John Horne Burns

(1916-1953)

Etappe Napoli

(Originaltitel: The Gallery.
New York 1947
deutsch: Die Galerie. Stahlberg Verlag. Karlsruhe 1951
unter dem Titel: Etappe Napoli. Karlsruhe 1959)



In John Horne Burns' Roman "Die Galerie" (gemeint ist die "Galleria Umberto" in Neapel) geht es um den Einsatz und den Aufenthalt amerikanischer Truppen während des Zweiten Weltkriegs in Marokko und Algerien sowie in Neapel (nach der Einnahme dieses Ortes als erster kontinentaleuropäischen Großstadt durch die Alliierten im Herbst 1943) und im übrigen Italien (1944).


Thema ist die Konfrontation zwischen den Einheimischen - den Arabern, den Kolonialfranzosen, den Italienern, insbesondere den Neapolitanern - und den amerikanischen Truppen,d.h. zwischen Tausenden (zumeist jungen) Männern der "Neuen Welt" und den Menschen der französischen Kolonien Nordafrikas und Neapels, zwischen satten und wohlhabend erscheinenden Besatzungssoldaten und hungernden Menschen, zwischen Menschen, auf die herabgesehen wird, und Menschen, die sich korrumpieren lassen und ihrerseits den Sieger verachten. Burns' Buch ist ein kritisches Sittengemälde des Krieges aus nordamerikanischer Sicht.


Der Roman "Die Galerie" bzw. "Etappe Napoli" hat keine durchlaufende Handlung: neun "Porträts" unterschiedlicher Personen und Charaktere werden von acht "Promenaden" unterbrochen - Gertrud Baruch (in KLL) assoziiert in diesem Zusammenhang Mussorgskijs Klavierwerk "Bilder einer Ausstellung".


Was Neapel anbelangt (um diese Stadt, deren Bewohner und die amerikanischen Truppen vor Ort geht es in der reichlichen Hälfte des Buches), behandelt Burns' Roman dieselbe Problematik wie Malaparte in seinem Buch "Die Haut" (das drei Jahre später erschienen und vermutlich von Burns abhängig und beeinflußt worden ist): das Zusammentreffen von Siegern und Besiegten. Ähnlich sind die menschlichen Verhaltensformen und Situationen, verschieden aber die Erzähl- und Darstellungsweise: John Horne Burns berichtet, konstatiert - aber er moralisiert nicht, denunziert nicht menschliche Schwächen, stellt sich selbst nicht in den Mittelpunkt und kommentiert nicht arrogant und herablassend, wie dies Malaparte tut.


"Der Kardinalfehler in der Rechnung war die Unterschätzung des sexuellen Problems. Wie konnte man sich einbilden, Millionen von amerikanischen Männern auf Jahre vom Geschlechtsverkehr künstlich fernzuhalten?...Früher oder später kreist eines jeden Mannes Sinnen und Trachten um diesen einen Punkt..." (S. 360f.) - heißt es in Burns' Roman. Und so stehen sich in allen besetzen Ländern und Städten Amerikaner, die Liebe und Sex suchen, und Einheimische, die sich prostituieren, sich korrumpieren lassen oder auch Liebe begehren, gegenüber.


John Horne Burns stellt sexuelles Verhalten in allen Facetten dar, ohne es zu denunzieren. Hierzu gehört auch die Homosexualität von Männern und Frauen, die als sexuelle Möglichkeit - ohne Wertung und ohne Verschwörungstheorie (wie das Malaparte tut) - geschildert wird.


Drei Passagen sind besonders interessant:


1. Das fünfte Porträt - "Momma" (S. 170-208)- schildert u. a. das Leben in einer Bar, die von 16.30 bis 19.30 Uhr geöffnet sein darf und in der amerikanische männliche und weibliche Soldaten und Einheimische verkehren. Zu den Gästen gehören lesbische oder sich lesbisch gebende Frauen und homosexuelle Männer (S. 184-195, 200-204, 207) genauso wie Frauen auf Männersuche oder heterosexuelle Paarungen.


2. Im achten Porträt -"Königin Penicillin" (S. 367-405)- in dem es um ein Krankenhaus (besser: ein Kranken-Gefangenenlager) für venerische Krankheiten geht, in dem vor allem amerikanische Geschlechtskranke äußerst schmerzhaft und entwürdigned mit Hilfe des gerade entdeckten Penicillins von Tripper und Syphilis geheilt wrerden - wirbt ein homosexueller Sanitäter um einen geheilten Syphilitiker (S. 384-386, 397-401) - "Ich brauche einen Freund...Von Beruf war ich Tänzer. Da habe ich ein zu künstliches Bild vom Leben bekommen. Diese Kunstjünger bin ich gründlich satt. Ich sehne mich nach einem richtigen Kerl... Ich brauche einen Freund, der in dieses Leben passt,... einen, der sich gelassen und handfest dem Leben stellt, ohne große Worte davon zu machen... ein bildschöner Kerl bist du, wirklich zu delikat, um dir von solch einem Weibsbild...die Syphilis und den Tod zu holen. Als ich dich zum erstenmal sah, glaubte ich, eine mit Schmutz bedeckte Statue zu erblicken..." (S. 398f.)


3. Im letzten Porträt - "Moe" (S. 425-466)- begegnet der amerikanische Offizier Moe vor einer öffentlichen Bedürfnisanstalt einem hübschen männlichen Prostituierten, mit dem er ins Gespräch kommt, dessen Dienste er aber nicht in Anspruch nimmt. Der junge Italiener ist voller Haß gegen die Amerikaner, die ihn zu dem gemacht hätten, was er ist, und der sich gleichzeitig dem Amerikaner anbietet (S. 440-442).

 
Burns war selbst homosexuell; sein Roman "Die Galerie" ("Etappe Napoli") gilt als erste Schilderung des homosexuellen Lebens in Neapel.

 

© Gottfried Lorenz.