Dr. Gottfried Lorenz

 

    Vortrag aus Anlaß des Deutsch-IsraelischenJugendforums    

                     der Deutsch- Israelischen Gesellschaft

                                          zum Thema  

 

        „[Nationale] Minderheiten in Israel und Deutschland“

 

                 vom 13. bis zum 15. Oktober 2000 in Niebüll

 

 

Wären Sie statt mit dem Zug mit dem Auto nach Niebüll gekommen, hätten Sie das zweisprachige Ortsschild Niebüll - Naibel bemerken können. Diese Zweisprachigkeit auf Orts-schildern ist in Deutschland zwar nicht einmalig, aber doch selten ; außer in Nordfriesland ist dies nur in Sachsen und Brandenburg in Gemeinden der Fall, in denen die sorbische Minderheit vertreten ist (in diesen Gemeinden gilt Zweisprachigkeit auch für Straßennamen, öffentliche Bekanntmachungen sowie im Fahrplan der DB ; im deutsch-dänischen Grenzgebiet scheitert die Zweisprachigkeit in gemischt-nationalen Gemeinden daran, daß sie in Dänemark nicht durchsetzbar ist) .

So unbekannt für Sie bisher Niebüll - und vermutlich auch (Nord)Friesland - gewesen sein mag: Sie befinden sich in einem Gebiet, das für die Minderheitenproblematik und damit auch für die Minderheitenforschung besonders interessant ist, da es Vergleichbares in Europa kaum gibt. Doch hört man seit der Mitte der fünfziger Jahre - vielleicht glücklicherweise - wenig von dem Gebiet, in dem Sie zu Gast sind, da es hier friedlich zugeht zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den nationalen Minderheiten - oder weitgehend friedlich : Auf der zwischenstaatlichen Ebene, von Berlin oder Kopenhagen aus gesehen, gibt es keine ernsten Probleme ; von Aabenraa in Dänemark oder von Kiel, der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, sieht dies bisweilen etwas anders aus, sind die Minderheiten Themen der Landes- bzw. in Dänemark der ‘Kommune’ -Politik und in Wahlkämpfen. Auf der unteren Ebene, in den Gemeinden, kann das Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit (d.h. zumeist zwischen der Partei der Minderheit, dem SSW - einer Partei, die sich überdies als schleswigsche und  seit den Landtagswahlen 2000 als schleswig-holsteinische Regionalpartei versteht - , und den Parteien der Mehrheitsbevölkerung) durchaus auch unerfreulich sein, folgt man der regionalen Presse, vor allem Flensborg Avis, was ich über mehrere Jahre getan habe. Letzen Endes gilt nach wie vor die einleitende Bemerkung zu meiner Arbeit „Modell Südschleswig ?“ aus dem Jahre 1992, wo ich formuliert hatte : „Es ist in den letzten Jahren üblich geworden, in gehörigem Abstand vom ehemaligen Herzogtum Schleswig - vorausgesetzt, man weiß von der Existenz sowohl dänischer als auch  deutscher Schleswiger beiderseits der Staatsgrenze - vom friedlichen Verhältnis zwischen Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung, vom Modellcharakter dieses Zusammenlebens für alle anderen von mehreren Nationalitäten bewohnten Territorien zu sprechen.

Doch, je näher man dem Grenzgebiet kommt, je vertrauter man mit den dortigen Gegebenheiten ist - oder wird - , desto stärker stellt sich die Frage, ob dieses „Modell“ wirklich so modellhaft, ob tatsächlich aus einem Nationalitätenkonflikt - einem Gegeneinander - über ein Nebeneinander ein Miteinander geworden sei oder ob nicht Jørn Buch mit seinem Urteil, es handele sich bei dem Begriff Modellminderheit um eine Floskel - hinter schöner Fassade gebe es nach wie vor Vorurteile und Abneigung - die Situation zutreffend beschreibe .“

Doch auf der obersten politischen Ebene gelten - wie schon gesagt - die Verhältnisse in der Grenzregion als friedlich, als letztlich unproblematisch - problematisch  aber ist, was ich gesagt habe, weil ich die hiesige Situation - wie dies so häufig geschieht - eingeengt hatte auf Deutsche und Dänen ; denn die Beziehungslinien laufen hier viel komplizierter, gibt es doch nicht nur zwei, sondern sechs Gruppierungen, die miteinander zusammenleben oder zusammenleben müssen, nämlich die Deutschen, die deutschen Staatsbürger, die sich zur dänischen Minderheit als einer Bekenntnisminderheit zählen, die deutschen Staatsbürger, die zur friesischen Minderheit gehören, die deutschen Staatsbürger als Mitglieder der friesischen Minderheit, die eher dänisch orientiert sind ; und  außerdem gibt es - neben den Sprachen Deutsch, Dänisch und Friesisch der Mehrheits- bzw. Minderheitenbevölkerung noch zwei Sprachminderheiten - die Niederdeutsch- und die Sønderjysk - Sprechenden. (Außer acht bleiben sollen hier andere nationale Gruppierungen, die in Nordfriesland bzw. im Landesteil Schleswig leben, z.B. Reichsdänen oder Türken). Und schon befinden wir uns in einem sprachlichen Minenfeld, vermischen sich scheinbar eindeutige Begriffe - im gegebenen Falle „nationale Minderheit“, „Sprachminderheit“, „nationale Gruppierung“ - Begriffe, die deckungsgleich sein können, aber durchaus nicht kongruent sein müssen : Und deshalb fange ich meinen Vortrag noch einmal anders an :

 

Das Thema Ihres Seminars lautet „Minderheiten in Israel und Deutschland“ - so steht es auf dem Titelblatt Ihres Programms - und erst ein Blick auf die folgende Seite zeigt, worum es Ihnen eigentlich geht, nämlich um die nationalen Minderheiten in den beiden Staaten. Zu diesem Thema werden Vertreter und Vertreterinnen der in Deutschland entweder in Landesver-fassungen anerkannten und / oder  in der deutschen Sektion der FUEV , d.h. der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen, vertretenen nationalen Minderheiten -d. h. der Dänen, der Friesen, der Sorben und der Sinti und Roma - darüber hinaus solche der türkischen Gemeinschaft in Berlin sprechen [1] .Von ihnen können Sie Informationen aus erster Hand erhalten über die Geschichte, die Größe, die rechtliche Stellung, die gegenwärtige Situation und die Probleme der jeweiligen nationalen Minderheit, Volksgruppe und Gemeinschaft.

Ich werde deshalb, um Doppelungen zu vermeiden und Wiederholungen zu entgehen, auf die genannten Gruppierungen nur am Rande eingehen und stattdessen das Begriffsfeld ‘Minderheit’ im heutigen deutschen Sprachgebrauch zum Gegenstand meiner Ausführungen machen.

 

Der Begriff ‘Minderheit’ hat im Deutschen während der letzten Jahrzehnte eine Ausweitung erfahren, die in ihrer Konsequenz jeden von uns heute als Teil einer oder mehrerer Minderheiten sein läßt, so daß wir - überspitzt gesagt -  in einem „Staat der Minderheiten“ leben [2]  .

 

In meiner Studienzeit, in den sechziger Jahren, bedeutete Minderheit als terminus technicus der politischen Sprache und Terminologie entweder - im materiellen Sinne - parlamentarische Minderheit, Minderheit im Gesellschaftsrecht bzw.  - im prozeduralen Sinne - Initiativrecht einer Minderheit, Sperrminorität und ähnliche Rechtsinstitute - oder aber nationale, ethnische, religiöse, sprachliche, soziale Minderheit. Zur Definition des Terminus „nationale Minderheit“ wiederum gehörten und gehören abermals die gerade genannten Merkmale Ethnie, Sprache und  Religion, die eine Gruppe Menschen von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden und sie  zu einer nationalen Minderheit werden lassen können , während ausschließlich  „religiöse“, „sprachliche“ oder  „soziale“ Minderheiten mit einer „nationalen Minderheit“ identisch sein können, dies aber durchaus nicht sein müssen [3] . Im letzten Falle bedeutet dann „religiöse Minderheit“ jede religiöse Gruppierung, die sich in einer Region in der Minderheit befindet : die Katholiken als Diaspora in großen Teilen Norddeutschlands, die Protestanten in weiten Gebieten Süd-und Westdeutschlands ; und inzwischen sind die bekennenden Christen in Städten wie Hamburg oder Berlin insgesamt als Minderheit zu bezeichnen gegenüber der Mehrheit der Bekenntnisfreien oder auch gegenüber einer höheren Zahl bekennender Muslime, ganz zu schweigen von den neuen Bundesländern (d.h. von der ehemaligen DDR), für die im Zusammenhang mit der christlichen Religion der Begriff „Minderheitenkirche“ statt „Volkskirche“ benutzt wird  [4] .

 

Neben dem religiösen Aspekt nationaler Minderheiten steht der Begriff der „Sprachminderheit“. Hierunter sind Sprachen zu verstehen, die statt oder neben der jeweiligen Mehrheits-sprache (Standardsprache) von einer Minderheit gesprochen werden . Geschützt werden sollen sie durch eine europäische Konvention, der aber bisher nicht alle europäischen Staaten beigetreten sind. Eine Sprachminderheit begründet keineswegs zwangsläufig eine nationale Minderheitensituation, wie dies z. B. in der Region, in der Sie sich befinden,  zwar für das Friesische und Dänische, nicht aber für das Niederdeutsche gilt. Sie werden sich mit allen Niebüllern deutscher Staatsangehörigkeit mühelos in der hochdeutsche Standardsprache unterhalten können - nur untereinander ( in der Familie, in den Vereinen der Minderheiten ) benutzt man die eigene (Minderheiten)Sprache  - oder auch , mit Blick auf die mittlere und junge Generation  , benutzte man  sie . Die Entwicklung, wie eine verbreitete Sprachminderheit (die einmal - vor gar nicht langer Zeit - Mehrheitssprache war)  wie das Niederdeutsche immer mehr ausdünnt, ist selbst für Außenstehende augen- bzw. ‘ohren’fällig . Da sind der Schulfreund, der in einem Dorf in der Nähe von Bremerhaven aufgewachsen war und erst in der Schule Hochdeutsch lernte, und seine Frau, die das mecklenburgische Platt beherrscht , die ihren vier Kindern aber Niederdeutsch nicht beigebracht haben ; da ist meine erste Klasse Anfang der siebziger Jahre in Flensburg, in der nur noch drei von 30 Personen in der Lage waren, das Niederdeutsche fließend zu lesen und zu sprechen ; und da sind meine Südholsteiner Schülerinnen und Schüler, die bei der Frage, wer denn Plattdeutsch könne, zunächst auf ihre Eltern oder - häufiger - Großeltern verwiesen und inzwischen keinen Bezug mehr zum Niederdeutschen haben und den Hamburger Slang, das ‘Missingsch’ , für Plattdeutsch (Niederdeutsch) halten [5] . Und daß nicht jedes Mitglied der dänischen Minderheit die dänische Sprache beherrscht oder auch nur geläufig spricht oder mühelos liest, weiß jeder, der mit der Sache vertraut ist, erscheint doch selbst die Zeitung dieser Minderheit mit einem deutschsprachigen Teil und läßt der SSW als Partei der dänischen Minderheit die meisten seiner Wahlplakate in deutscher Sprache drucken (dänischsprachige Plakate des SSW habe ich nur im ‘dänischen Viertel’ Flensburgs gesehen ; ob der SSW in Nordfriesland mit friesischsprachigen Plakaten wirbt, weiß ich nicht) . Summa summarum : Die Mehrheitssprache oder Standardsprache setzt sich gegen die Regional- und Minderheitensprachen trotz wiederholter eindringlicher Förderungsversuche und Förderprogramme durch - auf beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze [6].

 

Die drei Aspekte Ethnie, Religion und Sprache  sind in der europäischen Konvention zum Schutz der Minderheiten vom 8. Februar 1991 enthalten. Art. 2 dieser Konvention definiert, wer „sich nach den Vorstellungen des Europarates zu einer Minderheit zählen darf. Der Begriff ‘Minderheit’ umfasst [danach] eine Gruppe, die kleiner ist als der Rest der Bevölkerung eines Staates. Er kennzeichnet jene Bürger eines Staates, die sich ethnisch, religiös oder sprachlich von der Mehrheit der Bevölkerung unterscheiden und die getragen werden von dem Willen, ihre kulturellen Traditionen, ihre Religion oder ihre Sprache zu bewahren“ [7].

 

Der Begriff ‘Minderheit’ geht in seiner Bedeutung im üblichen deutschen Sprachgebrauch jedoch weit über die genannten Aspekte (Ethnie/Nationalität, Sprache und Religion) hinaus -

ja, diese spielen eine eher untergeordnete Rolle, fragt man achtzehnjährige Gymnasiasten, was sie unter dem Wort ‘Minderheit’ verstünden [8] . Stattdessen fallen Erläuterungsbegriffe wie : Andersdenkende, Ausländer, Fremde, Hautfarbe, Randgruppe, sexuelle Minderheiten, Vegetarier [9] ; bzw. Andersartigkeit, nicht anpassungsfähig, Ghetto ; Isolation, z. T. selbstgewählt ; provokativ, unkonventionell, Vorurteile - abgesehen von den prozeduralen Aspekten (bei Abstimmungen weniger als die Mehrheit o. ä.) .

 

Das Medieninteresse gilt oft sexuellen Minderheiten, gelegentlich auch sozialen Minderheiten wie Behinderten, Arbeitslosen, Alleinerziehenden, Asozialen [10]  sowie jugendspezifischen Minderheiten wie Gruppen mit extremen politischen, moralischen, religiösen Vorstellungen, mit einem dezidierten Mode- oder Musikgeschmack, der sich von demjenigen Gleichaltriger abhebt , kaum jedoch - einmal von den regionalen Medien im Landesteil Schleswig und im sorbischen Siedlungsgebiet abgesehen - den nationalen Minderheiten in Deutschland [11]  . Und deshalb wissen schon in Hamburg nur noch wenige Menschen etwas von der Existenz einer friesischen oder dänischen nationalen Minderheit, dieselben Menschen, die mit dem erweiterten Minderheitenbegriff täglich umgehen [12] .

 

Die Ursachen für diesen derart ausgeweiteten und terminologisch letztlich nur noch dann verwendbaren Minderheitenbegriff, wenn er mit Attributen wie „religiös“ . „sexuell“ , „Raucher-“ oder Minderheit der Fußgänger“ , „Minderheit der Kinderreichen“ etc. verbunden wird, sind für den Begriff „nationale Minderheit“ in der historisch-politischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts zu suchen, für den (neueren) Begriff „Sprachminderheit“ im Vordringen der Mehrheits- (Standard-)Sprache und für den Begriff „religiöse Minderheit“ in der zunehmenden religiösen Indifferenz und dem Desinteresse an theologischen bzw. religiösen Fragen .

 

Der Ursprung nationaler Minderheiten liegt in der Geschichte der vornationalen Staaten mit ihrer Arrondierungspolitik einerseits und der durchaus vorhandenen Fähigkeit andererseits, unterschiedliche Ethnien mit ihren Eigenarten zu integrieren (vom autonomen Status bis zur Assimilation an die stärkste Ethnie), Wanderungsbewegungen aufzufangen, Fremde in großer Zahl zum Kultivieren des Landes oder zum Aufbau der Wirtschaft ins Land zu holen und zu privilegieren . Die nationalen Minderheiten der Dänen , Friesen und Sorben in Deutschland stammen aus dieser vornationalen Phase, sind als Bevölkerung - nicht als Minderheit - seit dem frühen Mittelalter nachweisbar, und zwar in erheblich ausgedehnteren Siedlungsbereichen, was die Dänen, vor allem aber slavische Volksstämme auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands anbelangt, wovon neben den Sorben als nationaler Minderheit zahlreiche topographische Namen zwischen Elbe bzw. Saale und Oder und - westlich der Elbe - das Hannoversche Wendland mit seinen Ortsnamen slavischen Ursprungs zeugen .

 

In den sich aus den vornationalen Staaten -  unter dem Einfluss der Idee des Nationalen und insbesondere der Ideologie des Nationalismus - entwickelnden multinationalen Staaten (z.B. im Osmanischen Reich, in Österreich-Ungarn) existierten bis zum 1. Weltkrieg zahlreiche Nationalitäten , Religions- und Sprachgemeinschaften, die im Verhältnis zum Staats- oder Mehrheitsvolk zwar durchaus nicht rechtlos waren, um deren präzisen Rechtsstatus aber oder gar um deren Gleichberechtigung mit dem Staats-(Mehrheits)volk ständig schwere Auseinandersetzungen stattfanden, die, - ob sie nun zum Erfolg führten (wie im Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867) oder aber scheiterten (wie die Versuche, einen Österreichisch-Böhmischen Ausgleich herbeizufüh-

ren) - stets ein heftiges Presseecho auslösten und einen außerordentlich bedeutenden Teil der innenpolitischen Auseinandersetzungen bildeten [13] . Während dieser Phase gehört die nationale Minderheit der Sorben zunächst zu Böhmen, danach zu Preußen oder Sachsen und seit 1871 zum Deutschen Reich (Kgr. Preußen, Kgr. Sachsen), die nationalen Minderheiten der Friesen und Dänen zum Herzogtum Schleswig und damit bis 1864 zur dänischen Krone, seit 1866 zu Preußen und seit 1871 zum Deutschen Reich

(Kgr. Preußen) .

 

Nach dem 1. Weltkrieg bildete sich aus der Konkursmasse der zerschlagenen multinationalen Staaten eine Fülle Nationalstaaten. Da deren Anteil an Nationalitäten im Verhältnis zum neuen Staatsvolk nicht selten ein Viertel oder Drittel der Gesamtbevölkerung überschritt [14] ,  verliefen die Auseinandersetzungen um die Rechte dieser nationalen Minderheiten häufig außerordentlich hart und haßerfüllt, wodurch sie  - auch wegen ihres großen Widerhalls in der nationalen und internationalen Presse - eine schwerlich zu überschätzende Hypothek in den innenpolitischen Auseinandersetzungen und für die außenpolitischen Beziehungen der neuen Staaten bildeten . Eine zufrieden stellende Regelung der Rechte der Minderheiten - als einem ernsten gesamteuropäischem Problem - wurde im Europa der Zwischenkriegszeit nicht er-

reicht.

In Deutschland hatte sich die Zahl der Staatsbürger, die zu einer nationalen Minderheit gehörten, auf Grund der territorialen Verluste  - mit oder  ohne Abstimmungen - drastisch verringert ; das heutige Bild beginnt sich abzuzeichnen - mit Friesen und Sorben und einer - im Vergleich zur Zeit vor dem 1. Weltkrieg - stark geschrumpften dänischen Minderheit, nachdem sich Nordschleswig ( wo auch nach der Angliederung des Herzogtums Schleswig an Preußen bzw. das Deutsche Reich der dänische Bevölkerungsanteil nicht unter 75 % der Gesamtbevölkerung gesunken und damit Mehrheitsbevölkerung in dieser Region war) bei der Abstimmung über die Zugehörigkeit der nördlichen (1.) Zone am 10. 2. 1920 für einen Anschluß an Dänemark ausgesprochen hatte (75.431 : 25.329 Stimmen) . Der dänische Stimmenanteil in der zweiten schleswigschen Abstimmungszone am 14.3.1920 betrug 12.800 gegenüber 51.700 deutschen Stimmen. Somit kann der 14. März 1920 als Geburtsstunde der heutigen dänischen Minderheit bezeichnet werden .

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen schien die Minderheitenproblematik als europäisches Problem - u. a. auf Grund der immensen Bevölkerungsveränderungen in Ost-Mittel und  Süd-Ost-Europa - zunehmend obsolet geworden zu sein , sieht man ab von den schweren Auseinandersetzungen im hiesigen Gebiet (im Landesteil Schleswig) zwischen 1945 und 1955 und in Südtirol Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, bisweilen auch in den siebziger und achtziger Jahre und die andauernden Konflikte auf Korsika und im baskischen Gebiet ab, da die Nationalitätengegensätze im deutsch-dänischen Grenzland und in Südtirol gemildert und in einigen anderen Fällen (z.B. im Hinblick auf die Schwedisch sprechenden Finländare in Finnland, auf die ‘Deutschsprechende Gemeinschaft’ in Ost-Belgien oder auch - allerdings erst während der letzten Jahre - auf die Samen in Norwegen und Schweden [15] ) durch internationale Abkommen oder nationale Gesetzgebung entschärft werden konnten .

 

Während meines Geschichtsstudiums an den Universitäten Kiel, Göttingen und Saarbrücken bin ich den nationalen Minderheiten als europäischem Problem ein einziges Mal begegnet - in einer über ein Semester mit fünf Stunden pro Woche laufende Vorlesung des Osteuropa-Historikers Reinhard Wittram an der Universität Göttingen.

 

In den westdeutschen Medien wurde dieses Thema während der sechziger , siebziger und achtziger Jahre - sieht man von der schleswigschen Regionalpresse ab - nur gelegentlich behandelt - am ehesten noch in Blättern, die die Dissidenten des sovetischen Machtbereichs zu Wort kommen ließen und über den Samizdat berichteten, bei dem nationale Bewegungen in der Sovetunion über „beträchtliche Sympathie-Reserven“ verfügten. Wolfgang Eichwede 

schreibt: „Der Samizdat war ein Ort intellektueller Auseinandersetzungen. In seinem Milieu hörte ich schon früh von Rudolf Slánský die These, daß die Sowjetunion als letztes Vielvölkerreich in Europa die Modernisierungsprozesse bis zum Ende des Jahrhunderts nicht überstehen werde“ [16] .

 

Mit dem Zerfall des sovetischen Hegemonialbereiches zeigte sich einer breiteren interessierten Öffentlichkeit, daß Stalinismus und Bol’sevismus die Nationalitätenproblematik in Ost- und Ost-Mittel-Europa nicht gelöst, sondern nur unterdrückt hatte, so daß seit Ende der achtziger Jahre Nationalitätenfragen in den Nachfolgestaaten der Sovetunion und in den Ländern Ostmitteleuropas und des Balkans vehement in den Vordergrund drängten und damit größere Resonanz in den Medien als zuvor fanden und finden, wobei interessant zu beobachten war, wie schwer es Wissenschaftlern und Publizisten fiel, sich mit einer Problematik vertraut zu machen, die für viele Menschen  - auch in Deutschland - zum Alltag gehörte und seit langem gehört hatte .

 

Das Desinteresse an Nationalitätenfragen spätestens seit den sechziger Jahren und die mangelnde Sensibilität für diese Problematik bis in die Gegenwart hinein begünstigte die Ausweitung des Begriffsfeldes „Minderheit“ bis hin zur Beliebigkeit, eine Entwicklung, die kaum revidierbar ist . Deshalb empfiehlt es sich, aus der Begriffserweiterung deren positive Aspekte weiterzuführen und den Begriff „nationale Minderheit“ in Deutschland einerseits zu historisieren und andererseits anzupassen an die realen Verhältnisse in Deutschland.

 

Ein Blick auf den (vorläufigen) Plan des Deutsch-Israelischen Jugendforums für den Besuch der israelischen Delegation 2000 (Stand  Juli 2000) zeigt, daß der Begriff „nationale Minderheit“ weniger eindeutig  verwendet worden ist als bisher vorausgesetzt - bzw. daß nicht präzise unterschieden wird:

Auf der ersten Seite wird als zweiter Name für Niebüll die dänische Version Nybøl  benutzt, obwohl die Stadt im friesischen Sprachgebiet liegt und die offiziellen Ortsschilder neben dem deutschen Namen die friesische Bezeichnung Naibel  tragen. Vermutlich ist eine Karte der dänischen Minderheit benutzt worden, die statt der  friesischen Namen die dänischen topographischen Bezeichnungen enthält - was auch etwas darüber aussagt, welchen Stellenwert die friesische Volksgruppe in der dänischen Minderheit hat ( wie auch in Flensborg Avis Artikel in friesischer Sprache kaum zu finden sind ) .

Auf der zweiten Seite wird neben dem Städtenamen Flensburg   - i. e. der Name der Stadt, die als ‘Hauptstadt’ der dänischen Minderheit in Deutschland fungiert -  die dänische Bezeichnung Flensborg  verwendet, die ebenso wenig im amtlichen Sprachgebrauch benutzt wird wie die deutsche Ortsbezeichnung Apenrade für die dänische Stadt Aabenraa als Sitz der wichtigsten Institutionen der deutschen Minderheit in Nordschleswig .

Darüber hinaus ist es problematisch, die dänische Minderheit in Deutschland, nicht aber die deutsche Minderheit in Dänemark zu besuchen, weil die rechtliche Stellung dieser beiden nationalen Minderheiten - anders als die der Friesen oder Sorben, denen eine hilfreicher Nationalstaat im Rücken fehlt - in vielem auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruht .

 

Auf den Seiten 3 und 4 werden sorbische Namen für die Städte Bautzen, Cottbus, Lübbenau sowie für Dresden, Görlitz und Leipzig angegeben. Während die drei erstgenannten Städte auch offiziell neben dem deutschen den sorbischen Namen tragen, kann die sorbische Bezeichnung für Dresden, Görlitz oder Leipzig nur aus historischen Gründen - weil man einen Exkurs über die sorbische Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit erwartet - genannt worden sein, da diese Orte seit langem nicht mehr  im sorbischen Sprachgebiet liegen - wäre es anders, befänden sich die Sorben in ihrer Region nicht in der Minderheit [17] .

 

Die vierte Seite weist einen Besuch bei der „Türkischen Gemeinde“ in Berlin aus - ein löbliches Unterfangen -, nur sind die Türken in Deutschland keine nationale Minderheit - weder  im rechtlichen Sinne, noch nach den Vorstellungen der FUEV , während das Programm eine weitere historisch begründete nationale Minderheit in Deutschland, die Mitglied der FUEV ist, als staatlich sanktionierte Minderheit aber nicht mehr fungiert, weder erwähnt noch zu Wort kommen läßt - nämlich die Ruhrpolen.

 

Sie sehen, wie leicht man sich im Netz der Minderheitenproblematik verfangen kann und wie kompliziert die Minderheitenverhältnisse sind.

 

Die fünf nationalen Minderheiten Deutschlands als Mitglieder der FUEV - d.h. die Dänen, die Friesen, die Sorben, die Sinti und Roma sowie die Ruhrpolen - unterscheiden sich in Geschichte, Struktur, Rechtsstellung und Akzeptanz in der Bevölkerung so stark, daß das tertium comparationis nur der Status einer nationalen Minderheit ist .

 

Dabei verfügt die dänische Minderheit vermutlich über die ausgeprägteste Infrastruktur, die günstigste Finanzausstattung, die beste politische Vertretung mit zur Zeit drei Abgeordneten im Kieler Landtag und --- infolge der Bonn-Kopenhagener-Erklärung von 1955 --- über die beste rechtliche Absicherung. Diese Erklärung belegt, daß die dänische Minderheit ihre im Vergleich zu anderen Minderheiten herausgehobene Stellung dem Nationalstaat Dänemark verdankt, der die Minderheiteninteressen im Zusammenhang mit dem NATO-Beitritt Westdeutschlands 1955 zu sichern verstand. Für viele Schleswig - Holsteiner  ist die dänische Minderheit eine Hätschelminderheit, die zu kritisieren, die political correctnes  verbietet.

 

Für die Sorben bildete nach 1945 - zunächst in den Ländern Brandenburg und Sachsen der SBZ und seit 1949 in der DDR - ihre slavische Herkunft die Gewähr für die Sicherung von Minderheitenrechten , um damit das Wohlwollen der sovetischen Besatzungsmacht zu gewinnen und Ansprüche der CSR auf die beiden Lausitz abzuwehren .

 

Einen vergleichbaren Rückhalt hatten und haben weder die Friesen, von denen sich möglicherweise auch deshalb ein Teil - gleichsam als Minderheit in der Minderheit - als „nationale Friesen“ mit der dänischen Minderheit verbündet hat, noch für die Sinti und Roma.

 

Der historischen  Minderheit der Polen an der Ruhr (Ruhrpolen, Westfaliczy) [18]  fehlte in der Zeit ihrer Entstehung im letzten Drittel des  19. Jahrhunderts und ihres zahlenmäßigen Höhepunkts unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg (etwa 300.000 bis 400.000 Personen) der Rückhalt eines Nationalstaates ; dessen Gründung am Ende des 1. Weltkriegs dezimierte sie außerordentlich stark - auf  weniger als ein Drittel , nämlich rund 100.000 Personen [19] , und zwar durch Rückwanderung in die nun zum wiederhergestellten polnischen Staat gehörenden Herkunftsgebiete, durch Option für Polen und die damit zumeist verbundene Abschiebung, durch Migration nach Frankreich oder Belgien, wo man infolge der Inflation in Deutschland und der Ruhrbesetzung bessere Lebensbedingungen zu finden hoffte . Die schweren bilateralen Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und Polen während der Weimarer Republik (Gebietsabtretungen, schlesische Aufstände, Optionsfrage, Minderheitenstatus) gaben der verbliebenen ruhrpolnischen Minderheit weniger Rückhalt als Gegenwind. In der nationalsozialistischen Zeit wurde die Arbeit der ruhrpolnischen Minderheit zwischen 1933 und 1939 behindert, nicht aber verboten. Dies änderte sich mit Kriegsbeginn, als die Führungskräfte der ruhrponischen Minderheit verhaftet wurden; viele von ihnen sind in den Lagern umgekommen .

Nach 1945 wurden der organisatorische, kulturelle und zahlenmäßige Vorkriegsstand der ruhrpolnischen Minderheit  auch nicht annäherungsweise wieder erreicht . Die Ursachen hierfür liegen a) in der zunehmenden Assimilation, die schon nach dem Weggang des nationalpolnisch gesinnten Teils der Minderheit bei der Neugründung Polens begonnen hatte, b) in der mangelnden Attraktivität des kommunistischen Polens als Rückhalt für die oft streng katholischen Ruhrpolen (Westfaliczy) und c) auch darin, daß die deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus den preußischen Ostgebieten, die an Polen gefallen waren, eine forcierte Arbeit oder gar staatliche Förderung einer polnischen Minderheit in Westdeutschland als Provokation gesehen hätten . Verschwunden aber ist die alte ruhrpolnische Minderheit nicht völlig [20] ; noch heute gibt es in Ruhrstädten im vierwöchigen Abstand polnischsprachige katholische Gottesdienste, die allerdings inzwischen möglicherweise weniger von Mitgliedern der historischen ruhrpolnischen Minderheit als von Polen besucht werden, die seit den achtziger Jahren ins Ruhrgebiet gekommen sind .

 

Dies führt zu einem anderen, nicht unwichtigen Gesichtspunkt der Minderheitenproblematik :  So viele Polen zur Zeit auch in Deutschland leben mögen, sie haben nicht den Status von Angehörigen einer nationalen Minderheit, denn dieser Status setzt die deutsche Staatsbürgerschaft voraus (die die ruhrpolnische Minderheit, die Berliner und oberschlesische polnische Minderheit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik besessen hatten) und - im tägliche Leben und zur Wahrnehmung der Minderheitenrechte - den Wohnsitz in den historisch begründeten Gebieten der jeweiligen Minderheit : Die Angehörigen der dänischen, friesischen, sorbischen Minderheit sind deutsche Staatsbürger und nehmen die Minderheitenrechte in ihrer jeweiligen Region wahr . Ein Mitglied der dänischen  Minderheit beispielsweise kann selbstverständlich nach Köln oder Leipzig ziehen, hat dort aber nicht die Möglichkeit, die Partei der dänischen Minderheit zu wählen oder seine Kinder im Rheinland oder Sachsen auf Schulen der Minderheit zu schicken. Will man aktiv in der dänischen Minderheit mitarbeiten, muß man im Landesteil Schleswig bleiben - und dies gilt mutatis mutandis für alle nationalen Minderheiten.

Zur Hamburger Dänischen Seemanns-Kirchgemeinde gehören zwischen 15. und 20.000 Dänen (mit dänischer oder deutscher Staatsangehörigkeit), doch bilden diese keine dänische nationale Minderheit in Hamburg, sondern sind lediglich Mitglieder einer Hamburger Kirchgemeinde, wenn auch einer speziellen. In Berlin kann man möglicherweise eine dänische Schule besuchen, doch handelte es sich dann um eine dänische Auslandsschule und nicht um eine Schule der dänischen schleswigschen Minderheit.

 

Die Größe der dänischen Gemeinde allein bei der Hamburger dänischen Seemannskirche weist auf einen weiteren Aspekt der Minderheitenproblematik hin: die in Deutschland anerkannten nationalen Minderheiten sind zahlenmäßig weitaus geringer [21] als im Lande lebende andere nationale Gruppierungen - z.B. Polen oder Türken . Allein’ in Berlin lebten 1998 etwa 30.000 Polen [22]  und 140.000 Türken  [23] . Die türkische Gemeinschaft in Deutschland ist so groß, daß inzwischen die Minderheiten innerhalb dieser Gemeinschaft Forschungsgegenstand sind  [24] .

 

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch die  rund 900.000 bis

1 Million Aussiedler aus Oberschlesien und Masuren, die zwischen 1970 und 1990 nach Westdeutschland kamen [25] , und die etwa 1,6 bis 1,7 Millionen deutschrussischen Zuwanderer aus  den Ländern der ehemaligen Sovetunion, die innerhalb von neun Jahren - zwischen 1990 und 1999 - nach Deutschland gekommen sind [26] , in ihren jetzigen Wohnorten oft in recht geschlossenen, ghettoartigen Gemeinschaften leben, als Haus- und Umgangssprache Russisch haben, in besonderen Geschäften mit russischen Waren einkaufen und in Deutschland erscheinende russischsprachige Zeitungen (z.B. „Russkij Berlin“  s. Anhang) lesen ; in meinem Wohnort gibt es für diesen Bevölkerungskreis im Rahmen der evangelischen Kirche jeden Sonntag eigenen Gebetsstunden [27] .

 

Angesichts von mindestens 140.000 Türken allein’ in Berlin stellt sich die Frage, ob das System  von --  einerseits -- anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland mit garantierten Minderheitenschutzrechten und -- andererseits -- von  nicht als nationale Minderheiten anerkannten  nationalen  Gemeinschaften ohne spezifische Minderheitenschutzrechte aufrechterhalten werden kann oder ob nicht rechtliche Regelungen gefunden werden müssen, die neben den „traditionellen“ auch den „neuen“  nationalen Gruppierungen spezielle  (Minderheiten)Schutzrechte einräumen . Diese Frage wird -- selbst nach traditionellem Verständnis von  nationalen Minderheiten  --  seit dem Inkrafttreten des neuen Staatsbürgerrechts , wonach in Deutschland  geborene und in diesem Lande lebende Ausländer relativ leicht deutsche Staatsbürger werden können, sich dringender stellen und eine positive Antwort verlangen. Wenn man von einer  historischen nationalen Minderheit der Ruhrpolen spricht, könnte dies beispielsweise in absehbarer Zeit auch von der gegenwärtigen Neuköllner (Berlin) oder Wilhelmsburger (Hamburg) Gemeinschaft von Türken oder den Rußlanddeutschen in Marzahn gesagt werden . Kriterien  nationaler Minderheiten wie eine eigene Sprache, eine eigene Religion (Konfession), eine eigene Infrastruktur mit Schule, Presse, Gottesdiensträumen, Geschäfts- und Bankwesen sowie regionale Schwerpunkte lassen sich ohne Schwierigkeiten nachweisen . Und Ähnliches läßt sich von vielen Migrantengruppen in Deutschland sagen .

 

Schon zu Beginn der neunziger Jahre hat der österreichische Staatsrechtler , Menschenrechtsexperte und ausgewiesene Kenner der Minderheitenproblematik als europäischem Problem , Felix Ermacora , gewarnt , es werde eine Fülle von Problemen auf die europäischen Staaten zukommen, wenn „nicht rechtzeitig die politische Qualität dieser neuen Minderheiten erkannt“ werde [28] . Professor Ermacora sagte : „Ich bin überzeugt, daß wir mitten in dieser Problementwicklung . . . stehen und daß man in Bezug auf die Frage des Schutzes der Minderheiten wird umdenken müssen ; es wird nicht lange dauern, so werden wir neben den klassischen Minderheiten Bevölkerungsgruppierungen haben, die mit diesen klassischen Minderheiten nicht mehr übereinstimmen. Ich  . . . meine, daß das so lange ein gravierendes Problem ist, solange es keine einheitliche europäische Politik über alle diese Fragen

gibt . . .“ [29] . Diese einheitliche europäische Politik aber läßt nicht nur auf sich warten, sondern ist überhaupt nicht abzusehen .

 

Interessant ist, daß sich die neuen Minderheiten -- seien es solche im eher traditionellen Verständnis,  seien es Minderheiten im erweiterten Sprachgebrauch -- in Stadtteilen niederlassen bzw. niedergelassen haben, die schon in der Geschichte eine Minderheit oder Minderheiten als Minderheitenkonglomerat angezogen haben . Drei Beispiele seien herausgegriffen :

   I :    Wilhelmsburg  - ein erst seit 1937 zu Hamburg gehörender Stadtteil . Hierhin zogen im 19. Jahrhundert Polen, um dort in der Textilindustrie zu arbeiten. Eine große katholische Kirche, ein katholisches Krankenhaus, eine katholische Schule im ursprünglich protestantischen Wilhelmsburg zeugen von dieser Migration [30] . Heute gehört Wilhelmsburg mit der Veddel zu den Hamburger Stadtteilen mit einem besonders hohen Anteil von Türken .

 

 II :    Der Hamburger Stadtteil St. Georg :

Dieser unmittelbar vor der Hamburger Kernstadt gelegene Stadtteil, aus einem mittelalterlichen Hospitalbezirk entstanden, entwickelte sich im 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert 1. zum Zentrum der katholischen Diaspora mit der Kirche St. Marien, dem heutigen Dom und Sitz des Hamburger katholischen Erzbischofs, mit Schule und Altersheim ; 2. zum Mittelpunkt der Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie, die als Gegenpol zum bürgerlichen Rathaus ein ähnlich pompöses Gebäude, den Besenbinderhof, errichten ließen .

Heute befinden sich in St. Georg : 3.  die größte Hamburger Moschee in der Böckmannstraße mit etwa 2000 Plätzen und einem islamischen Zentrum, außerdem zahlreiche kleine Moscheen und islamische Gebetsräume, türkische und iranische Firmen ; 4.  die umfangreiche schwule Szene Hamburgs mit breiter Infrastruktur vom Rundfunksender und von der Bibliothek bis zu Stricherkneipen, vom seriösen Hotel und vom Kommunikationszentrum bis zu Einrichtungen der AIDS-Prävention und AIDS-Hilfe, konzentriert um die Dreieinigkeitskirche St. Georg, an der zwei schwule Pastoren für die Seelsorge von HIV-Infizierten Gastrecht haben ; 5. eine ausufernde Prostitutions- und Drogenszene .

 

III :    Kreuzberg (Berlin) :

Dieser Berliner Stadtteil nahm im ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jahrhundert zahlreiche Arbeitsmigranten aus dem Osten Preußens, vor allem aus Schlesien, auf. Heute ist Kreuzberg eine Hochburg der Berliner Türken mit entwickelter Infrastruktur von Moscheen bis zu Banken, von türkischen Ärzten und Rechtsanwälten bis zu Handwerkern, kleinen Läden, mittelständischen Firmen, von der weit gefächerten türkischsprachigen Presse bis zu

zwei-(oder mehr)sprachigen öffentlichen Bekanntmachungen und Warnschildern. Das Kulturzentrum Bethanien , ein ehemaliges evangelisches Krankenhaus, enthält eine große türkische Bibliothek (es soll die größte außerhalb der Türkei sein), und es ist vielleicht mehr als ein Bonmot, wenn man sagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das katholische Pflegezentrum St. Marienhaus in der Lausitzerstr. 42-44 im schlesischen Viertel Kreuzbergs  (Berlin war vor der Industriellen Revolution eine evangelische Stadt) in eine entsprechende türkische Institution umgewandelt wird.

Einen ähnlich hohen türkischen Bevölkerungsanteil wie Kreuzberg haben Neukölln und Moabit, zwei Stadtteile, zu deren Entstehung und Aufbau ebenfalls Minderheiten (böhmische Exulanten und Hugenotten) viel beigetragen haben .

 

 

Nicht außer acht gelassen werden sollen die Rechtsstellung der deutschen nationalen Minderheiten und die internationale Zusammenarbeit zwischen den europäischen Minderheiten:

Die Weimarer Verfassung enthielt einen speziellen Artikel, der Minderheitenrechte garantierte. Dieser Artikel 113 lautet : „Die fremdsprachigen Volksteile des Reichs dürfen durch die Gesetzgebung und Verwaltung nicht in ihrer freien, volkstümlichen Entwicklung, besonders nicht im Gebrauch ihrer Muttersprache beim Unterricht sowie bei der inneren Verwaltung und der Rechtspflege beeinträchtigt werden“ . Die Artikel 124 (freie Gründung von Vereinen), 137 (Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften, Garantie der Religions- und Glaubensfreiheit), Art. 148 Abs. 2 mit der Bestimmung, daß im Schulunterricht „Bedacht zu nehmen [ist], daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden“ , gewährten Rechte, die für nationale Minderheiten wichtig waren und sind. Allerdings sah die Verfassungswirklichkeit anders aus; Martin Kasper [31]  führte hierzu aus : „ . . . Bogensee und Skala mussten in ihrer Schrift über die rechtliche Situation der nationalen Minderheiten im Jahre 1929 feststellen, daß der Artikel 113 lediglich ein Programm, also allenfalls normatives, keinesfalls aber positives Recht geblieben und in der Praxis nicht verwirklicht worden sei . . .“.

 

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland enthält keinen speziellen Minderheitenartikel [32], sichert die Grundrechte ohne speziellen Bezug auf nationale Minderheiten . Eine Regelung, die dem Artikel 113 der Weimarer Verfassung entspräche, stieße heute insofern auf Ablehnung, als sich deutsche nationale Minderheiten nicht mehr über die Sprache definieren, sondern sich als Bekenntnisminderheit verstehen . In dieser - überspitzt formuliert - Beliebigkeit der Zugehörigkeit zu nationalen Minderheiten liegt auch die Schwierigkeit einer speziellen verfassungsmäßigen Garantie, da Bekenntnisfreiheit ohnehin gewährleistet ist  - ohne Recht des Staates, das Bekenntnis eines einzelnen in Frage zu stellen und zu überprüfen  - und dies für einen Teil der Bevölkerung nicht mehr gesondert  wiederholt werden muß .

 

Anders sieht es in den Bundesländern mit nationalen Minderheiten aus; in ihnen (Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen) wird die Rechtsstellung der Minderheiten durch die jeweilige Landesverfassung geregelt. Für Schleswig-Holstein ist dies in Art. 5 der Landessatzung geschehen in seiner nach längerer Diskussion erzielten einstimmig beschlossenen Fassung, die am 1. August 1990 in Kraft getreten ist [33] . Art. 5 lautet:

(1) Das Bekenntnis zu einer nationalen Minderheit ist frei; es entbindet nicht von den allgemeinen staatsbürgerlichen Pflichten.

(2) Die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinde und Gemeindeverbände. Die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.

 

Die Verfassungen von Sachsen und Brandenburg aus dem Jahr 1992 enthalten entsprechende Bestimmungen für die sorbische Minderheit.

Vor der verfassungsmäßigen Sicherung der Rechte der sorbischen Minderheit in Sachsen und Brandenburg stand die Konstituierung der von diesen beiden Ländern sowie vom Bund getragenen Stiftung für das sorbische Volk (offizielle Gründung am 19. Oktober 1991) . Den Weg dazu hatte u. a. die Protokollnotiz Nr. 14 zu Art. 35 des Einigungsvertrages bereitet mit deren „Garantie, daß das Bekenntnis zum sorbischen Volkstum und zur sorbischen Kultur frei ist und die Angehörigen des sorbischen Volkes und ihrer Organisationen die Freiheit zur Pflege und zur Bewahrung der sorbischen Sprache im öffentlichen Leben haben“ [34] .

Doch auch heute sind Rechtsnorm und Rechtswirklichkeit nicht identisch - so kürzte im Jahre 1999 der Bund entgegen ursprünglichen Zusagen die finanzielle Förderung der Stiftung für das sorbische Volk  [35] .

 

Die nationalen Minderheiten in Deutschland und die deutsche Minderheit in Dänemark arbeiten in den internationalen Minderheitenorganisationen mit, d.h. vor allem:

-- in der schon mehrfach erwähnten Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen

   (FUEV) [36] ,

-- bei der Jugend europäischer Volksgruppen (JEV) ,

-- im deutschen Komitee für Sprachminderheiten des European  

   Bureau for lesser used languages .

 

Über diese Organisationen suchten und suchen die europäischen Minderheiten Einfluss zu nehmen auf die europäischen Bemühungen zum Schutz nationaler Minderheiten - z.B. auf die Kopenhagener KSZE-Konferenz von 1990 über Minderheitenfragen, deren Schlussdokument detailliert Forderungen zum Schutz  und zur Förderung der nationalen Minderheiten zusammenstellt [37] . Hierzu gehören die traditionellen generellen Forderungen nationaler Minderheiten wie Gleichheit vor dem Gesetz, wie die Garantie, „ihre ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse Identität frei zum Ausdruck zu bringen, zu bewahren und weiterzuentwickeln, ihre Kultur in allen Aspekten zu erhalten und zu entwickeln,  frei von jeglichen Versuchen, gegen ihren Willen assimiliert zu werden“ [38]  sowie die Garantie des - eher neueren - Prinzips , daß nationale Minderheiten Bekenntnisminderheiten seien [39] .

Ein Jahr später, 1991, fand in Genf ein KSZE - Expertentreffen über die Probleme von  nationalen Minderheiten  statt [40] .

 

Zusammengefasst kann gesagt werden, daß die rechtliche Situation der staatlich anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland nicht unbefriedigend, wenn auch verbesserungsfähig ist. Den Vergleich mit  unseren europäischen Nachbarn braucht Deutschland nicht zu scheuen.

Weniger gesichert ist die Position anderer nationaler Gruppierungen und anderer Minderheiten in Deutschland. Während  jedoch die Sicherung der Rechte sexueller und sozialer Minderheiten in der Öffentlichkeit angeregt und kontrovers diskutiert werden und rechtliche Regelungen ausgearbeitet worden sind oder unmittelbar bevorstehen, fehlt eine vergleichbare Diskussion über die Garantie von speziellen Minderheitenrechten gegenüber in Deutschland lebenden nationalen Gruppierungen , die nicht zu den anerkannten nationalen Minderheiten gehören . Eine solche Diskussion und derartige rechtliche Regelungen (über die von der Verfassung garantierten Menschen- und Bürgerrechte hinaus) gehören zu den Desideraten der deutschen Politik.  

 

 

 

 

 

 

 

                                                              Literaturverzeichnis

 

 

 

Becher, Peter und Dzambo, Jozo :  Gleiche Bilder, gleiche Worte. Deutsche, Österreicher und Tschechen in der Karika-

tur (1848-1948) . Stejné obrazy, stejná slova. Nemci, Raku-

sané a Cesi v karikature  (1848-1948) . München /Mni-

chov 1997

 

Cinar, Tülay :  s. unter Greve, Martin und Cinar, Tülay

 

Davies, Norman:  God’s Playground. A history of Poland.

Volume II: 1795 to the present. Oxford 1981

 

Eichler, Ernst :  Slawische Ortsnamen zwischen Saale und Neiße. Bd. 1: (2. Aufl.) Bautzen 1987 ; Bd. 2 : Bautzen 1987

 

Eichwede,Wolfgang (Hg.) :  Samizdat - Alternative Kultur in Zenral- und Osteuropa : Die 60er bis 80er Jahre. = Dokumen-

tation zur Kultur und Gesellschaft im östlichen Europa.

Bd. 8. Bremen 2000

 

Greve, Martin und Cinar, Tülay :  Das türkische Berlin. 2. Aufl.

Berlin 1998

 

Hoensch, Jörg K. :  Geschichte der Tschechoslowakischen

Republik. 2. Aufl. Stuttgart 1978

 

Japs, Gode :  DLF - „Hintergrund Politik“ : Statut für die Minder-

heiten in Europa ? DLF-Sendung am 15. 7. 1991

 

Jonker, Gerdien und Kapphan, Andreas : Moscheen und isla-

misches Leben in Berlin. Berlin 1999

 

Jonker, Gerdien :  Kern und Rand. Religiöse Minderheiten aus

der Türkei in Deutschland. Berlin 1999

 

Kapphan, Andreas : s. unter Jonker, Gerdien und Kapphan,

Andreas

 

Kasper, Martin :  Die rechtliche Stellung der Sorben im 20. Jahrhundert. In : Friesen und Sorben. Beiträge zu einer Tagung

über zwei Minderheiten in Deutschland. Bräist / Bredstedt (Nordfriesland) 1991

 

Kleßmann, Christoph :  Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet

1870 - 1945. = Kritische Studien zur Geschichtswissen-

 schaft Bd. 30. Göttingen 1978

 

Kunze, Peter :  Die Sorben / Wenden in der Niederlausitz.

Bautzen / Budysyn 1996

 

Lorenz, Gottfried :  Modell Südschleswig ? -Dänische Minder-

heit und deutsche Mehrheitsbevölkerung, gespiegelt in

„Flensborg Avis“ und den Romanen „Regnbuelandet“

und „Identitet“ . Typoskript  Oktober 1992. Als Zeitschrif-

tenaufsatz (gekürzt) in Grenzfriedenshefte . Flensburg

1994 - Heft 1 (März 1994) S. 17-32 ; Heft 2 (Juni 1994)

S. 84-97

 

Müller, Klaus (Model, Otto ; Müller, Klaus) : Grundgesetz für die

Bundesrepublik Deutschland. Taschenkommentar für

Studium und Praxis. 11. Aufl. Köln 1996 (= Model / Müller)

 

Peters - Schildgen, Susanne :  „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die

Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis

 1945. Essen 1997

 

Scholze, Dietrich (Hg.) : Die Sorben in Deutschland - Serbja w

Nemskej. Bautzen 1993

 

Schruiff, Franjo (Hg.) : Bridges instead of Walls - Brücken statt

Mauern - Mosti namjesto zidin : Minderheiten in Zentral-

europa - Minorities in Central Europe -Manjine u central-

noj Europi . Wien 1993

 

Skretny, Werner :  Hamburg zu Fuß. 20 Stadtteilrundgänge

durch Geschichte und Gegenwart. Hamburg 1986

 

Stach, Andrzej: Das polnische Berlin. Polski Berlin. Berlin 1999

 

Tolkki, Arvo :  Vindmannen - Biegga Olmmái. Luleå 2000

 

Wehler, Hans-Ulrich :  Krisenherde der Kaiserzeit 1871-1918.

 = Studien zur deutschen Sozial- und Verfassungsge-

 schichte. Göttingen 1970

 

 

Aussiedler - Informationen zur politischen Bildung Nr. 267 / 2000

 

Ausstellung Kaczmarek und andere i inni  ( 1997 in Essen, seit April 1999 als Wanderausstellung in Polen, ab November 2000 in Gelsenkirchen)

 

 

 

 

                                            A N H A N G   

 

Die Zeitung Russkij Berlin (RB)/ Russkaja Germanija (RG) ist im Juni 1996 gegründet worden. Ihr Leitspruch lautet „Naše otečestvo - russkij jazyk“ (Unser Vaterland - die russische Sprache).

Russkij Berlin bezeichnet sich selbst als „Russischsprachige Wochenzeitung für Berlin“; sie kostet z. Zt. (Oktober 2000) 2,20 DM. Ihre Redaktion befindet sich in der Potsdamer Str. 100 in Berlin.

Die Zeitung informiert über russische, deutsche, internationale Politik, besitzt einen mehrseitigen, recht umfangreichen Berlin-Teil, informiert über kulturelle Ereignisse.

Unter dem Titel „Telemost“ veröffentlicht die Zeitung auf acht Seiten Fernsehprogramme (ORT, ORT - meždunarodnoe, Kanal ‘Rossija’, Naše kino, Detskij mir) und unter der Überschrift „Častnye ob’’javlenija“ auf ebenfalls acht Seiten Kontaktanzeigen. Russkij Berlin enthält zahlreiche Annoncen, bei denen Name und Adresse der annoncierenden Firmen deutschsprachig, die Angebote zumeist russischsprachig sind.

Als Beilage zu RB/RG erscheint einmal im Monat eine etwa sechzehnseitige Ausgabe von ? & ! Čto i kak v Germanii - eine Art Magazin zu unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Fragen und Problemen in Deutschland.

 



[1] Möglicherweise besuchen Sie auch die Jüdische Gemeinde in Berlin . Diese gehört zwar nicht zu den nationalen Minderheiten , wohl aber zu den Minderheiten in Deutschland -  und zwar als eine religiöse Minderheit. Allerdings werden Sie von der stellvertretenden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin und Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland, Frau Norma Drimmer, hören können, daß es unter den etwa 12.000 Berliner Juden durch die Zuwanderung von Juden aus den Nachfolgestaaten der Sovetunion eine Art „Nationalitätenkonflikt“ gibt .

[2] So titelte die FAZ am 16. September 2000 im Zusammenhang mit Kalifornien : „ In Kalifornien stellt keine Bevölkerungsgruppe mehr die Mehrheit“ .

[3] Die friesische und dänische Minderheit  in Deutschland unterscheiden sich konfessionell ebensowenig von der deutschen Mehrheitsbevölkerung wie ein bedeutender Teil der sorbischen Minderheit.

Gerdien Jonker  (S. 6) spricht davon, daß im Osmanischen Reich nicht-islamische oder abweichend-islamische Gruppen als religiöse Minderheiten definiert worden seien, doch bedeutete religiöse Minderheit im Osmanischen Reich zumeist gleichermaßen nationale Minderheit : die orthodoxen Christen als Griechen, Bulgaren, Rumänen, Serben ; die armenischen Christen als Armenier ; die Rum-Orthodoxen als Araber, die Syrisch-Orthodoxen als Aramäer . Der Berliner Vertrag von 1878 enthält z.B. Bestimmun-gen über den Schutz der Armenier als nationale Minderheit.

Im ehemaligen Jugoslavien galten die Muslime (Bosniaken) als Ethnie - wie Serben, Kroaten, Slovenen oder Montenegrinern .

 

[4] In den ‘neuen Bundesländern’ liegt - wissenschaftlichen Studien zufolge - der Anteil der Atheisten an der Gesamtbevölkerung bei 65 %. Die „Mitglieder“ dieser ‘3. Konfes-sion’ stellen also die Mehrheit der Bevölkerung dieses Gebietes .

[5] Vor vierzig Jahren hielt der Landrat des Kreises Wesermünde aus Anlaß des Abiturs meines eigenen Jahrgangs seine Rede auf Niederdeutsch ; im Jahre 2001 stieße eine entsprechende Rede des Landrates des Kreises Stormarn bei manchen Zuhörern möglicherweise auf Zustimmung, doch verstünden die wenigsten Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern eine fünfzehnminütige Ansprache in anspruchsvollem Niederdeutsch .

[6] In anderen Ländern Europas findet jedoch eine gegenläufige Entwicklung statt : so setzen sich in der Schweiz oder in Luxemburg die (deutsch-dialektalen) Regionalspra-chen gegen das Hochdeutsche, in Kroatien die kroatische (Regional)Sprache gegen das Hoch-Serbokroatische durch .

[7] Vgl. Gode Japs  S. 1 .

[8] Von 36 befragten Personen nannten vier den nationalen, fünf den religiösen und nur eine Person den sprachlichen Aspekt .

[9] Dieser Aspekt ist von mehr als einem Drittel der Befragten genannt worden .

[10] In einer Kultursendung des DLF (3. August 2000, etwa 17.5o Uhr) hörte ich den Begriff „Minderheit der Raucher“ .

[11] Die FAZ als überregionale Tageszeitung räumt der Minderheitenproblematik im europäischen Maßstab breiteren Raum ein .

[12] Erwähne ich im Bekanntenkreis, daß einer meiner ehemaligen Schüler und Freunde Friesistik studiert habe und in diesem Fach promoviert worden sei, begegnet mir zumeist Unverständnis  oder die Frage : „Friesistik - nie gehört ! Hat das ‘was mit Friseuren zu tun ?“

[13] Vgl. Peter Becher und Jozo Dzambo : Gleiche Bilder, gleiche Worte - Stejné obrazy, stejná slova . Deutsche, Österreicher und Tschechen in der Karikatur (1848-1948) - Nemci, Rakusané a Cesi v karikature (1848-1948) .

[14] Vgl. Jörg K. Hoensch (S. 34) : „ . . . nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1930 [standen] 9,75 Millionen Tschechen und Slowaken (66,25 %) 3,32 Millionen (22,5 %) Deutsche, 720.000 (4,9 %) Ungarn und 100.000 (0,7 %) Polen gegenüber“ .

 

Vgl. Norman Davies II S. 404 : „ . . . The fires of Polish nationalism were fuelled by the fact that the etnic minorities were so large. According to the linguistic criteria of the 1931 census, the Poles formed only 68,9 per cent of the total population. The Ukrainians with 13,9 per cent, the Yiddish-speaking Jews with 8,7 per cent, the Byelorussians with 3,1 per cent, and the Germans with 2,3 per cent, made up nearly one-third of the whole . . .“ .

[15] Allerdings thematisiert noch ein im Frühjahr 2000 erschienener Roman die Schwierig-keiten für samische und finnische schwedische Staatsbürger, im Schweden der sechziger, siebziger und achtziger Jahre als Mitbürger anerkannt zu werden ; vgl. Arvo Tolkki, Vindmannen - Biegga Olmmái .

[16] Vgl. Samizdat S. 17f.

[17] Die sorbischen Ortsbezeichnungen sind überdies fehlerhaft geschrieben - sie werden im folgenden korrekt wiedergegeben :

Bautzen : obersorbisch : Budysin

Cottbus : niedersorbusch : Chosebuz

Dresden : obersorbisch : Drjezdzany (cech. : Drázd’any)

Lübbenau : niedersorbisch : Lubnjow

Görlitz : der Ortsname  (obersorbisch) ‘Zhorlec’  ist in Ernst Eichlers Werk (Bd. I S.158 in    

              Verbindung mit S. 11) als nicht mehr üblich ausgewiesen .

Leipzig : für Leipzig fehlt nach Eichler (Bd. II S. 118) der Beleg einer speziellen (ausge-

              wiesenen) sorbischen Namensform ; er erschließt sie im Analogieverfahren.

 

[18] Eine eigene polnische Minderheit gab es auch in Berlin, die allerdings nicht der Kern der heute in Berlin lebenden polnischen Gemeinschaft ist, sondern ihren Ursprung in der Zugehörigkeit großer Teile Polens zum Königreich Preußen hatte.

In der Zwischenkriegszeit existierte weiterhin eine polnische Minderheit in dem beim Deutschen Reich verbliebenen westlichen Teil  Oberschlesiens.

[19] Die Zahlenangaben zur Stärke der ruhrpolnischen Minderheit schwanken : Während Kleßmann (S. 22) von 300.000 bis 350.000 Personen ausgeht und Wehler (S. 219ff.) von 300.000 bis 420.000 Polen spricht, nennt Peters-Schildgen  etwa 500.000 Polen im Ruhrgebiet für die Zeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, wobei sie allerdings die deutschorientierten evangelischen Masuren hinzuzurechnen scheint. Sowohl Kleßmann als auch Peters-Schildgen  beziffern die Größe der ruhrpolnischen Minderheit am Ende der zwanziger Jahre auf etwa 100.000 Personen .

[20] In den fünfziger Jahren war vielen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland durchaus bekannt, daß im Ruhrgebiet zahlreiche Polen oder Menschen mit polnischen Vorfahren lebten . Dies bezeugt der mehrfach gehörte Satz, daß die Fußballspieler der führenden Ruhrgebietsmannschaft ‘Schalke o4’ bei einem Länderspiel in Polen kein Hotel brauchten, weil sie  bei ihren Verwandten wohnen könnten .

[21] Das Zahlenmaterial über die nationalen Minderheiten ist außerordentlich diffus. Dies liegt u.a. daran, daß sich die Minderheiten in der Regel als Bekenntnisminderheiten verstehen und eine statistische Erfassung damit sehr schwer ist. Geht man von den Mitgliedern in den Minderheitenvereinigungen aus, so sind die Gesamtzahlen recht gering (von Zwei- oder Dreifachmitgliedschaften, die nicht selten sind, einmal ganz abgesehen) . Mit etwa 200.000 bis 250.000 Menschen dürfte die Gesamtzahl der Mitglieder aller fünf deutschen Minderheiten sehr hoch bemessen sein .

[22] Vgl. Andrzej Stach  (S. 86) : „Die älteste polnische Organisation an der Spree ist der Bund der Polen in Deutschland e.V. - Abteilung Berlin [ Zwiazek Polaków w Niemczech. Oddzial w Berlinie], der die Tradition des am 3.12.1922 gegründeten Bundes der Polen in Deutschland fortsetzt. Der Hauptsitz der Organisation befindet sich in Bochum. Ursprünglich war sie für deutsche Staatsangehörige polnischer Abstammung gedacht. Heute sind ihre Mitglieder auch Polen , die ständig in der Bundesrepublik leben“ .

A. Stach  nennt in seinem 108 Seiten umfassenden Heft 18 polnische Organisationen  und Institutionen, die in Berlin ansässig sind.

[23] Vgl. Martin Greve  und Tülay Cinar : Das türkische Berlin sowie Gerdien Jonker   und Andreas Kapphan (Hg.) : Moscheen und islamisches Leben in Berlin .

[24] Vgl. Gerdien Jonker, Kern und Rand .

[25] Vgl.  das Heft Aussiedler  S. 7.

[26] Vgl.  das Heft Aussiedler  S. 25 .

[27] Vgl.  das Heft Aussiedler  S. 37 : Im Berliner Stadtteil Marzahn lebten 1999 13.000 Rußlanddeutsche ( etwa 8,5 % der Gesamtbevölkerung) ; von 870 Schülern und Schülerinnen der Marzahner Gesamtschule waren 1999 etwa 20 % Rußlanddeutsche .

[28] Vgl. Gode Japs  S. 2 .

[29] Vgl. Gode Japs  S. 2 .

[30] Vgl. W.Skretny  S. 258f. : „Um 1880 hatte Wilhelmsburg . . . drei Prozent Katholiken . . . Mit der Zuwanderung vor allem aus Posen und Schlesien stieg ihre Zahl sprunghaft an . 1910 waren bereits über 26 Prozent der Bevölkerung katholisch, 1913  20 Prozent

(6000 Menschen) Polen . . . 1898 wurde dann St. Bonifatius fertiggestellt . . .“.

[31] Vgl. S. 13 .

[32] Der häufig benutzte Kommentar zum Grundgesetz von Klaus Müller enthält im Sachregister auch nicht einen Hinweis auf nationale Minderheiten.

[33] Vgl. Lorenz S. 61f. sowie die Anmerkungen 184-186 .

[34] Vgl. Zalozba za serbski lud - Stiftung für das sorbische Volk . Im Erlaß des Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen über die Errichtung einer Stiftung für das sorbische Volk heißt es in den §§ 1 und 2 :

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[35] Vgl. FAZ vom 14. 8. 1999 : „Naumann will Mittel für sorbische Stiftung kürzen“ .

[36] Die Mitglieder der FUEV aus Deutschland sind : die friesische Minderheit mit zwei Gruppierungen, die Sinti und Roma, die sorbische Minderheit , die ruhrpolnische Minderheit und die dänische Minderheit .

[37] Vgl. Schruiff S. 20-24, insbesondere S. 21) .

[38] Vgl. Schruiff S. 21 .

[39] Vgl. Schruiff S. 21 .

[40] Vgl. Schruiff S. 25-36 .