Jürgen Lemke
(geb. 1943)

Ganz normal anders - Auskünfte schwuler Männer


Berlin und Weimar (Aufbau Verlag) 1989, 1990


In Jürgen Lemkes Buch "Ganz normal anders" geben dreizehn homosexuelle Männer unterschiedlicher Berufe (vom Arbeiter bis zum Wissenschaftler und Künstler, von Menschen, die in ihrem Leben berufliche Erfolge erzielt haben, bis zu Menschen, die beruflich und persönlich gescheitert sind) der Geburtsjahrgänge 1900, 1907, 1917, 1927, 1935, 1944 (2), 1946, 1947, 1948, 1961, 1963 (2), die in der DDR leben, Auskunft über den Umgang mit ihrer homosexuellen Veranlagung.


Die Männer der Geburtsjahrgänge 1900 bis 1927 sind geprägt von den Erfahrungen der NS-Zeit; zwei von ihnen haben Konzentrationslager überlebt (vgl. S. 18-29, 214-217), die beiden anderen empfinden diese Jahre als die gefährdetsten und gefahrvollsten ihres Lebens (vgl. S. 64-66, 126-137, 202, 210-214); alle vier sehen die gegen homosexuelles Verhalten gerichteten Strafbestimmungen der SBZ und späteren DDR, die den § 175 StGB in der Fassung und höchstrichterlichen Auslegung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik übernehmen, als eine Veränderung zum Guten (vgl. S. 31, 64f, 217-219).


Fast alle Männer, die zu Wort kommen, sehen sich in der DDR - trotz weniger rigoroser strafrechtlicher Verfolgung als in der Bundesrepublik Deutschland und trotz der Aufhebung des entsprechenden Straftatbestandes noch vor der westdeutschen Strafrechtsreform - in einer Situation, in der sie von der Gesellschaft abgelehnt, diskriminiert, lächerlich gemacht werden und in der sie verhaßt sind (vgl. S. 30f, 34-36, 49f, 72f, 80f, 118, 120f,141f, 147, 167-182, 190, 218, 274): Väter und Mütter wenden sich gegen ihre homosexuellen Söhne (vgl. S. 149-159, 204), Karrieren bleiben ihnen verschlossen (vgl. z. B. S. 44, 274), Wohnungsbreichsbevollmächtigte und Etagenverantwortliche teilen den übrigen Hausbewohnern die Veranlagung der neuen Mitbewohner mit (vgl. S. 30f, 82, 101), die evangelische Kirche lehnt homosexuell veranlagte Männer als Pastoren und aktive Mitglieder der Gemeinde ab (vgl. S. 98-102), die staatliche Jugendorganisation FDJ behandelt Homosexualität als Tabu-Thema (vgl. S. 281f.), staatliche Stellen legen Homosexuellen Steine in den Weg (vgl. S. 99f,113, auch 281f.). Klatsch und Tratsch machen ihnen allenthalben zu schaffen, medizinische Kapazitäten sehen in ihnen Kranke, die es zu heilen gelte (vgl. S. 150-156).


Versteckspielen und Verschweigen, Nichthinnehmen der Veranlagung, Triebverzicht und Triebverachtung, Selbsthaß, Doppelleben, strafrechtliche
Verfolgung (vgl.z.B.S.50,77f,81,95,134,140,156,160,166-201,240-261), Heirat, um den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden - und das Scheitern dieser Ehen (vgl. S. 46-50, 256-258)- sind die Folgen sowie die sinnlos vergeudete Energie, um sich zu verstellen, um Kontakte zu knüpfen, um mit sich selbst ins reine zu kommen, die anders, z. B. zugunsten der Gesellschaft, hätten eingesetzt werden können (vgl. S. 10, 119, 146, 163, 241).


Selbstverständlich gab es nach Aukunft der dreizehn Männer in der DDR auch Toleranz und Akzeptanz bei Eltern und Ärzten, bei Kollegen, Mitbewohnern, bei Lehrern und heterosexuellen Freunden (vgl. S. 36f,91-93,98f,106,110, 120,150,165,188f,232-236,270f); und natürlich gab es auch glücklich verlaufende Episoden zwischen zwei Männern, ein langes, glückliches Zusammenleben von Freunden, Akzeptanz der Veranlagung und Mut, sich offen zu bekennen (vgl. S. 33-40,51-53,88-90,95-122,159-165,219-221,269-278).


Ein besonderes Problem stellt für viele der befragten Männer das Verhalten Homosexueller untereinander dar: die Ablehnung der Tunten (vgl. S. 39,62,72f,85,108,128,161,227f,247,259), der "Verbrauch" jugendlicher Homosexueller (vgl. S. 76f,80,83), das Übereinanderherziehen (S. 83f.), der als entwürdigend empfundene Sex auf Klappen und an "verschwiegenen Orten" (vgl. S. 83, 156,166), das "schwule Getue" (vgl. S. 85f,112,114), Promiskuität (S. 118, 268) sowie mangelnde Solidarität und Toleranz (vgl. S. 83,108).

 

© Gottfried Lorenz.