Weder Krankheit noch Verbrechen

 

                         Die Hamburger Unterstützerszene zur Aufhebung des § 175 StGB

 

                                    während der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts

 

              Vortrag in der Hamburger Buchhandlung „Männerschwarm“ am 8. September 2009

 

 

 

Eine Volksabstimmung über die Aufhebung des § 175 StGB hat es in der Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben. Hätte sie stattgefunden, sie wäre vermutlich gescheitert im Jahre 1969, als im Deutschen Bundestag von der Großen Koalition die erste wegweisende Reform des § 175 StGB beschlossen wurde; denn eine Meinungsumfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach vom Dezember 1968 weist aus, dass 45% der westdeutschen Bevölkerung die geplante Liberalisierung des Homosexuellenstrafrechts ablehnten; 37% sprachen sich für die angestrebte Straflosigkeit homosexueller Handlungen unter volljährigen Männern aus, 17% waren unentschieden (1).

 

Zwanzig Jahre später, im Februar 1987, waren die Umfrageergebnisse zu Homosexualität und Homosexuellen nicht besser (2).

 

Und wie Volksabstimmungen im Jahre 2009 bei unseren östlichen Nachbarn oder gar in muslimischen Staaten ausgingen, ist nicht schwer zu erraten.

Dasselbe gilt im Übrigen für viele amerikanische Bundesstaaten.

 

Die Probleme sexueller Minderheiten (wie von Minderheiten überhaupt) lassen sich offensichtlich nicht mit Mechanismen der direkten Demokratie erträglich gestalten.

 

Die Reform des § 175 StGB in der Bundesrepublik Deutschland beruhte auf einer politisch-parlamentarischen Entscheidung, die Abschaffung des Strafparagraphen gegen Homosexuelle in der DDR auf einer Entscheidung der Partei- und Staatsführung.

Beide Entscheidungen entsprachen aber kaum dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung beider Staaten.

 

Auf der anderen Seite: Es gab im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik Deutschland immer auch Menschen, die sich öffentlich für die Interessen homosexueller Männer und für die Aufhebung der Strafbestimmungen nach § 175 StGB einsetzten.

 

Am bekanntesten ist der Aufruf des Wissenschaftlich humanitären Komitees zur Aufhebung des § 175 StGB und  der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen.

Er wurde 1897 von Magnus Hirschfeld und  Max Spohr verfasst; die vier Erstunterzeichner waren August Bebel, der Psychiater Richard von Krafft - Ebing, der Strafrechtler Franz von Liszt und der Schriftsteller und Freund des Kaisers Ernst von Wildenbruch.

Der Vorsitzende der SPD August Bebel brachte den Aufruf als  Petition mit 200 Unterschriften im selben Jahr zum ersten Mal im Reichstag ein. In den Jahren 1898, 1904, 1907, 1926 wurde die Petition dem Deutschen Reichstag erneut vorgelegt; sie trug 1898 fast eintausend und 1907 sechstausend Unterschriften (3). Ein bedeutender Teil der Unterzeichner gehörte zur geistigen und künstlerischen Elite des deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik (4).

Zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus gehörte im Frühjahr 1933 die erste deutsche Homosexuellenbewegung: ihre  Organisations- und Infrastruktur wurden zerschlagen, ihre Zeitschriften verboten, zahlreiche einschlägige Lokale geschlossen, die Treffpunkte überwacht. Das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld ist im Mai 1933 geplündert und zweckentfremdet worden, seine 12.000 Schriften wurden öffentlich verbrannt. Die Protagonisten der ersten Homosexuellenbewegung wurden verfolgt: sie flohen ins Ausland, sind in Konzentrationslagern gefoltert, physisch oder psychisch zerstört oder ermordet worden. Blieben sie von Verfolgungen verschont, zogen sie sich zurück, vereinsamten. Die Lobbyarbeit zugunsten der Homosexuellen kam völlig zum Erliegen.

Die Homosexuellenlokale, die in Hamburg und Berlin weiterhin existierten, waren keine Rückzugsnischen und boten für ihre Besucher keine Sicherheit..

Bei der Verschärfung des § 175 und der Einführung des § 175a – die Konzepte dafür reichten in Kaiserreich und Weimarer Republik zurück – befanden sich  NSDAP und Reichsregierung in Einklang mit der Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

 

Als Deutschland im Mai 1945 kapitulierte, änderte sich für die deutschen Homosexuellen wenig: Zwar konnten sie nicht länger in Konzentrationslager eingewiesen werden, doch galten die verschärften Strafrechtsbestimmungen des Jahres 1935 noch weitere 24 Jahre.

 

„Homosexuelles Leben“ beschränkte sich nach der Kapitulation bis Anfang der 50er Jahre auf die traditionellen Treffpunkte in oder an Klappen, auf Parks und Anlagen sowie auf die in der Trümmerlandschaft Hamburgs oder Berlins entstehenden einschlägigen Lokalen. Und es blühte die männliche Prostitution – unter Beteiligung von Angehörigen der jeweiligen Besatzungsmacht.

 

Die ausgehenden 40er und die 50er Jahre boten weder in Westdeutschland noch in anderen Teilen Europas günstige Voraussetzungen für Homosexuelle, und zwar unabhängig von der Strafbarkeit homosexueller Handlungen in den jeweiligen Staaten: Homosexuelle wurden diskriminiert, verfolgt, aus unterschiedlichen Gründen verhaftet, in Gerichtsverfahren verwickelt.

In Österreich und Westdeutschland kam es zu Massenverhaftungen. Allein in Frankfurt am Main ist 1950/51 auf Grund der Aussagen des Strichjungen Otto Blankenstein durch Staatsanwalt Fritz Thiede und Amtsgerichtsrat Dr. Kurt Ronimi gegen mehr als 200 Männer ermittelt worden, 100 wurden festgenommen, und gegen 75 Männer ist Anklage erhoben worden.

 

Skandale mit homosexuellem Hintergrund erschütterten Dänemark, Schweden, Großbritannien:

In Kopenhagen war es die von dem  homosexuellenfeindlichen Polizeidirektor (dänisch: politiinspektør) und Verfasser homophober kriminalpolitischer Studien Jens Jersild 1955 hervorgerufene Pornographieaffäre (Den store pornografiaffære) mit ca. 1000 Vorladungen, zahlreichen Verhaftungen und Verurteilungen.

 

In Schweden löste 1950 der Pastor der Stockholmer Stadtmission Karl- Erik Kejne geb. Johansson (1913-1960) einen langwierigen und weit reichenden Skandal aus, der auch die Affären um die beiden Ärzte Dr. Oterdahl und Dr. Kalmark einschloss. Überdies erreichte die seit den 30er Jahren schwelende Haijbyaffäre, in die König Gustav V.  involviert war, seit Mitte der 40er und in den 50er Jahren einen Höhepunkt. Sie wird in der Literatur mit der Eulenburgaffäre im Deutschen Kaiserreich verglichen. Beide Skandale führten zu einer homosexuellenfeindlichen Stimmung in Schweden, forciert und getragen insbesondere von der politischen Linken und dem berühmten Schriftsteller Vilhelm Moberg (1898-1973).

 

Und in Großbritannien erschütterte 1954 der so genannte Montagu - Skandal die Öffentlichkeit, in dessen Verlauf  Edward Lord Montagu of Beaulieu, Major Pitt-Rivers und der Journalist Peter Wildeblood (1923-1999) am 9. Januar 1954 auf rechtswidrige Weise verhaftet und am 24. Mai desselben Jahres in einem vorurteilsgeladenen Prozess zu 12 bzw. 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurden.

 

Diese Massenprozesse, Affären und Skandale auf homosexueller Grundlage riefen Gegenreaktionen hervor, deren Ziel das Ende der Diskriminierung der Homosexuellen und die Aufhebung der gegen sie gerichteten Strafbestimmungen war. Stießen diese Bestrebungen in den 50er Jahren auf heftigen Widerstand und wenig Gegenliebe, so bildeten sie doch die Grundlage für die positive Entwicklung Ende der 60er Jahre, die in Deutschland und Großbritannien zur Reform des Sexualstrafrechts führte, und damit zur Besserung der rechtlichen Situation der Homosexuellen am Ende des 20. Jahrhunderts.

 

Nicht nur in Deutschland hatte nach dem Zweiten Weltkrieg eine rege Diskussion über Sinn und Unsinn des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle und über deren Diskriminierung eingesetzt. Die Frage, welches Rechtsgut bei einvernehmlichen nichtöffentlichen gleichgeschlechtlichen Handlungen unter Erwachsenen verletzt werde, wurde zumeist kurz und bündig beantwortet: Kein einziges.

Die Befürworter der Bestrafung homosexueller Handlungen und der Diskriminierung Homosexueller wichen auf außerrechtliche Argumente aus – auf bevölkerungspolitische und eugenische, verwiesen auf das gesunde Volksempfinden, auf Sitte, Moral und Religion, deren Kategorien selektiv ausschließlich gegen Homosexuelle rechtbegründend sein sollten, beriefen sich auf Verschwörungstheorien, sahen die Homosexuellen wahlweise im Solde des Klassenfeindes, dunkler Mächte oder als 5. Kolonne Moskaus – und damit nicht nur als Kriminelle, sondern auch als Staatsfeinde oder Feinde der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung oder als mächtige Bruderschaft, die beispielsweise das Schicksal Schwedens in ihren Händen halte. Sie warnten vor der Cliquenbildung der Homosexuellen, als stehe eine homosexuelle Machtübernahme bevor, wenn man die Strafbestimmungen abschaffte. Man sah in jedem Homosexuellen einen Verführer zur Homosexualität – und nicht nur der Jugend -  da jeder Mensch homosexualisierbar sei. Überdies machten sie die Homosexuellen für die männliche Prostitution und deren Folgen verantwortlich. Günstigstenfalls gingen sie davon aus, dass Homosexualität lediglich ein Problem der gesellschaftlichen Verhältnisse sei und verschwinden werde, wenn diese sich änderten und in eine klassenlose Gesellschaft mündeten.

All das ist u. a. nachzulesen bei Curzio Malaparte, Richard Gatzweiler, in der kommunistischen Hamburger Volkszeitung oder in den überlieferten Äußerungen von Karl- Erik Kejne.

 

So verbreitet diese Ansichten  in Deutschland, in Skandinavien oder Großbritannien auch gewesen sein mögen, sie spiegeln keinesfalls den Stand des öffentlichen Diskurses in diesen Staaten während der 50er Jahre wieder. Im Gegenteil! Zu konstatieren ist ein eklatanter Widerspruch zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und öffentlicher, insbesondere auch theologischer und juristischer Diskussion einerseits und politischer sowie juristischer Handlungsweise andererseits.

Politik, Kriminologie und Rechtsprechung erscheinen dem Betrachter beratungsresistent – sei es  aus Ignoranz gegenüber der wissenschaftlichen Diskussion, die einfach nicht zur Kenntnis genommen wurde, was zahlreiche Beiträge so genannter Sachverständiger belegen, sei es aus ideologischen Erwägungen oder aus politischem Kalkül.

 

Die Argumente zeitgenössischer Politiker, juristischer Praktiker, von Geistlichen und Literaten, die sich gegen eine Reform des § 175 StGB wandten, sind von heute aus gesehen erschreckend verbohrt oder zynisch, falls ihr Handeln wider besseres Wissen nur Volkes Stimme geschuldet sein sollte – und sie waren es doch auch schon in den 50er Jahren. Gewiss, die Politiker und Verfassungsjuristen, die den § 175 StGB befürworteten, waren Kinder ihrer Zeit – das ist eine Binsenwahrheit und bedeutet nichts, denn Kinder ihrer Zeit waren auch die Theologen, Mediziner, Psychologen, Juristen und Schriftsteller, die die Strafwürdigkeit homosexueller Handlungen in Frage stellten und ablehnten. Im Unterschied zu Böll, Grass, Koeppen, Malaparte, Moberg und Sartre verschlossen James Baldwin, Horst Bienek, Joseph Breitbach, Hubert Fichte, Rolf Italiaander oder Hans-Henny Jahnn nicht ihre Augen vor den Ergebnissen der wissenschaftlichen Diskussion zu Homosexualität und Strafbarkeit homosexueller Handlungen, der mit der Veröffentlichung der Studie Sexual Behavior in the Human Male – des so genannten Kinsey-Reports – im Jahre 1948 einen gewaltigen Auftrieb erhalten hatte.

 

Nahezu zeitgleich mit dem Kinsey-Report hatte Rudolf Klimmer in Dresden sein grundlegendes Werk Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage fertig gestellt, das freilich aus ideologischen und politischen Gründen erst 1958 außerhalb der DDR, nämlich in Hamburg, erscheinen konnte.

 

Während  1951 der 39. Deutsche Juristentag und am 5. Dezember 1955 der Strafrechtsausschuss der Bundesanwaltskammer die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher homosexueller Handlungen unter Erwachsenen empfahl, traf der BGH in den Jahren 1951 und 1952 gleich vier homosexuellenfeindliche Entscheidungen, die durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 10. Mai 1957 ihre höchsten Weihen empfingen.

Parallel zu den Frankfurter Homosexuellenprozessen der Jahre 1950/51 wandte sich der später in Hamburg wirkende Hans Giese am 1. November 1950 für die Forschungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung mit einer Eingabe zu den §§ 175, 175a StGB an den Deutschen Bundestag.

Empört über die Frankfurter Homosexuellenverfolgung und beeindruckt von dem Leserbrief der Mutter eines betroffenen Mannes in der Frankfurter Rundschau, schrieb der Deutsch-Niederländer Rolf Italiaander, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Hamburg lebte und wirkte, das Theaterstück Das Recht auf sich selbst, das am 2. April 1952 in den Hamburger Kammerspielen unter der Regie von Ida Ehre uraufgeführt wurde. In diesem Stück setzt sich Italiaander für die Abschaffung des § 175 und für Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen ein.

Italiaander gehört mit diesem Stück zu den ersten Protagonisten der deutschen Nachkriegshomosexuellenbewegung. Und von Italiaander stammt auch die letzte Textsammlung dieser Nachkriegshomosexuellenbewegung zum Thema Abschaffung des § 175 - sie erschien 1969, im Jahr der ersten Reform des Homosexuellenparagraphen unter dem Titel Weder Krankheit noch Verbrechen. Plädoyer für eine Minderheit im Hamburger Gala-Verlag.

 

Unterstützung erfuhr die Sache der Homosexuellen in den 50er Jahren – für viele Betroffene unerwartet und erstaunlicherweise – nicht zuletzt von den Kirchen.

 

Ohne die theologische Problematik mann - männlicher Liebe zu verschleiern oder gar zu verschweigen, setzte sich 1951 – mitten in der Kejne - Affäre – ein Hirtenbrief der lutherischen Bischöfe Schwedens für die Straflosigkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen ein und stellte sich damit ausdrücklich hinter die Entscheidung des schwedischen Reichstags von 1944, die im Zusammenhang mit den Skandalen um Kejne und Haijby von interessierter Seite abgelehnt und deren Revision angestrebt wurde.

 

Und zeitgleich mit dem Montagu - Skandal  plädierten für die Straflosigkeit einvernehmlicher homosexueller Handlungen im Jahre 1954 der Interim – Report der Anglikanischen Kirche und  1955 der Bericht Sexual Offenders and Social Punishment des protestantischen Bischofs von St. Albans (5).

Dieselbe Position vertritt der Griffin – Report (6) der katholischen Kirche aus dem Jahr 1956, der zwar betont, dass Homosexualität Sünde sei, diese aber ausschließlich das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen betreffe und den Staat nichts angehe. Zur selben Zeit vertrat in der Bundesrepublik Deutschland die katholische Kirche einen strikt homophoben Kurs: die Erzdiözese Köln unterstützte mit dem in Köln ansässigen Volkswartbund die homosexuellenfeindlichen Pamphlete des Bonner Amtsgerichtsrats Richard Gatzweiler unter dem Titel Das Dritte Geschlecht (1951) und Die Homosexualität des Mannes und das Strafgesetz (1954).

Die freieste Sicht auf Homosexualität hat der Quäkerbericht Towards a Quaker View of Sex aus dem Jahr 1963. Für ihn ist die Liebe zwischen Männern oder diejenige zwischen Frauen ebenso wenig Sünde wie die zwischen Mann und Frau.

 

Die Haltung der Church of England und der katholischen Kirche in England fand ihre Entsprechung in Initiativen von Seiten der konservativen Partei Großbritanniens.

Seit dem 24. August 1954 gab es den Britischen Regierungsausschuss, auch Wolfenden Committee genannt, zur Überprüfung der Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen. Er ist eine unmittelbare Folge des Montagu - Skandals. Bei der Verhaftung von Lord Montagu, Pitt-Rivers und Peter Wildeblood am 9. Januar 1954 und im Prozess am 24. Mai 1954 war massiv gegen geltendes Recht verstoßen worden. Dies hatte zu scharfen Kommentaren in der britischen Presse und zu parlamentarischen Interventionen im Unterhaus und schließlich auf Initiative von Robert Boothby (7) zur Gründung der erwähnten Ausschusses unter dem Vorsitz von John Frederick Wolfenden (8) geführt.

In diesem Ausschuss arbeitete Wildeblood nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis und auf Grund seines 1955 erschienenen Buches Against the Law (9) als „sachverständiger Zeuge“ mit. Wildeblood schildert  in seiner Autobiographie seine Kindheit und Jugend, berichtet, wie er sich bewusst wurde, homosexuell zu sein, und wie er sich entschied, seine Veranlagung offen zu vertreten. Zentrales Thema aber ist Wildebloods Verhaftung, die Verurteilung zu 18 Monaten Gefängnis und die Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe in einer der heruntergekommensten Strafanstalten Englands.

Breit geht der Verfasser auf die zahlreichen Rechtsverstöße bei seiner Festnahme und im Laufe der Ermittlungen sowie auf die von Vorurteilen geprägte Belehrung der Schöffen durch den vorsitzenden Richter ein.

Scharf kritisiert Wildeblood das Gefängniswesen, wobei er die Gefängniswärter weitgehend freundlich, die Gefängnisleitung durchweg negativ beurteilt.

Abschließend erwähnt Peter Wildeblood die guten Erfahrungen mit der toleranten Einstellung der englischen öffentlichen Meinung zu Homosexualität und Homosexuellen.

Diese Toleranz fand Eingang in den Abschlussbericht des Ausschusses, den Wolfenden-Report, vom 12. August 1957, in dem die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen empfohlen wird. Allerdings sollte es noch 10 Jahre dauen, bis diese Empfehlung in Großbritannien umgesetzt wurde.

 

Während  der Kinsey-Report und der Hirtenbrief der lutherischen Bischöfe Schwedens mit mehrjähriger Verzögerung ins Deutsche übersetzt wurden (10),  lagen Griffin Report, Wolfenden Report und Quäker Bericht schon kurz nach ihrem Erscheinen in deutscher Sprache vor (11). Zu verdanken war dies dem Hamburger Rechtsanwalt Albrecht Diederich Dieckhoff (1896-1965), der nicht nur die englische Sprache beherrschte (was in den 50er Jahren in Deutschland keineswegs vorauszusetzen war), sondern als Barrister - at – Law auch in England als Anwalt zugelassen war.

 

Dieckhoff ist durch die Übersetzung des Griffin bzw. Wolfenden Reports, des Quäker-Berichts und des Buches Against the Law von Peter Wildeblood (12) sowie durch Zeitschriftenbeiträge und Vorträge  d e r  Multiplikator der britischen Initiativen und Vorstellungen der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen in Hamburg und Westdeutschland.

Aber nicht genug damit: Dieckhoff betrieb darüber hinaus mit großem Engagement die Umsetzung der britischen Vorschläge in deutsches Recht durch eigene juristische Publikationen, durch Vorträge vor Akademien, Beiträge in Homosexuellenzeitschriften (13) und Eingaben an die Verfassungsorgane.

 

Dieckhoffs Position war: Es sei müßig, auf die Einsicht der Richter zu warten oder zu vertrauen. Eine Änderung der Rechtsprechung gegenüber homosexuellen Handlungen setze die Änderung der Gesetzgebung voraus (14) – und diese gelte es durchzusetzen durch Lobbyarbeit bei den dafür zuständigen verfassungsmäßigen Organen: Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung.

Zu diesem Zweck gründete Dieckhoff in Hamburg den Griffin – Verband, dessen Ziel die Straffreiheit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen war (15).

Und es gelang Dieckhoff, eine Reihe hervorragender Hamburger Juristen im Umkreis der Evangelischen Akademie an der Esplanade zu gewinnen, die mit Eingaben an die genannten Verfassungsorgane in den Gesetzgebungsprozess zur Strafrechtsreform einzugreifen suchten.

Dieser war seit der Konstituierung der Großen Strafrechtskommission am 6.4.1954 durch Justizminister Franz Neumeyer von der FDP (1884-1973) nur schleppend vorangekommen und für die Homosexuellen wenig Erfolg versprechend verlaufen. Zwar hatte die Große Strafrechtskommission 1959 die Aufhebung der Strafbarkeit des Grundtatbestandes (= einvernehmliche nicht öffentliche gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen) empfohlen, doch der am 8.9.1960 verabschiedete Regierungs-Gesamtentwurf zur Strafrechtsreform sah nach wie vor die Strafbarkeit beischlafähnlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen vor. Wegen der zu Ende gehenden Wahlperiode beschäftigten sich weder Bundestag noch Bundesrat mit diesem Entwurf (16).

 

Als erster der Hamburger Verbündeten Dieckhoffs richtete  Landgerichtsdirektor Dr. Friedrich Wilhelm Bertram für den Rechtskreis der Evangelischen Akademie der Hamburger Landeskirche eine Eingabe an die Bundesregierung zugunsten der Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher  gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen (17).

Bertram leitete diesen Rechtskreis zusammen mit dem Landgerichtsdirektor Fritz Valentin, der 1951 zwei homosexuelle Männer in einem Berufungsverfahren nach § 175 StGB zu je 3,- DM verurteilt hatte, mit diesem Urteil aber kein Zeichen hatte setzen können.

Bertram war von 1929 bis 1933 Mitglied der Deutschen Staatspartei, trat am 1. Mai 1933 wie der Großteil seiner im Amt gebliebenen Hamburger Kollegen der NSDAP bei, wurde 1943 Landgerichtsdirektor, war seit 1958 ständiger Vertreter des Landgerichtspräsidenten und seit 1963 Vizepräsident des Landgerichts Hamburg. 1968 wurde er pensioniert.

Bertram hatte fünf Kinder und engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits vor allem im Bereich Jugendgerichtsbarkeit und als Anstaltsbeirat der Strafanstalt Neuengamme und andererseits als Vorsitzender des Landesschulelternbeirats und als Vorsitzender der unabhängigen Kommission für das Hamburger Schulwesen. Neben seiner Funktion in der Evangelischen Akademie war er Mitglied des Verwaltungsrates der Stiftung „Öffentliche Bücherhalle“ und mehrfach Untersuchungsführer in Disziplinarverfahren der Evangelisch – Lutherischen Landeskirche Hamburg gegen Pastoren. Bertram hielt außerdem wiederholt Vorträge vor der liberalen Friedrich – Naumann – Stiftung und der Evangelischen Akademie Loccum, und zwar in der Regel über Probleme des Jugendstrafrechts (18).

1963 hatte Bertram den Vorsitz im Prozess gegen den 1942 geborenen jugendlichen Mörder  des homosexuellen Schauspielers Fred Wagner – Golden; für die Prozessführung und das Urteil wurde Bertram von Jack Argo (= Johannes Werres) in der Homosexuellen – Zeitschrift Der Weg ausdrücklich gelobt (19).

 

Nach Bertrams Initiative von 1960 veröffentlichten 1961 Rechtsanwalt Dieckhoff, der Gefängnisarzt Karl Knop und Arbeitsgerichtsdirektor i. R. und Vorsitzender  des Hamburger Protestantenvereins Dr. Hannes Kaufmann den Protestanten-Bericht. Dieser steht in der Tradition der englischen Interim-, Griffin-, und Wolfenden Reports und bezieht sich ausdrücklich auf sie, wie dies schon der sperrige bzw. barocke Titel dieser Denkschrift zeigt: Wer wirft den ersten Stein? Bericht zum Interim Report der Anglikanischen Hochkirche, dem Griffin Report der Englischen Katholiken und dem Wolfenden Report des Britischen Regierungsausschusses für die deutschsprachigen Protestanten veranlasst durch den Vorsitzenden des Hamburger Protestantenvereins und benannt Der Protestanten – Bericht (nebst vollständiger Übersetzung des Griffin Reports) von Albr. D. Dieckhoff; in Zusammenarbeit mit Karl Knop und hrsg. von Hannes Kaufmann (20).

 

Am 25. Februar 1960 hatte Kaufmann als Vorsitzender des reformerisch orientierten Hamburger Protestantenvereins in den Vortrag von Dr. Dieckhoff zum Thema Moraltheologie und Kriminologie im Sittenstrafrecht eingeführt und dabei die weitere Bestrafung des Grundtatbestands gleichgeschlechtlicher Handlungen als Skandalon bezeichnet (21).

 

Am 7.12.1961 beteiligten sich Kaufmann, Dr. Knop und Dr. Dieckhoff im Kirchensaal der Reformierten Gemeinde an einer Podiumsdiskussion über ihren Protestanten-Bericht. Veranstalter waren der Hamburger Protestantenverein und der Hamburger Verein für Bürgerrechte (22).

 

Dr. jur. Hannes Kaufmann (1887-1969) war 1927 Arbeitsgerichtsdirektor geworden, hatte vom 1. Februar 1919 bis zum 1. Juli 1927 die Öffentliche Rechtsauskunfts- und Vergleichsstelle (ÖRA) geleitet und nahm einen Lehrauftrag für Arbeitsrecht an der Universität Hamburg wahr. 1925 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Hamburger Vereins Pro Honore, der sich den „Kampf gegen das Bestechungs- und Schmiergeldunwesen und für Ehrbarkeit in Handel und Wandel“ zur Aufgabe gesetzt hatte.

Als engagiertes Mitglied der linksliberalen Deutschen Staatspartei wurde Hannes Kaufmann am 18.7.1933 vom Hamburger Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900-1969) nach § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 aus dem Staatsdienst entlassen (23). Nach dem 2. Weltkrieg übernahm er vom 4.2.1946 bis zu seiner Pensionierung am 31.3.1952 erneut die Leitung der ÖRA. Kaufmann hielt danach zahlreiche Vorträge, u. a. vor der Evangelischen Akademie Hermannsburg (24).

 

Von Dieckhoff beeinflusst, vertrat 1961 dieselbe Position wie der Protestanten-Bericht die von Anna Stübbe initiierte Bremer Pfingsteingabe  des Clubs Elysium bei Bundespräsident Theodor Heuss, Generalbundesanwalt Dr. Max Güde und dem Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, einem der engagiertesten Kämpfer für die Aufhebung des

§ 175 StGB. Der Bremer Pfingsteingabe beigefügt waren der Griffin Report, der Wolfenden Report, Peter Wildebloods Buch Vom Gesetz geächtet, rechtsvergleichende Tafeln zum Schutzalter und Dieckhoffs Vortrag vor der Evangelischen Akademie Loccum (1959) und vor dem Hamburger Protestantenverein (1960) unter dem Titel Kriminologie und Moraltheologie in England. Die Dezemberausgabe der niederländischen Homosexuellenzeitschrift Vriendschap schrieb: „De eerste reacties op de petitie zijn gunstig; of deze echter het beoogde effect zal hebben, kann alleen de toekomst leren“ (25).

 

Die Verfasser des Protestantenberichts griffen 1962 mit der Julidenkschrift, die u. a. die Position des Hamburger Theologen Helmut Thielicke zur Homosexualität enthält, erneut in die Diskussion um die Strafbarkeit gleichgeschlechtlicher Handlungen ein (26).

 

Und dasselbe tat der ehemalige Landgerichtspräsident Dr. Johannes Meyer zusammen mit Kaufmann mit einer gesonderten Eingabe an die Verfassungsorgane vom 6. Juli 1962 (27).

Anlass für diese Eingabe war die Mehrheitsentscheidung des Bundesrates am 27.6.1962 gegen die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen. Ein Schreiben des Bundesjustizministeriums an Dieckhoff, Kaufmann und Knop vom 17.9.1962 bestätigt den Empfang der Eingabe und betont, dass sowohl Bundesregierung als auch Bundesrat „die Strafbarkeit schwerwiegender homosexueller Handlungen zwischen erwachsenen Männern für unverzichtbar“ hielten; die Entscheidung liege nun beim Bundestag.

Dr. jur. Carl Robert Johannes Meyer (1882-1967) war am 1. Februar 1931 Landgerichtspräsident geworden. Als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), später Deutsche Staatspartei, wurde er am 1. November 1933 gemäß § 4 (unter Rückstufung zum Landgerichtsdirektor nach § 5 Abs. 1) des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 in den Ruhestand versetzt.

In den Jahren 1935 bis 1942 wurde Meyer wiederholt verdächtigt, nichtarischer Abstammung zu sein.

Nach Kriegsende erhielt Dr. Meyer 1945 von der britischen Militärbehörde die Zulassung als Richter und war von 1945 bis 1948 wieder im Hamburger Justizdienst tätig.

Zwischen 1922 und 1933 war Meyer Vorsitzender des Hamburger Kunstvereins, Förderer der Hamburger Kammerspiele unter Erich Ziegel und-  nach dem 2. Weltkrieg - des Hamburger Zimmertheaters sowie des Künstlerklubs die insel (28).

 

Kennzeichnend für die genannten Initiativen Hamburger Juristen aus einem aufgeklärten protestantischen Milieu (aus dem im Übrigen auch Bundesjustizminister Gustav Heinemann stammte, der die erste Reform des § 175 durchsetzte) zugunsten der Aufhebung der Strafbestimmungen gegen einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen unter Erwachsenen war, dass die Betroffenen selbst nicht zu Wort kamen. Im Gegenteil: Dieckhoff wandte sich vehement gegen entsprechende Versuche und gab zaghaftesten Äußerungen von Seiten der Homosexuellen zur Frage der Reform des § 175 StGB die Schuld dafür, dass man bisher nichts erreicht habe (29).

 

Die Haltung der Bevormundung und der Entmündigung der Homosexuellen durch wohlmeinende Außenstehende – eine Art Gutsherrenmentalität – galt es ebenso zu überwinden wie die Onkel – Toms - Hütte- Mentalität vieler Homosexueller. Dies aber wurde erst – als Folge der 68er-Ereignisse – nach der Reform des § 175 StGB vom 9. Mai 1969 erreicht und prägte schon die letzte Gruppierung der Nachkriegshomosexuellenbewegung, die IHWO, bevor die zweite deutsche Homosexuellenbewegung  andere Akzente setzte.

 

Erwähnung finden müssen neben Dr. Albrecht D. Dieckhoff drei weitere Hamburger Rechtsanwälte, die sich während der 50er und 60er Jahre für die Sache der Homosexuellen eingesetzt haben. Die Forschungen zu ihnen werden dadurch erheblich behindert, dass die Hanseatische Rechtsanwaltskammer nicht bereit ist, Einsicht in die Akten dieser drei verdienstvollen Männer zu gewähren.

 

Dr. Heinrich Ackermann (1911-1992) war es, der 1951 auf dem Deutschen Juristentag in Stuttgart für die Aufhebung der Strafbarkeit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter volljährigen Männern plädierte. Seine Entschließung hierzu wurde mit Mehrheit angenommen (30).

 

Dasselbe Ziel verfolgt Ackermanns Aufsatz Zur Frage der Strafwürdigkeit des homosexuellen Verhaltens des Mannes im wichtigen Sammelband Sexualität und Verbrechen, den der Fischer-Verlag im Jahre 1963 veröffentlichte (31).

 

Dieselbe Position wie Ackermann vertritt Rechtsanwalt Dr. Herbert Ernst Müller (1915-1976) in seinem Beitrag Der erwachsene Homosexuelle im deutschen Strafrecht heute – morgen in dem verdienstvollen Symposionverband des Hamburger Furche-Verlags aus dem Jahr 1963 (32).

 

Im homosexuellen Milieu Hamburgs während der 50er bis Anfang der 80er Jahre am bekanntesten ist vermutlich der Rechtsanwalt Dr. Friedrich Franz Reinhard (1915-1985) gewesen.

Ein Zeitzeuge schilderte  im Jahre 2009 Dr. Reinhard als großen, schweren Mann, der nicht schwul gewesen sei. Er habe sich nicht nur engagiert für die Rechte der Homosexuellen, sondern auch effektiv für angeklagte Schwule eingesetzt und Verfahren in Hamburg und Lübeck geschickt vor solche Richter bringen können, die Homosexuellen gegenüber positiv eingestellt gewesen seien (33).

Reinhard war juristischer Berater der Zeitschrift Die Freunde, Anwalt der 1970 gegründeten Hamburger Gruppe der IHWO (34), verteidigte zahlreiche homosexuelle Männer, u. a. die Redakteure Johannes Dörrast (1951 und 1952) und Erwin Haarmann (1954) sowie die beiden Angeklagten in dem Prozess, der 1951 zu dem 3 - DM –Urteil geführt hatte. Reinhard hielt  Vorträge über Rechtsfragen, z. B. 1954 vor dem Hamburger Kreis homosexueller Männer; 1971,  bei einem Treffen der IHWO referierte er  über die Herabsetzung der Schutzaltergrenze, und 1962 war er Mitautor der Isermeyer -  Petition an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages.

Seine rechtliche und moralische Position verdeutlichte Reinhard 1963 in dem Beitrag Homosexualität – Erfahrungen der forensischen Praxis für den Symposionband Der homosexuelle Nächste (35).

 

Die Vorgänge bei der 1. Hamburger Stonewalldemonstration im Jahre 1980 und die damit verbundene Hamburger „Spiegelaffäre“ hatten die Homosexuellen der Hansestadt nicht nur aufgebracht, sondern auch stärker politisiert und kampfbereit gemacht. Flugblätter wie Skandalöse Entdeckung in Hamburger Herrentoilette und Tausende Homosexuelle in Polizeicomputer erfasst informierten über diese Vorgänge. Formuliert worden waren sie in der Oelkersallee 5, wo sich das Café Tuc Tuc befand.

Ein anderes Flugblatt trägt die Überschrift Helft mit, noch mehr ROSA LISTEN aufzudecken! Herausgegeben wurde es von dem Hamburger Lesben- und Schwulengruppenverbund (HLSV) und der Redaktion von DU&ICH und hatte eine Auflage von 20.000 Exemplaren. Als Verantwortlicher „i. S. d. P.“ zeichnete Willi Klinker. Dieses Flugblatt gibt neben der Redaktion von DU&ICH und dem Telefondienst ROSA LISTEN als Adresse für Nachweise homophober Maßnahmen und Handlungen der Staatsgewalt die Anschrift von Rechtsanwalt Dr. Franz Reinhard an (Große Bergstraße 219, 2000 Hamburg 50 mit zwei Telefonnummern) (36).

 

Reinhards Adresse steht nicht zufällig gerade auf diesem Flugblatt, denn er hatte sich im Zusammenhang mit der Vertretung der Interessen eines Mandanten am 26.4. 1979 an die zuständige Verwaltungsabteilung des Bauamtes des Bezirksamtes Hamburg Mitte und am 3. Mai 1979 an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gewandt und die Toilettenüberwachung mit Einwegspiegeln als Verstoß gegen die in Artikel 1 GG garantierte Unantastbarkeit der Würde des Menschen bezeichnet. Der Bonner Petitionsausschuss leitete Reinhards Schreiben zuständigkeitshalber an den Eingabeausschuss der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg weiter.  Dieser sah in der Überwachung der Toiletten mit Einwegspiegeln keine Grundgesetzverletzung und wies Reinhards Beschwerde am 17. Oktober 1979 zurück. In dem Bescheid (37) heißt es: „…Leider müssen wir Ihnen mitteilen, daß in Hamburg mehrere öffentliche Bedürfnisanstalten Treffpunkte homosexuell veranlagter Männer sind. Sie nehmen dort nicht nur Kontakt auf im Sinne von Verabredungen, sondern es kommt häufig zu geschlechtlichen Handlungen. Teilweise nimmt diese Art der Toilettenbenutzung ein Ausmaß an, daß eine Benutzung zu dem an sich vorgesehenen Zweck nicht oder nur unter unzumutbaren Umständen möglich ist.

 

Im öffentlichen Interesse wird es für dringend geboten gehalten, diese Handlungen in den Bedürfnisanstalten zu unterbinden. Dabei geht es nicht nur darum, die Toiletten ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen, sondern auch um den Schutz nichts ahnender Benutzer, z.B. auch Kinder und Jugendlicher. Die erforderlichen längeren Kontrollen sind nur sinnvoll, Erfolg versprechend und für die Beamten zumutbar, wenn sie verdeckt durchgeführt werden. Die Beobachtung erfolgt mit Hilfe der in einigen Toiletten in den Vorräumen angebrachten, von der Rückseite aus durchsichtigen Spiegeln. Sie gewähren einen Blick seitlich - rückwärts auf die Rinnen in den Pissoirräumen. Es können nur die bekleideten Körperteile oder der Kopf durch den Spiegel wahrgenommen werden. Dieses stellt einen Eingriff in die Menschenwürde nicht dar.

 

Im Übrigen möchten wir darauf hinweisen,  daß vor einigen Jahren durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Hamburg bestätigt worden ist, daß diese Kontrollen keinen Eingriff in die Menschenwürde darstellen. Das Gericht hat ferner ausgeführt, daß sich auf   einen Schutz gegen eine nicht erkennbare Beobachtung nicht berufen könne, wer sich in einem jedermann zugänglichen Raum einer öffentlichen Bedürfnisanstalt aufhalte, in dem sich gleichzeitig andere Benutzer befänden. Auch ohne Einwegspiegel könnte jemand – ohne daß er es immer bemerkt – beobachtet werden.

 

Da Ihrem Begehren auf Entfernung optischer Einrichtungen aus den vorgenannten Gründen nicht gefolgt werden kann, hat die Bürgerschaft in ihrer Plenarsitzung am 10.10.79 auf Empfehlung des Eingabeausschusses beschlossen, Ihre obige Eingabe als nicht abhilfefähig zu erklären…“

 

Regiert worden ist Hamburg zu dieser Zeit vom Ersten Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD); die für die Spiegelüberwachung zuständige Baubehörde wurde von Dr. Rolf Bialas (FDP) und seit 1978 von Volker Lange (SPD) geleitet.

 

 

Die geschichtliche Erinnerung ist ungerecht. Die Petition zur Aufhebung des § 175 StGB von 1897 ist vor allem mit dem Namen Hirschfeld verbunden, obwohl Max Spohr daran keinen geringeren Anteil hatte.

Und ähnlich verhält es sich bei der Isermeyer - Petition von 1963, an der Dr. Reinhard maßgeblich mitwirkte.

Der Entwurf für ein neues Strafrecht von 1962 hatte das positive Votum der Großen Strafrechtskommission von 1959 zur Abschaffung des § 175 nicht berücksichtigt. Dies war die Ausgangssituation für Kurt Hiller, der seit 1955 in den Hamburger Grindelhäusern lebte und  der  das Wissenschaftlich humanitäre Komitee (WhK) neu gründen und sich mit einer Neufassung der Petition von 1897 an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages für die Streichung des § 175 StGB einsetzen wollte.

 

Hillers Engagement stieß auf Wohlwollen bei anderen Hamburger Persönlichkeiten. Doch scheiterte ein gemeinsames Vorgehen an  Formulierungen, auf denen Hiller bestand und die der Hamburger Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer nicht mittragen wollte, worüber es zum Bruch zwischen beiden Männern kam.  So wurden in der Hansestadt zwei verschiedene Petitionen ausgearbeitet, wobei die Hiller-Petition weniger Anklang fand und in der Versenkung verschwand, während die Isermeyer- Petition reüssierte. Ausgearbeitet worden war sie außer von Isermeyer und Reinhard (der im Übrigen beide Petitionen unterzeichnete) von Jürgen Roggenhausen, Walter Stellmann, Wolfgang Wenzel und dem Arzt Jürgen Rogoszinski. Unterstützung fanden diese Männer bei dem Direktor der Hamburger Kunsthalle Carl Georg Heise und dem Hamburger Maler Eduard Bargheer.

Bei der Auswahl der Unterzeichner achtete Isermeyer darauf, dass sich unter ihnen keine Homosexuellen befanden, um dem Vorwurf zu begegnen, lediglich pro domo zu argumentieren. Dies entsprach der zeitgenössischen Linie, wie sie auch Dieckhoff und andere vertraten.

Die im Mai 1963 den Abgeordneten des Deutschen Bundestages zugesandte Petition trägt die Unterschriften zahlreicher Persönlichkeiten, z. B. von in Hamburg lebenden und wirkenden Marion Gräfin Dönhoff Journalistin), Axel Eggebrecht (Journalist), Ivo Hauptmann (Maler), Werner Hinz (Schauspieler), Werner Kallmorgen (Architekt), Will Quadflieg (Schauspieler), Ledig Rowohlt (Verleger).

 

Die Isermeyer -Petition zeigte zwar nicht kurzfristig, aber doch mittelfristig Wirkung.  Isermeyer selbst sah sie als Mosaikstein im Kampf um die Aufhebung des § 175. Diesen Mosaikstein setzte er geschickt erneut im Jahre 1968 ein (38)

 

Isermeyers Petition trug wie die anderen hier erwähnten Initiativen dazu bei, dass 1969 ein erstes Etappenziel im Kampf um die Aufhebung des Sonderstrafrechts gegen Homosexuelle erreicht wurde. Bis zu dessen völliger Aufhebung sollten dann aber noch einmal fast drei Jahrzehnte vergehen.

 

 

 

ANMERKUNGEN:

 

Zu den im diesem Vortrag genannten rechtshistorischen, literarischen, politischen  Hintergründen und zu  allen Hamburg – Bezügen  vgl. die beiden Bücher:

Bernhard Rosenkranz/Gottfried Lorenz: Hamburg auf anderen Wegen. 2. Auflage. lambda Verlag Hamburg 2006

Bernhard Rosenkranz/Ulf Bollmann/Gottfried Lorenz: Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969. lambda Verlag Hamburg 2009

 

1         

Über die Ansicht der Menschen in der DDR zu Homosexualität und Homosexuellen sind

mir für 1967  keine Umfrageergebnisse bekannt.

Obwohl in der DDR seit den 50er Jahren homosexuelle Handlungen unter erwachsenen Männern kaum noch  strafrechtlich verfolgt wurden, war auch in der DDR Schwulsein keine anerkannte Lebensform.

 

Im Jahre 1949 hatte eine Umfrage des Deutschen Instituts für Demoskopie folgendes Ergebnis:

Auf die Frage „Wie stehen Sie zur männlichen Homosexualität antworteten von den befragten Männern:

39% Krankheit

48% Laster

15% Angewohnheit

 4% natürliche Sache

 4% unentschieden“.

Vgl. Franz X. Eder: Auf die „gesunde Sittlichkeit“ der Nationalsozialisten folgte der Einfluss der  Amerikaner. In: Sexualität und Medien vom Nationalsozialismus bis zur Sexuellen Revolution. Internetzusammenfassung (http://www.zeitblicke.de/2008/3/eder) des Aufsatzes The National Socialists’ Healthy Sensuality succeeded by the American influence. Sexuality and  Media from National Socialism to the Sexual Revolution. In: Contemporary Austrian Studies (2007) S. 102-130.

 

 2  

Auf die Frage des Allensbacher Instituts “Wie stehen Sie eigentlich zur Homosexualität zwischen Männern? Vielleicht sagen Sie es mir nach dieser Liste hier?“ gab es folgende Antworten (wobei Mehrfachantworten möglich waren):

 

„Homosexualität zwischen Männern sollte bestraft werden, wenn Jugendliche betroffen sind“, wobei nicht ausgeführt wird, welche Altersgruppe gemeint ist. Volljährigkeit begann mit der Vollendung des 21. Lebensjahres.    42%

 

„Homosexualität zwischen Männern stößt mich ab, ekelt mich an“.   40%

 

„Homosexualität zwischen Männern ist ein Thema, das mich unangenehm berührt“:   27%

 

„Homosexualität zwischen Männern ist eine Krankheit“.   22%

 

„Homosexualität zwischen Männern schadet der Gesundheit“.   17%

 

„Homosexualität zwischen Männern sollte man entschieden bekämpfen“.   11%

 

„Homosexualität zwischen Männern sollte man nicht hochspielen“.   29%

 

„Homosexualität zwischen Männern sollte man nicht ins Lächerliche ziehen“.   25%

 

„Homosexualität zwischen Männern ist etwas, worüber ich nicht sprechen möchte“.   14%

 

 

„Homosexualität zwischen Männern stört mich nicht weiter.“   29%

 

„Homosexualität zwischen Männern ist eine ganz normale Sache.“   12%

 

Wieder  20 Jahre später – 2007 – ergab eine Umfrage des Bielefelder Meinungsforschungsinstituts EMNID für Bild am Sonntag, dass 79% der deutschen Bevölkerung einen homosexuellen Kanzler oder eine lesbische Kanzlerin akzeptierten, wobei die Quote in den neuen Bundesländern um 10% höher lag als in den alten.

 

Einen gewissen Umschwung in der Haltung der deutschen Bevölkerung zu Homosexualität und Homosexuellen hatte schon die Umfrage signalisiert, die EMNID im Auftrag des Internetportals Eurogay durchgeführt hatte. Und im März 2001 unter dem Titel Schwules Leben in Deutschland veröffentlicht hatte. Danach gaben mehr als zwei Drittel der Befragten an, keine oder nur wenige Vorurteile gegenüber homosexuellen Menschen zu haben. Allerdings weist dieselbe Studie aus, dass nur ein Drittel der Frauen und sogar nur 20% der Männer es  n i c h t  negativ bewerteten, wenn das eigene Kind  homosexuell wäre.

 

In seinem Feature „Ich bin schwul – ist das gut so?“ vom 26. Juni 2001 lässt Detlef Grumbach den Abgeordneten von Volker Beck zu Wort kommen. Beck sagte: „Wir haben seit Jahren…eine stabile Situation, dass wir ein Drittel der Bevölkerung haben, die gegenüber Homosexualität und gegenüber Schwulen und Lesben offen akzeptierend sind, wir haben ein Mittelfeld von einem Drittel bis etwas mehr von Leuten, die sich liberal gebärden, die aber durchaus selber Vorurteile haben, an bestimmten Punkten auch sagen, das muss eine Lesbe oder ein Schwuler nicht unbedingt tun, und wir haben nach wie vor einen aggressiv minderheitenfeindlichen Bodensatz von ungefähr fünfzehn Prozent. Man muss immer wissen, dass dieses Bündnis von dieser liberalen changierenden Mitte der Gesellschaft mit den echten Akzeptierenden immer ein fragiles Verhältnis ist…“ (Vgl. die Homepage von Detlef Grumbach- freier Journalist & Verleger.)

 

 3  

In der Tradition dieser Petition sieht sich expressis verbis: Nach wie vor beleidigt und erniedrigt. Ein Aufruf der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung zur Entkriminalisierung der Homosexualität. Erschienen ist er in der Frankfurter Rundschau am 15.5.1981.

Der Aufruf  ist unterschrieben von Volkmar Sigusch, Martin Dannecker, Günter Amendt, Karin Albrecht - Désirat. Die Erstunterzeichner reichen von Wolfgang Abendroth bis Gerhard Zwerenz.

Ausdrücklich verwiesen wird auf die Petition von 1897 mit den Unterschriften zahlreicher Persönlichkeiten, u. a. Bebel, Kautsky, Rathenau, Buber, Döblin, Einstein, G. Hauptmann, Hesse, Jasper, Kollwitz, Heinrich und Thomas Mann, Rilke, Virchow.

 

 4  

Allerdings ist zu konstatieren, dass nicht jeder, der die Petition von 1897 oder vergleichbare Eingaben unterschrieben hatte, sich tatsächlich für die Belange homosexueller Männer einsetzte.

So instrumentalisierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1906/07) der seinerzeit berühmte Journalist Maximilian Harden und Unterzeichner der Hirschfeldpetition homophobe Vorurteile in seinem Kampf gegen Kaiser Wilhelm II. und löste damit die Eulenburg –Moltke - Affäre aus, die der ersten deutschen Homosexuellenbewegung schweren Schaden zufügte. Dem Reichskanzler Bernhard von Bülow unterstellte Harden  tuntenhaftes Verhalten. Nach Oliver Hilmes hatte Harden überdies Material zusammengetragen, das Richard Wagners Sohn Siegfried als homosexuell entlarvte.

 

Dass sich August Bebel, Parteivorsitzender und Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Reichstag, als einer der Erstunterzeichner der Petition von 1897 für die Belange der männlichen Homosexuellen und die Abschaffung des § 175 StGB einsetzte, hatte keine Auswirkung auf die Haltung seiner Partei, wie z. B. die Krupp-Affäre belegt. Herzensanliegen der SPD war die Streichung des § 218, nicht die des Homosexuellenparagraphen.

 

So sehr sich die KPD 1929 gegen ein Sonderstrafrecht für männliche Prostituierte und gegen den § 175 ausgesprochen hatte, wenige Jahre später und in der Emigration wollte sie davon nichts mehr wissen, nachdem die Sowjetunion scharfe Strafbestimmungen gegen homosexuelle Handlungen eingeführt hatte. Stattdessen wurde der homosexuelle/schwule Nazi propagiert, d.h. die Gleichsetzung von Homosexuellen und Nationalsozialisten.

 

Und nach dem Krieg? Theodor Wiesengrund Adorno trat nach außen hin für die Abschaffung des § 175 StGB ein (vgl. den Aufsatz Sexualtabus und Recht heute in Eingriffe, Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1963 und Schärfste Opposition gegen jede Art sexueller Repression in Rolf Italiaander: Weder Krankheit noch Verbrechen. Gala Verlag. Hamburg 1969 S. 226-228), was ihn nicht daran hinderte, im Jahre 1960 Golo Mann beim hessischen Kultusminister als homosexuell zu denunzieren, um dessen Berufung auf einen Lehrstuhl an der Johann - Goethe - Universität in Frankfurt am Main zu verhindern. Der an der Denunziation Golo Manns beteiligte Max Horkheimer schrieb für Italiaanders Sammelband zu § 175 (Weder Krankheit noch Verbrechen – s. o.) einen  geradezu beleidigend nichts sagenden Beitrag (S. 267).

Vgl. zur Denunziation Golo Manns durch Adorno und Horkheimer die Biographie „Golo Mann“ von Tilmann Lahme, S. 289f., 301f.

 

Theoretisch lässt sich Toleranz leicht einfordern; soll sie jedoch dem Nächsten gegenüber erwiesen werden, kann das etwas ganz anderes sein.

 

 5

Der Interim-Bericht und der Bericht Sexual Offenders and Social Punishment sind Ergebnis des am 29. April 1952 von der Church of England beschlossenen Moral Welfare Council zur Überprüfung der moraltheologischen Seite der Gleichgeschlechtlichkeit.

 

 6

Benannt nach Bernhard William Griffin (1899-1956), Erzbischof von Westminster (1943), Kardinal (1946).

 

 7

Robert Boothby (1900-1986), seit 1958 Lord.

 

 8

John Frederick Wolfenden (1906-1985), CBE (1942), Baron (1974).

John Wolfenden selbst lehnte Homosexuelle ab, wie sein Sohn Jeremy Wolfenden (1934-1965) bei seinem coming out erfahren musste.

 

 9

Peter Wildeblood: Against the Law. Verlag  Weidenfeld and Nicholson. London 1955

 

10

Der Kinsey-Report über das sexuelle Verhalten des Mannes von 1948 lag 1955 in deutscher Sprache vor; der Hirtenbrief der lutherischen Bischöfe Schwedens von 1951 erschien 1955 in der Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform.

 

11

Der Griffin Report 1956, hrsg. und übersetzt von Albrecht D. Dieckhoff. R. v. Decker’s Verlag. G. Schenck. Hamburg 1956.

 

Der Wolfenden Report 1957, hrsg. und übersetzt von Albrecht D. Dieckhoff. Kriminalistik. Verlag für kriminalistische Fachliteratur. Hamburg 1957.

Dieckhoffs Veröffentlichung begnügt sich mit den mehrseitigen Schlussfolgerungen und den wenigen Passagen der englischen Ausgabe, die für das deutsche Strafrecht relevant waren.

 

Ein Quaker-Bericht, 1963, zur Gleichgeschlechtlichkeit als Ergänzung zum Griffin Report der englischen Katholiken und zum Protestanten-Bericht liberal – evangelischer Kreise, veröffentlicht als fachwissenschaftliche Gruppenarbeit führender Quaker  „Towards a Quaker View of Sex“, London, 1963, zusammengestellt und übersetzt durch Rechtsanwalt Dr. Albr. D. Dieckhoff. Kriminalistik. Verlag für kriminalistische Fachliteratur. Hamburg 1963.

 

12

Wildeblood, Peter: Vom Gesetz geächtet. Verlag Franz Decker Nachf. Schmiden bei Stuttgart 1961

 

13

Zu Dieckhoffs Publikationen vgl. Anhang IV meines Vortrags Was 1935 Recht war, durfte 1957 nicht Unrecht sein. Zur Situation homosexueller Männer in Hamburg zwischen 1945 und 1969 unter www.dr-lo.de

Alleine in der Hamburger Homosexuellenzeitschrift Der Weg erschienen zwischen 1959 und 1965 mehr als zwanzig Beiträge von Dieckhoff.

 

Albrecht Diedrich Dieckhoff wurde am 25. Dezember 1896 in Hamburg geboren. Er machte 1914 das Kriegsabitur und nahm als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil

1922 bestand er  die erste und 1925 die zweite juristische Staatsprüfung und erwarb 1926 den Doktortitel. 1928 wurde er als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen. In einer Hamburger Anwalt - Sozietät war er zuständig für die Sachgebiete ausländisches Gesellschafts-, Handels- und Steuerrecht.

Im November 1933 trat Dieckhoff der SS bei, die er nach der Ernennung zum Reserve-Offizier der Wehrmacht im Jahre 1936 wieder verließ, wenn er auch weiterhin als SS-Mitglied geführt wurde. Am 1. Mai 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.

Vom 27. August 1939 bis Kriegsende nahm Dieckhoff am 2. Weltkrieg teil; von April 1945 bis Juni 1947 befand er sich in Kriegsgefangenschaft.

Nach Abschluss  des Entnazifizierungsverfahrens am 16.6.1949 arbeitete Dieckhoff seit August 1949 wieder als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei und war darüber hinaus für die Engländer im Generalkommando in den Sophienterrassen tätig.

1939 war Dieckhoff von Franz Joseph II,  dem  Fürsten von Liechtenstein, in den erblichen Freiherrenstand erhoben worden, weil er das Fürstentum vor der Einbeziehung in das Großdeutsche Reich bewahrt habe.

 

Von 1939 bis zu seinem Tod lebte Dieckhoff in der Agnesstraße 24 in Hamburg - Winterhude. Er war verheiratet und hatte vier Kinder, für die er nach Auskunft eines Sohnes ein äußerst strenger Vater war.

 

Ob Dieckhoff gleichgeschlechtliche Neigungen hatte, ist unbekannt. Der oben erwähnte Sohn sagte kurz vor seinem Tod in einem Interview, er habe sich gewundert, dass so viele  Homosexuelle  die Kanzlei seines Vaters aufgesucht hätten, da dieser doch Spezialist für Völkerrecht gewesen sei.

 

Während der 50er und 60er Jahre setzte sich Dieckhoff engagiert öffentlich für die Rechte der Homosexuellen und für die Aufhebung der Strafvorschriften für homosexuelle Handlungen ein. Neben einer Reihe wichtiger Publikationen zu diesem Thema hielt er Vorträge vor der Evangelischen Akademie Loccum (1959) und der Staatspolitischen Gesellschaft im Winterhuder Fährhaus (1963), in den Homosexuellenlokalen Stadtkasino und Neues Stadtcasino sowie im Stuttgarter Katharineneck für die Reutlinger Kameradschaft die runde (25.4.1964).

 

Dieckhoff starb am 11. Oktober 1965; die Trauerfeier fand am 15. Oktober 1965 auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt.

 

Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten A 2976.

Zu den biographischen Details vgl. überdies die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Bernhard Rosenkranz und Peter Dieckhoff – vermutlich im Jahre .2007

 

14

Dies ist im Übrigen auch die Position des viel geschmähten Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 10. Mai 1957, das ausdrücklich auf den parlamentarischen Weg verweist, solle der

§ 175 StGB modifiziert oder abgeschafft werden.

 

15

Vgl. Nachruf auf Dieckhoff in der Zeitschrift Der Weg, Jahrgang 1965 Heft 8 S. 12.

Über den Griffin - Verband ist wenig bekannt. Erwähnt wird er  von Andreas Pretzel: NS – Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945 = Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik Bd. 3. LIT Verlag. Münster – Hamburg – London 2002. S. 331.

 

16

Vgl. Ackermann S. 153, 156; Dose S. 371f.

 

17

Vgl. die Zeitschrift Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 12 S. 330.

 

18

Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: 241-2: A 3267.

 

19

Vgl. Der Weg, Jahrgang 1963, Heft IX/X S. 692-694.

 

Vgl. zu dem Mord an Wagner - Golden durch den Bäckergesellen Ernst Georg Rüther:

Hamburger Abendblatt: Historisches Archiv Nr. 10 vom 12.1.1963: „Schauspieler wurde tot aufgefunden“

                             ,,                                          11 vom 14.1.1963: „Noch keine Spur von dem Mörder“

                             ,,                                          12 vom 15.1.1963: „Auf der Spur des Mörders“

                             ,,                                          13 vom 16.1.1963: „Mörder wurde schnell gefasst“

                             ,,                                        252 vom 29.10.1963: „Lokstedter Mord heute vor der Jugendkammer“

                             ,,                                        254 vom 31.10.1963: „Neun Jahre Gefängnis für Bluttat in Lokstedt“

 

20

Erschienen im Verlag Franz Decker. Schmiden bei Stuttgart 1961.

Vgl. auch  Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 12 S. 263.

 

21

Vgl. Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 4, S. 73f.

 

22

Vgl. Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 12 S. 263.

 

23

§ 4 lautet: „Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden. Auf die Dauer von drei Monaten nach der Entlassung werden ihnen ihre bisherigen Bezüge belassen. Von dieser Zeit an erhalten sie drei Viertel des Ruhegehalts (§ 8) [bei mindestens zehnjähriger Dienstzeit] und entsprechende Hinterbliebenenversorgung.“

 

24

Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: A 1223

                                             Personalamt: 241 – 2: 2591/47

                                             Personalwesen, Dozenten und Personalakten III 10: Dr. jur. 

                                             Kaufmann, Hannes

 

25

Die Bremer Pfingsteingabe ist gedruckt in der Zeitschrift Der Weg, Jahrgang 1961, Heft 6 S. 133-138 sowie Heft 7, S. 156-162.

Vgl. Drs. V. Servatius: rondom de „bremer pfingsteingabe“. In: Vriendschap, 16e jaargang, december 1961 S. 185.

Vgl. Andreas Pretzel: NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945. (= Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik Bd. 3) LIT Verlag. Münster/Hamburg/London 2002. S. 332.

 

26

Vgl. Der Weg, Jahrgang 1962, Heft 9 S. 446-449 sowie Jahrgang 1963, Heft Mai/Juni S. 606-609, besonders S. 606f.

Vgl. Helmut Thielicke: Erwägungen der evangelisch- theologischen Ethik zum Problem der Homosexualität und ihrer strafrechtlichen Relevanz. In: Sexualität und Verbrechen. Beiträge zur Strafrechtsreform. Fischer-Bücherei Nr. 518/519. Frankfurt am Main und Hamburg 1963. S. 48-69.

 

27

Vgl. Der Weg, Jahrgang 1962, Heft 7 (Juli/August) S. 410.

 

28

Vgl. Staatsarchiv Hamburg: Justizverwaltung – Personalakten: 241 – 2: A 1185.

 

29

Vgl. seinen Text Erneuerung des Sittenstrafrechts in England, Österreich und Deutschland. In: Der Weg, Jahrgang 1959, Heft 12, S. 373-375: Darin heißt es: „Durch unmittelbare Forderungen und besondere Eingaben interessierter Kreise, die schon in den letzten zehn Jahren zumindest keinen Erfolg hatten, würden diese Arbeiten eher erschwert als gefördert werden.“

Vgl. weiterhin Dieckhoffs Beitrag Die Bestimmungen des neuen  Entwurfs eines Strafgesetzbuches (E 1960) zur Bestrafung gleichgeschlechtlicher Handlungen und Vorgänge. In: Der Weg, Jahrgang 1960, Heft 10 S. 269-276. Darin führt Dieckhoff aus: In der Strafrechtskommission und bei allen, die mit der Strafrechtskommission bekannt sind, fühle man sich durch Propagandamaterial und Eingaben von „interessierter Seite“ belästigt.

Vgl. weiterhin den Artikel Zur Strafrechtsreform. In: Der Weg, Jahrgang 1962/63, Heft 12 S. 501f.

Überdies polemisierte Dieckhoff gegen Magnus Hirschfeld und eine Politik à la  Hirschfeld sowie gegen Filme wie Anders als die Andern. Vgl. z. B. den Artikel Sittlichkeit undCommon Law“. In: Humanitas, Jahrgang 1954, Heft 4 S. 112 sowie Der Weg, Jahrgang 1959 Heft 12 S. 364.

 

30

Vgl. die Kurzmeldung in der Zeitschrift Die Freunde, Jahrgang 1951, Heft 6 S. 31 sowie umfangreiche Auszüge aus Ackermanns Referat in Stuttgart in der Zeitschrift Die Insel, Jahrgang 1951, Heft 1 S. 30f. und Heft 2 S. 28f.

 

31

Vgl. S. 149-160.

 

32

Vgl. S. 250-258

 

 

33

Verkehrt habe Rechtsanwalt Dr. Reinhard u. a. im Lokal Witwe Reimers (gegenüber dem Bronzekeller) in der Neustädter Straße, dessen Inhaber – Hans Reimers – er als Anwalt vertrat. In dem genannten Lokal, in dessen Keller Reimers Zimmer an sechs oder sieben junge Leute vermietete, habe Reinhard mit „Tunten poussiert“.

(Bericht eines Zeitzeugen am 9. Juni 2009)

 

Reinhards Kostenrechnungen für ein, zwei  Schreiben waren nicht niedrig (vgl. Sammlung Lorenz).

 

34

Vgl. zur IHWO: Raimund Wolfert: Gegen Einsamkeit und „Einsiedelei“. Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation. Männerschwarm Verlag. Hamburg 2009.

 

35

Furche-Verlag. Hamburg 1963. S. 259-272.

 

36

Der Text des Flugblatts lautet:

 

Helft mit, noch mehr ROSA LISTEN aufzudecken!

 

Nach den skandalösen Vorfällen auf der Demonstration der Lesben und Schwulen am letzten Wochenende, als ein fotografierender Beamter des Jugendschutzes  entdeckt wurde, sein Wagen umstellt wurde, und die Polizei mit Schlagstöcken und „Chemischer Keule“ gegen mehrere Personen vorging, haben alle Hamburger Lesben- und Schwulengruppen einen gemeinsamen Untersuchungsausschuß zur Aufdeckung der ROSA LISTEN gebildet.

 

Wir wissen aus  Erfahrung: Die Polizei und die Behörden werden die Existenz von ROSA LISTEN so lange abstreiten, wie wir keine konkreten Beweise vorlegen. Deshalb haben wir einen eigenen Untersuchungsausschuß gebildet. Wir haben schon eine Menge von Beweisen gesammelt. Um diese Skandale aber in ihrem gesamten Umfang aufzudecken, brauchen wir noch weitere Beweise.

 

Wir wissen: Homosexuelle Männer werden auf Toiletten bespitzelt und erhalten „Hausverbot“ bei „missbräuchlicher Benutzung“. Wir suchen Personen, die ein solches Verbot erteilt bekommen haben, und – möglichst – ein Schriftstück darüber besitzen.

 

Wir wissen: Homosexuelle werden in zentralen Registern erfaßt. Wir suchen Homosexuelle,  die bei Personenkontrollen jedweder Art auf ihre Homosexualität angesprochen worden sind, ohne dies dem kontrollierenden Beamten von sich aus mitgeteilt zu haben.

 

Weiter benötigen wir: Schilderungen von Polizeikontrollen in Parks, Kneipen und Wohnungen. Jedes Erlebnis, jeder kleiner Hinweis ist für uns ein wichtiges Mosaiksteinchen! Denn wir sind sicher, daß Homosexuelle auch an weiteren Stellen und in anderer Form registriert werden.

 

Wir wissen, daß viele von uns es sich nicht leisten können, selber an die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb haben wir dafür Sorge zu tragen, daß sich jeder auch anonym an uns wenden kann. Es ist für uns selbstverständlich, daß wir Namen von Betroffenen nur mit deren vollen Einverständnis veröffentlichen werden.

 

Wir sind in der absurden Situation, daß wir den Nachweis über die Existenz der ROSA LISTEN führen müssen. Und: Wir können den Skandal um die ROSA LISTEN nur gemeinsam aufdecken. Deshalb unsere dringende Bitte: Wer irgendeinen Hinweis hat, der oder die wende sich (anonym oder mit Namen) möglichst umgehend an folgende Adressen…

(Sammlung Lorenz)

 

37

Das Schreiben befindet sich in der Sammlung Lorenz.

 

38

Vgl. zur Isermeyer - Petition vor allem Andreas Sternweiler (Hrsg.): Liebe, Forschung, Lehre: Der Kunsthistoriker Christian Adolf  Isermeyer (= Schwules Museum. Lebensgeschichten 4). Verlag rosa Winkel. Berlin 1998. S. 104-129.

 

 

LITERATUR:

 

(soweit  sie nicht in den einzelnen Anmerkungen genannt und nachgewiesen ist)

 

Brauns, Nick: Keine „Schmutzereien“. Vor 100 Jahren erschütterte die Eulenburg-Affäre das deutsche Kaiserreich. Junge Welt vom 12.5.2007, S. 15

 

Hafner, Martina: Das schwere Erbe der Wagner-Kinder. Autor Oliver Hilmes enthüllt die unehelichen Wirrnisse des Opern-Clans. Schwulen-Gerüchte inklusive. B.Z. vom 19.7.2009

 

Helmes, Oliver: Cosimas Kinder. Siedler Verlag. München 2009

 

Italiaander, Rolf: Weder Krankheit noch Verbrechen. Gala Verlag. Hamburg 1969

 

Lahme, Tilmann: Golo Mann. Biographie. Verlag S. Fischer. Frankfurt am Main 2009.

 

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/12987/umfrage/meinungs-z...

http://de.statista.com/statistik/daten/studie/12990/umfrage/einstellun...

 

FAZ.NET vom 28. März 2001: Studie: Die Gesellschaft ist Homosexuellen gegenüber aufgeschlossen  - unter:

http://www.faz.net/s/Rub02DBAA63F9EB43CEB421272A670A68