nun? Vielleicht war es unsere Schuld. Vielleicht hatten wir nicht gut genug zugehört, als uns die Erwachsenen erklärt hatten, was wir beim nächsten Angriff zu tun hätten. Vielleicht hatten wir beim Wort „Fabrik“ automatisch an die Schokoladenfabrik gedacht und uns auf eine Kostprobe gefreut. Vielleicht war es der Keller der Zigarettefabrik Reemtsma, der uns Schutz geben sollte. Wir hatten nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn nun begann auch die Flak loszudonnern.

   Der Pförtner der Zigarettenfabrik hatte nie etwas von Kindern gehört, die im Keller der Fabrik Zuflucht suchen sollten. Denn es gab da keinen richtigen Keller, sondern nur einen tiefer gelegenen riesigen Lagerraum, der mit riesengroßen Papierrollen gefüllt war. Er wusste nicht, was er tun solle. Zurückschicken konnte er uns nicht. In einer solchen Nacht, sagte er, jage man noch nicht einmal einen Hund auf die Straße. Er zeigte uns den Weg runter in den Lagerraum. Brachte uns fünf Stühle und forderte uns auf, es uns bequem zu machen. Nein, selbst wolle er sich nicht in diesen „Keller“ setzen. Er wolle oben bleiben und Wache halten. Denn Gnade uns Gott, wenn eine Brandbombe dieses Lager träfe.

   Wir Mädchen rückten die Stühle so, dass wir stets die Kellertür im Auge hatten. Ab und zu öffnete sie der Pförtner, um sich nach unserem Befinden zu erkundigen. Zwar spürten wir bei den Bombendetonationen die Erde beben, aber wir hörten nicht so viel, weil die dicken Papierrollen die Geräusche dämpften. Und das war gut. Die Nacht kam uns endlos vor - . obwohl wir uns unterhielten und so taten, als ob das alles nur eines der lustigen und sonderbaren Erlebnisse sei, die uns früher immer so gefallen hatten.

   Als wir endlich nach Hause kamen, fanden wir unsere Mütter vor Angst aufgelöst. Niemand anders hatte uns gesehen, niemand wusste, wo wir waren. Nach dieser Nacht entschieden sich die meisten Kinder, lieber in den unsicheren Kellern bei ihren Müttern zu bleiben.

   In unserem Reihenhauskomplex lernten wir, von Keller zu Keller per Klopfzeichen miteinander zu sprechen. Wenn genügend Zeit blieb zwischen der Warnung der Sirenen und dem Abwurf der Bomben, wenn wir aus den Geräuschen schließen konnten, dass die Flugzeuge noch ein Stück entfernt waren, gingen Mutter und ich rüber in Frau Radeckes Keller. Sie hatte versucht, den Raum gemütlicher zu machen mit einem kleinen runden Tisch und einem Tischtuch und einer Vase mit Blumen, die aus Draht und Wolle gemacht waren. Lebende Blumen fühlen sich ja in einem Keller nicht wohl.

 

   Und so verging die Zeit. Mutter und ich hörten auf, das Abendgebet miteinander zu sprechen. Die Nacht- und Abendstunden, die früher von Ruhe und Frieden geprägt waren, gehörten der Vergangenheit an. Nun beteten wir im Stillen, jede für sich, und das kann man immer und überall tun. Viele Wochen hintereinander benutzte ich nicht mehr mein Bett, sondern legte mich gleich auf die Pritsche im Keller. Vor langer, langer Zeit, zu einer Zeit, die unwirklich zu werden begann, war mein Abendgebet gewesen:

 

                                                             Müde bin ich, geh’ zur Ruh’,

                                                             schließe beide Äuglein zu.

                                                             Vater lass die Augen dein

                                                             über meinem Bette sein.

 

                                                             Hab ich Unrecht heut getan,

                                                             sieh’ es, lieber Gott, nicht an!

                                                             Deine Gnad und Christi Blut

                                                             macht ja allen Schaden gut.

 

   Aber dieses Gebet passte in meiner gegenwärtigen Situation nicht mehr so richtig. Ich kannte nur diese beiden Strophen, aber ich weiß, dass ich – ganz still – mit meinen eigenen Worten dem Sinn nach auch die anderen Verse sprach:

 

                                                             Alle, die mir sind verwandt,

                                                             Gott lass ruh’n in deiner Hand.

                                                             Alle Menschen groß und klein,

                                                             sollen Dir befohlen sein.

 

                                                             Kranken Herzen sende Ruh,

                                                             nasse Augen schließe zu,

                                                             lass den Mond am Himmel steh’n

                                                             und die stille Welt beseh’n.

 

   Ich dachte, wenn der Pilot  und seine Mannschaft da oben mich kennten, wenn sie mich sehen könnten, ob sie dann wohl im Stande wären, ihre Bomben auf mein Haus zu werfen. Vater hatte von seinen Gedanken an der Front während des Ersten Weltkriegs erzählt. Unser Familienname ist schottischen Ursprungs, unsere Vorfahren flohen während oder nach dem Krieg gegen England Mitte des 18. Jahrhunderts. Großmutter hob stets hervor, dass wir Menschen Brüder und Schwestern seien. Als jungen Soldaten an der Front hatte Vater dann der Gedanke umgetrieben, dass der Gegner, der Feind, der mich erschießt, wenn ich ihn nicht erschieße – und umgekehrt, den ich erschieße, wenn er mich nicht erschießt – vielleicht denselben Namen trägt wie ich, vielleicht auch denselben Stammvater hat und somit noch mehr mein Bruder ist, als dies meine Kameraden an meiner Seite sind.

   Wenn ich auf meiner Pritsche lag oder zusammengekauert saß, dachte ich an die Männer in den feindlichen Flugzeugen und konnte nicht anders, als daran zu zweifeln, dass sie mich in diesem Augenblick als „Schwester“ sähen, auch nicht, wenn sie denselben Familiennamen trügen. Die hatten ganz andere Sorgen: Unsere Flugabwehrkanonen waren äußerst aktiv. Die Piloten da oben wünschten sicher vor allem, nach geglückter Aktion nach Hause zurückzukehren. Aber was für sie eine „gut ausgeführte Aktion“ war, konnte für mich und die Meinen den Tod bedeuten. So ist das im Krieg. Das hatten mir die Erwachsenen beigebracht, und diese Lektion hatte ich in Windeseile begriffen.

   Eines Nachts während eines Luftalarms – wir hörten nur die Motoren der Jagdflugzeuge – hatten wir gewagt, den Keller zu verlassen, und waren hinaus in unseren Garten gegangen, von wo aus wir zusammen mit unseren Nachbarn das Schauspiel über uns betrachteten. Die Strahlen der Scheinwerfer glitten über den Himmel, suchend, jagend. Wenn ein Flugzeug von einem Lichtstrahl eingefangen wurde, eilten andere Strahlen hinzu. Sie kreuzten sich und fingen das Flugzeug in ihrem Schnittpunkt ein. Und im selben Augenblick begannen die Flugabwehrgeschütze auf dieses hell erleuchtete Ziel zu schießen. Die Leuchtspur der Granaten zeigte uns, dass da ziemlich genau gezielt wurde. Ein Flugzeug wurde in Brand geschossen. Die Nachbarn klatschten, als es abstürzte. Da begriff ich das Entsetzliche. Schrie laut: „Dort oben sind doch Menschen.  Die verbrennen jetzt!“ Da nahm mich Frau Radecke in ihre Arme und sagte: „Die oder wir. Wir haben Krieg. Die oder wir. Immer nur die oder wir.“

 

   Wolfgang ging zu dieser Zeit auf die Abendschule. Es konnte passieren, dass er vor einem Alarm nicht nach Hause kam und dann in einem fremden Keller Zuflucht suchen musste. Und es kam auch vor, dass er nach einem Angriff nicht nach Hause kommen konnte und direkt zur Arbeit ging. In solchen Fällen rief man nicht etwa zu Hause an. Wenn das alle getan hätten, wäre in der Stadt ein  telefonisches Durcheinander entstanden. Die Leitungen mussten für Hilfsaktionen freigehalten werden. So kam es, dass wir am Morgen nach einem Angriff oft nicht wussten, ob Vater und Wolfgang noch lebten. An solchen Tagen lief Mutter ruhelos im Haus umher. Wolfgang arbeitete  auf einer großen Baustelle, und an ein paar Tagen in der Woche besuchte er eine Technikerschule. Auch wenn Mutter gewollt hätte, sie hätte nicht mit Wolfgang telefonieren können. Und Vater wollte das Telefonnetz nicht blockieren. Wenn Vater und Wolfgang endlich nach Hause kamen – das taten sie immer durch den Garten -  stand Mutter am Küchenfenster und sagte mit Erleichterung in der Stimme: „Nun kommt der Junge!“ oder „Nun kommt Papa!“ Und mein Wellensittich Jakob, der von seinem Bauer aus eine gute Aussicht auf den Garten hatte, lernte recht schnell, dasselbe zu sagen, wenn er sie kommen sah. Und das half Mutter. Denn das befreite sie davon, die ganze Zeit am Fenster zu stehen. Nun konnte sie sich erlauben, sich die Wartezeit mit Näharbeiten zu vertreiben, ihre Gedanken beim Saubermachen der Schränke zu zerstreuen; sie konnte bügeln, Essen kochen oder was ihr nun gerade einfiel. Jakob auf seinem Beobachtungsposten würde ankündigen, wenn Vater oder Wolfgang in Sicht kämen. Wenn sie dann durch die Tür traten, versuchte Mutter zu tun, als habe sie nicht gewartet. „Nein“, konnte sie sagen, „ist es schon so spät?“

   Britische Maschinen flogen auch bei Tage über unsere Stadt. Man hatte uns in der Schule die Anweisung erteilt, dass wir bei Fliegeralarm so schnell wie möglich nach Hause zu gehen hätten. Unser Schulgebäude hatte keinen Keller, der Schutz hätte geben können, auch nicht vor Splittern. Die Kinder, die einen langen Schulweg hatten, suchten Zuflucht bei denen, die in der Nähe der Schule wohnten. Unter normalen Verhältnissen wäre das ganz nett gewesen, aber die Ungewissheit über das Schicksal der Familie verursachte immer Qualen. So ergriffen wir am liebsten die Chance und rannten nach Hause.

   1940 gab es bei Tage üblicherweise nur Erkundungsflüge, die zu einem Alarm führten. Dann stiegen in der Regel unsere Kampfflugzeuge auf, und ich sah, wie Flugzeuge in Brand geschossen wurden. Waren das Feinde, waren das unsere eigenen? Wenn man ein brennendes Flugzeug abstürzen sieht, kann man eigentlich nur denken: Da sind Menschen drin!

 

   Unser Stadtteil war auf Grund mehrerer Flakstellungen in besonderer Weise Granatsplittern ausgesetzt. Auf sie gingen wir Kinder nach intensivem Flakeinsatz auf Jagd. Wir sammelten und tauschten, über den Wert der einzelnen Fundstücke wurden wir uns schnell einig. Kleine Kupferstücke waren für die Mädchen am wertvollsten. Die Jungen waren wild auf Stücke von Granatspitzen, die Bruchstücken eines Schraubverschlusses glichen. Besonders hoch im Kurs standen in unserem Stadtteil Bombensplitter, denn hier fielen nicht so viele Bomben. Die Jungen gaben damit an, dass sie es wagten, dorthin zu gehen, wo man Blindgänger vermutete. Einmal explodierte so ein Blindgänger und tötete mehrere Kinder. Die Nazis benutzten auch dieses Ereignis für ihre Propaganda, indem sie behaupteten, dass die Bombe mit einem Zeitzünder versehen gewesen sei, um die Gefahr und die Verluste zu erhöhen. Vater erzählte von Blindgängern, die bei der geringsten Berührung explodierten. Wir Kinder mussten Vater versprechen, die Stellen, wo Bomben gefallen waren, zu meiden. Als Gegenleistung wollte er uns Bombensplitter verschaffen. Ich machte mir nichts aus ihnen. Sie rochen merkwürdig nach Schwefel. Der Geruch der Hölle, sagte Wolfgang. Aber, wie gesagt, die Splitter waren kostbare Tauschobjekte.

   Manchmal ließ uns die Stille während eines Alarms kühn werden. Da verließen wir den Keller und machten Kontrollgänge, überprüften die Dachböden auf Brandbomben. Oder gingen im ersten Stock auf die Toilette. Einmal, als ich dort saß, hörte ich eine große Staffel Flugzeuge rasch näher kommen. Als sie über uns waren, warfen sie keine Spreng-, sondern Leuchtbomben in großer Menge ab. Diese sanken an Fallschirmen langsam nach unten. Durch das offene Fenster betrachtete ich diesen großartigen Anblick, den uns die „Christbäume“ (so nannte man diese Art Waffe) bescherten. Ihr Zweck war, die Stadt zu beleuchten, um den Piloten der Bombenflugzeuge eine bessere Möglichkeit zur Orientierung zu geben. Ich war wie von Schreck gelähmt. Mutter, die auf dem Treppenabsatz auf mich gewartet hatte, rief meinen Namen. Schließlich schrie sie fast. Wir wussten beide, dass es jetzt innerhalb kurzer Zeit loskrachen werde. Ich konnte mich nicht rühren, saß wie festgenagelt auf dem Klo. Mein Magen krampfte sich zusammen. Mutter stand, bald rufend, bald jammernd, vor der verschlossenen Tür. Endlich erfüllte sie meine Bitte und ging alleine in den Keller. Als ich runterkam, reagierte sie sich ab, indem sie mich ausschimpfte: „Das sage ich dir, das tust du nie wieder!“ Als ob ich irgendetwas hätte ändern können.

 

   Mutter war erneut zu gemeinnütziger Arbeit einberufen worden, und zwar auf dem Bahnhof. Sie hielt überhaupt nichts davon. Vielleicht war die Trennung der Familien die Ursache der vermehrten Reiseaktivität - obwohl da überall stand „Räder müssen rollen für den Sieg“. Ich versuchte, Mutter eine Freude zu bereiten, indem ich die Küche sauber machte und ihre Anweisungen auf Punkt und Komma ausführte. Einmal stand auf ihrem Zettel „Versuch, Fisch zu kriegen!“ Ich rannte los. Der Fischhändler hatte nur noch ein paar Aale. Lebende Aale! Ich habe völlig vergessen, wie ich mit dieser quicklebendigen Last zurückgekommen bin. Unvergesslich ist dagegen alles, was anschließend geschah: Ich füllte die Badewanne mit Wasser, ließ die Aale hinein und freute mich, als sie wieder zum Leben erwachten. Du liebe Zeit, wie sie sich schlängeln und drehen konnten. Als Mutter nach Hause kam und müde fragte, ob es mir geglückt sei, ein paar Fische zu ergattern, und als ich sie stolz ins Badezimmer führte – oh weh, da wurde sie ganz stumm. Ich glaube, sie hatte Lust, mir eine Menge zu sagen. Aber sie verkniff es sich glücklicherweise und ging mit zusammengepressten Lippen an die Arbeit. Öffnete den Stöpsel der Badewanne ein wenig, so dass das Wasser ablaufen konnte. Ach, meine armen Aale. Aber das war noch nichts im Vergleich mit dem, was danach kam.  Sie holte eine Tüte Salz. Schüttete die ganze Tüte über die Aale, die sich nun „totlaufen mussten“, wie Mutter sagte. Ich ging raus. Und empfand in diesem Augenblick für meine Mutter dasselbe, was ich für Vater empfunden hatte, als ich ihn das erste Mal ein Kaninchen schlachten sah.

 

   Ab und zu vergessen, ab und zu ein Kind sein zu können, das bedeutete in diesen Zeiten Seligkeit – oftmals nur für kurze Zeit. Eines Nachts auf dem Heimweg von Freunden ging ich zwischen meinen Eltern. Sie hatten mich bei der Hand genommen. Es war eine sternenklare Nacht, und ich war gerade dabei zu denken: Diese Nacht ist wie geschaffen für einen Fliegerangriff. Vergaß das aber, legte meinen Kopf weit zurück und sah nur die Sterne. Sie wanderten mit uns. Obwohl ich wie „Hans kiek in die Luft“ im Buch Struwwelpeter ging, konnte ich doch nicht hinfallen, Vater und Mutter hielten mich fest, sie leiteten mich.

   Keiner von uns sagte etwas. Ich genoss nur. Wir gingen an der Alster entlang, diesem schönen, seenartigen Fluss mitten in Hamburg. Jetzt war sie nicht wiederzuerkennen, denn man hatte die Binnenalster mit einer Art Matte zugedeckt und Attrappen von Häusern und Straßen darauf errichtet. Bis hin zur Lombardsbrücke hatte man auf diese Weise über der Binnenalster einen künstlichen „Stadtteil“ geschaffen und die Außenalster mit einer Brückenattrappe in zwei Teile geteilt. Die englischen Flieger sollten glauben, die Attrappe sei die Brücke, die sie bombardieren sollten.. Die richtige Bücke, die Lombardsbrücke, war wichtig für den Nord-Süd-Verkehr. Ich hatte meine Zweifel, ob der Feind so leicht an der Nase herumgeführt werden könne. Er hatte ja seine Spione. Daran wurden wir ja immerfort erinnert. An den Hauswänden, auf dem Bahnhof und an Litfasssäulen hing ein Plakat, das den schwarzen Schatten eines Mannes – des Spions – zeigte. Und der Text ermahnte uns: „Achtung! Feind hört mit!“

   „Ach, Papa, das ist doch eine Schwindelnummer. Die Attrappen sind Unfug wie „Hermann Meier“, die Sperrballons, der Schützengraben hinter Margarets Haus und das wöchentliche Eintopfessen. Alles ist nur Schwindel, der uns Sand in die Augen streuen soll. Welcher Trottel glaubt denn daran, mit Eintopfessen Deutschland unabhängig von Importen machen zu können …“. Ich war dabei, mich in Rage zu reden, als Vater mich mit seinem ermahnenden „Jette!“ bremste. Glücklicherweise ersparte er sich die Bemerkung, dass ich mit meinem Mundwerk die ganze Familie an den Galgen bringen könne.

 

   Insbesondre in Notzeiten ist das Zusammensein mit denen, die man liebt, eine unbeschreibliche Kraftquelle. Nur wenige Kinder meiner Umgebung nahmen das Angebot der „Kinderlandverschickung“ - einen Aufenthalt in ländlicher, friedlicher Umgebung - an. Ich erinnere mich, dass aus unserem Wohnviertel die Schwestern Elfi und Edith M. fuhren. Sie hinterließen eine große Leere, obwohl wir doch so viele Kinder waren. Insbesondere mit Edith wechselte ich viele, lange Briefe mit Berichten über alles Mögliche. Ein Satz war in jedem Brief wiederzufinden: „Wenn der Krieg vorbei ist – und das ist er sicher bald – dann treffen wir uns wieder!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                A u f b r u c h

 

 

Vergesst nie, dass das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt“.

 

                                                                                                                  Adolf Hitler

 

 

   Er hatte sich freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet, mein Bruder. Dies teilte er uns eines Abends in einem Ton mit, als sei das nichts Besonderes. Mit gespielter Gleichgültigkeit teilte er uns diese Tatsache mit, deren Auswirkungen keiner von uns ahnen konnte. Er erzählte uns das Nichtzufassende in demselben Ton, den er anzuschlagen pflegte, wenn er meinte, Vater und Mutter mitteilen zu müssen, dass er vorhabe, in den Kintopp zu gehen, sich aber nicht ganz sicher war, ob das den beiden recht sei.. Als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt sei, erzählte er uns, dass er nun Soldat werde. Denn selbstverständlich müsse auch er sein Vaterland schützen. Während er noch diese wohlbekannten Worte sagte, sah ich Mutter erstarren. Ich hatte erwartet, dass sie weinen oder schimpfen, mit den Armen fuchteln, Krach schlagen oder auf andere Weise ihrer Sorge und Verzweiflung Ausdruck geben werde. Aber sie stand nur da – mitten in der Küche und sah sonderbar aus. Dann ging sie zum Schrank – erreichte ihn mit wenigen Schritten. Nun merkte ich, dass die Küche wirklich nicht so groß und geräumig war, wie ich das immer angenommen hatte. Ihre scheinbare Ruhe und Beherrschung wunderten mich. Ich dachte, nun „spielt“ Mutter ihre Rolle in diesem Stück, nun tut auch sie, als ob das hier ein ganz normaler Tag mit seinen ganz normalen Vorkommnissen sei – nun öffnet sie den Schrank und deckt den Tisch und erwähnt Wolfgangs Mitteilung mit keinem einzigen Wort, als ob sie nicht besonders wichtig sei. Aber dann ging mir auf: sie war zum Schrank gegangen, um Halt zu suchen. Nicht zu Vater oder mir – sondern zum Schrank. Der war ein sogenanntes Büffet, ein bisschen aus der Mode gekommen, aber niemand von uns konnte sich unsere Küche ohne diesen Schrank vorstellen. Vater hatte ihn hellblau gestrichen, die Leisten um die Türen eine Idee dunkler. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich das Ganze mit einer niemals zuvor erlebten Deutlichkeit wahrnahm: Mitten auf dem Schrank die weiße, ovale Decke mit den beiden in dunkelblauem Garn gestickten Holländern, eine der Decken, die Mutter gestickt hatte, als Vater zu Beginn der Dreißiger Jahre Nachtdienst hatte. An der Rückwand des Schranks befanden sich in Reih’ und Glied die alten blau-weißen Gefäße für Mehl, Zucker, Reis, Nudeln und alle möglichen Grützen – Mutter duldete nicht, dass sie leer waren. Ich weiß nicht, warum ich all’ das so deutlich hervorgehoben sah, als Wolfgang uns mitgeteilt hatte, dass er uns nun verlassen werde, um als Freiwilliger zur Wehrmacht zu gehen. Innen im Schrank, an den Kanten der Borde, hatte Mutter gestickte Bänder angebracht. Die Schranktüren waren geschlossen, aber auch diese Bänder gehören mit zum Erinnerungsbild dieser Stunde.

   Als wolle er möglichem Widerstand vorbeugen, begann Wolfgang, über seine Rechte zu sprechen: Wenn man siebzehn ist, hätten weder Vater noch Mutter irgendein Recht, sich einzumischen. Nicht im Allgemeinen und insbesondere nicht, wenn es gilt, dem Vaterland zu dienen.

   Ich stellte mich neben Mutter. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Alles in mir distanzierte sich in diesem Augenblick vom Bruder. Vater begann, über den Krieg zu sprechen. Wie damals, als wir klein waren, sprach er auch über die Angst. Über die sogenannten Helden. Er sprach mit einer Innigkeit, die wir von ihm nicht gewohnt waren. Er wagte es sogar, über seine Angst, den Sohn zu verlieren, zu sprechen.

   In der Hitler-Jugend hatte man uns das folgende Gedicht beigebracht:

                                 Lass mich gehen, Mutter, lass mich gehen!

                                 All’ das Weinen kann uns nichts mehr nützen;

                                 denn wir gehen, das Vaterland zu schützen.

                                 Lass mich gehen, Mutter, lass mich gehen!

                                 Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir küssen:
                                 Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!

 

                                 Wir sind frei, Vater, wir sind frei!

                                 Tief im Herzen brennt das heiße Leben.

                                 Frei wären wir nicht, könnten wir’s nicht geben.

                                 Wir sind frei, Vater, wir sind frei!

                                 Selbst riefst du einst in Kugelgüssen:

                                 Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!

 

   Wir Kinder hatten gelernt, dieses Gedicht mit dem gewünschten Pathos aufzusagen, besonders die Worte: „Selbst riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen!“ Wir sangen diese Worte auch als Kanon. Auch dieses Lied hatte ich ohne weiteres singen können, denn es ging mich ja nichts an. Aber seit der Stunde, in der uns Wolfgang als das Selbstverständlichste auf der Welt erzählt hatte, dass er jetzt Soldat werden wolle, in der ich Mutters Schmerz und Vaters Ohnmacht sah, war ich nicht mehr in der Lage, dieses Gedicht „aufzuführen“. Immer behalte ich die Stunde in Erinnerung, als Vater über die Angst der Soldaten an der Front berichtete und in der Wolfgang antwortete: „Angst ist weibisch, Vater“. Und in der es Wolfgang notwendig fand, ein paar tröstende Worte zu sagen: „Du wirst sehen, Vater, dass ich feiwillig in den Krieg ziehe, wird mir später nutzen, wenn es gilt, eine besonders gute Ausbildung und eine gute Stellung zu kriegen. Die Freiwilligen werden immer eine Sonderstellung einnehmen. 'Der Dank des Vaterlandes ist dir gewiss!' Das versprechen sie, Vater“. Und in der Vater mehrmals schlucken musste, bevor er antwortete: „Krieg ist niemals – kann niemals von Nutzen sein! Und merk dir endlich: Niemand wird dir jemals für das Opfer danken, das du jetzt bringen willst“.

   Am  26. April 1940 wurde Wolfgang gemustert und k.v. befunden, „kafau“, wie man das aussprach, was „kriegsverwendungsfähig“, also tauglich für den Krieg und anwendbar im Krieg, bedeutet. Er bekam einen Wehrpass. Hier stand schwarz auf weiß, dass er freiwillig zum Militär gegangen sei. Aber hier konnte er auch lesen, dass man den Inhaber des Passes bis auf weiteres als Reserve der Reserve eingestuft hatte. Und diesen Vermerk nahm Wolfgang übel. Als ob er eine Schande sei.

   Man stelle sich vor, man benötigte ihn jetzt nicht! Man konnte sich erlauben, eine Weile auf seine Hilfe zu verzichten. Da kam er und stellte sich zur Verfügung mit seinem ganzen jungen Mut und seiner Stärke und seinem Willen, Führer, Volk und Vaterland zu verteidigen. Und was war der Dank? Man setzte ihn als einen der Letzten auf die Warteliste.

   Aber Vater meinte, man habe vielleicht noch keine Verwendung für einen siebzehnjährigen Burschen. Auch das nahm Wolfgang übel, Bursche! Wie konnte man sich erlauben, ihn „Bursche“ zu nennen. In Wolfgangs Wehrpass war auch vermerkt, dass er sich stets bereithalten müsse. Das klang in Wolfgangs Ohren schon besser. Aber wir schmunzelten doch alle etwas über den Hinweis, dass er nicht berechtigt sei, ins Ausland zu reisen. Als ob es keinen Krieg gäbe! Als ob man nach Herzens Lust und aus freiem Willen alle Grenzen überqueren könnte!

   Und dann sprachen wir nicht mehr darüber. Eine Weile glaubte ich wirklich, dass alles vergessen sei. Und hoffte, dass auch das Wehrbezirkskommando diesmal einen Jungen namens Wolfgang vergessen werde. Er plante nämlich gerade eine Fahrradtour zusammen mit Freunden durch Schleswig-Holstein. Glücklicherweise klappte es, und sie kamen gesund und sonnengebräunt und voller guter Erlebnisse wieder nach Hause. Fotos von dieser Tour zeigen ihn jung und ausgelassen zusammen mit anderen Jugendlichen. Diese Bilder nahm Mutter während der folgenden Jahre häufig aus der Schublade. Sie guckte sie immer mit einem Seufzen an, und das konnte ich nicht  verstehen. Die Aufnahmen dieses fröhlichen Sohnes konnten doch nicht Anlass zum Seufzen sein.

 

   Am 30. September 1940 schloss der junge Mann, wie er am liebsten genannt werden wollte, seine Lehrzeit mit der Gesellenprüfung ab. Am 12. November kam seine Einberufung zur Kriegsmarine. Am 18. November 1940 sagte er uns Lebewohl. Wolfgang wollte nicht, dass ihn jemand von uns zum Bahnhof begleitete. Das Haus verließ er durch die Gartenpforte. Die Haustür zur Straße hin wurde nur vom Briefträger und von Personen, die von Amts wegen kamen, oder von angesehenen Gästen benutzt. Beim Einzug war uns Kindern vorgeschrieben worden, immer nur die Gartentür zu benutzen. Allmählich fanden wir diesen Weg am besten, um wegzugehen - und nach Hause zu kommen.

   Mutter stand am Küchenfenster, als er ging. Sie weinte nicht. Aber sie stützte sich mit beiden Händen auf den Küchentisch. Ich legte meinen Arm um sie; sie bemerkte mich nicht. Langsam – sehr, sehr langsam – ging Wolfgang durch den Garten zur Pforte, die er sorgfältig schloss – was er doch früher zu Vaters Ärger allzu leicht vergessen hatte. Er sah nicht zurück. Mutter und ich folgten ihm mit den Augen. Und als er aus unserem Blickwinkel verschwunden war, sagte Mutter: „Wenn dieser Krieg vorbei ist, ist er nicht mehr“.

 

   Mutter und ich waren alleine. Vater hätte an ihrer Seite sein sollen. Aber das konnte er nicht. Sein Antrag auf Versetzung in seine Heimat war angenommen worden. Ein Strich durch die Rechnung bedeutete es, als man ihm im letzten Augenblick mitteilte, dass er nicht in seiner Heimat, sondern in Zentralpolen eine Stelle erhalten werde.

   Am 3. Oktober nahm er Abschied. Mutter und ich begleiteten ihn zum Bahnhof. Vater benahm sich, als ob er eine ganz gewöhnliche Reise unternähme. Aber Mutter war sehr still. Unmittelbar bevor Vater in den Zug steigen musste, kaufte er mir aus einem Automaten ein Päckchen mit gebrannten Mandeln.

   Danach schlug ich Mutter vor, durch die Stadt zu bummeln oder ihre Freunde zu besuchen. Aber Mutter versicherte mir, sie könne gut alleine sein. Ich solle nur unbesorgt zu Lori gehen, die im selben Reihenhauskomplex wie wir wohnte. Sie hatte Geburtstag und erwartete, dass ich kam.

   Zu Hause bei Lori war alles beim Alten. Alle Mädchen, die auch sonst bei ihren Festen zu sein pflegten, waren da. Alle taten, als ob es das Selbstverständlichste der Welt sei, seinen Vater zum Zug zu begleiten, der ihn nach Polen brachte – zu einem Zug, der ihn wegführte aus einer Welt, die bisher unsere gemeinsame Welt gewesen war – als ob das alles nicht der Rede wert sei. Die Mädchen hatten schon begonnen, Kuchen zu essen, und Loris Mutter versorgte mich mit dem einen oder anderen Leckerbissen. Nach zwei Stücken wurde mir übel, und ich bekam Schüttelfrost. Loris Mutter brachte mich hoch ins Kinderzimmer, legte mich in Loris Bett und gab mir Baldriantropfen. Lori kam auch rauf. Sie meinte lächelnd, ich hätte wohl zuviel Kuchen gegessen. Aber Loris Mutter sah aus, als habe sie verstanden, ohne dass man ein einziges Wort zu sagen brauchte. Sie war in derselben Gegend wie Vater geboren und aufgewachsen. Ihr Mann war auf Grund einer Beförderung nach Kiel gegangen. Das war nicht so weit weg, er kam sonntags oft nach Hause. Loris Mutter strich mir über das Haar und sagte, dass sie nie nach Kiel ziehen werde. Und dann sagte sie, sie kenne meine Mutter gut genug, dass sie behaupten könne, dass meine Mutter am liebsten hier bliebe.

   Von diesem Tag an habe ich viele Jahre keine gebrannten Mandeln essen können, und schon der Geruch von Baldriantropfen bereitete mir Übelkeit.

   Wolfgangs erster Standort war die Marineschule in Meierwik bei Flensburg. Am Tag nach seiner Ankunft  schrieb er eine Karte: „Liebe Mutter! Heute haben wir unsere Uniform bekommen. Schick mir ein Paar Hosenträger. Herzl. Gruß, Wolfgang“.

   Die kleinste Größe der Matrosenhosen (die ja stramm sitzen sollten, um schick auszusehen) war zu groß für die Kindersoldaten.

   Drei von Mutters Schwestern wohnten in Flensburg und Umgebung. Wolfgang besuchte vor allem Tante Marie, die zwei Söhne ungefähr in Wolfgangs Alter hatte. Da war Leben im Haus, und die Tante schrieb Mutter, dass sich Wolfgang wohlfühle, er empfinde das als spannendes Ferienerlebnis.

 

   Der Enterich begann, sich zu verändern. Nach Vaters Abreise blieb er dabei, auf seinem kleinen Hügel nach Vater Ausschau zu halten. Ich hatte dem Enterich den Namen Hans gegeben und mit der Zeit begonnen, ihn wegen seines majestätischen Verhaltens König Hans zu nennen. Nun zeigte sich, dass sich die Majestät zu einem gereizten Knacker entwickelte. Niemand durfte ihm nahe kommen. Allmählich waren wir alle in seinem Entenstall ganz und gar nicht willkommen. Er schnappte nach Mutter, wenn sie den Futternapf der Enten saubermachen wollte. Bald darauf fraß er fast nichts mehr und versuchte, auch die Enten am Fressen zu hindern.

   Nachbar Radecke sagte, dass sich der Enterich nach Vater sehne. Und als der gute Nachbar, der er war, bot er seine Hilfe an. Er hatte die Plauderstunden von Vater und dem Enterich beobachtet, und deshalb kam Radecke eines Tages in seiner Polizeiuniform den Gartenweg entlang und tat so, als ob Vater nach Hause käme. Er versuchte sogar, Vaters federnden Gang nachzuahmen. Aber der Enterich ließ sich nicht täuschen, er streckte den Hals vor und fauchte Radecke an. Dann war da ein anderer Nachbar, der meinte, dass das Tier alles vergessen werde, wenn man es in einen dunklen Raum sperrte. Es war nun  meine Aufgabe, den widerspenstigen König einzufangen, weil er mir früher ab und zu erlaubt hatte, ihn zu streicheln. Nun tat er, als wolle er nach mir schnappen. Im Schuppen, wo Wolfgangs und mein Blockwagen gestanden hatte, sollte König Hans in totaler Dunkelheit das Vergessen lernen.

   Als er nach ein paar Tagen befreit wurde, wandte er sich rasend gegen mich und seine Enten. Mutter entschied – und alle stimmten ihr zu – den Enterich zu schlachten. Denn wenn man ein Tier hat, lässt man es nicht leiden.

 

   Vaters Briefe aus Polen enthielten beunruhigende Sätze: Der Krieg ist hier nicht vorbei. Die Bevölkerung ist auf ihre eigene Weise bewaffnet. In der Stadt gehen die Menschen umher mit Schwertern in den Augen. Jedes Mal, wenn man ihnen begegnet, hat man den Eindruck, als wollten sie einen durchbohren. In den Wäldern halten sich Partisanen verborgen. Partisanen sind bewaffnete Zivilisten. Dies hier ist ein anderer Krieg als der über Hamburg. Aber es ist Krieg, und bisweilen ist man zu sagen versucht, dass er schlimmer sei als der, der von Soldaten mit Bomben und Granaten geführt werde. Denn man wisse nie, wo der Feind steht.

Vater stellte fest, dass dieser Ort nichts für uns sei. Und damit war entschieden, dass Mutter und ich zu Hause in Hamburg blieben.

   Dann kam Vater auf Weihnachtsurlaub. Ich bekam eine Riesentüte mit polnischen Bonbons. Von ihnen durfte ich meinen Freundinnen abgeben. Er hatte mir auch einen seidenartigen Schal, ein Paar leichte Stiefel und eine äußerst hässliche, maschinengestrickte Wolljacke gekauft. In Polen herrschte kein Mangel an Waren. Die Lebensmittelrationen waren dort größer als im Reich – das heißt für den deutschen Teil der Bevölkerung. Die Öffnungszeiten der Geschäfte waren unterteilt in solche für Polen und solche für Deutsche.

 

   Wolfgang bekam keinen Weihnachtsurlaub. Er war in Aurich, wo er zum Funker ausgebildet wurde. Er schilderte die Reise von Flensburg dorthin und machte sich über den äußerst schlecht organisierten Transport, der in zwei uralten holländischen Waggons geschah, lustig. Diese Wagen wurden sechsmal an einen anderen Zug gekoppelt, bevor sie Oldenburg erreichten. Danach mussten sie viermal umsteigen. Aber das „Allerlustigste“ war wohl, dass sie – nach einer Übernachtung auf Strohsäcken in einer Oldenburger Turnhalle – am nächsten Morgen feststellen mussten, dass ihr Zug mit dem Gepäck schon unterwegs war. Nach Frankreich! Werde der Krieg gewonnen, dann jedenfalls nicht auf Grund „hervorragend organisierter“ Truppentransporte!

 

   Überhaupt spiegeln seine Briefe keine Begeisterung, keine Freude wider. Einmal schreibt er: „Ach könnte ich zu Hause sein. Ja, ich möchte so gerne zu Hause  sein und Kaninchenbraten essen“. Um anschließend zu betonen, dass das Essen beim Militär gut und reichlich sei. Mutter liest Heimweh zwischen den Zeilen heraus. Anfangs klagt Wolfgang nicht, aber bald macht er Bemerkungen über dreckige Kasernen, über überfüllte, allzu warme, schlecht gelüftete Schlafräume und dass ihn der „ganze Dreck“ anwidere.

   Mutter legt die Briefe ihres Sohnes auf ihre eigene Weise aus. Vater tröstet sie in seinen Briefen. „Das rührt nur daher, dass  Wolfgang gewohnt ist, alleine zu schlafen - und dies bei jeder Witterung und zu jeder Jahreszeit bei offenem Fenster“. Aber Mutter hatte eine andere Erklärung. Sie schickt ihm Päckchen mit selbstgebackenem Kuchen, und Wolfgang äußert nun besonderen Wünsche, was Mutters gutes Gebäck anbelangt:  „Du weißt, der Honigkuchen, Mutter, den Du immer zu Weihnachten backst“. In einem Brief erwähnt er eine Erkältung, die er nicht loswerde. Er, der früher nie erkältet war. Nicht den kleinsten Schnupfen hatte er je gehabt. Und dann kam der Tag, an dem er einen Satz schreibt wie: „Wäre ich nur nie Soldat geworden! Wenn ich jetzt Zivilist wäre, . . . “.

   Gut, dass dieser Brief nicht in falsche Hände kam!

   In keinem einzigen Brief erwähnt er auch nur mit einem Wort Führer, Volk und Vaterland. Nie schließt er mit „deutschem Gruß Heil Hitler“, wie es sich gehörte. Er sendet „liebe Grüße“.

 

   Ich erinnere mich kaum an Weihnachten 1940. In Büchern habe ich gelesen, dass die Hamburger Bevölkerung an diesem Weihnachtsfest dabei gewesen sei, sich an den Krieg zu gewöhnen. Ich aber hatte mich an nichts gewöhnt, was mit dem Krieg zusammenhing. Das Schlimmste war jetzt die Trennung von Vater. Aber darüber durfte man auch nicht sprechen -  andere Väter waren an der Front, und das war weitaus schlimmer. Um Weihnachten verdrängte ich die Tatsache und bildete mir ein, dass Vater bei uns bliebe, dass alles wie früher würde. Aber Vater fuhr ab. Ich erinnere mich noch nicht einmal, ob ich ihn zum Zug begleitet habe oder nicht.

   Mutter ließ mich Vaters Briefe nicht mehr lesen; sie teilte mir lediglich einzelne Sätze daraus mit, und die handelten in der Regel von seinen Sorgen über uns und unser Leben in einer Stadt, die schweren Bombardements ausgesetzt war. Der Luftkrieg über Hamburg wurde 1941 heftiger, war von der RAF aus zielgerichteter und besser organisiert.  Die Bomben hatten jetzt ein größeres Kaliber, man hatte aus Fehlern gelernt und die Technik weiterentwickelt. Vater schrieb von seinen Gedanken und Gefühlen, wenn er morgens in den ersten Nachrichten im Radio  Berichte über Luftangriffe auf  Hamburg hörte.

   Im Februar hatte Vater wieder einen kurzen Heimaturlaub. Er brachte mir als Geschenk eine Kette aus gedrechselten und bemalten Holzperlen mit. Ich fand Vater verändert. Er und Mutter sprachen oft unter vier Augen miteinander. Und dann kam er eines Tages mit der für unsere Zukunft so entscheidenden Frage: „Wollt Ihr nach Polen ziehen? Wollt Ihr dort mit mir den Alltag teilen? Denn alles wäre leichter zu ertragen, wenn wir zusammensein könnten“.

   Mutter gab mir zu verstehen, dass meine Meinung nicht gefragt sei. Schweren Herzens hatte sie sich entschlossen, zu Vater nach Polen zu ziehen. Dies teilte sie in einem Brief auch Wolfgang mit. Und Wolfgangs Antwortbrief drückte Enttäuschung und Schmerz aus:

   „Ich bin sehr traurig, dass Ihr jetzt nach Polen ziehen wollt. Ich hätte das nie getan. Und ich bin mir sicher, dass ich später, wenn ich heirate, in Hamburg wohnen werde. Denn nur dort möchte ich leben“.

 

   Wolfgang wechselte während seiner Ausbildung zum Marinesoldaten unaufhörlich den Aufenthaltsort. Er war während dieser Zeit nie auf einem Schiff stationiert. Wir bekamen Post aus Flensburg, Kiel, Königsberg in Ostpreußen, Aurich und wieder Kiel, bisweilen unmittelbar aufeinander. Aus unerklärlichen Gründen verlegte man die Marinesoldaten ständig woanders hin. Die Matrosen begannen, sich über diese Bahntransporte von Nord nach Süd und von Ost nach West lustig zu machen, indem sie sagten: „Die ganze Marine liegt auf Rädern“. Ein Wortspiel - und verdeckte Kritik an Großadmiral Raeder. Im April bekamen wir von Wolfgang eine Karte, die in Danzig und Königsberg abgestempelt war. Und eine Mitteilung, dass er nach 78 Stunden Fahrt endlich an seinem vorläufigen Aufenthaltsort Pillau in Ostpreußen angekommen sei. Er schrieb, dass sie über Hamburg gefahren seien, wo sie auf Grund einer schlecht organisierten Fahrt ohne Mäntel und bei beißender Kälte 6 Stunden auf einem Rangiergleis bei Eidelstedt – also nicht weit von uns entfernt – gestanden hätten.

   Als Mutter das las, jammerte sie: „Hätte ich das bloß gewusst! Hätte man ihm nur erlaubt, mich zu benachrichtigen, dann wäre ich hingegangen, um ihn zu treffen“. Nachbar Radecke antwortete mit einem verlegenen Lächeln, dass man in einem Krieg nicht so einfach aufkreuzen könne, um seinen Sohn zu sehen. Eine Woche später schrieb Wolfgang, dass man beabsichtige, ihn nach Kiel zu versetzen, und dass er dann – wenn er über Hamburg käme – vielleicht eine Chance hätte, uns zu sehen.

   Aber das war uns nicht vergönnt.

   Die folgenden Briefe erfüllten Mutter mit Unruhe. Die Erkältung, die Wolfgang nicht loswerden konnte, hatte sich zu einer doppelten Rippenfellentzündung entwickelt. Er wurde in Kiel in ein Lazarett eingewiesen. Hier punktierte ihn ein Arzt, um das Wasser zu entfernen. Dabei beschädigte er die Lunge: Eine Lungenentzündung war die Folge. Aber davon erfuhren wir erst, als sie überstanden und Wolfgang auf dem Weg der Besserung war.

   In einem der Briefe teilte uns Wolfgang mit, dass einer seiner besten Freunde und andere Kameraden aus der Ausbildungszeit in Meierwik mit ihrem Schiff auf eine Mine gelaufen seien. Keiner sei gerettet worden.

 

   Eines  Tages hörte ich, wie Frau Radecke zu meiner Mutter sagte, sie habe sie lange nicht mehr singen hören. Aber ein paar Wochen später – es war ein sonniger Tag und Mutter hängte gerade Wäsche auf – hörte ich sie summen.

   Wolfgang war fieberfrei und  sollte ins Lazarett nach Glückstadt – also in unsere Nähe - verlegt werden!

   Mutter und ich besuchten ihn so häufig, wie sich dies machen ließ. Das Lazarett war überfüllt. Wir waren mit Wolfgang nie alleine, stets waren die anderen kranken Soldaten anwesend. Alle sprachen sie mit uns, insbesondere mit Mutter. Machten kleine aufmunternde Bemerkungen. Sie benahmen sich überhaupt, als seien wir alte Bekannte und als gehörten wir zusammen. Wolfgang aber fand ich verändert, manchmal geradezu fremd, allzu oft schwieg er auf eine unerklärliche, eigenartige Weise. Doch schrieb er uns Briefe, kurze Mitteilungen oder lange Beschreibungen von allem Möglichen seines täglichen Lebens. Nie schrieb er „Der Sieg wird unser sein!“ Er benutzte überhaupt keine politischen Floskeln mehr, weder in seinen Briefen noch in den Gesprächen mit uns. Nichts in seinen Briefen ließ erkennen, dass sie von einem „Soldaten“ geschrieben worden waren, von einem, der Führer, Volk und Vaterland diente.

   Und aus mir unerklärlichen Gefühlen, genährt von Schmerz, Sehnsucht und Unruhe, wünschte ich, dass er nach Hause kommen möge.

 

   Im Frühjahr 1941 begann Mutter, meine Garderobe zu erneuern, denn während der kommenden Wochen mussten wir herumreisen, um von der Familie und von Freunden Abschied zu nehmen, und da sollte ich ordentlich aussehen. Kurz vor oder gleich zu Beginn des Krieges hatte Mutter ein paar Meter karierten schottischen Stoff gekauft. Daraus  machte sie einen Faltenrock. Sie nähte auch eine dazu passende dunkelblaue Jacke und eine weiße Bluse. Dies alles wurde fertig zu Ostern, als wir zu unseren Flensburger Verwandten reisten. Während des Aufenthaltes in dieser Stadt, die einer Oase des Friedens glich, vergaß ich alles, was mit unserem Umzug zu tun hatte, vergaß  den Krieg. Genoss nur das Zusammensein mit Mutters Familie und vor allem mit meinen Vettern und Cousinen.

   Pfingsten machten  wir, Mutter und ich, unseren Abschiedsbesuch in Rendsburg. Muttis Bruder kam aus Kiel. Und wenn man nicht an den Anlass der Reise dachte, hätte man meinen können, alles sei wie früher. Mutter kam zur Ruhe, wenn sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder über alles Mögliche in der Sprache plauderte, die ihr so sehr lag, nämlich auf Plattdeutsch.

   Ich erinnere mich nicht mehr, ob es Pfingstsonntag oder Pfingstmontag war, als Mutter und Oma beschlossen, nach Hohn, Meggerdorf und Christiansholm zu fahren, um von der gesamten Familie Abschied zu nehmen. Ich hatte keine Lust, sie zu begleiten. Ich wusste, der Abschied fiel Mutter nicht leicht. Nicht, weil sie alle diese Menschen nicht hätte entbehren können, sondern weil sie, wie sie sagte, dabei sei, eine scharfe Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu ziehen. Sie konnte nicht begründen, warum sie ein solches Gefühl habe; es war nur so: alles bei diesem Abschied fiel ihr schwer.

 

   Karli schlug mir vor, in der Zwischenzeit einen langen Spaziergang am Nord-Ostseekanal zu machen. Das Wetter war prächtig, und die Natur zeigte sich aufs Allerschönste. Ein Dichter hätte vielleicht gesagt: Gras und Blumen, Busch und Bäume zogen sich ihr Festkleid an. Die Obstbäume blühten über und über, und das Gras duftete. Besonders aber fiel mir auf, dass Karli seine besten Sommersachen angezogen hatte. Denn damals zogen sich die Menschen auch zu Pfingsten festlich an. Und auch ich freute mich über meine schönen neuen Sachen und darüber, dass Karli mich bei der Hand genommen hatte, die er im Takt der Schritte hin- und herpendeln ließ. Viele Menschen waren an diesem Tag an den Kanal gekommen. Wir und andere blieben an einer Flak-Stellung stehen  und unterhielten uns mit den Soldaten. Die langweilten sich sichtlich und freuten sich über ein bisschen Gesellschaft. Eine alte Frau fragte sie, warum sie nicht ihren Laden zumachten und einen Ausflug unternähmen. Es sei doch Pfingsten, und an einem solchen Tag werde man die Waffen kaum sprechen lassen.

   Manchmal kommt es mir vor, als kämen Ereignisse wie in einem Marionettentheater über uns. Die Marionetten wissen nicht, was geschehen wird. Sie sind Puppen; eine große Hand führt sie an einer dünnen Schnur. Die Handlung des Stücks ist festgelegt, und niemandem entgeht, dass damit etwas beabsichtigt ist. Doch müssen die Zuschauer und die Beteiligten selbst – jeder für sich – daraus ihre Schlüsse ziehen.

    Kaum hatte die alte Frau diese Worte gesagt, hörten wir das bekannte Brummen von Flugzeugen, die sich rasch näherten. Ihre Geschwindigkeit kam mir unfassbar vor, denn die Maschinen flogen in sehr, sehr niedriger Höhe über dem Kanal. Zunächst dachte ich, dass es sich um deutsche Flugzeuge auf Übungsflügen handele – doch wer übt schon Pfingsten? Aber dann entdeckten wir – sehr, sehr ungläubig, obwohl wir das doch mit eigenen Augen sahen: es waren britische Maschinen! Britische Maschinen – direkt über unseren Köpfen – so nahe – das konnte doch nicht wahr sein. Ein paar Soldaten rannten zu den Geschützen, um sie schussklar zu machen, doch erhielten sie augenblicklich den Befehl, dies zu unterlassen. Die Maschinen flogen direkt über uns. Und dann geschah es – vor unserer Nase: die Maschinen öffneten ihre Luken und ließen Minen in den Kanal fallen. Wir sahen das und hörten sie mit einem gewaltigen Platsch auf dem Wasser aufschlagen. Ich kann mich nicht an die Menge der Flugzeuge erinnern. Sie flogen in Formation. Ich nehme an, dass auch Jagdflugzeuge dabei waren. Zusammen mit den Soldaten betrachteten wir dieses Schauspiel und waren schlichtweg imponiert von der Dreistigkeit und dem Können der britischen Piloten. Ein Soldat konnte sich eine anerkennende Bemerkung über ein solches soldatisches Können nicht verkneifen. Ein paar Zivilisten klatschten Beifall, einige Soldaten grinsten, andere sahen resigniert aus, und ich meinte, auch ein paar Flüche zu hören. Die Sonne schien, alle sollten sich freuen. Nicht ein Schuss war gefallen. Und die Minen, na ja, die konnte man wieder rausfischen, bevor sie Schaden anrichteten.

   Die  Flugzeuge waren schon dabei, sich zu entfernen,  als ein paar – oder war es nur eins, daran kann ich mich nicht erinnern – umdrehten und zurückkamen und anfingen, die Flakstellung, an der auch wir standen, zu beschießen. Die Soldaten schrieen, wir Zivilisten sollten rennen und Deckung suchen. Ich stand gerade nicht neben Karli und verlor deshalb kostbare Sekunden, um ihn zu suchen. Ein Soldat nahm mich bei der Hand und rannte mit mir auf ein Wäldchen zu. Aber bevor wir es erreichten, drehte ein Flugzeug um. Sehr niedrig flog es auf uns zu. Der Soldat stieß mich ins Gras und rannte dann weg. Weil er, wie er danach erklärte, als Soldat ein kriegsrechtlich legitimes Ziel sei. Ich hörte ein paar Maschinengewehrsalven. Hörte die Maschinen sich entfernen und stand auf. Allein auf der Wiese – alle anderen Zivilisten hatten im Wäldchen Zuflucht gefunden – sah ich das Flugzeug noch einmal zurückkommen. Die Soldaten schrieen: „Lauf! Such’ Deckung! Lauf, lauf!“ Aber ich stand wie festgenagelt – war unfähig, mich zu rühren, konnte auch nicht denken. Aus dem Flugzeug wurde eine Maschinengewehrsalve auf mich abgefeuert. Die Projektile schlugen neben mir im Gras ein. Wieder hörte ich Menschen schreien: „Such Deckung!“ Ich warf mich an Ort und Stelle auf den Boden, bohrte mein Gesicht ins Gras. Wie das  nach Saft und Gedeihen duftete! Ich fürchtete, das Gras werde in meinem neuen Zeug Flecken hinterlassen. Mutter würde davon nicht begeistert sein.

   Man erzählte mir, dass das Flugzeug noch einmal zurückgekommen und in äußerst niedriger Höhe über der Wiese gekreist sei und sich dann entfernt habe.

   Karli war außer sich vor Schreck. Als wir uns wiedersahen, drückte er mich herzlich an sich, das wollte überhaupt kein Ende nehmen. Auf dem Heimweg sagte er, es sei wohl das beste, Mutter zu schonen, wir sollten ihr nicht allzu genau von den Ereignissen des Nachmittags erzählen. Sie habe schon Sorgen genug. Deshalb beschränkten wir uns darauf, ein paar Sätze zu sagen wie: „Da kamen ein paar britische Flugzeuge und schmissen Minen in den Nord-Ostseekanal. Das war ein großartiges Schauspiel.“

   Am Abend machte Oma im Wohnzimmer kein Licht an. Wir genossen die Dämmerung, die sich wie eine weiche und warme Decke um uns schloss. Oma und Mutter sprachen über die Erlebnisse des Tages bei „denen daheim“ in den Dörfern, die Oma wie nichts anderes auf dieser Welt kannte. Und die Stube füllte sich mit Namen von Menschen und Geschlechtern, von Höfen und Orten.

   Am nächsten Tag hörten wir im Radio, dass britische Flugzeuge versucht hätten, den Kanal mit Minen zu schließen. Es hieß, Spione hätten den Briten Hinweise über geplante Truppentransporte durch den Kanal von Kiel bis zur Nordsee gegeben. Ich kann mich nicht erinnern, ob das mit den Spionen durchs Radio kam oder ob wir es durch Flüsterpropaganda hörten. Mit wem man auch sprach, alle waren äußerst beunruhigt. Der Krieg hatte Rendsburg in einer Weise erreicht, die sich niemand hatte vorstellen können.

 

   Später in meinem Leben habe ich mir manchmal gewünscht, den Piloten zu treffen, der auf mich gezielt hatte. Theoretisch wäre das möglich gewesen. Auf beiden Seiten wurde über die einzelnen Ereignisse und Angriffe des Krieges Buch geführt. Sicherlich hatte man mit Genugtuung die „Aktion Pfingstsonntag 1941“, bei der alles ohne Verluste geklappt hatte, festgehalten. Aber zu derartigen Akten erhält eine „Größe“ wie ich nur schwer Zugang. Deshalb bin ich am Anfang solcher Tagträume dem Piloten fast durch einen Zufall begegnet. Die Welt ist ja oft nur ein Dorf. Ich sah mich als ein beinahe erwachsenes Mädchen und den Piloten als einen großen Jungen in Uniform. Er glich meinem Bruder, meinen Freunden, denn auch denen konnte es Freude bereiten, mich mit Gespenstergeschichten oder anderen Phantastereien zu erschrecken. So sind Jungen nun einmal; die können sich an den merkwürdigsten Dingen ergötzen. Und wenn sie merken, dass man nicht so leicht zu erschrecken ist, verfallen sie gerne auf Drastischeres. Deshalb stellte ich mir in meinen Tagträumen vor, dass die Antwort des jungen Fliegers auf meine Frage, warum er mich zu erschießen versucht habe, sein werde, dass er mich nur auf eine besondere Weise habe erschrecken wollen., weil ich glotzend mitten auf dem offenen Feld stehen geblieben sei, statt Deckung zu suchen. Aber er habe nie daran gedacht, mich zu töten – dies hätte durchaus geschehen können, sei aber nicht beabsichtigt gewesen.

   Als junges Mädchen habe ich in meinem Tagtraum den Flieger auf einem Fest getroffen. Da war der Krieg längst vorbei, und der junge Mann in Zivil war ein richtiger Charmeur,  jederzeit zum Flirt aufgelegt  - und vielleicht zu mehr. Er wusste nicht, wer ich war, aber ich erkannte ihn, und zu einem genau berechneten Zeitpunkt stellte ich ihm die mir äußerst wichtige Frage: „Warum hast du damals versucht, mich zu töten?“ Selbstverständlich erschien ihm diese Frage völlig idiotisch und deplaziert, weil er nie im Leben die Absicht gehabt hatte, eine junge Frau zu töten. Und erst recht keine wie mich! Aber als ich ihm von diesem Pfingstsonntag am Nord-Ostseekanal im Jahre 1941 erzählte, ja, da erinnerte er sich, schwieg lange und sagte schließlich: „Wir waren außer uns vor Freude über die wohlgeglückte Aktion. Wir waren vor Lebensfreude wie berauscht über diesen glücklichen Abschluss eines äußerst kühnen Plans. Warum ich schoss? Ja – das weiß ich nicht so richtig. Du hast wie eine Zielscheibe mitten auf dem Feld gestanden. Alle anderen liefen weg wie aufgescheuchte Hühner, du aber standest nur da. Ob ich deinen neuen Schottenrock gesehen habe? Ja, natürlich habe ich gesehen, dass es ein Schottenrock war. Ich bin ja selbst Schotte“.

   Auch als ältere Frau habe ich in meinen Wachträumen den Piloten aufgesucht: Ich hatte seinen Namen und seine Adresse in einem Archiv gefunden, denn viele Jahre nach dem Krieg war man der Ansicht, verantworten zu können, den Menschen Einblick in Begebenheiten und Aktionen des Krieges zu geben. In meinen Wachträumen fand ich es passend, den Helden von damals in einem typisch englischen Dorf in all’ der Schönheit leben zu lassen, die ein solcher Ort bieten kann. Als ich kam, kümmerte er sich im Vorgarten um seine Rosen. Er war weißhaarig, älter als ich. Ich blieb an der Gartentür stehen und ließ ein paar Bemerkungen über den schönen Garten fallen, so dass es gar nicht anders sein konnte, als dass wir ins Gespräch kamen über den eigenen Garten, den man liebt. Dabei kamen wir auf die kleinen Dinge des Alltags zu sprechen, philosophierten über das Altwerden und die Freude am Leben – über die gerade im Alter so bewusst empfundene Freude, weil alles um uns  herum uns zeigt, wie schnell die kostbare Zeit vergeht. Und dann, nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, als ob alles gesagt sei, nahm ich all’ meinen  Mut zusammen und fragte ihn, warum er mich einmal habe umbringen wollen, obwohl ich auf einmal aus unerklärlichen Gründen keine Lust mehr gehabt hatte, ihm diese Frage zu stellen. Er erschrak, musste er doch annehmen, eine geistesgestörte Person vor sich zu haben. Denn er wusste ja, er konnte dies sogar beschwören, was er auch tat – dass er nie und nimmer versucht und auch nicht die Absicht gehabt habe, mir nach dem Leben zu trachten. Deswegen war ich gezwungen, ihm zu erzählen von damals, von Pfingsten, als Mutter und ich bei Großmutter waren, um Abschied zu nehmen, weil der Krieg über Hamburg – die Nächte im Keller – die Angst – die Sorge um Vater. . .  .  Ich hatte mir vorgenommen, ihm eine Menge Dinge zu sagen, aber plötzlich konnte ich den Satz nicht beenden. Ich sah nämlich, wie es im Gesicht des alten Mannes zuckte. Ich sah, wie sich Schmerz in seinen Augen spiegelte, wie ich dies in den Augen so vieler anderen gesehen hatte. Auch er hatte seine Kriegserinnerungen.

   Ja, so stellte ich mir in meinen Tagträumen jahrelang ein Wiedersehen mit einem Soldaten vor, der mich einmal – aus Übermut, möchte ich annehmen – als Schießscheibe benutzt hatte.

 

   Karli war schon zu Beginn des Krieges „kriegsuntauglich“ erklärt worden. Er hatte sich einmal einen komplizierten Bruch an der Hüfte oder am Oberschenkel zugezogen. Man hatte ihn zusammengenagelt, und ich erinnere mich an so manchen dramatischen Bericht über diesen Nagel, der sich nicht so verhielt, wie er es nach Ansicht der Ärzte hätte tun sollen. Als der Krieg begann, konnte sich Oma über den schlechten Verlauf der Operation nur freuen. Allmählich wurde mir klar, dass Karli aus religiösen Gründen nicht hätte Soldat werden können und dass er als Kriegsdienstverweigerer sich selbst und der Familie große Probleme bereitet hätte.

   Im Sommer 1941 verbrachte Karli seinen Urlaub bei uns in Hamburg. Auch Mutters ältester Bruder kam, um ihr ein Wochenende lang bei dem einen oder anderen, was die Kräfte eines Mannes verlangten, behilflich zu sein.

   Wolfgang besuchten wir oft in Glückstadt. Er war nicht mehr bettlägerig, hatte aber ab und zu Fieber. Mutter betrachtete ihn mit unruhigen Blicken.

 

Nach der letzten Unterrichtsstunde vor den Sommerferien stand ich in unserer Klasse am Fenster und zupfte an einer Pflanze herum. Meine Klassenkameraden hatten mir gemeinsam Lebewohl gesagt. Einige hatten eine Topfpflanze zur Pflege mit nach Hause genommen. In den Jahren davor war ich es immer gewesen, die bei Ferienbeginn mit einem Handwagen auftauchte, um alle Topfpflanzen in meinen Garten zu bringen. Aber in Zukunft mussten sie ohne mich auskommen – die Pflanzen und die Kameraden und meine Lehrer. Und ich musste es ohne sie schaffen. Herr Hatje räumte sein Pult auf und packte seine Tasche, und als er damit fertig war, sah er unter dem Pult nach, ob auch alles in Ordnung sei, und guckte in seine Tasche, ob er nichts vergessen habe. Er ließ sich viel Zeit. Als das letzte Kind den Klassenraum verlassen hatte, ging ich zu meinem Lehrer. Er nannte meinen Namen, wusste, dass ich ihm viel sagen wollte, und verstand, dass ich nicht in der Lage sei, auch nur ein Wort herauszubringen. Er ergriff meine beiden Hände, und ich hätte ihm gerne einen Kuss gegeben. Aber ich war jetzt ein großes Mädchen - und da ist es nicht mehr möglich, seine Lehrer zu küssen. Jetzt wurde mir klar, dass ich diesen Lehrer wie keinen anderen mochte. Wäre ich älter und erfahrener gewesen, dann hätte ich gewusst, dass ich ihn verehrte und liebte, wie nur ein sehr junges Mädchen einen älteren Mann verehren und lieben kann. Aber das ahnte ich in diesem Augenblick nicht, ein so großes Mädchen war ich nun auch wieder nicht.

   Er ließ meine Hände los und wandte mir den Rücken zu. Als er sich wieder zu mir umdrehte, sah ich, dass er sich wie Vater auf die Lippen biss. Und dann sagte er in einem sehr schroffen Ton: „Das, was deine Familie jetzt vorhat, ist unklug. In Notzeiten ist es am besten, in seiner Heimat bei den eigenen Leuten zu sein. Ihr lasst euch in einem fremden, feindlich gesinnten Land nieder. –  Etwas Entsetzliches steht uns bevor. Und was geschieht dann mit euch? In Polen! Du wirst noch an meine Worte denken!“

   Und dann waren Ferien – meine letzten in Hamburg. Ich muss sie sehr bewusst und äußerst intensiv erlebt haben. Was ich mir auch vorgenommen hatte, es muss in dem Wissen um den nahen Abschied geschehen sein, mit dem Gefühl eines „zum allerletzten Mal“. Aber so gerne ich es auch möchte, ich erinnere mich aus diesen Ferien an nichts Besonderes, was nur mir gehörte – an meine Erlebnisse, meine Freude, meine Verzweiflung und meinen Kummer. Ich erinnere mich auch nicht, wie es um meinen Garten stand; Gartenarbeit war ja ausschließlich Vaters Sache.

   In diesem Sommer ist der Balkan längst besetzt. In der Wochenschau sehen wir Rommels „Wüstenfüchse“ bei Capuzzo über die Briten siegen. Nach langer Vorbereitung hatten am 22. Juni Hitlers Truppen die russische Grenze überschritten. Und in der Wochenschau auf der Leinwand marschieren die deutschen Truppen nun immer von links nach rechts – von West nach Ost. Sie sehen mitgenommen aus von der Wärme, vom Staub, von der Hitze des Gefechtes, aber sie lächeln immer und winken fröhlich, wenn sie den Kameramann passieren. Ich staune über alle diese fröhlichen Kriegshelden. Wo sind die schrecklichen Bilder geblieben, die Vater einmal in unserem Bewusstsein heraufbeschworen hatte? Onkel Jürgen sagt, alle „unpassenden“ Bilder würden aussortiert. Das Radio bringt eine „Sondermeldung“ nach der anderen, jede einzelne enthält Neuigkeiten über den siegreichen Vormarsch der deutschen Wehrmacht.

 

   Vater kam im August 1941 nach Hamburg, um Mutter beim Umzug zu helfen. Er habe eine Wohnung in einem Zweifamilienhaus besorgt, wozu auch ein Garten gehöre. Aber leider sei im Gebälk des Hauses der Schwamm, den man  allerdings vor unserer Ankunft entfernen  werde – die Handwerker seien schon an der Arbeit. Nein, ich hätte kein eigenes Zimmer, so viel Platz sei in diesem Haus nicht. Ich müsse im Wohnzimmer auf der Couch schlafen. Aber vielleicht werde man mit der Zeit eine andere Wohnung finden. Im Garten gebe es Apfelbäume und einen Birnenbaum. In der Nachbarschaft gebe es, soviel er wisse, keine Kinder meines Alters. Die Nachbarn gegenüber seien Russen, die vor den Bolschewiken hätten fliehen müssen; in dieser Familie gebe es einen Priester. Die anderen Nachbarn seien Polen. Die eine Familie sei, soviel er wisse, „volksdeutsch“ geworden, sie habe sich in die deutsche Volksliste eintragen lassen. Sie sei nicht richtig deutsch und habe einen polnischen Familiennamen, aber der Mann habe wohl eine deutsche Großmutter gehabt. Nein, auch sie hätten keine Kinder in meinem Alter, sondern nur zwei erwachsene Söhne. Und die seien sofort zur Wehrmacht eingezogen worden. Nein, man könne sich die Schule nicht aussuchen; es gebe nur eine in der Stadt, und die sei groß. Wie sie sei? Tja, das könne man wohl erst sagen, wenn man sie ausprobiert habe.

   Vater, Mutter und ich fuhren nach Glückstadt, um uns von Wolfgang zu verabschieden. Er war nicht bettlägerig, durfte aber das Lazarett, das man in einer alten Schule eingerichtet hatte, nicht verlassen. Das Wetter war gut; wir gingen auf dem Schulhof ein bisschen auf und ab, und besonders Vater wusste nicht, worüber er sprechen sollte. Aber wir lächelten uns oft an, und als es soweit war, dass wir Abschied nehmen mussten, taten wir so, als sähen wir uns am nächsten Sonntag wieder.

 

   Und dann, Anfang August, kam der Abend, der letzte, an dem ich in mein Bett gehen konnte - in meinem Zimmer - in unserem Haus -  in meiner Stadt. Und es kam der Tag, dieser besondere, alles verändernde Tag, als am frühen Morgen ein Möbelwagen und ein paar starke Möbelpacker erschienen. Die gingen außerordentlich rasch zu Werke. Nahmen die Bilder von der Wand, rollten die Teppiche zusammen, hoben die Möbel von ihrem angestammten Platz; und jedes Mal, wenn sie etwas hinausgetragen hatten, veränderten sich die Geräusche des Hauses. Ich ging hinaus in meinen Garten zu meinem Blumenbeet. Die Feuerlilien, die ich einmal aus dem Garten an der Wilhelmshöhe geholt hatte, blühten nicht mehr, aber die Margeriten standen wieder in Knospen. Ich grub eine Lilie aus und nahm von den Margeriten einen Ableger. Mit geschlossenen Augen ging ich durch das Haus, denn ich glaubte, nicht ertragen zu können, die leeren Räume zu sehen. Blind, ohne zu tasten, ging ich mit schnellen Schritten durch Waschküche und  Küche, durch das Wohnzimmer und den Eingang. Nirgends auf der Welt würde ich mich so wie in diesem Haus bewegen können.

   Man wollte gerade den Möbelwagen zumachen, als ich mit meinen Pflanzen ankam. Vater wollte sie nicht mitnehmen:  „All’ die Erde“, sagte er; und außerdem war er fest überzeugt, dass die Blumen eine Verpflanzung mitten im Sommer nicht überlebten. Ich gab nicht auf. Ohne viel Worte zu verlieren, verlangte ich für meine Pflanzen hartnäckig Platz im Möbelwagen. Daraufhin sagte Vater irgendetwas von einem Junggesellen, dessen Möbel im selben Wagen befördert werden sollten; der Platz reiche ohnehin nicht aus - als ob eine Handvoll Pflanzen sonderlich viel Platz benötige. Er hätte sicherlich noch mehr Argumente gegen meinen Wunsch vorgebracht, wenn nicht einer der Möbelpacker mein Blumenpaket resolut genommen und unter einem Möbelstück verstaut hätte.

   Mutter ging alleine zu Familie Ascher, um sich von ihr noch einmal – zum allerletzten Mal, wie sie sagte – zu verabschieden. Sie ahnte, dass es ein Abschied für immer sein werde. Viele Jahre nach dem Krieg sagte mir Aschers Sohn Theo, dass er nicht klagen wolle, denn das Schicksal sei in Anbetracht dessen, was sonst geschah, mit der Familie gnädig gewesen. Sie habe in aller Not Gottes Liebe spüren können: Sein Vater sei in seinem Haus an einem Herzschlag gestorben. Die Mutter habe seitdem kaum noch ihre Wohnung verlassen und sei auch bei Fliegeralarm nicht in den Keller gegangen. In der Nacht, als bei einem Bombenangriff das Haus beschädigt wurde und Mauerbrocken auf ihr Bett fielen, sei sie im Krankenhaus, in das man sie kurz vorher gebracht hatte, gestorben. Für ihn seien die Jahre der Verfolgung zu den reichsten seines Lebens geworden.

 Mutter wollte nach ihrem Besuch bei Aschers gleich zum Bahnhof  kommen. Aber sie ließ sich Zeit. Vater machte noch einmal eine Runde durchs Haus. Ich setzte mich auf den Stein neben der Straßenlaterne gleich neben unserem Eingang. Nachbarn kamen und manche meiner Spielgefährten, aber ich erinnere mich nicht mehr, wer es war und was sie sagten. Vater hatte mit Altwarenhändler Schluckwerder vereinbart, uns und unsere Koffer mit seinem winzigen Lastwagen zum Bahnhof  zu fahren.  Mein wichtigstes Gepäckstück war der Vogelbauer mit Jakob; ihn gab ich nicht aus der Hand. Bevor Vater selbst im Führerhaus neben Schluckwerder Platz nahm, hob er das Gepäck und mich auf die Ladefläche des Wagens. Langsam rollte das Auto die Straße hinauf. Als wir uns der Straßenecke näherten, schoss mir ein wunderlicher Gedanke durch den Kopf: Wenn ich nicht verhinderte, dass wir die Straße meiner Kindheit verließen, gerieten wir innerhalb kurzer Zeit ins Unglück.

   Mit geballten Fäusten hämmerte ich heftig auf das Fahrerhaus des Lieferwagens ein. Das Auto blieb sofort stehen. Vater stieg aus. „Was ist los, Jette?“

   Er sah mich an, und ich sah ihn an. Was sollte ich sagen – konnte ich sagen? Wenn ich jetzt sagte, was ich gedacht hatte, nähmen Vater und Schluckwerder vermutlich an, das Mädchen sei durchgedreht.

   Alles in mir schrie: „Wir müssen hier bleiben, Papa!“ - Er sah mich eindringlich an. Er bohrte förmlich seine Augen in die meinen. So stand er eine Weile. Ich glaube, dass wir stumm miteinander sprachen. Dass Vater, als er im Auto wieder Platz nahm, wusste, was ich gewollt hatte. Damit war alles entschieden. Nun musste geschehen, was geschehen sollte.

 

   Auf dem Bahnhof kamen wir viel zu zeitig an. Der Zug stand schon da, und Vater kontrollierte wieder und wieder, ob das nun auch der richtige Zug sei, indem er häufig auf den Fahrplan guckte und mit einem Bahnbeamten sprach. Es wäre einer Katastrophe gleichgekommen, einen falschen Zug zu nehmen. Vater wollte nicht einsteigen, bevor Mutter nicht gekommen war. Als sie endlich da war, kam Vater zur Ruhe und ließ sie sowohl den Wagen als auch den Sitzplatz aussuchen. Sie fand einen Fensterplatz – selbstverständlich in Fahrtrichtung. Denn sie konnte nicht rückwärts fahren, davon wurde ihr immer schlecht und schwindlig. Ich nahm Platz auf der entgegengesetzten Seite des Fensters, Jakobs Bauer auf dem Schoß. Ich fuhr nämlich gerne rückwärts, weil ich meinen Blick bald auf dem einen, bald auf dem anderen, was überraschend in meinem Blickfeld außerhalb des Zugfensters auftauchte, ruhen lassen konnte. Mutter dagegen meinte, es sei besser, wenn man rechtzeitig sähe, was da kommen werde.

   Ich kannte unseren Bahnhof wie meine eigene Jackentasche. Oft waren wir von dort aus mit der S-Bahn nach Hause gefahren. Gleich, wenn der Zug den Bahnhof verlassen hatte, bog er nach links ab, denn dort – westlich der Stadt – waren wir zu Hause. Ich kannte jedes Haus an der Strecke, jede Station; die Dauer der Fahrt war mir in Fleisch und Blut übergegangen, ich würde immer wissen, wann auszusteigen war.

   Aber der Zug, in dem wir nun saßen, fuhr auf anderen Schienen – geradeaus – in eine mir fremde Richtung. Natürlich tat er das, denn wir waren ja auf dem Weg nach Berlin. Trotzdem war das merkwürdig.

   Allzu schnell verschwand all’ das Bekannte aus meinen Blicken. Jakob begann, unruhig zu werden. Die Federn an den Körper gepresst und mit weitoffenen Augen saß er angespannt auf seiner Stange. Er begriff nichts und war ängstlich. Deshalb sprach ich mit ihm. Nicht laut, denn es waren andere Reisende im Abteil, und die ging Jakobs große Angst nichts an. Ich sprach im Stillen mit ihm, denn das kann man mit einem vertrauten Haustier gut machen. Solche Gespräche hatten wir viele Male zuvor erprobt:

   „Du musst verstehen, Jakob, wir müssen weg. Du hast ja selbst oft Angst während eines Fliegerangriffs. Und du, der Geräusche so gerne hat und sie immer nachzuahmen sucht, du hast die Sirenen nie gemocht. Obwohl du doch gar nicht weißt, was sie bedeuten. Du hast es als Selbstverständlichkeit hingenommen, dass ich dich immer in den Keller mitgenommen habe. Denn du weißt nicht, dass das verboten ist. Im Falle eines Volltreffers, so heißt es, könne Sauerstoffmangel entstehen, und das bisschen noch vorhandene Luft sollen dann Menschen nicht mit Haustieren teilen müssen. Ja, das sagen sie. Du weißt ja so wenig Bescheid, denn ich habe dir nichts erzählt, was dir hätte Angst machen können. Wüsstest du alles, dann verstündest du, warum wir jetzt hier in diesem Zug sitzen. Wir haben irgendwie keinen anderen Ausweg. Zu Hause können wir nicht bleiben, obwohl wir es am liebsten täten. Du und ich, Jakob, wir fühlen uns woanders nicht wohl. Aber wir müssen wegzufahren. Aber nicht für immer. Wir kommen zurück, Jakob. Du bist ja ein Vogel und weißt, dass wir jetzt Zugvögeln gleichen, die ihren Nistplatz verlassen. Nur für eine Weile – solange der Winter dauert, und nicht eine Minute länger. So ist das nun einmal; es gibt Vögel, die gut in einem winterlichen Land leben können, andere können das nicht. Aber wenn die Sonne wieder wärmt und der Winter vertrieben ist, dann kehren wir heim. Und dann ist alles wie früher – aber vielleicht wird alles auch viel besser. Denn nach einem Winter – findest du das nicht auch, Jakob – da scheint die Sonne immer besonders schön. Oma Rendsburg kann das auf eine sehr feierliche und schöne Weise sagen. Sie sagt nämlich: „Alles hat seine Zeit“. Und während der ganzen Zeit, Jakob, die wir uns in der Fremde aufhalten müssen, gebe ich auf dich Acht. Das verspreche ich dir. Denn einmal kehren wir alle nach Hause zurück. Du erinnerst dich vielleicht an die Stare, wenn die zurückkommen und ihren Nistkasten vom vergangenen Jahr vorfinden, da werden sie ganz übermütig vor Freude und setzen sich auf den Pflock vor dem Haus und singen und singen. Ihre Melodie hast du nachahmen können, Jakob, sie klang fast richtig. Ja, und die sollst du singen, wenn wir wieder zu Hause sind“.