R U T H    R O S S    K A R L S E N

 

 

                     

                              D u    h a s t    k e i n    R e c h t    z u    v e r g e s s e n

 

 

-          Eine Kindheit unter Hitler –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                             R U T H    R O S S    K A R L S E N

 

 

 

                                         Du    hast    kein    Recht    zu    vergessen  

 

 

-          Eine Kindheit unter Hitler -        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                Die Autorin hat ihre biographische Erzählung

                                       „Du har ikke rett til at glemme“

                                   für die deutsche Ausgabe überarbeitet.

                                 

                                      Die Ortsnamen und die allermeisten

                                        Personennamen sind authentisch.

 

 

                          Übersetzung aus dem Dänischen von Gottfried Lorenz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                          D I E    P O M M E R S C H E    G R O ß M U T T E R

 

 

 

   Im August 1941 hatte der Sommer seinen Höhepunkt erreicht. Und der Sommer hatte es immer leicht gehabt, mich fröhlich zu stimmen. Wir unterbrachen unsere Reise in Berlin für einen kurzen Aufenthalt bei Vaters Familie. Besonders beim Zusammensein mit meiner Großmutter vergaß ich vieles. Nicht eine Minute dachte ich an den Abschied von der Stadt meiner Kindheit, von Hamburg. Völlig vergessen war auch das Ziel unserer Reise: eine Zufluchtstätte in einem von meinem Volk besetzten Land, das einmal Polen gewesen war.

   Berlin und Großmutters Haus waren immer mit Wünschen verbunden gewesen, die nur schwer zu erfüllen waren. Jedenfalls für jemanden wie mich. Während meiner Kindheit hatte ich die anderen von fröhlichen Ferientagen erzählen hören. Von Großvaters und Großmutters Goldener Hochzeit. Von dem großen Apfelgarten mit einem Gästehaus, das in der Tat für eine wie Großmutter notwendig war. Sie war der Mittelpunkt einer sangesfrohen und festerprobten Familie. Und nun durfte ich selbst dort sein. Als die größte Selbstverständlichkeit aller Selbstverständlichkeiten durfte ich eine von ihnen sein. Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Auch diejenigen aus der Familie, die mich nie zuvor gesehen hatten, brachten zum Ausdruck, dass sie mich kannten.

   „Wie du doch deiner Großmutter ähnlich siehst“, sagten sie. „Das Lachen hat sie von ihr. Und das Kinn. Sieh nur das Profil. Ja, wie sie doch ihrer Großmutter ähnlich ist“. Es entging nicht meiner Aufmerksamkeit, dass Vater derartige Bemerkungen gefielen.

   Den letzten Nachmittag in Berlin verbrachten wir in Georgs kleinem Sommerhaus. Erst spät am Abend fuhren wir mit der S-Bahn zurück nach Berlin. Wegen des Kinderwagens von Vetter Manfred nahmen wir in einem geräumigen Mutter- und Kind-Abteil Platz. Und dann geschah etwas ganz Eigenartiges: Großmutter, die sich sonst nichts daraus machte, im Mittelpunkt zu stehen, begann, Choräle zu singen.

   Mit einer guten Portion Verwunderung, die in Bewunderung überging, vernahm ich ihre wunderschöne Sopranstimme. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie unbefangen und natürlich sie sich verhielt, denn das Abteil füllte sich nach und nach mit fremden Passagieren, obwohl schon längst keine Sitzplätze mehr vorhanden waren. Es war eine sonderbare Fahrt durch das verdunkelte Berlin. Kurz vor „unserer“ Station meinte Großmutter, ihr unbefangenes Verhalten erklären zu müssen: Freude und Glücksgefühl hätten sie überwältigt. Da könne sie nichts anders, sie müsse Gott preisen und ihm für all’ die Stunden danken, die wir zusammen sein durften – noch einmal.

   Erst als wir – Vater, Mutter, Jakob, mein Wellensittich, und ich – am nächsten Tag in einem Zug saßen, der uns nach Osten brachte, wurde ich mir wieder klar darüber, was wir taten und was geschah: Ohne Wurzeln befanden wir uns nun im leeren Raum, doch ohne Flügel und Steuerung. Nun waren wir dem, was kommen sollte, preisgegeben, ohne festen Halt. Wir waren auf dem Weg nach Polen. Schon das Wort flößte mir Angst ein. Vater hatte zu viel über dieses Land und seine Bewohner erzählt – damals, als er meinte, dass wir – Mutter und ich – zu Hause bleiben sollten. Er hatte von Menschen erzählt, die Messer in den Augen hätten. Messer, die gegen uns, den Feind, gerichtet seien. 'Sie denken an Mord, während ihr Mund lächelt'. Wie würde ich es nur schaffen, mit und neben Menschen zu leben, die mich töten wollten?

   Ich fühlte Vaters prüfende Augen auf mich gerichtet. Früher hatte er meine Gedanken lesen können. Jetzt aber wollte ich ihm das nicht erlauben. Seit dem frühen Morgen war er auf eine ganz eigene Weise fröhlich. Und Mutter hatte mit einem Aufseufzen bemerkt: „Er hat es gut, er ist ja gewissermaßen auf dem Wege nach Hause“. Nur fast, hatte ich da gedacht, denn unser zukünftiger Wohnort lag doch ein ganzes Stück von Vaters Heimat, von Westpreußen, entfernt. In mancher Hinsicht sehr weit weg von der kleinen Stadt Nakel [Nakel an der Netze / Nakło nad Notecią], dem Ort seiner Kindheit – einem Ort, in dem Polen, Juden und Deutsche friedlich zusammengelebt hatten – einmal – vor langer Zeit. Da habe es keine Messer in den Augen und kein falsches Lächeln auf den Lippen gegeben, hatte Vater erzählt. Obwohl er üblicherweise seine Kindheit für sich behielt. Das Schweigen war Vaters Art, sich zurückzusehnen, hatte Mutter gesagt. Jetzt aber war Vater fröhlich.

   „Sieh!“ sagte er, „nun fahren wir unverkennbar nach Osten. Die Landschaft da draußen hat vieles mit Omas Heimat, der Pommerschen Seenplatte, gemeinsam“.

   Ich verließ das Abteil und stellte mich an ein Fenster im Gang. Die Landschaft sauste vorbei. Man müsste mit einem Pferdefuhrwerk fahren, dachte ich. Mit einer Kutsche durch Pommerland. Den Hof aufsuchen, auf dem Oma geboren ist, und alle Höfe meiner Vorväter und Vormütter. Es seien viele, hatte man mir erzählt. Viele Vorväter auf vielen ansehnlichen Höfen, die sich im Besitz der Familie befanden.

   Das waren schöne Gedanken.

   Vater war mir gefolgt und stand neben mir. Hatte ich zu ihm etwas über Großmutters Land gesagt? Oder  hatte er in meinen Gedanken gelesen und von sich selbst zu erzählen begonnen? Von Pommern, dem Land, in dem sich Seen wie eine Kette aneinander reihen. Dem Land, in dem auch wir beide unsere Wurzeln hatten – zusammen mit vielen Völkerschaften. Ja – unendlich vielen Völkerschaften.

   600 n. Chr. hatten die Slawen auf dem Rücken ihrer Pferde das Land erobert. Sie waren es, die dem Land seinen Namen gegeben hatten. Fasziniert von der Schönheit des Landes, hatten sie das Küstenland „Land am Meer“ genannt.

   „Po morze“, wie das in der Sprache der Slawen heißt. Andere Völker und Stämme kamen im Laufe der Zeit von Ost und West, Nord und Süd: Germanen, Mongolen, Pruzzen, Sudower, Litauer, Kujawier. Und viele andere, deren Namen vergessen sind. Kriegerische oder friedliche Völker. Kämpfer waren sie wohl alle zusammen, jedes Volk auf seine Art. Einige kamen in Gruppen, andere einzeln. Die Menschheit befindet sich auf einer ewigen Wanderung, das sollten wir nicht vergessen. Hierher nach Pommern kamen viele, um zu bleiben. Andere waren nur auf der Durchreise. Aber auch sie hinterließen Spuren. Die einen bauten auf, andere rissen ein. Die einen brachten Güter und Gaben und Fortschritt, andere plünderten. Christen kamen, um zu missionieren. Juden fanden eine Bleibe. Die Ordensritter erkämpften sich die Macht und schufen eine eigene Kultur. Auch die Jesuiten fanden hier eine Wirkungsstätte. Verschiedene Menschen mit unterschiedlicher Lebensweise, verschiedenen Meinungen, unterschiedlichen Religionen, ungleichen Sprachen – all’ das prägte das Land. Und alle diese Menschen wurden durch die Jahrtausende zu einem Volk!

   „Und viele von ihnen, Jette, sind deine Vorfahren. Wir kennen sie nicht. Wir wissen nur, dass sie aufgebrochen waren, um einen besseren Ort für ihr Wirken zu finden. Oder weil Not und Krieg sie aus ihren ursprünglichen Ländern vertrieben hatten. – Nimz, das ist der Familienname deiner Großmutter. Der kommt aus dem Slawischen und bedeutet „Deutscher“ [polnisch „niemiec“ zu niemieć: „verstummen“, „stumm werden“]. Wenn wir keine Dokumente haben, müssen wir Namen sprechen und Geschichte erzählen lassen. Ich kann mir vorstellen, dass der Erste des Geschlechts Nimz unter Slawen gelebt hatte, die ihm diesen Namen gaben. Vielleicht hatten sich dieser Mann und seine Nachkommen in  besonderer Weise bemerkbar gemacht. Denn in Pommern war dieses Geschlecht sehr bekannt – und mancherorts berüchtigt. – wegen seines Mutes, seiner Stärke, seines Fleißes und Durchhaltevermögens und Eigensinns. Deine Oma ist der lebende Beweis für diese Behauptung: Omas Lebenslauf bietet zahlreiche Belege für eine Stärke und Beharrlichkeit, die man in dieser zarten Frau nicht vermutet hätte. Als wir dich taufen ließen, Jette, nannten wir dich auch Anna, denn ich wünschte, dass du ihr gleichen solltest – das heißt – nicht in allem. Nein – nicht in jeder Hinsicht – denn das wäre zu viel!“

   Und dann begann Vater von Großmutter zu erzählen. Bruchstückhaft und mit langen Pausen. Einige Geschichten kannte ich. Deswegen merkte ich, dass Vater mir nicht alles erzählte – Kindern tue es nicht gut, allzu viel über die Welt der Erwachsenen zu wissen, hieß es ja. Und da er nicht wollte, dass ich ihr allzu sehr gliche, überging er sicherlich Wesentliches, um zu vermeiden, dass sie in allem, was sie getan oder zu tun unterlassen hatte, mein Vorbild werde. Einiges hatte ich aus Dokumenten erfahren, die Vater 1935 als Beweis für die arische Abstammung der Familie hatte vorlegen müssen. Der Mädchenname meiner Urgroßmutter muss hierbei nicht ungefährlich gewesen sein. Aber das Kamel ging durch das Nadelöhr. Vielleicht deshalb, weil nachgewiesen werden konnte, dass meine Urgroßmutter, Charlotte Nimz, und meine Ururgroßmutter, Elisabeth Abraham, von einem evangelischen Pfarrer getauft worden waren.

   Meine Großmutter – meine „Oma Berlin“ – kam also zur Welt,  als Charlotte Nimz, geb. Abraham, evangelisch, am 2. 3. 1868 in Wurchow (Pommern) [heute Wierzchowo] ihrem Mann, dem Bauern Ludwig Nimz, evangelisch, ein Mädchen gebar, das auf den Namen Anne Pauline Therese getauft wurde. Es muss unterstrichen werden – weil es wichtig ist – dass das Mädchen in ein wohlhabendes Bauerngeschlecht hineingeboren wurde, das Generation für Generation seine Ehepartner aus gleichgestellten Familien geholt hatte. Zweifellos war sie ein Glückskind. Sie  umgaben Wohlstand und solide Verhältnisse, und sie erhielt als Geschenk einer guten Fee ein sanftes Wesen, Schönheit, Klugheit und eine ausgeprägte musische Begabung. Trotzdem bereitete sie schon gleich nach ihrer Geburt ihren Eltern Kummer und Sorge: Sie war zu klein und sehr zart. Alte Frauen, die meinten, etwas davon zu verstehen, gaben dem kleinen Wurm nicht viele Chancen, am Leben zu bleiben. Am besten wäre es, wenn es der Herr bald wieder zu sich nähme, sagten ihre Blicke.

   Aber im Laufe der Jahre konnte man meinen, dass der Herr mit diesem Mädchen eine besondere Absicht verfolge. Doch blieb sie das „Schmerzenskind der Familie“. Wem ähnelte sie eigentlich, diese eigenartige, begabte, hübsche Tochter des Großbauern Nimz, Enkelin des Großbauern Abraham, Urenkelin des Großbauern Dahlke – um nur ein paar von ihren Vorfahren zu nennen, die Generation für Generation mit beiden Beinen fest im pommerschen Boden verwurzelt waren. Hier machte man sich nicht „bemerkbar“, wie Anna dies tat. Man war eine unter vielen anderen. War wie die anderen! Womit nicht gesagt ist, dass man niemand war. In der Tat war man wer! Sonst hätte es die Höfe dort nicht gegeben. Wären nicht das gewesen, was sie waren und sind und bleiben sollten.

   Anna ging ihre eigenen Wege, war eine Einzelgängerin. Von einer alten Verwandten lernte sie früh, Blätter oder Blüten von Wildkräutern zu sammeln, die man für Tees und Salben brauchte, die allerhand Krankheiten und Leiden lindern sollten. Sie sang viel. Ich weiß nicht, wie und wann der Pastor ihre klare Singstimme und ihre Musikalität entdeckte. Auf Empfehlung des Pastors stimmten Annas Eltern zu, dass der Organist Anna Gesangsunterricht geben dürfe - vielleicht nur, weil das Wort des Pastors Gesetz war! Aus diesem Unterricht ergab sich, dass sie bei Festen und Hochzeiten in der Kirche oft Solos sang. Vielleicht wurde der Baron bei einem dieser Anlässe auf Anna aufmerksam. Jedenfalls wandte er sich an Annas Vater mit einem ganz speziellen und für Anna schicksalhaften Wunsch: Er, der Baron, könne sich vorstellen, Anna vom Hauslehrer des Gutes unterrichten zu lassen – zusammen mit der Baronesse. Und sei es nur in ein paar Fächern, zum Beispiel in Gesang und Musik, in Kunst und Literatur. Die Güter lagen verstreut, der Baronesse fehlte im Alltag die passende Gesellschaft. Die Baronesse hatte sich gelegentlich mit Anna unterhalten, und sie konnte sie gut leiden. 

   Wer will Annas Eltern tadeln, dass sie sich geehrt fühlten. Sie konnten zu diesem generösen Angebot nicht nein sagen. Vielleicht konnte man auch ganz generell den Wunsch eines Barons schlecht  abschlagen, wenn er innerhalb angemessener Grenzen lag.

   Für Anna öffnete sich damit die Tür in eine Welt, von der andere Menschen ihrer Herkunft auch nicht einen Schimmer zu sehen bekamen. Sie war sehr an Lyrik interessiert. Zusammen mit der Baronesse hatte sie Zugang zu der Bibliothek des Gutes. Es konnte gar nicht anders sein, als dass sich ihre Sprache veränderte. Die Folge war, dass die Leute um den See herum ihre Köpfe zusammensteckten und zu tuscheln begannen: „Die Anna, Ludwig Nimz Tochter, was bildet die sich eigentlich ein? Spielt sie vielleicht Baronesse?“ 

   Zu spät wurden sich Annas Eltern einer Entwicklung bewusst, die kaum noch aufzuhalten war. Die Sorgen wegen Annas Zukunft waren nun doppelt  groß. Was für ein wunderliches Mädchen! Es würde schwer werden, sie standesgemäß mit einem Bauern zu verheiraten. Ach, Charlotte und Ludwig Nimz sprachen häufig hinter sorgfältig geschlossenen Türen über Anna und deren vermasselte Zukunftsaussichten. Und es sollte noch schlimmer kommen: Mit 16 Jahren verliebte sich Anna in einen adeligen Leutnant, der auf dem Gut verkehrte. Und er erwiderte ihre Gefühle. Niemand erfuhr etwas, nur einer älteren Verwandten vertraute Anna an, was sie für ihr Glück hielt.

   Annas Zukunftspläne lagen fest. Vorläufig dachte sie nicht an eine Ehe - sie wollte in eine große Stadt ziehen, um Sängerin zu werden. Niemand wusste, wann sie hierüber mit ihren Eltern gesprochen hatte. Vielleicht an einem Tag, an dem ihre Eltern wieder einmal ihrer Sorge wegen Annas Chancen für ein ordentliches Leben auf einer sicheren wirtschaftlichen und wohlerprobten traditionellen Grundlage Ausdruck gegeben hatten.

   Erneut wurden die Türen verschlossen. Kein Familienmitglied erfuhr jemals, wie die Eltern auf Annas unakzeptable Ideen reagierten. Man kann nur ahnen, was sie sagten. Sängerin werden? Vor fremden Menschen in fremden Städten auftreten? Sie. Anna Pauline Therese, Tochter von Ludwig Nimz? Für Geld singen? Durchs Land reisen? In wer weiß was für Hotels übernachten? Das hieße ja, sich wie eine vom Tingeltangel, wie ein Mädchen vom Varietee, wie eine vom Zirkus benehmen. Nie im Leben! 

   Man redete in meiner Familie viel über Annas Hartnäckigkeit. Ich muss davon ausgehen, dass sie nicht aufgab. Dass sie versuchte, ihre Eltern zu bearbeiten. Vielleicht versuchte sie sogar, den Pastor, den Organisten und den Baron als Bundesgenossen zu gewinnen. Niemand weiß darüber Bescheid. Man kann nur raten. 

   Aber viel zu erzählen wissen alle über die Gegenmaßnahmen der Eltern. Die Grillen in einem verschrobenen Mädchenkopf lassen sich am besten durch Ehe und Kinder beseitigen. Doch musste erst ein interessierter Mann auftauchen. Und die Freier – darüber tratschten die Leute an allen Ecken und Enden – wurden von diesem sonderlichen Mädchen abgeschreckt. Charlotte und Ludwig Nimz dachten viel nach und fanden eine Lösung. Man musste sichtbare Beweise schaffen, dass Anna zu etwas taugte. Man musste sie in aller Öffentlichkeit arbeiten lassen. Zum Beispiel auf dem Acker.

   Dort arbeitete sie, als der Postbote mit einem Brief auf den Hof kam - ein junger Mann aus Groß Jenznick (Jęcziniki Wielkie, Ostpommern), der seit geraumer Zeit Briefträger im Bezirk Wurchow war. Ludwig Nimz plauderte gerne mit dem jungen Mann, denn er hatte ein heiteres und freundliches Wesen, das es ihm leicht machte, Kontakt mit den Leuten – und den Mädchen – zu knüpfen. Was er nicht so recht nutzte, denn schon kurz nach seinem Dienstantritt hatte er Anna gesehen. Ja – und damit war sein Schicksal besiegelt. Doch behielt er das für sich, machte nie einen Versuch, sich diesem jungen Mädchen zu nähern. Also sprachen sie über Wind und Wetter, der Briefträger Carl Ross und der Bauer Ludwig Nimz. Nur nebenbei erwähnte Ludwig, dass Anna auf dem Felde arbeite. Plötzlich sagte Carl: „Die könnte ich mir gut als meine Frau vorstellen!“

   Später – als Carl alt geworden war – erzählte er, dass er über seine Keckheit erschrocken war und dass er nie im Leben eine derartige Antwort erwartet hatte: Diese kam sehr schnell, schneller jedenfalls, als es der Anstand erlaubte. Denn ohne zu zögern, ohne nachzudenken, antwortete Ludwig Nimz, Annas Vater: „Die kriegst du!“

   Die beiden Männer vergeudeten keine Zeit. Sie gingen sofort zu dem Acker, auf dem Anna arbeitete, blieben am Feldrain stehe. Der Vater rief Anna und forderte sie mit einer Handbewegung auf zu kommen – was sie zögernd tat. Später erzählte sie, dass sie diese Minuten nie vergessen werde, dass sie von dem Augenblick an, als ihr das Vorhaben der beiden Männer aufgegangen sei, eine nie zuvor gekannte Empörung gefühlt habe. Sie verzieh weder ihrem Vater noch dem Mann an seiner Seite, den sie kaum kannte, dass sie ihr vom Feldweg her nicht entgegengekommen seien.  Dass der Vater, als die beiden Männer noch ein paar Meter von ihr entfernt standen –  sie war plötzlich stehen geblieben, hatte Unrat gewittert – dass der Vater in diesem Augenblick lediglich gesagt habe: „ Anna Pauline Therese, das hier ist dein zukünftiger Mann, Carl Friedrich Ross. Ihr seid von jetzt an verlobt. Sobald du im heiratsfähigen Alter bist, werdet ihr getraut!“

   Drei Monate nach Annas achtzehntem Geburtstag wurde die Ehe geschlossen. Sie ließ die Trauungszeremonie über sich ergehen, aber am Nachmittag – während des Festes – floh sie. Über die darauf folgende Zeit weiß niemand etwas  Genaues.  Sie hielt sich in einem anderen Dorf bei einer Verwandten versteckt, die Tage, vielleicht Wochen brauchte, um Anna verständlich zu machen, dass es keinen anderen Ausweg gab: sie musste zu ihrem Mann zurück, zu ihrer Familie.

   Als Anna das begriffen hatte, kehrte sie auf den Hof ihrer Eltern zurück. Ließ ihren Mann rufen und verlangte - mit den Eltern als Zeugen -  angehört zu werden. Und dann stellte sie dem Mann ein Ultimatum: Sollte sie mit ihm ehelich zusammenleben, müsse er ihr Folgendes versprechen: Alle Kinder, die in dieser Ehe geboren würden, sollten eine Ausbildung erhalten, und zwar Jungen und Mädchen gleichberechtigt! Und, wohlgemerkt, eine Ausbildung in einem Beruf, den sie sich selbst ausgesucht hatten. Und alle Kinder sollten sich selbstverständlich einen Ehepartner nach eigenem Wunsch und Gutdünken wählen können. Das einzige, was Anna und Carl dabei zu tun hätten, sei, den elterlichen Segen zu erteilen. Doch dürfe das nicht geschehen, bevor die jungen Menschen das 21. Lebensjahr erfüllt hätten.

   Carl erhielt in Nakel eine bessere Stellung; dort ließ sich das junge Paar nieder, und dort wurden alle Kinder geboren. Ich habe über diese Ehe nie etwas anderes gehört, als dass sie geprägt gewesen war von Harmonie, gegenseitigem Respekt, Glück und Liebe.

 

   Wir standen noch immer am Zugfenster. Vater machte mich darauf aufmerksam, dass wir uns nun der alten polnisch-deutschen Grenze näherten. Derjenigen, die nach dem ersten Weltkrieg gezogen worden war. Nach Vaters Aussage ohne vorhergehende Abstimmung. Carl und Anna, die Eltern meines Vaters, hatten damals mit dem Rest der Familie Polen verlassen müssen. Nur Vaters ältester Bruder, Gustav, blieb in Nakel. Dort war er ein angesehener Kaufmann.   

   Ich wollte, dass Vater mehr über Nakel erzählte. Aber er biss sich auf die Lippen und schwieg.

   Ich weiß, dass er bei seiner ersten Wiederbegegnung mit Polen im Frühjahr 1941 in Nakel war. Er erzählte uns nie von diesem Besuch. Ich kannte meinen Vater gut genug, dass ich mir vorstellen konnte, wie er durch die Straßen von Nakel gegangen war, sein Elternhaus aufgesucht hatte, seine Schule, die Konditorei, die er hatte übernehmen sollen. – Er hatte sich einen ganzen Tag in der Stadt aufgehalten. Und kam nie wieder dorthin zurück.

   Auf einem Foto, das von Vater 1916 gemacht worden war, trägt er an der linken Hand einen glatten Ring. Vater war kein Mann, der Schmuck zu tragen pflegte. War er zu dieser Zeit verlobt? War die Auserkorene die schöne Tochter des Eigentümers der Konditorei? Ich habe es nie erfahren. Er hat nie über diese Frau in seinem Leben gesprochen. 

   Aber die ganze Zeit, die wir zusammenlebten, betonte er, wie sehr Politik und Unfrieden das Glück von Menschen zerstören können.

   Und er ermahnte mich, solange ich mich erinnern kann, auf der Hut zu sein. 

 

 

 

 

 

 

                        D I E    A N K U N F T    E I N E S    V E R F L U C H T E N

                                                       H U N D E B L U T S    

 

 

   Der Bahnhof war, wie Bahnhöfe in Städten dieser Größe zu sein pflegen: Zwei parallellaufende Gleise entlang einem recht ansehnlichen Bahnhofsgebäude, das etwas außerhalb der Innenstadt lag – unweit vom Armenviertel, was sich nicht verbergen ließ.

   Als wir am Ausgang des Bahnhofs standen und über den Bahnhofsplatz blickten, hatte ich auf einmal ein Gefühl der Fremdheit. Hier gab es nichts, was mich an meine Heimat erinnerte: Im Schatten einiger Bäume standen Pferdedroschken mit schläfrigen Kutschern auf dem Bock. Nie zuvor  hatte ich so magere Pferde gesehen. Die Menschen, die über den Platz schlenderten, waren –  zunächst undefinierbar –  anders. Auch die Luft. Und der Geruch. Die gesamte Stimmung. Sogar der Himmel - er wirkte ein wenig staubig. Nein, die Farbe dieses Himmels konnte sich nicht mit dem Himmel zu Hause messen.

   „Das, was man nicht kennt, kritisiert man nicht. Man versucht, es kennen zu lernen, indem man sich dafür Zeit nimmt“, hatte Vater während unserer Reise gesagt. Und unmittelbar vor der Ankunft hatte er plötzlich angefangen, von all’ den neuen Freunden, die ich nun kennen lernen würde, zu sprechen. Als der Zug hielt, klopfte er mir auf die Schulter und nannte mich sein „großes Mädchen“. Ach ja, die Erwachsenen. In schwierigen Situationen sollen wir halbgroßen Kinder auf einmal erwachsen sein. Aber für all’ das Lustige, für abendliche Spaziergänge mit Freundinnen, für Konditoreibesuche mit dem Nähkränzchen, für besonders spannende Filme und Bücher – ja, für so unendlich viel – fanden sie uns zumeist nicht alt genug.

   Es war Feierabend, und die Menschen, die über den Bahnhofsplatz schlenderten, waren offensichtlich keine Reisende. Ein paar junge, gut frisierte Männer, die sich mit Wangenküssen begrüßten, kamen wohl nur, um zu sehen und gesehen zu werden. Ich merkte sofort, dass sie es auf drei schöne, junge Mädchen abgesehen hatten. Ach, auch diese Mädchen sahen so „anders“ aus mit einer weißen Blüte im langen, dunklen, locker herabhängenden Haar. Sie waren viel älter als ich. Mindestens drei Jahre, nehme ich an. Trotzdem wünschte ich plötzlich, mit ihnen zusammensein zu können. Sie gingen Arm in Arm. Wie sie doch redeten und lachten! Wenn man sie nur verstehen könnte. Man müsste Polnisch können, dachte ich. Man sollte eigentlich nie in ein fremdes Land reisen, ohne dessen Sprache zu können.

   Vater winkte nun eine Pferdedroschke heran. Alle Pferde waren mager, ungepflegt und abgearbeitet. Der Kutscher würdigte uns keines Blickes, als er unser Gepäck in einem dafür bestimmten Kasten verstaute. Vater und Mutter nahmen auf den gepolsterten Sitzen in Fahrtrichtung Platz, für mich klappte Vater eine Bank hinter dem Kutschbock hinunter. Auf der Fahrt durch die Stadt bemerkte ich mit Erstaunen ein erhebliches Durcheinander und Ungleichgewicht, was die Größe der Häuser, deren Stil und insbesondere deren Lage an den schnurgeraden Straßen betraf. War es hier im Lande üblich, sich nicht an eine festgelegte Ordnung zu halten? Nannte man deshalb gewisse Zustände „Polnische Wirtschaft“? Plötzlich kamen wir an einem prächtigen, fast weißen Haus, umgeben von einem großen, parkähnlichen Garten vorbei, dessen Eingang mit einem hohen und breiten und wirklich kunstvollen schmiedeeisernen Tor versehen war. Eine solide Mauer bildete die Grenze zwischen dem Park und den Feldern, die das Grundstück von drei Seiten umgaben.

   „Oh, seht nur! Wie schön!“ rief ich aus.

   „Das Haus der Familie Mühsam. Deshalb nennt man es „Mühsamsche Villa“. Sie ist nicht mehr bewohnt. Der Eigentümer ist Jude . . . . Nein, er ist nicht mehr da“, erklärte Vater. An die Außenwand der Gartenmauer hatten arme Leute ein paar Schuppen gebaut. „Diese Schuppen dienen als Häuser. Da wohnen Menschen drin. Zusammen mit Hühnern und Kaninchen und vielleicht einer  Ziege – wenn die Familie wohlhabend ist“, bemerkte Vater in sarkastischem Ton, während der Kutscher langsam daran vorbeifuhr.

   Mutter hatte während der ganzen Fahrt kein einziges Wort gesagt. Plötzlich bog die Droschke in etwas ein, was Vater „unsere Straße“ nannte. Sie glich einer langen, schmalen, ungepflegten und unkrautbewachsenen Wiese, die auf beiden Seiten von Häusern begrenzt war. Hier gab es weder Pflastersteine noch eine Andeutung von Kies. Nicht ein einziger Kantstein begrenzte etwas, das einem Bürgersteig hätte ähneln können. Aber schmale Pfade, die sich im Unkraut abzeichneten, erzählten, dass hier täglich Menschen liefen. Wagenspuren waren nicht zu erkennen. Das Alter der Häuser offenbarte, dass sie Straße vor langer Zeit einmal auf dem Zeichenbrett als Teil eines Neubaugebietes projektiert war. Ungefähr 15 Ein- oder Zweifamilienhäuser waren gebaut worden. Mit einem Blick erfasste ich, dass die meisten Gärten sorgfältig angelegt worden waren, dass es aber auch solche gab, um die man sich längere Zeit nicht mehr gekümmert hatte. Bäume und Büsche gaben Auskunft über das Alter des Viertels. Ich schätzte es auf 10 bis 20 Jahre. Während dieser Zeit hatte man nicht das Geringste getan, um die Straße in einen ordentlichen Zustand zu versetzen. Vater hatte uns  auf den fehlenden Wasser- und Kanalisationsanschluss hingewiesen. Jeder Haushalt hatte seinen eigenen Brunnen mit Wasserpumpe und Klärgrube. Der Abstand zwischen diesen beiden notwendigen Anlagen war Vaters Ansicht nach auf den meisten Grundstücken etwas zu gering. Neuankömmlinge bekämen deshalb üblicherweise ein oder zwei schwere Darminfektionen. Aber nach einer Weile werde man immun – „und dies gegen so manches“ - hatte Vater gesagt.

   Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Wo die Straße nicht mit Gras und Unkraut bedeckt war, wurden größere Flächen mit hellem, trockenem Sand sichtbar. Hier – ein paar Meter vor dem Haus, das uns als Wohnung dienen sollte – blieben die Räder der Kutsche stecken. Der Kutscher begann – begleitet von lauten, zornigen Rufen – mit der Peitsche auf das Pferd einzuschlagen. Aber so sehr das magere Tier auch zerrte und kämpfte, es war zunächst nicht imstande, den Wagen freizuziehen. Wir stiegen aus. Das half. Langsam kam der Wagen frei. Der Kutscher lud das Gepäck ab und nahm das Geld entgegen –  immer mit abgewandtem Blick. Wir waren für ihn nicht vorhanden. Vater begann, die Koffer zum Haus zu tragen, und Mutter folgte ihm, während ich neben dem Pferd stehen blieb, das ganz mitgenommen aussah. Man müsste ihm Wasser geben. Oder etwas zu fressen. Vielleicht nur ein Stück Brot oder ein Stückchen Zucker. Zur Aufmunterung. Der Kutscher hatte auf seinem Bock Platz genommen. Er schwang die Peitsche über dem Pferd. Und dann – unmittelbar bevor der Wagen anfuhr – wandte er mir sein Gesicht zu, bohrte seinen Blick in den meinen, ließ die Peitsche sowohl über den Kopf des Pferdes als auch über meinen Kopf  knallen, während er etwas rief. Ich wusste, sah es den Augen des Kutschers an, dass das, was er sagte, für mich und nicht für das Pferd bestimmt war. Ich prägte mir seine Worte wie auch den besonderen Klang des Satzes ein. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit fragte ich einen von Vaters Gästen, der Polnisch und Deutsch konnte. Und erfuhr, was der Kutscher mir zugerufen hatte: „Hol dich die Pest! Verfluchtes Hundeblut!“ [Niech Cie cholera wezmie! Psiakrew!“]                

   An der Gartentür des Hauses hatten ein paar Menschen als Empfangskomitee Aufstellung genommen, die uns lächelnd willkommen hießen. Einige überreichten Mutter Brot und Salz mit dem Wunsch, dass es uns am Lebensnotwendigsten niemals fehlen möge. Ich fragte Vater, ob diese Menschen unsere Nachbarn oder Leute von der Straße seine. Er antwortete mit einem Kopfschütteln. Ein hübsches, ungefähr 16 Jahre altes Mädchen stellte uns Vater als unser junges polnisches Dienstmädchen Zosia vor. Ich sah Mutters Gesicht an, dass sie mehr als überrascht und überhaupt nicht so froh war, wie Vater gehofft hatte. Nachdem die Willkommenszeremonie überstanden war, gingen wir alle in das Haus, das nur provisorisch möbliert war – unsere Möbel waren noch nicht angekommen. Etwas später steckte eine sehr dicke, etwas schlampig gekleidete Frau ihren Kopf zur Tür hinein. Sie stellte sich als „Hausfrau der Familie von oben“ vor. Als sie gegangen war, machte sich Vater darüber lustig, dass sich die Frau als „Hausfrau“ bezeichnet hatte. Denn sie war Vaters Meinung nach weit davon entfernt, das zu sein. Er machte auch einige wenige Bemerkungen über die Abstammung dieser Familie. Sie war – wie so viele andere – sowohl polnischer als auch deutscher Herkunft, hatte einen deutsch klingenden Familiennamen, sprach aber untereinander am liebsten Polnisch. Der Mann sprach Deutsch mit polnischem Akzent. Er tat Dienst als Hilfspolizist. Und als ich mich über die anderen Nachbarn erkundigte, sagte Vater, dass er sie nicht kenne, aber das Gefühl habe, dass die meisten Polen seien. Die Familie im Haus gegenüber allerdings sei aus Russland geflohen – ein Familienmitglied sei Priester. Und eine der jungen Frauen sei vermutlich Flüchtling aus einem der baltischen Länder – jedenfalls ihrer Sprache nach zu urteilen: Vater hatte sie hinter der Hecke mit diesem typisch baltischen Akzent sprechen hören, den man oft in der Stadt vernehmen konnte. Ja, und im Haus am Ende der Straße wohne eine Familie aus Berlin. Die hatte während eines Bombenangriffs alles verloren. Vater konnte mir nicht sagen, ob diese Familie Kinder habe. 

   Ich ging hinaus in den Garten. Zu Hause hatte ich über viele Nachbargärten  blicken können, die allein deswegen in meinem Bewusstsein zu einer Einheit geworden waren, zu etwas, was zusammengehörte. Aber dieser Garten hier war – wie all’ die anderen – umgeben von einem hohen Zaun aus ungehobelten, dunklen Brettern. Nur ein paar schmale Ritzen ließen einen bescheidenen Einblick zu. Entlang des Hauses aber hatte man sich eine etwas freundlichere Begrenzung ausgedacht - eine ungefähr eine Meter hohe Mauer, auf der ein hohes, solides Gitter befestigt war. Die Pforte war aus Metall und mit einem Schloss sowie einer Klingel versehen. Der Mensch, der diesen Garten angelegt hatte, wollte vermutlich Unbefugte von seinem Grundstück fernhalten. Der Garten war groß. Das Haus war auf einem Doppelgrundstück errichtet worden. Die Hauptpfade des Gartens waren mit hellen Ziegeln gepflastert, und entlang den Kanten hatte der frühere Eigentümer die Ziegel schräg nach oben gelegt, so dass sie eine hübsch gezackte Linie bildeten, - ein guter Schutz für die Beete. Ein Pfad führte direkt zu einer Pforte im Bretterzaun an der Ostseite des Gartens, und als ich die Klinke herunterdrückte, entdeckte ich zu meiner Freude, dass die Pforte nicht verschlossen war. Der Weg setzte sich quer durch eine Gärtnerei zu einem kleinen Haus fort. In der Nähe des Hauses befanden sich eine Pumpe und ein großer Bottich, in dem eine junge Frau gerade Gemüse wusch, das sie auf eine Karre stapelte. Am nächsten Tag war Markttag. Als ich näher kam, unterbrach sie ihre Tätigkeit. Lächelnd ging ich zu ihr. Grüßte in meiner Sprache, nannte meinen Namen und erzählte, woher ich käme und dass ich nun in dem Haus hinter dem Zaun wohnte. Sie antwortete auf Deutsch mit sehr starkem polnischem Akzent, dass sie das wisse, denn sie habe häufiger mit meinem Vater gesprochen. Ich reichte ihr meine Hand, aber sie nahm sie nicht, doch schenkte sie mir ein kleines, verlegenes Lächeln. Etwas gebrochen, doch gut verständlich erzählte sie mir, dass sie verlobt sei. Doch unmittelbar nachdem sie die Ringe gewechselt hatten, hätten die Deutschen ihren Verlobten abgeholt und zwangsweise nach Hamburg geschickt, wo er in einer Fabrik, die Waffen herstellt, arbeiten müsse.

   „Ja“, sagte ich. – Lange wurde nicht gesprochen. Dann begann sie, mir Fragen zu stellen. Unter anderem, ob ich mir wohl vorstellen könne, wie sehr sich ihr Verlobter nach Hause sehne?

   Ohne nachzudenken, antwortete ich, dass auch ich mich zurücksehnte nach all’ dem, was mein war: Mein Haus, meine Stadt, meine Freunde und Nachbarn. Und ich erzählte ihr, dass ich nicht aus freien Stücken hier sei, wenn mich auch niemand verschleppt hätte. Und ich versicherte ihr, dass ich nach Hause fahren würde, sobald der Krieg vorbei sei. – Dann schwiegen wir eine Weile.  Ich hatte das Gefühl, dass alles gesagt sei. Plötzlich äußerte ich spontan, dass es schön sein müsse, wenn wir Menschen wie im Märchen leben könnten. Da sei es nämlich möglich, einen Zauberstab zu besitzen, mit dem man die wunderbarsten Dinge hervorzaubern könne. In diesem Fall wünschte ich mir, dass ihr Verlobter und ich die Plätze tauschen könnten – dass er nach Hause käme und ich nach Hause zurückkehrte – das heißt, zusammen mit Vater und Mutter. Und dann wären wir alle glücklich – wie im Märchen – weißt du – bis ans Ende unserer Tage. 

   Das alles sagte ich sehr langsam, denn es lag mir daran, dass sie mich verstand. Während ich redete, empfand ich auf einmal eine merkwürdige Angst: Wenn mir jetzt die Worte fehlten – oder ich nicht die richtigen Worte fände - . Während Stella zuhörte, sah sie mich prüfend an. Aus der Anstrengung heraus, mich zu verstehen, schielte sie ein bisschen. Plötzlich lächelte sie und sagte:

   „Du und ich machen Änderungen – viel Glück in der Welt. Du und ich nicht können – oder dürfen machen Änderungen – viel Unglück in der Welt“. Damit war das Wichtigste gesagt, und ich hätte gehen können. Aber ich blieb stehen stehen, während sie mit ihrer Arbeit fortfuhr. Und weil ich keine Anstalten machte zu gehen, begann sie zu erzählen: Sie seien zu Hause zu fünft – die alte Mutter, der große Bruder, sie selbst und zwei jüngere Brüder. Sie arbeiteten alle in der Gärtnerei, mit der sie  ihren Lebensunterhalt sicherten. Sie verkauften viel auf dem Markt, aber die Kunden kämen auch gerne in die Gärtnerei, denn da erhielten sie ganz frische Ware. Der große Bruder arbeite auch in den Gärten anderer Leute. Er habe auch meinem Vater geholfen. Ja, und das trübe Wasser, das sich nach dem Reinigen des Gemüses in dem Bottich befindet, das benutzten sie, um die Blumen im Treibhaus zu gießen. Denn das Wasser, das direkt aus der Pumpe kommt, sei zu kalt. Das Haus, in dem sie wohnten, hätten sie selbst gemauert. Aus richtigen Ziegeln. Das werde lange halten. 

   Ich gewöhnte mich schnell an ihr Deutsch. Nach einer Weile sagte ich, dass ich nun auch die Gärtnerfamilie begrüßen wolle, die auf der anderen Seite des Zaunes wohnte. Da sagte Stella ganz erschrocken: „Tu das nicht. Der Mann ist böse. Immer böse. Tu das nicht!“ Aber ich überhörte ihre Warnung. 

   Ich musste einen langen Umweg machen, um auf das Grundstück des anderen Nachbarn zu kommen. Das Haus dieses Gärtners war direkt an den Zaun „unseres“ Gartens gebaut. Man konnte es eigentlich nicht als Haus bezeichnen. Es war nur eine zusammengeflickte Bude, in dem ein junges Ehepaar mit seiner kleinen Tochter und einer alten Großmutter hausten. Als ich angestiefelt kam, arbeiteten sie alle in den Blumenbeeten etwas abseits der Bude. Man sah mich kommen. Ich bemerkte mit Erstaunen, dass die Frau das Kind schnappte und in ihr Haus lief, obwohl dies hier doch eine Gärtnerei war. Hier gingen Kunden ein und aus. Man verkaufte die Produkte direkt von den Beeten weg. Nur ein Mann blieb stehen. Als Wachtposten stellte er sich mir mitten auf dem Weg entgegen.

   „Oh nein“, dachte ich, „du kannst mich nicht erschrecken. Du darfst mir nichts tun. Da kannst du wütend spielen, solange du Lust dazu hast. Das lässt mich kalt!“ Als ich näher an ihn heran kam, sah ich, dass er sehr hellblaue Augen hatte. Sie waren auf mich gerichtet, und ich sah das Schwert in seinem Blick. Stumm hob er den Arm und wies zum Ausgang. Ich verstand die Geste und beeilte mich wegzukommen. So hätte ich das überall gehandhabt. Grund und Boden waren sein Eigentum, und jeder Eigentümer möchte gerne selbst entscheiden, wen er willkommen heißt.  Später erzählte man mir, dass diese Familie niemals etwas an Deutsche verkaufe.

   Ich ging spornstreichs zu meinem Vater. Wollte mit ihm über das Verhalten dieses Mannes sprechen und eine Erklärung haben. Aber sowohl Vater als auch Mutter waren von den Gästen in Anspruch genommen, die ständig in unser Haus kamen. Ich wartete eine Weile ab. Dann erinnerte ich mich an all’ das, was mir Vater über die Stadt erzählt hatte. Danach gab es  in ihr ein paar schöne Gebäude, Kirchen und Klöster und einen großen, prächtigen Park. Deshalb rief ich durch die offen stehende Tür, dass ich mich etwas in der Stadt umsehen wolle. Die meisten Gäste reagierten umgehend und meiner Ansicht nach äußerst merkwürdig,  indem sie beinahe schrieen:

   „Um Gottes Willen, bloß nicht! Geh’ auf keinen Fall in die Stadt! Nicht heute“. Ich glaubte, sie fürchteten, dass ich mich verlaufen könne, und versicherte deshalb, dass ich gewohnt sei, in einer Stadt herumzustromern, auch im großen Hamburg hätte ich mich nie so verlaufen, dass ich nicht nach Hause gefunden hätte. Aber die Gäste blieben dabei, mich vor einer Stadttour zu warnen. Meiner Ansicht nach benahmen sie sich komisch. Ja, Vater verbot mir sogar, eine kleine Entdeckungstour zu machen. Er, der ein paar Stunden zuvor gehofft hatte, dass ich die Dinge nun wie ein Erwachsener in die Hand nähme. Schließlich verlangte ich eine Erklärung. Diese erhielt ich von einem Polizeioffizier. Er stand auf.  Kam zu mir, um mir etwas von einem Juden zu erzählen, der in den Morgenstunden gehenkt worden war. An einem Galgen – mitten auf dem großen Gemüsemarkt der Stadt. Man beabsichtigte, ihn dort  bis zum Sonnenuntergang hängen zu lassen als Abschreckung und Warnung für alle und jeden. Denn Abschreckung müsse sein, wenn man die Leute dazu bringen wolle, sich zu fügen!

   Plötzlich fiel es mir schwer zu atmen. Ich musste oft schlucken, bevor ich fragen konnte, weswegen. Weswegen? Einen Menschen aufhängen. Mitten in der Stadt. Und ihn hängen lassen. Was für ein großer Verbrecher muss dieser Mensch gewesen sein, wenn man ihn sogar im Tode noch erniedrigte.

   Keiner der Anwesenden antwortete mir. Im Zimmer wurde es völlig still, bis einer sagte:

   „Ich weiß es nicht genau, aber es heißt, dass dieser Jude mit Weizenmehl gehandelt habe. Na ja,  nach dem Ausmaß der Strafe muss man annehmen, dass es sich um einen ganzen Güterzug Mehl gehandelt habe. Jedenfalls hat er etwas auf dem Schwarzen Markt gekauft oder verkauft – und das ist nicht erlaubt. Nicht für Deutsche, nicht für Polen! Schlimm genug, wenn sie es tun. Aber wenn Juden so etwas Niederträchtiges tun, ist es besonders schlimm. Da bedarf es keines Urteils mehr, da ist der Verbrecher nur noch aufzuhängen“.

 

   Alles hat ein Ende, auch dieser Tag. Die Dunkelheit brach hier eher ein als in Hamburg. Plötzlich durchzuckte mich der Gedanke, dass der Jude nun vom Galgen genommen würde, die Sonne war ja untergegangen. Ob wohl jemand die Erlaubnis erhalten hatte, ihn in anständiger Weise zu begraben? Ich blieb längere Zeit bei diesem Gedanken, weil man mir erzählt hatte, dass es die Juden mit der Beisetzung ihrer Toten und dem Begräbnisplatz sehr genau nähmen. Plötzlich  wurde mir entsetzlich übel. Mutter brachte mich zu einer Couch in einem der Zimmer und ließ mich hinlegen - diese Couch sollte mir von nun an als Bett dienen. Sie kochte für mich ein Glas Wasser ab, denn auch das Wasser war hier anders als zu Hause, wo man das Leitungswassergetrost hatte trinken können. Sie erkundigte sich nicht nach der Ursache meiner Übelkeit. Ohne etwas zu sagen, saß sie nur einen Augenblick bei mir, seufzte, streichelte meine Hand und ging zu den anderen. Wir hatten längst aufgehört, abends miteinander zu beten. Ich lag lange wach. Durch die geschlossene Tür hörte ich die Gäste reden und lachen. Dass die so fröhlich sein konnten! Wenn man sich nur völlig in sich zurückziehen könnte! Die Augen schließen, das Gesicht bedecken, die Ohren zustopfen! Ach, mir war so entsetzlich übel.  

   Am nächsten Vormittag klopfte ein etwa vierzehn Jahre alter Junge, Stellas Bruder, an unsere Tür. Er brachte einen Strauß großblütiger Nelken. „Fürr Fräullein“, sagte er, denn seine Zunge war für fremde Sprachen nicht geschaffen. Aber Mutter konnte gut verstehen, dass die Blumen für mich bestimmt waren.

   Dieser Junge war der erste Mensch in meinem Leben, der mich im Ernst „Fräulein“ nannte. Er behandelte mich auch weiterhin mit einer ausgesuchten, fast  respektvollen, später vertraulichen Höflichkeit. Auch wenn wir zusammen mit seinem wilden kleinen Bruder Verstecken spielten und andere Spiele, die polnische und deutsche Kinder gemeinsam haben. Obwohl – zusammen spielen, das konnten wir nur sehr selten. Die beiden Jungen mussten hart arbeiten. Aber die Nelken hatten zur Folge, dass ich mich sooft wie möglich traute, den Gärtner in seinem Treibhaus zu besuchen. Es war spannend zu sehen, wie er es schaffte, dass seine Stecklinge in einem Kasten mit Sand zu wachsen begannen. Waddek, der Jüngste der Familie, guckte mich manchmal eigenartig an, und ich hatte den Eindruck, dass er mich nicht so richtig mochte. Den Namen des Jungen, der mir die Nelken gebracht hatte – habe ich nie korrekt aussprechen können.  Ich nannte ihn, wie ich meinte, dass es richtig sei und wie ich die Aussprache seines Namens verstanden hatte, „Schischju“ [möglicherweise „Krzysiu“, Kosename für „Krzysztof“], und das brachte ihn stets dazu, frech zu grinsen. Seine Mutter lud mich auch in ihr Haus ein. Wenn die ganze Familie hier zusammensaß, war es wirklich sehr eng. Das Haus hatte zwei winzige Räume; überall standen Betten.  Die Luft und der Geruch waren nicht immer gut. Trotzdem habe ich die Stunden in dieser kleinen Hütte als etwas Gutes in Erinnerung. Alle konnten ein Instrument spielen. Und alle konnten singen.

   Ein paar Tage nach unserer Ankunft wurde meine Mutter von der  Frau aus dem Nachbarhaus gegrüßt. Mutter freute sich darüber. Ich hatte diese Nachbarin durch einen Spalt im Bretterzaun beobachtet, wie sie sich in ihrem Garten zu schaffen machte. Dabei hatte ich festgestellt, dass sie ganz gemütlich aussah, aber ich hatte nicht gewagt, sie zu grüßen. Das Nachbarhaus war klein und aus roten Ziegeln gebaut. Die Fugen waren – wie bei vielen anderen Häusern der Stadt – nur provisorisch verputzt. Das rührte daher, dass in Polen die Vermögenssteuer niedriger sein konnte, wenn ein Haus noch nicht ganz fertig war. Eines Vormittags, Mutter kam gerade vom Einkaufen zurück (der Laden gehörte einer Baltin mit immer traurigen Augen), stand die Nachbarin in ihrem Vorgarten, und zwar direkt am Eingang, als ob sie auf jemanden warte. Deswegen traute sich Mutter, stehen zu bleiben. Ja, „sich trauen“ ist das richtige Wort, denn wir hatten die Nachbarn polnisch miteinander sprechen hören. Sie stellte sich als Frau Kaminski vor und erklärte Mutter, dass sie sich bisweilen noch Kamińska nenne – wie das  in Polen üblich sei, denn sie sei  polnischer Herkunft, und  die Endung  „-a“ des Namens gebe im Polnischen an, dass sie eine Frau sei. Der Mann sei auch in Polen geboren, stamme aber aus einer deutschen Familie, deshalb hätten sie sich beide in die deutsche Volksliste eintragen können. Das habe ja ein paar Vorteile, die heutzutage nicht zu verachten seien. (Als Volksdeutsche – so bezeichnete man diese Art Menschen – hatten sie jedenfalls dieselben Verpflichtungen wie die Reichsdeutschen, aber was die Rechte anbelangte, waren doch Grenzen gesetzt). All’ das erklärte Frau Kaminski Mutter bei der ersten Unterhaltung und während der folgenden Gespräche. Sie sprach deutsch, nicht fließend, aber absolut verständlich. Frau Kaminski hatte zwei erwachsene Söhne. Deren Einberufung zur deutschen Wehrmacht gehörte zu den neuerworbenen „Rechten“ der Familie. Der Älteste war bei der Marine, der Jüngste bei der Infanterie. Und so kam es, dass Frau Kaminski oft hinüber zu Mutter ging, wenn sie einen Brief von ihren Söhnen erhalten hatte. Angeblich, weil in den Briefen etwas stand, was sie nicht verstehen konnte, denn die Söhne schrieben immer deutsch. Etwas anderes wäre Selbstmord gewesen. So fand ich die beiden Frauen ab und zu mit je einem Brief ihrer Söhne in der Hand. Wolfgang war noch nicht auf einem Schiff stationiert. Frau Kaminskis Sohn dagegen war auf einem U-Boot. Darüber war sie – freundlich ausgedrückt – nicht sonderlich begeistert.

 

   Ich kann mich beim besten Willen nicht an die Ankunft des Möbelwagens erinnern. Obwohl es eigentümlich ist, dass ein Tag, an dem die Ankunft unserer  Sachen uns dazu verhelfen konnte, die neue Wohnung zu einem Zuhause zu machen, vergessen ist. Vielleicht weil Mutter die Aufstellung der Möbel  nicht geplant hatte.  Die Möbelpacker hatten die Sachen nur hineinzutragen und konnten alles hinstellen, wo sie es für richtig hielten. Mutter war es egal. Die Dinge bekamen ihren Platz, und dieser Platz war nicht ihre Entscheidung. Basta! Trotzdem war sie nicht so gleichgültig, wie sie tat. Das Porzellan, die Gläser, die Vasen und alles andere packte sie abends aus, wenn das Mädchen nach Hause gegangen war. Sie wusch alles selbst ab, wollte ganz alleine sein, um diese Kleinigkeiten aufzustellen. Ich meinte, etwas Liebevolles, aber auch etwas Wehmütiges in ihren Bewegungen spüren zu können.

   Die weiße Kommode, die zu Hause immer im Flur gestanden hatte, bekam ihren Platz im Schlafzimmer meiner Eltern. In die Ecke zwischen Kleiderschrank und Fenster gezwängt, musste die Kommode alle meine privaten Dinge aufnehmen: Schulsachen, Spielsachen, Briefpapier – alles wurde auf zwei Ablagen und in einer Schublade untergebracht. In diesem Schub hatten früher die Handschuhe und die Schals der Familie gelegen. Und Vaters Pferdebürste, eine liebevolle Erinnerung an das erste Pferd, das er als Polizeibeamter geritten hatte. Ich weiß nicht, was Vater mit der Bürste gemacht hatte; in Polen habe ich sie nicht mehr gesehen. Meinen Puppenwagen mit all’ meinen Puppen musste ich ins Esszimmer neben die Couch stellen, die mir als Bett diente. Eigentlich spielte ich nicht mehr mit Puppen, aber ich legte Wert darauf, dass sie da waren. Das Haus hatte auch einen Boden, aber der musste wie in Hamburg total geräumt sein. Der Feind könnte ja Brandbomben werfen. Problematisch war, einen Platz für Mutters alte Eichentruhe zu finden. Diese Truhe bedeutete für Mutter viel. Von Generation zu Generation wurde sie der ältesten Tochter vererbt. Die Mädchen hatten ihre Aussteuer genäht und sie in dieser Truhe aufbewahrt. Urgroßmutter war die Letzte, die die Truhe mit handgewebten und handgenähten Stoffen gefüllt hatte. Sollte Mutter die Letzte sein, die sie mit hübschen, gestickten Dingen versehen hatte? In Mutters Vorstellung gehörte die Truhe schon mir. Nur deswegen, sagte sie, müsse sie wohlverwahrt in unserem Esszimmer stehen. Vater war davon nicht begeistert. Er fand die Truhe zu groß und klobig und sprach deshalb mit Krüger, dem anderen Mieter des Hauses. Die beiden einigten sich darauf, die Truhe auf den Dachboden zu stellen. Niemand werde – meinten die beiden – darauf verfallen, Bomben auf diese Stadt zu werfen. Und bisher, sagte Krüger, habe keiner den Boden kontrolliert. Ich hatte kein besonderes Verhältnis zu diesem Möbelstück, noch nicht. Ich hatte ja keinerlei Veranlassung, eine Aussteuer zu sammeln. Doch sollte die Truhe eine entscheidende Bedeutung in meinem Leben bekommen. Es kam der Tag, an dem ich wünschte, die Truhe in ein Versteck für ein Mädchen, das in Gefahr war, verwandeln zu können.

   Die Lilie und die Marguerite, die ich einst  auf der Wilhelmshöhe ausgegraben, zu Hause in meinen Garten gepflanzt und im letzten Augenblick wieder ausgegraben und im Möbelwagen  verstaut hatte, erhielten ihren Platz auf dem schmalen Beet neben der Eingangspforte. Hier, sagte ich meinem Vater, will ich sie in jedem Frühjahr weiterziehen – bis wir wieder zurückfahren. Dann will ich wieder einen Ableger mitnehmen, als Symbol, weißt du. Aber die Blumen, die sollen hier bleiben. Als eine Art „Dank für die vorübergehende Überlassung des Gartens“. Auf diese wunderlichen Worte antwortete mein Vater nicht. 

   Das große Beet des Vorgartens hatte der Gärtner mit Sommerastern bepflanzt. Die blühten nun in allen Regenbogenfarben; nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Ich nannte das Beet „Zauberbeet“, denn ich konnte dort einen Strauß nach dem anderen pflücken, ohne dass sich die Blütenpracht verringerte. Jedes Mal, wenn ein Gast aus der Stadt zu Besuch kam, musste er einen Strauß mit nach Hause nehmen. Und im Garten hinter dem Haus ernteten wir Gurken und Tomaten in derartigen Mengen, dass Mutter seufzte. Die Gurken legte sie in einem Fass in Essig ein, aber die Tomaten, was sollte sie mit einer solchen Menge Tomaten machen? Sie waren rot und süß, wir aßen sie wie Äpfel und verschenkten viele. Mit den Tomatenpflanzen war ein besonderes Ereignis verknüpf. Vater meinte, mir diese Geschichte mehrfach erzählen zu müssen, obwohl ich sie nicht hören wollte. Der Hintergrund der Geschichte und der Verlauf des Ereignisses verursachten mir zu Recht Unbehagen. Dazu kam, dass es mich peinlich berührte, wie Vater diese Sache gehandhabt hatte. Dennoch verlangte er von mir Einsicht und Verständnis. Im Laufe der Zeit sah ich mich veranlasst, meinem Vater Recht zu geben. Auch das war schwer zu ertragen. Denn jetzt wurden viele der guten Gaben des Sommers mit einer tüchtigen Portion Wermut versetzt. Obwohl ich das nicht wollte. Man muss doch auch ein Recht auf Vergessen haben. Im Heute leben. Unter dem Apfelbaum an der Südseite des Zauns sitzen, den Schoß voll von sonnengereiften, süßen Tomaten. Den Sommer da sein lassen mit seiner ganzen Fülle von Glücksgefühl, das mit Worten nicht zu beschreiben ist. – Dennoch, die Gedanken kommen ungerufen. Den Garten hatte ich immer vor Augen. Auch bei völliger Dunkelheit konnte ich sehen, was in ihm vor sich ging. - Eines Tages, im Frühsommer 1941, hatte Vater Tomaten gepflanzt. Er wusste ja, wir würden bald  kommen, Mutter und ich, und wir sollten etwas Ordentliches zu essen haben. Vater hatte den Gemüsegarten angelegt, hatte umgegraben, gesät und gepflanzt, während Handwerker das Haus bewohnbar machten. Der Hausschwamm hatte so gut wie alles, was in diesem Haus aus Holz war, befallen, die Fußböden mussten herausgerissen, die Türrahmen durch neue ersetzt werden. Das brauchte seine Zeit. Vater verbrachte deswegen nicht nur einen großen Teil seiner Freizeit in „seinem“ Garten, auch während seiner Mittagspause ging er hinaus zum Haus. Es war notwendig, ein Auge auf das Baumaterial und die Handwerker – junge Polen und einen alten Mann, der immer nur für sich war -  zu werfen.  Der Alte arbeitete sorgfältig. Man hätte annehmen können, dass er der Polier sei, was er aber nicht war. Vater unterhielt sich oft mit dem Alten, der Vaters Ansicht nach klug war und viel Lebenserfahrung besaß. Diese Gespräche bedeuteten Vater etwas. Der alte Mann drückte sich oft philosophisch aus. Vater mochte ihn und benutzte ihn bisweilen als Dolmetscher, denn er sprach fließend Deutsch und Polnisch. Er war Jude. 

   Einmal, Vater war gerade dabei, die Tomatenpflanzen in die sorgfältig vorbereitete Erde zu setzen, denn der Boden war sandig und an einigen Stellen auch sehr steinig, kam der alte Mann zu Vater hinaus. Er wollte ihm etwas sagen, obwohl ihm dies sehr schwer fiel. Er benötigte wirklich Hilfe. Nun – die jungen Burschen nahmen sich viel Zeit, um ihn, den Alten, zu hänseln. Das mache ihm nicht viel aus. Er könne das ertragen. Er sei so manches gewohnt. Aber nun habe sich etwas ereignet – ja, er wisse nicht, wie er das ausdrücken solle, denn es sei entsetzlich peinlich. Doch sehe er sich gezwungen, mit Vater darüber zu sprechen, weil die Kerle ihm eine Wiederholung angedroht hätten. Und das werde er nicht aushalten können. Die Sache sei so . . .  also . . .  bei Feierabend – gestern – hätten ihm die jungen polnischen Kollegen die Hose ausgezogen und ihn mit nacktem Unterkörper nach Hause geschickt. Ja, zuerst habe er sich geweigert zu gehen. Aber – was würde seine Familie machen, wenn er nach der Arbeit nicht ins Ghetto zurückkehrte? Der Gedanke daran habe ihn die Zähne zusammenbeißen lassen, habe ihn dazu gebracht, mit gesenktem Kopf zu gehen. Und jetzt, am Morgen, da hätten die jungen Kerle ihm für den Abend eine Wiederholung angekündigt.

   Vater wollte den Bericht des alten Mannes nicht glauben. Erkundigte sich deshalb bei den anderen Handwerkern und erhielt von ihnen eine Bestätigung. Begleitet von viel Gelächter. Nein, was für einen Spaß das gemacht hatte! Du liebe Zeit – ein Jude! Man könne doch wohl mit so einem ein wenig Unfug treiben!   

   Da nahm mein Vater sein Koppel und versprach dem Anführer der Gruppe eine Tracht Prügel auf den nackten Arsch, wenn sie diese Niederträchtigkeit wiederholten.

   Vater benutzte das Wort „Arsch“ nur, wenn er außer sich vor Zorn war.

   In der Mittagspause des folgenden Tages ging Vater zum Haus, um den alten Mann zu fragen, ob die Warnung Erfolg gehabt habe. Der Mann konnte zunächst nicht antworten, denn die Handwerker hatten einen Kreis um sie beide gebildet. Dann berichtete der Jude -  weinend und am ganzen Körper zitternd -  dass die jungen Männer am Abend zuvor  in der Erfindung von Quälereien noch phantasievoller gewesen seien und dass sie ihn wieder mit nacktem Unterkörper durch die Stadt gejagt hätten.

   Wenn Vater in Uniform war, trug er immer eine Pistole. Ich weiß nicht, ob er sie dazu benutzte, den Anführer der Gruppe zu veranlassen, sich bäuchlings über einen Stapel Fußbodenbretter zu legen, woraufhin seinen Kumpanen befohlen wurde, dem Anführer die Hosen herunterzuziehen. Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass es  so gewesen ist. Auf jeden Fall schlug Vater diesen Menschen mit dem Lederriemen auf das nackte Hinterteil. Ich weiß nicht, wie oft er zuschlug. Aber ich kann mir vorstellen, dass Vater nicht aufhörte, bevor ihm der Anführer versprochen hatte, den alten Juden in Frieden zu lassen.

   Es war an einem Sommertag. Ich hatte einen Korb Tomaten geerntet, als Vater sich zu mir setzte, um von dem alten Juden zu erzählen. Vielleicht erwartete Vater, dass ich stolz auf ihn war oder etwas Ähnliches. Aber sich einen Vater vorzustellen, der zuschlägt, verursachte mir Übelkeit. Ich sagte:

   „Du hast gegen das Gesetz verstoßen! Du hast Selbstjustiz geübt. Du hast immer gesagt, dass man dies nicht dürfe!“

   Vater fragte mit sehr beherrschter Stimme, was er in diesem Fall meiner Meinung nach hätte tun sollen. Er wurde rasend bei meiner Antwort: „Du hättest die Flegel bei der Polizei anzeigen müssen!“

   „Bist du wirklich so dumm? Hast du so wenig kapiert? Kannst du dir nicht vorstellen, was  uns passiert, wenn ich junge  Polen anzeige, weil sie einen alten Juden verachten und verhöhnen? Bestenfalls werden meine Kollegen annehmen, ich sei verrückt geworden. Aber die Behörden – die werden mich einsperren. Denn so ein Idiot mit einer derart kranken Auffassung von menschlicher Würde ist eine Gefahr für das Volk. Jette – hör zu! Recht besehen, könnten mir die polnischen Handwerker Körperverletzung wegen eines kleinen, harmlosen Spaßes mit einem dreckigen Juden vorwerfen und mich deswegen anzeigen. Aber ruhig. Ganz ruhig, mein Kind. Das werden sie nicht tun. So dumm sind die nicht. Sie wissen genau, was sie sich erlauben können. Sie wissen, wo sie sich auf der geltenden Werteskala befinden. Und noch eins, mein Kind: Es gibt leider Menschen, die nur Prügel als Warnung und Strafe verstehen. Die polnischen Handwerker waren ja gewarnt worden. Glaub’ mir, die hatten hinter meinem Rücken nur gegrinst und hatten mich für einen Idioten gehalten“.

   Keiner von uns beiden sagte etwas. Nach einer langen Pause seufzte Vater – ganz gegen seine Gewohnheit.

   „Jette, meine Jette, es ist jetzt an der Zeit, dass du erwachsen wirst! Das bedeutet, du musst lernen, die Welt zu begreifen, in der wir leben“.

  

   Die Tage kamen mir lang vor. Der Garten hier hatte kein dichtes Gebüsch, wo man, von allem und allen abgeschirmt, sich mit einem Buch hätte hinsetzen und alles vergessen können. Und Vater mochte nicht, dass ich auf eigene Faust in Stadt und Wald auf Entdeckungsreise ging. Ich hatte mich in der unmittelbaren Umgebung umgesehen. Nicht eine einzige Kinderstimme hatte ich gehört, nicht den Zipfel eines einzigen Mädchenkleides erspäht. Die Familie, mit der wir das Haus teilten, hatte eine ungefähr fünfjährige Tochter, Margarete. Ich versuchte, mit ihr zu spielen, aber sie konnte nicht mit Puppen umgehen, verlor überhaupt schnell das Interesse an Mädchenspielzeug. Sie sprach ausgezeichnet Deutsch, obwohl sie mit ihren Eltern lieber polnisch sprach. Und Polnisch sprach sie auch mit Hera, dem Hund der Familie, der stets an seine Hundehütte gekettet war. Doch konnten wir den Hund gelegentlich losketten und ihm beim Spielen ein leidlich gutes Benehmen beibringen. Heras Klugheit und Verspieltheit bereitete uns viel Spaß. Es zeigte sich, dass dies auch die kleine Tochter des zornigen Gärtners amüsierte, die uns von der anderen Seite des Zauns beobachtet hatte. Eines Tages rief sie etwas auf Polnisch, während sie uns mit den Fingern durch die Ritzen des Hauses zu sich hin zu winken versuchte. Das Mädchen erzählte uns dann, dass sie Wanda heiße, aber ihre Eltern nennten sie Wandeczka, was „kleine Wanda“ bedeute. Mit Margarete als Dolmetscherin erzählte ich dem Mädchen, dass mein Name Ruth sei und dass meine Eltern es nicht lassen könnten, mich Ruthchen, also „kleine Ruth“, zu nennen. Diese Mitteilung bereitete Wandeczka viel Freude. Wir forderten sie auf, zu uns rüber zu kommen. Aber da drehte sie sich um und rannte schnell zu ihrer Hütte. Doch kam sie am folgenden Tag wieder zum Zaun. Erneut wechselten wir – immer mit Margarete als Dolmetscherin – ein paar Worte. Aber eines Tages, als wir drei uns besonders gut unterhielten, geschah etwas ganz Entsetzliches. Plötzlich war Wandas Vater da. Er nahm seine kleine Tochter und verabreichte ihr vor unseren Augen eine ordentliche Tracht Prügel. Seitdem scheute Wanda den Zaun – und uns – wie die Pest. Margarete und ich riefen nie mehr ihren Namen, wenn wir vorsichtig einen kleinen Blick durch die Ritzen des Zaunes wagten.

 

   Eines Tages brachte ein Bote Mutter ein Paket mit einer geschlachteten Gans. Wir hatten ein solches Geschenk nicht erwartet, untersuchten das Einwickelpapier und  entdeckten, dass der rechte Empfänger ein Mann mit einem ähnlichen Familiennamen war. Vater hatte schon vorher Verwechslungen wegen dieser Namensähnlichkeit erlebt, und er wusste, wo diese Familie wohnte. Mir wurde erlaubt, die Gans dorthin zu bringen. Ein Mädchen meines Alters öffnete die Tür. Ich erklärte mein Kommen, lieferte das Paket ab – und wünschte mir im Stillen sehr, dass sie mich aufforderte hereinzukommen. Aber sie bedankte sich nur freundlich und schloss dann gleich die Tür. Bums – da war sie zu! Obwohl sie nur drei Worte gesagt hatte, bemerkte ich doch ihren weichen süddeutschen Akzent. Eine wie die, dachte ich, hat sicher viele Freundinnen.

 

   Vater tröstete: „Die Sommerferien sind bald vorbei, und in der Schule wirst du viele Kinder deines Alters treffen“. In der Stadt gab es nur eine Volksschule. Ich war längst angemeldet. Eine Weile war es mir ein Rätsel, warum Vater darauf bestanden hatte, mich am ersten Schultag zur Schule zu begleiten. Später meinte ich, ihn verstehen zu können. Beharrlich blieb Vater an meiner Seite, als ich ins Büro des Rektors kommen sollte. Ich kann mich nicht erinnern, ob der Rektor an diesem Tag – wie sonst so oft – seine SA-Uniform trug. Vater kam in Polizeiuniform -  er musste danach in seine Behörde gehen. Während er im Schulbüro stand, konnte ich nicht umhin, Vaters sehr aufrechtes und achtungsgebietendes Auftreten zu bewundern. Der Rektor war bedächtig. Fast zu ruhig. Er war stattlich, größer und breiter als Vater. Seine Augen waren sehr blau, seine Haut sonnengebräunt, seine Haare waren grau gesprenkelt, müssen aber ausgesprochen hellblond gewesen sein. Sein Dialekt machte deutlich, dass er aus Pommern stammte.

   Es zeigte sich, dass der Rektor mein Klassenlehrer war. Die Klasse, die er mit einer besonderen Betonung „meine“ nannte, lag direkt neben seinem Büro. Mein Herz klopfte, als ich vor den Kindern der Klasse stand. Es waren viele. Kinder der 7. und 8. Klasse, Jungen und Mädchen. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Uns plötzlich sah ich das Mädchen, jenes mit dem sanften, süddeutschen Akzent, das die Gans entgegengenommen hatte. Ich stellte mit Freude fest, dass sie ein Kleid aus demselben Stoff wie ich anhatte: Hellblau mit weißen Streifen, die mit winzigen Rosen und Vergissmeinnicht versehen waren. Sie erkannte mich wieder und lächelte mir aufmunternd zu. Der Rektor wies mir einen Platz auf der Bank hinter ihr an. In der Pause ergriff sie meine Hand und stellte sich vor:

   „Annemarie. Ich komme aus Nürnberg“.

   So begann eine Freundschaft, die bis heute besteht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                               D I E    S T A D T    A N    D E R    W E I C H S E L

 

 

   Während der ersten Kriegsjahre, als Mutter und ich noch in unserer Heimat, in Hamburg, lebten und Vater aus Polen zu uns auf Urlaub kam, berichtete er uns von einem sonderbaren Krieg: Der werde nicht von Männern in Uniform geführt,  so dass der Feind nicht zu erkennen sei. Es gebe keine sichtbare Frontlinie -  das mache die Verteidigung schwierig. Angriffe könnten jederzeit aus jeder Richtung von allen und jedem gegen alles und alle kommen; man könne sich nie sicher fühlen. Der Krieg werde nicht mit Bomben und Kanonen geführt, weswegen Sirenen und Luftschutzräume überflüssig seien – doch wäre alles leichter zu ertragen, wenn eine Warnung den Feind ankündigt.

   Der Krieg, den Vater beschrieb, war der Kampf der Widerstandskämpfer oder  Partisanen gegen die Besatzungsmacht nach der Kapitulation Polens. Das Leben, das Vater schilderte, war sein Alltag als deutscher Schutzpolizist in einer polnischen Stadt – in Włocławek nad Wisłą (zu dieser Zeit in Leslau umbenannt) – wohin er versetzt worden war. Geplant war, dass Mutter und ich ihm folgen sollten, sobald er eine Wohnung gefunden hätte. Aber als er die Verhältnisse genauer kennen lernte, verwarf er den Plan. Er gab uns zu verstehen, dass ein leidlich normales Alltagsleben in einer Stadt, in der große Teile der Bevölkerung sich feindlich gegenüberstanden, unmöglich sei. Ein Krieg, wie er ihn schildere, werde immer schrankenlos – ohne Recht und Gesetz – geführt. Von beiden Seiten. Vater war überzeugt, dass ich ein Leben unter Menschen, die mit einem Dolch in den Augen herumlaufen, nicht aushielte. Er wollte nicht, dass ich Jahre meines Lebens in Angst verbrächte. Denn – so sagte er – das Leben sei pechschwarz, wo es den Menschen versagt ist, menschlich zu sein. Er meinte, ich ginge an einem solchen Ort zu Grunde. Wie eine Blume im Keller büßte ich zunächst meine Farbe, dann den Mut und zuletzt die Freude am Leben ein. Er war der Ansicht, dass ein Partisanenkrieg schlimmer und für Menschen schwerer zu ertragen sei als der Luftkrieg über Hamburg. Aber leider musste er seine Meinung revidieren. Mit der Zeit nahmen die Luftangriffe auf Hamburg an Häufigkeit und Stärke zu, während der polnische Widerstandskampf allem Anschein nach leidlich in Schach gehalten werden konnte. Für Vater war die Trennung von uns eine Qual, aber er überließ Mutter die endgültige Entscheidung. Nach ein paar langen Nächten in unserem ganz und gar nicht bombensicheren Keller einigte sich Mutter mit Vater, und wir brachen auf. Viele, die den Krieg nie kennen gelernt haben, könnten der Ansicht sein, dass dies eine freie Entscheidung gewesen sei. Aber ich habe erfahren müssen, dass der Aufbruch eines Menschen nie frei ist, wenn Furcht und Machtlosigkeit die treibenden Kräfte sind. Viele haben mich zu belehren versucht. Haben mir zu verstehen gegeben, dass ich der reinste Glückspilz gewesen sei – kamen wir denn nicht aus einer von Bombenangriffen geplagten Stadt an einen Ort, der – im Verhältnis zu anderen Orten  - und zieht man die Zeit in Betracht - ganz friedlich wirkte?

   Doch kommt es auf den Standpunkt an, darauf, was die Augen sehen. Vielleicht ist es klug, ab und zu etwas blind zu sein – jedenfalls auf einem Auge. Oder alles ein bisschen verschwommen zu sehen, was Menschen oft tun. Das Leben musste ja weitergehen, sollte gelebt werden - jedenfalls, wenn man jung ist und meint, ein besonderes Recht auf  Leben zu haben. Wie auch immer, wir waren gezwungen einzusehen: Hier wollen wir nicht sein -  hier müssen wir sein. Und wenn schwere Zeiten nur langsam vergehen, muss man lernen, sich mit Geduld zu wappnen. In dieser in jeder Hinsicht fremden Welt musste man lernen zu warten – und zu schweigen.

   Manchmal ging ich zum Strom. Der behäbig dahin fließende breite Fluss und der sanfte Schlag der Wellen ans Ufer wirkten besänftigend. Der Duft feuchter Luft war mir vertraut. Das erschreckend Fremde dieses Landes – und unsere Lebensbedingungen – verlor hier seine Schärfe. Der Strom verhalf mir, mich einzuleben und mich mit meiner Situation zu versöhnen. Nun konnte ich die Schönheit der Landschaft am Fluss und die charakteristische Lage der Stadt wahrnehmen. Und da stellte sich wieder Freude ein, diese sonderbare Freude am Leben – nur leben wollte ich und eins sein mit dem, was das Leben bot.

   Die gesprengte Brücke erinnerte an den Krieg. Ich versuchte, mir einzureden, dass dieser Krieg - was uns betraf -  weit weg war, doch erreichte der Wellenschlag der Front in unaufhörlichen Strömen verwundeter Soldaten unsere Stadt. Auch damit musste man leben lernen.

 

   In der Nähe der zerstörten Brücke sorgte eine Fähre im Pendelverkehr für die Verbindung zwischen der Ost- und der Westseite der Stadt. Ich genoss die Überfahrt mit der Fähre, die ich selbstverständlich nur bei schönem Wetter unternahm. Deswegen sah ich den Fluss zunächst allein als Teil meiner Sommerfreuden und hörte mit einer erheblichen Portion Skepsis Vaters Berichte über diesen launischen Koloss, der es liebe, seine Kräfte im Winter und seine Tücke im Sommer zu zeigen. Ja, Vater hielt den Fluss im Sommer für besonders gefährlich, denn Sonne und Wärme machten schläfrig und schwächten den wachen Sinn der Menschen für Gefahren. Vater verwies auf die Strudel des Stroms, die an sich ständig ändernden Stellen Menschen in die Tiefe zögen. Jeden Sommer forderte der Strom Opfer. Ich durfte keinen Fuß in das Wasser des Flusses setzen.

   Vater erlaubte mir auch nicht, in die gut besuchte und bewachte Badeanstalt des Flusses in der Nähe des Stadtzentrums zu gehen. Meiner Ansicht nach hatte er ein zwiespältiges Verhältnis zu diesem prächtigen Strom. Sicher fand er dessen Kraft und Unberechenbarkeit imposant, seinen Anblick schön und sein Werden interessant. Jedenfalls durfte ich Vater gerne von meinen neu erworbenen Kenntnissen über dieses Überbleibsel eines Urstroms, der durch die Schmelzwässer der Gletscher geschaffen worden war, erzählen. Gewiss, er hörte geduldig zu, als ich sagte: „Stell dir vor, jeden Tag setzen wir hier unsere Füße auf etwas, was einmal das Bett eines Urflusses war!“ Aber ich konnte Vater mit dieser Geschichte nicht so richtig imponieren. Er antwortete bloß: „Kein Wunder also, dass die Gartenerde so schlecht ist, wenn sie aus altem Flusssand besteht“. Dass er bei meinen Erzählungen über das Ende der schier endlosen Eiszeit an den verflixt ärmlichen Boden denken konnte, mit dem er sich abmühte, um etwas ernten zu können, dass er das konnte . . . !

   So sind Eltern nun einmal. So war Vater in seinem Garten. Wenn man ihm etwas für uns Menschen enorm Wichtiges erzählen wollte, dann hatte er keine Zeit, ordentlich zuzuhören. Dann musste er umgraben und jäten und pflanzen und gießen. Alles zum Besten der Familie, wie er sagte.

   Die Entstehung des Flusses erzählte mir etwas über eine ewig währende Entwicklung. Es war ein sonderbarer Gedanke, dass wir im alten Flussbett in einer Stadt lebten, die im Laufe von Jahrtausenden von Menschen errichtet worden war, die gekommen und gegangen waren, die kamen und gingen. Es war ein Furcht einflößender und gleichzeitig beruhigender Gedanke, dass unsere Zeit nur ein kurzer Atemzug der Ewigkeit ist; ein kleiner kurzer Pfiff, und alles ist wieder vorbei und Vergangenheit. Ich hätte gerne mit Vater darüber gesprochen. Mutter war zu dieser Zeit nicht sehr für Gespräche zu haben. Ich hätte gerne mit beiden über dieses Land, diese Ebene, die nun unsere Füße trug, nachgedacht. Einmal, vor langer Zeit, war das alles von einer dicken Eisschicht bedeckt, weil es aufgehört hatte, Sommer zu werden. So schneite und schneite und schneite es Jahr für Jahr. Ich hätte so schrecklich gerne mit jemandem darüber gesprochen. Denn ich hatte besonnene Menschen über eine „Eiszeit der Herzen“ reden hören. Und dieser Satz hatte mich frösteln lassen. Ich hätte so gerne meinen Vater oder einen anderen klugen Menschen gefragt, ob die Zeit in der Lage sei, die Veränderungen herbeizuführen, die wir Menschen nicht selbst hervorbringen können. Aber wenn die Gedanken auch im Kopf waren, so konnte ich sie nicht in Worte kleiden. Meine Worte kamen mir allzu armselig vor. Das sind Worte ja manchmal. Und daran ist nichts zu ändern.

 

   Wenn man in normalen Zeiten eine Stadt kennen lernen möchte, geht man in eine Bibliothek und leiht sich Bücher aus, kauft sich in einem Buchladen einen Reiseführer oder holt sich im örtlichen Touristenbüro Auskünfte. Oder man sucht Kontakt zu ein paar „Eingeborenen“ und lässt sich erzählen. Aber all’ das war damals so gut wie unmöglich, die Zeit war absolut nicht normal.

   Ich erkundigte mich nie nach der Größe der Stadt, gemessen an der Zahl der Menschen, die dort wohnten oder in ihr Zuflucht gesucht hatten. Das hätte auch wenig Sinn gehabt, denn die Menschen kamen und gingen – freiwillig oder unter Zwang. Aber die Größe einer Stadt und deren Bedeutung (oder deren Bedeutungslosigkeit) kann auch beschrieben werden durch die Zahl der Gebäude und Institutionen.

   Kirchen und Klöster gab es in dieser Stadt zahlreich. Aber leider habe ich nie versucht, deren Anzahl zu erfahren. Vielleicht, weil die Kenntnis einer bestimmten Zahl ohne Bedeutung war in einer Zeit, wo Kirche auf Kirche und Kloster auf Kloster zwangsweise geschlossen und zu anderen, nach Ansicht der Machthaber wichtigeren Zwecken benutzt wurden.

   Dagegen war es einfach, sich Kenntnisse über den Sportplatz zu verschaffen. Wir Kinder und Jugendlichen wurden schlichtweg gezwungen, diese wichtige Anlage fleißig zu benutzen. Deshalb kann ich mit Sicherheit sagen, dass die Stadt einen Sportplatz hatte. Wichtig, vergnüglich, ausreichend oder notwendig waren für eine Stadt dieser Größe auch ein Kino, ein Konzertsaal, ein Rathaus, eine Post, ein Park, eine Volksschule, ein Gymnasium, eine Gewerbeschule, eine Schule zur Ausbildung in diversen Berufen, ein Altersheim, ein Krankenhaus (für Zivilpersonen) und  - ja – eine Partei – all’ das zusammen durfte – nach Anordnung der Behörden – nur von Deutschen genutzt werden. Einen Bahnhof, einen Friedhof, ein Gefängnis, alle Geschäfte und alle Straßen und Bürgersteige durften Deutsche und Polen jedoch gemeinsam benutzen, einen Friedhof hatten sie für ihre Toten. Ein Ghetto als Wohnbezirk und alle Gossen der Stadt als Fußweg hatten die Juden für sich! Ob die Gefangenen im Gefängnis gezwungen wurden oder die Erlaubnis erhielten, die Einrichtungen dieser Institutionen gemeinsam zu benutzen, darüber kann ich aus guten Gründen nichts sagen. In den Geschäften wurden Deutsche und Polen auf Grund bestimmter Einkaufszeiten strikt getrennt. Soweit ich mich erinnern kann, durften die Polen die Geschäfte mitten am Tage zwei Stunden lang benutzen. Besonders vor den Milchgeschäften entstanden weit vor den Öffnungszeiten für Polen riesige Schlangen. Am Anfang war es mir peinlich, an einer solchen Schlange vorbei direkt zum Ladentisch zu gehen, während die Augen der oft ärmlich gekleideten Frauen mir folgten. Aber man gewöhnt sich an vieles – an infiziertes Trinkwasser wie an das Elend der Welt. Magen und Seele werden mit der Zeit immun, wenn Dreck und Gemeinheit der Normalfall sind. Gewiss, manches lässt sich lindern. Aber das ist nicht mehr als ein Flohstich auf der Haut einer Dogge. Unrecht wird im Krieg zur Selbstverständlichkeit.

   Auch ich nahm das anscheinend Unabänderliche hin. Aber – Gott sei Dank – wurde ich Elend und Unrecht gegenüber nie gleichgültig. Niemals konnte ich mich an die Scham gewöhnen, die ich beim Gedanken an die Lebensmittelmarken empfand, die für Polen selbstverständlich erheblich knapper als für Deutsche ausfielen. Mit einer Ausnahme: die Polen erhielten ab und zu eine besondere Zuteilung Branntwein. Dann konnte man erleben, dass einige – besonders alte Menschen -  betrunken auf der Straße lagen. Sie hatten mit dem Trinken nicht warten können, bis sie nach Hause gekommen waren. Das verschaffte der von der Partei kontrollierten Presse glaubwürdige Berichte. Viele von uns hatten ja ältere Menschen betrunken in der Gosse liegen sehen. So brauchten die Redakteure nur noch etwas von dem von Alkoholmissbrauch und Erbanlagen degenerierten slawischen Volk zu schreiben, und  den Journalisten war das Lob der Partei sicher. Mit wenigen Mitteln hatte die Partei somit fertig gebracht, etwas zu veranschaulichen, von dem sie wollte, dass wir es für wahr hielten.

   Was den Friedhof anging, gab es Gemeinschaft nur auf den ersten Blick. Ein Gang über die Begräbnisstätte enthüllte rasch mehrere Grenzen und Beschränkungen: Die deutschen Toten wurden üblicherweise in einer Abteilung für sich begraben - noch mehr „für sich“ fanden die gefallenen deutschen Soldaten auf dem „Heldenfriedhof“ ihren Platz. Auch im Tod durfte es kein Zeichen von Gleichheit und Gleichwertigkeit geben. Und ein Gang außerhalb der schützenden hohen Mauern des Friedhofs enthüllte durch ein paar verhältnismäßig neue Gräber, dass die Polen keinesfalls einen Selbstmörder in geweihter Erde zu Grabe tragen wollten. Sie wurden draußen begraben, so dicht an der Friedhofsmauer, wie sich diese bewerkstelligen ließ. Aber außerhalb. Für immer und ewig draußen. Was sie sicher auch im Unglück waren, das sie zum Selbstmord getrieben hatte. Die Welt kann eng werden. Für einige so eng, dass sie nicht mehr weiter können.

   Im Großen und Ganzen hatte unsere Stadt also viel zu bieten. Natürlich hatte sie auch Gastwirtschaften, Hotels, Eisdielen, Cafés und Kindergärten. Sie hatte Fabriken, Geschäfte – denen oft die Waren fehlten – und sie hatte auch ein Haus, bei dessen Erwähnung die Jungen frech grinsten (weswegen, blieb mir lange ein Rätsel). Selbstverständlich hatte diese Stadt auch eine Kaserne, eine Offiziersschule und zahlreiche Lazarette – ich habe nie versucht, sie zu zählen, denn  insbesondere die Zahl der Lazarette stieg ständig an.

   Ich fand es auch nicht notwendig, nach der Grundfläche der Stadt in Quadratkilometern zu fragen. Die Stadt vermittelte mir immer das Gefühl, dass man durch die Zeiten hin in ihr mit Grund und  Boden hatte nach Herzenslust schalten und walten können. Davon zeugten die drei großen Marktplätze der Stadt: Am liebsten war mir der kleinste [„Stary Rynek“, der „Altmarkt“]. Er lag unten am Fluss und war von kleinen, alten Häusern umgeben. Polen erzählten mir, dass hier – um den Markt –  die Anfänge der Stadt zu suchen seien. Eine  schnurgerade Straße [heute „ulica 3. Maja“]  mit breiten Bürgersteigen führte hinauf zum zweiten Markt, der eigentlich kein Marktplatz war, sondern ein geräumiger Platz[heute „pl. Wolności“, „Freiheitsplatz“], der verschönert worden war durch niedrige Bepflanzung, breite Pfade und viereckige Aussparungen, auf denen mehrere Bänke standen, die zum Verweilen einluden. Die Bänke waren auf der einen Seite mit einem deutschen Text und mit einem polnischen auf der anderen versehen. Die Bedeutung der Texte war jedoch identisch. Der polnische Text muss als etwas Besonderes gesehen werden, denn an öffentlich zugänglichen Stellen war die polnische Sprache, insbesondere die geschrieben, geächtet. Der Text der Schilder teilte allen Menschen mit, dass die Bänke nur von Deutschen benutzt werden dürften.  „Tylko dla Niemców“ [ „Nur für Deutsche“), Sinn und Absicht waren leicht zu verstehen. Mit wenigen Mitteln wurde auf diese Weise der Hass der Polen angestachelt. Ein paar Polen waren Analphabeten. Aber das machte nichts; alle wussten, was der Text aussagte. Nur wenige wagten, die Bänke zu benutzen. Der Platz hieß im Übrigen „Adolf Hitler Platz“. Die Bauersfrau, die mit einem Säugling auf dem Rücken in die Stadt gekommen war, um einzukaufen oder zu verkaufen, musste nun mit dem Kantstein vorlieb nehmen, wenn sie sich setzen wollte, um ihrem Kind die Brust zu geben. Auch dies versuchte man zu unterbinden, und zwar mit der Begründung, dass eine entblößte Brust Anstoß erregen könne. Nicht genug damit. In einem Zeitungsartikel wurde hingewiesen auf dieses „primitive Volk, dessen Weiber im Rinnstein sitzen und ihre Kinder säugen“. Ich sah sie oft sitzen. Mein Schulweg führte über diesen Platz, den ich deshalb mindestens zweimal am Tag überqueren musste. Wenn die Frauen, auf einer der Bänke sitzend, ihren Kindern die Brust gegeben hätten, hätte ich mich nicht bremsen können. Ich hätte mich eines schönen Tages neben eine gesetzt. Und vielleicht hätten wir dann ein paar Worte wechseln oder uns sogar unterhalten können. Wären uns als Menschen begegnet.

   Die Machthaber wussten, was sie taten, als sie die Bänke mit diesem Text versahen. Sie schlugen mehrere Fliegen mit einer Klappe! Gewiss siegten sie. Jedenfalls in der ersten Runde. Und in der zweiten und dritten.

   Wenn ich über den Platz ging, war ich oft mit Annemie und Reni zusammen. In der Stadt nannte man uns „das dreiblättrige Kleeblatt“. Wir drei waren gleichaltrig, aber Reni und Annemie waren etwas anders. Das heißt: Ich war ein bisschen anders als die beiden Mädchen. Während ich noch stolz auf meine langen Zöpfe war, liebten die beiden ihre Dauerwelle. Sie wussten längst, was schick war: Ein hochgeschlagener Mantelkragen zum Beispiel. Und die Schultasche lässig unter dem Arm getragen. Als schick galt auch, einen Jungen aus der Klasse zu haben, mit dem man „ging“. Obwohl man ihn nie außerhalb des Schulhofs traf, auf dem man kaum ein Wort mit ihm wechselte. Ein Lächeln oder ein Blick, ein bisschen anders als üblich, genügten. Ich erwähne das nur, weil dieses „Anderssein“ generell schwer zu ertragen ist. Man entgeht möglichst allem, was eine Verschiedenheit hervorhebt. Deshalb konnte ich meine Lust beherrschen, neben den Frauen im Rinnstein Platz zu nehmen. Es war ja sowieso nutzlos, gegen etwas zu demonstrieren, was man als Unrecht ansah. Nach langer Zeit der Einsamkeit war es ein Glück, zwei neue Freundinnen gefunden zu haben. Und ich wusste, wenn ich etwas so Verrücktes täte, wie mich in den Rinnstein zu setzen, würde Reni sich vor Lachen nicht mehr halten können und Annemie mein Benehmen für „superpeinlich“ und völlig inakzeptabel halten. Anständige Mädchen erregen kein Aufsehen! Also benahmen wir drei uns anständig, wenn wir über diesen Platz gingen. Obwohl dort die Bänke mit den seltsamen, verletzenden Worten standen, während die polnischen Frauen im Rinnstein saßen. Das konnte angehen, weil Sommer war. Und hatte ich nicht gesagt, der Sommer lasse manches leichter ertragen?

   Auch der dritte Markt der Stadt war sehr groß, was dessen Ausdehnung, gemessen in Quadratmetern, anbelangt. Er lag etwas weiter östlich, unweit des Flusses und in der Nähe von ein paar großen Gebäuden, die vor dem Krieg sicherlich Schulen gewesen waren, jetzt aber als Lazarette dienten. Dieser Markt hatte Kopfsteinpflaster. Hier verkauften Bauern und Gärtner zweimal in der Woche ihre Produkte [der Platz heißt heute – und hieß vermutlich vor 1939 auch – „Zielony Rynek“, „Grüner Markt“ oder „Gemüsemarkt“]. Eigenartigerweise habe ich nie einen Polen nach dem alten Namen des Platzes gefragt. Die Partei hatte ihn in „Nürnberger Platz“ umbenannt. Die Leute sollten daran erinnert werden, dass die alte Reichsstadt Nürnberg von Hitler zur „Stadt der Reichsparteitage“ gemacht worden war.

   Włocławek, hatte man mir erzählt, sei uralt. Diese Stadt bot uns jetzt Obdach. Vieles an unserem Aufenthalt hier schien mir leichter zu ertragen, solange ich die Stadt als einen Ort begreifen konnte, der durch die Zeiten hin viele Menschen beherbergt hatte und beherbergte. Einmal war Włocławek Hauptstadt eines der vielen Fürstentümer Polens gewesen. Ich forschte vergeblich nach den Überresten eines Schlosses oder eines burgähnlichen Gebäudes, und keiner der Einheimischen konnte oder wollte mir sagen, ob es sie gab. Aber alle wollten mir gerne etwas über den Bischof und seine Residenz sagen. Diese Residenz, die unten am Fluss in einem Park lag, ähnelte einem Palast. Der Bischof war längst verschwunden. Ebenfalls alle katholischen Geistlichen und Mönche. Doch waren bei unserer Ankunft in der Stadt ein paar Klöster von Nonnen bewohnt. Noch. Auch damit war eines Tages Schluss. Die Kathedrale stammte, wie man mir erzählte, aus dem 12. Jahrhundert. Aber als ich mir sie ansehen wollte, fand ich die Tür verschlossen. Man hatte dieses Gebäude als Lagerraum für Medikamente geeignet befunden. Ein Missbrauch, den Gott im Himmel vergeben möge, dachte ich. In der Stadt  befanden sich allzu viele verwundete, leidende Soldaten. Am Weg zur Kathedrale befand sich eine Statue der Jungfrau Maria. Mit milden Augen blickte sie auf uns alle. Sie war aus Stein. Anderenfalls wäre es wohl nicht gleichgültig gewesen, ob sich einige bekreuzigten, andere niederknieten und wieder andere vorüber gingen. Die Kirchtürme überragten alles, wie es sich für eine gotische Kathedrale gehörte. Gegenüber der Kathedrale lag ein Gebäude, das ursprünglich Priesterseminar war. Hier hatte in einer kleinen Zelle Vater sein Büro.

   Auch der Park lag in der Nähe der Kathedrale. Nur schwer kann ich das Schönste an dieser Quelle von Inspiration und Entspannung hervorheben. Am liebsten hielt ich mich wohl an der Zgłowiączka, einem kleinen Nebenfluss (oder besser „Nebenbach“) der Weichsel auf, der durch den Park floss. Und am allerliebsten setzte ich mich an den kleinen Wasserfall des Flusses. Hier konnte man, begleitet von den murmelnden Geräuschen des Wassers, die bei Hochwasser zu einem Brausen wurden, wirklich Zeit und Ort vergessen. Oder man konnte das Umfeld sprechen lassen. Gerade dort, wo ich oft saß, hätte eine Mühle gestanden haben können. Und ein Bereich mit großen alten Bäumen und Pflanzen könnte ein Klostergarten gewesen sein. Die Gebäude unmittelbar am Park – so hatte man mir erzählt – hätten früher zu einem Kloster gehört. Nun standen sie leer. Als Forscher hätte man rasch feststellen können, dass der Park sich im Laufe der Zeit entwickelt und dass die letzte Erweiterung in unserer Zeit stattgefunden hatte. Alte Obstbäume erzählten von kleinen Häusern mit geräumigen Gärten als Rahmen um das Leben der Familien. So hatte der Park manch schönen Winkel. Aber er war nicht gerade überlaufen. Denn an allen Parkeingängen hatten die Behörden Schilder mit dem Text „Nur für Deutsche“ angebracht. Und so viele Deutsche gab es in der Stadt nun auch wieder nicht, wenn man von den  verwundeten Soldaten absah, die diesen Park auch genossen. Das heißt, wenn sie gehen konnten. Und dazu waren viele nicht in der Lage.

   Der Park war also oft menschenleer. Dies war er auch der Fall an dem Nachmittag, an dem ich zusammen mit Reni und Annemie den Park als Ziel gewählt hatte. Einsamkeit kann gut sein – insbesondere an einem solchen Ort. Aber eine Woche Regenwetter, die uns ans Haus gefesselt hatte, ließ in uns eine übermütige Stimmung und Erlebnishunger aufkommen. Vielleicht hatte auch nur die Sonne Schuld, die geradezu unverschämt schön von einem klaren blauen Himmel schien. Als wir den Park verließen, kamen wir am Dom vorbei, dessen eine Tür weit offen stand. Wir konnten es nicht lassen, wir mussten rein und gucken. Wurden aber schon nach wenigen Schritten von einem Wachtposten, einem deutschen Soldaten aus der Kaserne, angerufen. Und als wir ein wenig erschrocken stehen blieben, tauchten zwei weitere Soldaten auf. Aber niemand versuchte, uns den Zugang zum Dom zu verwehren. Sichtbar erfreut über ein bisschen Gesellschaft, boten sie uns eine Besichtigung des Doms an, soweit dies bei all’ den aufgestapelten Kisten im Mittelschiff möglich war. Mit gedämpfter Stimme versuchten nun die drei Soldaten, uns Mädchen etwas über den Dom zu erzählen. Annemie war von den blau bemalten Wölbungen mit den vielen goldenen Sternen fasziniert. Still und auf eine besondere Weise beeindruckt, folgten wir den Soldaten durch die Kirche. Sie behandelten uns  Mädchen mit ausgesuchter Höflichkeit. Vielleicht durften wir deshalb auch mit dem einen eine sehr schmale und steile Treppe hinunter in die Krypta gehen. In dem Raum gab es glücklicherweise elektrisches Licht. Anderenfalls hätten wir es nicht gewagt, uns dort aufzuhalten. Aber der Soldat versicherte uns, dass wir keine Angst zu haben brauchten, auch nicht in der Dunkelheit. Denn, so sagte er, hier unten sei es einem Priester oder einem Mönch gelungen, eine heilige Reliquie zu verstecken, die er, der Soldat, neulich beim Aufräumen gefunden habe.

   „Schaut her!“ sagte er, während er uns ein Gefäß zeigte, „seht mal!“

   Da verstand ich, dass der Soldat Katholik war und dass dieser Gegenstand, der etwas von einem längst verstorbenen Heiligen enthielt, für den Soldaten von großer Bedeutung war. Dass gerade er es war, der ihn gefunden hatte und deshalb in Verwahrung nehmen konnte – ja, das sei wirklich eine Auszeichnung, ein Glück, sagte er. Ein Glücksfall! Eine der besonderen Fügungen des Lebens.

   Als wir das gedämpfte Licht des Doms verließen, blieben wir mit den Soldaten eine Weile in der Türöffnung stehen. Mit Wohlbehagen nahmen wir die wärmenden Sonnenstrahlen wahr. Niemals haben wir diesen Tag vergessen, an dem wir ausgegangen waren, um uns zu amüsieren, und an dem wir auf dem Heimweg keine rechte Lust mehr hatten herumzualbern.

   Einmal – während Vaters Urlaub in Hamburg – hatte er von den vielen Klöstern und Kirchen der Stadt berichtet. Hatte mit Entrüstung und Schmerz in der Stimme ein Bild des Kampfes der polnischen Priester und Mönche für die Freiheit Polens zu zeichnen versucht. Diese Erzählung erhielt an diesem Nachmittag eine besondere Bedeutung. Denn nach meinem Treffen mit dem katholischen Soldaten meinte ich, etwas von dem verstanden zu haben, was mir in Hamburg ein Rätsel geblieben war.

   Vaters Aufgabe bestand darin, in einer besetzten Stadt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Zu Beginn der Besatzungszeit standen Kirchen und Klöster weitgehend unter dem Schutz  der Besatzungsmacht. Vater nahm an, dass dies auf einer Absprache zwischen Papst Pius XII. und Hitler beruhe, wonach der Papst aufhörte, Hitler wegen seiner Maßnahmen gegen die Juden zu kritisieren, wenn Hitler die Kirchen nicht antastete. Ich weiß nicht, ob es eine solche Vereinbarung gegeben hat, und kann deshalb nicht sagen, ob sie gebrochen wurde. Tatsache aber ist, dass die Polizei Befehl erhielt, Kirchen und Klöster nach Waffen zu durchsuchen. Zunächst wurden gewöhnliche Polizeibeamte zu diesen Aktionen kommandiert, die leider von Erfolg gekrönt waren, obgleich die Mönche die Verstecke mit großem Erfindungsreichtum gewählt hatten. Oft wurden die heiligsten Orte der Kirchen  als Verstecke für Munition benutzt. Ein Altar konnte als Depot für Gewehre dienen. Auch in den Särgen bei den Toten konnten sich Schusswaffen befinden. Und selbst die Haufen alter Skelette, die es  in den Kellern und Gewölben alter Klöster gab, dienten lange Zeit als sicheres Versteck für so manche Waffe. Diese Hausdurchsuchungen waren nicht nur problematisch für die Bewohner der Klöster, sondern auch für gläubige katholische Polizeibeamte. Ungeachtet, was sie taten und für wen sie Partei ergriffen, kamen sie mit ihrem Gewissen in Konflikt. Schließlich wurde zur Durchsuchung von Klöstern und Kirchen immer ein verantwortlicher Offizier als Leiter der Aktion kommandiert – als hellwacher Wächter über seine Polizisten.

   Sicherlich hatte Vater Recht mit seiner Ansicht, dass Kirchen und Klöster nicht Blei und Stahl im Kampf um Recht und Gerechtigkeit einsetzten dürften. Gewiss verstand ich nach dem Zusammensein mit einem gläubigen Katholiken im Dom, was Vater mit seinem Bericht über die ekelhaften Durchsuchungen von Kirchen und Klöstern mir hatte zu verstehen geben wollen. Die Soldaten hatten uns Mädchen keine polnische Kirche gezeigt – nein, sie hatten uns in ihrem Kirchenraum herumgeführt. Für sie hatte dieses Gebäude keine Nationalität, wie auch der Altar keine hatte – oder die Reliquie, die sie in der Hand gehalten hatten.

   Als die Polizei den Befehl erhielt, die katholischen Kirchen und die Klöster zu durchsuchen, erwies es sich als notwendig, evangelische Beamte heranzuziehen. Aber auch unter ihnen gab es ein paar, die diese Durchsuchungen nicht zuverlässig genug durchführten.

   Priester und Mönche sollten sich von Schusswaffen fernhalten. Priester sollten mit dem Wort als Waffe kämpfen. Dieser Kampf ist beschwerlich, aber viel wirkungsvoller als Gewalt. Da wir Menschen gezwungen sind, in einer Welt zu leben, in der Böses herrscht, brauchen wir eine Zufluchtsstätte -  für unsere Gedanken und, wenn die verkündeten Worte so weit reichen, für unseren Glauben. Der Körper kann in einer Welt ohne Gott an Händen und Füßen gefesselt werden. Ein Krieg – auf welche Weise er auch immer geführt wird – verdeckt den Himmel und lässt die Hölle sichtbar werden.

 

   Nun gab es in unserer Stadt so gut wie keine Kirche, in der Gottesdienst gehalten wurde. Aber wie jede Stadt, die auf sich hielt, hatte auch unsere ein Gefängnis. Von einer gewissen Größe an kann nämlich keine Stadt ohne eine solche Institution auskommen, denn man ist ja gezwungen, Rücksicht auf die ordentlichen Bürger der Stadt zu nehmen. Über das Gefängnis unserer Stadt sagte man, dass es im Verhältnis zur Einwohnerzahl der Stadt eine passende Größe habe. Aber Irmgard, ein Mädchen aus meiner Klasse, deren Vater als Pförtner in diesem Gefängnis arbeitete, sagte, dass sie auf Grund von Äußerungen des Vaters glauben müsse, dass es die Gefangenen bisweilen sehr eng hätten. Mit anderen Worten: Das Gefängnis war überfüllt. Wenn man das hörte, konnte man annehmen, dass unsere Stadt von Zeit zu Zeit besonders viele Verbrecher anzog. Obwohl einem bei diesem Gedanken Zweifel kamen. Man hörte so gut wie nie etwas von einem Überfall oder von anderen Gewalttaten. Auch berichteten die Zeitungen nichts über diverse Einbrüche. Wohl waren die Polen für Diebstähle – insbesondere am Arbeitsplatz – bekannt. Aber es war üblich, solche Vergehen mit  Entlassung zu ahnden. Was in vielen Fällen Strafe genug war. Trotzdem war das Gefängnis übervoll.

   Irene, ein anderes Mädchen meiner Klasse, deren Vater Gefängniswärter war, lud mich eines Nachmittags in die Wohnung ihrer Familie in einem Haus ein, das unmittelbar an der Gefängnismauer lag. Das war nach Fastnacht. Irene hatte der ganzen Klasse erzählt, wie sehr man sich in der Stadt, aus der sie kam, im Fasching amüsiere. Wir anderen in der Klasse, die aus allen möglichen Orten stammten, in denen man keine sonderliche Ader für die sagenhaften Freuden des Karnevals hatte, hatten mit schlecht verhohlenem Neid Irenes Beschreibung dieses Volksfestes gelauscht. Und da hatte unsere Klassenlehrerin, Fräulein Hoffmann, uns schließlich erlaubt, ein Faschingsfest zu veranstalten. Der Klasse wurde hierfür ein ganzer Schultag zur Verfügung gestellt. Wir hatten stundenlang Hüte und Kostüme aus Papier ausgeschnitten und zusammengeklebt, hatten uns verkleidet und sogar versucht, zu singen und zu tanzen. Aber Freude und Vergnügen blieben aus. Zum Schluss hatten wir nur herumgesessen und das ganze recht komisch gefunden. Und Irene hatte plötzlich angefangen zu weinen. In der Pause hatte ich mich, ohne ein Wort zu sagen, bei ihr eingehakt. Von diesem Tag an waren wir Freundinnen. Deswegen wagte sie, wie sie sagte, mich nach Hause  einzuladen. Das Zuhause war ein Wohnzimmer, in dem sie und ihre Eltern auch schliefen und aßen, denn in der engen Küche war für einen Tisch kein Platz. Vom Küchenfenster aus konnte man ein kleines Stück des Gefängnishofes sehen.

   „Hier stehe ich manchmal“, erzählte mir Irene. Und nach einer Pause fuhr sie fort: „Ich weiß nicht, was da unten vor sich geht. Eines Morgens, es war gegen vier Uhr, und ich konnte nicht schlafen, da sah ich einen Gefängnisaufseher und einen jungen Mann, einen von den Insassen, über den Gefängnishof gehen. Der Mann ging merkwürdig steif. Der Gefängnisaufseher führte ihn zu dem kleinen Gebäude dort drüben. Ich blieb stehen. Lange. Und dann kam der Gefängniswärter wieder heraus. Nicht aber der junge Mann. Ich fragte meinen Vater, doch er antwortete nicht. Meine Mutter aber begann, vom 'Armesünderglöcklein' zu reden – es hatte ja nicht gebimmelt. Du weißt, Ruth, so nennen wir die kleine Glocke, die vor der Hinrichtung eines Verbrechers bimmelt. „Bim bim bim bim bim bim bim“ sagt sie eintönig – und das über längere Zeit. Nein, sagte Mutter, man richtet Menschen wohl nicht ohne Geistlichen und ohne 'Armsünderglöcklein' hin. Aber Vater hatte keine Lust zu sprechen. - Ich hatte schon vorher Aufseher einen Gefangenen über den Platz führen sehen. Aber das war am Tag. Und als der Gefängniswärter alleine zurückkam, da hatte ich gedacht, dass der Mann wohl freigelassen worden sei. Ich fragte Irmgards Vater, ob man um vier Uhr morgens Menschen freilasse. Und der antwortete, warum sollte man das tun? Ja, ich weiß nicht, was da unten vor sich geht. Mutter will zurück nach Hause. Aber Vater fragt sie, wo sie denn wohnen wolle. Unser Haus ist zerbombt“.

 

   Die Stadt hatte auch ein Ghetto. Es lag nicht weit entfernt von unserem Haus, aber ich glaube nicht, dass ich es auf einer meiner Stadterkundungen aufgesucht hatte. Auf jeden Fall kann ich mich nicht daran erinnern. Man hatte mir erzählt, dass in diesem Stadtteil schon immer Juden gewohnt hätten. Die meisten waren Handwerker gewesen. Unmittelbar neben ihrem Stadtviertel hatten sie einen Friedhof angelegt. Ich habe niemals von einer Synagoge sprechen hören, aber ich nehme an, dass es einmal eine gegeben hat. Unsere polnische Nachbarin sagte, dass es die Juden nicht leiden könnten, wenn wir anderen uns an ihren Orten zeigten.

   „So sind die Juden“, sagte sie, „sie fühlen sich immer als etwas Besonderes“.

   Man konnte auch auf anderen Wegen erfahren, wie die Juden seien - das heißt, man konnte nicht nur, man musste sich informieren lassen „über die schlimmsten Feinde des Volkes“. Ich kann mich nicht erinnern, ob die unteren Klassen von diesem Anschauungsunterricht befreit waren. Wir großen Kinder marschierten jedenfalls – von den Lehrern begleitet – zum Kino der Stadt, um einen aufschlussreichen Film über „das wahre Wesen der Juden“ zu sehen. Ich kann mich nicht erinnern, ob der erste Film, den ich sah, „Der ewige Jude“ oder „Jud Süß“ war. Ich weiß nur, dass ich – dreizehnjährig – nachdem ich den Film gesehen hatte, nach Hause kam und zu meinen Eltern sagte: „Nun weiß ich, warum man die Juden nicht leiden kann, denn wer mag schon so widerliche Menschen“. Ein paar Tage später nahm sich mein Vater dienstfrei, um mit mir einen Spaziergang zu machen. Das Ziel war das Ghetto.

   Wir fanden dieses Viertel mit Stacheldraht umzäunt. Zwischen den kleinen Häusern gab es nichts Grünes. Allzu viele Füße hatten die Erde platt getrampelt. Keine Blume war in den Fenstern zu sehen. Die Häuser zeigten deutliche Spuren eines enormen Verfalls. Augenfällig war überdies, dass alle Häuser brechend voll von Menschen waren. Das Ghetto diente als Sammelstelle für die Juden, die in den Städten und Dörfern der Umgebung gelebt hatten. Vater und ich gingen in gebührendem Abstand am Stacheldrahtzaun entlang. Keiner von uns sagte etwas. Vater wusste, dass das, was meine Augen sahen, stärker als Worte wirkte. An einer Hauswand stand ein Junge, der etwas jünger als ich war. Seine Kleidung war schmutzig und ein bisschen zu groß. Ich blieb stehen, weil ich mit ihm sprechen wollte. Da rief Vater meinen Namen und wies auf ein Schild an der Mauer des Hauses: „Wer in die Nähe des Zauns tritt, wird erschossen“, und dann sagte er warnend: „Das gilt sowohl für ihn da drin als auch für dich hier draußen!“  Da wagte ich nicht mehr, weiterzugehen. Aber die Augen des Jungen hielten mich fest und ließen mich nie mehr los. Wieder zu Hause, nahm ich meine Briefmappe und begann, einen Brief an Adolf Hitler zu schreiben. Denn auf andere Weise konnte ich ja diesem Jungen und seinen Gefährten nicht helfen. Ich wählte meine Worte sorgfältig, denn es stand viel auf dem Spiel. Ich versuchte, dem Führer verständlich zu machen, dass ich mir über seine große Verantwortung und seine enorme Arbeitsbelastung im Klaren sei. Selbstverständlich könne ein Mann wie er nicht wissen, was in den hintersten Winkeln des Reiches vor sich gehe. Aber hier – in unserer Stadt – ereigne sich etwas Fürchterliches. Hier treibe man nämlich Menschen zusammen, um sie hinter Stacheldraht zu sperren – auch Kinder. Ich versicherte dem Führer, dass ich wisse, wie gerne er Kinder habe. Das hatte ich ja auf so manchem Bild und so mancher Postkarte gesehen. Deshalb wagte ich auch, mich an ihn zu wenden. Wegen der großen Liebe des Führers zu Kindern! Er müsse erfahren, wie sehr die Kinder im Ghetto litten. Und dann schrieb ich, dass ich davon überzeugt sei, dass er – unser Führer – diesem Leiden ein Ende setzen könne . . . ..

   Der Brief war noch nicht fertig, als Vater ins Zimmer kam – und etwas tat, was er üblicherweise nicht zu tun pflegte: Er las über meine Schultern hinweg, was ich geschrieben hatte, packte mich hart an, drehte mich um und sagte:

   „ Meine liebe Jette, es ist doch der Führer, der das alles befohlen hat. Der Führer wünscht doch, die Juden zu beseitigen. Und wenn du diesen Brief abschickst, dann landen wir alle dort, wo der Junge ist . . .“.

   Der Brief wurde nie abgeschickt!

   Nach dieser Begebenheit wünschte ich sehr, dass ein Mensch sagen werde „Alles hat seine Zeit!“ Dass jemand mit beruhigenden Worten kommen werde wie „das hier dauert nicht mehr lange!“ Aber niemand sagte etwas, was mich hätte trösten können. Doch kam Vater häufiger als sonst mit seinem ermahnenden „Jette, jetzt musst du versuchen, erwachsen zu werden!“ Wonach er mich wieder wie ein unselbständiges kleines Mädchen behandelte. Doch erlaubte er mir endlich – nach vielen Überredungsversuchen meinerseits – an Sonntagen zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags auf dem berühmten Bürgersteig der Straße, die vom Adolf Hitler Platz zum kleinen Markt führte, zu bummeln. Man benutzte dabei nur den einen Bürgersteig. Ging ihn an den Hauswänden entlang hinunter und an der Fahrbahnseite wieder hinauf. Immer sorgfältig darauf achtend, dass der Raum in der Mitte freigehalten wurde. Denn hier blieb man stehen, wenn man einen Bekannten getroffen hatte, um ein wenig zu plaudern. So hatten es die Polen lange vor der Besatzungszeit getan, und so taten wir es nun in einer sonderbaren und entspannten Gemeinsamkeit -  Polen und Deutsche, Jung und Alt. Auch die verwundeten Soldaten schlossen sich uns an. Manche an Krücken. Da wurde gegrüßt und gelacht und geplaudert ohne Ende. Die polnischen Männer tauschten bei der Begrüßung üblicherweise Wangenküsse aus. Die erwachsenen Damen wurden mit einem Handkuss geehrt.  Und wir Deutschen? Oh nein, wir begrüßten uns nicht mit dem obligatorischen „Heil Hitler!“ In dieser Gesellschaft konnten wir uns tatsächlich wie ganz normale Menschen unter Mitmenschen verhalten.

   Nach einer solchen „Bummelstunde“ konnte man diese Stadt wahrhaftig  mögen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                          D I E    S C H U L E

 

 

   Vom Schulhof aus gesehen, wirkte die Schule geräumig. Ein u-förmiges Backsteingebäude mit Erdgeschoss und einem Stockwerk. Hohe Fenster versprachen Luft und Licht. Und der Schulhof! Gewiss war er von hohen Mauern umgeben – aber, du liebe Zeit, seine Größe  fiel ins Auge. Hier hatten sich stattliche Bäume herrlich entfalten können. Und dem Gras im äußersten Winkel, den wir Sportplatz nannten, konnten noch so viele Kinderfüße nicht den Garaus machen. Von außen gesehen, war der Rahmen der Schule in Ordnung. Aber innerhalb der Mauern war von der ersten Stunde an Enge spürbar. Schon während der  Sommermonate schlug sie mir wie ein eisiger Windhauch entgegen. Doch dauerte es eine Weile, bis ich die Ursachen erkannte. Mit der Zeit fiel mir – trotz der hohen Zimmerdecken – das Atmen schwer. Zunächst gab ich der zuweilen schlechten Luft in den oft mit zwei großen Klassen vollgestopften Räumen für meine immer wieder auftretende Atemnot die Schuld. Zumal uns der Rektor zu Beginn des Winters mit einem Hinweis auf die Kohlenknappheit streng verboten hatte, die Fenster zu öffnen. Hier, meinte ich, mich wehren zu müssen; ich riss die Fenster weit auf und lernte, eventuelle Moralpredigten oder das Schimpfen mancher Lehrer mit Seelenruhe zu ertragen. Getan war getan, und die frische Luft wirkte eine Stunde lang genau so erquickend wie das Gefühl, etwas Gutes vollbracht zu haben. Tatsächlich gab es einen Lehrer, der mich dafür lobte, obwohl er sich einen Tadel wegen seiner unpädagogischen Haltung hätte zuziehen können – vom Rektor persönlich, der auf eisenharte Disziplin achtete. Aber dieser Lehrer, der ein verkrüppeltes Bein hatte und deshalb nicht seine Pflicht an der Front erfüllen konnte, brachte es fertig, vor der ganzen Klasse zu sagen, dass er den Zorn des Rektors ertragen könne – frische Luft sei ihm dieser Preis wert! Er unterrichtete uns in Rechnen. Das heißt, nur uns Mädchen – nachdem die Klassen zu einem außerordentlich wichtigen Zeitpunkt geteilt worden waren. Nur die besten Lehrer waren nach Ansicht des Rektors für „seine“ Jungen gut genug. Denn sie waren, wie er sagte, ein wichtiger Baustein für Deutschlands Zukunft – wie wir ja immer sangen und gesungen hatten: „Jugend, Jugend, wir sind der Zukunft  Soldaten . . .“.

   Zunächst, als Mädchen und Jungen der 7. und 8. Klasse noch zusammen unterrichtet worden waren, konnte die Schülerzahl fünfzig Personen betragen. Niemals lernte ich alle meine Klassenkameraden richtig kennen, doch habe ich einige nie vergessen. Die Kinder kamen aus allen Ecken Deutschlands und aus den Ländern zwischen dem Baltikum und dem Balkan bis hin zur Wolga. Man lernte sehr schnell, Dialekte und Akzente zu unterscheiden. Es war geradezu ein Sport, die jeweilige Heimat zu erraten.

   Es war üblich, dass ein Kind, wenn es sich vorstellte, als das Selbstverständlichste der Welt seinen Namen und den Geburtsort nannte – wie ein „Seht, das bin ich, denn da bin ich geboren, und da bin ich zu Hause!“ Mit einer Ausnahme: Kinder, die in Polen von Eltern geboren worden waren, die eine richtig gute deutsche Abstammung nicht hatten beweisen können, hielten sich sehr zurück. Sie versuchten, eine unsichtbare Mauer um sich zu errichten. Am schlimmsten war es für die, die nur mit Mühe Deutsch lernten. Einige waren Kinder von Eltern, die beweisen konnten, dass sie einen deutschen Vorfahren gehabt hatten. Das berechtigte sie, auf die Liste der „Volksdeutschen“ gesetzt zu werden. Andere konnten keine Beweise für eine deutsche oder nordische Abstammung vorlegen, waren aber als  „bewahrenswert“ befunden worden, und in diesem Fall waren blaue Augen und blonde Haare Beweis genug für arisches Blut in den Adern. Diesen blonden Kindern polnischer Herkunft stellten wir anderen nicht die sonst üblichen Fragen „wer bist du, und wo kommst du her, und wo sind deine Eltern?“ Wir verhielten uns taktvoll und beherrschten unsere Neugier. Anderenfalls konnte man riskieren, dass dem Kind  die Tränen kamen oder dass es nur große, ängstliche Augen machte. Nie hat mir auch nur ein einziges Kind aus dieser Volksgruppe etwas über seine Eltern, seine Familie oder seinen Geburtsort erzählt, obwohl ich mit solchen Kindern Kontakt hatte. Sie wohnten bei einer Tante, wie sie sagten. Auch auf  Fragen wie „Welche Tante? Und wo? Und wie lange?“ gaben sie keine Antwort. Sie hielten sich immer für sich. Es kam mir vor, als ob sie stets auf der Hut seien.

   Anders verhielt es sich mit den Kindern aus den baltischen Ländern, der Sowjetunion und den Balkanländern. Auch sie hatten die Bezeichnung „Volksdeutsche“ erhalten, aber die meisten sprachen - im Unterschied zu der zuvor genannten Gruppe - ein ausgezeichnetes Deutsch. Sie waren in der Regel Nachkommen deutscher Siedler, die vor zwei-, dreihundert Jahren aus einem der deutschen Fürstentümer ausgewandert waren, um ungenutztes, brach liegendes Land zu kolonisieren. Sie waren in der Regel evangelisch und hatten deshalb ihre eigenen Kirchen und Schulen errichtet und ihre eigenen deutschsprachigen Lehrer und Pastoren gehabt.

    Eine Gruppe für sich waren die Kinder von Balten, Russen und Ukrainern, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen hatten. Die durften gerne erzählen, wer sie waren. Niemand befahl diesen Kindern, sich zu assimilieren. Oft waren ihre Eltern vor Beginn des Krieges nach Polen geflohen. Mit der Zeit kam mir der Verdacht, dass die Partei diese Menschen als Aushängeschild und für Propagandazwecke gegen den Bolschewismus missbrauchte.

   Wie auch immer, Hitler hatte es für notwendig erachtet, für sein „Volk ohne Raum“ Land zu erobern. So brachte man es uns Kindern bei. Wie ein Acker, der von Unkraut gesäubert werden muss, musste auch dieses Land von „schädlichen Elementen“ gereinigt werden. Auch dies versuchte man, uns Kindern verständlich zu machen. Es kam mir nur vor, dass diese Säuberung so einschneidend durchgeführt wurde, dass das Land allmählich in ein Land ohne Volk verwandelt wurde. Es wurde auf jeden Fall deutlich, dass die Volksgruppen deutscher Abstammung für Hitler und Himmler  ein gefundenes Fressen waren, denn insbesondere die Bauern waren zur „Mangelware“ geworden. Die Volksgruppen, die nach und nach in großen Trecks – und ein wenig später in Güterzügen – in Stadt und Land strömten, wurden tatsächlich als wertvolles „Menschenmaterial“ bezeichnet. Die Kinder dieser Volksgruppe erzählten gerne von ihrer Herkunft. Aber sie schwiegen, wenn wir uns nach der Ursache des Aufbruchs, nach dem Abschied von ihrer Heimat und der langen Reise erkundigten. Als ob sie es nicht fertig brächten, an etwas zu rühren, was sehr wehtat. All’ die Kinder aus Galizien,  von der Wolga, von der Krim, vom Pruth mussten doch etwas zu erzählen haben. Allmählich kam heraus, dass viele ihren Vater verloren hatten. Man hatte die Väter deportiert, zur Strafarbeit in Sibirien verurteilt oder einfach umgebracht. Bisweilen an Ort und Stelle. Vor den Augen der Kinder. Wir hörten immer nur Bruchstücke von diesen Schicksalen. Viele der Umsiedler waren freiwillig aufgebrochen. Hungersnöte oder anhaltende politische Verfolgungen waren die Ursache. Aber die Kinder berichteten uns auch von Zwangsdeportationen nach Westen, durchgeführt auf Himmlers Befehl. Besonders die Kinder vom Pruth wagten, das zu erwähnen. Dass sie das wagten! Man habe ihnen die Rückkehr in die Heimat der Vorfahren versprochen. „Das wäre Schwaben gewesen“, sagten die Kinder vom Pruth. „Unsere Sprache war allzeit Schwäbisch“. Ja, anfangs konnten sie gesprächig sein, wenn wir mehr über die Ursachen des Aufbruchs wissen wollten. Aber mit der Zeit lernten wir, sie zu durchschauen, sahen ihren Schmerz und ließen sie in Frieden. Doch der Rektor versuchte, uns  etwas ganz anderes beizubringen. Gewiss hätten die Volksdeutschen am Pruth dieses Land mit Wehmut und Schmerzen verlassen – der Rektor wurde nicht müde, das zu erwähnen – aber sie hätten es aus Liebe zum Führer getan. Sagte er und bat uns, ein Lied anzustimmen, das wir dann mit viel Pathos und Einfühlung sangen. Nach der Meinung des Rektors ein wichtiges Lied, da es für alle gelte, die aufgebrochen seien, die Verzicht geleistet hätten, um Deutschlands „neue Mark“ hier an der Weichsel aufzubauen. Ach ja, wir lernten, das Lied mit  Inbrunst zu singen. Aber Herta, Berta und Irmgard, die ihre Heimat am Pruth gehabt hatten, die sangen nicht mit:

                                                      Alte Heimat hinter’m Pruth,

                                                      Sonnenland am Meere.

                                                      Reich durch unsern Fleiß und Mut,

                                                      heilig durch der Väter Blut.

 

                                                      Refrain:

                                                      Deutschland ruft die Söhne heim.

                                                      Abschied wird genommen.

                                                      Donau rauscht ihr altes Lied:

                                                      Vaterland wir kommen!

 

                                                      Freudig leisten wir Verzicht,

                                                      lassen Hof und Erde.

                                                      Aus dem Strome funkelt Licht,

                                                      und im Aug’ brennt Zuversicht.

 

                                                      Refrain:

                                                      Deutschland ruft die Söhne heim . . .

 

                                                      Glaube macht die Herzen stark.

                                                      Führer, lass uns bauen,

                                                      dass auf Feldern arm und karg

                                                      wächst des Reiches neue Mark.

 

                                                      Refrain:

                                                      Deutschland ruft die Söhne heim . . .

 

   Nein, die drei Mädchen bewegten nur den Mund und taten, als ob ihre Stimmbänder gerade jetzt ihre Kraft eingebüßt hätten. Sie sahen aus, als ob sie nur mit Mühe ihre Tränen zurückhalten könnten. Denn, wie sie uns nach der Stunde anzuvertrauen wagten, sie hatten durchaus nicht mit „Freude auf Haus und Hof“ verzichtet, wie uns das Lied weismachen wollte. Sie hatten keinen „Ruf vernommen“, sie hatten in Wirklichkeit keine andere Wahl gehabt als aufzubrechen. Einige der Alten hätten versucht, sich selbst und andere damit zu trösten, dass das Ziel die Heimat der Vorfahren, Schwaben, sei. Oder das eine oder andere Gebiet in Deutschland. Aber nun sei man in Polen gelandet. Auf Höfen und in Häusern, die einmal Polen gehört hatten.

   Nein, manchmal konnte man innerhalb der Schulmauern nicht richtig atmen. Körper und Seele waren irgendwie eingeschnürt; letzten Endes war das nicht zu beschreiben, es war bloß da. Obwohl wir Kinder aus dem Altreich – jedenfalls zu Beginn – ziemlich privilegiert waren. Wir waren ja „Reichsdeutsche“, die gewissermaßen Bescheid wussten über den Kampf der Partei für das Richtige und Rechte. Und wir konnten ohne Mühe Deutsch sprechen. Viele der anderen armen Schlucker mussten, was dies alles anbelangte, so tun als ob. Und das kostete extra Zeit und Kraft. Das war besonders schlimm für die, die etwas verheimlichen oder geheim halten wollten. Kein Mensch sieht sich in den Augen anderer gerne als minderwertig abgestempelt. Auch ein Kind nicht. Man duckte sich, wenn der Rektor ungeduldig und missbilligend und verächtlich auf ein Mädchen herabsah, das zum Unterricht ohne das erforderliche Schreibpapier kam und dann mit einem für Mädchen typischen großen, bedauernden, um Verständnis bittenden Lächeln sagte: „Kein Papier ist nicht. Wann wird sein, ich alleine kann nicht sagen“. Der Rektor ließ sich anmerken, wie peinlich es ihm war, wenn die Kinder noch immer  mit deutlich hörbarem polnischem Akzent sprachen. Aber wenn die Kinder die deutsche Sprache direkt beleidigten, indem sie diese in ein Kauderwelsch verwandelten, . . . oh, dann war das für ihn ein Beweis für ihre Undankbarkeit ihm gegenüber, der sich so abmühte, diesen Kindern einen deutschen Anstrich zu geben. Er war sich im Klaren, dass die Kinder aus dem Osten Schwierigkeiten mit dem deutschen „eu“ und „ü“ hatten. Aber sie könnten ja üben. Üben! Üben! Üben! Den Tag, an dem sie richtig sprechen könnten, werde er zu einem Festtag machen! Denn es sei mehr als entsetzlich, die Kinder „Deitschland, Deitschland, iberr alles, iberr alles in derr Welt“ singen zu hören - wenn auch die Kinder selbst erleichtert waren, diesen Text auswendig zu können. Eigentlich erwarteten sie ein Lob. Aber dazu bestand nach Ansicht des Rektors kein Anlass – im Gegenteil, er versuchte zu erklären, dass man es sich nicht erlauben dürfe, in der Nationalhymne „deitsch“ zu singen.  Auch nicht in einem anderen Lied, das wir oft singen mussten:

 

                                               Denn ein Land gibt uns Antwort,

                                               und das trägt ein deutsch’ Gesicht.

                                               dafür haben wir geblutet,

                                               und drum schweigt der Boden nicht.

 

   Dieses von Blut getränkte Land ist das Unsere. Unser Land an der Weichsel! Ach ja, auf diese Weise gingen viele Stunden dahin.

 

   Der Führer hatte das viele Male gesagt. Und all’ die, die im Altreich aufgewachsen waren, wussten es seit langem. Jetzt hatten auch die Neuen hier im Land zwischen Warthe und Weichsel zu lernen und zu begreifen, dass Sport wichtiger als Wissen war. Natürlich protestierte keiner, wenn der Rektor den Unterricht einen Tag ausfallen ließ, um mit den obersten Klassen der Schule einen Sporttag zu veranstalten. Nun hatten die Kinder wirklich Anlass zu zeigen, wie gut sie im Springen und Laufen geworden waren. Ein kleiner Wermutstropfen im Becher der  Freude war jedoch die Vorliebe des Rektors für Uniformen. Nicht, weil er selbst zu dieser Veranstaltung in SA-Uniform erschien – das tat er häufig. Sondern weil er mit viel Pathos die Kinder aufforderte, an einem solch wichtigen Tag Uniform zu tragen, und auch, weil die meisten, was das Turnzeug (als Teil der Uniform) anbelangte, dieser Aufforderung nicht nachkommen konnten. Die Kinder aus Polen, Russland und den anderen Ländern hatten vor dem Krieg nie die Möglichkeit (oder das Bedürfnis) gehabt, sich eine derartige Uniform anzuschaffen. Und viele Kinder aus dem Altreich hatten dieses kostbare Utensil während eines Bombenangriffs verloren. Aber Herta aus einem Dorf in Pommern besaß eine perfekte Uniform, die sie wie der Rektor fleißig trug. Sie sei ihre „Arbeitskleidung“, konnte sie mit breitem Grinsen sagen. Aber Herta war überhaupt etwas Besonderes. Die meisten mochten sie. Vielleicht wegen ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit. Sie sagte selbst, dass sie nicht sonderlich intelligent sei, und deshalb sei man gezwungen, die Fähigkeiten zu nutzen, die man besitzt. (Und das tat sie dann auch, wie sich bald zeigen sollte: Sie bekam unmittelbar nach Abschluss der Schulzeit eine Anstellung im Bann, der obersten Leitstelle der Hitler-Jugend in unserer Stadt, und avancierte vor ihrem 16. Lebensjahr zur Leiterin der Personalstelle. Ja, sie nutzte sowohl ihre Fähigkeiten als auch ihre – ein wenig einseitigen – Möglichkeiten. Tat das zuweilen wie eine Seiltänzerin mit enormem Gefühl für Gleichgewicht und Grenzen. Ich habe nie jemanden getroffen, der ihr böse war, sich über sie beklagte oder sie auch nur nicht ausstehen konnte. Ganz im Gegenteil.)

   Aber Herta war wirklich eine Ausnahme. Die meisten liefen beim Sportfest und an all’ den anderen Tagen auf dem Schulhof in den Klamotten herum, die sie besaßen. Und eigentlich war das auch recht gleichgültig – auch was Herta betraf, denn die Augen des Rektors waren nur auf  „seine“ Jungen gerichtet - besonders auf die Jungen der Jahrgänge 1927 bis 1930. Die Erziehung dieser wichtigen Jahrgänge gab er nicht aus seiner Hand. Angeblich deshalb hatte er die Kinder der 7. und 8. Klasse zusammen in ein Klassenzimmer gestopft. Auf diese Weise hatte  er richtig viel Jungen unter seine Fuchtel bekommen. Wir Kinder durften unseren Platz im Klassenzimmer nicht selbst aussuchen. Die Jungen mussten in den vordersten Reihen sitzen. Zunächst glaubte ich, dass der Rektor sie in seiner Nähe haben wolle. Aber mit der Zeit bemerkte ich, dass er mit Argusaugen darüber wachte, dass sein kostbares „Jungenmaterial“ nicht durch die Anwesenheit von Mädchen abgelenkt wurde. Wenn nur  einer sich die Freiheit nahm, sich umzudrehen, wurde er gerügt. Und was hätte nicht alles geschehen können, wenn die Mädchen in der ersten Reihe gesessen hätten?! Der Rektor sah es als seine Aufgabe – wie er selbst sagte -  die Jungen zu echten Männern zu machen. Wie er dann die Jungen gleichzeitig zu Wesen formen wollte, die kein Auge für Mädchen hatten, ja, das war eine Frage, die keiner beantworten konnte.

   Der Rektor stellte den Jungen oft seinen eigenen Sohn Siegfried als leuchtendes Vorbild hin. Selbstverständlich diente Siegfried in der Waffen-SS. Richard Wagner hätte sich über diesen großen, athletischen, sonnengebräunten, blauäugigen jungen Mann mit dem sehr hellen, kurzgeschnittenen Haar gefreut. Was der Komponist über die beiden Zwillingsbrüder  von Ackermann in unserer Klasse gedacht hätte, weiß ich nicht. Der Rektor benutzte die  zwei als Beispiel – nicht als leuchtendes, sondern in eindeutig negativer Absicht, obwohl sie für ihr tiefschwarzes, lockiges Haar und ihre schwarzen Augen nichts konnten. Sie hatten nicht einmal die Möglichkeit, sich auf einem Platz in der hintersten Reihe ein wenig unsichtbar zu machen - sie mussten wegen eines chronischen Leidens, das zu Schwerhörigkeit geführt hatte, ganz vorne sitzen. Wenn sie sich sehr anstrengten, um gut zuzuhören und etwas zu verstehen, saßen sie mit offenem Mund da. Sie sagten nie viel, und in den Pausen sonderten sich die beiden immer ab. Deshalb kann ich nichts über ihr Herkunftsland sagen. Ich  nehme an, dass sie – wie so viele Adlige in unserer Stadt – einen internationalen Hintergrund hatten. Sie sprachen ausgezeichnet Deutsch. Aber das genügte dem Rektor nicht, um ihnen auf seiner Werteskala einen Stern zu geben. Auch nicht, dass die beiden vor der Verfolgung der Bolschewisten hatten fliehen müssen. Der Rektor konnte die beiden Jungen nicht  ausstehen. Ihr Aussehen und ihre adlige Herkunft waren ihm zuwider.

   In „Reichskunde“ – in dieser Schule das wichtigste Fach überhaupt – das heißt, einmal abgesehen von Sport – lernten wir Kinder alles über Verfall und Degeneration des Adels. Der Rektor nannte die Adligen Blutsauger und Schmarotzer, die Inzucht trieben, die den Verfall dieser Schicht beschleunige und fördere. Er machte sich lustig über die angeborene Überheblichkeit des Adels und veräppelte dessen Vorstellung vom „blauen Blut“ in seinen Adern. Eines Tages stellte er sich plötzlich vor die Brüder Ackermann, zeigte auf sie und schrie:

   „Seht, hier habt ihr ein leuchtendes Beispiel für meine Behauptung. Seht nur! Wie dumm sie aussehen, die beiden Edelleute. Wie sie mit offenem Munde dasitzen und trotzdem nichts begreifen. Man kann sie nur mit Idioten vergleichen. Oder mit schwarzen Affen! Und die wollen uns glauben machen, dass sie etwas seien! Sie sind gar nichts, denn nur Arbeit adelt. Aber die beiden behaupten ja, dass sie adlig seien. Jungs, müssen wir wirklich glauben, dass die zwei von Ackermann zum Adel gehören? Ja – dann müssen die beiden Tinte trinken. Erst dann werde ich sagen, es ist in Ordnung, dass ihr die seid, die ihr seid: Adlige. Mit Tinte im Magen – aber adlig!“

   Glücklicherweise klingelte es zur Pause. Man hatte eine ordentliche Portion frische Luft nötig. Als wir wieder reinkamen, saßen die beiden Brüder von Ackermann schon auf ihrem Platz in der ersten Reihe. Still und genau so apathisch wie üblich. Mit offenem Mund. Wir sahen sofort, beide hatten Tinte getrunken. Das fuhr einem durchs Herz, aber man ging an ihnen vorbei. Obwohl man Lust hatte, stehen zu bleiben, um mit ihnen zu sprechen, sie freundlich anzusprechen, ihnen einen aufmunternden Klaps auf die Schulter zu geben. Aber wir gingen nur vorbei. Alle gingen wir nur vorbei. Und der Rektor, tja, er zog seltsamerweise vor, die ruhige Demonstration der beiden adligen Kinder zu übersehen.

   Zu Hause sprach ich darüber mit Vater. Er konnte sich das merkwürdige Verhalten des Rektors nicht erklären. Vielleicht – meinte Vater mit einem Augenzwinkern – vielleicht sei dieser Mann einmal in ein adliges Mädchen verliebt gewesen, das er trotz hartnäckigen Bemühens nicht habe kriegen können. Vielleicht, weil er – ein Bauernsohn – in den Augen der Adligen ein „Nichts“ sei. Vielleicht auch, dass ihm einmal ein Adliger ein Mädchen weggeschnappt habe, in das der junge Lehrer verliebt gewesen sei. Wer weiß. Vater hielt die politische Überzeugung des Rektors nicht für die einzige Ursache dieses krankhaften Hasses gegen den Adel.

 

   Der Rektor sprach alle Jungen nur mit ihren Nachnamen an, ihre Vornamen lernten wir nicht kennen. Ein Junge namens Weiss versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erringen, indem er mich an den Zöpfen zog. Das störte mich entsetzlich, denn es geschah so gut wie jedes Mal, wenn ich an seiner Bank vorbeigehen musste. Ich wehrte mich, indem ich die Zöpfe in die Hand nahm. Da kamen die dämlichen Jungen auf etwas Neues: Sie schubsten Weiss gegen mich, wenn ich zu meinem Platz ging. Und dann sagte er mit breitem Grinsen „Entschuldigung“.

   Das hörte glücklicherweise auf, als der Rektor die 7. und 8. Klasse in eine Jungen- und Mädchenklasse geteilt hatte. Die Jungen brauchten Ruhe zum Arbeiten! Sagte er. Und sie müssten auch fester an die Kandare genommen werden. Er habe in letzter Zeit eine nachlassende Disziplin bemerkt. Deswegen bekamen wir Mädchen einen Raum im entgegengesetzten Flügel der Schule. Eine Lehrerin mittleren Alters namens Hoffmann wurde unsere Klassenlehrerin. Sie war in Russland geboren – vermutlich von russlanddeutschen Eltern – und sie zeigte uns rasch durch ihre Art und Weise zu unterrichten, dass sie Russland über alles liebte. In ihrer Jugend war sie Pfadfinderin gewesen und war vom Baltikum zum Schwarzen Meer gewandert. Diese Tour erlebten wir Mädchen so manches Mal in ihren Erzählungen nach. Auf diese Weise gingen wir mit ihr durch die blühende Tundra, wanderten durch Dörfer und Städte und lernten Land und Leute kennen. Fräulein Hoffmann erzählte auch von der  Transsibirischen Eisenbahn. Die Errichtung dieses Giganten hatte viel Leid verursacht und zahlreiche Menschenleben gekostet. Aber jetzt war sie zu vielem zu gebrauchen. Wir mussten alle Stationen auswendig  lernen. Und wir merkten sehr wohl, dass sie von Russland, der Ukraine, Sibirien, aber nie von der „Sowjetunion“ sprach. - Fräulein Hoffmann konnte auch hervorragend Wandertouren organisieren. Sie begeisterte uns für Ausflüge in die nähere Umgebung, wobei wir Politik und Ländergrenzen vergaßen. Denn hierbei ließ sie die Natur sprechen, ließ uns ein Auge für das Werden der Landschaft in der Vorzeit bekommen. Und sie vermittelte uns Kenntnisse über Wildpflanzen, indem sie uns erklärte, warum eine Pflanze gerade  an dieser Stelle gedeihen könne.

   Wir mochten sie. Leider lachte sie so gut wie niemals.

   Des Rektors Jungen machten keine Ausflüge. Sie lernten weder die charakteristische Natur des Landes noch die die besonderen Lebensbedingungen von Wildpflanzen kennen. Die Jungen hörten nichts über die Tundra; sie mussten sich tagein tagaus die Lebensanschauung des Rektors anhören. Arme Kerle. Aber daran war nichts zu ändern, wir Mädchen genossen, sie nicht in unserer Nähe zu haben. Nur die Musikstunden hatten wir gemeinsam. Doch war das nie problematisch. Der Lehrer, Herr Par, ließ jede Stunde zu etwas Besonderem werden. Er konnte wirklich spannend über sich und seine Heimat, Galizien, erzählen. Überhaupt beherrschte er die Kunst des Erzählens und machte oft lustige, aber auch ernste Bemerkungen. Herr Par erklärte auch, warum ihm ein Liedtext besonders viel bedeute. Niemals machte er ein Kind mit spitzen Bemerkungen oder Kritik runter. Er war unser Freund, ohne unseren Respekt zu verlieren. Durch ihn wurde das Singen zu einem schönen Erlebnis. Leider hatten nur wenige Kinder ein Liederbuch, so dass wir alle Texte abschreiben mussten. Aber ich hatte Glück. Der Junge, der Weiss hieß, bot mir an, die Lieder für mich abzuschreiben. Denn, so beteuerte er mir gegenüber, er dürfe sein Liederbuch nicht ausleihen.

   Eines Tages, wir Kinder waren nach einer Pause gerade auf dem Weg zurück ins Schulgebäude, sah ich Weiss mit einem Umschlag wedeln, der vermutlich den versprochenen Liedtext enthielt. Aber bevor wir uns durch das dichte Gewimmel der Kinderkörper drängeln konnten, schnappte ein Lehrer den Umschlag aus der Hand des Jungen und verschwand. Das war schlimm; Lehrer können schon merkwürdig sein; nicht alle wissen, was Anstand ist. – Mitten in der Stunde klopfte es an der Tür unseres Klassenraums. Ein Junge kam rein und sagte: „Entschuldigen Sie die Störung, aber Ruth soll sofort ins Büro des Rektors kommen. Es ist sehr dringend!“ Ich erschrak furchtbar. Das letzte Mal, als sich etwas Ähnliches zugetragen hatte, war, als Annemie zum Rektor gerufen wurde, weil es ihrer Mutter nach einer Operation in Nürnberg sehr schlecht ging. Annemie wollte mich deshalb begleiten, um mir eine Stütze zu sein. Aber Fräulein Hoffmann meinte, dass der Junge das schon schaffen werde. Draußen auf dem Gang warnte mich der Junge auf merkwürdige Weise: „Sei vorsichtig! Der Rektor ist im Augenblick fuchsteufelswild“. Als ich ins Büro trat, thronte er hinter seinem Schreibtisch.  Bei thronenden Männern hinter einem Schreibtisch läuft es mir stets kalt den Rücken hinunter. Deshalb blieb ich mitten im Raum stehen. Aber er befahl: „Komm her!“ Was ich zögernd tat. Und da sah ich den Briefumschlag von Weiss, die Liedtexte und ein Bild des Jungen auf dem Schreibtisch liegen.  Was hatte das zu bedeuten? Der Rektor klopfte im Takt mit dem Zeigefingernagel auf die Fotografie. Das hinterlässt Spuren, dachte ich bei mir. Aber dann schob er mir das Bild zu. Ich fragte mich, was er beabsichtige und sah mir das Bild genau an: es zeigte einen lachenden Jungen in Hitler-Jungen-Uniform, und ich konnte beim besten Willen nichts finden, was einen derartigen Zorn des Rektors hätte hervorrufen können.

   „Dreh das Bild um!“ schrie er. Ich tat es. Und las auf der Rückseite: „Ich liebe Dich. Dein Gerhard“.

   „Ich möchte eine Erklärung haben!“ brüllte der Rektor. Glaubte er, ich sei schwerhörig? Und was sollte ich da erklären? Irgendetwas musste ich wohl antworten. Deshalb sagte ich:

   „Na ja . . . . so reden halt die Jungen!“

   „Jungen? Mehrere?“

   „Ja, viele!“

   „Deine?“

   „Nein, nein, die der anderen Mädchen. Die haben ja alle einen, mit dem sie gehen. Einen Freund. Quasi“.

   Viel mehr konnte ich nicht sagen, denn der Rektor sprang auf, lief mehrfach auf und ab und blieb dann mitten im Raum stehen. Was war nur mit ihm los? Jetzt wollte er wissen, wie lange das schon dauere, das heißt, wie lange Jungen Mädchen als Freundinnen hätten. Was anderes hätte ich antworten können als „lange!“ Und da wurde er noch komischer. Mit einer unnatürlich leisen Stimme fragte er, was wir machten, wenn wir mit den Jungen zusammen seien. Ich wusste nicht richtig, was ich antworten sollte. Deswegen warf ich so gleichgültig wie nur möglich hin:

   „Tja – was tut man so? Das, was man so macht! Zusammen mit den Jungen!“

   Und meinte, dass dies eine gute Antwort sei und er mich nun gehen lassen werde. Aber nun umfasste er mit seinen Händen meine Schultern und schrie:

   „Aber Kind, und das in deinem Alter! Und dann mit einem meiner Jungen!“

   Daraufhin wurde es sehr still im Raum. Er marschierte hin und her, hin und her. Endlich beruhigte er sich, lächelte fast liebenswürdig, väterlich. Die folgenden Fragen begann er mit „Sag mir, mein Kind“. Denn nun wollte er etwas über den Grund meines großen Interesses an Jungen wissen. Man könne doch andere Interessen haben. Meinte er. Es gebe Angebote genug in unserer Zeit, die die Jugend in allem begünstige. Wie wär’s zum Beispiel mit Sport? In der Tat sei es für mich gesünder, mehr Sport zu treiben. Und wie wäre es, Bücher zu lesen?  Er wolle in diesem Fall gerne behilflich sein, mir die richtigen Bücher zu besorgen.

   Plötzlich trat der Rektor erneut dicht an mich heran. Er wollte wissen, ob auch die anderen Mädchen meiner Klasse ein Verhältnis mit Jungen hätten. „Ja, fast alle“, sagte ich.

   Danach konnte ich gehen. Fräulein Hoffmann sah recht eigenartig aus, als ich versuchte, über das Verhör des Rektors zu berichten. Einige Mädchen begannen zu kichern. Ich wusste nicht, warum; ich hatte die Lust am Lachen verloren.

   Die Jungen bekamen vom Rektor den Befehl, eine Namensliste der Paare zusammenzustellen! Renis „Freund“ erhielt Dresche, weil die Liste nach Ansicht des Rektors nicht vollständig war. Gerhard bezog von einem äußerst wütenden Rektor eine Extratracht Prügel, weil er – mit den Worten des Rektors – nicht erzählen wollte, was wir zwei „bei unseren heimlichen Stelldicheins“ gemacht hätten. Er glaubte nicht Gerhards Beteuerungen, dass es nichts zu erzählen gebe.

   Ein paar Tage nach dem Verhör gab der Rektor eine Anordnung heraus, die für kurze Zeit die Schule in einen verstörten Hühnerhaufen verwandelte. Bis hinunter zur 6. Klasse wurde es Jungen und Mädchen verboten, Kontakt miteinander zu haben. Und man gab uns zu verstehen, dass „Kontakt“ auch bedeute, miteinander zu sprechen. Es wurde unterstrichen, dass dieses Verbot sowohl für den Schulbereich als auch für die Freizeit außerhalb der Schule gelte. Übertretungen seien unverzüglich zu melden. Schuldige würden gnadenlos bestraft! Und schuldig sei auch der, der von Übertretungen wisse und nicht Bericht erstatte!

   Plötzlich kursierten in der Stadt unterschiedliche Gerüchte: Der Rektor sei gezwungen worden, ein paar strenge Verbote zu erlassen, weil . . . Ja, warum eigentlich? Ja doch. Einige wollten wissen, dass ein Mädchen, eine von den Frühreifen . . . Ihr wisst schon! Ja, dieses Mädchen hatte wohl ein Verhältnis mit einem der jüngeren Schüler. Andere wollten wissen, dass an dieser Schule die Moral am Boden liege – die Jungen machten nichts anderes, als den Mädchen hinterherzulaufen.  Einige seien gewiss auf frischer Tat ertappt worden.

   Ich hatte Vater und Mutter von der ganzen Sache erzählt. Vater lachte sich schief. Ich fand sie weniger lustig. Und dann tat Vater etwas, wovon ich nie zu träumen gewagt hätte: Er setzte sich mit Gerhards Vater in Verbindung, der noch nicht  informiert  war, dass Gerhard Prügel bezogen hatte. Und dann nahmen die beiden Väter die Sache in die Hand. Nein, sie sprachen nicht mit dem Rektor, dazu hatten sie keine Lust. Sie erlaubten Gerhard und mir, uns so oft zu treffen, wie wir wollten. Wir durften uns auch gerne zu Hause besuchen. Dieses Angebot nahmen wir gerne an. So begann eine Freundschaft. Zwar hielten wir uns innerhalb des Schulgeländes an das Verbot des Rektors. Aber es kam vor, dass Gerhard am Schultor stand, um mich nach Hause zu begleiten. Der Rektor wusste Bescheid, aber er erwähnte das mit keinem Wort.

   Ich weiß, dass Fräulein Hoffmann zu uns hielt. Einmal, als sie an uns vorbei ging, sah ich den Anflug eines Lächelns in ihrem Gesicht. Und Herr Par – er benutzte die ganze Angelegenheit, um seinen Vorgesetzten hochzunehmen. „Und was sollen wir im Chor machen?“ fragte er scheinbar arglos, „bei einem gemischten Chor stehen Mädchen und Jungen dicht beieinander“. Als der Musiklehrer als Antwort den Befehl erhielt, sowohl beim Üben als auch bei öffentlichen Auftritten für einen größeren Abstand zu sorgen, erlaubte er sich, dem Rektor gegenüber in leicht übertriebener Weise den belehrenden Fachmann zu spielen: Die Qualität des Klanges werde sich verschlechtern; ein mehrstimmiger Chor sei eine Einheit; eine Melodie lasse sich nicht in Stücke hacken. 

   Und so erhielten wir die allergnädigste Erlaubnis, bei Auftritten dicht nebeneinander zu stehen. Aber nur bei Auftritten! Und dann kam der Tag, an dem wir anlässlich der Hochzeit eines Parteiführers (oder eines SS-Offiziers) im Rathaus sangen. Auf dem Programm standen mehrere Lieder, denn unser Chor war unter der Leitung dieses tüchtigen Lehrers in der Stadt bekannt geworden. Aber, man stelle sich vor: Nach dem ersten Lied erschien Rektor Stiewe (natürlich in SA-Uniform) bei uns, die wir hinter den Kulissen ein bisschen verschnauften, um Herrn Par darauf aufmerksam zu machen, dass wir – also Jungen und Mädchen – während unseres Liedvortrages auf der Bühne allzu, ja, allzu dicht zusammengestanden hätten. Und damit nicht genug! Unser „Oberster Überbefehlshaber“, wie einige ihn nannten, bekam fast einen Schock, als er bei seinem unangemeldeten Besuch hinter den Kulissen entdeckte, dass Mädchen und Jungen seinem Verbot trotzten und miteinander sprachen.

 

   Wir hatten längst herausgefunden, dass Rektor Stiewe und Herr Par nicht gerade Freunde waren. Als wir wegen eines neuen Auftritts häufiger zusammen übten, sprach unser Musiklehrer zum ersten Male deutlich über das gespannte Verhältnis zwischen ihm und seinem Vorgesetzten.

   Herr Par machte hierfür vor allem seine geringe Neigung, politische Lieder singen zu lassen, verantwortlich. Er hatte versucht, diese Haltung dem Leiter der Schule gegenüber zu begründen: Die Kinder lernten in der Hitler-Jugend genügend politische Lieder, so dass es Pflicht und Aufgabe der Volksschule  sein müsse, die Schüler mit  Volksliedern  vertraut zu machen. Insbesondere jetzt, wo wir es mit so viel Volksdeutschen zu tun hätten, die mit dem alten deutschen Liedgut nicht vertraut seien. Darin werde ihm jeder Parteiführer Recht geben.

   Niemals hat der Rektor dem Musiklehrer diese Belehrung vergeben. Und er wusste, wie er zurückschlagen konnte – indem er unseren Chor der Partei zur Verfügung stellte. Wir mussten nun an politischen Gedenktagen, anlässlich des Besuchs „hoher Tiere“, bei Hochzeiten von Parteigrößen usw. singen. Und folglich studierten wir die verlangten Nazilieder ein, die wir selbstverständlich mit dem nötigen Pathos sangen:

 

                                           Wir  gehen als Pflüger durch unsere Zeit

                                           und machen den Acker zur Frucht bereit

                                           und säen in heilige Erden.

                                           Es wachsen die Saaten, die Ernte ist weit,

                                           doch hinaus über alle Unendlichkeit

                                           wandert das deutsche Werden.

 

                                           Wir haben Mut und Willen zur Saat

                                            und glauben an die Vollendung der Tat,

                                           die wir schaffend gegründet.

                                           Und ist unsre Ernte so fern und so weit,

                                           hinaus über alle Unendlichkeit

                                            unsterbliches Leben sich findet!

 

   Sicherlich waren wir ein schöner Anblick für die anwesenden Parteigenossen. Gewiss störte sich niemand an dem schwülstigen Text. Auch wir Kinder nicht. Bei den politischen Liedern vergaß Herr Par, mit uns über Sinn und Zweck der Lieder zu sprechen. Anders verhielt es sich bei den Volksliedern. Wir kannten seine Favoriten und lernten sie schätzen. „Schwer von den Garben schwanken die Wagen, hot–ho-hot, heut’ wär’s ein Jammer, sich nicht zu plagen, hot-ho-hot“. Wir sangen von einem Erntetag bei glühender Hitze. Einem Tag, an dem schwere Erntearbeit eine Freude ist – „heut’ lacht der Herrgott über die Lande, hot-ho-hot“. „Das Lied lässt mich an meine Heimat, an ein Dorf in Galizien in Ostpolen denken“, konnte Par dann sagen, während er uns auf die lebendige Beschreibung der Geräusche der Wagenräder im Sand des Feldweges durch die Melodie aufmerksam machte.

   Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Chor dirigiert, als wäre es gestern gewesen: Ein nicht sonderlich großer Mann mit rundem, freundlichem Gesicht und lebendigen, dunkelbraunen Augen. Ich sehe ihn sich über Scheitel und Stirn streichen, als ob er eine Haarsträhne im Zaum halten wollte, obwohl er kahlköpfig war. Ich sehe ihn vor mir, wie er wiederholt – mit dem Daumen im Gürtel und einem raschen Ruck mit den Schultern – seine Hose zurechtzurücken suchte, obwohl sie richtig saß. Vielleicht tat er das aus Gewohnheit. Aber manchmal hatte ich den Verdacht, dass er  nervös sei. Und er hatte dazu guten Grund: Er passte in vielem nicht in die Schule des Rektors. Er passte überhaupt nicht in unsere Zeit.

   Eines Tages erzählte er uns, dass er niemals Soldat werden könne. Er sei Baptist, und alle Menschen seien seine Brüder. Das zu sagen, war in dieser Zeit lebensgefährlich. Das wussten wir. Wir Kinder mochten ihn. Wären wir etwas älter und verständiger gewesen, so hätten wir gesagt, wir verehrten ihn, weil er sich stets selbst treu war. Auch wenn es das Leben kostete. Und es kostete ihn das Leben. Aber das konnten wir ja noch nicht wissen. Noch freuten wir uns über ihn und seine Lieder.

   Der Rektor benutzte seine Machtstellung, um Lehrer Par weniger Unterrichtsstunden geben zu lassen, obwohl die Schule konstant unter Lehrermangel litt. Und dann kamen widerliche Gerüchte in Umlauf: Etwas über Par und eine Lehrerin, eine junge, üppige Frau. Ja, ja, man hatte ja längst geahnt, dass dieser Mann die Frauen liebe. Schämen solle er sich! Verheiratet mit einer hübschen Frau und Vater von drei Kindern! Er mit seinen frommen Ansichten und seiner falschen Haltung zum Krieg. Aber die sind ja immer die Schlimmsten.

   Und als das Gerücht in Umlauf kam, dass man Par und sein Fräulein auf frischer Tat – nackt – unter der Dusche ertappt habe, da sagte er in einer Musikstunde zu uns Kindern:

   „An dieser Schule und jetzt auch in der Stadt sind ganz entsetzliche Gerüchte über mich und meine Moral im Umlauf. Ihr mögt glauben, was Ihr wollt. Ich bin ganz machtlos. Ihr wisst, und ich weiß, wo die Quelle dieser Gemeinheit zu suchen ist. Aber keiner von uns kann sich dagegen wehren“.

   Ein chinesisches Sprichwort heißt: „Üble Nachrede macht vor dem Herzen eines klugen Mannes halt“. Ohne dieses Wort zu kennen, sagten ein paar Kinder:

   „Wir sind doch nicht dumm. Wir kennen doch Herrn Par“.

 

   So verging die Zeit und nahm den Sommer mit. Eines Tages schlug der erste Herbststurm die Zweige eines Strauchs gegen das Klassenfenster. Wir Kinder bemerkten das kaum. Nur Elfriede begann, sich merkwürdig zu benehmen: Sie hielt sich die Ohren zu - die Klopflaute der Zweige am Fenster schienen das Mädchen zu quälen. Schließlich begann sie, nach Atem zu ringen. Als sich ihr Gesicht blau färbte, hielt Natalie, Elfriedes Freundin – die uns immer sehr alt vorkam – Elfriedes Arm hoch, während Fräulein Hoffmann den verkrampften Körper zu stützen versuchte. Es kam mir vor, als wüssten die beiden Bescheid, als wüssten sie genau, was zu tun sei. Als alles überstanden war, wollte Elfriede nach Hause, aber unsere Lehrerin war der Ansicht, dass es für Elfriede und uns alle am besten sei, wenn sie dabliebe und erzählte. Als wenn sie ihr Schutz geben wollte, legte Natalie ihren Arm um Elfriede. Fräulein Hoffmann stellte sich dicht neben sie.

   Und dann bekamen wir eine unglaubliche Geschichte zu hören:

   Es war an einem Augusttag unmittelbar vor Kriegsbeginn. Sie wohnten in einem Dorf, Elfriede, ihre Brüder und die Eltern. Sie waren dort die einzigen Menschen deutscher Herkunft, aber das hatte bis zu diesem Zeitpunkt nie zu Problemen geführt. An jenem Morgen aber wurde die Familie dadurch geweckt, dass jemand mit Ästen gegen die Fenster schlug. Als der Vater die Tür öffnete, um nachzusehen, wer das sein könne, stürmten recht junge Männer ins Haus und schleppten die gesamte Familie auf den Hof. Diese Männer kamen nicht aus dem Dorf, aber einige Nachbarn wussten durchaus, wer sie waren: Rechtsradikale, die „Polen den Polen“ [„Polska Polakom!“] schrieen. Ja, um es kurz zu machen, sie hatten Messer bei sich und töteten alle. Nur Elfriede wurde verschont, weil sich eine alte Frau aus dem Dorf eingemischt hatte.

   Ich hätte gerne eine andere Erzählung für das Ende des Sommers gewählt - der Winter würde hart genug werden. Aber plötzlich erinnerte ich mich an Elfriede.

 

 

 

 

 

 

                   O H N E    T I T E L    (A N L A S S    Z U M    N A C H D E N K E N)

 

 

   Am Morgen des 22. Juni 1941 hatte die deutsche Wehrmacht auf Hitlers Befehl mit ihrem Angriff auf die Sowjetunion begonnen. Wir sprachen zu Hause über die ungeheuere Zahl Soldaten, die für diesen Angriff mobilisiert worden war. Nach einem Geschichtsbuch neueren Datums betrug die Höhe der eingesetzten Truppen 3 Millionen Mann. Aber damals erfuhren wir keine Zahlen. Denn 3 Millionen Soldaten bedeuteten 3 Millionen Söhne, Väter, Freunde, Nachbarn und viel, viel mehr. Wir wurden auch nicht annäherungsweise  wahrheitsgemäß über die Zahl der „auf dem Felde der Ehre“ Gefallenen, Gefangengenommenen und Verwundeten informiert. Hitler hatte irgendwo gesagt, dass er beabsichtige, diesen Krieg ohne kleinliches Schielen nach den Kosten zu gewinnen. „Ohne Rücksicht auf Verluste“ ist seit dieser Zeit Teil unseres alltäglichen Sprachgebrauchs, wenn es gilt, ironisch oder sarkastisch auf ein unangemessenes, sinnloses Vorgehen hinzuweisen.

   Viele sprachen von einem notwendigen Krieg, der endlich Schluss machen werde mit dem, was man „den schlimmsten Feind der Menschheit“ nannte: den Bolschewismus. Immer wieder hörte ich russische und baltische Flüchtlinge von ungeheueren Verbrechen, die auf Befehl der bolschewistischen Regierung begangen worden waren, berichten. Aber man konnte nicht begreifen – so sehr man sich auch bemühte - warum ein Krieg die einzige Lösung sein müsse. Aber vielleicht war ich nur noch nicht alt genug, um die unabdingbaren Notwendigkeiten unserer Welt zu verstehen. Vielleicht war mir der Krieg zu dicht auf den Fersen. Und brannte mir auf der Seele! Ich kam mit allzu vielen Menschen – und zwar diesseits und jenseits der unsichtbaren Grenze – in Berührung, die die Rechnung bezahlen mussten, als ob sie die Schuldner wären. Ich sah sie nur als Opfer: Alt und Jung, Mann und Frau oder Kind, hoch geboren oder aus der untersten Schicht – alle gaben sie ihre Machtlosigkeit und ihre Schuldlosigkeit am Krieg zu erkennen. Und mit wem ich auch sprach, alle, wirklich alle, hofften auf das baldige Ende des Krieges.

   Als der Herbst früher als üblich zu Ende gegangen war und der Winter begonnen hatte, begann Vater von „General Winter“ als Russlands ewigem, treuem Bundesgenossen zu sprechen. Aus seiner Art zu reden, konnte ich die Sorge spüren, dass der Krieg sehr lange dauern werde.

   Der plötzliche Wintereinbruch überraschte uns unangenehm. Die Kälte und ein für die Jahreszeit enormer Schneefall überrumpelten uns völlig. Wir nahmen das Wetter als normal für diese Gegend an. Aber die Einheimischen verstanden die Zeichen und sprachen von einem Winter, der ungewöhnlich kalt und lang sein werde. Mutter machte sich wegen unserer Garderobe Sorgen, die nicht für einen eisigen Winter geeignet war. Und ich war so gut wie aus aller Winterkleidung herausgewachsen. Glücklicherweise hatten wir unsere Bezugskarten nicht aufgebraucht. Nach einer Einkaufstour in der Stadt kam Mutter mit ein paar Metern hellgrauem Teddystoff aus Kunstfasern – den ich hässlich fand – nach Hause. Aber Mutter zauberte daraus einen einigermaßen warmen Mantel, indem sie ein warmes Zwischenfutter aus abgelegten Kleidungsstücken einnähte. Ein polnischer Schumacher arbeitete ein Paar von Vaters langschäftigen Stiefeln um, bei denen nur der Fußteil verschlissen war. In den Geschäften waren nämlich schon zu diesem Zeitpunkt die Winterschuhe ausverkauft. Auch zu einem „neuen“ Kleid langte es. Mutter hatte – ihrer Gewohnheit treu – damals, als die Polizei von blauen zu grünen Uniformen wechselte, Vaters blaue Uniform aufgehoben. Es kratzte ganz fürchterlich, hielt aber warm. Solchermaßen ausgerüstet, konnte ich – was die Kleidung anging – dem Winter  einigermaßen beruhigt entgegensehen.

   Das konnten unsere Soldaten ganz und gar nicht!

   Heftiger Herbstregen  hatte die schlechten russischen Wege in eine Schlammlandschaft verwandelt. Trotzdem setzte Hitler – und das während der schlimmsten Regenperiode – eine Panzerdivision in einem großen sumpfigen Gebiet ein, obwohl der verantwortliche General davon vehement abgeraten hatte. Aber Hitler machte sich keine Gedanken über die Beschaffenheit des Kampfgebietes. Er gab seine Befehle, vor einer Landkarte stehend, unter einem schützenden Dach in einem Haus weit weg von der Front. Seine Absicht war der rasche Geländegewinn ohne Rücksicht auf Verluste.

   Der von Hitler befohlene „Vormarsch“ im Sumpf endete für die Panzerdivision – freundlich ausgedrückt – nicht gut. Wie an den anderen Fronten war es auch hier der einfache Soldat, der die vom Führer zusammengekochte bittere Suppe auslöffeln musste. Davon erfuhren wir selbstverständlich nichts durch Presse und Rundfunknachrichten. Aber einiges sickerte trotzdem durch. Insbesondere durch die verwundeten Soldaten, die in großer Zahl direkt von der Front in unsere Stadt kamen.

   Wer unter einem Diktator aufwächst, entwickelt seine Fähigkeiten, genau zuzuhören. Man lernt, seine Antennen auszufahren. Manche machten flüsternd Bemerkungen über Hitlers Starrsinn: Er wolle nicht auf seine gut ausgebildeten, häufig adligen Generäle hören. Bedeutete dies, dass der Krieg bald zu Ende und verloren sein werde? Oder wird er gerade dadurch in die Länge gezogen? Wer ist  eigentlich ein Verräter? Der, der gehorsam seine Pflicht tut, ohne an die Folgen zu denken, oder . . .? Berichte über die wahren Verhältnisse an der Front wurden als „Zersetzung der Kriegsmoral“, auch „Wehrkraftzersetzung“ genannt, bezeichnet und mit dem Tode bestraft. Berichte über ein militärisches Fiasko waren genauso gefährlich. Der Führer verlor nie – weder eine Schlacht, noch eine Offensive oder ein Territorium. Was die Idiotie mit den schweren  Kampfwagen während der Regenperiode im Sumpf anbelangt, kam von offizieller Seite die Mitteilung von einer „Aussetzung der Offensive“, und das klang ganz gut. Der Vormarsch durch den Sumpf wurde ausgesetzt, bis der Frost den Sumpf für schwere Kampfwagen befahrbar gemacht habe, hieß es. Trotzdem überraschte der Winter die deutschen Frontsoldaten – und ganz und gar nicht die für ihn gut gerüsteten Russen. Als der Frost kam, öffnete der Himmel alle Schleusen. Stürme jagten über das offene Land und türmten den Schnee zu Wällen auf, was die Wege bestenfalls unbefahrbar, schlimmstenfalls unsichtbar machte. Das war eine Katastrophe für die Soldaten, denn Hitler hatte völlig vergessen, „seine Jungs“ für den Winterkrieg auszurüsten. Als es Ende Oktober zu schneien begann, trugen die Soldaten noch ihre Sommeruniformen. Den meisten fehlten so einfache Dinge wie Schals, Fäustlinge, wärmende Mützen und Ohrenschützer.

   In unserer Stadt wurden viele öffentliche Gebäude geschlossen und in Lazarette umgewandelt. Auf neue Weise empfanden wir die Nähe der Front. Zusammen mit Lehrer Par besuchten wir Kinder die Verwundeten. Bald kamen auch die ersten Soldaten mit schlimmen Erfrierungen. Sie bezeugten etwas, was keiner mehr übersehen konnte. Und als der Winter 1941/42 seinen Höhepunkt erreicht hatte und der Schaden längst eingetreten war, wurde die Bevölkerung in der „Aktion Winterkleidung“ aufgefordert, warme Kleidung für die frierenden Soldaten zu sammeln. Unsere Handarbeitslehrerin organisierte einen „Nähverein“, und unter ihrer Anleitung sollten wir Fausthandschuhe, Socken und Kapuzen herstellen. Das Material mussten wir selbst mitbringen Meine Puppenwagendecke aus schwarzem und weißem Kaninchenfell wurde zu warmen Fausthandschuhen. Ob sie jemals einem Menschen halfen, seine Hände zu erhalten, weiß ich nicht. Jedes Mal, wenn ich einen Soldaten sah, dessen Hand auf Grund von Erfrierungen und Wundbrand amputiert war, versuchte ich, mir vorzustellen dass die von mir genähten Handschuhe die Schar dieser Unglücklichen vielleicht um einen verringerten.

   Während dieser Zeit waren Mutters Gedanken oft bei Wolfgang: Nach einer komplizierten Rippenfellentzündung wurde er am 19. Dezember 1941 gesundgeschrieben. Die plötzlich ausgebrochene Lungenentzündung, die entstanden war, als ein Arzt beim Abzapfen des Wassers seine Lunge perforiert hatte, war nun ausgeheilt. In einem Brief teilte er uns mit, dass er nicht sicher sein könne, Weihnachtsurlaub zu erhalten. Und wenn er ihn bekäme, könne er kaum bis zum Heiligen Abend bei uns sein. Die Transportverhältnisse seien – freundlich ausgedrückt – schauderhaft. Die Soldaten dürften nur ganz bestimmte Züge benutzen, obwohl der Befehl laute, die Reisezeit so kurz wie möglich zu halten. Deshalb werde auch eine Unterbrechung der Reise bei Oma in Berlin nicht bewilligt werden.

   Als Heiligabend schon fast vorbei war, klopfte jemand hart gegen die Fensterscheibe. Wir sprangen erschrocken von den Stühlen auf. Mit wenigen Schritten war Vater bei dem Schub, in dem er seine Pistole aufbewahrte. Mit ihr in der Hand öffnete er die Tür – und da stand Wolfgang mit einem großen, breiten Lachen auf dem Gesicht. Plötzlich umarmten sich Vater und Sohn. Vaters Augen wurden feucht, Mutter begann zu schluchzen.

   Vater versuchte, ihm warme Unterwäsche zu besorgen. Aber das veranlasste Wolfgang zu ein paar unfreundlichen Bemerkungen über Verpimpeln und  allzu große Fürsorge. Immerhin war er Soldat! 

   Nach seinem Urlaub sollte er sich in Kiel melden. Wieder wurde es ihm aus unerforschlichen Gründen nicht erlaubt, die kürzeste Eisenbahnstrecke zu wählen. Dazu kam, dass die Fahrpläne nicht eingehalten wurden und dass die Soldaten nicht alle planmäßigen Züge benutzen durften. Alles Bestimmungen, die die Reisezeit der Soldaten verdoppelten und verdreifachten. Und das in einem Land, in dem Ordnung als lebensnotwendige ernste Sache gilt. Nachdem Wolfgang in Leipzig fünf lange Stunden auf einen Zug, der auch für Soldaten zugelassen war, hatte warten müssen, kam ihm der Verdacht, dass sich unter den „Verantwortlichen“ Saboteure befinden müssten. Wie sonst konnte man die Tatsache erklären, dass ein beträchtlicher Teil der Marine viel Zeit in Warteräumen und Zügen statt auf Schiffen zubrachte?

   In Kiel wurde er in einer überfüllten Kaserne einquartiert. Die Bude war dreckig und schlecht gelüftet und wurde nachts mit einem glühenden Sägespän-Ofen geheizt. Während seiner ganzen Kindheit hatte er jahraus, jahrein stets  bei offenem Fenster geschlafen. Am 10.1.42 schrieb er in einem langen, verzweifelten Brief, dass er jetzt dort sei, wo zu sein er sich am wenigsten gewünscht hatte: In einem Lazarett. Wegen einer Rippenfellentzündung. Der Arzt habe gesagt, dass das eine lange Sache werden könne.

   Und wieder schrieb Wolfgang Worte, die wir schon vorher gehört hatten - sein Brief drückte Reue und Heimweh aus und machte Mutter traurig. Alles war nun gleichgültig. Wenn er sich nur wohlfühlte, dann werde er bald wieder gesund werden. Sie las zwischen den Zeilen und war mit Recht besorgt:

   „Wenn ich nur nicht Soldat wäre. Wenn ich Zivilist wäre, dann hätte ich eine Chance, dann könnte ich etwas für meine Gesundheit tun“.

 

   Im Märchen sorgt Frau Holle für Schnee. Sie wohnt hinter den Wolken. Wenn sie zusammen mit Glücksmarie, einem fleißigen Mädchen, die Federbetten aufschüttelt, schneit es, und alle Kinder freuen sich. Aber im Frostwinter 194142 war es unmöglich, in den  Schneemassen, mit denen uns der Himmel versorgte, etwas Märchenhaftes zu sehen. Oft schneite es die ganze Nacht. Dann begleitete mich Vater fast bis zur Schule. Denn manchmal gab uns schon eine Schneewehe vor dem Haus eine Kostprobe dessen, was uns auf dem Weg erwartete. Vater ging stets vor mir. Oft musste er sich mit seinen Armen und Beinen und manchmal mit seinem ganzen Körper einen Weg durch die hohen Schneewehen bahnen. Die Situation war alles andere als behaglich. Trotzdem verspürte ich Freude - eine innere Freude, ihn in meiner Nähe zu haben, mich auf dem nicht ungefährlichen Weg im Schutz seiner Fürsorge und Stärke bewegen zu dürfen.

   Vater bekam dann eine Nebenhöhlenentzündung, ein Leiden, das ihn seit seiner Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg ab und zu plagte. Vaters Freund Willi Kuhnt bot mir daraufhin an, zusammen mit seinen Kindern auf einem Pferdeschlitten zur Schule gebracht zu werden. Die Familie Kuhnt  wohnte ein Stück außerhalb der Stadt und hatte sich Pferd und Schweine, Hühner und Gänse angeschafft, um ihre Kinder in wirtschaftlich guten Verhältnissen aufwachsen lassen zu können. 11 Kinder lebten zu Hause. Nur der älteste Sohn war schon wehrpflichtig und zum Militärdienst einberufen worden. Zwar war der Schlitten jeden Morgen mehr als voll beladen. Aber mit ein bisschen gutem Willen ist ja bekanntlich immer noch Platz für einen zusätzlich.

 

   Wir Kinder aus dem Westen mussten erst lernen, mit diesem Winter in Eis und Kälte umzugehen. Von zu Hause wussten wir, dass Schnee Winterfreuden bedeutete – und nur das! Wir versuchten, unsere Lehrerin, Fräulein Hoffmann, hiervon zu überzeugen. Antworteten auf ihre skeptischen Einwände, dass wir eine Wanderung über das Eis der Weichsel schon schaffen würden, um uns mit unseren Schlitten auf den Höhen des östlichen Ufers der Stadt zu tummeln. Am geplanten Tag pfiff der Ostwind über den Fluss. Der Weg über das Eis war markiert, so fühlten wir uns sicher. Aber schon auf der Mitte des zugefrorenen Flusses begannen die ersten Kinder, sich unwohl zu fühlen. Doch erreichten wir wohlbehalten die Anhöhen. Wir bissen die Zähne zusammen und taten, als ob uns das alles viel Spaß mache. Aber Fräulein Hoffmann mahnte zum Aufbruch, und auf dem Heimweg machten ein paar Kinder schlapp. Endlich zu Hause, gelobte ich meiner Mutter, dass dies die letzte Tour meines Lebens über einen zugefrorenen Fluss gewesen sei.

 

   Die Freundinnen aus Hamburg schrieben von den Freuden des Winters. Ich las Mutter die Briefe laut vor, und sie seufzte. Wir hatten ganz vergessen, dass die daheim so gut wie jede Nacht im Keller verbrachten. Die Mädchen vermieden, von Luftalarm und Bombennächten und Tagen ohne Unterricht zu berichten. Wie ich, unterließen sie, über all’ das zu schreiben, was uns Schmerz, Angst und Sorge bereitete. „Es wird wieder Sommer werden“, sagte Mutter, „und dann wird alles leichter“.

 

   Endlich kam der Tag, an dem der Frühling unverkennbar in der Luft lag. Der Schnee begann zu schmelzen, und man steckte die Nase in den Wind, um schnuppernd die ersten Anzeichen des Frühlings in sich aufzunehmen. Und vergaß bisweilen den Matsch auf den Straßen und die ewig nassen Füße. Eines Tages fragte Herr Par uns Kinder, ob wir es wohl schaffen könnten, Soldaten zu besuchen, die in einem Lazarett ein gutes Stück außerhalb der Stadt lagen – dort, wohin Besucher lieber nicht gingen. Wir glaubten, dass er das Tauwetter und den schlechten Zustand des Weges meine, und versicherten ihm, dass wir das leicht schafften. Wurden aber ganz still, als er uns mit wenigen Worten erklärte, dass das Problem woanders liege: Die Soldaten in diesem Lazarett hätten nämlich Wundbrand – die meisten durch Erfrierungen. Sie verfaulten bei lebendigem Leibe. Manche seien bein- oder armamputiert, manche ohne Nase, ohne Backen, ohne  Ohren  - ohne Gesicht. Und wir sollten dastehen und sie ansehen. Wir müssten es fertig bringen, zu lächeln und ihnen mit unseren Liedern eine Freude zu machen. Wir versicherten Herrn Par, auch das würden wir schaffen.

   Vor dem Eingang ließ uns der Lehrer noch einmal anhalten. Mit ernster Stimme bat er uns, daran zu denken, dass wir hier mehr als üblich gezwungen seien, unsere Lieder mit Bedacht zu wählen. Er spielte insbesondere auf ein Spottlied an, das wir Mädchen mochten. Dieses Lied – „Das Burle-Bübli mag i net, das sieht man mir schon an, juch-hei“ [„Es Buurebüebli man i nid, das gseht mer mir wohl a, juhe]– könnten wir diesen Menschen nicht vortragen, denn in der zweiten Strophe heißt es: „Muss  einer sein gar hübsch und fein, darf  keine Fehler hab’n, juch-hei“ [S’ muess eine sy gar hübsch und fin, darf keini Fähler ha, juhe“]. Wir täten gut daran, dieses Lied ganz zu vergessen, denn der Krieg mache allzu viele junge Männer zu Krüppeln.

   Man hatte uns erwartet. Als wir in die Eingangshalle kamen, öffneten die Krankenschwestern weit die Türen zu den Krankenzimmern. Plötzlich füllte sich die Halle mit entsetzlichem Gestank. Am liebsten hätte ich Mund und Nase verstopft. Aber Herr Par, der sein Akkordeon mitgebracht hatte, stellte sich lächelnd vor uns und stimmte das erste Lied, Mozarts Mailied, an. Andere ließen wir folgen, während wir durch die Flure des Hauses gingen und vor den geöffneten Türen stehen blieben. Ach, wie wir sangen „Nun fängt das schöne Frühjahr an, und alles  fängt zu blühen an auf grüner Heid’ und überall“. Die Verwundeten, die gehen konnten, kamen uns entgegen oder begleiteten uns. Humpelnd, an Krücken, von einem Kameraden auf dem Rücken getragen oder wie ganz normale junge Leute laufend. Einige stellten sich neben uns – als ob sie zum Chor gehörten – und sangen mit. Und andere, die ans Bett gefesselt waren, riefen laut, was sie hören wollten, und die Wünsche nahmen kein Ende. Singend reisten wir auf den Flügeln des Gesanges durch ganz Deutschland. Dank Herrn Pars Erklärungen und der unterschiedlichen Heimatgebiete der Schüler konnten wir in verschiedenen Dialekten singen. Bald befanden wir uns in Ostpreußens „Land der dunklen Wälder“, bald brachte uns ein Lied ins schlesische Riesengebirge – „Blaue Berge, grüne Täler, mitten drin ein Häuschen klein. Herrlich ist dies Stückchen Erde, denn ich bin ja dort daheim . . .“. Und dann ging es weiter nach Süden mit einem Kanon „Ob er aber über Oberammergau oder ob er über Unterammergau oder ob er überhaupt nicht kommt, ist nicht gewiss“. Um endlich zurück in den Norden zu kommen mit dem Lied von den „Nordseewellen“. Das sang ich aus vollem Halse. In Mutters Muttersprache, auf Plattdeutsch. Und plötzlich hatte ich einen sehr jungen Soldaten, fast noch einen Jungen, neben mir. Wir standen Arm in Arm, schunkelten im Takt des Liedes. Auch er sang plattdeutsch. Er lächelte – und seine Augen leuchteten. - Ob er nach verfaultem Fleisch roch? Ob er schwer verwundet war? Daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht bemerkte ich es auch nicht. Vielleicht kam er mir ganz gesund vor, weil wir in diesem Augenblick froh waren.

   Wir gingen nie wieder dorthin. Wir hätten unseren Besuch wiederholen sollen. Wir hätten uns nur zusammenzunehmen brauchen. Aber wir haben es nicht gekonnt.

 

   Dann brach in unserer Stadt Typhus aus. Die Behörden gerieten in Panik und verordneten die Zwangsimpfung aller – mit Ausnahme der Juden. Militärärzte übernahmen diese wichtige Arbeit. Die Schulkinder erschienen klassenweise im Gesundheitsamt. Lange Schlangen, ein Stich in die eine oder andere Stelle unter dem Hals bzw. an der Brust – all’ das geschah in einer Geschwindigkeit  ohnegleichen. Nur bei Luise, einem munteren und recht korpulenten Mädchen, hatte es der Arzt plötzlich nicht mehr so eilig. Er öffnete ihre Bluse  mehr als notwendig und starrte auf das nackte Stück Haut, fasste ihre Brust „in verkehrter Weise“ an, wie Luise das später beim Wiedererzählen nannte. Sie wehrte sich nicht, erstarrte nur und schämte sich  sehr für diesen Arzt. Ich hatte meinen Eltern von dem widerlichen Benehmen des Arztes erzählen wollen, fand aber nicht die richtigen Worte. Machte einen Versuch. Sagte, es sei entwürdigend, uns derart zu behandeln. Zuerst hätten wir wie eine Herde Schafe dagestanden. Und dann . . . so was tut man nicht, man sollte sich anständig benehmen – auch gegenüber Schülerinnen. So ein alter Knacker vom Militär.

   Bei diesen Äußerungen hätte Vater die Ohren spitzen sollen. Aber er war allzu sehr verärgert wegen meiner Undankbarkeit.

   „Wir sollten alle heilfroh  und dankbar sein, weil wir zufällig einer Gruppe Menschen angehören, die man für wertvoll genug hält, eine Schutzimpfung zu erhalten. Die Juden im Ghetto überlasse man sich selbst, ohne ärztliche Hilfe, überhaupt ohne jegliche Hilfe. Obwohl der Typhus insbesondere im Ghetto wüte und täglich Opfer fordere“.

   Die gesunden jüdischen Männer hatte man aus dem Ghetto entfernt und in einem Lager unweit der Stadt untergebracht. Man brauchte deren Arbeitskraft, konnte sich keinen „Verlust der Ressourcen“ erlauben. Die abgesonderten Männer hatten keine Verbindung zu ihren Familien im Ghetto, wussten nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen. Deshalb beschlossen sie eines Tages, ungefähr 10 Mann ins Ghetto zu schicken, um nach ihren Familien zu sehen. Ich kann die Richtigkeit der Zahl der Männer nicht garantieren, aber die Menge spielt ja auch keine Rolle. Bei Einbruch der Dunkelheit schlichen sie sich ins Ghetto, wahrscheinlich über den alten jüdischen Friedhof. Aber das Unternehmen missglückte, sie wurden entdeckt. Plötzlich tauchten bewaffnete Männer mit Spürhunden auf. Ich weiß nicht, ob es nur die übliche Wachmannschaft oder SS-Männer waren. Vielleicht habe ich es vergessen, vielleicht habe ich nie danach gefragt. Vielleicht genügte mir die Tatsache, dass  Menschen dies Menschen zufügten.

   An jenem Abend waren Mutter und ich alleine zu Hause. Vater musste wieder Abend- und Nachtdienst machen, weil Personalmangel herrschte; viele der jungen Polizeibeamten befanden sich an der Front. Es war ein dunkler Abend. Unser Haus hatte die Fensterläden innen vor den Fenstern. Sie schirmten uns ab von der Dunkelheit und schützte uns vor Kälte. Aber sie waren nicht schalldicht. Ich glaube, für mich wäre es gut gewesen, wenn die Fensterläden nur dieses eine Mal die Geräusche von mir hätten fernhalten können. Zuerst hörten wir von weit her Stimmen und aufgeregtes Hundebellen. Dann kam das immer näher. Schreiende, zornige, kommandierende und verschreckte, jammernde, flehende Stimmen, vermischt mit dem Bellen und wütenden Knurren der Spürhunde. Nach einer Weile waren sie so nahe an unserem Haus, dass wir vermuteten, dass in unserem Garten etwas vor sich gehe. Mutter griff sofort zum Telefon, um mit Vater zu sprechen. Vater sagte etwas wie:

   „Bleibt im Haus. Draußen ist der Teufel los“.

   Mutter und ich krochen, angespannt und stumm lauschend, auf dem Sofa zusammen. Die Stimmen entfernten sich ein bisschen. „Nun ist es vorbei“, sagte ich mit einem Seufzer der Erleichterung, wie wir das damals in Hamburg nach einem Luftangriff zu sagen pflegte: „Nun ist es vorbei“. Aber plötzlich wurde die Stille durch sonderbare Geräusche unterbrochen. Angstschreie aus Menschenkehlen! Eine Salve Schüsse! Und dann – Stille. Plötzlich Schreie! Gellende Schmerzens- und Jammerschreie. Und danach? Ich weiß es nicht. Verstummten alle Laute? Oder kamen das Hundegebell und die Salven und das Jammern wie ein Echo aus jedem Winkel?

   Am nächsten Tag erzählte Vater, dass man die jüdischen Männer nach ihrer Ergreifung ins Ghetto gebracht hatte, wo sie alle- im Beisein ihrer Angehörigen – erschossen wurden.

 

   Man denkt, nun müsse die Zeit stehen bleiben. Nichts könne mehr so sein wie früher. Der Frühling sei für immer tot! Es könne nie wieder Sommer werden! Obwohl Mutter einmal vor langer Zeit behauptet hatte, dass das Leben weitergehe. Immer! Ich hätte gerne  mit ihr darüber gesprochen -  zum Beispiel über die Einstellung der Menschen zum Leben hier auf Erden. Aber Mutter war so sonderbar abwesend. Und Vater hatte wieder angefangen, mit den Zähnen zu mahlen. Ich versuchte, die beiden aufzumuntern, aber es wollte mir nicht gelingen.

   Im Frühjahr 1942 begannen meine Schlafstörungen. Dass ich mitunter nicht einschlafen konnte, war zu ertragen. Aber dass ich schlafwandelte, das war peinlich.

   Vater nahm mich zum Reiten mit. In den Kasernen am Stadtrand konnten wir Pferde bekommen. Ich ritt einen Schimmel, das „Blonde Kätchen“, und Vater einen Rappen, der „Talfahrt“ hieß. Der junge Soldat, der mir in der Reithalle ein bisschen Reitunterricht erteilte, lobte mich, indem er sagte, man könne sehen, dass ich die Tochter eines Ulanen sei. Diese Beurteilung machte mich stolz, denn Vater war ein tüchtiger Reiter. Aber eines Tages wurden auch die Pferde zum Kriegsdienst eingezogen. Pferde waren auf den russischen Wegen oft besser einzusetzen als schwere Fahrzeuge. Pferden konnte auch nicht das Benzin ausgehen. Sie konnten – wie Menschen – auch mit leerem Magen etwas leisten. Pferde wurden in der Winterkälte auch nicht so leicht steif  wie das Öl in den Motoren. Aber ich machte mir immer weniger  aus den Wochenschauen, in denen ich Pferde und Menschen sich zusammen durch Schneematsch und Morast abrackern und vorwärts kämpfen sah.

 

   Nein, das Frühjahr blieb nicht aus. Mutter war froh und erleichtert, als es endlich Frühling geworden war - nicht, weil die Sonne nun spürbar wärmte; der Grund war einzig und allein Wolfgang, der in ein Erholungsheim in den Alpen gekommen war. Er schickte Bilder, die ihn fröhlich und munter zeigten. Er schrieb auch eine Menge munterer Briefe über das feine Hotel, die schöne Natur um ihn herum, die guten Kameraden und Mädchen. Und Mutter sang wieder zu ihren häuslichen Tätigkeiten.

 

   Ostern 1942 verließ ich die Volksschule. Wäre es nach meinen Wünschen gegangen, hätte ich danach gerne eine Ausbildung als Kindergärtnerin oder Gartenarchitektin begonnen. Aber solche Träume wurden von Vater als unerfüllbar bezeichnet. Er brachte viele Argumente vor. Das erste und  wichtigste war, dass ich um jeden Preis zu Hause wohnen bleiben sollte. In diesen Zeiten könne er mich unter keinen Umständen unter fremde Obhut geben. Wir diskutierten viel über meine Zukunft, Vater und ich, und zwar in einer Weise, die mich enttäuschte und böse und ihn traurig machte. Ich wusste nicht, dass wir uns das ganze hätten ersparen können, denn Vaters Plan lag unverrückbar fest. Für ihn gab es keine andere und bessere Lösung des Problems; er wollte mich beschützen. Als Schülerin der Haushaltungs- und Frauenfachschule – beide befanden sich in unserer Stadt – würde ich von dem von der Partei verordneten Pflichtjahr mit sechzehn Jahren als Hausgehilfin in einer kinderreichen Familie und mit achtzehn Jahren von der Einberufung zum Arbeitsdienst befreit werden. Vater ließ sich die entsprechende rechtliche Regelung schriftlich geben und war sichtlich beruhigt, als er mir an der zu dieser Zeit erstrebenswerten Schule einen Platz gesichert hatte. Pro Jahr wurden 16 Mädchen aufgenommen, die sich dann als Glückspilze fühlten.

   Auch Reni fand, dass diese Schule eine gute Idee sei. Sie hatte keine Lust, ihr Glück beim Reichsarbeitsdienst weit draußen auf dem Lande zu probieren. Annemie, die Jüngste des Kleeblatts, musste noch ein Jahr auf die Volksschule gehen.

   Die Haushaltungsschule sollte am 1. September anfangen. Eine lange Ferienzeit war also in Sicht. Aber jetzt hatte ich viele Freunde und wusste, dass ich mich nicht langweilen würde.

   Das Ende der Schulzeit wurde bei einigen Klassenkameraden durch die Konfirmation hervorgehoben, die gleichzeitig das „Eintreten in die Reihen der Erwachsenen“ bedeutete, und das hieß: Übernahmen der Verantwortung für eigene Beschlüsse und Handlungen. Reni freute sich auf dieses Fest, denn ihre Mutter hatte sehr viel Zeit, Bezugsmarken und Tauschgeschäfte dazu benutzt, Reni aus Anlass dieses Tages eine neue, recht damenhafte Garderobe zu besorgen.. Als Reni anfing, zum Konfirmandenunterricht zu gehen, wollte ich das auch gerne ausprobieren. In einem Gespräch mit Vater wurde mir klar, dass er bei meiner Entscheidung von mir Ernsthaftigkeit verlangte. Nach wenigen Konfirmandenstunden zog ich mich wieder zurück. Eigentlich kann ich für diesen Entschluss keinen klaren Grund angeben. Ich glaube, ausschlaggebend für mich war die Art des Pfarrers. Er redete salbungsvoll. Seine Worte erreichten weder Herz noch Hirn. Als ich das letzte Mal anwesend war, forderte uns der Pastor auf zu beten. Er empfahl uns, das mit geschlossenen Augen zu tun, weil dadurch das Gebet stark und innig werde. Ich befolgte seinen Rat, denn es gab so unendlich viel zu erbitten. Gott kam mir manchmal weit weg vor. Aber während des Gebetes fühlte ich mich beobachtet, öffnete die Augen und sah den Pfarrer mit halbgeschlossenen Augen zu mir hinblinzeln.

   Kinder, die nicht konfirmiert wurden, konnten die „Jugendweihe“ erhalten. Eine Weihe zu Beginn der Jugend also und  nicht eine bürgerliche Konfirmation, als die  man sie meistens bezeichnete. Ich erinnere mich überhaupt nicht an diese Weihe und habe deshalb bisweilen geglaubt, sie nicht erhalten zu haben. Offensichtlich aber habe ich sie doch mitgemacht. Da die Partei diese Festlichkeiten lenkte, ist davon auszugehen, dass es viele Fahnen und Musik gab und dass weihevolle politische Lieder gesungen wurden. An den Rest des Tages erinnere ich mich sehr gut: Mutter hatte aus Anlass des „In-die-Reihen-der-Erwachsenen-Tretens“ Stoff zu einem neuen Kleid  gekauft. Der Stoff war rostfarben, eine Farbe, von der ich damals begeistert war. Aber Mutter hatte keine Zeit gefunden, das Kleid pünktlich fertig zu nähen. Familie Krüger schickte aus Anlass der „großen Feier“ einen riesigen Strauß weißer Lilien. Das war gewiss gut gemeint, aber die Blumen erinnerten mich an ein Begräbnis. Mutter kochte für uns drei ein sonntägliches Mittagessen, und am Nachmittag kam eine Familie, die ich kaum kannte, zum Kaffeetrinken.

   Der kleine Teewagen, der während meines ganzen Lebens als Gabentisch gedient hatte, blieb an diesem Tag leer. Nahezu leer! Vater hatte mein Abgangszeugnis der Volksschule darauf gestellt, denn dies war Vaters Ansicht nach etwas, auf das man stolz sein konnte. Bei der Aushändigung der Zeugnisse am letzten Schultag hatte ich mir erlaubt, zu  Fräulein Hoffmann zu sagen,  dass ich in der Spalte „Betragen“  nicht die beste Note erwartet hätte. Sie sah mich nur mit ihrem eigenartigen Blick an, bekam die für sie typischen nervösen Zuckungen im Gesicht und sagte schließlich, dass alleine der Klassenlehrer für diese Note zuständig sei. Vater hatte nämlich gefürchtet, dass der Rektor mit einem schlechten Abschlusszeugnis versuchen werde, einige meiner Zukunftsaussichten zu zerstören.

   Gewiss fehlte mir an einem Tag, der mir gewidmet war, ein bisschen Feststimmung. Bei so manchem Anlass spürte ich die Trennlinie, die gerade an einem solchen Tag durch das Leben eines jungen Menschen geht: Man kann nicht in Kinderschuhen in die Reihen der Erwachsenen treten. Das heißt, man muss sich vom Kindlichen in sich abwenden. Mit anderen, vielleicht besser verständlichen Worten heißt das: Man muss seine Gefühle unter einer Maske verstecken können. Man kann sich nicht mehr leisten, über etwas zu lachen, nur weil es einem lustig vorkommt. Das kann Ärger geben! Und man darf auf keinen Fall seinem Zorn über die Unzulänglichkeiten in unserer Welt freien Lauf lassen. Das kann gefährlich werden. Als Vierzehnjährige in den Reihen der Erwachsenen muss man für seine Entschlüsse und deren Folgen Verantwortung tragen. Es war nur so furchtbar schwer herauszufinden, in welchen Bereichen und in welchem Ausmaß man mir erlaubte, mich für etwas zu entschließen.

   „Du musst dein Äußeres verändern; zunächst wird ein anderer Haarschnitt Wunder tun“, sagte Mutter. „Die Zöpfe müssen ab!“ bestimmte Vater. „Eine Dauerwelle wird sich gut machen“, meinten beide.

   Meine lauten Proteste wurden überhört.

   Ein Friseursalon wurde aufgesucht, wo eine gut ausgebildete junge Polin sich meiner annahm. Sie legte mein Haar in sehr ordentliche, gleichmäßige Wellen bis zum Nacken hinab, wo sie die ganze Pracht in Korkenzieherlocken verwandelte. Nicht ein einziges Haar hatte nun die Möglichkeit, sich selbständig zu machen. „Rudl-Pudel“, der Kosename meiner Kindheit, gehörte nur noch der Vergangenheit an. Gerhard kam zur Feier dieser Begebenheit mit einem großen Korb voller Blumen. Sicherheitshalber hatte er zwei Freunde mitgenommen. Denn es erforderte Mannesmut, ein Mädchen aus den Reihen der Erwachsenen zu besuchen, wenn man selbst nur 13 Jahre ist und noch ein Jahr auf die Volksschule gehen muss. Er könne meine Frisur gut leiden, behauptete er. Etwas zu gut, fand ich. Denn er fuhr mir mehrfach in einer Weise durch die Haare, die ich nicht mochte.

   Aber am wunderlichsten benahmen sich meine Eltern. Jetzt, wo der Trennstrich in meinem Leben gezogen war und ich begonnen hatte, „vom Äußeren her“ erwachsen zu werden. Vater, der sonst Gerhards aufgewecktes, unverdorbenes Wesen hatte gut leiden können, fand ihn jetzt lümmelhaft. Mutter wollte eines Tages nicht ihren geplanten Stadtbummel machen, weil Gerhard zu Besuch war. Als er gegangen war, faselte sie etwas von Sitte und Brauch und guten Manieren und wer weiß was. Die Schlussfolgerung ihrer langen Rede bestand darin, mich über etwas zu belehren, was ich nicht begreifen konnte.

   Man hält sich mit einem Jungen nicht alleine in einer Wohnung auf!

   „Warum nicht, Mutter? Weswegen? Es muss doch einen Grund für derartige Veränderungen geben?“ Tja – aber. Gewiss gab es  viele Gründe. Aber sie mochte nicht darüber sprechen. Also – nicht gerade jetzt. So setzten wir uns auf die Steintreppe im Treppenhaus, Gerhard und ich, wenn er zu Besuch kam und ich alleine zu Hause war. Wenn die Sonne schien, saßen wir selbstverständlich im Garten. Denn da durfte man sich gerne alleine mit einem Jungen aufhalten. Auch wenn man in die Reihen der Erwachsenen getreten war. Glücklicherweise war es Frühling geworden mit ein paar warmen Tagen. Vater hatte schon die Gartenmöbel hinaus in die Sitzecke gebracht.

 

   Es war an einem Sonntag. Mutter hatte einen großen Kuchen gebacken, denn sie wusste aus Erfahrung, dass Garten und Sonne unsere Bekannten aus der Stadt zu uns raus lockten. Und sie hatte Recht. Als ich mit Edith, einem Mädchen aus meiner Klasse, nach Hause kam, saßen mehrere von Vaters Kollegen um den Tisch, und einige standen neben dem Hühnerhaus, um Vaters Neuerwerbung, einen farbenprächtigen Hahn, zu begutachten. Wir Mädchen begrüßten sie alle freundlich. Edith, indem sie sich auch mit ihrem Nachnamen, Baumbach, vorstellte. Und da passierte das Sonderbare, dass einer von Vaters Kollegen mich etwas beiseite nahm und so laut, dass alle es hören konnten – es war nämlich als Witz gemeint, über den alle feixen sollten, sagte:

   „Na, hast du die da drüben gefunden?“ Er wies mit dem Kopf in Richtung Ghetto. Aber keiner der Anwesenden fand  diesen „Witz“ amüsant. Alle erstarrten, während Herr Wichtigtuer mehrmals versuchte, die Peinlichkeit mit Lachen und einer dummen entschuldigenden Bemerkung, die alles nur schlimmer machte, zu überspielen. Nur Edith lächelte. Erst jetzt nahm ich wahr, dass sie nicht nur einen „unglücklichen“ Namen trug, sondern auch ihr Aussehen gegen sich hatte - braunäugig und dunkelhaarig, wie sie war, und ausgestattet mit einer markanten Nase. Ach, wie sie doch alle anlächelte. Aber in ihren Augen sah ich, dass sie unangenehm berührt war – und dass sie Angst hatte.

   Als ich sie nach Hause begleitete, sprach sie über ihre zweifellos arische Abstammung. Ja, die sei so absolut sicher und nachweisbar, wie es eine Abstammung überhaupt nur sein könne. Die Papiere der Familie seien völlig in Ordnung – und das über Generationen. Allerdings ähnele sie ihrem Vater. Und Großvater. Aber Juden, nein, das seien sie bestimmt nicht. Sie wolle mir jedoch anvertrauen, dass sie eine Weile gefürchtet habe, dass der Rektor auf ihren Namen und – ja – auf ihre Nase aufmerksam würde. Aber er wurde – zu Ediths Glück – nur aufmerksam auf ihre hervorragende Aussprache und rezitatorische Begabung. Wie sie doch Nazi-Gedichte rezitieren konnte! Der Rektor stellte sie dazu immer in eine Ecke des Klassenraums. Wir saßen mit dem Rücken zu ihr, während wir ihrem Gedichtvortrag, der zu Herzen ging, lauschten. Besonders dem Gedicht von dem Kindersoldaten, der gegen den Willen der Eltern in den Krieg zieht: „Lass’ mich gehn, Mutter, lass’ mich gehn! All das Weinen kann uns nichts mehr nützen; denn wir gehen, das Vaterland zu schützen“. Der Rektor brauchte sie, und das war für Edith eine große Hilfe.

   Hierüber sprachen wir an diesem Tag, als ich sie nach Hause begleitete und wir uns nicht trennen konnten, denn es gab unendlich viel zu erzählen. Wir wurden Freundinnen.

 

   Ediths Eltern waren Naturliebhaber. Auf so mancher Wandertour hatten sie die Umgebung kennen gelernt. Nun wollte mir Edith zeigen, wo die Leberblümchen wuchsen. Sie kannte eine Stelle. An einem Bach am östlichen Ufer des Flusses, ganz hoch oben, wo der Wald in das offene Land überging. Bewaffnet mit Korb und kleiner Handschaufel, brachen wir auf. Mutter hatte ich nur gesagt, dass ich auf der anderen Seite des Flusses ein paar Blumen holen wolle.

   Wir nahmen nicht den kürzesten Weg zu der Stelle, an der die Leberblümchen blühten, sondern entschieden uns, „Entdeckungsreisende“ zu spielen, indem wir am Bach entlang auf die Höhe hinauf gingen. Das war eine spannende Tour, denn der Bach wechselte ständig sein Aussehen und seinen Charakter. Eben noch floss er gemächlich dahin, um gleich danach als Miniaturwasserfall einen Abhang hinabzustürzen. Bald floss er sanft über flache Steine, bald nahm er laut plätschernd eine scharfe Biegung seines Laufes. An den  schönsten Plätzen machten wir Pausen. So schön war alles, dass wir ganz still wurden. Die Bachstelzen verhielten sich, als seien wir nicht da. Ohne lange zu suchen, fanden wir uns unbekannte Blumen. Als wir zu der Stelle mit den vielen Leberblümchen kamen, gruben wir einige aus. Legten uns auf den Bauch, die Nase tief im Moos. Alles um uns herum war schön. Nur schön! Als wir aufbrachen, versuchten wir darüber zu sprechen. Aber uns fehlten die Worte.

   Zu spät entdeckten wir,  wie viel Zeit vergangen war. Den langen Weg zurück zur Fähre liefen  wir mehr als dass wir ihn gingen. Und waren verzweifelt, als wir von weitem die Fähre von der Brücke ablegen sahen. Damit verloren wir weitere kostbare Zeit. Ich wusste, meine Verspätung würde viel Ärger verursachen. Denn die Bedingung für meine Freiheit und Unternehmungslust war meine Anwesenheit beim Abendbrot.

   Mit großer Verspätung kam ich nach Hause. Schon an der Gartenpforte, die eigenartigerweise offen stand, hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas los sei. Fast alle Freunde von Vater und ein paar Kollegen hatten sich eingefunden. Sie standen mit meinen Eltern draußen im Garten. Die Stimmen, der Ton, die Art und Weise, in der sie zusammenstanden, sagten mir, dass hier keine nette Abendgesellschaft stattfand. Vater wandte sich um. Sah mich an, als sei ich ein Gespenst. Vaters Gesicht hatte einen verbissenen Ausdruck. Nun ist er furchtbar wütend auf mich, dachte ich. Nun hat er große Lust, mich zu verhauen. Ich war mehrere Stunden zu spät nach Hause gekommen – und das abends. Mit raschem Schritt war er bei mir. Alle seine Bewegungen offenbarten Zorn. Stammelnd berichtete ich von dem Ausflug in den Wald. Die Leberblümchen. Sogar eine Wasserlilie hätte ich gefunden. „Vater, der Wald ist so schön. Wir haben die Zeit vergessen. Die Fähre legte vor unserer Nase ab“. Aber Vater knurrte nur: „Geh’ rein!“

   Doch kurz darauf  kam er zu mir und fragte lächelnd, ob ich etwas Essbares gefunden hätte, ich müsse ja hungrig sein. Als alle Gäste gegangen waren, kam Mutter rein und erzählte, wie viel Angst sie gehabt hätten. Denn ich käme ja immer zur verabredeten Zeit.

   Vater hatte gefürchtet, ich sei entführt worden. Denn ein paar Wochen zuvor war eine russische Nachbarin, die Schwiegertochter des Geistlichen, zu uns gekommen, was sie noch nie getan hatte. Aufgeregt erzählte sie Mutter, was ihr Gewissen ihr zu erzählen gebot: „Die polnische Widerstandsbewegung plant die Geiselnahme deutscher Kinder – am liebsten von Beamtenkindern – um sie als Druckmittel gegenüber deutschen Behörden zu benutzen“.

   Sie hatte Mutter versichert, dass ihre Quelle absolut glaubwürdig sei. Denn es gebe in der Widerstandsbewegung einen Menschen, der nicht billigen könne, dass jetzt auch Kinder in den Krieg einbezogen würden.

   Die blauen Leberblümchen pflanzte ich in den Vorgarten, wo auch die Feuerlilien von der  Wilhelmshöhe ihren Platz bekommen hatten. Die Blumen standen sich nicht im Wege, sie blühten jeweils zu ihrer Zeit und gediehen gut zusammen. Die Leberblümchen schlugen Wurzeln, obwohl die Erde im Garten sandig und nicht mit dem Humus des Waldes zu vergleichen war. Glücklicherweise können sich Leberblümchen nicht sehnen – auch nicht nach dem Heimatort, wo alles besser war. Wo das grelle Sonnenlicht durch die schützenden Baumkronen gedämpft wird. Wo alles erfüllt ist vom Duft des Waldes, und wo die Bachstelzen, die Wippsterts, hin- und herwippen oder von Feldsteinen aus sich umsehen. Die Leberblümchen kamen in den folgenden Jahren in jedem Frühling wieder. Deutlicher als alles andere um mich herum erzählten sie, dass auch der schlimmste Winter in der Fremde einmal ein Ende hat. Solange ich mich erinnere, habe ich Pflanzen als lebende Andenken gesammelt. Die Leberblümchen waren eine Erinnerung an einen Frühling, an den Beginn eines besonderen Sommers. Ich war damals vierzehn Jahre alt und hatte einen neuen, völlig unbekannten Lebensabschnitt begonnen.

 

   Vater hatte mir zu verstehen gegeben, dass er mir helfen werde, mit den gegebenen Verhältnissen fertig zu werden. Vor allem müsse ich lernen, Entbehrungen zu ertragen; und ich müsse mein Durchhaltevermögen trainieren, um etwas zu erreichen, auch wenn das unbequem sei. Seine Erziehungsmethoden fand ich bisweilen eigenartig: An dem Tag, für den ich mich mit allen meinen Freundinnen aus der Volksschule in der Badeanstalt am Schwarzen See verabredet hatte, verlangte Vater von mir, Kohl zu pflanzen. Ich zählte die einzelnen Pflanzen nach: Es waren über hundert! Jede von ihnen wurde mit viel Wut im Bauch gepflanzt. Gab es auf der Welt sonst noch jemanden, der einen derartig idiotischen Vater mit solch verschrobenen Ideen hatte? Nein, ich war die einzige! Keiner kam wie er auf die Idee, Zosia, unserem polnischen Hausmädchen, einen extra freien Nachmittag zu spendieren. Denn mir, Vaters Tochter, tue es gut zu lernen, wie unangenehm es ist, an einem warmen Sommertag aufzuwaschen und Kohl zu pflanzen. Und das ganz alleine! Und noch mehr: Er war nie dazu bereit, mir mein Taschengeld auch nur einen Tag früher auszuzahlen, wenn ich das des Vormonats ausgegeben hatte und der spannende Film am nächsten Tag vom Spielplan verschwand. Ich solle lernen, mit Geld umzugehen, sagte er. Lernen, Versuchungen zu widerstehen.

 

   Zosia war ungefähr 17 Jahre alt. Ich mochte sie sehr. Wäre sie nicht so entsetzlich viele Jahre älter als ich und wäre sie nicht Polin und unser Dienstmädchen gewesen, wir hätten gute Freundinnen werden können. Von mir aus gesehen. Ich  merkte, dass sie mich im Großen und Ganzen mochte. Aber suchte ich zu sehr ihre Nähe, ging sie auf Distanz.  Traf ich sie in der Stadt, blieb sie nicht stehen.  Ihre Mutter war Witwe und arbeitete als Kindermädchen und Mädchen für alles in der Wohnung über uns. Bevor Mutter und ich gekommen waren, hatte Zosia oft ihre Mutter besucht, und da hatte sie Vater, wenn er im Garten arbeitete, kennen gelernt. Eines Tages hatte ihn Zosias Mutter gefragt, ob er ein Dienstmädchen brauche, wenn seine Familie nachkäme. Vater wusste, dass polnische  Mädchen  gerne als Dienstmädchen arbeiteten. Denn als Arbeitslose konnten sie zur Arbeit in Landwirtschaft und Industrie, oft weit weg von ihrer Familie, gezwungen werden. Manchmal wurden sie auch zur Arbeit in Deutschland gezwungen. Und dort in der Regel in der Rüstungsindustrie.

   Während der ersten Zeit ihrer Beschäftigung bei uns war es unmöglich, mit ihr ein Gespräch zu führen. Sie behauptete kategorisch, kein Deutsch zu können. Trotzdem bewegte sie sich in unserem Haus mit gespitzten Ohren. Wir kriegten schnell heraus, dass sie die Wendung „Nicht verstehen!“ als Waffe gegen uns oder als eine Art Schutz benutzte. Mit der Zeit wurde sie unbesorgter. Vielleicht fand sie es auch langweilig, in demonstrativem Schweigen zu arbeiten.

   Selbstverständlich verstehe sie Deutsch, gab sie eines Tages, als wir zusammen abwuschen, lachend zu. Ihre Mutter spreche ja diese Sprache perfekt, da sie während ihre Kindheit in Breslau gelebt habe und ihr Großvater mütterlicherseits aus einer deutschen Familie stamme.  In meiner Naivität schlug ich Zosia vor, sich in die deutsche Volksliste aufnehmen zu lassen. Blond, wie sie war, würde ihr dies das Recht geben, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu beginnen, ins Kino zu gehen. Ohne zu zögern, rief sie: „Niemals!“ Bekam einen roten Kopf wie ein Hummer und klappte zu wie eine Auster. Während der folgenden Tage verstand sie weder meine Sprache noch meine Gesten. Hielt es aber glücklicherweise nicht lange aus, taubstumm zu spielen. Sie war ja keine gestählte Widerstandskämpferin, sondern nur ein junges polnisches Mädchen, das mit einer Anstrengung ohne gleichen versuchte, sich klug zu verhalten.

   Eines Tages – Zosia wusch ab, und ich trocknete ab – fragte ich sie, wie die Gegenstände, die ich in die Hand nahm, auf Polnisch hießen. Sie antwortete bereitwillig, ich wiederholte das Wort, und sie berichtigte geduldig meine Aussprache, die sie bisweilen zum Lachen reizte. Spontan fragte ich, ob sie Lust habe, mir Polnisch beizubringen. Zuerst lehnte sie ab. Meinte, dass mein Vater dies sicherlich nicht akzeptieren werde. Als ich sie wegen meines Vaters hatte beruhigen können, fragte sie erschrocken, ob wir nicht das Gesetz kennten, das Deutschen verbiete, mit Polen Gespräche zu führen. Sie fand es – für uns beide – am besten, wenn wir uns nicht unterhielten. Und wenn es auch recht lustig wäre, so sei es doch von mir nicht klug, Polnisch zu lernen. Meinte sie. Woraufhin ich antwortete, dass es bisweilen klug sei, unklug zu sein. Über dieses Wortspiel musste sie sehr lachen.

   Sie hatte eine Schwester, eine Offizierswitwe, die Mutter eines kleinen Mädchens. Die beiden besuchten uns bisweilen. Das  heißt, sie besuchten nicht uns, sondern Zosia und deren Mutter. Meine Mutter war traurig über die Barriere, die die Witwe deutlich errichtet hatte und die nur das kleine Mädchen überwinden konnte, da es unsere Welt noch nicht kannte - wie etwa die kleine Wanda, deren Vater ihr diese ach so notwendigen Kenntnisse eingeprügelt hatte. Zosias kleine Nichte bezog keine Prügel, wenn sie sich auf meinen Schoß setzte, um mich zu drücken. Ihre Mutter zog sie nur unverzüglich an sich. Der Vater des kleinen Mädchens war gefallen, als er und sein Trupp – auf Pferden vorwärts stürmend – versucht hatte, Polen gegen die vorrückenden deutschen Panzer zu verteidigen. Man hatte den Reitern (und dem polnischen Volk) erzählt, dass sie nichts zu fürchten hätten: die von der schlecht ausgerüsteten Wehrmacht benutzten Panzer seien nur Attrappen. Deshalb stürmten sie vorwärts, die polnischen Reiter, und wurden als lebende Schießscheiben niedergemäht. Zosia versicherte mir, dass das polnische Volk der polnischen Regierung diese Fehlinformation niemals vergeben werde. Niemals! Doch widersprach ich ihr. „Die Leute vergessen viel, wenn man sie nicht ständig erinnert“. Das hatte Vater so oft gesagt.

 

   Es war also notwendig, den Leuten zu helfen, sich zu erinnern! Schon Anfang des Sommers hatte die Hitler-Jugend damit begonnen, für einen Gedenkmarsch zu werben, der in Bromberg beginnen, durch ganz Polen führen und in Krakau enden sollte. Es wurde hervorgehoben, dass die Beteiligung daran freiwillig sei, doch sehe man es als wünschenswert, ja, geradezu als Pflicht der Jugend an mitzumachen. Zumindest auf Teilstrecken. Der Marsch sollte am Jahrestag des „Bromberger Blutsonntags“ [3. September 1939] beginnen und hervorheben, dass man dieses Unrecht niemals vergessen werde. Nie sollten die Deutschen vergessen werden, die an einem Sonntag im September des Jahres 1939 von Polen aus ihren Häusern gejagt und auf einen langen Marsch gezwungen wurden.

   Vater hatte oft zu Recht gesagt, man solle nicht alles glauben. Deswegen müsse man Untersuchungen anstellen, Beweise oder Gegenbeweise suchen. Ich trieb ein Buch auf, das den Leidensweg der Bromberger Deutschen beschrieb. Während ich es las, war ich versucht, das Buch beiseite zu legen. Denn es nahm mich mit auf einen Weg, auf dem Menschen im wärmsten Monat des Sommers durch das ganze Land getrieben wurden. Ohne Möglichkeit der Verteidigung - und seltsamerweise nicht in westliche Richtung, hin zur deutschen Grenze, obwohl man sie loswerden wollte. Das schaffte man zum Teil dadurch, dass man ihnen Trinkwasser verweigerte, dass man sie quälte oder erschoss, oft ganz willkürlich. Meiner Meinung nach beschrieb das Buch nicht Handlungen, die aus Hass begangen wurden, sondern aus Sadismus. Deshalb meldeten sich Zweifel. Enthielt das Buch vielleicht nur perfide nazistische Propaganda? Zosia, dachte ich, sie wohnte doch in der Nähe der Zuckerfabrik, wo damals in unserer Stadt diese Menschen hatten übernachten müssen. In dem Buch stand, dass junge Wachtsoldaten sich über zwei Frauen geärgert, sie deshalb an die Wand gestellt und erschossen hatten. Zosia, dachte ich, die kann das Ganze bestreiten. Oder mich belehren, dass dies alles übertrieben und verzerrt dargestellt werde. Die Welt wäre leichter zu verstehen, wenn sie mit vorwurfsvollem Lächeln den Bericht des Buches beiseite gefegt hätte. Aber so leicht sollte ich das alles nicht von mir abschütteln können.

   Zunächst war Zosia nicht bereit, Stellung zu nehmen. Als wir zusammen den Abwasch machten, las ich ihr aus dem Buch vor. Und da geschah es, sie nahm das goldene Kreuz, das sie stets um den Hals trug, in ihre Hände und sagte:

   „Ja, das stimmt. . . . Es waren Rechtsextremisten, die das getan haben. Nicht die normalen Polen, sondern Rechtsextremisten. Mit dem Schlagwort  'Polen den Polen' trieben sie die Deutschen zusammen. Hier im Lande waren viele dagegen. Besonders wir gläubigen Katholiken. . . . Ja, die beiden Frauen wurden erschossen. Mutter und ich können das bezeugen. – Glaubst du mir nicht? Ich halte das Kreuz in der Hand! Da lügt man nicht. – Und  ich kann dir die Einschusslöcher in der Mauer zeigen. Sie sind noch zu sehen“. Nach einer langen Pause sagte sie:

   „Wir wollten das verhindern – wir wollten – aber wir konnten nicht“.

   „Das glaube ich gerne, Zosia. Es gibt so viel, so unendlich viel, was wir nicht verhindern können“.

   Sie sprach nicht so flüssig, wie ich das hier wiedergebe. Aber sie sagte viel. Aus ihrer Sicht zu viel, wie ich nach dem Gespräch merkte. Mehrere Tage lang sagte sie kein Wort.

   Nein, ich nahm an diesem Marsch nicht teil. Auch nicht an der Demonstration in unserer Stadt. Vater sagte, der Marsch werde als Propaganda gegen die Falschen missbraucht, werde als Öl aufs Feuer benutzt und nicht als Wasser. Wir brauchten kein noch größeres Feuer. Eine solche Demonstration weise ja nicht auf die tatsächliche Ursache hin. Die Polen würden, wenn die Zeit reif sei, den „Bromberger Blutsonntag“ schon selbst kritisch beurteilen. Denn die Menschen sollten vor ihrer eigenen Tür kehren! Auch wenn das Mühe bereite. Aber es reinige.

 

   Einmal, während wir sauber machten, sang ich. „Sing doch mit, Zosia, haben wir auch nicht eine gemeinsame Sprache, so doch viele gemeinsame Melodien“. Sie reagierte unbegreiflich heftig. Zuerst wurde sie – was schon beim geringsten Anlass geschehen konnte – puterrot. Aber dann stieg der Zorn in ihr auf.

   „Also wirklich! Nein! Polen singen keine deutschen Lieder. Niemals!“  

   Aber plötzlich änderte sie ihre Attitüde. Bedauerte, dass sie nicht eine einzige Melodie der Lieder, die sie mich hatte singen hören, kenne. Sonst hätte sie vielleicht versucht mitzusingen. Aber sie kenne überhaupt kein einziges Lied. Ja, eigentlich könne sie gar nicht singen. Überhaupt nicht. Habe keine Singstimme. Zum Beweis dafür begann sie zu fiepen und zu gurgeln wie ein junger Hahn, der sich im Krähen übte. Nein, sie singe nie. Auf Ehre und Gewissen! Nie!“ 

   „Nun hab’ ich dich“, dachte ich und  sagte: „Und wie ist das mit der polnischen Nationalhymne, Zosia, du hast mir neulich erzählt, wie häufig ihr sie gesungen habt. Und nun wünsche ich mir, dass du sie mir vorsingst“.

   Sie starrte mich erschrocken an. Wandte sich um. Lief so schnell, wie sie ihre Füße tragen konnten, hinauf zu ihrer Mutter. Blieb dort eine Weile, kam dann wieder runter, rot im Gesicht, außer Atem:

   „Meine Mutter sagt, ich darf dir unsere Nationalhymne vorsingen!“   

   Wir standen in der Küche. Zosia kontrollierte, ob Fenster und Türen verschlossen waren. Erst dann begann sie zu singen. Erst ganz, ganz leise. Aber dann kam sie in Gang. Ihre Augen strahlten. Sie bewegte den Körper im Takt und begann zu marschieren – auf der Stelle, denn um uns  herum war es eng. Und als sie zum Schluss des Liedes kam, blickte sie mir ins Gesicht, vergaß auch nicht, den Text des Liedes zu erklären.   

   Plötzlich sah ich den Schalk in ihren Augen blitzen. Nun war sie mutig geworden. Lächelnd forderte sie mich auf, die deutsche Nationalhymne zu singen, und zwar speziell für sie. Ich wollte nicht. „Eine Hand wäscht die andere“, sagte sie. Aber ich machte sie auf den großen Unterschied aufmerksam:

   „Die deutsche Hymne kannst du immerfort hören. Die polnische habe ich heute zum ersten Mal gehört“.

   Sie antwortete mir mit einem Seufzer.

 

   Ich kann mich an den Zeitpunkt, an dem Vater mich zur glücklichen Besitzerin eines Hundewelpen machte, nicht genau erinnern. Es war kühl an diesem Tag. Ich hatte einen Mantel an, als Vater und ich das neue Familienmitglied holten. Der Welpe war so klein, dass er beim Heimtransport auf dem Fahrrad in meiner Manteltasche Platz fand.  Wir nannten ihn Pucki nach dem neckenden Geist aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, aber vor allem nach der Hauptperson – einem Mädchen – in Büchern, von denen ich als  Kind nie genug hatte bekommen können [Magda Trott, Pucki-Reihe, 12 Bände 1935-1941]. Mit Pucki kam viel Freude in mein Leben. Er war putzig und sehr gelehrig. Aber ich hatte das Gefühl, dass er am liebsten das lernte, was ihm nutzte. Hätte er gekonnt, wäre er stets bei mir gewesen. Wollte ich ohne ihn einen Spaziergang machen, musste ich ihn einschließen. Fand er ein Schlupfloch, lief er hinter mir her. Erst in gehörigem Abstand zum Haus kam er dann dicht an mich heran. Hopsend und tanzend vor Freude über das Wiedersehen nach langer Trennung. Und dann bringt man es ja nicht fertig, ihn zurückzuschicken.

 

   Bei Erinnerungen ist es sonst unerlässlich, ein genaues Datum anzugeben. Eine falsche Zeitangabe könnte jemanden veranlassen, den ganzen Bericht für falsch zu halten.

   Ich glaube, es war 1942, zu Beginn des Sommers, als ein jüdisches Mädchen wiederholt in unser Haus kam. Ich meine, es müsse in diesem Jahr gewesen sein, denn das Ghetto war noch überfüllt. Und die Feuerlilien von der Wilhelmshöhe im Vorgarten standen in Knospen. Der Sommer hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. An dem Nachmittag, an dem ich ihren Besuch erwartete, stellte ich nämlich die Gartenmöbel im Vorgarten an die Südmauer des Hauses. Noch suchten wir die Wärme der Sonne und vermieden den Schatten.

   Sie hatte uns einige Male vorher besucht. Angeblich war sie von uns und der Familie Krüger angestellt, um Strümpfe zu stopfen. Es war möglich, Juden als Arbeiter anzufordern. Man brauchte sie nicht zu bezahlen. Und es war auch nicht  nötig, sie freundlich oder auch nur ordentlich zu behandeln. Das Mädchen, das  etwas jünger als ich war, konnte nicht stopfen, hatte keinerlei Kenntnisse von all’ den praktischen Dingen, die mir Mutter beigebracht hatte. Trotzdem sorgte Mutter immer dafür, dass ein Berg kaputter Strümpfe auf dem Tisch lag. Denn denunziationswillige Augen gab es überall. Ich weiß nicht, warum es gerade dieses Mädchen war, das in unser Haus kam. Ich nehme an, es war auf Grund eines besonderen Zufalls des Lebens und des Schicksals geschehen. Denn wir beiden entdeckten schnell viele Gemeinsamkeiten, die uns verbanden. Sie war stolz auf ihre langen, hellblonden Zöpfe, was ich sehr gut verstehen  konnte. Und dann war sie in Hamburg geboren. Wir sprachen buchstäblich dieselbe Sprache. Ihre Mutter war wie mein Vater in der Nähe von Bromberg aufgewachsen. Und ihr Vater war wie Mutter norddeutscher Herkunft. Aber sie waren Juden. Waren Anfang der Dreißiger Jahre nach Polen geflohen.

   An diesem frühsommerlichen Nachmittag setzten wir uns an die Südmauer des Hauses. Es war wärmer, als wir erwartet hatten. Trotzdem brachten wir die Gartenmöbel nicht in den Schatten des Gartens hinter dem Haus. Auch nicht, als die Wärme unbehaglich zu werden begann. Erinnerst du dich an Hamburg? sagten wir zueinander. Erinnerst du dich an den Sommer dort? Wo die Sonne wärmen konnte, ohne zu brennen. Und wo eine frische Briese vom Meer her stets für angenehme Abkühlung sorgte. Erinnerst du dich an den Duft, der von der Elbe kam? Ja erinnerst du dich an den besonderen Duft der Luft nach Regen oder Meer? Immer war die Luft so frisch, so frisch. Immer – absolut immer – hatte man Lust, sich zu bewegen. Erinnerst du dich an die Sommernächte, in denen die Geräusche der Schiffe auf der Elbe durch die Stille hinauf zum Haus, hinein durch das offene Fenster drangen? Erinnerst du dich an dieses besondere Potpourri von Lauten von Barkassen, Schiffen, Fähren und Fischerbooten? Nirgendwo auf der Welt findet man solche Geräusche und solche Gerüche.

   Beide waren wir eine Weile ganz still. Sie brach das Schweigen, indem sie von ihren Eltern erzählte. Anständige Menschen, die anderen niemals Schaden zugefügt hatten. Ehrliche und gute, ordentliche und sparsame, ganz normale Menschen. Und nach einer Pause:

   „Sie sind wie deine Eltern. Alles in allem – irgendwie wie deine!“

   Es klang, als erwarte sie, dass ich etwas sagte. Plötzlich streckte sie mir beide Arme entgegen. Ergriff meine Hände, presste sie und sagte:

   „Wie gleich wir sind. Aber warum tut ihr uns das an?“

   „Wir doch nicht!“

   „Ja, ihr! Ihr alle zusammen! Niemand ist für uns, deshalb sind alle gegen uns!“

 

   Eines Tages kam sie nicht. Unruhig lief ich umher, guckte in kurzen Abständen aus dem  Fenster und ging schließlich zum Gartentor. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so hilflos auf jemanden zu warten. Wenn sonst eine Freundin nicht zum verabredeten Zeitpunkt kam, ohne  Bescheid gesagt zu haben, war es ganz natürlich, dass man versuchte, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Aber dieses Mädchen hatte man hinter Stacheldraht untergebracht, der von bewaffneten Posten bewacht wurde. Wohl konnte sie dank eines Stücks Papier, das ihr bestätigte, dass sie bei uns arbeite, rauskommen, aber mir war es unmöglich, zu ihr zu gehen. Den Rest des Tages wechselten meine Gedanken zwischen: Sie ist krank. – Nein, sie ist böse auf mich! – Sie wird schon noch kommen!

   Aber sie kam niemals wieder. Vater versprach, sich zu erkundigen, warum sie ausgeblieben sei, versprach auch, mir ungeschminkt zu erzählen, was er erführe.

   Die nächsten Tage wurden zur Ewigkeit. Aber dann kam wieder ein Sommertag, der vom frühen Morgen an warm und schön war. Vater kam nach Hause, legte seine Arme um meine Schultern und erzählte etwas von einem großen Auto – einer Art Bus – das so konstruiert sei, dass die Auspuffgase in den hermetisch verschlossenen Innenraum geleitet würden. Im Ghetto sei der Bus mit Menschen vollgestopft worden. Alles Juden. Dann habe  man sie aus der Stadt befördert.  Ziel sei irgendein Wald gewesen. Alle – ganz gewiss auch das Mädchen – seien schnell und schmerzlos gestorben. An irgendeiner Stelle in dem großen Wald seien sie in einem Massengrab verscharrt worden. Vater versicherte, er habe keine Ahnung, wo. „Es gibt viele Stellen mit Massengräbern, Jette, und es werden mehr werden“.

   Sonderbarerweise erinnere ich mich nicht an den Namen des Mädchens und auch nicht an sein Gesicht. Vielleicht liegt der Sinn dieses Vergessens darin, dass ich mich an diese junge Jüdin als Repräsentantin für alle ihre Leidesgenossen erinnern soll. Denn nicht alle Schicksale können mit Worten festgehalten werden. Viele Kinder verschwanden einfach. Und auch die, die erzählten könnten, sind nicht mehr.

   Bisweilen kam mir damals der Gedanke, dass wir – meine Familie – uns falsch verhalten hätten. Versagt hätten! Wir hätten das Mädchen verstecken sollen. In Mutters großer Truhe auf dem Boden zum Beispiel. Dieses Mädchen oder ein anderes an seiner Stelle. Aber Vater meinte, kein Kind könne dies auf Dauer aushalten. Die Mitbewohner würden sich über unser merkwürdiges Treiben da oben auf dem Boden wundern. Und im Haus selbst gebe es keinen Winkel, wo sich ein Mensch verstecken könne. Und dann Zosia? Was würde sie tun? Eine Jüdin, in unserem Haus versteckt – sie mache sich mitschuldig, wenn sie uns nicht anzeigte. Das wäre ihr Tod. Und noch mehr! Die Juden seien – freundlich gesagt – bei den Polen nicht gerade wohl gelitten.

    Die Judenverfolgungen nahmen zu. Aber ich glaube nicht, dass wir damals etwas wussten von Martin Bormanns Aufforderung an alle Gau- und Partei-Kreisleiter und Parteiagitatoren, worin es unter anderem hieß, dass sie alles daran setzen sollten, „ dem Volk die rücksichtslose Härte bei der vollständigen Vertreibung der Juden oder deren zwangsweise Umsiedlung aus den europäischen Wirtschafts- und Handelszentren verständlich zu machen“. Mit dem Volk meinte Bormann das deutsche Volk. Aber nichts konnte meiner Familie die entsetzlichen Geschehnisse „verständlich“ machen. Die Welt um uns wurde kälter und kälter. Und die Menschen um uns herum gewöhnten sich mehr und mehr an das Elend. Als ob wir alle das Böse als gegeben betrachteten. Was wir dennoch nicht taten.

 

   Auch die Hitler-Jugend wurde zu einer Gewohnheitssache. Auf jeden Fall für die meisten Kinder und Jugendlichen aus dem Altreich. So war nun einmal das Leben: Pflicht und Zwang, Pflicht und Zwang! Man musste von sich aus seine unerschütterliche Lust am Leben pflegen. Mein Glück war die Aufnahme in  eine Gesangs- und Theatergruppe. Wir hatten eine Menge zu tun mit Chorgesang und der Einstudierung von oft ganz amüsanten Stücken, zum Beispiel von Episoden aus einem Wilhelm-Busch-Album. Die politische Schulung trat hierbei ein wenig in den Hintergrund. So habe ich das jedenfalls erlebt. Es ist auch möglich, dass all’ das Politische schon zu einer Gewohnheitssache geworden war, zu Nadelstichen auf der Haut eines Elefanten. Und das hatte den Verlust von Feinfühligkeit und von Misstrauen zur Folge.

   Wie unsere Führerin während einer Chorpause sagte, wollten wir alle gerne leben! Aber ohne Arbeit und ohne Brot könne niemand sein Leben fristen! Leider fehlten den Bauern, die die Voraussetzungen für das tägliche Brot schufen, Arbeitskräfte. Denn die Männer  kämpften ja in einem lebensnotwendigen Krieg auf dem Felde der Ehre. Deshalb müssten alle anderen, die zwei unbeschäftigte Hände hätten, ihren Einsatz leisten! Deshalb sei man jetzt dabei, ein „Erntehilfelager“ zu organisieren. Zunächst sei man nur an Mädchen interessiert. Und die sollten am besten zwischen 14 und 16 Jahren alt sein.

   Natürlich war ich interessiert. Wir sollten auf einem Bauernhof wohnen. Gemeinsam, selbstverständlich. Und gemeinsam sollten wir auch arbeiten und bei der Bekämpfung des Unkrauts helfen. Während der Freizeit hätten wir reichlich Zeit für Wanderungen und zum Singen und überhaupt für Geselligkeit. Die Führerin wollte ihr Akkordeon mitnehmen. Der Aufenthalt auf dem Lande sollte ungefähr drei Wochen dauern.

   Das alles klang verlockend. Meine Eltern waren weniger begeistert. Grundsätzlich durfte ich an Hitler-Jugend-Lagern nicht teilnehmen. Aber ich versuchte, den beiden „Alten“ verständlich zu machen, wie schön ein solcher Aufenthalt auf dem Lande sein könne. Gute und reichliche Verpflegung aus der Bauernküche! Viel Spaß mit all’ den anderen Mädchen! Auch die Arbeit auf den Feldern  empfände ich als Urlaub! Und all’ die anderen dürften ja auch!

   Schließlich ließen sich die beiden überreden. Als ich auf dem Flur war, hörte ich Vater im Wohnzimmer sagen: „Jette tut es gut, einmal rauszukommen. Das Leben auf dem Lande ist anders“. Und dem stimmte Mutter zu.

   Mutter half mir, den Koffer zu packen. Altes Zeug für die Feldarbeit nahm wohl den meisten Platz ein. Die gute Kleidung, die Uniform, hatten wir ja während der Reise an. Der Arbeitseinsatz begann am Bahnhof. Vater begleitete mich dorthin. Ich fand seine Sorge unnötig. Und dies zu Recht, denn nur die Mutter eines schwarzhaarigen Mädchens, das aus einem Dorf auf dem Balkan stammte, verhielt sich wie Vater. Vielleicht begannen die beiden deshalb, sich sofort zu unterhalten. Und vielleicht suchte dieses Mädchen deswegen während der Fahrt und während unseres Aufenthaltes auf dem Lande meine Nähe. Ich hatte nichts dagegen. Aber unsere Führerin sah sich schon kurze Zeit nach unserer Ankunft veranlasst uns zu trennen. Der Grund hierfür ist eine längere Geschichte:

   Eigentlich hätten wir uns wundern müssen, dass wir nur zwölf Mädchen und unsere Führerin waren. Nach der vorausgegangenen Werbung für diesen Ernteeinsatz hatten verhältnismäßig viele mitkommen wollen. Die Gruppe war schnell zusammengestellt  und ausgebucht. Trotzdem hatte ich mindestens einen Wagen voller Mädchen erwartet. Und weswegen hatte man nur an Vierzehn- bis Sechzehnjährigen Interesse?

   Ein Leiterwagen, den man mit Bänken ausgestattet hatte, stand bei unserer Ankunft vor dem Bahnhof. Die Pferde zogen uns in gemächlichem Tempo durch das flache Land. Uns fiel die gewaltige Größe der Felder auf. Ein Stück abseits von der Hauptstraße, an einem schmalen Weg mit mehreren kleinen Häusern, machte unser Wagen an einem Haus Halt. Hier sollten wir also wohnen. Wir luden unser Gepäck ab und sahen uns erstaunt um. Weder ein Bauer noch eine Bäuerin standen an der Tür, um uns zu begrüßen. Hinter den vier gardinenlosen Fenstern war nicht ein einziges Gesicht auszumachen. Das Haus war leer.

   „Na – vielleicht arbeiten die noch auf dem Feld. Obwohl längst Feierabend war. Wie die sich freuen werden, wenn sie uns sehen!“

   Ich ging sofort auf Entdeckungsreise und musste nach wenigen Minuten feststellen, dass Haus und Hof von Mensch und Tier verlassen waren. Am Ende des Hofes fand ich eine Pforte im Zaun, der den Küchengarten umgab - er war in diesem Jahr nicht bestellt und eingesät worden. Wo waren die Menschen, die hier gelebt hatten? Und warum waren sie weg?

   Unsere erste Aufgabe bestand darin, die Fahne zu hissen. Wir durften hierbei nicht auf dem kürzesten Weg zur Fahnenstange gehen. Das wäre allzu einfach und unkompliziert gewesen. Die Zeremonie bestand in folgendem: Ein Pfiff der Führerin mit ihrer Trillerpfeife! Alle Mädchen wie der Blitz auf den Hof! Aufgestellt in Marschkolonne! Vorwärts, Marsch! Links – rechts! Links – rechts! Singen! - - -

   Das war wirkungsvoll. Fand die Führerin. Denn wir waren ja da, um einen guten Eindruck zu machen.

   „Für wen denn? Ich sehe keinen Menschen“. Ich sah der Führerin an, dass ihr die Frage missfiel. Ich kannte diese Führerin nicht und hatte deshalb keine Ahnung, wie man sie behandeln musste. Selbstverständlich lebten Menschen in dem Dorf. Alles Polen. Jeden Tag musste ein Mädchen Ehrendienst bei der Fahne tun. Ich war die Erste, hatte aber leider nie zuvor einen solchen Dienst geleistet. Es kam ja nicht nur darauf an, die Fahne aufzuziehen -  man musste auch zum richtigen Zeitpunkt das richtige Wort sagen. Ich gab mir wirklich Mühe - nicht nur die Führerin, sondern auch einige der Mädchen waren mir unbekannt, und da  ist es wirklich dumm, sich zu blamieren. Die Führerin bezeichnete meine Art, den Ehrendienst auszuführen, als „linkisch“.

   Das Haus war vermutlich als Wohnung für zwei Generationen einer Familie berechnet. Jede Wohnung bestand aus einem Zimmer und einer Küche und einem durch einen Mittelgang verbundenen gemeinsamen Vorder- und Hintereingang. Auf dem gesamten Hof gab es nicht die geringste Spur persönlicher Habe von Menschen, von Möbeln oder Werkzeug. Die eine Küche wurde uns als Badezimmer zugewiesen. Ein gemauerter Herd und eine alte Schulbank waren die  gesamte Einrichtung. Einen Augenblick hatten wir gefürchtet, dass wir gezwungen seien, uns unter der Wasserpumpe, die mitten auf dem Hof stand, zu waschen. Aber dann fanden wir ein paar Waschschüsseln und zwei Eimer. Im Zimmer nebenan lagen zwölf Strohsäcke. Hier sollten wir schlafen. In der anderen Küche fanden wir einen großen Topf. Besteck, einen Becher und einen Teller für die vielen Wandertouren hatten wir von zu Hause mitgebracht. Aber wie wir unter diesen Verhältnissen Essen kochen sollten, war uns ein Rätsel. Im Zimmer daneben befanden sich ein großer Tisch und Stühle. Nachdem wir das alles in Augenschein genommen hatten, stellten wir unserer Führerin ein paar Fragen. Aber die hatte wenig Lust, sich mit uns zu unterhalten. Sie erklärte uns nur, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchten; das Haus hier sei nur zum Schlafen gedacht. Arbeiten und essen würde man woanders. Julietta, das älteste von uns Mädchen, bemerkte, dass unsere Führerin ihr und nicht wir sagte, wenn sie über Arbeit sprach. Und das war völlig korrekt. Aus unerforschlichen Gründen arbeitete die Führerin nie mit uns mit.

   Am Ende des Tages teilten wir den kleinen Rest der mitgebrachten Schnitten – viel war es nicht, und am Abend gingen wir hungrig ins Bett. Aber am nächsten Morgen, nach dem feierlichen Fahnenappell, wobei wir selbstverständlich Uniform tragen mussten, erhielten wir nähere Erläuterungen über unsere Hauptaufgabe in diesem Lager:

   „Euere Arbeit hier ist eine ernste Sache! Ihr werdet in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe wird auf dem Gut arbeiten, die andere auf dem  Vorwerk des Gutes. Beide Plätze sind jetzt ein Lager für flämische Mädchen eueren Alters. Die sind zur Schulung und Umerziehung hier. Dies geschieht unter Leitung der flämischen Hitler-Jugend. Die Flamen sind Germanen – wie wir. Die Mädchen sind ganz in Ordnung. Sie wissen nur nicht richtig Bescheid, wie sich ein echtes Hitler-Mädel verhält. Wenn wir sie von Anfang an  richtig anfassen, wird die Umerziehung eine leichte Sache sein. Zunächst müsst ihr den Mädchen dabei helfen, mit der fürchterlichen Unsitte, ein Tischgebet zu sprechen, aufzuhören. Sie beten, vor dem Tisch stehend, vor und nach jeder Mahlzeit. Ihr müsst euch da nur hinsetzen. Ihr dürft dabei gerne ein bisschen grinsen oder so was, dann werden sich die flämischen Mädchen schämen. Nur Arbeit bringt Brot! Gebete helfen uns nicht!“

   Als das gesagt war, kam das Mädchen vom Balkan zu mir. Nahm meine Hand und sagte: „Wir beide wollen in derselben Gruppe arbeiten. Nicht wahr!“ Aber die Führerin hatte andere Pläne. Die beiden Gruppen sollten nach ganz bestimmten Vorstellungen zusammengesetzt werden. Aber darüber sprach sie nicht. Und sie sagten auch nicht, warum die schwarzhaarige Lisa und ich nicht in einer Gruppe zusammenarbeiten durften. Drei Mädchen bildeten die eine, acht Mädchen die andere Gruppe. Eine schiefe Verteilung, wie Julietta zu bemerken wagte. Irgendwann ging uns auf, dass wir drei – Herta, Helga und ich – irgendetwas gemeinsam hatten, was die anderen nicht hatten: Wir drei waren hellblond, waren Norddeutsche und sprachen Plattdeutsch. Es war also möglich, dass wir etwas von den Gesprächen der flämischen Mädchen verstünden. Aber warum verteilte man uns nicht als Dolmetscher auf  beide Lager? Nein, nein, ein Dolmetscher sei nicht notwendig! Wir drei sollten auf dem Hauptgut arbeiten. Und nur wir drei! Lisa bettelte und bat darum, zusammen mit mir arbeiten zu dürfen. Aber das wurde nicht erlaubt.

   Wir drei kürzten den Weg zum Gut dadurch ab, dass wir an den Feldern entlang und quer über die Wiesen gingen. Als wir am Gebäude des Gutsverwalters ankamen, waren die flämischen Mädchen schon unterwegs zu den Feldern. Ein Küchenmädchen servierte uns stumm dünne, ungesüßte Suppe, die es Milchbrei nannte. Satt wurden wir nicht, aber wir trösteten uns damit, dass derjenige, der zu spät zu Tisch kommt, mit den Resten vorlieb nehmen müsse. Denn wir ahnten nicht, dass die Flamen jeden Morgen dieselbe wässrige Milchsuppe bekamen. Eine flämische uniformierte Führerin gab jeder von uns eine Hacke und brachte uns raus zu einem Rübenfeld. Auch wir drei trugen Uniform. Nach dem morgendlichen Fahnenappell hatten wir unsere Alltagskleider anziehen wollen, aber das war nicht erlaubt worden. Schwarzer Rock und weiße Bluse bei der Feldarbeit – was für eine  praktische Kleidung! Während wir drei auf das oft kniehohe Unkraut loszuhacken begannen, merkten wir, dass die flämische Führerin sich nicht zur Feldarbeit berufen fühlte. Und es entging auch nicht unserer Aufmerksamkeit, dass alle flämischen Mädchen Zivilkleidung trugen. Sie standen in Gruppen mit der Hacke in der Hand, und wenn sie endlich arbeiteten, dann in einem bewusst langsamen Tempo. Aber Herta, Helga und ich, wir beugten den Rücken und arbeiteten uns Reihe rauf und Reihe runter voran. Um 10 Uhr kam eine Frau mit einem Korb über dem Arm hinaus aufs Feld. Die flämischen Mädchen schmissen die Hacke weg und liefen in einem Tempo ohnegleichen zu diesem Korb, der das enthielt, was man „zweites Frühstück“ nannte. Sie wussten, dass im Korb ein in Scheiben geschnittenes Brot lag. Eine Scheibe pro Mädchen. Ohne Butter oder Fett, ohne jeglichen Belag. Die Mädchen schlugen sich fast um dieses Brot. Wir drei fanden das verwunderlich, denn jedes Mädchen bekam ja sein Stück. Als wir uns endlich – und das demonstrativ langsam – zu diesem Korb begaben, konnten wir den Kampf besser verstehen. Das Brot hatte die Form gehabt, die Brote damals üblicherweise hatten: Breit in der Mitte und sehr schmal an den Endstücken. Die Letzten am Korb erhielten also nur eine winzigkleine Scheibe, einen einzigen Bissen trockenen Brotes.

   Wie von unserer Führerin empfohlen, teilten wir uns beim Mittagessen  am Tisch auf und nahmen zwischen den flämischen Mädchen Platz. Als diese sich erhoben, um zu beten, blieben wir sitzen. Wir hatten ja eine lang andauernde Lehre in Gehorsam durchgemacht.

   Die Flämin zu meiner Linken war ungefähr in meinem Alter. Ein richtig hübsches Mädchen mit hellem, lockigem Haar. Seltsamerweise beantwortete es mein Lächeln mit einem freundlichen Kopfnicken. Denn draußen auf dem Feld hatte keine Flämin uns eines Blickes gewürdigt. Und plötzlich begann es zu reden. Erzählte von der Familie zu Hause, von Vater und Mutter und einem Bruder. Die hätten ihr eine Menge beigebracht. Auch bei Tisch zu beten. Und das wolle sie beibehalten. Sie hieß Rose.

   Das Mittagessen war übrigens nicht so übel. Man wurde fast satt.

   Am folgenden Tag fanden wir drei uns pünktlich beim Frühstück ein. Ich erhielt sogar drei Portionen Milchsuppe, die alle ungesüßt waren und einen bläulichen Schimmer hatten. Erst in der dritten Portion fand ich eine Nudel in Form einer Muschel. Ich weiß nicht, warum ich, ohne nachzudenken, stehen blieb, als die Flamen das Tischgebet sprachen. Auf dem Weg hinaus aufs Feld kam Rose zu mir. Sie nahm mich bei der Hand und hielt mich zurück. Wir blieben  stehen. Als die anderen sich ein Stück entfernt hatten, begann sie zu sprechen:

   „Da ist etwas, was du wissen solltest, damit du dich entsprechend verhalten kannst. Ich und die meisten anderen Mädchen waren nach Abschluss der Volksschule arbeitslos. Um der Industriearbeit in Deutschland oder gar Zwangsarbeit zu entgehen, nahm ich gerne das Angebot eines Aufenthaltes in einer Haushaltsschule auf dem Lande an. Es wurde gesagt, dass die Schule nicht weit entfernt von unserer Stadt liegen werde. Ich meldete mich in einem Büro an, das nur Flamen beschäftigte. Alle Schülerinnen sollten in einem Sammeltransport zum Bestimmungsort gebracht werden. So gut wie alle Eltern kamen mit zum Bahnhof, und wir Mädchen waren fröhlich und erwartungsvoll. Aber der Zug fuhr und fuhr -  aus der Stadt, aus dem Land, durch Deutschland, nach Polen. Die Mädchen entdeckten rasch, dass die Türen des Zuges verschlossen waren. Und fast genauso schnell wurde uns klar, dass die sogenannten Lehrer Nazis waren. Ja, und nun sind wir hier. Mehrere Mädchen haben Eltern, die Sozialisten – oder so was sind. Aber viele kommen aus einer katholischen Familie. Wir sind alle ganz normale Mädchen. Nach kurzem Aufenthalt hier im Lager, das nichts mit einer Schule zu tun hat, entschieden wir uns, die Mädchen zu bleiben, die wir waren und sind. Das kann nicht als Rebellion verstanden werden, weißt du. Aber das, was die mit uns machen, ist ein verbrecherischer Betrug“.

   Auf dem Weg zurück erzählte ich Herta und Helga, was Rose gesagt hatte. Die beiden wurden sehr still. Und ich kann nicht sagen, was sie dachten. Aber beim nächsten Tischgebet standen sie auf.

   „Aus Respekt“, wie Helga etwas verlegen sagte, „nur wegen des Respekts. Wir sind ja gewissermaßen Gäste der Flamen“. Wir drei entschieden uns, den anderen Mädchen mitzuteilen, was wir wussten. Und wir alle wurden uns einig - ohne das allerdings direkt zu sagen -  dass wir uns für eine solche Sache nicht missbrauchen lassen wollten.

   Am nächsten Tag kam ich nicht an Rose heran. Sie wies mich demonstrativ zurück. Die anderen Mädchen hatten mit ihr gesprochen. Keine von ihnen durfte sich erlauben, mit einer von uns zu sprechen. Das sagte Rose, als ich sie auf dem Weg zum Feld gestellt hatte.

   Eine von uns elf Deutschen muss mit unserer Führerin gesprochen haben. Denn beim Morgenappell sagte sie drohend:

   „Wenn ihr nicht arbeiten wollt – also Unkraut jäten – wie man von euch erwartet, werdet ihr die Bedingungen der Flamen teilen“. Erst jetzt verstanden wir, was man unter „Unkraut“ verstand. Und schnell, sehr schnell bekamen wir zu spüren, dass die „Lebensbedingungen der Flamen“ Hunger bedeuteten.

   Eines Morgens händigte man uns keine Hacken aus, sondern Körbe, denn jetzt sollten wir Kamillenblüten ernten. Eine leichte Arbeit, die uns Gelegenheit bot, entspannt zusammenzusein, zumal das Wetter prächtig war. Wir saßen in der Hocke – leider auch hier, streng nach Gruppen getrennt. Erstmals nicht nur in zwei Gruppen, sondern in drei. Eines der belgischen Mädchen saß für sich alleine. Sie war dunkelhaarig. Es hieß, sie sei Wallonin. Ein paar Tage zuvor hatte ich sie mit einem polnischen Küchenmädchen Französisch sprechen hören. Aber sie sprach auch fließend Flämisch. Die flämischen Mädchen riefen ihr Schimpfworte nach, die sie stumm über sich ergehen ließ. Sie tat mir leid. Deshalb tat ich das, was Vaters Meinung nach mein größter Fehler war: Spontan, ohne nachzudenken, ging ich zu ihr, um ihr ein paar nette Worte zu sagen. Das hätte ich nie tun sollen, sagte mir Rose am Abend. Indem ich dieses Mädchen angesprochen hatte, hätte ich für die Wallonin Übles schlimmer gemacht.  

   „Du bist Deutsche. Du trägst diese Scheißuniform, weil sie fast jedes deutsche Mädchen trägt. Aber diese Wallonin trägt sie freiwillig. Wir nennen sie 'Pétain'. Sie hat es verdient“.

   So gingen die Tage dahin. Auf dem Weg zum und vom Gut sprachen wir drei – Herta, Helga und ich -  vom Essen, von all’ den leckeren Gerichten, die unsere Mütter zubereiten konnten. Denn wir hatten immer Hunger. Deshalb schrieb ich auch auf einer Postkarte an meine Eltern: „Wir arbeiten auf den Feldern mit ein paar flämischen Mädchen zusammen. Die Flamen hungern, und wir anderen werden auch nicht satt. Könnt ihr ein Brot oder zwei schicken? Und vielleicht ein paar Kuchen?“

   Einige aus unserer Mädchengruppe konnten Polnisch besser als Deutsch. Die kamen ins Gespräch  mit den Polen im Dorf, die ihnen einen Kohlkopf schenkten. Eines Abends, unsere Führerin war noch nicht da, kochten wir diesen Kohl in dem großen Topf, den wir sonst für unsere Wäsche benutzten. Der Kohl brannte zwar ein bisschen an, aber er schmeckte herrlich. Fast wie Schmorkraut – nur ohne Salz und andere Gewürze.

   Eines Abends, wir waren wiederum alleine, zogen wir unsere Sommerkleider an und gingen in den nahe gelegenen Wald, um Erdbeeren zu pflücken. Und als wir müde zurück zum Lager kamen, war die Führerin noch nicht aufgetaucht. Kurz nach 21 Uhr holten wir ganz einfach die Fahne ein und machten uns für die Nacht fertig. Als die Madame kam, hatten wir alle unser Nachtzeug an. Einige Mädchen hatten ihre Haare gewaschen und waren dabei, es mit Papierstreifen hochzustecken. Wie wir es genossen, etwas Zeit für uns zu haben.

   Die Führerin wollte wissen, was wir gesungen hätten, als wir die Fahne einholten.

   „Gesungen? Ach. . . . Nichts. Wir haben die Fahne nur runtergeholt“. Da rannte sie rein, um ihre Trillerpfeife zu holen.

   Wenn man sich in solchen Zeiten in ein solches Lager unter einer derartigen Leitung begab, musste man wissen, was man tat. Man musste sich auf jeden Fall darüber im Klaren sein, dass man sich unter keinen Umständen erlauben konnte, jemanden zu beleidigen, der Macht besaß und schon deshalb immer das Recht auf seiner Seite hatte. Man musste auch wissen, wie eine Trillerpfeife klingt, wenn sie benutzt wird, um Sünder zum Strafexerzieren zu befehlen. Und wenn man das nicht wusste, hatte man sich das selbst zuzuschreiben und musste die Folgen mit Geduld tragen.

   Innerhalb von 5 Minuten sollten wir – und das in akkurat sitzender Uniform – zum Einholen der Fahne antreten. Die Uniform zogen wir über das Nachtzeug, denn wir hatten uns ja beeilen sollen. Die Papierstreifen oder Lockenwickler blieben im Haar. So marschierten wir um das Haus zur Fahne. Unsere Führerin vorne weg mit kurzen energischen Schritten nach dem Takt der Trillerpfeife. Und wir folgten genauso stampfend hinterher. Das in aller Eile verdeckte Nachthemd rutschte nun runter und wurde sichtbar. In der Tat sahen wir wie Clowns aus. Und wer kann es bei Clownerien schon unterlassen, zu lachen oder zu kichern? Mit großer Anstrengung versuchten wir, unser Lachen zurückzuhalten. Aber das ballte sich in der Magengegend zusammen und wollte raus! Es kam heraus, als eines der Mädchen unsere Führerin einen Leithammel mit Trillerpfeife nannte. Schlimmer wurde es bei der Fahne. Da stand der Leithammel neben dem Fahnenmast und blickte auf eine Versammlung, die gekleidet war in fehlerfreie Uniformen mit Spitzensäumen und geblümtem Flanell als Verlängerung des schwarzen Uniformrocks. Der Leithammel war einem Wutanfall nahe, wir anderen einem explosionsartigen Gelächter. So kann man sich beim Einholen der Fahne nicht benehmen! Zuerst aber musste sie gehisst werden. Auch das fanden wir amüsant. Denn es war Nacht. Und die Fahne ging hoch, und die Fahne kam runter. Und da stand Hitlers eigene Jugend mit Uniformen über spitzengeschmücktem Nachtzeug. Stand da mit Papierstreifen im Haar, einige mit Latschen an den Füßen, stand da bei der Fahne und lachte. Nun ja, so was darf man sich nicht erlauben.  Unsere Führerin wurde rasend. Ihr nächster Befehl lautete: „Umziehen in Rekordgeschwindigkeit!“ Und dann begann das Ganze von vorn: Aufstellung, Marsch, Meldung, Fahne hoch und Fahne runter, während wir zu singen versuchten: „Wir holen die Fahne nieder, sie geht mit uns zur Ruh, und morgen weht sie wieder neuen Taten zu“. Danach mussten wir uns einem Strafexerzieren unterziehen. Ich begreife nicht, dass wir auch diesem Befehl nachkamen. Waren wir Gewohnheitstiere geworden? Wir liefen, hopsten, sprangen und schmissen uns hin, alles nach der Trillerpfeife der Führerin. Nein, ich begreife nicht, dass wir das taten. Ein paar polnische Jungen aus dem Dorf hatten sich auf die Mauer gesetzt und schauten uns zu. Seltsamerweise gaben sie keinen einzigen Laut von sich. Was die wohl über uns Idioten dachten?

 

   Eines Abends teilte uns unsere Führerin mit, dass wir am nächsten Tag frei hätten. Mitten in der Woche! Ein unverhoffter freier Tag? Das war kaum zu fassen. Julietta schlug sofort einen Ausflug vor; sie habe von Leuten im Dorf gehört, dass . . . . Aber unsere Führerin ließ sie nicht zu Ende reden. Ihrer Ansicht nach sei ein ruhiger Tag im Haus gut für uns alle.

   Als wir – entsprechend der Planung der Führerin – so richtig dabei waren, zu singen, aufzuräumen und „einen fröhlichen Tag im Lager“ zu spielen, standen plötzlich Autos vor dem Haus und Gäste in der Tür. Autos! In dieser Zeit!!! Gerti Klein, unsere Gruppenführerin aus der Stadt, die flämische Führerin und andere hochrangige Hitler-Jugend-Führer – alles Frauen.

   „Nein, was für eine Überraschung“, jubelte unsere Führerin. Nachdem man unsere Tätigkeiten kurz bewundert hatte, zogen sich die Führerin und die Gäste in unseren Schlafraum zurück, denn im Wohnraum scheuerte gerade ein Mädchen den Boden mit viel Wasser. Nach wenigen Minuten wurde ich zu den Gästen hineingerufen, was ich merkwürdig fand. Aber man ließ mir keine Zeit, darüber zu spekulieren, wie ich wohl zu dieser Ehre käme. Schon beim Eintreten spürte ich eine gespannte Stimmung. „Mach die Tür zu!“ sagte unsere Führerin. Die Gäste hatten sich entlang der schmalen Wandseite mit dem Rücken zu den Fenstern aufgestellt. Ich stand allein im Mittelgang zwischen den Strohsäcken. Was wollten die von mir? Das sollte ich schnell erfahren. Gerti, meine Gruppenführerin aus der Stadt, führte das Wort. Die Fragen kamen wie Maschinengewehrsalven.

   „Du hast deinen Eltern eine Karte geschickt! Warum hast du einen solchen Blödsinn geschrieben? Warum begreifst du nicht den Ernst unserer Sache? Du  bist zum Verräter geworden! Menschen wie du sind schuld, dass unsere Lazarette mit Verwundeten überfüllt sind! Du bist den kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen! Du, die du eine Kämpferin an der Heimatfront hättest sein sollen! Menschen wie du ziehen den Krieg in die Länge! Du bist ein Verräter!  . . . Verräter! . . . Verräter!“

   Halt’ ja aus, dachte ich. Rose – Rose hält aus. Aber Rose ist keine Deutsche. Deutschland ist nicht Roses Vaterland. Rose – die kann nicht als Verräterin bezeichnet werden. Aber mich nannten sie Verräterin, denn ich hatte in ihren Augen etwas falsch gemacht. Aber was hatte ich eigentlich falsch gemacht? Ich hatte doch nur die Wahrheit geschrieben.

   Sie hörten mit ihren Vorwürfen und Belehrungen nicht auf. So viel konnte ich verstehen: Ich war schuld daran, dass das Projekt „Unkrautbekämpfung“ zu scheitern drohte. Aber sie wollten den Kampf aufnehmen – all’ die anderen, die der Sache treu waren. Das konnte ich ertragen. Schlimmer verhielt es sich mit der Behauptung, dass ich den kämpfenden Soldaten in den Rücken gefallen sei. Wenn ich auch den Zusammenhang nicht begreifen konnte. Das Brot, das ich Mutter zu schicken gebeten hatte, welche Bedeutung hatte dieses Brot für die kämpfenden Frontsoldaten? Und wie war ich den Soldaten in den Rücken gefallen, als ich die Karte abschickte? Da standen sie, all’ die Führerinnen, die wussten, was  Pflicht bedeutete. Aber sie gaben mir, die ich meine Pflicht nicht kannte, keine Möglichkeit, eine Frage zu stellen. Sie fuhren damit fort, Beschuldigungen auf mich herabprasseln zu lassen. Als ich schließlich weinend zusammenbrach, kam die flämische Führerin zu mir, legte einen Arm um mich und rief den anderen zu:

   „Hört doch auf! Habt ihr noch nicht genug. Hört auf – das hier nutzt ja überhaupt nichts!“

   Und dann ließen sie mich gehen. Etwas verwirrt ging ich zu den anderen Mädchen, die zusammengedrängt vor dem Vernehmungszimmer standen. Wie ein Bund Fragezeichen standen sie da, aber ich war nicht imstande, den Grund und die Notwendigkeit des Verhörs zu erklären. Die Gäste machten sich nun zum Aufbruch bereit. Unmittelbar bevor sie das Haus verließen, nahm mich Gerti beiseite, um mir die merkwürdige Frage zu stellen, ob ich nun wirklich völlig versagen und das Lager verlassen wolle – ja, in diesem Falle könne ich mit ihr fahren. Und seltsamerweise wagte ich nichts anderes zu sagen als „Ich bleibe!“

 

   Wie mit Gerti verabredet, stand Vater auf dem Bahnsteig, um mich zu empfangen. Sie lachte, als sie ihm mitteilte, dass es ihr nicht geglückt sei, mich aus dem Lager zu kriegen. Ich hätte mich schlichtweg geweigert, Vaters Wunsch nachzukommen.

   „Ihre Tochter ist auf unserer Seite. Sie ist eine von uns!“

   Vater kannte mich. Er wusste, dass Gerti log. Er wusste nur nicht, in welchem Ausmaß - wie ich nicht wusste, dass Vater wünschte, dass ich nach Hause käme. Ich wusste nicht, dass Vater, nachdem er die Karte erhalten hatte, unverzüglich Gerti im Hauptbüro der Hitlerjugend aufgesucht hatte. Dass er Gerti die Karte unter die Nase gehalten und sie beschuldigt hatte, mit den Lebensmittelkarten nicht korrekt umgegangen zu sein. Denn Vater hatte ja keine Ahnung von den Verhältnissen im Lager der Flamen und von der Mission der Hitlerjugend dort. Gerti hatte bei Vaters Besuch in ihrem Büro die Karte mit Interesse gelesen und Erstaunen geheuchelt. Sie könne beim besten Willen nicht sagen, was die Ursache dieser merkwürdigen Karte sei. Denn die Jugendlichen auf dem Gut bekämen reichlich zu essen. Sie habe gehört, dass sich die Mädchen im Lager außerordentlich wohl fühlten. Auch die flämischen. Niemand habe von irgendjemandem jemals auch nur eine einzige Klage vernommen. Vielleicht sei irgendetwas Unbedeutendes schief gegangen. Ja, selbstverständlich werde sie an einem der folgenden Tage untersuchen . . . .

   An dieser Stelle hatte Vater ihren Redestrom unterbrochen, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug und forderte, dass sie mich am nächsten Tag nach Hause holte. Den Fahrplan hatte er ihr selbstverständlich mitgebracht. Er werde am Bahnhof stehen, um mich in Empfang zu nehmen.

   Als ich den Hergang der Ereignisse gehört hatte, wunderte ich mich darüber, dass Gerti alleine aus dem Zug gestiegen war;  zusammen mit den andern hatte sie ja das Lager im Auto verlassen.

   Vater ging unverzüglich zur Post, um ein Telegramm an die Gutsverwaltung zu schicken. Er ersuchte sie äußerst bestimmtem Ton, unverzüglich für meinen Rücktransport zu sorgen.

   Beim Empfang des Telegramms waren wir drei deutschen Mädchen zusammen mit den Flamen – und seltsamerweise auch mit unserer Führerin – in einem Wald in der Nähe des Gutes damit beschäftigt, Himbeeren zu pflücken. Wir hatten uns unsere Sommerkleider anziehen dürfen. Ein jüngerer Mann aus dem Gutsbüro kam mit einem Telegramm. Mein Herz begann zu klopfen, als er meinen Namen rief. Mit ein paar raschen Schritten stand er neben mir, um hervorzustoßen:  „Zu Hause ist alles in Ordnung, dein Vater will nur, dass du nach Hause kommst!“ Seltsamerweise sandte er mir ein aufmunterndes Lächeln. Sofort stand auch unsere Führerin neben mir. Sie drohte mir mit „allem möglichen“, wenn ich das Lager zur Unzeit verließe. Und als das nichts half, versuchte sie, mich mit dem langen Weg zum Bahnhof zu schrecken. Ich solle mir keine Hoffnung machen, gefahren zu werden. Ich müsse den Koffer den ganzen langen Weg schleppen!

   Aber ich antwortete nur, dass das in Ordnung sei: Ich wolle jetzt zum Schlafhaus gehen, um meine Sachen zu holen und die Uniform anzuziehen, dass die Anwohner sehen könnten, wer ich sei und woher ich käme und wohin ich wollte.

   Daraufhin raste sie vor Wut. Verbot mir zu gehen. Verbot mir auch, die Uniform anzuziehen. Ja, sie meinte, dass ich das Recht verloren hätte, sie länger tragen zu dürfen. Und während des ganzen Vorgangs standen die anderen Mädchen, die flämischen und die deutschen, ganz stumm dabei. Als ich mich umdrehte, um zu gehen, kam Herta und ergriff spontan meine Hand:

   „Ich komme mit“.

   „Nach Hause?“

   „Nein, ich helfe dir, den Koffer zum Bahnhof zu tragen, denn der Weg ist zu weit“. Eine Weile hatte ich geglaubt, dass Herta bisweilen mit unserer Führerin unter einer Decke stecke. Aber nun musste ich meine Meinung ändern. Unsere Führerin rief uns etwas hinterher. Aber wir zwei spielten „Schallmauer“.

   Auch Herta zog die Uniform an. Ein leichtes Sommerkleid wäre bequemer gewesen, denn die Sonne brannte unbarmherzig von einem fast wolkenlosen Himmel. Lang, lang, ach so lang war die Landstraße. Herta hörte rasch auf, lustige Geschichten zu erzählen. Wir trugen den Koffer zwischen uns und wechselten häufig die Hand, mit der wir trugen. Ab und zu setzten wir uns in den Straßengraben oder auf den Koffer. Ein Pferdewagen mit gerade geernteten Kartoffeln näherte sich; Herta seufzte und sagte: „Der Bauer hat’s leicht. Er fährt“.  Da geschah etwas, was keine von uns erwartet hätte. Der polnische Bauer hielt an und machte Zeichen, dass wir uns oben auf die Kartoffeln setzen dürften. Nun aber wussten wir nicht, was wir von einem Polen zu halten hatten, der zwei deutschen Mädchen in Hitlerjugenduniform eine bitter benötigte Fahrmöglichkeit anbot. Wir sahen uns um. Kein Mensch war zu sehen. Würde er uns etwas tun? Man hatte so einiges gehört . . . . Der Mann legte nun einen Sack auf die Kartoffeln. Darauf konnten wir uns setzen. Wir bedankten uns lächelnd. Er lächelte nicht zurück. Wir saßen unmittelbar hinter ihm. Das Pferd bewegte sich in langsamem Tempo. Niemand von uns hatte es eilig. Der Bauer wusste, dass der Zug erst am Nachmittag fuhr. Er hielt Zügel und Peitsche locker in der Hand. Er döste vor sich hin. Das Pferd kannte seinen Weg. Ich sah den braunen, trockenen, runzligen Nacken des Mannes und dachte, so hatte ich mir den Aufenthalt in einem „Erntehilfelager“ vorgestellt: Auf einem Kartoffelwagen – zusammen mit einem Bauern – in der Sommersonne, müde und zufrieden auf dem Heimweg. So hätte der Tag einen Sinn gehabt.

   Auf diese Weise dauerte die Fahrt fast eine Ewigkeit. Plötzlich hörten wir hinter uns schnelles Pferdegetrappel. Eine herrschaftliche Kutsche mit einem Kutscher in Livree kam schnell näher. Auf der Höhe unseres Wagens rief der Kutscher irgendetwas auf Polnisch, und der Bauer ließ sein Pferd mit einem „Brr“ und mit einem Ruck an den Zügeln anhalten, und ich dachte, es ist schon seltsam, die Sprache, in der wir mit den Tieren sprechen, ist allem Anschein nach international. Aber die Worte, die Blicke und die Zeichensprache der beiden Männer konnten wir nicht verstehen. Plötzlich lachten sie uns breit an. Der Kutscher lüftete den Hut mit einer großen, weiten, fast theatralischen Geste und fragte in gebrochenem Deutsch, ob er die Damen zum Bahnhof fahren dürfe.

   Was bedeutete das? Und was wollte er von uns? Konnten wir dieses Angebot annehmen? Damen? Was verstand er unter „Damen“? Ich wies auf meine Uniform, wollte gerade ablehnen. Aber da lachte er glücklicherweise, zeigte auf seine Uniform und sagte: „Fantasieuniform – fein – fein Fantasie, bedeutet nichts!“ Aber dann verschwand das Lachen aus seinem Gesicht, und er versuchte, uns verständlich zu machen, dass er gut Bescheid wisse. „Ich weiß, wer ihr seid, weiß gut, warum ihr den langen Weg laufen müsst. Alle hier wissen Bescheid“. Und als ich nichts sagte, weil ich vermutlich ein bisschen Angst hatte, fügte er hinzu, dass irgendjemand vom Gut – wo er arbeite – ihn mit der Kutsche hinter uns her geschickt habe. „Steig ein – du reist als Dame nach Hause!“

   Am Bahnhof gut angekommen, bot er Herta an, sie mit zurückzunehmen, aber sie wollte mir Gesellschaft leisten, bis der Zug fuhr. Ich habe völlig vergessen, worüber wir zwei während der langen Wartezeit gesprochen haben. Aber als ich eingestiegen war, sagte sie aus vollem Herzen: „Ich wünschte, ich wäre an deiner Stelle“. Und ich konnte nicht verstehen, dass sie nicht einfach auf den Zug aufsprang und mit heimfuhr.

   Vater und Mutter standen am Bahnhof. Ein bisschen ängstlich studierte ich Vaters Gesicht. Noch kannte ich ja nicht den Zusammenhang dessen, was geschehen war. Vielleicht war er böse auf mich. Aber er umarmte mich herzlich. Immer wieder – er konnte nicht aufhören. Mutter hatte ein Festessen zubereitet und den Tisch mit einem ihrer alten, gestickten Tischtücher gedeckt. Hatte das beste Porzellan hervorgeholt und das alte Besteck, das die beiden zu ihrer Verlobung bekommen hatten. Die Abendsonne erfüllte das Zimmer. An der Wand hing Opas Stillleben, und eine gemalte Eiderlandschaft, die er so gerne hatte. Vater und Mutter saßen da und lächelten und plauderten. Und Vater berichtete mir von Oma Berlin. Sie hatte in einem Brief etwas von einem Besuch erwähnt. Vielleicht kommt sie bald. Sie wolle die Reise  mit einem Besuch beim Bruder verbinden – auf dem Hof daheim in Pommern. Und bei Onkel Gustav in Nakel. Und bei Tante Grete in Bromberg. Als Vater erzählte, war es, als ob sie schon da war.

   An diesem Abend fühlte ich mich das erste Mal seit unserer Ankunft in Polen, seit unserem Einzug in diesem Haus, zu Hause.

   Aber ein paar Nächte später lief ich im Schlaf wieder umher. Das hatte ich im Lager nicht getan. Ein Traum! Ein böser Traum – ich musste weg. Nur weg! Ich klemmte mein Federbett unter den Arm und kletterte auf den Esstisch. Richtete mich auf und stieß mit dem Kopf an den Kronleuchter. Die Nacht war dunkel, und ich begann zu schreien, denn ich wusste nicht, wo ich war. Ich schrie und schrie. Vater und Mutter kamen, und Vater hob mich vom Tisch. Ich schämte mich sehr. Wie konnte ich mich nur so benehmen?

   Eines Abends hörte ich Vater und Mutter im Zimmer nebenan über mich sprechen. Vater sagte, man solle mich woanders hin schicken. Jedenfalls für eine Weile. Zum Beispiel zu Oma nach Rendsburg. Aber Mutter meinte, Oma sei alt geworden und gebrechlich, ihr letzter Brief habe nicht gut geklungen. Dann vielleicht zu Tante Marie in Flensburg? Ach nein, Kurt habe Tuberkulose. Oma Berlin? Nein, diese Stadt sei allzu sehr Fliegerangriffen ausgesetzt. Andere Verwandte? Auf dem Lande - ?

   Nein, sagte Mutter, nein! Und erzählte Vater von Margot, einem Mädchen aus meiner Klasse, das von den Eltern in den Ferien zu den Großeltern geschickt worden war. Margot musste in Berlin umsteigen. Ein kurzer Luftangriff, ein paar Bomben - und Margot war tot.

   Sie wollten mich also fortschicken! Ich musste mit der nächtlichen Schreierei aufhören. Das war ihnen lästig geworden. Und auch mir war es peinlich. Wenn sie nur nicht mit anderen darüber sprächen!

 

   Vater hatte versucht, sich etwas genauer über die Verhältnisse im Flamenlager zu erkundigen. Er erzählte mir lediglich, dass er nichts Besonderes habe erfahren können: Die Mädchen hielten sich dort aus eigenem Willen auf. Und sie hätten es gut – habe man ihm erzählt. Und auch gesagt, dass die Mädchen ja nur nach Hause zu fahren brauchten. Sie seien ja nicht eingesperrt.

   Ich bekam eine Vorladung von einem Psychologen. Ich sollte getestet werden. Niemand wollte mir sagen, weshalb. Vater behauptete, dass er nicht wisse, wer eine solche Untersuchung veranlasst hatte. Eine Weile fürchtete ich, dass es die Partei gewesen sei, denn der Psychologe hatte seine Praxis in einem Haus, in dem auch die Büroräume der Partei lagen. Mutter behauptete, dass sie überhaupt nichts wisse. Schließlich murmelte Vater etwas vom Amtsarzt. Ihm, meinte Vater, könne man vertrauen. Deswegen habe er mit ihm gesprochen. Über alles Mögliche! Vor allem über die Verhältnisse im Flamenlager. Der Arzt habe ihm geraten, mich für einige Zeit aus der Stadt zu entfernen. Die Organisation „Kinderlandverschickung“ sei gerade dabei, einen Transport nach Niederschlesien zusammenzustellen. Die Kinder sollten einzeln bei Familien untergebracht werden. Weit draußen auf dem Lande, wo es friedlich war. Aber zuerst mussten wir den Besuch beim Psychologen überstehen. Mutter versprach, mir beizustehen. Aber als es soweit war, musste sie im Wartezimmer bleiben. Die Psychologin war freundlich und bestimmt. Sie forderte mich auf zu zeichnen. Ich sollte Quadrate ausfüllen. Und dann galt es, Punkte und Striche zu Bildern zu verbinden. In Farbklecksen musste ich Figuren und Bilder finden. Schließlich spielten wir Mikado. Dabei versuchte sie, mich mit Worten wie „beeil’ dich, beeil’ dich!“ in Stresssituationen zu bringen. All’ das tat sie, um tief in meine Seele zu blicken.

   Die Diagnose erhielten wir per Post. Es war eine Erleichterung, es schwarz auf Weiß zu haben, dass ich gut mit anderen Menschen zusammenarbeiten könne, weder gemütskrank noch neurotisch und auch nicht sonderlich nervös sei. Ich war nur „sehr sensibel, verletzlich und empfindlich“. Und damit, sagte Vater mit einem Lächeln, müssten wir zu leben lernen. Aber er hielt an seiner Entscheidung fest: Ich brauchte dringend Ferien, wenn erforderlich weit, weit von zu Hause entfernt. Ich aber war ganz anderer Meinung!

 

   Vater nannte mich einen Glückspilz, da man gerade dabei sei, einen Transport zusammenzustellen: In verschiedenen Dörfern im Kreis Löwenberg in Niederschlesien [heute Lwówek Śląski] sollten Kinder bis 14 Jahre einzeln bei Familien untergebracht werden. - Diesmal durfte ich meinen Koffer selbst packen. Und diesmal brauchte ich meine Uniform nicht mitzunehmen.

   Der Transport wurde von einer Frau und einem halberwachsenen jungen Mann, der in Russland geboren und aufgewachsen war, begleitet. Er erschien in der  Uniform der Hitler-Jugend, denn so, meinte er, sei es am besten. Er hieß Konstantin und gehörte in unserer Stadt zu einer Gruppe Jugendlicher, aus denen man nicht klug werden konnte. Ein paar waren eifrige Anhänger der Hitler-Jugend und avancierten rasch zu Führern. Trotzdem gab es Gerüchte, wonach diese Gruppe Verbindung zur polnischen Widerstandsbewegung habe.  Nicht ohne Grund, wie sich später zeigte.

   Wir fuhren einen Tag und eine halbe Nacht. Beabsichtigt war, dass wir in einer Umsteigestation in einer Turnhalle ein paar Stunden auf Strohsäcken schlafen sollten. Als wir uns gerade zurechtgefunden hatten, gaben die Sirenen Fliegeralarm, und wir mussten einen Luftschutzraum nicht weit von der Schule aufsuchen. Die Stadt war völlig verdunkelt. Die weitreichenden Strahlen der Scheinwerfer fuhren gespenstisch und Unheil verkündend  über den Himmel. Ein paar Kinder, insbesondere diejenigen aus Russland, hatten Angst, aber wir aus dem Westen konnten sie beruhigen. Wir schwindelten ein bisschen. Sagten sehr selbstsicher, dass wir alle Anzeichen, alle Geräusche, alles, was Luftangriffe betraf, kennten. Es werde sich nichts Gefährliches ereignen! Glücklicherweise hatten wir Recht.

   Wir setzten die Fahrt durch eine bergige Landschaft fort, bis der Zug an einer kleinen, ländlichen Station hielt. Hier stiegen wir aus – ein Junge und drei Mädchen. Als wir den Zug mit den anderen Kindern in der Ferne verschwinden sahen, begann das kleinste Mädchen zu weinen. Wir standen mutterseelenallein da, niemand war gekommen, um uns abzuholen.  Ich wandte mich an den Stationsvorsteher. Aber der wusste und ahnte nicht, was er mit uns anstellen sollte. Zu seiner großen Erleichterung hatten alle eine Schnur mit einer Karte um den Hals. Er buchstabierte sich durch unsere Namen und die der Pflegefamilien hindurch. Und stellte fest, dass ich  beim Kaufmann untergebracht werden sollte. Dessen Frau habe ihr Kind verloren und wirklich sehr getrauert. Deswegen habe der Kaufmann gemeint, dass ihr ein Ferienkind gut tun werde. Er erzählte viel, der Stationsvorsteher. Nach einer Weile fiel ihm ein, dass er ja telefonieren könne – sowohl der Kaufmann als auch der Eigentümer der Gastwirtschaft hatten Telefon. Während er telefonierte, konnten wir Kinder spüren, dass die Angelegenheit nicht so einfach war. Dies teilte er uns dann auch mit. Wir mussten warten. Keiner konnte uns gleich holen. Man war ja mitten in der Erntezeit. So saßen wir da, müde und mit knurrendem Magen. Um die Mittagszeit kam eine Kutsche mit einer stattlichen Frau als Kutscher. Sie ging mit Pferd und Wagen um, als habe sie nie etwas anderes getan. Bevor sie uns begrüßte, studierte sie meine Karte. Und sagte:

   „Aha, du sollst also zur Kaufmannsfrau! Die braucht aber nicht ein so großes Mädchen! Du kommst mit zu uns!“ Und damit war die Sache entschieden. Nach langer Fahrt waren wir in einem Dorf, in dem alle Höfe entlang der Hauptstraße lagen, die die ganze Zeit bergauf führte. Im Unterdorf, wie sie den Teil des Dorfes nannte, durch das wir zunächst kamen, wurden drei Kinder abgesetzt: Das jüngste Mädchen beim Kaufmann, der kleine dünne Junge auf einem Hof und das Mädchen, das etwas jünger war als ich, in der Gastwirtschaft.

   „Die ist jetzt“, erklärte die Bäuerin „ein Gefangenenlager für französische Soldaten. Die schlafen im Tanzsaal auf Stroh. Aber sie haben es recht gut. Die werden nur von einem einzigen deutschen Soldaten bewacht. Sie benehmen sich gut und sind bei der Bevölkerung wohlgelitten. Tagsüber arbeiten sie einzeln auf den Höfen. Viele verstehen etwas von Landwirtschaft. Unter ihnen sind ziemlich viele Bauern. Flotte Kerle – sagen die Mädchen. Die Tochter des Nachbarn hatte sich in den, der auf dem Hof ihrer Eltern arbeitete, verliebt. Jemand aus dem Dorf sah, dass er sie küsste, und meldete das weiter. Das Mädchen erhielt 1½ Jahre Zuchthaus. Wo der Franzose ist, weiß keiner! Also – keinen Flirt  mit einem von diesen Charmeuren! Das sage ich auch meinen Töchtern“.

   Der Hof „meiner“ Familie lag im Oberdorf. „Ein Stück weiter oben gibt es noch ein Lager“, setzte die Bäuerin fort, die Burschen dort sind fast noch Kinder. Jungen im Alter von ungefähr 16 Jahren. Alle zusammen elternlos. In  kleinen Banden sind sie in den von der Wehrmacht besetzten Teilen Russlands umhergestreift. Aber jetzt sind sie hier. Mit ihnen ist nicht so leicht umzugehen wie mit den französischen Soldaten. Na, wir haben einen auf dem Hof. Du wirst ihn schon kennen lernen“.

   Das Dorf hieß Langneundorf [heute Dłużec]. Und lang war es. Endlich, nach langer Fahrt bergauf, hielt die Kutsche. Weit entfernt von den anderen. Weit weg von allem, was mit mir und allem, was zu mir gehörte, etwas zu tun hatte.

   Der Bauer trat aus dem Haus und hieß mich willkommen. Beim Mittagessen lernte ich die Töchter kennen: Elli, die 24 Jahre alt und Mutter eines Jungen von 1½ Jahren  war, und Gerda, die 16 war. Und dann war da der russische Gehilfe Paul. Er war 15 oder 16 Jahre alt. Er sprach schon ganz gut Deutsch. Es wunderte mich, dass er den Bauern und dessen Frau nicht, wie es sich gehörte, mit dem Nachnamen Seibt ansprach. Er nannte tatsächlich den Hausherrn „Papa“ und die Bäuerin „Mutter“.

   An jedem Platz lag ein Löffel. Die Bäuerin kam mit einer großen Schüssel Bratkartoffeln und einer Schüssel Buttermilch, die mitten auf den Tisch gestellt wurde. Alle aßen aus derselben Schüssel. Das fiel mir sehr schwer. Aber ich war hungrig. Und so galt es, ein Gesicht aufzusetzen, das meine Gedanken und Gefühle nicht zeigte.

   Alles war anders. Man wusch sich in der Küche in einem großen Holzbottich. Manchmal im selben Wasser. Der Bauer immer zuerst.

   Nach dem Mittagessen brachte mich die Bäuerin hinauf in das Zimmer, das ich mit den Töchtern und dem kleinen Werner teilen sollte. Sie forderte mich auf, mir ein altes Kleid anzuziehen. Sie mussten alle aufs Feld und  das Heu wenden. Währenddessen sollte ich auf Werner aufpassen; ihn musste man beständig im Auge behalten. Denn der Ententeich neben dem Haus zog den Jungen an.

   Am Abend machten Gerda und ich den Abwasch. Das Abwaschwasser bekamen anschließend die Schweine. Alles wurde genutzt. Alles zeugte von einer Bescheidenheit und Sparsamkeit, wie ich sie nicht kannte. Das Essen war äußerst einfach, aber immer ausreichend. Wenn man es hinunterschlucken konnte. Die Wassergrütze aus Roggenmehl hatte ich lange im Mund. Anfangs wollte sie überhaupt nicht rutschen. Ein kleiner Raum neben der Küche diente als Wohnstube. Die helle, schöne große Stube wurde nur an Festtagen und bei Begräbnissen benutzt. Man sparte auch beim Hausputz, denn Zeit und Kräfte waren während der Ernte Gold wert. Und Seife „sehr teuer“ – musste ich lernen. Alles hier war anders, auch die Menschen auf dem Hof. Aber ich lernte meine Wirtsleute schätzen, insbesondere den Bauern, der nicht viel sprach. Wenn er den Mund auftat, sagte er oft etwas Kluges. Und war er erst in Gang gekommen, konnte er ein richtig guter Erzähler sein. Einmal nahm er mich auf eine Einkaufstour in die Berge mit. Er war dort aufgewachsen. Ich konnte an den Häusern erkennen, dass die meisten Menschen hier in ärmlichen Verhältnissen lebten. Aber der Bauer erzählte mir auch davon. Ich saß neben ihm auf dem Kutschbock. Wir hatten viel Zeit, eine solche Chance würde sich so schnell nicht mehr bieten. Es gab nämlich eine Menge, was er mir gerne erzählen wollte, das spürte ich recht gut.

   „Als ich meine Frau kennen lernte, besaß keiner von uns etwas. Aber wir hatten unsere Wünsche und Träume. Wir wollten aus diesem steinigen Gebirgsland wegziehen. Einen Hof haben. Harte Arbeit und Sparsamkeit und eine Menge Glück halfen uns, unseren Hof zu kaufen. Er ist nicht groß, aber wir können davon leben. Ellis Verlobter kommt von einem größeren Hof. Seine Eltern sind Katholiken und meinen, er habe eine bessere Frau finden können. Eine mit mehr Geld und einem zu erwartenden größeren Erbe. Sie lehnten die Eheschließung ab, auch als Elli schwanger war. Ja – jetzt ist er an der Front. Fällt er, haben seine Eltern keinen Erben. Ja, und dann ist da Paul. Wir haben ihn uns nicht ausgesucht, wir bekamen ihn als Arbeitskraft zugeteilt. Du hättest ihn am ersten Tag auf dem Hof sehen sollen: Den Kopf läusefrei rasiert und frisch gewaschen, das war er. Das einzige Kleidungsstück an seinem Körper war ein Sack, den er mit einem Strick um den Leib an Ort und Stelle hielt. Er war völlig verwildert, hatte nie in einem richtigen Haus gewohnt. Ahnt nicht, wo und von wem er geboren wurde. Zunächst arbeitete er auf dem Hof und schlief im Lager. Aber ich konnte die Lagerleitung überzeugen, dass ich mit dem Jungen besser fertig werden könne, wenn er sich Tag und Nacht auf dem Hof aufhielte. Denn, weißt du, wenn wir ihm den einen Tag Kleidung gaben,  erschien er am nächsten ohne sie bei der Arbeit. Nun hat er seine eigene Kleidung im Schrank, er hat ein Bett und einen Schlafraum für sich selbst. Er schluchzte vor Glück, als ihm aufging, wie er in Zukunft wohnen würde“.  

   Auf der Fahrt sagte der Bauer auch etwas über die Städter. Er meinte, dass sie die Bauern nicht respektierten. Sie fühlten sich als etwas Besseres, weil sie sich bei der Arbeit die Hände nicht schmutzig machten. Er erwähnte einige der dummen Witze über die Bauern, die sich die Städter zu erzählen liebten. Ich versuchte, ihm etwas von meinen Großeltern zu erzählen. Er wollte mir nicht so recht abnehmen, dass die Arbeit meines Vaters etwas mit richtiger Arbeit zu tun habe. Und glaubte wirklich, dass meine Mutter ihre Tage damit zubrächte, mit einem Staubwedel Staub zu wischen. Das hatte er in einem Film gesehen.  

   Am schönsten waren die Tage, an denen ich von zu Hause Briefe bekam. Auch Wolfgang schrieb viel. Er war jetzt in einem Sanatorium im Riesengebirge, wo er seine Lungentuberkulose auskurieren sollte. Bei klarem Wetter konnte ich das Gebirge sehen, und das waren für mich die Berge, in denen er vielleicht gesund würde. Er kriegte schnell heraus, dass ich Heimweh hatte, und versuchte, mir gut zuzureden. Fünf Wochen, meine kleine Schwester, was sind fünf Wochen? Nichts! Und ich antwortete ihm, dass „fünf Wochen eine Ewigkeit“ seien. Ein Tag konnte eine Ewigkeit sein, wenn ich an die zu Hause dachte. 

 

   Eines Sonntags kamen Leute aus der Stadt auf den Hof, um Äpfel zu kaufen. Wir hatten einen großen Obstgarten und fütterten die Schweine mit Fallobst. Frau Seibt jagte die Städter beinahe vom Hof. Bezeichnete sie als Bettler, obwohl sie bezahlen wollten. Ich versuchte, ihr zu erzählen, dass den Menschen in den Städten Nahrungsmittel fehlten. Aber sie wollte mir nicht glauben. Den Menschen in der Stadt mangele es nie an etwas. Sie hatte in einem Film gesehen, wie schick die Häuser von innen waren. Selbst war sie nie in einem normalen Stadthaus gewesen. Nein, sie wollte nichts im Direktverkauf  an faule Menschen verkaufen. Wenn sie kämen und arbeiteten, dann würde sie ihnen etwas geben. Denn die Städter sprächen eine andere Sprache. „Die sprechen Schlesisch“, sagte ich. „Ja, ja“, antwortete sie, „aber eine andere Sprache. Wir sprechen an einander vorbei!“  

   Paul war nie zur Schule gegangen. Deswegen bewunderte er grenzenlos seinen Kameraden Michael, denn der konnte schreiben und lesen – und das sogar auf Deutsch. Michael wohnte wie die meisten Russen im Lager, wo ihn Paul während seiner Freizeit besuchte. Da geschah es, dass Michael, der seine Eltern gekannt hatte, eine Bibel in die Hände kriegte und den anderen daraus laut vorzulesen begann. Es war eine deutsche Bibel, und für die Ärmsten, die die Sprache noch nicht gelernt hatten, übersetzte er. Für Paul kam Michael, was Klugheit und Wissen anbelangte, nun gleich nach dem lieben Gott. Paul hatte noch nie dergleichen gehört. Michael konnte den Text auch auslegen. Und nach und nach fand Paul, dass auch er ihn auslegen und nach seiner Auslegung handeln könne. Ja, in der Tat waren – aus Pauls Sicht – viele Passagen direkt für ihn geschrieben. Geschrieben für „Paul, das Menschenkind“, wie Michael ihn während der Bibellesungen nannte. Paul war jemand. Gott kannte Paul! Und liebte ihn.

   Vielleicht kam diese Erkenntnis für den Jungen allzu plötzlich. Paul konnte mit all’ dem Neuen nicht so recht umgehen. Insbesondere nicht, als er die Zehn Gebote kennen gelernt hatte. Denn nun wollte er am Sonntag nicht arbeiten, denn der sollte geheiligt werden. Er zog also seine besten Schuhe an, die ersten in seinem Leben. Der Bauer hatte seine Bezugsscheine geopfert, um sie Paul zu kaufen.  Er zog auch ein weißes Hemd an und seine gute Hose und setzte einen Hut auf – all’ das hatte er geerbt von den toten Verwandten des Bauern. Nun war Paul fein, und es war nicht Pauls Sache, wie die Kühe gemolken und der Stall ausgemistet und der Hofplatz gefegt würden. Das sagte er zu seinem „Papa“, als er zum Frühstück kam:

   „Papa – denk’ an den Sabbat, und halt’ ihn heilig. Sechs Tage sollst du arbeiten und all’ das tun, was du musst; aber der siebente Tag ist Sabbat für den Herrn, deinen Gott, da darfst du nicht arbeiten, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, dein Knecht oder deine

Magd - “.

   Der Junge war sichtlich stolz, den Text auswendig zu können. Der Bauer meinte, ihn mit wenigen Worten zur Vernunft bringen zu können. Sonntag oder nicht, die Kühe mussten die Pflege haben, die sie brauchten. Aber Paul setzte ein freches Grinsen auf und sagte nein -  nicht von ihm und nicht am Sonntag, denn Paul sei nun ein Kind Gottes und gehorche Seinem Wort und nicht dem anderer – auch nicht dem von Papa. Da rief der Bauer:

   „Du ziehst dich augenblicklich um, und das ein bisschen plötzlich, und dann gehst du in den Stall und tust deine Arbeit, wie sie getan werden muss!“

   Da ging der Junge wie ein zorniger, starker Mann mit breiten, langen Schritten direkt vom Haus in den Stall. Er ließ die Tür zum Gang offen stehen, damit der Bauer gut sehen konnte, was er nun tat. Er watete nämlich ohne Rücksicht auf die neuen Schuhe im Mist herum! Er ergriff mit fester Hand die Forke und warf mit weiten Armbewegungen Stroh und Mist in die Luft. Oh – wie herrlich dreckig sein weißes Hemd wurde. Das hatte die Bäuerin nun davon, denn die wusch die Wäsche.

   Da rannte der Bauer zu Paul. Frau Seibt saß stumm da, die Hand vor dem Mund. Nie – niemals zuvor hatte sie erlebt, dass irgendjemand gewagt hätte, dem Bauern zu widersprechen. Plötzlich hörten wir Paul heulen und schreien. Der Bauer erteilte ihm eine ordentliche Tracht Prügel.

   Als das überstanden war, setzte sich der Junge auf die Treppe. Zusammengesunken saß er da und  heulte und heulte untröstlich wie ein kleines Kind.

   „Papa hat mich geschlagen! Papa hat mich geschlagen! Sonst schlägt er nie jemanden. Noch nicht einmal seinen Hund, wenn der Unsinn macht. Aber mich hat Papa geschlagen. Weil er mich nicht liebt!“

   Schließlich ging der Bauer zu ihm und sagte:

   „Paul, mein Junge, hier im Haus tun wir unsere Arbeit. Das musst du begreifen. Und wenn du das nicht durch gutes Zureden lernst, wird dir diese Lehre durch Dresche verabreicht. Denk’ dran, in Michaels Buch steht auch geschrieben 'Wen der Herr liebt, den züchtigt er!' Und denk’ dran, Paul, hier auf dem Hof bin ich der Herr, weil ich die Verantwortung habe!“

 

   Paul hatte eine Entenhaut zwischen den beiden Zehen. Einer der russischen Jungen bot ihm an, sie mit einem Taschenmesser wegzuoperieren. Das wurde eine blutige Angelegenheit, und Pauls Arbeitsuntauglichkeit mitten während der Erntezeit war für den Bauern ein ernstes Problem. Aber diesmal  bestand der Schicksalsschlag „nur“ in einer schlimmen Infektion. Pauls Liebe zu seinem „Papa“ und die Bewunderung für ihn stiegen beträchtlich, als der Bauer die Wunde mit einer ätzenden braunen Flüssigkeit versorgte, mit der er auch seine Tiere zu behandeln pflegte. Und Paul genoss Sorge und Mitleid, die ihm zuteil wurden.

   Die Bäuerin war der Meinung, dass ich langsam beginnen könne, mich nützlich zu machen. Das Heu musste gewendet werden. Elli, Gerda und ich fingen jeweils in unserer Reihe an. Es kam mir so vor, als sei diese Arbeit für die beiden Mädchen ein Kinderspiel; ich konnte das Tempo nicht halten. Nach wenigen Reihen wollten mir meine Arme nicht mehr gehorchen. Ich fing an, von einer Pause zu reden.

   „Pause? Wir können doch nicht jetzt schon eine Pause machen. Ach ja, diese Stadtmenschen, was die schon können!“

   Und dann sollten die Kartoffeln raus. „Ach, das ist leicht“, sagte Gerda. Denn man musste nicht mehr wie früher die Kartoffeln per Hand ausgraben. Jetzt führte der Bauer das Pferd, das ein sinnreich konstruiertes Gerät zog: Ein Rad, an das Schaufeln montiert waren, die die Kartoffeln in dem Tempo aufwarfen, in dem sich das Pferd bewegte. Der Bauer war stolz auf seine Neuerwerbung. Wir vier Frauen sollten jetzt nur noch die Kartoffeln fix in einen großen Korb sammeln – den Korb dann zu zweit zum Erntefuhrwerk tragen – die ziemlich schwere Last mit einem Ruck hochheben – und die Kartoffeln im Wagen ausschütten. Und das immer wieder! Wieder und wieder. Ach, wie groß das Feld war. Und wie viele Kartoffeln im Laufe der Zeit auf dem Feld lagen. Und wie weit der Weg zum Wagen wurde. Und der Korb schwerer und schwerer. Wir wurden spät fertig an diesem Abend, und ich jammerte.

   „Ja – aber – Mädchen, es muss doch etwas geben, was du kannst“, meinte Frau Seibt.

   Na ja, ich könne kochen! - Und das durfte ich am nächsten Tag tun. Ich weiß nicht mehr, welches Gericht ich aus den vorhandenen Zutaten mit größter Sorgfalt zubereitet habe. Erinnere mich nur an die Stimmung, die sich bei Tisch ausbreitete, als man dasaß und im Essen herumstocherte. Nur Paul langte mit erkennbar gutem Appetit zu.

   „Esst ihr wirklich so was?“ fragte Gerda, „dann wundere ich mich nicht mehr, warum du so dünn bist“.

   Eines Tages räumte ich die Küche auf, als alle auf dem Feld arbeiteten und Werner schlief. Schrubbte und scheuerte alles, was warmes Wasser und Seife vertragen konnte. Richtig viel braune Seife und reichlich warmes Wasser. Die Stühle, der Tisch, die Arbeitsbank und die Fensterbank, alles wurde gründlich mit Bürste und Lappen bearbeitet. Zum Schluss nahm ich mir den Fußboden vor, denn die Wasserplanscherei offenbarte, dass der Fußboden eine ganz andere Farbe hatte als die, die wir täglich vor uns hatten. Wie die Küche duftete! Ich war sehr zufrieden mit mir und meinem Werk. War gerade dabei, einen  Blumenstrauß in einem Wasserglas auf den Tisch zu stellen, als Frau Seibt in der Tür stand. Stumm. Zu einer Säule erstarrt. Ihr blieb gleichsam die Spucke weg. Aber dann kam sie wieder zu sich. Schlug die Hände über dem Kopf zusammen – und rief:

   „Jesus, Maria und Josef! Jesus, Maria und Josef! – Was hast du dir nur dabei gedacht? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Soviel Kraft zu vergeuden! Mitten in der Ernte! Da ist doch keine Hochzeit – und auch nicht Weihnachten in Sicht. Mädchen, was geht in dir vor? Die feine Seife so zu vergeuden! Jesus, Maria und Josef. Das Mädchen hat keinen Verstand!“

   Eines Abends – wir wollten uns gerade zum Essen hinsetzen – tauchte der Ortsbauernführer plötzlich an der Haustür auf. Der Bauer ging zu ihm hin. Der Ortsbauernführer sagte, während er sich räusperte und den Hals vorstreckte, er habe ein Anliegen. Da sei etwas, was er sehen wolle. Er sei gekommen, um etwas zu überprüfen. Tatsächlich begann er, die Löffel auf dem Tisch zu zählen.

   „Ein Löffel an jedem Platz! Also sechs Löffel. Sechs Löffel! Wie viele Personen seid ihr?“

    „Sechs, wie du siehst“, antwortete der Bauer.

   „Sechs? Sagtest du sechs? Soll das heißen, dass der Russe mit euch isst? Am selben Tisch? Aus derselben Schüssel?“

   „Ja, das heißt es“.

   „Du weißt, was das Gesetz sagt, Bauer Seibt. Du weißt, dass das strafbar ist. Und du weißt, was du dafür kriegen kannst: Gefängnis!“

   Der Bauer musterte den Ortsbauernführer von oben bis unten. Dann antwortete er bedächtig:

   „Herr Ortsbauernführer, hier im Haus bestimme ich, und nur ich, mit wem ich Tisch und Schüssel teile. Und ich wähle auch die Personen aus, die über meine Türschwelle kommen dürfen“.

   Der ungebetene Gast sah runter auf seine Füße. Ja, tatsächlich, er stand mit den Schuhspitzen auf der Türschwelle. Vorsichtig zog er die Füße zurück. Ja, und dann ging er.

   „Mann, bist du noch gescheit? So mit dem zu sprechen. Nun werden sie kommen und dich  holen“. Aber der Bauer blieb ganz ruhig. Hatte seine eigene Meinung über den aus dem Tal, der in der Partei etwas geworden war.

   Paul war glücklich. Nun hatte er den Beweis, dass er sich in seiner Familie sicher fühlen konnte. Papa stellte sich stets schützend zwischen ihn und alle Gefahren. Oh, wie er Papa liebte. Eines Abends saß der Junge in der Küche und badete seine kaputten Füße in Seifenwasser. Er wollte rasch wieder gesund werden. Papa brauche ihn, sagte Paul. Aber plötzlich kommandierte er:

   „Elli, komm her! Wasch mir die Füße!“ Elli zog die Augenbrauen hoch. Nun ging er zu weit.

   „Ja, Elli, ich befehle. Du wäschst meine Füße. Jeden Abend. Denn er soll dein Herr sein! Hat Michael gelesen. Und er – das ist der Mann, also ich – und du bist bloß eine Frau, und ich habe den Kopf und du das Herz. Wasch! Jetzt gleich!“ Er saß da mit geradem Rücken und blickte herrisch und streng auf uns alle, die wir starr vor Schreck dastanden. Plötzlich konnte der Junge seine Maske nicht mehr bewahren. Er lachte aus vollem Halse. Ach, wie er lachen konnte.

   „Alles war nur ein Witz! Alles, was Paul in dieser Beziehung tut, ist nur ein Spaß. Denn was sich neckt, das liebt sich! Sagt Michael“.

 

   Eines Vormittags – die Familie war auf dem Feld – stand der Ortsbauernführer wieder an der Tür. Ich erschrak sehr. Aber der Mann war nur gekommen, um mir die Zeit meiner Abreise mitzuteilen. Ich wollte meinen Koffer sofort packen.

   Beim Abschied versprach Gerda, mich zu besuchen. Und ich versprach, dass ich nach dem Krieg wiederkäme. Keiner von uns konnte ahnen, dass auch Langneundorf nach dem Krieg polnisch würde. Die Hofbesitzer wurden vertrieben. Ich dachte viel an die Familie Seibt. Dachte jedes Mal, wenn jemand versuchte, mir Polens angeblich rechtmäßigen Anspruch auf dieses Land begreiflich zu machen, an die Erzählung des Bauern von Mühsal und Genügsamkeit und von der Liebe zum Dorf und zur Heimat. Ich habe diese Familie nie wiedergesehen. Aber als ich  im Jahre 2003 mit Hilfe meines Übersetzers Gerdas Adresse bekam, erzählte sie mir am Telefon, dass ihr Vater im Februar 1945 die letzte Rate seiner Schulden bezahlt habe. Nun waren Haus und Hof ihr Eigentum. Die Vertreibung zwei Jahre später habe er nie überwunden. Oft habe er geweint. Eine Familie aus Ost-Polen habe ihren Hof übernommen – auch diese Menschen waren Vertriebene, hatten das gleiche schwere Schicksal zu ertragen. Wie sich doch die Bilder immer wieder gleichen!

 

   Die Haushaltungsschule hatte schon am 1. September begonnen. Aber Reni hatte mir einen Platz an ihrem Tisch freigehalten. Auf dem Schulweg gab sie mir die nötigsten Erklärungen über die Zusammensetzung der Klasse. Alles interessante Mädchen, sagte Reni. Olga aus der Ukraine, Olga aus Bessarabien, Valentine aus Weißrussland, Helen aus Bessarabien, Helene, geboren in unserer Stadt, Brigitte aus dem Baltikum, Karin aus Riga, Emilie von der Wolga, Karoline aus Polen, Adeloine – erzähle niemandem, wer sie ist, Nelly auch nicht, Herta wie auch Hilde aus Wolynien, Elisabeth von einem Gut nahe der Stadt. Zwei unserer Lehrer stammten aus Deutschland.

   Das Schulgebäude lag an der Weichsel. Während der Pausen gingen wir oft hinunter zum Wasser. Eine Schar fröhlicher Mädchen – verschieden in Herkunft, Sprache, Religion und Kultur. Ohne einen Grund nennen zu können, fühlte ich, dass es gut war, hier zu sein.

 

   Wenige Wochen nach meiner Abreise aus Schlesien schrieb mir Gerda einen kurzen Brief. „Werner ist tot. Er ist im Ententeich ertrunken. Ich passte auf ihn auf. Er stand hinter mir, als ich im Herd Feuer machte. Ich musste mich hinknien, um in die Glut zu blasen und das Feuer anzukriegen. Als ich mich umdrehte, war er weg. Ich rannte aus dem Haus zum Ententeich. Du weißt, dass der ihn anzog. Er rutschte vermutlich auf den glatten Steinen aus. Er lag im Wasser, das Gesicht nach unten gekehrt. Wir versuchten alles, aber wir konnten ihn nicht zurück ins Leben holen“.

   Zwei Wochen danach kam ein neuer Brief:

   „Gut, dass du nicht mehr hier bist. Wir haben es entsetzlich schwer mit Paul. Man hat vier seiner russischen Freunde erhängt. Wie es heißt, als Abschreckung und als Warnung! Man sei gezwungen gewesen, die Jungen zu erhängen, sagen sie, weil ein junges Mädchen aus dem Dorf behauptet hatte, dass es von einem der jungen Russen vergewaltigt worden sei. Das Mädchen war nicht imstande, den Schuldigen zu identifizieren. Gerade für den Abend, an dem die Vergewaltigung stattgefunden haben soll, hatten alle jungen Russen ein Alibi. Dann hieß es, dass irgendjemand den Schuldigen anzeigen solle. Aber niemand wollte oder konnte jemanden anzeigen. Danach behauptete man, dass man gezwungen sei, ein Exempel zu statuieren. Ja, das Exempel waren die vier Jungen. Und weißt du, was – während die vier am Galgen baumelten, begannen die Leute im Dorf zu tuscheln: Möglicherweise gebe es gar keinen Schuldigen. Also unter den Jungen. Vielleicht das Mädchen – ja, ist das denn nicht ein bisschen zu sehr hinter den Jungen her gewesen?  Möglicherweise habe es diese Vergewaltigung nur erfunden. Gut, dass du nicht hier bist. Paul hat nun entsetzlich Angst. Er weicht nicht von Papas Seite. Er weint und fleht und möchte, dass wir ihm versprechen, ihn nie fortzuschicken. Es ist nicht auszuhalten, ihn so klein und ängstlich zu sehen. Gewiss können wir ihm versprechen, dass wir ihn nie vom Hof schicken werden, aber wir können ja nicht versprechen, dass sie es nicht tun. Was ist das für eine Welt, in der wir leben? Was ist das für eine merkwürdige Welt?“

 

   Ja, merkwürdig können sich Menschen in dieser Welt benehmen! Einer Gans, die geschlachtet in einem verschlossenen Keller lag, fehlte an dem Tag, an dem Mutter sie braten wollte, eine der beiden Brüste.

   „Katze!“ sagte Zosia mit einem Lächeln. „Katze hat sie gefressen!“ Vater lächelte auch und sagte, dass er nicht gewusst habe, dass die Katzen in Polen mit einem Messer umgehen könnten.

   An einem Sonntag, als wir von einem Ausflug zurückkamen, war ein Apfelbaum im Garten geplündert.

   „Mann kam. Sagte, er Freund von Emil. Kam mit Handwagen und pflückte alle Äpfel“, erklärte Zosia.

   Vater fand sie einfallsreich. Aber nach und nach wurde ihm der Einfallsreichtum zu viel. Es verschwanden ein gesticktes Tischtuch, Stopfgarn, ein Bettbezug, Konserven, Nahrungsmittel, alles Mögliche. Eine Woche lang kontrollierten wir heimlich ihre Tasche. Wir wunderten uns, was sie alles mitnahm.

   Ich war in der Schule, als Mutter Zosia kündigte. Sie durfte sofort gehen. Ihre Mutter kam und bat um Verzeihung, bat meine Mutter, ihre Tochter in unserem Haushalt zu behalten. Denn, so sagte sie, sie sei es ja, die Schuld habe. Sie habe von den Diebstählen gewusst.

   Aber Mutter antwortete, das Vertrauen sei zerbrochen und  könne nicht mehr gekittet werden. Mutter konnte keine weiteren Scherben mehr in ihrem Leben ertragen.

   Nur wenige Tage, nachdem Zosia gekündigt worden war, teilte uns das Gesundheitsamt in einem Brief mit, dass das Mädchen Tuberkulose habe. Die Krankheit wurde bei einer Routineuntersuchung entdeckt, der sich alle unterziehen mussten, die bei deutschen Institutionen oder in deutschen Haushalten arbeiteten. Mutter hielt diesen Brief lange in den Händen.

   „Nun verstehe ich, warum sie in letzter Zeit immer so erschöpft war“. Ich wusste, Mutter dachte an ihren Sohn. Wir mussten uns alle einer Kontrolluntersuchung unterziehen. Als man mir Blut abnahm, wurde ich ohnmächtig und bekam Krämpfe.

   „Wären wir nur niemals hierher gekommen“, seufzte Mutter, als wir abends um den Tisch saßen.

 

   In Stalingrad kämpften unsere Soldaten um jede Straße, jedes Haus. Der Führer hatte sich geschworen, dass „er“ diese Stadt erobern werde. In seiner obligatorischen Rede am 9. November brüllte er:

   „Ich versichere Ihnen – und ich wiederhole das in meiner vollen Verantwortung vor Gott und der Geschichte – dass wir Stalingrad nie wieder verlassen. Nie wieder!“

   Der Führer verbot der eingeschlossenen 6. Armee unter Generaloberst Paulus zu kapitulieren. Glaubten die 250.000 schlecht gekleideten, ausgehungerten, verschlissenen Soldaten Hitlers Tagesbefehl von Anfang Dezember, in dem ihnen Hilfe versprochen wurde? Glaubten sie den Worten des Generals Manstein in einem Telegramm vom 6. Dezember 1942: „Haltet aus! Ich hau’ Euch raus!“ Glaubten sie wirklich daran?

 

   In der Schule lernen wir, Pfefferkuchenhäuschen zu backen. An mehr kann ich mich von diesem Weihnachtsfest nicht erinnern. Aber ich erinnere mich an das Jahr 1942. Ich werde es stets als das Jahr im Gedächtnis behalten, in dem Mutter aufhörte zu singen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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   Dieses Jahr begann anders als die Jahre zuvor: Der Weihnachtsbaum durfte im eiskalten Esszimmer stehen bleiben. Keiner hatte Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Er störte niemanden. Es war eigentlich völlig gleichgültig, ob der Baum da war oder nicht. Wir nahmen unsere Mahlzeiten nicht mehr im Esszimmer ein, und ich hatte meinen Schlafplatz längst auf das Sofa im Wohnzimmer verlagert. So hatte der Weihnachtsbaum die Stube ganz für sich alleine; meinetwegen konnte er alle seine Nadeln auf den Fußboden rieseln lassen. Vater hatte mich mehrfach gebeten, den Baum zu entfernen. Eigentlich wunderte ich mich darüber, dass er nicht selbst anfing, die Kugeln und den anderen Baumschmuck in den Schachteln zu verstauen. Er kannte ja im Großen und Ganzen den Umfang meiner Aufgaben und wusste, dass ich mehr als genug zu tun hatte. Allein der Unterricht und die Hausaufgaben konnten den ganzen Tag ausfüllen. Daneben musste ich mich jetzt auch um den Haushalt kümmern. Zwar half er mir ein wenig, wenn  das seine Arbeitszeit zuließ. Aber das Essenkochen war einzig und allein meine Sache.

   Mutter war nicht da. Unmittelbar vor ihrer Abreise hatte sie uns zu verstehen gegeben, dass ihr Platz nun bei der Großmutter in Rendsburg sei.  Dort wolle sie bleiben, solange Großmutter lebte. Vater hatte mit keiner einzigen Geste und keinem einzigen Wort versucht, Mutter von diesem Gedanken abzubringen. Er kannte sie und wusste, hatte sie erst einmal in einer solchen Sache eine Entscheidung getroffen, konnten sie auch zehn Pferde nicht zurückhalten. Anfang des Jahres hatte ich Mutter in der Stube sitzen sehen mit einem Brief von Großmutter in der Hand. Mutters Gesicht zeigte mir, dass der Brief eine besondere Botschaft enthielt. Sie musste mehrfach schlucken, bevor sie mir sagen konnte, dass Oma uns bald verlassen werde. Nein, nein, der Arzt habe nichts in dieser Richtung gesagt. Und in ihrem Brief ging Oma auf den Tod nicht mit einem einzigen Wort ein. Es war die Art und Weise, in der dieser Brief geschrieben war, die Mutter die eigenartige Gewissheit von Omas baldigem Dahinscheiden gab. Mutter las aus jedem Satz, dass Oma von uns allen Abschied nahm. „Lies selbst!“ Meine Augen überflogen den Brief, aber ich fand nichts, was mich hätte beunruhigen können. Dann studierte ich Satz für Satz Omas sorgsam niedergeschriebene Gedanken. Und musste feststellen, dass der Brief in der üblichen Weise geschrieben worden war. Vielleicht war er etwas sanfter und zuversichtlicher. Sie schrieb sogar, dass es ihr ein wenig besser gehe. Denn sie habe nun keine Angst mehr, während ihrer Asthmaanfälle zu ersticken. In diesem Brief ging es nicht um Leid und Tod, sondern um Liebe. Das klang durch viele Sätze hindurch. In ihrer eigenen Art und Weise sagte sie uns, dass wir ihr fehlten und dass sie sich um uns Sorgen mache. Oma war wie Mutter keine Anhängerin großer Worte, wenn es um Gefühle ging.

   Nun war Mutter also fort und die Wohnung der einsamste Ort auf Erden. Leere und Kälte gähnten mich an, wenn ich aus der Schule nach Hause kam. Es kam vor, dass ich in die leeren Räume hinein „Mutti! Mutti!“ rief. Selbstverständlich schämte ich mich. So verhält sich kein großes Mädchen! Aber was sollte ich machen? Es war mein innigster Wunsch, sie rasch bei uns zu haben. Das Entsetzliche an diesem Wunsch war nur, dass seine Erfüllung Omas baldigen Tod bedeutete.

   Mutters Briefe waren immer ein Trost für mich. Insbesondere, wenn sie von ihren Geschwistern schrieb. Sie waren bei Oma, soweit sich dies machen ließ. Mutter war nicht alleine. Nicht mit ihren Gedanken und nicht mit ihrer Verantwortung und nicht mit ihren Ängsten. Und Oma, die einmal mit ein wenig Bitterkeit in der Stimme gesagt hatte, dass eine Mutter wohl viele Kinder, viele Kinder aber nicht eine Mutter versorgen könnten, nahm nun diesen Satz zurück. Sie hatte gefürchtet, eine Situation erleben zu müssen, die derjenigen ihrer eigenen Mutter auf dem Totenbett entsprach, als viele – angeblich aus Zeitmangel – nicht hatten kommen können. Aber meine Großmutter war von den Ihren umgeben und war auf eine besondere Weise glücklich. Gerade deswegen war es schwierig, auf Mutters baldige Heimkehr zu hoffen.    

   Eines Tages kam Vater mit einem Hasen nach Hause, den er von einem Freund bekommen hatte, der oft auf die Jagd ging. Er wusste, dass ich in der Schule gelernt hatte, Wild zuzubereiten. Vaters Meinung nach konnten wir also ruhig ein paar Kollegen, die auch Strohwitwer waren, zum Hasenbraten einladen. „aber“, sagte er mit einem Lächeln, „dann müssen wir endlich den Weihnachtsbaum beseitigen“. Vater mochte Geselligkeit. Bei unseren Vorbereitungen war er so fröhlich, dass er sich verleiten ließ, spendabel zu werden. Den ganzen Winter hatten wir an Feuerung sparen müssen, aber jetzt heizte er den Kachelofen des Esszimmers rechtzeitig an. Er ging auch großzügiger mit seiner Zeit um und half mir bei den Vorbereitungen. Aber die Mahlzeit bereitete ich ganz alleine zu. Die Gesellschaft wurde ein großer Erfolg. Alle genossen das Essen und das Beisammensein in der warmen Stube. Aber für mich war das beste von allem Vaters Stolz auf eine Tochter, die ihre Aufgabe gemeistert hatte.

   Bei dieser Gesellschaft sprach keiner über den Krieg, was doch die Männer sonst bei ihren Zusammenkünften taten. An diesem Abend erwähnte keiner Stalingrad, aber alle mussten wir an diesen Kriegsschauplatz denken. Wir wussten, dass dort die Hölle los war. Wenn auch die Bevölkerung nichts Konkretes erfuhr. Wollte man sich ein Bild machen, musste man seine Phantasie zur Hilfe nehmen: Die 6. Armee war eingeschlossen, und es war nicht schwer, sich vorzustellen, welche Folgen die ausbleibende Versorgung hatte. Wie uns wohl der Braten geschmeckt hätte, wenn wir die Essensration der Soldaten gekannt hätten? Am 10. Januar hatte die tägliche Verpflegung aus 75 Gramm Brot, 12 Gramm Fett und 200 Gramm Pferdefleisch bestanden. Am 20. Januar waren Munition und Verpflegung zu Ende. Wenige Tage später hatte General Paulus Hitler auf die verzweifelte Situation aufmerksam gemacht. Paulus hatte Hitler gefragt, welche Befehle er Truppen geben solle, die nicht mehr über Munition verfügten und die ununterbrochen angegriffen würden. Hitler hatte mit dem kategorischen Befehl geantwortet, dass sie sich bis zum letzten Mann zu verteidigen hätten. 

   Am 2. Februar ergaben sich die Reste der 6. Armee den Russen. In einem Geschichtsbuch lese ich: Von den 250.000 deutschen Soldaten, die die Rote Armee in Stalingrad eingeschlossen hatte, fielen 124.000; 90.000 gerieten in sowjetische Gefangenschaft, während 25.000 verwundete und 10.000 andere Soldaten mit Flugzeugen vom Schlachtfeld ausgeflogen werden konnten. Mit der deutschen Armee wurden zwei rumänische Divisionen vernichtet.  

   So etwas lasen wir viele Jahre nach Schluss des Krieges. Solange der Kampf tobte, wurde er von den Machthabern als „heroisch“ bezeichnet. Und so sollten wir, das Volk, diesen Kampf auch in Zukunft verstehen. Heroisch! Während der letzten Monate hatte Hitler große, pathetische Worte verwendet. Und Göring hatte selbstbewusst – wie üblich – Hilfe aus der Luft in Aussicht gestellt. Verwundete Soldaten, die der Hölle mit dem Flugzeug entronnen waren, berichteten über das grausame Geschehen. Es war lebensgefährlich, diese Berichte zu verbreiten. „Zersetzung der Kriegsmoral“ wurde mit dem Tode bestraft wie die „Zersetzung der Wehrkraft“.  

   Als der Kampf um Stalingrad zu Ende ging, wurde ein großes, geräumiges, gut erhaltenes Backsteingebäude in unserer Stadt, das bisher leer gestanden hatte, als Lazarett eingerichtet. Polen erzählten mir, dass das Gebäude früher zu einem Kloster gehört habe. Nur die hohen Flurfenster lagen zur Straße hin. Und so hielt man dieses Gebäude vermutlich für besonders  geeignet für die Verwundeten von Stalingrad. Für die „Sicherheit der Verwundeten“ sorgte am Eingang ein Wachtposten, ausgestattet mit Helm und Gewehr. Fürchtete man tatsächlich, dass ein paar junge Mädchen, die die Verwundeten besuchen wollten, eine Gefahr für deren Sicherheit sein könnten? Jedenfalls verwehrte man uns Mädchen den Zugang zum Lazarett. Man erklärte uns, dass die Verwundeten Ruhe brauchten. Das konnten wir gut verstehen. Deshalb backten wir in den Hauswirtschaftsstunden der Schule ein paar Kuchen, sammelten Bücher, Schreibpapier und anderes, was ein bisschen Freude machen konnte. Packten viele Päckchen, schrieben eine paar Briefe – alle mit Angabe unserer privaten Adresse und der der Schule – und lieferten das alles an der Eingangspforte des Lazaretts ab. Niemand von uns erhielt jemals eine Antwort. Es kam vor, dass wir nach Schulschluss langsam am langen Lazarettgebäude entlanggingen. Wir schlenderten und sprachen bewusst laut miteinander. Soldaten pflegen normalerweise Elefantenohren zu haben, sobald sie Mädchenstimmen hören. Aber kein einziges Gesicht zeigte sich hinter den Fensterscheiben. Wir schlossen daraus, dass die Verwundeten in abgeriegelten Räumen lagen, die allesamt die Fenster zum Innenhof hatten.

   Fürchteten die Machthaber, dass die Soldaten etwas erzählten? Oder waren die Soldaten von Stalingrad  wahnsinnig geworden? Vater meinte, dass das in gewisser Weise sicher der Fall sei. Denn nur ein psychisch gestörter Mensch könne in einem solchen Krieg „normal“ bleiben. Wie es sich auch verhielt, die Behörden waren unter keinen Umständen daran interessiert, dass die Menschen die Wahrheit  über das Schlachtfeld erführen. Also sperrte man die Verwundeten ein und sie Bevölkerung aus. Doch gab es undichte Stellen. Etwas sickerte zu uns in die Stadt durch. Ein paar Worte. Hier und da Bruchstücke von Andeutungen. Manchmal auch ein ungekürzter Bericht eines Schicksals. Alles waren Beschreibungen einer Hölle. Und zwar einer Hölle, in der auch der russische Soldat, also der Feind, nicht als „Teufel“ bezeichnet wurde. Denn es fiel nicht schwer, auch im russischen Soldaten den leidenden Menschen zu sehen. Der Teufel hatte seine Stätte anderen - höheren Orts. Aber wer traute sich, diesen Teufel beim Namen zu nennen?

   Als ich Kind war, konnte ich darüber erstaunt sein, dass ich in einer Nacht, in der nicht weit von uns ein Kind grausam zu Tode gequält worden war, unbesorgt hatte schlafen können. Jetzt wunderte ich mich darüber, dass ich im Wissen um das Schlachtfeld  Stalingrad meinen Kleiderschrank öffnen konnte, um mein Sommerzeug hervorzuholen. Dass ich überhaupt Lust hatte, meine wenigen Sommerkleider vor dem Spiegel auszuprobieren! Dass ich bei meinem Wissen vom Zustand der Welt nicht völlig gleichgültig gegenüber der Feststellung war, dass mir keines der Kleider mehr passte! Nein, in Wahrheit war mir das alles andere gleichgültig! Ich begann, den Saum eines Sommerkleides auszulassen, ein Seidenkleid in einen luftigen Rock umzunähen und mehrere Abende zu nutzen, um Vater davon zu überzeugen, dass seine alte Bäckerjacke aus Drillich, umgenäht, sich sehr gut als Sommerjacke für mich eignete. Und Vater sagte verwundert: „Jetzt? Mitten im Winter?“ 

   In der Tat hatten wir es mit einem Winter zu tun, mit dem nicht zu spaßen war. Der Schulweg führte ein gutes Stück am Fluss entlang, wo der Ostwind  freie Bahn hatte, und er schnitt wie Messer in jedes Stück ungeschützter Haut. Jetzt zog sich auch das eitelste Mädchen die sonderbarsten Sachen an, wenn sie nur schützten und wärmten. Wir lernten sehr schnell, uns vor Erfrierungen zu schützen, indem wir die Gesichter in Schals wickelten. Aber wir bedeckten unseren Kopf nicht mit einem unter dem Kinn verknoteten Tuch, wie das die polnischen Frauen und Mädchen taten, obwohl das einfach und praktisch war und wir rasch erfahren hatten, wie gut ein solches Kopftuch Schutz gegen den eisigen Ostwind bot. Wir erfuhren, dass eine Kopfbedeckung  immer auch etwas ganz Spezielles, etwas Signalisierendes und Profilierendes sei.  Deutsche Mädchen dürften es sich deshalb nicht erlauben, ein Kopftuch wie die polnischen und russischen Frauen zu tragen. Deswegen mussten wir neue Methoden erfinden: Wir wickelten ein Tuch um den Kopf, als ob wir Mumien wären. Nur die Augen ließen wir frei. „Wer  sich blind bewegt, stößt leicht an“, heißt es ja.

   So versuchten wir Mädchen, uns gegen den Eiswinter zu wappnen. Gegen die Kälte in der Welt besaßen wir keine handhabbare Verteidigung. Ich glaube, feste Freundschaften und ein unbedingter Zusammenhalt waren daran schuld, dass Lebenswille und Freude nie ganz zerstört wurden.

 

   Während Mutters Abwesenheit versuchte Vater, Überstunden zu entgehen. Er hatte Kollegen, die gerne mehr Dienststunden übernahmen, denn sie verstanden, dass er mich abends im Haus lieber nicht alleine lassen wollte. Vaters Ansicht nach wohnten wir zu abseits, zu weit weg von anderen deutschen Familien und zu nahe am Armenviertel der Stadt. Ein paar Abende versuchte Vater, gesellig zu sein. Noch hatte er eine Flasche Rum. Die konnte jetzt aus gutem Grund geöffnet werden. Vater zog seine Hausjacke an und braute uns einen ordentlichen norddeutschen Grog. Recht „steif“ für sich selbst und dünn – und sehr süß – für mich. Aber gemütlich war es, denn Vater bezeichnete dieses Getränk als „Quasselwasser“. Nun erhielt das Mundwerk freien Lauf, denn ich musste die Stunden nutzen, in denen er Zeit und Lust hatte zuzuhören. So saßen wir auch am 18. Februar 1943 zusammen. Aber an diesem Abend musste ich still sein, denn wir wollten uns Goebbels’ Rede anhören, die er im Sportpalast in Berlin hielt. Selbstverständlich habe ich längst den Redeschwall des Propagandaministers vergessen – abgesehen von zwei Sätzen. Sie stieß er als der theatralische Magier, der er war, hervor für die Menschen im Saal, die das deutsche Volk repräsentieren sollten. Ja, er fragte wirklich: 

   Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“

   Ewig werde ich mich an mein Entsetzen erinnern, als die Masse im Saal aus vollem Halse „Ja!“ schrie. Wie das irrsinnige Brüllen eines wahnsinnig gewordenen Tieres füllte dieses „Ja“ unsere Stube. Wie konnten sie solchermaßen antworten, diese Menschen in Berlin? Der Krieg war ja an ihnen nicht unbemerkt vorbeigegangen. Ich sprang auf und rief: „Ich will nicht! Ich will nicht! Ich sage  'Nein'! Hörst du,  Papa, hörst du, ich sage nein!“  

   „Leute wie dich fragt man nicht – glaub’ mir, die im Saal sind eingeladen, sind ausgesucht, handverlesen, nach allen Regeln der Kunst ausgewählt worden. Und wenn du  dasäßest, meine Jette, und mit allen dir zur Verfügung stehenden Kräften dein „Nein“ zum Krieg schrieest, könnte dich keiner hören. Niemand in dieser Versammlung und niemand außerhalb. Und wenn der Redner dich hörte, dann sorgte er dafür, dass du umgebracht würdest. Das sind die Bedingungen, unter denen du zu leben hast – denn du sollst überleben. Das weißt du doch, Jette.  Darüber haben wir schon so oft gesprochen“.

 

   Die ja-schreienden Menschen im Sportpalast brockten uns ein, worum wir nicht gebeten hatten. Sie brachten Millionen Menschen über alle Fronten und Grenzen hinweg die unbeschreiblichen Leiden des totalen Krieges. Die Bombenangriffe auf die deutschen Städte änderten nun ihren Charakter. Die sogenannten „Masterbomben“ warfen nicht nur Bomben größeren Kalibers ab, sondern auch Minenbomben. Einige hatten einen Zeitzünder und explodierten erst 5 bis 6 Tage nach dem Abwurf. Gewiss richtete eine solche Mine große materielle Schäden an und kostete Menschenleben, aber ihre größte Wirkung lag wohl in der zunehmenden Unsicherheit der Bevölkerung. Stunden ohne Fliegeralarm bedeuteten jetzt nicht mehr ein bisschen Ruhe und Sicherheit. Alle wussten, dass eine solche Mine plötzlich explodieren konnte – überall und jederzeit. Alles in allem wurde die Kriegsmaschinerie immer effektiver. „Friede ernährt, Unfriede verzehrt“, so einfach und unkompliziert konnte die Lage mit einem Sprichwort beschrieben werden. Nur konnten Kinder und kindliche Gemüter die Katastrophe nicht in ihrem vollen Umfang erfassen. Doch meinte ich mehr und mehr ein Muster ausmachen zu können: Die Menschen nutzten die vollkommensten Entdeckungen, die wunderbarsten Schöpfungen zum Guten wie zum Bösen. Oder, wie Vater sagte: Insbesondere in einem Krieg will der Mensch zusammen mit Tod und Teufel partout seinen Unverstand und seine Fehlbarkeit beweisen“. Man brauchte nicht besonders klug und lebenserfahren zu sein, um zu begreifen, dass alles, was Menschen einmal in den Sternstunden der Menschheit geschaffen hatten, nun den totalen Krieg zu verdeutlichen half.. Waffen, grausamer als je zuvor, legten unersetzliche Werte in Schutt und Asche. Der Mensch bewies erneut, dass er nicht klug ist, die Resultate seiner eigenen Werke, seien sie gut oder schlecht, in den Griff zu bekommen.

 

   Die Kindheit war für immer vorbei. Die Briefe von den Freundinnen zu Hause in Hamburg hörten sich wie Kommentare von Erwachsenen zu unserer Welt an. Trotzdem klangen sie naiv. Oder waren sie nur Ausdruck einer unberechtigten Hoffnung? Anders hätten sie wohl kaum schreiben können:

    „. . . Die britischen und amerikanischen Flugzeuge sind nun mit einem Instrument ausgestattet, das eine bessere Orientierung ermöglicht. Ein britisches Bombenflugzeug, das bei Rotterdam abgeschossen wurde, hatte ein solches Gerät an Bord. Jetzt ist der willkürliche Krieg gegen Zivilisten vorbei. Die neue Erfindung ermöglicht eine genaue Positionsbestimmung. Jetzt wird der Krieg mit verstärkter Kraft nur noch gegen militärische Ziele geführt. Nun ist der Krieg bald zu Ende!“

   Die Wirklichkeit sah anders aus: Dank des neuen Orientierungsgerätes konnten die Flugzeuge nun aus großer Höhe, die Schutz vor der Flak bot, ihre Bomben auf ausgewählte Ziele werfen. Dazu kam, dass pechschwarze Nächte nicht mehr gleichbedeutend waren mit weniger oder keinerlei Luftangriffen. Hinter dicken Wolken versteckt, konnten die Geschwader gemäß den erhaltenen Befehlen operieren. Und die Hoffnung der Optimisten siechte dahin und verschwand mit der erfahrungsbedingten Erkenntnis, dass ein technisches Wunder eine Sache ist, eine ganz andere aber die Fähigkeit der Menschen, damit umzugehen und das ausgeklügelte System zu nutzen.

   Besonders Loris Briefe spiegelten sowohl Angst als auch Hoffnung wider. Ihre Mutter war nach einem Aufenthalt in einem Lungensanatorium im Allgäu in das riesenhafte Hamburger Eppendorfer Krankenhaus eingewiesen worden. Lori hoffte inständig, dass die großen roten Kreuze auf den Dächern des Gebäudes Schutz für alle Kranken, die wie ihre Mutter das Bett nicht mehr verlassen konnten, böten. Lori wohnte ganz allein im elterlichen Reihenhaus; der Vater war vor längerer Zeit nach Kiel versetzt worden, die beiden jüngeren Kinder hatte er bei Verwandten auf dem Lande untergebracht.

   Die Wirklichkeit war rau und gab immer weniger Nahrung für unrealistische Hoffnungen und Träume. Die Briefe von zu Hause änderten Charakter und Inhalt. Berichte über all’ das Wohlbekannte blieben aus. Beschreibungen der Winterfreuden hörten auf. Es kam der Tag, an dem alle miteinander schrieben, dass die Luftangriffe systematischer geworden und besser organisiert seien. Denn jetzt arbeiteten die Feinde in einem gut abgesprochenen Schichtsystem, demzufolge die Amerikaner tagsüber und die Briten während der Nacht angriffen. Alarm wurde nur gegeben, wenn sich die Bombenflugzeuge näherten – oder sich womöglich schon über der Stadt befanden. Bei den Erkundungsflügen des Feindes über Stadt und Land blieben die Sirenen zumeist stumm. Mit der Begründung, dass die Bevölkerung eine Atmpause und Ruhe zum Arbeiten brauche. Aber es gab keine Ruhe mehr. Auch nicht eine Pause von mehreren Tagen oder Wochen zwischen den Angriffen ließ einen zur Ruhe kommen. Für die Bevölkerung des Landes zeichnete sich ein Muster ab, das nicht misszuverstehen war: Jetzt wussten Kinder wie Erwachsene, dass nach einer Zeit der Schonung immer schwere Angriffe folgten.

   Nach einer solchen Pause griffen am 3. 3. 1943 viele Bomber das in der Nähe Hamburgs liegende kleine Dorf Rissen und die winzige Stadt Wedel an. Ein wahrer Sturzregen von Brand- und anderen Bomben fiel nieder und legte Wohnungen und Bauernhöfe in Trümmer. Doch ging eigenartigerweise ein großer Teil der Bomben auf die benachbarten Felder nieder. Die Stärke des Angriffs und dessen Kosten standen in keinem Verhältnis zu dessen Resultaten. Die deutschen Medien berichteten daraufhin von der hohen Verteidigungskraft der Luftabwehrgeschütze. Der Feind habe nicht das geplante Ziel erreichen können! Viele wollten dieser Reportage am liebsten Glauben schenken. Die Wahrheit aber war leider, dass dieser Angriff nachts bei Ebbe durchgeführt worden war, als die Elbe mit ihren trockengefallenen Sandbänken anders aussah als auf den Bildern, die die Briten bei ihren Spionageflügen gemacht hatten. Das Unsinnige dieses Angriffs auf Wedel und Rissen gab zu vielen Spekulationen Anlass. Bedächtige Menschen bezeichneten das Ereignis als eine Fehldisposition. Aber es war leicht auszurechnen, dass ein Flächenbombardement dieses Ausmaßes auf einen dichtbewohnten Hamburger Stadtteil katastrophale Folgen haben musste. Fehldisponiert oder geplant, der letzte Rest von Ruhe war nun dahin. Nirgends konnte man sich mehr sicher fühlen.

   Schon seit langem hatte Reichsstatthalter Kaufmann (der ständige Repräsentant des „Dritten Reichs“ in Hamburg) der Bevölkerung verboten, die Stadt zu verlassen. Die Briefe aller unserer Lieben in Hamburg enthielten sonderbare Sätze. Die einen schrieben „Nun können wir nur noch versuchen auszuhalten“. Einige formulierten Flüche, wünschten alle zur Hölle, die Krieg gegen die Zivilbevölkerung führten! Andere wollten zuversichtlich wirken, indem sie schrieben: „Wir können, was wir wollen. Und nun wollen wir aushalten! Denn etwas anderes bleibt uns gar nicht übrig!“ Aber wir lasen auch ein „Gott sei uns gnädig!“

 

   Und dann kam Mutter endlich heim. Ich kann mich nicht daran erinnern, was sie uns über Omas Tod und Beerdigung erzählte. Mutter hatte uns mitgeteilt, dass sie die Reise  für einen kurzen Aufenthalt bei Oma in Berlin unterbrechen wolle. Das wunderte mich, denn Mutters Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter war friedlich, aber nicht gerade herzlich. Und wenn wir Mutter fehlten, wie sie uns fehlte – und ich wusste mit Sicherheit, dass es sich so verhielt – warum eilte sie dann nicht zu uns? Auf Siebenmeilenstiefeln, wie sie zu sagen pflegte, wenn sie so schnell wie möglich und auf dem kürzesten Weg irgendwohin musste.

   Dass Mutter das Herz hatte, uns so lange warten zu lassen! Dass sie einen Tag länger als ursprünglich geplant bei ihrer Schwiegermutter bleiben konnte. Ich beklagte mich sehr. Da begann Vater, der sonst nicht über seine Kindheit sprach, Episoden aus Großmutters Leben zu erzählen. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, denn ich konnte nicht den geringsten Zusammenhang zwischen dem Ausbleiben meiner Mutter und Großmutters Wesen entdecken. Das einzige, was ich verstand, war Mutters Bedürfnis nach einer Unterstützung, die ihr keiner von uns beiden geben konnte.

   Aber nun war sie zu Hause. Und sie füllte die Räume, füllte die Leere, wie nur sie das konnte. Das erste, wonach sie uns besorgt fragte, war, wie wir alleine fertig geworden seien. Und man stelle sich vor, als Vater von meinem Fleiß und meinem Geschick, von der geglückten Gesellschaft erzählte, als er sie im Haus herumführte, um ihr zu zeigen, wie ordentlich alles war und wie gut ich mit den Nahrungsmittelzuteilungen umgegangen sei – man stelle sich das vor: da war sie einen Augenblick lang ein bisschen enttäuscht. Musste aber lächeln, als Vater konstatierte: „So sind die Frauen!“

 

   Der Winter in Polen und Russland war hart und dauerte lange. Die Menschen um uns herum sagten, er sei länger als je zuvor. Ich spürte selbst, dass der Frühling sich diesmal im Schneckentempo näherte. Es kann aber auch sein, dass wir uns irrten. Vielleicht hatte uns die Kälte so im Griff, dass es schwierig war, alle Zeichen wahrzunehmen, die sein Kommen  ankündigten: Die Sonne war da, und schließlich siegten ihr Licht und ihre Wärme.

   Plötzlich, eines Morgens, öffnet man weit das Fenster und ahnt eine Veränderung. Eine seltsame Freude und Erwartung überwältigen einen. Als ob sich noch einmal alles zum Guten wenden werde. Neu entdeckt man die Farben des Morgenhimmels, während sich die Lungen mit feuchter Frühlingsluft füllen. Wie nie zuvor bereitet einem der lange Schulweg am Fluss entlang nur Freude. Ja, nun ist der Frühling gekommen! Nun haben viele Plagen ein Ende.

   Von unserem Klassenzimmer aus konnten wir das breite Flussbett der Weichsel sehen. An diesem Tag war es spiegelblank, und es war unmöglich, an Ostwind und Eis und Kälte zu denken. Der Schulhof war nur auf drei Seiten von einem hohen Zaun umgeben. Unten am Fluss fehlte die Absperrung. Das Eis hatte sie sicherlich wiederholt weggerissen, und dann hatte man sie vermutlich aufgegeben.  Während der Großen Pause gingen wir runter zum Fluss. Hier wirkte seine Nähe wie eine euphorisierende Injektion. Nie zuvor hatte ich etwas Ähnliches erlebt. Und nie habe ich diesen Tag vergessen können. Wir waren sechs Mädchen, die eigentlich nur ein bisschen Sonne tanken wollten. Aber da unten wurden wir auf einmal ausgelassen. Hopsten auf den großen Steinen am Rande des Wassers herum und führten uns wie Böckchen auf, die zum ersten Male nach einem langen winterlichen Eingesperrtsein die Freiheit spürten.

   Als der Unterricht endlich vorbei war, schlugen ein paar einen Spaziergang im Park vor. Um dorthin zu kommen, musste man üblicherweise zunächst hinunter in die Stadt gehen. Aber Elli war dafür, den kürzeren Weg zum neuen Eingang auf der entgegengesetzten Seite des Parks zu nehmen, obwohl der ein bisschen unangenehm sei. Besonders jetzt, als man ihn gerade pflasterte.

   Elli, die polnischer Herkunft war und eigentlich Elisabeth hieß, setzte – wie üblich – ihren Willen durch, denn sie war ein lustiges Mädchen. In ihrer Gesellschaft stieß man leicht auf etwas Ulkiges. Oft konnte man aus ihr nicht klug werden. Niemand wusste, woran man mit ihr war. Und die, die etwas wussten, hielten klugerweise den Mund.

   Elli hatte Recht, der Weg war unerfreulich. Eine Gruppe jüdischer Männer lag auf den Knien und hämmerte monoton Stein für Stein in den Sand. Sie wurden von einem sehr jungen Soldaten bewacht, der, wie es sich gehörte, mit Helm und Gewehr versehen war. Unter Bewachung arbeitende Juden waren keine Seltenheit. Aber an diesem Tag fesselte etwas meine Aufmerksamkeit: Ein sehr schlanker Jude in dunkler, schmutziger Kleidung saß tief gebeugt auf dem Kantstein und aß aus einer Blechbüchse. Eine Frau, die ihm vermutlich das Essen gebracht hatte, stand neben ihm. Sie war gepflegt und trug ein schwarzes, elegantes Kostüm und hatte – wie der Mann – einen Davidstern auf ihrer Kleidung. Ich weiß nicht, warum ich zögerte und langsamer ging, bis zwischen mir und den anderen Mädchen ein Abstand entstand. Und ich kann auch nicht sagen, warum ich schließlich stehen blieb. Da geschah es, dass die Jüdin sich umdrehte und mich ansah. Unsere Augen trafen sich – sie hörte nicht auf, mich anzusehen, und ich hielt ihrem Blick stand. Plötzlich  spannte die Frau ihren Rücken. Gab Selbstbewusstsein und Stolz zu erkennen. Und ich wünschte auf einmal, ich könnte zu ihr gehen und ihr etwas sagen. Dieser Wunsch war stark, trotzdem blieb ich wie angewurzelt stehen. Bis eines der Mädchen sich umdrehte und mich rief.

   Wir verlebten ein paar schöne Stunden im Park und beschlossen, den Spaziergang am nächsten Tag zu wiederholen, denn jetzt kamen die wilden Tulpen aus dem Boden hervor, und die Forsythien begannen zu blühen. Wenn der polnische Frühling endlich kommt, überrumpelt er, ist heftig und kurz. Als ob alles, was lebt, weiß, dass es nun an der Zeit sei zu wachsen, um leben zu können. Oder wie wir Mädchen sagten: nun heißt es genießen.

   In der Nacht kreisten meine Gedanken um das jüdische Paar: Morgen, dachte ich, morgen werde ich zu ihm gehen und mit ihm sprechen. Noch wusste ich nicht, was ich eigentlich sagen sollte. Vielleicht kämen die Worte von selbst, wenn ich neben dem Paar stünde. Vielleicht waren Worte gar nicht nötig. Ich mach’ das morgen! Vor dem Wachtposten habe ich keine Angst. Er ist sicher nur ein ganz gewöhnlicher junger Mann, den man eingezogen hat und der nun Wache stehen muss. Während ich mit der Frau spreche, kann der ja woanders hin gucken. Vielleicht muss ich ihn richtig süß anlachen oder ein bisschen mit ihm flirten, wenn er sich verpflichtet fühlen sollte, giftig zu werden.

   Am Tag darauf dieselbe Szene: die Frau, der Mann mit der Suppe und die monoton arbeitenden Juden. Nur der Wachtposten war ein anderer. Ein älterer, breitschultriger Mann mit groben Gesichtszügen. Als ich stehen blieb, starrte er mich an. Drehte sich um und spuckte in den Sand. Ich wagte nicht, ihn durch provozierendes Benehmen zu reizen. Morgen ist ja auch noch ein Tag . . . .

   Aber auch am folgenden Tag ging ich vorbei – Arm in Arm mit Valentine, dem weißrussischen Mädchen aus unserer Klasse. Die Frau stand am Kantstein, und der Mann saß gebeugt im Rinnstein. Alle gingen wir vorüber, als ob die Juden und der Wachtposten nicht existierten. Oder als ob sie Teil unseres Alltags seien. So gingen die Tage dahin: Stets tröstete ich mich mit dem morgigen Tag. Eines Abends kam mir der Gedanke, dass mein Vorhaben vielleicht – nein, ganz sicher – dumm sei. Und nutzlos. Vielleicht auch ein wenig frivol. Zu einem fremden Juden zu sagen: 'Ich verabscheue, was man mit euch macht'! Das war wahnwitzig, das konnte man sich nicht erlauben. Man durfte doch nicht wagen – nicht meinen – nicht sagen, dass man etwas verabscheue, was der Führer befohlen hat. Oder konnte man? Auf welche Weise? In welcher Weise?

   Nein, ich habe nichts unternommen. Ich sah die gebeugten Rücken und die Hände, die Steine in den Sand klopften, sah die Frau. Und den Wachtposten mit dem geschulterten Gewehr und ging vorüber. Allmählich störte mich diese Szenerie nicht mehr. Wenn ich den kürzeren Weg wählte, wusste ich, welcher Anblick mich erwartete – und ich gewöhnte mich daran.

   Einmal, vor langer, langer Zeit, als ich Kind war, hatte Fräulein Hoppe über den ersten Fleck auf der Seele gesprochen. Hatte das Reinhalten der Seele verglichen mit der Pflege von ein paar neuen Schuhen. Sind die Schuhe erst einmal von Straßendreck verschmutzt, wird man gleichgültig gegenüber mehr Schmutz und schließlich auch gegenüber den Schuhen.

   Wir wateten allzu tief im Morast.

 

   Eines schönen Tages war die Straße fertig. Sie sah gut aus, legte Zeugnis ab von peinlicher Genauigkeit: Ein schönes Stück Arbeit, ausgeführt von ungelernten Zwangsarbeitern. Wir Mädchen gingen, wenn wir es eilig hatten, diesen Weg zur und von der Schule. Sonst zogen wir den Umweg durch die Stadt vor, vorbei am Dom und den Klöstern, entlang an dem Gebäude, in dem die Verwundeten von Stalingrad hinter geschlossenen Fenstern und verschlossenen Türen verwahrt wurden.

   Elli tat immer, als ließen sie die seltsamen Verhältnisse der Eingesperrten kalt. Sie besuchte auch nie die Soldaten in den anderen Lazaretten. Sie kam auch nicht zum BDM-Dienst der Hitlerjugend. Nicht, dass es möglich gewesen wäre, den Dienst zu verweigern. Sie wurde unter Gewaltanwendung geholt! Und weil man sie ja nicht durch die Stadt schleppen konnte, kam die Scharführerin auf die Idee, das Mädchen mit einer Pferdedroschke abzuholen. Dieser besondere Transport amüsierte uns alle, auch Elli. Ihre  ganze Familie war polnischer Herkunft, aber Ellis Mutter hatte sich selbst und die beiden Töchter in die deutsche Volksliste eingetragen. Damit behielten sie das Recht, ihr Gut zu bewirtschaften. Elli war blauäugig – was die Augenfarbe anbelangte. Niemand wagte, ihre germanische Abstammung zu bezweifeln. Elli trug nie Uniform. Sie kam uns in vielerlei Beziehung kühn vor. Sie wagte es, ihre Augenbrauen abzurasieren und sie durch schwarze Striche zu ersetzen. Sie benutzte einen Lippenstift, und es konnte ihr einfallen, zu den Hauswirtschaftsstunden mit dunkelroten Fingernägeln zu erscheinen. Die Lehrer machten sie darauf aufmerksam, dass sich ein deutsches Mädchen nicht schminke. Eine Vorhaltung, die Elli schmunzeln ließ oder wozu sie nur mit dem Kopf nickte. Sie vollzog einen Balanceakt. Sie durfte es nicht zu weit treiben, konnte sich nicht erlauben, von der Schule verwiesen zu werden. Manchmal spielte sie das oberflächliche, ein bisschen leichtsinnige Mädchen. Sie spielte ihre unterschiedlichen Rollen ausgezeichnet. Zunächst nahm ich sie alle ernst. Man konnte annehmen, dass Elli alles, wirklich alles um sich herum leicht nahm. Nur ein einziges Mal sah ich während eines Bruchteils einer Minute Angst in ihrem Augen. Da hatte ich gefragt: „Wo ist dein Vater?“ Sie fasste sich sofort. Grinste frech und sagte: „Er hat uns verlassen, meine Mutter, meine Schwester und mich. Er ist einfach abgehauen“.

   Elli hatte ihren eigenen, recht speziellen Freundeskreis. Wir Jugendlichen der Stadt konnten diese Gruppen nicht übersehen, die sich – unserer Ansicht nach – „Spaß und Krach“ als Motto gewählt hatte. Sie sorgte jedenfalls für Gesprächsstoff. Ihr Unfug war harmlos. Oder sollte harmlos wirken. Mit der Zeit  aber begann ich, meine Zweifel zu haben. Andere in der Stadt sicher aus. Aber was Ellis Freunde auch taten oder unterließen, niemand konnte ihnen ein bestimmtes Etikett anheften. Waren sie nur leichtsinnig? Arbeiteten sie für eine ernsthafte Sache? Und in diesem Fall: für welche? Ellis Verhältnis zur Hitler-Jugend war mehr als eindeutig. Spielte sie deshalb die Rolle einer faulen Oberklassengöre? Einer ihrer Freunde war Trącziński (ich habe seinen Vornamen nie gehört). Er war der Sohn eines polnischen Textilfabrikanten aus Łódź. Keiner ahnte, wo sich der Vater aufhielt. Vielleicht hatte die Mutter ihren Sohn und seine Schwester in die deutsche Volksliste eintragen lassen. Dies war sicher nicht auf Grund des Aussehens der Kinder geschehen, denn das war alles andere als germanisch. Der Junge war sichtlich begeistert von der Hitler-Jugend, in der er rasch Führer wurde und in der Rangordnung avancierte. Er war derart begeistert, dass er zum Unterricht in Uniform erschien. Jedenfalls solange er in die Schule des Rektors ging. Trącziński war beliebt. Wo er hinkam, gab es viel Radau, aber – soweit ich weiß – nie richtigen Ärger. Er trug Uniform auch während der Freizeit. Und dann ereignete sich, was keiner in unserer Stadt vergessen konnte: Er radelte durch die Hauptstraße. In Uniform. Mit einem Davidstern auf dem Rücken der Uniformjacke. Der Polizeibeamte, der auf der Straße patrouillierte, bekam bei diesem Anblick einen Schock. Zunächst konnte er den Fahrradfahrer nicht anhalten. Glücklicherweise drehte der „Jude“ um und kam zurück, wo er dann verhaftet werden konnte – zusammen mit seinem Fahrrad. Der Polizist war ein älterer Mann aus der Reserve. Nach kurzer Ausbildung war er in den Polizeidienst übernommen worden. Und hatte nun das Glück, einen solchen Fang zu machen. Einen doppelt und dreifach guten Fang! Ein Jude ohne Papiere in der Stadt! Auf einem Fahrrad! In einer Hitler-Jugend-Uniform mit Führerschnur! Ein keck radelnder Jude mitten auf der Hauptstraße, das war wohl das Unmöglichste der Welt. Und dann die Sprache des Jungen. Er sprach mit stark polnischem Akzent. Auf dem Weg zur Polizeiwache spielte Trącziński den dummschlauen Slawen. Aber plötzlich, auf der Polizeiwache, änderte er diese Haltung. Jetzt war er ein intelligenter Oberklassenjunge, der wirklich keine Ahnung hatte, wie der Stern auf seine Uniform geraten war. Vielleicht hatte ein Bösewicht, ein Schurke, den Stern aufgenäht, während er sich im Klassenraum aufhielt. Als das Verhör sich zuzuspitzen begann, schlug Trącziński dem Polizisten vor, zum Telefon zu greifen und den Bannführer, den obersten Führer der Hitler-Jugend der Stadt, anzurufen. Der nicht anders konnte, als Trącziński das beste Zeugnis auszustellen.

   Trącziński war aber nicht immer Herr der Lage. Er war in Angelegenheiten involviert, die alles andere als harmlos waren und nicht nur jemanden zum Narren hielten  oder  Leuten einen Streich spielten. In der Stadt hörte ich hier und da über einen Aufstand im Lager der Flamen tuscheln. Ich hielt die Ohren weit offen, dachte insbesondere an Rose. Aber alles, was man hörte, war verpackt in Andeutungen und versteckt in unvollständigen Sätzen. Die Mosaiksteinchen ergaben eine Geschichte von drei flämischen Mädchen, die verhaftet und inhaftiert worden waren. Als Anführerin galt ein nicht sonderlich großes Mädchen mit Bubikopf, das Verbindung zu Trącziński hatte. War es Elli, die mir erzählte, dass es für den munteren Jungen schlecht aussah? War es Herta, die berichten konnte, dass Trącziński freigelassen worden war: Er habe behauptet, dass das flämische Mädchen seine Geliebte gewesen sei – wie viele andere auch. Du liebe Zeit, er habe keine Ahnung gehabt, dass das Mädchen Sozialistin sei. - Aber wie war eigentlich diese Verbindung zwischen den Flamen und Trącziński zustande gekommen? Erst als sich die Wogen gelegt hatten, fiel mir ein, dass ein Mädchen aus unserer Erntegruppe Trącziński geheißen hatte und vermutlich seine Schwester war. Aber als solche hatte sie sich nicht zu erkennen gegeben. War sie es, die alles, was in unserem Lager vor sich gegangen war, alles, was die Führerin und wir gesagt hatten, den Flamen weitergab? Sie war immer sehr still gewesen. Hatte sich oft abseits gehalten. Hatte nie unsere Wut auf die Führerin geteilt. Hatte nie versucht, mit den flämischen Mädchen Kontakt aufzunehmen, wenn andere dabei waren. Hatte bei jeder sich bietenden Gelegenheit Uniform getragen. Mit anderen Worten: Sie hatte sich gut getarnt.

   Trączińskis Verbindung mit den Flaminnen, Ziel und Sinn der Sache und deren Verlauf waren schwer zu durchschauen. Aber langsam begann es mir zu dämmern, dass ich hier Zeugin eines raffinierten und durchdachten politischen Kampfes geworden war. Eines Kampfes, der von Seiten der Jugendlichen nur maulwurfartig geführt werden konnte. Zu welchem Zweck? Was erreichten die freiheitssuchenden jungen Menschen? Kam das Mädchen mit der Bubikopffrisur mit dem Leben davon? Die hochgepriesene, glückliche, unersetzliche Jugendzeit – was war mit ihr unter unseren Verhältnissen? Gewiss wollten wir kämpfen – jede auf ihrer Seite. Gewiss waren Maulwurfhügel zu erkennen. Sehr sogar! Aber für Panzerketten kein Hindernis.

 

   Die Stadt war ein Schmelztiegel. Auf unfreiwilliger Basis, wohlgemerkt, und es gab – freundlich formuliert – Spannungen. Auch unsere Klasse war ein Schmelztiegel. Aber hier machte eine gewisse Freiwilligkeit das Zusammenleben und den Zusammenhalt zu einer Quelle von Wissen und Erkenntnis. Und war Balsam auf manche Wunde. In einer Zeit, wo Bücher Mangelware waren, konnten Erzählungen so manche Lücke schließen. Das Leben eines jeden Mädchens gab Stoff für einen Roman. Die Erzählungen über die unterschiedlichen Heimatgebiete hatten mehr Dichte als die besten Geographiebücher. Aber die meisten Mädchen waren sehr wenig geneigt, am Vergangenen, dem Unwiederbringlichen, auf ewig Verlorenen zu rühren. Der Schmerz konnte die Erzählerin übermannen. Und es war peinlich, in Gegenwart der anderen zusammenzubrechen. Man lernte Rücksicht zu nehmen. Fragen nach der Vergangenheit wurden mit großer Zurückhaltung und Vorsicht gestellt. Aber die Wissbegierde verschwand nie ganz.

   Olga aus Bessarabien – wir nannten sie unseren „Araber“ – erzählte nur widerwillig von dem fruchtbaren Land zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr. Viele verschiedene Volksstämme hatten dieses Lang geprägt, viele Fürsten hatten es regiert unter der Oberherrschaft unterschiedlicher Staaten. Wenn Olga schließlich erzählte, hob sie immer das friedliche Miteinander der außerordentlich gemischten Bevölkerung des Landes in den Vordergrund. Eine gemeinsame Existenz, die ein schroffes Ende nahm, als Hitler und Stalin in „bestem Einvernehmen“ das Gebiet unter sich aufteilten, so dass Bessarabien nach dem Ultimatum von 1940 von Rumänien getrennt und der Sowjetunion als „Moldauische SSR“ einverleibt wurde. Das Ergebnis war die Zwangsumsiedlung von 115.000 Bessarabien-Deutschen. Über ihre Empfindungen bei diesem Aufbruch wollte Olga nicht sprechen. Sie und ihre Landsleute waren das „Menschenmaterial“ geworden, das Hitler und Himmler zur Umwandlung Polens in „die neue deutsche Mark“ diente. 115.000 Bessarabiendeutsche mussten Hitler als willkommenes Füllmaterial für die nach der Säuberung von „unerwünschten Elementen“ menschenleeren polnischen Höfen, Dörfern und Städten vorgekommen sein.

   Auch Herta und Hilde aus Wolynien waren  nicht gerade von Erzähllust geplagt, wenn es um ihr Heimatgebiet ging. Doch erfuhren wir, dass ihre Vorfahren einmal im 17. Jahrhundert aus Holland und Friesland nach Wolynien gekommen waren, wo sie Generation für Generation mit erfahrener Hand die Sümpfe trockenlegten. Auch die Wolynien-Deutschen waren auf Grund des Übereinkommens zwischen Hitler und Stalin zwangsumgesiedelt und auf polnischen Höfen angesiedelt worden. Aber Herta erzählte einmal:

   Es kam vor, dass der neue „Eigentümer“ mit seiner Familie am Hoftor stand, bereit zum Einzug, während der ursprüngliche Besitzer von Haus und Hof getrieben wurde“. Ich habe vergessen, ob sie hier von ihrer eigenen Vertreibung vom Hof in Wolynien oder von der des polnischen Bauern gesprochen hatte, als Hertas Familie neuer Inhaber eines Hofes in Polen wurde. Aber es läuft auf dasselbe hinaus. Russen, Polen, Deutsche, Bessarabier, Wolynier, Balten – die Reihe der Volksstämme, die als Schachfiguren in einem politischen Machtspiel ausgenutzt werden konnten, ist lang.

   Eines schönen Frühlingstages war Elli so verliebt, dass sie nur noch summte und sang. Am liebsten auch während der Unterrichtsstunden, womit sie die Lehrer zur Verzweiflung brachte. Der Auserwählte hätte sich Prinz nennen können, wenn nicht die Bolschewiken damals, als sie gegen den Adel vorgegangen waren, seine Eltern getötet hätten. Der Mord geschah auf der Treppe des Hauses. An einem Sommermorgen. Eine alte Frau hatte ihre Arme schützend über die Kinder, den Prinzen und seine Schwester, gelegt. Die Geschichte ist lang. Elli erzählte sie in Bruchstücken. Wir Mädchen hörten gut zu, denn er war ein flotter Bursche. Und, man stelle sich das vor: Ein richtiger Prinz! Elli aber meinte, dass wir sie nicht zu beneiden brauchten: Er habe seine schweren Stunden. Weder den Mord an den Eltern noch die Flucht habe er  verarbeiten können. Ab und zu betränken sich beide, sagte Elli, und das mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Aber ihre Augen, die lachten nie mit.

 

   Auch vom Rektor hieß es eines schönen Tages, dass er Frühlingsgefühle habe. Er hatte nämlich die geniale Idee, ein Stück des Schulhofs in einen fruchtbaren Gemüsegarten zu verwandeln. Es war unsere Klasse, die die ehrenvolle Aufgabe erhielt, sich durch Unkraut und festgetrampelte Erde zu etwas durchzugraben, was Muttererde ähnelte. Unter der nicht immer versierten Leitung unserer Klassenlehrerin Frau Künzer gingen wir an die Arbeit. Elli sträubte sich. Ihre Fingernägel vertrugen keine Berührung mit Hacke uns Spaten. Adeloine dagegen grub und grub und grub. Adeloine rebellierte nie. Auch Emilie versuchte, tüchtig zu sein. Sie habe, wie sie sagte, auf ihrem Hof an der Wolga Erfahrungen beim Umgraben gesammelt. An dem Tag, an dem Gartenarbeit auf dem Stundenplan stand, kreuzte sie in Hitler-Jugend-Uniform auf. Sie hatte wahrscheinlich all’ die Lieder von „Blut und Boden“ und Freiheit und Brot missverstanden. Auch an dieser Schule war der Rektor ein guter Parteisoldat. Und Emilie war heilfroh und ewig dankbar für einen Platz an dieser Schule. Um die Uniform zu schonen, band sie immer eine schwarze Satinschürze vor dieses wertvolle Stück. Sie ahnte nicht, wie komisch sie aussah. Denn, wie Adeloine sagte, solche Schürzen hätten die polnischen Schulmädchen als Uniform angehabt, damals, als ihnen der Schulbesuch noch erlaubt war. Hin und wieder griff Frau Künzer zum Spaten, um uns zu zeigen, wie damit umzugehen sei. Aber auch sie war schnell fix und fertig. Eigentlich konnten wir sie gut leiden. Ich schlug ihr vor, auf dem Abhang vor dem Pförtnerhaus ein Blumenbeet anzulegen. Sie stimmte zu, wenn ich die Pflanzen besorgen könnte. Das war mit Hilfe unseres Nachbarn, des Gärtners, leicht zu machen. Auch Ableger der Feuerlilien von der Wilhelmshöhe fanden in diesem Beet einen Platz. Denn schon lange waren die Lilien ein Teil der Geschichte. Dass die nicht gut ausging, ist weder die Schuld der Lilien noch die meine.

 

   Allmählich begann meine Klasse mit den Vorbereitungen zum Abschlussexamen. Ein paar Mädchen bezweifelten die Anwendbarkeit des Gelernten. Nach Ansicht der Bauerntöchter war der praktische Unterricht oft von allzu viel Theorie geprägt. Aber im Großen und Ganzen betrachteten wir alle das Examenszeugnis als das wichtigste Ergebnis des Schuljahrs. Es eröffnete uns weitere Ausbildungsmöglichkeiten und bedeutete gleichzeitig die Freistellung von der Einberufung zum sogenannten Pflichtjahr und dem außerordentlich unpopulären Arbeitsdienst. Keine machte sich etwas aus einem einjährigen Aufenthalt in einem weit entfernten Lager. Keine konnte sich für Uniformzwang, militärische Disziplin, politische Schulung und unbezahltes Schuften ('fünfundzwanzig Pfennig ist der Reinverdienst, ein jeder muss zum Arbeitsdienst') auf einem Bauernhof begeistern. Auch das Lied  „Die dunkle Nacht ist nun vorbei“ mit dem Refrain „Braun wie die Erde ist unser Kleid, braune Soldaten in schwerer Zeit . . .“. war kein Anreiz. Ach ja, die erdbraunen Sachen konnte die Partei gern selbst behalten.

   Mit dem Examenszeugnis in der Hand konnten wir auf folgendes verweisen:

 

   „Das Abschlußzeugnis der einjährigen Haushaltungsschule (Berufsfachschule) befreit von der Verpflichtung zum Besuch der hauswirtschaftlichen Berufsschule im Sinne des § 9 Abs. 3a Satz 1 des Gesetzes über die Schulpflicht im Deutschen Reich vom 6.Juli 1938 (RGBl I S. 799) und vom hauswirtschaftlichen Unterricht der kaufmännischen Berufsschulen gemäß den entsprechenden Ausführungsanweisungen“.

 

   Das Examenszeugnis berechtigte uns auch zum Besuch der Frauenfachschule, die sich im selben Gebäude befand. Trotz guter Zensuren verweigerte der Rektor  Elli wegen ihres „unpassenden, bisweilen demonstrativ oppositionellen Auftretens“  den Zugang zu einer  weiteren beruflichen Ausbildung. Ein anderes Mädchen, Helene, das auch aus Polen stammte, war nicht zur Prüfung zugelassen worden. Helene hatte allzu viele Unterrichtsstunden versäumt und die Hausaufgaben immer sehr schlampig gemacht. Die ukrainische Olga wäre fast durchgefallen. Ihre Zunge hatte es mit der deutschen Sprache schwer. Und im Fach Hauswirtschaft  mischte sie während der Prüfung Rote Beete in den Kartoffelsalat, während Fräulein Bréchot und der Prüfungsvorsitzende ihr entsetzte Blicke zuwarfen. Bei der allgemeinen Bewertung versuchte Olga, sich zu verteidigen: In der Aufgabe zum Kochen stünden die Worte „unter Zuhilfenahme der eigenen Phantasie“. Und, wie Olga behauptete, zu Hause in der Ukraine gebe man Rote Beete in alles Mögliche – in Suppen und helle Soßen, in Gerichte mit Gemüse und mit Fleisch. Rote Beete könne man eigentlich nie genug verwenden. Sie gäben Geschmack und Farbe und seien obendrein gesund. Warum muss Kartoffelsalat bleich aussehen und nicht rosa? Euer Heringssalat ist rosa.  – Ja, sie war wirklich den Tränen nahe, während sie von den ausgezeichneten Gerichten der heimatlichen Küche erzählte.

 

   Aber Olga, unser Araber, unterbrach sie mit der logischen Erklärung, dass hier ja nicht zu Hause sei. Und wenn der Kartoffelsalat bleich auszusehen habe, so müsse man ihn so bleich wie einen kranken Mond machen. Jeder Tag in der Fremde sei wie ein Examen, das bestanden werden wollte. „Hinter deinen eigenen Türen kannst du so viel rosa Kartoffelsalat machen, wie du willst. Aber während der Prüfung musst du der vorgegebenen Linie folgen. Auch wenn man bei der Aufgabenstellung gesagt hätte, dass wir das Essen mit Hilfe unserer Phantasie zubereiten sollten“. -

   Das ganze endete damit, dass man sich nach langer Beratung  entschied, Olga bestehen zu lassen.

    Dann wurde es mit aller Macht Sommer. Und aus Berlin traf eine Gruppe hoher Jugendführer ein. Alle Kinder und Jugendliche über 10 Jahren mussten aufkreuzen. Selbstverständlich in makelloser Uniform. Also mit dem schwarzen Dreieck „Ost Wartheland“ auf dem linken Ärmel der Bluse. Wir, die wir aus dem Altreich kamen, weigerten uns zumeist, dieses Dreieck zu benutzen. Wie eine kleine Erinnerung an unsere Heimat verwendeten wir die Bezeichnung für unseren Heimatdistrikt. Deshalb nähte ich mein „Nord Nordmark“ mit kleinen, festen Stichen am Ärmel der Bluse fest. Dasselbe tat Annemie mit ihrem „Bayern“. Elli kam in einem eleganten blauen Sommerkleid. Sie war mehr als üblich geschminkt, aber auch ohne Schminke wäre sie in dieser Versammlung als leuchtende himmelblaue Blume unter uns einförmigen Gänseblümchen erschienen. Im Saal suchte sich Elli zielstrebig einen Platz auf der linken Seite des Mittelgangs. Als der Saal voll war, kam Gerti, unsere Führerin, und schritt die Reihen mit einem kleinen Eimer in der Hand ab. Der Eimer enthielt Leim. Sie ging systematisch vor und entfernte alle Dreiecke mit einer „falschen“ Aufschrift und klebte stattdessen ein „Ost Wartheland“ auf den Ärmel der Bluse. Niemand protestierte, alle ließen das geschehen. An Elli, die neben mir saß, ging sie vorbei, ohne sie eines Blicks zu würdigen. Erst als sie mein Dreieck festgenäht fand, sah ich in Gertis Gesicht Wut. Sie nahm einen ordentlichen Klecks Leim, schmierte den über das Dreieck und einen Teil meines Blusenärmels und setzte eins mit „Ost Wartheland“ drauf. Eine Weile drückte sie es fest, während sich unsere Augen trafen. Ich hatte große Lust, sie zu schlagen, aber ich ließ sie tun, was sie wollte.  Man hatte einen Posten an die Tür des Saales, einen an den Eingang des Hauses und einen auf den Bürgersteig vor dem Haus gestellt. Bei Ankunft der hohen Gäste sollten die Wachtposten strammstehen und der Reihe nach „Achtung!“ rufen, so dass wir im Saal uns erheben und sie mit ausgestrecktem Arm empfangen konnten. Sie kamen mit Verspätung, wie das bei solchen Leuten üblich ist. Endlich schrieen die Wachtposten wie ein Echo „Achtung!“ und die Delegation marschierte mit festem Schritt in den Saal. Als sie zu unserer Reihe kam, zog Elli plötzlich einen Beutel mit Konfetti aus der Tasche ihres Kleides. Mit einer weiten Armbewegung warf sie es über all’ die hehren Köpfe. Es war – so war es uns ja befohlen worden – beim Einmarsch der Gäste im Saal mucksmäuschenstill. So konnten alle, wirklich alle, Elli sagen hören – und das unter Hervorhebung des polnischen Akzents:

   „So ein Zirkus!“

   Nur den Bruchteil einer Sekunde erstarrten die Einmarschierenden. Aber dann machten sie weiter, als ob nichts geschehen sei. Sie machten nicht den geringsten Versuch, das Konfetti aus den Haaren und von den Uniformen zu entfernen. Gingen so geschmückt auch nach vorn zum Podium. Die Reden sollten von den großen Fortschritten handeln, die wir in dem „neuen deutschen Land“, im Wartheland, gemacht hatten. Sie sollten auch unsere Fähigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache in den Mittelpunkt stellen. Und das taten sie auch. Das heißt, zunächst; den Rest kriegten wir nicht mit, der ging nämlich in unserem Gelächter unter.

   Es wurde nie aufgeklärt, wer mit dieser Kicherei und Lacherei begonnen hatte. Nie zuvor und nie danach in meinem Leben – auch nicht bei amüsantesten Theaterstücken – habe ich einen solchen Saal von glucksenden, schallend lachenden, vor Fröhlichkeit prustenden Menschen erlebt wie bei dieser festlichen Versammlung.

   Die Folgen? Besonders für Elli? Keine. Keine Erwähnung, keine Anklage, keine Drohung, keine Strafe, keine Verhaftung gaben in der Stadt Stoff für Gerede. Die Partei fand es am klügsten, diesen Vorfall totzuschweigen.

   Ja, nun war es wirklich Sommer.  Leider erhielt ich eine Vorladung zu einem Treffen mit der Bannmädelführerin der Stadt, die mir meine ehrenvolle Versetzung von der Gesang- und Theatergruppe in die Reihen der Auserwählten, die „Führernachwuchsschar“ genannt wurde, mitteilte. Ich hätte  Führerqualitäten -  sagte sie. Sie fügte auch hinzu, dass es unklug wäre, diese ehrenvolle Beförderung abzulehnen.

   Ich befolgte Vaters Rat und sprach nach mehreren „Unterrichtsstunden“ – bei denen ich mich gefügig und interessiert gezeigt hatte – mit meiner neuen Führerin. Mit sorgfältig gewählten Worten sagte ich ihr, dass ich zuerst meine Ausbildung beenden müsse. Halbherzig nämlich wollte ich an die neue Sache nicht herangehen. Sie zeigte hierfür Verständnis und half mir dabei, einen Antrag auf vorläufige Freistellung zu formulieren. Diesem wurde stattgegeben.

 

   Wir hatten uns bei Reni verabredet. Es war einer der herrlichen Sommertage, an denen die Sonne schien, ohne zu stechen. Ich hatte eigentlich am meisten Lust zu einer Tour auf die andere Seite des Flusses, aber Annemie und Reni schlugen einen Bummel durch die Stadt vor. Annemie war noch nicht da und Reni dabei, ihre Haare zu „richten“ – das würde dauern!  Sie bat mich, im Wohnzimmer zu warten. Eine ältere Dame, eine entfernte Verwandte, war von weit her auf Besuch gekommen. Mit ihr könne ich ja sprechen. Die Dame saß – der Tür gegenüber – am Fenster. Ich begrüßte sie mit „Heil Hitler!“. Sie erwiderte den Gruß nicht, sondern sah mich nur über ihre Brillengläser an. Und dann fragte sie, ob ich mir darüber klar sei, was ich gesagt hätte. Ich antwortete – was richtig war – dass ich nichts gesagt hätte. Bis mir aufging, dass sie meinen Gruß meinte. Sie fragte tatsächlich, ob mir die Bedeutung dieses Grußes klar sei. Ich hatte keine Lust, mit ihr zu sprechen. Sie schien streitsüchtig zu sein, war über meine Art zu grüßen verärgert. Vielleicht war sie sich nicht darüber im Klaren, dass wir beide Gäste im Haus eines SA-Mannes waren. Nach einer Pause fragte sie mich, ob ich denn nicht aus Hamburg sei.

   „Weißt du nicht, dass deine Stadt brennt?“

   „Brennt?“

   „Ja, vielleicht wirst du nun im Stande sein, deinen „obligatorischen Gruß“ zu vergessen. Deine Stadt brennt! Und sie wird immer noch bombardiert. Tag und Nacht. Tag und Nacht. Minen, Bomben, Brandbomben und Phosphor fallen nieder auf deine Stadt. Ein Feuersturm fegt durch die Stadt, reißt alles um, alles, versengt, verkohlt alles. Alles Lebendige, alle Gebäude, alle Menschen. Alles“.

   „Brennt? Was ist Feuersturm?“  Und nach einer Pause: „Woher wissen Sie das?“

   So schnell mich meine Beine trugen, lief ich nach Hause. Mutter war glücklicherweise da. Ja – sie hatte von den Angriffen auf Hamburg gehört. Die Nachricht war durchs Radio gekommen. Das heißt, die übliche, kurze Mitteilungen vom „Oberkommando der Wehrmacht“: Große Einheiten britischer Flugzeuge hätten Terrorangriffe auf Hamburg geflogen. Die Folgen seien große Schäden in Wohngebieten, an Industrie, kulturell wichtigen Gebäuden und große Verlusten unter der Zivilbevölkerung gewesen. – Mehr wusste Mutter nicht. Sie hatte schon einen Brief an Frau Radecke, unsere Nachbarin geschrieben. Sicherlich werde eines Tages eine ausführlichere Antwort kommen.

   Monate später schrieb Wolfgang, der in Frankreich Dienst tat, einen Brief in dem kurzen, nüchternen Stil, den er sich angewöhnt hatte:  Einer seiner Kameraden hatte, während er in Hamburg auf Urlaub war, die Angriffe vom 24. Juli bis zum 3. August erlebt. Ein anderer Kamerad war auf Urlaub gefahren und hatte sein Haus zerstört gefunden. Wochenlang hatte er nach seiner Familie gesucht und sie nicht gefunden.

   „Unsere Stadt ist jetzt nur noch ein Trümmerhaufen“, schreibt Wolfgang ohne Andeutung eines Gefühls. Einmal hatte er geschrieben, dass Hamburg der einzige Ort sei, an dem er zu Hause ist; sobald der Krieg vorbei ist, werde er nach Hause zurückkehren! Nun verbirgt er seine Gefühle. Auch ich vermag nicht, mir ein Bild des Geschehenen zu machen. Eine so schöne Stadt – total zerstört – ist das möglich? Eine Stadt mit Menschen und Erinnerungen.

   Dann kommen Briefe von der Familie und von Freunden. Sind sie in Hamburg geschrieben worden und an Mutter gerichtet, versteckt sie sie. Ich bitte sie, damit aufzuhören, mich auf diese Weise zu „schonen“. Schließlich erfahre ich, dass Tante Berta, Tante Lina und Onkel Jürgen nach dem Feuersturm in ihr Schrebergartenhäuschen gezogen seien, obwohl ihr Haus in Altona bewohnbar ist. „Es sind die Bäume“, schreibt Berta, „die uns alle deprimieren, insbesondere Jürgen. Die Bäume haben keine Blätter mehr, weil sie versengt worden sind. Hier im Schrebergarten sind die Pflanzen zumindest heil. Die Welt ist es nicht. Einer aus Jürgens Familie liegt im Krankenhaus. Gnade uns allen Gott. Der Krankenhauskomplex in Eppendorf hat während des ersten Angriffs ein paar Volltreffer bekommen . . .“.

   Sofort dachte ich an Lori, die wegen Tuberkulose in Eppendorf eingewiesen worden war. Ich schrieb ihr sofort einen Brief, wählte sicherheitshalber die Adresse in der Straße unserer Kindheit. Aber ich erhielt darauf nie eine Antwort. Doch kam ein Brief von Frau Radecke, unserer gemeinsamen Nachbarin, und den gab mir Mutter zu lesen:

   „Unser Stadtteil entging – Gott sei Dank – der völligen Zerstörung. Aber Lori - . Die Bombenangriffe auf Hamburg waren noch im Gang, als ich sie eines Vormittags auf dem Gartenpfad zum Haus gehen sah. Sie war von oben bis unten schwarz von Ruß. Sie ging barfuß – im Unterrock. Die Bomben hatten einige der Gebäude des Krankenhauses getroffen, bevor sie sich ein Kleid hatte anziehen können. Zwei Tage war sie umhergeirrt, hatte versucht, nach Hause zu kommen – ohne zu wissen, ob das Haus überhaupt noch steht . . .“.

   Lori hat nie berichtet, was sie auf dieser langen Wanderung gesehen und was sie gedacht hatte. Sie sagte, sie werde das auch niemals tun. Einmal habe sie versucht, ihrem Mann, der den Krieg als Marinesoldat mitgemacht hatte, etwas zu erzählen. Aber der habe ihr nicht glauben wollen. Sie hatte nicht die richtigen Worte gefunden. Denn das, was sie als Kind gesehen hatte, kann nicht mit den Worten eines Erwachsenen beschrieben werden.

   Zur Silberhochzeit schenkte sie mir das Buch „Das Abenteuer, das Hamburg heißt“. Das Buch ist geschrieben worden von einem „Nicht-Hamburger“, von einem Balten mit dem skandinavischen Namen Erik Verg. Er beschreibt die Geschichte von Loris und meiner Stadt mit einer Liebe und einem Einfühlungsvermögen ohnegleichen. Wie ein Vogel Phoenix hat sich Hamburg aus der Asche erhoben. Unsere Erinnerungen sind für unsere Nachkommen Geschichte geworden, eine Erzählung aus längst vergangenen Tagen. Aber wir, die damals lebten, wir hoffen, dass die Berichte über Hamburgs Untergang nachdenklich stimmen - alle die Berichte, die wir geben können, und alle, die nicht über unsere Lippen kommen, die aber andere an unser statt geben können.

   Verg schreibt: „Vom 24. Juli bis zum 3. August führten die Alliierten die größte Luftoperation durch, die es je gegen eine Stadt gegeben hat. In zehn Nächten und in neun Tagen erlitt Hamburg die größte Katastrophe seiner Geschichte Die englische Militärsprache ist um eine Vokabel reicher geworden: 'Hamburgisieren' heißt fortan die systematische Vernichtung  nach dem Modell des 'Unternehmens Gomorrha'. . . . Es lief alles, wie Luftmarschall Harris es sich ausgedacht hatte: In der Nacht zum Sonntag, dem 25. Juli, greifen die ersten 791 Bomber Hamburg an. Die Schäden und Verluste in Eimsbüttel, Altona, auf St. Pauli, in Hoheluft und Eppendorf sind groß, größer als alles, was Hamburg vorher erlebt hat. Bei allen bisherigen Luftangriffen waren seit Kriegsbeginn 1.436 Menschen umgekommen. In dieser Nacht waren es 1.500. Zum genauen Zählen hatte niemand Zeit.

   Aber 'Gomorrha' bricht erst in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch an, als 787 Bomber ihre tödliche Fracht über Hamm, Horn, Borgfelde, Eilbek, Hammerbrook und Rothenburgsort abladen. Hier leben 427.637 Menschen. Man schätzt, dass seit Montag 100.00 Obdachlose aus den anderen Stadtteilen hier Zuflucht gesucht haben. In der Nacht zum 28. Juli sterben 43.000 Menschen. 93 Prozent aller Gebäude in diesen Stadtteilen werden total zerstört. Auf jeden Quadratkilometer der südöstlichen Stadtteile fallen 39 Minen, 803 Sprengbomben und  99.162 Brandbomben“ [vgl. S. 210, 214].

   Die Briten griffen während der Nacht, die Amerikaner bei Tage an. Die Aktion wurde durchgeführt unter dem Decknamen „Gomorrha“, und der Name offenbart, dass sie wussten, was sie taten. Sie müssen den Text der Bibel gekannt haben – 1. Buch Mosis, Kap.19, Vers 23 bis 25.  Immer wird man seit dieser Aktion gegen Hamburg bei der Wiedergabe der Geschichte die Worte aus dem 1. Buch Mosis zitieren: „Und die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam. Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war“.

   Luftmarschall Harris hatte vor Beginn der Angriffe klargemacht, dass die Schlacht über Hamburg nicht in einer einzigen Nacht gewonnen werden könne. Auch nach zehn Nächten und Tagen war die Schlacht noch nicht gewonnen, denn nicht alle Stadtteile lagen in Ruinen. Trotzdem musste die Aktion abgebrochen werden. Denn Luftmarschall Harris besaß nicht alle Macht.

   Erik Verg schreibt: „Von Donnerstag auf Freitag warfen 1.100 Bomber ihre tödliche Last auf Barmbek und Stadtteile rund um die Alster. Endlich, in der Nacht zum Dienstag, dem 3. August, hatte der Himmel ein Einsehen. Ein Gewitter brach los – mit einer solchen Urgewalt, wie man noch keines erlebt hatte. Die deutsche Flugabwehr hatte in der ganzen Zeit nur 35 Angreifer abschießen können, nun drohte der Himmel den letzten Verband von 800 Maschinen in die Tiefe zu stoßen. Die Piloten drehten ab, sie kehrten um, warfen ihre Bomben irgendwohin, auf Wedel zum Beispiel, und kehrten heim. Das Unternehmen Gomorrha war beendet“ [vgl. S. 216].

   Das Buch stellt auch die abschließende schreckliche Rechnung der Angriffe auf. Enorme Zahlen, aber ich war nie imstande, sie mit Worten in beschreibende Bilder umzusetzen. Begreife sie einfach nicht, werde sie wohl nie begreifen. Der Verfasser des Buches muss wohl mit dieser Reaktion gerechnet haben. Er gibt die Tagebuchaufzeichnungen eines Baumeisters wieder, der 24 Jahre lang das Seine getan hatte, diese Stadt zu verschönern:            

   „Schaudernd blickt der Verschonte in die geisterhaft erhellte Nacht hinaus, von allen Seiten hört er das Knistern der Flammen, das sich manchmal bis zum Tosen steigert. Bisweilen wird das übertönt von einer furchtbaren Explosion. . . . Das Schreckliche, unvergesslich Schauerliche aber ist, dass in all diesem elementaren Geschehen auch nicht ein Ton von Menschenstimmen erschallt. Kein Rufen, kein Befehlen, kein Klagen, kein Schreien. Alles Menschliche ist stumm geworden, als hätte der Tod es schon hinweggerafft. . . . . Und das bleibt so. Auch wenn der Sommermorgen längst heraufgezogen ist, blickt der Himmel schwarz herab und zeigt nur am Rand des Horizonts einen schmalen, hellgrünen Streifen, dunkelblutig aber steht der Sonnenball, seltsam verkleinert, als wäre es der Mond am geschändeten Himmel“ [vgl. S. 216; die Tagebuchaufzeichnungen stammen von dem bedeutenden Hamburger Architekten Fritz Schumacher].

 

   Viele Jahre später schenkte mir Frau Radeckes Sohn Erich das Buch „Feuersturm über Hamburg“. In allen Einzelheiten bis hin zum kleinsten Detail werden hier in chronologischer Reihenfolge (sowohl von Seiten der Angreifer als auch der Opfer) die Luftangriffe auf Hamburg während der Jahre 1939 bis 1945 beleuchtet, berichtet, wiedergegeben, belegt. Dieser Bericht muss für immer eine schwere Bürde für uns alle sein. Für das Oberkommando der Wehrmacht mit Hitler und Göring an der Spitze, für den Planer Luftmarschall Harris und alle seine Untergebenen, für die Menschen in dieser Stadt, der dasselbe Schicksal wie Gomorrha zugedacht war, für die Überlebenden und die Hinterbliebenen, für alle, die diese Stadt liebten, für alle Menschen.

   Später, zum 50. Jahrestag des Feuersturms über Hamburg, lese ich in einem im „Spiegel“  abgedruckten Dokument:   

   „Als die Bombenflugzeuge den Zielraum verließen, funkte der Staffelkapitän dem Fliegersergeanten Parry: 'Die armen Schweine da unten!'“ Sein Mitleid war auf die Menschen in der brennenden Stadt gemünzt.

   Beim Lesen dieser Zeilen erinnerte ich mich an Hitlers oft zitierten Wutausbruch nach den Angriffen am 25. Juli. Worte, die er wiederholt, als Ende August die endgültigen Verlustzahlen der Aktion Gomorrha über Hamburg vorliegen:

   „. . . Terror bricht man mit Terror! Man muss mit Gegenoffensiven antworten – alles andere ist Unsinn“.

   So ist der Krieg! Und Berichte darüber werden immer Erzählungen von Vergeltung, werden Berichte über ein „Auge um Auge, Zahn für Zahn“ sein, und hierbei wird lieber – um das Ganze wirkungsvoll zu gestalten – ein Zahn mehr zugelegt als beim letzten Schlag.

   Man kann seine Feinde nicht lieben. Ich jedenfalls kann es nicht. Aber ich kann meinen Nächsten lieben, den Menschen, der mein Nächster ist. Also den Menschen, der mein Feind ist. Wenn es nicht anders geht, kann ich den Menschen bemitleiden, der alles, was mir lieb ist, zerstören muss. Auch mein Leben, wenn es sein muss. Ich kann diesen Menschen nur tief bedauern, denn ich weiß, wir könnten uns vertragen und vielleicht in Freundschaft miteinander leben, wenn wir frei über unser Tun und Lassen bestimmen könnten. Wenn keine Macht der Welt unser Sinnen und Trachten trüben kann. Ich kann  meine Feinde bedauern, wie ich mich selbst bedauern kann. In dieser Hinsicht kann ich vielleicht  sagen: Ich liebe meine Feinde wie mich selbst.

   Vor 2000 Jahren sprach Jesus zu uns die befreienden Worte über die „Feindesliebe“. Und das waren Worte, die wir Menschen täglich erproben müssten. Aber als Hamburg ein Gomorrha wurde und später, an anderen dunklen Tagen, kam mir das Neue Testament nicht in den Sinn. Mitten in der Hölle der Vergeltung konnte es geschehen, dass der Zweifel an Gottes  Liebe und seiner Nähe überhand nahm. Aber die Zeit schreitet fort, und alles hat seine Zeit. Am Nullpunkt, in der tiefsten Verlassenheit, kam die Erkenntnis der Liebe Gottes. So liebt ER die Welt, dass ER seinen Sohn in das von den Menschen geschaffenen Jammertal, auf diese vom Hass verdunkelte Erde sandte. Ja, so liebt ER die Welt!

   Es war der Gedanke an Jesu Leiden am Kreuz, das mir Aussöhnung schenkte.

 

   Im Sommer 1943 wurde die Reserve von der Reserve der Reserve zum „Kampf für den Endsieg“ oder zum „Kampf um jeden Handbreit Boden bis zum letzten Tropfen Blut“ einberufen. In diesem Sommer wurde auch Herr Par, der Baptist, unser beliebter Musiklehrer, zum Frontdienst eingezogen. Er, der nicht auf seine Brüder schießen konnte. Die Machthaber hätten ihn als „Verbrecher wider die Kriegsmoral“ gehenkt, wenn er den Kriegsdienst verweigert hätte. Als Vater dreier Kinder konnte er diesen Ausweg nicht wählen. Er hatte Heimaturlaub, bevor er zur Front musste. Am letzten Tag, einem Sonntag, erschoss er sich. Offiziell hieß es, dass er durch einen versehentlichen Schuss, der sich beim Reinigen seiner Waffe gelöst hatte, gestorben sei. Die Beerdigung fand mitten in der Erntezeit statt. Die Leute kamen von nah und fern, denn er war ein beliebter Mann in seiner Heimat Galizien und in unserer Stadt gewesen. Die Bauern ließen die Erntearbeit liegen, um an seinem Begräbnis teilzunehmen. Es war ein wunderschöner sonniger Tag. Ein Tag, wie ihn Herr Par geliebt hatte. Als wir unter freiem Himmel an seinem Sarg standen, kam ein Bauer zu uns Mädchen, um zu fragen, ob wir ein letztes Mal ein paar Lieder für unseren Lehrer singen würden. Und das wollten wir mehr als gerne. Und wir wählten diese Lieder sorgfältig aus.

 

   Am 20. August 1943 begann ich auf der von so vielen begehrten Fachschule. Dort war Platz für 16 Mädchen, aber wie ich auf ein paar Bildern von damals sehe, waren 17 aufgenommen worden. Mag sein, man hatte damit gerechnet, dass jemand verzichtete oder aufgab, was jedoch nicht geschah. Aber wenn man zusammenrückt, ist immer noch Platz für einen zusätzlich. Die Mentalität in dieser Klasse unterschied sich nicht von der vorigen – ausgenommen in einem: die Mädchen waren in ihrer Ausbildung zielgerichteter. So sehr wir Mädchen aus der vorhergehenden Klasse Elli und alle ihre Eskapaden vermissten, in der neuen Klasse wäre sie – trotz aller ihrer lustigen Einfälle – ein Störfaktor gewesen.

   Nach dem Unterricht blieben wir einige Male im Klassenraum, um miteinander zu sprechen. Politik ließen wir am liebsten links liegen. Religiöse Fragen waren ein neues Element in unseren Gesprächen. Erster Anlass war Trautes unverrückbarer Glaube an die Unfehlbarkeit des Papstes. Die Wellen gingen bei diesen Gesprächen einige Male hoch. Immerhin gehörten zu uns Baptisten, Katholiken, russisch Orthodoxe, Protestanten und Atheisten. Ganz vorsichtig versuchten wir, über Mussolinis Gefangennahme durch die Italiener [25. Juli 1943] und seine Befreiung durch die Deutschen [12. September 1943] zu sprechen. Einige vermuteten, dass die Italiener sich rasch von den Deutschen trennen würden, um eine Gleichstellung mit den Alliierten zu erreichen. Und andere meinten, dass dies ganz gleichgültig sein könne, da die Italiener ohnehin keine guten Soldaten seien. Die Briten würden sich für ein Bündnis mit Italien bedanken. Wartet nur ab! In dem Augenblick, in dem sich das Blatt wendet und die Deutschen wieder siegen, würden die Italiener den Briten in den Rücken fallen. Ja, wartet nur. Wir versuchten, mit Frau Künzer über dieses Thema zu sprechen. Aber sie war wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzieht.

   Ich kann mich nicht erinnern, wie viel die Bevölkerung über die tatsächlichen Verhältnisse Bescheid wusste, die ich nun in Geschichtsbüchern nachlesen kann:

   „Am Morgen des 3. September 1943 landen Montgomerys Soldaten auf dem europäischen Festland. Am selben Tag wird in Rom die Vollmacht erteilt, die Kapitulation Italiens zu unterschreiben, verbunden mit der Forderung, sie vorläufig geheim zu halten. Im Oktober erklärt die Kapitulationsregierung Badoglio Deutschland den Krieg“.  

   Ich erinnere mich sehr deutlich an die Schließung aller Klöster. Nonnen in ihrem Habit verschwanden aus dem Straßenbild. Um sich versorgen zu können, versuchten sie, bei unterschiedlichen Institutionen Arbeit zu bekommen.

   Und ich erinnere mich an Mutters Unruhe und Angst. Wolfgang war als Funker zur Bereitschaft gekommen und arbeitete Tag und Nacht, als sich die Briten die Herrschaft über die Straße von Messina erkämpften. Er durfte nicht das Geringste berichten, aber Mutter setzte aus einzelnen Worten und Bemerkungen ein Bild zusammen. Der Sommer war warm. Wolfgang klagte über die Hitze. Im Pendelverkehr fuhren Schiffe als Truppentransporter über das Mittelmeer von Sizilien nach Frankreich. Mehr als alles andere fürchtete Mutter, dass Wolfgang dem Druck nicht standhalten könne und seine alte Krankheit wieder ausbrechen werde. Und sie sollte Recht behalten. Nur wenige Monate später wurde er wieder krank. So krank, dass das Militär keine Verwendung mehr für ihn hatte. 'Schwerkriegsbeschädigt Klasse 4' stand in seinem Ausweis. Schlimmer konnte es nicht kommen. Aber noch wussten wir nichts. Noch ahnten wir nicht, dass der Kampf um die Straße von Messina Wolfgangs Schicksal war. Als der Herbst in den Winter überging, kam er noch einmal auf Urlaub. Er brachte Kleiderstoff mit, hübsche Handschuhe aus weichem Leder mit gehäkeltem Handrücken. Und ein Paar sehr hohe Korkschuhe. Alles für mich. Nie zuvor hatte er mir so viele schöne Geschenke machen können.  

 

   Eines Nachts wurden die letzten Juden abtransportiert. Das Ghetto wurde in Brand gesetzt. Ich kann hierfür kein genaues Datum nennen. Aber ich weiß, dass Wolfgang Urlaub hatte. Erinnere mich an ganz bestimmte Bilder. Bevor ein Haus angezündet wurde, schleppten ein paar Männer der Wachtmannschaft Wertgegenstände aus den armseligen Holzhäusern: Schöne Spiegel, Kristall, Gemälde, die die Juden aus ihren einstigen Wohnungen mitgeschleppt hatten. Anfangs vermutete ich, dass sich die Wachtposten dieses nun herrenlose Gut aneignen würden. Das wäre immerhin verständlich gewesen, denn sie hatten nie dergleichen besessen. Aber zu Wolfgangs und meinem Entsetzen begannen die Männer, Steine auf die aufgestapelten Gläser, auf das Kristall und Porzellan zu werfen. Sie taten das unter Geschrei und rohem Gelächter. Es konnte einem wirklich angst und bange werden.

   Ich weiß nicht, ob ich mir die Frage gestellt habe, wohin man die Juden transportierte. Monate vorher hatte ich mehr als einmal gehört, dass alle Juden – auch die aus dem Ghetto unserer Stadt – in ein Sammellager in der Nähe von Łódź (damals Litzmannstadt genannt) kämen.

   Wir haben nie wieder einen Menschen mit einem Davidstern gesehen. Aber wir sahen Flüchtlinge aus dem Osten in die Stadt kommen. Meistens in Viehwagen. Wir entdeckten auch, dass ganze Gymnasien mit ihren Lehrern aus den bombengeplagten Städten in den jetzt leergeräumten Klöstern untergebracht waren. Die Jungen aus Berlin belebten das Straßenbild. Wir Mädchen waren nicht blind – sie waren anders.  Wie sehr sie das waren, zeigte sich, als alle Schülerinnen und Schüler noch einmal einen Film sehen sollten, der uns etwas über die Wertlosigkeit einer Menschengruppe vermitteln sollte. Zu diesen Vorstellungen kamen alle Schulkinder und Jugendlichen in Marschkolonnen, die sich nach Schulen und Klassen gesammelt und entsprechend aufgestellt hatten. Aber die Berliner, die kamen angeschlendert. Keiner von ihnen war uniformiert. Den Mantelkragen hatten sie hochgeschlagen und die Hände tief in den Taschen vergraben. Sie marschierten auch nicht in einer Kolonne. Ein Hitler-Jugend-Führer bezeichnete sie als „Sauhaufen“. Aber wir Mädchen, wir fanden sie schick. Und so geschah, was geschehen musste. Denn Jungen sind wie Männer mit besonderen Sensoren versehen, die unverzüglich Bewunderung auffangen. Sie wussten gut, dass ihnen unsere Blicke folgten. Und es dauerte nicht lange, bis drei von ihnen - Walter, Hardy, Heinz - Freunde des  Kleeblatts wurden. 

   Von der Großstadt geprägt, brachten sie eine neue Farbe in unseren Alltag. Wir sechs waren oft zusammen. Immer auf die Straße verwiesen, auch jetzt, wo es dunkel und kalt wurde. Jugendliche unter 16 Jahren durften ohne Begleitung eines Erwachsenen keine Konditoreien und Gaststätten besuchen. Und Reni und ich hatten einmal das Beschämende erlebt, dass wir an einem Nachmittag in einer Konditorei nur wegen unseres kindlichen Aussehens nicht bedient wurden. Wir trieben uns also herum und redeten und lachten. Man bedenke, anderswo auf unserer Erde gingen junge Menschen in die Tanzschule oder auf  Feste. Doch gab es auch Familien, in denen ein Junge zu der Tochter eines Vaters zu Besuch kommen durfte. Aber mein Vater liebte das Interesse der Jungen für mich ganz und gar nicht. Er meinte, dass ich noch „zu jung“ sei. Ich hatte ihm versprechen müssen, dass ich mich nie mit einem Soldaten aus dem Lazarett in der Stadt zeigte. Das konnte ich gut verstehen, denn ein Mädchen, das des öfteren mit einem uniformierten Wesen gesehen wurde, gab schnell Anlass für Klatsch und Tratsch.

   Während der Adventszeit lernten wir in der Schule, Spekulatius zu backen. Der Teig muss in ausgeschnitzte Holzformen gepresst werden. Vaters Augen strahlten, als ich dieses  Gebäck erwähnte, denn das waren die Weihnachtsplätzchen seiner Mutter. Eines Nachmittags, als Vater mit irgendetwas im Hühnerstall beschäftigt war, begann ich zu backen. Der Duft der Gewürze breitete sich aus – ich ahnte nicht, wie weit wohlbekannte Weihnachtsdüfte reichen können. Vater kam herein, lächelte, pfiff, füllte in aller Heimlichkeit seine Taschen – wie damals, als er Junge war und Oma ihm den Rücken zugedreht hatte. Und dann ging er raus und kam wieder rein und wieder raus und wieder rein, immer mit den wunderlichsten Ausreden und Anliegen. Und ich tat, als ob ich überhaupt nichts merkte. Ein paar Plätzchen kamen auch in die Keksdose. An mehr erinnere ich mich nicht von Weihnachten 1943. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                      1 9 4 4       

 

 

1)                                                           Ach,

                                            die letzte Zeit des Krieges,

                                            kann sie beschrieben werden?

                                            Übrigens – ich habe eine Menge vergessen.

                                            Es ist so lange her.

                                            Vielleicht ist Vieles der Erinnerung nicht wert.

 

                                            Alles hat seine Zeit.

                                            Nun will ich leben. Die Welt spüren.

                                            Mit allen meinen Sinnen.      

 

2)                                                            Aber

                                            einiges muss ich noch aufschreiben –

                                            ich, die ich Söhne habe.

                                            Etwas aus der letzten Zeit des Krieges,

                                            als die Schrift an der Wand sichtbar wurde

                                            und die Masken fielen

                                            und die Menschen ihr wahres Wesen zeigten

                                            in allen Nuancen – im Guten wie im Bösen.

 

3)                                          Berichten

                                            von der Liebe

                                            zwischen Menschen,

                                            dieser rätselvollen Kraft,

                                            die alles überwindet

                                            und niemals aufhört;

                                            vom Licht, das siegt.

                                            Nur ein paar Beispiele,

                                            weil ich Söhne habe.

 

4)                                          Denn

                                            in diesem Licht

                                            kann ich schreiben,

                                            über das wahre Wesen des Krieges,

                                            über den Hass und den Wunsch nach Vergeltung,

                                            kann ich ertragen

                                            diesen schweren Klumpen Angst,

                                            der verdrängt wurde

                                            in die verborgensten Winkel,

 

5)                                           kann

                                            überhaupt

                                            viel vertragen,

                                            indem ich berichte

                                            von dem Sieg:

                                            „ nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe

                                            diese drei:

                                            aber  die Liebe ist die größte unter ihnen“,

                                            schrieb Paulus den Menschen in Korinth.

 

   Eine Nebenbemerkung:

   Gerade jetzt, während ich hier sitze und schreibe, liegt mein Garten in hellem Sonnenschein. Die Erde duftet nach nächtlichen Regen. Nur widerwillig verlasse ich die Gegenwart. Ungern nur schließe ich die Sonne aus, um die Schrift auf dem Computerschirm lesbar zu machen.

    Und mache mich noch einmal ans Werk.

 

    An die Schlussphase des Krieges erinnere ich mich nur bruchstückweise. Wie ein Berg von Teilen eines Puzzlespiels liegen die Ereignisse dieser Zeit vor mir. Sie müssen zu Bildern einer Wirklichkeit zusammengesetzt werden, die einmal meine eigene gewesen ist. Einer Wirklichkeit aus der Perspektive der kleinen Leute.

   Ich greife zunächst zu den Teilen, die noch im Mittelpunkt des Interesses stehen. Finde schnell den Platz, der ihnen zukommt. Etwas schwieriger ist es mit den Bruchstücken, die auf Grund meiner Gesinnung unnatürlich groß hervortreten – wie durch ein Vergrößerungsglas. Oder die winzigklein erscheinen, weil ich das Fernglas bisweilen falsch herum hielt – und halte. Schwer habe ich es mit den Bruchstücken, die im Laufe der Zeit verblassten. Finde für sie nur zögernd einen Platz und entdecke mit Erstaunen, dass die Blässe des einen die Schärfe des anderen hervorhebt. Zum Schluss hin entdecke ich Lücken. Irgendetwas fehlt! Etwas, was ich vor langer Zeit in tiefen Schichten verschlossen habe. Fragmente einer Zeit – sie sind verdrängt worden,  vergessen aber habe ich sie nicht.

   Ich bin also gezwungen, hinabzutauchen und die Schlösser aufzubrechen. Erst dann führt nicht das Gedächtnis, sondern die Erinnerung meine Hände über die Tasten. Diese wunderliche Erinnerung, die uns auch Erkenntnis schenkt. Nur auf diese Weise baue ich schließlich ein Haus, meine Burg.

   Der Bau schreitet allzu langsam fort. Kostet mich viel meiner wertvollen Zeit. Die Geduld wird oft auf eine harte Probe gestellt. Es kommt vor, dass ich mich zu beeilen suche. Höre dann Mutters mahnende Stimme: „Für Menschen wie uns können schnell und gut nicht unter einem Dach leben!“

   Die Suche nach einem geeigneten „Bauplatz“ brauchte Zeit, die Errichtung eines soliden Fundaments kostete Kraft. „Nur Toren bauen auf Sand“, sagten die Alten.

   Der Sockel muss mit Sorgfalt errichtet werden. Wände, die das schützende Dach tragen sollen, benötigen hartgebrannte Steine. Während der Arbeit geht mir auf, dass Hirn und Herz die wichtigsten Werkzeuge sind und die Sprache der Mörtel, der verbindet. Mein Morgengebet lautete oft: „Gib mir, Gott,  die Fähigkeit, das rechte Wort mit Sorgfalt zu wählen“. Mein Haus fällt zusammen, wenn meine Worte nicht treffen.

   Bei der Arbeit bin ich allein. Oft befällt mich ein eigentümliches Gefühl von Verlassenheit; oft suche ich wie eine Fremde, die in einer unbekannten Gegend den richtigen Weg zu finden sucht, nach dem passenden Wort. Wörterbücher werden da zu richtungsweisenden Straßenkarten. Und wenn sie mir mitteilen, dass ein besonders treffendes Wort plattdeutschen Ursprungs ist, fühle ich mich auf sicherem Grund - auf dem Weg nach Hause.

   Ich musste mein Haus an einer befahrenen Straße errichten, obwohl mir ein einsamer, abseits gelegener Ort lieber gewesen wäre, denn „wer am Wege baut, hat viele Meister“. Während meiner Arbeit wird mir schmerzlich bewusst, dass ich nicht vom Fach bin, es nie sein werde. Kritiker versichern mir das Gegenteil. Nur ich weiß, wie oft ich ins Blaue hinein bauen musste.

   Als Werkzeug benötige ich viele Hilfsmittel. Bisweilen fallen sie mir förmlich in die Hand. Manchmal holen sie liebe Freunde oder gute Seelen hervor aus verborgenen Orten. So werden Dokumente, Briefe, Schriftstücke zu Scheinwerfern, die unsichtbar Gewordenes deutlich werden lassen. Auf diese Weise werden Düfte, Geräusche und Melodien zu Schlüsseln, die Türen zu sorgfältig verschlossenen Räumen öffnen. Eine Witterung, eine Jahreszeit, ein Gestirn holen mir verblichene Ereignisse zurück.

   „Gut’ Ding will Weile haben“. Ich muss mit Sorgfalt bauen. Manch’  Unwetter wird kommen und an meinem Haus rütteln. Schicht um Schicht, Stein auf Stein – so nimmt das Haus Form an. Ein Bauwerk, ein Zeugnis über eine Zeit, über ein Leben, über Menschen und Schicksale. Es soll offen stehen meinen Söhnen und deren Nachkommen und Menschen, die sehen wollen. Möglicherweise sehen einige in der Entdeckungsreise um mein Haus herum und in meinem Haus nur Unterhaltung und Zeitvertreib. Mag sein, dass andere verärgert sein werden. Oder gleichgültig. Oder verständnisvoll. Alles ist möglich. Alles ist abhängig von vielem. Besonders von den Augen, die sehen. Abhängig auch von der Mentalität einer Zeit – und dem Einfallswinkel des Lichtes.

 

  

 

   Als ich Kind war, erzählte man uns Märchen. Die waren recht grausam. Ein Gewimmel von Hexen, bösen Stiefmüttern, hässlichen Trollen, boshaften Feen und  bösen Wölfen schufen eine Welt, die ganz und gar nicht märchenhaft war. Besonders der Wolf jagte mir Schrecken ein, denn er fraß Rotkäppchen und die kleinen Geißlein. Das fiel ihm leicht, weil er verkleidet und die Kleinen gutgläubig waren. Gewiss, Rotkäppchen stellte kritische Fragen – es sah ja die großen Zähne dieses Lebewesens, das eine freundliche, liebe Großmutter zu sein vorgab.

Aber Rotkäppchen hatte gelernt, dass die Erwachsenen und Großen immer im Recht waren und konnte darum gar nicht anders reagieren. Sie musste auch dem vermutlich Bösen guten Glauben schenken.

   Und dann die Geschichte von den sieben Geißlein. Sogar ich, die manchmal nicht besonders klug war, kapierte, dass die Zicklein dem Wolf nicht die Tür hätten öffnen dürfen. Konnte sie aber verstehen, denn sie waren ja so klein und – einem Sprichwort zufolge – auch ein bisschen dumm, die Geißlein. Ich hielt mir auch immer vor Augen, dass der Wolf Kreide gefressen hatte, um mit weicher und verstellter Stimme sprechen zu können, die den Zicklein erschwerten, in ihm den Bösewicht zu erkennen. Naiv öffneten sie dem Wolf die Tür. Und er fraß gleich sechs von ihnen. Das siebente und kleinste aber hatte rechtzeitig so viel Angst bekommen, dass es sich im Kasten der Standuhr versteckte. Als der Wolf sich mehr als satt hingelegt hatte und eingeschlafen war, konnte das kleinste Geißlein dem jungen, starken Jägersmann, der in vielen Märchen im letzten Augenblick als Retter erscheint, die Tür öffnen. Es war mir immer ein Trost, dass das Allerkleinste und Allerängstlichste für das gute Ende des Märchens ausschlaggebend ist. Denn der junge Jäger wusste sofort, was gemacht werden musste: Er schlitzte den Bauch des Wolfes auf, damit die Geißlein herausspringen konnten. Zwar bekam ich an dieser Stelle des Märchens meine Zweifel. Wie war es möglich, dass die verschlungenen Geißlein unversehrt und unbeschmutzt aus dem Inneren des Untiers kommen und – als wäre nichts geschehen -  um den Wolf herum tanzen konnten? „Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!“ sangen sie ohne einen Fleck Blut auf dem weißen Fell. Dies schien mir ganz unwahrscheinlich und unmöglich. Aber der Erzähler verwies immer darauf, es sei ja nur ein Märchen, und in Märchen könne sich auch das Unmögliche ereignen. Und gerade das sei das Beste an all’ den märchenhaften Erzählungen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich dieser Erklärung Glauben schenken durfte. Darum wurde für mich der erste Satz aller Märchen auch der allerbeste, wurden mir die Worte „Es war einmal“ ein Trost. Denn dieses „Einmal“, sagte Wolfgang, das sei unendlich lange her. In unserer Zeit könne so etwas nicht mehr passieren.

 

   Es war einmal ein Bruder. Mein Bruder. Einer mit Sommersprossen und struppigen Haaren, mit einem oft aufgeschlagenen Knie und einem lädierten Vorderzahn, der beim Lachen zu sehen war. Und er lachte wahrhaftig oft, mein Bruder. Bisweilen setzte er ein richtig freches Jungengrinsen auf, das Mädchen eigentlich nicht mögen. Er war gesund und stark und lebenslustig und voller Unsinn im Kopf. Meine Freundinnen mochten ihn. Einige missgönnten mir geradezu einen Bruder, dem all’ die gefährlichen und hänselnden Jungen im Viertel mit Respekt begegneten. Niemand, der meinen Bruder kannte, wagte, mich zu belästigen.

   Und dann kam der Wolf, das heißt, die Partei – die einzig zugelassenen – und schlug die Klauen in meinen Bruder. Sie brachte ihm eine Menge Opferwillen und Kampfgeist bei. Und sie brachte ihn dazu zu glauben, dass der Sinn des Lebens für jeden echten Jungen darin besteht, für Führer, Volk und Vaterland zu leben und zu sterben. Es sah jedenfalls aus, als ob sie seinen ganzen Glauben und seine völlige Aufmerksamkeit besäße. Aber so verhielt es sich nicht. Im Laufe der Zeit gewann ich den Eindruck, dass vieles von dem, was er sagte und tat, aus Trotz gegen Vater geschah. Sein Unabhängigkeitsdrang ging so weit, dass er sich gegen die Familie stellte und sich aus „eigenem, freiem Willen“ zum Kriegsdienst meldete. Mutter wusste die ganze Zeit, dass das Band zwischen ihm und uns nie völlig zerschnitten würde. Immer behielt sie einen Zipfel von ihm in den Händen – oder in ihrem Herzen – oder wo auch immer eine Mutter einen festen Zugriff auf ihr Kind hat, wenn es darauf ankommt.

   Sie hob seine Feldpostbriefe auf, wachte über sie wie über eine große Kostbarkeit in allen Phasen des Krieges. Diese Briefe sind jetzt in meinem Besitz. Wenn ich sie lese, ist er mir wieder nahe, mein Bruder. Bisweilen schreibt er überlegen und belehrend. Er war ja erwachsen und Soldat. Auch Vater konnte sich jetzt nicht mehr erlauben, besserwisserisch zu sein. Er nahm das mit einem wehmütigen Lächeln hin. Die Briefe zeugen zwischen den Zeilen von Heimweh, von der Liebe zur Familie und zu der Stadt seiner Kindheit. Heute verstehe ich, warum diese Briefe Mutter immer zum Weinen brachten. Vielleicht wäre es weniger schmerzlich gewesen, wenn der Sohn in seinen Briefen Phrasen gedroschen hätte über Führer und Vaterland und den Endsieg. Solche Worte waren Gewohnheitssache. Aber Wolfgang schloss nicht einen einzigen Brief mit dem obligatorischen „Heil Hitler!“ In einem Brief gab er seiner Reue Ausdruck: „Hätte ich mich nur nie zum Militär gemeldet. Könnte ich doch als Zivilist leben“.

   Dass er das wagte!

   Es kam die Zeit, in der er sich wünschte, nach Hause heimkehren zu können. Nur ließ sich das nicht machen. Denn so weit waren wir schon gekommen, dass das Unmöglichste und Unglaublichste und Verbrecherischste von allem unter der Sonne Soldaten waren, die aus Überzeugung den Dienst mit der Waffe verweigern wollten.

   Aber er kam dann doch heim – mein Bruder. Bevor der Krieg zu Ende war, erhielten wir ihn retour: Untauglich für den Kriegsdienst war er jetzt, für sie kein Gebrauchsgegenstand mehr, sondern eine Belastung. Er hatte sich sehr verändert, und es wurde uns klar, dass er nie mehr der werden würde, den wir so gut kannten.

 

   Ich weiß nicht mehr, wann und wie er uns mitteilte, dass seine Lungenerkrankung wieder ausgebrochen sei. 1943 war er von Mai bis August in Marseille bei der Kriegsmarine als Funker stationiert. In seinen Briefen klagte er zunächst ein bisschen über die ungewohnte Hitze. Aber nachdem er Tropenuniform und Sandalen erhalten hatte und er sich erlaubte, ohne Strümpfe zu gehen (was Vater reglementwidrig und als typisch für die wohlbekannte Lässigkeit in der Marine empfand) wird für ihn alles erträglicher. Insbesondere in einem Brief vom Juli 1943 beteuert er, dass es ihm gut gehe, dass er viel Obst esse und dass er sich wohlfühle in einer Stadt, die voll von Menschen aus aller Herren Länder ist. „Es ist, als ob hier ganz Europa und Afrika sich ein Stelldichein gäben“.

   Nein, ich  kann mich nicht erinnern, wann die Gesundheit meines Bruders zusammenbrach. Habe aber – als ob es gestern gewesen wäre – Mutters Klage in den Ohren:

   „Die Schlacht um die Straße von Messina [September 1943] war Wolfgangs Schicksal. Da musste er Tag und Nacht als Funker auf einem Truppentransporter arbeiten. Dafür reichte seine Gesundheit nicht aus“.

   Eines Tages, zu Beginn des Jahres 1944 finde ich, als ich von der Schule nach Hause komme, Vater und Mutter in der Wohnstube sitzen. Ein sonderbarer Anblick, denn Vater ist zu dieser Zeit üblicherweise im Büro, und Mutter sitzt nur da -  ohne Nähzeug in der Hand, ohne Stopfkorb neben sich. Die Nachmittagssonne fällt durchs Fenster. Sie fordern mich auf, mich zu setzen, tun das mit einer gekünstelt lockeren Freundlichkeit, die angestrengt wirkt. Ich setze mich zu ihnen, noch im Wintermantel, und begreife nicht den Ernst der Situation, als sie mir abwechselnd zu verstehen geben, dass wir dieses Jahr meinen Geburtstag nicht besonders feiern werden können: Wolfgang kommt nach Hause. Er ist schwerkrank.  

   Als das Vater sagt, bemerke ich ein leichtes Beben in seiner Stimme. Aber er lächelt. Etwas wird mir klar. Ich versuche auszusehen, als ob wir über ganz allgemeine Dinge sprächen, während ich die Spucke schlucke und schlucke, die ich nicht im Munde habe.  

 

   Alle unsere Pläne, alles, was wir taten oder unterließen, war von nun an geprägt von dem alles überschattenden Gedanken: „Wolfgang ist krank“. Aber niemals habe ich Mutter weinen sehen. Als ob sie Angst gehabt hätte, die Katastrophe unabwendbar über uns heraufzubeschwören, wenn sie Angst und Sorge zeigte. Nun wurde sie noch verschlossener, verwendete alle Kräfte im Kampf gegen Wolfgangs Krankheit, obwohl dieser Kampf, wie so vieles in unserem Leben, mit dem Rücken zur Wand geführt werden musste. Es gab weder Zeit noch Kräfte für eine Atempause, ein Auftanken oder die Planung eines Angriffs. In allen Situationen des Lebens lag Mutter ein Angriff fern. Das Leben hatte ihr Fähigkeit, Übung und eine reichliche Portion Erfindungsreichtum für den Existenzkampf beschert. Und nun kämpfte sie für das Kostbarste, was sie hatte, für das Leben ihres Sohnes. Sie begann, Wälle zu errichten. Ein  Verteidigungswall hieß „Dokumente“,  „Schriftstücke“. Eine Schanze von gestempelten Belegen, die die notwendigen Rechte auch einem Menschen erteilten, wie es ihr Sohn jetzt war, nämlich einem kriegsuntauglichen Mann. Alle Schriftstücke, die Wolfgang betrafen, hob sie sorgfältig auf, die mir jetzt, wo sie neben mir liegen, berichten von der Angst und der Liebe und dem Kampf, die unsere Familie prägten, besonders aber Mutter im Verhältnis zu ihrem Sohn. Denn das wurde uns sehr schnell klar: So krank, wie Wolfgang war, war er ohne Wert für Führer, Volk und Vaterland. Im Gegenteil, er war zu einer Belastung geworden, die man loswerden wollte. Es liegt in der Natur der Sache – am Geist der Zeit – dass alle Stempel mit Adler und Hakenkreuz versehen sind. Und als größte Selbstverständlichkeit werden alle Unterschriften von einem „Heil Hitler“ begleitet.  Dieser Gruß findet sich sicherheitshalber schon auf den Formularen gedruckt, die von den öffentlichen Institutionen verwendet wurden. Denn es hätte ja geschehen können, dass ein Unterschriftleistender eine Selbstverständlichkeit, wie sie dieses „Heil Hitler“ geworden war, vergäße. Und vergessene Gewohnheiten haben die Tendenz, sich auszubreiten. Ja, und wo kommt  ein Volk hin, das vergisst, seinen Führer zu „heilen“? 

   Die Menschen, die bürokratisch die Lebensbedingungen anderer Menschen verwalten und damit über deren Schicksal mitentscheiden - ob die wohl schneller als andere Teil eines Systems werden, das Menschen als Menschenmaterial gebraucht oder missbraucht? Ein Material, das wie eine ausgediente Maschine auf dem Schrottplatz enden kann. Wie entwickeln sich Menschen, die dazu eingesetzt sind, die Verwendbarkeit oder Nichtverwendbarkeit von Mitmenschen für dieses oder jenes zu besiegeln und abzustempeln? Und – wohlgemerkt – dies tun gemäß geltendem Recht und gedeckt von Paragraphen. Also mit reinstem Gewissen. Wohin werden wir Menschen mit Hilfe von Gesetzen, die im Widerstreit zur unverletzbaren Würde des Menschen stehen, geführt? Ich fragte mich das damals (in aller Heimlichkeit – denn ich wollte gerne leben) und frage das jetzt (öffentlich, so laut mir das möglich ist). Ich frage, weil ich weiß, wie gut Menschenverachtung im Verborgenen keimt. Eine kleine Bemerkung, die Bagatelle einer Aussonderung, eine fast berechtigte Abqualifizierung. Oft so unbedeutend wie eine Schneeflocke, ein leichtes und luftiges Nichts, das als Lawine enden kann, die keiner zu stoppen vermag. 

   Mutter sah die Lawine kommen. Sah Tausende schneeflockenleichter Kleinigkeiten zu der schweren Last werden, die zerstörte, was sie am meisten auf Erden liebte. Sie sah das kommen, weil sie darin geübt war, wachsam zu sein. Sie glaubte, uns vor vielen Gefahren bewahren zu können, wenn sie – hellwach – diese rechtzeitig entdeckte. Damit glich sie ihrer eigenen Mutter und ihrer Großmutter. Alle waren sie aufgewachsen in Dörfern nahe dem großen Moor, das sie Wachsamkeit und Respekt gelehrt hatte. Aber auch Resignation, obwohl die nicht zu Mutters Wesen passte. Sie war eigenwillig und stark, war gewillt zuzupacken. In allen Lebenslagen versuchte sie, die Verantwortung zu übernehmen. Fürsorge war etwas, worüber man nicht sprach, fürsorglich war man. „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“, war einer ihrer Leitsprüche. Und mit Gottes Hilfe kann manches abgewendet und zum Guten geführt werden, wie sie uns so oft versicherte. Aber als der Sohn Soldat wurde, hatte man sie von aller Fürsorge abgeschnitten. Sie betete für ihn. Und eines Tages fragte ich sie, wohin wohl alle unsere Gebete geflogen seien. Und gleich, nachdem ich das gesagt hatte, bereute ich meine Worte.

   Wolfgang kam heim. Die folgenden Wochen und Monate waren davon geprägt, in Besitz der notwendigen Papiere und Dokumente für seine Existenz zu kommen. Stempel, Entscheidungen, Beurteilungen, Eingruppierungen! Heil Hitler! Heil Hitler! Wolfgang wurde verschrottet. Er wurde nicht nur aus dem Militär entlassen. Nein, er wurde regelrecht verschrottet.

   Sie teilten ihm seine Ausmusterung mit, indem sie ihm ein dünnes Stück Papier schlechter Qualität aushändigten. Der Fetzen Papier hat das Format 10 x 14 cm, man musste ja sparen. Damit wurde sein Schicksal besiegelt. Der Zettel datiert den 17. 1. 1944 und attestiert: „Ob. Gefreiter Wolfgang Ross leidet an einer akuten Lungentuberkulose und wird deshalb aus dem Militärdienst entlassen. Es wird darum gebeten, R. zusätzliche Lebensmittel zu bewilligen gemäß der Bekanntmachung des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft 11/1b, - 2210/40“.  

   Er hat nie mit uns über seine Gedanken und Gefühle bei der Lektüre dieser Worte gesprochen. Er hatte seine Pflicht getan, und jetzt konnte er gehen. Geh! Aber wohin? Vielleicht dachte er an den uns in unserer Kindheit eingetrichterten Lehrsatz über die Pflicht für Führer, Volk und Vaterland. Eine Pflicht, die wahrhaftig sauer werden konnte und die deshalb vielleicht verbunden worden war mit dem Satz „Der Dank des Vaterlandes ist dir gewiss!“ Daran sollten wir glauben, denn dieser Glaube war das tragende Element „in unser aller Kampf für eine bessere Zukunft“, wie das damals hieß.

   Die Zeit unmittelbar nach seiner Entlassung nutzte Wolfgang für Besuche bei Ärzten, in Marinebüros und bei anderen Instanzen. Danach fuhr er nach Waldmichelsbach im Odenwald. Dort wohnte ein Mädchen, die Schwester eines guten Freundes, der als Achtzehnjähriger mit seinem Schiff  auf eine Mine gelaufen unter untergegangen war. Wir haben das Mädchen nie kennen gelernt; es hat nie auf Mutters Briefe geantwortet, obwohl es jetzt Wolfgangs Verlobte war. Er fuhr zu ihr, da sie ihm stets versichert hatte, dass sie ihn – ihren Verlobten, ihr Ein und Alles – am liebsten bei sich hätte. Besonders, als er sich für einen Urlaub bei uns entschieden hatte. Im nahe gelegenen Weinheim findet Wolfgang bei einem Meister Arbeit als Elektriker. Ich habe eine gestempelte Bescheinigung, wonach er diese Stelle am 15. 3. 1944 angetreten und dort bis zum 25. 3. gearbeitet hatte. Nur zehn Tage später musste er wegen nachlassender Kräfte aufgeben.

   Das Mädchen ist  erleichtert, als Wolfgang beschließt, zu uns heimzufahren. Beim Abschied gibt es ihm den Ring zurück.  

 

   Es vergeht Zeit, bevor Wolfgang ein Schriftstück erhält, das die Entlassung aus dem Militärdienst bestätigt und gleichzeitig auf andere, angeblich sehr wichtige Umstände verweist. Aus diesem Schriftstück wird seine Dienstzeit angegeben vom 18. 11. 40 bis zum 5. 5. 44. Man setzte die Summe des Soldes vom 18. 1. 44 bis zum 5. 5. 44 auf 36,00 RM fest und verweist darauf, dass das W.B.K. (wohl Wehrbezirkskommando) Mannheim den Sold bis zum 20. 3. 44, das Verpflegungsgeld bis zum 14. 3. 44 ausgezahlt habe. Dort heißt es auch, dass keinerlei Erstattung für Unterkunft gewährt werde. Und man fand es auch wichtig, die 10 RM aufzuführen, die Wolfgang als Ersatz für nicht empfangene Unterwäsche beim Ausscheiden aus dem Dienst „angewiesen“ worden waren. Und wichtig ist auch ein Vermerk über einen nicht ausgegebenen „Marschanzug“.  

   Nach Wolfgangs Heimkehr beginnt ein wahrer Kampf um gestempelte Bestätigungen seines Status als eines nun völlig arbeitsunfähigen ehemaligen Marinesoldaten. Alles benötigt Zeit und zehrt an seinen Kräften. Er sagt über sich selbst, dass er irgendwie in der Luft schwebe. Es ist, als ob „man“ – unsere „Übermenschen“  - ein Spiel mit falschen Karten spielte. Wir sprechen im Kreise der Familie darüber; irgendetwas bleibt undurchsichtig, irgendetwas passt nicht. In Wolfgangs Soldbuch hatte man unter dem 1. 2. 44 seine Beförderung notiert (obwohl er am 17. 1. entlassen worden war). Wolfgang fasste die Beförderung als gutes Zeichen auf. Er spricht sich selbst Mut und Hoffnung zu, wenn er sagt, dass „sie“ sich schon um sein künftiges Wohlergehen kümmern würden. Und Wolfgang glaubt wirklich, dass er mit dieser Beförderung besser gestellt sein werde. Denn er ist ja zweifellos Kriegsinvalide.

   Wenn Vater und Mutter unter vier Augen über diese wunderliche Abrechnung sprechen, macht Mutter ein verdrießliches Gesicht, während Vater seinem Zorn über diese „Pfennigfuchserei“, über diese Knauserigkeit und  diesen Geiz bei Wolfgangs Entlassung aus der Wehrmacht freien Lauf lässt. Niemand von uns spricht über den Beginn. Von damals, als es keine Grenzen für all’ das Geld gab, das die Partei in die Organisation Hitler-Jugend pumpte. Damals konnten die Jungen Segelfliegen lernen oder Segeln oder sich im Sport qualifizieren oder Marschmusik spielen. Damals – wir hatten das ja nicht vergessen – als „man“ ganz offen zu erkennen gab, dass der wahre Zweck dieser Beschäftigung einzig und allein die vormilitärischen Ausbildung war.

   Nein, darüber sprechen wir nicht. Wir haben weder Zeit noch Kraft zum Grübeln und für intensive Analysen einer Entwicklung, deren Resultat wir jetzt alle zu spüren bekommen. Wir müssen kämpfen und einen Ausweg finden – hier und jetzt. Denn unter der Rubrik „Art der Entlassung“ im Wehrpass ist Wolfgang  als dienstuntauglich verzeichnet. Wir wissen, dass der Mensch in unserer Gesellschaft nur einen Wert besitzt, wenn er „tauglich“ ist. Tauglich nach Gutbefinden der Machthaber.

   Nach seiner Heimkehr wird Wolfgang in ein Krankenhaus in Posen eingewiesen. Von dort schreibt er am 25. 4. einen Brief, der Niedergeschlagenheit ausdrückt: Vom frühen Morgen an muss er sich einer Untersuchung nach der anderen unterziehen. Er findet den Umgangston der dort Beschäftigten unfreundlich, irgendwie verhärtet. Der Arzt aber ist freundlich und nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Wegen seiner anhaltenden Heiserkeit wird auch Wolfgangs Kehle gründlich untersucht. Man entdeckt „eine schwache Rotfärbung“, vermutlich „eine leichte Entzündung“. Sie untersuchen ihn kreuz und quer, Stunde um Stunde. Er hat ab und zu Blasenschmerzen, 39° Fieber und wünscht nur Ruhe. Sie entdecken nicht oder verschweigen ihm, dass seine Kehle, die Blase und das Mittelohr von der Tuberkulose befallen sind. Er wird nach Hause geschickt und kriegt eine „Liegekur“ verordnet. Mutter stellt in dem Raum, den wir Esszimmer nennen, die Möbel etwas um, und hier erhält Wolfgang seinen Schlafplatz. In sein Soldbuch, seinen Wehrpass, wird jetzt der 5. 5. 1944 als Datum der Entlassung aus der Marine eingetragen. In dasselbe Buch setzt ein „Kapitänleutnant und Kompaniechef“ am 26. 5. 44 einen Stempel und seine Unterschrift in die Rubrik, die darauf verweist, dass Wolfgang bei seiner Entlassung Informationen erhalten habe über „Spionage, Sabotage, Landesverrat, Bewahrung von Dienstgeheimnissen, Wehrüberwachung, Anträge auf Unterstützung und Pension, einschließlich Arztbehandlung“. Von der Dienststelle der Marine in Wilhelmshaven werden Wolfgang ganze 50,- RM als Entlassungsgeld bewilligt, auch das wurde verzeichnet. Auf Seite 24 des Wehrpasses, die die Überschrift „Entlassung“ trägt, teilt der Arzt leider keine Diagnose als Grundlage der Beurteilung von Wolfgangs Zustand mit, sondern verweist auf die Seite 35 des Wehrpasses. Insbesondere auf Grund dieses Verweises hätte man eine befriedigende Erklärung erwartet, die Wolfgang in Zukunft bei den unterschiedlichen Anträgen auf all’ die ach so notwendigen Bewilligungen hätte helfen können. Die Seite 35 trägt die Überschrift „Nachträge“, und hier wäre genügend Platz  für einen ausführlich beurteilenden, erklärenden Text von der Hand des Arztes gewesen. Aber der zieht es vor, die Seite mit einem Stempel-Text zu versehen, in dem der passende Sachverhalt ganz einfach durch Streichung der in diesem Zusammenhang nicht passenden Wörter mitgeteilt wird. Das aber hatte der Arzt unterlassen. So steht auf Seite 35 in Wolfgangs Wehrpass lediglich:

 

                                            Ärztliche Behandlung / nicht erforderlich

                                           Entlassen mit / ohne Heilfürsorgeausweis

                                                Wehrdienstbeschädigung: ja / nein

                                           Wilhelmshaven, den _________________ 194

 

   Warum hat der Arzt kein Gutachten verfasst? Er muss Wolfgangs Krankheitsverlauf und die abschließende Diagnose, die zu seiner Entlassung geführt hatte, gekannt haben. Wolfgang kam munter wie ein Fisch und mit der Lebenskraft eines Adlers zum Militärdienst. Als Kind hatte er nicht einmal eine Erkältung gehabt. Er zog sich während des Militärdienstes eine Krankheit zu, die sich auf Grund falscher Behandlung, arbeitsunfähig machender chirurgischer Eingriffe, mangelnder Pflege und rücksichtsloser Anforderungen ausweglos und hoffnungslos verschlechterte.

 

   Ach ja, Wolfgang kam nach Hause. Mutters wichtigste Aufgabe war von nun an seine Pflege. Alle Leckerbissen, die sie auftreiben konnte, steckte sie ihm zu. Wenn sie mit anderen über ihren Sohn sprach, fand sie die richtigen Worte. Der Bäcker verstand sofort, dass Wolfgang nicht das schwere, klitschige Brot vertrug, das, wie wir sagten, aus allem Möglichen und Unmöglichen gebacken war. „Kommen Sie nur in die Bäckerei“, sagte er, „aber durch den Hintereingang – andere brauchen das nicht zu erfahren. Sie können kommen, sooft Sie wollen, bei mir werden Sie Brot aus reinem Weizenmehl kriegen“. Und die Frau des russischen Geistlichen, unsere Nachbarin von gegenüber, kam mit so manchem tröstenden Wort. Gerade solchen Worten, deren Mutter bedurfte. Auch die Pfarrfrau hatte in ihrer Jugend Tuberkulose gehabt. „Und, sehen Sie, hier stehe ich munter wie ein Fisch! Aus vielerlei Gründen!“ Und sie zählte sie der Reihe nach auf. Mutter saugte diese Aufmunterung förmlich  in sich auf und gab sie an Vater und mich weiter. Ja, nun konnte sie etwas für Wolfgangs Gesundheit tun. So wollte sie Leinsamenöl besorgen. Denn die russische Pfarrfrau hatte täglich dieses Öl getrunken. Und Mutter wollte auch Hundefett kaufen. Frau Kaminski hatte gesagt, dass bei einer Lungenkrankheit eine Kur mit Hundefett äußerst wirkungsvoll und gesund sei.

   Mutters Sorge um den Sohn mobilisierte Kräfte. Aber das mit Mühe besorgte Leinsamenöl wurde nicht gebraucht. Wolfgang musste sich schon beim Anblick und Geruch dieses „Erfrischungsgetränks“ übergeben. Er kam auch nie dazu, Hundefett zu essen. Mutter konnte diese „Delikatesse“ nirgends auftreiben, obwohl Frau Kaminski meinte, dass die Apotheker vor dem Krieg dieses Fett in kleinen Gläsern mit Schraubdeckel verkauft hätten. Mutter überredete Vater, sich an den Eigentümer der Apotheke, den er recht gut kannte, zu wenden. Aber der Apotheker schüttelte nur den Kopf. Hundefett? Nein, das habe er in seiner Apotheke nie verkauft. Vielleicht konnte er in Vaters Gesicht lesen. Vielleicht wollte er nur trösten oder freundlich sein. Jedenfalls holte er aus dem Hinterzimmer eine große Flasche Haaröl. Für die Tochter! Ein bisschen Luxus für ein hübsches junges Mädchen! Nein, dieses duftende Öl konnte man nicht kaufen. Nicht in diesen Zeiten. Eine solche Kostbarkeit gab es nur als Geschenk.

   Zu Hause gab Vater die Worte des Apothekers mit einem Lächeln wieder. Dass jemand seine kleine Tochter als hübsches junges Mädchen bezeichnete, fand er ein bisschen komisch. Aber er gab mir doch das Öl. Er ahnte sicher nicht, was er damit anrichtete. Ein paar Sonntage später fuhr ich mit dem Zug zu einem Schülerheim weit draußen auf dem Lande zu einem Vorstellungsgespräch wegen eines Praktikumplatzes. Der Zug war proppenvoll, die Luft war zum Schneiden, so dass ich das Fenster öffnete und in der frischen, kühlen Luft stehen blieb. Ein Soldat stand dicht hinter mir. Plötzlich geschah etwas Unerhörtes: der Soldat steckte seine Nase in meine Haare und begann mit Wohlbehagen zu schnuppern. Als ich mich zornig umdrehte, blickte ich in ein recht erschrockenes Gesicht. Er stammelte ein paar entschuldigende Worte, die meinen Zorn auch sofort dämpften:

   „Ihre Haare – ich hatte ganz vergessen, wie Mädchenhaare duften können. Ich hatte das ganz vergessen“. Er komme direkt von der Front, erzählte er. Aus Sumpf, Dreck, Morast, Elend und Gestank. Urlaub habe er das letzte Mal vor einer Ewigkeit gehabt. Nun wolle er heim – nur für kurze Zeit. Und dann wieder an die Front – Ich fragte ihn, ob er wohl jemals wieder den Gestank der Front  werde vergessen können. Er antwortete mir nicht.

   In dem Heim, in dem ich einen Praktikumplatz hätte bekommen können, befanden sich Schüler eines ausgelagerten Berliner Gymnasiums. Die ältesten Jungen waren 14 Jahre alt. Während des Gesprächs mit dem Heimleiter und dann später mit der Wirtschaftsleiterin sagte mir meine innere Stimme, dass ich unter keinen Umständen eine Stelle in diesem Haus annehmen dürfe. Viele Jahre später lese ich im Buch „Als Pimpf in Polen“ von Jost Hermand, auf welche Weise diese abseits gelegenen Schulen als vormilitärische Lager dienten. Der Verfasser hatte selbst als Schüler solcher Schulen seine Erfahrungen gemacht.

   Vielleicht wirkten bei meinem Besuch in diesem Haus meine „Antennen“. Jedenfalls teilte ich Vater meinen Entschluss mit: „Wenn ich auch nie mehr einen Praktikumplatz bekommen sollte, diesen da nehme ich nicht!“

 

   Das Wunder geschah, Wolfgang wurde fieberfrei und konnte aufstehen. Ging täglich spazieren, besuchte sogar Bekannte. Er bekam auch Besuch, was er nicht mochte, als er bettlägerig war. Und er ließ sich von einer älteren geschiedenen Frau aus unserem Bekanntenkreis zu einer Tasse Tee bei ihr zu Hause einladen. Die Besuche bei ihr wirkten auf Wolfgang belebend. Sogar seine alte Erzähllust kehrte wieder. Ich beobachtete Mutter, wenn Wolfgang die intelligente Art der Dame, Gespräche zu führen, ihr geschmackvolles kleines Zuhause, ihre aus dem reinen Nichts hervorgezauberten Mahlzeiten – ja, eben alles, was sie betraf, lobte.

   Wolfgang wusste nicht, dass Mutter diese Frau nicht ausstehen konnte. Ich ebenfalls nicht. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass keine Frau unseres Bekanntenkreises diese Dame mochte. Sie hatte keine einzige Freundin, und das – meiner Ansicht nach – aus mancherlei Ursachen. Doch war die sichtbarste – und in Gesellschaften irritierendste – ihr unverhülltes Flirten mit verheirateten Männern. Auch mit Vater. Ja, besonders mit meinem Vater! Und es war mir unbegreiflich, dass Vater das auch noch tolerierte. Väter sollten eigentlich wissen, wie dumm sie sich ausnehmen, wenn sie, irgendwie angetan von der Situation, völlig vergessen, ihre Distanz gegenüber einem solchen Wesen deutlich zu machen. Mutter hatte immer mit Freude meine Antipathie gegenüber diesem Frauenzimmer betrachtet. Aber wenn Wolfgang sie in höchsten Tönen lobte, widersprach ihm Mutter nicht, sondern freute sich über Wolfgangs Wohlbefinden in Gegenwart dieser Frau.

   So sehr liebte sie Wolfgang, dass sie allen gegenüber freundlich war, die den Lebensfunken in ihm entfachen konnten.

   Ein großes Problem war auch Wolfgangs Kleidung. Ihm fehlte alles; längst war er aus der Kleidung seiner Jugendzeit, die Mutter aufbewahrt hatte, herausgewachsen. Man konnte oder wollte ihm keine Extrabezugsscheine bewilligen, um Kleidung und Schuhe zu kaufen. Und die Bezugskarten der Familie reichten nicht für das Notwendigste. Auch meine Kleidung war zu eng und zu kurz geworden, und Vater konnte mir nicht mehr mit etwas von seiner Garderobe aushelfen. Denn bei einem seiner Besuche bei uns in Hamburg hatte man ihm während der Reise den Koffer mit so gut wie seiner gesamten zivilen Kleidung gestohlen. Wolfgang lief von Pontius zu Pilatus, um ein gestempeltes Stück Papier zu bekommen, das Privilegien betraf, die man ihm einzuräumen nicht bereit war, solange man ihn nicht in der einen oder anderen Rubrik als „Kriegsversehrten“ führte. Sein Fall wurde von diversen Instanzen „bearbeitet“. Und eine solche Bearbeitung schien wirklich viel Zeit zu beanspruchen.

   Wolfgangs Kriegsschaden war nicht ohne weiteres zu erkennen. Er lief ja nicht an Krücken. Ein Mann in Wolfgangs Alter in Zivil war – wenn auch nicht überall schlecht angesehen – irgendwie verdächtig. „Was ist denn mit dem los?“  Wolfgang meinte, diese Fragen in allen Augen lesen zu können. Und schlimmer wurde es für ihn, als ein Mädchen aus Prag, mit dem er als Soldat korrespondiert hatte, sich jetzt in einem Brief  äußerst verwundert über seinen ziemlich langen „Heimaturlaub“ zeigte. Was ist denn los, fragte sie, wie kann man es fertig bringen, die kämpfenden Frontsoldaten im Stich zu lassen. Sie bezeichnete Wolfgang als Feigling und warf ihm Schlimmeres vor. Er antwortete nicht, verteidigte sich nicht. Doch wurden die beiden Falten über seiner Nasenwurzel tief und markant. Jedes Mal, wenn ich sie bewusst wahrnahm, gab mir das einen Stich ins Herz. Aber im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich an das neue Gesicht meines Bruders. Es kam vor, dass er eine stille Freude zeigte. Wie an dem Abend, als wir vier ins Kino gegangen waren, um uns den Operettenfilm „Wiener Blut“ anzuschauen. Auf dem Heimweg summte Wolfgang die Melodie. Und – man stelle sich das vor – Vater summte mit.

   Ansonsten aber entwickelte sich Wolfgang zu einem Einzelgänger. Wenn wir uns sonntags zu einem noch so kurzen Ausflug fertig machten, gab er vor, wichtige Briefe schreiben zu müssen, um zu Hause bleiben zu können. Wenn wir zu Hause mit irgendetwas beschäftigt waren, brach er alleine zu einem Spaziergang auf. Wo er nur konnte, vermied er den Kontakt zu anderen Menschen. Und bald brauchte er sich nicht mehr anzustrengen. Mehr und mehr hörten Freunde und Bekannte auf, unsere Türschwelle zu überschreiten. Fürchteten sie – was zu verstehen gewesen wäre - sich anzustecken? Alle meine Freundinnen blieben weg. Nur Annemie kam noch. Doch am liebsten nur, um mich zum Bummeln abzuholen. Als ich ihr auf die Pelle rückte, um den Grund zu erfahren, erklärte sie, dass alles in unserem Haus Tristesse ausstrahle. Und das sei  kaum zu ertragen.  

 

   Bei Annemies Vater war Lungentuberkulose festgestellt worden. Nach einem Krankenhausaufenthalt kam er in ein Sanatorium in Südwestpolen. Dort werde er gesund werden. Dessen war sich Annemie sicher. Er habe ja einen starken Willen. Von Geburt an war da etwas mit seinen Hüften. Seine Oberschenkelhälse waren aus dem Gelenk gesprungen, oder saßen sie nur schief – Annemie erklärte mir alles detailreich. Ich verstand nichts, hörte vielleicht auch nicht aufmerksam genug zu. Hatte bei ihrem Bericht nur den kleinen Mann vor Augen, der sich mit deutlich sichtbarer Anstrengung fortbewegte. Und lächelte, wenn er uns unterwegs begegnete. Annemie erzählte auch von der Kindheit ihres Vaters. Die anderen Kinder hätten hinter ihm hergerufen. Aber seine Mutter habe ihm erklärt, dass das Leute seien, die gerne andere neckten und sich wegen ihres dummen Verhaltens schämen sollten. Ob Annemie wohl den Spitznamen kannte, den Jungen aus unserem „Freundeskreis“ ihrem Vater gegeben hatten? Sie nannten ihn wegen seines watschelnden Ganges „Ente“. Und  - man stelle sich das vor – sie waren stolz auf diese „äußerst witzige Erfindung“.

   Annemie war mit demselben Defekt wie ihr Vater zur Welt gekommen. Aber sie wurde schon im Säuglingsalter einer äußerst langwierigen Behandlung unterzogen. Sie zeigte mir Fotos von damals. Ein kleines Kind, das in einem Bett auf dem Bauch lag. Tag und Nacht, Tag und Nacht, viele Monate – oder war es ein Jahr? Auf jeden Fall eine lange und beschwerliche Zeit, insbesondere für die Mutter.                                                       

 

   „In der Edda heißt es: „Hast du einen Freund gewonnen, dem du vertraust, dann besuche ihn oft“. Annemie war für mich während dieser Jahre eine Freundin wie keine andere, und ich besuchte sie, wann immer ich konnte. Mit materiellen Geschenken war es schlecht bestellt. Das, was wir uns in reichem Maße schenkten, waren absolute Vertraulichkeit, Vertrauen und Offenheit, obwohl wir auf manchen Gebieten sehr verschieden waren. Es war schön, zusammen zu schweigen. Schöner noch, wenn wir miteinander reden konnten. Über Jungen und Kleidung, natürlich. Aber auch über damals, als wir noch zu Hause waren. Es gab ja keine schöneren Städte als Nürnberg und Hamburg. Doch begannen unsere Gespräche öfter als jemals zuvor mit einem „Wenn der Krieg erst vorbei ist“. Es gab keine Grenzen dessen, was wir dann tun oder unterlassen wollten. Ein unbestimmtes Gefühl einer Freiheit, die wir nicht kannten, beflügelte unsere Phantasie.  Freiheit konnte so vieles sein. Man stelle sich nur vor, wir könnten die Mitgliedschaft in einer Vereinigung ablehnen. Und sich eine Ausbildung aussuchen, die mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen in Einklang steht. Oder verreisen. Nach Herzenslust reisen! Am Ende unserer Gespräche kamen wir immer zu der Schlussfolgerung, dass Freiheit und die Möglichkeit, sie umzusetzen,  zusammengehörten. Untrennbar! Und wenn das gesagt war, tauchte jedes Mal die Frage auf: Wie viele Möglichkeiten werden wir haben, wir jungen Leute? Das heißt – wenn der Krieg endlich vorbei ist und  Frieden das Verhalten der Menschen bestimmt.

   Manchmal saßen wir stumm beieinander. Annemie zusammengekrümmt in einem Lehnstuhl. Eine Haarlocke immer wieder um ihren Zeigefinger wickelnd. Dann war es am besten zu schweigen. Denn da hatten Wehmut und Hoffnungslosigkeit und Angst von ihr Besitz ergriffen.

   Es kam vor, dass wir im Arbeitszimmer von Annemies Vater auf dem Fußboden vor dem Plattenschrank saßen. Er hatte eine gute Sammlung alter Platten, viele mit klassischer Musik. Musik kann Erinnerungen hervorholen, und Musik ermöglicht Tagträume. Erinnerungen und Tagträume haben etwas mit Glück zu tun. Wir behandelten die Platten mit größter Vorsicht, sie waren zerbrechlich und unersetzlich, denn sie brachten uns Töne aus einer anderen Welt. Manchmal kam es uns vor, als hätten wir etwas ausgeliehen, ohne den Eigentümer um Erlaubnis zu bitten. Nicht nur, weil der Vater nicht mochte, dass andere seinen Plattenschrank öffneten. Die Töne passten nicht zu der Welt außerhalb unseres Zimmers, obwohl sie uns hinrissen.

   Jenseits des Krieges gab es eine andere Welt. Diese Welt bedeutete Leben. Ach, wie wir leben wollten! Doch zuerst musste der Krieg zu Ende gehen - aber wie würde dieses Ende aussehen? Wie wird es werden? Wie wird sie über uns kommen – die endlose Nacht der langen Messer?  Und was wird geschehen – mit uns – mit unseren Kranken, die nicht fliehen können? Wenn die Russen kommen! Niemand kann das russische Heer aufhalten, wenn es erst vorzurücken beginnt. Das hatte Vater gesagt. In einer geselligen Runde hatte ich ein paar Erwachsene leise reden hören über das Recht der russischen Soldaten zu plündern und zu vergewaltigen. Denn mit diesem Recht kämpften sie am besten, hieß es. Wild und rücksichtslos und ohne Furcht, so soll der wahre Krieger sein! Und so wird er mit der Aussicht auf eine Belohnung.

 Plünderung und Vergewaltigung als gesetzmäßige Belohnungen?

   „Annemie, so schlimm können die doch gar nicht sein! Nicht einmal die Bolschewisten. Die haben doch auch Schwestern und Töchter und Freundinnen und Mütter“.

 

   Bisher hatte ich mein Wort gehalten, das ich Vater einmal gegeben hatte. Ich hatte mich nie  mit einem Soldaten in der Stadt verabredet. War es vorgekommen, dass ich unerwartet einen meiner Bekannten aus dem Lazarett traf, hatte ich – aus purer Rücksichtsnahme auf den Seelenfrieden meines Vaters – immer nur genickt und gelächelt oder, wenn dies unumgänglich war, das Gespräch möglichst kurz gehalten. Aber als da ein junger Bursche so nett um eine Führung durch die Stadt bat, da er jetzt gesund sei und wieder an die Front müsse, da brachte ich es nicht übers Herz, ihm diese Bitte abzuschlagen. Ich erinnere mich sehr gut an diesen Winternachmittag. Uns pfiff ein eisiger Wind um die Ohren. Seine Einladung in eine Konditorei zu einer Tasse Tee wollte ich nicht annehmen. Da schlug er vor, in eine Kirche zu gehen, wo wir miteinander sprechen oder nur still sein konnten. Ja, ich erinnere mich gut an alle Einzelheiten dieses Tages. Der junge Soldat, der katholisch war, konnte nicht fassen, dass der Dom geschlossen war. Gerade jetzt, wo die Menschen einen solchen Raum benötigten. Weil es dunkel geworden war, bestand er darauf, mich nach Hause zu begleiten. Was ich auf  keinen Fall wollte! Gesetzt, mein Vater käme. Er hätte es fertig bringen können, sich zu blamieren. Und das wäre peinlich gewesen. Aber noch peinlicher war es, dem jungen Mann, Hans, etwas von dem merkwürdigen Wesen meines Vaters zu erzählen. So ließ ich es denn geschehen. Ließ ihn mich bis zur Gartenpforte begleiten, wo er – beim „Lebewohl“ und „Pass gut auf dich auf“ meine Hand vielleicht ein bisschen zu lange hielt. Ich wünschte ihm etwas linkisch alles Gute. Er hatte mir erzählt, dass er an der Front Chauffeur eines Munitionsfahrzeugs sei. Er mochte diesen „Job“ nicht. Zu Hause in Bayern hatte er in einer Meierei gearbeitet; der Hof war seinem ältesten Bruder übertragen worden. Auch davon hatte er mir viel erzählt.

   Seit dem Tag, an dem ein an mich adressierter Feldpostbrief von Hans gekommen war, herrschte in unserem Haus Alarmstimmung. Mutter überreichte mir den Brief mit spitzen Fingern. Ich las ihn mit gemischten Gefühlen, denn er schrieb von Küssen und von einer „Zeit der Rosen“, die es eines schönen Tages auch für uns geben werde. Er schrieb von unserer Liebe, die rein wie die der Tauben sei. Und ich hatte keine Ahnung, wie sich das mit der Liebe der Tauben verhielt. Deshalb war ich ganz bedrückt. Was Vater augenblicklich bemerkte. Schließlich verlangte er, den Brief zu sehen. Stunden später gab er ihn mir zurück. Sichtbar erleichtert, lächelnd und mit der Bemerkung, dass der Kerl nur kommen solle, man werde dann dafür sorgen, dass er die „Zeit der Rosen“ vergäße. Und das nachdrücklich!!

   Dies alles empfand ich als fürchterlich. Nie zuvor in meinem Leben war mir so etwas passiert. Und ich schwor mir und meiner Umwelt, dass mir so etwas nicht noch einmal passieren werde. Nie wieder würde ein Feldpostbrief für mich an die Adresse meiner Eltern gehen!

   Annemies Mutter erlaubte mir, dass Hans seine Briefe an ihre Adresse schicken dürfe. Nach einer Weile kamen von ihm keine Briefe mehr. Ich erinnere mich nicht mehr, warum. Ich hoffe, dass er an mir kein Interesse mehr hatte, und wüsste gerne, ob er den Krieg heil überstanden hat.

 

   Seit 1943 gab es ein Gesetz, das der Wehrmacht erlaubte, Jungen ab 15 Jahren zum Frontdienst einzuberufen. Die meisten wurden als „Luftwaffenhelfer“ zum Dienst an Fliegerabwehrkanonen, die wir Flak nannten, einberufen. Anfang 1944 begann die Wehrmacht, den Jahrgang 1928 einzuberufen. Alle unsere Freunde aus Berlin bereiteten sich  auf ihre Abreise vor. Ein zweites Lager außerhalb der Stadt, das Berliner Jungen aus einem sogenannten vornehmen Gymnasium beherbergte, blieb vorläufig verschont, was Anlass zu Tuscheln und Mutmaßungen gab. Einige Jungen dieses Lagers gehörten immerhin zum Jahrgang 1927. Gab es da jemanden, der seine schützende Hand über sie hielt?

   Vorbei, vorbei waren all’ die frohen Stunden mit den Jungen aus einer Großstadt. Jungen, deren besonderer und bisweilen satirischer – oft politisch gefärbter – Humor uns Mädchen zum Lachen gebracht hatte.  Die Briefe von Heinz, die nur ich erhielt, wurden nach und nach mehr als nur ein Ersatz für unser Beisammensein. Denn nun war es möglich, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Es kamen wirklich viele Briefe aus der Flakstellung in Marburg an der Drau [Maribor in Slowenien]. Er fand es komisch, dass ich ihn bat, seine Briefe postlagernd an die Nummer 47 BL.BL.M. zu schicken. Ich hatte keine Lust, ihm die Ursache meiner eigentümlichen Idee zu erklären. Er wurde etwas sanfter, als ich ihm den Code erklärte, der etwas mit einem Wiedersehen in Berlin zu tun hatte. Manchmal kam jeden zweiten Tag ein Brief - von einem Jungen an ein Mädchen, das er gut leiden konnte. Der Ton seiner Briefe war frisch und keck, bestätigte den Berliner Humor. Aber er schrieb auch von Luftangriffen bei Tage und von Attacken der Titopartisanen nach Einbruch der Dunkelheit. Die fünfzehn-, sechzehnjährigen Soldaten waren für einen solchen Krieg nicht ausgebildet, wenn auch der Kommandant der Flakstellung seinen Jungen besondere Instruktionen für den Partisanenkrieg gegeben und versucht hatte, ihnen verständlich zu machen, dass ein Partisan in allen möglichen Verkleidungen auftrete und mit jeder Waffe Krieg führe: Der Kaufmann von Unter-Kötsch [Spodnje Hoče], neben dessen Lebensmittelgeschäft die Flakstellung lag, war zu den „Jungs“, wie er sie nannte, immer sehr freundlich. Verkaufte ihnen manchmal sogar Lebensmittel und Süßigkeiten ohne Marken. Eines Nachts, während die „Jungs“ in den Gräben lagen, wurde er bei einem Angriff der Partisanen auf die Flakstellung von einem Stoßtrupp der Wehrmacht erschossen. Am Tag ein Freund, in der Nacht ein Feind, schrieb Heinz. Sie kamen immer bei Nacht. Ungehört und ungesehen.Eine ungefähr 1 km entfernt liegende Vierlingsstaffel, zu der die Jungen von der Flak regelmäßig Telefonkontakte hatte, antwortete eines Morgens nicht auf  ihren Anruf. Bei dem Kontrollbesuch fand man in der Stellung und in deren Umgebung die toten, mit Messern umgebrachten  Soldaten.

   Zweimal im Jahr durchkämmte eine SS-Division das slowenische Partisanengebiet. Heinz sah lange Menschenschlangen – Männer und Frauen, aneinandergefesselt - unter Bewachung der SS auf der Landstraße in Richtung Marburg [Maribor] ziehen. Ein wenig später hörten er und seine Kameraden Maschinengewehrfeuer, und es hieß, dass alle Gefangenen erschossen worden seien. Ob alle Hingerichteten tatsächlich Partisanen gewesen waren, ist nie untersucht worden. (Von diesen Ereignissen erfuhr ich erst während der Bearbeitung meines Buches).

    

   Ich  hob alle Briefe auf. Versteckte sie in meinem kleinen Schrank, den ich verschließen konnte. Der Schlüssel des Schranks war groß und plump und schwer zu verbergen. Ich kam auf die kuriosesten Verstecke. Manchmal trug ich den Schlüssel an einer Kette um den Hals. Aber wenn die Zeit für Sommerkleider gekommen war, ließ sich das nicht mehr machen. In diesem Schrank verwahrte ich auch mein Tagebuch auf. In ihm schrieb ich alle meine Gedanken nieder. Ich verwendete eine Geheimschrift, die ich genau ausgearbeitet hatte und die meiner Ansicht nach niemand entziffern konnte. Denn die Buchstaben wurden nach einem komplizierten Zahlensystem ausgetauscht. Gewiss war das Schreiben mühsam, aber es gab der Seele Luft.

   Ich weiß, dass ich schrieb: In dieser Welt ist es notwendig, einen Raum für sich zu haben. Nur wenige Quadratmeter, verschließbar. Man sollte nein sagen können. Wann auch immer, wo auch immer, wozu auch immer und wem auch immer. Nein! Nein! Und wieder nein! Und man sollte selbstverständlich auch nach eigenem Belieben ja sagen können.

   Nur Annemie kannte diese Briefe. Unser Nachbar Kaminski arbeitete in der Post am Paketschalter. Wenn ich einen Brief holte, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Der Schalter für postlagernde Sendungen lag ganz am Ende der Halle. Aber wie langsam ich auch dorthin ging, Kaminski sah nie in meine Richtung. Er war immer mit etwas sehr Wichtigem sehr beschäftigt. Schließlich kam ich darauf, der Mann will dich nicht sehen. Er weiß etwas von den Briefen mit diesem merkwürdigen 47.BL.BL.M., will aber nicht petzen. Weder meinem Vater gegenüber noch gegenüber einer anderen Instanz. Vater sagte über die Familie Kaminski, dass sie als Volksdeutsche auf einem Pulverfass lebe. Beide Söhne waren zum Frontdienst einberufen worden - der eine als  Marinesoldat, der andere als Infanterist. Eines Tages erzählte Frau Kaminski Mutter von einem recht eigenartigen Erlebnis: Sie habe am frühen Morgen am Wohnzimmerfenster gestanden. Und da habe sie ihren ältesten Sohn in der Uniform der Kriegsmarine an der Gartenpforte stehen sehen. Die Mützenbänder hätten recht stark geflattert, obwohl es ganz windstill war. Er habe gewinkt und gelächelt. Sie habe gedacht, es sei merkwürdig, dass er nicht reinkommt. Deshalb habe sie sich beeilt, ihm entgegenzugehen. Aber als sie raus kam, war er weg.

   Meine Mutter mochte diese Erzählung nicht. Sie erinnerte sie an die Fischerfrau, die dasselbe Erlebnis gehabt hatte, als ihr Mann ertrank. Vater antwortete beruhigend, dass so was  nur das Gerede alter Frauen sei. Wochen danach hörte Mutter einen Schrei aus dem Nachbarhaus. Frau Kaminski hatte den Brief mit dem obligatorischen Wortlaut „Ihr Sohn gab sein Leben für Führer, Volk und Vaterland“ erhalten. Mutter versuchte, sie ein wenig zu beruhigen. Die Frau schrie zu laut. Sie war polnischer Herkunft. Dieser Führer und dieses Volk und Vaterland seien nicht das ihre, schrie sie. Jetzt hatte sie einen Sohn auf dem Meer in einem Krieg verloren, der nicht der ihre war und auf den sie gerne verzichtet hätte.

   Kein Mensch konnte sich leisten, solche Worte ungestraft zu schreien. Ich lief also schnell zu Kaminskis Haus, wo mir Mutter entgegenkam mit den Worten: „Hol’ Herrn Kaminski heim!“

   Die Schlange vor Kaminskis Schalter war lang. Ich stellte mich hinten an. Er erblickte mich sofort. Aber ich wartete brav, bis ich dran war. Stand schließlich stumm und ratlos am Schalter. Wie teilt man eine solche Nachricht einem Mann mit, dessen Frau gerade die Nerven verliert? Sein Blick fiel auf meine leeren Hände. Ich hatte ja kein Paket dabei. Er sagte nichts. Und dann drehte es sich um. Streifte seine Ärmelschoner ab und legte sie sorgfältig in eine Schublade. Zog seine Jacke aus und hängte sie über einen Kleiderbügel. Endlich schloss er den Schalter. Kam heraus, nahm meine Hand – alles, ohne ein einziges Wort zu sagen. Dann gingen wir nach Hause.

   Und an mehr erinnere ich mich in dieser Angelegenheit nicht. 

 

   Die Zeit verging. Waren es Wochen oder Monte? Eines Tages kam Frau Kaminski auf Besuch. Sie hatte einen Traum gehabt. Einen ganz sonderbaren Traum: Sie hatte ihren jüngsten Sohn auf einem Schiff gesehen. Ihn, der Infanterist war, und das mitten in Russland. Da gab es keine  Schiffe! Weshalb sollte er sich auf einem Schiff befinden? Einem großen Schiff, voll von Menschen. Nur Männer. Viele.

   Frau Kaminski sah Mutter mit ängstlichen Augen an. Was mochte ein solcher Traum bedeuten?

   „Glück!“ sagte Mutter, ohne nachzudenken.

   Tags darauf kam Frau Kaminski zu uns rüber gelaufen. Sie hatte einen Brief bekommen. Vom Sohn! Es sprudelte aus ihr heraus. Sie hatte immer schon sehr gebrochen deutsch gesprochen. Nun benutzte sie viele polnische Wörter. Aber Mutter verstand sie. Hätte sie chinesisch gesprochen, Mutter hätte die frohe Botschaft auch verstanden: „In Sicherheit. Lazarett – Deutschland“. Er war mit einem Lazarettschiff auf der Donau nach Deutschland transportiert worden.

   „Sahle an der Hahle – da ist er. In Sahle an der Hahle. Zeig mir auf der Karte, wo das liegt“.

   Mutter holte lächelnd den Atlas hervor.

   „Das heißt Halle an der Saale, Frau Kaminski. Halle ist eine alte und sehr schöne Stadt und die Saale in ihrem mittleren Lauf ein Fluss, der von Bergen umgeben ist. Man sagt, die Gegend sei märchenhaft schön. Auf fast jeder Bergkuppe steht eine Burgruine. Es gibt ein Lied über diese Landschaft: „An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn, ihre Dächer sind zerfallen, und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin“. 

   „Ja – ja – 'durch die Hahlen' – ein hübsches Lied. Und in Hahle an der Sahle ist mein Sohn. Nicht an der Front. In Sicherheit jetzt. In Hahle. Eine schöne Stadt. In Sicherheit“.

   Und dann war das Glück nicht mehr zu ertragen. Sie brach in Tränen aus, und Mutter nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein Kind.

 

   Im Frühjahr 1944 gräbt Vater noch einmal den Gemüsegarten um. Wie an einer unsichtbaren Schnur stößt er den Spaten in die Erde und  gräbt sie mit gleichmäßigen Bewegungen um, reihauf, reihab. Noch ist die Erde feucht, sie duftet und lässt einen von einer guten Ernte träumen. Nach einer Weile greift Vater zur Harke und glättet die Erde, die wie ein Stück Stoff  daliegt, bereit, bestickt zu werden. Und wie eine Stickerei wird der Garten vor unseren Augen liegen, wenn Vater damit fertig ist, schmale Pfade zwischen den hohen Beeten mit den zierlich abgestochenen Kanten anzulegen. Eine lebende Stickerei, wo zarte, grüne Pflanzenkeime die Erde durchbrechen werden, jeder nach seiner Weise.

   Vater sieht mich nicht. Ich stehe ganz still und beobachte ihn. Und noch einmal werde ich erfüllt von einem warmen und eigentümlichen Gefühl von Geborgenheit. Von Liebe.

   Ab und zu richtet sich Vater auf, begutachtet sein Werk, und ich spüre, er ist zufrieden.

   Dieses Jahr wählt Vater Sämereien von Gemüsesorten, die Wolfgang mag und vertragen kann.

   Vater ist auf Wolfgang nie mehr böse. Sagt nie mehr, auf welche Weise er die Dinge anders und besser machen solle.

 

    In diesem Frühjahr verliebte ich mich. Dass das geschehen konnte und dann auf diese Weise! Nur Annemie weiß davon – und mein Tagebuch. Wir kennen nicht seinen Namen, wissen nur, dass er einer der Gymnasiasten aus dem „vornehmen“  Gymnasium  in Berlin ist, die mit ihren Lehrern in einem Heim untergebracht sind, das ein gutes Stück außerhalb der Stadt liegt. Wir Mädchen finden es immer noch erstaunlich, dass man diese Jungen – obwohl sie ungefähr unser Jahrgang sind – noch nicht zum Militärdienst einberufen hatte, und haben die stille Hoffnung, dass man sie vergessen habe – schlicht und einfach vergessen. Annemie nennt ihn „den großen Schwarzen“. Er ist groß und mit seinen schwarzen Haaren und den kohlrabenschwarzen Augen eine markante Erscheinung. Als ich ihn das erste Mal sehe, steht er in der Innenstadt zusammen mit anderen jungen Mädchen und Jungen auf dem Bürgersteig. Sie lachen und sprechen laut miteinander und merken gar nicht, dass sie den Weg versperren. Ich muss auf die Fahrbahn gehen, um vorbeizukommen. Gerade da dreht er sich um. Unsere Blicke treffen sich. Seine Augen halten mich fest. Ein paar Sekunden zögere ich. Versuche zu tun, als sei nichts gewesen. Aber meine Beine werden seltsam steif. Ich muss weg von hier. Aus seinem Blickfeld. In den Stunden danach kommt mir die Welt verändert vor. Auch die Musik. Die heiteren Töne klingen froher, die dunklen erzählen von Wehmut. Einmal sehe ich ihn im Kino. Nur ein paar Stuhlreihen trennen uns. Er ist mit seiner Clique zusammen. Es gefällt mir,  seinen Nacken zu betrachten, das schwarze Haar, das voll und sehr gepflegt ist – und ein bisschen länger, als es das Militär zulässt. Unmittelbar bevor der Film beginnt, dreht er sich um und schickt mir ein Lächeln, das zu beantworten ich vergesse. Eines Morgens wache ich auf und weiß, dass ich ihn heute treffen werde. Ich ziehe mir meine hübscheste Bluse an, die zart lila und sehr modern ist, ohne Kragen und mit einem Verschluss im Nacken. Vater begrüßt mich mit den Worten „Nun kommt der Frühling persönlich“. Auf dem Weg zur Schule trage ich meinen Sommermantel über den Arm geworfen, obwohl es noch nicht besonders warm ist. Und da kommt er mir entgegen – ganz alleine, und mein Herz beginnt unverschämt heftig zu hämmern. Nur ein paar Meter liegen zwischen uns – er bleibt stehen – und ich eile an ihm vorbei. Weiß, dass auch ich hätte stehen bleiben, mich umdrehen und lächeln müssen, aber ich wage es nicht. Ahne nicht, warum ich es nicht wage. Ich sehe ihn mehrfach im Verlauf des Sommers. Oft ist er mit seiner Clique zusammen, allzu oft mit einem Mädchen, das Rita heißt. Elli kennt die Clique und erzählt mir mit breitem Grinsen, dass das Mädchen ungewöhnlich schick und kess und sehr schön sei, aber  zur „leichten Garde“ gehöre. Ich weiß nicht, was das bedeutet, und erfahre, dass so eine ziemlich oft den Partner wechselt. Die Jungen hätten es somit „leicht“ mit ihr. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Gerade in diesem Sommer sieht es so aus, als ob Rita keine Lust zum Wechseln habe. Und ich kann nicht begreifen, dass er, der so ungewöhnlich ist, mit einem Mädchen zusammen sein mag, bei dem es „die Jungen leicht haben“.

 

   Aber bevor es Sommer wird, passieren andere Dinge. Wieder einmal mussten alle Jugendlichen der Stadt einen ganz speziellen Film sehen. Diesmal geht es darum, „uns unsere Abscheu vor den Geisteskranken vor Augen zu führen und sie zu fördern“. Der Film [„Ich klage an“ von 1941] sollte uns die Notwendigkeit der Euthanasie vermitteln. Wir hatten schon vorher Gelegenheit gehabt, belehrende und aufklärende Filme zu sehen. „Jud Süß“ [1940] zum Beispiel, dessen Bilder sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben: Ratten, die zu Tausenden in unablässigem Strom durch die Kloake kommen, um in die Stadt einzudringen und sie zu erobern. Danach ein rascher Szenenwechsel und scharfer Schnitt – nun sind es die Juden, die sich als Flut aus Menschenkörpern durch die engen mittelalterlichen Straßen der Stadt ergießen, um sie mit ihrem Dreck und allerlei Fremdem zu füllen. 

   Einst hatte mir Vater etwas über unsere Augen als Tor und Fenster zu unserem Inneren gesagt. Es könne notwendig sein, dieses Tor zu schließen. Er hatte mir geraten, mich von derartigen Filmen fernzuhalten, ganz einfach die Teilnahme am Abmarsch zum Filmbesuch abzulehnen. Und obwohl er seine Meinung nicht geändert hatte, sprach er jetzt, im Jahre 1944, von Diplomatie und empfahl mir, mit äußerster Vorsicht zu handeln. Nun riet er mir, mich beim Rektor zu erkundigen, und zwar in äußerst höflicher Weise, ob es ein Gesetz gebe, das mich zu einer Teilnahme am Marsch ins Kino und zum Filmbesuch zwingen könne. Sollte er dies bejahen, dann müsste ich auf jeden Fall mitmarschieren. Vater meinte, ich könne ja die Augen zumachen, während der Film läuft.

   Der Direktor antwortete auf meine Frage sarkastisch: Selbstverständlich gebe es ein solches Gesetz nicht -  es sei schlechterdings unnötig. Jedermann kenne ja seine Pflicht. Und wenn ich wirklich die eine Ausnahme sei, so wolle er mir als Verantwortlicher doch em-pfeh-len, mir diesen Film anzusehen, denn dieser Film sei insbesondere für uns Jugendliche von Nutzen.

   Es muss einer der ersten warmen Sommertage gewesen sein, als uns der Schulleiter zu einem Marsch ins Kino kommandierte. Die Sonne wärmte schon ein bisschen. Alle Schüler und Schülerinnen unserer Schule hatten sich auf dem Bürgersteig vor dem Schulgebäude aufgestellt – mit Abstand zwischen den einzelnen Klassen. Noch standen sie nicht mit dem Gesicht in Marschrichtung, sondern zur Straße, wo der Direktor wie ein General die Front abschritt. Auch meine Klasse stand dort. Alle, obwohl mehrere am Tage zuvor hoch und heilig beteuert hatten, dass sie den Film nicht sehen wollten. Ich stand auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig. Etwas verloren. Alleine. Eine Eigenbrötlerin. Mehrfach versuchte ich, Augenkontakt mit einem der Mädchen zu bekommen. Aber die verhielten sich, als ob ich nicht existierte. Plötzlich kam Reni über die Straße und stellte sich neben mich. Sie gab mir flüsternd zu verstehen, dass sie auch keine Lust habe – das Wetter reize zu einem Spaziergang durch den Park. Sie habe keine Angst vor dem Schulleiter; der werde es nicht wagen, sich mit ihrem Vater anzulegen, versicherte sie. Trotzdem fand sie es am klügsten, wenn wir uns unsichtbar machten. Aber ich wollte bleiben, bis sich die Kolonne in Bewegung setzte. Die meisten auf der anderen Seite der Straße wollten gerne eine Ausbildung machen. So gut wie alle waren Mädchen. Nur die Handelsschule besuchten ein paar Jungen. Jetzt sah ich auch den, dessen tatsächlichen Namen ich nie erfahren sollte, denn alle nannten ihn wegen seines Aussehens nur „Sumatra“. In der Stadt wollten einige wissen, dass er der Sohn einer Frau aus dem Fernen Osten sei. Er ähnelte überhaupt nicht einem Germanen. Dass er in unserer Stadt unangetastet lebte, verdanke er wohl seinem Vater, hieß es. Der Vater war wohl ein deutscher, hochstehender, einflussreicher Parteifunktionär oder so was. Wer Sumatra auch war, er blieb immer für sich. Nicht weil wir anderen das so wollten - wir Mädchen hätten uns gerne mit ihm unterhalten, er wirkte so fein - aber er hatte eine Mauer von Unnahbarkeit um sich gezogen. Nicht einmal ein kleines, vorsichtiges Lächeln konnte sie durchdringen. Nun stand er in der Herde – als einer von ihnen. Etwas nach vorn gebeugt, wie das seine Art war. Und wie immer hielt er auch jetzt seinen Kopf gesenkt, als ob er irgendetwas auf der Erde suchen müsse. Er hatte einen dunklen, etwas zu vornehmen, altmodischen Mantel an. In der Hand hielt er eine Lederaktentasche. Meine Augen blieben an ihm hängen, und er muss das gemerkt haben, denn plötzlich hob er den Kopf und blickte mir direkt ins Gesicht. Und da passierte es: er zwinkerte mir mit einem Auge zu. Nur kurz, aber ich fing das Signal auf. Und die Argusaugen des Direktors vermutlich auch. Augenblicklich drehte sich der „General“ um. Zwei – drei lange, ausnehmend lange Schritte, und er stand vor mir. Vornübergebeugt, denn er war ein stattlicher Mann. Sein Gesicht so dicht vor meinem, dass ich dachte, gleich wird er dich beißen! Aber er hob nur seinen langen Arm, wies mit ausgestrecktem Finger von der Schule weg und rief:

   „Scher dich weg! Steh’ hier nicht rum und halt’ Maulaffen feil!“

   Ich verstand gut, was er meinte. Nur Tiere haben ein Maul. Und nach Ansicht des Schulleiters benahm ich mich wie ein flapsiger, gaffender Affe. Ach du liebe Güte, dass jemand wie ich einen solchen Mann derart verärgern konnte!

   Wir entfernten uns schleunigst, Reni und ich. Auch die Schülerinnen und Schüler der Schule setzten sich in Bewegung, aber sie taten das nach den Kommandorufen des „Generals“. „Links um! Im Gleichschritt marsch! Links-Rechts! Links-Rechts! Links-Rechts!“

   Auf dem Weg nach Hause war mir plötzlich unermesslich leicht zu Mute. Es war, als hätte ich einen Sieg errungen. Aber Vater, der am Abend meinem munteren Bericht über ein mutiges, tüchtiges Mädchen zuhörte, sagte nur: „Das wird sich zeigen“.

 

   Während der Ausbildung fand für alle Jugendlichen einmal im Jahr ein „Berufswettkampf“ statt. Zweck dieses Wettkampfes sei, hieß es, der Jugend eine Möglichkeit zu bieten, ihre Fähigkeiten zu zeigen, die sie während der Ausbildung erworben hatte. Schülerinnen und Schüler, die während des Wettkampfes überdurchschnittliches Können unter Beweis gestellt hatten, wurden am Ende mit einer Urkunde, wie sie Handwerks- und andere Meister erhalten und sich rahmen lassen, ausgezeichnet. Mit einer solchen Urkunde wurde ich in meinem Fach – „Häusliche Berufe“ - zur besten Schülerin der Stadt erklärt. Wir wunderten uns alle über diesen „Sieg“, denn in keinem Fach war ich die Tüchtigste. Die Urkunde wirkt insgesamt gesehen ein bisschen ulkig. Schon die Bezeichnung „Kriegsberufswettkampf“ klingt komisch, und die „Auszeichnung“ ist ein Beleg dafür, dass der ganze Zirkus auf Befehl  und unter Kontrolle der Partei durchgeführt wurde. Die Schule übernahm unter ihrem Dach nur die notwendige Organisationsarbeit. Die Siegerurkunde des Kampfes wurde deshalb auch nicht von den Lehrern oder der Schulleitung ausgestellt, sondern von der Partei und ist versehen mit den Faksimileunterschriften von „Dr. R. Ley. Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP“ und von „Axmann Der Reichsjugendführer der NSDAP.“. Die Urkunde bestätigt in aller Form, dass ich mich in diesem Wettkampf mit überdurchschnittlichen Leistungen in meinem Fach ausgezeichnet hatte. Und mitten auf der Urkunde stellt ein Satz fest:

 

                                                  „Der freiwillige Einsatz

                                      galt der Stärkung von Wehr und Waffen

                                                            für den Sieg“.

 

   Dieser Satz enthält eine Menge Unsinn: Mein Einsatz war nicht freiwillig. Es hätte nichts genutzt, nicht daran teilzunehmen. Und dann konnte ich beim besten Willen nicht begreifen, was meine Arbeit am Herd der Schule mit „der Stärkung von Wehr und Waffen“ zu tun habe. Aber so war das nun einmal; überall, in allen Situationen des Lebens, vermochte die Partei einen Zusammenhang zwischen dem Tun und Lassen des Einzelnen und der Sache der Partei zu finden. Das heißt, wenn es der Partei in den Kram passte. Annemie stellte neckend und liebevoll fest:

   „Ruthle, wenn Deutschland nicht siegt, dann haben wir mit dieser Urkunde einen Beweis dafür, dass deine Suppen nicht gut genug waren!“

   Komisch nur, dass Vater sich über  meine Ernennung zur besten Schülerin der Stadt auf Grund meiner „überdurchschnittlichen Leistungen“ nicht freute. Und Heiner war auch nicht begeistert. Wir zwei waren gleichaltrig. Er kam aus einer zerbombten Stadt in Westfalen und war jetzt in einem Lehrlingsheim am Rande der Stadt untergebracht. Jedes Mal, wenn er verreist war, schrieb er an Annemie und mich einen Brief, der stets mit den Worten begann „Gesundheitsmäßig geht es Euch sicher 'danke gut', was ich auch von mir sagen kann“. Sicherlich  dachte er, dass Briefe so anfangen müssten. Wir amüsierten uns über die Briefe. Und wir mochten sie. Mit einem wie Heiner ging man durch Dick und Dünn. Er war immer ein freundlicher Beschützer und brüderlicher Freund – besonders auf langen Fahrradtouren. Wir benötigten seine Geschicklichkeit, wenn ein Reifen platzte. Er war überall sehr beliebt. Kein Wunder, dass die Partei auf ihn aufmerksam wurde. Seine Fähigkeit, andere mitzureißen, war über jeden Zweifel erhaben. Dazu kam sein Aussehen. Mit seinen lockigen hellblonden Haaren, den klaren blauen Augen, seiner stattlichen Gestalt war er geradezu der Prototyp der nordischen Rasse, ein geradezu plakat-geeignetes Modell für den „Bauern hinterm Pflug“ oder den „Kämpfer mit dem Schwert in der Hand“ (oder wahlweise „Krieger mit geschultertem Gewehr“). Er war – wie Annemie sagte – für die Partei ein „gefundenes Fressen“. Und wenn ich mich recht erinnere, war er auch längst Hitlerjugendführer einer kleinen Schar  Lehrlinge, die im selben Heim wie er untergebracht waren. Doch wollte er nicht avancieren, obwohl er mehrfach aufgefordert worden war, seine „Führereigenschaften“ mehr zu nutzen. Unserer Ansicht nach hatte er wenig Ambitionen im Allgemeinen und überhaupt keine in Richtung Partei. Er wollte mit seiner Lehrlingsausbildung fertig werden, um nach Hause zurückzukehren, sobald der Krieg vorbei sei.

   Auch Heiner wurde in diesem Kriegsberufswettkampf in seinem Fach der Beste der Stadt. Aber Heiner war nicht naiv, er kannte seine Grenzen und wurde misstrauisch. Da muss irgendetwas dran gedreht worden sein, meinte er. Was? Tja –das würde er untersuchen. Und dann würde ich von ihm hören. Über seine Selbstsicherheit musste ich lächeln, denn er gab gerne etwas an, unser lieber Heiner. Ich sah keine Gefahr. Der Kampf war gleichgültig und der Sieg nur amüsant. Und wie wollte er es schaffen, in diesem Morast etwas zu untersuchen? Aber er antwortete nur, dass „man“ seine Verbindungen habe, und die werde „man“ nutzen.

   Eines Tages konnte mir Heiner berichten, die Partei sei dabei, Jugendliche für die berühmten Adolf-Hitler-Schulen, die abseits lagen, weit draußen auf dem Lande, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist – in Ostpreußen oder in den Bergen – auszuwählen. Eine Delegation werde in unsere Stadt kommen, um die Gewinner des Kriegsberufswettkampfs zu examinieren.

   Es kam, wie Heiner gesagt hatte. Ich hatte gehofft, dass wir Jugendlichen gemeinsam vorgeladen würden, denn so hätte ich meine Leidensgenossen kennen lernen können. Doch  nahm man uns einzeln dran. Es war mein Glück, dass Heiner  ein paar Tage vor mir geprüft wurde. Sein Bericht hierüber klang etwa folgendermaßen:

   „Die prüfen dich nicht über Fachwissen – das heißt – über dein fachliches Wissen, denn davon verstehen sie nichts. Es ist dein Allgemeinwissen, über das sie sich informieren wollen – das heißt, alles über Adolf und die Partei und so was. Sie wollen etwas über dein Intelligenzniveau erfahren. Und dann musst du als Elitemensch auch etwas über Kunst und Kultur wissen. Und um dich so richtig durchschauen zu können, wenden sie etwas an, was man Psychotest nennt, oder wie das auch immer heißt. Also, das bedeutet, sie versuchen, dein innerstes Wesen auszuloten. Und wenn sie damit anfangen, musst du verdammt wach sein, weißt du. Denn es ist verdammt schwer, sie zu täuschen, ohne dass sie das merken. Denn wenn sie misstrauisch werden, werden sie ungemütlich. Aber ich habe es Gott sei Dank geschafft durchzufallen, indem ich auf meine Art intelligent war. Tja, ich hab’ sie einfach totgeredet. In meinem heimatlichen Dialekt – verwechselte ein bisschen „mir“ und „mich“ und „Sie“ und „Ihnen“, was sie sichtlich irritierte. Ach, wie die darüber entsetzt waren!“

   Das war gut gemacht, aber ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Heiner riet mir, auf alle politischen Fragen wie aus der Pistole geschossen schnell und absolut korrekt zu antworten. „Die wissen, dass du das im Schlaf kannst. Fall’ bei den kulturellen Fragen durch! Aber denk’  'dran: Kultur ist für die vielerlei!“

   Am Prüfungstag war mir mein Herz in die Hosentasche gerutscht. Ich erschien in korrekter Uniform. Selbstverständlich mit dem schwarzen Dreieck „Ost-Wartheland“ auf der Bluse. Alles andere wäre allzu herausfordernd gewesen. Man neckt keinen Drachen. Mir war bange. Denn nun galt es, eine Prüfung nach meinen Bedingungen zu bestehen, nicht nach denen der Partei. Eine Niederlage in den Augen der Partei wäre in meinen ein Sieg.

   Auf einmal fragte einer der hohen Herren, was ich mit dem Namen „Henlein“ verbände. Ich erinnere mich nicht, ob die Frage zu dem politischen oder kulturellen Teil der Prüfung gehörte. Glücklicherweise wusste ich etwas über zwei Personen mit dem Nachnamen Henlein. Einen Konrad, der Mitglied der NSDAP und seit 1939 Reichsstatthalter im Sudetenland war. Und einen Peter Henlein, der um 1500 in Nürnberg gelebt und die Taschenuhr erfunden hatte.

   Und nun kam es darauf an! Ich vermischte Leben und Taten der beiden Personen Henlein zu einer Einheit, in der Vornamen, Geburtsort, Jahreszahlen und anderes zu einer wirren und verwirrenden Erzählung vermengt wurde. Das klang etwa folgendermaßen:

   „Konrad Henlein wurde in Nürnberg geboren, aber er floh aus dieser Stadt ins Sudetenland, denn das war ja nun heim ins Reich gekommen. Das Sudetenland nämlich. Und da – im Sudetenland – stellte er die erste Taschenuhr her. Und dann nahm er sich die Zeit, Mitglied der NSDAP zu werden, und dann wurde er Reichsstatthalter, weil er die Taschenuhr erfunden hatte. Also damals, als er in Nürnberg gewohnt hatte. Alle, die etwas Besonderes leisten, können nämlich Reichsstatthalter werden. Und Henlein hat wirklich viel Gutes für die Menschen getan. Denn man braucht dringend eine Taschenuhr. Also, wenn man in den Bergen wandert oder im Krieg, da will man gerne wissen, was die Glocke geschlagen hat, und einige wissen dann auch, für wen die Glocken läuten – na, das sind vielleicht die großen Uhren, die läuten und schlagen, na ja, - aber egal, es ist angenehm, so eine kleine Uhr in der Tasche zu haben. Und dann ist es schön, so einen tüchtigen Reichsstatthalter zu haben, besonders im Sudetenland, und man kann ja nicht Reichsstatthalter werden, ohne sehr tüchtig zu sein“ – usw. usw.

   Meine Erzählung behagte ihnen nicht. Ich behagte ihnen nicht. Mein Intelligenzniveau behagte ihnen ganz und gar nicht. So fiel ich mit Bravour durch.

 

   Das Abschlussexamen der Schule bestand ich glücklicherweise ohne Anstrengung. Mit dem Abschlusszeugnis konnte ich zufrieden sein. Unter die Rubrik „Allgemeine Beurteilung“ schrieb unsere Klassenlehrerin „Sehr fleißig und lebhaft“ und gab mir bei der Überreichung des Zeugnisses zu verstehen, dass dieses „lebhaft“ nicht als Lob zu verstehen sei. Sie habe ja oft versucht, mir zu erklären – leider ohne Erfolg – dass meine allzu sehr ins Auge fallende Lebhaftigkeit als Beweis meiner Unreife verstanden werden könne. Für meine weitere Ausbildung aber werde Reife vorausgesetzt. Damen träten in allen Situationen des Lebens beherrscht auf. Ich aber könne Freude und Ärger schlecht verbergen. Meine Lehrerin empfahl mir eindringlich, meine „Lebhaftigkeit“ unter Kontrolle zu bringen.

   Unsere  Abschlusszeugnisse blieben  in der Schule, bis wir ein mehrere Wochen langes Praktikum bei irgendeiner Institution absolvier hatten. Unsere Klassenlehrerin legte uns für unser Praktikum dringend Demut, Anpassungsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft und Lerneifer ans Herz. Denn wir sollten uns nicht einbilden, meinte sie, dass wir auf Grund unserer Ausbildung schon etwas seien. Lehrjahre seien keine Herrenjahre! Wolle man führen, müsse man erst gehorchen lernen! Als Praktikant wisse man über eine Institution weniger als die Putzfrauen. Deshalb dürften wir uns nie weigern, auch noch so niedrige Arbeiten auszuführen. Je niedriger, desto besser sei eine solche Arbeit für unsere Weiterentwicklung.

 

   Am 15. 7. – dem Tag, an dem das Schuljahr endete – begannen Reni und ich unser Praktikum in einem Kindergarten am Rande der Stadt. Jenseits des Gartenzauns begannen die Felder. Das Haus muss ursprünglich ein Einfamilienhaus gewesen sein. Das Gedränge war groß, insbesondere in der Abteilung für die jüngsten Kinder. Der Personalmangel war spürbar, aber darüber sprach man nicht. Man packte nur fest an. Meine Kolleginnen waren  zwei ausgebildete Kindergärtnerinnen, beide Reichsdeutsche, sowie Katja, die auf der Krim – oder war es an der Wolga? – geboren war. Auch Katja hatte Wünsche, was eine Ausbildung anbelangte. Aber vorläufig arbeitete sie hier als Mädchen für alles: sie betreute Kinder, schrubbte (auf den Knien rutschend) mit einer kleinen Handbürste die unbehandelten Fußböden, hielt die einzige Toilette des Hauses sauber, putzte die Fenster, hielt den Garten in Ordnung usw. usw. Dass sie das vorher alles ohne Renis und meine Hilfe geschafft hatte, war für mich ein Rätsel. Wir drei Mädchen hatten mehr als genug zu tun. Die Leitung des Kindergartens wünschte keine polnischen Hilfskräfte, auch nicht als Putzfrauen. Reni bekam das Erdgeschoss, wo die Kleinsten untergebracht waren, als Arbeitsplatz zugewiesen. Mich fand die Leiterin auf Anhieb mehr für das obere Stockwerk geeignet, das wir wegen der Schulkinder, die sich dort wegen der Ferien den ganzen Tag aufhielten, „Hort“ nannten. Das Wort steht für „Tagesheim“, aber seine ursprüngliche Bedeutung ist „Zuflucht“, „Schutz“, „Fels“. Die Kinder dort waren zwischen sechs und zehn Jahren alt. Einer war Sohn eines polnischen Kunstmalers. Der Junge sprach nur Polnisch. Ich entdeckte rasch, dass insbesondere die Jungen nicht gefördert wurden. Es gab nur wenige Spielsachen. In dem kleinen Garten hatten viele Kinderfüße dafür gesorgt, dass auch der letzte Grashalm dahingegangen war. Aber auf der Wiese hinter dem Zaun entdeckte ich einen Bach. Dort wollte ich mit „meinen“ Kindern spielen. Die Leiterin hielt nicht viel von dieser Idee. Die Jungen bettelten, und schließlich willigte sie ein. Wir bauten Seitenkanäle, indem wir Rinnen gruben, und wir errichteten aus großen Steinen Brücken und Dämme. Blätter und kleine Äste wurden zu Schiffen. Es gab nie Verständigungsschwierigkeiten. Schiffbauer verständigen sich durch Zeichensprache. Grabenausheber und Hafenmeister ebenfalls. Für die Jungen war es ein Leichtes, sich in dem feuchten Element zu bewegen. Sie trugen ja kurze Hosen. Die Mädchen, die die Häfen anlegten, mussten in die Hocke gehen. Deshalb brachte ich ihnen bei, die Röcke aufzurollen und sie dann in das Gummiband der Schlüpfer zu stecken. Wie ich das als Kind getan hatte, wenn der Rock im Wege war. Trotzdem entging keiner von uns der Gefahr, ein bisschen nass zu werden. Ein paar Mütter beschwerten sich. Und deshalb war Schluss mit diesem Spiel. Ich musste auf etwas Neues kommen. Schlug vor, Forschungsreisende, die sich auf einer Exkursion befinden, zu spielen. Die Leiterin des Kindergartens zeigte sich im Großen und Ganzen einverstanden. Nicht weit vom Kindergarten „entdeckten“ wir ein paar dünenartige Hügel. An manchen Stellen gab es Gruben aus reinem Sand. In einer von ihnen, die oben auf einem Hügel lag, ließen wir – eine Kindergärtnerin, die zehn Kinder und ich – uns nieder. Am ersten Tag zogen wir die Umrisse einer Burg  im Sand mit den Händen nach. Am folgenden Tag rückten wir mit Schaufeln bewaffnet an. Nun konnten wir unseren Bau tief und breit und geräumig machen. Unten auf der Wiese in feuchtem Terrain hatte irgendjemand das Schilf abgemäht. Die Mädchen holten davon mehrere Arme voll und breiteten es auf dem Boden der „Höhenburg“ aus. Nun hatten wir einen Teppich. Die Jungen holten aus einem Gebüsch Zweige. So bekam die Unterkunft ein Dach. Wir waren jeden Tag da, und an einigen Tagen begleitete uns die Leiterin. Sie legte sich mit der Kindergärtnerin in eine Sandgrube, um sich zu sonnen.. Die Jungen errichteten einen Wall um unseren Bau, den die Mädchen mit Steinen verzierten. So verging die Zeit, und wir Kinder fühlten uns beim gemeinsamen Spiel            wohl. Denn ich hatte ganz vergessen, dass ich erwachsen war.                      

   Eines Tages bat mich die Leiterin des Kindergartens nach der Arbeitszeit zu einem Gespräch. Darin teilte sie mir mit, wie zufrieden sie mit mir sei. Sie habe mich beobachtet. Die Jungen seien ja völlig verändert. Draußen in der selbstgebauten Hütte hätte ich sie völlig in der Hand, meinte sie, und begründete dies mit meinen besonderen pädagogischen Fähigkeiten. Sie fand, dass ich im Kindergarten als Mitarbeiterin unentbehrlich sei. Kurz und gut: Sie wollte mich gerne fest anstellen. Und mir später behilflich sein, einen Seminarplatz zu erhalten.

   Leider nahm ich das auf mich geradezu zugeschnittene Angebot nicht an. Ich glaubte nicht an meine „besonderen pädagogischen Fähigkeiten“. Ich hatte ja nur mit den Kindern gespielt, weil ich mich selbst als Kind fühlte.

 

   Wenn die Kinder ihre Mittagsruhe hielten, schrubbten Reni, Katja und ich den Fußboden mit grüner Seife. Wir verstanden uns mit Katja gut, konnten aber mit ihrem Arbeitstempo nicht mithalten. Eines  Tages nannte Reni sie ein Arbeitspferd. Und ich fügte hinzu, sie laufe, als ob sie eine schwere Last zöge – wie ein Pferd.

   „Kann man das sehen?“ fragte sie erstaunt.

   „Was sehen?“

   „Dass ich mit den anderen Frauen als Pferd  gearbeitet habe!“ Und dann erzählte uns Katja die Geschichte, die ich schon vorher gehört hatte und noch viele Male hören sollte: Von der Hungersnot in der Ukraine, von der Beschlagnahme der Ernte und der Pferde, von der Verhaftung der Männer und von deren Deportation nach Sibirien. Und von den Frauen, die sich vor den Pflug spannten. Die Felder mussten ja bestellt werden. Bis man auch das Saatgetreide beschlagnahmte und viele an Hunger starben.

 

   Eines Vormittags kam eine Frau zu uns mit einem weinenden, ungefähr vier Jahre alten Jungen an der Hand. Sie erzählte in vorwurfsvollem Ton, dass der Junge schreiend und sichtlich verängstigt mutterseelenallein mitten auf der Straße gestanden habe. Er ging barfuß, seine Kleidung war abgetragen, er war nicht sauber, hatte aber keine Läuse, die Kopfhaut war glattrasiert. Die Frau glaubte, das Kind gehöre zu uns. Als wir ihr sagten, dass wir den Jungen nicht kennten, verließ sie uns schleunigst. Vielleicht fürchtete sie, dass sie für diesen Jungen eine Weile die Verantwortung übernehmen müsse. Einige unserer größeren Kinder versuchten, ihn auf Deutsch und Polnisch zu trösten, aber der Junge reagierte nicht. Er sprach und verstand nur Russisch. Eines unserer polnischen Landarbeiterkinder erzählte uns, dass sich nicht weit von uns, in einer ehemaligen Schule, ein Flüchtlingslager befinde. Und so nahm ich das fremde Kind bei der Hand, und es ging willig und stumm mit mir mit. In der Nähe des Schulhofs merkte ich dem Jungen an, dass wir auf dem richtigen Wege waren. Aber er wollte meine Hand nicht loslassen. Er zog mich durch die Korridore. Die meisten Türen der Klassenzimmer standen offen, und ich sah viel Elend. Das Inventar der Schule war entfernt worden. Die Menschen saßen oder lagen direkt auf dem Fußboden. Einige hatten es ein wenig besser und ruhten auf Kleiderbündeln oder Federbetten. Ich sah Frauen, Kinder und ein paar Greise, aber keine großen Jungen und keine Männer. An einer Tür, die offen stand, riss sich der Junge los und rannte zu einer alten Frau, die in einer Ecke auf dem Fußboden saß. Er warf sich bei ihr geradezu nieder und verbarg seinen Kopf in ihrem Schoß. Sie umschloss ihn mit ihren Armen, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern. Ich begann, ihr zu erzählen, wo wir den Jungen gefunden hatten, merkte aber, dass sie kein Wort verstand. Ihre Kleidung verriet, dass sie auf dem Lande gelebt und gearbeitet hatte.

   Befremdet berichtete ich Katja, was ich gesehen hatte: Russische Bauern, die vor ihren eigenen Truppen fliehen?

   Für Katja war das selbstverständlich. Nun war es an ihr, sich zu wundern. Hatte ich denn wirklich keine Ahnung? Sie nahm mich beiseite:

   „In der Sowjetunion gibt es kaum eine Familie, die nicht unter Stalins Regime jemanden verloren hat! Es kam durchaus vor, dass Dorfbewohner die Wehrmacht als Befreier empfangen haben! Das heißt – anfangs“.

   Sie sah sich um. Wir waren alleine im Raum.

   „Hitler hätte sich mit den geknechteten und verfolgten Bauern verbünden können. Aber für Hitler zählen sie nicht. In seinen Augen sind sie Sklaven und Untermenschen. Er kann nur uns mit unserer deutschen Abstammung gebrauchen!“ 

   Sie wunderte sich über meine Unwissenheit. Hatte ich wirklich nie etwas über ihr Volk, über die Geschichte der Schwabendeutschen gelesen? Wusste ich so wenig über Russland? Über die Menschen, die ich in den Flüchtlingslagern sah? Sie schüttelte nur den Kopf. Tröstete sich schließlich damit, dass deren Geschichte einmal, wenn die Zeit gekommen sei, geschrieben werde. Eine einleuchtende und warnende Geschichte – geschrieben von Menschen über Menschen für Menschen.

   „Katja, was für merkwürdige Gedanken und Ideen du hast! Wer soll denn so ein Buch schreiben? Und wer wird wagen, es herauszugeben? Weißt du denn nicht, Katja, dass die Partei Bücher, die ihr nicht passen, verbrennen lässt? Du bist irgendwie merkwürdig“.

   „Merkwürdig bist du selbst. Du, die du in einer großen Stadt aufgewachsen bist. Mit Geschäften und Bibliotheken – und dann weißt du nichts über die Russen und mein Volk. Merkwürdig, das bist du selbst!“

   Die Welt um mich herum, hatte ich von dieser Welt wirklich keine Ahnung? Es war Sommer, und die Sonne schien. Um mich herum waren Kinder, und wir bauten eine Hütte. Gruben oben  auf dem Gipfel eines Hügels im reinen, unberührten Sand. Polnische, deutsche und baltische Kinder. Und Kinder, die in Russland und auf dem Balkan geboren waren. Und Kinder, die niemals sagten, woher sie kamen. Wussten sie es nicht? Vielleicht wagten sie in einer Welt, in der die Abstammung eines Menschen so ungeheuer wichtig war, nicht darüber zu sprechen. Die Kinder und ich, wir vergaßen viel, vergaßen eigentlich uns selbst da oben auf dem Hügel. Für eine Weile nahm uns unsere kleine Welt vollkommen gefangen. Unsere Burg sollte glatte Wände und ein Dach haben und einen weichen Fußboden, auf dem man sitzen konnte. Und was wir auch taten, wir wollten es gemeinsam tun.

   Und dann kam der 20. Juli 1944. Ich gehe davon aus, dass wir auch an diesem Tag intensiv mit unseren Bauarbeiten beschäftigt waren. Die Sonne schien. Bei einem solchen Wetter wären die Kinder nicht im Hause zu halten gewesen.

   Aber in der Rückschau unterscheidet sich dieser Tag von allen vorausgegangenen, denn eine Gruppe Männer hatte, um dem Krieg, diesem Wahnsinn, ein Ende zu machen, versucht, Hitler zu töten. Doch die Bombe, die der Oberst Graf Stauffenberg in einer Aktentasche in der Wolfsschanze in der Nähe Hitlers hinterließ, verwundete diesen nur leicht. Die Aktion war missglückt.

 

   Ich kann mich nicht erinnern, wie und wann und durch wen ich damals von diesem Ereignis erfuhr. Sicherlich nahm ich die Nachricht gleichmütig auf, denn etwas Ähnliches hatte ich schon vorher gehört. Mordattentate auf den Führer, der jedes Mal mit dem Leben davon gekommen war, weil „die Vorsehung ihre schützende Hand über ihn hielt“, hatte es schon früher gegeben. Hitler war so oft „auf wunderbare Weise“ gerettet worden, dass Vater eines Tages sagte, man sei versucht zu glauben, der Führer selbst inszeniere diese Attentate. Erst gegen Abend wurde mir klar, dass diesmal etwas anders war, dass es ernster war als jemals zuvor. Es kam nämlich ein Kurier in unsere Wohnung. Ein Kurier, das bedeutete etwas außerordentlich Wichtiges. Die Hitler-Jugend hatte längst einen Plan für einen Kurierdienst in unserer Stadt ausgearbeitet, der umgesetzt werden sollte, wenn ein besonderer Anlass oder eine Notsituation die schnelle Information der Bevölkerung und deren Reaktion verlangten. Ich weiß nicht mehr, ob die Order per Staffellauf erteilt wurde, gehe aber davon aus. Die Order lautete, alle Deutschen sollten sich um 20 Uhr zu einem Protestmarsch auf dem Sportplatz einfinden. 

   Vater und Mutter hatten keine Lust mitzukommen. Gertrud holte mich ab. Das tat sie immer, wenn etwas auf dem Sportplatz, der ganz in der Nähe unseres Hauses lag, stattfand. Auch Gertrud kam ohne ihre Eltern, ebenso Reni. Es waren vor allem Jugendliche, die sich eingefunden hatten, und wir alle trugen selbstverständlich – wie verlangt – Uniform als einzig passende Kleidung bei einem solchen Anlass. Man geht ja auch nicht in Turnzeug zu einem Begräbnis.

   Schon als der Demonstrationszug den Sportplatz verließ, bemerkte ich, dass viele Polen auf die Dächer der Häuser gestiegen waren. Sicherlich hatten die ihren eigenen Kurierdienst, der wohl noch besser als unserer funktionierte. Die kleinen Häuser um den Sportplatz waren  vor allem von Polen bewohnt. Zunächst fand ich nichts Besonderes an den polnischen Männern und Jungen da oben auf den Dächern. Die Leute gaffen gerne, und vielleicht fanden es die Polen besonders amüsant, sich diesen Protestmarsch anzugucken. Aber als wir uns der Innenstadt näherten und ich Polen auf so gut wie jedem Dach erblickte, begann ich mich zu wundern. In vielen dieser Mehrfamilienhäuser lebten nur Deutsche, Volksdeutsche, Balten, russische Adlige oder andere, die sich auf der „richtigen“ Seite der unsichtbaren Grenze befanden. Polen durften diese Gebäude während der gesamten Besatzungszeit nur als Dienstpersonal betreten. Die Dachböden durften nicht verschlossen werden, sie sollten im Falle eines Luftangriffs mit Brandbomben frei zugänglich sein. Aber nun saßen  polnische Männer auf den Dächern -  wie Wetterhähne, die zeigen, woher der Wind weht.  

   Ich erinnere mich an keine Geräusche. Typisch für das „Straßentheater“ dieser Zeit war Lärm – waren Musik, Trommelschlag, Gesang, Stiefeltrampeln. Aber müsste ich diese Szene in einem Film wiederzugeben, ließe ich alle Geräusche weg. Haben wir wirklich nicht gesungen?  Habe ich  die Stille vor dem Sturm gespürt?  Die Männer dort oben auf den Dächern sahen auf uns hinunter wie Katzen, bereit zum Sprung. Und je weiter wir in die Stadt kamen, desto mehr verwandelten sich in meinen Augen die Katzen in Tiger.

   Unser Demonstrationszug war nicht gerade stattlich. Je näher wir der Innenstadt kämen, desto mehr schlössen sich an, versicherte uns unsere Führerin. Aus allen Himmelsrichtungen würden sie kommen, sagte sie. Deshalb wunderte ich mich, dass man uns nicht auf den großen Markt dirigierte, auf dem Raum für viele Menschen war, sondern zum ältesten und kleinsten der Stadt. Hier hatten wir uns rund um den Markt aufzustellen. Die Mitte musste frei bleiben. Nach einiger Zeit marschierten die Offiziersanwärter an. Auch Verwundete aus dem Lazarett, ein paar humpelten an Krücken. Und die Soldaten aus den Kasernen, die kamen auch. Und ich sah, dass viele von ihnen viel zu alt und viel zu jung waren, um Soldat zu sein. In dichten Reihen bildeten wir alle einen Kreis um eine leere Mitte. Ein Mann stieg hinauf zur Rednertribüne. Er sprach über das Unglaubliche, über das ganz und gar Unfassbare. Schufte hätten versucht, uns unseres Führers zu berauben, des Erlösers unseres Volkes.

   Ein sanfter Sommerabendwind vom Fluss her ließ die Fahnen flattern. Das Licht der Fackeln warf  Schatten, die gespenstisch über unsere Gesichter huschten. Nach der Rede sangen wir alle „Deutschland, Deutschland über alles“. Ein Lied, das ursprünglich als Liebeserklärung an das Vaterland gedacht war. Als ein „über alles in der Welt liebe ich dich, mein Land“. So hatte uns das vor langer Zeit einmal Herr Hatje erklärt. Und ich hatte verstanden, was er meinte, obwohl ich am meisten und über alles meinen Vater und meine Mutter liebte.

   Nach der Hymne sangen wir – wie immer – aus reiner Gewohnheit das SA-Lied „Die Fahne hoch“. Damit war die Protestdemonstration beendet. Die Versammlung löste sich schnell auf. Wieder erinnere ich mich an eine sonderbare Stille, ein leises Murmeln. Bis Reni sagte:

   „Wie ist es nur möglich, dass in unserem Lande Männer leben, die versuchen, unseren Führer zu ermorden?“

   Und man stelle sich vor, während der Rede hatte ich – nur einen Augenblick, nur vier tiefe Atemzüge lang – dasselbe gedacht. So überzeugend, so inbrünstig waren die Worte des Redners an diesem Abend.

  

   Der 5. August war mein letzter Arbeitstag im Kindergarten. Ein etwa sieben Jahre alter polnischer Junge schenkte mir ein Bild unserer „Burg“. Als ich es lobte, wurde der Junge verlegen. „Vater ist Kunstmaler. Nun ist er fort. Kommt wieder. Bald“.

   Auf einem Blatt Papier mit dem Briefkopf „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Amt für Volkswohlfahrt“ bestätigte eine „Kreisreferentin“  mein Praktikum im Kindergarten. Ich hätte gerne ein Zeugnis gehabt, eine Aussage über die Qualität meiner Arbeit. Aber sie meinte, dass für meine weitere Ausbildung eine Bestätigung genüge.

 

   Ich hatte mich - recht ungern - längst um Aufnahme in eine Fachschule in Posen [Poznań] beworben und war angenommen worden. Eine Ausbildung dort bedeutete ein Jahr Trennung von meiner Familie. Der Briefwechsel zwischen mir und der Leitung der Schule klang, als ob wir uns mitten im Frieden befänden. Man schickte mir die Bedingungen für die endgültige Aufnahme: dies waren ein sechsmonatiges Praktikum bei einer öffentlichen Einrichtung (z. B. in einem Krankenhaus oder in einem Altersheim) und sechs Monate in einem kinderreichen Haushalt. Sowohl die öffentliche Einrichtung als auch der Haushalt mussten von der Schule erst als geeigneter Ausbildungsplatz anerkannt werden. Die Schule wollte damit ihren Einfluss auf die Verhältnisse am Arbeitsplatz, auf das Arbeitsgebiet und den Arbeitseinsatz der Praktikantin wahren. Die Vertragsformulare vermittelten das Gefühl der Ernsthaftigkeit der zukünftigen Arbeit und enthielten die Arbeitsbedingungen: Verlangt wurde selbständiges Arbeiten. Vorgesehen waren ein zwölfstündiger Arbeitstag mit zwei Stunden Mittagspause, alle vierzehn Tage ein freier Sonntag, für ein ganzes Jahr Arbeit 14 Tage Urlaub – am besten im Sommer, wobei man während der ersten drei Monate  keinen Anspruch auf Urlaub hatte.  Der Lohn sollte in freier Verpflegung und 30 RM pro Monat bestehen.

   Man wies mir für das Praktikum bei einer öffentlichen Einrichtung einen Arbeitsplatz in der Küche des Kinderkrankenhauses in unserer Stadt zu. Es lag an einem Hang und grenzte an den Park. Ich sollte am 1. 9. 1944 anfangen. Bis dahin gehöre die Zeit mir. Sagte Vater. Und fügte hinzu: „Genieße sie!“

   Aber wie? Man streifte nicht mehr durch  Wälder. Dort waren Partisanen. Wir konnten auch nicht mehr im Schwarzen See [Jezioro Czarne), der am Rande des Waldes lag, baden. Hier hatten die Kosaken ihr Lager mit Wagen, Zelten, Pferden und Kamelen aufgeschlagen. Mit Hunderten – oder waren es Tausende – Frauen und Kinder. Es gab so viele Kosaken, dass sie auch die Stadt mitprägten. Von Kosakenkindern sagt man, sie seien auf Pferderücken geboren. Eines Tages streifte ich um das Lager und bekam seltsame Dinge zu sehen: Ein ungefähr sieben Jahre alter Junge saß nackt auf einem Pferd ohne Sattel. Er sollte Pferde in einen See treiben und ging mit seinem Pferd wie ein alter Reiter um. Da glaubte ich Vaters Erzählungen, wonach Kosakenjungen von ihren Vätern zuerst reiten lernten, bevor ihnen ihre Mütter zu laufen beibrachten.

   Es war ein prachtvoller Anblick, die Männer in die Stadt reiten zu sehen. Sie wirkten flott in ihrer farbenprächtigen Kopfbedeckung, dem großen Cape über den Schultern und den langschäftigen Stiefeln. Am prächtigsten war ihr Hetman. Manchmal sangen sie. Zuerst der Hetman, dann der ganze Chor – im Wechselgesang. Das klang schön und gewaltig, eingeübt und spontan zugleich. Ich meinte Vater gegenüber, dass die Kosaken auch mit Liedern geboren würden. Einmal gaben sie in der Stadt eine Vorstellung. Sie sangen und tanzten; niemals hatte ich dergleichen erlebt. In der Pause ging Vater zu einem der Leiter. Ich nehme an, dass sie sich auf Deutsch unterhielten. Vater sprach nur diese Sprache. Ich stand  ein paar Meter von ihnen entfernt. Meine weit geöffneten Ohren fingen kein einziges Wort auf. Aber ich konnte ihren Gesichtern entnehmen, dass sie nicht über Lieder und Tänze sprachen.

   Vater bewunderte diese Soldaten und erzählte mir gerne von ihrem Freiheitskampf. Die Bolschewiken hätten vor ihnen Angst, denn ein Kosak fürchte weder Hölle noch Teufel, wenn er für sich und die Seinen kämpft. Sagte Vater. Oft sah ich die Kosaken vorbeireiten auf ihrem Weg zum und vom Lager. Manchmal in wildem Galopp. Im Sattel stehend, peitschenknallend, johlend, schreiend. Das alles zeugte wahrhaftig von Wildheit und Lebensfreude.

   Eines Tages waren die Kosaken weg. Sie hinterließen ihren Lagerplatz und ein angrenzendes großes Gebiet ohne Busch und Strauch. Auch die neuen Schonungen waren von den Pferden und Kamelen zertrampelt worden.  Doch waren die Zerstörungen ohne Bedeutung. Denn im Wald sollten nach Osten hin Schanzen gebaut werden. Wir verfolgten das mit großer Unruhe. Aber noch sprachen die Parteiführer nicht von einer Verteidigung der Stadt. Sie versuchten, der Bevölkerung einzureden, dass Wälle und Schützengräben den Vormarsch der Roten Armee aufhalten könnten. Polnische Männer und Frauen wurden zu den Schanzarbeiten herangezogen. Nun mussten auch die jungen Mädchen zum Spaten greifen, die als Dienstmädchen in deutschen Haushalten eine Art Schutz gesucht hatten. Natürlich jammerten sie. Aber ihr Jammer war mit einer großen Portion ehrlicher Freude gepaart.

 

   Ferienzeit! Urlaub! Frei von Verpflichtungen! Die Rosen im Park blühten und waren –betrachtet man die Zeitumstände – fast unpassend aufdringlich in ihrem Duft und ihrer Schönheit. Annemie und ich waren häufig im Park. Dort begegneten wir bisweilen einer Gruppe junger Mädchen. Es waren nicht immer dieselben, aber sie ähnelten sich, hatten gemeinhin eine Blume im Haar. Wenn sie an uns vorbeigingen, suchten sie mit uns Augenkontakt, als ob sie unsere Reaktion prüfen wollten. Sie konnten auch, wenn sie näher kamen, singen oder einen populären Schlager summen. Annemie und ich spürten, dass sie partout bemerkt werden wollten, diese polnischen Mädchen, die mutig taten und oft nicht mutig genug waren. Einmal blieben wir stehen und fingen an, mit ihnen zu sprechen:

   „Warum spielt ihr Deutsche? Wir hören doch heraus, dass ihr Polen seid. Der Park ist ja groß genug für uns alle“. Sie beteuerten sie seien deutsche Mädchen, alle zusammen. Annemie und ich lachten und sagten „Hört auf! Erholt euch! Amüsiert euch gut!“ usw. Aber am Eingang stand noch immer deutlich sichtbar das Schild „Nur für Deutsche“.

 

   Von der Ostfront kommen Lastwagen in unsere Stadt. Einzeln oder in Kolonne. Das hatte ich schon vorher gesehen. Aber jetzt tragen die Wagen  sichtbare Zeichen von Kampfhandlungen. Einige sind geradezu zusammengeschossen. Die Soldaten auf der Ladefläche sind dreckig und sichtlich müde. Vater hätte am liebsten, dass ich meine Lazarettbesuche aufgäbe. Behauptet, die Front sei weit weg. Aber was heißt „weit weg“ und „in der Nähe“ in unserer Situation. Vater antwortet mir nicht. Durch die offiziellen Medien erfahren wir von „strategischen Rückzügen“ der Wehrmacht an der Ostfront.

   Ich weiß nicht, ob wir erfuhren, dass an der ukrainischen Front 30.000 Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Natürlich konnte man nicht geheim halten, dass die Rote Armee an der baltischen Front  die Festung Dünaburg in Lettland [am 24. 7. 1944], am südlichen Flügel der Offensive Lemberg und während eines Angriffs in Ostpolen Lublin genommen hatte. Auch Brest-Litowsk war gefallen. Die russische Leningradfront eroberte Narwa, im Süden griffen sowjetische Truppen westlich des Flusses Pruth an. Wie eine Lawine bewegte sich die Rote Armee stetig und unaufhaltsam nach Westen.

   Und dann geschah das, was viele befürchtet hatten, aber wenige glauben wollten, dass es sich ereignen könne: Am 1. 8. 1944 um 17 Uhr eröffnen in Warschau Mitglieder der polnischen Heimatarmee [Armija Krajowa] das Feuer auf die überraschten Deutschen. Die Polen sind guten Mutes, denn sie hören die Kanonen der Roten Armee am östlichen Ufer der Weichsel und glauben, dass die Stunde der Befreiung nahe sei.

 Vater spricht von einer katastrophalen Fehleinschätzung der Polen, was die Hilfe der Russen anbelangt.

   Die russische Armee macht in den Stadtteilen östlich der Weichsel Halt und rührt sich an diesem Frontabschnitt nicht vom Fleck.

   Vater hegt – wie schon vorher – den Verdacht, dass Hitler und Stalin in sonderbarer Eintracht die völlige Auslöschung Polens anstrebten. Und seltsamerweise prophezeit Vater, dass die britischen und amerikanischen Flugzeuge nicht vorhätten, größere Mengen Waffen und anderes für die notleidenden Polen abzuwerfen. Die Alliierten seien damit beschäftigt, die westdeutschen Städte zu zerbomben.

   Hitler befiehlt, den Aufstand in Warschau niederzuschlagen und die Stadt dem Erdboden gleichzumachen.

   Vater spricht plötzlich von der nahen Vergangenheit, vom April 1943. Redet über den Aufstand der Juden gegen die SS und den langen, verzweifelten Kampf im Warschauer Ghetto gegen eine gnadenlose Übermacht. Vater verweist auf die allgemeine Apathie der Menschen, auf das „Geschehenlassen“, das auch wir – mehr als uns lieb war – praktiziert hatten. Für Vater ist jetzt Warschau – wie vorher andere Städte – ein Beispiel für die Nemesis, für die  Vergeltung des Schicksals.

   Am 23. 8. beendet Rumänien das Bündnis mit Deutschland und „bittet“ die Deutschen, das Land zu verlassen.

   An einem Sommertag finde ich die Pforte zwischen der Gärtnerei unseres polnischen Nachbarn und unserem Garten verschlossen. Diese Feststellung tut auf besondere Weise weh. In der Hoffnung, eine plausible Erklärung zu bekommne, die alle meine bangen Ahnungen  vertreibt, spreche ich darüber mit Vater. Aber der zuckt nur resigniert mit den Schultern. Meint, wir müssten das verstehen und mit der Gärtnerfamilie Nachsicht üben. In schweren Zeiten erhöhe der richtige Nebenmann die Überlebenschancen des Menschen. Die Ereignisse an der Front aber zeigten, dass wir als Deutsche für einen Polen jetzt alles andere als der „richtige Nebenmann“ seien. Ich möchte mit Vater gerne über die Lage sprechen. Möchte das intensiv tun – der Sache auf den Grund gehen. Aber Vater möchte kein Gespräch führen. Murmelt nur etwas davon, dass das deutsche Heer die Russen wohl noch zum Stehen bringen werde. Auf die eine oder andere Weise. An der einen oder anderen Stelle. Denn kein europäisches Land wünsche eine Übermacht der Bolschewisten – meint Vater. Er spürt meine Angst und versucht, sie zu verscheuchen. Aber die Erfahrung vieler Jahre hatte mich gelehrt, in seinem Gesicht zu lesen. Deshalb weiß ich, dass er  nicht glaubt, was er sagte.

   Vielleicht ist das Ende doch noch nicht so nah. Es kommt vor, dass ich die Pforte auf einmal angelehnt finde. Da lasse ich mich verführen hindurchzuschlüpfen. Die Gärtnerfamilie empfängt mich jedes Mal mit einem Lächeln. Manchmal etwas verlegen, scheint mir. Wie früher beruhige ich mich, wenn ich im Treibhaus sitze und dem Gärtner zusehe, wie er sich mit seinen Blumen beschäftigt.

   Und dann finde ich die Pforte von neuem verschlossen. Und ich sage mir, dass nicht wir es sind, die den Schlüssel haben. Ich muss die Dinge nehmen, wie sie sind. Eines Tages kommt der zweitälteste Sohn der Gärtnerfrau, dessen Namen ich nie richtig auszusprechen gelernt habe, zu uns mit einem Blumentopf mit einer Chrysantheme. Eine Knospe ging gerade auf. Eine außergewöhnlich große Blüte, die mit ihrer warmen, gelben Farbe wie ein Licht in unserem dunklen Flur wirkt. Der junge Mann ist verlegen. Stammelt  „Für Wolfgang“ – mit Genesungswünschen – von uns allen “. Und dann geht er, schließt die Pforte sorgfältig hinter sich, für immer.

   Annemies Vater liegt jetzt im Städtischen Krankenhaus. Wir sprechen über unsere Kranken, Annemie und ich. Wolfgang bewegt sich langsamer, irgendwie ein bisschen schleppend. Mutter beobachtet ihn mit ängstlichen Blicken und redet von der Hitze. Die macht uns alle müde und schlapp.

   Der Spätsommer 1944 ist in meiner Erinnerung eine lange Reihe ungemein heißer Tage. Aber eines Tages kam  gegen Abend eine leichte kühle Brise auf, die uns veranlasste, spazieren zu gehen. Die Luft war voller Staub, deshalb wählten Annemie, Herta und ich nach gründlicher Beratung den Schwarzen See als Ziel unseres Spaziergangs. Seit die Pferde der Kosaken beim Baden den See verunreinigt hatten, waren wir nicht mehr dort gewesen. Nun freuten wir uns darauf, den See wiederzusehen. Vielleicht war er  doch nicht so dreckig, wie die Leute sagten. Schon am Waldrand atmeten wir tief durch. Die Luft des Waldes war, wie wir sie in Erinnerung hatten, auch die Stille – wollten wir gerade feststellen. Aber dann – nur ein paar Schritte in den Wald hinein, blieb Annemie stehen. Da war was. Hört! Geräusche. Menschenstimmen. Ein Motor. Axtschläge. Ja, jetzt hörten wir das auch.

   „Partisanen!“ flüsterte Annemie erschrocken. Aber wir meinten, sie beruhigen zu können: Partisanen bewegten sich lautlos. Sie säßen mucksmäuschenstill und gut verborgen in Baumkronen oder im Gebüsch.

   Wir blieben stehen. Versuchten, mit unseren Augen das Gelände hinter den Baumstämmen zu sondieren. Und entdeckten mit einem Seufzer der Erleichterung, dass deutsche Soldaten ein Lager errichteten. Annemie wollte umkehren und schleunigst diesen Ort verlassen. Anständige Mädchen gehen nicht zu Soldaten, die missverstehen das nämlich allzu leicht. Aber dafür war es zu spät, denn einige Soldaten hatten uns schon entdeckt und kamen auf uns zu. Weglaufen sähe ziemlich dumm und kindisch aus, meinte Herta.

   Aber was bedeutete das? Die Soldaten blieben ein Stück vor uns stehen. Anstatt etwas zu sagen, gaben sie Zeichen, die Freundlichkeit signalisierten, während sie ganz langsam näher kamen. Als ob Vorsicht bei einem Treffen mit ziemlich jungen Mädchen notwendig sei. Schließlich öffneten sie den Mund und sagten etwas. Auf Russisch! Sie sprachen uns russisch an! Andere Soldaten kamen hinzu, und nun wurde die Verwirrung total. Sie sprachen nämlich alle Deutsch miteinander. Alle. Es waren Reichsdeutsche. Nur ein paar Worte aus ihrem Munde machten deutlich, wo in Deutschland sie zu Hause waren. Und noch mehr: Ein Soldat kam mit einer Wolldecke an. Die Decke hing über seinem ausgestreckten Arm. Er wollte uns eine verdreckte Decke geben. Wofür hielt er uns? Wir Mädchen wichen zurück. Aber es wurde noch schlimmer. Einer streckte die Hand aus, in der sich eine Rolle Drops befand. Das Einwickelpapier war nach sicherlich langem Aufenthalt in der Hosentasche nicht mehr ganz sauber. Wir schlugen das Angebot aus, indem wir energisch den Kopf schüttelten. Und merkten zu unserem Erstaunen, wie enttäuscht und befremdet die Soldaten waren. Trotzdem gaben sie nicht auf, diese eigenartigen Männer, sie versuchten, uns zu überreden, diese Schätze anzunehmen, und das in gebrochenem Russisch – in kurzen, abgehackten Sätzen  - vermischt mit deutschen Wörtern. Bis Herta schließlich rief:

   „Halt die Klappe, Mann! Wir können nicht Russisch!“ Und Annemie und ich bestätigten freundlich, aber bestimmt, dass wir wirklich keine Decke brauchten. Wir hätten zu Hause Decken genug. Ja, ja – zu Hause. Bei unseren Eltern. Nun war es an den Soldaten, Fragen zu stellen. Wir redeten und erklärten jede in unserer eigenen Sprache, wie eben Menschen aus Franken, Pommern und Hamburg sprechen. Und die Soldaten starrten uns an, als ob wir irgendetwas seien, was sie noch nie gesehen hatten. Dann brach es aus ihnen heraus. Einer rief: „Was ist denn das?“ Ein anderer sagte: „Nun gerät die Welt aus den Fugen!“ Und ein dritter: „Jetzt laust mich aber der Affe!“ - was man als Junge sagte, wenn einem etwas Unbegreifliches, nahezu Unglaubliches und Spannendes zu Ohren kommt. Sie alle drückten in kurzen Sätzen ihr Erstaunen und Misstrauen oder ihre Freude aus. Plötzlich wurden sie still, allzu still. Einer kam auf mich zu, fasste mich an, als ob er sichergehen wolle, dass ich keine Fata Morgana sei. Oder als sei er ein strenger Lehrer, der gerade einen Schüler beim Mogeln erwischt.

   „Ihr seid keine Russen? Wer seid ihr? Warum seid ihr hier? Was macht ihr hier? Was in aller Welt haben Mädchen wie ihr hier zu tun?“ Und wir antworteten. Schnell, denn die Situation spitzte sich zu. Von unseren Eltern. Unserer Heimat. Einem Dorf in Pommern, einem zerbombten Haus in Nürnberg. Und von Hamburg. Wie wir hierher geraten sind. Wir erzählten auch von unserer Schule. Ja, ja, hier gibt es Schulen, und in denen wird unterrichtet. Und eine Hitler-Jugend gibt es natürlich auch in dieser Stadt. Aber nichts von dem, was wir berichteten, milderte das Erstaunen der Soldaten.

   „Deutsche Mädchen? Hier? An der Front. Deutsche Mädchen!“ Staunend starrten sie uns an. Einige wandten sich um und riefen den anderen im Lager etwas zu oder nur ins Blaue hinein. Als ob wir die sonderbarsten Wesen der Welt seien. Sie bildeten um uns einen Kreis. Und dann geschah es. Einer, der in der hintersten Reihe gestanden hatte, schubste die anderen recht ungestüm zur Seite. Sein Gesicht war nun ganz dicht bei dem meinen:

   „Sag mir, wo sind wir? Wo befinden wir uns? Wo in aller Welt sind wir gelandet?“

   Ich nannte ihm den deutschen Namen der Stadt, Leslau. Der sagte ihm nichts. Da hockte ich mich hin. Zeichnete mit dem Zeigefinger eine Landkarte in den weichen Waldboden, der mit alten Kiefernadeln bedeckt war.

   „Sehen Sie – das hier ist die Weichsel. Hier – am Ende des großen Weichselbogens – da befinden Sie sich“. Sie starrten uns an, fragend, zweifelnd, mit offenem Mund.

   „So weit westlich?“ rief einer. Warum wurden sie nach dieser Feststellung so still? Was war an dieser Auskunft so besonders? Warum begannen sie jetzt zu flüstern?

   „Soweit westlich? Befinden wir uns wirklich so weit im Westen?“ Wir Mädchen grinsten.

   „Nennen Sie das weit im Westen? Wenn Sie hier wie wir die ganze Zeit hätten leben müssen, verstünden Sie, dass das hier für uns allzu weit im Osten ist“.

   „Kinder!“ rief einer aus, wie man das tut, wenn man voller Erwartung ist und wie wir vor Weihnachten sangen: „Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n“.

   „Kinder! So weit westlich! – Dann schaffen wir’s! – Vielleicht schaffen wir’s! – So weit westlich. Nun, glaube ich, haben wir eine Chance!“

   Er begann zu weinen. Die Tränen liefen ihm über die Wangen. Das störte niemanden. Aber wir Mädchen wunderten uns sehr. Der Soldat setzte sich hin. Mitten in die Runde, direkt vor unsere Füße, als ob seine Beine ihn nicht mehr trügen. Er war mager.

   „So weit im Westen“, sagte er. „So weit im Westen!“ Und dann ging seine Stimme im Schluchzen unter. Erst jetzt bemerkten wir den Wachtposten, der sich von den anderen durch das geschulterte Gewehr und eine deutlich sauberere Uniform unterschied.

   Aber er brüllte keine Kommandos, wie wir erwarteten. Sondern er bat die Soldaten mit freundlicher Stimme, an ihre Arbeit zu gehen. Und zu uns gewandt, sagte er:

   „Ihr wisst recht gut, dass ihr mit denen hier nicht reden dürft - “.

   Nein, das haben wir ganz und gar nicht gewusst. Wir begannen, dem Wachtposten Fragen zu stellen. Aber der drehte sich schroff um und sagte:

   „Ich habe mit dem hier nichts zu tun. Ich bin nur Wachtposten – ein kommandierter Wachtposten“. Er wollte gehen, drehte sich aber noch einmal um. „Diese Männer – die Soldaten – die dürfen keinen Kontakt mit Zivilpersonen haben. Nein, auch nicht mit deutschen. Es ist das Beste, ihr geht nach Hause. Das Beste für Euch und für sie“.

   Die Soldaten hatten sich jetzt gefasst. Lächelnd gingen sie um uns herum. Baten um Entschuldigung. „Es ist so lange her, dass wir deutsche Mädchen gesehen haben und dass wir deutsche Mädchen  haben sprechen hören“.   

   „Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!“ riefen sie, als wir gingen. „Auf Wiedersehen! – vielleicht im Westen!“

   Am liebsten wären wir so schnell wie möglich nach Hause gegangen. Aber als wir uns auf den Heimweg machten, wandten wir uns um. Immer wieder. Denn sie standen da und folgten uns den Weg hinunter mit ihren Blicken. Wir winkten. Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! Als wir auf die Landstraße kamen, hörten wir auf, uns umzusehen. Wir sind nie wieder an diesem See gewesen. Auf dem Heimweg hatten wir keine Lust, uns zu unterhalten.

   Vater versprach, den Hintergrund dieser eigenartigen Soldaten zu untersuchen. 

 

   Auch unsere Schule wurde nun geschlossen und in ein Lazarett verwandelt. Auf Olgas Anregung organisierten wir Mädchen einen Besuchsdienst für die Verwundeten, die in unserem ehemaligen Klassenzimmer untergebracht waren. Wir waren nur ein paar Mädchen, die eines Nachmittags unsere alte Schule, das jüngste Lazarett der Stadt, aufsuchten. Wir hatten Blumen mit und Obst und Schreibpapier. Aber die Pforte war geschlossen und verschlossen, und der ganze Komplex wurde von einem Wachtposten mit Stahlhelm und Gewehr bewacht. Und nun weiß ich nicht, ob ich mich richtig erinnere oder ob es nur mein inneres Auge ist, das den Schulhof mit Stacheldraht umgeben sieht. Mag sein, dass es anders war. Vielleicht flößten mir das geschlossene und verschlossene Tor und der bewaffnete unfreundliche Posten mit seinem Stahlhelm das Gefühl totaler Absperrung ein.

   Der Wachtposten beobachtete uns mit angespannter Miene, die er auch dann nicht veränderte, als wir bewusst mädchenhaft und freundlich Fragen stellten. Er war sehr jung. Jünger als Olga. Vielleicht reagierte er deshalb so brüsk, weil sie mit der sanften Verhandlungstaktik einer erwachsenen, klugen Frau versuchte, ihn zum Sprechen zu bringen. Als er endlich den Mund öffnete, zischte er: „Hier ist der Eintritt verboten! Verschwindet – und das ein bisschen plötzlich!“

   „Das hier war unsere Schule“, versuchte es Olga aufs Neue, „wir wollen doch nur die besuchen, die in unserer Klasse liegen. Wir gehen doch auch in andere Lazarette in der Stadt. Während wir redeten, fiel mein Blick auf die Rabatte hinter dem verschlossenen Tor, auf die ich einmal Blumen gepflanzt hatte. Da standen sie noch. Die Margueriten blühten zum zweiten Mal, aber die Feuerlilien waren abgeblüht. Und ich dachte bei mir, dass von jetzt an die Pflanzen denen, die Ohren haben zu hören, eine Geschichte erzählen können: Einmal hatte ich die Blumen im Garten der Gaststätte Wilhelmshöhe ausgegraben. Aus einem Garten, der dem Erdboden gleichgemacht wurde, weil das Gelände militärisch genutzt werden sollte. Und ich hatte die Pflanzen mitgenommen, als wir das bombengeplagte Hamburg verließen. Hatte ihnen einen neuen Standort hier in Polen, wo wir überleben wollten, gegeben. Die Pflanzen wuchsen gut an, so dass ich davon Ableger nehmen konnte, als ich das Beet am Eingang der Schule verschönern sollte.

   „Haut ab!“ brüllte der Wachtposten erneut. Ich ging zu ihm hin. Jetzt hatten wir Augenkontakt. Ich fragte, ob wir Deutschen wirklich so weit gekommen seien, dass wir unsere eigenen Leute einsperren müssten, als ob sie Kriegsgefangene seien. Oder ob die hier liegenden Soldaten aus einem neuen Stalingrad kämen.

   Ein paar Sekunden stierte er mich an. Dann riss er mit einer jähen Bewegung das Gewehr von der Schulter und richtete es auf uns, während er uns beschimpfte. Nein, ich glaube nicht, dass er hart war. Ich glaube nicht einmal, dass er wütend war. Er hatte verstanden, was ich angedeutet hatte, und war darüber erschrocken. Wir entfernten uns schnell. Kein einziges Mal sahen wir uns um, und wir waren nie wieder dort. Ein paar Tage später teilte Vater mit:

   „Die Soldaten im Lager am Schwarzen See gehören zu einem Strafbataillon, in dem sogenannte Abweichler zusammengefasst werden. Es handelt sich dabei um Menschen, die sich den Gesetzen des Landes nicht unterordnen können oder wollen – um  Gewohnheitsverbrecher und andere Kriminelle wie Schwindler, Diebe und Sittlichkeitsverbrecher einerseits, um Sozialisten, Bibelforscher [Zeugen Jehovas], Antifaschisten, Geistliche, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler, Komiker, Clowns usw. usw. andererseits – die Liste ist lang. Sie werden an der Front immer dort eingesetzt, wo militärische Aktionen garantiert viele Opfer kosten. Zum Beispiel beim Minenräumen. Es bedeutet den Machthabern gar nichts, wenn die Abweichler hops gehen. Viele brechen psychisch zusammen, denn sie erhalten niemals Heimaturlaub und  haben auf nichts Anspruch. Es gehen Gerüchte um, wonach Kranke aus diesem Bataillon von den Ärzten als Versuchskaninchen benutzen werden dürften. Dies sind nur Gerüchte, aber man ist geneigt, ihnen  Glauben zu schenken. Überall werden jetzt Menschen zu Material degradiert. Und in einem solchen Strafbataillon können nach Ansicht der Machthaber selbst „Abweichler“ noch als 'nützliche Staatsbürger' enden“.

   Manchmal liegt ein Stein auf meiner Brust, der mich hindert, tief  Atem zu holen. Manchmal habe ich einen Strick um den Hals, der sich strafft und mir das Sprechen erschwert. Und ich kann weder den Stein noch den Strick entfernen, weil mir die Hände gebunden sind.

   Vater hat aufgehört, mir tröstende und aufmunternde Worte zu sagen. Wolfgang meint, unser Papa habe vermutlich keinen Trost mehr auf Lager. Ich glaube, unser Vater ist ganz einfach müde.

   Noch ist der Sommer nicht vorüber. Ich liege wach. Die Sommernacht ist warm. Durch das offene Fenster höre ich in der Ferne singen. Die Töne bewegen sich, kommen näher und werden stärker. Schließlich zerschneiden sie gewaltsam die Stille der Nacht, als ob jemand wolle, dass die Nacht einzig und allein dieses Lied in sich aufnehmen soll. Ich setze mich ans Fenster und lausche. Weiß nun, es sind marschierende Soldaten. Und ich kann hören, dass es gen Osten geht. An die Front? Zu einer Übung? Zum Lager am Schwarzen See? Sind es hundert? Zweihundert? Dreihundert? Oder mehr? Ich kenne weder ihre Zahl noch ihr Ziel. Sie singen fast schreiend – als protestierten sie. Dieselbe Strophe – wieder und wieder. Singen sie mit jungen, kräftigen Männerstimmen. Als ob sie alle Lieder vergessen hätten, die man ihnen bis zur Bewusstlosigkeit beigebracht hat. All’ diese Lieder von Kampf und Not und Freiheit und Brot, Sieg und Tod und von Fahnen in Morgenwind und Abendsonne. Jetzt singen sie ein Lied, das sie garantiert selbst ausgesucht hatten:

                                                 Marianka, komm, lass’ dich küssen,

                                                 du musst wissen,

                                                 dass ich dich von Herzen liebe.

                                                 In den Sternen,

                                                 in weiter Ferne,

                                                 steht es geschrieben,

                                                 mein Schatz, Marianka, ach, werde mein“.

   Ich bleibe am Fenster sitzen. Lausche – bis die zunehmende Entfernung die letzten Töne aufsaugt.

   In dieser Nacht blieb ich lange wach. Ich wusste, dass etwas siegen wird. Einen erstaunlichen Sieg erringen wird, der nicht das Geringste mit dem von den Machthabern sooft proklamierten „Endsieg“ zu tun hat. Etwas Allumfassendes, Heiteres, ewig Junges und ewig Bleibendes. Ich dachte lange nach, ohne doch meinen Gedanken Name und Richtung geben zu können. Ich möchte doch so gerne tanzen. Seit unendlich langer Zeit will ich tanzen. Nur tanzen.

 

   Eines Tages fand ich meine Mutter damit beschäftigt, ein richtig großes Paket zu packen. Alle Deutschen hatten die Genehmigung erhalten, ein Paket mit festgelegtem Gewicht an eine Adresse im Westen zu schicken. Die Pakete waren nicht als Geschenkpakete an Verwandte im Westen gedacht. Der Inhalt der Pakete wurde sorgfältig ausgewählt, es waren in der Regel Dinge, die man auf keinen Fall einbüßen wollte, wenn die Russen kämen. Ich versuchte Mutter zu überreden, Großvaters Bilder aus dem Rahmen zu nehmen, um sie mitschicken zu können. Aber Mutter wollte sich nicht von ihnen trennen. Fürchtete wohl auch, sie könnten zerstört werden und verloren gehen. Denn nun wurden auch die kleinen Städte im Altreich eine nach der anderen durch Luftminen und Brandbomben zerstört. Wir sprachen viel über diese Pakete und die einzigartige Möglichkeit, etwas zu retten. Das heißt, wir aus dem Altreich. Alle, die ihre Heimat im Osten hatten, standen wortkarg daneben und hörten zu. Sie besaßen in der Regel nichts, was sie hätten schicken können. Und wenn sie etwas hatten, dann fehlte ihnen eine Adresse im Westen Deutschlands. Aber es kam vor, dass sie Lust hatten, uns ihre Fluchterfahrungen mitzuteilen: Man ziehe zwei Unterhemden, zwei Paar Unterhosen, zwei Kleider an – also wenn man so viele besitzt. Und wenn man ein paar Fotos hat, dann lege man sie in einen Beutel oder in einen Briefumschlag, den man am Körper tragen kann.

   Unser Haushalt bestand aus vier Personen. Das Paket konnte also nur von jedem etwas enthalten. Mutter schickte es an Tante Marie in Flensburg. Diese Stadt nördlich der Eider war bisher im Großen und Ganzen von intensiver Bombardierung verschont geblieben.

 

   Dann kam der Spätsommer. Ich hatte glücklicherweise einen Praktikumplatz in einem Kinderkrankenhaus bekommen. Am 1. 9. 1944, frühmorgens, machte ich mich das erste Mal auf den Weg zu der ersten richtigen Arbeit meines Lebens. Die Oberschwester der Klinik empfing mich, um mir Instruktionen zu Umfang und Ernst der Arbeit zu geben. Leben und Gesundheit der Kinder seien nun in meine Hände gelegt, sagte sie, während sie mir eines meiner Arbeitsgebiete zeigte, eine Reinigungsvorrichtung für Babyflaschen. Unsauberkeit könne den Tod eines geschwächten Kindes bedeuten. Unvorsichtigkeit beim Reinigen habe zerdepperte Flaschen zur Folge. Der Vorrat an Flaschen nehme stetig ab, und eine neue Lieferung Babyflaschen sei nicht zu erwarten. „Das Schicksal der Flaschenkinder ist nun in Ihre Hände gelegt“, sagte sie. Ich versprach der Oberschwester, mein Bestes zu tun. Aber ich mochte ihre Art nicht so sehr.

   Anders verhielt es sich mit meiner direkten Vorgesetzten, Schwester Margaret, der Leiterin der Milch- und Speiseküche. Sie stellte mich nur der Köchin vor, einer polnischen Frau mittleren Alters mit Namen Aniella. Ich erkannte sie sofort wieder; sie war in einem deutschen Offiziershaushalt Köchin gewesen und hatte diese Stellung wegen Diebereien verloren. Und Aniella erkannte mich wieder. Aber wir hielten beide den Mund. Vorläufig. Die übrigen Küchenangestellten waren junge polnische Mädchen. Ich erinnere mich an keinen einzigen Namen.

   Das Verhältnis zwischen der Oberschwester und mir war bald sehr gespannt. Schwester Margaret wollte mich trösten, indem sie mir von den weit verbreiteten Schwierigkeiten der Krankenschwestern mit dem Führungsstil dieser kleinen, verhutzelten Frau erzählte. Man nannte sie „Besen“ – ein Besen, der die Freude wegfege. Sie war  biestig, ohne Verständnis für die Sorgen und Freuden anderer. Sie verweigerte Schwester Gisela ein paar freie Tage, als deren Mutter im Sterben lag. Und stufte sie beruflich zurück, als sie trotzdem fuhr. Der „Besen“ war auch gegenüber Schwester Siegrid, einer Krim-Deutschen, hart, als diese förmlich darum bettelte, in die geschlossene Abteilung der Klinik versetzt zu werden, wo ihr einziges Kind als Patient lag, das sie sonst nie zu sehen bekäme. Aber der „Besen“ ließ sich nicht erweichen. Schwester Siegrids Zorn über die Ablehnung ahndete der „Besen“ mit einer besonders perfiden beruflichen Zurücksetzung: wir durften Sigrid nicht mehr „Schwester“ nennen. Und zwar mit der Begründung, dass sie – als Flüchtling – kein Zeugnis über eine ordnungsgemäße Ausbildung habe vorlegen können. Auch durfte sie nicht länger die Schwesterntracht tragen.

   Der Schlüssel zum Vorratsraum hing stets an einer für alle zugänglichen Stelle. Leider mussten wir feststellen, dass Nahrungsmittel verschwanden. Auch die Schwestern entdeckten, dass in ihren Abteilungen plötzlich Sachen fehlten: Babyzeug, Medikamente und Kanülen, Bettwäsche, Handtücher – alles Mangelwaren. Der leitende Arzt des Krankenhauses erteilte die Anweisung, unangekündigt die Taschen aller Angestellten, die außerhalb des Hauses lebten, zu untersuchen. Die Ausbeute war nicht gering. Die Ertappten – alles Polen, denen es wirklich an allem fehlte – wurden nicht entlassen, denn wir konnten uns keine Hoffnung auf andere Arbeitskräfte machen. Aber sie mussten jetzt stets und ständig Kontrollen über sich ergehen lassen. Was sie darüber dachten, behielten sie schön für sich. Der Schlüssel zum Vorratsraum wurde jetzt mir anvertraut.

   In diesem Herbst kamen große Flüchtlingstrecks in unsere Stadt. Ihre Kinder bildeten unter unseren kleinen Patienten stets die Mehrheit. Viele waren wegen länger andauernder falscher Ernährung oder vor Hunger abgemagert. Der Vorratsraum der Klinik war gefüllt mit Konserven, Milchpulver, Traubenzucker – kurz gesagt mit allem, was wir brauchten. Problematisch waren der fehlende Appetit der Kinder oder allzu zarte Mägen, die das Essen nicht vertragen konnten. Ein wichtiger Teil der Krankenpflege bestand darin herauszufinden, was das Kind mochte oder vertragen konnte – eine kalte Kartoffel, ein Stück trockenes Brot, konservierter Pflaumensaft, bestimmtes Obst. Auf Grund meiner „Schlüsselstellung“ wandten sich die Schwestern immer an mich, wenn es darum ging, für die Kinder den gewünschten Leckerbissen zu besorgen. Und sie scheuten kein Mittel, sich mit mir gut zu stellen. Tatsächlich bekam ich in dieser Zeit viele „Freundinnen“. Und ich genoss diese Stellung. Ich half ihnen, wo ich konnte. Auch wenn wir gezwungen waren, die strengen Regeln des „Besens“ zu umgehen. Dafür erlaubten mir die Schwestern, dass ich mir in meinen Mittagspausen einen weißen Kittel anziehen und mich in den Krankenabteilungen frei bewegen durfte, so dass ich die Kinder kennen lernen und mit ihnen zusammensein konnte. Einige prägten sich für immer meinem Gedächtnis ein. Wie das neugeborene Findelkind, das die Schwestern Waldemar nannten, weil es in einem Wald gefunden worden war. Er unterschied sich deutlich von allen anderen Kindern, weil er gesund war. Und die nierenkranken Zwillinge, derer sich besonders Schwester Rosel annahm. Die zwei mochten am allerliebsten den Saft eingekochter Pflaumen. Und alle meine Möhrensaft-Flaschenkinder. Aber am besten erinnere ich mich wohl an Otto. Er wurde eines Nachts eingeliefert, als ein neuer Transport Flüchtlinge in Viehwagen in unsere Stadt gekommen war. Die Stationsschwester hatte ihn zusammen mit anderen Kindern an der Pforte in Empfang genommen. Mit seinen zwei Jahren war Otto der Älteste, aber auch der Schwächste – krank, entkräftet, ausgehungert und erschöpft, wie er war. Die Schwester war der Ansicht gewesen, dass dieses Häufchen Elend wahrscheinlich ein hoffnungsloser Fall sei. Auf dem Weg zur Abteilung hatte Otto seine Augen auf sie geheftet. Ein kleines Kind mit den wissenden Augen eines alten Menschen. Da beschloss sie, um sein Leben zu kämpfen. Auch wenn sie ein paar Freistunden hätte beanspruchen können - wenn es Otto schlecht ging, wenn er besonders unruhig war, wich sie nicht von seiner Seite. Ich sah ja selbst, wie er sich veränderte, wenn sie ins Zimmer kam. Sein Körper war schlapp und apathisch, seine Augen aber, die wurden lebendig, wenn er sie kommen sah.

   Otto wollte nicht essen, wollte nicht kauen, nicht schlucken. Er bestand nur aus Haut und Knochen und einem allzu großen Kopf, den sein Körper nicht halten konnte. Er lächelte nie, weinte nie, sprach nie. Er wimmerte, wenn er sich nicht wohlfühlte. Seine Mutter erzählte, dass sie während der langen Flucht gehungert hätten. Wenn Otto wimmerte, habe sie ihm manchmal ein Stück altes Brot gegeben, an dem er lutschen konnte, bis er eingeschlafen war. Nach Anweisung der Stationsschwester wurde ich ein wahrer Meister darin, harte Brotstücke für Otto herzustellen. Mit der Zeit kamen die Schwester und ich auf die Idee, ihn an der Nase herumzuführen, indem wir das Stück Brot  täglich ein kleines bisschen weniger trocken sein ließen. Bis zu dem Tag, an dem wir wagten, ihm eine normale Schnitte Brot zu geben. Ich übergab sie an der Küchentür, aber schon kurz darauf kam eine junge Schwester angelaufen. Schon im Korridor rief sie, dass ich unbedingt kommen müsse. „Schnell! Otto isst!“

   Er saß im Bett, wenn auch von vielen Kopfkissen gestützt, denn sein Kopf war für den mageren Körper noch etwas zu schwer. Er hielt die Schnitte Brot mit den Fingerspitzen, sein kleiner Finger stand vornehm ab. Vorsichtig biss er kleine Stücke ab, die er mit andächtiger Ruhe kaute. Wir standen stumm an seinem Bett. Er sah uns mit großen, ernsten Augen an. Tränen liefen mir über die Wangen, und ich wollte mich abwenden. Es ist nicht klug, an einem solchen Ort zu viele Gefühle zu zeigen. Aber da sah ich, dass es den anderen auch nicht anders ging. Sogar die hartgesottene Stationsschwester weinte vor Freude. Denn es ging ja nicht nur um Otto. Er war zum Repräsentanten für seine Leidensgenossen – für all’ die kleinen wehrlosen Opfer – geworden, ein Beispiel für den Wert selbst des Geringsten.

   Er gab uns ein Gefühl, dass unsere Arbeit Sinn hatte. Mit einer guten Portion außergewöhnlichem Willen und Umsicht und Fürsorge. Eines Tages sprach die Stationsschwester beim Mittagessen hierüber. Über Ottos Blick, der sie gefesselt habe. Als ob jemand dem kleinen Kerl ins Ohr geflüstert habe: „Die da hat in diesem Haus eine Position, die dir nutzen kann“. Wir saßen an einem ovalen Tisch. Sie saß an der Schmalseite und ließ ihren Blick umherschweifen, während sie zu uns sagte:

   „Jeder Mensch auf Erden ist für irgendjemanden von Bedeutung. Das dürft ihr auf keinen Fall vergessen“.

 

   Viele Kinder waren in Lumpen ins Krankenhaus eingewiesen worden. Aber wenn sie entlassen wurden, konnten wir sie mit Hilfe des Roten Kreuzes neu einkleiden. Den Müttern wurde dann das nackte Kind in den Arm und eine Garnitur Kleidung auf den Wickeltisch gelegt. Es war wunderschön zuzusehen, wie die Mutter ihr nun gesundes Kind wickelte. Einmal wusste eine sehr junge Mutter nicht, was sie mit dem feinen, weißen Stück Gaze, das wir Windel nannten, machen sollte. Die junge Frau drehte und wendete den Stoff hin und her, bis ihr ein Licht aufging. Mit einem breiten Lächeln wurde dem Baby, einem Mädchen, die Windel als Kopftuch um den Kopf gebunden. Bis hinunter zu den Augenbrauen, genau so, wie die Mutter das ihre gebunden hatte. Ihr Kind, in eine Wolldecke gehüllt, auf dem Rücken, verließ sie lächelnd unsere Abteilung. Zwei weißumhüllte Mädchenköpfe – ein Anblick, der uns fröhlich stimmte.

 

   Während dieser Zeit bekam ich Vater nicht oft zu Gesicht. In seiner Dienststelle herrschte Personalmangel, so dass er oft abends arbeiten musste. Morgens verließ ich als erste das Haus. Vaters Arbeitsplatz lag nur ein paar Minuten Fußweg  vom Krankenhaus entfernt. Eines Vormittags kam er am offenen Küchenfenster vorbei. Ich entdeckte ihn nicht sofort, war sehr damit beschäftigt, in drei Pfannen auf einmal Pfannkuchen zu backen, und das auf einem Kohleherd. Neben mir standen zwei große Bottiche mit Eierkuchenteig. Da musste man konzentriert und fix in seinen Bewegungen sein. Auf einmal bemerkte ich seine Augen in meinem Rücken. Ich drehte mich um. Glücklich lächelte er mich an. Eigenartig, dass ich diesen Vorfall nie vergessen habe.

 

   Eines Tages erhielten wir vom Oberarzt die Anweisung, das kleinste Zimmer, in dem mehrere Neugeborenen lagen, zu räumen, und das unverzüglich! Das Zimmer wurde gebraucht für die Tochter eines Barons. Das Baby kam in einer vornehmen Kutsche; merkwürdigerweise kutschierte der Baron selbst. Die Baronesse wurde von einer älteren, privaten Krankenschwester getragen, die die Pflege des Babys übernehmen sollte. Eines Babys, das in unserem Haus von der ersten Minute an eine Sonderstellung innehatte. Alle verwendeten den Titel „Baronesse“, wenn sie über die Kleine sprachen oder wenn sie sie ansprachen – ein paar aus Spaß und ironisch, andere aus vollem Ernst. Mit Erstaunen und gut verborgener Irritation nahm ich die Sonderstellung der Baronesse und ihrer Krankenschwester in unserem Haus wahr. Ach du liebe Zeit, wie die beiden unseren äußerst disziplinierten, gut organisierten Arbeitsablauf in Unordnung brachten! Auch in der Küche, wo die private Krankenschwester ständig im Wege stand, denn die kleine Baronesse durfte nicht den Mohrrübensaft trinken, den ich zubereitet hatte. Nur die eigene Krankenschwester durfte mit den Speisen der Baronesse in Berührung kommen. Deswegen kochte sie eine Möhre in einem Extratopf. Desinfizierte das große Sieb mit kochendem Wasser, wie sie das mit allen Küchengeräten tat, die sie für die Zubereitung der Mahlzeiten für die Hochgeborene benutzte. Ich beobachtete sie, wenn sie mit verkniffenen Lippen und schwerfälligen Bewegungen die Mohrrübe durchs Sieb presste. War erleichtert, wenn sie mir endlich dieses Gerät überließ, so dass ich rasch eine große Portion Mohrrübensaft und Möhrenbrei für alle meine Kinder zubereiten konnte. Und ließ schließlich mein Mitleid mit dieser älteren Frau über meinen Ärger siegen. Sie wirkte so einsam. Tat alles mit angespanntem Gesicht und sichtbarer Mühe. Sie lächelte nie.

 

   Annemies Vater war in das städtische Krankenhaus verlegt worden. Jede freie Stunde verbrachte seine Frau nun am Bett ihres Mannes. In diesem Herbst verfärbte sich das Laub früh. Wir stellten das mit ein bisschen Wehmut fest, Annemie und ich. Sie kam bisweilen in die Klinik, um die mittäglichen Freistunden mit mir im Park zu verbringen. Mein letzter Film diente dazu, diese Stunden festzuhalten. „Zum ewigen Gedächtnis“, wie Annemie sagte. Ich schickte ein paar Aufnahmen an Heinz in Marburg an der Drau mit den Worten:

   „Ja, nun ist der Sommer vorbei, und wir erwarten keine Winterfreuden“.

 

   Veränderungen können sich langsam vollziehen, schleichen, fast unmerklich. Und sie können wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie ein Schwerthieb kommen. So verlor ich meinen Arbeitsplatz, mit einem Schwertstreich! Am 11. 10. 1944 war plötzlich und zur Unzeit alles vorbei: Die Klinik, das Miteinanderarbeiten, die Freude an der Arbeit – alles. Wir hatten nichts geahnt. Der Tag begann wie alle anderen. Um sieben Uhr hatte ich den Zwiebackbrei wie üblich fertig. Als die Kinder gegessen hatten, machte Schwester Margaret – wie üblich – mit dem Oberarzt Visite. Im Laufe des Morgens kam der Arzt, wie er sollte, runter zu uns, um den Inhalt der für die Babys bestimmten Flaschen  und deren Anzahl festzulegen. Alles ging im gewohnten Rhythmus seinen Gang wie eine gut konstruierte, seit langem zuverlässig gehende Uhr.

   Aber dann schlug der Blitz ein, der dazu führte, dass die in sich greifenden Rädchen aus den Fugen sprangen. Alle Aufgaben wurden umverteilt, niemand wusste mehr, wer wofür zuständig ist. Das Haus verwandelte sich in einen Ameisenhaufen, der mit einem großen Stock durchfurcht wird. Der „Stock“ waren die Worte: „Das Krankenhaus wird nach Westen evakuiert – mit allen Patienten, allem Pflegepersonal und allem unerlässlichen Inventar! Wir packen sofort! Es eilt! Ein Lazarettzug ist unterwegs!“

   Dem Befehl folgten keine Erklärungen. Im aller ersten Augenblick glaubten viele, dass es sich nur um eine Übung unter dem Motto „Die Russen kommen“ handele. Einige erlaubten sich zu grinsen. Aber sie hörten damit auf, als uns allen der bittere Ernst aufging. Nicht, weil wir nun gleich das Erscheinen der Roten Armee erwarteten – die nahende Front hätte sich mit Bränden und Erderschütterungen angekündigt. Der Ernst lag in den Worten „Evakuierung“ und „eilt“. Nach dem ersten Schock jedoch begannen wir uns zu fassen, und da konnten wir Fragen stellen – jedenfalls untereinander. Obgleich sich zeigte, dass wir alle gleich viel und gleich wenig wussten. Zwar arbeiteten wir wie besessen, aber nun hatten wir wirklich alle Antennen ausgefahren. Besonders die Polen. Bruchstücke von Gerüchten, von Antworten und Erklärungen gingen von Mund zu Mund, liefen wie Stafetten durch alle Räume. Einige hatten gehört, andere nur gedacht oder vermutet. Irgendjemand hatte per Telefon mit jemandem aus der Hauptklinik gesprochen, von der aus der gesamte Krankenhauskomplex verwaltet wurde. Gegen Mittag meinte Schwester Margaret, Bruchstücke zu einer Geschichte zusammenfügen zu können. Und die lautete ungefähr so:

   Der Oberarzt habe in den späten Morgenstunden einen Telefonanruf von einem Militärarzt – einem guten Freund und Studienkameraden – der als Leiter und verantwortlicher Arzt in einem Lazarettzug mit schwerverletzten Soldaten von der Ostfront auf dem Weg nach Westen ist, erhalten. Unterwegs sei dem Militärarzt klar geworden, dass dieser Lazarettzug  unsere Stadt, in der sein guter Freund – unser Oberarzt – für eine Kinderklinik verantwortlich ist, passieren werde. Und da habe er einen genialen Einfall gehabt, der gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und ihn aus einer heiklen Situation befreien kann: Der Lazarettzug sei nämlich nicht ausgelastet. In ihm sei noch Platz. Viel Platz für viele Verwundete. Das könne Ärger mit den übergeordneten Instanzen bedeuten. Die hätten sicher kein Verständnis dafür, dass es nicht möglich gewesen sein sollte, weitere Verletzte aufzunehmen. Tatsache sei nämlich, dass man die Rote Armee dicht auf den Fersen gehabt hatte. Und da habe er als Chef des Zuges und Verantwortlicher die Lage so beurteilt, dass zu retten gelte, was gerettet werden könne. Auch sein eigenes Leben. Ja, und dann habe er den Befehl erteilt, nach Westen aufzubrechen. Mit den freien Plätzen im Zug sei es ihm möglich, den Patienten der Klinik eine reelle Chance zu geben. Denn eines schönen Tages, und der sei nicht mehr fern, werde die Rote Armee auch in unserer Stadt sein. Und dann sei es zu spät für eine Flucht in einem gutausgestatteten Zug.   

      Schwester Margaret behauptete, dass sie diese Geschichte von einer Büroangestellten habe. Die Schwester hatte den ganzen Vormittag eine stoische Ruhe bewahrt. Seite an Seite packten wir nach eigenem Gutdünken alles ein, was notwendig war, um die Kinder am Leben zu halten: Traubenzucker, Milchpulver, Konserven und Flaschen. Leere, saubere Flaschen und volle Flaschen zum Gebrauch innerhalb von 24 Stunden. Wortkarg und konzentriert, denn hierbei durften keine Fehler geschehen, und wir mussten uns beeilen. Aber plötzlich brach es aus ihr heraus: 

   „Er ist verrückt! Der Chefarzt! Er leidet unter übersteigertem Aktionismus. Ich habe das seit langem bemerkt. Besonders bei Visiten. So einen wie ihn kann man an der Front nicht gebrauchen, dort würde er mit seinen phantastischen Ideen andere in Lebensgefahr bringen. Sieh ihn dir an – wie er herumrennt und vor Wohlbehagen strahlt. Endlich eine Abwechslung von der täglichen Routine. Sieh ihn dir nur an, wenn du mir nicht glaubst. Das Telefongespräch versetzte ihn in euphorische Stimmung, das Angebot des Freundes kam für ihn wie gerufen. Die Evakuierung einer ganzen Klinik – und das in einem Rekordtempo – ja, wer macht ihm das schon nach? Wahrhaftig! So was erfordert seinen Mann!“

   Die zunächst triumphierende Freude der polnischen Angestellten wurde von Stunde zu Stunde schwächer. Nur Aniellas Augen funkelten, während sie lächelte oder mir unbekannte Lieder summte. In den Augen der äußerst jungen Mädchen meinte ich Unsicherheit lesen zu können, ja, vielleicht sogar ein bisschen Angst. Die Leitung hatte allen Polen einen Platz im Zug angeboten, aber die hatten selbstverständlich abgelehnt.

   „Was nun?“ fragte ich meine polnischen Kolleginnen, „was wird jetzt aus euch?“ Die Antwort war ein Schulterzucken. Ja, was nun? Eine der ganz Jungen, die auf der Station sauber machte, erwähnte etwas von einem Vergewaltigungsrecht der Russen. Sie habe einen Roman gelesen, in dem ein polnisches Mädchen vergewaltigt wurde, bis es starb. Danach warfen sie es auf einen Misthaufen. Man denke nur – auf einen Misthaufen!

   „Ja, ja, im Roman“, sagten die jungen polnischen Mädchen, „in Wirklichkeit ist alles ganz anders“.

 

   Wie nahm ich eigentlich Abschied von den Schwestern? Und von „meinen“ Kindern? Daran kann ich mich nicht richtig erinnern. Einige Mütter waren über die bevorstehende Evakuierung benachrichtigt worden; sie hatten ihre Kinder holen können. Der Rest der kleinen Patienten wurde in Krankenwagen zum Bahnhof gebracht. In meiner Erinnerung sehe ich Tragen und Krankenwagen wie durch einen Schleier.

   Plötzlich war das Haus leer. Als ob ein Taifun durch die Räume gefegt sei und alles mit sich gerissen habe, was nicht niet- und nagelfest war. Die Ruhe füllte die Räume mit wenigen, merkwürdigen Lauten. Sie wirkten beklemmend.

   Man hatte mir befohlen, im Haus zu bleiben, bis der Arbeitstag um war. Und obwohl es viel zu tun gab, hatte man die meisten polnischen Angestellten gebeten, die Klinik zu verlassen. Ab und zu hörte ich jedoch Geräusche, die von Menschen herrührten. Ich war also nicht ganz alleine in diesem leeren Haus. Eine junge Frau saß in der Portierloge am Haupteingang. Ich war sehr beschäftigt, irgendetwas recht Gleichgültiges sauber zu machen, als sie die Treppe hinunter kam. „Da draußen steht ein junger Herr“, sagte sie betont deutlich, „er möchte mit Ihnen sprechen. Nein, seinen Namen hat er nicht gesagt“. Ich schickte sie mit dem Bescheid zurück, dass ich wirklich etwas anderes zu tun hätte, als mit einem jungen Herrn zu sprechen. Nach nur wenigen Minuten war sie erneut bei mir. Ich müsse raufkommen. Müsse! Er müsse mir unbedingt etwas sagen, habe der junge Herr gesagt. Er werde es kurz machen.

   Sie beeilte sich, wieder nach oben zu kommen. Kopfschüttelnd folgte ich ihr mit den Augen, und da sah ich ihn stehen, über das Geländer gebeugt, als ob er gleich hinunter springen wollte. Ich zog es vor, mit ihm vor dem Haus zu sprechen. Erst bei Sonnenlicht erkannte ich ihn als einen der besser gestellten Jungen aus Berlin wieder. Wir hatten nie zuvor ein Wort miteinander gewechselt, jedenfalls nicht direkt. Er hatte zu Ellis Clique gehört, und allein das machte ihn in unserer Stadt zu einem bekannten Gesicht. Aber auch mit seinen fuchsroten Haaren, seinem sommersprossigen Gesicht und seinem ausgesprochen lebhaften Wesen war er jemand, den man nicht übersehen konnte. Wir Mädchen hatten ihn als „nicht gerade hübsch“ bezeichnet und hatten ihm einen gemeinen Spitznamen gegeben.

   Draußen vor dem Tor begrüßte er mich, als ob wir alte Bekannte wären. Er begann, über alles Mögliche zu reden. Und als ich mich schroff umdrehen wollte, um zurück zu meiner Arbeit zu gehen, hielt er mich an der Hand fest. Stammelte irgendetwas von Grüßen, die er mir von einem Kameraden ausrichten solle.

   „Er ist einberufen worden – als Luftwaffenhelfer – wie alle anderen – wie ich. Ich hatte hier in der Stadt zu tun – deshalb kam ich zurück – der Kamerad meinte, ich solle dich aufsuchen. -  Die Adresse deines Arbeitsplatzes? Na ja, die rückte Elli raus. Also, es geht darum – er, der Kamerad – also – er hat den ganzen langen Sommer an dich gedacht – und nun meint er, dass du das wissen solltest. Jetzt – wo wir raus müssen, um Soldaten zu spielen“.

   Als er das gesagt hatte, standen wir stumm da. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Aber dann geschah etwas, was dieser peinlichen Sprachlosigkeit ein Ende machte: eine Frau kam, um ihr Kind zu besuchen. Ich  musste ihr nun mitteilen, dass die Klinik Hals über Kopf evakuiert worden sei. Und ich hatte keine Zeit, die passenden Worte zu finden. Denn es kam noch eine Frau – und noch eine. Es kamen viele, denn die Besuchszeit hatte begonnen. Sie wussten nicht, was geschehen war. Und sie verlangten Auskunft. Begannen zu fragen; wie Hagelkörner prasselten die Fragen auf mich nieder. Ich antwortete stotternd. Konnte nur mit dem Kopf schütteln, wenn Fragen nach dem Warum und Wohin gestellt wurden. Riet ihnen, sich im Hauptbüro zu erkundigen (das gegen Abend geschlossen wurde) – oder bei der Polizei – vielleicht. Oder bei der Bahnhofsverwaltung. Irgendjemand musste ja etwas über den Zielbahnhof des Zuges wissen. Einige Mütter wollten sich mit Gewalt Zugang zum Haus verschaffen. Die junge Frau in der Portierloge kam mir zu Hilfe, indem sie ganz einfach die Tür zumachte und von innen abschloss. Ein paar Mütter liefen um das Haus, blickten durch die Fenster und vergewisserten sich, ob ich die Wahrheit gesagt hätte. Schließlich gingen sie. Zum Hauptbüro, zum Bürgermeister, zur Polizei, zum Parteibüro oder wo immer sie meinten, etwas erfahren oder sich beschweren zu können. Aber es kamen ständig neue. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich schaffte es nicht mehr.

   Er blieb an meiner Seite. Während der ganzen Zeit, in der ich versuchte, die Stellung zu halten, stand er da und half mir durch seine Gegenwart. Dieser junge Mann, der vor ganz kurzer Zeit noch ein Junge war, dem wir Mädchen einen Spitznamen gegeben hatten, weil wir ihn ein wenig zu weich und merkwürdig und nicht hübsch gefunden hatten.

   Irgendwann ebbte der Strom ab, und vor dem Eingang der Klinik wurde es still. Irgendwann hatte der junge Mann wohl gehen müssen, um seinen Zug zu erreichen. Irgendwann verließ ich ausgebrannt und völlig fertig meinen Posten. Ich ging zu Annemie, die wie üblich alleine war.

   Jahre später – als meine Gedanken zu diesem Tag zurückwanderten - ging mir plötzlich auf, dass das, was der der junge Mann mir in Wort und Tat hatte zu verstehen geben wollen, war, dass er mich mochte. Dass er selbst es war – und nicht der Kamerad – der einen Sommer lang mich nicht hatte vergessen können.

   Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Vielleicht gingen seine Briefe nur verloren. Vielleicht holte ihn der Krieg. Vielleicht verschwand er – wie so viele andere – an unbekanntem Ort auf unbekannte Weise.

   Das, was ich in meinen Händen habe, ist ein gestempeltes Stück Papier, ein Beweis, dass der 11. 10. 1944 mein letzter Arbeitstag in der Kinderklinik gewesen ist. Stellvertretend für den Oberbürgermeister bescheinigte mir der Amtmann der Stadt, dass ich während meiner Ausbildung „in der Kinderklinik des Städtischen Krankenhauses“ gearbeitet hätte und dass die Kündigung erfolgt sei, weil die Kinderklinik an einen anderen Ort  habe verlegt werden müssen. So also kann man auch diese kurzfristige Evakuierung beschreiben – als „eine Verlegung an einen anderen Ort“. Ich hatte den brennenden Wunsch, auf diese Fehlformulierung hinzuweisen. Ich hatte auch ein paar Fragen auf der Zunge, verschloss aber meinen Mund klugerweise mit sieben Siegeln.

   Der Amtmann bot  mir sofort einen Platz im städtischen Altersheim an. Eines neuen Vertrages bedürfe es nicht, sagte er, denn der Arbeitgeber sei hier wie dort der Oberbürgermeister, und meine Arbeitsbedingungen seien identisch.

   Ursprünglich sollte die aus Weißrussland stammende Valentina, ein Mädchen aus meiner Abschlussklasse, diesen Praktikumplatz übernehmen. Aber sie hatte abgesagt. Die Bewohner des Altersheimes waren entweder zwangsweise evakuierte oder geflüchtete Russen oder Volksdeutsche aus dem Osten, den Balkanländern, dem Baltikum oder der Sowjetunion. Alle hatten sie ihren gesamten Besitz verloren, die meisten auch die gesamte Familie. Fräulein Bréchot, unsere Lehrerin, meinte, Valentina habe vielleicht die Erzählungen über die einzelnen Schicksale nicht mehr ertragen können. Und sie meinte auch, dass ich als Norddeutsche besser werde Abstand halten – meine Arbeit machen und das ganze hinter mir lassen können.

   Auf die Verhältnisse an meinem Arbeitsplatz bereitete man mich recht gut vor:  Heimleiterin war eine Baltin, die deutsche Vorfahren hatte und deswegen einen deutschen Namen trug. Vier junge polnische Novizinnen, die obdach- und heimatlos geworden waren, nachdem man nach dem Abfall Italiens ihr Kloster geschlossen hatte, arbeiteten in der Heimküche und als Zimmermädchen. Eine Deutschrussin war die einzige Krankenschwester des Heimes. Die Waschfrau war Polin, und Pole war ihr Mann, der Hausmeister des Heimes. Zwei schwachsinnige junge Frauen polnisch-volksdeutscher Herkunft waren Putzfrauen. Eine ein bisschen mongolisch aussehende, aber perfekt deutsch sprechende Frau, die vermutlich aus Sibirien stammte, arbeitete als Gehilfin auf der Pflegestation. Die Umgangssprache unter den Angestellten des Heimes war – wie gesetzlich vorgeschrieben – Deutsch. Hieß es. Aber Valentina hatte mir grinsend mitgeteilt, es sei Polnisch. Ich sei dort die einzige Reichsdeutsche. Das aber hielt ich für unproblematisch.

   Wochen nach meiner Arbeitsaufnahme vertraute mir die Novizin Marysia an, wie erleichtert sie alle gewesen seien, als sie gehört hätten, dass statt der Weißrussin Valentina eine Schülerin aus Hamburg den Praktikumplatz bekäme. „Eine aus Norddeutschland kann kein Polnisch“, sei die Schlussfolgerung der Polinnen gewesen. Die Wände hätten Ohren, aber bei einer Reichsdeutschen im Haus – die garantiert zu dumm und eingebildet sei, um Polnische zu lernen – könne man sich erlauben, einigermaßen frei zu sprechen. Dachten sie.

   Das Altersheim lag in der Nähe unserer Wohnung. Während meines ersten Gesprächs mit der Heimleiterin hatte sie es für überflüssig gehalten, mir den Küchenbereich zu zeigen, und sie war auch nicht auf die Idee gekommen, mich meinen künftigen Kolleginnen vorzustellen, denn das seien ja nur Polacken, wie sie sagte. Sie sprach mit sehr sanfter Stimme, auch als sie mich auf die besonderen Bestimmungen für den Umgang mit polnischen Arbeitskräften aufmerksam machte. Es existierte ein Buch für Deutsche, die an ihrem Arbeitsplatz engerem Kontakt mit Polen nicht entgehen konnten. Ich musste zugeben, dass man in der Kinderklinik „versäumt“ hatte, mir dieses Buch zu geben. Bei der Rückgabe des Buches musste per Unterschrift bestätigt werden, dass man den Text gelesen und  verstanden  habe. Übertretungen der in diesem Buch genannten Bestimmungen wurden bestraft. Aus dem gesamten Buch ist mir nur ein Satz in Erinnerung geblieben: „Sprich nie mit Polen, befiehl ihnen“.

   Gegen die Heimleiterin sprach ihr Aussehen. Sie war an den falschen Stellen ein bisschen zu dick, hatte ein etwas zu großes Doppelkinn und eine ein wenig zu spitze Nase. Aber am schlimmsten fand ich doch ihre zu süße, zu freundliche Stimme, die mit ihren kalten Augen nicht in Einklang stand. Schon bei unserem ersten Treffen nannte sie mich „Ruthichen“. Und machte mich darauf aufmerksam, dass sie meinen lieben Vati in seiner Eigenschaft als Verantwortlichen für den zivilen Luftschutz der Stadt kenne. Sie machte mich auch auf eine ganz spezielle Pflicht aufmerksam, nämlich wachsam zu sein gegenüber Dieben – das heißt gegenüber den Polacken. Ich solle jedes Vergehen melden. Sie sei sich sicher, dass wir in Zukunft sehr, sehr gut zusammenarbeiteten.

   Praktikumplätze gab es nicht in Hülle und Fülle. Ich wollte gerne in der Nähe meiner Familie bleiben. Also hatte ich keine Wahl, ich musste diesen Platz annehmen. Als ich am ersten Arbeitstag zu dem Altersheim ging, sagte ich zu mir: „das werde ich schon schaffen“ – die wunderliche Chefin, die Zusammenarbeit mit den polnischen Kolleginnen, das hässliche Gebäude, die einsamen Alten und nicht zuletzt die Sprache. Ich würde damit zurechtkommen! Etwas Polnisch konnte ich, und mehr wollte ich lernen. Meine eifrigen Lehrmeister waren die polnischen Gärtnerjungen gewesen. Gewiss, sie hatten mir – zu ihrer großen Belustigung und Freude – auch hässliche und freche Wörter beigebracht, die ganz und gar ungeeignet waren  für die zarten Ohren der Novizinnen. Aber man konnte ja seine Zunge hüten und die Worte sorgfältig wählen. Der Wille ist unsere stärkste Waffe! Sagte ich zu mir.

   Das Altersheim bestand aus mehreren gleich langen Häusern. Jedes Haus hatte ein Erdgeschoss, eine erste Etage und ein paar Räume direkt unter dem Schrägdach. Es war seltsam, dass nur ein Haus benutzt wurde. Leere Gebäude waren eine Seltenheit in unserer Stadt, die überfüllt war von Flüchtlingen und Verwundeten. Die Chefin führte mich in die Küche, die aus zwei Räumen bestand. Sie grüßte die polnischen Angestellten – die an einem langen Esstisch frühstückten – polnisch. Anschließend verschwand sie. Und da stand ich nun – mitten im Raum – ein Ziel, eine Schießscheibe für viele kritisch prüfende Augen. Nach ewig langer Zeit erhob sich eine junge, etwas mollige, rothaarige Novizin, gab mir freundlich lächelnd ihre Hand und sagte auf Polnisch – und das mit weicher und freundlicher Stimme:

   „Dzień dobry, ty głupia kozo!“ (Guten Tag, du dumme Ziege). Ich ergriff unverzüglich ihre Hand, zauberte auf mein Gesicht zuckersüße Lachfältchen und antwortete über alle Maßen sanft und freundlich auf Polnisch:

   „Dzień dobry, ty głupia małpo!“ (Guten Tag, du dummer Affe“)

   Sie erstarrte. Bei ihrem Anblick verstand ich auf einmal das Wort „versteinern“. Aber dann kam Leben in ihr Gesicht. Es wechselte die Farben wie ein Blinklicht: Totenblass – Puterrot – Totenblass – wieder und wieder.

   Nein, Marysia hatte ganz und gar nicht erwartet, dass ich ihr antwortete, sagte sie mir später. Sie hatte den anderen einen kleinen Spaß versprochen: Sie sollten 'mal sehen, wie sich dieses Mädchen, das annimmt, dass eine Polin eine Deutsche freundlich begrüße, blamiert.

   In Wirklichkeit war sie es, die fromme Novizin, die sich blamiert hatte. Die Folgen waren vielfältig und hatten starken Einfluss auf unser Miteinander. Aber das konnten wir nicht ahnen, als wir bei unserer ersten Begegnung mitten in der Küche standen, als sich unsere Blicke trafen. Trotzig und ein bisschen ärgerlich auf sich selbst, versuchte sie nicht, meinem Blick auszuweichen. Ich begann, mich ein bisschen zu amüsieren. Man stelle sich vor, dass eine feine Novizin so ins Fettnäpfchen hatte treten können! Und dass ich mich vor einer halben Stunde entschlossen hatte, meine Zunge in Zaum zu halten. Beim Gedanken daran musste ich lachen. Dieses Lachen kam aus der Tiefe meines Herzens – woher alles kommt, was wir nicht so ohne weiteres beherrschen können. Das Lachen überwältigte mich, es trieb mir die Tränen in die Augen und merkwürdige Geräusche in meine Kehle. Es ließ mich nach Luft schnappen, und es schüttelte mich, denn man kann bei einem solchen Lachanfall nicht erhobenen Hauptes dastehen. Ein Lehrer hatte dieses Lachen einmal als meinen Fehler bezeichnet. Man lache nicht ungestraft zur falschen Zeit und am falschen Ort! Ich hätte auch gerne aufgehört. Denn alle anderen in der Küche starrten mich an. Ach du liebe Zeit, wie die aussahen mit halbgeöffnetem Mund und mit Augen, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Aber es ist nun einmal so, dass Lachen ansteckt, auch wenn den Polen nicht zum Lachen zumute war. Ein schadenfrohes Grinsen ja, aber nicht ein solches Lachen. Nein! Und ganz und gar nicht mit mir. Denn „worüber ein Deutscher lacht, bringt einen Polen zum Weinen“, hatte ich sagen hören. Die Novizin saß mit zusammengekniffenen Lippen da. Hielt die Hände straff über dem Bauch gefaltet, um ein brodelndes Lachen in Zaum halten zu können. Nur war das nicht möglich. Sie musste sich ergeben. Musste ihrem Lachen zuletzt freien Lauf lassen. Und die anderen lachten in ihrer eigenen Art mit ihr im Chor.

   Das war ein sehr guter Anfang einer äußerst schwierigen Zeit.

 

   Marysia hatte rote Haare und Sommersprossen. Ihre hellblauen Augen konnten einen kalt und kritisch betrachten. Sie sprach ziemlich gut Deutsch. Ihr „Titel“ war Koch. Sie habe die Verantwortung für die Küche, sagte sie mit Nachdruck. Und nach einer Pause:

   „Du hast unter mir zu arbeiten“. Als das gesagt war, guckte sie mich prüfend an. „Pani [Frau] Wagner, unsere Chefin, hat das befohlen“, sagte sie. Erwartete Marysia meinen Protest? Ein deutsches Mädchen, das unter einer polnischen Novizin arbeiten sollte? Als ich „fein, Du kannst mir sicher viel beibringen“ antwortete, starrte sie aus dem Fenster.

   Wir machten so gut wie alles gemeinsam. Das führte zu vielen Gesprächen. Man kann nicht stumm nebeneinander sitzen, wenn man für fünfzig Leute Kartoffeln schält. Sie erzählte von ihrem Leben im Kloster und wie sie sich auf den Zeitpunkt freue, an dem sie Nonne werden und dieser Welt den Rücken kehren könne. Sie hatte sich selbst für ein Leben als Nonne entschieden – im Gegensatz zur Novizin Hella, die sich gezwungenn gesehen hatte, das Gelöbnis ihrer Eltern einzulösen. Als ihre jung verheiratete Mutter sehr krank gewesen war, hatte der Vater ihr erstgeborenes Kind dem Kloster versprochen, wenn seine junge Frau gesund würde. Hella hatte Heimweh. Oft hatte sie verweinte Augen. „Aus Heimweh?“ fragte ich Marysia. „Ja, auch aus Heimweh“, war die Antwort. Aber eines Tages erzählte mir Marysia, dass Frau Wagner Hella mehrfach geschlagen habe. Und dass die Pani Herta und Berta, die beiden geistesschwachen Frauen, prügele. Und ihrer polnischen Haushälterin, der Novizin Stella, und der anderen Marysia, die wir „Marysia zwei“ nannten, hatte die Pani Ohrfeigen gegeben.

   „Nein! Mich wagt sie nicht anzurühren. Aber sie schlägt auch die Alten. Nicht die im ersten Stockwerk, die Adligen und den Arzt und den großen Balten. Aber die Bäuerinnen vom Schwarzen Meer, die Blinden und Senilen, die haben von ihr Prügel bezogen. Warum? Ach ja, sie wird wegen so vieler Dinge wütend. Duldet nicht, dass sich die Alten über das Essen beschweren. Einmal hatten wir den Alten erzählt, dass sie Pudding kriegten. Aber sie bekamen nur Hirsegrütze, der ich Mandelaroma hinzugefügt hatte. Eine alte Bäuerin von der Wolga fühlte sich wegen des Ganzen so brüskiert, dass sie die Grütze mit der Hand aus dem Mund nahm und sie auf ihr Kleid schmierte. Da wurde Pani Wagner so wütend, dass sie ihr eine ordentliche Tracht Prügel verabreichte“.

 

   Vater hatte mir erlaubt, die Nacht zu meinem ersten freien Sonntag bei Annemie zu übernachten. Er war davon nicht begeistert, aber noch weniger wollte er, dass ich bei Dunkelheit alleine nach Hause ginge. Annemie war an diesem Abend unruhig, ihre Mutter hätte längst zu Hause sein sollen.

   Endlich kam sie, gestützt auf Renis Vater. Noch an der Tür brach es aus ihr heraus, dass der Vater tot sei und dass sie ihn getötet habe. Nachdem man sie aufs Sofa gesetzt hatte, ging Renis Vater. In ihrem großen Leid sei es für sie wohl am besten, alleine zu sein, meinte er. Ich weiß nicht, wie lange wir mit ihr zusammen gesessen hatten, ehe sie erzählen konnte:

      Sie waren im Krankenhaus ja so nett zu uns. Sie gaben ihm ein Einzelzimmer und alles so was. Heute Abend hatte er besondere Atembeschwerden. Ich hatte ihm versprochen dazubleiben, bis er eingeschlafen sei. Plötzlich kamen zwei Ärzte, um nach ihm zu sehen. Ich wunderte mich, dass zwei auf einmal kamen, jetzt, wo wir so einen Ärztemangel haben. Und als sie gingen, verlangten sie, dass ich mit ihnen raus käme. Draußen vor dem Zimmer – gleich an der Tür – im Korridor – begannen sie, von „dem da drin“ zu sprechen. Und dann fragten sie mich sehr freundlich, ob sie ihm helfen dürften – ihm eine Spritze geben dürften, „so dass er ruhig einschlafen kann“.

     „Ich glaubte, sie wollten ihm zu einer guten Nacht verhelfen, und ich sagte, selbstverständlich dürften sie ihm eine Spritze geben. Ich witterte keinen Unrat, als sie mich aufforderten, draußen vor der Tür zu warten. Und als sie mich baten, wieder reinzukommen, sprachen sie davon, 'von ihm Abschied zu nehmen'. Ich konnte ihn gerade noch in die Arme nehmen. – Er blickte mich an. Annemie, wie er mich ansah. – Die haben ihn getötet, Annemie. Und ich habe ihnen die Erlaubnis dazu gegeben. Aber sie hatten doch 'einschlafen' gesagt. Ich wollte doch nur, dass er in der Nacht gut schlafen könne. Alles andere hätte ich ihnen untersagt“.

   Annemie hörte schweigend zu. Sie sprach nie wieder über den Tod ihres Vaters. Nie wieder.

   Die Mutter verdeckte ihr ständig verweintes Gesicht mit einem langen, schwarzen, faltenreichen Schleier. Sie färbte ihre gesamte Kleidung schwarz, zum Teil auch Annemies. Sie sprach davon, sich das Leben zu nehmen, und hätte dies auch getan, wenn Annemie ihr in den Tod gefolgt wäre. Aber Annemie wollte leben.

 

   Wenn ich morgens in die Küche des Heimes kam, bemerkte ich Hunderte Kakerlaken, die in dem Augenblick verschwanden, in dem das Licht eingeschaltet wurde. Ich bemerkte sie nicht nur, ich hörte sie! Beim ersten Mal erschreckten sie mich. Ein paar Tage erfüllte mich allein schon der Gedanke an ihre Anwesenheit im Verborgenen mit Ekel. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, wenn es sich nur oft genug wiederholt.

   Den kleineren Raum der Küchenregion nahm ein großer Herd ein. Hier war es immer warm, und ein Fenster nach Süden und eines nach Osten machten der Raum sehr hell. Deshalb saßen Marysia und ich am liebsten in diesem Raum, wenn wir Kartoffeln schälten und Gemüse putzten. Hier war es auch am sichersten, wenn man ein Gespräch führen wollte. Wer zu uns wollte, musste zunächst den großen Küchenraum passieren. Eines Tages sprachen wir über die Massengräber in Katyn, die vor kurzem von den Deutschen gefunden worden waren, vom Tod der polnischen Offiziere durch Genickschuss.

   „Da kannst du sehen, was die Russen, euere Alliierten, mit mehreren Tausend Angehörigen  der polnischen Elite gemacht haben!“ Sie lächelte überlegen, als sie mich fragte, woher ich denn wisse, dass es die Russen, also die Bolschewiken, waren, die sie getötet hätten. Die Deutsche besäßen auch Gewehre. Und russische Patronen seien sicher kein ausreichender Beweis. Die könnten zum Beispiel im Krieg erbeutet worden sein.  

   Wir vermieden üblicherweise jeden körperlichen Kontakt. Aber jetzt legte sie ihre Hand auf meinen Arm und sagte mahnend:

   „Propaganda, Ruthi, du darfst der Propaganda nicht glauben. Du musst Kopf und Herz in Anspruch nehmen.  Ausschließlich Kopf und Herz. Damit sieht man immer am klarsten; mit Kopf und Herz kommt man immer am weitesten. Politik und Propaganda, Ruthi, sind voller Lügen“.

   Am Abend erzählte ich Vater von diesem Gespräch. Marysias Behauptung, dass  auch deutsche Soldaten in der Lage seien, Gefangene zu erschießen, schockierte mich. So etwas konnte wohl nur eine Polin behaupten!

   Aber Vater lächelte. Sonderbarerweise lächelte er freundlich, als er antwortete:

   „In einem solchen Krieg ist alles möglich. Vielleicht hat Marysia recht und vielleicht nicht. Das wird erst die Zeit zeigen“. Heute ist unbestritten, dass die polnischen Offiziere vom sowjetischen Geheimdienst durch Genickschuss umgebracht worden sind.

 

   Marysia hatte ihre eigene Art, die Welt zu sehen. „Hitler ist gut für Polen“, sagte sie eines Tages zu meiner großen Verblüffung. Nachdem ich sie um eine nähere Erklärung gebeten hatte, antwortete sie:

   „Hitler säubert Polen von den Juden, die sind eine Pest. Und dann kämpft er gegen Stalin, der ist eine noch größere Pest. – Hitler und Stalin verhalten sich wie Ratten und Mäuse, die ewig Hunger auf mehr haben und sich am Schluss schließlich gegenseitig auffressen“.

   Auf meine Frage, wen von beiden sie als Maus und wen als Ratte bezeichne, erwiderte sie mit einem lang anhaltenden verschmitzten Lächeln. Schließlich wagte sie, etwas zu sagen, was ihren Mut – und ihr Vertrauen mir gegenüber – belegt:

   „Das hängt von der Entfernung ab. Weit weg ist die Ratte ein kleines Tierchen. Dicht am Leib ist die Maus eine widerliche Bekanntschaft“.

   Nun beanspruchte auch ich das Recht zu unverblümter Sprache. Ich tadelte ihre Beurteilung der Juden. Wie konnte sie, die Nonne werden will, sich eine derart teuflische Menschenansicht erlauben? Und musste zugleich feststellen, dass ich hier gegen eine Mauer redete. Was die Juden anging, bestritt sie mir resolut das Recht, eine Meinung zu haben. Ich, eine Lutherische, eine Protestantin, eine Ungläubige, was wisse ich schon von der einzig wahren Religion?  Doch fehlten ihr die Worte, die mich hätten überzeugen können. Plötzlich – mitten in der Diskussion – führte sie das Kreuz, das sie an einer langen Kette um den Hals trug – an meinen Mund.

   „Jetzt hast du das Kreuz geküsst, und weil du eine Ungläubige bist, werden sich deine Lippen entzünden. Denn drin im silbernen Kreuz befindet sich ein Splitter vom Kreuz Christi“.

   Sollte ich jetzt lachen oder weinen? Ich wurde belehrend: „Marysia“, sagte ich so sanft ich konnte, „Marysia, es gibt so viele Kreuze mit einem solchen Splitter! Wie viele Wälder – meinst du – mussten im Laufe der Zeit gefällt werden, um alle diese Splitter herzustellen? Marysia! Du bist viel zu klug, um an einen solchen Humbug zu glauben!“

   Als sich auf meinen wintertrockenen Lippen ein kleiner Riss zeigte, sahen darin alle vier Novizinnen einen phantastischen Beweis für meinen Unglauben. Aber sie wurden mir ungläubigem Menschenkind gegenüber weder böse noch herablassend. Mit milder Stimme sagten sie mir, dass ich - recht besehen -  schuldlos sei. Aufgewachsen im nördlichen Deutschland unter Nazis und Protestanten, sei ich zwangsläufig  gezwungen, unaufgeklärt auf unserer gemeinsamen Erde herumzuspazieren.

   So gingen die Tage dahin mit vielen Gesprächen, die nie vergessen wurden. Eines Morgens stand Hella - gerade als ich kam -  in der Küche, was sie sonst nicht tat. Sie wollte mir sagen, dass Pani Wagner in der Kanzlei (die Polinnen verwendeten nie die Wörter Kontor oder Büro) an ihrem Schreibtisch throne und ich so schnell wie möglich zu ihr kommen solle, denn die Chefin wolle mit mir reden. Hella sah mich mitleidig an.

   Pani Wagner war erkennbar wütend. Denn ich hätte nicht die Bohne verstanden, worum es geht, sagte sie zu Beginn ihrer Strafpredigt. An deren Ende gab sie mir noch einmal – als letzte Warnung – das Buch zum gründlichen Durcharbeiten. Sie wolle freundlich sein. Sagte sie. Mir eine Chance geben. Obwohl mein Umgang mit den Polacken unter aller Kritik sei. Ja, in der Tat verstoße er gegen die Gesetze und sei damit kriminell. Die Tochter eines Polizeibeamten sollte wirklich besser Bescheid wissen. Wenn sie den höheren Instanzen nur einen Bruchteil meiner Verbrechen mitteilte, dann - . Ja, wenn die erführen, dass ich versuchte, Polnisch zu lernen! Sie wage sich nicht auszudenken, was nach einer solchen Anzeige alles passieren könne. Und da antwortete ich:

   „Aber ich wage es. Denn dann sähe ich mich gezwungen – um mich zu verteidigen - den höheren Instanzen mitzuteilen, dass die Chefin dieses Hauses, die sich von allen Angestellten mit Pani anreden lässt, jeden Morgen ihre Arbeitsanweisungen nur auf Polnisch erteilt. Und da ich gerne verstehen möchte, was ich nach den Wünschen der Chefin machen solle, sähe ich mich gezwungen, diese Sprache zu lernen“.

   Als ich dieses Gespräch Marysia und Hella wiedergab, meinten sie, dass ich zu weit gegangen sei. Auf diese Weise rede man nicht ungestraft mit einer wie  Pani Wagner. Die werde sich rächen. Und da sie sich nicht erlauben könne, mich zu schlagen, werde die Rache hinterhältig und schmerzhaft sein.

    Natürlich hatte ich ein bisschen Angst. Am Abend fragte ich Vater, was ich tun solle. Es war ja nicht meine Absicht, jemanden durch Trotz in Gefahr zu bringen. Vater sagte:

   „Alle Angestellten des Heimes sind deine Kolleginnen. Und als solche solltest du sie behandeln“.

 

   In diesem Jahr kam der Winter sehr früh und mit einer Heftigkeit, die uns alle erschreckte. Die alten Menschen im Heim, die den russischen Winter kannten, jammerten. Schon zu Beginn des Winters mussten wir mit der Feuerung sparen. Die Novizinnen wohnten in einem ungeheizten Zimmer unter dem Dach. Deshalb hielten sie sich nach beendeter Arbeit in dem Raum der Küche auf, der an den Speisesaal stieß. Denn hier gab es einen Tisch und zwei Bänke, und hier war es warm. Bisweilen setzte ich mich zu ihnen, und dann konnte es vorkommen, dass wir völlig vergaßen, wer wir waren. Wir waren dann nur noch junge Mädchen, die zusammen lachten. Eines Abends brachten mir die Novizinnen lustige polnische Gesellschaftsspiele bei, mit denen sie sich die langen Winterabende vertrieben hatten, als sie noch bei ihren Eltern lebten. Ich erzählte ihnen von den Freunden zu Hause in Hamburg und von Tante Mieze und all’ den Spielen, die sie uns beigebracht hatte.

 

   Selbstverständlich probierten wir die Spiele aus. Nahmen uns gegenseitig hoch, wenn das die Absicht des jeweiligen Spiels war. Eines Abends lobten sie meinen polnischen Wortschatz – und meine Aussprache. Da sagte ich übermütig, dass ich – wenn ich wieder zu Hause sei – Marysia einen Brief schreiben würde. Die Novizinnen zweifelten daran, dass ich einen Brief auf Polnisch schreiben könne. Schließlich brachte Hella Papier und forderte mich auf zu schreiben. Ich begann meinen Brief mit „Meine Marysia!“, denn ich wusste nicht, was „liebe“ auf Polnisch heißt, kannte nur das Wort „Geliebte“, was ja nicht dasselbe ist.  Eine ganze Seite schrieb ich über alles, was man nur in einem Brief an einen guten Freund schreibt. Marysia las den Brief den anderen laut vor, die vermutlich verstanden, was ich meinte, sich aber trotzdem mächtig über meine Grammatikfehler amüsierten. Schließlich stopfte Marysia den Brief in ihre Schürzentasche.

   „Als Andenken – Ruthi“.

   Auf dem Weg vom Haupteingang des Heimes zur Küche musste ich immer  am Büro der Heimleiterin vorbei. Am nächsten Morgen stand die Tür offen. Die Pani hatte mich erwartet und rief mich zu sich. Wie ein Habicht, der auf Beute aus war, thronte sie auf ihrem Stuhl. Mitten auf den Schreibtisch hatte sie meinen Brief an Marysia gelegt. Und da dachte ich, so also hängt das zusammen! Die Novizinnen lassen mich einen Brief schreiben, um Pani Wagner einen Freundschaftsdienst zu leisten. Nun konnte sie mir mit einem schriftlichen Beweis für meine kriminellen Handlungen einen Strich durch meine Ausbildung machen. Es ist also richtig, was man behauptete: Die Polen sind falsch. Sie lächeln einen an, während sie von hinten zustechen.

   Enttäuscht und verletzt, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Pani Wagner deutete meinen Schmerz als Reue und Angst. Und meinte, dass unsere Zusammenarbeit von nun an einwandfrei verlaufen werde.

   Zurück in der Küche,  bezeichnete ich Marysia laut als falsches Biest und warf ihr noch Schlimmeres an den Kopf. Sie ließ es über sich ergehen, legte aber einen Finger auf den Mund, während sie mit den Augen auf die Tür wies, zog mich in die kleine Küche und begann flüsternd zu erklären:

   „Pani Wagner klopfte mitten in der Nacht an unsere Tür und verlangte, dass wir ihr den Brief gäben. Sie drohte uns. Ruthi, wir haben diesen Brief nicht geplant. Wir stecken mit dieser Frau nicht unter einer Decke. Wir wollen dir überhaupt nichts vermasseln. Aber sie hat uns bedroht. Und deshalb haben wir ihr den Brief gegeben. Du kannst dich verteidigen, während wir völlig rechtlos sind“.

   Eine Sekunde glaubte ich ihr und war erleichtert. Aber dann schlug die Erkenntnis wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein: Nur wir fünf kannten diesen Brief. Während ich ihn schrieb, befand sich die Chefin in ihrer Dienstwohnung im ersten Stock. Von dort aus kann man weder hören noch sehen, was im Küchenbereich vor sich geht. Ich wurde wütend auf diese falsche polnische Nonne, und Marysia erwiderte nichts, nahm mich nach einer Weile bei der Hand und führte mich aus dem Wirtschaftsraum hinaus. Im dunklen Gang blieb sie stehen. Lauschend, spähend. Nein, Pani Wagner war nicht in der Nähe. Ein paar rasche Schritte, und wir befanden uns im Speisesaal. Marysia zeigte auf die Wand zwischen Küche und Speiseraum. Was meinte sie? Als ob sie morsen wolle, zeigte sie auf die Durchreiche, die mit einer Jalousie verschlossen war, die nur zu den Essenszeiten geöffnet wurde, und erklärte flüsternd:

   „Hier – unter der Jalousie – sitzt Pani Wagner abends ab und zu und horcht. Auf dem Fußboden. Durch die Jalousie kann sie nämlich hören, worüber wir uns in der Küche unterhalten“.

   Ein paar Tage später kam Hella in die Küche und begann unverzüglich, mit ihren Fingern sonderbare Zeichen zu geben, die die anderen augenblicklich verstanden. Marysia wurde wachsam. Wurde wie eine Katze, die eine Maus im Visier hat. Plötzlich zeigte sie auf die geschlossene Jalousie. In ihrer Zeichensprache sagte sie mir, dass ich jetzt den Aufenthaltsort des Feindes erkunden könne. Und während die anderen eifrig über irgendetwas zu sprechen begannen, was die Lauscherin an der Wand als gefundenes Fressen empfinden musste, schlich ich mich zur Speisesaaltür, öffnete sie vorsichtig und fand Pani Wagner – unsere furchteinflößende Chefin – wie einen Hund auf allen Vieren unter der Jalousie sitzen – mit ihrem recht umfangreichen Hinterteil zur Tür hin. Ohne nachzudenken rief ich:

   „Nein! Oh, nein! Was machen Sie denn hier in diesem dunklen Zimmer? Sind Sie gefallen? Haben Sie sich verletzt? – Marysia! Hella! Stella! Kommt! Schnell! Ich glaube, unsere Pani ist gestolpert und kann nicht aufstehen!“

   Sie kamen durchaus nicht schnell, sondern sehr zögernd. Blieben ohne das geringste Zeichen von Triumph auf ihren Gesichtern wortlos an der Tür stehen. Es fiel kein einziges Wort, als sich unsere Chefin erhob, um den Schauplatz so schnell wie möglich zu verlassen. Zurück in der Küche, meinte Marysia, dass dies kein gutes Ende nehmen werde.

 

   Eines Morgens fand ich in einer Ecke des Wirtschaftsraums auf dem Fußboden neben der Zuckerkiste ein paar Zuckerkörner. Ich fragte Marysia, ob eine von ihnen sich unberechtigterweise während der Nacht mit dieser Kostbarkeit versorgt habe.

   „Du musst verstehen, Marysia, als ich die Stelle antrat, erhielt ich von Pani Wagner die Vertrauensstellung als eine Person, die auf Diebe achten solle. Da lachte mich die Novizin breit an und begrüßte mich als „Kollegin“. Auch ihr war von der Pani eine solche Aufsichtsfunktion übertragen worden. Über meine Fähigkeiten – oder richtiger gesagt – über das Fehlen solcher Fähigkeiten. Jede noch so kleine Verfehlung sollte der Pani gemeldet werden. Die Schule in Posen habe nämlich nur für wenige Schülerinnen Platz und müsse deshalb ohne Pardon aussieben, habe die Pani gesagt.

   Ja, die Novizinnen hatten sich Zucker genommen. Vier Teelöffel – für den Tee. Das machten sie hin und wieder. Aber die Spuren, die Zuckerkrümel auf dem Fußboden – seien gewiss von Pani Wagner selbst verursacht worden. Als eine Art Falle. Marysia riet mir, der Chefin meinen Verdacht, dass Zucker gestohlen worden sei, mitzuteilen. Als das gesagt war, hielt mich Marysia mit ihren Augen fest. Und ich merkte, dass sie mehr sagen wollte. Nach langem Zögern machte sie einen Versuch:

   „Ruthi – du musst deine Augen besser aufmachen. Und deinen Verstand besser nutzen. Wenn du gegen Abend die Speisekammer sauber gemacht und ordentlich aufgeräumt hast, hinterlass’ ein paar Merkzeichen – stell’ die Gewichte in einer bestimmten Reihenfolge hin, an die du dich später erinnern kannst. Kontrolliere die Buchführung über die an diesem Tag verwendeten Lebensmittel. Oft rührt die letzte Eintragung von dir oder mir her. Und dann kann es sein, dass du am nächsten Morgen einen Verbrauch von Lebensmitteln in der Handschrift der Pani verzeichnet findest. Dann müssen wir beiden darüber sprechen, denn ihre Eintragungen über die Entnahme von Mehl und anderem gibt es auch für Daten, an denen die Küche überhaupt kein Mehl bekommen hat. Die Pani backt nachts Kuchen für sich selbst. Das hat die Haushälterin erzählt. Bisweilen ist nichts eingetragen, aber ein bisschen Mehl auf dem Fußboden oder ein Durcheinander in der Anordnung der Gewichte verrät nächtliche Besuche im Vorratsraum. Und es kommt vor, dass sich auf den Gewichten – die du am Abend geputzt hast – Fingerabdrücke mit Mehlrückständen befinden. Bei derlei Anzeichen musst du in die Kanzlei stürzen und der Pani von deiner Entdeckung eines Diebstahls berichten. Sie klaut, Ruthi, und sie tut das öfters, denn sie fühlt sich sicher. Bei einer möglichen Entdeckung sind wir Polen die Sündenböcke“.

   Ein Anlass ließ nicht lange auf sich warten. Nach gründlicher Reinigung am Abend fand ich am nächsten Morgen Mehlspuren. Als ich der Chefin meine Beobachtungen mitteilte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und war ganz außer sich vor Entsetzen über das Diebsgesindel in unserem Haus. Aber sie wolle keine Meldung bei den höheren Instanzen machen. Noch nicht. Sie wolle mehr Beweise sammeln. Und ich versprach, ihr dabei zu helfen.

 

   Sonntags halfen uns ein paar alte Frauen aus dem Heim beim Kartoffelschälen. Es waren immer die Bäuerinnen von der Wolga oder der Krim, die von der Pani zu diesem Dienst kommandiert wurden. Sie erschienen stets im besten Zeug, das sie besaßen. Denn es war Sonntag, und einmal – vor langer Zeit – als die Frauen auf ihren eigenen Höfen lebten, hatte man den Sonntag vorbereitet, so dass genügend Zeit war, um zum Gottesdienst zu gehen, wie sie erzählten. Es gab insbesondere eine, die etwas streitsüchtig sein konnte. Bisweilen erschien sie zum Kartoffelschälen in einem Kleid, das einer Volkstracht glich, mit einem kleinen Hut mitten auf dem Kopf und mehreren Unterröcken, die sie uns Schicht um Schicht vorführte. Sieben zählten wir. Ja – sieben – sagte sie, denn sie sei eine wohlhabende, angesehene Frau gewesen. Von ihrem Wohlstand war dieses Kleid das einzige, was sie noch besaß. Und ihr Ansehen? Hierbei schnaufte sie immer voller Verachtung: Sie schäme sich überhaupt nicht, Kartoffeln schälen zu müssen, wenn Pani Wagner auch die Adeligen aus der ersten Etage zu dieser Arbeit kommandierte. Denn denen begegne die Pani mit einer gewissen Achtung. Aber wir? In den Augen der Pani sind wir ein Dreck - .

   Es waren in der Regel an jedem Sonntag dieselben Frauen, und mit der Zeit mochte ich sie gern. Wir nannten sie „Babuschki“ (Großmütter), obwohl sie nicht Russisch, sondern perfekt Deutsch sprachen. Die meisten erzählten bei der Arbeit, dass ihre Vorfahren aus Schwaben kämen. Aber an einem Sonntagvormittag – ich sang gerade die „Nordseewellen“ auf Plattdeutsch – vermutlich hatte ich Heimweh – stimmte eine der alten Frauen ein. Sie konnte alle Strophen in meiner Muttersprache. Da setzte ich mich neben sie und bat sie zu erzählen. Und dann hörte ich eine nachgerade wohlbekannte Geschichte:

Ihre Vorfahren stammten aus Friesland. Auf der Krim hatten sie eine solide Gemeinschaft aufgebaut. Die folgenden Generationen konnten ihre Söhne zum Studium nach Deutschland schicken: „Wir hatten unsere eigenen Kirchen, Pfarrer und Ärzte. Einmal – da hatte ich einen Hof. Einen tüchtigen Mann und sieben erwachsene Söhne. Mein Mann war der Sprecher unseres Dorfes, als man uns der alten Privilegien berauben und die bäuerliche Dorfgemeinschaft in eine Kolchose unter Leitung der Partei umwandeln wollte. Er und alle meine Söhne – einer nach dem anderen – wurden abgeholt und verschwanden ohne Urteil an einem unbekannten Ort. Der letzte, der Jüngste, konnte gerade noch heiraten, bevor auch er verschwand. Aber wir Frauen gaben nicht auf. Wir schufteten wie Männer. Als die Kommissare unsere Pferde beschlagnahmten, spannten wir uns vor den Pflug. Aber als sie uns das Saatgetreide wegnahmen, begannen wir zu hungern. Wir sahen uns gezwungen aufzubrechen. Wir zogen nach Westen, fast im selben Takt, in dem sich die Wehrmacht zurückzog. Meine Schwiegertochter starb unterwegs an Tuberkulose. Mein Enkelkind verunglückte unter einem Pferdewagen. Während der langen Reise hatte ich dem Kind von Deutschland erzählt. Von dem sauberen Land, wo alle Häuser weiß und gut gepflegt sind. Das kleine Mädchen konnte nicht genug bekommen von meinen Erzählungen, die es erwartungsvoll und froh machten“.

   „In Deutschland liegen die Städte in Trümmern, und die Häuser sind schwarz von Ruß“. Das entfuhr mir einfach so. Ich  hätte das nicht sagen sollen. Ich hätte den alten Frauen etwas erzählen sollen von einer Stadt mit schönen Häusern und großen Kirchtürmen, die alles überragten. Die Babuschka seufzte und sah mich durch ihre sehr dicken Brillengläser an, die ihre Augen unnatürlich groß erscheinen ließen.

 

                                            Wor de Nordseewellen trekken an de Strand,

                                            wor de geelen Blöme bleuhn int gröne Land,

                                            wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus,

                                            dor is mine Heimat, dor bün ik to Hus.

 

   Eines Tages teilte mir die Leiterin des Altersheims mit, dass sie sich auf Grund meines gesetzeswidrigen Umgangs mit den Pollacken nun gezwungen sehe zu reagieren. Wenn ich der Ansicht sei, mit den Pollacken auf einer Ebene verkehren zu müsse, dann solle ich auch deren Lebensbedingungen teilen.

   Sie erwartete meinen Protest. Aber ich schwieg. Auch als sie mir etwas von mehreren Säcken Möhren sagte, die auf Grund des Frostes zu faulen begännen und deshalb gereinigt und sortiert werden müssten.

   „Die liegen im Keller!“ fügte sie mit merkwürdig fragendem Blick hinzu. „Da wirst du mindestens zwei Tage arbeiten müssen!“ Sie brachte mich die Treppe hinunter in einen kleinen, halbdunklen Raum. Ein Messer lag schon bereit und ein Sack, auf dem man sitzen konnte. Der Hausmeister hatte also schon seine Arbeit vorbereitet. Er war ja angestellt, um die groben Arbeiten in Haus und Garten zu übernehmen. Als er mich auf seinem Platz fand, rief er aus: „Mache ich. Meine Arbeit. Mache ich!“ Aber ich antwortete bloß: „Die Pani hat befohlen“. Nie zuvor hatten wir miteinander gesprochen. Er hatte stets demonstriert, dass ich für ihn Luft sei. Ebenso seine Frau, die Waschfrau des Heims. Während ich arbeitete, marschierte er, die Hände tief in der Hosentasche, um mich herum. Endlich blieb er stehen. Hockte sich vor mich hin und sagte in durchaus freundlichem Ton:

   „Mache ich! Keine Arbeit für junges Fräulein. Drecksarbeit. Nur für starke Männer. Mache ich!“ und ich antwortete ihm wieder: „Pani Wagner hat befohlen“. Da  verließ er den Raum. Aber die Tür – die ließ er offen stehen. Den ganzen Tag hörte ich ihn wie einen  Poltergeist irgendwo im Keller rumoren. Auf sonderbare Weise fühlte ich mich von ihm beschützt, denn keine der anderen Angestellten wagte, sich in meiner Nähe zu zeigen. Jedes Mal, wenn ich raufging, um meine Mahlzeit mit den alten Menschen im Speisesaal einzunehmen – ich durfte nicht mit meinen Kolleginnen zusammen essen, denn ein deutscher Mensch sitzt nicht mit einem polnischen Menschen bei Tisch – traf ich auf die fragenden, erstaunten Blicke der Kolleginnen. Aber keine wagte, mir ein aufmunterndes Wort zu sagen.

   Am Abend beeilte ich mich, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, denn ich sehnte mich nach einer warmen Stube und nach Mutter. Ich nahm üblicherweise eine Abkürzung, die ein Stück durch ödes, unbebautes Gelände führte. Zu Beginn des Winters hatten meine Füße eine Spur im Schnee hinterlassen, die mit der Zeit zu einem schmalen Pfad wurde. Viermal täglich hinterließen meine Füße Spuren im Schnee. Bei Neuschnee konnte ich nach Fußabdrücken anderer Menschen suchen und mich auf eine eigentümliche Weise freuen, wenn ich entdeckte, dass nicht nur ich diesen Weg nahm. Aber eines Tages deckten gewaltige Schneefälle nicht nur meinen Pfad zu, sondern versperrten ihn mit hohen Schneewehen. Auch Vater war über meine einsame Wanderung beunruhigt. Ich musste ihm versprechen, die Hauptstraße zu nehmen, selbst wenn das ein Umweg war.

   Nach einer Nacht mit starkem Schneefall befahl mir die Pani, auf einem Feld an der Südseite des Heimes Rosenkohl zu ernten. Eine ganze Zinkwanne sollte ich füllen. Auch diese Arbeit hatte immer der Hausmeister erledigt. Ich sagte, dass ich erst nach Hause laufen müsse, um mich für diese Arbeit umzuziehen, aber das untersagte mir die Pani. So nahm ich die Wanne und begann zu arbeiten. Der Schnee reichte mir bis zu den Knien. Jede  Pflanze musste ich mit meinen Händen vom Schnee freimachen, um an die Kohlröschen heranzukommen. Meine wollenen Fausthandschuhe waren bald steifgefrorene Schneeklumpen, was das Pflücken erschwerte. Jedes Mal, wenn ich mich zum Haus umdrehte, sah ich einige meiner Kolleginnen am Fenster stehen. Niemand von uns winkte. Schweigend empfingen sie mich, als ich endlich reinkam. Und stumm blieben sie, als ich in der Küche wegen starker Schmerzen in meinen Fingern herumhopste. Gegen Abend zitierte ich vor ihnen Wilhelm Busch:

   „Dieses war der zweite Streich und  der dritte folgt sogleich“. Aber keine der Polinnen hatte Wilhelm Busch gelesen oder etwas von ihm gehört, und sie verstanden deshalb nicht, dass ich versucht hatte, lustig zu sein und Andeutungen zu machen.

   Der nächste „Streich“ der Pani war  in der Tat charakteristisch für sie: Sie übertrug mir die Arbeit der beiden Geistesschwachen. Von nun an sollte ich die benötigten Waren von einem abseits gelegenen Kaufmann holen. Alleine sollte ich  bewältigen, was vorher zwei kräftige Frauen zusammen getan hatten. Und nicht genug damit. Herta und Berta hatten diese Arbeit, die ihnen die Möglichkeit gab, ein bisschen rauszukommen und „im Schnee zu spielen“, wie Berta sagte, gerne getan. Nun sahen sie in mir eine, die ihnen diese Freude nehmen wollte. Vor allem Herta wurde aus alter Gewohnheit zornig und aggressiv. Wir fürchteten, dass sie gewalttätig werden könne, und das hätte ihr geschadet. Marysia musste ihr mit meinem Vater drohen, der sie als Polizist bestrafen werde, wenn sie mir etwas antäte. Mit dieser „Drohung“ über sich konnte sie ihre Wut auf mich in Zaum halten.

   Meine Arbeit als Lastesel war schwer, vor allem wenn es in der Nacht geschneit hatte. Der Weg führte über Brachland. Als Transportmittel wurde ein selbst hergestellter Kastenwagen benutzt, der zu einem Schlitten umgebaut worden war. Als ich einmal um die Mittagszeit völlig abgearbeitet zurückkam, wurde Marysia wütend. Sprich mit deinem Vater, riet sie mir. Er wird böse werden.

   Ja, das wird er vermutlich. Und dann wird er sagen: Denk nach! Und wird erwarten, dass ich selbst eine Möglichkeit zu meiner Verteidigung fände. Denn das Leben fasse uns nicht mit Samthandschuhen an, und ich müsse lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich glaube, ich weiß schon, was ich tun werde. Warte nur, Marysia, sobald die Pani den Bogen überspannt, reagiere ich“.

   Marysia antwortete mit einem Seufzer. Eines Morgens ging sie zur Chefin, um ihr mitzuteilen, dass das Mittagessen an den Tagen, an denen Ruthi vor den Schlitten gespannt ist, mit Verspätung serviert werden werde. Nein, sie könne weder Herta noch Berta zum Kochen gebrauchen. Sie richteten Unheil an, gingen mit dem Essen unappetitlich um. Müsse Marysia diese beiden Frauen weiterhin in der Küche beschäftigen, müsse die Pani eine Person anstellen, die die beiden beaufsichtige.

   Einmal wöchentlich gab es zum Abendbrot eine Roggenmehlwassergrütze, die die Novizinnen „Kitowa“ nannten. Das heiße Kitt, erklärten sie mir. Kitt, womit man im Winter die Fenster abdichte. Der Abwasch nach einer solchen Mahlzeit war immer eine Prüfung in Durchhaltevermögen. Die alten Leute aßen nicht auf. Alle Teller waren deshalb voll von diesem braunen Kleister. Eines Abends nach einer Kitowamahlzeit befahl mir Pani Wagner, den Abwasch zu erledigen. Alleine! Ich teilte ihr mit, dass ich dann Überstunden machen müsse, die nach dem „Jugendschutzgesetz“ verboten seien. Sie antwortete, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen könne. Das Ganze sei ja meine Schuld.

   Am nächsten Tag ließ ich mir einen Termin beim Oberbürgermeister geben. Nur Marysia gegenüber machte ich Andeutungen, warum ich fehlte. Sie war entsetzt über meinen Mut. Der Oberbürgermeister war auch der Chef der Pani. Das Altersheim gehörte zu seinem Verantwortungsbereich. Und ohne Parteibuch wurde man nicht Oberbürgermeister.

   Gedanklich hatte ich dieses Treffen rechtzeitig gut geplant. Vater hatte mir erzählt, dass Pani Wagners Verhältnis zur Partei sehr gut sei. Dieses gute Verhältnis war wohl eine Ursache, warum sie die Stellung als Leiterin des Altersheims erhalten hatte. Demzufolge wäre es dumm gewesen, sich über die Leitungsmethoden  dieser Dame zu beklagen. Und noch dümmer, die schlechten Lebensbedingungen der Polen oder der alten Bauersfrauen zu erwähnen. Jetzt galt es umsichtig zu handeln. Der Bürgermeister empfing mich freundlich. Ich erinnere mich nicht an seine Person. Aber ich weiß noch, was ich gesagt habe:

   „Ich bin hier wegen eines neuen Arbeitsvertrags. Denn mein Arbeitsgebiet ist vor kurzem völlig verändert worden. Und wie der Herr Oberbürgermeister weiß, bin ich verpflichtet, der Schule in Posen jede Veränderung mitzuteilen. Das nächste Schuljahr beginnt im August 1945. Bis dahin muss ich ein Jahr an einem anerkannten Praktikumplatz absolviert haben. Ich bezweifle, dass die Schule mein neues Arbeitsfeld als ausreichend für eine Praktikantin betrachten werde. Die Schule könne mir überdies zu Recht ein Versäumnis vorwerfen, wenn ich ihr die Veränderung nicht mitteilte.  Dieser Tage hätte ich meinen Dreimonatsbericht über Umfang und Charakter meiner Arbeit zu schreiben. Auf Grund meines neuen Arbeitsbereichs fürchte ich, dass die Schule das Altersheim nicht mehr als Praktikumplatz für eine Schülerin dieser Schule anerkennen werde. Ich kann mir nicht erlauben, Zeit zu verlieren. Deshalb ist ein neuer Vertrag, der den Zeitpunkt des geänderten Arbeitsgebietes festhält, für mich von großer Bedeutung. In diesem Fall verlöre ich nur etwa einen Monat“.

   Er runzelte die Stirn. Und meinte arrogant, dass sich ein Arbeitsbereich nicht so schnell verändern könne und noch dazu in einem solchen Grade, dass ein neuer Vertrag notwendig sei.

   „Was das betrifft, überlasse ich die Einschätzung selbstverständlich Ihnen, Herr Oberbürgermeister. Aber die Schule bekommt auf jeden Fall einen ausführlichen Rapport über die eingetretenen Veränderungen – und über meine Bemühungen um einen neuen Arbeitsvertrag. Denn ich bin ja im Praktikum, um viel zu lernen. Gewiss habe ich viel bei meiner Arbeit in diesem Heim gelernt. Aber ich mache mir meine Gedanken, was wohl die Schule zu diesen Kenntnissen sagt, die ich dadurch erwerbe, dass ich mehrmals wöchentlich Waren mit dem Schlitten zum Heim ziehe“.

   „Soweit ich weiß, hat das Heim zwei minderbegabte Frauen für diese Arbeit zugeteilt bekommen“.

   „Ja, aber Pani Wagner - “

   „Sie meinen Frau Wagner!“

   „Ja – Entschuldigung, ich sage aus Gewohnheit Pani, weil wir sie nämlich so anreden. Pani –  also, Frau Wagner, sie verlangt, dass dies von nun an allein meine Aufgabe sei. Und dann muss ich neuerdings auch auf dem Feld arbeiten“.

   „Auf dem Feld? Nun spinnen Sie aber. Auf den Feldern liegt meterhoch Schnee“.

   „Ja, sicher. Ich habe einen ganzen Nachmittag damit verbringen müssen, Rosenkohl zu ernten, weil ich erst viele Pflanzen mit den Händen aus dem Schnee graben musste. – Und dann habe ich auch im Keller gearbeitet, um angefaulte Möhren zu reinigen und

auszusortieren -. Ja, nun weiß ich, wie man das macht“.

   „Hören Sie zu, im Heim gibt es einen Hausmeister für solche Arbeiten. Weigert er sich, seine Arbeit zu tun? In diesem Fall kann er sich auf etwas gefasst machen“.

   „Oh nein, der Mann will gerne arbeiten. Er ärgert sich über die augenblickliche Situation. Denn die Arbeit im Keller und auf dem Feld, das sei seine, sagt er, und ich solle sie ihm nicht wegnehmen. Er war wirklich tief gekränkt, als Pa – oh – die Chefin ihm auch noch untersagte, mir zu helfen. Es ist natürlich Ihre Sache, ob Sie im Vertrag mein neues Arbeitsgebiet vermerken wollen. Aber ich muss Sie darum bitten, meine neue Arbeitszeit im Vertrag zu vermerken. Denn wenn ich nach dem Abendbrot den Abwasch übernehmen muss – auch den habe ich alleine zu bewältigen – dann kann ich nicht verhindern, dass mein Arbeitstag sich um 1, 2 – manchmal 3 Stunden verlängert. Das ist weit mehr als nach dem Jugendschutzgesetz zugelassen. Aber die Chefin sagt, dass sei meine Schuld. Schuld oder nicht – ich wage nicht, das zu verheimlichen. Sie, Herr Oberbürgermeister, wissen, ich soll alles über den Betrieb und die Leitung eines Heimes lernen, und da muss ich auch die einschlägigen Gesetze kennen“.

   Er war aufgestanden und stand nun mitten im Zimmer.

   „Überstunden? Was ist mit den Novizinnen?“

   Ich antwortete nicht. Die Stille im Raum wirkte bedrohlich. Aber plötzlich forderte mich der Oberbürgermeister mit freundlicher Stimme auf, zum Heim zurückzugehen und meine alte Arbeit wiederaufzunehmen. Alles werde ins Lot kommen, dafür werde er persönlich sorgen.

   Am Abend, ich war schon beim Abwaschen, kam Pani Wagner und tat erstaunt.

   „Ruthichen, nun musst du aber Feierabend machen. Den Abwasch können die anderen übernehmen“.

   Mehr geschah vorläufig in dieser Sache nicht.

   Eines Tages – während der frühen Vormittagsstunden – hörten wir die  polnische, privat angestellte Haushälterin der Pani die Treppe hinunterlaufen. Weinend schrie sie, dass sie jetzt genug habe. Jetzt gehe sie! Komme, was da wolle. Vor dem Haus drehte sie sich noch einmal um. Das Gesicht zu den Fenstern der Pani gerichtet, rief sie irgendetwas, was  ich nicht verstand. Marysia wollte nicht übersetzen, sagte aber, dass das ja so habe enden müssen. Ich sah die Haushälterin nie wieder. Und die Pani musste von nun an ohne persönliche Bedienung auskommen.

   Eines Nachmittags im Advent – ich war alleine in der Küche – kam die Pani, um im großen Backofen der Küche Plätzchen für den eigenen Bedarf zu backen. Mit heftigen Bewegungen fuhrwerkte sie in dem Kuchenteig herum. Plötzlich – mit dem Rücken zu mir – sagte sie:

   „Warum hast du mich denunziert? Dem Oberbürgermeister gegenüber. Wie niederträchtig! Warum hast du nicht mit mir gesprochen, wenn dir die Arbeit nicht passte?“

   Ich antwortete, dass es hierbei gar nicht um mein Wohlbehagen oder dessen Fehlen gegangen sei. Und dass ich nicht denunziert, sondern gewünscht hätte, dass mein neuer Arbeitsbereich und die verlängerte Arbeitszeit in einem neuen Arbeitsvertrag festgehalten würden, wie das gesetzlich nötig sei und von der Schule in Posen verlangt werde.

   Sie nahm gerade die gebackenen Herzen vom Blech. Durch zusammengepresste Lippen zischte sie, dass die Zeit kommen werde, in der sie auspacken werde, und es seien keine Kleinigkeiten, die sie über mich und mein Verhältnis zu den Polen erzählen könne. Und damit wären meine Chancen, einmal Heimleiterin zu werden, gleich Null. Auf jeden Fall werde sie sich nicht an den Oberbürgermeister wenden. Sondern an höhere Instanzen. Da antwortete ich: „Ich lasse mir nicht drohen. Nicht von Ihnen. Und schlechterdings nicht jetzt, wo wir andere Sorgen hätten. Gerade jetzt sei es mir völlig gleichgültig, ob ich Heimleiterin werden könne oder nicht. Bald werde hier die Hölle losbrechen! Für uns alle“.

   Da drehte sie sich schroff um. Hob das große Backblech über ihren Kopf und schwang die Arme zurück, als ob sie zum Schlag ausholen wolle. Aber in letzter Sekunde beherrschte sie sich und ließ ihre Arme die Richtung ändern. Das Blech flog dicht an meinem Kopf vorbei und fiel krachend zu Boden. Danach verließ sie die Küche.

   Hella kam vom Korridor herein, wo sie, hinter der Tür verborgen, den Zusammenstoß verfolgt und abgewartet hatte. Sie sprach mit mir nur mit den Augen, in denen ich Mitleid und Angst lesen konnte.

 

   Im August hatte Wolfgang nach langer Wartezeit endlich seinen Schwerbeschädigtenausweis bekommen. Im Oktober erhielt er auch eine offizielle Bescheinigung, die ihn auf Grund seines Gesundheitszustandes vom Dienst bei der Flak der Stadt freistellte. Trotzdem kam immer wieder die Aufforderung, sich bei der einen oder anderen Institution zu melden. Beabsichtigt war jedes Mal die Einberufung zu irgendeinem Dienst. Niemand durfte im Kampf um den Endsieg abseits stehen. Das Wehrbezirkskommando der Wehrmacht, das Einwohnermeldeamt, das Arbeitsamt usw. -  alle führten sie Kontrollen durch. Bewaffnet mit gestempelten Papieren, übernahm es Mutter, die unterschiedlichen Instanzen aufzusuchen. Wolfgang war nach seinen Behördengängen immer niedergeschlagen, fühlte sich als „dreifacher“ Invalide. Er schaffte nicht mehr den langen Weg in die Stadt. Schaffte es nicht, seine elende Verfassung zur Schau zu stellen.

   Wenn ich morgens unsere Wohnung verließ, schlief Wolfgang noch. War ich während meiner mittäglichen Freistunden zu Hause, hielt er Mittagsruhe. Und wenn ich schließlich abends nach Hause kam, hatte er sich schon zur Ruhe begeben. Bei den wenigen Malen, die ich in letzter Zeit mit ihm gesprochen hatte, musste ich mit einem Kloß im Hals feststellen, dass sein Gehör sehr schlecht und seine Stimme ungewöhnlich heiser geworden waren. So heiser, so flüsternd, dass Mutter ihr Ohr an seinen Mund legte, um ihn zu schonen, wenn er etwas sagen wollte. An meinem freien Sonntag entdeckte ich, dass er nun auch seine Mahlzeiten im Bett einnahm. Er hatte Schmerzen, und Mutter konnte ihm keine ausreichende Menge schmerzstillender Mittel besorgen: In die Stadt kamen mehr und mehr schwerverletzte Soldaten. Mit den Worten eines Arztes war die Atmosphäre der Stadt  erfüllt von Schmerz – und wir waren keinesfalls jemand, der eine Sonderbehandlung erwarten konnte. Unser Arzt wusste, worauf es mit Wolfgang hinauslief, und riet bei seinen Hausbesuchen Vater und Mutter, ihn ins Krankenhaus einzuweisen. Vater war sich mit dem Arzt einig und versuchte, Mutter, wie er es nannte, „zur Vernunft“ zu bringen.

   „Das Krankenhaus hat Krankenwagen zur Verfügung. Wenn die Russen kommen . . .“.

 Aber Mutter antwortete:

   „Ich weiß, was diesem Krankenhaus zur Verfügung steht. Ich gebe ihn nie wieder in die Obhut anderer. Sie bekommen meinen Sohn nicht. – Um meinen Sohn kümmere ich mich!“

 

   Abends saßen wir oft allein im Wohnzimmer, Mutter und ich, denn Vater hatte viel Nachtdienst. Manchmal hörten wir Radio, um die Stille zu unterbrechen. Es kam vor, dass eine finstere, Furcht einflößende Männerstimme die Sendung überlagerte, um uns Deutschen zu sagen, dass die Stunde der Abrechnung nahe sei. Da blickte Mutter immer ängstlich in die Richtung des Zimmers, in der Wolfgang lag. Wenn er das nur nicht hörte . . . .

 

   Vater erzählte, dass Willi Kleine aus der Partei ausgeschlossen worden sei. Wir hatten Schlimmeres erwartet. Ja, Vater meinte oft, dass es ein Wunder sei, dass Willi noch lebe. Während der Adventszeit hatten wir uns bei einem von Vaters engeren Kollegen getroffen. Nicht zu einer gemütlichen Stunde mit Kuchen, Kerzen und Adventsliedern. Wir wollten nur zusammen sein – zusammen reden. Vielleicht – müssen wir bald fliehen – in aller Eile -. Eine der Frauen meinte, Mutter damit trösten zu können, indem sie von den Bolschewisten als Menschen sprach. Da erhob sich Willi. Einige von uns hatten von dem Ilja Ehrenburg zugeschriebenen Aufruf  gehört, den die Offiziere der Roten Armee beim Morgenappell oder vor einer neuen Schlacht zitierten. Worte, die beabsichtigten, sich in die schon im Vorweg hasserfüllten Seelen der Soldaten einzufressen:

   „Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet! Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist. Folgt den Anweisungen des Genossen Stalin und zerstampft das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit Gewalt den Rassenhochmut der germanischen Frauen, nehmt sie als rechtmäßige Beute. Tötet, ihr tapferen Rotarmisten, tötet“.   

   Willi hatte viele Sätze dieses berühmten Schriftstellers auf Lager. Wir wurden alle sehr still. Und da berichtete Willi von den Flammen des Hasses. Berichtete noch einmal von diesem unauslöschlichen Brand, der angefacht wurde, als die russischen Dörfer in Flammen aufgingen. Erzählte Ereignisse, die die meisten von uns schon zuvor aus Willis Mund gehört hatten. Aber es bekäme uns gut, wie er sagte, noch einmal von den „Aktionen“ zu hören, die in der Regel durchgeführt wurden, bevor die Sonne aufging, weil sie da alle dicht zusammenlägen und schliefen. Der Alte hinter dem Ofen und das Kind in der Wiege – alle würden sie getötet – alle Russen, die man verdächtigt, Partisanen zu sein. 

   „Begreift ihr jetzt unsere Situation? Keine Bitte um Gnade, kein Appell an das Mitleid kann uns retten. Nur die Flucht. Wenn Gott will“. 

   Auf dem Heimweg sagte Vater:

   „Sollten die Russen kommen, dann sorge ich dafür, dass sie euch nichts zuleide tun. Ich habe eine Pistole. Und eine Kugel für jeden von uns“.

    Und ich antwortete ihm, ohne mich zu bedenken:

   „Ich will leben, Papa! Was man mir auch antut, ich will leben. Ich will ganz und gar nicht von deiner Hand sterben!“ 

   Heinz schrieb angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes einen fröhlichen Brief: Man habe ihm Urlaub bewilligt, und da wolle er mich besuchen, den Heiligen Abend aber bei seiner Mutter verbringen. Ich war entsetzt. Was hatte er sich dabei gedacht? Mich besuchen? Wo sollte er wohnen? Wie würde er die Tage verbringen, während ich arbeitete? In unserer Wohnung, wo mein Bruder lag – oft stöhnend – und wo meine Mutter in stetem Kampf mit den immer schlechter werdenden Verhältnissen ihren Verpflichtungen nachzukommen suchte? Oder bei Annemie? Wo die Mutter schwarz gekleidet und verweint umherlief, ohne wirklich anwesend zu sein. Und wo Annemie viele Stunden in einem Lehnstuhl kauerte, ohne etwas zu sagen. Und was sollten wir abends machen? Was dachte sich dieser Junge bloß? Oder war ich daran schuld? Hatte ich wirklich meine Briefe in einem fröhlichen, ermutigenden Ton schreiben können? Hatte ich ihm tatsächlich niemals etwas von meinem Alltag berichtet? Oder träumte er? Träumte er Dunkelheit, Schmerzen und Ängste weg? 

    Ich teilte ihm mit, dass ich ihm eventuell ein Zimmer im Altersheim besorgen könne. Das Rote Kreuz hatte ein paar Zimmer zur Verfügung gestellt bekommen für Angehörige von Verwundeten, die von weit her kamen. Das Zimmer liege direkt unter dem Dach und könne nicht geheizt werden. Marysia ging mit mir hinauf auf den Boden, um mir die „Suite“ zu zeigen: Von der Decke herab baumelte eine Glühlampe. Ich sah ein Metallbett und einen Stuhl mit einer Waschschüssel und eine Wasserkanne auf dem Fußboden.  

   „Das Zimmer wird jetzt von einem jungen Mädchen bewohnt, das seinen Verlobten im Lazarett besucht“, sagte Marysia, „sie ist dumm!“  Und als ich wissen wollte, warum, sagte die Novizin: „Der Soldat schläft auch hier. – Ein paar Stunden. – Sie ist dumm!“ Und dann nahm Marysia meine Hand und guckte mich an. Pause. – Schließlich sagte sie meinen Namen. Wollte gerne mehr gesagt haben, aber bekam das nicht über ihre Lippen. Während wir die Treppen hinuntergingen, fiel bei mir der Groschen. Ich drehte mich um und sagte lächelnd:

   „Nein, Marysia, werd’ nicht nervös, mach’ dir keine Sorgen um mich, ich bin nicht dumm und werde es nicht sein“.

   „Ja ja – ja ja“. 

   Unmittelbar vor Weihnachten sagte Heinz mit einem Telegramm ab: „Kann nicht kommen wegen Fahrdreiecks Marburg – Leslau – Berlin“. Die Räder sollten rollen für den Sieg! Heinz verbrachte seinen Weihnachtsurlaub in Berlin.

 

   In der dritten Adventswoche wurde die gesamte deutsche Bevölkerung unserer Stadt von der Partei aufgefordert, an einer Massenversammlung in der größten Halle der Stadt teilzunehmen. Alle Deutschen, die im öffentlichen Dienst arbeiteten, erhielten zu diesem „Informationstreffen“, als was es bezeichnet wurde, eine Einberufung. Das  bedeutete, dass man zu erscheinen hatte. Deswegen fand die Versammlung auch während der Arbeitszeit statt. So konnte man erwarten, dass die Belegschaft geschlossen anmarschiert kam und damit „Einigkeit und Kampfeswillen“ demonstrierte. Und da ich an meinem Arbeitsplatz die einzige war, die man mit Fug und Recht als richtige Deutsche  bezeichnen konnte, durfte ich glücklicherweise den langen Weg zum Versammlungsort alleine gehen. Ich trug selbstverständlich mein Arbeitszeug. Und stellte deshalb mit einer guten Portion Zufriedenheit fest, dass dies auch für die meisten anderen galt. Es muss eine größere Anzahl uniformierter SA-Leute zugegen gewesen sein, und es muss massenweise  Fahnen gegeben haben. Und sicherlich gab es Musik und Lieder. Ich kann mich nur nicht daran erinnern. Vergessen ist auch, ob der Redner Ortsgruppenleiter oder Kreisleiter war. Das spielt auch keine Rolle. Entscheidend ist:  Die Partei hatte – mit einem hochrangigen Führer der Partei als Hauptredner – zu dieser „Informationsveranstaltung“ eingeladen. Ich weiß, dass viele in der Hoffnung gekommen waren zu hören, ob und wie beim weiteren Vormarsch der Russen die Stadt evakuiert werden könne. Aber hierin hatten wir uns wahrlich getäuscht. Die Rede war inhaltlich die Wiedergabe der Rede, die der Gauleiter des Warthelandes, Greiser, im Oktober 1944 gehalten hatte. Zwar hatte ich diese Rede nicht gehört, aber ich kannte deren wiederholt genannte Bestimmungen: Es ist verboten, das Wartheland (oder den Warthegau, wie dieser Landesteil auch genannt wurde) zu verlassen. Es ist verboten, Güter aus diesem Gebiet wegzuschaffen. Strenge Kontrollen auf Straßen und Bahnhöfen würden dafür sorgen, dass dieses Verbot befolgt wird. Übertretungen würden hart  bestraft!

   Der Redner der Informationsveranstaltung vertiefte nur diese Bestimmungen, und das mit äußerst scharfen Formulierungen: Es ist verboten, seine Flucht vorzubereiten! Es ist verboten, einen gepackten Koffer im Haus stehen zu haben! -  Es war sogar verboten, einen leeren Koffer unter dem Bett zu haben. Scharfe Kontrollaktionen und Stichproben in den Wohnungen würden dafür sorgen, dass dieses Verbot eingehalten wird! Übertretungen sind ein Verbrechen gegen die Wehrmacht, eine Untergrabung der Kriegsmoral und damit Landesverrat und werden als solcher bestraft! Würden also mit dem Tode bestraft werden.

   Wir dürften uns nicht leisten zu fliehen! Wir dürften uns auch nicht erlauben, die Flucht vorzubereiten. Denn damit gäben wir den Polen zu erkennen, dass wir nicht an den Endsieg der Wehrmacht glaubten. Wir dürften uns nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Einig müssten wir hinter dem Führer stehen, denn der Führer werde uns nie verlassen. Usw. – usw. – usw.

   Die Novizinnen empfingen mich als vier große Fragezeichen. Welche Informationen hatte es wohl gegeben? Wenn das Erscheinen derart verpflichtend war, hatte man ganz sicher etwas äußerst Wichtiges auf dem Herzen. Eine baldige und höchst notwendige Evakuierung der Zivilbevölkerung – vielleicht? Denn die Russen würden bald hier sein. Daran gab es keinen Zweifel!

   Ich versuchte, Teile der Rede wiederzugeben. Als ich zu dem Satz „ein leerer Koffer unter dem Bett ist gleichbedeutend mit Landesverrat“ gekommen war, erhob sich die Waschfrau von ihrem Platz am langen Esstisch. Sie trat nahe an mich heran, hob den Arm – einen sehr kräftigen Waschfrauenarm – zeigte nach Westen und sagte auf Deutsch:

   „Fahrt weg! Du – die ganze Familie – fahrt weg! Viele Bäume in Polen. Da alle Deutschen hängen!“ Ich meinte, in ihren Augen Eiseskälte sehen zu können.

   „Jetzt hört 'mal zu! Alle zusammen! Das habe ich mir nämlich immer gewünscht: Völlig frei wählen zu können. Und Verantwortung für meine Wahl zu tragen. Jetzt habe ich plötzlich mehrere Wahlmöglichkeiten auf einmal! Nun hört gut zu: Mein Vater will mich töten, um mich vor den Tötungsmethoden der Russen zu schützen. Die Polen  wollen mich töten, weil ich eine Deutsche bin. Und die Partei wird mich töten, wenn ich aus reinem Überlebenswillen einen Koffer zu packen versuche! Jetzt kann ich also frei wählen, wie ich sterben will!“

   Es folgte eine lange Pause. Die Waschfrau hatte sich wieder hingesetzt. Sie sah resigniert aus. Dann sagte sie plötzlich:

   „Ruthi - . Wir gerne helfen dir. Kann nicht. Will, aber kann nicht. Nicht helfen, nicht verstecken, nicht beschützen. Viel Hass in Polen. Polen viele Bäume. Alle Deutschen hängen. Hau ab, Ruthi, hau ab!“

   Ich erzählte ihnen von Wolfgangs Krankheit. „Er ist nur noch Haut und Knochen. Er kann nicht mehr sitzen. Meine Mutter kann ihm nicht mehr all’ das Morphium besorgen, das er brauchte, um die schwersten Schmerzen zu lindern. Wir haben kein Pferd und keinen Schlitten und auch kein Auto. Wir können ihn nicht im Stich lassen. Wir müssen bleiben“.

   Erneut eine lange Pause. Und dann sagte die Waschfrau:

   „Ich bete -. Viele Gebete. Jeden Tag. Bete – Bruder stirbt. Dass du kannst abhauen“.

 

   Im Altersheim lebten zwei kleine elternlose Mädchen. Vielleicht war ein solches Heim nicht gerade der beste Ort für Kinder von 4 bis 6 Jahren, aber es war auch nicht der schlechteste. Das eine Mädchen lebte bei seiner Großmutter in einem der hellen und geräumigen Zimmer, das sie nicht mit anderen teilen mussten. Es war leicht zu erkennen, dass sowohl das Mädchen als auch die alte Dame bessere Tage gesehen hatten. Das Mädchen besaß noch ein Samtkleid mit einem Spitzenkragen und so viele Seidenschleifen für seine braunen Locken, dass es sich die Kleine leisten konnte, sie auch an Werktagen zu tragen. Die Pani behandelte diese beiden Menschen immer mit großem Respekt. Anders verhielt es sich mit dem Mädchen Frieda, um das sich die kleine Frau mit den etwas mongolischen Gesichtszügen kümmerte. Ich kann nicht sagen, dass das Mädchen bei ihr „wohnte“, denn diese beiden hatten keinen Platz, den man mit etwas gutem Willen als eine bescheidene Wohnung hätte bezeichnen können. Sie hatten nur einen Schlafplatz in einem der Metallbetten, die unter dem Dach im hässlichsten Raum des Hauses aufgestellt waren. Die Frau arbeitete in der Pflegeabteilung. Sie tat das still – ohne zu klagen – ohne Gefühle zu zeigen. Die Pani sprang mit ihnen nach Gutdünken herum, und sie ließen das geschehen. Sie sprachen fließend Deutsch. Ich hätte gerne mit der Frau gesprochen, hätte gerne gewusst, wer sie und das Mädchen waren. Aber wenn man ihr Fragen stellte nach Heimat, Herkunft, Familie oder ihrem Volk wies sie nach Osten. Alles, was einmal war, lag weit, weit weg. Sie war keine von denen, die Trost oder Erleichterung darin fanden, dass sie über das Verlorene sprachen. Nur einmal brachte ich sie dazu zu erzählen.

   Da drehte sich das Gespräch um Frieda, die lebhaft und sehr gesprächig war, wenn wir zwei alleine in der Küche waren. Ich hatte eine Bemerkung gemacht, wie wenig sie sich in Wesen und Aussehen ähnelten. Und die Frau erklärte mir mit wenigen Worten Friedas Hintergrund:

   „Das Mädchen wurde unterwegs durch Vergewaltigung gezeugt. Wurde während der Flucht auf der Landstraße geboren. Die Mutter starb unmittelbar nach der Geburt auf der Landstraße, wo sie begraben wurde. Sie war meine Schwester, deshalb nahm ich die Kleine mit. Sie ähnelt keinem aus meiner Familie – und das tue ich auch nicht. Und daran ist nichts zu ändern“.

   Frieda besuchte uns gerne in der Küche, um sich etwas aufzuwärmen. Sie saß da immer zusammengekauert neben dem großen Herd. Hier fühlte sie sich geborgen, hier konnte sie sich verstecken. Denn wenn sie die Pani entdeckte, wurde sie hinausgejagt. Hier saß sie auch am Heiligen Abend. Die Küche war sauber geschrubbt, aber ohne Weihnachtsschmuck. Wir zwei waren alleine, die Novizinnen waren in der Weihnachtsmesse. Das kleine Mädchen war aufgeräumt, es wollte sich gerne unterhalten und versuchte mit allen Mitteln, meiner Redelust auf die Sprünge zu helfen. Denn – jetzt ist doch Weihnachten. Sie strich mit ihren Händen über den gescheuerten Holzfußboden.

   „Hier hast du aber wirklich alles schön gemacht. Und, hast du’s bemerkt, ich habe eine hübsche Schürze um, und meine Haare sind frisch gewaschen!“ Ihre blonden Haare waren wie immer stramm nach hinten gekämmt, die beiden Zöpfe begannen gleich hinter den Ohren und wurden mit einem Gummiband zusammengehalten. Und ich dachte, könnte ich ihr doch ein paar Schleifen besorgen. 

    „Wir gehen bald in die Kirche, die Tante und ich, und da werden wir  etwas über die Engel hören, die den Hirten eine große Freude verkündeten, die für das ganze Volk bestimmt war. Du weißt, in der Nacht, in der Jesus geboren wurde. Er, der Frieden auf die Erde bringt. Und du weißt ja, Ruthi, in der Heiligen Nacht, da kommen die Engel zu uns. Sie kommen vom Himmel zur Erde. Zu uns allen kommen sie, denn sie kennen keine Grenzen – auch nicht zwischen arm und reich. Ja, weißt du, Ruthi, die Engel, die kennen uns alle. Kennen alle unsere Wünsche – in der Heiligen Nacht versuchen sie, diese zu erfüllen. Also, wenn die Wünsche erfüllbar und nicht allzu groß sind.

   So redete sie eine Weile. Aber als ich wissen wollte, was sie sich wünsche, verstummte sie und wollte nichts sagen. Denn sie war sich so sicher, dass ihre eigenen Wünsche unerfüllbar, ja, unverschämt groß waren. Ich musste sie überreden, mir ihre Wünsche ins Ohr zu flüstern. Und dann kam es sehr, sehr vorsichtig:

   „Eine richtige Puppe. Und dass ich die Tante dazu bringen kann, einmal zu lachen“.

   Als die Novizinnen aus der Messe, die in einer der kleinen Kirchen stattgefunden hatte, ins Heim zurückkamen, ging Frieda mit ihrer Tante los. Sie waren Baptisten. Die Novizinnen waren heiter und fröhlich. Bald werde alles anders werden. Der Krieg sei bald zu Ende, und bald könnten sie wieder in den Dom zum Gottesdienst gehen. Ich erzählte ihnen, was Frieda mir gesagt hatte über die Engel, die mit der Frohen Botschaft, die für alle Menschen bestimmt war, zu den Hirten gekommen waren. Und da wurden die vier Mädchen so sonderbar still. Ich glaube, sie ahnten, was ich ihnen sagen wollte. Marysia brach das Schweigen, indem sie eine mir wohlbekannte Melodie leise sang: „Stille Nacht, heilige Nacht  . . .“. Sie sang es auf Polnisch [„Cicha noc, święta noc . . .“]. Und dann sagte Hella: „Wir haben dieses Lied an jedem Weihnachtsfest gesungen. Und wir haben es auch heute Abend gesungen. Die ganze Welt kennt dieses Lied und singt es“. Und dann wollten die Novizinnen, dass wir es zusammen sängen, auf Polnisch und auf Deutsch. „Stille Nacht, heilige Nacht!“ Aber ich konnte nicht singen. Ein Kloß in meinem Hals legte sich schwer auf meine Stimme.

   Als ich nach Hause kam, ging ich hinein zu Wolfgang. Er war wach. Und ich sagte, dass Weihnachten sei, und er nickte. In einer Ecke hinter der Couch hatten wir einiges von unserem Spielzeug aufbewahrt. Ich nahm die große Puppe, die echte Haare hatte und Schuhe und ein Seidenkleid trug. Ich nahm alles, was ich tragen konnte, und ging zurück zum Altersheim. Die Novizinnen gingen mit mir rauf in die Dachkammer und halfen mir, die Sachen auf einem kleinen Tisch aufzubauen, der am Fußende des Bettes stand, das gemacht war. Sie fanden auch eine Kerze, die sie anzünden wollten, wenn Frieda und ihre Tante aus dem Gottesdienst der Baptisten kämen.

   Am nächsten Morgen erzählten sie mir, dass es eigentlich erst richtig Weihnachten war, als sie die Freude in den Augen der beiden Menschen sahen. Und die kleine Frieda ging umher mit der Puppe im Arm und erzählte von all’ den Engeln, die in dieser Weihnachtsnacht zu ihr gekommen waren.

   Pani Wagner  machte mir Vorwürfe, dass ich nicht auch das andere Mädchen beschenkt hatte. Auch die Großmutter des Mädchens sparte nicht mit anklagenden Worten. Ich hätte jedem Mädchen eine Puppe schenken oder es sein lassen sollen, den Weihnachtsmann zu spielen. Es sei so einfach, gerecht zu sein, sagte die alte Dame. Ich  ärgerte mich wirklich über meine Unbedachtsamkeit. Ich hatte das andere kleine Mädchen völlig vergessen, das Mädchen – das ein Samtkleid und Seidenschleifen und Spielzeug besaß, die die Großmutter hatte eintauschen können, weil sie noch ein paar Wertgegenstände besaß.

   Die Pani und die feine, alte Dame verschonten mich mit weiteren Anklagen. Zu mir aber sagte ich, dass ich in dieser Weihnachtsnacht alle meine Puppen hätte weggeben sollen. Ich hätte an das andere Mädchen denken sollen, das nicht ahnte, wie reich es im Verhältnis zu Frieda war.

 

   Am 31. Dezember 1944 erklärt die von der Sowjetunion unterstützte ungarische Regierung  Miklós- Dalnoki Deutschland den Krieg.

   Wolfgangs Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter. Nun versteht auch Mutter, dass es zu Ende geht.

   Ich erledige meine Arbeit so gut ich kann. Jeden Morgen wundern sich meine Kolleginnen. „Seid ihr immer noch nicht weg?“ Die Waschfrau schlägt das Kreuzzeichen. Polen hat viele Bäume, sagt sie. Vielleicht zu viele.

   So neigt sich das Jahr seinem Ende zu. Nichts kennzeichnet den Übergang zum neuen Jahr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                              H E I M F A H R T

 

 

 

   Zu Beginn des  Jahres 1945 wünschten wir uns kein „gutes neues Jahr“. Das hätte zu frivol geklungen. Doch fragten wir uns, was uns das neue Jahr bringen werde. Es  erforderte Mut, an die Zukunft zu denken, an die Ursache der Ereignisse und an deren Wirkung. Doch der Mut war allmählich schartig geworden. Wie Haut, die durch allzu große Beanspruchung blutig gekratzt ist – oder sich zu Hornhaut verhärtet.

   Aus gutem Grund erwarteten wir nur eine Verschlechterung unserer Situation. In manchen glücklichen Stunden meines Lebens hatte ich gewünscht, dass die Zeit stille stehen möge. Aber jetzt – zu Beginn des Jahres – wünschte ich zum ersten Mal, dass auch eine schmerzliche Zeit stehen bleiben möge. Nicht ewig, nein, nur  eine ganz, ganz kurze Zeit. Vielleicht glückt es während dieser Zeit, stark zu werden, sich zu wappnen für das, was da kommen wird. Ich wusste, dass alles schwerer zu ertragen sein würde als je zuvor, und ich glaubte, gerade jetzt schon nicht mehr verkraften zu können. Aber die Zeit verging. Unerbittlich schritt sie voran, obwohl alles um mich herum erstarrte. Wie ein Mensch, der in den letzten Sekunden vor einem erwarteten Knall den Atem anhält, erstarrte die Welt. Zwar tat ich meine Pflicht. Doch kam es vor, dass ich ganz gegen meine Gewohnheit – und das besonders morgens – ein paar Minuten zu spät zur Arbeit kam, obwohl ich jetzt immer ohne Rücksicht auf Wetter oder Dunkelheit oder meine Unruhe und Angst die schmale Abkürzung über die Wiese wählte. Die Triebkraft dabei war mein Wunsch, so häufig wie möglich bei meiner Mutter zu sein. Nicht, weil ich glaubte, ihr Hilfe und Stütze sein zu können. Keiner von uns konnte ihr aus der Not helfen, in der sie sich befand. Mutter hatte immer mit beiden Füßen auf der Erde gestanden, hatte nie Stärke in Illusionen gesucht. Von Kindheit an hatte sie wach sein müssen. „Unglück ist oft selbstverschuldet“ -  das hatte sie das Leben gelehrt, wie das Beispiel ihrer weiblichen Vorfahren ihr etwas beigebracht hatte über die Macht, die Verantwortung und Wille heißt. Mit dieser Macht konnte manch’ Unglück verhindert werden. Aber in letzter Zeit hatte die Welt sie totale Ohnmacht kennen lernen lassen. Wir redeten nicht darüber. Seit langem hatten wir aufgehört, tiefer gehende Gespräche zu führen. Alles, worüber wir in unserer Situation mit klaren Worten hätten reden müssen, tat weh. Nach getaner Arbeit lief ich abends nach Hause, lief, so schnell mich meine Beine tragen konnten. Wie Trommelschlegel berührten meine Füße die vereiste Schneedecke des Pfades. Wie Trommelschlegel hämmerten die Gedanken in meinem Kopf: Jetzt geschieht  etwas zu Hause. Jetzt musst du  unbedingt an Mutters Seite sein. Jetzt! Jetzt! Jetzt!

   Aber wenn ich dann endlich vor dem Haus stand, ging ich trotzdem nicht gleich hinein. Nach Luft schnappend, blieb ich vor dem Tor stehen. Bisweilen auch dann, wenn meine Atemzüge und mein Herzschlag längst wieder normal waren. Denn nun musste ich mich zusammenreißen. Ich wusste ja nicht, was hinter den geschlossenen Fensterläden des Hauses geschehen war. Wenn Wolfgang gestorben war, würde Mutter neben ihm sitzen. Versteinert, völlig versteinert, denn damit war für sie etwas zu Ende gegangen.

   Sie war mit allem so unendlich alleine. Vater war in der Regel nicht zu Hause. Die Polizei befand sich Tag und Nacht in Alarmbereitschaft, und Vater hatte deshalb eine Pritsche in seinem Büro aufgestellt. Er kam nach Hause, wenn er saubere Kleidung oder Verpflegung brauchte. Und das tat er am liebsten mitten am Tage. Deshalb lief ich auch während der Mittagspausen schnell nach Hause. Vielleicht hatte ich Glück und traf Vater an. Und vielleicht konnte er mit mir ein paar Worte wechseln. Wie in alten Zeiten. Ganz normale Sätze, die wie eine Zärtlichkeit waren. Ein „Na, Jette, bist du zu Hause?“ wenn er kam. Oder ein Kuss auf die Stirn und ein „Auf Wiedersehen! Benimm dich anständig, mein Kind“, wenn er ging. Dann hatte ich ein paar Minuten das Gefühl, dass nichts Schlimmes geschehen könne, solange Vater in der Nähe war. 

   Wenn ich morgens in die Küche des Altersheims kam, las ich in den Gesichtern meiner polnischen Arbeitskolleginnen Erstaunen, das sich von Tag zu Tag mehr und mehr in Erschrecken verwandelte. Jeden Morgen teilten sie mir mit, dass sie gehofft hätten, dass ich abgereist sei. Dass wir auf wundersame Weise einen Ausweg gefunden hätten. Und es kam der Tag, an dem sie vergaßen, meinen Gruß mit einem „Guten Morgen“ zu erwidern. An dem sie mich nur anstarrten. Oder an dem eine rief: Jesus! – Ruthi, bist du noch hier?“ Die Waschfrau wiederholte gerne ihren Satz von den vielen Bäumen in Polen, an denen die Deutschen hängen würden – alle! Aber als das neue Jahr voranschritt, verschwand der Triumph aus ihrem Blick und machte Besorgnis Platz. Sie bete den Rosenkranz, erzählte sie mir. Betete ihn mehrmals am Tag. So und soviel Mal mehr, als sie das eigentlich müsse. Ihre Gebete seien nicht unbillig, versicherte sie mir. Sie bitte Gott, meinen Bruder rechtzeitig sterben zu lassen. Sein Tod sei ja längst beschlossen. Nur ein paar Tage eher möge er sterben, damit Mutter ihn begraben und sich entschließen könne aufzubrechen. Die Waschfrau rief Maria, die Mutter Jesu, an, und, um mich zu beruhigen, zählte sie die Namen der Gebete auf, damit ich eine Chance erhielte, die Kraft und das Gewicht dieser Gebete zu erfassen. Sie sprach gebrochen Deutsch, in ihrem Eifer aber fiel sie ins Polnische. Und vergaß völlig, dass ich eine Fremde, eine verfluchte Deutsche, eine ketzerische Protestantin bin.

   Wir sahen uns in die Augen, als wir miteinander sprachen, wir zwei machtlosen Menschen.

 

   Die kleine Frieda hielt sich jetzt häufiger als sonst in der warmen Küche auf. Glaubte ich das nur, oder hatte sie wirklich nicht mehr so viel Angst vor Pani Wagner? Jedenfalls versteckte sich das Kind nicht mehr beim geringsten Geräusch. Sie hatte immer die Puppe im Arm. Und sie erzählte wieder und wieder, wie das hatte geschehen können, dass gerade sie so ein Geschenk bekommen habe:

   „Denn siehst du – der Himmel ist nämlich voller Engel. Es gibt viele Engel, und sie sind überall. Aber vor allem dort, wo der Himmel – also das Licht – uns Menschen erreicht – sagt die Tante. Und das geschieht ja in der Weihnachtsnacht. Und ein Engel, der ist dein Schutzengel, der ist immer in deiner Nähe, und er kennt alle deine Wünsche. Wenn ein Mensch sehr klein ist oder es sehr nötig hat, dann kann es vorkommen, dass er zwei Schutzengel hat oder drei. Die Tante sagt, dass ich viele hätte. Aber dass sie einen so riesengroßen Wunsch erfüllt und mir eine Puppe geschenkt haben – das sei viel – in diesen Zeiten. Ja, das meint die Tante, und das ist wohl richtig. In diesen Zeiten – ist es nämlich allzu verrückt, sich eine Puppe zu wünschen. Die Luft sei angefüllt von wichtigeren Wünschen, sagt die Tante, und die Engel hätten entsetzlich viel zu tun. Das wirst du sicher gut verstehen. Die Engel können ganz müde werden, nicht wahr? Aber sie sind da! Und sie passen auf mich auf! Nun weiß ich das. Und die Tante weiß das auch! – Nicht wahr? So ist das“.

   „Ja, ja“, antwortete Marysia. „Ja, ja“.

 

   Manchmal auf dem Weg von der Arbeit nach Hause musste ich an Vaters Mutter denken. Ich konnte den ganz irrealen Wunsch hegen, dass sie in unserer Nähe wohnen möge. Zum Beispiel im Haus gegenüber. Denn dann könnte ich sie besuchen, bevor ich zu Mutter ginge. Großmutter, die mehrere Male in ihrem Leben Ohnmacht und Schmerz hatte durchleben müssen - als  sie ganz jung mit einem Mann verheiratet wurde, den sie kaum kannte, als sie zwei Söhne verlor, als die nach dem Ersten Weltkrieg ihr Haus verlassen und sich in einer fremden Großstadt niederlassen musste. Meine Großmutter, die an unserem Abend in Berlin im Zug Danklieder gesungen hatte. Denn sie habe ja für so unendlich viel zu danken, wie sie sagte. Warum hatte Vater so viel von ihr erzählt, als wir uns auf der Reise hierher befanden? Wünschte er instinktiv, dass wir, indem wir uns an sie und ihr Leben erinnerten, etwas mitnähmen, was uns Stärke gab?

   Wäre sie da – im Haus gegenüber – wäre ich zu ihr gegangen. Aber sie war nicht da. Es gab keine Säule, keine Stützmauer. Alles das, was sie mich hätte lehren können, erreichte mich nicht.

 

   Am 12. Januar 1945 begannen die Russen mit der großen, lange vorbereiteten und gut organisierten Winteroffensive. In meinen Gedanken versuche ich, mir die russische Front vorzustellen, die sich irgendwo im Norden im Memelland über Warschau bis nach Ungarn im Süden erstreckt. An meinem Arbeitsplatz habe ich keine Gelegenheit, im Radio Nachrichten zu hören oder über das Inferno an der Ostfront etwas in der Zeitung zu lesen. Marysia deutet in vorsichtigen Wendungen eine Entwicklung an, die ich als Katastrophe auffasse, sie als Befreiung empfindet. Alles, was ich durch die öffentlich zugänglichen Medien erfahre, betrachte ich mit einer gehörigen Portion Skepsis. Aber ich kann nicht anders, als die einzelnen Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Und da geht mir schnell auf, dass die deutsche Front unmittelbar vor dem völligen Zusammenbruch steht. Plötzlich wird Warschau zu einer Stadt, die schrecklich nahe ist. Aber es ist bei Baranów, das ein gutes Stück südlich  unserer Stadt liegt  – wo die russischen Panzertruppen zuerst die Weichsel überqueren. Ich versuche mir vorzustellen, wie schnell sich in einem von Granaten aufgewühlten Gelände Panzer bewegen können. Erinnere mich an Vaters Satz, dass „General Winter immer der wichtigste Bundesgenosse der Russen“ sei, und an den Satz „Wenn die Russen erst einmal dabei sind zu laufen, kann sie keiner mehr aufhalten“. Wage nicht, an das Plünderungs- und Vergewaltigungsrecht der russischen Soldaten zu denken. Gehe davon aus, dass der Fluss bei Baranów zugefroren ist. Bald werden sie hier sein – und das Verbot des Gauleiters Greiser, dass Menschen und Sachen nicht das Wartheland verlassen dürfen, ist noch in Kraft.

 

   Der Major, Vaters Vorgesetzter in der Schutzpolizei der Stadt, starb nach kurzer Krankheit. Das muss um den 12. Januar gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater Adjutant des Majors, und als solcher übernahm er nun einen umfangreichen Verantwortungsbereich, bis ein neuer Vorgesetzter ernannt sein würde. Dies geschah innerhalb weniger Tage,  und nun hatte mein Vater den neuen Leiter in sein Arbeitsgebiet einzuführen. Wie Vater berichtete, war das eine hoffnungslose Angelegenheit, denn der neue Major zeigte kein sonderliches Interesse für seine Arbeit in einer Stadt, die jeden Augenblick zum Kriegsschauplatz werden konnte. Der letzte Wunsch des toten Majors war gewesen, in seiner Heimatstadt Stettin begraben zu werden. Vater übernahm es, sowohl die familiäre als auch die offizielle Trauerfeier und den feierlichen Abschied an der Schiffsbrücke zu organisieren. Der Sarg sollte nämlich auf einem kleinen Frachtschiff über die Weichsel und entlang der Ostseeküste nach Stettin transportiert werden. Die Abschiedszeremonie fand an einem Nachmittag statt. Ich meine, es war der 16. Januar. Auch an diesem Tag war es entsetzlich kalt. So dass man eigentlich annehmen sollte, dass die Weichsel total zugefroren gewesen sei. Und vielleicht hätte ich es auch folgendermaßen im Gedächtnis: Eine einzige Eisfläche, dazu geeignet, die russischen Panzer passieren zu lassen. Aber so war es nicht. Diese sonderbare Bestattung und andere Transporte per Boot lassen mich jetzt einsehen, dass es noch eine Fahrrinne gab.

   (In Briefen, die gleich nach dem Krieg von Vaters Freund geschrieben worden sind, lese ich, dass die Naziführer diese Fahrrinne zur Flucht benutzten. In Booten, die rechtzeitig „organisiert“ und mit Beutegut beladen worden waren. Unter ihnen war auch der Redner, der vor Weihnachten der Bevölkerung unserer Stadt im Falle der Flucht oder der Vorbereitung der Flucht mit der Todesstrafe gedroht hatte. Ich begegnete ihm nach dem Krieg zusammen mit seiner Tochter in Flensburg. Sie waren gut gekleidet und gut genährt, während wir anderen in Lumpen herumliefen und hungerten.)

    Uns gegenüber redete Vater nicht viel über die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dieser in Kriegszeiten merkwürdigen Beisetzung des Majors, aber Mutter und ich, wir beobachteten, wie das alles an Vaters Kräften zehrte. Die beiden lotrechten Furchen in seinem Gesicht wurden jeden Tag tiefer. Er hatte dem Major versprochen, sich um seine Witwe und seine beiden Jungen zu kümmern. Selbstverständlich folgten die drei nicht dem Sarg, sondern blieben in unserer Stadt, wie das Gesetz es befahl. Noch galt Gauleiter Greisers Reise- und Fluchtverbot, und in Kraft war auch die Drohung mit der Todesstrafe im Falle eines Verstoßes gegen dieses Verbot. Keiner wollte das Schicksal herausfordern. Niemand ahnte etwas von den Fluchtvorbereitungen einiger hoher Herren. Und wer etwas wusste oder ahnte, konnte sich beherrschen und hielt den Mund. Jetzt – beim Endspurt – setze man sein Leben nicht mehr mit unbedachten Äußerungen unnötig aufs Spiel. Die Witwe des Majors wollte mit ihren Söhnen nach Hause zur Familie reisen, aber Fahrkarten wurden nur denen verkauft, die eine Bescheinigung des Polizeidirektors, die die absolute Notwendigkeit der Reise beglaubigte, vorlegen konnten. Und da der Polizeidirektor immer das Richtige tat – in den Augen der Partei -  und da er sogar noch meinte, die Bevölkerung belehren zu müssen mit dem oft benutzten Schlagwort „Die Räder müssen rollen für den Sieg“, war es – beziehungsweise nahm man dies an – ungeheuer schwierig, von seiner Hand oder seinem Büro diesen winzigen Zettel mit den wenigen Zauberworten zu erhalten, die, klar und deutlich gesagt, eine Möglichkeit zum Überleben bedeuteten. Aber Vater hatte der Witwe versprochen, einen Ausweg zu finden. Irgendeinen Ausweg.

 

   Stunden nach der Beisetzung fand ich Vater auf dem Sofa liegen. Mutter lief rastlos im Zimmer umher. Eine Frau in Mutters Alter, die in der Polizeidirektion angestellt war, stand mit dem Rücken an den Kachelofen gelehnt. Sie hatte nach der Beisetzung meinen Vater nach Hause begleitet, denn sie hatte gemerkt, dass es ihm nicht gut ging. Zunächst seien sie bei der Witwe gewesen, die aus Trauer wegen des Verlustes und aus Angst vor der Zukunft dem Zusammenbruch nahe sei. Er habe in der Wohnstube der Witwe gestanden und den starken Mann gespielt, der schon Rat wisse . . . .  

   Sie redete viel, diese Frau. Und ich dachte, wenn sie doch endlich ginge! Ihr Gerede geht uns auf die Nerven.

   Vater lag auf dem Sofa. Seine Zähne schlugen aufeinander, der ganze Körper zitterte. Als er anfing, unzusammenhängend zu reden, rief ich Mutter zu: „Papa friert!“ Sie hörte auf, um den Tisch zu laufen. Sah ihn an. Holte ein Deckbett aus dem kalten Schlafzimmer. Legte das eiskalte Bett auf ihn, obwohl er abwehrend die Hände gehoben hatte. Die Frau am Kachelofen rief: „Das Federbett ist zu kalt. Er friert nicht! Er ist zusammengebrochen!“ Daraufhin nahm Mutter das Bett und trug es wieder hinaus. Sie tat alles mit überenergischen Bewegungen. Als ob sie zornig sei. Auf Vater, auf die Situation, auf alles und alle.

   Er begann zu jammern. Ich kniete mich hinter Vaters Kopf auf den Boden, denn ich wollte den Platz an seiner Seite für Mutter freihalten. Ach, wie ich hoffte, dass sie sich dorthin setzen werde. Aber sie blieb mitten im Zimmer stehen. Ich legte meine Hände auf Vaters Brustkasten, und er nahm sie und hielt sie fest. Und dann begann er zu weinen.

   Nur einmal vorher hatte ich ihn weinen sehen. Am Mittagstisch – vor vielen Jahren – als uns ein Telegramm den Tod seines Vaters mitgeteilt hatte. Damals hatte Vater tonlos geweint. Die Tränen waren ihm über die Wangen gelaufen, und er hatte es geschehen lassen. Aber jetzt weinte er stöhnend, seufzend, jammernd vor Schmerz, Ohnmacht, Angst und Verzweiflung. Ich bohrte meinen Kopf zwischen seine Schultern und seinen Hals und weinte, wie ich nie zuvor geweint hatte. Dabei versuchte ich, ihn zu trösten. Sagte sonderbare Dinge wie „Wir wollen leben, Papa – alle zusammen. Wir werden uns nicht trennen“. Und hörte ihn antworten mit Worten wie „Abschied für immer – kein Wiedersehen mehr – vielleicht auf dem Friedhof. Vielleicht auf dem Friedhof. Auf dem Friedhof – im Grab“. Und nach einer Pause, als ob er all’ seinen Mut zusammennehmen müsse, um das zu sagen:

   „Ich habe versucht, einen Krankenwagen für Wolfgang zu bekommen. Aber es hat nicht geklappt“. 

   So vergingen Sekunden, Minuten und Stunden. Wie viele, darauf habe ich nicht geachtet. Er hörte auf zu zittern und zu weinen, lag ruhig und entspannt. Mutter saß stumm an seiner Seite. Und dann sagte er mit sanfter Stimme:

   „Nicht weinen, Jette – Nun hör’ schon auf. Nicht weinen. – Was würde dein Heinz sagen, wenn er dich so weinen sähe?“

   „Mein Heinz?“

  „Ja – der dir so viele Briefe geschrieben hat“. 

   „Du hast das gewusst?“

   Oh ja, er wusste Bescheid. Er hatte mich beobachtet, hatte aufgepasst, hatte mich vor Unglück bewahren wollen. Und dann sagte er plötzlich:

   „Das Beste wäre, wenn du deinen Heinz wiedersehen könntest. Diesen Heinz – oder einen anderen“. Und nach langer Pause:

   „Ich versuche morgen noch einmal, einen Krankenwagen zu bekommen!“

   Gegen Morgen, bevor wir uns hinlegten, gingen Vater und Mutter hinein zu Wolfgang. Ich blieb an der Tür stehen. Wolfgang war in einen unnatürlich tiefen Schlaf gefallen. Seine Atemzüge waren von merkwürdigen Geräuschen begleitet. Mutter hatte es noch einmal geschafft, ihm Morphium zu besorgen.

   Am Morgen stellten meine Kolleginnen kopfschüttelnd fest, dass ich immer noch da war. Der Kalender zeigte den 17. Januar. An diesem Tag zog sich die Wehrmacht aus Warschau zurück.

   In der Mittagspause ging ich wie üblich nach Hause. Mutter erzählte mir, dass sich Wolfgang eine Gemüsesuppe gewünscht habe, wie sie sie immer in Hamburg gemacht hatte. Sofort machte sie Pläne. Im Keller hatte sie eine Menge Gemüsekonserven. Sie besaß auch noch Fleischmarken. Vielleicht könne sie beim Schlachter ein gutes Stück Rindfleisch bekommen. Es sei wohl das Beste, wenn sie gleich ginge, solange ich zu Hause sei. Wolfgang durfte nicht alleine bleiben. Während sie das sagte, kam Vater nach Hause. Er hatte überhaupt keine Zeit, auch nicht, um einen Bissen zu essen.

   „Jette, du bleibst am Nachmittag zu Hause! Nein, du sagst an deinem Arbeitsplatz nicht Bescheid. Nein, nein und wieder nein, du darfst niemanden anrufen. (Jedes Gespräch von unserem Telefon aus lief über die Zentrale des Polizeipräsidiums und konnte abgehört werden.) Du nimmst mit niemandem Kontakt auf, sprichst mit niemandem. Nein, meine Liebe, auch nicht mit Annemie. Ich sage dir, du hast nicht zu telefonieren, und du hast bei Mutti zu bleiben! Am Nachmittag wird Wolfgang vielleicht von einem Krankenwagen abgeholt. Da musst du zu Hause sein! Wenn es sich machen lässt, komme ich auch nach Hause“.

   Gegen 15.00 Uhr rief Vater an. Wir sollten Wolfgang reisefertig machen – in Anzug und Mantel. Ich weiß nicht mehr, wie wir das schafften. Vielleicht halfen uns die Sanitäter. Aber ich erinnere mich an meinen Bruder, der, angezogen, mit weit geöffneten Augen, auf der Trage lag. Unter dem einen Arm hatte er eine kleine Aktenmappe, die seinen Ausweis, ein paar Taschentücher, einen dicken Bleistift und ein bisschen Schreibpapier enthielt. Denn selbstverständlich wollte er uns einen Brief schreiben.

   Während meine Mutter seinen Schal noch einmal geradezieht und die schwarze Mütze, die wir „Skimütze“ nannten – alle Jungen und Männer haben so eine, aber Wolfgangs ist nun allzu groß – wieder und wieder zurechtrückt, plaudert sie ein wenig mit ihm. Sie tut es lächelnd. Spricht über die Kälte da draußen und über die Fahrt zu einem Krankenhaus, in dem man ihm helfen könne. Wir kämen auch bald, um ihn zu besuchen. Alle zusammen. Und Wolfgang starrt sie an, Vielleicht schweigt er, weil seine Stimmbänder zerstört sind. Vielleicht ist sein Hals wie der meine zusammengeschnürt. Weiß er, dass Mutter lügt?

   Die Sanitäter haben es eilig. Sehr eilig. Es zeigt sich, dass der Wohnungseingang für eine Trage zu eng ist. Die beiden Männer bugsieren sie mit nicht geringer Mühe aus dem Krankenzimmer hinaus, schräg in die Küche, nach einer kleinen Drehung nach rechts aus der Küche und zugleich aus der Wohnungstür hinaus. Draußen, im Treppenhaus, drehen sie die Trage nicht noch einmal, sie liegt schief, und, als sie die Trage die Treppe hinuntertragen, liegt Wolfgang mit dem Kopf nach unten. Es handelt sich nur um wenige Stufen, aber der Weg erscheint endlos. Mutter geht lächelnd neben ihm, obwohl es eng ist. Er hat seine Hände gefaltet. Das ist möglich, weil er Fingerhandschuhe anhat, und Mutter versucht, sie mit ihrer Hand zu umklammern. Ich gehe hinter der Trage, fange seinen Blick auf, der grenzenlose Angst widerspiegelt. Sie öffnen den Krankenwagen, tun dies mit raschen Bewegungen. Schieben die Trage in das unterste Fach, darüber lieg ein anderer Patient. Und dann wird die Tür geschlossen. Der eine Sanitäter nimmt auf dem Fahrersitz Platz. Bevor er die Tür schließt, ruft er Mutter etwas zu. Ich meine, die Worte „Vielleicht nach Posen – wenn Gott will“, zu hören. Der Wagen startet ohne Schwierigkeiten. Nachdem er um die Ecke gebogen ist, führe ich Mutter ins Haus. Und während ich die Tür schließe, schreit sie:

   „Ich sehe ihn nie wieder! Meinen Sohn – meinen Wolfgang! Ich sehe ihn nie wieder!“ Sie schreit die ganze Zeit dieselben Worte. Ich führe sie zum Sofa. Setze mich neben sie, aber sie bemerkt mich nicht. Ich lege meine beiden Arme um sie, wiege sie. Hätte sie in diesem Augenblick nur ihre Arme um mich gelegt! Aber das kann sie nicht, mit beiden Händen bedeckt sie ihr  Gesicht.

   „Mein Wolfgang – mein Wolfgang. Nie wieder!“

 

   Vater hätte bei uns sein müssen. Er hätte die Augen seines Sohnes sehen sollen. Er hätte Mutter stützen müssen. Aber mein Vater hielt sich in seinem Büro auf. Männer haben Pflichten. Als Offizier der Schutzpolizei hatte er die Pflicht, in einer Stadt, in der die Bevölkerung bald in panischer Angst versuchen würde, ihr Leben zu retten, für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen und dafür Verantwortung zu tragen. Vater rief an, um zu fragen, ob Wolfgang abgeholt worden sei, und ich war es, die den Anruf annahm. Nein, er könne seinen Arbeitsplatz nicht verlassen. Russische Panzer bewegten sich südlich Warschau in west- nordwestlicher Richtung -.

   Man brauchte keine sonderlichen Fachkenntnisse in Kriegsführung, um die Pläne der Russen zu durchschauen: Die Truppen würden sich jetzt in einem großen Bogen in Richtung Thorn bewegen. Das bedeutete, dass sie um unser Gebiet einen Kreis schlagen, uns mit einer Zangenbewegung einschließen und den Fluchtweg nach Westen abschneiden wollten.

   Um Mutter wieder in Gang zu kriegen, sagte ich, dass wir jetzt aufräumen müssten. Wolfgangs Bett abziehen, abwaschen, Wäsche waschen. Und das half. Geschäftig begann sie Ordnung zu schaffen. Ich ging in den Garten, um zu lauschen. So ein Krieg musste sich ja mit Geräuschen bemerkbar machen. Ich erwartete, Kanonendonner und Maschinengewehrsalven zu hören. Aber der Abend war unnatürlich still. Ich betrachtete den Himmel im Süden und Südosten, erwartete, am Horizont einen roten Streifen von Blut und Brand, den Farben des Krieges, zu sehen. Aber ich sah nichts. Bedeckte der bewölkte Himmel alle Bilder des Schreckens? Schwächte der dichte Schneefall alle Geräusche ab? Ich weiß es nicht. Erinnere mich nur an ein Gefühl großer Verlassenheit und Schutzlosigkeit, das über mich kam. In meinen Gedanken sah ich die russischen Panzer rollen. Panzer in langen Reihen nebeneinander und in langen Reihen hintereinander. Panzer, die rollen und rollen und rollen, ohne auf ein Hindernis oder auf Widerstand zu stoßen. Sah massenweise russischer Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, bereit zum Einsatz. Sah sie in den Spuren der Panzer laufen und laufen und laufen. Bald würden sie in unserer Stadt sein.  

   Ich sagte Mutter, dass wir nun packen müssten. Aber sie wollte nicht. Ich bat sie, Wolfgangs Tornister zu suchen. Den schönen Tornister, den er von Vater bekommen hatte – damals, als der Junge noch an einem Spielmannszugtreffen der Hitler-Jugend teilnehmen durfte. Bat sie, in ihn ihre und meine Schuhe zu packen, und das half. Aber sie wollte nicht den Koffer packen, der unter dem Bett lag. Ich bereitete alle meine Sachen zum Packen vor, legte meine wenigen Kleider zusammen aufs Sofa. Fand mein Fotoalbum mit Bildern von meinem Garten in Hamburg, meinen Ferien in Gadeland und meiner Schulzeit.   

   Mutter suchte ein paar Kleidungsstücke hervor, die auf das Sofa gelegt wurden. Plötzlich begann sie zu jammern: Sie habe Wolfgang nicht mehr die gewünschte Suppe kochen können. Und all’ das Gemüse, das nun im Keller steht, das hätte sie verbrauchen sollen, als noch Zeit dazu war. Sie hätte erraten haben müssen, dass er auf eine solche Suppe Appetit habe.

   „Ach, Mutti“.

   Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde und fragte, ob ich mich nicht neben sie in Vaters Bett legen wolle, vielleicht könne sie dann ein paar Stunden schlafen. Wir hatten nicht länger als eine gute halbe Stunde geschlafen, als uns das Telefon auf Vaters Nachttisch weckte. Der Anruf  kam von Vater:

   „Der letzte Zug verlässt bald die Stadt. Russische Panzer haben die Bahnstrecke südlich unserer Stadt erreicht. Zieht euch sofort an. Packt das Allernotwendigste in einen Koffer. Begebt euch auf dem kürzesten Weg (der durch das Armenviertel führte, das hauptsächlich von Polen bewohnt war) zum Bahnhof. Kommt ihr nicht mit diesem Zug mit, müsst ihr sofort in mein Büro kommen. Beeilt euch! Beeilt euch!“  

   Zunächst einmal wurden wir von Panik ergriffen. Ja, als das Telefon klingelte, hatte ich so tief geschlafen, dass es seine Zeit brauchte, bis dieses Geräusch in mein Bewusstsein drang. Und da glaubte ich, es sei der Wecker. Versuchte deshalb, ihn zur Ruhe zu bringen, indem ich auf den Abstellknopf einhaute, während Mutter nach dem Lichtschalter tastete, den sie nicht finden konnte. Vaters erster Satz war dann auch: „Zum Donnerwetter noch einmal!! Wo bleibt ihr? Was in aller Welt ist  los, wenn ihr nicht einmal den Telefonhörer abnehmen könnt?“ Noch im Nachthemd lief Mutter in der Wohnung umher, sie konnte ihre Winterstiefel nicht finden. Gute Stiefel waren für die Reise, die jetzt vor uns lag, lebensnotwendig. Ich zog die Unterwäsche doppelt an und meinte, auch zwei Kleider übereinander anziehen zu können, doch ließ sich das nicht machen. Das eine Kleid, das ich vor einem Jahr aus meinem karierten Faltenrock genäht hatte, war unten recht eng, und das andere Kleid war oben zu eng geworden. Ich entschied mich für das karierte, weil es Taschen hatte. In sie steckte ich ein paar Fotos. Wenn der Koffer verloren gehen sollte, hätte ich auf jeden Fall ein paar Erinnerungen. Diesen Trick hatte ich von alten Russlandflüchtlingen.

   Liebe Leser und Leserinnen, versuchen Sie einmal, einen kleinen Koffer mit Ihren liebsten und praktischsten Dingen zu packen, und ziehen Sie sich Kleidungsstücke an, die Sie vor Schnee und Kälte schützen. Tun Sie das alles in fünf Minuten, und vergessen Sie dabei nicht, dass der Tod sich auf Raupenketten nähert. Versuchen Sie, das zu tun, und Sie werden vielleicht ein Gefühl von dem bekommen, was Panik ist. 

   Plötzlich stand Vater im Zimmer. Mein Koffer war gepackt, aber noch nicht geschlossen. Vater entdeckte sofort eines meiner Lieblingsdinge, eine Gedichtsammlung, die ich vor einer Sekunde noch eingepackt hatte. Er nahm das Buch und warf es auf den Fußboden. Anderes folgte. Bevor ich protestieren konnte, sagte er, dass ich meine Tiere nicht mitnehmen könne. Auf keinen Fall! Jakob, mein Wellensittich, und Pucki, mein kleiner Hund, die sollten also zurückbleiben und Not leiden. Ja, was dachte sich Vater bloß?! Resolut griff ich nach dem Karton mit meinen Schlittschuhen. Das war leicht möglich, denn eine kleine Kommode enthielt alle meine Sachen. Und während ich die Schlittschuhe herausnahm, die Schachtel mit Luftlöchern versah und den schläfrigen Vogel in seinem Asyl unterbrachte, sprach ich mehr mit mir selbst als mit Vater über das Versprechen, das ich Jakob damals, als wir die Heimat verließen, gegeben hatte:

   „Wir kommen nach Hause zurück“, hatte ich zum Vogel gesagt, „ich bringe dich wieder zurück – wenn die Zeit kommt. Denn wir können ja nicht so lange in der Fremde leben“.

   Pucki freute sich, als ich mit der Leine kam, denn nun, meinte er, wollten wir spazieren gehen. Und Vater sah mich mitleidig an, als glaubte er, dass ich dabei sei, den Verstand zu verlieren. Mutter rannte in der Wohnung umher. Und dann tat ich das auch. Wo sind meine Handschuhe? – Hast du meine Handschuhe gesehen? – Die liegen doch da – nein – dort – vor deiner Nase. Ach – wie ungeschickt du bist, du bringst mich zur Verzweiflung. Beeil dich! Beeil dich! 

   Die Tür fiel hinter Vater mit einem Knall ins Schloss. Ohne eine noch so flüchtige Zärtlichkeit, ohne einen Abschiedsgruß war er weg. Wenige Minuten später verließen auch wir die Wohnung: Mutter schloss die Tür vorsichtig und sorgfältig zu. Sie kontrollierte wie immer zwei-, dreimal, ob sie wirklich abgeschlossen war, indem sie an der Klinke rüttelte. Als ob sie meinte, dass die Sachen da drin noch uns gehörten und wir noch Verantwortung trügen. Wir nahmen die Abkürzung durch das Armenviertel. Auf einmal befanden wir uns – in Luftlinie – nicht weit von Annemies Wohnung entfernt. Ich blieb stehen. 

   „Annemie! Ich muss Annemie warnen“. Aber Mutter lief weiter, sagte, dass Annemie sicher schon längst unterwegs sei. Das musste ich glauben.

   Der Platz vor dem Bahnhof war voll von Menschen. Frauen mit Kindern auf dem Arm oder auf dem Rücken, an der Hand, auf einem Schlitten, in einem Kinderwagen oder auf einem Handwagen. Alle, die das konnten, trugen etwas, schleppten etwas, zogen etwas. Taschen, Koffer, Bündel und Säcke. Ein paar Menschen hatten noch ein Ziel: Den Fahrkartenschalter, wo niemand mehr Fahrkarten verkaufte! Den Bahnsteig, an dem der letzte Zug abgefahren war! Einige gingen nur auf dem Bahnhofplatz umher, als ob sie auf Ankündigungen aus dem Lautsprecher warteten.

   „Was nun?“ fragte Mutter. Ein Soldat neben uns antwortete:

   „Der letzte Zug ist weg. Er bestand aus Viehwagen. Die waren proppevoll. Mit Menschen. Tiere und Gepäck durften nicht mitgenommen werden. Berge von Gepäck liegen auf dem Bahnsteig. Darum können sich die Polen, wenn es soweit ist, schlagen.

   Junge Männer in Zivil standen in einer Gruppe nicht weit von uns. Sie sprachen Polnisch. Eine Pferdedroschke hielt unmittelbar neben Mutter. Der Kutscher blieb sitzen, während eine junge Frau ausstieg und ihre Kinder und ihr Gepäck aus der Droschke nahm. In der einen Hand hielt der Kutscher die Zügel, in der anderen die Peitsche. Als Mutter sich dieser Frau näherte, hob der Mann die Peitsche und ließ sie über den Rücken der jungen Mutter sausen. Sie trug ein Kind auf dem Arm. Krümmte den Rücken unter dem Schlag, vermutlich um das Kind zu schützen, das sich an ihr Bein klammerte. Der Kutscher stand aufrecht, während er zuschlug. Wahnsinnig vor Wut ließ er die Peitsche durch die Luft sausen, während er Flüche auf uns herabbrüllte. All’ die wohlbekannten Kraftausdrücke, die nun noch mit dem Wort „deutsch“ [niemiecki] gewürzt wurden.

   Ein Soldat versuchte, sich schützend vor die Frau zu stellen. Ich wunderte mich darüber, dass der Soldat dem Kutscher nicht mit der Waffe drohte. Hatte er keine? Oder wollte er sie nicht mehr benutzen? Denn er rief dem Kutscher in einem fast bittenden Ton zu:

   „Mensch! Hör’ auf! Um Gottes willen, besinn’ dich!“ Als das nicht half, als der Kutscher den Arm zu einem neuen Schlag hob, der diesmal die Kinder traf, schrie der Soldat zornig:

   „Schande über alle, die sich an Frauen und Kindern rächen! Schande über alle! Schande über alle!“ Und dann griff er nach den Beinen des Kutschers. Wurde der nun heruntergerissen, oder sprang er selbst, um den Kampf mit bloßen Händen fortzusetzen? Ich weiß es nicht. Mutter und ich verließen den Ort so schnell, wie sich das bei dieser Mauer aus menschlichen Körpern machen ließ. Als wir uns endlich in Vaters Büro befanden, erzählten wir ihm, was sich auf dem Bahnhof zugetragen hatte. Vater hörte zu, ohne einen Kommentar zu geben, ohne Erstaunen, ohne die Miene zu verziehen. Er führte uns zu einer langen Bank im Korridor des Erdgeschosses. Dort trafen wir die Witwe des Majors und ihre Söhne. Vater selbst hielt sich den größten Teil der Nacht in seinem kleinen Büro im ersten Stock auf. Ab und zu ging ich zu ihm hinauf und fand ihn immer am Schreibtisch sitzen. Manchmal kam er hinunter zu uns. Im Laufe der Nacht fand sich die Ehefrau eines anderen Offiziers mit ihren beiden kleinen Töchtern und den alten Eltern der Frau ein. Niemand von uns schlief. Wir wechselten nur wenige Worte. Es war eine endlose Nacht.

 

   Während ich dies hier schreibe, liegt ein verblichenes Schriftstück neben mir. Ich fand es  nach Mutters Tod in ihrem Schreibtischschub, in dem sie wichtige Dokumente aufhob. Dass sie gerade diesen Zettel aufbewahrte, kann einem etwas eigenartig vorkommen. Mutter war zwar ein Ordnungsmensch, aber dieses Schriftstück war schon bei seiner Ausstellung völlig wertlos. Aber sie hütete es vermutlich als ein Dokument, als ständige Ermahnung, denn dieses eigentümlich Stück Papier erteilte uns die Erlaubnis, die Stadt mit dem Zug zu verlassen. Mutter erhielt es während der Nacht, in der wir in der Nähe des Büros des Polizeidirektors auf einer Bank saßen und warteten.

   Das Papier trägt die Überschrift „Bescheinigung“. In der letzten Phase des Krieges war das ein unerhört begehrtes Schriftstück, das den auf dem Formular genannten Personen erlaubte, mit der Eisenbahn nach Westen zu fahren. Mit anderen Worten: Es berechtigte die aufgeführten Personen zur Flucht. Dass das Schriftstück aus dem Büro des Polizeidirektors stammt, beweisen das Dienstsiegel, der Aufdruck „Der Polizeidirektor“ und ein Aktenzeichen in der oberen linken Ecke und schließlich die vorgedruckte Unterschrift „Der Polizeidirektor“, die handschriftlich von Inspektor Wagner geleistet worden war. Der Inspektor hatte vermutlich auch die Spalten mit den notwendigen Daten – Name des Inhabers, Adresse, Grund und Ziel der Reise samt dem Datum für die zugelassene Aus- und Heimreise – ausgefüllt. Ein ungeheuer wichtiges Stück Papier, wenn Mutter – und viele andere – es beizeiten erhalten hätten. Aber die Bescheinigung ist ausgestellt worden in den frühen Morgenstunden des 18. 1. 1945, also zu einem Zeitpunkt, wo so gut wie alle – und insbesondere der Polizeidirektor – wussten, dass der letzte Zug abgefahren und die russischen Panzer auf dem Weg in unsere Stadt waren. Und noch mehr: als einzig zugelassener Reisetag war das Ausstellungsdatum, also der 18. 1. 1945, genannt. Warum gab man uns einen solchen Zettel? Wollte man seinen guten Willen beweisen, wollte man eine Entlastung von aller Schuld erreichen? Oder wollte man uns verhöhnen? Das Verhältnis zwischen Vater und dem Polizeidirektor war bisweilen sehr gespannt, Vater pflegte ihn mit äußerster Vorsicht zu behandeln. Er hatte versucht, sich privat von einigen Mitarbeitern des Polizeidirektors fernzuhalten. Und das war gar nicht so einfach in dieser kleinen Stadt, wo alle Kollegen miteinander verkehrten. Einen hatte Vater als „Speichellecker“ bezeichnet. Und das war mir unverständlich gewesen. Denn ich hatte den Mann als gemütlich, vornehm und redegewandt kennen gelernt.

   Beim Morgengrauen kam Vater und berichtete uns, dass man während der Nacht „Himmel und Hölle“ in Bewegung gesetzt habe, um eine Lösung zu finden. Russische Panzer hätten Łódź erreicht. Die Straßen würden zunehmend von Flüchtlingstrecks und Militärkolonnen der Wehrmacht blockiert. Vielleicht sei es noch möglich, uns aus der Stadt herauszubringen, bevor – nun – ja – bevor die russischen Panzer kämen. Denn man sei jetzt dabei, Dokumente ausfindig zu machen, die man (man – das waren Vater und ein paar andere Kollegen) dann unbedingt mit einem Lastkraftwagen nach Hohensalza [Inowrocław], der  Hauptstadt des Regierungsbezirks, zu dem unsere Stadt gehörte, transportieren müsse. Die Dokumente würden „heimlich“ gestempelt. Kein noch so eifriger Wachtposten an einer Straßensperre werde dann wagen, sie anzurühren. Man müsse jetzt nur noch einen passenden Lastwagen finden und einen Mann, der ihn fahren könne – oder besser gesagt, der das wage. Einen Lastwagen, der uns ein gutes Stück nach Nordwesten bringen könne, wo angeblich noch Züge führen.

   Von jetzt an krochen die Minuten dahin. Wie ein Wachtposten nahm ich am Eingang des Gebäudes Aufstellung. Pucki, mein Hund, war immer an meiner Seite. Er kannte den Ort und mehrere der Angestellten. Oft hatten wir nach einem Spaziergang durch den Park Vater in seinem Büro besucht. Ich beobachtete das fröhliche Herumspringen des Hundes und dachte, dass er der einzige in diesem Hause sei, der sich ganz sicher fühlte. Ein Offizier, einer der Kollegen, die Vater schätzte, stellte sich neben mich. Als er zu sprechen begann, wusste ich sofort, dass er das in Vaters Auftrag tat. Denn Vater brachte es nicht über sich, mir die folgenden Worte zu sagen:

   „Der Hund muss zurückbleiben. Es fehlt an Transportmitteln für Menschen. Früher oder später wird man sich weigern, den Hund mitzunehmen. Es ist das Beste für ihn, hier zu bleiben. Das musst du begreifen. Du bist ja erwachsen“. Mein Pucki. Vater versprach, auf ihn aufzupassen. Aber innerhalb ganz kurzer Zeit würde auch die Polizei die Stadt räumen müssen.

   Wenn wir doch nur zusammenbleiben könnten!

   Ein Lastwagen parkte vor dem Haus. Ein altes Fahrzeug mit vier intakten Rädern und einem Gasgenerator. Mit einer Plane über der Ladfläche. Und mit Bänken! Das heißt, mit ein paar Brettern, die über Kisten gelegt worden waren. Der Chauffeur war jung, das stellte ich sofort als etwas außerordentlich Wichtiges fest. Er war jung, aber nicht zu jung, so dass man nicht an seinen Fähigkeiten, eine gefährliche Fahrt ins Ungewisse über schneebedeckte Straßen zu bewerkstelligen, zweifeln konnte. Er wirkte ausgeruht. Jedenfalls belud er den Wagen rasch: Kisten und Kasten und was weiß ich noch. Und zuletzt unsere paar Habseligkeiten. Man stelle sich vor, wir durften unsere Koffer mitnehmen!

   Plötzlich stand Elli neben mir.

   „Ja, aber was machst du denn hier?“ brach es aus mir heraus. Elli, die Tochter eines polnischen Gutsbesitzers. Meine immer muntere, freche Schulkameradin. Sie, die „richtige“ Freundin eines „echten“ russischen Prinzen. Sie, die im Großen und Ganzen das Mädchen war, das all’ die Dinge tat, an die wir anderen Mädchen kaum zu denken wagten. Ein Mädchen, das sich zu schminken wagte. Und das mit phantastischen Einfällen den ganzen Hitlerjugendzirkus zum Narren hielt. Elli, die es wagte und vermochte, die Bonzen hochzunehmen, wenn sie uns auf die Nerven gingen, und  die das so gut machte, dass wir anderen lachen mussten. Ein Mädchen also, das so war, wie man nicht sein durfte, und dem man deshalb eine Ausbildung verweigert hatte.

   Sie habe viele Monate als Telefonistin im Polizeipräsidium gearbeitet, erzählte sie mit breitem Grinsen. Nein, sie habe nicht vor zu fliehen. Sie gehöre ja hierher. Ja, vielleicht habe sie vor den Russen ein bisschen Angst, aber man könne sich ja verstecken, bis sich alles wieder beruhigt habe.

   Plötzlich wurde sie sehr ernst. Kam ganz dicht an mich heran.

   „Sag’ 'mal – hast  du nie darüber nachgedacht, wer ich bin? Hast du nie einen Verdacht gehegt? – Ich meine, auf welcher Seite ich stehe – und für wen ich arbeite?“

   „Na jaaa – Elli. Ja und nein – gedacht und nicht gedacht. Für mich warst du – tja warst du ein Mensch, der Widerstand leistete, ohne die Faust zu gebrauchen. Als Waffe hast du das Lachen gewählt. Erinnerst du dich?“

   Oh ja, sie erinnerte sich. Und sie hoffte, andere würden sich erinnern. Wieder erschien auf ihrem Gesicht ein Lächeln, das in ein Grinsen überging. Ich sah, dass sie mit großer Mühe ein Lachen unterdrückte. Und plötzlich fühlte ich in mir ein Lachen aufsteigen, das heraus wollte. Du liebe Zeit! Die Tochter eines polnischen Widerstandskämpfers als Telefonistin beim Polizeidirektor der deutschen Besatzungsmacht! Mehr Mut auf der einen Seite und mehr Dummheit auf der anderen Seite konnte man sich kaum vorstellen!

   „Hast du dir nie darüber Gedanken gemacht, wer mein Vater ist und wo er ist?“

   „Doch Elli, doch. Viele Male. Aber nun denke ich am meisten an meinen Vater“. Die Luft zwischen uns vibrierte vor Spannung, denn jetzt gab es wirklich viel, was wir nicht nur zu sagen wünschten und sagen müssten, sondern auch zu sagen  gewagt hätten. Doch jetzt war keine Zeit mehr für ein auch noch so kurzes Gespräch. Ich sah die anderen auf die Ladefläche des Autos klettern. Mutter rief meinen Namen.

 „Beeil dich! Beeil dich!“

   Ich lief ein paar Schritte. Wandte mich um. Da stand Elli. Tochter eines polnischen Gutsbesitzers. Ein Mädchen der Oberschicht, das davon träumt, sein Vaterland frei zu sehen. In ganz kurzer Zeit würde dieser Traum in Erfüllung gehen. Mit den Bolschewisten als Befreiern. In kurzer Zeit würde Polen von den Kommunisten regiert werden. Wie würden die Menschen ihrer Herkunft behandeln? Arme Elli. Ich hoffte, sie könnte meine Gedanken lesen, wie ich die ihren lesen konnte.

   Leb’ wohl, leb’ wohl, du polnisches Mädchen. Lass’ dich nicht unterkriegen. Bleib’ dir selbst treu!

   Leb’ wohl, leb’ wohl, du deutsches Mädchen. Geh’ meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst – aber meine guten Wünsche mögen dich begleiten, bleib’ am Leben!

 

   Wie habe ich eigentlich von Vater Abschied genommen? Ich weiß es nicht mehr. Sicherlich ganz schnell. Er war ein Meister darin, das Schmerzhafte kurz und bündig zu erledigen. Wenn wir Kinder verletzt waren, wechselte immer Mutter den Verband. Vorsichtig, vorsichtig. Aber das letzte Stück Binde, das an der Wunde festgeklebte, das sollte am liebsten von Vater entfernt werden. Mit einem Ruck – dann war alles überstanden.

   Das, woran ich mich erinnere, ist Vaters Gesicht. Er stand mit ein paar anderen – neben dem Speichellecker – an der Rückseite des Autos, wo die Plane noch nicht heruntergelassen war. Ich saß ganz außen auf der Bank – ganz nahe bei Vater. Er versuchte zu lächeln. Niemand sagte etwas, als das Auto anfuhr. Bevor wir um die Ecke bogen, löste sich Vater von der Gruppe und ging langsam auf das  Polizeipräsidium zu. Er tat das mit müden Bewegungen, ohne sich umzudrehen.

   Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

 

   In Luftlinie liegt Hohensalza etwa 60 km von der Stadt, die wir verließen entfernt. Ich weiß nicht, welchen Weg der Fahrer des Autos nahm. Nach meinen Berechnungen waren wir etwa 8 Stunden unterwegs. Zu Beginn der Reise versuchten wir, die Fahrtrichtung zu kontrollieren. Es war so ungeheuer wichtig, nach Westen zu fahren, was der Wagen nicht immer tat. Ab und zu konnten wir nicht weiterfahren, wegen „eines kleinen Hindernisses“, wie das der Chauffeur nannte. Eine Militärkolonne zu Fuß oder motorisiert. Ein Treck aus Pferdeschlitten voll von Menschen und Gepäck. Ein liegengebliebenes Auto. Ein totes Tier – Pferd oder Kuh. Eine Schneewehe. Ein leerer Kinderwagen.

   „Das schaffen wir schon! Kein Problem!“ waren stets die beruhigenden Worte des Fahrers. Aber es kam auch vor, dass er nichts sagte, dann versuchten wir, uns durch den Schlitz der Plane zu orientieren. Was wir dann zu sehen bekamen, verdeutlichte uns, dass wir uns nicht auf einem Ausflug befanden, sondern auf der Flucht vor einer akuten Gefahr. Einmal versperrte ein Militärauto die Straße. Die Soldaten standen ratlos darum herum. Unser Chauffeur stellte ihnen ein paar Fragen. Ich verstand nur Bruchstücke des Gesprächs: „russische Panzer“ und „Łódź“ und „Richtung Thorn“ und „hier auf dem Weg“. Und der Chauffeur steckte seinen Kopf durch den Schlitz der Plane und sagte:

   „Von jetzt an sitzt ihr mucksmäuschenstill, wenn ich halte“. Und niemand von uns musste ihn nach dem Grund fragen.

   In Hohensalza kamen wir am späten Nachmittag an. Auf dem Bahnhof sahen wir ein uns schon bekanntes Bild: Menschen, Menschen, überall Menschen. Das heißt,  Frauen jeden Alters, Kinder aller Größe und ein paar Männer – Greise. Beim Abschied sagte der Chauffeur nur: „Beeilt euch! Die Russen sind euch auf den Fersen!“ Als der Zug, der uns nach Posen bringen sollte, einfuhr, sahen wir, dass er schon recht voll war. Und als der Zug hielt, standen wir unglücklicherweise weit von einer Tür entfernt. Eingeklemmt in der Menschenmasse, versuchten wir, uns den Zugang zum Zug zu erkämpfen. Menschenhände hämmerten gegen die äußeren Waggonwände. Menschenhände öffneten die Fenster des Zuges von innen. Soldatenarme hoben uns hoch, warfen das Gepäck hinterher. „Da ist immer noch Platz für einen. Rückt zusammen! Rückt zusammen!“ Aber als der Zug anfuhr, war der Bahnsteig noch immer voller Menschen. Mutter war bei mir. Jakob im Schlittschuhkarton unter meinen Arm geklemmt. Und unsere Koffer zwischen unseren Beinen. Ich weiß nicht, war es hier, wo ich Wolfgangs Tornister verloren habe? Oder war es bei einer anderen Kletterei? Daran kann ich mich gerade jetzt nicht erinnern.

   Etwa zur selben Zeit dringen russische Soldaten in Hohensalza ein, werden aber – nur für kurze Zeit – von der Wehrmacht zurückgeschlagen. Aber hiervon wissen wir nichts – nicht an diesem Nachmittag. Wir wissen auch nicht, dass die deutschen Truppenverbände in Posen in verstärkte Verteidigungsbereitschaft versetzt worden sind. Wir ahnen nur, dass die Russen in der Nähe sind und dass sie – wie wir – nach Posen wollen.

    Dicht gedrängt stehend kamen wir gegen Mitternacht in Posen an. Und Mutter sagte: „Wir verlassen diese Stadt nicht, bevor wir nicht Wolfgang gefunden haben“. Es fror! Wir froren. Alles um uns herum fror. Vielleicht fiel auch Schnee. In diesen Tagen schneite es ja ständig, aber ich erinnere mich nur an die Kälte. Ich wickelte meinen Schal um die Schlittschuhschachtel. Jakob sollte nicht erfrieren. Wir gingen, wir fuhren mit der Straßenbahn und gingen wieder – von Krankenhaus zu Krankenhaus. Und der Koffer wurde immer schwerer. Im Schnee verursachten die Füße eigentümliche Schnarrlaute. Die Räder der Straßenbahnen auf den eiskalten Schienen hörten sich wie Schreie an. Alle Laute sind mir fremd, waren nicht wie die bei uns daheim. Hier erwartete uns auch kein warmes Haus. Aber überall waren Menschen. Die meisten konnten keine Auskunft geben, wenn wir nach dem Weg fragten. Sie kannten sich ebenso wenig aus wie wir.

   Posen ist ein Eisenbahnknotenpunkt. Es kamen Züge von Norden, Osten und Süden an, und alle waren sie vollgestopft mit Menschen. Menschen kamen zu Fuß, auf Schlitten, Karren, Pferdewagen, mit Kinderwagen, Rodelschlitten. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine solch’ überfüllte Stadt gesehen.

   Am selben Abend – also am 18. Januar 1945 – kam auch Gauleiter Greiser nach Posen zurück von einer Inspektionsreise durch die östlichen Gebiete. Dort hatte er mit eigenen Augen den totalen Zusammenbruch der Wehrmacht gesehen. Und dort hatte er sich selbst einen Weg durch den chaotischen Strom der Flüchtlinge, der alle Straßen und Wege zu verstopfen drohte, bahnen müssen. Trotzdem erließ er nach seiner Rückkehr nach Posen keine Anweisung zur Evakuierung der Bevölkerung. Greiser wartete auf einen Befehl Hitlers

 

   „Nein, meine Dame, ihr Sohn liegt nicht hier“. Unzählige Male haben wir diese Antwort erhalten. In einem Krankenhaus erkundigte sich der Pförtner nach Wolfgangs Krankheit und empfahl uns, im Stadtkrankenhaus nachzufragen, denn da gebe es eine Abteilung für Lungenkrankheiten. Und hier wies man uns nicht ab.

   Eine mollige Krankenschwester führte uns einen Gang entlang zu einer Tür, die sie öffnete. In der Mitte des Raumes, der von einer grellen Glühlampe beleuchtet wurde, stand ein Krankenhausbett. Da lag unter einer dünnen Decke ein Mensch, der nur noch Haut und Knochen war. Um das Bett herum befanden sich Schläuche und Apparate. De Mensch im Bett hatte seine knochigen Unterarme ausgestreckt. Aus seiner Kehle drangen beim Atmen entsetzliche Geräusche.

   „Ist das Wolfgang?“

   Wir gingen zu ihm. Seine Augen waren weit geöffnet. Die Krankenschwester rief seinen Namen, und Mutter sagte ihm etwas ins Ohr. Aber ich bemerkte keine Reaktion. Nach einer Weile drehte ich mich um und ging hinaus. Wenn es erlaubt gewesen wäre, hätte ich geschrieen. Unbeherrscht und laut, solange meine Stimme mitmachte. Aber so etwas tut man nicht. Man nimmt Rücksicht. Man verschließt sich vor den anderen. Man ist gut erzogen und beherrscht und schluckt runter. Alles schluckt man runter, denn da drin – da ist wirklich für vieles Platz.

   Die Krankenschwester bot uns an, eine Liege in Wolfgangs Zimmer zu stellen. Dann könnten wir abwechselnd wachen. Aber da sagte ich:

   „Ich kann nicht. Schaffe es nicht. Lasst mich ein paar Stunden schlafen – zwei oder drei – aber nicht hier im Krankenhaus. Woanders, wo ich keine Geräusche höre“.

   Das hätte ich nicht sagen sollen. Wegen Mutter und wohl auch Wolfgang hätte ich durchhalten müssen. Und meinetwegen. Wahrhaftig, auch meinetwegen!

   Die Krankenschwester erklärte uns den Weg zum „NSV Unterkunftsheim“, das als Übernachtungsmöglichkeit für die Angehörigen von kranken und verwundeten Soldaten diente. NSV bedeutet „Nationalsozialistische Volksfürsorge“.

   Die Nacht war fast vorbei, als wir das Heim erreichten, das in einem Hinterhof an der Hauptstraße lag. Eine ältere Frau, die sich als Heimleiterin vorstellte, nahm uns in Empfang. Sie gab uns etwas Warmes zu trinken und führte uns in ihr Zimmer, weil sie merkte, dass Mutter Trost brauchte, Und während die beiden miteinander sprachen, nahm ich Jakob aus der Schachtel. Versuchte ihm Wärme zu geben, indem ich ihn an meinen Hals und mein Gesicht hielt. Flüsterte ihm etwas zu und war erleichtert, als er sich rührte. Die Frau kam zu uns. Strich mir und Jakob über den Kopf und sagte, dass ich mich nicht um den Vogel zu kümmern brauche. Das werde sie machen. Ihm etwas zu fressen geben und zu trinken und ihn frei im Zimmer fliegen zu lassen. Es werde ihm gut tun, seine Flügel ausbreiten zu können. Ja, sie verstehe etwas von Vögeln, darauf könne ich mich verlassen. Sie selbst habe solch’ einen kleine Kerl gehabt.

   Mutter und ich bekamen jede ein Bett in einem großen Raum mit vielen Betten, die alle belegt waren, zugeteilt. Ich zog nur meinen Mantel und meine Stiefel aus. Legte meine Umhängetasche unter das Kopfkissen, deckte mich mit einer nicht mehr ganz sauberen Wolldecke zu und fiel sofort in tiefen, todesähnlichen Schlaf. Das geschah in den frühen Morgenstunden des 19. 1. 1945.

   Die Zeitung „Ostdeutscher Beobachter“ in Posen erschien am 19. 1. 1945 mit der fettgedruckten Schlagzeile „Der Warthegau bleibt deutsch“.

   Ich muss sehr fest geschlafen haben, denn als ich endlich aufwachte, waren alle anderen Menschen aufgebrochen, und viele Neuankömmlinge waren dabei, die Betten in Beschlag zu nehmen. Hier wie überall Frauen mit Kindern, viele Kinder, und viele waren müde und schmutzig. Die Frau neben meinem Bett gab ihrem Kind die Brust, während ein kleines, voll angezogenes Mädchen – auch den Mantel hatte es nicht ausgezogen – zwischen ihren Beinen schlief.

 

   Wir fanden Wolfgang verändert. Auf Mutters Frage, ob es ihm etwas besser gehe, schüttelte die Krankenschwester den Kopf. Und sagte mehr zu sich selbst als zu uns: „Er hat ein starkes Herz. Er hatte wohl auch einen starken Willen. Aber nun wird er bald Frieden haben“.

   Wir blieben bei Wolfgang. Im Laufe des Nachmittags schlug ich Mutter vor, in die Stadt zu gehen, um uns etwas zu essen zu besorgen. Sie wollte gerne mit, Wolfgang schlief ja so gut. In der Stadt herrschte eine eigentümliche Stimmung. Einige Geschäfte schlossen weit vor Ladenschluss, einige ließen die Fensterläden runter. Vor einem Bäckerladen hatte sich eine beträchtliche Schlange gebildet, die sich jedoch rasch auf die Tür und die Ladentheke hin bewegte. Die Kunden erhielten die gewünschten Waren ohne Geld oder Lebensmittelmarken, während die Bäckersfrau mit ihnen sprach. Einige von ihnen kannte sie vermutlich gut. Als sie mir ein Brot gab, fiel mein Blick auf die Uhr über dem Regal hinter ihr. Es war genau 16.00 Uhr.

   Mutter wartete draußen vor dem Laden auf mich. Sie wirkte entspannt und lächelte sogar, als ich mit dem Brot ankam. Sie hob den kleinen Finger, wie sie das immer tat, wenn sie sich etwas wirklich Gutes vorgenommen hatte

   „Jetzt gehen wir ins Heim zurück und borgen uns ein Messer. Und dann setzen wir uns aufs Bett und essen uns am Schwarzbrot satt. Danach gehen wir zu Wolfgang“.

   Aber dazu kam es nicht. Ich saß alleine auf der Bettkante mit dem Brot im Schoß. Und ich saß lange so da. Mutter kam nicht mit dem Messer. Die Heimleiterin hatte vom Krankenhaus eine kurze schriftliche Nachricht für meine Mutter bekommen:

   „Posen, den 19. 1. 1945. Wolfgang Ross heute 16.00 Uhr gestorben“.

 

   In der nächsten Nacht gab es im Schlafsaal viel Unruhe. Frauen und Kinder kamen und brachen nach ein paar Stunden Schlaf wieder auf. Einige waren sehr heruntergekommen. Gegen Morgen versuchte ich, Mutter zum Aufbruch zu überreden: „Bald sind die Russen hier. Hörst du, Mutti! Hörst du! Bald sind die Russen hier!“ Aber ich redete gegen eine Mauer. Sie saß nur auf der Bettkante und wollte gar nichts. Da saß sie auch, als die Frau, die Vater nach der Beisetzung des Majors nach Hause begleitet hatte, plötzlich in der Tür stand. Ihr einziges Gepäck waren eine Tasche und eine Pelzjacke, die sie über dem Arm trug. Sie erzählte uns, dass sie mitten in der Arbeitszeit nach Hause gerannt sei, um den Koffer zu packen. Ihr Wohnblock, der von unserer Wohnung nicht weit entfernt lag, grenzte an ein Feld. Dort habe sie – gerade als sie ins Haus gehen wollte – Panzer gesehen. Na ja, habe sie gedacht, Panzer sind in einem Krieg sicherlich nichts Besonderes. Aber dann habe sie glücklicherweise noch einmal genauer hingesehen. Und da sei sie starr vor Schreck geworden. Es waren Russen! Und da habe sie nur noch wegrennen können.

   Vermutlich erzählte sie, wie sie aus der Stadt weg und nach Posen gekommen sei. Aber ich hörte nicht zu. Denn alle meine Gedanken waren bei Vater. Wenn sie nur etwas von meinem Vater erzählen wollte!

   Ja, sie war ihm nach unserer Abreise begegnet: Er habe einen Hinweis erhalten, dass der Krankenwagen mit Wolfgang in Richtung Posen gefahren sei. Aber er habe keine Ahnung gehabt, wo wir zwei gelandet seien. Aber so viel wusste sie: Am Nachmittag des 18. Januar war er in unserer Wohnung gewesen, um die Tiere herauszulassen, die Kaninchen und Hühner. Er habe ihnen zu fressen gegeben. Die Tiere sollten nicht unnötig Not leiden. Die Kollegen hätten ihn gewarnt, die Wohnung aufzusuchen. Pucki, mein Hund, sei nicht von Vaters Seite gewichen.

   Die Frau erzählte auch, wie sie uns gefunden habe. Durch Zufall. Oder schicksalhaft. Instinkt – vielleicht. Auf jeden Fall habe sie Vater versprochen, uns zu finden und aus der Stadt zu helfen.

   Mutter hörte nicht zu. Sagte nur, dass sie für ein ordentliches Begräbnis sorgen wolle. Die Frau bezeichnete sie deswegen als verrückt – kostbare Zeit zu verschwenden, um einen Pfarrer zu finden und all das andere! Innerhalb kürzester Zeit würden die Russen die Stadt erobern! Jetzt müsse man an die Lebenden denken. Da draußen, an den Landstraßen, lägen viele Tote.

   „Du kannst da auch bald liegen – und deine Tochter, wenn ihr nicht schleunigst die Stadt verlasst“.

   Mutter begann, von Vater zu sprechen. Sie wolle versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er müsse erfahren, dass Wolfgang - . Die Frau unterbrach sie, indem sie darauf hinwies, dass auch die Polizei die Stadt geräumt habe – nachdem sie das Militär verlassen hatte und sich die ersten russischen Panzer schon  in den Straßen befänden. Sie bot uns ihre Hilfe an, wollte uns ins Krankenhaus begleiten. Dort könnten wir von Wolfgang Abschied nehmen und uns eine Sterbeurkunde geben lassen. Aber wenn das erledigt sei – und das müsse Mutter ihr versprechen – müssten wir drei auf dem kürzesten Weg zum Bahnhof gehen.

   Die Straßenbahnen fuhren nicht mehr planmäßig. In allen Straßen der Stadt wimmelte es vor Menschen. Aber wir erreichten doch das Krankenhaus, das einem aufgescheuchten Hühnerhof glich. Viele Patienten wurden von ihren Familien abgeholt. Hinausgetragen auf den Armen, auf dem Rücken, es war ein seltsamer Anblick. Aber nichts deutet auf eine generelle Evakuierung hin. Das Personal wirkte fahrig. Es benötigte Zeit, eine Krankenschwester zu finden, die bereit war, ihr Hin- und Herlaufen zu unterbrechen, um sich Mutters Wunsch, ihren toten Sohn zu sehen, anzuhören.

   „Einen Sohn, der gestern gestorben ist?“ Die Krankenschwester schlug vor lauter Überraschung über Mutters merkwürdige Äußerung die Hände über dem Kopf zusammen. Alle Leichen von gestern sind längst zu einem gemeinsamen Grab gebracht worden!“

   „Massengrab?“

   „Ja, ein Massengrab. Und es sollte Sie trösten, meine Dame, dass er überhaupt unter die Erde gekommen ist. Denn die Deutschen hatten so viel Weitblick, dass sie rechtzeitig dafür gesorgt haben, mehrere große, tiefe Löcher zu graben für all’ die Toten, die  in einem solchen Chaos zu erwarten sind“.

   Die Krankenschwester war also Polin. Das machten ihre Art zu sprechen und die Betonung der beiden Wörter die Deutschen deutlich. Sie sagte jemandem telefonisch Bescheid. Ein Mann kam mit Wolfgangs Sachen. Sein Mantel zu einem Sack geformt, der die wenigen Dinge enthielt, die er bei sich hatte. Der Mann schleifte das Kleiderbündel auf dem Fußboden hinter sich her. Bei diesem Anblick fing Mutter an zu weinen. Unsere Begleiterin öffnete das Bündel. Konstatierte, dass die Armbanduhr, der Füller und die Brieftasche fehlten.

   „Ach ja, so was pflegen wir woanders aufzuheben“, sagte die Krankenschwester, „ich kann Ihnen das holen, wenn Sie Zeit haben zu warten“.

   „Eine Menge Zeit!“ war die Antwort. Aber als wir die Sachen erhalten hatten, änderte sich der Ton – es sei nun an der Zeit, so schnell wie möglich zum Bahnhof zu gehen. Mutter wollte unbedingt noch unsere Koffer im NSV-Heim holen. Die Frau verließ uns, ohne sich umzudrehen. Sie glaubte gewiss, uns niemals wiederzusehen.

   Alles das geschah am Vormittag des 20. Januars. Wir wussten nicht, dass am Morgen dieses Tages Posen zur Festung erklärt worden war. Das bedeutete, dass sich die Stadt auf ihre Verteidigung vorbereiten musste. Die Bevölkerung wurde hierüber nicht informiert. Mitten am Tag aber gab Gauleiter Greiser endlich die Genehmigung zur Evakuierung der Bevölkerung des Warthegaus – angeblich, weil Hitler ihn nach Berlin beordert hatte, wo er eine neue Aufgabe übernehmen sollte. Dieser überraschende und allzu späte Evakuierungsbefehl hatte ein Chaos zur Folge. Gejagt und gequält stießen die Überlebenden aus den östlichen Distrikten nun in den weiter westlich gelegenen Gebieten auf eine Bevölkerung im Aufbruch. Militärkolonnen und lange Pferdewagen- und Pferdeschlittentrecks blockierten die Landstraßen. Angeblich wegen eines letzten verzweifelten Versuchs, die Straßen freizuhalten, um den militärischen Nachschub zu sichern, begannen Militärpolizisten oder andere Soldaten befehlsgemäß, die Ausfallstraßen Posens nach Westen hin für Fußgänger zu sperren. Sie taten das nicht vollständig. Man hielt nur die Menschen, Junge wie Alte, zurück, die sichtlich so mitgenommen waren, dass sie höchstwahrscheinlich einen Marsch von 100 Kilometern nicht schaffen würden. Und das waren viele.

   Auf unserem Weg zurück zum NSV-Heim kamen wir am Schlossplatz vorbei. Im Schlosshof waren ein paar Uniformierte fieberhaft damit beschäftigt, Papiere zu verbrennen. Das Feuer war ziemlich groß. Aber Mutter wollte nicht glauben, dass die Ursache für dieses Feuer darin bestand, dass die Russen die Stadt bald einnehmen würden. Zurück im NSV-Heim, kam sie auf die eigentümliche Idee, ein paar Tage dazubleiben. Vielleicht würde sich die Situation verändern. Und da könne sie  . . . . Aber die Heimleiterin kam mir zu Hilfe. Sagte recht barsch, dass das Heim bald geschlossen werde. Auch unsere Koffer wollte sie nicht mehr aufbewahren. Ein alter Mann, der das Gespräch gehört hatte, mischte sich ein:

   „Sie haben doch ein Radio. Da müssen sie das doch gehört haben. Der Führer hat sicher einen Aufruf erlassen. Hat sicher ein paar aufmunternde Worte gesagt. Mutmachende Reden. Unser Führer verlässt uns nicht! Nein, meine Dame, unser Führer verlässt uns nicht!“ Aber die Heimleiterin machte ein verdrießliches Gesicht:

   „Der Führer? Nein – der schweigt. Der verschwendet auf uns keinen Gedanken. Nun sind wir alle uns selbst und unserem Schicksal überlassen“.

   Es wurde schon dunkel, als wir uns endlich auf den Weg zum Bahnhof machten. Plötzlich hatte es Mutter eilig. Als ob sie endlich aufgewacht sei. Sie rannte geradezu. Ich konnte ihr nur schwer folgen. Jedes Mal, wenn ich den Koffer in die andere Hand nehmen wollte, weil er mir zu schwer geworden war, musste ich ihn absetzen; denn ich musste mich ja auch noch um die Schachtel mit Jakob kümmern. Und jedes Mal, wenn ich rief, dass sie einen Augenblick warten möge, drehten sich auch andere Mütter um. Als ob viele Mütter und viele Kinder Gefahr liefen, sich zu verlieren. Oder das auf jeden Fall fürchteten.

   „Beeil dich! Komm jetzt! Beeil dich!“ Mit jeder Minute wurde die Menschenmasse dichter. Alle hasteten in Richtung Bahnhof. Niemand musste nach dem Weg zu diesem einzigen Ziel fragen. Aber nach ganz kurzer Zeit konnten wir nur noch langsam gehen. Je näher wir dem gewünschten Ziel kamen, desto geringer wurde der Abstand zwischen den Körpern. Schließlich bewegte sich niemand mehr aus eigenem Willen. Zuerst Schritt für Schritt, dann Fuß für Fuß, Zentimeter für Zentimeter. Schließlich standen wir. Selbst wenn man hinter uns drängelte, kamen wir nicht weiter. Wir kannten nicht die Ursache, konnten sie aber erahnen: Eine Masse Körper, die von der entgegengesetzten Seite kam, verursachten Gegendruck.

   „Mutti! Mutti!“ Der Hut – dort – ganz da vorn, war das der Hut meiner Mutter? Wir standen jetzt auf der Eisenbahnüberführung. Rechts sah ich den Bahnhof, unter uns die Gleise. Von dort fuhren einmal viele, viele Züge nach Westen, jetzt war alles unnatürlich leer und still. Keine Züge und keine Menschen. Die Treppe zum Bahnhofsvorplatz und zu den Gleisen wurde von Militärpolizisten abgesperrt. In Abständen riefen sie laut, dass der letzte Zug gefahren sei. Man solle versuchen, die Stadt auf anderem Weg zu verlassen! Und jedes Mal ging dann ein rebellisches Murmeln durch die Menge. Man hatte von den Straßensperrungen gehört. Viele waren da gewesen und abgewiesen worden.

   Ich  konnte den Bahnsteig sehen. Ordentlich aufgestapelte meterhohe Berge von hinterlassenem Gepäck erzählten stumm, das die letzten Züge nur noch Menschen mitgenommen hatten. Wenn die totale Stille sich über diese Stadt legt, wird dies die Stille vor dem Sturm sein. Dann werden viele Polen die Chance ergreifen und das Gepäck „aufräumen“. Plünderungen werden wieder eigentümliche Bilder des homo sapiens zeichnen. Des einen Not ist des anderen Brot.

   Manchmal hörte ich Schreie. Hörte Jammern und Klagen. Hörte ein Kind 'Mutti' oder 'Mama' schreien. Und ich hörte wirklich auch eine Gruppe junger Mädchen singen. Sie sangen forciert frisch und munter ein bekanntes Marschlied. Der Uniform nach handelte es sich um „Arbeitsdienst-Maiden“. Gnade ihnen Gott, wenn sie in dieser Uniform den Russen in die Hände fielen. Und dann ein fast tierischer Schmerzensschrei! Einige sagten, er rühre von einem alten Mann her. Ein Greis, der umgerissen worden war und sich nun der Füße der anderen zu erwehren suchte.

   „Wer fällt, wird zu Tode getrampelt“.

   Gott sieht uns, aber ER hört uns nicht, dachte ich. Wie eine Käseglocke über ein altes Stück stinkenden Käses hat ER einen dicht schließenden durchsichtigen Glaskubus über unseren Teil der Welt gestülpt. Wir sind eingeschlossen. Abgeschnitten. Gefangen. Nicht einmal der Himmel erträgt noch unsere Schreie.

   „Mutti! Muuuttiii!“

   Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, streckte den Hals vor, konnte sie aber nirgends entdecken. Die Menge hatte mich stetig nach rechts gedrängt, bis ich am Brückengeländer gelandet war. Von hier aus hatte ich eine gute Aussicht auf die Treppe. Dort saß zusammengekauert ein Kind, ansonsten war die Treppe menschenleer. Und ich dachte, wenn meine Mutter eine Chance haben sollte, mich zu entdecken, dann muss ich diesen Jungen erreichen. Zentimeter für Zentimeter setzte ich mich in Bewegung, schob mich mit einem Fuß, einem Arm, einer Schulter, einer Hüfte vorwärts. Die Soldaten, die mit ausgebreiteten Armen die Absperrung bildeten, standen mit den Gesichtern zur Menge. Ich suchte zu einem von ihnen Blickkontakt und zeigte auf den kleinen Jungen.

   „Wir haben unsere Mutter verloren. – Der da – ist mein kleiner Bruder. Bitte, erlauben Sie mir, zu ihm zu gehen“. Und wirklich, die Soldaten ließen mich durch die Absperrung schlüpfen.

   Der Kleine war ungefähr fünf Jahre alt. Ich setzte mich auf meinen Koffer und nahm den Jungen auf den Schoß. Er ließ das geschehen, ohne etwas zu sagen, und ich merkte, dass er fror. Ich hätte ihn gerne getröstet, aber mir fehlten die Worte. Da sagte er plötzlich in ausgesprochen tröstendem Ton:

   „Mutter kommt bald. Das tut sie immer. Man muss nur lange genug warten“. Ich versuchte, ihn in den Schlaf zu wiegen, aber er wollte nicht einschlafen. Es gibt, dachte ich – in diesem Augenblick – auf der Welt Orte, in denen Kinder in warmen Zimmern unter einer Daunendecke liegen. Die Tür zum Kinderzimmer steht einen Spalt weit offen. Die Kinder können die Stimme von Vater und Mutter hören. In einem solchen Zimmer ist es schwer, längere Zeit Angst zu haben. Vielleicht beten sie für uns, diese glücklichen Kinder. – Ach nein, das tun sie nicht. Sie kennen uns nicht. Sie wissen nichts von uns. Und hätten sie etwas von uns gehört, dann glauben sie das Gehörte nicht.

   Die Nacht war sternenklar. Ich blickte hinauf zum Himmel. Versuchte die Sternbilder zu finden, die Mutter mir einmal gezeigt hatte. Fand Gürtel und Schwert des Orion, erinnerte mich aber nicht mehr an die Namen der Sternbilder. Begann die Sterne nach meiner Phantasie zu verbinden, wie ich einmal vor langer Zeit mit meinen Augen auf der Tapete meines Kinderzimmers Punkte und Striche zu Figuren und Bildern verbunden hatte. Nun war der Sternenhimmel die Tapete. Orions Gürtel wurde in meiner Zeichnung zu einer Terrierschnauze. Dann sah ich, dass die Sterne über dem Kopf des Hundes eine Linie bildeten, einen Blumenstiel, der in einem leichten Bogen den Himmel hinaufwuchs, wo er eine große Sternenblüte trug. Meine Augen blieben an diesem Bild hängen, denn es war schön und lebensbejahend, war – gewissermaßen – eine lichte Botschaft. Vielleicht, dachte ich, ist das ein gutes Vorzeichen. Vielleicht käme ich hier heil heraus. Sollte das geschehen, behielte ich „mein“ Sternbild, das über mir leuchtete, als alle Hoffnung zu schwinden drohte, für immer und ewig im Gedächtnis. Ich würde mich erinnern an die Nacht und die Kälte und den Jungen auf meinem Schoß. Wenn ich mit dem Leben davonkäme. Irgendjemand muss mich bei der Hand nehmen und mich von hier wegführen. Mich und Mutter. Aus eigener Kraft schaffen wir das nicht.                   

   Plötzlich hörte ich Mutter meinen Namen rufen. Im selben Augenblick sah ich sie direkt an der Treppe neben  dem Soldaten stehen. Wie ich mir das ausgerechnet hatte, hatte sie mich auf der Treppe sitzen sehen. Es hatte nur so endlos lange gedauert, sich bis zur Absperrung durchzudrängeln. Sie sprach, mit den Händen eifrig gestikulierend, auf die Soldaten ein.  Schließlich ließ man sie die Absperrung passieren. Nein, der Junge wollte nicht mit uns mitkommen. Als müsse er einer Gefahr begegnen, presste er seine Arme über Kreuz an seinen Körper und nahm erneut seinen Platz auf der vierten Stufe der Treppe ein. Nein, er wolle auf seine Mutter warten, denn auf sie warte man, wie er sagte, nie umsonst.

      In der Bahnhofhalle standen die Menschen Schlange vor geschlossenen Fahrkartenschaltern. Schweigsam, glotzend standen sie da. Einige recht entspannt, denn jetzt war man schon recht weit gekommen. Man hatte es bis zum Bahnhof geschafft, zum Fahrkartenschalter – beziehungsweise zur Schlange davor, nun fehlten nur noch eine Fahrkarte und ein Zug. Und beides werde schon klappen, denn ein Bahnhof ist für Züge da, und wo schon immer Züge gefahren sind, da werde – so Gott will – auch jetzt ein Zug fahren, wenn man ihn am meisten braucht. Mutter wollte sich auch anstellen. Aber ich machte sie auf die biestig aussehenden Wachtposten am Ausgang zu den Bahnsteigen aufmerksam: Bewaffnete Polizeisoldaten mit ihrer obligatorischen, blanken Dienstmarke auf der Brust. Sie ließen niemanden vorbei, ob mit oder ohne Fahrkarte. Und weswegen? Bisher hatten sich unsere Großkopfeten unserem Schicksal gegenüber gleichgültig gezeigt. So konnte es ihnen auch völlig egal sein, wo die Massen sich zu Tode quetschten. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass an dem Gerede vom letzten Zug etwas faul sein müsse. Ich flüsterte Mutter zu:

   „Die halten die Bahnsteige für etwas Besonderes oder ein paar besondere Leute frei. Der letzte Zug kommt noch. Mutti, jetzt müssen wir handeln!“

   Wir verließen das Gebäude, liefen eilig über den fast menschenleeren Bahnhofsplatz und fanden eine  Stelle, an der die Bahngleise von einem sehr hohen Zaun aus solidem, grobem Maschendraht abgeschirmt wurden.

   „Hier klettern wir rüber, Mutti!“ Aber sie lehnte ab. Kam mit allen möglichen Ausflüchten: Das ist verboten. Und zu hoch. Und zu gefährlich. Und die Koffer zu schwer. Ich reichte ihr die Schachtel mit Jakob. Stellte meine Koffer ab, begann zu klettern. Das fiel mir spielend leicht; ich hatte nicht vergessen, was ich beim Spielen mit meinem Bruder gelernt hatte. Fast oben, streckte ich die Hand aus. Sie reichte mir die Koffer. Ich ließ sie auf der anderen Seite der Absperrung fallen. Dann gab sie mir Jakob. Mit der Schachtel unter dem Arm sprang ich runter, während Mutter sehr vorsichtig zu klettern anfing.

   Militärpolizisten patrouillierten auf dem Bahnsteig. Hätten sie uns sehen wollen, wären wir von ihnen zurückgejagt worden. Aber weder hier am Zaun noch auf dem Bahnsteig beachteten sie uns. Sie sahen gleichsam an uns vorbei oder durch uns hindurch – als seien wir Luft. Und sie übersahen auch all’ die anderen Menschen, die sich mit der Zeit einfanden. Ganz leise sich bewegend – wie Mäuse im Dunkeln – huschten von irgendwoher Frauen mit Kindern an der Hand, auf dem Arm, in einer Tragetasche vor dem Bauch baumelnd oder in einer Decke auf dem Rücken festgeschnallt. Ich entdeckte nur wenige alte Menschen und hielt auch vergeblich nach Männern unter den Flüchtlingen Ausschau. Ins Auge fiel, dass viele Frauen schon jetzt kein Gepäck mehr hatten. Oder hatten sie keine Zeit zum Packen gehabt? Wir sprachen mit niemandem. Irgendwann wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, den Bahnhof zu verlassen. Der letzte Zug sei längst abgefahren! Aber niemand rührte sich. Auch nicht, als der Ton schärfer wurde.

   „Achtung! Achtung! Es fahren keine Züge mehr! Der Bahnhof ist unverzüglich zu räumen!“ Nichts geschah. Alle blieben wie festgenagelt stehen. Und die Polizeisoldaten sahen aus, als hätten sie nur Luft um sich herum und Watte in den Ohren. Plötzlich glaubte ich, ein Geräusch zu vernehmen.

   „Hör 'mal! Hör 'mal! Ist das nicht - ? Ist das nicht das Geräusch von einer - ?“ Ich wagte nicht, das Zauberwort „Lokomotive“ auszusprechen. Die Erfüllung eines Wunsches wird nämlich verhindert, wenn man ihn ausspricht. Das wissen alle Märchenkenner. Alle lauschten angespannt. Eine Lokomotive? – Jawohl! Tatsächlich hörten wir die Geräusche einer Lokomotive, die näher kam. – Und dann sahen wir sie. Ohhh! Eine Dampflokomotive! Was für ein Anblick! Eine große, prustende Lokomotive, die viele Wagen zu dem Bahnsteig brachte, auf  dem die Militärpolizei patrouillierte und wir standen. Sah ich richtig? War der Zug wirklich leer?

   „Siehst du 's auch, Mutti?  Der Zug ist leer!“ wieder kam eine Lautsprecherdurchsage:

   „Achtung! Achtung! Nicht einsteigen! Der Zug fährt nicht weiter! Die Lokomotive ist kaputt!“

   Mit eins verstummten alle Laute, die von Menschen herrührten. Es war, als ob alles Leben um uns herum erstarrte. Währte die Stille Minuten? Oder nur wenige Sekunden?. Nein, sie dauerte eine Ewigkeit. Eine der überaus kurzen, intensiven, schwerwiegenden Ewigkeiten, die nicht gemessen werden können. Und dann – endlich – der  Satz eines Mannes, eines der Militärpolizisten. Laut, durchdringend, gellend  drangen die Worte zu uns und ließen uns aufwachen:

   „Der Zug wird fahren! Der Zug ist reserviert für die E – li – te!“ Da kam Leben in die Menge. Hände versuchten, die Türen aufzureißen, die alle geschlossen und zumeist auch abgeschlossen waren. Fäuste hämmerten gegen die Wände und Fenster des Zuges. Ein Junge versuchte, ein Zugfenster mit seinem Geigenkasten einzuschlagen. Es war ein Schreien und Laufen und Schubsen, und mitten drin Militärpolizisten, die schreiend versuchten, zu Ruhe und Ordnung zu mahnen.

   „Wir helfen euch! Benutzt die Türen! Zerschlagt nicht die Fenster! Ihr friert euch kaputt in einem Zug ohne heile Fenster!“

   Menschenkörper sammelten sich in Trauben an den Wagontüren. Schiebend, drückend. Mutter und ich hatten Glück. Als der Zug hielt, standen wir vor einer Tür. Alle schubsten und drückten. Mutter stieg ein. Als ich auf dem Trittbrett stand, sah ich eine Frau in der Kleidung einer Rot-Kreuz-Schwester auf den Zug zu kommen und in Richtung unserer Tür, die durch eine dichte Menschentraube versperrt war, laufen. Die Krankenschwester hob den Ärztekoffer und rief, während sie mit der Hand wedelte:

   „Achtung! Achtung! Platz machen! Platz machen!“ Sofort wichen alle zur Seite. Die Menschentraube teilte sich in zwei, so dass die Krankenschwester passieren konnte. In ihrem Kielwasser hatte sie eine jüngere und eine ältere Frau, die viel Gepäck mit sich schleppten. An der Wagontür sorgte die Krankenschwester dafür, dass die beiden mit ihrem Gepäck vor ihr das Trittbrett bestiegen. Später sagte mir Mutter, dass es dies war, was sie veranlasst hatte, mich weiter in den Wagen hineinzuschubsen, bevor die Krankenschwester mit ihrem Gefolge einsteigen und mehr Platz einnehmen konnte, als ihr zustand. Aber im Gang des Waggons mussten wir feststellen, dass die Sitzplätze in den Abteilen blitzschnell besetzt waren. Erst in der Mitte des Wagens fanden wir ein Abteil, in dem nur zwei Frauen auf den beiden Fensterplätzen saßen. Sie hatten ihr Gesicht bedeckt und schliefen allem Anschein nach tief. Das war in diesem Durcheinander in der Tat merkwürdig. Und erstaunlich war auch, dass sie weiterschliefen, zugedeckt, was auch immer sich ereignete. Niemand und nichts in ihrer Umgebung schien sie zu interessieren.

   Mutter belegte in aller Eile die beiden Sitzplätze an der Tür zum Gang. Die Mutter der Krankenschwester – wie sich später herausstellte – ließ sich neben mir fallen, ihre Schwester neben meiner  Mutter, während die Rote-Kreuz-Schwester versuchte, die Koffer im Gepäcknetz über unseren Köpfen zu verstauen. Und als das erledigt war, musste sie zur Kenntnis nehmen, dass alle Sitzplätze besetzt waren, so dass sie sich  mit einem Stehplatz in unserem Abteil begnügen musste. Das passte ihr überhaupt nicht.

   Der Zug füllte sich in einer Geschwindigkeit ohnegleichen. Er wurde nicht nur voll, sondern proppenvoll. Einige im Gang begannen zu schreien, dass die Türen geschlossen werden müssten.

   Die Mutter der Krankenschwester war rund und füllig. Den Ärztekoffer, den sie auf ihrem Schoß hatte, hielt sie mit beiden Händen fest. Auf dieselbe Weise hütete die Schwester der Krankenschwester einen Korb, in dem sich vor allem Thermosflaschen befanden, deren Verschluss als Trinkbecher benutzt werden konnte. Mein erster Gedanke war: Wie fürsorglich die Krankenschwester und ihre Mutter und Schwester gehandelt haben müssen, als sie den Korb packten. Aber dann schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass die Krankenschwester uns anderen zur Seite kommandiert und dass wir ganz automatisch Platz gemacht hatten, weil wir glaubten, dass ein Mensch unverzüglich  Hilfe brauche. Wo aber war er, dieser Mensch? Nicht in unserem Abteil, und ganz sicher nicht woanders, denn dann wäre sie bei dem Leidenden.

   Die Sitzplätze waren gepolstert. Und der Zug war warm, als wir einstiegen, und das blieb er weiterhin. Obwohl in regelmäßigen Abständen mitgeteilt wurde, dass der Zug nicht weiterfahren werde. Dieser Zug war schlechthin Luxus. Eine schwache bläuliche Glühlampe gab den Gesichtern meiner Mitreisenden einen sonderbaren Glanz. Die beiden am Fenster hatten ihre Köpfe noch hinter Frauenmänteln verborgen. Plötzlich hätte ich gerne gewusst, wer sie waren. Sie hatten kein Gepäck bei sich. Nicht einmal eine Tasche oder ein Päckchen, in denen etwas zu essen sein konnte. Vielleicht hatten sie alles verloren, oder sie waren in großer Eile aufgebrochen. Aber sie waren für diese Fahrt gut angezogen mit ihren langen Hosen und schweren Schnürstiefeln. Großen, klumpigen, dreckigen Stiefeln. Hatte ich recht gesehen? Waren das nicht – Soldatenstiefel? Die beiden – sind das – Männer? Männer – Soldaten auf der Flucht? Deserteure! In unserem Abteil!

   Ach du liebe Zeit, das konnte nicht gut gehen!

   Jemand schlug kräftig gegen die Fensterscheibe. Zwei Militärpolizisten wollten, dass wir das Fenster öffnete. Ein junges Mädchen in Luftwaffenuniform hing an dem Arm eines der beiden. Was wollten die von uns?

   „Wir machen nicht auf“, entschied Mutter, „wir verstehen nicht, was die da draußen sagen und was die von uns wollen. Wir machen das Fenster nicht auf!“ Aber es half nichts, die da draußen hörten nicht auf zu klopfen, und mein Herz hämmerte im selben Takt. Die Krankenschwester schob das Fenster auf. Erst jetzt entdeckte ich, dass die Soldaten milde lächelten. So lächeln nicht Menschen, die zwei Deserteure verhaften und zum Tode verurteilen wollen. Und noch mehr: So freundlich und flehend, wie diese Polizisten redeten, sprechen keine Männer, die anderen etwas Böses tun wollen.

   „Lasst dieses Mädchen noch in eurem Abteil sitzen“, sagten sie, während sie auf die Luftwaffenhelferin zeigten, „sie ist so jung. Fast ein Kind. Sie hat eine Kugel im Bein, und die Wunde hat sich entzündet.  Sie kann kaum gehen. Nehmt sie mit. Bald sind die Russen hier. Da geht es so einer wie der schlecht. Und ihr wollt sicherlich nicht, dass dies geschieht“.

   Sie warteten unsere Antwort nicht ab, hoben die junge Soldatin hoch und balancierten sie mit den Füßen zuerst in das Abteil, und wir nahmen sie und legten sie dorthin, wo wir eigentlich unsere Füße hatten. Da lag sie nicht gut, weil wir leicht auf sie treten konnten. Ich bot ihr meinen Platz an, so dass sie ihre Füße auf Mutters Schoß legen konnte. Auch die Krankenschwester, die jetzt etwas eingezwängt am Fenster stand, begrüßte diese Lösung. Sie half uns, das verwundete Mädchen aufzurichten. Half, es zu meinem Platz zu bugsieren, auf den sie  - die Krankenschwester -  sich plötzlich hinsetzte. Und auf dem sie sitzen blieb trotz meiner Proteste, die sie mit einem Grinsen beantwortete und mit den Worten:

   „Ja, ja! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, sagt ein altes Sprichwort“.

   Ich hatte große Lust, lauthals zu protestieren Aber Mutter zog mich am Kleid und bedeutete mir zu schweigen. Wies mit dem Kopf auf die beiden Frauen am Fenster. Und ich wusste, was sie meinte.

   Im Gang vor unserer Abteiltür standen ein paar Jungen in Hitler-Jugend-Uniform. Stumm und aufmerksam hatten sie verfolgt, was da vor sich gegangen war. Ohne Kommentar rückten sie jetzt zusammen und boten der jungen Soldatin und mir einen Platz an. Also Platz für zwei, wo vorher schon drangvolle Enge herrschte. Vielleicht machten sie das nur, weil wir Mädchen waren. Nun standen wir im Gang wie die Heringe. Wenn sich jemand auf den Boden setzen wollte, ließ sich dies am besten bewerkstelligen, wenn das alle machten. Wir saßen mit hochgezogenen Knien da, damit das verwundete Mädchen mit ausgestreckten Beinen zu unseren Füßen sitzen und liegen konnte. Irgendwann wagte ich die Jungen zu fragen, warum sie auf einer solchen Reise ausgerechnet diese Uniform anhätten. Und sie erzählten, dass diese Klamotten ihre Alltagskleidung  in dem Lager gewesen sei, in dem sie ihr obligatorisches „Landjahr“ abgeleistet hätten. Als die Russen näher kamen, hätten sie keine Zeit gehabt, sich umzuziehen. Hals über Kopf seien sie aufgebrochen. Eigentlich hätten sie ja um den letzten Handbreit Boden kämpfen müssen. Aber keiner der Lagerleiter, die ihnen alles über den Kampf bis zum letzten Blutstropfen beigebracht hatten, habe zu etwas anderem Zeit gehabt, als die eigene Flucht zu organisieren. Und so „organisierten“ die Jungen, die  ein bisschen „Grips“ besaßen, ihren eigenen Affen voll mit Herrlichkeiten aus der Räucherei und der Speisekammer des Lagers.

   So saßen wir in einem Zug, der sich nicht bewegte. Unser Zeitgefühl hatte sich geändert. Die Zeit wurde nicht mehr mit der Uhr gemessen.  Zeit und Zug waren jetzt eins, und der Zug bewegte sich nicht vom Fleck. Per Lautsprecher wurden wir in Abständen aufgefordert, den Zug zu verlassen. Der werde niemals fahren! Aber niemand rührte sich. In der letzten Lautsprecherdurchsage hieß es:

   „Wie ihr wollt! Bleibt nur sitzen! Dann könnt ihr die Russen hier im Zug begrüßen! Denn die Russen werden kommen!“ 

   Aber wir blieben, wo wir waren, was uns in dieser Situation das Beste zu sein. schien.. Irgendetwas war faul. Irgendetwas passte nicht zusammen: Eine Lokomotive, die kurz davor war zusammenzubrechen, und ein gut geheizter Zug? War das möglich? Und wenn ja, warum ließ man gerade uns „Eindringlingen“ auch weiterhin so viel Wärme und Fürsorge angedeihen? Ich hätte gerne mit Mutter darüber gesprochen, aber es ging ihr nicht gut. Vielleicht war es die Wärme im Abteil. Glücklicherweise hatte niemand etwas dagegen, dass ich das Fenster aufmachte und ein paar Mal tief durchatmete. Da draußen auf dem Bahnsteig liefen Menschen den Zug entlang. Nicht so viele wie vorher. Vermutlich funktionierte nun die Absperrung besser als zuvor.

   Kam es mir nur so vor, oder standen da auf einmal mehr Militärpolizisten? Sie defilierten am Zug entlang oder hatten an einigen Wagontüren Aufstellung genommen. Waren sie da, um sich um uns zu kümmern, um uns Menschen vor unser gleichen zu schützen? Oder sollten sie nur für Ordnung sorgen? So viele Militärpolizisten? Hatten sie eine besondere Aufgabe?

   Als ich da am Fenster stand, sah ich ihn kommen. Er musste ja jedem ins Auge fallen, dieser ungefähr fünfzigjährige zivil gekleidete Mann. Bei ihm war eine hochschwangere Frau. Sie hing an seinem Arm, und er trug sie mehr, als dass sie sich aus eigener Kraft bewegte. Sie hatten kein Gepäck. Sie steuerten auf unsere Wagentür zu. Der Mann rief irgendetwas von Wehen, und Stimmen aus dem Zug antworteten, dass alles besetzt sei. Trotzdem wurde die Tür geöffnet. Der Mann hob die Frau mit beiden Armen hoch. Aber als er einsteigen wollte, versperrten ihm plötzlich zwei Militärpolizisten den Weg. Sie nahmen ihn bei den Armen. Sagten etwas. Ich hörte die Wörter „Volkssturm“ und „kämpfen“. Und ich hörte den einen das Wort „Pflicht“ sagen. Und da antwortete der Mann laut und deutlich, dass es seine einzige Pflicht sei, sich jetzt um seine Frau zu kümmern. Er sagte mehr und vielleicht schlimmere Dinge, denn plötzlich zielte der eine Soldat mit einer Pistole auf den Mann. Und ich hörte die Frau schreien:

   „Dann schieß doch! Erschieß uns beide! Erschieß uns alle drei!“ Plötzlich war es sehr still. Es dauerte eine paar dieser endlos scheinenden Sekunden. Und dann geschah das Besondere, dass der eine Soldat das Handgelenk des anderen umfasste, bis dieser die Hand mit der Pistole sinken ließ. Dann standen die drei stumm da. Drei Männer mit ihrer jeweils eigenen Auffassung von Pflicht. Plötzlich drehte  sich der junge Soldat auf dem Absatz um, wie dies Soldaten nach dem Kommando „Abtreten!“ tun. Mit dem Rücken zum Zug brüllte er ziellos oder hinauf zum Himmel oder für sich selbst oder aber für die ganze Welt bestimmt:

   „Scheiße! Scheiße! Scheiße alles zusammen!“ Und dann ging er, während der andere dem Mann und der Frau und dem ungeborenen Kind in den Zug half, in dem eigentlich kein Platz mehr war. Ich bekam nicht mit – oder vielleicht habe ich es auch nur vergessen – ob die ausgestreckte hilfreiche Hand dem Soldaten mit der Pistole gehörte oder dem, der das Drama noch verhindert hatte.

 

   Noch war Nacht, als im Zug auf einmal das Licht ausging. Mit eins breitete sich Stille aus. Eine eigentümliche, angespannte Stille, die uns erstarren ließ.

   Horch, Mensch! Hör! Achtung! Ging da nicht ein Zittern durch den Zug? War da nicht ein leichter Ruck? – Hör auf zu atmen, du Mensch neben mir! Rühr dich nicht! Sonst kann ich nichts hören, nichts spüren. Schweig stille, mein Herz, schlag nicht so fürchterlich laut! Hör! Nun geschieht etwas. Die Zeit ist gekommen. Ja, es geht ein Ruck durch den Zug. Und noch einer. Und wieder einer. Nun ist jeder Irrtum ausgeschlossen. Der Zug setzt sich in Bewegung! Herr Gott – der Zug fährt! Nach Westen! Weg vom Bahnsteig. Am Bahnhofsplatz vorbei! Unter der Brücke hindurch, dieser Brücke voll von Menschenleibern.

   Schließ’ die Augen! Guck nicht aus dem Fenster. Nur dieses eine Mal – mein Herz, leiste dir, schwach zu sein. Schließ’ nur die Augen. Denn wenn du siehst – und  siehst – und siehst, was du auch siehst, dein Augenlicht ist nicht in der Lage, irgendetwas zu ändern.

   Wir verließen eine Stadt, die voll gestopft war mit Frauen, Kindern, Greisen, verwundeten Soldaten und versprengten Resten der Wehrmacht. Wehr-Macht? Kein Mensch mit Herz und Verstand wird die Begriffe „Wehr“ und „Macht“ mit diesem Haufen ausgezehrter Soldaten in Verbindung bringen, die jetzt – auf Hitlers Befehl – Posen, das von ihm zur Festung erklärt worden war, verteidigen mussten. Eine umzingelte Festung, um die ein hoffnungsloser Verteidigungskampf tapfer bis zum bitteren Ende geführt werden sollte. Gezwungenerweise, denn alle wussten, dass der Sieger – wie bei Siegern üblich – in einem Rausch von Vergeltung und Hass keine Gnade üben werden. [Sowjetische Truppenverbände greifen Posen am 21. Januar 1945 an, schließen die Stadt am 25. 1. ein, stoßen am 27. Januar bis in die Posener Innenstadt vor. Die Festung Posen ist erst am 23. Februar völlig in russischer Hand.]

   Es war in der Nacht zum 21. Januar 1945, als der Zug Posen mit dem Ziel Berlin verließ. Das  Wort „Berlin“ lief durch den Zug, als ob es Flügel hätte. „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“ Einige begannen auszurechnen, wie lange die Reise wohl dauern werde. Sie vergaßen hierbei in der Regel, den Zustand des Landes einzukalkulieren. Bombenkrater, gesprengte Brücken, feindliche Jagflugzeuge, die aus reinem Vergnügen am Fliegen in niedriger Höhe sich unseren Zug für ein kurzes „Katz-und-Maus-Spiel“ auswählten.. Hinzu kam, dass die meisten Züge ohne Fahrplan fuhren, und das bedeutete längere Fahrtunterbrechungen, Umwege und wieder längere Fahrtunterbrechungen. Alle Geräusche des Zuges wurde in meinen Ohren zu einem Lied, und der Text lautete „nach Westen, ratta-ta, nach Westen ratta-ta, nach Westen ratta-ta  . . . “, obwohl der Zug nicht immer in westliche Richtung fuhr. Wie ein Hase auf der Flucht, fuhren wir im Zickzackkurs bisweilen nach Norden, dann wieder nach Süden oder Südwesten. Ein ungewöhnlich nervenstarker und tüchtiger Lokomotivführer fand die unzerstörten Brücken und unbeschädigten Schienen, hielt längere Zeit in Waldgebieten, weit weg von den Städten, auf die gerade Luftangriffe stattfanden. Und es waren gerade diese Fliegerangriffe, die uns schmerzlich bewusst machten, dass wir uns zwar vom Feind im Osten hinwegbewegten, uns dafür aber im selben Tempo dem Feind im Westen näherten. Der Tod kam auf der hartgefrorenen Erde auf Panzerketten, und er kam mit Maschinengewehrsalven und mit Bomben durch die Luft.

   Gegen Morgen klagten einige über Hunger. Da begannen die drei Jungen, von  ihrem „organisierten“ Vorrat an Geräuchertem abzugeben. Ausgesprochen gerne öffneten sie ihre Rucksäcke, nahmen ihre Taschenmesser und schnitten Stück für Stück von einer Wurst oder einer Seite Schinkenspeck ab. Auf diese Weise bekamen alle, die in der Nähe saßen, etwas zu essen. Merkwürdigerweise wachten die beiden Frauen am Fenster auch bei dieser wichtigen Verrichtung nicht auf. Und niemand versuchte, sie zu wecken.

   Not lehre die Menschen, in vielem gemeinschaftlich zu handeln, heißt es. Wir in unserem Waggon hatten auf jeden Fall zwei Nachttöpfe gemeinsam, die zwei Mütter mit Kleinkindern in kluger Voraussicht mitgenommen hatten. Der Weg zur Toilette war lang und beschwerlich. Und nicht genug damit. Endlich am Ziel, musste man feststellen, dass auch die Toilette ein begehrter Sitzplatz war. Zunächst benutzten nur Kinder die Nachttöpfe. Nach und nach fanden auch Alte und Kranke diese Lösung praktisch. Ein paar Erwachsene schlossen sich dieser „Benutzergemeinschaft“ an. Nur wir Jugendlichen lehnten dankend ab. Das war nun doch etwas zu peinlich, so dass wir weiterhin die beschwerliche Drängel- und Klettertour über Körper und Gepäck hinweg zur Toilette wagten, in der es ein Waschbecken und fließendes Wasser gab. „Kein Trinkwasser“, wohlgemerkt. Wir Jugendlichen am Gangfenster erhielten die Position von „Nachttopfleerern“. Diese Position erforderte Kenntnisse. Jedenfalls lernten wir rasch, dass ein voller Topf nur geleert werden konnte, wenn der Zug sehr langsam fuhr oder auf offener Strecke hielt -  jedoch niemals auf einem Bahnhof.

 

   In den frühen Morgenstunden wurde nach einem Arzt, einer Hebamme oder einer Krankenschwester gerufen. Bei der hochschwangeren Frau aus Posen hatten die Wehen eingesetzt, und die Geburt verlief nicht normal. Aber „unsere“ Krankenschwester blieb auf ihrem Platz sitzen. Auch als wir sie zu drängen begannen, rührte sie sich nicht. Ach nein, sie sei keine Krankenschwester, erklärte sie uns lächelnd. Die Krankenschwestertracht sei nur geliehen. „Jeder ist sich selbst der Nächste“, sagte sie zum zweiten und absolut nicht letzten Mal während dieser Reise. In Zeiten von Not und Bedrängnis gelte es immer, ein Schlupfloch zu finden. Sagte sie. Und öffnete ihren Ärztekoffer. Niemand in ihrer Nähe traute seinen Augen: der Koffer war gefüllt mit Stapeln gebratener Koteletten. Die „Schwester“ holte ein Brot aus ihrem Gepäck, von dem sie ein paar dünne Scheiben abschnitt, die sie ihren Angehörigen, ihren Nächsten, reichte. Und als die drei sich an Brot und Koteletten gelabt hatten, reichte ihnen die „Schwester“ Tee aus der  Thermoskanne. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass es ihnen gut ging, diesen dreien. So viel Wohlbefinden in so großem Elend hätte eine Wonne für die Augen sein können. Und das wäre es vielleicht auch gewesen – wenn man selbst nicht so entsetzlich hungrig gewesen wäre. Und durstig. Ja, am schlimmsten war der Durst.

   In unserem Waggon befand sich ein zehnjähriges Mädchen. Es lag in einem Gipsbett, denn es litt an Rückenmarkstuberkulose, wie ihre Mutter sagte. Die beiden waren ohne Gepäck. Das Mädchen hatte Fieber und stöhnte, denn wo auch immer wir für die Kranke einen Platz fanden – auf dem Gang oder in einem Abteil – immer gab es zu viele Füße, die sie stoßen konnten. Als die Mutter der Kranken den Vorrat an Koteletten, Brot und Tee sah, das den dreien von der geselligen Runde gehörte, bat sie um einen Becher Tee für ihre Tochter. Aber sie erhielt eine Absage.

   „Einen halben Becher“, sagte sie flehend, „nur einen halben Becher! Einen  Schluck. Ein paar Tropfen, um damit die Lippen zu befeuchten . . . “. Wortlos wurde auch das abgelehnt. Da nahm die Mutter ihren Ring vom Finger, nahm ihren goldenen Schmuck vom Hals und vom Arm und legte ihn in den Schoß der „Krankenschwester“:

    „Ein bisschen Tee, nur ein bisschen – für meine Tochter“.

   Gold brauchten sie nicht, antworteten die drei im Chor. Und als es merklich still um sie herum wurde, erläuterten sie ihre Ablehnung mit Worten wie:

    „Man ist sich selbst der Nächste – die Reise dauert sicherlich noch lange – nicht Gold, sondern Speis’ und Trank halten Leib und Seele zusammen! – Daran hätten Sie denken sollen, liebe Frau. – Sie hätten die Flucht besser vorbereiten müssen. – Den Koffer rechtzeitig packen sollen. – Etwas zu essen mitnehmen müssen, wie wir das getan haben“.

   „Ja schon, aber ich muss mein Kind tragen. Ich habe kein Gepäck“.

   „Nun ja, von solchen Leuten gibt es viele. Allzu viele. Da kann man nichts machen“.

 

   Die Sonne schien, als der Zug auf freier Strecke stand, wo er lange hielt. Ein paar Soldaten liefen an den Wagen entlang, standen in Gruppen zusammen oder unterhielten sich mit dem Lokomotivführer. Wir riefen sie an, um ihnen ein paar Fragen zu stellen. Sie waren der Ansicht, dass wir uns in der Nähe der alten polnisch-deutschen Grenze befänden, aber sie waren nicht sonderlich bereit, uns etwas über den Frontverlauf zu sagen. Vielleicht wussten sie genau so viel oder genau so wenig wie wir. Sie berichteten uns, dass sie die Gleise als Wegweiser und Wanderweg benutzt hätten. Die Landstraßen seien jetzt nicht nur durch Schneewehen versperrt, sondern auch durch Trecks und Militärkolonnen überlastet. Nicht nur von denen, die vom Osten kommen, sondern auch von der hier ansässigen Bevölkerung, die dabei sei aufzubrechen. Kurz und gut, das Ganze entwickele sich zu einem Chaos. Die Soldaten versuchten, uns zu beruhigen, indem sie uns versicherten, dass die Lokomotive in Ordnung sei. Warum der Zug dann hielt? Na ja – da war sicherlich irgendetwas auf den Schienen, was entfernt werden musste. Aber auf unsere Frage, was das wohl gewesen sei, wollten sie keine Antwort geben. Deswegen entstand das Gerücht, dass auf den Schienen Menschen lägen. Lebende Menschen! Festgebunden! Von den Polen! SS-Soldaten! Nazis! Oder wer weiß von wem-. Und wie das bei Gerüchten so ist, veränderte sich auf der Wanderung von Mund zu Mund ein bisschen ihr Inhalt. Am Ende der Gerüchtekette waren die Menschen auf den Gleisen tot. Gefoltert, getötet, erfroren. Kein Reisender verließ den Zug, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Gott bewahre, man war doch nicht bekloppt.

   Wir ließen die Fenster offen stehen. Ließen unsere Augen über das flache, mit hohem Schnee bedeckte Land schweifen. In der Ferne sahen wir einen Hof. War da nicht etwas, was sich bewegte? Ja – etwas Lebendes. Etwas, was sich vom Hof entfernte. Ein Mensch. Ja, es war ein Mensch – nein, es waren mehrere, die sich auf unseren Zug zu bewegten. Nun sahen wir es ganz deutlich. Es war ein erwachsener Mensch, an jeder Hand ein Kind. Eine Frau. Die Gruppe kämpfte sich quer über das Feld durch den Schnee. Ab und zu blieb sie stehen, und die Frau winkte, und wir am Fenster winkten zurück, denn wir verstanden ihre Zeichensprache:

   „Wartet auf uns! Wartet! Wartet! Wie wollen mit!“

   Nun waren es dreißig – nun zwanzig – jetzt nur noch zehn Meter bis zum Zug. Und wir konnten erkennen, dass die Frau etwas auf der Brust trug, das in ein Tuch gewickelt war. Dieses Bündel war ihr einziges Gepäck Wenige Meter vom Zug entfernt gaben die Beine unter ihr nach. Die Soldaten kamen gelaufen, fingen sie im Fall auf, richteten sie wieder auf. Die Leute am Fenster neben uns streckten ihre Arme aus. Und da nahm sie das Bündel, von dem wir gemeint hatten, dass es ihr Gepäck sei, von der Brust und reichte es ihnen - es war  ein neugeborenes Kind.

   Jetzt ging alles entsetzlich schnell, schneller, als man begreifen konnte. Die Soldaten hoben die Frau hoch, und  Menschen im Zug nahmen sie entgegen, zogen sie hinein. Und dann geschah, was wir vom ersten Augenblick, als wir die Gruppe sich unserem Zug nähern sahen, befürchtet hatten: Es gab einen Ruck und noch einen und noch einen - der Zug setzte sich in Bewegung, der Zug fuhr. Die Frau schrie! Sie versuchte, sich aus dem Fenster zu werfen. Aber die am Fenster neben uns hielten sie fest. Sie hielten sie, während sie die Arme nach etwas ausstreckte, was sie nicht greifen konnte. Und wir starrten auf die beiden Kinder, die Hand in Hand neben den Schienen mit ein paar Soldaten im Schnee standen. Die Gruppe wurde kleiner und kleiner, wurde zu dunklen Punkten im Schnee. Jemand sagte:

   „Die Soldaten werden sich ihrer annehmen. Wenn sie können“.

 

   Später, Jahre danach, als der Krieg längst Geschichte geworden war, konnte in meiner Erinnerung das Bild der zwei kleinen Kinder, die verlassen im Schnee standen, wieder auftauchen. Insbesondere angesichts von Plakaten, die überall dort hingen, wo viele Menschen hinkamen. Große Plakate, die Bilder von Kindern zeigten, die ihre Angehörigen suchten. Findelkinder des Krieges. Aber auf Deutsch heißen sie zutreffender „Suchkinder“. Denn sie waren ja nicht nur  gefunden worden, sie suchten auch. Alle hatten einen Namen, aber bei weitem nicht alle konnten ihn sagen oder sich daran erinnern, denn als sie gefunden wurden, waren sie zu klein. Und viele hatten vergessen, wer sie waren und woher sie kamen. Deshalb waren viele Bilder mit einer Nummer oder einem Hinweis auf besondere Kennzeichen versehen. Wenn so ein Kennzeichen auch nur ein Muttermal oder ein paar Laute waren, die das Kind, als man es fand, hatte lallen können.

 

   Kam es uns nur so vor, oder nahm der Zug wirklich Fahrt auf durch das flache Land. Ratta-ta, ratta-ta, nach Westen, nach Westen! Diesmal waren die Geräusche des Zuges keine Musik. Das laute Klagen der Mutter nach ihren zurückgelassenen Kindern war nicht auszuhalten. Schließlich ging es in ein leises Jammern über. Man konnte nicht sagen, was schlimmer zu ertragen war. Verwundert musste ich feststellen, dass ich mir einen Gehörschutz wünschte.

   Wenn Bahngleise sich erinnern könnten, was sie im Deutschland der Dreißiger Jahre und während des Krieges alles über sich haben rollen lassen müssen, sie würden das nicht ertragen können – sie würden brechen, würden unter dieser Last schlicht und einfach kaputtgehen. Aber Bahnschienen sind kalt und tot, glücklicherweise. Sie tragen alles, was man auf ihnen befördert, und das kam jetzt uns zugute. Aber die Menschen? Wie groß ist eigentlich die Fähigkeit der Menschen, etwas zu ertragen?

   „Trauer und Freude, die wandern zusammen; Glück, Unglück, die gehen in einer Reih’. . .“, dichtete Kingo [dänischer Kirchenliederdichter des 17. Jahrhunderts - „Sorrig og glæde de vandre til hobe, lykke, ulykke de gange på rad“.] Damals kannte ich diesen Choral nicht. Aber ich empfand doch eine besondere Freude, als sich erneut eine Nachricht in Windeseile von Mund zu Mund durch den Zug verbreitete:

   „Eine Frau hat Zwillinge bekommen! Weitersagen! Weitersagen! Zwillinge wurden geboren! Mutter und Kindern geht es den Umständen entsprechend gut!“

 

   Und der Zug fuhr und fuhr. Manchmal hielt er an einer kleinen Station, wo Menschen – einige in Rot-Kreuz-Uniform  – zu helfen versuchten. Becher mit Wasser, ja sogar mit warmem Tee, wurden ausgeteilt. Hilfsbereite Arme streckten sich vom Bahnsteig empor zu den Zugfenstern, die so schnell wie möglich geöffnet worden waren. Und Hände, überall Hände wurden entgegengestreckt, um etwas zu bekommen. Allzu viele bettelnde Hände gegenüber allzu wenigen helfenden. Ach nein, es stand nicht viel Zeit zur Verfügung. Wir mussten weiter – gen Westen, gen Westen.

   Der Zug fuhr und sang seine Melodie. Sang mich in den Schlaf. Schlafen, nur schlafen, war jetzt am wichtigsten. Einmal bemerkte ich halb im Schlaf, dass die beiden „Frauen“ am Fenster verschwunden waren und andere auf deren Plätzen saßen. Und bevor ich, kauernd, wieder einschlief, dachte ich: Die haben es geschafft, die beiden Deserteure. Sie haben sich durch das Fenster davongemacht, als sie den Ort, wo sich der Zug vor einem Fliegerangriff versteckt hielt, wiedererkannten. Hier waren die beiden eigenartigen Flüchtlinge zu Hause! Hier kannten sie jeden Stieg, jedes Dorf.

   Der Zug fuhr und sang sein Wiegenlied. Auf einem Bahnhof wurde die junge Flakhelferin ausgeladen; sie benötigte dringend ärztliche Hilfe. Ich hatte ihr die Adresse meiner norddeutschen Verwandten geben wollen (wie ich das während des Krieges mit Freunden getan hatte, damit wir uns wiederfinden könnten, sobald alles vorüber war), aber diesmal vergaß ich es. Zwar verabschiedete sie sich, doch erlebte ich ihren Abschied wie hinter einem Nebelschleier. Mutter erzählte später, dass es schwierig gewesen sei, sie aus dem Zug herauszukriegen. Das Mädchen hatte starke Schmerzen. Unser Wagen hielt ein Stück außerhalb des Bahnhofs. Und man fürchtete die ganze Zeit, dass der Zug sich in Bewegung setzen könne, bevor sie draußen war.

   Finsternis senkte sich am frühen Nachmittag über das Land. Hin und wieder leuchtete mir Mutter mit der Taschenlampe ins Gesicht; sie musste sich versichern, dass ich in ihrer Nähe war. Und jedes Mal wurde ich geweckt vom Ruf der Mitreisenden:

   „Licht aus! Verdammt noch mal! Licht aus!“ Sie sagten, Mutter sei verrückt. Das Licht könne von Flugzeugen weit oben gesehen werden! Sogar ein brennendes Streichholz könne signalisieren, dass hier Menschen seien und ein gutes Ziel abgäben.

   Am 21. Januar fuhr der Zug gegen Abend in Cottbus ein. Hier wurde ich hellwach. Die „Krankenschwester“ mit ihrem Gefolge machten sich fertig zum Aussteigen. Mitreisende warnten sie: Bald würden die Russen auch diese Stadt einnehmen, sagten mehrere. Aber die drei antworteten etwas wie „Nie im Leben! Soweit kommen die Russen nicht“.

   „Wenn es Gerechtigkeit gibt, geht es euch schlecht. Wenn die Russen kommen!“ Ich rief etwas hinter ihnen her, als sie ausstiegen und draußen standen. Ich schrie ihnen wirklich viele hässliche Worte nach. Mutter meinte, ich hätte das nicht tun sollen. Eines Tages würden sie Hunger und Durst leiden. Und da würden sie sich an das kleine Mädchen im Gipsbett und an seine Mutter, die ihnen Gold für einen Tropfen Tee hatte geben wollen, erinnern. Denn so müsse es uns Menschen gehen, damit wir zur Vernunft  kämen.

 

   Berlin! – Berlin! Diese Stadt war für mich gleichbedeutend mit vielem. Aber jetzt bedeutete sie für mich nur Großmutter. Vaters Mutter! An sie würde Vater seine Briefe schicken, zu ihr würde er kommen, wenn die Zeit reif, wenn alles vorüber war. Er würde uns suchen und finden. Durch Großmutter! In Berlin! Nur eine Nacht trennte uns von dieser Stadt.  

   Ich weiß nichts mehr von dieser Nacht, die ich im Abteil zubrachte – gegenüber von Mutter – auf dem Platz, der „meiner“ war, bevor ihn die „Krankenschwester okkupiert hatte. Ich verbrachte also die Nacht in einem warmen Abteil mit behaglich ausgestreckten Beinen und Jakob in seiner Schachtel auf meinem Schoß. Gegen Morgen, am 22. Januar, hielt der Zug nicht weit von Berlin, um einen Fliegerangriff auf die Stadt abzuwarten. Ich glaube, es war fünf Uhr morgens, als wir in den Bahnhof einfuhren. Jungen in Hitler-Jungen-Uniform rissen die Türen auf und halfen uns allen beim Aussteigen und beim Gepäcktragen. Die meisten Reisenden konnten selbst gehen. Viele mussten geführt oder gestützt werden. Einige wurden getragen. Im Bahnhofsrestaurant war der Fußboden mit Strohsäcken bedeckt, die rasch besetzt wurden. Ein paar Frauen gingen umher und teilten für die Kinder Milch aus. Es war recht still. Wenn man sprach, flüsterte man. Vielleicht, weil ein paar Kinder sofort eingeschlafen waren. 

   Ich brauchte keinen Schlaf. Ich hatte kein Bedürfnis, mich hinzulegen. Mit geradem Rücken konnte ich auf dem Strohsack sitzen. Die Menschen, die völlig erschöpft um mich herum lagen, waren alles Flüchtlinge. Ich hatte mit ihnen nichts gemein. Die da hatten jetzt kein Haus und keine Heimat mehr. Mit jedem Kilometer unserer Reise hatten sie sich entfernt von allem, was ihnen gehörte. Während wir auf dem Wege nach Hause waren. Berlin war die erste Etappe auf unserer Heimreise. Schon hier auf dem Strohsack war ich in Großmutters Nähe, in der Nähe von Großmutters Haus. Das einzige, was Mutter und ich noch tun mussten, war, uns zu erheben und zu gehen. Was wir auch taten, sobald wir die Suppe gegessen hatten. 

   Zur S-Bahn fuhren wir in einer äußerst ramponierten und dreckigen Straßenbahn. Sie war überfüllt, wir mussten eingeklemmt zwischen vielen Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit waren, stehen. Ihre Gesichter wie ihre Kleidung wiesen deutliche Spuren von lang anhaltendem Verschleiß auf. Allzu lange hatte der Krieg gedauert, allzu sehr hatte er  Straßenbahnen und Menschenherzen verschlissen. Ein paar ältere Männer begannen uns anzusprechen Sie hielten uns – seltsamerweise – sofort für Flüchtlinge, fragten uns nach dem Woher und dem Wohin. Und einer wollte wirklich wissen, ob wir etwas über den Frontverlauf wüssten. Mutter erzählte, dass wir die Russen im Nacken gehabt hätten und dass es im Osten chaotisch zugehe. Und da schüttelten die alten Männer den Kopf, starrten nach unten oder aus dem Fenster, und selbst ein Blinder konnte spüren, wie müde sie waren.

   Großmutters Haus lag in dem waldumkränzten Vorort Fichtenau [heute der südliche Teil von Schöneiche bei Berlin]. Wir fuhren mit der S-Bahn hinaus [bis zur Station Rahnsdorf auf der Strecke nach Erkner, Frankfurt/Oder]. Brauchten nicht zu fragen nach Station und Weg, wir erkannten alles wieder. Auf dem Weg durch den Wald zu Omas Haus lag festgetretener Schnee, der unter unseren Füßen knirschte. Schöne Wintergeräusche. In Omas Haus war es sicherlich warm.

   Bei unserer Ankunft schufen wir Verwirrung. Vaters Schwester Frieda, die wir „Mulle“ nannten, lief verdattert umher, und ihr Mann Willi stand nur da und starrte uns an, als ob wir Spukgestalten seien. Ja, und meine geliebte Großmutter, meine Oma Berlin, die vergaß, ein paar liebe Worte zu sagen, als sie uns endlich umarmte. Alle sahen sie aus, als seien sie erstaunt, uns zu sehen. Was sie in der Tat auch waren. Denn Oma hatte, wie Mulle uns schließlich erklärte, in letzter Zeit  viele schlechte Träume gehabt. Als Mutter fragte: „Mutter – hast Du etwas von Emil gehört?“ antwortete sie nur mit einem leichten Kopfschütteln.

   Wir standen im Flur. Man hatte zunächst vergessen, uns hineinzubitten, hinein in die Wärme. Oma erlaubte Jakob, im Wohnzimmer umherzufliegen. Sie machte uns Haferflockenbrei. Nach einem Bad musste ich mich in Großmutters Bett legen. Wo ich ohne nennenswerte Unterbrechung einen ganzen Tag und eine Nacht durchschlief.

   Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich Mutter in der Küche bei Oma. Sie plauderten, als ob Friede wäre und keine Gefahr drohte. Jakob war wieder zu sich gekommen. Er freute sich, mich zu sehen, aber er plapperte nicht.

   Ich bürstete meine Sachen aus und bügelte sie und putzte meine Stiefel so blank ich sie nur bekommen konnte. Denn jetzt war ich in Berlin. Mutter wollte mich nicht in die Stadt fahren lassen, aber Oma beruhigte sie mit Worten wie:

   „Bei Tage wird die Stadt normalerweise nicht von schweren Luftangriffen geplagt. Und das Mädchen tut gut daran, ein bisschen von der viel besungenen Berliner Luft einzuatmen“.

   Berlin! Ich nahm die Stadt in Besitz, indem ich mit der Straßenbahn von einem Stadtteil in den anderen fuhr, kreuz und quer und rundherum. Der Zufall bestimmte die Richtung. Plötzlich befand ich mich in dem Stadtteil, in dem Heinz zu Hause war. Entschloss mich, seine Mutter zu besuchen, obwohl ich mich erinnerte, dass Heinz mir in einem seiner Briefe etwas von der Evakuierung seiner Mutter nach Wittenberg geschrieben hatte. Ich fand die Straße mit ihren Wohnblocks in Reih’ und Glied. Die Hausnummern waren versehen mit A- und B- und C- Eingängen, so dass ich eine Frau, die vom Einkaufen kam, um Hilfe bat. Ja, gewiss kenne sie Frau Helmert, sie seien ja fast Nachbarn. Und dann begann sie über alles Mögliche zu sprechen. Bis eine Gruppe, die aus einem alten Mann, einer Frau und mehreren Kindern bestand, kam. Die Frau trug einen Sack auf dem Rücken und auf der Brust einen Säugling in einem Umhängetuch. Die Kinder schleppten Beutel und Säcke. Die Kleidung der Menschen verriet, dass sie weither aus dem Osten kamen, und ihr Zustand berichtete überdeutlich, dass die Reise beschwerlich gewesen war. Frau Helmerts Nachbarin hörte mitten im Satz auf zu sprechen. Ihre ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf diese Menschen gerichtet. Plötzlich seufzte sie und sagte fast zu sich selbst:  

   „Wenn sie nur vorbeigingen. Wenn sie nur nicht auf die Idee kommen, mich um Hilfe zu bitten. Vielleicht wollen sie sogar in meine Wohnung, um sich zu waschen und  Windeln zu wechseln. Dann kann ich nicht nein sagen, das bringe ich nicht übers Herz. Obwohl ich so dreckige und fremde Menschen lieber nicht in meiner Wohnung hätte. Die haben sicher Läuse und Flöhe“. Und ihre „Bitte“ wurde erhört. Die Gruppe ging vorbei. Plötzlich - ohne nachzudenken – sagte ich:

   „Bald werden Sie dran sein. Wenn Sie überleben, werden Sie in wenigen Tagen auf der Straße stehen. Und dann werden Sie andere um Hilfe bitten“. Einen Augenblick wirkte sie erschrocken. Aber dann schrie sie fast, dass der Krieg ja bald vorbei sei und dass jeder Idiot erkennen könne, wie er enden werde. Intensiv, und nun mit leiser Stimme, sprach sie belehrend, nein fast beschwörend, von den Amerikanern und Engländern und Kanadiern, die ihre Bomben zurückhielten und ihre Kräfte einsetzen würden und . . .  .   

   Hier hörte sie auf zu reden. Ich ließ sie stehen. Ging die Treppe zu Helmerts Wohnung hinauf. Klingelte wiederholt an der Tür. Horchte aufmerksam auf Schritte in der Wohnung. Wunderte mich nicht über die völlige Stille. Ich wusste ja, dass niemand zu Hause war.

   Eine Woche später legte einer der neuen technischen Fortschritte der modernen Kriegstechnik, eine sogenannte „Luftmine“, Helmerts ganzen Stadtteil in Trümmer. Zu  diesem Zeitpunkt hatten Mutter und ich Berlin verlassen. Inständig und hartnäckig, aber auf ihre eigene ruhige Weise, hatte Oma Mutter verständlich zu machen gesucht, dass wir in Berlin nicht in Sicherheit waren. Dass diese Stadt mehr als alle anderen deutschen Städte der Ort sein wird, wo sich der Hass voll entfalten werde. Wo die Hölle losbrechen werde. Oma war davon überzeugt, dass die Russen die Stadt bald einnehmen würden, und sie erwartete keine Gnade. Sie selbst wollte nicht fliehen. Man hatte sie früher einmal gezwungen, ihr Haus zu verlassen. Der Erste Weltkrieg und dessen Folgen hatten sie gelehrt, was grenzenloser Hass unter den Menschen anrichten kann. Nun fühlte sie sich zu alt, um noch einmal zu büßen – zu büßen mit „Heimatlosigkeit“ und „Exil“ kam ihr allzu hart vor. Sie begleitete uns zum Bahnhof. Durch das offene Fenster nahmen wir Abschied von Oma. Versuchten sie zu überreden, nach Hause zu fahren. Aber sie wollte bleiben, bis der Zug abfuhr. Erst als Mitreisende sich über das offene Fenster und die Kälte zu beschweren begannen, versprach Oma, nach Hause zu gehen. Als das Signal zur Abfahrt des Zuges gegeben wurde, öffnete ich noch einmal das Fenster, um von Berlin richtig Abschied zu nehmen. Und da stand Oma; wie festgenagelt stand sie auf dem Bahnsteig, den Blick auf den Zug gerichtet. Sie beantwortete mein Lächeln mit einem resignierten Schulterzucken. Plötzlich wünschte ich, ihr eine Menge sagen zu können. Aber der Zug fuhr. Solange ich konnte, behielt ich Oma fest im Blick. Ach, vieles an diesem Aufenthalt in Berlin hätte anders sein müssen. Unser Besuch bei Oma zum Beispiel. Wir hätten die Zeit mit gemütlichem Plaudern und Kaffeetrinken und vielen Liedern im großen Familienkreis zubringen sollen. Auch unser Abschied hätte ganz anders verlaufen müssen. Wir hätten ihn mit Umarmungen und Zärtlichkeiten und ziemlich viel Tränen mildern sollen. Und nicht mit einem derartigen Sich-in-sein-Schicksal-Finden, wie das Oma machte. So ein ruhiges Warten auf das, was da kommen werde.  

   An das genaue Datum unserer Abreise aus Berlin kann ich mich nicht erinnern. Ich gehe davon aus, dass dies in den letzten Januartagen 1945 geschehen ist. Also als Churchill, Roosevelt und Stalin ein Treffen in Jalta auf der Krim planten, wo sie am 4. Februar mit einer Reihe Zusammenkünften begannen, um eine gemeinsame Politik gegenüber dem besiegten Deutschland und damit auch die Aufteilung des Landes in drei Besatzungszonen festzulegen. Wichtige Menschen trafen also bedeutungsvolle Entscheidungen, die erhebliche Konsequenzen hatten.   

   Wir saßen in einem Zug, der uns aus Berlin fortführte, weg von Oma. Noch wussten wir nicht, dass wir sie nie wiedersehen würden. Wir saßen nur da und versuchten, uns als die Glücklicheren auf dieser Seite des Globus zu betrachten. Hätten wir in die Zukunft sehen können, dann hätten wir uns gesehen als Laus zwischen den Nägeln der Großen, als Statisten in einem neuen und großen historischen Schauspiel, als Maus in einer wichtigen Zeit, die – wie üblich – letzten Endes aus der Höhe des Adlers beschrieben und beurteilt wird. 

   Wenn ich jetzt Bilder der Großen Drei in Jalta betrachte, sehe ich zugleich meine Großmutter frierend und machtlos auf einem Bahnsteig in Berlin stehen. Alle meine Lebtage werde ich diesen Anblick mit den Siegern am Runden Tisch verbinden, von dem aus sie, hocherhoben über allem und allen, die Zukunft planten. Sie besaßen Macht, und die Macht von Siegern wird automatisch mit dem Begriff Ehre verknüpft. Die Großen haben Namen, an die man sich überall erinnert und die dem Gedächtnis der Menschen und Völker eingeprägt sind. Das kleine Kroppzeug da unten auf der Erde bleibt namenlos und läuft Gefahr, vergessen zu werden.

   Meine Berliner Großmutter war eine kleine Frau mit einer großen Seele. Wo es in ihrer Macht lag, regierte sie während aller Phasen ihres Lebens ihre Welt. Und ihre Welt, das waren all’ die Menschen, die sie unter ihrer Obhut hatte. Ein starker Wille, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen, war eine der Kraftquellen, die sie aushalten ließ, wo andere längst  aufgegeben hatten. Eine andere war ihr Glaube. Sie stand niemals alleine. Sie hatten einen Ratgeber über sich. Vierundzwanzig Stunden lang, wie sie sagte. Trotzdem ging sie so gut wie jeden Nachmittag in die Kirche, um zu danken. Sie habe wirklich für vieles zu danken. Aber sie ging auch dorthin, um zu beten. Ich kenne nicht den Wortlaut ihrer Gebete, aber ich weiß, dass sie - mit Variationen – folgendermaßen betete:

   „Herr, ich bin gekommen, damit du mir sagst, was ich tun soll“.

   Dies kann ich mit aller Seelenruhe behaupten, denn ich habe sie gekannt.   

   Aber die Herrschenden, die sich 1945 in Jalta am Runden Tisch versammelten? Mit welchem Recht ist es mir möglich, sie und ihre Beschlüsse und Taten zu beurteilen. Tausende Male habe ich diese Frage gestellt: Wussten sie, was sie taten? Bedurften sie des guten Rates und der Wegleitung von jemandem, der über ihnen stand? Oder waren sie der Ansicht, dass die Flughöhe des Adlers ihnen, den „Großen Drei“, genügend Überblick verschaffe? 

   Bei unserem kurzen Aufenthalt damals in Berlin hatten wir keine Ahnung von dieser Konferenz, bei der noch einmal über das Schicksal Tausender und Abertausender Menscher entschieden und deren Schicksal besiegelt wurde. Wir wussten nichts. Und wir konnten nicht ahnen, dass Großmutters Haus in der russischen Besatzungszone liegen würde. Nicht in unseren schlimmsten Albträumen hätten wir uns vorstellen können, dass die Kommunisten eines Tages auf die Idee kämen, Großmutter, Tante Mulle, Onkel Willi, Onkel Gustav und Tante Ilse mit den Kindern – die als Heimatlose in Großmutters Haus Zuflucht gesucht hatten – aus dem Haus zu jagen. Nein, als wir Berlin verließen, konnten wir uns auch in unseren kühnsten Phantasien nicht eine Stadt vorstellen, die von dem Eisernen Vorhang und einer Mauer geteilt würde, die letzten Endes auch die Familie teilte. Denn die, die östlich der Mauer lebten, mussten abermals zu überleben lernen. Und Überleben bedeutete da insbesondere für die Jüngeren und gut Ausgebildeten, dass sie die Forderung, jegliche Verbindung mit der Familie im Westen abzubrechen, zu akzeptieren hatten.

 

   Einen Nachmittag und eine Nacht, die lang wurde, war der Zug unterwegs. Früh am Morgen hielt er südlich von Hamburg, um einen Luftangriff auf die Stadt abzuwarten oder vielleicht auch nur, um einem zu entgehen, der gerade im Anflug war. Von da an stand ich am Fenster, das wir ab und zu öffneten, um zu horchen. Einmal gingen ein paar Arbeiter mit ihren Fahrrädern vorbei. Da meinte ich, in meiner Nase den Duft von Karbid zu spüren. Ich schloss die Augen und sehe auf einmal meinen Vater in unserer Waschküche stehen und seine Fahrradlampe einsatzbereit machen. Der Raum riecht nach Karbid, und ich halte meine Hand vor die Nase und sage, es stinkt. Ich tue das nur, um ihn zu necken, denn eigentlich kann ich diesen Geruch ganz gut leiden, der zum frühen Morgen in meinem Elternhaus gehört. Vater lächelt, sagt aber nichts, weil er es eilig hat. Alle vier haben es eilig. Nur Wolfgang sitzt immer noch am Frühstückstisch. Er meint wirklich, er habe genügend Zeit, um noch eine Scheibe Brot essen zu können. Er ist hungrig, dieser Fresssack. Und Mutter schmiert ihm noch eine Schnitte und belegt sie dick mit Käse. Ich sehe sie lächeln.

   Es ist schön, auf dem Wege nach Hause zu sein.

   Der Zug fährt nun ganz langsam. Jemand tippt mir auf die Schulter. Jemand sagt: „Guck, nun sind wir am Ziel. Das ist Hamburg!“ Der Zug fuhr in etwas ein, was einmal eine Stadt war. Ich presste mein Gesicht gegen das Abteilfenster. Gespenstisch schien der Mond über Häuser ohne Dächer. Gnadenlos hob dieses kalte Licht stehen gebliebene Häusermauern hervor und fiel schamlos auf lange, nackte Schornsteine, die sich aus Ruinenhaufen gegen den Himmel erhoben. Anklagend, flehend, nach Hilfe schreiend – und um Gnade. Als ob sie Arme eines gestürzten Körper wären, der sich nicht mehr aus eigener Kraft erheben kann.

   Nein, das war nicht meine Stadt. Ich schloss meine Augen. Erneut tauchten Bilder aus der Kindheit auf. Bilder von fröhlichen Wintern, die ich festhalten wollte. Aber Mutter schüttelte mich. Heftig, sehr heftig. Nun war sie es, die entschied, dass wir weitermüssten. Denn unsere Stadt war ein Ort geworden, der für Menschen ungeeignet war. Und das nicht nur wegen der Ruinen. Die Art und Weise, in der das geschehen war, lag spürbar über diesem Ort. Drückend. Erstickend. Nein, Worte können dieses kalte, dunkle, grauschwarze, stahlharte Etwas als Ergebnis dieses Krieges nicht beschreiben. Auge um Auge und Zahn um Zahn! Fühlen sich die Menschen bei diesem alten Grundsatz wirklich wohl?

   Ich nehme an, dass Mutter sich erst angesichts dieser zum Himmel schreienden Zeugen des Krieges endgültig entschieden hatte, nach Flensburg weiterzufahren, wo drei ihrer Schwestern lebten. Auf dem Flensburger Bahnhof – an der Endstation des Zuges, am Ende der Welt – nahm Mutter sich nicht die Zeit, auf die Straßenbahn zu warten, die uns in die Nähe von Tante Maries Haus hätte bringen können. Nein, Mutter griff resolut nach ihrem Koffer und begann zu gehen, und dies in einer Geschwindigkeit, die mich in Erstaunen versetzte. Ich folgte ihr im Abstand von zwei, drei Metern, und es fiel mir plötzlich auf, dass wir auf Bürgersteigen, auf denen der Schnee geräumt war, durch eine Stadt gingen, die heil war. Kein einziger Granaten- und Bombenkrater war zu sehen. Nicht eine einzige Hausmauer, auf der Spuren von Bombensplittern oder Maschinengewehrsalven ihre eigene Sprache sprachen. Man stelle sich vor, eine unzerstörte Stadt! Eine vom Krieg verschonte Stadt! Kaum zu fassen! Wer hatte wohl seine schützende Hand über diese Stadt gehalten? Und warum? Was die Bewohner dieser Stadt sich wohl einbildeten? Die mussten sich ja besser als alle anderen vorkommen. In gewisser Weise behütet. Ja! Behütet!

   Man bewahre mich vor einem Leben unter diesen Behüteten. Das ist  ja nicht auszuhalten. Nicht jetzt. Vielleicht später. Sehr viel später. Aber nicht jetzt. Ich rief Mutter zu: „Hier bleibe ich nicht eine Sekunde länger!“ Ich sagte es mehrere Male. Aber sie sah nur zu, so schnell wie möglich weiterzukommen, als ob sie noch über eine gute Portion ungenutzter Kräfte verfügte.

   Erst bei ihrer Schwester, in den Armen ihrer Schwester, zeigte sie Schwäche und brach zusammen. Die Tage danach war sie für mich auf eine eigenartige und unbekannte Weise irgendwie weg. Zwar sah ich sie zusammen mit Tante Marie sitzen, die auch eine Menge Kummer und Sorgen mit sich rumzuschleppen hatte. Nun versuchten sie, sich gegenseitig ihre Sorgen auszuschütten,  versuchten, ihren Schmerz in Gesprächen zu mildern. Aber ich konnte meine Mutter nicht erreichen. Nicht mit meiner Anwesenheit und noch weniger mit meinen Worten.

   Vetter Kurt nahm sich meiner an. Er hielt es für notwendig, dass ich die Stadt kennen lernte. Er besorgte Kinokarten und lud mich in etwas ein, das einem Café glich, wo man etwas Kugelförmiges servierte, das Eis sein sollte – und das mitten im Winter. Er war ein paar Jahre älter und genoss sichtlich die Rolle als Kavalier. Dass er nicht Soldat war, verdankte er seiner Tuberkulose. Er versuchte zu verbergen, wie hart es ihn getroffen hatte, dass Wolfgang an dieser Krankheit gestorben war, aber er ließ mich auf meine eigene Weise trauern. Er wollte mich auch beschützen. Kam eines Tages mit einem schwarzen Band, das, an meinem linken Mantelärmel befestigt, sichtbar machen sollte, dass ich einen Angehörigen verloren hatte. Zunächst lehnte ich es ab. Denn ich war jung, und Jugend bedeutet per Definitionem, froh zu sein. Aber Kurt machte mir verständlich, dass das Band mich vor allzu aufdringlichen Fragen, allzu freundlichen Bemerkungen und allzu oberflächlichem Mitgefühl schützen könne. Das heißt, wenn ich mich in einer Phase befände, in der ich mit niemandem reden wollte. Er hatte Recht. Ich muss zugeben, dass es lange dauerte, länger als es Sitte und Anstand verlangten, bevor ich das Band von der Kleidung entfernte.

 

   Auch Lori, die Freundin meiner Kindertage aus dem Hamburger Reihenhaus, schleuste mich durch die erste Zeit. Oder besser gesagt: Wir zwei schleusten uns durch etwas, was wir niemals zu benennen versuchten. Sie sprach ungern über die Krankheit, an der ihre Mutter gestorben war und die sie selbst nach langem Krankenlager überwunden hatte. Die Tuberkulose war die Geißel des Krieges, und der Krieg, das versuchten wir uns jedenfalls einzureden, war weit weg. Lori war von ihrem Vater bei zwei älteren Damen untergebracht worden, die ihr beibringen sollten, einen Haushalt ordentlich zu führen. Sie kamen mir etwas eigenartig vor, diese beiden Damen. Nie zuvor hatte ich eine so alte Mutter getroffen, die so bestimmt, aber auch liebevoll, über ihre recht altmodische Tochter, die früh Witwe geworden war, herrschte. Den Haushalts-Lehrling behandelten sie wie eine Tochter, und das kam mir zugute. Denn wenn in dem adretten Haus alle Arbeit getan: jedes Staubkorn entfernt, jedes Tuch glatt gestrichen, jeder Pflanze Wasser gegeben, jedes Sofakissen schick in die richtige Façon gebracht worden war, wenn die Fransen all’ der echten Teppiche gekämmt und alle Gardinen und Vorhänge zurechtgezogen waren, durfte Lori mich zu einer Bummeltour durch die Stadt abholen. Da war Leben, da wimmelte es von Soldaten, am meisten von Matrosen, und die waren sehr jung. Sie lächelten uns an, und wir lächelten zurück, aber ließen uns besser nicht auf ein Gespräch ein. Wenn die Matrosen glaubten, man habe angebissen, wurde man sie nämlich nicht mehr los – trotz aller Erklärungen, dass man weder Zeit noch Lust habe. Ließen sie nicht locker, konnte man sich nicht anders retten, als sich zu verabreden. An der Telefonzelle auf dem Südermarkt! Da konnten sie dann stehen und warten, die Übereifrigen. Manchmal waren es gar nicht so wenige, die wir aus unserem Versteck beobachteten.

   Das war nicht nett, aber – nun ja – wir meinten, wir dürften es uns leisten, ein bisschen albern zu sein.

   Wir spielten unsere Rolle als „fröhliche junge Mädchen“. Tatsächlich meinten wir, ein unumstößliches Recht dazu zu haben – nur ab und zu. Nur eine Stunde oder zwei auf einmal -.

   So kam es, dass ich Bruchstücke einer Heimkehr erlebte. Wenn auch in ein Ersatz-Zuhause. Was, betrachtet man Zeit und Raum, ein reiner Glückstreffer war.

   Und Vater? Ja auch er kam gewissermaßen heim, obwohl in ganz anderer Weise, als wir uns das gewünscht und erträumt hatten.

   

   Am 18. Januar 1945, als Mutter und ich Leslau [Włocławek] verlassen hatten, ging Vater gegen Abend  mit einem anderen Offizier (und der uns später hierüber berichtet hat) vom Bürogebäude im Zentrum der Stadt zur Polizeikaserne, die am nördlichen Rand der Stadt lag. Aus unerklärlichen Gründen nahmen die beiden nicht die Abkürzung entlang der Straße in Richtung Thorn, sondern einen Umweg. Ein Schutzengel muss ihnen das ins Ohr geflüstert haben. Denn in der Nähe der Polizeikaserne, dort, wo die Straße auf die Hauptstraße nach Thorn stieß, sahen sie einen Panzer und ein paar Soldaten, die mit Hilfe einer kleinen Taschenlampe versuchten, eine Landkarte zu studieren.

   „Lass’ uns ihnen helfen“, sagte Vater. Ein Stück vor dem Panzer hörten sie, dass die Soldaten Russisch sprachen. Auf Zehenspitzen schlichen sie zur Polizeikaserne und schlugen Alarm – ohne dass jemand etwas tun konnte oder wollte. Dieses Ereignis sagt etwas über das Durcheinander auf beiden Seiten der Front.

   Ein Sanitäter schrieb Mutter, dass die Wehrmacht am 18. Januar begonnen hatte, die Stadt zu räumen. Die meisten Auskünfte erhielt Mutter jedoch von Willi Kleine, Vaters bestem Freund.

   Am 19. Januar wurde die gesamte Polizei dem Kommando des Militärs unterstellt. An diesem Tag wurde die Polizei in den Kampf um die Stadt einbezogen, weil, wie es hieß, die Polizisten die Stadt von Grund auf  kannten und deshalb die Russen, die die Stadt in lockerer Formation einzunehmen versuchten, besser aufspüren konnten. In den frühen Morgenstunden des 20. Januar räumte das Militär die Stadt. Man zog über die Brücke und nahm Quartier in einem Dorf am östlichen Ufer der Weichsel. Denn im Süden, Norden und Westen der Stadt standen die Russen. Beim Räumen der Stadt hatte die Leslauer Wehrmachtführung  „vergessen“, das Elektrizitätswerk, die Brücke und andere strategisch wichtigen Einrichtungen sprengen zu lassen. Deswegen erhielt Vater den Befehl, bei Nacht und Nebel eine Gruppe Soldaten über die Brücke und in die Stadt zu den Gebäuden zu führen, die zerstört werden sollten. Vater lehnte mit der Begründung ab, dass sein Alter, mangelnde Kräfte und fehlende Kenntnisse, was diese Aufgabe anbelangte, nicht nur ihn, sondern auch die anderen Beteiligten in äußerste Lebensgefahr brächten.

   Erich, unser Hamburger Nachbarsohn und mein Spielgefährte in Steenkamp, war wenige Tage zuvor als Soldat in der städtischen Kaserne eingetroffen und befand sich nun ebenfalls in dem oben erwähnten Dorf am Ostufer des Flusses. Als er am Morgen des 21. Januar eine Gruppe Polizisten sah, ging er zu ihr und war glücklich, als er ein bekanntes Gesicht sah - meinen Vater, der unseren Hund Pucki bei sich hatte. Das Tierchen sei nicht von seiner Seite gewichen.

   An mehr schien Erich sich nicht zu erinnern. Es vergingen Jahre, bevor er mir  Folgendes erzählte:

   „Dein Vater hielt sich aufrecht, aber ich sah, dass er sich physisch und psychisch  in einer schlechten Verfassung befand. Auf den Hund zeigend, sagte er: 'Von allem, was einmal mir gehörte, habe ich nur noch ihn: Wolfgang ist sicher tot, und wo sich Lene und Ruth aufhalten – wenn sie noch am Leben sind –  weiß ich nicht und werde ich wohl nie erfahren' “. Mehr sagte er nicht.  Und mehr war da wohl auch nicht zu sagen.

   Willi Kleine und andere erzählte uns, dass ein Kollege am Vormittag des 21. Januars in die provisorische Wachstube gekommen sei. Ohne ein Wort zu sagen, habe er seine Pistole an die Schläfe gesetzt und abgedrückt. Gegen Mittag sei dann der Befehl gekommen, in Richtung Thorn aufzubrechen. Zu Fuß. In Schneesturm und Kälte und ohne die geringste Verpflegung.

   In Thorn kamen sie in einer Polizeikaserne unter, die wenig später von einem Volltreffer getroffen wurde, der einige von Vaters engsten Kollegen tötete.

   Bei Thorn wurden zwei deutsche Divisionen von russischen Truppen umzingelt. Zu diesem Zeitpunkt soll Pucki noch bei Vater gewesen sein. Viele von denen, die wir kannten, fielen in den folgenden Kämpfen, viele kamen in Gefangenschaft, einigen wenigen gelang es, durch die russischen Linien zu kommen. Unter ihnen mein Vater. Gemeinsam machten sie sich zur Weichsel auf den Weg. Sie kämpften nicht - das heißt nicht als Soldaten, gegen den Feind; sie kämpften gegen die Kräfte der Natur, kämpften als Menschen, die ihr Leben retten wollten. Mehrere Tage und Nächte versuchten sie, sich einen Weg durch die hohen Schneemassen zu bahnen. Gejagt von den Russen, ohne Verpflegung, ohne Schlaf. Gegen den Durst aßen sie Schnee. Vier Pferdewagen, die Material transportierten, mussten sie stehen lassen, weil die Pferde zusammenbrachen.

   Nun hatten die Männer nur das eine im Kopf: Das westliche Ufer der Weichsel zu erreichen. Der erste Versuch misslang, sie wurden von den Russen zurückgejagt. Die Brücke bei Schwetz [Swiecie nad Wisłą] war von ihnen schon in Brand geschossen worden, deswegen waren die Flüchtenden gezwungen, erneut einen großen Umweg zu machen, um über das Eis zu kommen, auf dem sie für sowjetische Soldaten eine ideale Schießscheibe abgaben. Vater schlug vor, irgendwo ein paar Stunden zu schlafen. Willi Kleine und andere versuchten, ihm dieses Vorhaben auszureden. Nur ein Offizier – derjenige, den Vater als  Speichellecker und Schlimmeres bezeichnet hatte – schloss sich Vater an, weil er selbst völlig erschöpft war. Die beiden schliefen ein paar Stunden in einer Scheune, von wo aus sie – nach der Erzählung des Offiziers – gemeinsam aufgebrochen seien. Aber beim Marsch über den Fluss verloren sie sich aus den Augen, wie uns der Offizier, den wir durch Zufall im Sommer 1945 in Flensburg getroffen hatten, immer wieder versicherte – sie hätten sich ganz einfach aus den Augen verloren. Es hatte aufgehört zu schneien. Die Nacht war sternenklar. Jetzt waren die Sichtverhältnisse die Verbündeten der Russen. Viele auf dem Eis wurden verwundet, viele getötet. Auch Zivilisten. Und es kam vor, dass das Eis unter der schweren Last eines Pferdeschlittens brach.

   Der Offizier hatte uns viel zu erzählen, und Mutter und ich hörten ihm aufmerksam zu. Er war in der Nähe Flensburgs in einem provisorischen Lager für „gestrandete“ Polizisten aus dem Osten interniert, wo Mutter und ich ihn einen Sommer lang oft besuchten – immer in der Hoffnung, mehr zu hören, immer mit dem nicht ausgesprochenen Verdacht im Kopf und im Herzen, dass er uns etwas verheimliche, dass er uns nicht alles zu erzählen wage. Er hatte nichts eingebüßt von seinem alten Charme und seiner eleganten Redeweise. Wie damals in Polen fiel es mir auch jetzt schwer, Vaters Distanz zu diesem Mann zu begreifen.

   Wir warteten in der Tat noch immer auf Vater, hofften auf ein Lebenszeichen von ihm, taten das Jahr für Jahr. Auf den merkwürdigsten Wegen versuchten wir, mit Personen und Institutionen Verbindung aufzunehmen, die uns eventuell etwas über Vaters Schicksal hätten mitteilen können. Auf Grund privat zusammengestellter Adressenlisten einstiger Einwohner Leslaus und der Suchlisten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) kamen wir immer aufs neue in Kontakt mit Menschen, deren Namen uns bekannt waren, oder mit Personen, die jemanden kannten, der Vater irgendwo und irgendwann in diesem Inferno getroffen oder auch nur gesehen haben könnte. Bisweilen bekamen wir durch Zufall oder schicksalhafte Begegnungen neue Hinweise. Immer aber waren es nur Bruchstücke einer Kette von Ereignissen, die wir schwer begreifen und als etwas Endgültiges hätten akzeptieren können. Manches erwies sich als Strohhalm, an den wir uns klammerten, wurde er doch in unseren Gedanken zu einem Balken, der uns die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen nicht aufgeben und verlieren ließ.

   Die vorläufig wichtigste Botschaft war für uns die eines einfachen Polizeibeamten, der Vater in Begleitung von ein paar Offizieren auf einer Landstraße westlich von Bromberg gesehen haben wollte. Mutter suchte diesen Polizisten auf, wie sie das schon vorher bei anderen getan hatte. Immer mit ein paar recht unterschiedlichen Fotos von Vater in ihrer Handtasche und – im Winter 1945/46 – mit einer von der britischen Militärregierung verlangten, von dem Büro des deutschen Polizeipräsidenten in Flensburg ausgestellten und an den Bahnhöfen abzustempelnden Reisebescheinigung. Nun wollte sie Gewissheit haben, die sie dann – wenn auch nur für kurze Zeit – zu bekommen schien. Der Polizist war sich seiner Sache ganz sicher, behauptete, dass er Oberleutnant Ross – den er doch so gut in Erinnerung habe -  im Straßengraben an einer Landstraße in der Nähe Brombergs gesehen habe. Ja, sie hätten sogar miteinander gesprochen. Also konnten wir erneut hoffen.

   „Vater hat es geschafft, über den Fluss zu kommen!“ Immer wieder redeten wir uns das ein, wenn wir die Namen uns gut bekannter Polizisten hörten, die während der Kämpfe bei Thorn in Gefangenschaft geraten, gefallen oder beim Marsch über die zugefrorene Weichsel erschossen worden waren. „Vater hat es geschafft, über den Fluss zu kommen“ – anderes konnten, anderes wollten wir nicht denken.

   Im Sommer 1946 gelang es Mutter nach langem Suchen, endlich Kontakt zu Willi Kleine aufzunehmen. Er berichtete in langen Briefen ausführlich über die Fluchtroute, die im großen und ganzen mit dem, was wir schon wussten, übereinstimmte, und er fügte, weil ihm auch Mutter eine vertraute Freundin war, Wesentliches hinzu. Er bat Mutter, dem Leslauer Polizeioffizier, den wir in Flensburg getroffen und mehrfach aufgesucht hatten, nur begrenzt zu glauben. Bezeichnete ihn als Angeber, der es immer verstanden habe, sich einzuschmeicheln, insbesondere bei Vorgesetzten. Sprach offen die Vermutung aus, dass dieser Mann uns etwas verschweige – möglicherweise aus schlechtem Gewissen – und forderte Mutter auf, ihn zum Reden zu bringen, was Mutter allerdings nie gelang. Kleine war sich sicher, dass Vater nie über den Fluss gekommen sei.

   Erst im Januar 1948 – nach unermüdlichen Nachforschungen – hörte Mutter etwas über einen Polizisten, der einen Sanitäter getroffen habe, der im Januar 1945 mit Vater nördlich von Thorn, irgendwo in der Nähe von Kulmsee [Chełmża, 19 km nördlich von Thorn; die Weichsel ist von hier aus gut 20 km entfernt] die letzte Strecke zusammen geflohen sei und der gesehen habe, dass Vater – es könnte in Rentschkau  gewesen sein [Rzęczkowo, wenige Kilometer östlich der Weichsel, zwischen Kulmsee und Bromberg gelegen]  – gefallen sei.

   Mutter bekam über den erwähnten Polizisten Kontakt zu diesem Sanitäter. Aus den Briefen der beiden können wir uns ein Bild von dem damaligen Geschehen machen. In einem Brief vom 10. Februar 1948 schreibt Sanitäter Freitag an Mutter unter anderem:

   „Erhielt heute Ihr Schreiben vom 1. 02. 1948 und möchte Ihnen gleich schreiben, was ich über den Verbleib Ihres Gatten weiß. – Als wir am 18. 01. 45 Leslau verließen und noch in Thorn dem Russen starke Schwierigkeiten machten, waren wir noch guter Dinge. Doch schon einen Tag später, als wir Thorn räumten und auf dem Wege nach Bromberg waren, traf uns schon das Verhängnis; wir gerieten in ein Gefecht mit den Russen und mussten viele Leute lassen, auch  Offiziere. Bei uns verblieb nur noch Major Müller, Ihr Gatte und Ober-Leutn. Westphal, sonst war alles auf der Strecke geblieben oder verwundet. Dann, in einer Nacht, das Datum ist mir nicht mehr bekannt, es war vor Kulmsee beim Übergang über die Weichsel, wo wir in einen Hinterhalt der Russen fielen und jämmerlich zusammengeschossen wurden. Ober-Leutn. Westphal wurde durch einen Halsschuss schwer verwundet, habe ihn noch verbunden und zurück in die Scheune getragen. Dann bei einem nochmaligen Vorstoßen an der Seite Ihres Gatten wurde ich an der Hand verwundet, doch auch Ihr Gatte rief mir zu: Nun hat es auch mich erwischt und fiel nach vorne über. Liebe Frau Ross, leider war es mir durch die Verwundung und das Nachrücken der Russen nicht mehr möglich, mich um ihren Gatten zu kümmern. Ich habe mich dann noch über die Weichsel retten können . . .“.

   Das war das letzte, was wir über Vater hörten. Viel Wasser war die Elbe hinuntergeflossen, bevor wir in der Lage waren, unser Wissen über Vaters letzte Lebenstage chronologisch zu ordnen.

   

   Mit dem Finger habe ich seinen Weg auf der Landkarte nachzuzeichnen versucht. Wenn er wirklich in der Nähe von Kulmsee zu Ende war, endete seine Flucht nicht irgendwo in der Fremde, sondern in seiner Heimat Westpreußen. Ein Kreis hätte sich dann geschlossen.

   Eine Weile lang versuchte ich, in dieser Feststellung Trost zu finden.

   Aber in Wahrheit warteten Mutter und ich auf seine Heimkehr – Jahr für Jahr. Vor allem Mutter hoffte auf ein Wunder, das es trotz allem bisweilen gab. Sie sammelte Geschichten wundersamer Heimkehr, die bestätigen sollten, dass unser Warten nicht vergeblich war. Auf diese Weise prägten wechselweise Hoffnung und Hoffnungslosigkeit Jahre hindurch Mutters Tun und Lassen.

 

   Von einem war ich fest überzeugt: Annemie ist am Leben, und eines schönen Tages würde sie mir ein Lebenszeichen geben können. Vor der Flucht hatten wir die Adresse von Verwandten und Freunden ausgetauscht. Unsere Phantasie muss grenzenlos gewesen sein, wenn es galt, die wunderlichsten Adressen an den merkwürdigsten Orten der Welt aufzustöbern, denn grenzenlos war auch unser Wunsch, Verbindung zu halten, uns trotz aller Trennung nahe zu sein. Die Adressen meiner Verwandten in Amerika und in unterschiedlichen Orten in Deutschland waren hierfür besonders geeignet. Aber Annemies Familie wohnte in Nürnberg, das andauernd bombardiert wurde. Deswegen hatte sie mir sicherheitshalber die Adresse eines Nachbarsohns (aus einem ausgebombten Haus in Nürnberg) gegeben, obwohl der sich jetzt in einem Gefangenlager in England befand und obwohl keiner von uns eine Vorstellung hatte, wie ein Brief von mir einen „Gren. Hans Deubel (H)P.o.W. Camp 26 / Barton Fields-Camp /Ely Cambs / Great Britain“ erreichen konnte. Aber Annemie verlangte, dass ich die Adresse auswendig lernte. Mit der Begründung, dass alle Städte, alle Kirchen, alle Häuser, alle Adressen vernichtet werden könnten, während Gefangenenlager gemeinhin lange bestünden.

   Ich  brauchte diese Adresse nicht in Anspruch zu nehmen. Eines schönen Tages – ich glaube, es war zu Beginn des Sommers und die Postzustellung fing an, wieder zu funktionieren – erhielt ich eine Karte von Annemie. Aus Königstein in Sachsen in der sowjetischen Besatzungszone. Ihre Mutter war auch dort. Und das „Nesthäkchen“ Lumpi, Annemies Rehpinscher. Der Brief klang munter. Als ob der Absender ein junges Mädchen sei, das bei irgendwelchen Bekannten ihre Ferien verlebte. Nur am Ende des Briefes kam – als eine kleine Nebenbemerkung – der Satz: „Am liebsten wäre ich zu Hause“. Nach und nach berichtete sie kurz über die Flucht. Eine der letzten Phasen der Heimkehr erfuhr ich jedoch erst eineinhalb Jahre später, als wir eine Nacht lang auf einem Eisenbett in einer verwanzten Wohnung in Nürnberg saßen:

   An dem Abend, an dem Mutter und ich zu Beginn unserer Flucht den Tumult auf dem Bahnhofsplatz erlebten, stand Annemie mit ihrer Mutter und anderen Kindern schon auf dem Bahnsteig. Annemies Mutter als Rot-Kreuz-Helferin; sie hatte nicht vor zu fliehen. Man hatte ihnen gesagt, dass dieser Transport, der aus Kindern und kränklichen alten Menschen bestand, nur sicherheitshalber durchgeführt werde. In wenigen Tagen werde die Gefahr vorüber sein, und  die Kinder könnten wieder nach Hause kommen. Männer, die der Partei nahe standen, hätten dies bekräftigen können: Es bestehe keinerlei unmittelbare Gefahr. Alles geschehe gewissermaßen nur aus Sicherheitsgründen. Es dauerte eine Weile, bis der Zug, der aus Viehwagen bestand, abfuhr. Der Lokomotivführer wollte plötzlich mehrere Personen aus seinem Familien- und Freundeskreis mitnehmen, von denen einige sich noch nicht eingefunden hatten. Da entstand ein Tumult. Und Annemie fürchtete die ganze Zeit, dass irgendjemand ihren Liebling Lumpi, den sie in einer Schultasche versteckt hatte, entdecken werde. Es war nicht erlaubt, in diesem Zug Tiere und schweres Gepäck mitzunehmen. Als sich der Zug in Bewegung setzte, glaubte Annemie, dass sie bald zurücksein werde, obgleich viele eigenartige Anzeichen ihr etwas ganz anderes hätten sagen müssen. Der Zug hielt in Posen, und eine Weile glaubten die Kinder, dass niemand mit dem Leben davon kommen werde. Denn irgendjemand behauptete, dass die Russen die Stadt umzingelten. Nach dreitägiger Reise kamen sie nach Königstein, wo Reni Familienangehörige hatte. Dort hörten sie, dass Leslau von den Russen erobert worden sei. Die Mädchen wussten nichts über das Schicksal ihrer Mütter.

   Nur wenige Stunden nach Annemies Abreise sahen sich die zurückgebliebenen Mütter mit der Wirklichkeit konfrontiert. Während Annemies Mutter noch auf dem Bahnhof arbeitete, hatten junge polnische  Mädchen, ehemalige Dienstmädchen, Plünderungen organisiert. Sie wussten ja, wo etwas zu holen war. In Annemies Haus wurden sie daran von versprengten Wehrmachtssoldaten gehindert, die auf der Suche nach Nahrungsmitteln waren. Diese Soldaten halfen Annemies Mutter dabei, so schnell wie möglich zu packen. Sie konnten ihr auch berichten, dass auf dem großen Markt ein größerer Treck aus Pferdeschlitten stehe, wohin jetzt die Menschen liefen. Mit diesem Treck wurden viele gerettet, obwohl er die Stadt im letzten Augenblick verlassen hatte. Ich habe nie erfahren, welchen Weg man nahm. Die Menschen, die den Treck organisiert hatten, waren Flüchtlinge aus Russland, also außerordentlich erfahrene Menschen. Sie ordneten an, dass das gesamte Gepäck auf dem letzten Schlitten des Trecks befördert zu werden hatte.  Sollte man von den Russen eingeholt werden, konnte man hoffen, dass das Gepäck ihre Begierde weckte. Auf diese Weise könnten die Frauen – vielleicht – entkommen.

   Sie wurden von russischen Panzern eingeholt, deren Soldaten in erster Linie plünderten. Währenddessen entkamen die Schlitten des Trecks mit Frauen und Kindern. Aber da kamen mehr Panzer und mehr hungrige Soldaten. Die nahmen, wozu sie meinten, ein Recht zu haben. Und als die Schlitten geplündert und die Frauen nacheinander vergewaltigt worden waren, amüsierten sich ein paar Panzersoldaten damit, alle Jungen des Trecks zu erschießen. Sie fuhren ganz ruhig an den Schlitten vorbei und schossen auf das, was sie sich als Ziel ausgesucht hatten. Annemies Mutter erzählte niemals, dass sie vergewaltigt worden war. Sie sagte nur, dass sie nicht mehr habe leben wollen. Sie habe sich vor die Pferde werfen wollen, was andere aus dem Treck verhinderten, indem sie sie festhielten.

   Die russische Frontlinie war noch nicht geschlossen. Trotzdem muss man es als Wunder bezeichnen, dass der Treck durchkam. Irgendwann musste man zu Fuß weitergehen. Frauen, Kinder, Greise, Kranke, Verwundete. Ein paar erreichten Dresden. Wie unzählige andere. Zu Fuß, per Zug oder auf Pferdeschlitten kamen sie und machten in dieser Stadt und auf deren Wiesen Station. Endlich in Sicherheit! Es hatte sich herumgesprochen, dass diese Stadt nicht sonderlich unter Luftangriffen litt. Aber das sollte sich ändern. Waren es 70.000, die in der Nacht zum 14. Februar und während des folgenden Tages ihr Leben verloren? Oder waren es mehr? Zahlen spielen keine Rolle. Die Gebäude wurden in Schutt und Asche gelegt. Und Wiesen und Parks, die Pferden, Schlitten und Menschen als Lagerplatz dienten, wurden im Bombenregen umgepflügt. Der Krieg war längst entschieden. Haben die bösen Kräfte, die das geschehen ließen, Namen? Ein Massenmord an Wehrlosen. Kann das erlaubt sein? Kann das als Waffe im Kampf gegen die Bösen und das Böse benutzt werden? Ach ja, Auge um Auge, Zahn um Zahn!

   Vergessen war, dass der Erlöser vor fast 2000 Jahren die Menschheit von diesem Prinzip befreit hatte.

   Annemies Mutter sprach nie über das Dresdner Inferno, niemals. Wir erfuhren nur, dass sie sich während der Angriffe einer jungen, von Entsetzen gepackten hochschwangeren Frau angenommen hatte. Als alles vorüber war und die beiden eine Toilette gefunden hatten, halfen sie sich dabei, auf ihre Handtaschen, also ihr einziges und letztes Gepäck, aufzupassen. Da verschwand die junge Frau mit der Tasche von Annemies Mutter mit allen Papieren, etwas Schmuck und Fotos.

   Nach Ende des Krieges ordneten die sowjetischen Machthaber an, dass alle Flüchtlinge, die in den anderen Besatzungszonen zu Hause waren, den russisch besetzten Teil zu verlassen hatten. Als Druckmittel verweigerte man den nunmehr lästigen Flüchtlingen die Lebensmittelkarten. In der Hoffnung, dass sie umgehend das Land aus „eigenem freien Willen“ verlassen würden. Was sie auch mehr als gerne getan hätten, wenn nicht Gerüchte über fürchterliche Vorfälle in den Wäldern entlang der Grenze und am Grenzübergang selbst sie davon abgehalten hätten. Schließlich wurden die unerwünschten Frauen und Kinder zwangsweise zur Grenze transportiert. Bayern war in Sicht! Und alle jubelten. Aber plötzlich entdeckte ein Grenzposten, dass die Farbe auf ihren gültigen Transport- und Abschiebepapieren verkehrt sei. Sie war blau und hätte rot sein sollen, behauptete der russische Grenzposten.

   Als Annemie viele Jahre später erneut davon erzählt, spricht sie schnell. Ich nehme an, dass sie keine Übung hatte, das Erlebte in Worte zu fassen.

   Sie wurden zurückgehalten. Eingesperrt. Von den Soldaten der Kaserne als Dienstpersonal benutzt. Tagelang reinigten Frauen und Kinder Gewehre. Sie scheuerten den Fußboden mit Handbürsten. Reinigten die Latrinen. Und dann – plötzlich wurden sie weggeführt. Aneinandergebunden. Eine nächtliche Wanderung – angeblich in Richtung Zonengrenze. Eine plötzliche Freilassung, angeblich auf Grund von Bestechung. Ein Russe führte sie dicht an die Grenze. Vorbei an anderen Wachtposten, die nichts zu bemerken schienen. An der Grenze dann war keiner mehr blind. Eine neue Inhaftierung. Neue Kasernen. Neue Sklavenarbeit. Plötzlich bekommt Annemie am Abend ein eigenes Zimmer zugewiesen. „Schönes Mädchen!“ sagten die Soldaten grinsend. Ein sehr junger Soldat kam und setzte sich neben sie. Sie schrie:

   „Ich springe aus dem Fenster, wenn mich ein Soldat anfasst!“ Er nahm ihre Hand und versuchte, sie zu beruhigen; er sprach  ausgezeichnet deutsch.

   „Ich halte nur deine Hand. Ich habe eine Schwester – im selben Alter wie du. Nun bist du meine Schwester. Ich beschütze dich“. Er blieb bei Annemie die ganze Nacht. Er sagte, sie müssten sich wach halten. Von Zeit zu Zeit ging die Tür auf. Der russische Soldat, der seinen Kopf hineinsteckte, musste feststellen, dass das Bett besetzt war. Annemies Bruder für eine Nacht hieß Josef. Der sechzehnjährige russische Josef blieb eine ganze Nacht wach, um die fünfzehnjährige deutsche Annemie zu beschützen. Sie hat ihn nicht vergessen. Nach dieser Nacht beschloss Annemies Mutter, zu fliehen und auf eigene Faust die Grenze zu überschreiten. Unterwegs stießen sie auf fliehende ehemalige deutsche Soldaten. Zusammen wanderten sie über die Berge des Thüringer Waldes. Geplagt von sommerlicher Hitze, Durst und Hunger. Am schlimmsten aber war die Angst. Als sie bayerischen Boden betraten, weinten sie alle hemmungslos vor Freude.

   Niemand, absolut niemand, der nichts dergleichen erlebt hat, wird solche Gefühlsausbrüche verstehen können.

   Auf diese Weise kamen sie nach Hause, meine Freunde. 

   „Weißt du, zu Hause, da hat man einen Platz, den einem niemand streitig machen kann“, sagte Annemies Mutter.    

 

 

 

 

 

 

 

 

                                           A M  E N D E  D E S  T U N N E L S

 

 

   „Nun bist du daheim!“, sagte man zu mir, und „Bald kommt der Frühling!“ Und obwohl es noch gefährlich war, sprachen die Mutigen, die Optimisten oder die unverbesserlich Hoffnungsvollen von einer neuen Zeit, die da kommen werde. In aller Heimlichkeit, selbstverständlich, und nur unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit. Aber niemand wollte oder konnte diese neue Zeit benennen. Vorläufig hieß die Zukunft „Anfang des Jahres 1945“. Noch tobte der Krieg. Glücklicherweise nicht über, in und um Flensburg. Vielleicht waren deshalb die Menschen in dieser Stadt etwas merkwürdig. Meiner Ansicht nach jedenfalls. Sie wussten nicht so richtig, was Krieg für die Menschen bedeutete. Die Stürme des Krieges waren im Großen und Ganzen an der Stadt vorbeigegangen. Zwar erwartete Tante Marie einen Frühjahrssturm. „Aber wir sind ja zu Hause“, meinte sie, „unter uns!“ Und dieses „wir“ schloss selbstverständlich auch Mutter und mich ein. Tante Maries Ansicht nach. Wir seien, wie sie sagte, heimgekehrt in das Land der Väter. Aber welchen Nutzen hatte dieses Land für Mutter und für mich? Die herrlich fette Erde dieses Landes, die die Vorfahren Generation auf Generation urbar gemacht hatten, gab uns keine Nahrung. Den Boden besaßen nun Menschen, die ich nicht kannte. Sie waren mir völlig fremd. Total! Obwohl viele Familiennamen meiner Vorfahren trugen.

   Mutters Schwester fand meine Antwort ungerecht. Ihre Mutter war immer „naa hus“, „nach Hause“, gegangen, wenn sie das Dorf, aus dem sie stammte und in dem sie keinen Quadratmeter Boden mehr besaß, besuchte. Die Alten sagten, das Land der Vorfahren könne einem gehören, ohne darin Grund und Boden zu besitzen. Und dies sei ein ganz besonderes Eigentumsverhältnis, das man wahren müsse. Noch stärker könne das Verhältnis eines Menschen zur Heimat der mütterlichen Ahnen sein. Die sei nämlich Herzenssache! Werde dieses Eigentum dem Menschen streitig gemacht, könne das Herz brechen. Ja, so sprachen sie, unsere Alten. Oma war „to hus“ in dem Dorf, in dem sie geboren war und wo sie ihre Kinder geboren hatte.

   Mit den Flüchtlingen, die jetzt nach Flensburg strömten, kam  neuer Gesprächsstoff auf. Trotz unzähliger Varianten hatte er nur ein Thema: „Heimatrecht und andere Rechte“. Insbesondere wurde über Rechte gesprochen, die die Menschen bzw. Flüchtlinge nicht hatten. Das heißt -  nicht in dieser Stadt. Mutter und ich, wir seien keine Flüchtlinge, beteuerte man uns gegenüber. Es war großartig, wenn die Leute auf der Straße, die Nachbarn, die Verwandten, manche Verwaltungsleute und Institutionen in uns Menschen sahen, die dazu gehörten, die das Recht hätten, ihre Füße gerade auf dieses Fleckchen Erde zu setzen. Das wärmte – möglicherweise – die Seele. Aber nicht viel mehr. Wenn die Behörden Mutter und mir den Flüchtlingsstatus verweigerten (schließlich billigte man uns den Flüchtlingsausweis B zu), verweigerte man uns auch die Hilfe, die wir eine Zeitlang dringend brauchten. Mit zwei Koffern aus „echter Vulkanfiber“ mit ein paar Klamotten als einzigem irdischem Besitz waren wir arm wie Kirchenmäuse. Unser Heimatrecht berechtigte uns jedoch dazu, die Ohren zu schließen, wenn das Zetergeschrei über alle Dächer der Stadt schallte: „Es wird zu eng. Die Fremden nehmen uns unseren Platz, unsere Wohnung, unsere Nahrungsmittel, unsere Arbeitsplätze weg!“ Dieser Schrei galt nicht uns beiden. Obwohl auch wir hier gelandet waren, um den Einheimischen ein paar Quadratmeter Platz und Lebensmittel und schließlich auch einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz wegzunehmen. Wir konnten abtauchen, Mutter und ich. Uns gewissermaßen unbemerkbar, fast unsichtbar machen unter all’ denen, denen wir ähnelten. Wir sprachen ja die hiesige Sprache! Und konnten die guten, nordischen Familiennamen unserer Vorfahren vorweisen. Eine meiner Urgroßmütter war zu unserem Glück in Kappeln geboren, also ganz in der Nähe von Flensburg! Und noch mehr: geboren in eine Familie, deren Name auf „-sen“ endet. Einige unserer Vorfahren hatten Hunderte und Aberhunderte Jahre nördlich der Eider gelebt. Vielleicht Jahrtausende.

   Da blieb uns nur eines übrig: Zuerst mussten wir unsere eigene Situation analysieren, danach mussten wir sie akzeptieren, um anschließend den Kampf ums Überleben aufnehmen zu können. Man musste die Ärmel hochkrempeln und sich an die Arbeit machen. Sich eine Basis schaffen, um Grund unter die Füße zu bekommen. Einen Ort zum Hüpfen und Springen und Tanzen, wenn sich die Freude am Leben wieder einfinden sollte. Und das wird sie – wenn die Zeit reif ist – ein gutes Stück weg vom Ende des Tunnels sicherlich tun.

   Ach, hochtrabende Gedanken!

   Der Anfang war schwer. Das Schicksal zu akzeptieren, fiel nicht leicht. Vor allem anderen – meinte ich – müsse man einsehen, dass man sich nicht hängen lassen darf. Nicht in Gedanken und nicht mit Tränen. Das kostet nur unnütz Kraft. Man müsse lernen, über seine Probleme zu schweigen: Allzu viele Menschen tragen allzu viele düstere Erinnerungen mit sich herum. Die müssen in der Versenkung verschwinden! Man kann den Teufel herbeirufen, indem man ihn stets und ständig im Munde führt! Düstere Gedanken haben ein düsteres Leben zur Folge. Sagt man.

   Trotz aller vernünftigen Überlegungen fehlte mir Vater. Wenn ich nachts wachlag, stellte ich ihm Fragen, aber ich erhielt nie eine Antwort. Es gab keine Verbindung, auch nicht in meinen Träumen. Das sah Vater ähnlich – ich sollte mit Macht gezwungen werden, selbständig zu sein.

   „Bald ist ja alles überstanden“.

   Es wäre schön gewesen zu wissen, an welcher Stelle der Skala, die nach oben führt, wir uns befanden. Bei Vier? Drei? Zwei? Eins? Die Zeit verging langsam, wie dies in schweren Zeiten üblich ist.

   Ich begegnete Menschen, die aufgaben. Alles war für sie sinnlos. Das einzige, was sie noch konnten, war, den Rücken zu beugen und die Schläge des Schicksals zu erleiden. Sie sahen keinerlei Bewegung, keine Entwicklung zum Besseren. - Die Folgen des verlorenen Krieges klebten wie Pech an unseren Füßen, sagte sie.  Und darauf konnte man nichts anderes antworten, als dass alles schlimm war. Und „Pech“ bedeutet im Deutschen ja auch Unglück. In der Tat ist ein Mensch im Unglück auch in seinen Bewegungen gehemmt. Manchmal fühlte auch ich reichlich Pech unter meinen Sohlen.

   Man musste unbedingt weiterkommen. Vielleicht musste man – als eine Art Anfang – versuchen, an sein eigenes Glück zu glauben, musste seine Augen schärfen, um das bisschen Glück, das überall liegen konnte, zu finden. Der neue Start ins Leben sollte der Abschluss meiner Ausbildung sein. Gerade dazu fehlten mir alle Lust und viel Kraft. Und dann war da eine Mutter, die bat:

   „Geh’ nicht weg! Setz’ alles in Bewegung, aber geh’ nicht weg. Anders schaff’ ich es nicht!“

   Dann kam das Glück zu uns in Form der Schule, die ich brauchte. Sie lag gleich um die Ecke. Die Sekretärin der Direktorin teilte mir freundlich, aber kopfschüttelnd mit, dass man nicht einfach kommen und sich anmelden könne. Ja, wie ich denn darauf gekommen sei, dies zu glauben? Ich müsse wissen, dass die Nachfrage nach dieser Art Ausbildung riesig sei, die Klasse sei fast voll. Faktisch sei jeder Platz besetzt, und es existierten Wartelisten. Aber – meinte die Sekretärin und legte ihr Gesicht in ernste Falten – das Schlimmste, das Allerschlimmste sei wohl, dass ich als armer Flüchtling sicherlich keine Zeugnisse über meine bisherige Ausbildung vorlegen könne. Ohne diese Papiere jedoch blieben die Tore der Schule für mich verschlossen. Sie habe schon mehrere abweisen müssen.

   Dank Mutter konnte ich alle notwendigen Dokumente auf den Tisch legen. Nur die Bescheinigung über mein Praktikum im Altersheim fehlte. Doch konnte ich der Sekretärin die Situation unserer plötzlichen Flucht verständlich machen. Dies war fast ein Wunder. Denn sie war in Flensburg ansässig und hatte deshalb keine Ahnung, was kriegerische Ereignisse und Flucht bedeuteten. Es war mein Glück, dass die Praktikumzeit in Polen schließlich anerkannt wurde. Es fehlten nur sechs Wochen. Wenn ich für diese Zeit einen Praktikumplatz bei einer sozialen Institution, z. B. in einem Krankenhaus, und danach für ein halbes Jahr in einem geeigneten Haushalt fände, könnte ich möglicherweise in die Klasse F.F.II aufgenommen werden, in der höchstwahrscheinlich im Frühjahr 1946 der Unterricht aufgenommen werde. Ich solle ja nicht zu optimistisch sein. Besonders, was einen Platz bei einer sozialen Institution anbelangt, seien die Chancen gering. Vielleicht – vielleicht könne die Schule mir dann entgegenkommen, indem sie nicht allzu kritisch darauf sähe, was den Charakter der Arbeit anbelangt, wenn nur die Institution, bei der ich das Praktikum absolvierte, im Großen und Ganzen den strengen Anforderungen der Schule genüge.

   Tante Marie musste sich mein Problem anhören. Sie empfahl mir die Diakonissenanstalt als den absolut besten Arbeitsplatz der Stadt. In vielerlei Hinsicht. Denn was ich auch in diesem Haus täte, meine Arbeit werde Menschen in Not helfen. Also suchte ich das Krankenhaus auf, wurde aber an dessen Pforte abgewiesen.

   „Mehr als hundert wollen hier täglich Arbeit haben, und mehr als hundert erhalten eine Absage!“ Ohne viel nachzudenken, sagte ich, dass ich dringend mit der Oberin sprechen müsse.

   „Nein, nein – nicht morgen. Ich möchte unbedingt jetzt mit ihr sprechen!“

   Seltsam, dass mich die Pförtnerin mit einem so merkwürdig fragenden Blick ansah. Und dass sie sich erhob, um mir den Weg zum Büro der Oberin Funke zu zeigen. Aber das Erstaunlichste war vielleicht, dass meine Knie nicht zitterten.

   Die Oberin empfing mich mitten im Büro stehend. Ganz ruhig brachte ich mein Anliegen vor. Sie antwortete kurz und bündig, dass alles besetzt sei. Unzählige Menschen wollten in einem Krankenhaus arbeiten, wo es einigermaßen warm sei und wo eine Chance bestehe, etwas zu essen zu bekommen. Und als sie das gesagt hatte, wurde ihre Stimme scharf: Sie habe wirklich anderes zu tun als arbeitssuchende und nach Sicherheit strebende Menschen zu empfangen. Erneut sagte ich, dass ich eine Arbeit haben müsse, um meine Ausbildung abzuschließen. Und dass ich am liebsten in diesem Haus arbeiten möchte. Sie maß mich mit den Augen. Ich dachte, nun werde sie mir die Tür weisen, und sagte etwas, was ich am liebsten für mich behalten hätte:

   „Ich muss eine Arbeit haben. Ich muss auf andere Gedanken, muss unter Menschen kommen!“

    Wieder musterte sie mich mit einem Falkenblick und antwortete:

   „Selbst wenn ich wollte – ich kann Ihnen nicht helfen. In diesem Haus ist der Etat für Arbeitskräfte längst überzogen“.

   „Nun, dieses Problem lässt sich leicht lösen. Ich könnte nämlich ohne Lohn arbeiten, denn ich wohne bei meiner Tante. Und ich verlange auch kein Essen. – Ich kann viel! Ich kann wirklich viel! Ich kann auch Fußböden und Treppenhäuser schrubben“.

   Wie sie mich ansah! Schließlich fragte sie – indem sie auf meine dünnen Arme und Beine wies – ob ich denn ahnte, wie lang ein Krankenhausgang sein könne. Und wie müde man davon werden könne, die breiten Treppen zu wischen. Aber ich sagte nur: „Nun ja – das schaffe ich schon!“

   Nach sekundenlangem Schweigen erhielt ich die Antwort, dass ich schon am folgenden Tag mit einer geeigneten Arbeit in der Nähstube der Diakonissenanstalt beginnen könne.

 

   Tante und Mutter  hatten gespannt auf meine Rückkehr gewartet. Meiner Ansicht nach zeigten sie ein bisschen zu viel Freude über mein Glück. Es war lange her, dass  ich Mutter froh gesehen hatte. Ich unterließ es, mein Gespräch mit der Oberin wiederzugeben. Mutter und Tante erfuhren nichts über die Bedingungen meiner Anstellung. Als das Selbstverständlichste auf der Welt nahmen Tante und Mutter an, dass ich an meinem Arbeitsplatz etwas zu essen bekäme. Gutes Essen! Nach Tantes Überzeugung wurde in Krankenhäusern immer gesundes Essen in reichlicher Menge gekocht. Infolgedessen ging ich jeden Morgen weg, ohne einen bissen Brot bei mir zu haben.

 

   An meinem ersten Arbeitstag nahm mich eine alte und sehr, sehr respekteinflößende Diakonisse in Empfang. Mit wenigen Worten stellte sie mich ungefähr zehn  uralten Diakonissen, meinen Kolleginnen, die ich alle mit „Schwester“ anreden durfte, und der Näherin, Fräulein Pedersen, einer Frau mittleren Alters, vor. Währenddessen legte eine Schwester einen großen Haufen breiter Streifen aus weichem Flanell auf meine Nähmaschine, und die Leiterin der Nähstube bemerkte, man erwarte, dass ich schnell und ordentlich nähte. Das Krankenhaus brauche eine Menge T-Binden. Auf meine Frage, wozu man diese merkwürdigen, dicken, T-förmigen  Binden benötige, erhielt ich zunächst keine Antwort. Erst als ich sagte, dass die Arbeitsfreude erhöht werde, wenn man über das Produkt Bescheid wüsste, murmelte die alte Diakonisse etwas von Patientinnen in der Entbindungsabteilung. „Die bluten, wie du sicher weißt“. Nein, ich wusste nichts. Absolut nichts.

   Meine nächste Aufgabe bestand darin, Babyhemden zu nähen. Diese Arbeit gefiel mir. Alles um mich herum war eigentlich freundlich. Der helle Raum, die uralten Diakonissen und Fräulein Pedersen. Mit ihr kam ich rasch ins Gespräch. Obwohl sie älter war, hatten wir viel gemeinsam. Vor allem im Vergleich mit den Diakonissen, die mir wie Wesen vorkamen, die in einer anderen Welt lebten. Fräulein Pedersen war angetan von meiner Ausbildung, die sie selbst gerne gehabt hätte, aber nie hatte machen können. Ihre eine lange Zeit bettlägerige Mutter hatte ihr wichtigere Pflichten auferlegt. Nach meinem ersten Arbeitstag zeigte mir Fräulein Pedersen eine Abkürzung von der Nähstube zur Krankenhauspforte. Meiner Erinnerung nach führte sie durch einen Keller, aber es kann auch einer der schlecht beleuchteten Gänge des Krankenhauses gewesen sein. Ich benutzte die Abkürzung schon am nächsten Morgen. Etwas verwundert konstatierte ich, dass die sonst so  sanftmütigen Schwestern ein abgestumpftes Verhältnis zu ihren Patienten haben mussten – wenn sie sie auf Bahren, und das ohne Aufsicht, auf einem kalten und halbdunklen Gang liegen ließen. Es wäre besser gewesen, sie noch in den überfüllten Krankenzimmern unterzubringen. Mit etwas Liebe und gutem Willen kann man nämlich immer noch Platz für einen finden. Oder für mehrere – ja, für viele, wenn die Not groß ist.

   Das sagte ich zu den Schwestern in der Nähstube, obwohl das viel Mut erforderte. 

   „Ja – aber, liebes Kind, all’ die Menschen, die da unten liegen, die sind im Laufe der Nacht gestorben, und es braucht seine Zeit, die Leichen zum Friedhof zu bringen. Auf so viele Tote sind wir nicht eingestellt. Und es werden noch mehr werden. Jetzt, wo die Flüchtlinge in unsere Stadt strömen – und die Gefangenen aus den Lagern, die sich leeren werden“.

   Das sonst so sanfte Fräulein Pedersen meinte, dass ich mich dazu zwingen müsse, diesen Gang zu benutzen, obwohl er jetzt eine Art Leichenhalle sei. Ihrer Ansicht nach war es notwendig, sich abzuhärten. Erst wenn man abgehärtet sei, könne man viel ertragen. Und wer weiß, was noch geschehen wird.

   Also befolgte ich ihren Rat. Nach getaner Arbeit nahm ich mit ihr diesen Weg. Aber morgens, wenn der Gang am schlimmsten war, musste ich die Abkürzung in der Regel alleine schaffen. Abgehärtet wurde ich nicht.

 

   Rechts von der Krankenhauspforte lag die Kinderabteilung. Eines Morgens stand da eine Mutter. Sie verhielt sich sonderbar, mit ausgestreckten Armen schnappte sie nach Luft. Deshalb ging ich zu ihr, um sie zu fragen, ob ich ihr helfen könne.

   Ach nein, das könne ich nicht. Das könne niemand. Keiner! Denn ihr Kind sei in der Nacht gestorben. Die ganze Flucht habe sie es getragen. Habe alle Strapazen ertragen. Habe alles Weinen ausgehalten. Aber unmittelbar vor Flensburg, da habe sie nicht mehr gekonnt. Das Kind sei hungrig gewesen und habe gejammert und gejammert. Da habe sie ihm ein altes Stück Käse gegeben, um daran zu saugen. Dieser Käse habe den Tod des Kindes verursacht. Das habe man ihr mitgeteilt. Der Käse, hätten sie gesagt, der Käse habe das Kind getötet. Aber sie wisse, dass ihre Schwäche Schuld am Tod ihres Kindes sei. Sie habe also ihr eigenes Kind getötet. Sie hätte durchhalten müssen. Nur noch ein paar Stunden, dann wäre ihr Kind am Leben geblieben.

   Das schrie sie mir gegenüber heraus. Ich legte meine Arme ums sie, und sie klammerte sich an mich und brach in ein furchtbares Schluchzen aus. Es war, als weinte der ganze Körper, und ich musste alle Kräfte aufbringen, um sie zu stützen. Und während ich mich hilflos umsah, fiel mein Blick auf die Worte über die Krankenhauspforte:

   „Lobe den Herren, meine Seele, und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat“. Ich hatte dieses Bibelwort schon vorher gesehen. Jeden Morgen hatte ich den Satz gesehen, ohne mir irgendetwas dabei zu denken. Denn solche Worte waren für mich in einem Diakonissenhaus selbstverständlich. Aber jetzt, mit einer gequälten Mutter in meinen Armen, las ich den Satz laut. Ich glaube nicht, dass ich dabei den Wörtern einen Sinn geben wollte. Ich suchte nur nach Hilfe. Aber als wir hier weinend und machtlos standen, richteten sich die Wörter gegen uns und erhielten in meinen Ohren einen ironischen Klang. Denn da stand „Dir Gutes getan“. Was hatte Gott dieser Mutter getan? Weinend verbargen wir unsere Gesichter an der Schulter der anderen, und so standen wir, bis eine Schwester kam, um sich der jungen Mutter anzunehmen. An diesem Tag kam ich zu spät zur Arbeit. Ich erwartete eine Rüge, denn die Schwestern hielten viel von Pünktlichkeit und Pflichterfüllung. Aber als ich eintrat, schwiegen alle und fuhren fort zu nähen. Sie fragten nicht einmal, warum mein Gesicht geschwollen und verweint war. Als ob sie ahnten, dass ich keine Lust zum Reden hatte. Erst am Abend sagte ich zu Mutter: „Der Satz über der Eingangspforte ist eine Beleidigung. Mütter verlieren ihre Kinder, oft aus nichtigen Gründen. Wer kann den Herrn mit einem toten Kind im Arm für seine Wohltaten preisen? Die Diakonissen müssten Rücksicht nehmen und dieses Wort in einem Raum anbringen, in dem sich nur Diakonissen aufhielten. Denn die sind nicht Mütter. Die haben ja der Welt längst Lebewohl gesagt“.

   Ich erinnere mich nicht an Mutters Antwort. Vielleicht sah sie mich nur stumm an, wie sie das in letzter Zeit tat, wenn Zorn und Verzweiflung aus mir hervorbrachen. Vielleicht sagte sie etwas wirklich Kluges. Vielleicht sagte sie sogar etwas über Jesus, Gottes Sohn, der den Schmerzenstod am Kreuz erlitten hatte. Denn über diesen Schmerzenstod hatte sie früher mit mir gesprochen. Vielleicht tat sie das auch an diesem Abend. Aber ich hörte wohl nicht zu. Denn sonst wäre mir jedes Wort im Gedächtnis geblieben.

 

   Mitten am Tag, mit einem bestimmten Glockenschlag, räumten die Schwestern und Fräulein Pedersen den Arbeitstisch, der mitten im Zimmer stand, ab, denn nun war Essenszeit. Nachdem das getan war, nahmen sie ihren Platz rund um den Tisch ein. Nur ich arbeitete weiter an meiner Nähmaschine, denn für mich war Verpflegung nicht mit inbegriffen. Und dann wurde die Tür geöffnet und ein Servierwagen hereingerollt, und Suppe wurde aufgegeben. Vorsichtig und sorgfältig handhabte die Serviererin die Kelle. Eine Kelle Suppe pro Teller, nicht mehr und nicht weniger, und nicht ein Tropfen durfte vergeudet werden. Jeden Tag gab es Suppe. Ich saß mit dem Rücken zu dieser Zeremonie. Zwar konnte mein Magen knurren, aber ich überspielte die Situation, indem ich meine Maschine surren ließ. Trotzdem hörte ich sie das Tischgebet sprechen, den Löffel ergreifen und essen. Einige schlürften, sei es aus Behagen, sei es, weil sie sehr alt waren. Ich hörte sie die Suppe als etwas Undefinierbares bezeichnen, als etwas farblos Zusammengekochtes aus allem Möglichen, verdünnt mit Wasser und ohne Zucker oder Salz. Besonders Salz war Mangelware. Aber die Suppe war das einzige, was sie bekamen. Und deshalb klang das Dankgebet der Schwestern in meinen Ohren immer ehrlich und tief  empfunden.

   Wie viele Tage ging das eigentlich so? Drei? Fünf? Das weiß ich nicht mehr. Aber eines schönen Tages bat eine Diakonisse die Serviererin um einen Extrateller und einen Esslöffel. Beides wurde hingestellt, und ich durfte am Tisch Platz nehmen. Die Serviererin gab den Schwestern und Fräulein Pedersen Suppe auf. Aber  mein Teller blieb leer. Denn das „System“ musste erhalten bleiben. Als die Serviererin gegangen war, nahm eine Diakonisse meinen Teller, versah ihn mit einem Löffel Suppe von ihrer eigenen Portion und reichte ihn an die nächste weiter. So ging der Teller einmal um den Tisch. Niemand ließ ihn an sich vorbeigehen, und niemand sagte ein Wort. Erst als der Teller vor mir stand, falteten die Schwestern die Hände zum Tischgebet.  Meine Hände blieben, wo sie waren, auf dem Schoß, ungefaltet.

   Wenn sie mit mir die Suppe teilen wollen, ist das in Ordnung, dachte ich. Aber sie sollten nicht glauben, dass ich mich dadurch veranlasst sähe, meine Hände zu falten. Sie sollten all’ die frommen Worte für sich behalten, und sie mochten beten und danken, so lange sie wollten. Ich konnte nicht. Sie lebten in ihrer Welt und ich in meiner. Ich musste über die Runden kommen. Ich war hungrig, war arm, verletzt und schleppte eine Menge Sorgen mit mir herum. Ich hatte mich schutzlos gefühlt. Nun musste ich mich hart machen, um stark zu werden. Man durfte mir gerne etwas schenken, mir auf die Beine helfen, und wenn nicht anders, dann  mit ein bisschen Verständnis. Aber niemand sollte erwarten, dass ich dankte, indem ich mich unterordnete. Ich dachte nicht daran, mich anzupassen, nur weil ich mich verpflichtet fühlte, mich zu bedanken. 

   Meine Hände blieben auf dem Tisch, als die Suppe  gegessen war. Ich erwartete eine Rüge, weil ich mich unerzogen benommen hatte. „Man muss sich Sitten und Gebräuchen anpassen oder das Land verlassen“, heißt es. Aber die Diakonissen verzogen keine Miene. Jede nahm ihre Arbeit auf. Und die Ältesten, die am Tisch saßen und Bänder und Knöpfe annähten, plauderten wie üblich, als sei nichts geschehen. Tags darauf, als der Servierwagen hereingerollt worden war, baten mich die Schwestern erneut an den Mittagstisch, was ich überhaupt nicht erwartet hatte. Und die Zeremonie des Vortages wiederholte sich. Mag sein, in noch größerer Stille, als ob sie eine Andacht hielten. Als ob die Geberin mit jedem Löffel Suppe mir einen Gedanken, einen Wunsch – vielleicht auch ein Gebet - widmete. So empfand ich das. Eine besondere Stimmung erfüllte den Raum. Irgendetwas war gegenwärtig, was ich nicht benennen konnte. Nicht zu diesem Zeitpunkt.

   Sie gaben mir etwas von ihrer Suppe ab, taten das jeden Tag, ohne dafür irgendetwas zu verlangen. Und als ich schließlich meine Hände zu einem Dankgebet faltete, fiel mir das leicht, so leicht. Irgendetwas hatte meinen steifen Nacken gebeugt. Ein Knoten war gelöst und damit beseitigt worden. Nicht wegen der Suppe, obwohl es gut war, etwas im Magen zu haben. Die Schwestern und ihre Art zu geben, öffneten meine Augen.

 

   Ich glaube, der Schnee taute zeitig in diesem Jahr. Jedenfalls war überall Matsch, und ich hatte immer nasse Füße. Meine Stiefel, die einzigen Winterschuhe, die ich besaß, hatten Risse bekommen. Eines Morgens kam Fräulein Pedersen mit einem Paar fast neuer Schuhe. Wenn ich wollte, könnte ich sie gerne haben. Schuhe waren beim Tauschhandel auf dem Schwarzen Markt äußerst begehrt, und ich hatte nichts, was ich ihr als Gegenleistung hätte geben können. Aber sie vertraute auf spätere Zeiten, wenn ich einen Platz an der Sonne hätte. Da würde ich mich erinnern an meine nassen, kalten Füße und an das Geschenk, die fast neuen Schuhe. Und dann würde es mir leicht fallen, anderen, die in Not sind, etwas zu geben.

 

   Der Boden war seltsamerweise sehr früh nicht mehr gefroren. Jedenfalls nicht unter den Johannisbeerbüschen auf der Südseite von Tante Maries Schrebergarten. Hier konnte ich Jakob begraben. Sein Tod kam unerwartet. Wenn ich ihn am Morgen – noch im Nachthemd – begrüßte, saß er auf seinem Stäbchen und hatte mir mit den Bewegungen seiner Flügel gezeigt, dass es ihm gut ging. Aber an einem Sonntagmorgen fand ich ihn auf dem Boden des Bauers sitzen, und ich nahm ihn in meine Hände, wo er starb. Nicht friedlich und ruhig, wie man es von einem schönen, kleinen Wesen hätte erwarten können. Heftige Krämpfe erschütterten den Körper des Vogels. Ein Nachbar, der etwas von Tieren verstand, meinte, dass mein kleiner Freund an einer Vergiftung gestorben sei. Der alte Bauer war mit Grünspan überzogen, obwohl ich versucht hatte, ihn sauber zu putzen.

 

   Der 16. März war mein letzter Arbeitstag in der Nähstube. Die alten Schwestern gaben mir herzliche Wünsche mit auf den Weg, und die Leiterin der Nähstube glaubte, mich zu loben, indem sie sowohl gegenüber den Schwestern als auch der Oberin von meiner Anpassungsfähigkeit sprach, was die Oberin in meinem Zeugnis als „gute Führung“ formulierte. Fräulein Pedersen gegenüber wagte ich zu sagen, dass ich mich nicht angepasst hätte. Ich sei nur ich selbst gewesen, und das sei ein himmelweiter Unterschied. Tante Marie freute sich über meine dienstfreien Tage. Sie hatte mit dem Frühjahrsputz begonnen und war froh über mein Angebot als „Hausgehilfin“. Der Krieg sei schnell vorbei, sagte sie wieder und wieder, und das Haus sollte glänzen, wenn ihr Mann und der Sohn Hans nach Hause kämen. Bisweilen saß sie am Radio, stumm und angespannt lauschend. Und da erkannte ich, dass sie ganz und gar nicht so unbesorgt war, wie sie mir gegenüber den Eindruck zu erwecken suchte. Wie andere konnte sie sagen: „Gnade uns Gott, wenn die Russen bei Hamburg über die Elbe kommen. Gnade uns Gott und auch der Bevölkerung in Dänemark!“ Die Tante begann, über die kleine Kammer oben auf dem Dachboden zu sprechen, wo sich Hans seine „Höhle“ eingerichtet hatte. Ja, eines Tages zeigte sie mir den Aufgang und die Höhle. Sicherheitshalber. Falls sie plötzlich kämen. Die Russen. Die Treppe nach oben war so versteckt, dass Fremde nicht einmal ahnen konnten, dass dort der Zugang zu mehreren Bodenräumen war. Das war ein hervorragendes Versteck. Ein noch besseres befand sich im Keller. Die Grundmauern des Hauses seien vierhundert Jahre alt, erzählte mir Tante Marie. Ich war nur ein einziges Mal da unten. Nie zuvor hatte ich einen derart dunklen, niedrigen, feuchten, kalten und engen Raum gesehen. Aber man würde es sicher aushalten können – auch hier. Wenn die Russen kämen.

   Ich mochte Tante Marie sehr. Sie hatte viele Lachfältchen. Einmal fand ich sie am Fenster stehen, die Hand auf den Leib gepresst. Da sah ich, dass sie Schmerzen hatte. „Pah“, sagte sie, „das bedeutet gar nichts“. Sie hätte die Wahrheit sagen sollen. Sie, die immer ein offenes Ohr für die Schmerzen anderer hatte.

   Mutter begann davon zu sprechen, zu ihrer jüngsten Schwester Hanna ziehen zu wollen, die wenige Jahre zuvor von einem ungetreuen Ehemann geschieden worden war. Hanna hatte die Erziehungsberechtigung für ihre beiden kleinen Töchter und hatte es generell sehr schwer. Ihre jüngste Tochter war in einem Sanatorium für lungenkranke Kinder in der Nähe von Malente in der Holsteinischen Schweiz. Die Behandlung bestand in einer „Liegekur“. Das heißt, dass das dreijährige Kind, das noch nicht laufen konnte, den ganzen Tag auf dem Rücken im Bett liegen musste. Festgebunden, weil es zu lebhaft war. Hanna durfte ihre Tochter nicht mehr besuchen. Nach ihrem letzten Besuch hatte das Mädchen mehrere Tage gejammert und nach seiner  Mutter geschrieen und verrückt gespielt – zum großen Schaden für sich selbst, wie der Arzt erklärte. Mit Argusaugen beobachtete Hanna täglich den Frontverlauf. Und sagte schließlich, dass sie das Mädchen nach Hause holen müsse. Mutter und ich zogen zu Hanna, um uns um Helga, die älteste Tochter, zu kümmern, wenn Hanna sich spontan entschließen sollte wegzufahren, ohne Gefahren und mögliche Folgen zu berücksichtigen. Bei Tante Hanna mussten Mutter und ich ein Bett teilen. Da gab es nicht viel Schlaf. Tagsüber waren wir beide in dem engen Zimmer ruhelos. Und wenn Hanna von der Arbeit kam, war sie in der Regel müde und schweigsam und verschlossen. Wenn sie zu reden begann, ging es oft um ihre gescheiterte Ehe und die Übeltaten ihres ehemaligen Mannes, während Mutter zuhörte. Ja, Mutter war faktisch die erste, der Hanna etwas erzählte von dem, was sie die Dummheit ihres Lebens nannte. Die ständig kranke Schwester Erne wollte Hanna damit nicht belasten, und mit Marie konnte sie nicht reden. Zwischen Marie und Hanna gab es eine Mauer, die Hanna nicht niederzulegen versuchte. Weil sie sich schäme, wie sie sagte. Denn es war Marie, und nur Marie, die ihre Hand ausstreckte und ihr Haus öffnete und ihre Schwester und die kleinen Mädchen aufnahm, als Hanna unmittelbar nach der Geburt – direkt vom Wochenbett aus – ihren Mann verlassen hatte, das eine Kind an der Hand, das andere auf dem Arm. Aber es war auch Marie, die unmittelbar vor der Verlobung die verliebte Schwester vor ihrem Auserwählten gewarnt hatte. Hatte dies unverblümt und sehr deutlich getan, hatte erzählt, was sie wusste und dachte und was sie meinte voraussagen zu können über eine Ehe mit diesem Mann. Das Ergebnis war, dass Hanna mit Marie brach und den Charmeur heiratete.

   „Zieh zu uns zurück“, sagte Tante Marie, als sie merkte, dass ich mich nicht wohlfühlte. Mutter meinte, ich solle bei Hanna bleiben, die eine Stütze brauche. Erst als Tante Marie sie darauf aufmerksam machte, dass auch meine Leidensfähigkeit zu Ende gehe, willigte Mutter ein, dass ich für eine gewisse Zeit zu Marie und Kurt und Maries Schwiegermutter, die wir Großmutter nannten, zöge. Viele nannten diese uralte Frau – in aller Heimlichkeit – eine alte Hexe. Sie saß den ganzen Tag am Spinnrad, und ich liebte es, neben ihr zu sitzen und sie erzählen zu hören von damals, als sie Herrin auf einem großen Hof war. In der Regel waren es Frauen aus Großmutters Dorf, die mit Rohwolle zu ihr kamen, die sie kämmte und spann. Sie bezeichnete sie als „Kunden“. Großmutters Stube lag hinter der Küche, durch die die Kunden gehen mussten. Es amüsierte Kurt, dass sie später immer die Tür zumachte, wenn sie mit den Kunden über den Preis für ihre Arbeit verhandelte. Die alte Frau wollte sich nicht mehr mit Geld und einem Teil der Wolle begnügen. Sie wollte Lebensmittel haben. Und sie kannte die wohlhabenden Bauersfrauen aus Angeln, die sich manchmal wanden unter Großmutters Unerschütterlichkeit und Verhandlungsmethode. Und sie kamen mit Gegenargumenten: Die Tiere seien gezählt und registriert worden. Sogar die Hühner. Man könne sich nicht erlauben, schwarz zu schlachten. Oder ein Huhn mehr als angegeben zu haben. Ach ja, ach ja, ihnen fehlte es an Lebensmitteln, diesen Bauersfrauen.

   Wir nahmen das Mittagessen in Großmutters kleiner Stube ein. Die alte Frau thronte am Kopfende des Tisches. Sie thronte, ja, denn jetzt war sie es, die die fette Milch zur Grütze und das leckere Fleisch für die Suppe besorgt hatte. Und die Kartoffeln, diese herrlichen Knollen, die üblicherweise nicht aufzutreiben waren, verdankten wir ebenfalls Großmutter. Nur Salz blieb eine Mangelware – auch für die Bauern.

 

   Eines Tages erschien Kurt mit einem Welpen, einem echten Zwergpinscher. Der  war schwarz und hatte wie Pucki einen braunen Fleck auf der Brust. Aber damit hörte die Gleichheit auch schon auf. Eine Promenadenmischung wie Pucki konnte nicht kopiert werden. Der Hund erhielt den Namen Lumpi, und ich beschloss, mich über das Tierchen zu freuen, obwohl es kein Ersatz sein konnte. Nach ein paar Tagen bei uns wurde Lumpi krank. Wir lösten uns dabei ab, bei dem Welpen zu sitzen, bis er an Staupe starb. Ein alter Tierarzt meinte, dass der Hund sich schon angesteckt hatte, als wir ihn bekamen. Derjenige, der sich den Tod des Hundes am meisten zu Herzen nahm, war Kurt. Er sagte so etwas Sonderbares wie „Liebe Cousine, ich bringe dir Unglück“. Denn er war es gewesen, der auch den Bauer für Jakob besorgt hatte.

   Als die Krokusse auf dem alten Friedhof einen Blumenteppich gebildet hatten und Kurt mir diese Pracht zeigen wollte, kam ich nicht den Berg hinauf. Meine Beine waren wie Blei. Tante schickte mich ins Bett, und Kurt lief rüber zu Hanna, um Mutter zu holen. Der hinzugezogene Hausarzt konnte keine Diagnose stellen, aber er nahm Muter beiseite und empfahl ihr, für uns eine andere Wohnung zu suchen. Er könne nicht garantieren, dass Kurts Tuberkulose verkapselt bliebe und nicht ansteckend würde.

   Kurt hatte das Gespräch durch einen Türspalt mitgehört.  Für ihn waren die Worte des Arztes niederschmetternd. Bisher hatten alle – besonders der Arzt – so getan, als werde Kurts  Krankheit bald überwunden sein.

   Niemand bemerkte Kurts düstere Gedanken. Solange ich hohes Fieber hatte, gab er auf mich Acht. War bei dem geringsten Geräusch bei mir, kam mit Fliederbeersaft aus Tantes Keller und mit Leckereien, die er „organisiert“ hatte. Aber als ich wieder auf den Beinen war, fand ich ihn verändert. Physisch und psychisch versuchte er jetzt, Abstand zwischen uns zu halten. Mutter wollte mir einreden, dass der Grund für Kurts Verhalten seine Liebe zu mir sei.

   „Du musst verstehen, dass der Gedanke, dass er dir schaden könne, für ihn ein Albtraum ist“.

 

   Eines Tages kam  mit der Post meine Einberufung zum Verteidigungsdienst. Absender war die Hitler-Jugend. Zusammen mit einer Gruppe anderer Mädchen meines Alters sollte ich in einer Kaserne – und dies unter Regie der Wehrmacht – lernen, in einer Telefonzentrale zu arbeiten. Zufrieden stellte ich beim ersten Treffen der Gruppe fest, dass nur unsere Leiterin, eine etwa zwanzig Jahre alte Frau, in Uniform erschienen war. Und natürlich auch der Oberfeldwebel. Er war über seine erste Jugend hinaus und genoss sichtlich die vergnügliche Aufgabe, uns jungen Mädchen die Fertigkeiten beizubringen, die wir anwenden sollten im letzten großen Verteidigungskampf, der den Endsieg zum Ergebnis haben würde – sagte uns der Oberfeldwebel mit einem Augenzwinkern. Nach ganz kurzer Instruktionszeit wurden wir der Reihe nach an einen ziemlich großen Schalttisch gesetzt. Wohl hielt sich der Oberfeldwebel die meiste Zeit im selben Raum auf. Trotzdem fand ich von Anfang an, dass die Arbeit verantwortungsvoll und sehr aufreibend war. Wohl konnte mir niemand weismachen, dass ich durch eine fehlerhafte Stöpselung Deutschlands Zukunft vermasselte. Aber es kam vor, dass ziemlich wichtige Personen die eine oder andere dringende Verbindung verlangten. Schnell! Und wenn zwei oder drei oder mehrere Wichtigtuer zur selben Zeit meinten, dass sie  wichtiger als alle anderen seien, musste das für eine „Verantwortliche“ wie mich schief gehen. Zwar machte ich nicht so etwas Entsetzliches wie eine andere aus unserer Gruppe, die eine Telefonverbindung zwischen einem sehr hohen Offizier und einem einfachen Soldaten in der Küche herstellte. Aber ich verhedderte mich so katastrophal, dass ich die Murkserei auch nicht mehr durchschauen und sie deshalb auch nicht entwirren konnte. Der Offizier wurde rasend und bezeichnete mich als „Feldmatratze“. Tat das mehrfach. Eine Feldmatratze mit Stroh im Kopf und wer weiß was im Arsch usw. Er benutzte Wörter, die ich nie zuvor in meinem Leben gehört hatte. Bis ihn der Oberfeldwebel unterbrach, indem er den Herrn Offizier aufmerksam machte, dass es der Herr Offizier hier mit einem sehr jungen Mädchen zu tun habe, das von der Hitler-Jugend abkommandiert sei, das Vaterland bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Am anderen Ende der Leitung wurde es merklich still. Aber es kam keine Entschuldigung.

   Ansonsten ließ mich die Hitlerjugend in Frieden. Es kamen keine weiteren Einberufungen zum Sport oder zur politischen Schulung. Begann man vielleicht auch hier, das Ende zu ahnen? Obwohl der Patrouillendienst der Hitlerjugend seine Pflicht in den Straßen der Stadt noch treulich erfüllte. Die vornehmste Pflicht war, Jugendliche festzunehmen, die sich nach der Sperrzeit noch auf Straßen und Plätzen befanden. Nur fünf Minuten über die Zeit konnten für junge Leute unbehagliche Folgen haben. Etwas Neues war, dass ein älteres Ehepaar einmal drei Jungen vom Patrouillendienst, die sich Lori und mir gegenüber pöbelhaft benommen hatten, den Kopf wusch. Und noch neuer war, dass die Jungen so schnell wie möglich verschwanden. Und dass die beiden älteren Menschen lächelnd von einem neuen Frühjahr sprachen, das da kommen werde.! Dieses Erlebnis löste Glücksgefühle aus.

   Gegen Ende des Krieges erklärte Ecuador Deutschland den Krieg. Ich nehme an, dass ich das nicht zur Kenntnis nahm, denn das geschah am 2. Februar 1945, und da hatte ich andere Sorgen. Ich glaube auch nicht, dass ich die Kriegserklärung Uruguays am 15. Februar desselben Jahres registrierte. Ebenso wenig die von Venezuela, die am folgenden Tag ausgesprochen wurde. Ich muss bekennen, dass ich mich nicht erinnern kann, ob Deutschlands öffentlichen Medien die Kriegserklärung der Türkei, die am 1. März erfolgte, meldeten. Es wird mir völlig gleichgültig gewesen sein, was diese Staaten jetzt machten oder zu tun unterließen. Sie sprangen ja nur im letzten Augenblick auf einen Zug auf, der ihrer Ansicht nach in die richtige Richtung fuhr. So sind nun einmal die Menschen – besonders die eher schwachen – und man darf ihnen nicht vorwerfen, was man verstehen muss. Was man auch tut, wenn man sich ein bisschen mit  Geschichte beschäftigt hat: Die erzählt deutlich und mit unzähligen Beispielen, dass das Leben schwierig ist für den, der das Schicksal des Unterlegenen teilen muss.

 

   Wie viele Jahre bedurften die Menschen unserer Breitengrade, die Städte zu dem zu machen, was sie vor dem Zweiten Weltkrieg waren? Tausend? Zweitausend Jahre? Ach nein – länger, unendlich viel länger! Denn das erste Feuer, an dem Menschen eine Gemeinschaft bildeten für den gemeinsamen Überlebenskampf, der erste irdene Topf, der erste Schmuck, das erste Rad, die erste Ansammlung von Hütten, die errichtet wurden, waren ja der Anfang unserer Städte. Vieles wurde während der Kriegsjahre in Schutt und Asche gelegt. Museen, Kunstsammlungen, Schlösser, Hütten, Burgen, Kirchen und Häuser mit Menschen – und Erinnerungen. Hamburg, Berlin, Nürnberg, Kassel, Kiel, Dortmund, Köln usw., usw. Und man hörte nicht auf, sie zu bombardieren.

   „Vergeltung!“ schrie Hitler, und viele taten es ihm gleich. Mehr und mehr sprach man in Deutschland von der „Wunderwaffe“, die da bald kommen werde. Das Volk sollte seine Hoffnung in die „Wundertaten“ dieser Waffe setzen. Denn diese Waffe werde größer und ihre Wirkung verheerender sein als die V 1 und die V 2. Und hier muss daran erinnert werden, dass „V“ für „Vergeltung“, für Rache steht. Raketen in der Luft auf dem Weg nach England – zeigte man der deutschen Bevölkerung solche Bilder als eine Art Beruhigungspille? Oder erwartete man beim Volk Freude und Genugtuung über die „Vergeltung“? Ich hätte gerne gewusst, ob die Sirenen in England denselben entsetzlichen Heulton wie bei uns hatten. Denn die Städte in England beherbergten genauso wie unsere Städte Menschen und Erinnerungen. Als die Dauer des Krieges gegen Null strebte, Stunde für Stunde und Tag für Tag, wurde ich immer mehr eins mit den Kindern auf der anderen Seite der Frontlinie. Ob die wohl auch eines schönen Tages fragten, ob sich denn niemand gefunden habe, absolut niemand unter den großen, starken, erwachsenen Machthaber, der der Vergeltung Einhalt gebieten wollte und konnte und sich dies zu tun getraute? Der Krieg war ja längst entschieden.

 

   Die Russen gewannen Gelände nach Westen, die Amerikaner und Briten nach Osten hin. Und nach Norden? Das war für uns, die wir sozusagen am „Ende der Welt“ lebten, die wichtigste Frage. Wer von den Alliierten ist der schnellste? Die Russen? Die Amerikaner? Die Engländer?

   „Herr Gott! Erhöre unser Gebet! Lass’ die Briten zuerst die Elbe überschreiten!“

   Die Luft war geschwängert von diesem Gebet. Es wurde nicht nur in Kirchen gebetet, nicht nur kniend gesprochen, andächtig, mit gefalteten Händen, wie sich das gehört. Dieses Gebet war in allen Gedanken. War Hauptthema bei jedem vertraulichen Gespräch. War in jedem Seufzer. Und in jedem Dank. Das heißt, bei all’ denen, die auf Hitler-Deutschlands Endsieg weder hofften noch an ihn glaubten. Und bei vielen anderen, die auf Grund eigener Erlebnisse oder durch Erzählungen den Siegesrausch russischer Soldaten kennen gelernt hatten.

 

   Ich hatte viel um die Ohren. Dennoch fand ich im Laufe des Tages Zeit für gerade dieses Gebet: „Lass’ die Briten die Elbe vor den Russen erreichen!“ Wenn ich vom Burgfrieden auf die Stadt sah. Wenn ich mich der Kinder annahm. Wenn ich Wasser in Kannen und Eimer füllte. Wenn ich versuchte, aus dem reinen Nichts Essen zu kochen – und das oft ohne Strom oder Gas – oder Wäsche mit flüssiger Seife, die nach Fisch roch, wusch. „Lieber Gott! Lass’  die Briten als erste über die Elbe gehen“. Abends wollte ich das Gebet zusammen mit den Kindern beten, aber die wollten nicht, denn sie verstanden nicht unser Bedürfnis, ein solch merkwürdiges Gebet zu sprechen. Für die Kinder war „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen, als Jesus allein“ näher liegend. Zwar wollte der Fünfjährige wissen, was ich mit der „Elbe“ meinte, wo die war und was die Briten für welche seien, da sie so wichtig waren. Ich erzählte den Jungen etwas über die Engländer und die Amerikaner, die Alliierten. Klaus hielt das für zu kompliziert. Aber Horst, der Vierjährige, begriff sofort. Er nannte sie kurz und bündig „Erikaner“.

   Ja, ich hatte wirklich viel zu tun, denn seit dem 1. April hatte ich einen Praktikumplatz in einem „passenden Haushalt“. Mehrere hatten mir geraten, diesen Praktikumplatz per Zeitungsanzeige zu suchen. Dies könne die Chance erhöhen, einen Platz in einem der herrschaftlichen, gut eingerichteten, wohlhabenden Haushalte zu bekommen. Die Praktikantinnen meiner Schule waren in diesen Kreisen begehrt, denn die Mädchen waren schon von Seiten der Schule handverlesen und kamen nicht ohne Vorkenntnisse, standen unter strenger Kontrolle, waren gelehrig, fleißig und außergewöhnlich „preisgünstig“. Aber ein Schutzengel weiß gewöhnlich, was am besten ist. Mein Engel wusste jedenfalls, was er tat, als er mich mit „meinen“ Kindern zusammenbrachte. Er riet mir, die Arbeitsvermittlung aufzusuchen, wovon mir Freunde und die Familie abgeraten hatten:

   „Bei den Behörden gibt es zu viele Bürohengste der übelsten Sorte“, warnten meine Freunde, „in ihrem langen und intensiven Umgang mit Zwangszuweisungen von Zwangsverschleppten und von gewöhnlichen, hier ansässigen Zwangsarbeitern haben die Schalterbeamten den letzten Rest eines akzeptablen Umgangstons verloren“.

   Aber der mir genannte Raum im Arbeitsamt hatte keine Schalter. Als „Sperrgebiet“ fungierte ein schlecht beleuchteter Warteraum mit einer Bank. Ich war froh, Lori neben mir zu wissen. Wir waren die einzigen Wartenden, und es war nicht zu vermeiden, dass wir durch  die geschlossene Tür Brocken eines ziemlich laut geführten, hitzigen Gesprächs hörten. Dies wurde zu einem Monolog, als sich die Tür endlich öffnete und eine ungefähr fünfunddreißig Jahre alte, kräftige, solide gekleidete Frau, die ihr volles Haar zu einem Nackenknoten gebunden hatte, zum Vorschein kam. Ich begriff, dass sie ein Mädchen für den Haushalt suchte. Sie hob hervor, dass sie auf Grund ihrer Kinder einen regelrechten Anspruch auf eine Haushaltshilfe habe. Aber sie bedanke sich für die jungen Mädchen, die auf Grund des obligatorischen Pflichtjahrs sich nur widerwillig mit Hausarbeit beschäftigten. Wie zum Beispiel das Mädchen, das das Arbeitsamt ihr vor einem Jahr zugewiesen habe. Eine so verquere Göre ein ganzes Jahr lang Tag für Tag als Hausgehilfin in der Wohnung zu haben, könne einen zur Verzweiflung bringen. Sagte die Frau. Sie war schon halb im Wartezimmer, als sie sich plötzlich noch einmal umwandte und mit wirklich scharfer Stimme sagte:

   „Diesmal schicken Sie mir ein Mädchen, das arbeiten kann. Und – das – Kinder – mag! Verstanden!“

   „Ja, ja“, antwortete die Frau hinter dem Schreibtisch, „ja, ja“. Und als die Matrone den Raum verlassen hatte, flüsterte ich:

   „So ein Drache! Armes Mädchen, das unter ihrer Knute arbeiten muss!“

   Und dann war ich an der Reihe. Die  Frau am Schreibtisch hörte sich freundlich lächelnd meine gut vorbereitete Forderung nach einer für eine Praktikantin im Allgemeinen und für mich im Besonderen passenden Stellung an. Und antwortete: „Ja, ja – Ja, ja“. Lächelnd reichte sie mir einen Zettel mit einer Adresse. Hier habe sie etwas, was mit meinen Wünschen übereinstimme.

   Lori und ich gingen sofort zu dieser Adresse. Im ersten Stock in einem Wohnhaus „Am Burgfried“. Aber in der Wohnung drin herrschte allem Anschein nach alles andere als Frieden. Wir hörten Kinder, die sich kloppten und schrieen, und eine Frauenstimme, die laut schreiend Ruhe zu schaffen versuchte. Vergeblich! Erst nach mehrmaligem Klingeln verstummte der Lärm. Die Tür wurde geöffnet - - - - -

   Und, oh Schreck! Da stand der „Drache“, den wir gerade beim Arbeitsamt gesehen und gehört hatten. Wir merkten, dass die Frau uns nicht wiedererkannte. Als wir uns vorstellten, lächelte sie etwas verlegen. Bat uns hineinzukommen und versuchte – während sie uns aufforderte, uns zu setzen – den Lärm zu entschuldigen. Die Kinder – drei Jungen unter sechs Jahren – die enge Wohnung, das schlechte Wetter -.

   Wir hatten gerade am Tisch Platz genommen, als der Lärm wieder losbrach.  Die beiden ältesten Jungen setzten ihren Streit mit viel Geschrei und Gebrüll fort, während der Jüngste den Kampf mit lautem Geheul begleitete. Und all’ das, während die Frau versuchte, ein Gespräch zu führen. Es gab allerhand, was sie mich gerne fragen wollte, und vieles, was sie als Antwort erwartete. Aber viele unserer Sätze gingen im Lärm, den sie mit Zischen zu dämpfen suchte, unter. Plötzlich drehte sie sich um und sagte fast bittend:

   „Klaus! Horst! Uwe! Könnt ihr nicht einmal fünf Minuten lang still sein? Nur fünf Minuten! So dass wir anderen zusammen reden können!“ ich konnte ein Zittern in ihrer Stimme nicht überhören. Und als sich unsere Blicke trafen, konnte ich nicht übersehen, wie müde sie war. Sie erwartete ihr viertes Kind. Da war meine Entscheidung gefallen. Ich nahm die Stelle an. Als wir das Zimmer verließen, entschuldigte sie die Jungen noch einmal. Sie seien nicht so schlimm, die drei. Ihnen fehle nur der Vater. Und seine Erziehungsmethoden. Er sei Offizier der Handelsmarine gewesen, diene aber jetzt bei der Kriegsmarine. Sie wusste nicht, wo er war. Eine Nachricht von ihm ließ auf sich warten.

   Der Vertrag wurde schriftlich ausgefertigt und der Schule zur Genehmigung vorgelegt. Er war so, wie eine Übereinkunft zwischen einer Praktikantin und einem Arbeitgeber zu sein hatte. Also nicht sonderlich günstig für die Praktikantin. Aber „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. So ist das Leben nun einmal. Und es zeigte sich, dass ich die Chance bekommen hatte, eine Lehre zu durchlaufen, die keine noch so feine Schule mir hätte vermitteln können. Ein Arbeitstag von 7.30 bis 19.00 Uhr. An jedem zweiten Sonntag ein freier Nachmittag von 15.00 Uhr an und einmal wöchentlich ein freier Nachmittag ebenfalls ab 15.00 Uhr: Auch ein bescheidener Urlaub war festgelegt. Er sollte am liebsten im Sommer genommen werden. Der Lohn bestand in 20,00 RM monatlich und freier Verpflegung. Das Geld war in einer Zeit, in der die meisten Gegenstände des täglichen Gebrauchs Mangelware oder nicht vorhanden waren, nicht viel wert. Und die freie Verpflegung wurde nach und nach zu reichlich viel Hunger. Alles, was Urlaub und Freizeit anbelangte, konnte ich schnell vergessen. Ab und zu konnte ich mir eine Stunde Freizeit gönnen, oft mit einem Kind an der Hand. Einen zusammenhängenden freien Nachmittag betrachtete ich als ein ganz besonderes Geschenk. Man nimmt sich nicht frei, wenn endlich Wasser aus dem Hahn kommt, denn dann gilt es, Wäsche zu waschen, Fußböden und Treppen zu wischen. Und man macht es sich auch nicht bei etwas Gleichgültigem gemütlich, wenn sich herumspricht, dass die Geschäfte der Stadt die eine oder andere Lebensmittellieferung erhalten hatten. Dann geht man auf die Jagd nach etwas Essbarem! Im Großen und Ganzen brauchte die Familie mich und meine Hilfe. Den ganzen Tag über! Und manchmal auch in der Nacht. Besonders am Ende der Schwangerschaft und bei der Geburt des Kindes, die zu Hause stattfand, und während des Wochenbetts. Sie hatten ja nur mich. Nein, ich kann nicht sagen, wie ich die Arbeit schaffte und die Last der Verantwortung  tragen konnte. Ich konnte, weil ich musste. So kam es, dass sie alle zusammen „mein“ wurden. Meine Kinder, meine Familie, meine Verantwortung, meine Liebe.

   Da bildete ich mir nun ein, dass ich es war, die ihnen half! Erst später begriff ich, dass  es diese Familie gewesen  war, die mir, indem sie mir Pflichten auferlegte, über den Berg geholfen hatte, was ich aus eigener Kraft nicht geschafft hätte.

   Denn als nun wirklich Frühling wurde mit Sonnenschein und Blumen und viel Vogelgezwitscher, begriff Mutter zunehmend die Realität. Sie kapselte sich mehr und mehr in ihrer Trauer ab. Mit all’ der Energie, die ich noch aufbringen konnte, versuchte ich, sie zu stützen. Aber das glückte nicht. Ich besaß nicht genügend Einfühlungsvermögen, um einem geliebten Menschen helfen zu können, der jetzt mit einer Klarheit ohnegleichen den Verlust des Sohnes und des Mannes und des Zuhauses begriff und der gleichzeitig auf Briefe mit wunderbaren Nachrichten wartete.

 

   Die Stadt füllte sich mit Flüchtlingen und Soldaten – und mit Flöhen. Gegen die Flöhe versuchten wir uns zu wehren mit Essig auf den Kleidersäumen und den Strümpfen. Versuchten, ja - denn nichts half. Der Obdachlosigkeit begegnete die Stadt mit Baracken, Nissenhütten (großen Hütten aus gebogenem Wellblech) und Zwangseinweisungen bei Privatpersonen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Quadratmeter einer Person zustanden. Eng wurde es auf jeden Fall in Häusern und Hütten. Und aufreibend für alle Teile. Die Glücklichen, die eine Wohnung oder ein Haus besaßen, hatten nur selten die Möglichkeit, sich selbst die Mitbewohner auszusuchen, die ihrerseits auch nur eine genau berechnete Quadratmeterzahl zugewiesen bekam. Nicht immer passten eine kinderreiche Landarbeiterfamilie aus Masuren und eine Flensburger Familie mittleren Alters in einer hübschen Vierzimmerwohnung, in der Küche und Bad oder eine Toilette im Treppenhaus gemeinsam benutzt werden mussten, zusammen.

   Die verwundeten Soldaten wurden in allen möglichen und unmöglichen Gebäuden untergebracht. So wurde das Restaurant „Neue Harmonie“, das gegenüber von meinem Arbeitsplatz lag, in ein provisorisches Lazarett verwandelt. Es war so provisorisch, dass einige es als „Lagerraum für zusammengeschossene Menschen“ bezeichneten. Auf meinem Weg zur Arbeit und wieder zurück musste ich am Eingang des Restaurants vorbeigehen, an dem oft ein paar Soldaten herumstanden. Wie das Soldaten so tun, machten sie Bemerkungen oder riefen mir hinterher, wenn ich vorbeiging. Ich kümmerte mich nicht darum.

   Eines Nachmittags, als ich an der Treppe in der Parkanlage des Burgfrieds auf Uwe aufpasste, kam ein sehr junger Soldat zu uns. Er habe uns ein paar Tage beobachtet, sagte er. Ich hätte da oben gestanden und meine Jungen gerufen. Und da habe er Lust gehabt, „ja“ zu rufen und zu uns raufzulaufen, um mit uns zusammenzusein. Nur ein Weilchen. Denn er heiße auch Horst. Wenn er mich mit den Kindern sehe, müsse er an seine Geschwister zu Hause in Schlesien denken. Ja, es sei lange her, dass er etwas von seiner Familie gehört habe. Die Schusswunde im Arm – die quäle ihn ein wenig, die müsste operiert werden.

   An diesem Nachmittag war die Wunde noch sauber verbunden, und der Arm ruhte auf einem Gestell, das wir schon als Kinder – ich weiß nicht, warum – immer „Stuka“  nannten.

 

   Ein paar Nachmittage später – Lori war zu Besuch – machte Horst uns mit Jo bekannt, einem jungen Holländer, der sich gegen den Willen seiner Eltern zur Waffen-SS gemeldet hatte. Ihn hatte der Traum von einem großen, vereinten Germanischen Reich zu diesem Schritt veranlasst. Als die Alliierten seine Heimatstadt einnahmen, weinte er, weil er fürchtete, man werde nun die Eltern für die politische Einstellung des Sohnes zur Verantwortung ziehen. 

   Eines Nachmittags kam Jo alleine auf die Straße. Horsts Wunde hatte sich schlimm entzündet. Jo führte mich zu ihm. Obwohl man in diesen Zeiten alles erwarten konnte, war ich entsetzt über das, was ich sah. Horst lag auf einem Strohsack in der untersten Koje  eines primitiv zusammengezimmerten Etagenbetts. Seine Wunde war verbunden mit Papierstreifen, die von Blut und Eiter durchtränkt waren und stanken. Der Saal war vollgestopft mit Etagenbetten. Viele waren leer. Nicht, weil sie nicht belegt gewesen wären. Sondern weil die Verwundeten, die kriechen oder gehen konnten, vor dem Haus an der frischen Luft waren. Es gab kaum Krankenschwestern, und nur ganz selten guckte einer der wenigen Ärzte herein, um festzustellen, dass er nichts weiter ausrichten könne. Horst hatte großen Durst. Den ganzen Vormittag über war die Wasserversorgung unterbrochen gewesen.

   Tante Marie hatte für Horst und seine Leidensgenossen ein paar Flaschen Johannisbeersaft übrig, und sie gab mir auch ein paar leere Flaschen mit, die als Wasserbehälter dienen konnten. Als ich kam, hatte Horst hohes Fieber. Er sagte, dass wir uns sicherlich das letzte Mal sähen. Denn er habe einen Plan: Er wolle sich auf Schusters Rappen nach Hause aufmachen. Andere Möglichkeiten gebe es nicht. Er werde sich durch alle Frontlinien schleichen und nach Hause wandern. Er kenne ja den Weg. Kenne alle Berge und Täler. Daheim.

   „Blaue Berge, grüne Täler, mitten drin ein Häuschen klein. Herrlich ist dies Stückchen Erde, denn ich bin ja dort daheim. – Kennst du das Lied, Ruth? Das Schlesierlied?“ Ich summte es für ihn. Und dann versprach er, einen Brief zu schreiben, wenn er wieder zu Hause wäre. Nicht sofort, denn er kenne sie ja, die dann kommen würden – alle zusammen – und die ihn in Beschlag nehmen würden. Aber eines schönen Tages werde er mir einen Brief schreiben. Von zu Hause!

   Die Sonne schien, und der Saal war fast leer. Zwei Krankenschwestern nahmen auf einem flachen Dach ein Sonnenbad. Ich saß bei Horst auf der Bettkante. Ich machte mir Sorgen. Und ich konnte Horst, während er von seiner Heimreise sprach, nicht in die Augen sehen. Ich starrte auf den Fußboden, einen Parkettboden. Schmutzig zwar, aber feines Parkett, das bessere Zeiten gesehen hatte.

   Dem Menschen ist nicht gegeben, in die Zukunft zu sehen. Anderenfalls hätte ich ahnen müssen, dass ich eines Tages auf diesem Parkett tanzen würde. In einem knöchellangen, kornblumenblauen Abendkleid, das ich mir aus einem Stoff genäht hatte, der im Tauschhandel erworben worden war, bei dem mit Zigaretten, die Tante Elli aus Amerika geschickt hatte, bezahlt wurde.

 

   Am 18. April, meinem 17. Geburtstag, hörte der organisierte Widerstand an der Ruhr auf. Mehrere hunderttausend deutsche Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Die Soldaten liefen während dieser Zeit um ihr Leben, um der russischen Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Es galt als Privileg, in ein amerikanisches, englisches oder französisches Kriegsgefangenenlager zu geraten. Die Soldaten konnten nicht ahnen, was sie dort erwartete. Sie hatten einiges über die Zustände in russischen Lagern gehört, aber sie hatten nicht Phantasie genug, sich die Zustände in den amerikanischen und französischen Kriegsgefangenenlagern vorzustellen, die unter freiem Himmel errichtet worden waren. Und dabei zu Lagern wurden, die später als „Totenwiesen“ bezeichnet wurden. Heinz landete dort und andere Freunde von mir. Sie berichteten später über das, was sie „unmenschliche Verhältnisse“ nannten. Aber was ist unmenschlich im Krieg? Ist es unmenschlich, Menschen auf blankem Schnee, in Matsch, auf der nackten Erde oder auf Gras gefangen zu halten? In Kälte, Schnee, Regen, Sonne und Hitzewellen? Tage und Nächte, Wochen und Monate. Die Folge waren – wie vorauszusehen – Tausende und Abertausende Tote. Es gibt Menschen, die die Verhältnisse in diesen Gefangenenlagern als „geplanten Tod“ bezeichnen. - In einem Krieg töte man den Feind, und das so effektiv wie möglich.; das sei nicht unmenschlich, meinen andere. Das  sei normal. Geradezu die Absicht. So sei der Krieg nun einmal. Da werde nicht der Mensch bekämpft, sondern die Uniform, und der Mensch, der die Uniform trägt, habe sich das selbst zuzuschreiben. Und letzten Endes habe sich dies auch die Zivilbevölkerung zuzuschreiben. Auf jeden Fall in Deutschland. Denn sie hätte ja den Verrückten daran hindern können, an die Macht zu kommen, meinen wieder andere. Ich begegnete auch Menschen, die über die Verantwortung der Alliierten für Millionen deutscher Kriegsgefangenen sprachen – eine Verantwortung, die sie unmöglich hätten tragen können. Denn wo hätte man wohl die Gefangengenommenen in einer Welt, die in Trümmer gelegt worden war, unterbringen sollen? Auf diese Frage antwortete ein Kind: „Man hätte sie ja nur nach Hause zu schicken brauchen!“ Aber nur Kinder und kindliche Seelen können eine solche Lösung vorschlagen. Denn gefangene Feinde schickt man nicht einfach nach Hause. Auch nicht, wenn der Krieg vorbei ist.

   Am18. April erreichten amerikanische Truppen die tschechoslowakische Grenze. Aber ich erinnere mich an diesen Tag auch wegen eines Stücks handgewebten Leinens, das Frau Mews auf meinen Platz am Frühstückstisch gelegt hatte. Ein wunderschönes Geschenk, das aus  ungefähr einem Meter dieser Kostbarkeit bestand. Nun konnte ich mir eine Schürze nähen, die ich dringend brauchte. Gleich nach dem Frühstück musste Frau Mews davonstürzen. Wir brauchten Milch. Frau Mews war privilegiert: Als Schwangere durfte sie- an der Schlange vorbei – direkt zum Ladentisch gehen. Das bedeutete, dass wir unsere Ration Milch, Brot, Gemüse und Fleisch auch erhielten, wenn es denn diese wunderbaren Dinge gab.

   Am 18. April eroberten amerikanische Truppen Magdeburg. Die Russen begannen die Großoffensive, deren Ziel Berlin war. Wir konnten nun davon ausgehen, dass die Verteidigungsanstrengungen der Wehrmacht an beiden Fronten bald völlig zusammenbrechen würden.

   Am 19. April erreichten britische Truppen Lauenburg [an der Elbe]. Die Russen stürmten in Richtung Berlin.

   Am selben Abend hielt Propagandaminister Goebbels aus Anlass von Hitlers Geburtstag am 20. April eine Rede an das deutsche Volk. Diese Rede wurde im Rundfunk übertragen. Ich gehe davon aus, dass wir zugehört haben. Während dieser Tage hatten wir alle Antennen ausgefahren.

   Jahrzehnte danach habe ich die Gelegenheit, Goebbels’ damaligen Ausführungen zu lesen. Ich weiß nicht, wie „das deutsche Volk“ seine Rede aufgenommen hat, deren Thema die „große und ernste Gefahr, in der wir uns alle befinden“, ist. Goebbels spricht von einer Todesgefahr, hebt aber hervor, dass „das Volk es nur unserem Führer verdankt, und ihm ganz allein, wenn wir eine Chance für einen Sieg haben“. Goebbels spricht von Treue, von Deutschland als dem „Land der Treue“. Und sagt:

   „ . . . wir aber schauen auf ihn voll Hoffnung und in einer tiefen, unerschütterlichen Gläubigkeit. Trotzig und kampfesmutig stehen wir hinter ihm: Soldat und Zivilist, Mann und Frau und Kind – ein Volk zum Letzten entschlossen, da es um Leben und Ehre geht. Er soll seine Feinde im Auge behalten; darum versprechen wir ihm, dass er nicht hinter sich zu blicken braucht. Wir werden nicht wanken und nicht weichen, wir werden ihn in keiner Stunde, und sei es die atemberaubendste und gefährlichste, im Stich lassen. Wir stehen zu ihm wie er zu uns – in germanischer Gefolgschaftstreue, wie wir es geschworen haben und wie wir es halten wollen. Wir rufen es ihm zu, weil er es auch so weiß und wissen muss: Führer befiehl – wir folgen! Wir fühlen ihn in uns und um uns. Gott gebe ihm Kraft und Gesundheit und schütze ihn vor jeder Gefahr. Das übrige wollen wir schon tun.

   Unser Unglück hat uns reif, aber nicht charakterlos gemacht. Deutschland ist immer noch das Land der Treue. Sie soll in der Gefahr ihren schönsten Triumph feiern. Niemals wird die Geschichte über diese Zeit berichten können, dass ein Volk seinen Führer oder dass ein Führer sein Volk verließ. Das aber ist der Sieg. Worum wir so oft im Glück an diesem Abend den Führer baten, das ist heute im Leid und in der Gefahr für uns alle eine viel tiefere und innigere Bitte an ihn geworden: Er soll uns bleiben, was er immer war – unser Hitler!“

   (Zwölf  Tage später, am 1. Mai, erschoss sich Joseph Goebbels.)

   Goebbels sprach zu den Herzen. Das heißt, zu all’ den Herzen, die wegen ihrer besonderen Gesinnung gerade für solche Worte offen waren. Er sprach insbesondere zu Jungenherzen. Er appellierte an so manches Kind, das sich nun stärker als je zuvor an den einst geleisteten Treueid erinnerte. Er sprach zu vielen guten Menschenkindern, die jetzt nur das eine wollten: Dem Führer zu Hilfe zu kommen! Damit lud Propagandaminister Goebbels noch mehr Schuld auf sich. Denn seine Worte brachten  Kinder dazu, zu kämpfen und – wenn es sein muss – in den Tod zu gehen.

   Am 20. April erreichten die ersten britischen Truppen die südlichen Vororte Hamburgs. Hitler hatte Hamburg zur Festung erklärt. Also zu einem Ort, in dem die Soldaten unter keinen Umständen kapitulieren durften, sondern bis zum letzten Blutstropfen kämpfen mussten. Wie Posen und Königsberg, die nach einem hoffnungslosen Kampf, der einen enormen Verlust an Menschenleben zur Folge hatte. Wie Breslau, wo der Kampf noch tobte. Viele Jahre später lese ich, dass der Hamburger Reichsstatthalter Kaufmann nach seinem letzten Besuch in Berlin Hitler als „eine wahnsinnige Person, die von Verbrechern umgeben ist“, bezeichnet hatte. Und ich lese auch, dass Generalmajor Wolz, der Hamburger Stadtkommandant, beschlossen hatte, die Stadt nicht zu verteidigen.

   Davon wusste ich damals nichts. Aber ich kann mich gut erinnern, dass wir nicht nur auf die Vernunft der Hanseaten hofften, sondern auch darauf vertrauten. Diese Eigenschaft, die Kaufleute prägt, die sich Jahrhunderte lang darin hatten üben können, besonnen zu handeln. Man hütet, was einem gehört. Irdische Güter sind geldwert. Verteidigen heißt in der Regel erhalten. Nun musste man die Stadt vor dem Todesstoß bewahren Jetzt bestand das einzig Richtige darin, die Waffen niederzulegen und die Sieger mit Gleichmut zu empfangen.

   Hamburg hatte schon früher unter fremder Besatzung gelitten. Napoléon hatte seinerzeit mit seinen politischen Entscheidungen und Verordnungen in dieser Stadt unbeschreiblich gewütet. Und obwohl Söhne Hamburgs in Napoleons Heer gegen Russland  kämpfen mussten, jubelten damals die Menschen bei den ersten Katastrophenmeldungen von dieser Front. Als die Kosaken im März 1813 in Hamburg einritten, zündete man in den Fenstern Kerzen an, die Menschen säumten den Weg, und Männer wie Frauen weinten vor Freude über die Befreiung von Napoleons Joch. Und die Frauen zogen ihre Mäntel aus und breiteten sie auf der Straße als Ehrenteppich für die Kosaken aus. Geschichte wiederhole sich, heißt es. Aber das tut sie niemals vollständig. Im Frühjahr 1945 beteten die Menschen in Hamburg wie in Flensburg: „Lass’ die Engländer vor den Russen die Elbe erreichen“. Wir wussten, setzen sich die Russen nördlich der Elbe fest, würden sie weiter nach Norden vordringen, um die Herrschaft über den gesamten Ostseeraum zu gewinnen. Die Russen als Sieger in Schleswig-Holstein und Dänemark wären eine Katastrophe für alle westlichen Länder. Ein Unglück, das lange dauern würde, denn die Russen geben nicht ohne weiteres her, was sie einmal erobert haben.

   „Herr, erhöre unser Gebet. Lass’ dies nicht geschehen. Lass’ die Briten als Erste über die Elbe gehen!“

 

   Unter dem Schulhof bei der Johanneskirche hatte man einen Bunker gebaut, der der Bevölkerung Schutz bei Bombenangriffen geben sollte. Wenn ich an die Größe von Bombenkratern dachte, konnte ich mich nur fragen, wie dieser Bunker wohl nach einem Volltreffer aussähe. Aber kluge Köpfe wollten wissen, dass die Ursache des Fliegeralarms der letzten Tage der Versuch russischer Maschinen gewesen sei, ein Territorium abzustecken, und dass russische Bomber „fast“ keinen Schaden anrichteten. Wir jedenfalls suchten den Bunker bei jedem  Luftalarm auf, denn wir gingen davon aus, dass die Häuser der Flensburger Altstadt bei der geringsten Explosion zusammenstürzen und deren kleinen Kellerlöcher in Gräber verwandeln würden. Wir mussten den Platz im Bunker mit kranken und verwundeten Soldaten teilen, die in der benachbarten Schule einquartiert waren, und Sitzplätze waren knapp. Soldaten, die meinten, das aushalten zu können, standen an eine Wand gelehnt. Und wir Jugendlichen taten dasselbe, oder wir setzten uns auf den Fußboden. Auf diese Weise saß ich einmal neben einem jungen Burschen aus dem Lazarett. Er hatte einen Verband auf einem Ohr. Als ich mich nach seiner Verletzung erkundigte, wollte er mir nicht antworten. Ja, er war von meiner Frage geradezu so peinlich berührt, dass er sich einen Platz weit weg von mir suchte. Ein Soldat neben mir gab mir hierfür die folgende Erklärung:

   „Wir nennen ihn 'den kleinen Bandenführer'.  Man sollte es nicht glauben, aber er ist nur vierzehn Jahre alt. Er hat es entsetzlich schwer, denn er ging für seinen Führer in den Krieg und wurde kampfuntauglich wegen einer Mittelohrentzündung, die er selbst als Kinderkrankheit bezeichnet. Eine richtige Kugel und eine klaffende Wunde wäre zu ertragen gewesen, aber eine Ohrenentzündung?“ Etwas später erzählte mir der Bandenführer selbst seine Geschichte:

   „Ich war mit meiner Mutter auf der Flucht. Ich hatte in Hitler-Jugend-Uniform fliehen wollen. Als Führer hatte ich es als meine Pflicht erachtet, ein gutes Beispiel zu geben, aber meine Mutter bezeichnete mich als Vollidioten, nahm mir die Uniform weg und beseitigte sie. Das werde ich ihr nie vergeben! Niemals! Sie hatte die Schnapsidee, dass mich der Feind in dieser Uniform erschießen werde. Es stellt sich aber durchaus die Frage, wer von uns beiden der Vollidiot ist – meine Mutter oder ich. Wir waren schon ein ganzes Stück von zu Hause entfernt, als ich Hitlers Ruf tief in meinem Herzen spürte und heimlich den Treck und meine Mutter verließ, um mich der Wehrmacht anzuschließen. Nein – du – ich habe mich nicht von ihr verabschiedet, sie hätte sich ja nur gehabt und versucht, mich zurückzuhalten. Meine Mutter – die hat unseren Kampf für die Sache nie begriffen. Sie quatscht, dass alles aus sei. Aus und vorbei! Sie begreift nicht, dass wir erst am Anfang stehen. 'Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu!' Dieses Lied hat sie nie verstanden. Nun werden alle Kräfte im Kampf für den Endsieg benötigt! Ich will lieber sterben als ein Feigling sein. Gemeinsam werden wir uns der Erbschaft würdig erweisen – wir, die wir den Boden für die endgültige Saat bereitet haben  . . .“ usw. usw. Und ich antwortete ihm, indem ich über den Frühling sprach, der nun bald mit grünen Wiesen voller Blumen kommen werde. Ja, gerne würde er mit mir draußen in der Natur einen Spaziergang machen. Nächsten Sonntagnachmittag. Was wir auch taten. Wir gingen raus aus der Stadt. Es war ein wunderschöner Tag, denn der Frühling war tatsächlich gekommen!

   Aber was soll man mit einem Jungen machen, der nur die allzu bekannten politischen Floskeln wiederkaut? Und der – wenn seine Stimmbänder endlich eine Pause verlangen – küssen will?  Wahrscheinlich nahm er an, dass auch das zum wahren Wesen eines echten Soldaten gehörte. Ja, was sollte man tun? Der alte Soldat, er, der den Jungen liebevoll „Bandenführer“ genannt hatte, sprach mit Tante Marie und bat sie, sich des Jungen etwas anzunehmen. Ihn in ihre Wohnung einzuladen und ihn mit uns, mit einer Familie,  zusammensein zu lassen. Aber Tante Marie konnte das nicht – vor allem nicht wegen Kurts. Hätte man doch nur grinsen können über diesen Jungen, diesen letzten Repräsentanten einer Bande! Aber sein Schicksal tat einem auch ein bisschen leid, man wurde unerklärlicherweise wehmütig gestimmt. Und das wollte man eigentlich gar nicht. Denn nun war Frühling, und die Lerchen stiegen hinauf in den Himmel.

   Beim nächsten Luftangriff kam der kleine Bandenführer nicht in den Keller. Wie der alte Soldat erzählte, war der Junge nun gesund genug, um Panzer zu „knacken“. Das sei recht einfach: Mit einem Knüppel – den wir Panzerfaust nennen – in der Hand, springe man auf einen Panzer, werfe den Knüppel in die Luke, und dann mache es peng! Und der  Held, der das vollbracht hat, bekomme einen Fetzen an den Uniformärmel geheftet. Man kenne ja die Fotos von solchen Helden, die eine lange Reihe Panzerabschusszeichen auf dem Uniformärmel trügen. Der Führer liebe solche Helden.

 

   Mutter und ich zogen um. Ein befreundetes altes Ehepaar war zu Tante Marie gekommen und hatte gefragt, ob wir bei ihm einziehen wollten.  Jetzt, wo allenthalben Flüchtlinge zwangsweise einquartiert wurden, wollten die beiden gerne, dass wir bei ihnen wohnten. Das Ehepaar hatte eine Wohnung im vierten Stock eines vor längerer Zeit einmal recht vornehmen Hauses. Von der Vornehmheit des Gebäudes war jetzt nichts anderes mehr übrig als eine separate Hintertreppe zu allen Küchen. Dieser Aufgang war lange Zeit einmal vor allem von Dienstboten und Lieferanten benutzt worden. Die beiden alten Menschen hatten sich eine Küche mitten in der Wohnung eingerichtet und wollten uns die ursprüngliche Küche gerne zur Verfügung stellen. Mutter erkannte sofort den Vorteil, einen eigenen Eingang zu haben. Und dass wir die Küche nicht mit der Vermieterin zu teilen brauchten, die uns auch den für uns kurzen Weg zum WC anpries: Ein paar Schritte durch das Treppenhaus zum gegenüberliegenden Boden, wo sich in einem Verschlag ein altertümliches WC befand, das wir zusammen mit zwanzig bis fünfundzwanzig weiteren Bewohnern des Hauses benutzen müssten. Als in Mutters Gesicht alles andere als Begeisterung zu sehen war, versuchte die betagte Besitzerin der Wohnung, Mutter zu trösten, indem sie ihren eigenen zukünftigen „Wanderweg“ zum WC beschrieb, weil sie den alten durch ihre ehemalige Küche, die nun unsere „Wohnung“ war, nicht mehr nehmen konnte: Zur Wohnungstür hinaus, über den Flur des Treppenhauses, eine Treppe hinauf bis zur nächsten, der fünften Etage, dann über deren Flur, über einen Boden, drei Treppenstufen hinab, wieder über einen Boden, danach eine Treppe hinunter, über den Flur des vierten Stockwerks – und endlich: der Boden mit dem WC in dem primitiv zusammengehauenen Verschlag!!

   Die Wände der Küche waren blau gestrichen, und der Anstrich war glücklicherweise wasserabstoßend. Eine Tapete hätte sicherlich nicht all’ die Feuchtigkeit vertragen, die sich an bestimmten Stellen an der Wand sammelte. Es war keine nennenswerte Sache, die Wassertropfen mit einem Lappen zu entfernen, der uns zunächst fehlte. Bis Tante  Marie irgendeine alte Unterhose fand. Ein weiteres Glück und ein ganz und gar besonderes Privileg war ein etwas verrosteter Ausguss mit dazugehörigem Wasserhahn. Wir mussten den Vermieter nicht stören, wenn wir Wasser brauchten. Mit einem Wasserhahn in der Nähe war es auch keine große Sache, auf die wenigen Stunden zu achten, in denen es Wasser gab. Wir hatten in unserem neuen Heim auch einen Esstisch. Der hatte bessere Zeiten gesehen. Und Mutter fand den zerkrümelnden Linoleumbelag des Tisches richtig unappetitlich. Aber nach kurzer Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Am Anfang war sie auch etwas traurig, dass nur zwei Stühle an diesem großen Tisch standen. Aber  sie sah bald ein, dass wir nicht mehr benötigten. Wenn Besuch kam, saßen wir nie am Tisch. Ohne Essen und Porzellan konnten die Gäste ebenso gut auf dem Bett oder in dem uralten Schaukelstuhl sitzen. Das Bett war alt, breit und weich und verursachte uns viele schlaflose Nächte. Mutter und ich konnten nicht zusammenschlafen, das hatten wir nie gekonnt. Mutter erhielt im Rathaus eine Bescheinigung, die uns die Miete eines Betts bewilligte, das ursprünglich für Luftschutzbunker zusammengehauen worden war. Ein Strohsack wurde mitgeliefert. Es gab nur einen Fehler an diesem Bett: Die längs gehenden Bretter waren ein bisschen zu kurz. Wenn ich mich umdrehte oder aus anderen Gründen unruhig schlief – und das tat ich leider oft – krachte das Bett zusammen. Von Tante Erne bekamen wir einen alten Knechtkammer-Schrank, ein Erbstück vom Hof der Ururgroßmutter. Ich mochte den Schrank, obwohl er wegen allzu dick aufgetragener Lackfarbe, die abblätterte, nicht gerade schön war. Ein paar von Onkel Willis alten Freunden halfen uns beim Transport und bei der Aufstellung des Schranks. Tante Marie lieh uns ein altes Vertiko. Wenn wir Heizmaterial hatten, konnte ein kleiner Ofen als Herd und als Wärmequelle dienen. Einige gute Menschen verhalfen uns auch zu einem kleinen zweiflammigen Gasherd. Aber häufig gab es kein Gas. Und so geschah es eines frühen Morgens, als es Tante Marie schlecht ging und Mutter rasch zu ihr gehen wollte, dass Mutter vergaß, den Gashahn zuzudrehen. Ich schlief, als das Gas eine Stunde später zurückkam. In einem merkwürdigen Traumzustand schleppte ich mich zum Fenster und gleich darauf zum Gashahn, den ich noch schließen konnte, bevor ich das Bewusstsein verlor. Meine Stunde war noch nicht gekommen.

   Die Küche war fußkalt. Von der Tür zum Treppenhaus her zog es sehr. Um dem  abzuhelfen, erhielten wir von Loris alten Damen einen Teppich, der in ihrer Schrebergartenlaube gelegen hatte. Er roch muffig und hatte ein paar Löcher und fast keinen Flor. Aber er dämpfte unsere Schritte und wehrte etwas die Kälte ab. Als wir uns eingerichtet hatten, besuchte uns Frau Iversen, die Wohnungsinhaberin. Sie empfand alles als ein bisschen zu ärmlich. Deshalb ging sie gleich wieder und kam nach einer Weile zurück mit einer Kaffeetasse und einem Kuchenteller aus feinstem kobaltblauem Porzellan mit breitem Goldrand. Das schenkte sie Mutter. Für mich hatte sie eine alte handgemalte Obstschale mitgebracht. Wir hatten weder Kaffee noch Kuchen oder Obst, aber Frau Iversen wollte uns so gerne etwas Schönes zum Ansehen geben. Wir hatten mit unseren Vermietern überhaupt Glück. Und sie unterließen es nicht, uns merken zu lassen, wie zufrieden sie mit uns waren. So blieben wir verschont von gegenseitigen Missverständnissen und Irritationen.

   Ende April zog Hannas älteste Tochter Helga bei uns ein. Hanna wollte versuchen, nach Malente zu kommen. Sie dachte nur an eins: sie musste ihre jüngste kranke Tochter nach Hause holen.

   Zu dieser Zeit wurde Flensburg auch tagsüber von Luftangriffen geplagt. Häufig ohne Vorwarnung.  Oder nach allzu später Warnung, die zur Folge hatte, dass wir um unser Leben zum Bunker liefen, während die Flugzeuge über die Stadt flogen. Leider machten sich die Besatzungen der Maschinen bisweilen einen Spaß daraus, tief über die Straßen der Stadt zu fliegen. Und leider passierte es, dass einige der Besatzungen sich darin übten, auf Menschen zu schießen, die noch nicht in Deckung gegangen waren.

   Wir waren auf dem Weg zum Bunker, Helga, Mutter und ich, als die Schießerei begann. An solche Sekunden kann man sich nicht genau erinnern und sie deshalb auch nicht mit Worten wiedergeben. Denn in solchen Sekunden geschieht zu viel. Der fürchterliche Lärm der niedrig fliegenden Flugzeuge, das Hämmern der Maschinengewehrsalven, das Pfeifen der Geschosse und die Einschläge an Hausmauern und auf dem Straßenpflaster, Mutters Schreie und Helgas Jammern, das nur Sekunden dauerte. Mutter hatte es geschafft, eine Toreinfahrt zu erreichen. Ich hatte Helga an der Hand. Warf sie neben einen Kantstein und legte mich über sie. Ein paar wenige, lange Sekunden, dann war alles überstanden.

   Jahrzehnte später – Helga ist mit einem amerikanischen Farmer verheiratet und mit ihm zusammen zu Besuch in unserem Haus - erzählt sie von einem Traum, einem Albtraum, der sie in Abständen heimsuche. Berichtet von Flugzeugen, von Maschinengewehrsalven und der Abwesenheit ihrer Mutter. Und ich erkläre ihr, dass dies kein Traum, dass dies alles wirklich geschehen sei. Sie will mir nicht glauben. Wozu das Geschieße auf Frauen und Kinder? Der Krieg sei doch entschieden gewesen. Und das Ziel der Alliierten sei gewesen, die Welt vom Joch des Nazismus zu befreien. Soldaten kämpften gegen Uniformen, nicht gegen Menschen. Anders könnten sie nämlich nicht töten. Wir Kinder hätten keine Uniform getragen. Und so groß könne der Hass nicht gewesen sein, dass man alle Hemmungen habe fallen lassen.

   Da antwortet Helgas Mann: „Das kann der Mensch, weil er sich zu weit von Gott entfernt hat“. Ja, so ist es.

 

   Während sich Tante Hanna auf der Landstraße befand, um ihre kranke Tochter nach Hause zu holen, hatten russische Truppen Berlin eingeschlossen. Zur selben Zeit leiteten die deutschen Truppen in Italien Verhandlungen mit den Alliierten über eine Kapitulation ein. Mutter und ich hatten weder Radio noch eine Zeitung, und wir redeten nicht viel, wenn wir zusammen waren. Wenn es tagsüber Strom gab, hörte Frau Mews Radio. Sie gab die Neuigkeiten am Mittagstisch wieder. Immer mit Vorbehalt. Denn wir wussten nicht, was wir von dem, was die Machthaber dem Volk erzählten, glauben sollten.

   Am Nachmittag des 30. Aprils hatte ich frei. Es muss ein sonniger Tag gewesen sein, denn ich ging zum Hafen, und ich genoss das Wetter und die Luft und die Aussicht über das Hafenbecken. Wie rank und schlank sich der Turm der St. Jürgens-Kirche in den Himmel erhob! Wie ein Bleistift! Das hatte ich vorher nicht wahrgenommen. Ein Soldat stellte sich neben mich. Er war kleiner als ich und jünger. Viel jünger! Mindestens zwei Jahre, schätzte ich. Die Uniform war sichtlich eine Nummer oder zwei zu groß.

   „Schönes Wetter“, sagte er. Vielleicht nur, um etwas zu sagen.

   „Oh ja“, antwortete ich, „schönes Wetter! Und schau, wie friedlich sich die Stadt ausnimmt. Wunderbar, dass sie heil geblieben ist. Und nun ist der Krieg bald vorbei“.

   Er starrte mich an. „Vorbei?“ schrie er, „was quatschst du da. Nein, nun fängt es erst an. Jetzt werden wir es ihnen zeigen. Nun setzt der Führer bald die Wunderwaffe ein. Jetzt beginnen wir mit dem Endkampf um den Endsieg“. Ich musste lächeln. Sagte etwas über unseren Führer, der uns schon immer etwas gehustet habe. Sagte: „Das ist jetzt vorbei!“ in einem Ton, als ob ich ein schwieriges Kind trösten und beruhigen wollte. „Das ist vorbei! Nun fängt für uns das Leben an!“ Da wurde er wütend:

   „Halt’ Deine Schnauze!“ brüllte er, „der Führer findet einen Ausweg! Unser Führer verlässt uns nicht!“

   „Unser Führer verlässt uns nicht!“ Bei so viel Zuversicht hätte der Kindersoldat eigentlich fröhlich aussehen müssen. Aber das tat er nicht. Vielleicht glaubte er seinen eigenen Worten nicht. Vielleicht hatte er schon alles verloren und nur seinen Glauben behalten. Den Glauben an einen starken Führer, den die Vorsehung geschickt hatte und der alle Schwierigkeiten bewältigen werde! Als ich ging, starrte der Junge auf das Wasser.

   Als ich zu Tante Marie kam, saß die ganze Familie zusammen mit ein paar Nachbarn in angespannter Erwartung um den Esszimmertisch. Auch Großmutter, die sich sonst nicht so gerne in diesem Zimmer aufhielt. Das Radio kündigte in Abständen eine wichtige Meldung an das deutsche Volk an. Auf diese Weise erfuhren wir, dass Hitler tot war, nicht aber, dass er sich im Bunker der Reichskanzlei das Leben genommen hatte.

   Die Verantwortung für sein „Werk“ hatten andere zu übernehmen.

 

   Die ganze Zeit, während der Tante Hanna abwesend war, hatten wir von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Jeder Tag, der kam, brachte mehr Chaos, und jeder Tag, der ging, hatte mehr Verwirrung hinterlassen. Aber dann kam jemand zu Mutter mit der Nachricht, dass Hanna und Ilse wohlbehalten heimgekommen seien – und dass wir nicht zu ihr nach Hause, sondern zu Tante Marie kommen sollten. Ich kann mich nicht an das genaue Datum erinnern, aber ich nehme an, dass es ein Sonntag war. Als wir das Haus verließen, sahen wir Tante Hanna über den Südermarkt kommen. Aber wer in aller Welt war der deutsche Offizier an ihrer Seite? Mutter stellte sofort fest, dass er stattlich und irgendwie soigniert war und dass er Ilse trug, die wie die Sonne strahlte. Helga lief ihnen entgegen. Niemand von uns sagte etwas. Erst an Maries Tür stellte uns Hanna den Offizier mit dem Satz „Er hat uns geholfen!“ vor. Erst in Maries Wohnung begann der Mann zu sprechen:

   „Ich befand mich mit einem kleinen Rest meines Trupps in einem Lastwagen auf der Landstraße, als ich die Frau mit dem Mädchen auf dem Rücken an der Straße stehen sah. Sie winkte und machte Zeichen, dass sie mitgenommen werden möchte. Und obwohl es auf dem Wagen sehr eng war, hielten wir an. Unterwegs mussten wir ein paar verletzte oder völlig erschöpfte Soldaten aufsammeln, und da verließen wir, die einigermaßen gesund waren, das Auto. Erst da merkte ich, dass das Mädchen nicht laufen konnte, und entschied mich, bei ihnen zu bleiben. Wir liefen mit dem Mädchen auf meinen Schultern die ganze Strecke. Aus Sicherheitsgründen vermieden wir die Hauptstraße. Denn recht besehen, bin ich ja ein Deserteur, und ich muss damit rechnen, dass es noch Idioten gibt, die mich standrechtlich erschießen. Deswegen muss ich mich verstecken, bis der Krieg vorbei ist“.

   Marie meinte, dass jetzt guter Rat teuer sei. Sie stellte jedoch fest, dass  es unklug sei, den Offizier in Hannas Wohnung unterzubringen. Die Mieterin unter ihr werde sofort hören, dass da ein Mann sei, und werde krank vor Neugierde werden und nichts unversucht lassen, bevor sie das Rätsel gelöst habe. Nein, dann war es besser, dass der Mann sich in Maries Haus versteckte. Auf die Nachbarn konnte sie sich einigermaßen verlassen. Die einzige Schwachstelle waren Großmutters Kunden. Einige hatten einen Falkenblick. Aber Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Tante Marie besorgte ebenfalls einen alten Kinderwagen. Die Bezahlung bestand in Lebensmittel, die Großmutter „zusammengesponnen“ hatte, und in Konserven aus Tantes Keller. So bekam Ilse ein Transportmittel, das fleißig benutzt wurde, bis sie laufen gelernt hatte. 

 

      Und dann erinnere ich mich an den letzten Sonntag vor der Kapitulation. Die Bevölkerung der Stadt war aufgefordert worden, an einer Massenveranstaltung auf dem Sportplatz an der Marienhölzung teilzunehmen. Ein Offizier der Marineschule, Kapitän zur See Lüth, habe eine Botschaft an die Bevölkerung. Die Rede machte auf mich Eindruck. Denn unbekannte Töne erreichten mein Ohr, noch nie hatte ich dergleichen von einem Rednerpult aus in aller Öffentlichkeit zu hören bekommen. Der Marineoffizier forderte uns auf, mit Würde zu verlieren und Frieden zu schließen. Er warnte uns, der Aufforderung des NS-Regimes an das Volk nachzukommen. Eine Aufforderung, die darauf hinauslief, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind den Kampf in der Organisation „Werwolf“ fortsetzen sollten – und das auch noch nach einer möglichen Kapitulation. Und wenn es sein sollte, mit Waffen wie Messer, kochendem Wasser oder Hämmern und Äxten. 

   Wir sollten mit Würde verlieren, sagte er. Obwohl das  Stärke erfordere. Wir sollten beweisen, dass wir, obwohl müde und ausgemergelt, diese Stärke noch hätten. Alles andere sei bedeutungslos.   

   Zum Schluss forderte uns der Redner auf, die Nationalhymne zu singen. Zum letzten Male für sehr lange Zeit, wie er sagte. Und  so sangen wir „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“, sangen diesen von den Machthabern missbrauchten Text mit einer Innigkeit, wie ich sie nie zuvor vernommen hatte. Warum die anderen sangen und warum die Stimmen der Versammelten zu dieser Stunde so anders als sonst in meinen Ohren klangen, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es das Wissen um Zusammengehörigkeit, das Gefühl von Gemeinsamkeit in einer Welt, die uns – wer weiß, wie lange – den Rücken kehren würde. Wir alle, jeder auf seine Weise, waren mit dem Land, dessen Hymne wir nun sangen, verbunden. Etwas war zu Ende; vielleicht würde es irgendwann einen Neuanfang geben.

   Einige fingen an, das Horst-Wessel-Lied zu singen. Taten sie das aus Protest? Aus Gewohnheit? Schon bei den ersten Tönen schrieen viele: „Nein! Nein! Haltet das Maul!“ Habe ich mitgesungen? Ich kann mich nicht erinnern. Ich nehme an, dass ich wegging, denn ich habe dieses Lied nie ausstehen können.

   Am 14. 5. 1945 wurde Kapitän zur See Lüth auf dem Gelände der Marineschule in Flensburg - Mürwik von seinem eigenen Wachtposten erschossen. Dieser habe den Offizier angerufen, der – nach Aussage des Wachtpostens – nicht geantwortet habe. Und da habe er auf „etwas“, was sich näherte, geschossen! Der Abend war dunkel, und der Sturm tobte in den Baumkronen. Vielleicht hatte der Angerufene die Aufforderung des Wachtpostens, das Codewort, zu sagen, vielleicht hatte der Wachtposten die Antwort des Offiziers auf Grund des Sturmes nicht gehört. Offiziell wurde der Vorfall als Unglücksfall erklärt. Aber in der Stadt begannen die Gerüchte zu brodeln. Einige wollten wissen, dass Lüth von einem Wachtposten, der die Rede des Offiziers als Verrat empfunden hatte, hingerichtet worden sei.  In der Stadt flüsterte  man auch von anderen Hinrichtungen: Drei junge Marinesoldaten – hieß es – seien am 10. 5. nach kurzem Prozess mit Marineoffizieren als Richtern hingerichtet und ins Wasser geworfen worden – irgendwo bei Gelting, weit draußen auf der Förde. Das Verbrechen der jungen Soldaten war einfach zu beurteilen. Sie hatten geglaubt, dass sie jetzt – nach der Kapitulation – einfach nach Hause gehen könnten.

   Diese Hinrichtungen wurden später offiziell bestätigt. Und offiziell heißt es bis heute, dass Lüth durch einen versehentlichen Schuss getötet worden sei.

 

   Am Abend des 2. Mai erfährt die Hamburger Bevölkerung durch den Rundfunk, dass die Stadt sich ohne Kampf ergibt. Am Morgen des 3. Mai rückt die britische Panzerdivision in Hamburg ein. Deutsche Polizisten nehmen an allen Kreuzungen Aufstellung, um den englischen Truppen als Wegweiser behilflich zu sein. Aber sonst sind die Straßen menschenleer. Nicht ein Gesicht ist hinter den geschlossenen Fenstern zu sehen. Niemand begrüßt die Soldaten, die einen großen Stein vom Herzen aller wälzen.

 

   Der Tag, an dem ich die ersten englischen Soldaten in Flensburg sah – auch dieser Tag ist in meiner Erinnerung ein Sonntag. Obwohl es nicht so viele Sonntage unmittelbar vor der Stunde Null gegeben haben kann. Aber so habe ich es in Erinnerung: Es war ein Sonntag! Und es war am späten Nachmittag. Vielleicht war es schon Abend. Der Frühling lag in der Luft. Ich hatte Mutter untergehakt, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Wir standen vor dem Eiscafé auf dem Südermarkt, als wir drei junge Soldaten die Friesische Straße hinunterkommen sahen. Sie liefen in lockerer Formation, hatten die Maschinenpistolen im Anschlag. Und sie waren hellwach! Ihre Augen suchten die Umgebung ab, als ob sie jede Minute einen Überfall aus allen Himmelsrichtungen erwarteten. Ich sagte zu Mutter:

   „Guck mal, die haben ja Angst. – Und der eine da – der ähnelt Wolfgang. Jung – und frech – und geheuchelt mutig. Siehst du das auch, Mutti?“ Sie nickte. Zusammen mit mehreren anderen blieben wir stehen, während die drei Soldaten vorbeigingen. Ach, ich hätte gerne mit ihnen gesprochen. Ich hätte sie gerne wissen lassen, wie erleichtert wir seien, wie dankbar für ihre Gegenwart. Das heißt jetzt und unter den gegenwärtigen Bedingungen. Aber so etwas tut man nicht. Man winkt Besatzern nicht zu. Man spricht nicht mit ihnen. Denn sie sind keine Menschen, sie sind Uniformen. Uniformen, die etwas repräsentieren, wie dies Uniformen ja immer tun. Ach – wenn das russische Soldaten gewesen wären, die den Berg hinunterkamen. Da hätte ich mich längst versteckt. Aber die Engländer waren zuerst über die Elbe gegangen! Ich müsste ihnen sagen, wie dankbar ich bin. Aber das geht nicht. Will man überhaupt danken, ist der Herr die richtige Instanz. Und nur Er. An ihn kann man sich wenden. Und danken! Ganz allein im stillen Kämmerlein, denn auch dieser Dank kann nur als Gebet gesprochen werden. Ein Gebet ohne Worte, denn man kann keine Worte für so etwas Großes finden. Aber diese Gebete ohne Worte gibt es, und man  weiß, sie werden empfangen und verstanden.

 

   Die Kinder spielten draußen auf der Straße des Burgfrieds. Nein, es war kein Sonntag – sondern nur ein prächtiger Frühlingstag. Ich zog gerade Uwe an, als Horst die Treppe hinauftobte:

   „Mutti! Mutti! Mutti und Ruth! Da auf’m Burgfried sitzen Erikaner (so nannte Horst die Amerikaner und Engländer in einem Wort), und die essen Kuchen mit Käse drauf. Und die haben mir ein großes Stück gegeben. Und nun müsst ihr 'mal probieren. Kuchen mit Käse drauf! Das essen die Erikaner nämlich!“ In seiner Hand hielt er ein Stück helles Weißbrot, das mit einer wirklich dicken Scheibe Käse belegt war. Horst hatte nie zuvor so etwas gesehen, geschweige denn gegessen. Schnell lief er wieder runter. Vom Balkon aus konnten wir die Kinder beobachten. Eine ganze Schar stand nun um drei im Gras sitzende Soldaten herum. Der eine trug Fliegeruniform. Drei Jungen hatten die Mützen der Soldaten auf dem Kopf, andere durften die für sie seltsamen Maschinenpistolen untersuchen. Nach und nach kamen auch noch ein paar deutsche Soldaten aus dem Lazarett in der Duburg-Schule hinzu. Sie trugen die bei verwundeten Soldaten wohlbekannte gestreifte Baumwollkleidung, die wir Sträflingskleidung nannten. Der englische Soldat schnitt das Brot auf, belegte die Scheiben mit Käse und gab diese Köstlichkeit den Kindern. Da bat mich Frau Mews, mit dem kleinen Uwe dorthin zu gehen. Auch er brauchte etwas zu essen.

   Ich schubste Uwe zu den beiden Soldaten, die das Brot verteilten. Der älteste – der in  Fliegeruniform – hatte sich erhoben und stand etwas abseits mit einem sehr jungen deutschen Soldaten zusammen. Ich brauchte nichts zu sagen. Uwe bekam sofort seinen „Kuchen mit Käse drauf“. Danach  reichte der Soldat auch mir ein Stück. Ich lehnte ab und schüttelte den Kopf. Der Soldat erhob sich und sagte: „Nimm doch! Mädchen!“ Und der junge verwundete deutsche Soldat sagte dasselbe, nur auf Deutsch, und die anderen fielen in den Chor ein. Aber ich hielt meine Hände fest und nahm das Brot nicht. Der in Fliegeruniform kam zu mir, und dann fragte er mich: Warum? Ich antwortete, indem ich auf seine Uniform zeigte. Und dann passierte etwas recht Merkwürdiges: Der Engländer legte seinen Arm um mich, und ich begreife nicht, dass ich das habe geschehen lassen. Ich sagte nur: „Ich bin aus Hamburg!“ Und er antwortete: „Ich bin aus Liverpool, einer Stadt, die auch bombardiert wurde. Ich habe dort eine Tochter, die genau so alt ist wie du. Nun werde ich dir 'mal was sagen, liebes Mädchen. Wäre meine Tochter genau so hungrig, wie du zu sein scheinst, und käme dann ein deutscher Soldat und wollte ihr ein Stück Brot geben, dann würde ich sagen: Nimm es!“ Um zu unterstreichen, was er meinte, umarmte er mich aufmunternd. Ich ließ es geschehen, aber das Brot, das nahm ich nicht.

 

   Eines Tages im schönen Monat Mai war der Krieg zu Ende. In dem Monat, der von deutschen Dichtern „Wonnemonat“ genannt wird. Es muss ein großer Augenblick gewesen sein, als ich hörte, dass der Krieg vorbei sei! Ein großer und zu Herzen gehender Augenblick! Aber ich erinnere mich nicht daran! Was merkwürdig ist. Denn an den Beginn des Krieges erinnere ich mich sehr genau. Ich erinnere mich an meine sonderbaren Fragen und Vaters zusammengepresste Lippen. Erinnere mich insbesondere an Mutters Gesicht und ihre Worte. Aber was sie sagte, als der Krieg vorbei war, das habe ich vergessen.

   Vielleicht sprach niemand vom Frieden in diesem Wonnemonat Mai des Jahres 1945. Nicht von dem Frieden, den wir Menschen brauchen. Vielleicht wurde damals zu viel von der Kapitulation gesprochen, die eine Minute nach Mitternacht in der Nacht vom 7. zum 8. Mai in Kraft trat. Vielleicht hätte man – ganz allgemein und auf beiden Seiten der Front – etwas mehr vom Frieden sprechen müssen. Dem Frieden, nach dem wir Menschen uns sehnten. Dem Frieden, der kommen wird – einmal, wenn die Zeit reif ist.

   Ich weiß, wir stießen einen Seufzer aus, als es hieß, dass der Krieg zu Ende sei. Wir fielen uns nicht jubelnd um den Hals, gingen nicht auf die Straße, um zu tanzen, ließen aus Dankbarkeit nicht die Kirchenglocken läuten. Dazu war der Schmerz über die Verluste zu groß: Wolfgang und Vater und viele andere. Und mehr würden noch folgen.

   Wir befanden uns auf dem Nullpunkt und ahnten, dass wir dort noch eine Weile bleiben würden.

   „Eines Morgens, Mutti, werden wir aufwachen und sagen, von nun an geht es aufwärts! Ich übe mich schon darin zu denken: Jetzt haben wir die ersten Schritte nach oben getan!“

   „Aufwärts??“ Mutter sah mich wie abwesend an. „Was sagst du? Aufwärts? Aufwärts geht es für mich erst dann, wenn wir ein Lebenszeichen von Papa haben!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allzu große,

allzu hochtrabende,

aber stark gefühlte

 

 

                                                     E R W A R T U N G E N

 

 

   „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!

   Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen.

   Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

                                                                                      Lukasevangelium Kap.6, Vers 27 – 36

 

   Als die Kanonen schwiegen, empfanden wir eine besondere Stille. Nicht, weil keine Geräusche vorhanden gewesen wären, davon gab es genug. Die Stille kam von innen heraus. Vertrauliche Gespräche enthüllten, dass einige Menschen diese Stille mit Leere verwechselten. Nicht nur Städte, sondern auch Ideale waren in Schutt und Asche gefallen. Auch die Hoffnung auf eine erträumte Welt, die es nie gegeben hat und die es niemals geben wird. Denn jeder Kampf, der für andere Schmerz und Tod bedeutet, geht vom Bösen aus und wird mit Hilfe des Bösen ausgekämpft.

   Eine neue Zeit brach an, und die Wörter „neu“ und „anders“ wurden vor allem von uns Jugendlichen – und all’ denen, die Lust hatten, noch einmal jung zu sein – so manchem vorangestellt. Als es still wurde und vieles sich beruhigt hatte, war Zeit zum Nachdenken und Platz für Erkenntnis: Einer Erkenntnis von Schuld und Versöhnung. Von Ausgleich oder Abbüßen einer Strafe, wenn es sein musste. Aus dieser Erkenntnis erwuchs eine so große, so tiefe, so breite, so allumfassende Hoffnung, dass sie mit Worten nicht zu beschreiben ist. Und wir jungen Leute, wir ließen uns von dem Traum von einer guten neuen Welt berauschen: „Aus Schaden wird man klug“, heißt es in einem Sprichwort. Die Menschen haben gelernt! Nie mehr wird es in unseren Breitengraden Krieg geben. Nie wieder werden Menschen mit nur etwas Verstand herabsetzend über andere sprechen. Hautfarbe, Nationalität, Religion werden nie mehr Ursache von Abqualifizierung sein. Denn alle haben ja gesehen, wohin das führt. Wir fingen an, uns in vielen guten, belehrenden Äußerungen zu üben, wir Jugendlichen. Obwohl die Alten warnten. Der Mensch verändere sich nicht, sagten sie. Ach, die Alten mit ihrem Pessimismus! Wenn es auch möglich war, dass wir Jugendlichen uns erschrecken ließen, lächelten wir am liebsten über so viel Missmut. Wir sahen ja die Hände, die man uns über Grenzen reichte, und wir hörten aufmunternde Worte, die trotz tiefer Klüfte unser Ohr erreichten - in unseren Zukunftsträumen wohlgemerkt. Die Wirklichkeit aber sah – kaum waren die Kanonen verstummt – ganz anders aus.  Schmerzlich wurden wir uns bewusst, dass wir die Welt so sehen mussten, wie sie war –  zumindest jetzt, in unserer Zeit. Erst da sahen wir die neuen, schwer überwindbaren Grenzen, die mit einem Flammenschwert gezogen waren. Das tat weh. Und nun trösteten die Alten: „Lasst doch der Zeit ihren Lauf! Es gibt zu viele tiefe Wunden, die erst verheilen müssen“.

   Und die Sieger sagten, Deutschland müsse erst demobilisiert, das deutsche Volk demokratisiert und die Nazis – das heißt diejenigen, die nicht gehenkt oder auf andere Weise bestraft würden – müssten entnazifiziert werden.

   Aber wie kann man einen Menschen entnazifizieren? Man kann einen Körper entlausen, also irgendein Ungeziefer von der äußersten Schicht des Körpers entfernen. Vielleicht verstand man unter Entnazifizierung etwas Ähnliches. Für Tausende und Abertausende  war der Nationalsozialismus nichts anderes als etwas, was man aus Gewohnheit oder Überlebenswillen nach außen hin sichtbar getragen hatte oder weil man  gemeint hatte, klug daran zu tun, in diesem Land und in diesen Zeiten, Nationalsozialist zu sein.

   All’ die klugen Köpfe in den Militärregierungen, begriffen sie so wenig? Hätten sie sich nicht denken können, dass Menschen, die äußerlich Nationalsozialisten gewesen waren, nur andere Lebensbedingungen benötigten, eine neue Basis mit einer anderen Mentalität, und schon wären die Läuse – nun ja – wäre der Nazismus verschwunden. Die Militärregierungen hätten sich die Entnazifizierung auf bürokratischem Wege sparen können. Hätten sich sparen können die Fragebogen und gestempelten Genehmigungen oder gestempelten Ablehnungen! Die neuen Machthaber hätten wissen müssen, dass ein überzeugter Nazi sich nicht entnazifizieren lässt. Ein Nazi kann – wenn es den sein muss – eine Bekehrung vorgaukeln. Eine Verkleidung ist da vielfach eine Lösung – für einen Nazi. Oder eine Maske. Theaterkostüme und Masken hat der Mensch zu allen Zeiten und in allen Ländern fleißig verwendet.

   Die Zeiten wechseln, Mentalitäten ändern sich, aber die Menschen bleiben dieselben. Nun füllten britische Soldaten unsere Straßen. Sie nahmen bestimmte Cafés, Bars, Kinos und Strände in Besitz. Stets die besten. Da konnten sie sich die Zeit vertreiben – von der Bevölkerung, den Eingeborenen, sorgfältig abgeschirmt. Du liebe Zeit, das hatte ich schon vorher erlebt. Aber die Straßen hatten wir gemeinsam. Da durften wir aneinander vorbeigehen. Wenn man einen Blick riskierte, sah man deutlich, dass sich die fremden Soldaten langweilten. Die meisten von ihnen waren jung, viele recht nett, und einige benahmen sich wie Gentlemen. So gut wie alle kamen uns irgendwie anders vor. Erstaunlich anders als wir „Eingeborenen“ in einem Deutschland, das wir jetzt mit einem breiten Grinsen „Trizonesien“ nannten. Ja, wenn wir uns hätten zusammensetzen und miteinander sprechen können, wir Menschen aus dem großen Britannien und dem geteilten Trizonesien; sprechen können über das, was uns Menschen verbindet, und über das, was uns trennt; sprechen über das Früher und das Jetzt und das, was kommen wird. Und unsere Träume in diesen Gesprächen in den Vordergrund rücken. Den schönen Traum der Menschen von einer schönen Welt. Ein Traum, der bei einigen – nein, im Laufe der Zeit bei vielen Begebenheiten zu zerrinnen drohte.

   Aber ich sah mich gezwungen, meinen Wunsch, mit den Fremden zu sprechen, zu zügeln. Ein anständiges Mädchen spricht nicht mit einem Besatzer. Hatte man auch nichts anderes, so hatte man doch seinen Stolz, seinen guten Ruf. Zum Unmoralischsten unter der Sonne gehört nun einmal ein Mädchen, das sich mit jemandem von der Besatzungsmacht einlässt. Eine Unmoral, über die sich Menschen wirklich erregen konnten. Denn es lag so nahe, war so ungefährlich, sich über ein solches Mädchen zu empören.

   Es hieß, für die britischen Soldaten bestehe ein Fraternisierungsverbot. Nun – auf der Schwelle zu einer besseren Welt kam mir dieses Verbot unklug vor. Auch glaubte ich eine Zeitlang, dass die Gerüchte über ein Fraternisierungsverbot nicht wahr seien. Es war ein Engländer, der, etwas peinlich berührt, einräumen musste, dass es dieses Verbot gebe. Das Wort Verbot war mir wohlbekannt, aber „Fraternisierung“ musste ich im Wörterbuch nachschlagen. Seit dieser Zeit weiß ich, dass das Wort „fraternus“ brüderlich bedeutet, mit Fraternisierung also der brüderliche Umgang mit einem Feind gemeint ist. Der also war verboten. Von der Militärregierung. Ich weiß nicht, wie viele britische Soldaten dieses Verbot  einhielten. Man sah sie ja nicht nur mit einem deutschen Mädchen in der Marienhölzung gehen, nein, man sah sie dort liegen. Peinlich berührt mieden wir diesen Ort. Aber vielleicht hielt die Militärregierung diesen Umgang mit dem Feind für weniger gefährlich als einen brüderlichen Umgang, die Fraternisierung. Denn im brüderlichen Umgang führt man Gespräche. Ehrliche, tiefgehende Gespräche, die Vorurteile beseitigen und Masken und andere Verkleidungen herunterreißen. Die Fraternisierung stellt den Menschen in den Mittelpunkt – über Grenzen und Absperrungen hinweg. Auf einer derartigen Basis haben Feindbilder schlechte Wachstumsbedingungen. Mein Leben hat mich gelehrt, dass die Mächtigen Feindbilder benötigen. Ja, manchmal sieht es aus, als ob sie ihre Macht nicht ohne Hinweis auf eine Gefahr, die von „den anderen“, den Bösen, Unwürdigen und Gefährlichen ausgehe, bewahren könnten. So ist das nun einmal. Die Frage ist nur, wie sehr sich ein Mensch als Werkzeug der Mächtigen benutzen lassen darf.