Homosexuellenverfolgung während der Nazizeit, aber nicht nur da

 

       Vortrag von Dr. Gottfried Lorenz in der Kirchgemeinde St. Marien am 7. Februar 2014

                        Am Hasenberge 44; Veranstalter: Backstube Fuhlsbüttel e.V.

 

Im Rahmen jährlicher Veranstaltungen zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist das Gedenken an verfolgte Homosexuelle während der NS-Zeit nicht unproblematisch. Dafür gibt es zwei gewichtige Gründe:

 

Alternativbeginn: Im Rahmen von Veranstaltungen zur Woche oder zum Monat des Gedenkens ist die Erinnerung an… (s. o.)

 

1. Für viele sind noch heute die KZ- Häftlinge mit dem Rosa Winkel oder – zuvor im frühen Konzentrationslager Lichtenburg bei Wittenberg – mit dem gelben A am Bein (für „Arschficker“) keine Opfer des NS-Regimes, sondern nichts anderes als ganz normale Straftäter. Und wenn man sie als Opfer des Nationalsozialismus sieht, dann rangieren sie in der Hierarchie der Opfer weit unten - auf einer Ebene mit den sogenannten Asozialen oder mit Fürsorgezöglingen wie denen des Konzentrationslagers Moringen. So verweigerte die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) in den deutschen Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR Rosa-Winkel-Häftlingen den Status als „Opfer des Faschismus“ (OdF). Diese Haltung entspricht der Position des seinerzeit bekannten Publizisten Eugen Kogon (1903-1987), der zwischen 1939 und 1945 in Buchenwald inhaftiert war. In seinem berühmt gewordenen, in erster Auflage 1946 erschienenen Buch Der SS-Staat. Das System der Deutschen Konzentrationslager betont er, dass bei Transporten aus Buchenwald in Vernichtungslager die Homosexuellen im Verhältnis zu ihrer Zahl im Lager den höchsten Prozentsatz stellten, da das illegale Häftlingslager-Komitee „die verständliche Tendenz hatte, weniger wichtige und wertvolle…Teile abzuschieben“. Homosexuelle wurden somit von Mithäftlingen bewusst zur Vernichtung abgeschoben, um den für wertvoller gehaltenen politischen, d. h. den „Rote –Winkel -Häftlingen“, das Überleben zu ermöglichen1

 

2. Die Verfolgung homosexueller Menschen ist im Unterschied zur Vernichtung der europäischen Juden kein Spezifikum der NS-Zeit. Homosexuelle sind vor 1933 und nach der Kapitulation im Mai 1945 verfolgt worden. Die nationalsozialistische Gesetzgebung hatte sie verschärft, aber nicht erfunden. Denn wo auch immer, wann auch immer – in unserem Kulturkreis sind gleichgeschlechtlich empfindende Menschen selten toleriert, geschweige denn akzeptiert worden, widersprach doch deren sexuelles Fühlen und Handeln dem, was die sie umgebende Gesellschaft für gott- oder naturgegeben betrachtete. Im Laufe der Zeit sind sie in Staat und Gesellschaft das eine Mal stärker, ein anderes Mal schwächer abgelehnt oder diskriminiert worden. Ihre Verfolgung konnte forciert oder auch scheinbar eingestellt werden. Sicher aber konnten – und ich füge bewusst hinzu: können – sie sich nie fühlen, denn allzu leicht ließ und lässt sich Homosexualität instrumentalisieren im Kampf gegen was auch immer. Damit teilen homosexuelle Menschen das Schicksal aller Minderheiten: Sündenbock zu sein für Fehlentwicklungen und Begehrlichkeiten.

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Deutschen Bund mehrere Territorien wie Baden, Bayern oder das Königreich Hannover, in denen homosexuelle Handlungen strafrechtlich nicht verfolgt wurden. Doch bedeutete dies nicht, dass Homosexualität und offen lebende Homosexuelle in diesen Staaten gesellschaftsfähig gewesen und akzeptiert worden wären – selbst wenn es sich um gekrönte Häupter handelte. Bestenfalls sprach man nicht darüber, üblicherweise waren Homosexuelle Zielscheibe obszöner anzüglicher Witze; sie wurden ausgegrenzt und gedemütigt.

 

In der neueren Geschichte der deutschen Homosexuellen stellt 1872 eine Epochengrenze dar. In diesem Jahr trat das neue Reichsstrafgesetzbuch in Kraft, das die Strafrechtsbestimmungen des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes und damit dessen Sonderstrafrecht gegen homosexuelle Männer, nämlich den § 175,  zum geltenden Recht im 1871 gegründeten Deutschen Reich erhob.

Ich spreche bewusst von einem Sonderstrafrecht, denn es richtete sich gegen eine begrenzte Bevölkerungsgruppe, und zwar ausschließlich gegen Männer einer bestimmten sexuellen Orientierung. (Lesbisches Verhalten wurde strafrechtlich nicht in den § 175 einbezogen, weil nach zeitgenössischer verbreiteter Ansicht Frauen keine eigene Sexualität hatten).

Bei der strafrechtlichen Verfolgung homosexueller Handlungen unter Männern ging es nicht etwa um die Verletzung materieller Rechtsnormen wie bei Raub, Diebstahl, Körperverletzung, Mord usw., sondern um ein allgemeines Dafürhalten des gesunden Volksempfindens, um Verstöße gegen ein philosophisches Konstrukt wie die Fiktion eines allgemein verbindlichen Sittengesetzes oder um scheinbar christlich-biblische Wertvorstellungen.

Die berühmt-berüchtigte Stelle des Neuen Testaments, die immer wieder angeführt wird, um die Verfolgung von Homosexuellen zu rechtfertigen, eignet sich jedoch schlecht als Basis einer  generellen Ächtung homosexueller Lebensweisen. Paulus spricht im 1. Korintherbrief Kap. 6 Vers 9-10 von Unzüchtigen aller Art, von Götzendienern (nach heutigen Begriffen von Wirtschaftsgläubigen, Konsumfetischisten, Esoterikern), von Ehebrechern, Lustknaben, Knabenschändern, Dieben, Geizigen, Trunkenbolden, Lästerern und Räubern, die das Reich Gottes nicht erwerben werden. In der niederdeutschen Version heißt es plastischer: „Hurers un Götzendeeners un Ehebrekers, Lüd, de an lütten Kinner sick vergaht oder mit Jungs wat för hett, un Spitzbowen un Halsafsnieders, Saupbütten, Ehraffsnieders un Röwers“. Von Homosexuellen als solchen ist hier gar nicht die Rede – noch weniger im Kapitel davor (1. Korinth. 5 Vers 9-12), wo es darum geht, dass man in den christlichen Gemeinden den Kontakt mit Unzüchtigen, Geizigen, Räubern oder Götzendienern meiden solle. Was aber „die Welt“ anbelangt, so sei ein solcher Kontakt gar nicht zu vermeiden.

Wie auch immer: Paulus bezieht sich auf jegliches unzüchtiges und unmoralisches Verhalten – von Heterosexuellen wie von Homosexuellen.

 

Der  strafbare Tatbestand des § 175 StGB beschränkte sich während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik auf Grund von Reichsgerichtsentscheidungen auf beischlafähnliche Handlungen, und das bedeutete zunächst auf Anal-, später auch auf Oralverkehr. Und dies musste vor Gericht zweifelsfrei nachgewiesen werden, so dass fast gravierender für die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen die §§ 183 und 185 StGB (Erregung eines Ärgernisses in der Öffentlichkeit und Beleidigung u. a. auf homosexueller Grundlage) waren, die schon bei „Unanständigkeiten“ griffen.

Aber die strafrechtliche Wertung gleichgeschlechtlicher Handlungen war nur die eine Seite der Medaille. Die andere zeigt die gesellschaftliche Ächtung homosexueller Menschen. Wurde bekannt, dass ein Mann homosexuelle Neigungen hatte, verlor er seine soziale Stellung in Staat und Gesellschaft, in der Kirche, in Vereinen und Parteien und nicht zuletzt auch in der Familie. Lesbisches Verhalten wurde in der Männergesellschaft nicht ernst genommen, galt vielfach als Kuriosum und als generell heilbar, wenn erst der richtige Mann kam. „…aber der Richtige, wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt – der wird einmal dastehn’, da vor mir, und wird mich anschau’n und ich ihn, und keine Zweifel werden sein und keine Fragen, und selig werd’ ich sein und gehorsam wie ein Kind…Und du wirst mein Gebieter sein, und ich dir untertan. Dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein – so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit“ heißt es in Hugo von Hofmansthals Libretto zur Oper Arabella von Richard Strauss. Wer dieses Frauenbild nicht teilte oder sich ihm sogar widersetzte, wurde bekämpft und lächerlich gemacht.

Die soziale Ächtung führte nicht weniger zu Selbsttötungen als der Urteilsspruch eines Gerichts, der bis Anfang 1933 und ab Sommer 1945 bei dem einfachen Tatbestand (einvernehmliche, nicht öffentliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern) oft kurze Freiheitsstrafen vorsah, die nicht selten zur Bewährung ausgesetzt oder in Geldstrafen umgewandelt wurden.

 

Wegen der sozialen Konsequenzen des Bekanntwerdens homosexueller Neigungen eigneten sich Verdächtigungen und Gerüchte in dieser Richtung hervorragend sowohl zur Erpressung von Männern als auch zur Instrumentalisierung, um missliebige Personen auszuschalten. Bekannt ist die Affäre um den Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertenfeld, die von Bismarck im Sachsenwald und dem Berliner Journalisten und Herausgeber der Zeitschrift Die Zukunft Maximilian Harden in Friedrichsruh ausgeheckt bzw. konzipiert wurde, um mit Angriffen auf einen Vertrauten Wilhelms II. und eine von diesem Kaiserfreund geleitete angeblich schwule Kamarilla am Berliner Hof den Kaiser zu treffen und um sich damit an Bismarcks Entlassung zu rächen. Die Homosexualität Eulenburgs und anderer Beschuldigter bzw. Verleumdeter war hierbei lediglich Mittel zum Zweck und interessierte Harden persönlich nicht.

In ähnlicher Weise instrumentalisierten die Sozialdemokraten die Homosexualität Alfred Krupps im Kampf gegen Kapitalismus und bürgerliche Dekadenz, obwohl sich August Bebel, ein wohlhabender und kapitalistischen Mechanismen zum Geldverdienen durchaus nicht abgeneigter Mann, sich im Reichstag für die Abschaffung des § 175 einsetzte. In dieser Haltung ist Bebel ein weißer Rabe in der Linken seiner Zeit, deren Väter Marx und Engels ausgesprochen homophob waren, damit nicht hinter dem Berg hielten und diese Homosexuellenfeindseligkeit im Kampf gegen politische Gegner wie den Sozialdemokraten Johann Baptist von Schweitzer (1833-1875), der von 1867 bis 1871 Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ADAV, der Keimzelle der SPD, war, deutlich werden ließen.

Die linke deutsche Presse instrumentalisierte am Ende der Weimarer Republik im Kampf gegen Hitler und die NSDAP die selbstbewusste Homosexualität Ernst Röhms und schuf den in seiner Wirkung unheilvollen Kampfbegriff „schwuler Nazi“ mit seiner Gleichsetzung von Homosexuellen und Nationalsozialisten, gegen den sich lediglich Kurt Tucholsky und Klaus Mann wandten.

Nachdem im März 1934 in der Sowjetunion scharfe Gesetze gegen Homosexuelle beschlossen worden waren, kommentierte der staatstragende Schriftsteller Maxim Gorkij  am 23.Mai 1934 in der Pravda: „Während in den Ländern des Faschismus die Homosexualität, welche die Jugend verdirbt, ungestraft agiert, ist sie im Lande, wo das Proletariat kühn und mannhaft die Staatsmacht erobert hat, als ein soziales Verbrechen erklärt und wird streng bestraft…Man hat sogar das sarkastische Sprichwort geprägt: 'Rottet die Homosexualität aus – und der Faschismus verschwindet'“ – eine Position, die bis heute virulent ist, zuletzt geäußert von der Partei PIS des Jarosław Kaczyński im Dezember 2013. Die homophobe Gesetzgebung Stalins setzt im heutigen Russland Putin fort, indem er Homosexualität und Pädophilie gleichsetzt.

Auch die Nationalsozialisten instrumentalisierten die Homosexualität Röhms (1934) und anderer, um die SA zugunsten der Reichswehr zu schwächen, und sie benutzten die Homosexuellenkeule in der Affäre, die zur Ausschaltung des Oberbefehlshabers des Heeres Werner von Fritsch (1938) führte.

Aus der Nachkriegszeit sei an die Instrumentalisierung der Homosexualität in der Grolmann- und der Kießling Affäre (1961 und 1984) erinnert sowie an die Intrigen gegen den ersten schwulen Bundestagsabgeordneten Herbert Rusche und gegen Klaus Wowereit (2001), die schließlich zu seinem öffentlichen Bekenntnis führte, schwul zu sein. Und in der DDR fiel 1953 der Justizminister Max Fechner einer Intrige zum Opfer, in der seine Homosexualität gegen ihn verwendet wurde.

Was die Instrumentalisierung der Homosexualität anbelangt, herrscht Kontinuität vom Kaiserreich bis heute. Ihre Protagonisten sind gleichermaßen auf der Rechten wie der Linken zu finden – unter Katholiken und Protestanten und Atheisten. Nicht nur der Geist weht, wo er will, sondern auch der homophobe Ungeist.

 

Entsprechend der Größe der Stadt und ihrer durch den Hafen bedingten Weltoffenheit gab es in Hamburg während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik eine ausgeprägte schwule Infrastruktur  mit Treffpunkten, Lokalen, einschlägiger Publizistik und mann-männlicher Prostitution. Aber die Existenz dieser bisweilen blühenden Subkultur darf nicht darüber hinwegtäuschen und vergessen machen, dass auch in der Freien und Hansestadt Männer, die ihre homosexuellen Neigungen auslebten, juristisch von den §§ 175, 183 und 185 des Reichsstrafrechts und gesellschaftlich von Ächtung bedroht waren. Und diese Bedrohung war in Kaiserreich und Weimarer Republik -  auch wenn die Hamburger Polizei bisweilen nicht allzu scharf durchgriff -  real und wahrhaftig kein Papiertiger, wovon zahlreiche Strafakten im Hamburger Staatsarchiv zeugen. Doch im Unterschied zu dem, was kommen sollte, herrschte im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik Rechtssicherheit: bestehende Gesetze wurden nicht willkürlich verschärft und nach politischer Konjunktur ausgelegt. Bei Verstößen gegen § 175 StGB gab es keine wochenlange Polizei- und Untersuchungshaft: verurteilte Männer wurden nach der Strafverbüßung entlassen und nicht in Konzentrationslager überstellt, es gab keine „nachdrückliche“, d. h. erpresserische Aufforderung von Justiz oder Kriminalpolizei, sich freiwillig kastrieren zu lassen. Und da sich in der Strafrechtsdiskussion der Weimarer Republik die Möglichkeit abzeichnete, die Straffreiheit einvernehmlicher, gleichgeschlechtlicher Handlungen unter volljährigen Männern aufzuheben, scheint der Verfolgungsdruck in den deutschen Metropolen wie Berlin und Hamburg  nachgelassen zu haben.

In Hamburg kam noch ein Glücksfall hinzu: Kriminaloberinspektor Rudolf Förster (* 1879), seit 1925 Leiter des Sittendezernats bei der Kriminalpolizei, zeigte kein Interesse an der Verfolgung „gewöhnlicher“ Homosexueller, sondern setzte sich öffentlich für die Anerkennung „anständiger Homosexueller“ ein. In seiner im November 1932 veröffentlichten Broschüre Über Sexual-Delikte und sexuelle Triebrichtungen betonte er, dass es falsch sei, Homosexuelle generell mit Verbrechern gleichzusetzen, und unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Homosexuellen, wie dies nach dem Zweiten Weltkrieg der Hamburger Sexualmediziner Hans Giese tun sollte. Die „guten“ Homosexuellen lebten monogam, die „bösen“ promiskuitiv und suchten Strichjungen auf. Försters Kampf, bei dem er mit der Hamburger Sektion des Bundes für Menschenrechte zusammenarbeitete, galt Erpressern und Strichjungen, die für ihn weitgehend identisch waren, eine Ansicht, die Nachprüfungen allerdings nicht standhält. Förster beabsichtigte, die von der Polizei verhafteten Strichjungen, sofern sie nicht geschlechtskrank waren, erst einmal zwei Wochen festzuhalten, sie dann dem Jugendamt zu überstellen, das sie ebenfalls ein paar Tage in Gewahrsam nehmen sollte, auf dass sie danach von Hamburg die Nase voll hätten und diese ungastliche Stadt für immer verließen. Im Unterschied zu Förster plädierte der Direktor des Hamburger Jugendamtes Dr. Wilhelm Gossler Hertz (1873-1939) im Jahr 1926 für die Unterbringung von Strichjungen, die er für prinzipiell arbeitsscheu hielt, in Einzelzellen in Arbeitslagern (Hamburg auf anderen Wegen S. 16, 27). Beide Beamte galten als gute Demokraten; sie waren Mitglied der SPD bzw. der Deutschen Staatspartei.

 

Nicht nur gegenüber der Weimarer Republik, sondern auch gegenüber dem Kaiserreich bedeutete die NS-Zeit einen ungeheuerlichen Bruch mit einer – wenn auch nicht vollkommenen – rechtsstaatlichen Tradition.

Wie bei anderen Bevölkerungsgruppen – Sozialdemokraten und Kommunisten, Juden und Angehörigen der alten polnischen Minderheit im Westen des Deutschen Reiches, Sinti und Roma, sowie der chinesischen Community in Hamburg – verschlechterte sich mit der Machtübertragung an Hitler die Situation der Homosexuellen in Deutschland schlagartig: Einschlägige Zeitschriften und Zusammenschlüsse durfte es nicht länger geben; Treffpunkte wurden stärker überwacht, zahlreiche Schwulenlokale geschlossen. Dennoch erlosch das homosexuelle Leben weder in der Reichshauptstadt noch in Hamburg. Nach wie vor trafen sich gleichgeschlechtlich begehrende Männer in oder an öffentlichen Bedürfnisanstalten, den sogenannten Klappen, z. B. am Millerntor, an der Fähre VII oder an der Christuskirche, sie begegneten sich in Anlagen wie dem Alten Elbpark „beim Bismarck“, in Planten un Blomen oder in Lokalen wie dem zehn Schritte von der Davidwache entfernten Minulla, dem Monte Carlo am Eingang zur Großen Freiheit oder in der Theaterklause hinter der Staatsoper, deren Wirtin wegen ihrer Zusammenarbeit mit der Polizei eine zwiespältige Rolle spielte. Diese und andere einschlägige oder halbeinschlägige Lokale wurden überwacht, waren immer wieder Razzien ausgesetzt, aber sie existierten, bis die meisten von ihnen im Bombenkrieg zerstört wurden.

 

Eine Reihe deutscher Gerichte ging mit Beginn der NS-Zeit ohne rechtliche Grundlage schärfer gegen Homosexuelle vor und verurteilte Männer nach § 175, auch wenn keine beischlafähnlichen Handlungen vorlagen – ein Verfahren, das von oberen Reichsgerichten gedeckt wurde.

Am 1. September 1935 traten dann der verschärfte § 175 sowie ein neuer § 175a in Kraft. Damit war jede Handlung zwischen Männern, die sexuell interpretiert werden konnte (z. B. ein anzüglicher Blick, eine Umarmung unter Männern) strafbar. Mann- männliche Prostitution galt von nun an nach § 175a Ziffer 4 als Verbrechen und konnte mit hohen Zuchthausstrafen belegt werden. Doch waren alle Bestimmungen des verschärften Homosexuellenstrafrechts von 1935 schon in den vorausgegangenen Jahrzehnten angedacht gewesen und ein schärferes Vorgehen gegen Strichjungen auch von Homosexuellen befürwortet worden.

Wichtiger und bedeutender als Strafverschärfung und neuer § 175a – und verheerender für die betroffenen Männer – war die Existenz einer „Nebenjustiz“ durch Gestapo, SS und Kriminalpolizei unter Umgehung der Gerichte: diese „Nebenjustiz“ verfügte ohne strafrechtliche Grundlage z. B. die Einweisung homosexueller Männer nach verbüßter Strafe oder während der Strafverbüßung in Konzentrationslager oder verlangte von ihnen „nachdrücklich“, d. h. als Drohung und Erpressung, ihrer „freiwilligen“ Entmannung zuzustimmen, anderenfalls mit harten Maßnahmen zu rechnen sei, wobei zahlreiche Männer trotz Kastration aber nicht freigelassen und statt dessen in ein KZ überführt wurden. Ohne die Existenz dieser „Nebenjustiz“ brauchten wir heute keine Stolpersteine für homosexuelle Opfer zu verlegen, denn kein ordentliches deutsches Gericht hatte während der NS-Zeit einen Mann nach den §§ 175 und 175a StGB zu Konzentrationslager und Kastration verurteilt (oder auch nur dazu verurteilen können, ohne dass das Reichsgericht Revisionsanträgen stattgegeben hätte, denn dieses hielt sich formal an die Vorgaben, und es gab keinen  Strafrechtsparagraphen, der die Überführung in ein Konzentrationslager oder die Kastration eines Mannes vorsah, der gegen § 175 verstoßen hatte.). Allerdings ist davon auszugehen, dass Staatsanwälte und Richter durchaus wussten, was mit den Verurteilten geschah, auch wenn die zuständigen Staatsanwaltschaften von Gestapo, Kripo und SS keine Informationen über den Verbleib eines Häftlings erhielten.

 

In Hamburg gingen nach dem 30. Januar 1933 die Uhren zunächst anders als beispielsweise in Berlin. Rudolf Förster blieb im Amt, trat der NDSAP bei und wurde 1934 Chef der Oberinspektion F mit dem Dezernat 36 (= F 36), das für die Bekämpfung der „widernatürlichen Unzucht“ zuständig war. In dieser Funktion suchte er zusammen mit seinem Kollegen Kriminalinspektor Paul Hermann Tripke (1876-1951) seine bisherige Linie beizubehalten, den „anständigen Homosexuellen“ nicht zu belästigen und vor allem gegen Strichjungen und deren Freier, sofern sie Minderjährige bevorzugten, vorzugehen. Förster versuchte überdies, die Hamburger Transvestiten, die nicht zwangsläufig auch schwul waren, zu schützen, nachdem sie seit November 1933 polizeilich verfolgt werden sollten. Und er wandte sich entschieden gegen eine 1934 von der HJ eingerichteten und von der Hamburger Jugendbehörde unterstützte Wache auf dem Hauptbahnhof zur Überführung von Männern, die homosexuelle Kontakte suchten, zumal junge HJ-Mitglieder, um Erfolge vorweisen zu können, Männer sexuell stimulierten und provozierten, um sie anschließend festzunehmen.

Niemand wird sich wundern, dass Förster mit seiner Einstellung bei der politischen Führung bald Anstoß erregte. 1936 fiel er einer Intrige der Hamburger Polizeiführung, insbesondere der Polizeipräsidenten Wilhelm Boltz (1886-1939) und Hans Julius Kehrl (1892-1961), zum Opfer: Förster wurde vom Dienst suspendiert, und ein Jahr später (1937) ist darüber hinaus ein Dienststrafverfahren gegen ihn angestrengt worden. Die Vorwürfe lauteten: Vorteilsnahme, Begünstigung, unmoralischer Lebenswandel, freundliche Beziehungen zu Schwulen und Juden. Nachdem Förster 1939 um „seine Zurruhesetzung gebeten“ hatte, verfügte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Reinhard Heydrich umgehend  in einem Schreiben vom 7. Oktober 1939 an die Dienststrafkammer bei dem Oberverwaltungsgericht in Hamburg, das Dienststrafverfahren gegen Förster aus formellen Gründen einzustellen, was dann am 1. Dezember 1939 selbstverständlich wunschgemäß geschah.

 

Parallel zu Försters Absetzung im Sommer 1936 – womit sich diese als geplante und  gezielte Aktion erweist – war in Hamburg nun das  Sonderkommando Nord des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin, genannt SoKo Nord, für die Durchsetzung der nationalsozialistischen Homosexuellenpolitik zuständig. (Hamburg auf anderen Wegen S. 43-49). Sie führte von Juli bis September 1936 in der Freien und Hansestadt Säuberungsaktionen durch, während derer es u. a. bei den Hamburger Electricitätswerken (HEW) und im Warenhaus Tietz (heute Alsterhaus) zu Massenverhaftungen von Homosexuellen kam: im „Tietz“ waren es allein 40 Männer. Außerdem wurden mehrere einschlägige Lokale wie das Tusculum in der Baumeisterstraße 17 und die Gemütliche Klause in der St. Georgstraße 8 geschlossen.

All diese Aktionen fanden nicht im Geheimen oder scheinbar „nebenbei“ statt, sondern die Hamburger Presse berichtete ausführlich und natürlich billigend darüber. Insgesamt waren in Hamburg mehrer Hundert Männer festgenommen worden. Viele von ihnen kamen in die KZ-Abteilung der Haftanstalt Fuhlsbüttel in Schutzhaft, die bis zu drei Wochen dauern konnte, während der die Inhaftierten rechtlos waren. Dort wurden sie verhört, bis sich die Gestapo sicher war, dass die Verhafteten  alle Namen von Bekannten oder Freunden, mit denen sie sexuelle Kontakte hatten oder von denen sie wussten, dass sie schwul waren, angegeben hatten. Diese in Verhören „bezeichneten“  Männer wurden umgehend verhaftet. Auf diese Weise erhielten die Gestapo und später die Hamburger Kripo im Schneeballverfahren die Namen Hunderter Männer. (So erfuhr die Hamburger Kripo von dem Strichjungen Paul Kühnapfel die Namen von 230 Freiern und von dem Erpresser und Strichjungen Theodor Gehring rund 200 Namen. Alle Genannten wurden einbestellt, die meisten sofort verhaftet und später verurteilt.)

 

Waren die Vernehmungsbeamten überzeugt, dass ein Beschuldigter „abgeschöpft“ oder „ausgepresst“ war und von ihm keine weiteren Namen von Sexualpartner zu erwarten waren, wurde sein Fall der Staatsanwaltschaft  übergeben, die beim zuständigen Untersuchungsrichter Untersuchungshaft beantragte. Diesem Antrag wurde fast immer stattgegeben. In lediglich einem von Hunderten Fällen verweigerte ein Altonaer Richter, Freiherr von Seydlitz-Kurzbach, die Ausstellung eines Haftbefehls, woraufhin ein willfähriger Hamburger Kollege einsprang. Erst mit Beginn der Untersuchungshaft erhielten die Beschuldigten die von der Strafprozessordnung vorgesehenen Rechte, die dann zumeist formal korrekt eingehalten wurden.

Abgelöst wurde das Berliner Sonderkommando nach dreimonatiger Tätigkeit von der ortsansässigen Hamburger Gestapo, die die Verfolgung homosexueller Männer mit unveränderter Intensität fortsetzte. Vom Sommer 1937 an bis zum Einmarsch britischer Truppen in die Hansestadt übernahm die Hamburger Kripo mit ihrem 24. Kriminalkommissariat die Ermittlungen bei Verstößen gegen die §§ 175 und 175a StGB. Hoffnungen, dass sich die Situation für die Homosexuellen damit entspannen würden, trogen. Die Hamburger Kriminalpolizei setzte die Arbeit der Gestapo voll und ganz in deren Sinne fort. Der Geist Försters war den zumeist jungen, ehrgeizigen Kriminalbeamten fremd. Sie griffen hart und nicht selten beleidigend und brutal durch, so dass sich Beschuldigte im Stadthaus, dem Sitz des 24. Kriminalkommissariats, vor Verzweiflung das Leben nahmen oder erklärten, nur noch vor dem Untersuchungsrichter aussagen zu wollen. Ein Beamter wie Kriminaloberassistent Höppner, aus dessen Vernehmungsberichten Verständnis für beschuldigte Schwule zu entnehmen ist, wurde bald abgezogen.

Die Strafen für homosexuelle Handlungen wurden von Jahr zu Jahr höher. Langjährige Gefängnis- und Zuchthausstrafen wurden zumeist außerhalb Hamburgs verbüßt: in Bremen- Oslebshausen, in Wolfenbüttel, Waldheim in Sachsen, in Bützow in Mecklenburg oder in einem der fünfzehn Emslandlager, vor allem in Neusustrum und Brual- Rhede. Zunehmend wurden homosexuelle Männer während oder unmittelbar nach der Strafverbüßung auf Verlangen der Gestapo oder des Reichsjustizministeriums in Konzentrationslager überstellt. Dort sind sie oft schon nach wenigen Monaten ums Leben gekommen, weil die Rosa-Winkel-Gefangenen im Ansehen der Lagerinsassen weit unten rangierten und deshalb von den Mitgefangenen keine solidarische Hilfe erhielten. Sie wurden nicht nur von den KZ-Gewaltigen, den SS-Männern und den weiblichen Lagerbediensteten, sondern auch von Kapos und Mithäftlingen schikaniert und zu Tode gequält. Eine vorzeitige Entlassung aus dem Zuchthaus und Freilassungen aus Konzentrationslagern waren am Ende des Krieges gelegentlich durch „Begnadigung zur Wehrmacht“ oder durch Überführung in Strafkompanien, z. B. in die SS-Sondereinheit Dirlewanger oder in die Strafdivision 999, möglich. So gering die Überlebenschancen beim Militär oder in den Strafkompanien gewesen sein mag, sie lag vermutlich höher als im KZ. (In diesem Zusammenhang sei auf den Neuengamme-Roman Im Frühwind der Freiheit des ehemaligen KZ-Häftlings Heinrich Christian Meier verwiesen. Das Buch ist 1949 in Hamburg und 1954 in Düsseldorf erschienen.)

Überdies nahm die Nötigung zur „freiwilligen Entmannung“ zu. Sie ging fast immer von den Gerichtsärzten und den Kriminalbeamten aus, aber auch von Richtern als sogenannter „gut gemeinter“ Rat. 120 Kastrationsopfer sind in Hamburg aktenkundig.

 

An dieser Stelle soll an das Schicksal homosexueller Männer erinnert werden, denen die Initiative Gemeinsam gegen das Vergessen – Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer einen Stolperstein gesetzt hat2:

1. Theodor Jonni Wulff

Wulff wurde am 1. Februar 1922 in Hamburg geboren. Er lernte das Bäckerhandwerk und war Mitglied der Marine- Hitler-Jugend (MHJ). Kriminalpolizeiliche Ermittlungen ergaben, dass Wulff als Fünfzehn-/Sechzehnjähriger zwei etwas jüngeren Kameraden gezeigt hatte, wie man onaniert, und dass er ein Verhältnis mit einem 42-jährigen Mann hatte. Bevor es zu Verhören und einem Prozess kommen konnte, erhängte sich Wulff am 27. Juli 1938. Ihm ist ein Stolperstein am Oertzweg 15a in Barmbek- Nord gewidmet.

 

2. Rudolf Müller

Der 1910 in Hamburg geborene Rudolf Müller war Schneider. Vom 29. Juli bis 24. August 1936 befand er sich in Polizeihaft in Fuhlsbüttel; im September 1936 wurde er vom Amtsgericht Hamburg nach § 175 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Wegen sexueller Handlungen mit einem Soldaten und einem Freund wurde er im Januar 1939 erneut festgenommen und  kam im KZ Fuhlsbüttel in Polizeihaft. Dort starb er am 3. Februar 1939. als offizielle Todesursache wurde angegeben „Flucht in den Tod durch Erhängen“. Ein Stolperstein in der Diesterwegstraße 4 in Barmbek-Nord erinnert heute an Rudolf Albert Müller.

3. Willi Bröckler

Willi Bröckler wurde 1897 in Hamburg geboren. Er war verheiratet, hatte ein Kind, seine Ehe wurde geschieden. Im Februar 1937 erhielt er vom Amtsgericht Hamburg wegen Verstoßes gegen § 175 StGB sieben Monate Gefängnis. 1938 ist er von einem Strichjungen als Partner genannt worden und erhielt deswegen im Februar 1939 vom Amtsgericht Hamburg zwei Jahre Gefängnis wegen „fortgesetzten Vergehens“ nach § 175. Amtsgerichtsrat Dr. Riebow stellt im Urteil gegen Bröckler fest: „Zweifelhaft bleibt es, ob der Angeklagte ein Reinhomosexueller ist oder nicht. Urhomosexueller ist er  zweifellos nicht, denn er war verheiratet und hat ein Kind gezeugt. Es scheint aber fast so, als ob er im Laufe der Zeit zu einem Reinhomosexuellen geworden ist“.  Bröckler verbüßte die Strafe zunächst in Wolfenbüttel. Am 30. November 1940 ist Bröckler in das Polizeigefängnis Hütten überstellt worden. Von dort gelangte er in das KZ Groß Rosen, wo er am 22. Oktober 1941 ums Leben kam. Ein Stolperstein erinnert an Willi Bröckler in der Humboldstraße 122 in Barmbek-Süd.

 

4. Hans Wiese

In der Dithmarscher Straße 31 in Dulsberg erinnert ein Stolperstein an den 1908 in Hamburg geborenen Werkzeugmacher Hans Wiese. Seit 1934 wurde er dreimal wegen Vergehens nach § 175 verurteilt. Im Juni 1939 erhielt er  2 Jahre Gefängnis. Empört stellte Amtsgerichtsrat Dr. Julis Fedder fest, dass Wiese mit einem anderen Mann „ein regelrechtes Verhältnis“ unterhalten habe. „Sie trafen sich alle 8 bis 10 Tage“. Den Namen des Partners habe er „bis zuletzt verschwiegen, da dieser sein bester Freund sei“. Wiese verbüßte die Strafe in Wolfenbüttel und wurde nach der Entlassung „für die Kripo Hamburg in polizeiliche Vorbeugehaft“ genommen. Am 12. Juli 1941 registrierte man ihn im KZ Neuengamme, als Zugang „durch die Kripo Hamburg als BV [befristeter Vorbeugehäftling] – Homo“. Im KZ wurde Wiese als Mechaniker eingesetzt. Hans Wiese ist vermutlich bei der Evakuierung des Lagers Neuengamme auf die Cap Arcona durch die Bombardierung dieses Schiffs am 3. Mai 1945 ums Leben gekommen.

 

 

Alle Angaben über die zahlenmäßige Höhe der Opfer der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung beruhen auf Schätzungen. Diese lagen in den 1970er und 1980er Jahren weit auseinander. Eine Reihe Forscher ging von 100.000 bis 1 Million Männern aus, so dass der Begriff Homocaust aufkam3.

Mit den Forschungen von Rüdiger Lautmann, Winfried Grischkat, Egbert Schmidt und anderen geht der wissenschaftliche Diskurs nun von etwa 50.000 Verurteilungen nach den §§ 175 und 175a aus. Von den Verurteilten seien zwischen 6.000 bzw. zwischen 10.000 und 15.000 in Konzentrationslager gebracht worden. Dort ist mehr als die Hälfte (ca. 55%) der Rosa-Winkel-Häftlinge umgekommen4.  

 Doch ist es möglich, dass sich auf Grund neuer Forschungen die genannten Zahlen etwas ändern. So ist Ulf Bollmann im Staatsarchiv Hamburg auf einen Bestand mit der Bezeichnung „Ungeklärte Todesfälle“ gestoßen, in dem sich zahlreiche Akten befinden, aus denen hervorgeht, dass sich zahlreiche homosexuelle Männer unmittelbar vor oder während der Vernehmungsphase das Leben genommen haben. Sie tauchen in keiner Prozessstatistik auf, sind aber ohne Zweifel Opfer der Homosexuellenverfolgung. Ihr Anteil an den in Hamburg verlegten 311 Stolpersteinen für homosexuelle NS-Opfer beträgt 25%.

Unberücksichtigt bleiben bei den wiedergegebenen Schätzungen die Homosexuellen, die beispielsweise als politische Häftlinge, als Juden, Sinti und Roma oder als Euthanasieopfer ums Leben kamen, da in diesen Fällen in der Regel keine Verfolgung nach § 175 vorlag. Rechnete man sie hinzu, stiegen die Opferzahlen  gleichgeschlechtlich begehrender Menschen, d.h. von Lesben und Schwulen, in der Tat erheblich an.

 

Falsch von Anfang an war der Begriff Homocaust mit seiner Assoziation an den Holocaust. Hierbei ist gleichgültig, wie hoch die Zahl der homosexuellen Opfer ist, denn im Unterschied zu den Juden und den Sinti und Roma, die als Gruppen unentrinnbar systematisch verfolgt und ermordet wurden, ohne Chance davonzukommen, wenn ihnen nicht rechtzeitig die Flucht in ein sicheres Land gelang, wurden im Fall der Homosexuellen individuelle Handlungen und nicht die homosexuelle Veranlagung verfolgt. Lebten Homosexuelle enthaltsam oder wurden Männer, die als Schwule bekannt waren, nicht wegen einer gleichgeschlechtlichen Handlung denunziert, waren sie vor Verfolgung nach § 175 StGB weitgehend sicher.

 

Und als der Krieg zu Ende war, änderte sich für die Homosexuellen der Hansestadt wenig und viel zugleich. Das Bild ist facettenreich. Die nach 1945 auf den neuesten Stand gebrachten Strafakten der NS-Zeit erwecken vielfach den Eindruck, als sei in der Zwischenzeit nichts geschehen. Sie enthalten Vermerke über die erfolgreiche Beendigung der Bewährungsfrist oder über die Gewährung der „beschränkten Auskunft aus dem Strafregister“ sowie über die Benachrichtigung der Männer, die von diesen Maßnahmen betroffen waren. Juristische und verwaltungsrechtliche Routinearbeit! Und zur Routine gehörte schließlich auch gemäß Generalverfügung vom 13. November 1945, Strafgefangene und Sicherungsverwahrte zu ermitteln, die infolge der Kriegs- und Nachkriegswirren freigekommen waren oder deren Aufenthalt aktenmäßig nicht erfasst war. Hierbei ging es der Oberstaatsanwaltschaft Hamburg vor allem darum, ob diese Männer von den Alliierten in einem rechtsverbindlich formalen Akt entlassen worden waren oder ob sie „nur“ situationsbedingt hätten entweichen können. In ersterem Fall hatte die Hamburger Justiz kein Zugriffsrecht und musste die Entscheidung der Engländer, Russen oder Amerikaner respektieren. Anderenfalls aber sorgte sie dafür, dass die Reststrafe verbüßt und die Sicherungsverwahrung vollzogen wurde. Die Fahndung nach diesen Männern lief auf vollen Touren und zonengrenzenüberschreitend und mutet nicht selten makaber an, da oft nach Menschen gefahndet wurde, die längst tot waren.

Nach wie vor  sind Männer wegen Verstößen gegen § 175 StGB verhört und verurteilt worden. Im Hamburger Strafvollzug wurden homosexuelle Männer – seien sie nach § 175 verurteilt worden, seien sie aus anderen Gründen als Homosexuelle bekannt geworden, staatlicherseits diskriminiert mit Aufschriften auf den Strafvollzugsakten wie Achtung § 175 oder Vorsicht homosexuell.

Ähnlich hartnäckig, wie die Hamburger Justiz unmittelbar nach dem Krieg nach Verurteilten fahndete, die ihre Strafe noch nicht verbüßt hatten, suchte die Hamburger Gesundheitsbehörde nach Männern, sie sich hatten „freiwillig entmannen“ lassen müssen und nicht zu den vorgeschriebenen Nachuntersuchungen erschienen waren. Spürte man sie auf, wurden sie nachdrücklich aufgefordert, sich zu der obligatorischen Nachuntersuchung einzufinden, deren Formulare sich nicht geändert hatten: nach wie vor wurde nach den rassischen Merkmalen des Patienten gefragt – und diese Frage ist von den Ärzten stets beantwortet worden.

 

Lag auch die Stadt in Trümmern, schufen Ausgebombte, Heimkehrer, Heimatvertriebene, Displaced Persons, Hunger und Elend kaum zu bewältigende Probleme, lag für alles und jedes die letzte Entscheidung bei der britischen Militärregierung: die Hamburger Kripo stellte nach der kriegsbedingten Vernichtung der alten Spezial-Schwulenkartei sofort eine neue zusammen. Schon am 25. August 1945 hielt die Polizeibehörde  für die britische Besatzungsmacht fest: „Karteimässig sind von der sachbearbeitenden Dienststelle nach Neuaufbau der vernichteten Kartei bisher bereits etwa 4000 Männer erfasst worden. Das Karteimaterial ist größtenteils aus noch vorhandenen Unterlagen gewonnen worden. Die in der Kartei erfassten Personen sind deshalb in den letzten Monaten nicht unbedingt als Homosexuelle angefallen“. Damit lebte die aus dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und NS-Zeit bekannte Spezial-Lichtbildkartei auch im Nachkriegs-Hamburg fort und sollte dies noch Jahrzehnte tun, wofür es bis 1981 viele Belege gibt.

 

In der Hamburger Justiz zeichnete sich seit Kriegsende ein Wandel in der Rechtsprechung ab. Sie kehrte zum Strafniveau der Weimarer Republik zurück, setzte viele Freiheitsstrafen zur Bewährung aus, ersetzte sie durch Geldstrafen, stellte Verfahren ein, sprach immer wieder Angeklagte frei.

Aber während nach den beiden Strafrechtsreformen der Jahre 1969 und 1973 in Hamburg die Strafverfolgung gleichgeschlechtlich begehrender Männer durch Staatsanwaltschaft und Strafjustiz immer mehr reduziert wurde und ab Ende der 1970er Jahre fast zum Erliegen  gekommen war, übte die Exekutive der Freien und Hansestadt hinhaltenden Widerstand gegen diese neu Tendenz der westdeutschen Strafrechtspolitik, das Sonderstrafrecht gegen Homosexuelle einzuschränken oder gar aufzuheben. Sie bestätigte damit den Eindruck, dass es in Hamburg seit Mitte der 1950er Jahre vor allem die Innenbehörde, die Polizei und das Bezirksamt Mitte sowie die Jugendbehörde waren, die die Homosexuellenverfolgung betrieben und mit immer neuen Vorschlägen und Schikanen aufwarteten wie Tanzverbot, Verhinderung von Vereinsgründunge, Indizierungen, Razzien, Hausverboten für Toiletten und – hierauf war noch nicht einmal Himmler gekommen – dem Einbau von Einwegspiegeln auf öffentlichen Bedürfnisanstalten, durch die Polizeibeamte in einem engen Raum hinter dem Spiegel ungesehen die Männer bei der Toilettenbenutzung beobachteten. Und stets betätigte sich die Hamburger Verwaltungsjustiz als Dienerin und nicht als Kontrolleurin der Bezirksämter, von Polizei, Innen- und Jugendbehörde. Und so ist es wenig erstaunlich, dass Homosexuelle von diesen Institutionen auch nach den Reformen von 1969 und 1973 bespitzelt und in Rosa Listen erfasst wurden.

 

Ein besonders düsteres Kapitel stellt die Behandlung der überlebenden homosexuellen KZ- oder Kastrationsopfer dar. Kein einziger Antrag auf Entschädigung wurde positiv beschieden. Dagegen steht das Beispiel Max Zelck, eines führenden SPD- Politikers, Ende der 1940er Jahre Leiter des  Hamburger Jugendamtes, Denunziant homosexueller Zeitschriften. Er war 1933 entlassen worden und hatte danach 75%  seines Ruhegehalts erhalten  – monatlich etwa 500,- RM, seinerzeit ein eher überdurchschnittliches Einkommen. Sein Antrag auf Entschädigung wegen der nicht gezahlten 25% ist schnell zu seinen Gunsten entschieden worden. Die Sozialbehörde gab ihm sogar Tipps, wie er eine höhere Entschädigung als nach dem BEG erhalten könne – dieselbe Behörde, die schwulen Kastrationsopfern Geldzahlungen u. a. deshalb verweigerte, weil sie sich ja nach den Unterlagen der NS- Zeit hätten „freiwillig“  entmannen lassen, und die darüber hinaus auch noch in einem Fall Kastration mit Sterilisation verwechselte.

 

Die homosexuellen KZ-Überlebenden sind nach dem Krieg allein gelassen worden; sie bildeten keine geschlossene Opfergruppe, der man Mitgefühl entgegengebracht hätte, wie politischen Häftlingen, Juden oder ausländischen Gefangenen mit ihren eigenen Opferverbänden. Homosexuelle galten nach wie vor als Verbrecher, und die, die das Lager überlebt hatten oder kastriert worden waren, schämten sich, wagten nicht, über ihr Schicksal zu sprechen, oder fanden keine Zuhörer. Sie waren nicht „Überlebende“ im Sinne der Gedenkkultur, sondern nur irgendwie Übriggebliebene, denn man  hatte sie, wie Klaus Müller, deutscher Wissenschaftler  beim Holocaust Memorial in Washington, sagt,  von jeder „Gedenkkultur ausgeschlossen…Ihre Würde ist in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dauerhaft zerstört worden. Der 'Homosexuelle Andere' wurde zum Symbol des Außenseiters…er wurde als Abgrenzungsfigur von fast allen gesellschaftlichen Gruppen gleichgültig welcher politischer Prägung in ihrem Anspruch auf Respektabilität benutzt. Auch liberale Kräfte der Bundesrepublik scheuten sich lange, die Homosexuellenfrage als politische Frage aufzunehmen“5. Erst1985 war es möglich, auf dem Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme eine Gedenktafel für die im Lager getöteten Rosa-Winkel-Häftlinge zu enthüllen – gegen den Widerstand diverser Opferverbände. Pierre Seel 6, elsässisches Opfer der Homosexuellenverfolgung, berichtet von einem Vorgang in Besançon im Jahre 1989, als Teilnehmer einer Gedenkfeier der französischen Résistance den Schwulen, die einen Kranz niederlegen wollten, zuriefen: „In den Ofen mit den Schwulen! Für euch müsste man die Öfen wieder in Betrieb nehmen!“ Und in Yad Vashem in Jerusalem hörte man am 30. Mai 1994 beim ersten homosexuellen Gedenken in dieser Institution jemanden schreien „Get out of here, perverts!“ (Perverse raus!)7.

 

Mögen Schwule, Lesben und Transgender zurzeit in Deutschland keinen staatlichen Verfolgungen ausgesetzt sein – ein Blick über die Grenzen unseres Landes zeigt, wie weit Homophobie allein in Europa verbreitet ist, geschweige denn außerhalb unseres Kontinents. Und dass wir durchaus nicht auf einer Insel der Seligen leben, belegen die immer wieder zu konstatierenden Übergriffe auf Schwule, Lesben, Transgender und deren Institutionen hier in Hamburg oder in Berlin, zeigen die Hassgesänge von Fußballfans und die Schwierigkeiten, in den Schulen aufklärerisch tätig sein zu können. Nicht vergessen sind die hysterischen Kampagnen von Spiegel und Bild-Zeitung vor reichlich dreißig Jahren im Zusammenhang mit AIDS. Und so war es auch die Bild-Zeitung, die im November 2013 eine direkte Verbindung zwischen Homosexualität und Kannibalismus herstellte, indem sie berichtete, dass der sächsische Polizist, der einen Geschäftsmann aus Hannover auf dessen Wunsch getötet und zerstückelt hatte, einen Mann geheiratet habe8.

 

Möge der augenblickliche Versuch, Lesben und Schwulen und Transgender in Deutschland mit Toleranz zu begegnen, sich zur Akzeptanz dieser Menschen entwickeln. Dies ist mein Wunsch – ich selbst bin außerordentlich skeptisch, dass er in Erfüllung geht.

 

 

                                                           Anmerkungen

 

1   Zitat S. 284, Nachweis betr. Kapos S. 120f., 179 nach der 22. Auflage. München 1974. Vgl. weiterhin Lorenz: Töv, di schiet ik an. Münster 2013. S. 354 Anm. 15.

 

2   Vgl. Bernhard Rosenkranz/Ulf Bollmann/Gottfried Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969. Hamburg 2009. S. 202f., 239, 267f.

 

3   Hingewiesen sei auf:

Richard Plant (1910 in Frankfurt am Main als Richard Plaut geboren, 1998 in New York gestorben): The Pink Triangle. The Nazi War against Homosexuals. New York 1986, deutsch 1991

James Steakley: The Homosexual Emancipation Movement in Germany. New York 1975

Lewis Oswald: Homocaust: The gay victims of the Holocaust. Internetauftritt 2004

Auflistung der unterschiedlichen Opferzahlen und Kritik daran von:

Jack Wikoff: The myth of a nazi extermination of homosexuals. Remarks Newsletter, April 20, 1997 (Internetauftritt)

 

4   Vgl. Rüdiger Lautmann: Seminar: Gesellschaft und Homosexualität. Frankfurt am Main 1977

Burkhard Jelonnek und Rüdiger Lautmann (Hg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt. Paderborn 2002.

 

5   Vgl. Klaus Müller: Totgeschlagen, totgeschwiegen? Das autobiographische Zeugnis homosexueller Überlebender. In: B. Jellonnek/R. Lautmann (Hrsg.): Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Paderborn 2002 S. 403.

 

6   Pierre See:Moi, Pierre Seel, déporté homosexuel. Paris 1994. Köln 1996

 

7   Vgl. Müller S. 417.

 

8   Vgl. Die Welt, 29. 11. 2013.