Anläßlich der Führung
durch die Ausstellung
"Homosexuellenverfolgung in Hamburg"
(Staatsbibliothek Hamburg)
am 25. 2. 2007


Richard Gatzweiler



Im September 1951 gibt der Kölner "Volkswartbund" eine Streitschrift bzw. ein Pamphlet zum Thema Homosexualität unter dem Titel "Das Dritte Geschlecht - Um die Strafbarkeit der Homosexualität" heraus.


Verfasser ist der Bonner Amtsgerichtsrat Richard Gatzweiler.


Spricht der Verfasser im Vorwort davon,in seiner Schrift "darüber nachzudenken, ob und auf welche Weise eine für alle befriedigende Lösung gefunden werden kann" (S. 1), so ist das Fazit ohne Einschränkung: "Der § 175 StGB muß also bleiben!" (S. 32).


Anlaß der Streitschrift sind eine Eingabe an den Deutschen Bundestag vom Oktober 1949 zur Reform der §§ 175, 175a StGB und Veröffentlichungen, die diese Initiative unterstützen.


Gatzweiler betont den Primat der Jurisprudenz, wenn es um die Strafbarkeit einer Handlung geht (S. 2), und betrachtet damit alle anderen Meinungen und Positionen zum Thema Homosexualität als zweitrangig, ja unerheblich. Für ihn ist homosexuelles Verhalten a priori ausschließlich ein Straftatbestand.


Nach der Klärung von Begriffen, die Homosexualität und Homosexuelle bezeichnen (S. 3), gibt Gatzweiler einen bibelkundlichen und historischen Überblick über die BEurteilung - und das heißt für Gatzweiler VERurteilung- der Homosexualität (S. 3f.). Straffreiheit für Homosexuelle im 18. und 19. Jahrhundert (z. B. in Frankreich, Baden und Bayern) werden als Kuriosum oder ärgerlicher Sachverhalt abgetan.

Daß lesbische Beziehungen in Deutschland straflos sind (S. 6), ist für Gatzweiler letztlich nicht nachvollziehbar, denn auch diese würden im Neuen Testament als Unzucht gesehen (S.4); seine Schlußfolgerung lautet deshalb: "Auch die lesbische Liebe ist strafwürdig; deren Straflosigkeit ist inkonsequent" (S. 32).


Ausführlich referiert Gatzweiler die Strafbestimmungen gegen homosexuelle Handlungen in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR (S.6-8). Im Unterschied zum Obersten Gericht der DDR vertritt Gatzweiler mit westdeutschen Gerichten die Ansicht, daß "die §§ 175, 175a und b StGB kein typisch nazistisches Gedankengut erkennen lassen und anwendbar seien,...daß die jetzige Fassung auf altes und nicht auf nationalsozialistisches Gedankengut zurückgehe...". Überdies rekurriert Gatzweiler auf die "Abscheu des Volkes" gegen jegliche Art homosexueller Beziehungen, nicht nur auf beischlafähnliche (S.7f; vgl. auch S. 17f,22,31. Gatzweiler bezieht sich bei seiner Bemerkung über die Haltung des Obersten Gerichts der DDR auf einen Leserbrief von Rudolf Klimmer in der Frankfurter Rundschau vom 6. Januar 1951. Darin heißt es: "Das Oberste Gericht der Deutschen Demokratischen Republik hat in einer Sitzung vom 28. März 1950 festgestellt, daß die Verschärftung des §175 aus dem Jahre 1935 nazistisch und deshalb nicht mehr anzuwenden ist. In der DDR wird der §175 nur noch in der Fassung von 1871 angewendet, und eine Reform ist vorgesehen".)


Auf fünf Seiten (S.8-12) beschäftigt sich Gatzweiler mit der Gesetzgebung zur Homosexualität in einer Reihe Staaten und betont, daß die "gleichgeschlechtlichen Beziehungen in den größten Ländern der Welt unter Strafe stehen, in Großbritannien und seinen Dominions, in USA und Rußland" (S. 12, vgl. auch S.22). Daß die meisten Nationen homosexuelle Handlungen nicht bestrafen,übergeht Gatzweiler.


Im Folgenden referiert Gatzweiler die historische und zeitgenössische Literatur zu seinem Thema (S. 12.17) - u. a. Magnus Hirschfeld, Klimmer, Kinsey, aber auch Malaparte, deren Thesen er oft entweder mißversteht oder aber bewußt falsch wiedergibt - und setzt sich anschließend im Sinne seiner vorgefaßten Meinung (im Falle Klimmer diffamierend) mit ihnen auseinander (vgl. S. 17-22; zu Klimmer S. 19f.).


Den diffamierenden Duktus behält Gatzweiler bei, wenn er über Blüher und die Wandervogelbewegung schreibt. Über die mann-männlichen Beziehungen der Antike äußert er sich oberflächlich (S. 23). Und er versteigt sich generell zu der Behauptung, daß "in den Reihen der Invertierten...die echte Freundschaft in Vergessenheit geraten" sei. "Die großen Freundschaften bedeutender Männer werden zu Sexualbegegnungen vereinfacht. Die wirkliche Sublimierung der Freundesliebe, die nicht fordert, sondern aufzugeben bereit ist, ist vergessen" (S. 23; vgl. auch S. 29).


Nach diesen Ausführungen wendet sich Gatzweiler der Frage zu: "Verdient der gleichgeschlechtliche Verkehr auch heute noch eine Bestrafung?" (S.23). Und der Leser oder die Leserin ist über seine Antwort, daß dies unbedingt der Fall sei und sein müsse, kaum überrascht (vgl. S. 32).


Die dazwischenliegenden Seiten verwendet Gatzweiler dazu, seine These von der Strafbarkeit homosexueller Handlungen zu untermauern: Es gibt für ihn keinen Grund, Straflosigkeit für den Tatbestand Homosexualität zu fordern. Sie ergibt sich für Gatzweiler u.a. aus dem im Grundgesetz verankerten Schutz der Ehe - der Homosexuelle aber bekunde "Verachtung für die Ehe" (S. 25) und verachte die Frau, "da sie als nicht mehr begehrenswert hingestellt wird" (S. 25) - wie auch aus den Bestimmungen zum Jugendschutz (vgl. S. 29).

Über die Selbstmorde von Homosexuellen macht sich Gatzweiler lustig (S. 25), spricht von "Tränen der Rührung, die Presseleute ob solcher Schicksale weinen" und von "Verhätschelung der Spitzbuben" (S. 26), relativiert die Zahl der Selbstmordopfer im Zusammenhang mit den Frankfurter Ermittlungen und Prozessen von 1950 (S. 26f.) und hält sie letzen Endes für durchaus gerechtfertigt und wünschenswert (S. 27).


Selbstverständlich ist für Gatzweiler auch Erpressung nur halb so schlimm - sie gebe es schließlich unabhängig davon, ob Homosexualität strafbar sei oder nicht (S. 27f.)


Zu einer derartigen Sicht kommt Gatzweiler, weil er Homosexualität nicht als Veranlagung eines Menschen sieht, sondern ausschließlich als Verbrechen und als einen Tatbestand wie Diebstahl, Raub oder Meineid und Mord: und wenn ein Räuber erpreßt wird oder Selbstmord verübt: nun ja!!

 

Mit Sätzen wie "die moralische Gesundheit ist für ein Volk höher zu bewerten als die intellektuelle Qualität Einzelner" oder "Wir wehren uns...daß unserer Jugend die Behauptung nahe gebracht wird, der Mensch könne ungestraft die Natur in Unnatur verkehren. Wir lieben die Jungen mit den hellen klaren Augen, die Jungen, die um ihre Reinheit kämpfen" (S. 29) oder "Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht näher auf die bevölkerungspolitischen Folgen dieser Seuche eingehen, obwohl es dem Einsichtigen klar sein dürfte, daß die Natur die Homosexualität nicht wollte; denn sie hat ihr die Fruchtbarkeit versagt. Was soll man aber mit einem Baum tun, dem die Fruchtbarkeit versagt ist" nähert sich Gatzweiler nationalsozialistischem Sprach- und Argumentationsgebrauch.

Gatzweiler zufolge fördert Homosexualität alle möglichen anderen Auswüchse, Vergehen und Verbrechen (vgl. S. 29f.): "Die Perversion ist wie ein Krebsgeschwür. Langsam aber stetig frißt sie sich weiter in das Leben der Pervertierten ein, wenn sie nicht radikal daraus herausgeschnitten wird...Das Ersterben des Schamgefühls bringt den Verlust des sittlichen Halts mit sich. Der Homosexuelle ist zugänglich für andere Delikte. Gleichzeitig wird er untüchtig für die Gemeinschaft" (S.29).


Für Gatzweiler gibt es einen Zusammenhang zwischen "Kokainismus und Homosexualität" (S. 30), seiner Ansicht nach schließen sich Homosexuelle zu geheimen Clubs, Logen,Bruderschaften zusammen - "Aus dem sog. Röhmputsch ist in Deutschland die Bedeutung eines homosexuellen Clubs bekannt geworden...Eine solche Club- und Sektenbildung ist auch... in Gange. Wenn sie gelingt, dann bilden die Invertierten einen Staat im Staat. Sie halten bekanntlich wie die Kletten zusammen...Bedenkt man, daß z. Zt. die Ostzone die Homosexualität praktisch weitgehend duldet...so erkennt man die Größe der Gefahr, wenn sich die Bolschewisten die Invertierten in der Bundesrepublik gefügig machen" (S.30), womit die Beziehung zwischen Homosexualität und Bolschewismus hergestellt wäre.

Daß in der NS-Zeit Homosexuelle verfolgt worden und vielfach umgekommen sind, erwähnt Gatzweiler in einem infamen Zusammenhang: "Darum bezeichnen sich die Invertierten heute gerne als politisch Verfolgte. Es läßt sich nicht leugnen, daß ihre Zahl nach dem Krieg erheblich angestiegen ist, ebenso wie die der anderen Sittlichkeitsverbrecher" (S. 30).


Gatzweiler verurteilt das Versagen der Exekutive im Kampf gegen die Homosexualität und nennt Hamburg als abschreckendes Beispiel: Dort habe es "öffentliche Homosexuellenbälle...nur für Männer und nur für Frauen" gegeben, die öffentlich durch Plakate angekündigt worden seien. Es gebe Zeitschriften für Homosexuelle, Plakate lüden zu homosexuellen Veranstaltungen ein, in Zeitschriften erschienen Kontaktanzeigen, in denen Homosexuelle Partner suchten (vgl. S. 30f.). Gatzweiler fordert infolgedessen den Bundesjustizminister auf, die ihm untergeordnete Instanzen nachdrücklich auf die nach wie vor geltende Strafbarkeit homosexueller Handlungen und unzüchtiger Schriften und Veranstaltungen hinzuweisen (S. 31).


In der "Zusammenfassung" formuliert Gatzweiler seine Forderungen: "Die Homosexualität ist widernatürlich und als widernatürliche Unzucht zu bestrafen, auch wenn sie zwischen Erwachsenen ausgeübt wird...Alle Homosexuellen-Klubs, -Veranstaltungen und -Zeitschriften sind sofort zu verbieten. Jegliche Propaganda zur Aufhebung der gesetzlichen Bestimmungen ist zu untersagen...Auch die lesbische Liebe ist strafwürdig; deren Straflosigkeit ist inkonsequent. DER § 175 StGB MUß ALSO BLEIBEN!" (S. 31f.)

 

© Gottfried Lorenz.