Saarbrücken, Großvater

 

18. Oktober 2018

 

 

 

Der schwule Großvater erzählt… lautet die Schlagzeile der Einladung des LSVD Saar; und darunter stehen drei Themensplitter:

Von der schwulen Sau und Kampflesbe zur gleichberechtigten Minderheit.

Vom Strafverfahren nach Paragraph 175 zur Eheöffnung.

Vom Leben und Lieben im Untergrund zum homosexuellen Aufbruch.

 

Nun, der schwule Großvater hier vor Ort in Saarbrücken ist altersmäßig Großvater, könnte sogar Urgroßvater sein, ist aber keins von beiden – und dies nicht durch Zufall, sondern bewusst.

So schwul dieser Großvater auch sein mag – und er ist es voll und ganz ohne Bi-Einsprengsel ‒ Schwulsein allein ist weder „abendfüllend“ noch „leben-füllend“. Wir alle sind ja nicht nur über unser sexuelles Begehren definiert, sondern auch  Kinder unserer Eltern, Onkel, Tante, Bruder, Schwester, wir sind Freunde oder Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen, Vorgesetzte, Untergebene usw., usw. Und darüber hinaus sind wir Zeitgenossen oder Zeitgenossinnen und damit Teil des historisch-politischen Geschehens unserer Lebenszeit – sei es gestaltend oder erduldend oder beides zusammen.

 

Geboren bin ich Ende Januar 1940 rund 870 km östlich unseres Veranstaltungsortes in Steinau an der Oder (heute Ścinawa nad Odrą), knapp 85 km nordwestlich von Breslau.

Mein Vater war Pastor der Evangelischen Kirche der Preußischen Union. Erinnerungen an ihn habe ich nicht; er ist bei Smolensk gefallen, als ich zwei Jahre alt war. Meine Schwester wurde drei Monate nach seinem Tod geboren.

Im Februar 1945 flohen wir zusammen mit meinen Großeltern mütterlicherseits vor den herannahenden sowjetischen Truppen zu weitläufigen Verwandten in Neustadt an der Orla in Ostthüringen. Meine Großeltern väterlicherseits wurden 1946 aus Schlesien ausgewiesen und kamen als Vertriebene nach Hannover.

 

An meinen Geburtsort habe ich dunkle, unzusammenhängende Erinnerungen. Als ich Mitte der 1990er-Jahre einmal dort war, fand ich mich gleich zurecht – allerdings kann ich  mich generell gut orientieren, und die Kirche und ein Fluss sind leicht zu erahnende oder ausfindig zu machende Orientierungspunkte in einer fremden Stadt.

 

Meine ersten deutliche und zusammenhängenden Erinnerungen sind das brennende Dresden eine Woche nach den Bombardements vom 13. und 14. Februar 1945, ein schwerer Angriff auf Leipzig, den wir im Hauptbahnhofbunker unter Verlust eines Teils des Gepäcks knapp überlebt haben, und der Weg, den wir entlang hasteten durch das zerstörte und zum Teil brennende Leipzig zum noch intakten Bahnhof Leipzig-Leutzsch, von dem Züge in Richtung Gera und Saalfeld und somit nach Neustadt fuhren.

 

Den Flüchtlingen begegnete man in den Aufnahmegebieten alles andere als freundlich – so war es den Menschen ergangen, die vor dem Bombenkrieg in den Osten Deutschlands geflohen oder evakuiert worden waren, so denen, deren Gebiet Front wurde, so erging es den Ostflüchtlingen und den später Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs und noch später den SBZ- und DDR-Flüchtlingen. Sie störten, nahmen angeblich Arbeitsplätze weg, waren Konkurrenten auf dem Heiratsmarkt, sprachen anders, glaubten anders oder gar nicht usw. usw.

Eigentlich müsste ein Mensch meiner Generation nach all dem, was er erlebt hat,  traumatisiert sein. Aber er ist es nicht ‒ vermutlich, weil viele Menschen seiner Generation dasselbe erlebt haben. Kollektives Erleben, kollektives „Damit-fertig-Werden“.

 

Meine Mutter war ausgebildete Fürsorgerin und Krankenschwester und fand sofort eine Arbeitsstelle. (Dass eine Frau aus dem Bürgertum eine abgeschlossene Berufsausbildung hatte, war damals nicht üblich; meine Mutter wurde deshalb in ihrem Bekanntenkreis beneidet.)

Mein Großvater erhielt als Studienrat eine Stelle an der Neustädter Oberschule und wurde von der Sowjetischen Militäradministration aufgefordert, an den neuen Lehrplänen für Deutsch und Geschichte des Landes Thüringen mitzuarbeiten. Leider starb er schon 1946. Er war ein humanistisch gesinnter, integerer und frommer Mann, der es als Christ in der  SBZ und späteren DDR schwer gehabt hätte.

 

Wir Flüchtlinge erlebten die Not der Nachkriegszeit stärker als die Einheimischen: Hunger, Kälte, Wohnungsnot, Konkurrenz um die wenigen Nahrungsmittel und Kohlevorräte. Wir waren – wie oben erwähnt ‒ die Eindringlinge, die Fremden, wurden als Polacken bezeichnet, obwohl wir Deutsch sprachen und demselben Kulturkreis angehörten.

Getreidestoppeln auf den Feldern, Kartoffelnachlese, Holzklau in den Wäldern und Kohleklau am Bahnhof lösten einander ab. Und beim Betteln bei den Bauern in den Dörfern lernten wir vor allem die Ganter hassen. Das Verhalten vieler Bauern in der unmittelbaren Nachkriegszeit ließ später das Mitleid  mit ihnen nicht allzu groß sein, als die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR einsetzte.

 

Als aufgeweckter Junge erfuhr man so manches, was nicht für die Ohren eines Kindes bestimmt war – Tatsachen, Gerüchte, Halbverstandenes: Es ging um Verhaftungen durch die Russen, um Geschlechtskrankheiten (meine Mutter hatte als Fürsorgerin beruflich im städtischen Ambulatorium damit zu tun), um Vergewaltigungen (was das genau war, wusste ich als kleiner Junge nicht, aber es musste etwas Schlimmes sein). Männer waren entweder „die Russen“ oder „Opas“ und Kriegsversehrte, denen Arme oder Beine fehlten, die an Krücken gingen und durchaus das Straßenbild prägten.

Und nicht zu vergessen: Wir Kinder sind mit dem Tod aufgewachsen: Der Vater war tot, der Onkel, der geliebte Großvater – und nicht anders sah es in sehr vielen Familien aus. Die engeren Bekannten meiner Mutter hatten fast alle keine Männer mehr; sie waren gefallen, vermisst oder – günstigstenfalls – in Gefangenschaft. In meiner Volksschulklasse hatte nur ein Junge zu Hause einen Vater. Später sollte unsere Generation von Soziologen als „vaterlose Gesellschaft“  bezeichnet werden.

Da also die Nachkriegsgesellschaft zu einem großen Teil eine männerlose Gesellschaft war, gaben die Frauen notgedrungen den Ton an. Ich erinnere mich daran, dass Frauen eingehakt auf der Straße gingen und miteinander tanzten Das war „normal“; niemand nahm daran Anstoß.  Es wäre für uns aber unvorstellbar gewesen, dass dies zwei Männer dies getan hätten.

 

Nach dem Tod meines Großvaters wuchsen meine Schwester und ich ausschließlich unter Frauen auf. Erzogen wurden wir im Sinne unseres Vaters nach christlich-humanistischen Wertvorstellungen, aber weltoffen und ohne Bigotterie. Maßstab war u. a. der Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes aus dem Jahr 1799. Darin heißt es u. a.: „Halte dich zu gut, Böses zu tun…Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns […,] sondern wir müssen uns nach ihr richten […] Bleibe der Religion deiner Väter getreu […]. Tue keinem Mädchen Leides und denke, dass deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist […]“. Vor allem dieser Satz sollte mein Frauenbild prägen.

Als Kinder wussten wir zwar, dass sich nicht alle verheirateten Paare gut verstanden, aber an Ehescheidungen während meiner Kindheit und frühen Jugend erinnern sich weder ich noch meine Schulfreunde. Die Ursachen dieses Sachverhalts wurden uns erst viel später klar.

 

1946 kam ich zur Schule und war ein recht guter Schüler trotz bisweilen wöchentlichem Lehrerwechsel und langer Fehlzeiten, da ich oft krank war und bis zu meinem 14. Lebensjahr an Asthma litt und mehrfach in Kinderheimen „zur Erholung“ war. Als Prämie für gute Leistungen erhielt ich 1947 ein Pfund Brot – die sinnvollste und schönste Prämie, die ich je erhalten habe. Was für ein kluger Mensch, der sich diesen Preis ausgedacht hat!

 

Ich wurde Mitglied der Jungen Pioniere, was meiner Familie nicht gefiel. 1954 bin ich konfirmiert worden und schloss mich der Jungen Gemeinde an. Beides war für mich selbstverständlich – und bis heute bin ich Mitglied der Evangelischen Kirche und arbeite in der Hamburger Aids- und Schwulengemeinde der Dreieinigkeitskirche in Hamburg-St. Georg mit.

 

1954 kam ich auf die Neustädter Friedrich-Schiller-Oberschule, und 1955 „machten wir rüber“, wie das seinerzeit hieß. Ursache dafür waren die drohende Verpflichtung für die NVA (Nationale Volksarmee), die Verfolgung der Jungen Gemeinde als amerikanische Spionageorganisation und eine angebliche Denunziation, wonach meine Mutter politisch nicht zuverlässig sei.

 

Meine Pubertät hatte mit 11/12 Jahren begonnen. Keine Ahnung, was da in einem vorging – und beunruhigend, dass nicht nur auf dem Kopf Haare wuchsen. Und allem Anschein nach hatte der Penis noch andere Funktionen als das Urinieren. Aufgeklärt worden waren wir nicht. Als eine großartige Biologielehrerin uns sexuell aufklären wollte, wurde ihr das auf einem Elternabend von den anwesenden Müttern untersagt. Über Sexualität wurde nicht geredet, höchstens geflüstert. Mütter, die unverheiratet Kinder zur Welt brachten, und die unehelichen Kinder wurden diskriminiert – mit diesen Kindern durften wir nicht spielen oder uns treffen. Und dazu die ständige Ermahnung: Setzt keine unehelichen Kinder in die Welt, ohne dass die meisten von uns Kindern einigermaßen zuverlässig wussten, wie Kinder zustande kamen. Natürlich war unsere Neugier und unser Erkenntnisstreben in sexualibus groß – wir waren unwissend, naiv und geil. Doch irgendjemand wusste immer mehr oder weniger Bescheid und ließ uns anderen an seinem Wissen teilhaben. Jahrzehnte später sagte mir einer meiner Oberstufenschüler in einem persönlichen Gespräch: „Wissen Sie, Herr Lorenz, uns interessiert doch eigentlich nur eins“. Und als ich nachfragte: „Sie wissen schon…“, womit alles gesagt war. Nur hätten wir uns weder  in der Kindheit noch in der Jugend getraut, dies unseren Lehrern zu sagen.

Mein Banknachbar in der Volksschule und ich, nicht eigentlich Freunde, eher Rivalen, aber irgendwie aufeinander eingeschworen, sammelten miteinander sexuelle Erfahrungen. Noch war das alles recht „unschuldig“, ein Ausprobieren, eine Art neues Spiel. Dass mein Banknachbar und andere Schulkameraden, mit denen wir uns sexuell austauschten, sich heterosexuell und ich mich homosexuell entwickelten, davon ahnten wir noch nichts. Allerdings wussten wir, dass es Warme gab und 175er und dass da irgendetwas verboten war, aber wir bezogen das mit 12, 13, 14 Jahren nicht auf unser Verhalten.

 

In Thüringen endeten damals die Schuljahre mit Beginn der Osterferien. Mit dem Ende der achtjährigen Volksschulzeit „trat man ins Leben“, durfte sonnabends tanzen gehen, und auch ein Bier wurde einem nicht verweigert. In Neustadt wurden Mitte der 1950er-Jahre noch fast alle Schulabgänger und Schulabgängerinnen konfirmiert, und zwar am Sonntag Palmarum.  (Die Jugendweihe wurde erst ab 1958 verbindlich und ersetzte schließlich weitgehend Konfirmation oder Firmung.) Die sich anschließende Karwoche bis Ostern galt als „Bummelwoche“, in der Jungen und Mädchen miteinander „gingen“. Einige von ihnen sammelten erste  erotische und sexuelle Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Mich interessierten Mädchen in sexueller Hinsicht überhaupt nicht, obwohl ich für zwei, drei schwärmte. (Ich hatte und habe gute freundschaftliche Beziehungen zu Frauen, allerdings ohne sexuelle Komponente.) Langsam wurde mir bewusst, dass ich anders als meine Klassenkameraden reagierte, dass mich Jungen sexuell anzogen und dass ich homosexuell sein könnte. (Den Begriff „schwul“ habe ich erst viele Jahre später kennen gelernt.) Über Sexualität und Homosexualität habe ich mich informiert in Heften des Dresdner Hygienemuseums und in Lexika. Die meisten Artikel waren niederschmetternd: Homosexuelle waren danach pervers, weibisch, unehrlich, unzuverlässig, unloyal, bildeten Cliquen usw. Und wie Max Frischs Andorranische Jude überprüfte ich an mir, inwieweit ich die genannten Eigenschaften besäße. Unloyal war ich nicht, unehrlich auch nicht – abgesehen von Schwindeleien und Notlügen, und für meine Freunde und Bekannte war ich geradezu der Inbegriff der Zuverlässigkeit. Das half mir, nicht alles zu glauben, was ich las. Und als ich merkte, dass ich meine Homosexualität weder durch Gebete noch durch zölibatäres Leben beseitigen konnte, begann ich, meine Veranlagung zu akzeptieren, ohne mich allerdings einem anderen Menschen anzuvertrauen. Dass ich der einzige Homosexuelle sei – diese Vorstellung, an die sich viele homosexuelle Menschen erinnern – hatte ich nie, Das Problem war nur, wie ich andere „Leidensgenossen“ fände.

 

Von Thüringen kam ich nach Bederkesa (heute Geestland, OT Bad Bederkesa), der Perle Nordhannovers, wie es auf einem Poststempel hieß, einen Marktflecken 27 km nord-östlich von Bremerhaven, mit einer Niedersächsischen Heimschule, einem preisgünstigen Internat für Kriegerwaisen bzw. Halbwaisen, Flüchtlinge, Vertriebene und für Kinder von den ostfriesischen Inseln.

 

Auf diesem Internat gab es ab und zu sexuelle Kontakte unter Schulkameraden, aber man musste vorsichtig sein, damit das „nichts rauskam“, sonst wäre man unweigerlich von der Schule „geflogen“. Der Schulleiter Ende der 1950er-Jahre kontrollierte beispielsweise abends die Stuben der Abiturientenjahrgänge, sah nach, ob die Jungen unter dem Bademantel eine Hose anhatten, und zog die Bettdecke weg, wenn er bemerkte, dass drei Schüler in einem Bett Skat spielten.

Gesprochen aber wurde über das Thema Homosexualität durchaus – zumeist spöttisch, herablassend, aber nicht unbedingt feindselig. Als ein Schülersprecher den nicht sehr beliebten Internatsleiter und einen Kunsterzieher in einem Song als „gar seltsames Paar“ bezeichnete, wurde er geteert und gefedert und floh zu seinem Klassenlehrer (später war er Intendant des Südwestfunks Baden-Baden). Was die beiden erwachsenen Männer miteinander verband, wäre sicherlich interessant gewesen, nur hatten viel von uns das Gefühl, dass dies uns letzten Endes nichts anginge.

 

1958 fuhr ich zusammen mit einem Klassenkameraden von Bederkesa aus mit dem Fahrrad über die Niederlande nach Brüssel zur Weltausstellung und über Mönchengladbach und Rethem an der Aller wieder zurück nach Bederkesa. Zwei Tage waren wir in Gent. An einem dieser beiden Tage trampte mein Schulfreund von Gent nach Brügge und berichtete mir am Abend, dass einer  der Autofahrer, die ihn mitgenommen hatten, anzüglich geworden sei, woraufhin er diesen Mann gebeten hatte, ihn aussteigen zu lassen. Wir haben uns lange darüber unterhalten. Es war ja zu keinem sexuellen Übergriff gekommen; der Autofahrer hatte sofort angehalten und ihn aussteigen lassen. Strafbar wäre in Belgien auch ein sexueller Kontakt nicht gewesen, da mein Schulfreund 19 Jahre alt war. Das Erlebnis aber zeigte mir, welche Ängste und Phobien bei anderen gegenüber Homosexuellen bestanden.

 

Mir wurde auf dem Internat endgültig klar, homosexuell und damit ein Außenseiter zu sein, der mit einem Bein im Gefängnis steht. Und so richtete ich mir mein Leben mit dieser Hypothek ein. Das Coming out vor mir selbst war damit abgeschlossen. Das klingt heroischer als es war. Ängste, Selbstmord- und Kastrationsgedanken kamen immer wieder auf. Letzten Endes ließ mich eine relativ starke Psyche durchhalten.

Als Abiturient fällte ich drei Entscheidungen: 1. ich studiere nicht Theologie, was ich erwogen hatte; 2. ich heirate nicht, obwohl mir eine Ehe nach außen hin einen gewissen Schutz gegeben hätte; 3. ich promoviere, um nicht in den Schuldienst gehen zu müsse (dass ich dann dort gelandet bin und gerne unterrichtet habe, fällt unter die Rubrik Ironie des Schicksals).

 

Als mir ein Jahr nach dem Abitur eine Klassenkameradin, die ich mochte und bis heute mag, zu verstehen gab, mit mir zusammenleben zu wollen, wich ich aus und behauptete, mich nicht vor Ende meines Studiums binden zu wollen. Sie heiratete dann einen anderen Klassenkameraden, mit dem sie sich nach wie vor versteht. Wir drei treffen uns gelegentlich auf Klassentreffen und unterhalten uns ausgesprochen gerne.

 

Nach dem Abitur nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und vereinbarte einen Termin mit dem Hamburger Medizinprofessor und Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Hans Giese. Das Gespräch war insofern erfolgreich, als ich zum ersten Mal gewagt hatte, mit einer anderen Person offen über meine Homosexualität zu sprechen. Gieses Ratschläge waren indes weniger hilfreich. Er unterschied ja zwischen den edlen Homosexuellen, die in einer festen Partnerschaft lebten, und den anderen, den promiskuitiv lebenden Schwulen (ich nenne sie in  Polemiken gerne „Schweineschwule“, weil dieses Wort das wiedergibt, was Giese meinte), die er ablehnte. Als junger Mann Anfang der 1960er-Jahre an eine irgendwie geartete feste homosexuelle Beziehung zu denken, kam mir nicht in den Sinn.

 

Studiert habe ich in Kiel, Göttingen und – vor allem – an der Universität des Saarlandes. Angefangen habe ich mit Jura, Soziologie und Geschichte. In Saarbrücken wechselte ich zu Geschichte, Germanistik, Soziologie und Rechtssoziologie (bei Prof. Werner Maihofer), später kam noch Skandinavistik hinzu. Mit Staatsexamen und Promotionsprüfung habe ich in Geschichte, Germanistik und Skandinavistik einen Abschluss gemacht. Die zahlreichen „Scheine“, die ich in Soziologie und Rechtssoziologie erworben hatte, sind mir später vom schleswig-holsteinischen Kultusministerium  als Studien-Abschluss anerkannt worden, wodurch ich zusätzlich das neu eingeführte Fach Wirtschaft und Politik ohne Zusatzqualifikation unterrichten durfte.

 

Begonnen habe ich das Studium an der Christian-Albrecht-Universität im damals noch längst nicht vollständig wieder aufgebauten Kiel. Warm bin ich mit der schleswig-holsteinischen Hauptstadt weder damals noch später geworden. Und so wechselte ich nach Saarbrücken. Zunächst wohnte ich in einem wenig erfreulichen und kalten Zimmer in der Deutschherrnstraße, anschließend in einer preisgünstigen Bude in Burbach. Als diese von den Vermietern benötigt wurde, zog ich in die Lebacher Straße. Dann wechselte ich für zwei Semester nach Göttingen, wo ich vor allem osteuropäische Geschichte und Lutherhandschriften studierte, und kehrte Mitte der 1960er Jahre  an die Universität des Saarlandes zurück, deren Campus-Charakter ich nach den Rennereien in Göttingen von einem Universitätsgebäude zum anderen, die über die ganze Stadt verteilt waren,  schätzen gelernt hatte. Diesmal erhielt ich durch die Vermittlung eines Freundes ein Zimmer bei Frau Fandel in der Joseph-Haydn-Straße 13 in Dudweiler-Süd.

Anders als in Göttingen, prägte die Universität des Saarlandes während meiner Studienzeit nicht die Stadt Saarbrücken. Eine spezielle Studentenkneipenkultur in Saarbrücken oder Dudweiler ist mir nicht in Erinnerung. Saarländische Studenten und Studentinnen lernten wir auswärtigen Studenten selten näher kennen – die kamen morgens nach Saarbrücken und fuhren nachmittags oder abends nach Hause („mir fahre hem“).  

Im Juni 1968 schloss ich mein Studium  mit dem Staatsexamen ab und wurde gleichzeitig promoviert.

 

In Kiel bin ich im Schrevenpark mit Anfang zwanzig zum ersten Mal mit einem verbreiteten Treffpunkt der homosexuellen Subkultur – der Klappe – konfrontiert worden. Ich war erschrocken, verließ sofort die Toilette, war andererseits aber auch irgendwie fasziniert. Und bald suchte ich in allen Städten, in denen ich war, diese Art Treffpunkt gerne und zugleich mit schlechtem Gewissen auf.

Von Göttingen aus fuhr ich eines Abends nach Hannover und besuchte dort die seinerzeit   beliebte Schwulenbar Wielandseck in der Glockseestraße auf sowie das Lokal Le Fiacre  (lef) in der Weißekreuzstraße 20  nicht weit vom Hauptbahnhof (mit dazu gehöriger Absteige in der Bödeckerstraße). Es war ein interessanter Abend, doch wurde ich nie ein Kneipengänger – sei es aus Sparsamkeit, sei es wegen der Zeitverschwendung oder wegen der Atmosphäre, die mich nicht ansprach. So viele Schwulenlokale ich bei Stadtführungen in Hamburg auch zeige, die allermeisten kenne ich nicht von innen – ausgenommen den Laubfrosch, den es einmal in der Kastanienallee unweit des Operettenhauses auf St. Pauli gab, das Café Gnosa in der Langen Reihe in St. Georg, das Luxxum am Nobistor auf St. Pauli, das einem Bekannten gehört hatte und nur wenige Monate existierte, bis es abbrannte,  und seit kurzem die Contact-Bar gegenüber dem St. Mariendom an der Danziger Straße/Ecke Soester Straße in St. Georg, weil ich mit dessen Wirt bei der Verwirklichung der Idee eines Denkmals für sexuelle Vielfalt zusammenarbeite.

 

Und wie lebte man in den 1960er-Jahren als homosexueller Student an der Universität des Saarlandes? Schwulenbars wie das Lokal Madame am St. Johanner Markt in der Mainzer Straße 4 boten einen gewissen Schutzraum, sofern man die dortige Atmosphäre mochte und Stammgast war. Gesichtskontrollen sind lange Zeit üblich gewesen, bevor ein Gast eingelassen wurde. Treffpunkte zur Anbahnung waren außer innerstädtischen Parkanlagen die Klappen vor der Bergwerksdirektion an der Ecke Marx-, Trierer-, Bahnhofstraße sowie an der Berliner Promenade und auf dem St. Johanner Markt. Da aber viele Studenten in Dudweiler, Scheidt, Neuscheidt, Sulzbach, Jägersfreude, Burbach usw. wohnten, kamen sie nicht allzu häufig „nur mal so“ in das Zentrum Saarbrückens. Und man wollte als Homosexueller auch nicht so gerne leicht wiedererkannt werden, weswegen das Madame für viele keine Option war.

 

Unter Kommilitonen und Kommilitoninnen war Homosexualität kein Tabuthema. Im engeren Freundeskreis konnte darüber gesprochen und diese für sich selbst auch zugegeben werden.

 

Der Begriff „schwul“) war mir während des Studiums nicht geläufig – als Eigenbezeichnung kannte ich ihn noch nicht, und als Fremdbezeichnung taucht er in den überlieferten einschlägigen Strafakten nur gelegentlich auf. Als positiv konnotierte Selbstbezeichnung ist das Wort „schwul“ erst durch die Glossen und den Roman „Lavendelschwert“ (1966) von Felix Rexhausen (1932-1992) popularisiert worden und setzte sich anschließend durch. Für viele ältere homosexuelle Männer aber ist dieser Begriff nach wie vor ein Schimpfwort. Von ihnen wird „verzaubert“, „anders“, „homophil“ usw. bevorzugt.

 

Für die meisten Mitglieder meines Studentenverbandes, die Akademisch Musische Verbindung Saarbrücken im Sondershäuser Verband, war meine sexuelle Veranlagung kein Problem. Bis heute besuche ich Stiftungsfeste und bin bis zu deren Tod eng mit den Bundesbrüdern Jürgen Werner, der in Sulzbach verheiratet war, und mit dem aus Homburg/Saar stammenden Neunkircher Jugendrichter und langjährigen Präses der Evangelischen Kirche der Pfalz Ernst Rudolf Pfordt (1934 bis 2016) befreundet gewesen. Und dies galt längere Zeit auch für das Verhältnis zu der Akademischen Rätin und SPD-Politikerin Dr. Ilse Spangenberg (1931-2009).

 

Doch sind die Erfahrungen im studentischen und akademischen Bereich nicht ohne weiteres auf die Einstellung der gesamten Bevölkerung übertragbar.

 

In Saarbrücken war ich Abonnent der seinerzeit bekanntesten  Schweizer dreisprachigen Homosexuellenzeitschrift Der Kreis. Herausgegeben wurde sie in Zürich von dem Schauspieler Karl Meier (1897-1974) unter dem Pseudonym Rolf. Er veranstaltete in Zürich über die Schweizer Grenze hinaus bekannte Maskenbälle und andere Fest, für die seriöses Auftreten der Teilnehmer angemahnt wurde, um die Zürcher und Schweizer Bevölkerung nicht zu empören, da die Aufhebung der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Menschen im Jahr 1942 während der 1960er Jahre in Frage gestellt wurde. Mehrere Morde im Homosexuellenmilieu  lastete man den homosexuellen Opfern an, da sie daran schuld seien, dass es Strichjungen gebe, die sich dann gleichsam berechtigter Weise an denen vergriffen, die sie dazu gemacht hätten.

Den Kreis erhielt ich im geschlossenen Briefumschlag mit neutralem Absender. Seine wichtigste Funktion bestand darin, dass der homosexuelle Mann merkte, dass er mit seinen Problemen nicht alleine war. Neben Zeichnungen, Fotos und Unterhaltung enthielt die Zeitschrift wichtige Informationen, die Homosexuelle interessierten. Darüber hinaus bot sie die Möglichkeit, private Annoncen aufzugeben.

 

Als ich Mitte der 1960er Jahre im Zusammenhang mit meiner Dissertation mehrere Wochen in Kopenhagen war, um in Rigsarkivet und in Det Kongelige Bibliotek  København Akten zu studieren, erlebte ich die dänische Hauptstadt als Inbegriff der Toleranz gegenüber Homosexuellen. Schwulenbars machten öffentlich Werbung; in jedem Kiosk hingen Schwulenzeitschriften aus. In Erinnerung geblieben sind mir Eos. Vennen und Amigo. Irgendwann hatte ich mich satt gesehen, und ich nahm dieses Faktum nur noch zur Kenntnis. Alles war – oder schien zumindest – in Kopenhagen freier als in Saarbrücken. Dass dies aber erst seit wenigen Jahren so war und noch Mitte der 1950er-Jahre in Kopenhagen  gegen ca. 1000 Männer wegen homosexueller Handlungen und homosexueller Pornographie Ermittlungen eingeleitet worden waren, erschloss sich mir erst Jahre später.

 

Am 26. Aprils 1967 versuchte ein Mann, mich als Homosexuellen zu erpressen, woraufhin ich Hilfe bei der Polizei suchte.  Die „verantwortliche Vernehmung“ und die „erkennungsdienstliche Behandlung“ – immerhin hatte ich damals strafbare Handlungen nicht geleugnet – waren psychisch belastend, aber ich habe von Seiten der Polizeibeamten keine Häme oder Abneigung erlebt. Meine Dudweiler Zimmerwirtin und die Kommilitonen und Kommilitoninnen, mit denen ich befreundet war, hielten zu mir. Allerdings möchte ich eine vergleichbare Zeit wie die bis zur Einstellung des Verfahrens durch den Saarbrücker Leitenden Oberstaatsanwalt sechs Wochen später nicht noch einmal durchleben. Aufrecht hielt ich mich durch intensive Arbeit an meiner Dissertation. Aber ich war fast am Ende, zumal im Zuge der Ermittlungen die Kriminalpolizei in Nordrhein-Westfalen meine Mutter über die Vorgänge informierte und mich damit in der Familie outete. Meine Großmutter und meine Schwester nahmen diese Information gelassen auf, meine Mutter hatte damit zeit ihres Lebens Schwierigkeiten, obwohl sie gerne die Eltern eines Freundes in Hamburg kennenlernte und es auch kein Problem war, dass dieser Freund mich bei meiner Mutter und Großmutter in Wuppertal  besuchte.

Soweit der knappe persönliche Bericht. Als Historiker stellte ich die Angelegenheit nüchterner dar: Im Jahr 1967 kam es auf Grund gleichgeschlechtlicher Handlung zu einer Erpressung, die der Geschädigte anzeigte. Nach der erforderlichen Vernehmung und der erkennungsdienstlichen Behandlung ist der Geschädigte nach Hause entlassen worden. Gemäß § 154 b der Strafprozessordnung in der Fassung vom 28.6.1935 wurden die strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Die Ermittlungsbehörden haben sich pflichtgemäß verhalten. Die Bearbeitungszeit von sechs Wochen ist nicht zu beanstanden.

 

Die persönlichen Erfahrungen haben mich sensibel gemacht für die Problematik der Verfolgung einer sexuellen Devianz: Außer der strafrechtlichen Ahndung drohten universitäre, berufsständische, beamtenrechtliche Strafmaßnahmen, Relegation, Selbstisolierung, soziale Isolierung von außen, möglicherweise Arbeits- und Wohnungsverlust. Nun, ich hatte im Saarland Glück und später auch in Bonn und Flensburg und in Hamburg, aber ich habe viele traurige Gegenbeispiele kennengelernt.

 

Vierzehn Tage nach Staatsexamen und Promotion trat ich eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bonn an. Mein Chef war mein Saarbrücker Doktorvater Prof. Dr. Konrad Repgen, der zwischenzeitlich auf den Konkordatslehrstuhl nach Bonn gewechselt war. Im Auftrag der Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte (APW) hatte ich eine Edition schwedischer Texte zur Geschichte des Westfälischen Friedens zu erstellen. Als ich damit fertig war, beschloss ich, das notwendige zweite Staatsexamen abzulegen, denn damals verfiel das erste Examen, wenn man nicht bis zum 35. Lebensjahr das zweite Staatsexamen absolviert hatte. Professor Repgen beurlaubte mich und sagte bei einem Abschiedsessen, er halte mir die Stelle fünf Jahre frei, wenn ich mich im Schuldienst nicht wohl fühlte.

 

1969 wurde im Bundestag von der Großen Koalition die erste Reform des § 175 StGB beschlossen. Dieser Beschluss war eine politische Entscheidung. Eine Volksabstimmung hätte die Reform sicherlich abgelehnt. Natürlich haben wir uns als homosexuelle Männer darüber gefreut. Doch nach wie vor waren sexuelle Kontakte von Männern, die das 21. Lebensjahr vollendet hatten, mit nicht volljährigen Männern – und das heißt solchen unter 21 Jahren – unter Strafe gestellt. Und die Haltung der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen war alles andere als positiv.

Die zweite Reform im Jahre 1973 brachte die Senkung der Altersgrenze auf 18 Jahre, die Angleichung der Schutzaltersbestimmung für Heterosexuelle und Homosexuelle erfolgte erst 1994.

 

Während der Bonner Zeit hatte ich gelernt, als Homosexueller zu leben und möglichst nicht aufzufallen. Allerdings war ich mittlerweile in einem Alter, in dem neugierig gefragt wurde, warum man denn noch nicht verheiratet sei. Da ich aber ab und zu mit einer ebenfalls unverheirateten Kollegin ins Theater ging,  brodelte es in der Gerüchteküche nicht allzu sehr.

In Bonn war ich ab und zu im Bonner Stadtgarten am Rhein, um Kontakte zu suchen. Dies war auch nach der ersten Reform des § 175 im Jahr 1969 nicht ungefährlich. Jugendgruppen machten Jagd auf Schwule; „Schwulenticken“ war angesagt. Und ich erinnere mich, dass ich einmal als Unbeteiligter die Polizei alarmierte, als ich von der vorbeiführenden Adenauerallee her einen Überfall im Stadtgarten bemerkte. Außerdem fuhr  man von Bonn aus gerne nach Köln. Diese Stadt ist bis heute eine wahre Schwulenhochburg.

 

Wegen des zweiten Staatsexamens hatte ich mich in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz beworben. Das Saarland kam für mich nicht mehr in Frage: Ich bin kein Romantiker, und das heißt, ich kehre nicht dorthin zurück, wo es mir einmal gefallen hat. Abgerissen aber ist die Beziehung zu Saarbrücken nie.

 

Schleswig-Holstein antwortete umgehend und bot mir die Ausbildung in Flensburg an. NRW meldete sich nach sechs Wochen und Rheinland-Pfalz nach einem Vierteljahr. Da hatte ich längst mit Schleswig-Holstein abgeschlossen. Bereut habe ich diesen Schritt nicht. Bis heute habe ich mit der Schulverwaltung des Landes S-H gute Erfahrungen gemacht. Im Nachhinein erfuhr ich, dass Schleswig-Holstein seit der Zeit des Kultusministers Edo Osterloh (1909-1964) schwule Lehrkräfte einstellte. Ob die Saarbrücker Erpressungsaffäre in Kiel bekannt war, kann ich nicht sagen. Auf Grund späterer Ereignisse habe ich die Vermutung, dass trotz „sauberen Führungszeugnisses“ entsprechende Informationen weitergegeben worden waren.

 

In Flensburg war ich nur knapp eineinhalb Jahre. (Die Referendarzeit war verkürzt worden, weil man dringend Lehrkräfte brauchte.) Dennoch gehören diese wenigen Monate in Flensburg zu den wichtigsten meines Lebens. Zugewiesen worden war ich als Referendar der dortigen Goethe-Schule, die viele Kinder bäuerlicher Familien im benachbarten Angeln besuchten. Mit einigen meiner damaligen Ausbilder bin ich bis heute befreundet. Das Unterrichten und der Umgang mit jungen Menschen machte mir Freude – in Bonn hatte ich nur eine Kollegin und zwei Kollegen und eine Schreibkraft. Die dortigen Arbeitsbedingungen waren gut, und die Editionsarbeit lag mir, aber ich hatte das Gefühl, in einem Elfenbeinturm zu leben. Das Lehramt dagegen bot menschliche Kontakte. Und so ging ich weder nach Bonn zurück, noch nahm ich ein Angebot des Kieler schleswig-holsteinischen Landeshistorikers Prof. Christian Degn an, sein Assistent zu werden. Ich wollte eine volle Festanstellung und keine befristeten Arbeitsverträge haben. Bereut habe ich meine Entscheidung nur selten. Bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2005 war ich gerne an der Schule – eine Aussage, die allerdings Korrekturen, unnötige Konferenzen und manche Kolleginnen und Kollegen nicht mit einbezieht.

 

Neben dem Beruf habe ich einen umfangreichen Kommentar zur Gylfaginning des Isländers Snorri Sturluson geschrieben sowie je einen Quellenband zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges bzw. zur Geschichte Wallensteins erarbeitet. Die drei genannten Bücher sind von der Darmstädter Wissenschaftlichen Buchgesellschaft veröffentlicht worden.

In Flensburg begann ich, mich mit den nationalen Minderheiten nördlich und südlich der Grenze zu beschäftigen, und abonnierte mehrere Jahre lang Flensborg Avis, die Tageszeitung der dänischen Minderheit. Diese Lektüre führte zu einem umfangreichen Aufsatz, der in den Grenzfriedensheften veröffentlicht wurde.

 

Von Flensburg aus schloss ich mich der dänischen Schwulenorganisation Forbundet af 1948 an.  Gleichzeitig wurde ich Mitglied der 1969 in Hamburg gegründeten  IHWO (Internationale Homophile Weltorganisation) ‒ einem autorisierter Ableger der dänischen IHWO, die um 1952 von Axel Lundahl Madsen (1915-2011) und Eigil Eskildsen (1922-1995) ins Leben gerufen worden war. Beiden wurden während der Ära des Chefs der Kopenhagener Sittlichkeitspolizei Jens Jersild (1903-1978) als Homosexuelle verfolgt. 1956 nahmen sie den gemeinsamen Namen Axgil an. Am 1. Oktober 1989 wurden sie das weltweit erste registrierte schwule Ehepaar. Von Hamburg aus besuchte ich die Axgils einmal zusammen mit einem Freund in ihrem Axelhus in der Nähre von Ringsted auf der dänischen Hauptinsel Sjælland.

 

In Flensburg unterrichtete ich auch am Abendgymnasium. Dort begegnete ich einem intelligenten jungen Mann, dem Sohn eines Schneidermeisters.  Er sprach sehr offen davon, dass er im Flensburger Schwulenlokal mit Sex Geld verdiene. Die anderen Abendschüler nickten dazu, hatten das gewusst, und ich hatte den Eindruck, dass dies auch andere taten. Natürlich sei er nicht schwul, betonte der sympathische junge Mann. Seitdem ich mich wissenschaftlich mit der mann-männlichen Prostitution beschäftige, weiß ich, dass der Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen gering ist. Strafrechtlich hatte der Abendschüler nichts mehr zu befürchten, da 1973 mit dem Wegfall des § 175a StGB auch die Strafbarkeit der mann-männlichen Prostitution aufgehoben worden war.

 

Nachdem ich das zweite Staatsexamen bestanden hatte, erhielt ich eine Stelle an der Sachsenwaldschule in Reinbek. Von dort aus gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des späteren Gymnasiums Glinde.

Das Reinbeker Kollegium wurde dominiert von Kolleginnen und Kollegen, deren Ausbildung in die Weimarer Republik und die NS-Zeit gefallen war. So mancher Kollege war Mitglied der NSDAP gewesen und sah darin durchaus keinen Makel. Als junger Lehrer konnte man aber von manchem der älteren Kollegen viel lernen über den Umgang mit Schülerinnen und Schülern. Und ich wurde mit meinen entgegengesetzten politischen Vorstellungen durchaus  freundlich aufgenommen.

Der damalige Personalratsvorsitzende war ein ultrakonservativer Mann. Er sprach mich einmal in einer Weise an, die vermuten ließ, dass er über meine homosexuelle Veranlagung Bescheid wusste. Ich wich aus, äußerte mich unklar. Doch habe ich dieses Gespräch in guter Erinnerung, weil dieser Kollege keinerlei Abneigung und Vorurteile erkennen ließ, mir vermutlich helfen wollte und mir gewogen war,

All das kann ich von den Schulleitern, mit denen ich später in Glinde zu tun hatte, nicht behaupten. Die waren Mitglieder der SPD und ausgesprochen homophob. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass Toleranz gegenüber Homosexuellen nichts mit dem Rechts-Links-Schema zu tun hat und auch nicht davon abhängt, ob jemand ein gläubiger Mensch ist oder sich als Atheist versteht.

 

Die Homophobie der Glinder Schulleiter und anderer Kollegen bzw. vor allem Kolleginnen zeigte sich weniger in Angriffen gegen mich als in Bemerkungen über Schüler, die sie für homosexuell hielten, oder über Männer, die sich ihrer Ansicht nach „weibisch“ benahmen.

Mir wurde regelmäßig die Aufgabe übertragen, mich mit den Schülern zu beschäftigen, die wegen ihrer (angeblichen) Homosexualität gehänselt (heute: gemobbt)  wurden und sich deswegen beim Schulleiter beschwert hatten.

Ab und zu bin ich von Kollegen denunziert worden, ich benotete Jungen besser als Mädchen. Die zunächst geheimen Untersuchungen des Schulleiters ergaben anhand der Arbeitsergebnisse und Zeugnisnoten, dass ich der Inbegriff der Gerechtigkeit sei. Dieses Ergebnis wurde mir mitgeteilt. Als ich mich wegen dieser Untersuchung, über die ich als Leiter der Oberstufe nicht informiert worden war, beschwerte, antwortete der Schulleiter, es sei doch nichts passiert, die Vorwürfe hätten sich ja als haltlos erwiesen.

Als eine Abiturientin im Winter kurz vor ihrem Abitur bei großer Kälte nur mit einem kurzärmligen Spitzenblüschen bekleidet in einem schlecht geheizten Raum der Schule durch ihre Hustenanfälle den Unterricht nachhaltig störte und ich zu ihr sagte, dass es vielleicht besser sei, wenn sie sich etwas wärmer anzöge, und sie daraufhin wütend den Raum verließ und sich beim Schulleiter über mich beschwerte, ordnete  dieser eine Befragung aller Kursteilnehmerinnen an. Wie ich später von einer Lehrkraft, die bei dieser Befragung anwesend war, erfuhr, sagten alle Schülerinnen: „Aber er hat doch recht“, was wiederum dem Schulleiter kaum recht war.

Und als der letzte Schulleiter, den ich erlebte, gegenüber dem Kultusministerium behauptete, es sei doch klar, dass ich schwul sei, denn ich hätte nur Schüler als Tutanden, riss mir der Geduldsfaden und ich beschwerte mich über ihn in Kiel mit dem Hinweis, dass zu meinen Tutanden immer ca. 25 bis 33% Schülerinnen gehört hätten und dass meine männlichen Tutanden (soweit ich das beurteilen könne und ich Einblicke hätte) durchaus nicht homosexuell seien. Von Seiten der Schulverwaltung habe ich nur von einem einzigen Dezernenten, der nicht lange dieses Amt bekleidete, eine unerfreuliche Bemerkung in Erinnerung.

 

 Die genannten Beispiele sind Ausnahmen, verursacht vor allem von den jeweiligen Schulleitern und ganz wenigen Kolleginnen und einem Kollegen. Wirklich auszustehen hatte ich nichts. Gemunkelt wurde unter den Schülerinnen und Schülern, dass ich schwul sei. Sprach mich von ihnen jemand darauf an, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Ich habe während meiner Berufszeit etwa 120 Schulfahrten, Ausflüge, Stadttouren in Hamburg usw. gemacht. Fast dreißig Jahre lang sind von mir Wandertouren im schwedischen Lappland als Studienfahrt veranstaltet worden. Dabei musste ich in den Hütten  mit Schülern in einem Raum, bisweilen zu zweit oder dritt in einem der breiten Betten übernachten. Niemand hat sich darüber beschwert.

Wie gesagt, wirkliche Probleme als schwuler Mann hatte ich im Beruf nicht. Und Ähnliches kann ich von einer jüngeren lesbischen Kollegin sagen, die bis heute im Dienst ist.

Ich kenne aber Kollegen, die diskriminiert wurden und selbst erkannten, dass ihre etwas tuntige Art bei Schülerinnen und Schülern Lachreiz und Unruhe hervorriefen, die den Unterricht beeinträchtigten. So mancher von ihnen schied vorzeitig aus dem Berufsleben aus.

 

Meine Bewerbung als Leiter der deutschen Schule in Stockholm wurde von der zuständigen Behörde für das Auslandsschulwesen in Köln abgelehnt, obwohl ich der Sprache mächtig war und mich in der schwedischen Kultur auskannte. Die Begründung für die Ablehnung lautete: ich sei nicht verheiratet!

Und so blieb ich bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2005 in Glinde. Erst im Nachhinein begreife ich, dass mir die lange Zeit als Leiter der Oberstufe vor Ort viele Sympathien eingebracht hat und dass bis heute ehemalige Schülerinnen und Schülern zu meinem sozialen Umfeld gehören und einer mich sogar zum Patenonkel seiner ältesten Tochter gemacht hat. Hätte ich die Glinder Schule nach wenigen Jahren verlassen, wäre das nicht der Fall gewesen.

 

Wie oben erwähnt, bin ich Anfang der 1970er-Jahre in Flensburg Mitglied der IHWO geworden und war dies, bis sich diese Organisation 1974 auflöste. Mit dem Kassenwart der IHWO, einem Bankangestellten, war ich zwei Jahre lang befreundet. Dann trennten wir uns aus unterschiedlichen Gründen. Bis heute aber stehen wir in Verbindung und laden uns zu unseren Geburtstagen ein. Für die IHWO habe ich die Korrespondenz mit Männern in Haftanstalten geführt.

Die IHWO war eine bürgerliche Organisation der zweiten deutschen Homosexuellenbewegung. Die allermeisten Mitglieder standen im Berufsleben und waren darin erfolgreich. Man gab sich im äußeren Auftreten bürgerlich.

Zwischen der IHWO und der ab 1970 entstehenden und zunächst studentisch geprägten dritten deutschen Homosexuellenbewegung gab es erhebliche Gegensätze. War die IHWO integrationistisch orientiert und strebte sie eine Änderung der Rechtsverhältnisse im Rahmen der bestehenden Ordnung mit Hilfe von Petitionen an die Verfassungsorgane und Mitwirkung in den Parteien an, war das Ziel der studentischen homosexuellen Aktionsgruppen emanzipatorisch und systemüberwindend. Eine mittlere Position, wie sie z. B. der Münsteraner Rainer Plein einnahm, hatte keinen Erfolg. Rainer Plein, dem ich einige Male in Hamburg begegnet bin, nahm sich schließlich das Leben.

 

Für einen Menschen wie mich war in der dritten deutschen Homosexuellenbewegung mit ihrem Slogan Trau keinem über Dreißig zunächst kein Platz: Ich war inzwischen Mitte Dreißig, beruflich etabliert und damit Teil des „Systems“. Und meinerseits war ich durch rasche Beförderung zum Studiendirektor beruflich so eingespannt, dass ich keine Zeit hatte, die Abende oder Nächte in den neu entstehenden Homosexuellengruppen zu verbringen.

 

Selbstverständlich verfolgte ich die Entwicklung der dritten deutschen Homosexuellenbewegung und informierte mich über alles, was von ihr erarbeitet und initiiert wurde. Mein Bücherschrank zeugt bis heute davon, dass ich mich auf dem Laufenden hielt.

 

Als sich die Zeit meiner Berufstätigkeit langsam dem Ende näherte, überlegte ich, was ich anschließen tun könne. Und so schloss ich mich im Jahr 2000 dem Hamburger Verein Freundschaften an, dessen Ziel es war, die Geschichte der Homosexuellen der Hansestadt sichtbar zu machen. Mitglieder dieses Vereins hatten Ende der 1990er-Jahre aktiv gegen die Vernichtung Hunderter von Strafakten gegen Homosexuelle im Hamburger Staatsarchiv protestiert. Leider war die spätere Arbeit von Freundschaften weniger effektiv, so dass Bernhard Rosenkranz und ich uns von diesem Verein  trennten und beschlossen, zu zweit eine historische Darstellung der Hamburger Homosexuellengeschichte zu schreiben. Der Versuch gelang, und im Jahr 2005 erschien unser knapp 400 Seiten umfassendes und reich bebildertes Buch Hamburg auf anderen Wegen. Eine zweite Auflage dieses Buches folgte 2006.

Dieses Buch ist für mich der Beginn einer völlig neuen Lebensphase, unabhängig von den Jahren der Berufstätigkeit.

 

2006 gründeten der Hamburger Archivar Ulf Bollmann und Bernhard Rosenkranz die Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer. Nach dem Tod von Bernhard Rosenkranz im Jahr 2010 arbeiten Ulf Bollmann und ich in der Stolpersteininitiative zusammen, die bisher die Verlegung von etwa 350 Stolpersteinen initiiert hat. Schirmherrin der genannten Initiative ist Maria Jepsen, bis 2010 Bischöfin des Sprengels Hamburg innerhalb der Nordelbischen Kirche (heute: Nordkirche).. 

Eng verbunden ist die Stolpersteininitiative mit der Hamburger Aidsseelsorge, mit dessen Pastor  zwischen 2006 und 2015 insgesamt zehn Gottesdienste zum Tag der verfolgten Homosexuellen (17. Mai) vorbereitet worden sind. Der letzte Gottesdienst dieser Reihe fand 2015 in der Hauptkirche St. Michaelis unter großer Beteiligung der Community statt. (Ulf Bollmann und ich waren der Ansicht, dass die gemeinsamen Gottesdienste in Zukunft nicht mehr regelmäßig im Jahresrhythmus, sondern nur noch zu besonderen Ereignissen stattfinden sollten.)

 

Zur Hamburger Aidsseelsorge gehören auch die gemeinschaftlichen Grabstätten für Menschen mit HIV/AIDS, deren Angehörige und Mitglieder des 1995 gegründeten Vereins Memento e. V. auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Zurzeit gibt es Memento I und Memento II mit der zusätzlichen Gedenktafel In Memoriam für an Aids gestorbene Menschen, die anderenorts beigesetzt worden waren, deren Grab jedoch zwischenzeitlich aufgelassen wurde. Diese In-Memoriam-Tafel wurde am 28. Mai 2012, einem Pfingst-Montag, eingeweiht. Initiiert worden war sie von dem Hamburger Augenarzt Francois Hames und von mir. Mein Spendenaufruf in der Hamburger Schwulenzeitschrift hinnerk hatte einen so großen Erfolg, dass noch heute Geld zum Unterhalt der Anlage zur Verfügung steht.

 

Nachdem das Buch Hamburg auf anderen Wegen erschienen war, erarbeitete ich zusammen mit dem Hamburger Archivar Ulf Bollmann und  Bernhard Rosenkranz eine Ausstellung über die Verfolgung homosexueller Menschen in Hamburg zwischen 1919 und 1969, die mit großformatigen Schautafeln und rund 100 Exponaten im März und April 2007 in der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky und in erweiterter Form mit 48 Tafeln von Ende April bis Mitte Juli 2008 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gezeigt wurde. Anschließend war sie (u. a.)  im Mai 2009 im Hamburger Rathaus, von Ende August bis Ende November 2009 im Forum  der Volkshochschule in Bochum und im Februar und März 2010 im Schwulenmuseum in Berlin zu sehen.  Im April 2009  erschien das gut 300 Seiten umfassende Buch Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969 –  ein Katalogbuch zur genannten Ausstellung.

 

Ich hielt wiederholt Vorträge und schrieb Artikel. Einige von ihnen veröffentlichte ich in dem umfangreichen Sammelband Töv, di schiet ik an (500 Seiten), der 2013 im LIT-Verlag in Münster erschien.

 

Im selben Jahr wurde eine zweite Ausstellung eröffnet. Initiiert worden war sie von einem befreundeten Hamburger Richter aus meinem Studentenverband. Ihr Titel: Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945. Auftraggeberin war die damalige Justizsenatorin Jana Schiedek. Kuratiert wurde sie von Ulf Bollmann und mir. Gezeigt wurde sie vom 22. Juli bis zum 1. September 2013 in der repräsentativen und architektonisch interessanten  Grundbuchhalle des Ziviljustizgebäudes des Hamburger Justizforums. Später war sie u. a. in der Polizeiakademie Hamburg, in der Volkshochschule Bochum und (anlässlich des Bundesseminars der VELSPOL) im August 2017 im Hamburger Polizeimuseum zu sehen. Der Katalog mit demselben Titel wie die Ausstellung enthält eine Reihe Aufsätze und gibt alle Ausstellungstafeln in verkleinerter Form wieder.

 

 

Die Aufsätze des  umfangreichen Katalogs wurde von mir verfasst und von Ulf Bollmann bebildert; überdies gibt der Katalog mit demselben Titel wie die Ausstellung alle Ausstellungstafeln in verkleinertem Maßstab wieder.

 

Für unsere schwulenhistorische Arbeit erhielten Ulf Bollmann und ich am 27. Juli 2013 den Hamburg Pride Award.

 

Der Aufsatz Die Rechtsprechung nach §§ 175 und 175a StGB in Hamburg 1948-1969 von mir und Ulf Bollmann, der anhand der Hamburger Haupt- und Vorverfahrenregister erarbeitet worden war und 2016 im LIT-Verlag erschien, hat die Berliner Beratungen über die Entschädigung von Männern beeinflusst, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach § 175 StGB verurteilt worden waren. Das Manuskript wurde vom Bundesjustizministerium zweimal angefordert, nachdem ich zu einem Gespräch mit Bundesjustizminister Heiko Maas eingeladen worden war.

 

Außerdem übersetzte ich Texte aus dem Schwedischen, um mich in dieser Sprache zu üben. Im Jahr 2016 erschienen zwei davon beim LIT-Verlag in Münster im Druck.

Bei der einen handelt es sich um den 1977 veröffentlichten Roman En livslång kärlekEine lebenslange Liebe – von Bengt Söderbergh, in dem es vor allem um die die Zuneigung, die Liebe und schließlich das Zusammenleben eines schwedischen Adligen und eines französischen Offiziers über mehr als fünfzig Jahre geht. Weitere Themen des Romans sind der Stummfilm, die französische Kolonialpolitik im Maghreb, das Erstarken des politischen Islams und die Entkolonialisierung.

Die zweite Übersetzung betrifft den ersten Roman des schwedischen Entertainers Jonas Gardell mit dem Titel Passionsspelet  ‒ Das Passionsspiel ‒  aus dem Jahr 1985. In diesem Roman werden die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu und die Proben eines Passionsspiels  mit der Liebesgeschichte zweier junger Männer und der Schilderung ihrer sexuellen Vorlieben verknüpft. Hervorzuheben ist die positive Sicht auf Judas als den notwendigen Vollender der Erlösungstat Christi. Darüber hinaus bietet der Roman Einblicke in die schwedische Gesellschaft der 1980er-Jahre.

Im 17 Seiten umfassenden Nachwort gehe ich ausführlich auf Jonas Gardells Romantrilogie Torka aldrig tårar utan handskar mit ihren drei Teilbänden Kärleken, Sjukdomen und Döden ein, auf die filmische Umsetzung des Romans in der gleichnamigen dreiteiligen Fernsehserie und  auf Gardells fulminante Show Mitt enda liv.

 

Die Fernsehserie Torka aldrig tårar utan handskar ist während der Hamburger Lesbisch-Schwulen-Filmtage 2016 und in der Hamburg-Pride-Woche 2017 in schwedischer Sprache mit englischen Untertiteln gezeigt und von mir eingeleitet und erläutert worden.

 

In diesem Jahr (2018) habe ich während der Pride-Woche den schwulen Behindertensportler und Hochspringer Reinhold Bötzel vorgestellt, dessen Biographie ich schreiben soll.

 

Durch zahlreiche Veröffentlichungen, die beiden Ausstellungen und durch Vorträge bin ich in der Hamburger Community bekannt. Ich arbeite mit allen ihren Gruppen zusammen und werde zu allen Veranstaltungen mit queer-politischem Inhalt eingeladen. Das Hamburger Rathaus mit seinen prächtigen Festsälen aus der Zeit des Historismus ist mir seit Jahren durch zahlreiche Empfänge des Senats oder der Parteien vertraut –bisweilen bezeichne ich es als meine zweite Wohnung.

 Während der letzten zehn Jahre bin ich von allen in der Hamburger Bürgerschaft vertretenen Parteien (ausgenommen die AfD) zu Vorträgen oder Diskussionsveranstaltungen eingeladen worden.

Viel verbindet mich mit dem Hamburger LSVD und den beiden Vorsitzenden Wolfgang Preussner und Barbara Mansberg. Ihnen ist die Finanzierung des Katalogs zu unserer Ausstellung  Liberales Hamburg? zu verdanken.

Mit dem Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) bestreite ich seit Jahren einen Vortragstermin während der Hamburger Pride-Woche. Und auch die Gründung der Initiative Denkmal Sexuelle Vielfalt soll am 27. November 2018 im mhc stattfinden.

 

Die Erfolge auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben und Transgender nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere zwischen 1969 und 2017, sind beachtlich. Für mich am wichtigsten war die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen 1969, 1973 und 1994.

Wie notwendig es war, eine Regelung zu finden, die es erlaubte, im Krankheitsfall und bei Unfällen dem Lebenspartner oder der Lebenspartnerin Auskunft zu erteilen, habe ich bei einem Freundespaar erlebt, als der eine von ihnen schwer erkrankte und nach dessen Genesung der andere einen Unfall erlitt.

 

Homosexuelle Männer meiner Generation gehen nach wie vor sehr vorsichtig mit ihrer sexuellen Orientierung um, haben Angst, sich außerhalb eines engen geschützten Raumes wie z. B. in den 50+-Gruppen von Hein&Fiete oder des mhc als Homosexuelle erkennen zu geben. Diese Männer bezeichnen sich auch nicht als Schwule, sondern beispielsweise als „Homophile“ oder „Verzauberte“. Und mit der Gendertheorie und dem „Gendern“ können diese Männer nichts anfangen und lehnen das alles – oft kopfschüttelnd oder auch aggressiv – ab.

 

Ich habe in den vergangenen Jahren nicht die Euphorie geteilt, wonach nicht nur ein Durchbruch zur Toleranz, sondern auch zur Akzeptanz gleichgeschlechtlich empfindender Menschen erreicht worden sei. Zu sehr war und bin ich von der Verfolgungszeit geprägt. Und ich habe nie daran geglaubt, dass es keine Rückschläge geben könne. Seit dem Aufkommen der AfD sehe ich das Erreichte nicht nur gefährdet, sondern massiv bedroht. Übergriffe auf Schwule, Lesben, Transmenschen nehmen zu – wie auch auf Juden und auf körperlich oder geistig eingeschränkte Menschen.

Nach wie vor fehlt die Sicherung der erzielten Rechte im Grundgesetz, was für ein Zurückdrehen oder für die Aufhebung des Erreichten eine Zweidrittelmehrheit erforderlich machte.

Im Augenblick scheint mir der Zenit einer für uns positiven Entwicklung längst überschritten zu sein.  Die Jubel-Trubel-CSDs übertünchen diesen Befund nur, und die Verantwortlichen wollen diese Entwicklung nur noch nicht wahrhaben.