Norbert Bleisch

Kontrollverlust


Hinstorff Verlag, Rostock 1988


Desolat ist die Situation von Konrad Mettusa und seiner Frau Marita, geprägt von bzw. konfrontiert mit dem nationalsozialistischen Fanatismus, dem unbändigen Haß und der Lebenslüge der Helga Mettusa. Diese harte, boshafte Frau lebt bei aller Tatkraft in der Vergangenheit: gegenwärtig ist ihr der in Afrika gefallene erste Ehe- und SS-Mann Siegfried und der bald nach seiner Geburt angeblich an Lungenentzündung gestorbene Sohn Berthold.


Den zweiten Ehemann, von dem Helga M. geschieden ist, und ihren zweiten Sohn Konrad lehnt sie ab. Lieblos wächst das Kind auf. Gewalt prägt seine Erziehung durch die Mutter und während einer kurzen Zeit im Waisenhaus. Die Mutter verleitet ihn zu einem Diebstahl - und zeigt ihn anschließend an; sie beraubt den Sohn seines Jugendfreundes, an den er zwölf Jahre später die Briefe des ersten Teils des Buches "Kontrollverlust" schreibt (S. 6-66), ohne je Antwort zu erhalten.


Nach Verbüßung der Gefängnisstrafe wegen Diebstahls folgen Beschäftigungen als Hilfsarbeiter. In der Handlung des Buches ist Konrad 30 Jahre alt.


Konrads Lebenserfahrung belastet die Ehe mit Marita; seine Verschlossenheit und ihre Kinderlosigkeit führen zu einer ernsthaften Zerrüttung.
Als Marita von der Existenz des Jugendfreundes und von Konrads mitteilsamen und vertrauten Briefen an ihn erfährt, nimmt sie Kontakt zu ihrer Schwiegermutter auf, die sie bis dahin nicht kennengelernt hatte.

Diese instrumentalisiert Marita in ihrem Kampf gegen den Sohn und gegen ihre ehemalige Kollegin Inge, die Helga Mettusa geschrieben und ihr mitgeteilt hatte, daß ihr Sohn Berthold als Klumpfüßiger der Euthanasie zum Opfer gefallen sei und daß Helga Mettusa als Krankenschwester in einem Lebensbornheim ihren Sohn, ohne dies allerdings zu wissen, abtransportiert und abgespritzt habe.


Die Zerstörung Inges scheint Helga Mettusa zu gelingen, die Zerstörung ihres Sohnes Konrad scheitert vermutlich an Maritas Energie, der es möglicherweise gelingt, den Teufelskreis von Haß, Rache, Gewalt und Lieblosigkeit zu durchbrechen - jedenfalls läßt diesen Schluß der letzte Absatz des Buches zu.


Homosexuelle Leser werden sich für das Verhältnis zwischen Konrad und dem unbekannt bleibenden Freund interessieren, zwischen denen es auch zu sexuellen Kontakten gekommen zu sein scheint.

 

Homosexuelle Gewalterfahrungen machte Konrad im Waisenhaus und im Gefängnis. In seiner Ehe aber wird Konrad heterosexuell geschildert - ohne jegliche Neigung zu Männern.


Es handelt sich bei Norbert Bleischs Buch um einen formal artifiziellen und inhaltlich (psychologisch und politisch) interessanten Roman aus der Spätphase der DDR.

 

© Gottfried Lorenz.