Sunil Mann

 

                                                              Uferwechsel

 

                                                 (grafit Verlag. Dortmund 2012)

 

In Sunil Manns Kriminalroman geht es um Gewalthandlungen gegen Homosexuelle in der Schweizer Metropole Zürich. In der Bäckeranlage werden Schwule von Jugendlichen beraubt und niedergeschlagen, ohne dass dies die Schweizer Behörden beunruhigt oder von der Schweizer Presse registriert wird. Selbst als zwei angesehene Zürcher Männer so schwer misshandelt wurden, dass sie auf Dauer schwere körperliche und geistige Schäden davontrugen, werden die Schläger nur zu geringfügigen Strafen verurteilt und wegen guter Führung rasch wieder aus der Strafhaft entlassen – die Opfer waren ja nur Schwule (vgl. S. 225, 272, 284). Und auch, als mehrere junge Männer mit Beziehung zum Schwulenmilieu zu Tode kommen, zeigt die Staatsgewalt keinen Eifer, die Todesfälle aufzuklären, und zwar einerseits deshalb, weil sie Selbstmorden ähnelten, und andererseits weil der ermittelnde Staatsanwalt persönlich involviert ist und deshalb die Ermittlungen verschleppt.

Dass die vollendeten Mordfälle und der Mordversuch eines Serienmörders aufgeklärt werden, ist ausschließlich das Verdienst des Privatdetektivs indischer Herkunft Vijay Kumar. Durch Inspiration, Kombination, Ausdauer gelingt es ihm, einzelne Verdachtsmomente zu bündeln und – trotz einer Reihe Fehlschlüsse – schließlich den Mörder herauszufinden und zu stellen.

 

Der Autor lässt Kumar sich mit den Gegebenheiten der Schwulenszene vertraut machen. Dies gelingt mehr oder weniger gut. Der geglückten Satire, wie Schwule sich angeblich kleiden und benehmen (vgl. S. 57-60), der Schilderung einer Zürcher Schwulenbar (vgl. S. 60-63) und eines Stricherlokals sowie einige Informationen über die Zusammensetzung der Zürcher Stricherszene (vgl. S. 56, 68-70) stehen Passagen gegenüber, die nichts anderes als Klischees transportieren: so das Bild  alternder und alter Schwuler, die in der Szene verpönt seien und auf den schwulen Internetseiten nicht angeklickt würden (vgl. S. 56f, 64,134-138), so die Mitteilungen über die Freier männlicher Prostituierter (vgl. S. 56, 68), so die Reduzierung der männlichen Prostitutionsszene auf die Jungen aus Südosteuropa oder aus Übersee und deren Verhalten (vgl. S. 56, 73-79, 120-125) – die entsprechenden Ausführungen sind nicht falsch, greifen aber zu kurz, weil sie die massiven Veränderungen in der männlichen Prostituierten-Szene während der letzten Jahre außer Acht lässt. Hier wären gründliche Recherchen notwendig gewesen!

Gut orientiert zeigt sich Kumar dagegen über die „Blauen Seiten“ bei Gay Romeo; er weiß Bescheid über die Kontaktmöglichkeiten und Kontaktabläufe, über Schwindeleien auf den Profilen – vor allem, was Altersangaben und Fotos anbelangt -, über Profillöschungen usw. (vgl. S. 80-84, 117, 187f, 236f, 239-245, 303, 305, 309f.).

 

Sunil Mann folgt der immer wieder zu beobachtenden Tendenz, in Kriminalromanen alle möglichen zeitgenössischen Themen aufzugreifen:

1. Ein Freund (= eine Freundin) des Privatdetektivs ist Miranda, von Kumars Mutter als Hijra, d. h. als ein Mann in Frauenkleidern, der sich prostituiert, bezeichnet. (vgl. S. 58-60, 63, 146, 154) Am Ende des Romans stellt sich Miranda überdies als Vater einer erwachsenen Tochter heraus.

2. Angeblich hat jeder Schwule seine „Gabi“, eine feste Freundin. In Manns Roman heißt sie Kathi – sie sei das, „was man gemeinsam eine Fag Hag nannte: eine Frau, deren Freunde ausnahmslos schwul waren und die selbst wohl selten in den Genuss körperlicher Freuden kam“ (vgl. S. 155).

3. Mit Nils wird der junge Schwule eingeführt, der sich zum Showstar berufen fühlt und an Casting- Veranstaltungen teilnimmt und sich mit Drogen stimuliert (vgl. S. 156, 158-163, 167f, 233).

4. Vorgestellt werden eine „Freikirche“ (= Sekte), die Homosexuellen in ihren Reihen das Leben schwer macht und sie ausgrenzt (vgl. S. 189-200, 203-205), sowie der Schweizer Ableger einer amerikanischen Organisation, deren Ziel es ist, Schwule zu therapieren, zu Heterosexuellen umzupolen und ihnen damit den „Weg aus der Homosexualität zum Dasein als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ zu weisen (vgl. S. 215-225, 248).

 

Der Roman ist durchaus gut erzählt: Unerwartete Ergebnisse, Abschweifungen vom Handlungsverlauf an spannenden Stellen, Fehlschlüsse lösen einander ab, bis schließlich die Lösung präsentiert wird. Doch vergreift sich Mann nicht selten im Ton – z. B. in der geradezu widerlichen Szene mit einem alten Mann, die als altersdiskriminierend bezeichnet werden kann (vgl. S. 130-134), oder die denunziatorische Schilderung der Eltern des durch Selbstmord ums Leben gekommenen Kevin Steiner, zumal dessen Tod mit den Morden und Gewalttaten nicht zusammenhängt und lediglich dazu dienst, eine Sekte einzuführen, die Schwule ausgrenzt (vgl. S. 189-200, 203-205). Und blasphemisch mutet an, dass  Mann den gestellten Mörder das „Vater Unser“ beten lässt (vgl. S. 304).