Saarländische Emigranten in Hamburg

 

 

Auf den ersten Blick scheint die Akte Nikolaus Scherer des Staatsarchivs Hamburg nur eine von Hunderten erhalten gebliebenen Strafakten von Männern zu sein, die in der Hansestadt Hamburg während der NS-Zeit wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen in das Räderwerk von Gestapo bzw. Kriminalpolizei und Justiz geraten waren.

Doch fällt bei genauer Durchsicht auf, dass mehrere Personen, die in dieser Akte mit Hamburger Adresse aufgeführt sind und die den Fall Scherer ins Rollen gebracht hatten - wie auch der Beschuldigte selbst - aus dem Saarland stammten.

Und nicht nur das: Nikolaus Scherer, 1906 in Quierschied/Saar geboren, wies in seinen Aussagen und schriftlichen Erklärungen mehrfach auf seine Rolle im Saarkampf hin.

 

Was hatte sich ereignet?

 

Am 15. April 1940 erschien vormittags um halb elf auf dem Polizeirevier Eimsbüttel die 1890 in Rostock geborene Margarete Jessen aus der Conventstraße 4 Haus 3 und erstattete Anzeige gegen den in der Conventstraße 6 Haus 4 zur Untermiete wohnenden Nikolaus Scherer wegen vermuteter homosexueller Handlungen, da er insbesondere an Wochenenden von vielen Männern besucht werde. Im übrigen sei Hermann Klein, Schwager von Scherers Vermieter, derselben Ansicht.

Polizeirevieroberwachtmeister Hahnen, der die Anzeige aufnahm, vermerkte: „Scherer ist französischer Staatsbürger“.

 

Der von Frau Jessen erwähnte Hermann Klein wurde am 20. April 1940 von Kriminaloberassistent Könnecke befragt. Klein, 1907 in Schnappach/Saar (heute Sulzbach-Schnappach) geboren, wohnte in Hamburg im selben Gebäudekomplex wie Scherer und Jessen, nämlich in der Conventstraße 4 Haus 5. Er war nur zu einer Aussage bereit, wenn ihm garantiert würde, dass sein Name nirgends genannt werde. Klein bestätigte nicht nur die Denunziation der Frau Jessen, sondern unterstellte Scherer darüber hinaus gleichgeschlechtliche Beziehungen zu seinem Schwager Wilhelm Mäs (auch Mees geschrieben), der 1909 in Bildstock/Saar geboren war.

 

Die Ermittlungsmaschinerie, einmal in Gang gesetzt, lief auf vollen Touren: so wurde die Wohnung der Beschuldigten Scherer und Mäs „an verschiedenen Tagen unauffällig beobachtet“. Hierbei sei  allerdings „nichts Verdächtiges wahrgenommen“ worden.

 

Am 24. Mai 1940 befragte der Kriminalbeamte Voigt Scherers Zimmerwirtin Anna Mäs, geboren 1911 in Friedrichsthal/Saar. Auch sie war nur zu einer Aussage bereit, wenn Scherer ihren Namen nicht erführe. Sie erklärte, Scherer sei homosexuell, bringe Männer mit in die Wohnung, schlafe mit ihnen im einzigen Bett seines Zimmers. Sie habe mit Spermaflecken versehene Unterwäsche und Taschentücher gefunden. Seine Besucher seien zumeist Seeleute, deren Namen sie nicht kenne. Nach Mitteilung von Frau Mäs verkehrte Scherer auf St. Pauli in den Homosexuellenlokalen Anker und Bunte Kuh. Im Übrigen habe sie Scherer gekündigt.

Bei einer Zimmerdurchsuchung in Anwesenheit der Frau Mäs stellte die Kripo eine Reihe Fotos sicher.

Zum 27. Mai wurde Scherers Zimmerwirtin zur Kriminalpolizei im Hamburger Stadthaus bestellt. Dort sollte sie die Speziallichtbildkartei homosexueller Männer durchsehen, um an Hand der Fotos Scherers Besucher zu identifizieren. Sie fand zwei Strichjungen, die bei Scherer übernachtet hätten. Außerdem gab Frau Mäs der Kripo einen weiteren wichtigen Hinweis: Scherer verkehre im katholischen Gesellenhaus (Kolpinghaus). Dessen Leiter Fritz Ochsenfart war am 28. Mai gegenüber der Kriminalpolizei ausgesprochen auskunftswillig: Scherer sei oft zu Gast im katholischen Gesellenhaus, und zwar immer in Begleitung junger Leute, gelegentlich auch von Wilhelm Mäs. Er habe schon lange geahnt, dass Scherer schwul sei. Ochsenfart nannte nicht nur die Namen zweier Bekannter Scherers und identifizierte zwei Tage später bereitwillig die Männer auf den beschlagnahmten Fotos aus Scherers Besitz, sondern wies die Ermittler darauf hin, wann Scherer noch am selben Tag ins Katholische Gesellenhaus kommen werde und die Kripo ihn festnehmen könne – was dann auch um 17.15 Uhr geschah.

Wie Klein und Anna Mäs bat auch Ochsenfart um Geheimhaltung seines Namens – „aus Geschäftsrücksichten“.

 

Scherer gestand während der folgenden Vernehmungen gleichgeschlechtliche Handlungen mit 4 Personen, widerrief aber am 13. August 1940 und danach noch mehrfach sein Geständnis bis auf zwei Fälle mit einem einzigen Partner. Ursache des falschen Geständnisses seien sein Gesundheitszustand und die Art und Weise der Vernehmung gewesen.

Das Amtsgericht Hamburg verurteilte Scherer schließlich am 29. November 1940 wegen Verstoßes gegen § 175 StGB in zwei Fällen zu 10 Monaten Gefängnis unter Anrechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft und am 15. März 1941 wegen Unterschlagung und Betrugs zu einem Monat Gefängnis. Nachdem Scherer zwei Wochen seiner Gesamtstrafe auf dem Gnadenweg zur Bewährung ausgesetzt worden waren, wurde er am 29. Juli 1941 aus dem Gefängnis entlassen. Er erhielt Arbeit als kaufmännischer Angestellter im Hauptmagazin der „Reichswerke Hermann Göring“ in Watenstedt (Salzgitter). Mit Ablauf der Bewährungsfrist ist Scherer Ende Oktober 1944 die Reststrafe erlassen worden.

 

Soweit so gut. Bis hierher ist der Fall Scherer nichts anderes als einer unter Tausenden. Interessant wird er erst durch seinen Bezug zur saarländischen Geschichte.

Zur Erinnerung: schon auf dem ersten Blatt der Akte Scherer steht der Vermerk „Scherer ist französischer Staatsbürger“. Und unmittelbar nach Scherers Festnahme benachrichtigte die Hamburger Kripo das Reichskriminalamt am Werderschen Markt in Berlin über die Festnahme des französischen Staatsbürgers Scherer.

Wieso ist ein in Quierschied/Saar geborener Mann deutscher Herkunft französischer Staatsbürger? Warum hat er als solcher nicht nach der Rückgliederung des Saargebiets Zuflucht in Frankreich gesucht? Warum hatte ihm 1936 das Hamburger Polizeipräsidium einen Fremdenpass ausgestellt?

Darauf gibt die Akte Scherer Antworten, bei denen nicht immer erkennbar ist, ob sie der Realität entsprechen.

 

Mäs und Scherer waren dem für Vergehen und Verbrechen nach §§ 175, 175a StGB zuständigen Hamburger 24. Kriminalkommissariat nicht völlig unbekannt. Diesem lag die drei Blatt umfassende Abschrift eines Saarbrücker Vorgangs aus den Jahren 1936 bis 1938 vor. Darin geht es um die Denunziation einer Frau Heckmann aus Friedrichsthal/Saar, wonach Scherer und Mäs in einem Bett geschlafen hätten und vermutlich homosexuell seien. Dazu am 17.3.1938 von dem Hamburger Kriminalassistenten Worthmann befragt, gaben beide Männer an, dass sie aus politischen Gründen in einer Wohnung hätten übernachten müssen, in der nur ein Bett zur Verfügung stand. Mit homosexueller Veranlagung oder entsprechenden Handlungen habe das alles nichts zu tun. Ursache der Verleumdung seien politische Differenzen: Während Scherer und Mäs für die Rückkehr des Saargebiets nach Deutschland gekämpft hätten, habe Frau Heckmann mit ihrem Schwiegersohn die französische Position unterstützt.

Worthmanns Fazit: Scherer und Mäs konnte homosexuelle Betätigung nicht nachgewiesen werden. „Beide machen durchaus nicht den Eindruck von Homosexuellen. In politischer Hinsicht haben sie nach eigenen Angaben sehr bewegte Zeiten hinter sich. In Verbindung damit scheint nicht ausgeschlossen, daß tatsächlich ein Racheakt vorliegen kann. Zu genaueren Angaben in politischer Hinsicht sind sie nicht zu bewegen“.

Dies änderte sich 1940. Scherer gab nun bereitwilliger, wenn auch nicht erschöpfend Auskunft über seinen politischen Hintergrund – und dies vor allem deshalb, weil er befürchtete, nach der Verbüßung einer Strafe nach § 175 StGB als französischer Staatsbürger nach Frankreich abgeschoben zu werden.

Befragt nach seinem Lebenslauf, gab Scherer während seiner ersten Vernehmung am 29.5.1940 an, dass er in Saarbrücken aus der Quarta entlassen worden sei und anschließend bis 1930 seinem Vater in der Landwirtschaft geholfen habe. „Danach war ich in der französischen Bergwerksdirektion in Saarbrücken als Arbeiter tätig. Die französische Staatsangehörigkeit erwarb ich im Winter 1931/32. Das tat ich, um der Deutschen Sache besser dienen zu können. 1934 mußte ich flüchten, da wir mit mehreren Kameraden französische Papiere geklaut hatten und diese dem Deutschen Nachrichtendienst zuführten. Mit meinen Kameraden hielt ich mich hier in Hamburg mit Einverständnis von den Gauleitern Bürckel [Pfalz] und Kaufmann [Hamburg] illegal auf. Nach der Abstimmung im Saargebiet fuhren wir wieder nach Saarbrücken. 1936 kamen wir wieder nach Hamburg. Zur Zeit bin ich beim Deutschen Ring, Karl Muckplatz als Angestellter beschäftigt. Mein Verdienst beträgt 128,- netto monatlich“.

Um welche Art Papiere es sich handelte, die Scherer und seine Kameraden entwendet hatten, wird nicht gesagt. Ebenso wenig teilte Scherer mit, warum die jungen Männer nach der Abstimmung, mit der sie doch ihr Ziel erreicht hatten, im Jahr 1936 nach Hamburg zurückkehrten. Scherers monatlicher Verdienst von 128,- RM netto belegt, dass er in untergeordneter Stellung tätig war. Dieses Einkommen erlaubte ihm nur einen bescheidenen Lebensstandard.

Bei den weiteren Vernehmungen Scherers und der Männer, mit denen er befreundet und bekannt war, interessierte die Kriminalpolizei vor allem der Vorwurf homosexueller Handlungen. Der politische Hintergrund von Scherer und Mäs wurde von Kriminalassistent Voigt nicht thematisiert, doch leuchtete er in deren Antworten immer wieder auf. Dies betrifft insbesondere den Vorwurf, Scherer und Mäs hätten in einem Bett geschlafen. Voigt musste sich von einem Bekannten Scherers darüber belehren lassen, dass es in Gemeinschaftslagern üblich sei, dass zwei Männer in einem Bett schliefen. Und sowohl Scherer als auch Mäs betonten am 3. bzw. 7. Juli 1940 übereinstimmend, dass sie „in der Kampfzeit 1933/34 im Saargebiet gelegentlich miteinander in einem Bett geschlafen hätten. Das brachten die damaligen Verhältnisse so mit sich“, sei also „situationsbedingt“ gewesen und habe mit Sexualität nichts zu tun.

Scherer sieht in Frau Heckmanns Anzeige „einen Racheakt. Sie gehörte seinerzeit dem Separatistenbund an. Ihr Schwiegersohn war sogar Kassierer in diesem Verein. Sie wusste von meiner Tätigkeit für den Deutschen Nachrichtendienst und war mir aus diesem Grunde feindlich gesinnt“.

Es verging dann ein Vierteljahr, bis Scherer in zwei Schreiben an die 4. Strafkammer des Landgerichts Hamburg vom 8. Oktober bzw. an die Staatsanwaltschaft Hamburg vom 27.11.1940 sowie in einem Gespräch mit Voigt am 16. Oktober näher auf seinen politischen Hintergrund einging.

In dem Brief vom 8. Oktober heißt es (ohne sprachliche Korrekturen): „Zur Orientierung meiner  Person möchte ich bemerken: Daß ich von 1931-1934 in französischen Staatsdienst in Saarbrücken beschäftigt und für den SS. Nachrichtendienst tätig war bis ich 1934 auf Grund eines großen Aktendiebstahls bei dem franz. Staatsbergwerksdirektion nach Deutschland flüchten mußte, wo ich in Hbg.  bis nach der Rückgliederung 1935 mit noch 2 weiteren Kameraden in Emigration war. Die sehr lange Zeit meiner Tätigkeit als Nachrichtendienstmann sowie die Flüchtlingszeit haben meine Person in Mitleidenschaft gezogen…Über meine obigen Angaben kann die Gauleitung Hamburg, sowie der Saar-Pfalz Auskunft erteilen“.

Schon am 2. Oktober hatte Scherer den Ermittlungsbeamten Voigt um „Vorführung zwecks Rücksprache“ nachgesucht, wozu es am 16.10.1940 kam. Hierbei bat Scherer den Kriminalbeamten, ihm „zu helfen: Es darf auf keinen Fall geschehen, dass ich nach Frankreich ausgewiesen werde. Mit dieser Möglichkeit muß ich rechnen, da ich die französische Staatsangehörigkeit besitze, im Innersten aber ein guter Deutscher bin. Das beweist ja auch meine Arbeit während des Saarkampfes für den SS-Nachrichtendienst. Dieses ist auch den Franzosen bekannt … Wenn sie mich erwischen, stellen sie mich ohne Weiteres an die Wand. – Meine Tätigkeit für den SS-Nachrichtendienst ist auch dem Reichsstatthalter Kaufmann in Hamburg bekannt“.

Umfassender informierte Scherer die Hamburger Staatsanwaltschaft am 27. November (ohne sprachliche Korrekturen):      „Sehr geehrter Herr Staatsanwalt!

Der Grund meines heutigen Schreibens ist die herzlichste Bitte an Sie Herr Staatsanwalt mir doch in meiner Lage zu helfen. Wie Ihnen bekannt, befind eich mich seit dem 28. Mai in U-Haft. Daß ich diese fürchterliche Folter nicht mehr länger ertrage, kann ich Ihnen versichern umso mehr ich mit meinen Nerven auch sonst körperlich sehr herunter gekommen bin. Ich flehe Sie an, dieser Qual ein Ende zu bereiten. Nie hätte ich geglaubt, daß solches mir einmal wiederfahren würde umsomehr ich im Saarland (S.brücken) selbst für die Landeskrim. Polizei tätig war + verschiedene Erfolge zu verzeichnen hatte. Der vielfach gesuchte Raubmörder 'Zwinger' wurde von mir dingfest gemacht, was Herr Staatsanwalt Lorenz von Karlsruhe bestätigen kann. Raubmörder Hammerschmidt ebenfalls was die Staatsanwaltschaft Sbr. bestätigen kann. Da kam meine Tätigkeit als S.S. Nachrichtendienstmann beim französ. Staat. Tag und Nacht auf den Beinen für Deutschland. Wie Ihnen bekannt bin ich Papier-Franzose u. was ich als solcher den Franzosen an polit. Schaden zufügte kann Ihnen nur die damalige Zeit erzählen. Wie ich der deutschen Sache (dem nat. Deutschland) verschworen war, geht aus dem ungeheueren Dokumenten Diebstahl von Sbr. beim französ. Staat hervor. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß sich sonst keiner gefunden hätte der dieses Wagnis für die deutsche Sache getätigt hätte. Annähernd 9 Ztn. [Zentner] Dokumente habe ich mit 2 weiteren Gehilfen den Franzosen geraubt. Welches von Wert Genanntes war zeugt das fürchterliche Geschrei der Sender u. Weltpressen. Ein gemeiner Raub, eine verwegene Räubertat, der gemeingefährliche Nazispitzel Scherer usw. usw. Ich mußte mit meinen Genossen auf Anweisung höchster Stellen schnellstens nach Hbg. flüchten und hierselbst 9 Monate unter Decknamen verbringen um einem Verat welcher ungeheuere Folgen hätte haben können zu entgehen. Hier wurden wir auf Anweisung des Gauleiters Bürckel sowie des Reichsstatthalters Kaufmann betreut bis zu unserer Rückkehr (Februar 1935) in die Heimat. Daß die Franzosen alles daransetzten meiner Person habhaft zu werden ist erdenklich auch heute noch. Deßgleichen habe ich Frankreichfahrten unternommen + die Einrekrutierungen besucht, die Leute hiervon zurückgehalten usw. Selbst bin Fahnenflüchtig u. wie mir später mitgeteilt wurde, soll ich in Abwesenheit von einem französ. Gericht (wo konnte ich nicht erfahren) wegen Spionage, Fahnenflucht + deren Verleitung sowie des Dokumentendiebstahls zum Tode verurteilt worden sein. Diese Mitteilung wurde mir von einem franz. Konsulatsbeamten in Sbr. gemacht. Später erfolgte eine uns sowie der Polizei rätselhafte Verfolgung seitens der franz. Staatspolizei. Ich, der für das Wohl der Familien meiner Kameraden verantwortlich war bat nun Gauleiter Bürkel um Versetzung von der Grenze. Nun kamen wir wieder nach Hbg. Alle diese Erlebnisse, das fortgesetzte Jagen, die fortgesetzte Aufregung usw. haben mir schon sehr mitgespielt… Daß eine schwere Verurteilung für mich schwere Folgen hätte als Franzose ist ohne Zweifel + ein solches Los bedeutet für mich den Untergang und möchte dann eher den Gnadenschuß erbitten. Diese ewige Schande, in Deutschland unmöglich, in Frankreich der Tod… Für die Richtigkeit meiner Angaben erlaube ich mir die Herren Gauleiter Kaufmann und Bürkel anzugeben bzw. die Gauleitung, die Regierung in Sbr. Pg. [Hintmann oder Heitmann ?], S. S. [S. A.]  Brigadeführer Schwitzgebel usw. Vorstehendes solle dienen, dem Frankreich keine Gefälligkeit zu erweisen, andererseits einem Menschen zu helfen der sein Leben in die Wagschale der deutschen Sache warf u. z. Zt. deutsche kam[eradschaftliche] Hilfe benötigt“.

 

Scherers Brief mit der breiten Darstellung seiner  (angeblichen) Verdienste für die deutsche Sache und seines Emigrantenschicksals hatte vor allem ein Ziel: als straffällig gewordener und in Deutschland verurteilter französischer Staatsbürger nicht nach Frankreich ausgewiesen zu werden. Und das scheinen die zuständigen Polizeistellen verstanden zu haben, denn in einem Schreiben vom 31. Juli 1941 führte Scherer aus: „Am 29. Juli 1941 wurde ich von Hbg. Harburg aus der Strafanstalt über die Fremdenpolizei entlassen. Meine weitere Aufenthaltsgenehmigung als Franzose (jedoch Volksdeutscher) wurde mir gestattet und ist somit alles wieder diesbezüglich in Ordnung. Auch habe ich sofort alles in Wege geleitet um Aufnahme zur Wehrmacht um mich am Kreuzzug gegen Russland beteiligen zu können“. Letzteres ist Scherer – zumindest bis zum 31. Oktober 1944 (dem Tag, an dem seine Bewährungsfrist beendet und seine Reststrafe erlassen war) – verwehrt geblieben.

 

Quellenangabe: Staatsarchiv Hamburg. Bestand Staatsanwaltschaft – Landgericht – Strafsachen (SLS) 213-11: 6355/41).