Morris Langlo West

 

                                                               Des Teufels Advokat

 

(Verlagsgruppe Droemer Weltbild. München 1959; Droemersche Verlagsanstalt. München 1964, 1969; Kurt Desch Verlag. München, Wien, Basel 1960, 1963, 1970

 

Droemer Knaur. München, Zürich: Taschenbuchausgabe 1964 bis 1975 in 13 Ausgaben mit insgesamt 98.000 Exemplaren. Nachweise und Zitate nach der Ausgabe von 1975

 

Verlag Herrenberger. München 1965, 1970; Bertelsmann Verlag. Gütersloh 1990; Manfred Pawlak Verlag. Herrsching 1991)

 

                                                   Originaltitel: The Devil’s Advocate

 

                                         (Verlag William Heinemann Ltd. London 1959)

 

Morris L. Wests Roman Des Teufels Advokat hat hohe Auflagen erzielt und war auch in der Filmversion von 1977 erfolgreich.

 

Die Thematik dieses Buches mutet 50 Jahre nach seinem Erscheinen bizarr an: Ein ranghoher Geistlicher wird von den zuständigen Institutionen des Vatikans als Prokurator, d.h. als advocatus diaboli  eingesetzt, um in Kalabrien einem Kult nachzugehen und zu prüfen, was gegen die Seligsprechung des als Heiligen verehrten Giacomo Nerone spreche.

 

Der todkranke Prokurator erfüllt seine Aufgabe verantwortungsbewusst; er kann das Knäuel der unterschiedlichen Facetten der Verehrung Nerones entwirren und entschlüsseln und kommt – entgegen seinem Auftrag – zu der Überzeugung, dass Nerone zu Recht verehrt werde.

 

Der Prokurator findet in den letzten Wochen seines Lebens zu sich selbst, gewinnt im Bischof der kalabrischen Diözese und in dem jüdischen Dorfarzt Dr. Aldo Meyer Freunde und bittet darum, in dem Ort, in dem er zuletzt tätig gewesen war, beigesetzt zu werden. Dieser Wunsch wird erfüllt: Sein Grab erhält er  dich bei demjenigen Giacomos Nerones.

 

Während seiner Recherchen begegnet der Prokurator unterschiedlichen menschlichen Typen: einem heruntergekommenen alten Ortsgeistlichen, einer liebessüchtigen Gräfin, der Freundin Nerones und ihrem gemeinsamen Sohn, dem erwähnten jüdischen Arzt, der in dem kalabrischen Ort ein wenig erfülltes Leben fristet, und dem  englischen Maler Nicholas Black als dunklem Gegenbild Nerones.

 

Nicholas Black ist homosexuell. Er liebt Paolo Sanduzzi, Nerones fünfzehnjährigen Sohn, den er auf seinem Bild Das Zeichen des Widerspruchs (S. 92, 269) nackt in einer Kreuzigungsszene festhält (S. 81: „Mit raschen, sicheren Strichen begann Nicholas Black eine gekreuzigte Gestalt auf das verkrampfte Gerüst des Olivenzweiges zu malen, nicht etwa einen gemarterten Christus, sondern einen Jüngling in voller Pubertät, mit dem Gesicht und dem Körper Paolo Sanduzzis; mit Händen und Füßen an die Baumrinde genagelt, einen roten Speer in der Brust, aber ein Lächeln auf den Lippen, während er verblutete.“ S. 92: „Für Nicholas Black…hatte das Symbol eine neue Bedeutung: Jugend, ans Kreuz der Unwissenheit, des Aberglaubens und der Armut geschlagen, schon halb tot und verdammt, aber immer noch lächelnd, ein vergiftetes, ekstatisches Opfer der Zeit und ihrer Tyrannen.“)

 

Seine Homosexualität macht Black  zum Außenseiter. Ohne dass es zu einer Verführung gekommen war, geht man von einem Missbrauch Paolos aus (S. 122-124, 203-207, 271-274)- zumal er Paolo nach Rom mitnehmen und ihn dort ausbilden lassen möchte (S. 80f, 91, 113, 270f.).

In der Ablehnung Blacks und seiner Veranlagung sind sich Paolos Mutter, der linksliberale Arzt Aldo Meyer und der katholische Prokurator einig.

 

Am Ende erlebt Black das typische Schicksal eines Homosexuellen in der Literatur der 50er und 60er Jahre: er nimmt sich das Leben. Wie Judas geht er hinaus und erhängt sich – an dem Olivenbaum, der ihm auf seinem Bild Das Zeichen des Widerspruchs als Kreuz diente (S. 274).

 

Auch wenn der als freundlich, offen, innovativ und  intelligent geschilderte Bischof  von Kalabrien dem von der katholischen Kirche abgefallenen Maler und Selbstmörder das christliche Begräbnis nicht verweigert – Black ist die einzige Person, die am Ende außerhalb des Kreises derer steht, die während der Nachforschungen des Prokurators geläutert worden sind und sich zu ihrer Schuld bekannt hatten.

 

Wests Buch ist nicht uninteressant; es lässt sich überdies gut lesen. Doch bleibt West in den reflektierenden Dialogen seiner Figuren weitgehend an der Oberfläche.

 

Der homophobe Duktus des Romans steht im Gegensatz zu der zurückhaltenden Beurteilung der deutschen Armee in Italien während der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs.