Sündenbabel Harburg?

 

                                                                 Anhang

 

 

 

Einen Harburger Hintergrund haben auch die Fälle Hermann Charlier, Hans Knorr und Dr. Günther Müller. Allerdings sind diese drei Männer nicht wegen sexueller Handlungen in Harburg belangt worden.

 

Hermann Charlier war eine schillernde Persönlichkeit. Geboren wurde er am 8.10.1890 in Elze. Von 1905 bis 1908 absolvierte er erfolgreich eine Lehre als Koch im Grand Hotel in Hannover. Anschließend wechselte er an die Theaterschule in Berlin, wo er wegen seiner Begabung eine Freistelle bekam. Seine ersten Engagements als Schauspieler hatte Charlier in Wiesbaden und Bochum. Nach dem 1. Weltkrieg spielte er an Theatern in Bremen und Dortmund. 1920 gehörte er drei Wochen lang zum Freikorps Killinger und nahm an Kämpfen im Ruhrgebiet teil.

1924 wurde Charlier Spielleiter für Oper und Operette am Stadttheater Harburg. Im Bericht der „Gerichtshilfe für Erwachsene“ vom 23. November 1936 heißt es: „1931 mußte [er] seinen Posten angeblich nationalsozialistischer Betätigung wegen aufgeben. Nach kurzer Erwerbslosigkeit kam [er] dann an die Hamburger Schaubühne und wurde hier wiede[r] angeblich wegen nationaler Propaganda entlassen“.

1933 und 1934 wirkte er an Thüringer Theatern und kehrte im August 1934 nach Hamburg zurück, wo seine Schauspielerkarriere endet. Nachdem er kurze Zeit „unständig“ beim „Reichssender Hamburg“  und beim „Hamburger Tageblatt“ beschäftigt war, wurde er am 25.7.1936 im Rahmen einer Sonderaktion Hilfsangestellter im Hamburger Staatsarchiv mit einem wöchentlichen Einkommen von 35,- RM netto. Die vorgesehene Festanstellung kam auf Grund seiner Verhaftung nicht zustande.

 

Charlier war 1932 der SA beigetreten, von der SA wurde er zum NSKK überschrieben.

 

Am 29. Januar 1937 wurde Charlier vom Amtsgericht Hamburg zu einem Jahr Gefängnis unter Anrechnung von zwei Monaten der erlittenen Untersuchungshaft verurteilt. Die Urteilsbegründung verweist auf die Unbelehrbarkeit des Angeklagten durch die Röhmaffäre und die gewandelte Haltung des nationalsozialistischen Staates zur Homosexualität, die Charlier hätte bewusst sein müssen.

Charlier verbüßte seine Strafe bis zum 29. November 1937.

 

Hans Knorr, am 22. Dezember 1905 in Königsberg geboren, war von Mitte August 1937 bis Juni 1938 an „Dr. Kramers Institut“ in der Harburger Maretstraße 19/21 als Lehrer für Deutsch, Englisch, Französisch, Latein und Religion tätig. Er wohnte in Harburg in der Kasernenstraße 17.

 

Vor Gericht stand Knorr jedoch nicht wegen sexueller Übergriffe auf Harburger Schüler, sondern wegen entsprechender Vorfälle am „Traub’schen Pädagogium“ in Frankfurt an der Oder.

 

Am 15. Dezember 1938 verurteilte ihn eine Jugendstrafkammer des Landgerichts Hamburg zu 2 Jahren und 6 Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft von einem halben Jahr.

 

Knorrs’ Strafe war am 19. Dezember 1940 verbüßt. Anschließend wurde er „der Polizeibehörde Hamburg zur Verfügung gestellt“ – und das bedeutet, dass er möglicherweise nicht entlassen, sondern in ein Konzentrationslager überführt worden ist.

 

 

 

Im Fall des Arztes Dr. Müller spielt Harburg lediglich als Sitz der für ihn zuständigen und rigoros agierenden Staatspolizeileitstelle eine Rolle.

 

Der 1898 in Wiesbaden geborene und 1935 in Lüneburg lebende SS- und Sturmbann- Facharzt für Geschlechtskrankheiten Dr. Günther Müller und der Schiffsbauer und männliche Prostituierte Wilhelm Schmidt (*12.2.1915 in Hamburg) wurden am 30. Juni 1935 – also ein Jahr nach der Röhmaffäre – während einer Razzia im „Schwäbischen Hof“ ,Koppel 22, festgenommen.

Der masochistisch veranlagte Arzt hatte sich von Schmidt mehrfach schlagen lassen, um zum Orgasmus zu kommen. Schmidt gab während der Vernehmung an, dass man auch onaniert habe. Dies hielten weder er noch Müller für strafbar. Und auch die Hamburger Justiz sah dies so und stellte ein Strafverfahren „mangels strafbaren Tatbestandes“ ein.

 

Eine völlig andere Position vertrat die Gestapa Berlin und mit ihr Polizeidirektor Loeffel von der Staatspolizeileitstelle Harburg-Wilhelmsburg. Mit Verweis auf das Urteil des Reichsgerichts vom 1. August 1935, das auch gegenseitige Onanie als strafwürdig betrachtete, wurde am 4. Oktober 1935 „die sofortige Schutzhaftnahme des Dr. Müller und seine Überführung in ein Konzentrationslager für dringend erforderlich“ gehalten, woraufhin Müller am 5.10.1935 „dem Polizeigefängnis in Harburg-W’burg zugeführt“ wurde. Am selben Tag nahm die Gestapa in Lüneburg eine Haus- und Praxisdurchsuchung vor; belastendes Material wurde dabei nicht gefunden.

 

Nachdem Schmidt am 5. Oktober 1935 sein Geständnis vom 30. Juni 1935, wonach Müller und er auch onaniert hätten, widerrufen hatte, wurde Dr. Müller am 9. Oktober 1935 auf Anweisung der Geheimen Staatspolizei in Berlin  und in der Folge des Leiters der Staatspolizeileitstelle Harburg-Wilhelmsburg aus der Schutzhaft entlassen. Nach Ansicht der Gestapa bestand „auch von Seiten des Gerichts keine Handhabe mehr [,] gegen Dr. Müller und Schmidt wegen Vergehens gegen den § 175 R.St.G.B. das Verfahren zu eröffnen“, womit die Angelegenheit einen glimpflichen Abschluss gefunden zu haben scheint.

 

Der masochistische Sachverhalt – dass Müller sexuelle Befriedigung durch Stockschläge auf das Gesäß fand – wurde als bizarr und pervers, nicht aber als strafwürdig im Sinne des § 175 StGB gewertet.

 

 

Ausgewertet worden sind folgende Akten, die im Staatsarchiv Hamburg aufbewahrt werden:

SLS -213-11: 1285/37 (Charlier); 3766/39 (Knorr); 343/36 (Müller).

 

Die Akte SLS - 213-11: 343/36 betrifft Betty Adam geb. Jobst (Inhaberin der Pension „Schwäbischer Hof“ ,Koppel 22 in St. Georg) und das gegen sie geführte Verfahren wegen Kuppelei. Im Zusammenhang mit den Kuppeleivorwürfen enthält die Akte u. a. das ausgewertete Material zu Dr. Müller und Schmidt.