Hamburg- Homosexuellenhauptstadt der 50er Jahre.

           Die Homophilen-Szene und ihre Unterstützer für die Abschaffung des § 175 StGB

 

                       

                                               Vortrag im Rahmen der Veranstaltung

 

                                                     Ohnmacht und Aufbegehren

                                   Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik

 

                                          in der Akademie Waldschlösschen (Göttingen)

                                                                (11.-13.12.2009)

 

Zu den Topoi, ja Axiomen schwuler Geschichtserzählung gehört, dass Hamburg während der 50er Jahre eine liberale Stadt und die Homosexuellenhochburg Westdeutschlands gewesen sei (1).

Hat dieser Topos mehr Substanz als das in der Freien und Hansestadt verbreitete Klischee, demzufolge Hamburg weniger nationalsozialistisch orientiert gewesen sei als andere deutsche Städte und wonach Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann sich gemäßigter verhalten habe als seine Kollegen anderenorts? (Zu diesem Klischee passt, dass das große Hamburger Konzentrationslager Neuengamme – im Unterschied zu Dachau oder Buchenwald – erst lange nach dem Krieg in das Bewusstsein der Bevölkerung  gelangt ist).

 

(Ist an der Behauptung vom liberalen Hamburg zwischen 1945 und Mitte oder Ende der 50er Jahre mehr dran als an persönlichen Erinnerungen schwuler Männer, die erzählen, dass sie während der NS-Zeit keinerlei Repressionen ausgesetzt gewesen seien und dass sie ihre sexuelle Veranlagung in HJ und Wehrmacht hätten ausleben können?

Derartige individuelle Erinnerungen lassen sich nicht beiseite schieben, doch ist ihr historischer Wert gering, stehen sie doch in Widerspruch zur  Forschung über die Situation Homosexueller in der NS-Zeit: Wer als homosexueller Mann seine Sexualität auslebte und nicht in die Fänge der Kriminalpolizei und Justiz geriet, hatte Glück wie diejenigen Menschen, deren Wohnungen und Häuser im Feuersturm des Bombenkrieges nicht zerstört worden sind – an der Tatsache der Zerstörung der Städte durch Bomben ändert das  nichts).

 

Oder ist das Narrativ von der Homosexuellenhochburg  Hamburg Teil verklärender Erinnerung, wonach der Zusammenhalt der Homosexuellen früher viel enger und das Klima zwischen ihnen viel wärmer als heute gewesen sei? Meine eigenen Erinnerungen an die 50er und 60er Jahre wissen nichts davon, sondern speichern Angst vor Entdeckung, Erpressung, polizeiliches „Outing“ in der Familie, wenig Anheimelndes auf  Klappen, kaum befriedigenden Sex zwischen den Sträuchern. Soll das in Hamburg alles ganz anders gewesen sein?

 

Interessanterweise erscheint die Beurteilung Hamburgs als Sammelbecken von Homosexuellen von nah und fern in dem Vierteljährlichen Sittenbericht der Hamburger Polizeibehörde vom 5. Januar 1954. Und die Bezeichnung der Hansestadt als Hochburg der Homosexualität stammt aus  Gerhard Kuhns Doktorarbeit Das Phänomen der Strichjungen in Hamburg aus dem Jahre 1955 (2).

 

Kuhn aber war ein entschiedener Verfechter der §§ 175, 175a StGB und lehnte deren Abschaffung oder auch nur liberalere Handhabung ab. In seiner Dissertation trug Kuhn zusammen, was seine gegen Strichjungen und  Homosexuelle gerichteten „kriminalpolitischen Forderungen“  unterstützte (3).

Wenn nun Kuhn behauptet, dass, „Hamburg nach dem 2. Weltkrieg in der Bundesrepublik zur Hochburg der männlichen Homosexualität geworden ist und damit das Erbe Berlins übernommen hat“, könnte dies statt einer objektiv-korrekten Feststellung eine zielgerichtete Projektion sein, die von der schwulen Historiographie unkritisch übernommen worden ist (4).

Zu prüfen ist deshalb die Berechtigung der beiden Topoi Homosexuellenhochburg Hamburg (5) und liberale Stadt Hamburg.

 

Die Freie und Hansestadt Hamburg war die größte Stadt Westdeutschlands und besaß als Hafenstadt und Industriestandort trotz Zerstörung und anfänglicher Zuzugsperre große Anziehungskraft. Nach Hamburg strebten die Menschen aus den mit Flüchtlingen und Heimatvertriebenen vollgestopften Ländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Und in Hamburg sahen zunehmend Flüchtlinge aus der SBZ bzw. der DDR ihr Ziel.

 

Wer gleichgeschlechtliche Kontakte suchte, fand diese in der Hansestadt ohne Schwierigkeiten: einschlägige Treffpunkte hatten die NS-Zeit und den Krieg überdauert, neue kamen hinzu. In Hamburg gab es das der Größe der Stadt entsprechende homosexuelle Leben in den Wallanlagen, in zahlreichen Klappen und  Lokalen. Sie sind minutiös aufgeführt in Gerhard Kuhns Dissertation (6).

Schriftlichen Niederschlag fand  dieses homosexuelle Leben  sowohl in Arbeiten wie derjenigen von Gerhard Kuhn und in amtlichen Berichten, die unter dem Vorwand des Jugendschutzes ein verstärktes Eingreifen der Polizei forderten, um der Ausbreitung der Homosexualität, der männlichen Prostitution und der Geschlechtskrankheiten Herr zu werden, als auch in Tagebucheintragungen von Hans Erich Nossack oder (aus  der Erinnerung und viel später) in Hubert Fichtes Buch Der kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs (1988 postum erschienen).

 

Dass die Hamburger Polizei sich nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Verfolgung von Homosexuellen zunächst scheinbar zurückhielt, lag an Kompetenzstreitigkeiten mit der britischen Besatzungsmacht und an Personalmangel: viele der Polizei- und Kriminalbeamten, die den Krieg in Hamburg überlebt hatten, waren von den Engländern interniert oder aus dem Dienst entlassen worden, und  die Entnazifizierungsverfahren zogen sich hin.

Es war also nicht Liberalität, was in Hamburg Polizeipräsenz, Razzien gegen und Überwachung von Homosexuellen im Vergleich zur NS-Zeit einschränkte..

Sobald  sich mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland die Situation verändert hatte und die Entnazifizierungsverfahren zugunsten der meisten Beamten entschieden waren, nahmen Überwachung, Kontrolle, Verfolgung zu und erreichten sehr schnell  das frühere Niveau, auch wenn Kuhn beklagt, dass das „Spezialdezernat der Kriminalpolizei zur Ermittlung homosexueller Täter (Fahndungskommando/Ho)…personell zu schwach besetzt

(5 Beamte)“ sei, „um regelmäßige Fahndungen durchzuführen“ (7).

 

Da Gerhard Kuhn in der männlichen Prostitution eine besondere Erscheinungsform der Homosexualität sah und die Strichjungen großenteils als Verführungsopfer von Homosexuellen betrachtete, trat er nicht nur für die Beibehaltung des § 175 StGB in der Fassung von 1935 ein, sondern plädierte überdies für deren striktere polizeiliche und juristische Verfolgung (8).

 

Kuhns Charakterisierung Hamburgs als Hochburg der Homosexualität ist somit nichts anderes als eine plakative Formulierung, die seiner Forderung Nachdruck verleihen sollte, homosexuelle Männer und männliche Prostituierte unnachsichtig zu verfolgen. Denn mit ähnlicher Berechtigung wie 1955 hätte Kuhn die Hansestadt auch in der NS-Zeit als die oder zumindest eine Hochburg der Homosexuellen im Deutschen Reich bezeichnen können: Viele der 1955 genannten Treffpunkte existierten schon damals; auch in der NS-Zeit gab es in Hamburg eine Reihe einschlägiger Lokale wie das Minulla, das Monte Carlo, die Theaterklause oder die Indische Bar.

Und nicht zuletzt arbeiteten während der NS-Zeit in Hamburg zahlreiche männliche Prostituierte – mindestens 130 von ihnen sind aus den erhalten gebliebenen Strafakten namentlich nachweisbar (9).

Insofern hatte sich in Hamburg seit der NS-Zeit weniger geändert, als Gerhard Kuhn mit seinem homophoben Horrorszenario aus der Frühphase des Nachkriegs-Hamburg Glauben machen wollte.

 

 

Hamburgs liberalen Ruf in homosexuellen Kreisen und darüber hinaus begründete vor allem das „Drei-Mark-Urteil“ von 1951. Darin hatte Landgerichtsdirektor Fritz Valentin zwei Männer wegen homosexueller Handlungen zu je 3,- DM Strafe (ersatzweise einen Tag Haft) verurteilt.

Ohne Zweifel ist Valentins Entscheidung ein mutiger Schritt gewesen, der ein Fanal hätte werden können, es aber nicht geworden ist. Denn das Valentin-Urteil ist in Hamburg  die einzige Ausnahme von der Regel, wonach Homosexuelle, die nicht enthaltsam lebten, nach wie vor als Verbrecher galten. Gleichgeschlechtliche  Handlungen wurden in Hamburg nach der Kapitulation Deutschlands zumeist nicht weniger hart als in der NS-Zeit bestraft: So geschehen in den Amtsgerichtsentscheiden, die zur Berufungsverhandlung vor dem Landgericht führten, bei der Valentin den Vorsitz hatte; so geschehen bei den beiden Männern, die auf Grund ihrer Verurteilung in Hamburg in den Jahren 1952 bzw. 1953 an das Bundesverfassungsgericht appellierten, wodurch es mehr als vier Jahre später – am 10. Mai 1957 – zu dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts kam, wonach § 175 in der Fassung von 1935 mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

 

Stichwortgeber dieses Verfassungsgerichtsurteils war ein Hamburger Landgerichtsentscheid vom 13. Februar 1948 in der Rechtssache des ehemaligen Hamburger Justizangestellten Heinrich Schmill.  In diesem Urteil heißt es: „Der Wortlaut des § 175 StGB ist zwar durch Gesetz vom 28.6.1935, also während der nationalsozialistischen Herrschaft, neu gefaßt worden…Diese Neufassung des § 175 StGB stellt aber kein politisches, kein typisch nationalsozialistisches Gesetz dar. Der § 175 StGB ist auch heute noch in der Fassung vom 28.6.1935 in Kraft. Da die Straftaten des Antragstellers nicht alleine nach der nationalsozialistischen Auffassung strafbar waren, sondern auch heute noch  strafbar sind, war sein Antrag auf Gewährung von Straffreiheit zu verwerfen… Bei der großen Zahl der festgestellten Unzuchtfälle erscheinen auch die in den beiden Verfahren erkannten Strafen (8 Monate bzw. 18 Monate Gefängnis) weder grausam noch übermäßig hoch zu sein, so daß auch dem Antrag auf Strafherabsetzung…nicht entsprochen werden konnte…“ (10).

 

In seinem grundsätzlichen Teil argumentiert dieser Hamburger Landgerichtsbeschluss wie der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts knapp 10 Jahre später.

 

Das Bundesland Hamburg hatte im Übrigen die ihm vom Bundesverfassungsgericht eingeräumte Möglichkeit, eine Stellungnahme zur Vereinbarkeit des § 175 StGB mit dem Grundgesetz abzugeben, nicht wahrgenommen.

 

Ähnlich wie Heinrich Schmill erging es dem Juristen und Zahnarzt Dr. jur. Werner Scholtyssek (1904-1985), der während der NS-Zeit viermal nach § 175 StGB verurteilt worden war, obwohl es sich bei seinen Vergehen selbst nach Ausweis der Urteile lediglich um Bagatellfälle gehandelt hatte. Am 14.12.1943 erhielt er als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher 1 Jahr Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung. Scholtyssek ließ sich am 11.2.1944 „freiwillig“ entmannen, was aber nicht zu seiner Entlassung führte, da nach der Kriegstäterverordnung der Vollzug der Strafe erst nach dem Sieg Deutschlands beginnen sollte.

Am 9. September 1952 stellte der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Giesges beim Landgericht Hamburg den Antrag, die gegen Scholtyssek ausgesprochenen übermäßig hohen Strafen „auf ein gerechtes Strafmaß zurückzuführen“.

In einem Gutachten vom 23.10.1952 zum Fall Scholtyssek für die Hamburger Oberstaatsanwaltschaft kam Staatsanwalt Herbert Skok (1906-1980) zu folgendem Ergebnis: „Dr. Sch. ist von Natur aus homosexuellen Charakters. Strafen vermögen in solchen Fällen  nichts zu erreichen, wie auch seine Fälle bewiesen haben. Seine homosexuellen Handlungen waren in allen Fällen von geringem Gehalt; die Strafe dagegen nicht, ihre Höhe und Schärfe erklärt sich ausschließlich aus der Einstellung des Naziregimes. Eine Herabsetzung der Strafen und insbesondere der Wegfall der §§ 20a, 42e StGB und damit der Zuchthausstrafe und Sicherungsverwahrung aus dem 4. Urteil wird befürwortet.“

Der Beschluss der Großen Strafkammer 10 des Landgerichts Hamburg vom 11. November 1952 bleibt hinter Skoks Argumentation zurück, hält das Strafmaß der dritten Verurteilung für gerechtfertigt und formuliert dann: „Anders ist es allerdings bei der vierten, durch das Urteil des Landgerichts vom 14. Dezember 1943 gegen den Angeklagten verhängten Strafe. Im Hinblick darauf, daß die Tat des Verurteilten nach den Feststellungen dieses Urteils nur wenig intensiv war und daß eine Reihe Umstände, die auch in den Strafzumessungsgründen dieses Urteils Erwähnung gefunden haben, zu Gunsten des Verurteilten sprachen und schließlich in Anbetracht dessen, daß der Verurteilte sich schon im Zeitpunkt seiner Verurteilung freiwillig bereit erklärt hatte, die Entmannung durchführen zu lassen, erscheint seine Verurteilung als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher als übermäßig hoch. Diese Verurteilung steht auch im erkennbaren Zusammenhang mit der überaus scharfen nationalsozialistischen Auffassung über die Strafbarkeit der Vergehen nach § 175 StGB.

Unter Würdigung dessen mußte die Verurteilung des Antragstellers als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher entfallen. Das hatte zur Folge, daß die erkannte Strafe auf eine Gefängnisstrafe herabgesetzt werden mußte, deren Höhe allerdings in Anbetracht der vorliegenden Vorstrafen nicht unter einem Jahre liegen durfte. Im übrigen kommt dadurch, daß die Verurteilung des Angeklagten als Gewohnheitsverbrecher entfällt, auch die Anordnung der Sicherungsverwahrung im Fortfall“ (11).

 

„In Fortfall“ gekommen ist auch die Aberkennung der Approbation als Zahnarzt durch den Hamburger Polizeipräsidenten Kehrl im Juni 1942 – ob offiziell durch britische oder deutsche Stellen, ob stillschweigend, ist unbekannt. Seit 1946 praktizierte Dr. Scholtyssek wieder in St. Georg, und zwar zunächst in der Langen Reihe, später am Steindamm.

 

Welche Rolle die Hamburger Justiz und Polizei, die Hamburger Verwaltung und Bürgerschaft der Nachkriegszeit im Zusammenhang mit der Homosexuellenverfolgung gespielt hat und wie wenig Valentins „3-Mark-Urteil“ Schule gemacht hatte und das Epitheton „liberal“ gerechtfertigt ist, zeigt von 1946 bis 1963 symptomatisch und paradigmatisch der Fall Albert Pannier (1908-1982), eines kaufmännischen Angestellten, der seit 1929 bei der Hamburg-Amerikanischen Mineralölgesellschaft am Jungfernstieg 51 arbeitete und monatlich 230,- RM brutto bzw. 180,- RM netto verdiente. Auf Grund des damaligen Einkommens- und Preisniveaus kann seine wirtschaftliche Lage als solide und stabil bezeichnet werden (12).

 

Pannier geriet am 17. August 1937 durch Denunziation in das Räderwerk von Polizei und Justiz und wurde am 26. November 1937 als „Ersttäter“  zu der für  vergleichbare Hamburger Fälle  hohen Strafe von 18 Monaten Gefängnis ohne Anrechnung der Schutz- und Untersuchungshaft von rund 3 Monaten Länge verurteilt, die er in vollem Umfang zu verbüßen hatte.

Ein weiteres Mal wurde Pannier am 22. Januar 1942 nach § 175 StGB verurteilt – diesmal zu 2 Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Pannier ließ sich am 28.8.1942 freiwillig“ entmannen und erreichte auf dem Gnadenweg seine vorzeitige Entlassung zum 3. Januar 1943.

Die Bewährungsfrist lief bis zum 31.1.1946. Über deren Ende und Erlass der Reststrafe wurde Pannier am 7.2.1946 unterrichtet.

Am 14. Juni 1946 beschloss die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg (entgegen den Forderungen der Hamburger Polizei), für Pannier die beschränkte Auskunft aus dem Strafregister nach § 8 Abs. 1 des Gesetzes vom 9.4.1920. Damit erhielt Pannier in Zukunft ein „reines Führungszeugnis“ und durfte sich „gegenüber privaten Personen und nichtbehördlichen Stellen als unbestraft“ bezeichnen.

 

Panniers Anträge auf Haftentschädigung jedoch wurden 1945 und 1946 von der Hamburger Wiedergutmachungsstelle zurückgewiesen, da er weder politisch noch rassisch verfolgt worden sei. Ebenso lehnte die Hamburger Gesundheitsbehörde eine Entschädigung für die Kastration ab: Die Begründung ist an Zynismus nicht zu überbieten: eine Wiedergutmachung sei nicht möglich, da Pannier die Kastration selbst beantragt habe.

 

Pannier fand keine Ruhe. Haft, Kastration und Arbeitslosigkeit seit 1948 hatten ihn zermürbt. Dennoch setzte er während der folgenden sechzehn Jahre  alles daran, nachträglich freigesprochen zu werden. Deshalb bemühte er sich um Wiederaufnahme der Verfahren von 1937 und 1942. Vermutlich auf Rat von Juristen beschränkte sich Pannier seit 1950 auf die Verurteilung im Jahre 1937 und ließ sich auch nach mehrfacher, z. T. rüder Abweisung durch Hamburger Gerichte von seinem Ziel nicht abbringen.

 Am 9. Januar 1950 erscheint Gustav Pannier in der Geschäftsstelle der Hamburger Justiz. Der diensthabende Justizinspektor notiert: „In der Geschäftsstelle erklärte der Verurteilte Gustav Pannier: Hinsichtlich des Urteils vom 26.11.37 beantrage ich die Wiederaufnahme des Verfahrens und auf Freisprechung zu erkennen.

Den Antrag auf Wiederaufnahme stütze ich auf § 359 Abs. 5 StPO. Das Gericht ist bei der Verurteilung davon ausgegangen, dass mein s. Zt. abgelegtes Geständnis richtig gewesen und mein Widerruf nicht ernst zu nehmen ist. Mein Geständnis habe ich unter Druck abgelegt. Die Vernehmung durch den Krim. Beamten Finnern hat 4 Stunden gedauert und mich mürbe gemacht. Er hat dauernd mit dem KZ und mit Entmannung gedroht. Irgendwelche Beweise hierfür kann ich heute nicht bringen. Ich bin auch nicht in der Lage, die Zeugen des Meineids zu überführen. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, daß es heute allgemein bekannt ist, daß derartige Vernehmungen durch die Gestapo nur unter Druck erfolgt sind. Ich bin nie homosexuell gewesen.“

 

Panniers Erklärung entspricht im Wesentlichen seinen Aussagen im Prozess, doch akzentuiert er jetzt seine Vorwürfe: Finnern habe ihn 4 Stunden vernommen, ihn mürbe gemacht und  ihm mit KZ und Kastration gedroht. Ist diese Aussage korrekt, hat Finnern am 26. November 1937 einen Meineid geleistet. Dessen Aussage bei der Befragung durch den Richter, keine Druckmittel angewendet zu haben, und die im Prozessprotokoll nicht vorhandene, sondern von dem Vorsitzenden Richter Dr. Sommerkamp aus einer Einlassung Finnerns vom 10. November 1937 bezogenen Wendung „insonderheit auch nicht durch Inaussichtstellung der Inschutzhaftnahme“ sind insofern einerseits nichtssagend und andererseits falsch, als der Begriff „Druckmittel“ unterschiedlich interpretiert werden kann und die „Inschutzhaftnahme“ nicht in Aussicht gestellt, sondern angeordnet und 7 Wochen vollstreckt worden war.

 

Die Staatsanwaltschaft reichte Panniers Wiederaufnahmeantrag am 11.1.1950 an das Amtsgericht Hamburg weiter mit dem Ersuchen, ihn „als unzulässig zu verwerfen“. Die Verurteilung von 1937 habe sich u. a. auf  Finnerns Zeugenaussage gestützt, und dieser sei nicht wegen Meineids verurteilt worden.

Das Amtsgericht Hamburg entschied am 18.1.1950 wie von der Staatsanwaltschaft gewünscht.

 

Anzumerken ist, dass die am Prozess von 1937 beteiligten Juristen Dr. Sommerkamp und Nicolaus Siemssen sowie der Kriminalbeamte Finnern als Amtsgerichtsdirektor, „Erster Staatsanwalt“ und zukünftiger Kriminalkommissar eine Nachkriegskarriere gemacht hatten bzw. machten, als sich Pannier 1950, 1957 und 1960 um die Wiederaufnahme seines Verfahrens von 1937 bemühte.

 

Pannier gibt nach dem ersten Misserfolg nicht auf: Am 11.2.1950 stellt er erneut einen Wiederaufnahmeantrag – diesmal beim Amtsgericht Hamburg. Abermals ohne Erfolg.

Und nicht anders ergeht es dem dritten Versuch Panniers vom 16. März 1950. Diesmal reagiert  das Amtsgericht Hamburg in seinem Schreiben vom 6. April 1950 gereizt: Nach  Durchsicht „aller noch vorhandenen Akten werden Sie nochmals dahin beschieden, daß die Beseitigung der auf Grund Ihrer Geständnisse ergangenen Strafurteile und damit Ihre Freisprechung nach dem geltenden Recht nicht möglich ist. Weitere Eingaben gleich Inhalts werden in Zukunft unbeantwortet bleiben.“

 

Panniers Bemühungen im Jahre 1957 um Wiederaufnahme seines Verfahrens von 1937 scheinen im Sande verlaufen zu sein.

 

Im Januar 1960 übernahm das Rechtsanwaltbüro Wessig/Mueller/Döring/Gersdorf-Wessig in  der Spitaler Straße die Vertretung der Interessen Panniers. Dr. Wessigs Eingabe vom 30. Januar 1960 auf Wiederaufnahme des Verfahrens wird am 21. März 1960 vom Amtsgericht  Hamburg als unzulässig verworfen.

Dr. Wessig legt daraufhin am 26.3.1960 Rechtsmittel gegen den Ablehnungsbescheid ein.

Wenige Tage später, am 1.4.1960, weist die 9. Große Strafkammer beim Landgericht Hamburg Dr. Wessigs Beschwerde als unbegründet zurück: „Mit Recht hat das Amtsgericht in seinem Beschluß vom 26. März 1960 verneint, in der Kenntnis der polizeilichen Vernehmungsmethoden der damaligen Zeit eine neue Tatsache oder ein neues Beweismittel zu sehen, da diese Kenntnis 1937 und 1950, als der erste Wiederaufnahmeantrag verworfen wurde, kaum weniger bestanden habe als heute.“

Das kann nur bedeuten, dass für die Hamburger Richter der Jahre 1950 und 1960 die polizeilichen Vernehmungsmethoden von 1937 allem Anschein nach völlig normal gewesen  sind.  

 

Wenn Dr Wessig in seinem Schreiben an das Amtsgericht Hamburg vom 30. Januar 1960 ausführt: „Offenbar war dem Amtsgericht im Jahre 1950 noch nicht bekannt, mit welchen Methoden die Polizei gegen Homosexuelle in der damaligen Zeit vorzugehen pflegte, die, weil im Grunde politische Motive vorlagen und zwar aus den oben angeführten Gesichtspunkten, nicht anders behandelt wurden als aktive Gegner des Nationalsozialismus. Sie wurden solange erpresst, bis sie ein Geständnis abgaben. Die Kenntnis dieses Sachverhalts, der als gerichtsbekannt zu bezeichnen sein dürfte, ist ein neues Beweismittel, welches sich erst später und zwar nach dem Krieg, ja sogar erst nach dem Jahre 1950, herausgestellt hat“, so irrte Wessig insofern, als er das politische Niveau und die Lernfähigkeit seiner juristischen Kollegen von Amts- und Landgericht weit überschätzt hatte.

 

Eine Eingabe Panniers beim Petitionsausschuss der Hamburger Bürgerschaft im Jahre 1963 wurde als unberechtigt abgelehnt.

 

Was für ein Bild des homosexuellen Mannes hinter den Schikanen und Verfolgungen in Hamburg steht, zeigt paradigmatisch ein Schreiben des Gesundheitssenators Friedrich Dettmann (KPD) an Gustav Pannier vom 18. Februar 1946: „In Beantwortung  Ihres Schreibens vom 16. d. M.  finde ich es etwas erstaunlich, dass Sie wagen mir Ihr Urteil mit dem Verlangen noch zuzuschicken, einen besseren Posten durch meine Fürsprache zu erhalten. Vergessen Sie doch nicht, dass Sie nach dem gesunden Volksurteil mit Recht bestraft sind, ganz gleich unter welchem Regime. Sie scheinen der irrigen Auffassung zu sein, dass Kommunisten irgendwie doch den homosexuellen Standpunkt teilen. Ich möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit sehr deutlich zum Ausdruck bringen, dass Homosexuelle und Sittenverbrecher, insbesondere, wenn sie sich an Kindern vergehen, für mich die abscheulichsten Kreaturen der Menschheit sind. Ich ersuche Sie dringend mich nicht mehr mit weiteren Zuschriften zu behelligen. Dabei will ich mir gar kein Urteil über Sie anmassen, sondern ich schöpfe aus den Erfahrungen meiner 10 Jahre Haftzeit, in denen ich diese Kenntnisse [sic!]  ausreichend kennengelernt habe.“ (13).

 

Wie wenig homosexuelle Menschen galten, belegt auch der unter dem Vorsitz des verdienstvollen Landgerichtsdirektor Valentin geführte Prozess gegen den ersten Kommandanten des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, Paul Ellerhusen (1897-1971). Was Homosexuelle in Fuhlsbüttel erlitten hatten, wird weder in den Vernehmungen, noch in der Anklageschrift, noch im Urteil aufgearbeitet.

Das Urteil gegen Ellerhusen vom 20. Januar 1950 bezieht sich ausschließlich auf Straftaten gegen politische Häftlinge, die Ellerhusen veranlasst oder als Exzesse seines Stellvertreters Willi Dusenschön (1909-1977) geduldet hatte. Ununtersucht, unerwähnt und ungesühnt blieb beispielsweise die acht Tage währende „Kreuzigung“ eines homosexuellen NSDAP-Mitgliedes (14).

 

Das Ergebnis der bisherigen Ausführungen lautet:

 

1. Die Zahl der Homosexuellen-Treffpunkte und „Locations“ (Lokale, Klappen, Anlagen/Parks, Badeanstalten) (15) in Hamburg war nicht überdimensioniert. Die Bezeichnung der Hansestadt als Homosexuellenhochburg in (West)Deutschland ergibt sich zunächst einmal aus der einwohner- und flächenmäßigen Größe der Stadt.

2. Die Haltung der Hamburger Justiz, der Hamburger Polizei, der Hamburger Verwaltung und der Bürgerschaft der Hansestadt gegenüber den Homosexuellen während der 50er und 60er Jahre war nicht „liberal“, sondern muss als ablehnend, ja feindselig bezeichnet werden.

 

 

Wie verhält es sich nun mit der Bezeichnung Hamburgs als schwuler Presse- und Verlags-Hauptstadt Deutschlands?

Ohne Zweifel erschienen in Hamburg während der 50er Jahre nahezu alle deutschen Zeitschriften für Homosexuelle. Herausgegeben wurden diese Periodika von mehreren Kleinverlagen, die homosexuellen Männern gehörten.

Kuhn erwähnt  elf „einschlägige Broschüren und Magazine“ aus „Hamburger Verlagen“ (16), wobei ihm fünf Fehler unterlaufen.

Unter der Überschrift Zeitschriften aus Hamburger Redaktionen verzeichnet das Buch Hamburg auf anderen Wegen vierzehn Zeitschriften-Titel, die zwischen 1950 und Oktober 1957 in der Hansestadt erschienen sind (17). Aus dieser Zusammenstellung wird  allerdings auch deutlich, dass die genannten Titel mit einer einzigen Ausnahme jeweils nur kurze Zeit existierten und dann durch einen anderen ersetzt oder  ersatzlos eingestellt wurden (18). Lediglich eine der Hamburger Homosexuellenzeitschriften gab es während der gesamten Epoche der Nachkriegsschwulenbewegung. Gegründet worden war sie im November 1951 als  Die Insel. Nach Einsprüchen des Stuttgarter Insel-Verlages änderte sie im September 1952 den Titel in Der Weg zu Freundschaft und Toleranz. Herausgegeben wurde diese Zeitschrift bis Mai 1959 von Rolf Putziger, danach von Wolf H. F. Prien. Erscheinungsort war zunächst Hamburg, Ende der 50er Jahre kurze Zeit Berlin, anschließend wieder Hamburg und zum Schluss Buchholz und Holm-Seppensen in der Nordheide.

 

Weder propagierten diese Zeitschriften „die Homosexualität“, noch begünstigten sie das „sich in ihrem Schatten bewegende Strichjungengewerbe“, wie Kuhn behauptete (19).

 

Der Putziger Verlag gab mit dem Weg eine solide gemachte Zeitschrift heraus, die die zeitgenössische Diskussion zum § 175 dokumentierte, die Nachrichten brachte, die homosexuelle Männer interessierten, die literarische und unterhaltende Texte enthielt, Kontaktanzeigen druckte und zahlreiche – nach heutigem Gefühl harmlose – Männerfotos veröffentlichte (20).

 

Das intellektuell höchste Niveau hatte die Humanitas. Sie wurde 1953 zunächst in Bremen herausgegebne und erschien 1954 im Christian Hansen Schmidt Verlag in der Neustädter Straße in Hamburg. Die Humanitas enthielt weder Privatanzeigen noch Fotos. Sie brachte wichtige Artikel zum Thema  Homosexualität und zur Diskussion um die Wiedereinführung der Todesstrafe. Damit wollte sie auch Leser außerhalb des homosexuellen Spektrums erreichen, was aber nicht gelang. Zu den Autoren der Humanitas gehörten Albrecht D. Dieckhoff, Erwin Haarmann, Rudolf Klimmer, Botho Laserstein und Johannes Werres. Die Humanitas war das einzige Publikationsorgan für Homosexuelle dieser Zeit, das auf die Erlebnisse und Leiden von homosexuellen Männern während der NS-Zeit einging: In sieben Folgen erschien in ihr der Bericht von Leo D. Classen von Neudegg – i. e. Leo Clasen (1906-1972) – über seine Erlebnisse im Konzentrationslager Sachsenhausen von Februar 1941 bis April 1945 (21).

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Leo Clasen wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen erneut in das Räderwerk der Justiz. Vom 21. bis 27. November 1946 befand er sich in Hamburg in Untersuchungshaft. Ende Februar 1949 bat die Oberstaatsanwaltschaft beim Landgericht Hamburg „in der Strafsache gegen Leo Clasen“ um Übersendung einer Akte. Und am 17.1.1950 verlangte der Senat der Hansestadt Hamburg vom Amtsgericht Hamburg Einsichtnahme in die Akte der Strafsache Clasen aus dem Jahre 1940 (22).

 

Christian Hansen Schmidt verlegte außer der Humanitas im Jahre 1954 auch das bekannte Buch Strichjunge Karl – Internationalistischer Tatsachenbericht aus dem Reich der Liebe, die ihren Namen nicht nennt von Bodo Laserstein (1901-1955) mit Illustrationen von Eberhard Brucks (23).

 

Zeitschriften für homosexuelle Männer herauszugeben, war in den 50er Jahren ein mühsames Geschäft, das an Selbstausbeutung grenzte. Sie erschienen in Verlagen, denen zumeist eine stabile finanzielle Grundlage fehlte und in denen außer dem Verleger allenfalls ein Redakteur beschäftigt war. Die Auflagen der Zeitschriften und der finanzielle Gewinn können nicht hoch gewesen sein (24). Geld brachten am ehesten die Kontaktanzeigen. Günstig war es, ein „zweites Standbein“ zu haben. So gab der Putziger Verlag außer der Zeitschrift Der Weg eine Reihe Fotobände spärlich bekleideter junger Männer heraus und vertrieb diese zusammen mit seriöser schöngeistiger Literatur zum Thema Freundschaft zwischen Männern in seinen Verlags- bzw. Geschäftsräumen in Hamburg (u. a. Colonnaden 5) und Berlin (Uhlandstraße 149/Ecke Pariser Straße) und darüber hinaus als Versandbuchhandlung. Später bot Putziger auch Geräte für den Kraftsport (z. B. Expander) an.

 

Die homosexuellen Verleger und Redakteure hatten kontinuierlich mit Indizierungen und Prozessen zu rechnen. Grundlage dafür waren das Gesetz zum Schutz der Jugend in der Öffentlichkeit (JÖSchG) von 1951, das am 3. Januar 1952 in Kraft trat, und das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (GjS) von 1953.  Ausgesprochen wurden die Verbote durch die 1954 eingesetzte Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Die Prozesse gegen Verlage, Verleger und Redakteure waren unterschiedlich motiviert, sie reichten von Anklagen wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften bis zum Vorwurf, gegen § 175 StGB verstoßen zu haben.

 

In der Regel waren die Inhalte der Zeitschriften für Homosexuelle nicht als Offizialdelikte Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Sollten Zeitschriften verboten oder einzelne Ausgaben indiziert werden, mussten Anträge von anderer Seite – von Regierungsstellen, von Verbänden oder Parteien gestellt werden.

 

Erschreckend ist, dass nicht ehemalige Anhänger der Nationalsozialisten hinter dem Kampf gegen die Homosexuellenzeitschriften standen, sondern Politiker und Behördenvertreter, die der SPD angehörten und zu den Verfolgten des Nationalsozialismus gehört hatten.  So wandte sich der führende SPD-Politiker Fritz Sänger (1901-1984), später Chefredakteur der dpa, Bundestagsabgeordneter und Mitautor des Godesberger Programms, als Vorsitzender des Beratenden Ausschusses für das Pressewesen in der Hansestadt im April 1951 an die Rechtsabteilung der Hamburger Jugendbehörde im Bieberhaus, um die von Charles Grieger geplante Zeitschrift PAN. Literarische Monatsblätter der Freundschaft zu verhindern. Da der Hamburger Senat kein Vertriebsverbot verhängen konnte, appellierte Sänger an die Jugendbehörde, „auf Grund des Gesetzes zum Schutz der Jugend gegen diese Zeitschrift vorzugehen und deren Erscheinen zu verhindern.“

Und der Hamburger SPD-Politiker Max Zelck  hatte es auf die Zeitschrift Die Freunde abgesehen.

Zelck war in der Weimarer Republik und nach 1945 führend in der Deutschen Freidenker und Jugendweihe-Bewegung tätig. Von ihm herausgegeben wurde die Jugendweihe-„Bibel“ Der Jugend geweiht. Nach ihm ist in Hamburg – Niendorf eine Straße benannt; sie  wird gegenwärtig auf einem Straßenschild folgendermaßen  erläutert: „Max Z. (1878-1965). Pädagoge und Jugendpolitiker, als Sozialdemokrat, Pazifist und Freidenker Verfolgter des Nationalsozialismus.“

Zelck und die Hamburger Jugendbehörde arbeiteten, um der Zeitschrift Die Freunde den Garaus zu machen, eng mit dem Vorsitzenden des katholischen Kölner Volkswartbundes, Dr. Michael Calmes, zusammen. Diese sonderbare Allianz aus Politikern der Hamburger SPD, der atheistischen Jugendweihebewegung, der Hamburger Jugendbehörde und des katholischen Volkswartbundes bezog überdies die Hamburger Oberpostdirektion (OPD) in ihren Kampf gegen die homosexuelle Presse ein. Laut Verfügung vom 5. November 1951 des Hamburger Postamtes 1 durfte der Verlag Charles Grieger aus Gründen des Jugendschutzes Die Freunde nicht mehr als Drucksache versenden. Es folgten mehrere Prozesse mit wechselndem Erfolg. Zum Zeitpunkt der abschließenden Entscheidung des Hamburger Oberverwaltungsgerichts im August 1952, wonach der Verlag die Kosten des Verfahrens zu tragen hatte, gab es Die Freunde seit mehreren Monaten nicht mehr (25).

 

Die Schikanen Hamburger Behörden, die Indizierungen und Prozesskosten führten dazu, dass 1955 in Hamburg nur noch zwei Homosexuellenzeitschriften herauskamen – Der Weg und Der Ring. Diesen stellte der Verleger Gerhard Prescha im Oktober 1957 ein; die Zeitschrift der neue ring ließ er von November 1957 an bis zum Sommer 1958 in Amsterdam erscheinen (26).

 

Eindrucksvoll schildert Christian Hansen Schmidt in einem Brief an den Illustrator Eberhard Brucks die Schwierigkeiten, mit denen ein Verlag konfrontiert war, der Zeitschriften für homosexuelle Männer veröffentlichte (27).  

 

 

Clayton Whisnants Behauptung, dass in Hamburg „Gay magazines could easily be bought at kiosks and newspaper stands“(28) ist für keinen Zeitpunkt der 50er Jahre richtig.

Triumphierend stellt Kuhns Dissertation fest, dass „es in Hamburg im Jahre 1955 gelungen ist, die meisten homoerotischen Magazine zu verbieten“ (29).

 

Ebenso zahlreich und kurzlebig wie die meisten Zeitschriften für Homosexuelle und wie die einschlägigen Hamburger  Verlage waren Anfang der 50er Jahre die in der Hansestadt ansässigen Freundschaftsverbände und Emanzipationsgruppen: Sie hießen Internationaler Correpondenceclub Freundschaft (existierte 1950), Club der Freunde/Pan-Club (1951-1952), Internationale Freundschaftsloge/IFLO (1952-1953) Verein für humanitäre Lebensgestaltung (etwa 1951/52), Arbeitsgemeinschaft für Pflege der Humanität (1953/54), Sektion Nord/IFLO Sektion Nord im Verein für Humanitäre Lebensgestaltung (1954), Hamburger Kreis (1954), Gesellschaft für Menschenrechte (1954/55, aufgelöst 31.12.1955) (30). Fünf dieser  neun Verbände waren eng mit einer der Homosexuellenzeitschriften als Publikationsorgan verbunden (31). Sie alle waren keine mitgliederstarken Organisationen. Keiner der genannten Hamburger Verbände erreichte Vereinsstatus; die Gründung des Deutschen Freundschaftsbundes war Anfang September 1949 durch Polizeieinsatz verhindert worden (32).

Die genannten Emanzipationsgruppen wurden nicht nur Opfer der Homosexuellenverfolgung, sondern scheiterten  auch am Desinteresse der Zielgruppe, an persönlichen Querelen, die zu Spaltungen führten, und an finanziellen Problemen.

 

 

Mit den zahlreichen Verlagen, Zeitschriften und Verbänden hätte Hamburg zu Beginn der 50er Jahre die Chance gehabt, zum unumstrittenen Hauptort einer neuen deutschen Homosexuellenbewegung zu werden und mit Amsterdam oder Zürich gleichzuziehen, wenn dies politisch gewollt oder zumindest toleriert worden wäre. Stattdessen setzte die Hamburger Politik alles daran, die nach der NS-Zeit neu entstehenden homosexuellen Strukturen zu zerstören. Sie hatte damit Erfolg: Bis auf den Weg gab es Ende der 50er Jahre in Hamburg nichts mehr, was an einen Neuanfang erinnerte: die Selbstorganisation der Homosexuellen in Emanzipationsgruppen, ihre Zeitschriften und Verlage waren abermals zerstört worden – und dies nicht durch ehemalige Nationalsozialisten in Justiz, Polizei und Verwaltung, sondern durch die großenteils sozialdemokratisch geprägte Hamburger Landespolitik unter Max Brauer (1946-2.12.1953, 4.12.1957-31.12.1960) und die bürgerliche Koalition unter Kurt Sieveking (2.12.1953-4.12.1957).

Die Politik der Schikanen, Überwachung und Verfolgung setzten nach dem 2. Senat Max Brauer die Senate Paul Nevermann (1.1.1961-9.6.1965) und Herbert Weichmann (9.6.1965 -9.6.1971) fort. So wurde 1960 in Hamburg (anders als in Bremen und Hannover) ein Tanzverbot erlassen und in den folgenden Jahren durchgesetzt (33).

1961 intensivierte man die Überwachung der öffentlichen Bedürfnisanstalten mit der Einführung von Toilettenverbotsscheinen und mit der Erfassung der Männer, die einen solchen Schein erhalten hatten, in der Fahndungskartei (= Rosa Listen). Wenig später wurden auf Veranlassung der Baubehörde Einwegspiegel in einer Reihe innerstädtischer Klappen installiert (34).

1964 äußerte sich Hamburgs Polizeipräsident Walter Buhl besorgt über den Zuzug von Transvestiten und forderte von den Gerichten mehr als bisher davon Gebrauch zu machen, „die Unterbringung in einem Arbeitshaus anzuordnen“ (35).

 

Da Helmut Schmidt vom 13. Dezember 1961 bis zum 14. Dezember 1965 für die Hamburger Polizei- bzw. Innenbehörde zuständig war, wird ihm von zahlreichen homosexuellen Männern in Hamburg die Verantwortung für all diese homophoben Maßnahmen zugeschrieben, doch weichen sie in ihrer Tendenz nicht ab von der seit Ende des Krieges betriebenen Hamburger sozialdemokratischen Politik gegenüber Homosexuellen.

 

Worin liegen die Ursachen dieser homophoben Kontinuität in Hamburg?

Für die Situation der Homosexuellen in den 50er und 60er Jahren wird zumeist das christliche Welt- und Familienbild der Adenauerzeit, die insgesamt oft als Restaurationsphase gesehen wird, verantwortlich gemacht.

Nun haben das Scheuklappenweltbild des Kölner Volkswartbundes und die katholische Moraltheologie in manchen Teilen Westdeutschlands einen für die Homosexuellen verheerenden Einfluss gehabt. Nur, wen konnte man damit im protestantischen oder atheistisch geprägten Hamburg erreichen? Die SPD der 50er Jahre war alles andere als kirchennah. Der Hamburger SPD-Politiker Max Zelck, der sich gegen die Schwulenpresse engagierte, war kämpferischer Atheist. An die intensive Werbung für die Jugendweihe im Besenbinderhof wird sich jeder erinnern, der die großen Plakate in den U-Bahn-Stationen gesehen hat. Der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die Männern, die in der NS-Zeit nach § 175 verurteilt worden waren, den OdF - Status verweigerte, wurde eine besondere Nähe zu KPD und SED nachgesagt. Und vom christlichen Welt- und Familienbild geprägt waren sicherlich auch nicht die Hamburger „working – class boys“, die sich durch Attacken auf Schwule hervortaten. Die Beschreibung dieser Jugendlichen durch Clayton Whisnant  entspricht den jungen Männern, die heute Gewalttaten gegen Schwule ausüben und gerade nicht aus christlichen Milieus stammen (36).

 

Die hamburg-spezifische restaurative Nachkriegsentwicklung war nicht geprägt durch ein fiktives christliches Weltbild, sondern durch kleinbürgerliche Vorbehalte und Unterschichtenvorurteile gegen Menschen, die anders lebten oder leben wollten als die Mehrheit. Restauriert – oder besser: konserviert – wurden Einstellungen der NS-Zeit, denn diese waren nach wie vor mehrheitsfähig, blieben es und konnten jederzeit instrumentalisiert werden. Die Reform des § 175 StGB im Jahre 1969 ist ja nicht das Ergebnis eines Volksentscheids gewesen (oder auch nur einer homophilen Stimmung in der Bevölkerung), sondern war politisch gewollt und ist von der Großen Koalition durchgesetzt worden gegen die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung.

 

Trotz der desolaten Situation der einschlägigen Presse, ihrer Verlage und der homosexuellen Emanzipationsgruppen am Ende der 50er Jahre und trotz der fortdauernden Verfolgung und Schikanen der hansestädtischen Institutionen verdient Hamburg, Vorort der Homosexuellenemanzipation in Westdeutschland genannt zu werden. Denn in dieser Stadt gab es während des genannten Zeitraums eine Reihe Männer, die dem Zeitgeist trotzten.

 

Wer in den 60er Jahren in Hamburg einschlägige Literatur erwerben wollte, fand ein ausgesprochen breites Sortiment in der Buchhandlung an der Staatsoper in der Großen Theaterstraße 32 und später in den Colonnaden 5. Deren Geschäftsführer und späterer Inhaber Martin Reincke (1930-2002) war eine Hamburger Institution (37) und durchbrach mit seinem Buchangebot und als Homosexueller das Ghetto des engen Kundenkreises, der zuvor in den Geschäftsräumen des Putziger Verlags Bücher gekauft hatte (38).

 

Positive Wirkung über den Kreis der Homosexuellen hinaus hatte schon 1952 Rolf Italiaander erzielt mit seinem aufklärerischen Theaterstück Das Recht auf sich selbst, das unter der Regie von Ida Ehre in den Kammerspielen an der Hartungstraße uraufgeführt wurde und – was  entscheidend und deshalb erwähnenswert ist – in der regionalen und überregionalen Presse unerwartet großen Widerhall fand, was möglicherweise Italiaanders Einfluss als Journalist und Literat zu verdanken ist.

 

Italiaander gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Freien Akademie der Künste. Diese waren zu einem beträchtlichen Teil  homosexuell wie Gustaf Gründgens, Kurt Hiller, Rolf Italiaander, Peter Martin Lampel, Rudolf Lodders oder Gustav Oelsner. Über einige von ihnen und über gemeinsame Besuche in Hamburger Schwulen- und Travestielokalen geben die Tagebücher des  a-sexuellen Schriftstellers Hans Erich Nossack Auskunft.

Im Zusammenhang mit der Freien Akademie  ist auch deren Ehrenmitglied Ernst Buchholz zu nennen: Ernst Buchholz war Staatsanwalt und wurde 1959 Generalstaatsanwalt. Ihm vor allem – neben dem Landgerichtsdirektor Fritz Valentin – verdankt Hamburg den Ruf, eine liberale Stadt zu sein. Während Valentins 3- Mark-Urteil zwar großes Aufsehen erregte, aber keine  Signalwirkung hatte, bedeutete das Plädoyer, das Buchholz am 31. Juli 1962 zugunsten von Jean Genets Roman Notre- Dame-des-Fleurs hielt, einen Durchbruch im Kampf um die Freiheit der Kunst. Italiaander widmete ihm und Fritz Bauer postum sein Buch Weder Krankheit noch Verbrechen, das 1968 mit zahlreichen Beiträgen prominenter Zeitgenossen in die Auseinandersetzungen um die Aufhebung des § 175 eingriff (39).

Interessant ist, dass sowohl Buchholz als auch Italiaander in das nationalsozialistische System eingebunden waren. Italiaander wurde deswegen 1958 von Erika Mann angegriffen und musste schließlich zehn Jahre später als Generalsekretär der Freien Akademie der Künste zurücktreten (40).

Buchholz war während der NS-Zeit auch in Prozesse gegen Homosexuelle involviert. Nach dem Krieg setzte er allerdings wiederholt die Aufhebung der gegen homosexuelle Männer verordneten Sicherungsverwahrung oder eine Reduzierung des Strafmaßes durch – nicht selten gegen die Empfehlung von Kriminalpolizei und von Kollegen.

 

So wichtig im Nachkriegs-Hamburg die Freie Akademie der Künste und deren Umfeld war – in den Bemühungen um die Aufhebung oder zumindest die Reform des § 175 StGB spielte sie  als Institution keine Rolle: Einige ihrer homosexuellen Mitglieder setzten aus nachvollziehbaren Gründen alles daran, ihre sexuelle Orientierung geheim zu halten, andere hatten eine Position erreicht, die sie weitgehend vor Verfolgung schützte. Und Hiller und Italiaander, die aktiv gegen den § 175 kämpften, führten diesen Kampf nicht im Auftrag und im Namen der Freien Akademie der Künste (40a).

 

In Hamburg wurde der Kampf gegen den § 175 aus einem ganz anderen – und für manchen eher unerwarteten – Milieu heraus geführt: von Juristen, die der lutherischen und der reformierten Kirche angehörten, ein christliches Welt- und Familienbild hatten und mit der Evangelischen Akademie an der Esplanade verbunden waren. Es ist deshalb gerechtfertigt, in diesem Zusammenhang von einer evangelischen Unterstützerszene zu sprechen.

Beeinflusst waren diese Juristen vor allem von englischen Bemühungen um die Aufhebung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen, die von der Anglikanischen Kirche, der Katholischen Kirche Englands, den Quäkern und der Konservativen Partei ausgegangen waren und ihren Niederschlag gefunden hatten im Interim Report (1954), im Bericht Sexual Offenders and Social Punishment des protestantischen Bischofs von St. Albans (1955), dem Griffin Report (1956), dem Wolfenden Report (1957) sowie dem Quäker Bericht (1963). Zu nennen ist in diesem Zusammenhang auch Peter Wildebloods autobiographischer und dokumentarischer Bericht Against the Law (1955), der zusammen mit Wildebloods Arbeit im Wolfenden Committee (seit 1955) zum Wolfenden Report beigetragen hat.

 

Während der Kinsey-Report von 1948 und der Hirtenbrief der lutherischen Bischöfe Schwedens aus dem Jahre 1951 mit mehrjähriger Verzögerung (erst 1955) ins Deutsche übersetzt wurden, lagen Griffin Report, Wolfenden Report und Quäker Bericht schon kurz nach ihrem Erscheinen in deutscher Sprache vor (41). Zu verdanken ist dies dem Hamburger Rechtsanwalt Albrecht Diedrich Freiherr von Dieckhoff (42), der als Barrister-at -Law auch in Großbritannien als Anwalt zugelassen war.

 

Dieckhoff ist durch die Übersetzung der genannten Texte und später des Buches Against the Law von Peter Wildeblood (43) sowie durch Zeitschriftenbeiträge und Vorträge der Multiplikator der britischen Initiativen in  Hamburg und Westdeutschland.

Nicht genug damit: Dieckhoff  betrieb darüber hinaus die Umsetzung der britischen Vorschläge in deutsches Recht durch eigene juristische Publikationen, durch Vorträge vor Akademien, durch Beiträge in Homosexuellenzeitschriften (44) und Eingaben an die Verfassungsorgane.

Dieckhoffs Position war: Es sei müßig, auf die Einsicht der Richter zu warten oder zu vertrauen. Eine Änderung der Rechtsprechung gegenüber homosexuellen Handlungen setze die Änderung der Gesetzgebung voraus (45) – und diese gelte es durchzusetzen durch Lobbyarbeit bei den dafür zuständigen verfassungsmäßigen Organen Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung.

Zu diesem Zweck gründete Dieckhoff in Hamburg den Griffin – Verband, dessen Ziel die Straffreiheit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen war (46).

Und es gelang Dieckhoff, eine Reihe hervorragender Hamburger Juristen im Umkreis der Evangelischen Akademie an der Esplanade zu gewinnen, die mit Eingaben an die genannten Verfassungsorgane in den Gesetzgebungsprozess zur Strafrechtsreform einzugreifen suchten. Dieser war seit der Konstituierung der Großen Strafrechtskommission am 6.4.1954 durch Justizminister Franz Neumeyer von der FDP (1884-1973) nur schleppend vorangekommen und für die Homosexuellen wenig Erfolg versprechend verlaufen. Zwar hatte die Große Strafrechtskommission 1959 die Aufhebung der Strafbarkeit des Grundtatbestandes (= einvernehmliche nicht öffentliche gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen) empfohlen, doch der am 8.9.1960 verabschiedete Regierungs-Gesamtentwurf zur Strafrechtsreform sah nach wie vor die Strafbarkeit beischlafähnlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen vor. Wegen der zu Ende gehenden Wahlperiode beschäftigten sich weder Bundestag noch Bundesrat mit diesem Entwurf.

 

Als erster der Hamburger Verbündeten Dieckhoffs richtete Landgerichtsdirektor Dr. Friedrich Wilhelm Bertram für den Rechtskreis der Evangelischen Akademie der Hamburger Landeskirche eine Eingabe an die Bundesregierung zugunsten der Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen (47).

Bertram leitete diesen Rechtskreis zusammen  mit dem mehrfach erwähnten Landgerichtsdirektor Fritz Valentin.

Bertram war von 1929 bis 1933 Mitglied der Deutschen Staatspartei, trat am 1. Mai 1933 wie der Großteil seiner im Amt gebliebenen Hamburger Kollegen der NSDAP bei, wurde 1943 Landgerichtsdirektor, war seit 1958 ständiger Vertreter des Landgerichtspräsidenten und seit 1963 Vizepräsident des Landgerichts Hamburg. 1968 wurde er pensioniert.

Bertram hatte fünf Kinder und engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits vor allem im Bereich Jugendgerichtsbarkeit und als Anstaltsbeirat der Strafanstalt Neuengamme und andererseits als Vorsitzender des Landeselternbeirats und als Vorsitzender der Unabhängigen Kommission für das Hamburger Schulwesen. Neben seiner Funktion in der Evangelischen Akademie war er Mitglied des Verwaltungsrates der Stiftung Öffentliche Bücherhalle und mehrfach Untersuchungsführer in Disziplinarverfahren der Evangelisch – Lutherischen Landeskirche Hamburg gegen Pastoren. Bertram hielt wiederholt Vorträge vor der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung und der Evangelischen Akademie Loccum (48).

1963 hatte Bertram den Vorsitz im Prozess gegen den jugendlichen Mörder des homosexuellen Schauspielers Fred Wagner-Golden; für die Prozessführung und das Urteil wurde Bertram von Jack Argo (= Johannes Werres) in der Homosexuellenzeitschrift Der Weg ausdrücklich gelobt (49).

 

Nach Bertrams Initiative von 1960 veröffentlichten 1961 Rechtsanwalt Dieckhoff, der Gefängnisarzt Karl Knop sowie Arbeitsgerichtsdirektor i. R.  und Vorsitzender des Hamburger Protestantenvereins Dr. Hannes Kaufmann den Protestanten-Bericht. Dieser steht in der Tradition der englischen Interim -, Griffin - und Wolfenden Reports und bezieht sich ausdrücklich auf sie, wie dies der barocke Titel dieser Denkschrift zeigt: Wer wirft den ersten Stein? Bericht zum Interim Report der Anglikanischen Hochkirche, dem Griffin Report  der Englischen Katholiken und dem Wolfenden Report des Britischen Regierungsausschusses für die deutschsprachigen Protestanten veranlasst durch den Vorsitzenden des  Hamburger Protestantenvereins und benannt Der Protestanten – Bericht (nebst vollständiger Übersetzung des Griffin Reports) von Albr. D. Dieckhoff; in Zusamenarbeit mit Karl Knop und hrsg. von Hannes Kaufmann  (50).

 

Am 25. Februar 1960 hatte Kaufmann als Vorsitzender des reformerisch orientierten Hamburger Protestantenvereins in den Vortrag von Dr. Dieckhoff zum Thema Moraltheologie und Kriminologie im Sittenstrafrecht eingeführt und dabei die weitere Bestrafung des Grundtatbestands gleichgeschlechtlicher Handlungen als SKANDALON bezeichnet (51).

Am 7.12.1961 beteiligten sich Kaufmann, Dr. Knop und Dr. Dieckhoff im Kirchensaal der Reformierten Gemeinde an einer Podiumsdiskussion über ihren Protestanten- Bericht. Veranstalter waren der Hamburger Protestantenverein und der Hamburger Verein für Bürgerrechte (52).

Dr. jur Hannes Kaufmann (1887 – 1969) war 1927 Arbeitsgerichtsdirektor geworden, hatte vom 1. Februar 1919 bis zum 1. Juli 1927 die Öffentliche Rechtsauskunfts– und Vergleichsstelle (ÖRA) geleitet und nahm einen Lehrauftrag für Arbeitsrecht an der Universität Hamburg wahr. 1925 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Hamburger Vereins Pro Honore, der sich den „Kampf gegen das Bestechungs- und  Schmiergeldunwesen und für Ehrbarkeit in Handel und Wandel“ zur Aufgabe gesetzt hatte.

Als engagiertes Mitglied der linksliberalen Deutschen Staatspartei wurde Hannes Kaufmann am 18.7.1933 vom Hamburger Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900-1969) nach § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er vom 4.2.1946 bis zu seiner Pensionierung am 31.3.1952 erneut die Leitung der ÖRA. Kaufmann hielt danach zahlreiche Vorträge, u. a. vor der Evangelischen Akademie Hermannsburg (53).

 

Von Dieckhoff beeinflusst, vertrat 1961 dieselbe Position wie der Protestanten-Bericht die von Anna Stübbe initiierte Bremer Pfingsteingabe des Clubs Elysium bei Bundespräsident Theodor Heuss, Generalbundesanwalt Max Güde und dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Der Bremer Pfingsteingabe beigefügt waren der Griffin Report, der Wolfenden Report, Peter Wildebloods Buch Vom Gesetz geächtet, international-rechtsvergleichende Tafeln zum Schutzalter und Dieckhoffs Vortrag vor der Evangelischen Akademie Loccum (1959) und vor dem Hamburger Protestantenverein (1960) unter dem Titel Kriminologie und Moraltheologie in England. Die Dezemberausgabe der niederländischen Homosexuellenzeitschrift Vriendschap schrieb: „De eerste reacties op de petitie zijn gunstig; of deze echter het beoogde effect zal hebben, kann alleen de toekomst leren“ (54).

 

Die Verfasser des Protestantenberichts griffen 1962 mit der Julidenkschrift, die u. a. die Position des Hamburger Theologen Helmut Thielicke zur Homosexualität enthält, erneut in die Diskussion um die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen ein (55).

 

Und dasselbe tat der ehemalige Landgerichtspräsident Dr. Johannes Meyer zusammen mit Kaufmann mit einer gesonderten Eingabe an die Verfassungsorgane am 6. Juli 1962 (56).

Anlass für diese Eingabe war die Mehrheitsentscheidung des Bundesrates am 27.6.1962 gegen die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen. Ein Schreiben des Bundesjustizministeriums an Dieckhoff, Kaufmann und Knop vom 17.9.1962 bestätigt den Empfang der Eingabe und betont, dass sowohl Bundesregierung als auch Bundesrat „die Strafbarkeit schwerwiegender homosexueller Handlungen zwischen erwachsenen Männern für unverzichtbar“ hielten; die Entscheidung liege nun beim Bundestag.

 

Dr. jur. Carl Robert Johannes Meyer (1882-1967) war am 1. Februar 1931 Landgerichtspräsident geworden. Als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), später Deutsche Staatspartei, wurde er am 1. November 1933 gemäß § 4 (unter Rückstufung zum Landgerichtsdirektor nach § 5 Abs. 1) des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 in den Ruhestand versetzt.

In den Jahren 1935 bis 1942 wurde Meyer wiederholt verdächtigt, nichtarischer Abstammung zu sein.

Nach Kriegsende erhielt Dr. Meyer 1945 von der britischen Militärbehörde die Zulassung als Richter und war von 1945 bis 1948 wieder im Hamburger Justizdienst tätig.

Zwischen 1922 und 1933 war Meyer Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins, Förderer der Hamburger Kammerspiele unter Erich Ziegel und – nach dem 2. Weltkrieg – des Hamburger Zimmertheaters sowie des Künstlerklubs die insel (57).

 

Kennzeichnend für die genannten Initiativen Hamburger Juristen aus einem aufgeklärten protestantischen Milieu (aus dem  auch Bundesjustizminister Gustav Heinemann stammte, der die erste Reform des § 175 durchsetzte) zugunsten der Aufhebung der Strafbestimmungen gegen einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen war, dass die Betroffenen selbst nicht zu Wort kamen. Im Gegenteil: Dieckhoff wandte sich vehement gegen entsprechende Versuche und gab zaghaftesten Äußerungen von Seiten der Homosexuellen zur Frage der Reform des § 175 StGB die Schuld dafür, dass man bisher nichts erreicht habe (58).

 

Die Haltung der Bevormundung und der Entmündigung der Homosexuellen durch wohlmeinende Außenstehende – eine Art Gutsherrenmentalität – galt es in Zukunft ebenso zu überwinden wie die Onkel-Toms-Hütte-Mentalität vieler Homosexueller. Dies aber wurde erst  (als Folge der 68er – Ereignisse) nach der Reform des § 175 StGB vom 9. Mai 1969 erreicht und prägte schon die letzte Gruppierung der Nachkriegshomosexuellenbewegung, die IHWO, bevor die zweite deutsche Homosexuellenbewegung andere Akzente setzte.

 

 

Erwähnung finden müssen neben Dr. Dieckhoff drei weitere Hamburger Rechtsanwälte, die sich während der 50er und 60er Jahre für die Sache der Homosexuellen eingesetzt haben. Die Forschungen zu ihnen werden dadurch erheblich behindert, dass die Hanseatische Rechtsanwaltskammer nicht bereit ist, Einsicht in die Akten dieser drei verdienstvollen Männer zu gewähren.

 

Dr. Heinrich Ackermann (1911-1992) war es, der 1951 auf dem Deutschen Juristentag in Stuttgart für die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter volljährigen Männern plädierte. Seine Entschließung hierzu wurde mit Mehrheit angenommen (59).

Dasselbe Ziel verfolgt Ackermanns Aufsatz Zur Frage der Strafwürdigkeit des homosexuellen Verhaltens des Mannes im wichtigen Sammelband Sexualität und Verbrechen, den der Fischer Verlag im Jahre 1963 veröffentlichte (60).

 

Eine vergleichbare Position wie Ackermann vertrat der aus Breslau stammende, nun Hamburger Rechtsanwalt Dr. Herbert Ernst Müller (1915-1976) in seinem Beitrag Der erwachsene Homosexuelle im deutschen Strafrecht heute – morgen in dem Symposionband des Hamburger Furche Verlags aus dem Jahr 1963 (61).

 

Im homosexuellen Milieu Hamburgs während der 50er bis Anfang der 80er Jahre am bekanntesten war vermutlich  Rechtsanwalt Dr. Friedrich Franz Reinhard (1915-1985).

Ein Zeitzeuge schilderte im Jahre 2009 Reinhard als großen, schweren Mann, der nicht schwul gewesen sei Er habe sich nicht nur engagiert für die Rechte der Homosexuellen, sondern sich auch effektiv für angeklagte Schwule eingesetzt und Verfahren in Hamburg und Lübeck geschickt vor solche Richter bringen können, die Homosexuellen gegenüber positiv eingestellt gewesen seien (62).

 

Seine rechtliche und moralische Position hatte Reinhard 1963 in dem Beitrag Homosexualität Erfahrungen der forensischen Praxis im Symposionband Der homosexuelle Nächste verdeutlicht (63).

 

Reinhard war juristischer Berater der Zeitschrift Die Freunde und der Hamburger I.H.W.O.-Gruppe (64). Er verteidigte zahlreiche homosexuelle Männer – u. a. die beiden Angeklagten in dem Landgerichtsprozess, der 1951 zu dem Drei-Mark-Urteil geführt hatte, und die Redakteure Johannes Dörrast (1951 und 1952) und Erwin Haarmann (1954).

In schwulen Emanzipationsgruppen hielt Reinhard Vorträge über Rechtsfragen – so 1954 vor dem Hamburger Kreis homosexueller Männer und 1971 vor der IHWO.

1979 nahm er die Interessen eines Klienten wahr, der wegen eines Klappen-Besuchs in Schwierigkeiten geraten war: Reinhard wandte sich in dieser Sache am 26. April 1979 an die zuständige Verwaltungsabteilung des Bauamtes des Bezirksamtes Hamburg-Mitte und am 3. Mai 1979 an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages und bezeichnete die Toilettenüberwachung mit Einwegspiegeln als Verstoß gegen die in Artikel 1 GG garantierte Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Der Bonner Petitionsausschuss leitete Reinhard Schreiben zuständigkeitshalber an den Eingabeausschuss der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt weiter. Dieser sah in der Überwachung der Toiletten mit Einwegspiegeln keine Grundgesetzverletzung und wies Reinhards Beschwerde am 17. Oktober 1979 zurück (65).

Nach den Vorgängen bei der 1. Hamburger Stonewalldemonstration im Jahre  1980 und im Zusammenhang mit der damit verbundenen Hamburger „Spiegelaffäre“ erscheint Dr. Reinhards Adresse auf einem Flugblatt des Hamburger Lesben- und Schwulengruppenverbundes (HLSV) und der Zeitschrift DU & ICH unter dem Titel Helft mit, noch mehr ROSA LISTEN aufzudecken!. Dieses Flugblatt ruft dazu, sich an die Redaktion von DU & ICH, den Telefondienst ROSA LISTEN oder an Dr. Reinhard zu wenden, wenn jemand homophobe Maßnahmen und Handlungen der Staatsgewalt nachweisen und belegen kann.

 

Die geschichtliche Erinnerung ist ungerecht. Die Petition zur Aufhebung des § 175 StGB von 1897 ist vor allem mit dem Namen Hirschfeld verbunden, obwohl Max Spohr daran keinen geringen Anteil hatte.

Und ähnlich verhält es sich mit der Isermeyer-Petition von 1963, an der Dr. Reinhard maßgeblich mitwirkte.

Der Entwurf für ein neues Strafrecht von 1962 hatte das positive Votum der Großen Strafrechtskommission von 1959 zur Abschaffung des § 175 nicht berücksichtigt. Dies war die Ausgangssituation für Kurt Hiller, der seit 1955 in den Hamburger Grindelhochhäusern lebte, sich mit einer Neufassung der Petition von 1897 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages für die Streichung des § 175 StGB einzusetzen.

Hillers Engagement stieß auf Wohlwollen bei anderen  Hamburger Persönlichkeiten. Doch scheiterte ein gemeinsames Vorgehen an Formulierungen, auf denen Hiller bestand und die der Hamburger Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer nicht mittragen wollte, worüber es zum Bruch zwischen beiden Männern kam. So wurden in der Hansestadt zwei verschiedene Petitionen ausgearbeitet, wobei die Hiller-Petition weniger Anklang fand und in der Versenkung verschwand, während die Isermeyer-Petition reüssierte. Ausgearbeitet worden war sie außer von Isermeyer und Reinhard (der im Übrigen beide Petitionen unterzeichnete) von Jürgen Roggenhausen, Walter Stellmann, Wolfgang Wenzel und dem Arzt Jürgen Rogoszinski. Unterstützung fanden diese Männer bei dem Direktor der Hamburger Kunsthalle Carl Georg Heise und dem Maler Eduard Bargheer, die beide homosexuell waren, sowie von dem Hamburger FDP-Senator Hans Harder Biermann-Ratjen (1901-1969).

Bei der Auswahl der Unterzeichner achtete Isermeyer darauf, dass sich unter ihnen keine Homosexuellen befanden. Dies entsprach der zeitgenössischen Linie, wie sie auch Dieckhoff und andere vertraten.

Die im Mai 1963 den Abgeordneten des Deutschen Bundestages zugesandte Petition trägt die Unterschrift zahlreiche Persönlichkeiten, z. B. von den in Hamburg lebenden und wirkenden  Marion Gräfin Dönhoff (Journalistin), Axel Eggebrecht (Journalist), Ivo Hauptmann (Maler), Werner Hinz (Schauspieler), Werner Kallmorgen (Architekt), Will Quadflieg (Schauspieler), Ledig Rowohlt (Verleger).

Die Isermeyer-Petition zeigte zwar nicht kurzfristig, aber doch mittelfristig Wirkung. Isermeyer selbst sah sie als Mosaikstein im Kampf um die Aufhebung des § 175. Diesen Mosaikstein setzte er geschickt erneut im Jahre 1968 ein (66).

 

Zusammen mit den Initiativen von Rolf Italiaander, von Albrecht Diedrich Dieckhoff und den Juristen aus dem Umfeld der Evangelischen Akademie Hamburg sowie  der Rechtsanwälte Ackermann, Müller und Reinhard trug die Isermeyer-Petition dazu bei, dass 1969 ein erstes Etappenziel im Kampf um die Beseitigung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle erreicht wurde.

Was die Unterstützerszene zur Aufhebung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen anbelangt, stand Hamburg während der 50er, vor allem aber in den 60er Jahren in Deutschland ganz oben und war – wenn man so will – die Hauptstadt der Reformbemühungen.

 

 

 

 

 

Anmerkungen:

 

 

 1   Vgl. Clayton John Whisnant: Hamburg’s Gay Scene in the era of family politics, 1945-1969. Dissertation der University of Texas at Austin. 2001.

In dieser Dissertation heißt es u. a. S. 39: „Hamburg remained a bastion of tolerance until the last year of the 1950s“; S. 98f; S. 101: “It [Hamburg als ‘center of male homosexuality in Germany after the Second World War] would remain so for over a decade”; S. 229: “In the first half of the 1950s homosexual men familiar with the gay scene in Hamburg felt that it was the most vibrant and exciting one in Germany. Gay magazines could easily be bought at kiosk and newspaper stands…In the streets of St. Pauli and St. Georg offered spaces that were relative free from legal harassment for men cruising for chance encounters with other men…Hamburg was not free from prejudice, but many observers agreed that the harbour…created an atmosphere that was relatively tolerant towards sexual transgressions. Yet as the decade went on, Hamburg was overtaken by a swelling concern about the moral effect that homosexuals were having on the nation and…its young people…”

 

Vgl. Auch Clayton John Whisnant: Zwischen Verfolgung und Freiheit. Homosexuelle Männer in den langen fünfziger Jahren. In: Zeitgeschichte in Hamburg. Hamburg 2007. S. 60.

 

 2   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Polizeibehörde II, 562 – zitiert bei Clayton John Whisnant: Hamburg’s Gay Scene S. 201.

Vgl. Gerhard Kuhn: Das Phänomen der Strichjungen  in Hamburg. Rechtsmedizinische Dissertation. Hamburg 1955 = Schriftenreihe des Bundeskriminalamtes. Bundeskriminalamt Wiesbaden 1957/2.

Im Folgenden beziehen sich die Seitenangaben auf das Heft des Bundeskriminalamtes von 1957.

Zum Begriff „Hochburg der Homosexualität“ bei Kuhn vgl. S. 7 und das Zitat bei Whisnant (Hamburg’s Gay Scene) S. 101. 

 

 3   Vgl. S. 112-116.

Dort heißt es u. a.: „Im Interesse einer zweckmäßigen Bekämpfung des Strichjungenunwesens muß für eine Beibehaltung der Bestrafung auch der einfachen Homosexualität…eingetreten werden. Denn die männliche Prostitution ist ein wesentlicher Bestandteil der Homosexualität. Jede zahlenmäßige Veränderung der homosexuellen Freier hat stets eine entsprechende Verschiebung bei den Strichjungen zur Folge. Deshalb bewirkt eine Einschränkung und Zurückdrängung der Homosexualität gleichzeitig eine Verringerung der Strichjungenzahlen“ (S. 112).

Bringt nicht auch in der heterosexuellen Prostitution die Nachfrage das Angebot hervor?

 

 4   Vgl. Kuhn S. 7.

Ähnlich kritisch ist Albrecht Beckers Feststellung zu sehen, wonach Hamburg nach 1945 eine der tolerantesten Städte Deutschlands gewesen sei. Denn auch Becker ist ein problematischer Zeuge: Er hatte als Starfotograf im Hamburger Kulturleben eine hervorragende Stellung und war damit wie sein Freund Herbert Kirchhoff oder wie Gustaf Gründgens oder Hans Henny Jahnn vor Verfolgung weitgehend sicher. Vor allem aber belegt sein Verhalten in Würzburg während der NS-Zeit, dass er kein politisch denkender Mensch war und nicht begriff, was um ihn herum vor sich ging.

Zu Becker vgl. C. Whisnant: Hamburg’s Gay Scene S. 98 sowie

Andreas Sternweiler:  Fotos sind mein Leben: Albrecht Becker = Schwules Museum, Lebensgeschichten 1. Verlag Rosa Winkel. Berlin 1993. Beckers Äußerung über Hamburg ist auf S. 69 zu finden.

 

 5   Für die Zeit von 1949 bis 1951 verbinde ich schwulenhistorisch mehr mit Frankfurt am Main als mit Hamburg: In Frankfurt hatte Hans Giese (1920 – 1970) sein Institut für Sexualforschung. In Frankfurt kam es durch Giese und Hermann Weber (1882-1955) zur Neugründung des Wissenschaftlich humanitären Komitees und – nachdem dessen Eintragung in das Vereinsregister verweigert worden war – zur Gründung der Gesellschaft für Reform des Sexualstrafrechts. In Frankfurt gab es den Verein zur Pflege humanitärer Lebensgestaltung und eine Juristisch – medizinische Arbeitsgemeinschaft. Überdies wurden am Main die Zeitschrift  für Sexualforschung und die Beiträge zur Sexualforschung herausgegeben.

 

Die weniger durch die Tätigkeit der Polizei als durch die Denunziationsfreudigkeit des Strichjungen Otto Blankenburg und seine Verbündeten in der Justiz hervorgerufene Frankfurter Massenverfolgung von Homosexuellen in den Jahren 1950/51 ist nicht nur ein Höhepunkt der Hatz auf und der Hetze gegen Homosexuelle in Westdeutschland, sondern sie belegt auch, wie umfangreich homosexuelles Leben in Frankfurt gewesen sein muss.

Hervorzuheben ist überdies, dass während der staatsanwaltlichen Untersuchungen und der Massenprozesse eine der beiden Frankfurter Zeitungen – die Frankfurter Rundschau – in Berichterstattung, Kommentaren und durch die Veröffentlichung von Leserbriefen Stellung zugunsten der verfolgten Homosexuellen bezog.

 

Seit 1956 arbeitete in Frankfurt am Main einer der wichtigsten Befürworter der Aufhebung des § 175 StGB: der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968).

 

 6   Kuhn verzeichnet 18 Klappen und 17 einschlägige Lokale (S. 52-55).

Clayton Whisnant: Zwischen Verfolgung und Freiheit  (S. 60) gibt für das Jahr 1959 in Hamburg 24 gegenüber 14 einschlägigen Lokalen in Frankfurt am Main an. Whisnant fährt fort: „1964 gab es nach polizeilichen Schätzungen dann bereits 30 Schwulenbars“. Die von Whisnant genannten Zahlen sind meiner Ansicht nach zu hoch: Die Homosexuellenlokale wechselten ständig ihren Namen, schlossen und eröffneten an anderer Stelle.

 

 7   Vgl. Kuhn S. 108; vgl. außerdem Clayton Whisnant: Hamburg’s Gay Scene S.88f.

 

 8   In  seiner Argumentation beruft sich Kuhn nicht nur auf die Publikationen des Bonner Amtsgerichtsrats Richard Gatzweiler vom Kölner Volkswartbund, sondern auch auf Reichsgerichtsurteile der NS-Zeit.

 

 9   Vgl. meine Homepage unter www.dr-lo.de Text Nr. 51, auch Texte Nr. 29 und 31.

Für die Zahl der von der Hamburger Homosexuellen-Fürsorge betreuten Jugendlichen und der für Hamburg geschätzten Anzahl von Strichjungen während der Weimarer Republik vgl. Hans Muser: Die Homosexuellenfürsorge des Hamburger Jugendamts. In: Jahrbuch der Caritaswissenschaft 1932. Institut für Caritaswissenschaft an der Universität Freiburg i.Br. 1932. S. 164-171.

 

10   Vgl. Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann, Gottfried Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969. lambda Verlag. Hamburg 2009. S. 126.

 

11   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS Rep. 213-11: 2381/44.

Zu Staatsanwalt Skok vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizwesen – Personalakten: 241-2: A 3304.

 

12   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS Rep. 213-11: 9210/37.

 

13   Vgl. zum Fall Pannier meine Homepage www.dr-lo.de Text Nr 45.

       Vgl. auch Rosenkranz/Bollmann/Lorenz (s. o. Anm.  10) S. 112f.

 

14   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS Rep. 213-11: 9730/54.

 

Zu der „Kreuzigung“ des  NSDAP-Mitgliedes vgl. Klaus Bästlein: Vom hanseatischen Richtertum zum nationalsozialistischen Justizverbrechen. In: „Für Führer, Volk und Vaterland…“ Hamburger Justiz im Nationalsozialismus. Hg. Von der Justizbehörde Hamburg. Ergebnisse Verlag. Hamburg 1992. S. 99.

 

15   Vgl. Kuhn S. 51-58.

 

16   Vgl. Kuhn S. 58.

Kuhn nennt „Amicus, Der Weg zu Freundschaft und Toleranz, Die Freunde, Die Freundschaft, Die Gefährten, Freunde, Hellas, Humanitas, Jünglinge in der Fotografie, Männer im Bild; Vox, Stimme freier Menschen“. Kuhn irrte fünfmal: der Amicus-Briefbund erschien seit 1948 im amerikanischen Sektor von Berlin, Jünglinge in der Fotografie und Männer im Bild waren Fotobände des Verlages, der die Zeitschrift Der Weg herausgab; den Titel Freund gab es nicht – Kuhn meint entweder Dein Freund – Zeitschrift für Freundschaft und Verständigung oder Die Freunde – vermutlich jedoch freond; und Die Gefährten erschienen in Frankfurt am Main.

 

17   Es sind dies die Verlage von Johannes Dörrast, Charles Grieger, Gustav Leue sowie diejenigen von Gerhard Prescha, Rolf Putziger und Christian Hansen Schmidt, wobei die drei zuerst genannten ineinander übergingen.  

Bernhard Rosenkranz und Gottfried Lorenz: Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Lambda Verlag. 1. Auflage Hamburg 2005,

2. Auflage 2006, S. 81.

 

18   Zu den einzelnen Zeitschriften vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 80-88.

 

19   Vgl. Kuhn S. 58f.

 

20   Vgl. zur Zeitschrift Die Insel/Der Weg ausführlich meine Homepage unter www.dr-lo.de Text Nr. 35.

 

21   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm.17)  S. 84.

 

22   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: SLS Rep. 213-11:6475/40 sowie Rep. 242-III: Gefängnisverwaltung :II Abl. 13 (ältere) Haftkartei Männer; Abl. 16 U-Haft Männer (ältere Kartei); Abl. 1998/1 U-Haft Männer (jüngere Kartei).

 

23   Zu erwähnen sind zwei weitere Hamburger Verlage, in denen während der 50er Jahre Reform-Literatur zur Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen erscheinen konnte:

1. der Verlag Franz Decker, der allerdings bald als Franz Decker Verlag Nachf. nach Schmiden bei Stuttgart umzog,

2. Kriminalistik. Verlag für kriminalistische Fachliteratur.

In beiden Verlagen publizierte der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Dieckhoff seine zahlreichen Schriften zur Reform des § 175 StGB.

Im Verlag Kriminalistik konnte 1958 das Ende der 40er Jahre geschriebene Werk Die Homosexualität  als biologisch-soziologische Zeitfrage von Rudolf Klimmer erscheinen.

 

24   Unter Berufung auf Johannes Werres gibt C. Whisnant (Hamburg’s Gay Scene S. 250) die Auflagenhöhe der Zeitschrift Die Insel für 1950 mit 16.000 Exemplaren an. Diese Zahl halte ich für viel zu hoch. Unrichtig ist darüber hinaus die genannte Jahreszahl, denn das erste Heft der Insel erschien im November 1951.

 

25   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 69, 82; Rosenkranz/Bollmann/Lorenz (s. o. Anm. 10) S. 137-139.

Das Hamburger Postamt 1 befand sich in der Münzstraße 2 (= Hühnerposten am Klostertor).

Zelcks „Beurteilung der Monatsschrift 'Die Freunde'“:

„Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß es sich um eine Zeitschrift handelt, die homosexuellen Charakter hat, d. h.  die Homosexualität propagiert, verherrlicht und besonders dadurch gefährlich wird, daß sie Verbindungen zwischen Homosexuellen herzustellen sucht, besondere Zusammenkunftsorte, Wohngelegenheiten und Vergnügungsstätten namhaft macht.

Die  gehäuften Phrasen, die unechte Lobpreisung sogenannter idealer Freundschaft, mit der natürlich die homosexuelle gemeint ist, die lächerliche Schwülstigkeit, von einem Freiheitsschrei von Millionen zu sprechen, der verlogene Idealismus, der vom Edelsten, was Menschen erhebt, faselt, die unsaubere, versteckte Art, die Werbung für die Homosexualität als einen Kampf um der Humanität willen darzustellen, vor allem aber die Weise, die übertrieben und in Superlativen versteckt das preist, was nichts als Perversität, die Gemeinheit übergoldet – das alles schafft eine Atmosphäre, die unsauber, unecht, schwül, ekelhaft und schwülstig ist, die lüstern macht, anlockt und verführt.

In unerhörter Frechheit spannt man geistige Größen, wie Goethe, Hölderlin, Wolt[sic] Whitmann [sic], ja sogar Maria Ebner – Eschenbach vor die Lasterkarre und betritt damit Wege raffiniertester Täuschung. Walt [o zu a berichtigt von Zelck] Whitmann [sic] als Kronzeugen für die Abirrungen und als 'verehrungswürdiges Vorbild' hinzustellen, bedeutet einen Mißbrauch, der an sich schon strafbar wäre.

Die Zeitschrift verfolgt nur den einen Zweck, für die Homosexualität zu weben; sie ist in ihrer Aufmachung unecht und unsauber; sie erweckt in Jugendlichen Lüsternheit und ist damit ein gefährliches Mittel der Verführung“.

 

Das erwähnte Schild mit der Erläuterung des Straßennamens „Max-Zelck-Straße“ befindet sich an der Ecke zum „Bindfeldweg“.

 

26   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 84f.

 

27   Vgl. Rosenkranz/Bollmann/Lorenz (s. o. Anm. 10) S. 136.

In dem Brief vom 13. Juni 1954 heißt es: „… Die Lage verschärft sich von Tag zu Tag. Am Freitag war ich mit unserem Anwalt beim Staatsanwalt. Keine der Schriften des Verlages könnte er mit unzüchtig bezeichnen, wie er es bei anderen Verlagen gemußt hätte. Aber auch unsere Schriften  seien jugendgefährdend und dürften nicht in Kiosken verkauft werden. Was hat man aber von einer Ware, die man nicht anbieten darf? ...Man will nicht verbieten… sondern würgt dafür lieber langsam den Atem ab. Die Aussprache verlief sehr lehrreich. Da die HUMANITAS eine wissenschaftliche Zeitschrift ist, mit Mitarbeitern wie Staatsanwalt Dr. Laserstein oder dem Richter Dr. Buse u. s .w. haben wir sofort die Beschwerde eingereicht. Schwierig ist es mit HELLAS. Wenn wir die Tendenz noch mehr zurücknehmen würden, auf Inserate verzichten und einen neutralen Umschlag nehmen würden, der Verzicht auf Bilder wurde nicht verlangt, aber sie müssten in der bisherigen Form bleiben, dann bestände vielleicht die Möglichkeit, die Zeitschrift für den Kioskhandel zuzulassen. Man war bereit, ein vorgelegtes Heft in Manuskriptform zu prüfen und mit der Oberstaatsanwaltschaft durchzusprechen. Nun stehe ich vor der Aufgabe, für HELLAS eine neue Titelseite zu schaffen, diesmal aber ohne Farbe. Auf der anderen Seite möchte ich die Leser anlocken, die sind ja leider so doof, daß ihnen das Wort  HELLAS nicht alles sagt, aber auf der  anderen Seite muß die Staatsanwaltschaft auch ja dazu sagen… Die HUMANITAS und die Gesellschaft für Menschenrechte haben dem Verlag bisher zwischen 6 – 7 Tausend DM Defizit gebracht. Das konnte HELLAS auch nicht herausholen, folglich mußte der Verlag zuschießen. Wenn nun aber HELLAS von Oben geknebelt wird, dann muß der Verlag für die Erstgenannten noch mehr dazugeben. Und das ist auf  große Sicht nicht tragbar.“

 

Christian Hansen Schmidt, geb. Christian Schmidt, Künstlername: Schmieden: geb. 25. Januar 1909 in Flensburg, gest. 7.9.1962 in Hamburg.  Sein Hauptwohnort befand sich in Flensburg; 1939 lebte er in Berlin, seit 1948 in Hamburg.

Am 28. August 1953 gründete er in der Kaiser-Wilhelm-Straße 47 seinen Verlag; und am 10. September 1955 eröffnete er in der Neustädter Straße 27-29 ein Lokal. Dabei handelte es sich um den ehemaligen Bronzekeller, den das Ehepaar Eisersdorff im März desselben Jahres aufgegeben hatte. Wirte des neuen Lokals waren Erwin Haarmann und Walter Timm.

 

Diese Angaben verdanke ich Ulf Bollmann, Archivar am Staatsarchiv Hamburg.

 

28   Vgl. C. Whisnant: Hamburg’s Gay Scene S. 229.

 

29   Vgl. Kuhn S. 60.

 

30   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 88-91.

 

31  Der Internationale Correspondenceclub Freundschaft mit der Zeitschrift Die Freundschaft, der Club der Freunde (Pan-Club) mit der Zeitschrift Die Freunde, die IFLO mit der Zeitschrift Die Insel/Der Weg, der Hamburger Kreis mit Hellas, die Gesellschaft für Menschenrechte mit der Humanitas..

Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm.17) S. 81

 

32  Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 89f.

 

33   Vgl. Rosenkranz/Bollmann/Lorenz (s. o. Anm. 10) S. 141-145.

 

34   s. o. S. 145f.

 

35   s. o. S. 129f.

 

36   Vgl. Clayton Whisnant: Hamburg’s Gay Scene S. 75-77.

Whisnant spricht von “gangs of such boys often harassed or even assaulted men and women who were seen as outsiders in the working – class community… In the case of attacks on homosexuals, violence also allowed boys to assert their masculinity and, in a symbolic fashion, to defend their community against the dangers associated ideologically with homosexuality.

In Hamburg’s parks, gangs of working – class youth would wander through, looking for men they suspected of being homosexual to accost or rob. In the mid 1960s, the Stadtpark attracted a gang of youths… who both robbed and blackmailed homosexuals who met in the area of the Indian playground. The police were aware of this gang… Men who visited gay bars often worried about being watched by working – class toughs, who might take the opportunity to ambush them…”

 

37   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 245f..

 

38   Über sein Büchersortiment informierte im Weg eine Zeitlang die Rubrik Das Buch für Sie bzw. Neue Bücher für Sie.

 

39   Vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17)  S. 75f.

 

40   s. o. S. 260f.

 

40a  Der Präsident der Hamburger Freien Akademie der Künste, Hans Henny Jahnn, den viele für homosexuell halten, sah  sich  selbst als omnisexuell, wodurch der homosexuelle Aspekt lediglich zu einer Facette seiner Gesamt-Sexualität herabgestuft wurde. Sieht man sein erstes Theaterstück Pastor Ephraim Magnus (1919) als Schlüsseldrama, so umfasste Jahnns Omnisexualität (oder vielleicht besser Anarchosexualität) sowohl Heterophilie und Inzest als auch Homophilie, Kastrationsvorstellungen, Nekrophilie, Sadomasochismus und den Fetisch Urin.

Ein sexuell derartig vielseitig geprägter Mann war nicht nur durch den § 175 gefährdet. Vor strafrechtlicher Verfolgung schützte ihn (vergleichbar Gustaf Gründgens) vermutlich seine internationale Bekanntheit.

 

41   Der Griffin Report 1956, hrsg. und übersetzt von Albrecht D. Dieckhoff. R. v. Decker’s Berlag. G. Schenck. Hamburg 1956.

 

Der Wolfenden Report 1957, hrsg. und übersetzt von Albrecht D. Dieckhoff. Kriminalistik. Verlag für kriminalistische Fachliteratur. Hamburg 1957.

Dieckhoffs Veröffentlichung begnügt sich mit den mehrseitigen Schlussfolgerungen und den wenigen Passagen der englischen Ausgabe, die für das deutsche Rechtssystem und Strafrecht relevant waren.

 

Ein Quaker – Bericht, 1963, zur Gleichgeschlechtlichkeit als Ergänzung zum Griffin Report der englischen Katholiken und zum Protestanten-Bericht liberal-evangelischer Kreise, veröffentlicht als fachwissenschaftliche Gruppenarbeit führender Quaker „Towards a Quaker View of Sex“, London 1963, zusammengestellt und übersetzt durch Rechtsanwalt Dr. Albr. D. Dieckhoff. Kriminalistik. Verlag für kriminalistische Fachliteratur. Hamburg 1963.

 

42   Albrecht Diedrich Dieckhoff wurde am 25. Dezember 1896 in Hamburg geboren. Er machte 1914 das Kriegsabitur und nahm als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil. 1922 bestand er die erste und 1925 die zweite juristische Staatsprüfung und erwarb 1926 den Doktortitel. 1928 wurde er als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen. In einer Hamburger Anwalt-Sozietät war er zuständig für die Sachgebiete ausländisches Gesellschafts-, Handels- und Steuerrecht.

Im November 1933 trat Dieckhoff der SS bei, die er nach der Ernennung zum Reserveoffizier der Wehrmacht im Jahre 1936 wieder verließ, wenn er auch weiterhin als SS-Mitglied geführt wurde. Am 1. Mai 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.

Vom 27. August 1939 bis Kriegsende nahm Dieckhoff am 2. Weltkrieg teil; von April 1945 bis Juni 1947 befand er sich in Kriegsgefangenschaft.

Nach  Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens am 16.6.1949 arbeitete Dieckhoff seit August 1949 wieder als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei und war darüber hinaus für die Engländer im Generalkommando in den Sophienterrassen tätig.

1939 war Dieckhoff von Franz Joseph II., dem Fürsten von Liechtenstein, in den erblichen Freiherrenstand erhoben worden, weil er das Fürstentum vor der Einbeziehung in das Großdeutsche Reich bewahrt habe.

 

Von 1939 bis zu seinem Tod lebte Dieckhoff in der Agnesstraße 24 in Hamburg – Winterhude. Er war verheiratet und hatte vier Kinder, für die er nach Auskunft eines Sohnes ein äußerst strenger Vater war.

 

Ob Dieckhoff gleichgeschlechtliche Neigungen hatte, ist unbekannt. Der oben erwähnte Sohn sagte kurz vor seinem Tod in einem Interview, er habe sich gewundert, dass so viele Homosexuelle die Kanzlei seines Vaters aufgesucht hätten, da dieser doch Spezialist für Völkerrecht gewesen sei.

 

Dieckhoff starb am 11. Oktober 1965; die Trauerfeier fand am 15. Oktober 1965 auf dem Ohlsdorfer Friedhof  statt. Beigesetzt worden ist er auf dem Niendorfer Friedhof.

 

Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten A 2976.

 

Zu den biographischen Details vgl. überdies die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Bernhard Rosenkranz und Peter Dieckhoff (1936-2007) aus dem Jahre 2007.

 

43   Wildeblood, Peter: Vom Gesetz geächtet. Verlag Franz Decker Nachf. Schmiden bei Stuttgart 1961.

 

44   Zu Dieckhoffs Publikationen vgl. Anhang IV des Vortrags Was 1935 Recht war, durfte 1957 nicht Unrecht sein. Zur Situation homosexueller Männer in Hamburg zwischen 1945 und 1969  auf meiner Homepage unter www.dr-lo.de Text Nr. 20.

Alleine in der Hamburger Homosexuellenzeitschrift Der Weg erschienen zwischen 1959 und 1965 mehr als zwanzig Beiträge von Dieckhoff.

 

Vorträge hielt Dieckhoff u. a. vor der Evangelischen Akademie Loccum (1959) und der Staatspolitischen Gesellschaft im Winterhuder Fährhaus (1963), in den Homosexuellenlokalen Stadtkasino und Neues Stadtcasino sowie im Stuttgarter Katharineneck vor der Reutlinger Kameradschaft die runde (25.4.1964).

 

45   Dies ist im Übrigen auch die Position des  Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 10. Mai 1957, das ausdrücklich auf den parlamentarischen Weg verweist, solle der § 175 StGB modifiziert oder abgeschafft werden.

 

46   Außer der Erwähnung im Nachruf auf Dieckhoff in der Zeitschrift Der Weg (Jahrgang 1965 Heft 8 S. 12) ist über den Griffin – Verband nichts bekannt.

Erwähnt wird er von Andreas Pretzel: NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945 = Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik Bd. 3. LIT Verlag. Münster-Hamburg-London 2002. S. 331.

 

47   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 12, S. 330.

 

48   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: Rep. 241-2: A 3267.

 

49   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1963, Heft IX/X S. 692-694.

 

50   Erschienen im Verlag Franz Decker. Schmiden bei Stuttgart 1961.

Vgl. auch Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 12, S. 263.

 

51   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 4, S. 73f.

 

52   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 12, S. 263.

 

53   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: A 1223; Personalamt: 241-2:2591/47; Personalwesen, Dozenten und Personalakten III 10: Dr. jur. Kaufmann, Hannes.

 

54   Die Bremer Pfingsteingabe ist gedruckt in der Zeitschrift Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 6, S. 133-138 sowie Heft 7, S. 156-162.

Vgl. Drs. V. Servatius: rondom de „bremer pfingsteingabe“. In: Vrienschap, 16e jaargang. December 1961 S. 185.

Vgl. Andreas Pretzel (s. o. Anm. 46) S. 332.

 

55   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1962, Heft 9, S. 446-449 sowie Jahrgang 1963, Heft Mai/Juni , S. 606-609, besonders S. 606f.

Vgl. Helmut Thielicke: Erwägungen der evangelisch-theologischen Ethik zum Problem  der Homosexualität und ihrer strafrechtlichen Relevanz. In: Sexualität und Verbrechen. Beiträge zur Strafrechtsreform. Fischer Bücherei Nr. 518/519. Frankfurt am Main und Hamburg 1963, S. 48-69.

 

56   Vgl. Der Weg, Jahrgang 1962, Heft 7 (Juli/August), S. 410.

 

57   Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: Rep. 214-2: A 1185.

 

58   Vgl. seinen Text Erneuerung des Sittenstrafrechts in England, Österreich und Deutschland. In: Der Weg, Jahrgang 1959, Heft 12, S. 373-375. Darin heißt es: „Durch unmittelbare Forderungen und besondere Eingaben interessierter Kreise, die schon in den letzten zehn Jahren zumindest keinen Erfolg hatten, würden diese Arbeiten eher erschwert als gefördert werden.“

Vgl. weiterhin Dieckhoffs Beitrag Die Bestimmungen des neuen Entwurfs eines Strafgesetzbuches (E 1960) zur  Bestrafung gleichgeschlechtlicher Handlungen und Vorgänge. In: Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 10, S. 269-276. Darin führt Dieckhoff aus: In der Strafrechtskommission und bei allen, die mit der Strafrechtsreform bekannt sind, fühle man sich durch Propagandamaterial und Eingaben von „interessierter Seite“ belästigt.

Vgl. weiterhin den Artikel Zur Strafrechtsreform. In: Der Weg, Jahrgang 1962/63, Heft 12 S. 501f.

Überdies polemisierte Dieckhoff gegen Magnus Hirschfeld und eine Politik à la Hirschfeld sowie gegen Filme wie Anders als die  Andern. Vgl. z. B. den Artikel Sittlichkeit undCommon Law“. In: Humanitas, Jahrgang 1954, Heft 4, S. 112 sowie Der Weg, Jahrgang 1959, Heft 12, S. 364.

 

59   Vgl. die Kurzmeldung in der Zeitschrift Die Freunde, Jahrgang 1951, Heft 6, S. 31 sowie umfangreiche Auszüge aus Ackermanns Referat in Stuttgart in der Zeitschrift Die Insel, Jahrgang 1951, Heft 1, S. 30f, und Heft 2, S. 28f.

 

60   Vgl. dort S. 149-160.

 

61   Vgl. dort S. 250-258.

 

62   Verkehrt habe Dr. Reinhard u. a. im Lokal Witwe Reimers (gegenüber dem Bronzekeller) in der Neustädter Straße, dessen Inhaber – Hans Reimers – er als Anwalt vertrat. In dem genannten Lokal, in dessen Keller Reimers an sechs oder sieben junge Leute vermietete, habe Reimers mit Tunten „poussiert“. (Bericht eines Zeitzeugen am 9. Juni 2009).

Reinhard Kostenrechnung für ein, zwei Schreiben waren nicht niedrig (vgl. Sammlung Lorenz).

 

63   Furche Verlag. Hamburg 1963. S. 259-272.

 

64   Vgl. zur IHWO: Raimund Wolfert: Gegen Einsamkeit und „Einsiedelei“. Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2009.

 

65   Das Schreiben befindet sich in der Sammlung Lorenz.

 

66   Vgl. zur Isermeyer-Petition vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 146f.; Andreas Sternweiler (Hrsg.): Liebe, Forschung, Lehre: Der Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer (= Schwules Museum. Lebensgeschichten 4). Verlag rosa Winkel. Berlin 1998. S. 104-129.

Zu Biermann-Ratjen vgl. Rosenkranz/Lorenz (s. o. Anm. 17) S. 312f.