Vortrag im Stadtarchiv Saarbrücken

                                                          

                                                             (5. Juni 2018)

 

 

Homosexualität ist nach allem, was wir wissen, ein uraltes Phänomen, das im Laufe der uns bekannten Geschichte unterschiedlich bewertet wurde. Zeiten toleranten „Mit“einanders oder Nebeneinanders unterschiedlicher sexueller Lebensweisen wurden abgelöst von Perioden der Verfolgung devianten sexuellen Verhaltens und dessen Instrumentalisierung im Kampf gegen missliebige Gruppen und Einzelpersonen.

Doch obwohl sexuell abweichendes Verhalten von einer wie auch immer definierten gesellschaftlichen, staatlichen oder religiösen Norm für einen Teil der Menschen konstitutiv zu sein scheint, ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen männlicher und weiblicher Homosexualität (geschweige denn anderer sexueller Varianten außerhalb der Heteronormativität) recht jung, umfasst kaum mehr als 150 Jahre, beginnend mit Karl Heinrich Ulrichs Auftritt beim Deutschen Juristentag in München 1867 mit der Forderung nach Straflosigkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen sowie - dreißig Jahre früher – mit dem Erscheinen der beiden Bände Eros. Die Männerliebe der Griechen, ihre Beziehungen zur Geschichte, Erziehung, Literatur und Gesetzgebung aller Zeiten des Schweizers Heinrich Hössli (1784‒1864) in Glarus (1836) und St. Gallen (1838).

 

Der Diskurs über Homosexualität wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts von Juristen, Medizinern, Psychiatern, Psychologen, Theologen, Naturwissenschaftlern, Soziologen, Politikern und Literaten geführt. Man stritt darüber, „ob gleichgeschlechtliche Sexualität als psychologisches Rätsel und Spielart der Natur, als Verbrechen, Sittenverfall, Symptom bedrohlicher völkischer Degeneration und Verweiblichung der Kultur oder als Krankheit verstanden werden müsse“ (Susanne zur Nieden: Homosexualität und Staatsräson. Frankfurt/Main 2005, S. 7). Und dieser Befund, bei dem auffällt, dass unter den aufgezählten akademischen Berufen, die sich mit dem Phänomen Homosexualität beschäftigten, die Historiker fehlen, gilt auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Sogar in neuesten historischen Abhandlungen über die letzten hundert Jahre fehlen selbst kurze Hinweise auf die Schwulenbewegung, auf das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee oder Magnus Hirschfeld“, heißt es im Grußwort zur Ausstellung Goodbye to Berlin – 100 Jahre Schwulenbewegung im Jahr 1997 in der Berliner Akademie der Künste (Hans Gerhard Hannesen, Katalog zur Ausstellung, S. 10). Und acht Jahre später stellte Stefan Micheler in seiner Dissertation fest: „Die Forschung zur Geschichte der Homosexualität wurde und wird – im Gegensatz zu den USA, Großbritannien und den Niederlanden – überwiegend von WissenschaftlerInnen anderer Disziplinen oder semiprofessionellen ForscherInnen geleistet“. (Stefan Micheler: Selbstbilder und Feindbilder der „Anderen“. Männer begehrende Männer in der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Konstanz 2005, S. 23). Damit widerspricht Micheler zu Recht Manfred Herzer, der 1997 ausgeführt hatte: „Es ist ein Phänomen aus jüngster Zeit, daß die historischen Forschungen zur Homosexualität nicht nur von Ärzten, Juristen oder Altphilologen betrieben werden, die auf diesem Gebiet dilettieren, sondern auch professionelle Historiker die Geschichte der Homosexuellenverfolgung und -befreiung als Forschungsgegenstand [entdeckt und] mit ihren Arbeiten die schwule Geschichtsforschung auf das in ihrem Fach übliche Niveau gehoben und dazu beigetragen [haben], daß sie allmählich den Geruch der Subjektivität und Einseitigkeit verliert“ (Katalog zur Ausstellung Goodbye to Berlin, a. a. O. S. 20). Denn von den von Manfred Herzer genannten vier Wissenschaftlern ist nur Bernd-Ulrich Hergemöller (*1950) Professor für Geschichte in Deutschland (Hamburg). Die äußerst verdienstvolle Gisela Bleibtreu-Ehrenberg (* 1929) dagegen ist Soziologin und Ethnologin, der Engländer Kenneth Dover (1920‒2010) war Gräzist, und John Boswell (1947‒1994) ist zwar Historiker gewesen, aber dies nicht in Deutschland, sondern in den USA.

Was generell für die deutsche historische Forschung zu Homosexualität und Homosexuellen zu konstatieren ist, gilt auch im speziellen Forschungsbereich der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung und der Erforschung der Situation Homosexueller in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. „Die deutsche Geschichtswissenschaft hat, wie die Mehrheit der deutschen Gesellschaft, nach § 175 verurteilte Männer bis in die [19]80er Jahre hinein als Opfergruppe des Nationalsozialismus ignoriert. Auch heute finden sich nur vereinzelt Veröffentlichungen etablierter HistorikerInnen zu diesem Thema, obwohl seit den [19]70er Jahren von VertreterInnen anderer Disziplinen und semiprofessionellen ForscherInnen verschiedene Untersuchungen durchgeführt wurden, die als Grundlage für weitere vertiefende Forschungen hätten dienen können“ (Micheler, a. a. O., S. 18).

Diesem Urteil Michelers aus dem Jahr 2005 ist hinzuzufügen, dass sich inzwischen nicht viel geändert hat. Nach wie vor beschäftigen sich etablierte Historiker an deutschen Universitäten nur selten mit Themen der Geschichte der Homosexuellen. Man könne damit keine Anerkennung finden und Karriere machen, heißt es. Diese Abstinenz selbst schwuler Historiker treibt dabei eigenartige Blüten: 2017 veröffentlichte die Hamburger Wirtschaftshistorikerin Ursula Büttner die Biographie Fritz Valentin – Jüdischer Verfolgter, Richter und Christ. Valentin hat in der Hamburger und deutschen Schwulengeschichte Bedeutung, weil er am 22. Juni 1951 in einem Berufungsverfahren zwei Männer wegen homosexueller Handlungen nur zu der Mindeststrafe von je 3,‒ DM verurteilt und mit diesem Urteil und dessen ausführlicher Begründung signalisiert hatte, dass er den § 175 StGB für unsinnig hielt. Darüber hinaus hatte sich Fritz Valentin in den folgenden Jahren zusammen mit anderen Hamburger Juristen in der Evangelischen Akademie Hamburg vehement für die Abschaffung des § 175 eingesetzt. Dies alles wird von der Autorin dargestellt. Doch legte der Vorsitzende des Vereins für Hamburgische Geschichte, Prof. Dr. Rainer Nicolaysen, selbst homosexuell, die Vorstellung des Buches mit dem 17. Mai 2017, 18.00 Uhr auf einen Termin, an dem die schwule Community wegen des traditionellen Rainbowflashs auf dem Hamburger Rathausmarkt nicht an der Buchvorstellung teilnehmen konnte.

 

Anfang der 1950er-Jahre hatte mit den Frankfurter Prozessen die Verfolgung homosexueller Handlungen in der Bundesrepublik Deutschland Fahrt aufgenommen. Das Bundesverfassungsgericht zementierte in seinem Urteil von 1957 den § 175 in der Fassung von 1935. Vergleichbares geschah in der DDR mit dem Prozess gegen den Justizminister Max Fechner (1892‒1973) Mitte der 1950er-Jahre, in Dänemark unter der Ägide des Chefs der Sittlichkeitspolizei Jens Jersild (1903‒1978) sowie in England im Prozess gegen Peter Wildeblood (1923‒1999) im Jahre 1954.

Doch wurden nun auch verstärkt Gegenpositionen sichtbar: Rolf Italiaander (1913-1991) schrieb angesichts der Frankfurter Prozesse das Emanzipationsstück Das Recht auf sich selbst, das am 2. April 1952 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wurde. In England setzten sich die Anglikanische Kirche mit dem Interim Report (1954), der protestantische Bischof von St. Albans mit dem Bericht Sexual Offenders and Social Punishment (1955), die katholische Kirche mit dem Griffin Report (1956), die Konservative Partei mit dem Wolfenden Report (1957), Peter Wildeblood mit seinem autobiographischen Bericht Against the Law (1955) und die Quäker mit dem Quäker Report von 1963 für eine Reform des gegen Homosexuelle gerichteten Strafrechts ein. Popularisiert wurden die englischen Reformschriften in Deutschland durch die Übersetzungen und die publizistische Tätigkeit des Hamburger Rechtsanwalts und zugleich Barrister at Law Albrecht Diedrich Freiherr Dieckhoff (1896‒1965).

1963 erschienen dann im Frankfurter Fischer-Verlag und im Hamburger Furche-Verlag zwei Taschenbücher zur Homosexuellenproblematik:

1. Sexualität und Verbrechen, herausgegeben von Fritz Bauer, Hans Giese und Herbert Jäger.

2. Der homosexuelle Nächste. Ein Symposion.

 

Der Band Sexualität und Verbrechen enthält 22 Beiträge. Fünfzehn von ihnen beschäftigen sich unter anderem oder hauptsächlich mit dem Thema Homosexualität. Ihre Verfasser waren Juristen, Mediziner, Psychiater, Psychologen, Theologen, ein Philosoph und ein Soziologe. Bis heute bekannt sind der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903‒1968), der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno (1903‒1969), der Kölner Soziologe René König (1906‒1982), der Hamburger Theologe Helmut Thielicke (1908‒1986) und die Hamburger Mediziner Hans Bürger-Prinz (1897‒1976) und Hans Giese (1920‒1970). Zumindest Fritz Bauer und Hans Giese waren selbst homosexuell.

Der Symposion- Band  Der homosexuelle Nächste enthält neun Beiträge von Theologen, Juristen, Medizinern und einem Religionshistoriker. Mindestens drei der Autoren waren homosexuell. Der Religionshistoriker Hans Joachim Schoeps (1909-1980) brachte in seinem Beitrag Überlegungen zum Problem der Homosexualität die damalige Situation für Homosexuelle zugespitzt auf den Punkt, wenn er formulierte: „Unbeirrt und unbeeinflussbar von Fakten hält […] das Bundesjustizministerium […] an vorwissenschaftlichen Ansichten fest, zu deren Legitimation man sich auf die ‘überwiegende Ansicht der Bevölkerung’ beruft. Offenbar ist damit das im Dritten Reich gängig gewesene ‘gesunde Volksempfinden’ gemeint. Ohnehin besteht der Verdacht, daß das Bundesjustizministerium in diesem Punkt bei nationalsozialistischen Anschauungen verharrt, da es sich niemals für eine Rückgängigmachung der Hitlerschen Verschärfung dieser Paragraphen vom 28. Juni 1935 eingesetzt hat. Die Rechtsprechung nach 1945 ist daher entsprechend verfahren. Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende“.

Es sollte noch eine Weile dauern, bis 1969 in der Bundesrepublik Deutschland eine erste Reform des § 175 StGB in Kraft trat. Kurz bevor die Strafrechtsänderung verabschiedet wurde, hatte das Buch Weder Krankheit noch Verbrechen. Plädoyer für eine Minderheit von Rolf Italiaander Entscheidungshilfe geleistet.

Nachdem der Reformprozess in Gang gekommen war und 1973 zu einem zweiten Reformschritt geführt hatte, nahmen die Veröffentlichungen zum Thema Homosexualität zu. Genannt seien hier nur zwei: Martin Danneckers (*1942) und Reimut Reiches (*1941) Studie Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexualität in der BRD aus dem Jahr 1974 und die umfangreiche Studie Tabu Homosexualität – Die Geschichte eines Vorurteils (1978) von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg.

 

Im Zusammenhang dieses Vortrags interessieren besonders die Untersuchungen zur Geschichte der Homosexuellen in Deutschland. Keiner der folgenden Titel stammt von einem an einer deutschen Universität lehrenden Historiker: 1981 veröffentlichte der Hamburger Schwulenaktivist Hans-Georg Stümke (1941‒2002) zusammen mit Rudi Finkler (*1955) als Rowohlt-Taschenbuch den Titel Rosa Winkel, rosa Listen. Homosexuelle und „Gesundes Volksempfinden“ von Auschwitz bis heute. 1989 folgte von Hans-Georg Stümke der Band Homosexuelle in Deutschland. Eine politische Geschichte. Ein Jahr später, 1990, erschien ein Pionierwerk der Geschichtsschreibung über Themen der Geschichte der Homosexuellen. Gemeint ist die Dissertation Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich von Burkhard Jellonnek (* 1957), die sorgfältig aus Aktenbeständen deutscher Archive erarbeitet worden ist. Ebenfalls 1990 fand in Berlin und Frankfurt am Main die Ausstellung Die Geschichte des § 175 – Strafrecht gegen Homosexuelle statt. Das Begleitbuch zu dieser Ausstellung umfasst neun Aufsätze zur Geschichte der Homosexuellen seit 1795. Von den Verfassern ist nur einer – der oben erwähnte Bernd-Ulrich Hergemöller – Berufshistoriker. 1993 veröffentlichte Günter Grau die wichtige Dokumentensammlung Homosexualität in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung und Verfolgung. Und 1995 gab der Hamburger Journalist Detlef Grumbach den inhaltsreichen schmalen Band Die Linke und das Laster. Schwule Emanzipation und linke Vorurteile mit Beiträgen von ihm selbst, Günter Grau, Elmar Kraushaar und Alexander Zinn heraus. Ein weiteres wichtiges Buch zur Geschichte der Homosexuellen ist der Katalog zur Ausstellung Goodbye to Berlin – 100 Jahre Schwulenbewegung vom 17. Mai bis zum 17. August 1997 in der Berliner Akademie der Künste. Die meisten Artikel dieses Katalogs stammen von dem Kunsthistoriker Andreas Sternweiler (* 1957) und dem Bibliothekar Manfred Herzer. Hinzuweisen ist weiterhin auf den Band Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt (2002) von Burkhard Jellonnek und Rüdiger Lautmann, auf das Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933 bis 1945 von Günter Grau und Rüdiger Lautmann (2011) sowie die mehrfach erwähnte Dissertation von Stefan Micheler (2005).

 

Auf die während der zwei letzten Jahrzehnte entstandenen regionalen schwulenhistorischen Arbeiten kann hier – mit Ausnahme Hamburgs – nicht eingegangen werden.

 

Insgesamt gesehen, habe ich den Eindruck, dass der Zenit schwulenhistorischer Forschungen überschritten ist. Im Vordergrund des Interesses stehen zur Zeit Gendertheorie und die Auseinandersetzung mit dem queeren Feminismus – nicht zuletzt weil es leichter scheint, theoretische Erörterungen und politische Auseinandersetzungen zu führen als Quellenstudien zu treiben, insbesondere wenn die Quellenlage schlecht und die Suche nach noch erhaltenen Beständen mühsam ist, langwierige und zeitaufwendige Archivbesuche notwendig macht und die Fähigkeit voraussetzt, unterschiedliche Handschriften, u. a. die Sütterlinschrift, lesen zu können und entziffern zu wollen.

Die umfangreiche, zwei Stockwerke Ausstellungsfläche sowie einen zweiten Ausstellungsort umfassende Show HOMOSEXUALITÄT_EN vom 26. Juni bis 1. Dezember 2015 im Berliner Deutschen Historischen Museum (DHM) sowie im Schwulen Museum* in der Lützowstraße war keine historische Ausstellung, sondern illustrierte mit interessanten Bildern, Ausstellungsstücken und Installationen 55 Begriffe oder Themenbereiche von Act up (AIDS Coalition to unleash Power = Aids-Koalition, um Kraft zu entfesseln, 1987 gegründet) und ADEFRA (Afrodeutsche Frau) bis x+y=? und Zwischenstufen. Und 2017 hatte der Aufsatz-Sammelband Beissreflexe mit seiner scharfen Kritik am queeren Feminismus und Aktivismus, der im weißen Schwulen und in der weißen Lesbe Feindbilder hat, großen Erfolg. Er wurde von Patsy L’Amour Lalove (= Patrick Henze) herausgegeben und erlebte innerhalb weniger Monate vier Auflagen.

 

In einer Situation aber, in der sich unterschiedliche sexual-soziologische und queerpolitische Positionen unversöhnlich gegenüber stehen, gerät das Interesse an historischer Forschung ins Hintertreffen. Noch ist sie nicht völlig obsolet geworden, hat aber nicht mehr denselben Stellenwert wie noch vor kurzem im Zusammenhang mit der Diskussion um die Entschädigung von Männern, die nach § 175 StGB verurteilt worden waren.

 

Nun zu Hamburg.

 

Die Forschungssituation in der Freien und Hansestadt Hamburg stellt sich folgendermaßen dar: Sie wäre ideal, wenn, ja wenn die Gerichtsakten der ausgehenden Weimarer Republik und der NS-Zeit in der Justizbehörde nicht nur wie durch ein Wunder den Zweiten Weltkrieg und das Ende der NS-Herrschaft vollständig überdauert hätten, sondern auch die Überführung dieses Bestandes in das Staatsarchiv Hamburg Mitte der 1980er-Jahre. Doch „zwischen 1986 und 1996 wurden in Hamburg zahlreiche Gerichtsakten aus der Zeit des Nationalsozialismus im Auftrag des Hamburger Staatsarchivs vernichtet, darunter auch eine Vielzahl Akten, die über das Schicksal gleichgeschlechtlich orientierter Männer hätte Auskunft geben können“. „Das Hamburger Staatsarchiv wollte die 160.000 von der Justizbehörde angebotenen Akten (1930‒1949) nicht komplett übernehmen und strebte eine deutliche Dezimierung des Bestands an. Zwischen 1986 und 1996 wurden Akten aus den Reponierungsjahrgängen 1935‒1949 bearbeitet, und von den ursprünglichen 72.170 Akten sind heute nur noch ca. 17.800 erhalten geblieben“. (Stefan Micheler: „Verfahren nach § 175 übertrafen in ihrer Häufigkeit die Verfahren gegen andere Verfolgte erheblich“ – daher wurden sie vernichtet. Zum Umgang des Hamburger Staatsarchivs mit NS-Justizakten. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland. Heft 5. Bremen 1999, S. 111‒121; die Zitate s. unter: http://www.stefanmicheler.de/wissenschaft/art_aktenvernichtung_1999.html, S. 1f.)

 

Die Dezimierung des historisch außerordentlich interessanten Bestandes wurde nach wissenschaftlich fragwürdigen Methoden vorgenommen und unprofessionell archivfremden Personen ohne entsprechende Ausbildung überlassen und durch ein kurios erscheinendes Abzählverfahren verschlimmert: erhalten blieb jede 15. vorgefundene Akte des Amtsgerichts und jede 10. Akte des Landgerichts (Micheler, a. a. O., S. 3).

Besonders übel war der Umgang mit den Akten von Männern, die nach den §§ 175, 175a StGB verurteilt worden waren – trotz aller Vorgaben der Justizbehörde. Die Zahl der noch erhaltenen Akten nach §§ 175, 175a StGB der Reponierungsjahrgänge 1935-1949 beträgt 1.850 von der einst doppelten Anzahl. „Akten nach § 183 […] und 185, die insbesondere vor der Verschärfung des § 175 im Jahr 1935 ein weiteres strafrechtliches Instrument zur Verfolgung gleichgeschlechtlich orientierter Männer waren“, blieben bestenfalls als 15. oder 10. Akte erhalten (Micheler a. a. O. S. 5).

Zu konstatieren ist, dass die etablierten Hamburger Historiker nichts gegen die Vernichtung der Akten unternommen hatten. „Einen Protest aus dem Fachbereich Geschichtswissenschaft und aus der Universität Hamburg heraus hat es kaum gegeben, abgesehen von den Studierenden und wenigen Lehrenden“ (Micheler a. a. O. S. 10). Erst der Koalitionsvertrag zwischen SPD und GAL von 1997 beendete die Vernichtungsorgie des Staatsarchivs Hamburg.

 

Andererseits: Trotz der Vernichtung zahlreicher Schriftstücke bot der noch vorhandene Aktenbestand von Verfahren nach den §§ 175, 175a StGB während der letzten beiden Jahrzehnte durchaus die Grundlage intensiver und ergiebiger Forschungen zur Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen während der NS-Zeit in Hamburg.

Was jedoch die Quellenlage für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg anbelangt, ist die Situation sehr viel schlechter, da die Strafakten nach § 175 StGB aus dieser Zeit weitgehend geschreddert worden sind. Von denen nach § 175a StGB sind nur einzelne Beispielakten erhalten. Forschungen zur Homosexuellenverfolgung während der Nachkriegszeit müssen somit auf die noch erhaltenen, aber möglicherweise in ihrem nahezu vollständigen Bestand gefährdeten Haupt- und Vorverfahrenregister der Staatsanwaltschaft (1948‒1969) zurückgreifen, auf die Erwähnung von Verurteilungen nach § 175 StGB in Strafakten wegen anderer Delikte und auf die Aktenüberlieferung anderer Provenienzen staatlicher bzw. öffentlich-rechtlicher Institutionen.  

Die Auswertung eher zufällig erhaltener Akten kann durchaus brauchbare Ergebnisse liefern – doch immer unter dem Vorbehalt, dass sie nicht repräsentativ sind oder sein könnten.

Trotz aller Verluste an einschlägigen Akten ist während der vergangenen 25 Jahre in Hamburg auf der Basis der noch vorhandenen Bestände im dortigen Staatsarchiv schwulenhistorische Forschung möglich gewesen. So wurden zu Beginn des neuen Jahrtausends in rascher Folge gleich mehrere umfangreiche Bücher zur Geschichte der Homosexuellen in der Hansestadt veröffentlicht. Den Anfang machte der amerikanische Doktorand Clayton John Whisnant, dessen Dissertation Hamburg’s Gay scene in the era of family politic 1945‒1969 die University of Texas at Austin im Jahr 2001 herausgab. Es folgten 2005 die mehrfach erwähnte Doktorarbeit von Stefan Micheler und die erste Auflage der Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt unter dem Titel Hamburg auf anderen Wegen von Bernhard Rosenkranz und Gottfried Lorenz. Eine zweite Auflage dieses Buches erfolgte 2006 und ist inzwischen vergriffen. 2009 brachten Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann und Gottfried Lorenz den Band Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919 bis 1969 heraus. Und 2013 erschienenen der Ausstellungskatalog Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945 von Gottfried Lorenz und Ulf Bollmann sowie der 555 Seiten umfassende Aufsatzband Töv, di schiet ik an. Beiträge zur Hamburger Schwulengeschichte von Gottfried Lorenz.

 

Der Aufsatz Die Rechtssprechung nach §§ 175 und 175a StGB in Hamburg 1948‒1969 von Gottfried Lorenz und Ulf Bollmann, der anhand der Hamburger Haupt- und Vorverfahrenregister erarbeitet wurde und 2016 erschienen ist, hat die Berliner Beratungen über die Entschädigung von Männern beeinflusst, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach § 175 verurteilt worden waren. Das Manuskript war vom Bundesjustizministerium zweimal angefordert und Gottfried Lorenz zu einem Gespräch eingeladen worden. (Der Aufsatz ist in dem Band Queer I Gender I Historiographie. Aktuelle Tendenzen und Projekte, herausgegeben von Norbert Finzsch und Marcus Velke, Münster 2016, S. 253-279, enthalten).

 

Die Hamburger Homosexuellengeschichte wurde und wird nicht nur in den erwähnten Büchern, in Aufsätzen und Vorträgen aufgearbeitet, sondern auch in hunderten von Biographien von Männern, die wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen ums Leben gekommen und für die Stolpersteine gesetzt worden sind. Diese Biographien stammen vor allem von Ulf Bollmann, der 2006 zusammen mit Bernhard Rosenkranz die Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen. Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer gegründet hat, deren Schirmherrin die Bischöfin der Hamburger Landeskirche, Maria Jepsen, wurde. Nach dem Tode von Bernhard Rosenkranz im Jahre 2010 arbeitet Gottfried Lorenz mit Ulf Bollmann in dieser Initiative zusammen.

 

Überdies sind zwei Ausstellungen erarbeitet worden. Die erste fand vom 2. März bis zum 7. April 2007 in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky statt und wurde von deren Direktorin Prof. Dr. Gabriele Beger (* 1952) eröffnet. Gestaltet worden war sie von Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann, Gottfried Lorenz und dem Graphiker Olaf Welling. Sie umfasste großformatige Schautafeln und rund 100 Exponate. Für die Durchführung der Ausstellung hatte sich insbesondere die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, die Slawistin Dr. Marlene Grau, eingesetzt, die sich in einem Interview mit der taz am 26. November 2017 erinnerte: „Die Ausstellung ‘Homosexuellenverfolgung in Hamburg’ im Jahr 2007 hat allerdings einiges bewegt. Die Schau wurde mir von einer Gruppe angeboten, die es erfolglos in anderen Hamburger Museen versucht hatte. Ich fand das Thema wichtig und zeigte sie. Und alle schwulen Menschen und alle Abgeordneten in Hamburg kamen! Es war unsere erfolgreichste Ausstellung“.

Diese  Ausstellung wurde in den folgenden Monaten von zwölf auf 48 Schautafeln erweitert und dann vom 26. April bis zum 16. Juli 2008 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gezeigt. Weiterhin war sie vom 7. bis zum 28. Mai 2009 im Hamburger Rathaus zu sehen, vom 25. August bis 28. November 2009 im Forum der Volkshochschule in Bochum, überdies in Waren/Müritz, in den Bezirksämtern in Hamburg-Harburg und Hamburg-Nord und schließlich im Februar und März 2010 im Schwulen Museum in Berlin.

 

Die zweite Ausstellung mit dem Titel Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945 wurde von dem jungen Richter Matthias Lux und der Hamburger Justizbehörde unter der damaligen Justizsenatorin Jana Schiedek initiiert. Ausstellung und Katalog sind von Ulf Bollmann und Gottfried Lorenz kuratiert bzw. verfasst worden. Sie fand vom 22. Juli bis zum 1. September 2013 in der repräsentativen Grundbuchhalle des Zivilgebäudes des Hamburger Justizforums statt und war anschließend zu sehen vom 1. bis 29. November 2013 in der Polizeiakademie in Hamburg-Winterhude, vom 10. bis 27. Juni 2014 im Bezirksamt Hamburg-Eimsbüttel, vom 23. Juli bis 22. August 2015 in der Hamburger Zentralbibliothek, vom 5. Mai bis 2. Juni 2017 in der Volkshochschule in Bochum und ‒ anlässlich des Bundesseminars der VELSPOL ‒ vom 3. August bis 3. September 2017 im Hamburger Polizeimuseum.

Für ihre schwulenhistorische Arbeit wurden Bollmann und Lorenz am 27. Juli 2013 mit dem Hamburg Pride Award ausgezeichnet.

 

Die Hamburger Situation und die Hamburger Verhältnisse sind mir erst seit Mitte der 1970er-Jahre vertraut. Seit dieser Zeit wohne ich in dem holsteinischen Vorort Glinde, wo ich bis zu meiner Pensionierung im Jahr 2005 an dem von mir mitgegründeten Gymnasium als Studiendirektor tätig war.

Davor bin ich in Deutschland herumgekommen: Geboren 1940 in Schlesien, aufgewachsen in Thüringen, habe ich das Abitur in der Nähe von Bremerhaven gemacht. Studiert habe ich in Kiel (1961), wechselte nach Saarbrücken (1961-1963), ging ein Jahr nach Göttingen (1963/64) und kehrte 1964 an die Universität des Saarlandes zurück. Gewohnt habe ich – wie so viele andere Kommilitonen – vor allem in Dudweiler-Süd, und zwar in der Joseph-Haydn-Str. 13 bei Frau Fandel.

 

Meine Studienfächer waren Geschichte, Germanistik, Soziologie und in Saarbrücken überdies Skandinavistik. 1968 schloss ich das Studium mit Staatsexamen und Promotion ab. Anschließend erarbeitete ich eine Edition schwedischer Akten zum Dreißigjährigen Krieg für die Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte in Bonn. Nach dem Abschluss dieser Arbeit ging ich nach Flensburg, um mein zweites Staatsexamen – das Referendarexamen – zu machen. Anders als ursprünglich geplant, kehrte ich danach nicht in die Bundeshauptstadt zurück, sondern trat in den schleswig-holsteinischen Schuldienst ein.

Zu Saarbrücken ist die Verbindung nie abgerissen. Bis zum Tode zweier Studienfreunde und Bundesbrüder sowie einer Freundin war ich zweimal im Jahr Gast in deren Familien in Homburg, Scheidt und Sulzbach. Und nicht zuletzt bin ich nach wie vor Mitglied meiner Saarbrücker Studentenverbindung, der Akademisch-Musischen Verbindung Saarbrücken im Sondershäuser Verband (SV).

 

Ich bin mir mit etwa 18/19 Jahren über meine sexuelle Veranlagung im Klaren gewesen und habe drei Entscheidungen getroffen:

1. Kein Theologiestudium, das mich aus familiären Gründen interessiert hätte.

2. Keine Eheschließung. Das war für schwule Männer meiner (und auch noch der nachfolgenden) Generation keine Selbstverständlichkeit, denn eine Ehe bedeutete Tarnung. Komme ich heute mit Homosexuellen meiner Alterskohorte zusammen, bin ich in der entsprechenden Runde oft der einzige, der nicht verheiratet war.

3. Als Studienabschluss wollte ich nicht nur das Staatsexamen ablegen, sondern auch den universitären Abschluss mit der Promotion erreichen, um nicht Lehrer werden zu müssen. Für den höheren Bibliotheks- und Archivdienst war seinerzeit die Promotion neben dem Staatsexamen vorgeschrieben. Dass ich dann doch Lehrer geworden bin und ausgesprochen gerne unterrichtet habe, ist der Ironie des Schicksals geschuldet.

 

Ich war und bin kein Kneipen- und als schwuler Mann kein Szenegänger. Homosexuellenlokale kenne ich selten von innen, doch habe ich andere einschlägige Treffpunkte aufgesucht.

Hier in Saarbrücken war ich Abonnent der in Zürich erscheinenden Schweizer Schwulenzeitschrift Der Kreis. Nach dem Studium bin ich Mitglied der IHWO, Ortsverband Hamburg, und überdies von Forbundet af 1948 (seit 1982: Landsforeningen for bøsser og lesbiske) gewesen. Die Gründer von Forbundet af 1948 – Axel Lundahl-Madsen (1915‒2011) und Eigil Eskildsen, die am 1. Oktober 1989 in Kopenhagen die weltweit erste schwule Ehe schlossen – habe ich in den 1970er-Jahren in ihrem Haus auf Sjælland besuchen können.

 

Ich war dem einen und anderen hier in Saarbrücken und später in Bonn und Hamburg als Homosexueller bekannt und habe mich als solcher auch nicht versteckt, wenn ich damit auch nicht hausieren ging. Ich bin damit Kind meiner Zeit: Kein „Schrank-Schwuler“ mehr (nicht mehr in the closet, um den amerikanischen Begriff zu verwenden), aber auch noch kein öffentlicher Bekenner wie 2001 Klaus Wowereit mit seinem Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“  - wobei ich allerdings der Ansicht bin, dass schwul zu sein weder gut noch schlecht, weder ein Verdienst noch eine Schmach ist.

 

Wie oben erwähnt, habe ich innerhalb von 15 Jahren in acht Städten zwischen Saarbrücken und Flensburg gelebt. War das Klima in diesen Mittel- bzw. Großstädten gegenüber Homosexuellen unterschiedlich? War Saarbrücken beispielsweise toleranter als Bonn oder Flensburg?

 

Zunächst zwei Bemerkungen:

 

1. Homophobie bzw. Toleranz gegenüber Homosexuellen hat nichts mit dem politischen Rechts-Links-Schema zu tun und auch nichts mit dem religiösen Bekenntnis oder dessen Fehlen, sondern hängt ausschließlich von der persönlichen Haltung eines Menschen ab. So wurde die erste Reichstagspetition gegen den § 175 im Jahr 1897 von August Bebel (1840‒1913), dem Vorsitzenden der Sozialdemokraten, und Ernst von Wildenbruch (1845‒1909), Jurist, konservativer Schriftsteller und Verwandter des Kaisers, erstunterzeichnet. Und während der russisch-sowjetische Schriftsteller Maksim Gor’kij (1868‒1936) die Position vertrat, dass die Ausrottung der Homosexualität das Verschwinden des Faschismus zur Folge haben werde, setzte sich der SA-Führer Ernst Röhm (1887‒1934) während der Weimarer Republik für die Abschaffung des § 175 ein und machte sich über die homophoben Spießbürger lustig. Zu den Befürwortern der Reform oder der Abschaffung des § 175 gehörten in den 1960er-Jahren evangelische und katholische Christen genauso wie Atheisten. Im katholischen Bayern hatte es unter dem Einfluss des Juristen Paul Johann Anselm Feuerbach (1775‒1833) keine Gesetzgebung gegen gleichgeschlechtliche Handlungen gegeben, und im ebenfalls katholischen Luxemburg wurde die Strafbarkeit 1794 aufgehoben. Dagegen wurden im evangelisch geprägten Norddeutschen Bund unter preußischem Einfluss homosexuelle Handlungen strafrechtlich verfolgt. Und diese Position fand dann 1871 Eingang in das Reichsstrafgesetzbuch. Die linken Katholiken Eugen Kogon (1903‒1987) und Heinrich Böll (1917‒1985) äußerten sich ausgesprochen homophob, während der liberal-konservative evangelische Theologe Helmut Thielicke sich wie viele seiner Kollegen für eine Reform des § 175 einsetzte. Die weltweit erste evangelisch-lutherische Bischöfin Maria Jepsen (* 1945, Bischöfin 1992‒2010) ist ausgesprochen schwulenfreundlich. Auf der anderen Seite gelten der kirchenferne Hamburger Erste Bürgermeister Max Brauer und der kirchlich indifferente Helmut Schmidt als homophob.

 

2. Die homosexuelle Veranlagung eines Menschen ließ und lässt sich in Machtkämpfen aller Art instrumentalisieren und sich im Kampf gegen missliebige Personen und Gruppen hervorragend nutzen, wobei die Denunzianten persönlich nicht homophob zu sein brauchen. So hatte August Bebel zwar die Petition von 1897 zur Aufhebung des § 175 unterzeichnet -  im Kampf gegen den Parteigenossen Theodor von Wächter und den Industriellen Alfried Krupp  instrumentalisierte er deren Homosexualität jedoch. Auch Theodor W. Adorno (1903‒1969) unterstützte die Reform des § 175, intrigierte aber gleichzeitig gegen die Berufung Golo Manns (1909‒1994) an die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, weil ein Homosexueller als Lehrer der akademischen Jugend fehl am Platze sei. Der hessische SPD-Kultusminister ließ sich davon beeindrucken, während der CDU-Kultusminister von Baden-Württemberg, der Literaturwissenschaftler Gerhard Storz (1898‒1993), Golo Mann daraufhin als Professor für Geschichte an die Technische Hochschule Stuttgart berief.

Weitere Instrumentalisierungsfälle: das Vorgehen des liberalen Maximilian Harden gegen den Fürsten Eulenburg, der Kampf von Karl Marx und Friedrich Engels gegen den Lassalleaner und Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Johann Baptist von Schweitzer (1833‒1875), die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/37, die mein Konsemester und Mitdoktorand Hans Günther Hockerts in seiner Saarbrücker Dissertation von 1969 aufgearbeitet hat, die Beschuldigungen gegen den General Werner von Fritsch (1880‒1939) durch Göring, der Sturz des DDR-Justizministers Max Fechner (1892‒1973) im Jahr 1953, die Helmut von Grolman- und die Günter Kießling-Affäre sowie 2017 die Angriffe der Bremer Europa-Abgeordneten und Grünen-Politikerin Helga Trüpel gegen den CDU-Politiker Jens Spahn.

 

In allen Orten, in denen ich während der 1960er- und 1970er-Jahre gelebt hatte, gab es eine  homosexuelle Szene mit einschlägigen Lokalen und Treffpunkten. Diese wurden polizeilich überwacht, in den Lokalen fanden Razzien statt. Strafrechtlich relevant waren gleichgeschlechtliche Handlungen, nicht aber die homosexuelle Veranlagung. Doch wurden bei Überwachung und Razzien angetroffene Männer registriert und in sogenannten Rosa Listen erfasst, die die strafrechtliche Ahndung gleichgeschlechtlicher Handlungen überdauerten.

 

 

Die strafrechtliche Verfolgung nach §§ 175, 175a StGB nahm seit Mitte der 1960er-Jahre ab. Für Hamburg stehen zwischen 1945 und 1969 insgesamt 6667 polizeilichen Täterermittlungen 2142 Verurteilungen gegenüber (32,13%). Für die Zeit zwischen der 1. und 2. Reform des § 175, also zwischen 1969 und 1973, lauten die Zahlen 892:148 (16,6%), nach der Senkung der Schutzaltersgrenze auf 18 Jahre (1973) 411: 22 (5,3%). Die letzten Täterermittlungen in Hamburg erfolgten 1994 mit 10 Personen, die letzten Verurteilungen nach § 175 aber schon 1976, also knapp 20 Jahre früher, mit 8 Männern.

 

Vermutlich sind die Zahlenverhältnissen in anderen Städten ähnlich (für West-Berlin haben wir entsprechende Nachweise), doch müsste das jeweils regional anhand der Aktenbestände und bzw. oder der Verfahrenregister der Staatsanwaltschaft erforscht werden – ein aufwendiges Unterfangen.

 

Doch Vorsicht, die Zahl der Verurteilungen sagt nichts über den Grad gesellschaftlicher Diskriminierung oder Akzeptanz aus.

 

Selbstverständlich hat es an der Saar immer auch Homosexuelle gegeben, und ebenso selbstverständlich haben sie sich vielfach in Saarbrücken als Metropolort getroffen. Doch nicht jeder hatte Zeit und Gelegenheit, in der Anonymität der großen Stadt unterzutauchen. Und so sehr man auch versuchte, sich zu verstecken, vor Denunzianten war man nirgends sicher. Ein Zufallsfund im Hamburger Staatsarchiv (Staatsanwaltschaft Landgericht – Strafsachen: 213-11: 6355/41) macht das schlaglichtartig für die Saarregion sichtbar: Infolge des Saarkampfes war in Hamburg eine kleine Kolonie von Saargebietlern entstanden, die auch nach der Abstimmung in der Hansestadt verblieben. Einer dieser Migranten wurde 1940 als Homosexueller verhaftet und verurteilt, nachdem er von in Hamburg lebenden Landsleuten denunziert worden war, die detaillierte Angaben über ihn gemacht hatten und genau wussten, in welchen Homosexuellenlokalen er verkehrte, nämlich im Anker und in der Bunten Kuh. Alle Denunzianten baten die Kriminalbeamten inständig, sie gegenüber dem Beschuldigten nicht als Informanten zu nennen. Die Beteiligten stammten aus Bildstock, Friedrichsthal, Quierschied sowie [Sulzbach-]Schnappach und waren zum Teil miteinander verschwägert. Informationen erhielt die Hamburger Kriminalpolizei überdies vom Leiter des „katholischen Gesellenhauses“, in dem der Beschuldigte regelmäßig verkehrte – und wo er schließlich auch verhaftet wurde. Das  in den 1880er-Jahren errichtete Kolpinghaus befand sich bis zu seiner Zerstörung im Jahre 1943 in der Hamburger Neustadt in der Nähe des katholischen „Kleinen Michels“ und der evangelischen Hauptkirche St. Michaelis in der Mühlenstraße 41 (heute Gerstäckerstraße).  (In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass die Zahl der Katholiken in der Hansestadt überschaubar war und dass diejenigen, die sich am Gemeindeleben beteiligten oder sich in den katholischen Vereinen engagierten, leicht zu ermitteln waren.) Überdies lag der Hamburger Kripo ein Saarbrücker Vorgang aus den Jahren 1936 bis 1938 vor. Danach waren der Beschuldigte und sein Schwager von einer Friedrichsthalerin als Homosexuelle denunziert worden. Doch hatte seinerzeit nicht ausgeschlossen werden können, dass diese Denunziation als Racheakt aus politischen Gründen geschehen, Homosexualität also im Nachklang zum Abstimmungskampf instrumentalisiert worden war.

Der Beschuldigte wurde schließlich im November 1940 zu zehn Monaten Gefängnis unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung im Sommer 1941 wurde er kaufmännischer Angestellter bei den „Reichswerken Hermann Göring“ in Watenstedt (Salzgitter).

In dem vorliegenden Fall waren die Saarbrücker Ermittlungen allem Anschein nach eingestellt worden, vermutlich hatte die Beweislage nicht ausgereicht. Anders in Hamburg. In beiden Orten aber waren es – wie so oft – Denunziationen, die zu den kriminalpolizeilichen Ermittlungen geführt hatten. Und zumindest die Friedrichsthaler Denunziantin hatte die vermutete homosexuelle Veranlagung der angezeigten Männer aus politischen Gründen instrumentalisiert.

 

Dieselbe Motivation scheint rund 15 Jahre später der Hintergrund von Ermittlungen wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen der Staatsanwaltschaft Frankenthal gegen Werner Reinert (1922‒1987) gewesen zu sein. Der Politiker und Schriftsteller Werner Reinert war von 1953 bis 1956 Presseattaché an der Gesandtschaft des Saarlandes in Paris und trat für die Annahme des Saarstatuts ein. Was Reinert konkret vorgeworfen wurde und was sich ereignet hatte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, da weder bei der Staatsanwaltschaft Frankenthal noch im Landesarchiv Speyer einschlägige Akten, Einträge oder Verfahrenregister vorhanden sind (Auskunft der Staatsanwaltschaft Frankenthal vom 11.11.2017 und des Landesarchivs Speyer vom 23.11.2017). Zu Anklage und Prozess scheint es nicht gekommen zu sein. Daher war seine Entlassung aus dem Landesdienst nicht gerechtfertigt, wie auch die erfolgreiche Klage Werner Reinerts gegen die Kündigung belegt. Reinert wurde nun Referent für Öffentlichkeitsarbeit in der Saarbrücker Staatskanzlei und fungierte als Redenschreiber für Ministerpräsident Franz Josef Röder (1909‒1979). Das Verhältnis zwischen den beiden Politikern war kühl – aus welchen Gründen auch immer.

Reinert schied Mitte der 1970er Jahre aus dem Dienst und ließ sich mit seiner Frau in Südfrankreich und später in Marrakesch nieder. Ob er homosexuell oder bisexuell war, lässt sich nicht mehr klären. Seine Ehe spricht nicht gegen eine homosexuelle Disposition, weil eine Heirat homosexuellen Männern vielfach als Tarnung diente. Und die Übersiedlung nach Marokko kann sogar als Chiffre für gleichgeschlechtliche Neigungen interpretiert werden. (In diesem Zusammenhang sei auf Simon Bischoffs Film Mon beau petit cul – Mein süßer kleiner Arsch aus dem Jahr 1997 verwiesen).

Und typisch für das Verhalten eines Mannes in der Position Reinerts war, dass er – sofern die Frankenthaler Ermittlungen einen realen Hintergrund hatten – seinen sexuellen Vorlieben außerhalb Saarbrückens bzw. der Landesgrenzen nachging.

Sei es nun, dass sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen hatten, sei es, dass sie nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Frankenthal für eine Anklageerhebung nicht ausreichten: strafrechtlich scheint Werner Reinert aus den Ermittlungen unbescholten hervorgegangen zu sein, was für die Differenzierungsfähigkeit der Frankenthaler Staatsanwaltschaft spricht. Seine Bloßstellung erfolgte in Saarbücken mit Kündigung und Entlassung. Und für dieses Vorgehen gegen den Politiker sind vermutlich außerjuristische Gründe verantwortlich gewesen.

[Literatur: Gerhard Bungert: Literaturszene Saar – zwischen 1945 und 1959 unter http://www.saar-nostalgie.de/Literaturszene (Reinerts sexuelle Orientierung wird mit keinem Wort erwähnt; Wikipedia-Artikel: Werner Reinert unter https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Reinert (oberflächlich, falscher Sterbeort, Reinerts sexuelle Orientierung wird mit keinem Wort erwähnt); Hans-Christian Herrmann: Reader zum Geschichtswettbewerb im Saarland (betr. Anders sein. Außenseiter in der Geschichte) anlässlich der Auftaktveranstaltung am 16. September 2014.]

 

Zehn Jahre nach der Affäre Werner Reinert habe ich mit der saarländischen Polizei und Justiz keine schlechten Erfahrungen gemacht, als mich als homosexuellen Mann am 26. April 1967 eine Person zu erpressen versucht und ich mich deswegen an die Polizei gewendet hatte. Die „verantwortliche Vernehmung“ und die „erkennungsdienstliche Behandlung“ waren psychisch belastend, aber ich habe von Seiten der Polizei keine Häme oder Abneigung erlebt. Meine Dudweiler Zimmerwirtin, meine Bundesbrüder und die Kommilitonen, mit denen ich befreundet war, hielten zu mir. Allerdings möchte ich eine vergleichbare Zeit wie die bis zur Einstellung des Verfahrens durch den Saarbrücker Leitenden Oberstaatsanwalt sechs Wochen später nicht noch einmal durchleben. Doch gerade diese persönlichen Erfahrungen haben mich sensibel gemacht für die Problematik der Verfolgung einer sexuellen Devianz: Außer der strafrechtlichen Ahndung drohten universitäre, berufsständische, beamtenrechtliche Strafmaßnahmen, Relegation, Selbstisolierung, soziale Isolierung von außen, möglicherweise Arbeits- und Wohnungsverlust. Nun, ich hatte hier im Saarland Glück und später auch in Bonn und Flensburg und in Hamburg, aber ich habe viele traurige Gegenbeispiele kennengelernt.

 

Wie lebte man in den 1960er-Jahren als homosexueller Student an der Universität des Saarlandes? Wie erwähnt, unterschieden sich für mich Saarbrücken und Dudweiler nicht von anderen Städten, in denen ich gelebt habe und noch leben sollte. Ich habe die Stadt weder als besonders liberal noch als illiberal in Erinnerung. Schwulenbars wie das Lokal Madame am St. Johanner Markt in der Mainzer Straße 4 boten einen gewissen Schutzraum, sofern man die dortige Atmosphäre mochte und Stammgast war. Gesichtskontrollen waren lange Zeit üblich, bevor ein Gast eingelassen wurde. Treffpunkte zur Anbahnung waren außer Parkanlagen die Klappen vor der Bergwerksdirektion an der Ecke Marx-, Trierer-, Bahnhofstraße sowie an der Berliner Promenade und – wenn ich mich recht erinnere – auf dem St. Johanner Markt.

 

Homosexualität war unter Kommilitonen kein Tabuthema. Im engeren Freundeskreis konnte darüber gesprochen und auch zugegeben werden. (Der Begriff „schwul“ war mir während des Studiums nicht geläufig – als Eigenbezeichnung gab es ihn nicht, und als Fremdbezeichnung tauchte er in den überlieferten einschlägigen Strafakten nur gelegentlich auf. Als positiv konnotierte Selbstbezeichnung ist das Wort „schwul“ erst durch die Glossen und den Roman Lavendelschwert,1966, von Felix Rexhausen [1932-1992] popularisiert und durchgesetzt worden.) Für meine Studentenverbindung war meine sexuelle Veranlagung kein Problem. Bis heute besuche ich Stiftungsfeste und war bis zu deren Tod eng mit den Bundesbrüdern Jürgen Werner, der in Sulzbach verheiratet war, und mit dem aus Homburg stammenden Neunkircher Jugendrichter und langjährigen Präses der Evangelischen Kirche der Pfalz Ernst Rudolf Pfordt (1934-2016) befreundet. Und dies galt längere Zeit auch für das Verhältnis zu der Akademischen Rätin und SPD-Politikerin Ilse Spangenberg (1931‒2009).

Doch sind die Erfahrungen im studentischen und akademischen Bereich nicht ohne weiteres auf die Einstellung der gesamten Bevölkerung übertragbar.

 

Eine Art Sehnsuchtland war in den 1960er-Jahren in Südwestdeutschland die Schweiz: In Zürich und Basel konnten sich Gleichgesinnte gefahrlos treffen. Und der Baseler Homosexuellenstrich am Schweizerischen Bundesbahnhof (SBB) war weit über die Grenzen der Schweiz bekannt. Überdies erschien in Zürich die einst berühmte dreisprachige Homosexuellenzeitschrift Der Kreis. Der Herausgeber Rolf, hinter dem sich der Schauspieler Karl Meier (1897‒1974) verbarg, veranstaltete darüber hinaus weit bekannte Maskenbälle.

 

Die Vorstellung, saarländische Homosexuelle hätten in der Verfolgungszeit nur nach Frankreich, z. B. nach Metz oder Paris, zu fahren brauchen, geht von zwei Prämissen aus, nämlich dass 1. die Saarländer der französischen Sprache weitgehend mächtig gewesen seien und 2. seinerzeit in Frankreich Homosexuellen gegenüber Toleranz geherrscht habe. Beide Annahmen sind nicht unproblematisch: Was die Beherrschung der französischen Sprache im Saarland anbelangt, begebe ich mich nicht aufs Glatteis, bin aber auf Grund des mir bekannten Grades der wechselseitigen Sprachkenntnisse im deutsch-dänischen Grenzland skeptisch.

Die Situation der Homosexuellen in Frankreich war nicht so günstig, wie außerhalb der französischen Grenzen gerne angenommen wird. Es ist zwar richtig, dass es seit 1791 keine Strafbestimmungen gegen homosexuelle Handlungen gab, doch wurden die Artikel 330 und 331 des Code Pénal (Erregung eines Ärgernisses in der Öffentlichkeit auf sexueller Basis) gerne gegen Homosexuelle angewendet.

1942 führte die Vichy-Regierung mit einer Verordnung vom 6. August die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen mit Männern unter 21 Jahren ein. Diese Bestimmung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vollinhaltlich beibehalten. Homosexualität wurde jetzt erst als „Verbrechen wider die Natur“ bezeichnet. Weiterhin konnten auf Grund einer Bestimmung von 1946 Homosexuelle als Beamte abgelehnt werden. Zensurmaßnahmen gegen die homosexuelle Presse waren nach Artikel 2 des Pressegesetzes von 1949 möglich. Und 1960 – während der Regierungszeit de Gaulles – setzte der Metzer gaullistische Abgeordnete Paul Mirguet (1911‒2001) in der Nationalversammlung die Gleichstellung der Homosexualität mit Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Tuberkulose, Prostitution und Zuhälterei als „gesellschaftliche Plagen“ (fléaux sociaux) durch. Und ebenfalls 1960 – wiederum initiiert von Mirguet – wurde das Gesetz über die öffentliche Verletzung des Schamgefühls verabschiedet. Darin heißt es: „Wenn die öffentliche Verletzung des Schamgefühls aus einem widernatürlichen Akt mit einem Individuum des gleichen Geschlechts besteht, so ist die Strafe Gefängnis zwischen 6 Monaten und 3 Jahren sowie eine Geldstrafe in Höhe von 1.000 bis 15.000 Francs“.

Während der drei ersten Monate des Jahres 1972 wurden im Bois de Boulogne 492 Homosexuelle verhaftet. „Die Kontrolle von 39 Schankstellen erlaubte die Verhaftung von 49 Transvestiten“. In den homosexuellen Nachtclubs in Paris fanden „zum Teil mehrmals wöchentlich mit wechselnden Vorwänden Polizeirazzien“ statt (Hocquenghem S. 27). Und so heißt es in einer im selben Jahr (1972) erschienenen soziologischen Untersuchung: „Von einer Liberalisierung weit entfernt, hat der Code Pénal die Unterdrückung der Homosexualität in den letzten zwanzig Jahren noch verschärft. Gewiß ist in manchen westeuropäischen Ländern (Westdeutschland, Niederlande, England, die skandinavischen Länder) […] eine gewisse Erleichterung der Gesetze gegen die Homosexualität zu verzeichnen, doch läuft der Trend in den übrigen [Ländern], insbesondere in Frankreich, keineswegs in die gleiche Richtung“ (Hocquenghem S. 27f.). Wer sich über die Situation der Homosexuellen in Frankreich während der 1970er-Jahre und noch um die Jahrtausendwende informieren will, greife zu den Büchern Retour à Reims (Rückkehr nach Reims) von Didier Eribon aus dem Jahr 2009 und En finir avec Eddy Bellegueule (Das Ende von Eddy) von Édouard Louis aus dem Jahr 2014.

Die Sonderregelungen gegen Homosexuelle wurden in Frankreich erst 1982, fünf Jahre nach einer Initiative von 80 Persönlichkeiten in der Zeitung Le Monde im Jahre 1977, abgeschafft.

[Literatur: Ulrich Würdemann: Strafrecht gegen Homosexuelle in Frankreich. Ins Netz gestellt am 4.8.2013 unter https://www.2mecs.de/wp/2013/08/strafrecht-gegen-homosexuelle-in-frankreich; Guy Hocquenghem: Das homosexuelle Verlangen. München 1974, S. 24‒31, 37, 42;

Didier Eribon: Retour à Reims/Rückkehr nach Reims. Paris 2009/Berlin 2014; Édouard Louis: En finir avec Eddy Bellegueule/Das Ende von Eddy. Paris 2014/Frankfurt/Main 2016; Édouard Louis: Histoire de la violence/Im Herzen der Gewalt. Paris 2016/Frankfurt am Main 2017.]

 

Die Aufhebung der strafrechtlichen Ahndung gleichgeschlechtlicher Handlungen sind das eine, die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen etwas ganz anderes. Toleranz oder gar Akzeptanz können nicht gesetzlich verordnet werden – und die Reformen des §175 StGB waren Regierungs- und Parlamentsentscheidungen der Großen Koalition bzw. der Rot-Grünen Koalition und nicht Folge eines Volksentscheids, der weder 1969 noch 1973 eine Mehrheit für die Neuregelung der Homosexuellenparagraphen erbracht hätte.

Dies zeigen geradezu exemplarisch Reaktionen während des Saarbrücker Lebachprozesses 1970.

 

Zur Erinnerung:

 

In der Nacht zum 20. Januar 1969 durchschnitten zwei Männer den Zaun zum Munitionsdepot der Bundeswehr bei Lebach, drangen in die Wachbaracke ein, erschossen drei der fünf Wachsoldaten im Schlaf, verletzten zwei Soldaten schwer, von denen einer wenige Wochen später seinen Verletzungen erlag, und erbeuteten Munition, zwei Walther-Pistolen und drei Schnellfeuergewehre.

Der Verdacht fiel in der damaligen explosiven politischen Atmosphäre zunächst wie von selbst auf die APO. Die nachfolgende seinerzeit größte, mehrere Monate dauernde Fahndung der Nachkriegszeit kam schließlich zu einem völlig anderen Ergebnis: Die politisch-terroristische Spur hatte sich als völlig falsch erwiesen. Täter waren drei junge homosexuelle Männer aus Landau/Pfalz, die mit Hilfe der erbeuteten Waffen Geld erpressen wollten, um dann ins Ausland zu gehen, um dort ein gemeinsames Leben zu führen.

Dass die Täter homosexuell waren, erhöhte – unmittelbar vor und nach der ersten Reform des § 175 StGB – die Brisanz des Falls.

Der Prozess gegen die drei Tatbeteiligten fand unter dem Vorsitz des Landesgerichtsdirektors Herbert Tholl vom 29. Juni bis zum 7. August 1970 in der Saarbrücker Congresshalle statt. Die Anklage vertrat der Erste Staatsanwalt Gerhard Schmitt.

Zwei Angeklagte erhielten am 7. August 1970 wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe, der dritte Angeklagte wurde wegen Beihilfe zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Dieses Urteil trat am 7. Juni 1971 in Kraft, nachdem die von zwei Angeklagten eingelegte Revision keinen Erfolg gehabt hatte.

Die Prozessführung und das Verhalten des Publikums wurden in der überregionalen Presse zum Teil scharf kritisiert. So schrieb Hans-Joachim Noack (* 1940) am 10. Juli 1970 in der Wochenzeitung Die Zeit: „Das Trio der mutmaßlichen Killer lebte auch ansonsten nach einem Gesetz zusammen, das in der diesseitigen Welt von jeher Abscheu und Ekel erregte. [Die drei Männer] hatten ihre homosexuellen Neigungen und Abhängigkeiten zugestanden […]. Die Menschen, die die Geschichte hörten – das runde Tausend Schaulustiger, das im großen Saal der Saarbrücker Kongreßhalle die Hälse reckte wie gierige Fans im überfüllten Fußballstadion - hatten das Urteil im Namen des Volkes schon in der Tasche. Das Volk jammerte über die unzureichende Strafgewalt, die sich hierzulande in lebenslangem Freiheitsentzug erschöpft […]. Manchmal lachte das Publikum. Gernot Wenzel berichtete stotternd von einer Kellerszene, von Schlägen, die Fuchs ihm auf das nackte Gesäß gegeben habe, von dem kräftigen Kumpanen Ditz, den der schwächliche Fuchs ebenfalls züchtigte und der hernach immer weinte. Das Publikum wieherte und wußte Bescheid, das Gericht auch. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Toll, ließ es bei dem Hinweis bewenden, der Wenzel habe den Fuchs wohl ,von innen und außen gekannt‘ […]. In der Kongreßhalle, für die von der Justiz pro Tag 1400 Mark an die Stadtkasse zu zahlen sind, degradierte die Aufklärung der psychologischen Hintergründe eines der schwersten Verbrechen der deutschen Kriminalgeschichte zum Schaustück“. Derselbe Autor hatte schon am 6. Juli 1970 in der Frankfurter Rundschau zusammengefasst: „Es gab zwei ‘gemeinschaftliche Mörder’ und einen, der Beihilfe leistete; dazu eine Homosexuellengeschichte, die irgendwie zu stimmen schien, obwohl sie in der Vernehmung des Gernot Wenzel nur dürftig ausgelotet wurde und der Vorsitzende unter schallendem Gelächter des Publikums das Resümee zog, er, Wenzel, habe seinen Freund, den Fuchs, ‘doch von innen und außen’ gekannt“.

Da standen nicht Mörder vor Gericht, sondern Homosexuelle, über die sich Publikum und Richter in billigen Witzen lustig machen konnten. Der erste Bericht im Spiegel über die Morde in Lebach erschien übrigens in derjenigen Ausgabe des Wochenmagazins, die als Cover folgenden Satz hatte: § 175. Das Gesetz fällt – bleibt die Ächtung? (Ausgabe 20/1969 vom 12.5.1969).

Das Fazit, das der Spiegel-Reporter Gerhard Mauz (1925‒2003) am 19. Juni 1972 über den vorsitzenden Richter und das Saarbrücker Publikum zog, ist vernichtend.

Nicht unproblematisch ist der folgende Satz von Kerstin Stiefel, der am 23. März 2000 in der Koblenzer Rhein-Zeitung zu lesen war: „Der Lebacher Soldatenmord war kein privates Drama. Der Tod der jungen Männer richtete sich gegen eine Gesellschaft, von der sie sich als Homosexuelle diskreditiert fühlten“. Dieser Aspekt hätte im Prozess erörtert werden können und müssen, doch hatten sich dafür weder das Gericht noch das Publikum interessiert. Mein Bundesbruder und Freund Ernst Rudolf Pfordt, der als junger Richter Beisitzer im Lebach-Prozess gewesen war, sprach ungern über dieses Ereignis. Seiner Ansicht nach hätte keiner der drei Angeklagten als Einzelperson einen Mord begangen. Die Tat war eine Folge von Abhängigkeiten und unheilvollen Loyalitäten. Doch gerade dieser Aspekt kam nur unzureichend zur Sprache.

[Literatur: Wikipedia-Artikel: Soldatenmord von Lebach unter https://de.wikipedia.org/wiki/Soldatenmord_von_Lebach; Der dritte Mann in Der Spiegel, 20/1969; Lebach. Das Trio in Der Spiegel 19/1970; Nur ausgelacht in Der Spiegel 28/1971;

Gerhard Mauz: Engagement für „eine menschliche Ratte“ in: Der Spiegel 26/1972.

Mord an Wachsoldaten in Lebach unter http://memoria-vestri.org/1969/01/mord-an-wachsoldaten-in-Lebach.

Hans-Joachim Noack: Der Lebach-Prozeß: Gekicher im Saal in: Die Zeit, 10.7.1970 unter: http://www.zeit.de/1970/28/gekicher-im-saal/komplettansicht?print.]

 

Die Homosexuelle Aktionsgruppe Saar (HAS) von Hasso Müller-Kittnau mit einer Dudweiler Adresse und die Initiativgruppe Homosexualität Saar (INHOMSAAR) ‒  ebenfalls mit Sitz in Dudweiler ‒ sind nach meiner Saarbrücker Zeit entstanden.

Die HAS galt für die HAG (Homosexuelle Aktionsgruppe) Bochum nach deren Monats-Info Mai 1972 als eine Art Verbündete, weil sie Kontakte zur CDU und weiter rechts stehenden Gruppen ausschloss. Das nach Angaben der HAG-Info in Saarbrücken verwendete Schulungsbuch Die Welt der Homosexuellen. Beschreibung einer diskriminierten Minderheit von Martin Hoffman (1968 unter dem Titel The Gay World in New York erschienen, deutsche Ausgabe im Frankfurter S. Fischer-Verlag von 1971) ist allerdings alles andere als marxistisch oder in irgendeiner Form „links“; es gibt eine zutreffende Schilderung der Verhältnisse in den USA, die nur  zum Teil auf Deutschland zu übertragen sind, und stellt eine Reihe (zumeist psychoanalytischer) Theorien zur Homosexualität vor.

In einem Bericht über die Gründung der DAH (Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität) vom 9. Dezember 1972 erwähnt der HAG-Delegierte Karl-Oswald Bauer, dass er für seine kritische Position gegen die integrationistischen Tendenzen der DHA, die den emanzipatorischen Ansatz der linken Schwulengruppen verrieten, von keiner anderen Gruppe „hier wirklich unterstützt“ worden sei. „Sonderbar zurückhaltend war selbst Saarbrücken“, schreibt er. Die HAS war im Februar 1973 (folgt man der Adressenliste schwuler Gruppen, die der HAG-Info Februar 1973 beigefügt war) Mitglied der DAH geworden.

[Literatur: Die erwähnten Texte befinden sich in den Konvoluten HAG Bochum im Archiv des Schwulenmuseums in Berlin.]

 

Als wir 2012 einen Titel für unsere Hamburger Ausstellung suchten, fand der Vorschlag Beifall: Liberales Hamburg? – bildet sich doch die Freie und Hansestadt Hamburg viel auf ihre oftmals leider nur behauptete Liberalität ein. Entsprechend könnte man im Zusammenhang mit diesem Vortrag fragen Liberales Saarbrücken? Die Antwort ist – wie im Fall Hamburg – nicht eindeutig. Liberalität im Verhalten zu Homosexualität und Homosexuellen gehört nicht zu den Grundtugenden in Deutschland – weder an der Elbe noch an der Saar. Aber in beiden Orten lebten auch Menschen, die tolerant waren und Homosexuelle akzeptierten. War nun Saarbrücken toleranter als Hamburg? Ich fühle mich in beiden Städten wohl – und das soll das letzte Wort des Vortrags sein.