Die Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus

                               und deren Konsequenzen in der Nachkriegszeit

       

                                Vortrag von Dr. Gottfried Lorenz in der Reihe

                              Auschwitz darf niemals in Vergessenheit geraten

                    während der Feierstunde der Bezirksversammlung Hamburg-Nord

                        am 27. Januar 2014, 18.00 Uhr im Großen Sitzungssaal

                              Robert-Koch-Straße 17, 20249 Hamburg

 

 

Im Rahmen Ihrer jährlichen Veranstaltungen zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 ist das Gedenken an verfolgte Homosexuelle während der NS-Zeit nicht unproblematisch. Dafür gibt es zwei gewichtige Gründe:

 

1. Für viele sind die KZ-Häftlinge mit dem Rosa Winkel oder dem gelben A am Bein keine Opfer des NS-Regimes, sondern nichts anderes als ganz normale Straftäter, die zu Recht verurteilt worden seien. - Und wenn man sie als Opfer des Nationalsozialismus sieht, dann rangieren sie in der Hierarchie der Opfer weit unten – auf einer Ebene mit den sogenannten Asozialen oder mit Fürsorgezöglingen wie denen des Konzentrationslagers Moringen. So verweigerte die VVN der britischen, amerikanischen und sowjetischen Zone sowie der späteren Bundesrepublik bzw. der DDR den Rosa-Winkel-Häftlingen den OdF- Status. Diese Haltung entspricht der Position des seinerzeit bekannten Publizisten Eugen Kogon (1903-1987), Buchenwaldhäftling zwischen 1939 und 1945, der in seinem erstmal 1946 erschienenen und berühmt gewordenen Buch Der SS-Staat. Das System der Deutschen Konzentrationslager schrieb: „Bei Transporten in Vernichtungslager wie Nordhausen [= Mittelbau Dora], Natzweiler/Struthof [im Elsass] oder Groß Rosen [in Niederschlesien] stellten sie [die Homosexuellen] im Verhältnis ihrer Zahl den höchsten Prozentsatz, da das Lager [d. h. das illegale Häftlings – Lagerkomitee] immer die verständliche Tendenz hatte, weniger wichtige und wertvolle oder als nicht wertvoll angesehene Teile abzuschieben“, d. h. Homosexuelle wurden von Mithäftlingen bewusst zur Vernichtung abgeschoben, um den Rote- Winkel-Häftlingen (den „Politischen“) das Überleben zu ermöglichen.

 

2. Die Verfolgung homosexueller Menschen ist im Unterschied zur Vernichtung der europäischen Juden kein Spezifikum der NS-Zeit. Homosexuelle sind vor 1933 und nach der Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945 verfolgt worden. Die nationalsozialistische Gesetzgebung hatte die Verfolgung verschärft, aber nicht erfunden. Denn wo auch immer, wann auch immer – in unserem Kulturkreis sind gleichgeschlechtlich empfindende Menschen selten toleriert, geschweige denn akzeptiert worden, widersprach doch deren sexuelles Fühlen und Handeln dem, was die sie umgebende Gesellschaft für gott- oder naturgegeben betrachtete. Im Laufe der Zeit sind sie in Staat und Gesellschaft das eine Mal stärker, ein anderes Mal schwächer abgelehnt oder diskriminiert worden. Ihre Verfolgung konnte forciert oder auch scheinbar eingestellt werden. Sicher aber konnten – und ich füge bewusst hinzu: können – sie sich nie fühlen, denn allzu leicht ließ und lässt sich Homosexualität instrumentalisieren im Kampf gegen was auch immer. Damit teilen homosexuelle Menschen das Schicksal aller Minderheiten: Sündenbock zu sein für Fehlentwicklungen oder Begehrlichkeiten.

 

In der neueren Geschichte der deutschen Homosexuellen, über deren Hamburger Aspekt unsere Ausstellung hier im Bezirksamt informiert, stellt 1872 eine Epochengrenze dar. In diesem Jahr trat das neue Reichsstrafgesetzbuch in Kraft, das die Strafrechtsbestimmungen des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes und damit dessen Sonderstrafrecht gegen homosexuelle Männer, nämlich den § 175, zum geltenden Recht im 1871 gegründeten Deutschen Reich erhob.

Ich spreche bewusst von einem Sonderstrafrecht, denn es richtete sich gegen eine begrenzte Bevölkerungsgruppe, und zwar ausschließlich gegen Männer einer bestimmten sexuellen Orientierung. Lesbisches Verhalten wurde strafrechtlich nicht in den § 175 einbezogen, weil nach verbreiteter Ansicht Frauen keine eigene Sexualität besaßen.

 

Der strafbare Tatbestand des § 175 StGB beschränkte sich während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik auf Grund von Reichsgerichtsentscheidungen auf beischlafähnliche Handlungen, und das bedeutete zunächst auf Anal-, später auch auf Oral- und Schenkelverkehr. Und dies musste vor Gericht zweifelsfrei nachgewiesen werden, so dass fast gravierender für die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen die §§ 183 und 185 StGB (Erregung eines Ärgernisses in der Öffentlichkeit und Beleidigung u. a. auf homosexueller Grundlage) waren, die schon bei „Unanständigkeiten“ griffen.

Aber die strafrechtliche Wertung gleichgeschlechtlicher Handlungen war nur die eine Seite der Medaille. Die andere zeigt die gesellschaftliche Ächtung homosexueller Menschen. Wurde bekannt, dass ein Mann homosexuelle Neigungen hatte, verlor er seine soziale Stellung in Staat und Gesellschaft, in der Kirche, in Vereinen und Parteien, denen er angehörte, und nicht zuletzt auch in der Familie. Lesbisches Verhalten wurde in der Männergesellschaft nicht ernst genommen, galt vielfach als Kuriosum und als generell heilbar, wenn nur erst der richtige Mann kam. „…aber der Richtige, wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt – der wird einmal dastehn’, da vor mir, und wird mich anschau’n und ich ihn, und keine Zweifel werden sein und keine Fragen, und selig, selig werd’ ich sein und gehorsam wie ein Kind“ heißt es in Hugo von Hofmansthals Text zur Oper Arabella von Richard Strauss. Und wer sich diesem Frauenbild widersetzte, etwa die Suffragetten, wurde bekämpft und lächerlich gemacht.

 

Die soziale Ächtung der Homosexuellen führte nicht weniger häufig zu Selbsttötungen als der Urteilsspruch eines Gerichts, der bis Anfang 1933 und ab Sommer 1945 bei dem einfachen Tatbestand (einvernehmliche, nicht öffentliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern) oft kurze Freiheitsstrafen vorsah, die nicht selten zur Bewährung ausgesetzt oder in Geldstrafen umgewandelt wurden.

Wegen der sozialen Konsequenzen des Bekanntwerdens homosexueller Neigungen eigneten sich – und eignen sich - Verdächtigungen und Gerüchte in dieser Richtung hervorragend sowohl zur Erpressung von Männern als auch zur Instrumentalisierung, um missliebige Personen oder Gruppierungen auszuschalten – man denke an die Ermordung der Templer zu Beginn des 14. Jahrhunderts, um an deren Vermögen heranzukommen, an die Eulenburg- und Krupp-Affäre im Kaiserreich, an die schlimme Polemik von Karl Marx und Friedrich Engels gegen Johann Baptist von Schweitzer, den Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der Urzelle der SPD von 1867 bis 1871, an die Prozesse gegen Priester und Ordensleute Mitte der 1930-er Jahre im Kampf gegen die katholische Kirche, an die Grolmann- und die Kießling-Affäre in der Bundesrepublik Deutschland und an die Intrige gegen den DDR-Justizminister Max Fechner im Jahre 1953, um nur eine kleine Auswahl ähnlicher Vorgänge zu nennen. Was die Instrumentalisierung der Homosexualität anbelangt, herrscht Kontinuität vom Mittelalter bis heute. Ihre Protagonisten sind recht gleichmäßig verteilt auf der Linken wie auf der Rechten, bei Katholiken, Protestanten und Atheisten  zu finden. Nicht nur der Geist weht, wo er will, sondern auch der Ungeist.

 

Selbstverständlich gab es in Hamburg während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik eine der Größe der Stadt und ihrer durch den Hafen bedingten Weltoffenheit entsprechende schwule Infrastruktur mit Treffpunkten, Lokalen, einschlägiger Publizistik und mann-männlicher Prostitution. Aber die Existenz dieser bisweilen blühenden Subkultur darf nicht darüber hinwegtäuschen und vergessen machen, dass auch in der Freien und Hansestadt Männer, die ihre homosexuellen Neigungen auslebten, juristisch von den §§ 175, 183 und 185 des Reichsstrafrechts und gesellschaftlich von Ächtung bedroht waren. Und diese Bedrohung war in Kaiserreich und Weimarer Republik – auch wenn die Hamburger Polizei bisweilen nicht allzu scharf durchgriff – real und wahrhaftig kein Papiertiger, wovon zahlreiche Strafakten im Hamburger Staatsarchiv zeugen. Doch im Unterschied zu dem, was kommen sollte, herrschte im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik Rechtssicherheit: bestehende Gesetze wurden  nicht willkürlich verschärft und nach politischer Konjunktur ausgelegt. Bei Verstößen gegen § 175 StGB gab es keine wochenlange Polizei- und Untersuchungshaft: verurteilte Männer wurden nach der Strafverbüßung entlassen und nicht in Konzentrationslager überstellt, es gab keine „nachdrückliche“, d. h. erpresserische Aufforderung von Justiz und Kriminalpolizei, sich freiwillig kastrieren zu lassen. Und da sich in der Strafrechtsdiskussion der Weimarer Republik die Möglichkeit abzeichnete, die Straffreiheit einvernehmlicher, gleichgeschlechtlicher Handlungen unter volljährigen Männern aufzuheben, scheint der Verfolgungsdruck in deutschen Metropolen wie Berlin und Hamburg nachgelassen zu haben.

 

Nicht nur gegenüber der Weimarer Republik, sondern auch gegenüber dem Kaiserreich bedeutete die NS-Zeit einen ungeheuerlichen Bruch mit einer – wenn auch nicht vollkommenen – rechtsstaatlichen Tradition.

Wie bei anderen Bevölkerungsgruppen – Sozialdemokraten und Kommunisten, Juden und Angehörigen der polnischen Minderheit, Sinti und Roma – verschlechterte sich mit der Machtübertragung an Hitler die Situation der Homosexuellen in Deutschland schlagartig: Einschlägige Zeitschriften und Zusammenschlüsse durfte es nicht länger geben; Treffpunkte wurden stärker überwacht, zahlreiche Schwulenlokale geschlossen. Dasselbe galt für die lesbische Infrastruktur. Dennoch erlosch das homosexuelle Leben weder in der Reichshauptstadt noch in Hamburg. Nach wie vor trafen sich gleichgeschlechtlich begehrende Männer in oder an öffentlichen Bedürfnisanstalten, den sogenannten Klappen, z. B. am Millerntor, an der Fähre VII oder an der Christuskirche, sie begegneten sich in Anlagen wie dem Alten Elbpark „beim Bismarck“, in Planten un Blomen oder in Lokalen wie dem zehn Schritte von der Davidwache entfernten Minulla, dem Monte Carlo am Eingang zur Großen Freiheit oder in der Theaterklause hinter der Staatsoper, deren Wirtin eine zwiespältige Rolle spielte, weil sie vermutlich mit der Polizei zusammengearbeitet hat. Diese und andere einschlägige oder halbeinschlägige Lokale wurden überwacht, waren immer wieder Razzien ausgesetzt, aber sie existierten, bis die meisten von ihnen im Bombenkrieg zerstört wurden.

 

 

Eine Reihe deutscher Gerichte ging mit Beginn der NS-Zeit ohne rechtliche Grundlage schärfer gegen Homosexuelle vor und verurteilte Männer nach § 175, auch wenn keine beischlafähnliche Handlungen vorlagen – ein Verfahren, das von oberen Reichsgerichten gedeckt wurde.

Am 1. September 1935 traten dann der verschärfte § 175 sowie ein neuer § 175a in Kraft. Damit war jede Handlung zwischen Männern, die sexuell interpretiert werden konnte (z. B. ein anzüglicher Blick, eine Umarmung unter Männern) strafbar. Mann- männliche Prostitution galt von nun an nach § 175a Ziffer 4 als Verbrechen und konnten mit hohen Zuchthausstrafen belegt werden. Doch waren alle Bestimmungen des verschärften Homosexuellenstrafrechts von 1935 schon in den vorausgegangenen Jahrzehnten angedacht gewesen und ein strikteres Vorgehen gegen Strichjungen auch von Homosexuellen befürwortet worden.

Bestrebungen von NSDAP - Funktionären und - Juristen, den Paragraphen 175 StGB auch auf lesbische Handlungen auszudehnen, liefen ins Leere. Lesben mussten zwar fürchten, dass sich dies ändern könne, aber bis Kriegsende ist es dazu nicht gekommen. Und auch nach dem Krieg fanden entsprechende Initiativen nicht die Unterstützung des Gesetzgebers. Doch wurden unangepasste Lesben während der NS-Zeit als Asoziale betrachtet und als solche verfolgt. Die während der NS-Zeit ums Leben gekommenen Lesben, denen unsere Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer einen Stolperstein gesetzt hat, sind mit der Ausnahme einer einzige  Frau als Jüdinnen verfolgt worden.

 

ABER: Wichtiger und bedeutender als die Strafverschärfung des Sonderstrafrechts gegen homosexuelle Männer nach § 175 StGB und die Schaffung des neuen § 175a – und verheerender für die betroffenen Männer – war die Existenz einer „Nebenjustiz“ durch Gestapo, SS und Kriminalpolizei unter Umgehung der Gerichte: diese „Nebenjustiz“ verfügte ohne strafrechtliche Grundlage oder richterliche Verfügung z. B. die Einweisung homosexueller Männer nach verbüßter Strafe oder noch während der Strafverbüßung in Konzentrationslager oder verlangte von ihnen „nachdrücklich“, d. h. unter Drohung und gleichsam als Erpressung, ihrer „freiwilligen“ Entmannung zuzustimmen, anderenfalls mit harten Maßnahmen zu rechnen sei, wobei zahlreiche Männer trotz Kastration nicht freigelassen und statt dessen in ein KZ überführt wurden. Ohne die Existenz dieser „Nebenjustiz“ brauchten wir heute keine Stolpersteine für homosexuelle Opfer zu verlegen, denn kein ordentliches deutsches Gericht hatte während der NS-Zeit einen Mann nach den §§ 175 und 175a StGB zu Konzentrationslager verurteilt (oder hätte ihn auch nur dazu verurteilen können, ohne dass das Leipziger Reichsgericht einem Revisionsantrag stattgegeben hätte, denn dieses hielt sich formal an die Vorgaben, und es gab keinen Strafrechtsparagraphen, der die Überführung in ein KZ oder die Kastration eines Mannes vorsah, der gegen § 175 verstoßen hatte). Allerdings ist davon auszugehen, dass Staatsanwälte und Richter durchaus wussten, was mit den Verurteilten geschah, auch wenn die zuständigen Staatsanwaltschaften von Gestapo, Kripo und SS keine Informationen über den Verbleib eines Häftlings erhielten.

 

In Hamburg gingen nach dem 30. Januar 1933 die Uhren zunächst anders als in Berlin. Erst im Sommer 1936 wurden sie mit dem Einsatz des Sonderkommandos Nord des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin, genannt Soko Nord,  in der Hansestadt nach den Vorgaben des Reiches neu justiert, um auch hier die nationalsozialistische Homosexuellenpolitik durchzusetzen. Soko Nord führte von Juli bis September 1936 in der Freien und Hansestadt Hamburg Säuberungsaktionen durch, während derer es u. a. bei den Hamburger Electricitätswerken (HEW) und im Warenhaus Tietz (heute Alsterhaus) zu Massenverhaftungen von Homosexuellen kam: im „Tietz“ waren es allein 40 Männer. Außerdem wurden mehrere einschlägige Lokale wie das Tusculum in der Baumeisterstraße 17 (St. Georg) und die Gemütliche Klause in der St. Georgstraße 8 geschlossen.

Diese Aktionen fanden nicht im Geheimen oder scheinbar „nebenbei“ statt, sondern die Hamburger Presse berichtete ausführlich und natürlich billigend darüber. Insgesamt waren in Hamburg mehrere Hundert Männer festgenommen worden. Viele von ihnen kamen in die KZ-Abteilung der Haftanstalt Fuhlsbüttel in Schutzhaft, die bis zu drei Wochen dauern konnte, während der die  Inhaftierten rechtlos waren. Dort wurden sie verhört, bis sich die Gestapo sicher war, dass die Verhafteten alle Namen von Bekannten oder Freunden, mit denen sie sexuelle Kontakte hatten oder von denen sie wussten, dass sie schwul waren, angegeben hatten. Diese in Verhören „bezeichneten“ Männer wurden umgehend verhaftet. Auf diese Weise erhielten die Gestapo und später die Hamburger Kripo im Schneeballverfahren die Namen Hunderter Männer. (So erfuhr die Hamburger Kripo von dem Strichjungen Paul Kühnapfel die Namen von 230 Freiern und von dem Erpresser und Strichjungen Theodor Gehring rund 200 Namen. Alle Genannten wurden einbestellt, die meisten sofort verhaftet und später verurteilt.)

Waren die Vernehmungsbeamten überzeugt, dass ein Beschuldigter „abgeschöpft“ oder „ausgepresst“ war und von ihm keine weiteren Namen von Sexualpartnern zu erwarten waren, wurde sein Fall der Staatsanwaltschaft übergeben, die beim zuständigen Untersuchungsrichter Untersuchungshaft beantragte. Diesem Antrag wurde fast immer stattgegeben. In lediglich einem von Hunderten Fällen verweigerte ein Altonaer Richter, Freiherr von Seydlitz-Kurzbach, die Ausstellung eines Haftbefehls, woraufhin ein willfähriger Hamburger Kollege eingeschaltet wurde. Erst mit Beginn der Untersuchungshaft erhielten die Beschuldigten die von der Strafprozessordnung vorgesehenen Rechte, die dann zumeist formal korrekt eingehalten wurden.

Abgelöst wurde das Berliner Sonderkommando nach dreimonatiger Tätigkeit von der ortsansässigen Hamburger Gestapo, die die Verfolgung homosexueller Männer mit unveränderter Intensität fortsetzte. Vom Sommer 1937 an bis zum Einmarsch britischer Truppen in die Hansestadt übernahm die Hamburger Kripo mit ihrem 24. Kriminalkommissariat die Ermittlungen bei Verstößen gegen die §§ 175 und 175a StGB. Hoffnungen, dass sich die Situation für die Homosexuellen damit entspannen würden, trogen. Die Hamburger Kriminalpolizei setzte die Arbeit der Gestapo voll und ganz in deren Sinne fort. Die zumeist jungen, ehrgeizigen Kriminalbeamten griffen hart und nicht selten beleidigend und brutal durch, so dass sich Beschuldigte im Stadthaus, dem Sitz des 24. Kriminalkommissariats, vor Verzweiflung das Leben nahmen oder erklärten, nur noch vor dem Untersuchungsrichter aussagen zu wollen. Ein Beamter wie Kriminaloberassistent Höppner, dessen Vernehmungsberichte Verständnis für beschuldigte Schwule zeigen, wurde bald abgezogen.

Die Strafen für homosexuelle Handlungen wurden von Jahr zu Jahr höher. Langjährige Gefängnis- und Zuchthausstrafen wurden zumeist außerhalb Hamburgs verbüßt: in Bremen- Oslebshausen, in Wolfenbüttel, Waldheim in Sachsen, in Bützow in Mecklenburg oder in einem der fünfzehn Emslandlagern. Zunehmend wurden homosexuelle Männer während oder unmittelbar nach der Strafverbüßung auf Verlangen der Gestapo oder des Reichsjustizministeriums in Konzentrationslager überstellt. Dort sind sie oft schon nach wenigen Monaten ums Leben gekommen, weil die Rosa-Winkel-Gefangenen im Ansehen der Lagerinsassen weit unten rangierten und deshalb von den Mitgefangenen keine solidarische Hilfe erhielten. Sie wurden nicht nur von den KZ-Gewaltigen, den SS-Männern und weiblichen Lagerbediensteten, sondern auch von Kapos und Mithäftlingen schikaniert und zu Tode gequält. Eine vorzeitige Entlassung aus dem Zuchthaus und Freilassungen aus Konzentrationslagern waren am Ende des Krieges gelegentlich durch „Begnadigung zur Wehrmacht“ oder durch Überführung in Strafkompanien, z. B. in die SS-Sondereinheit Dirlewanger, möglich. So gering die Überlebenschancen beim Militär oder in den Strafkompanien gewesen sein mögen, sie lagen vermutlich wesentlich höher als im KZ. (In diesem Zusammenhang sei auf den Neuengamme-Roman Im Frühwind der Freiheit des ehemaligen KZ-Häftlings Heinrich Christian Meier verwiesen. Das Buch ist 1949 in Hamburg und 1954 in Düsseldorf erschienen.)

Überdies nahm die Nötigung zur „freiwilligen Entmannung“ zu. Sie ging fast immer von den Gerichtsärzten und den Kriminalbeamten aus, aber auch von den Richtern als sogenannter „gut gemeinter“ Rat. 120 Kastrationsopfer sind in Hamburg aktenkundig.

 

Hier soll an das Schicksal zweier homosexueller Männer erinnert werden, denen die Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer einen Stolperstein in Barmbek gesetzt hat:

1. Theodor Jonni Wulff

Wulff wurde am 1. Februar 1922 in Hamburg geboren. Er lernte das Bäckerhandwerk und war Mitglied der Marine- Hitler-Jugend (MHJ). Kriminalpolizeiliche Ermittlungen ergaben, dass Wulff als Fünfzehn-/Sechzehnjähriger zwei etwas jüngeren Kameraden gezeigt hatte, wie man onaniert, und dass er ein Verhältnis mit einem 42-jährigen Mann hatte. Bevor es zu Verhören und einem Prozess kommen konnte, erhängte sich Wulff am 27. Juli 1938. Ihm ist ein Stolperstein am Oertzweg 15a in Barmbek – Nord gewidmet.

 

2. Willi Bröckler

Willi Bröckler wurde 1897 in Hamburg geboren. Er war verheiratet, hatte ein Kind, seine Ehe wurde geschieden. Im Februar 1937 erhielt er vom Amtsgericht Hamburg wegen Verstoßes gegen § 175 StGB sieben Monate Gefängnis. 1938 ist er von einem Strichjungen als Partner genannt worden und erhielt deswegen im Februar 1939 vom Amtsgericht Hamburg zwei Jahre Gefängnis wegen „fortgesetzten Vergehens“ nach § 175. Amtsgerichtsrat Dr. Riebow stellt im Urteil gegen Bröckler fest: „Zweifelhaft bleibt, ob der Angeklagte ein Reinhomosexueller ist oder nicht. Urhomosexueller ist er zweifellos nicht, denn er war verheiratet und hat ein Kind gezeugt. Es scheint aber fast so, als ob er im Laufe der Zeit zu einem Reinhomosexuellen geworden ist“. Bröckler verbüßte die Strafe zunächst in Wolfenbüttel. Am 30. November 1940 ist er in das Polizeigefängnis Hütten überstellt worden. Von dort gelangte er in das KZ Groß Rosen, wo er am 22. Oktober 1941 ums Leben kam. Ein Stolperstein erinnert an Willi Bröckler in der Humboldtstraße 122 in Barmbek – Süd.

 

Und als der Krieg zu Ende war, änderte sich für die Homosexuellen der Hansestadt wenig und viel zugleich. Das Bild, das Ulf Bollmann und ich in unserer Ausstellung davon erarbeitet und in unserem Katalog dokumentiert haben, ist facettenreich, kann in diesem Vortrag aber nicht ausführlich beschrieben werden – ausgenommen zwei Aspekte:

1. Ein besonders düsteres Kapitel stellt die Behandlung der überlebenden homosexuellen KZ- oder Kastrationsopfer dar. Kein einziger Entschädigungsantrag wurde positiv beschieden. Dagegen steht das Beispiel Max Zelck, eines führenden SPD- Bildungs- und Jugend-Politikers. Ende der 1940er Jahre war er Leiter des Hamburger Jugendamtes. In den 1950er Jahren denunzierte er  homosexuelle Zeitschriften – ausgerechnet er, der im Kaiserreich wegen seiner sozialdemokratischen Sympathien und seiner kirchenfeindlichen Haltung überwacht und denunziert worden war.

Zelck ist 1933 entlassen worden und erhielt danach bis Kriegsende 75 % seines Ruhegehalts – monatlich etwa 500,- RM, seinerzeit ein eher überdurchschnittliches Einkommen. Sein Antrag während der 1950er Jahre auf Entschädigung wegen der nicht gezahlten 25% ist schnell zu seinen Gunsten entschieden worden. Die Sozialbehörde gab ihm sogar Tipps, wie er eine höhere Entschädigung als nach dem BEG erhalten könne – dieselbe Behörde, die schwulen Kastrationsopfern Geldzahlungen u. a. deshalb verweigerte, weil sie sich ja nach den Unterlagen der NS-Zeit „freiwillig“ hätten entmannen lassen, und die darüber hinaus in einem Fall auch noch Kastration mit Sterilisation verwechselte und diesen Eingriff allem Anschein nach als harmlos ansah.

 

2. Die homosexuellen KZ-Überlebenden sind nach dem Krieg allein gelassen worden; sie bildeten keine geschlossene Opfergruppe, der man Mitgefühl entgegen gebracht hätte, wie politischen Häftlingen, Juden oder ausländischen Gefangenen mit ihren eigenen Opfeverbänden. Homosexuelle galten nach wie vor als Verbrecher, und die, die das Lager überlebt hatten und die kastriert worden waren, schämten sich, wagten nicht, über ihr Schicksal zu sprechen, oder fanden keine Zuhörer. Sie waren nicht „Überlebende“ im Sinne einer Gedenkkultur, sondern nur irgendwie Übriggebliebene, denn man hatte sie von jeder „Gedenkkultur ausgeschlossen… Ihre Würde ist in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dauerhaft zerstört worden. Der 'Homosexuelle Andere' wurde zum Symbol des Außenseiters…er wurde als Abgrenzungsfigur von fast allen gesellschaftlichen Gruppen gleichgültig welcher politischer Prägung in ihrem Anspruch auf Respektabilität benutzt. Auch liberale Kräfte der Bundesrepublik scheuten sich lange, die Homosexuellenfrage als politische Frage aufzunehmen“ – so Klaus Müller (vgl. seinen Aufsatz Totgeschlagen, totgeschwiegen? Das autobiographische Zeugnis homosexueller Überlebender. In B. Jellonnek/R. Lautmann (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Paderborn 2002 S. 403). Erst 1985 war es möglich, in Neuengamme eine Gedenktafel für die im Lager getöteten Rosa-Winkel-Häftlinge zu enthüllen – gegen den Widerstand diverser Opferverbände. Pierre Seel (Moi, Pierre Seel, déporté homosexuel, Paris 1994, Köln 1996) berichtet von einem Vorgang in Besançon im Jahre 1989, als Teilnehmer einer Gedenkfeier den Schwulen, die einen Kranz niederlegen wollten, zuriefen: „In den Ofen mit den Schwulen! Für euch müsste man die Öfen wieder in Betrieb nehmen!“. Und in Yad Vashem hörte man am 30. Mai 1994 beim ersten homosexuellen Gedenken in dieser Institution jemanden schreien „Get out of here, perverts!“ (Perverse raus!) (Müller, S. 417).

 

Mögen Schwule, Lesben und Transsexuelle zurzeit in Deutschland keinen staatlichen Verfolgungen ausgesetzt sein – ein Blick über die Grenzen unseres Landes zeigt, wie weit Homophobie in Europa verbreitet ist. Und dass wir durchaus nicht auf einer Insel der Seligen leben, belegen die immer wieder zu konstatierenden Übergriffe auf Schwule, Lesben, Transgender und deren Institutionen hier in Hamburg oder in Berlin, zeigen die Hassgesänge von Fußballfans und belegen die Schwierigkeiten, in den Schulen aufklärerisch tätig sein zu können. Nicht vergessen sind die hysterischen Kampagnen von Spiegel und Bild-Zeitung  vor reichlich 30 Jahren im Zusammenhang mit AIDS. Und so war es auch die  BILD - Zeitung, die Ende November 2013 eine direkte Verbindung zwischen Homosexualität und Kannibalismus herstellte, indem sie berichtete, dass der sächsische Polizist, der einen Geschäftsmann aus Hannover auf dessen Wunsch getötet und zerstückelt hatte, nach seiner gescheiterten Ehe einen Mann geheiratet habe. (Die Welt, 29.11.2013).

 

Möge der augenblickliche Versuch, Lesben und Schwulen und Transgender in Deutschland mit Toleranz zu begegnen, sich zur Akzeptanz dieser Minderheit entwickeln. Dies ist mein Wunsch – ich selbst bin außerordentlich skeptisch, dass er in Erfüllung geht.