Anläßlich der Führung durch die Ausstellung
"Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg"
am 23. 3. 2007
ist verwiesen worden auf:

Curzio Malaparte
(i.e. Kurt Erich Suckert)

Die Haut (La Pelle)

(autobiographisch geprägter Roman,
erschienen 1949 in französischer
Übersetzung, 1950 in der italienischen
Originalsprache und auf Deutsch)
Stahlberg Verlag, Karlsruhe 1950

 



In 12 Kapiteln schildert der Roman die Folgen der Eroberung Italiens durch alliierte Truppen von der Einnahme Neapels im Herbst 1943 bis zur Eroberung Roms und dem Vorrücken nach Norden.

Schwerpunkt der Handlung sind Vorgänge in Neapel. Dem Unverständnis der Amerikaner für die Ereignisse in dieser Stadt (vom Verfasser im ersten Satz des Romans als "Pest" bezeichnet, die die Nordamerikaner veranlasst, von den Neapolitanern und - später - den Italienern nur als von "this bastard, dirty people" zu sprechen) steht die verständnisvolle Sicht des italienischen Ich-Erzählers gegenüber, der seinen Gesprächspartnern (höheren Offizieren) zu verstehen gibt, dass bei einem Sieg über die USA sich das amerikanische Volk den Siegern gegenüber nicht anders verhielte als die Italiener: sich anbiedernd und prostituierend, feige und korrupt, um die eigene Haut zu retten (vgl. zum Titel "Die Haut" S. 117f.). Das, was die Sieger in Italien erlebten, sei das Ergebnis des Sieges, und so lautet der Schlusssatz des Romans " 'Es ist eine Schande, im Krieg zu siegen', sagte ich leise".


Der Ich-Erzähler des Romans ist der Verfasser Malaparte, der "als Offizier des italienischen Befreiungskorps und Angehöriger einer Panzerdivision aktiv " an den Kämpfen teilgenommen hatte (vgl. KLL).


"Die Haut" ist ein Roman, keine historische Darstellung; expressionistische Bilder bestimmen seine bisweilen grotesken Episoden (Kinderprostitution, "Verkauf" von schwarzen Soldaten, um sie "auszunehmen", blonde Schamhaarperücken für Frauen, weil den schwarzen Soldaten blonde Schamhaare mehr als dunkelhaarige zusagten, die Kreuzigung von Menschen in der Ukraine, Rache an jugendlichen Anhängern Mussolinis). Der Autor und Ich-Erzähler stilisiert sich in dem Roman - oft schwer erträglich - als Held und überlegenen Gegenpart der amerikanischen Offiziere.


Für den Rahmen der Ausstellung interessant sind die Kapitel 4 ("Die Rose aus Fleisch", S. 76-119) und 5 ("Adams Sohn", S.119-139). Diese beiden Kapitel, die sich mit der Rolle der Homosexuellen in Neapel und Italien während des geschilderten Zeitraums sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und während des Zweiten Weltkriegs beschäftigen, werden mit folgender Passage eingeleitet (S. 76): "Kaum war die Befreiung Neapels bekannt geworden, da strömten...die schmachtenden Scharen der Homosexuellen nicht nur Roms und Italiens, sondern ganz Europas zu Fuß durch die deutschen Linien...den alliierten Armeen nach Neapel entgegen. Die durch das tragische Kriegsgeschehen zerschlagene Internationale der Invertierten fand sich in jenem ersten Zipfel eines von den stattlichen Alliierten befreiten Europa wieder zusammen...schon war Neapel...zur Hauptstadt der europäischen Homosexualität geworden, zum wichtigsten internationalen Sammelpunkt des verbotenen Lasters, zu dem großen Sodom...Die Homosexuellen, die mit den englischen und amerikanischen Militärtransporten gelandet waren, und jene, die...aus allen..Ländern Europas eintrafen, erkannten einander an der Witterung, am Ton der Sprache... Die Schlacht um Cassino wütete, lange Kolonnen von Verwundeten wurden des Nachts zur via Appia hinabgetragen, Tag und Nacht schaufelten die Bataillone schwarzer Erdarbeiter Gräber auf den Soldatenfriedhöfen: durch die Straßen Neapels aber zogen die liebreichen Scharen der Narzissus-Jünger mit ihrem wiegenden Gang, mit gierigen Blicken auf die stattlichen amerikanischen und englischen Soldaten... Die durch die deutschen Linien nach Neapel zusammenströmenden Invertierten waren die Blüte der europäischen Rafinesse, die Aristokratie der verbotenen Liebe, die 'upper ten thousand' des sexuellen Snobismus...".

 

Diesen zugleich ironischen und manieristischen Ton behält Malaparte bei, wann immer es um Homosexuelle geht, die vorzugsweise als "Invertierte", "Narzissus-Jünger", "Narzissus-Jünglinge", "Uranier", "Päderasten" bezeichnet werden.


Ihnen unterstellt Malaparte, eine wirksame Internationale zu bilden, einen internationalen Geheimbund bzw. eine über alle Ländergrenzen hinweg wirkende Loge. "Überfeinerung", "Décadence" kennzeichneten sie ebenso wie perverseste und primitivste Lustbefriedigung. Ein weiteres Kennzeichen der Homosexuellen ist Malaparte zufolge ihre Femininität: "Sie haben die Grausamkeit der Frau...jenes Pathetische, Sentimentale, jenes Sinnliche und Falsche, das die Frau unbemerkt der menschlichen Natur beimengt...Sie sind wie Amazonen "déguisées en femme" (vgl. S. 78f; zur Feminität der Homosexuellen vgl. auch S. 81, 94, 101-103, 129, 139, zu Cardyons und Mignons S. 120). Weiterhin zeichneten sie aus Eifersucht und Bosheit, "die die vornehmste Empfindung der uranischen Seele ist" (S. 94), sowie Rachsucht, Feigheit, Bösartigkeit (vgl. S. 138).


Gefährlich war 1950 (im beginnenden "Kalten Krieg" und während des McCarthyismus) Malapartes These von der engen Verbindung zwischen Marxismus und Homosexualität, von dekadenter aristokratischer Jugend und "jungen Männern, die augenscheinlich Arbeiter waren,...die vor dem Krieg niemals gewagt hätten, sich mit den vornehmen Narzissus-Jünglingen öffentlich zu zeigen. Die Gegenwart dieser Arbeiter legte...bloß, daß dieses Laster keine sozialen Unterschiede kennt...daß die Wurzel dieses Übels bis tief in die unterste Bevölkerungsschicht hinabreicht, bis in den Humus des Proletariats" (S. 79f.)
Aus dieser Verbindung ergibt sich für Malaparte folgerichtig die Hinwendung der aristokratischen, gutbürgerlichen, gebildeten Invertierten zu Marx, Lenin, Stalin und Schostakowitsch. "Sie meinen,...im Kommunismus einen Berührungspunkt mit den Arbeiter-Epheben gefunden zu haben...Aus 'Feinden der Natur'...waren sie zu 'Feinden des Kapitalismus' geworden. Wer hätte je gedacht, daß eine Folge dieses Krieges die marxistische Päderastie werden sollte?" (S. 80). Sie bezeichneten "ihren homosexuellen Marxismus als Kommunismus" (vgl. S. 82, weiterhin S. 85f, 88f, 120,127, zum Anti-Trotzkismus der jungen Kommunisten S. 87, 91, 95, 103, 106). Schon seit langem, schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg habe - Malaparte zufolge - der homosexuelle Marxismus als Modeströmung die junge europäische Elite bestimmt. Malaparte spricht von einem "Fünfjahresplan der Homosexualität zur Korrumpierung der europäischen Jugend" (S. 121). Ihn habe besonders überrascht, "daß die Sittenverderbnis der Jugend sowohl in der bürgerlichen wie in der Arbeiterklasse...sich unter dem Vorwand des Kommunismus entfaltet; fast als sei geschlechtliche Inversion ... unumgänglich für die Erziehung in kommunistischen Gedankengängen" (S. 121f.). Malaparte fragt sich, "ob dies spontan eintrat, aus innerer moralischer und physiologischer Verderbtheit, als Reaktion auf die Formen einer eindringlichen, zynischen, skrupellosen Propaganda, welche von ferne geleitet wurde und darauf abzielte, das soziale Gewebe Europas aufzulösen..." (S. 122). In diesem Zusammenhang spricht Malaparte von einem "'Maquis' der Invertierten Europas" (S. 122) im Dienst des englischen und amerikanischen Spionagedienstes (S. 123). "Die Invertierten bilden bekanntlich eine Art internationaler Bruderschaft, eine geheime Gesellschaft, die von den Gesetzen einer empfänglichen und tiefen Freundschaft bestimmt wird und unabhängig ist von der Anfälligkeit und sprichwörtlichen Unbeständigkeit sexueller Bindungen...Alles ist in diesem ...Kriege in Betrieb gesetzt worden, um den Sieg zu erringen, alles, sogar die Päderastie..." (S. 123f, auch S. 129), und so sieht er die Homosexuellen, die er immer wieder als Päderasten, Feiglinge, Huren bezeichnet, als die (eigentlichen) Gewinner des Krieges (vgl. 104, 106f, 109, 129f.).


Malaparte bedient alle Vorurteile gegen Homosexuelle: Selbstverständlich gefallen ihnen die alliierten Soldaten "mit den breiten Schultern und rosigen Gesichtern" (S. 79), die amerikanischen Uniformen mit ihrem straffen Sitz an Schenkeln und Hüften" (S. 80). Sie machen sich an die heruntergekommenen Soldaten und Offiziere des zerschlagenen faschistischen italienischen Heeres heran, um ihre Lust zu befriedigen (S. 82f, vgl. auch S. 85f, 109.). - "Vielleicht waren Not und Elend dieser Unglücklichen gerade die "leidvollen Erlebnisse, die ihrem Ästhetentum noch fehlten? Das Leiden anderer muß wohl zu irgendetwas dienlich sein" (S. 84).


Als Höhepunkt seiner homophoben Attacke schildert Malaparte breit " 'a figliata" - das "Kälberbrüten...jene berühmte Kulthandlung, die alljährlich insgeheim in Torre del Greco begangen wird und zu der aus allen Teilen Europas die obersten Priester der geheimnisvollen Religion der Uranier zusammenkommen..." (S. 93, vgl. auch S. 119). Diese figliata ist ein langwieriger Geburtsvorgang, bei dem ein Mann unter Teilnahme eines Kreises von Homosexuellen, von denen einer als Vater des nascendus gilt, unter schweren Geburtswehen ein phallisches Gebilde zur Welt bringt (S. 131-137) - "es war eine antike Holzstatuette, ein roh gemeißelter Fetisch; es glich einem der phallischen Bildnisse, wie sie an die Wände pompejanischer Häuser gemalt sind. Der Kopf war winzig und formlos, die Arme kurz und knochig, der Bauch aufgebläht, ohne jegliche Proportion, und unterhalb des Bauches ragt ein Phallus von nie gesehner Form und Größe hervor, wie der Kopf eines Giftpilzes, rot und mit kleinen weißen Flecken besät" (S. 134f.). Nach Geburt und anschließender Mahlzeit kommt es durch die anwesenden Männer zur erneuten "Befruchtung" dessen, der geboren hat (S. 137).



Einen Hamburg-Bezug hat Malapartes Roman in der Schilderung der Folgen der Bombenangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 durch zwei italienische Diplomaten in Berlin (S. 95-98).


Die Kritik in der Homosexuellenzeitschrift "Der Weg" (Märzheft 1953, S. 17f.) an Malapartes Roman zielt nicht so sehr auf dessen homophobe Grundtendenz, sondern auf die politische Aussage des Verfassers, wonach eine enge Verbindung, ja Symbiose, zwischen Homosexualität und Marxismus bzw. Kommunismus bestehe, da diese unbewiesene Behauptung "bei der gegenwärtigen Situation Westdeutschlands verständlicherweise für uns besonders verhängnisvoll" sei.
Und tatsächlich ist Malaparte Stichwortgeber für Gatzweilers ein Jahr später erschienenes homophobes Pamphlet "Das Dritte Geschlecht" (vgl. dort S. 30, auch S. 17 und 32 - dort als "Quelle" angegeben).


Interessant ist die Bemerkung des Rezensenten, wonach "Der Weg" längst verboten worden wäre, beschriebe er "Details des homosexuellen Verkehrs" in derselben Weise wie Malaparte. Ausschlaggebend für die Indizierung war hiernach also nicht die Darstellung sexueller Praktiken als solche, sondern deren neutrale Konnotierung. Sagt man jedoch "pfui Teufel, was für Schweinereien!", konnte man sie genüsslich schildern.

Auf diese Doppelmoral zielt die umfangreiche, fünf eng gedruckte Seiten umfassende negative Beurteilung Curzio Malapartes und seines Romans "Die Haut" durch Dr. phil.Eric Lyrr (ein Pseudonym) in der für Homosexuelle bestimmten Zeitschrift "Humanitas" (2. Jahrgang Nr. 3 = März 1954, S. 95-100). Dem Rezensenten fällt zu Recht der allzu interessierte Blick Malapartes auf gutgewachsene Männer, homosexuelle Praktiken und Perversionen aller Art auf (vgl. S. 95-98, 100), und er fragt sich,"wie ihm diese Abgründe wohl fremd geblieben sein können, wenn er sie so genau zu beschreiben vermag...aus der Versunkenheit eines starken Erlebens heraus. Er haßt - vordergründig - das Unsittliche... Allein, durch sein ganzes Buch hin wühlt er mit Behagen in dem verlästerten Schmutz..."(S. 96 Sp. 1). Der Rezensent vermutet darin einen "gegen die tief verheimlichte und vielleicht noch nicht einmal sich selbst eingestandene eigene homosexuelle Neigung" gerichteten Hass (S. 97 Sp.1).

Die Denunziation der Homosexuellen als Kommunisten tut der Rezensent nebenbei ab (S. 98 Sp.2); den Vorwurf, es gebe einen "Fünfjahresplan der Homosexualität zur Korrumpierung der europäischen Jugend", empfindet er als ungeheuerlich (S. 98 Sp. 2, S. 99 Sp. 1), sieht ihn aber durch die Widersprüchlichkeit der Argumentation Malapartes ad absurdum geführt (vgl. S. 99).


Malaparte behandelt in seinem Buch "Die Haut" dieselbe Problematik wie John Horne Burns' 1947 erschienener Roman "Etappe Napoli", so dass davon ausgegangen werden kann, dass Malaparte diesen Roman gekannt habe und von ihm beeinflusst worden sei. Burns' Sittengemälde des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht eines Amerikaners wird bei Malaparte zu einem solchen aus der Sicht eines Italieners und Europäers. Im Unterschied zu Malapartes Roman gibt es in Burns' Buch keine Abwertung und Verächtlichmachung von Homosexuellen.

 

© Gottfried Lorenz