James Baldwin

Eine andere Welt


Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1965
Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1985

Titel der amerikanischen Originalausgabe: "Another Country", 1960, 1962


Die Romanausgabe des Aufbau Verlages von 1985 nennt auf S. 471 als Entstehungsort des Romans Istambul und als Abschlußdatum der Arbeit an dem Buch den 10. Dezember 1961.

 

Teil I


I,1

Der schwarze New Yorker Rufus Scott ist eine eindrucksvolle Erscheinung; er ist Musiker, hat Erfolg bei Frauen, weckt aber auch bei Männern sexuelle Begehrlichkeiten. Alkohol, Drogen, männliche Prostitution sind ihm nicht fremd und auch nicht Gewalt - gegen ihn gewendet oder von ihm ausgehend.


Rufus Scott leidet unter dem Rassenhaß, der ihm von Weißen entgegenschlägt; er reagiert überaus empfindlich auf Weiße, die sich rassistisch äußern - oder auch nur so verstanden werden können.

Vertrauen hat er lediglich zu seinem Freund Vivaldo, einen Iren und bislang erfolglosen ("Ungedruckten") Schriftsteller.

Zur Katastrophe kommt es, als Rufus das weiße Südstaatenmädchen Leona kennenlernt und bei sich wohnen läßt. Leona liebt Rufus als Schwarzen; Rufus mag sie auch, fühlt aber allenhalben die Ablehnung, die ihm sowohl von weißer als auch von schwarzer Seite wegen seiner Verbindung mit einer Weißen entgegenschlägt... In einem schweren Streit schlägt er Leona, demütigt und beleidigt sie. Halberfroren auf der Staße aufgelesen, wird sie in eine Irrenanstalt eingewiesen und von dort von ihrem Bruder in die Südstaaten zurückgeholt.

Rufus verschwindet daraufhin für seinen Freund Vivaldo, für die Familie, für Crass und den Schriftsteller Richard. Er treibt sich mehrere Wochen lang in der Stadt herum, ist nach dieser Zeit physisch und psychisch am Ende, sucht schließlich Vivaldo auf, der sich seiner annimmt. Während eines Restaurantbesuchs verläßt er ihn und dessen Freundin Jane, fährt mit der U-Bahn zur G. Washington-Brücke, von der er sich ins Wasser stürzt. Seine letzten Gedanken gehen zu Eric, einem Schwulen, der ihn geliebt und den er als Prostituierter gedemütigt hatte, und zu Leona, die er im Stillen um Verzeihung bittet.


I, 2

Ida, Rufus' Schwester, sucht zu Beginn des zweiten Kapitels verzweifelt nach ihrem verschwundenen Bruder. Seine Freunde und Bekannten beruhigen sie - noch einen Abend zuvor seien sie mit ihm zusammen gewesen.

Rufus' Leiche wird gefunden und nach einer kirchlichen Trauerfeier, an der Vivaldo und Crass als einzige Weiße teilnehmen, im Familienkreis beigesetzt.
Der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß überlagert das gesamte Kapitel - und auch im abschließenden dritten Kapitel spielt er eine Rolle, denn ein Liebesverhältnis zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau ist ungewöhnlich und sowohl Weißen als auch Schwarzen suspekt.


I,3

Im dritten Kapitel finden Rufus' Schwester Ida und Rufus' Freund Vivaldo zueinander; Richards Buch erscheint und läßt ihn auf der sozialen Leiter aufsteigen; das gute Verhältnis zwischen Richard und Vivaldo bröckelt, und Eric Jones, Rufus' Freier, kehrt aus Paris zurück, um am Broadway eine Rolle zu übernehmen.



Teil II

 

Im ersten Teil des Romans wird Eric Jones nur selten erwähnt. Er war einer von Rufus' Freiern, allerdings liebte Eric diesen Mann, ohne daß Rufus diese Zuneigung erwidert hätte, sondern dieser hatte Eric so gedemütigt, daß er außer Landes - nach Frankreich - gegangen war.


Erics Zusammenleben mit Yves, die Entstehung der Freundschaft mit und die Liebe zu diesem ehemaligen französischen Stricher bilden den Inhalt des ersten Kapitels des zweiten Teils.

 

Eric und Yves verbringen in einem Haus an der französischen Mittelmeerküste den letzten gemeinsamen Abend vor Erics Abreise in die USA, wo er die Hauptrolle in einem Broadway-Stück übernehmen soll.Yves soll nachkommen. Der Abschied am Zug in Paris ist tränenreich.

 
Im zweiten Kapitel versucht Eric, in New York Fuß zu fassen und wieder heimisch zu werden. Die Stadt ist ihm fremd geworden; die Bekannten Cass, Richard, Vivaldo sagen ihm wenig; Ida findet er interessant; den Fernsehproduzenten Ellis kann er (noch) nicht einordnen.

Zwischen Cass und Richard haben sich inzwischen erhebliche Spannungen entwickelt; Vivaldo leidet unter den ersten Erfolgen seiner ehrgeizigen Freundin als Jazz-Sängerin und ist eifersüchtig auf ihren 'Promotor' Ellis - und dies zurecht, wie das dritte und vierte Kapitel des zweiten Teils zeigen: Ida betrügt Vivaldo mit Ellis, obwohl sie stets von ihrer Liebe zu Vivaldo spricht. Bei Auseinandersetzungen mit Vivaldo oder auch nur in kritischen Phasen von Gesprächen, z. B. mit Cass, setzt Ida ihr Farbigsein als Waffe gegen die Weißen ein. Als 'Waffe' benutzt sie auch die Idealisierung ihres Bruders Rufus, die sie unfähig macht, dessen Scheitern auch als selbstverschuldet zu sehen und anzuerkennen, daß Rufus eine äußerst umstrittene und zwiespältige Persönlichkeit war. Die Krise der Ehe von Cass und Richard führt zu Cass' Ehebruch mit Eric, den der Leser bisher nur als Homosexuellen kennengelernt hatte und der nun als Bisexueller dargestellt wird, der darunter leidet, sich sexuell nicht nur mit Frauen einlassen und Cass nicht wirklich lieben zu können. Andererseits denkt er an Yves und zieht Vivaldo sexuell an.

Am Ende des vierten Kapitels stellt Richard seine Frau zur Rede; sie gesteht ihm ihre Affäre mit Eric und wird von Richard ins Gesicht geschlagen.



Teil III


Zu Beginn des dritten Teils befindet sich Vivaldo in Erics Bett und genießt es, beim Sexualakt der passive Teil zu sein. Aber so sehr ihm dies auch gefällt, Vivaldo empfindet diese Art Sexualität als ihm nicht gemäß und wird in Zukunft lediglich ein guter Freund Erics sein und nicht mehr mit diesem ins Bett gehen, zumal Erics Freund Yves im nur wenige Seiten umfassenden Abschlußkapitel des Romans in New York landet und sich allein durch Erics Begrüßung von der Besuchertribüne des Flughafens herab geborgen fühlt. Beide scheinen in der Zeit der Trennung für einander gereift zu sein.


Erics sexuelles Verhältnis mit Cass, das ihr mehr bedeutet als Eric, der sie mag, aber nicht liebt, endet mit dem Zusammenbruch der Ehe zwischen Cass und Richard. Ob und wie die schwere Vertrauenskrise der Ehepartner gelöst werden kann, bleibt im Roman offen.


Der Vertrauensbruch, den Ida gegenüber Vivaldo begangen hat, trifft ihn, doch führt er nicht zur Katastrophe in ihrer Beziehung, sondern zu deren Festigung, da Ida von Ellis schwer gedemütigt worden ist und sie Vivaldo liebt und sich von ihm geliebt sieht.


Baldwins Roman trägt den Titel "Another Country"/"Eine andere Welt". Es handelt sich dabei um eine Art Gegenwelt zu der als normal empfundenen Gesellschaft bzw. 'ersten' Welt der Vereinigten Staaten während der 50er Jahre. Diese andere Welt - eine Art Staat im Staat mit eigenem Territorium - ist einerseits die der farbigen, ghettoisierten Amerikaner mit ihrem Haß gegen Weiße selbst dann, wenn sie ihnen freundlich gesinnt scheinen oder es auch sind. Andererseits bilden diese Welt die Schwulen und Bisexuellen, die jedoch trotz aller Abweichung von der 'normalen' ersten Welt mit dieser viel enger verbunden ist (oder scheint) als mit derjenigen der afroamerikanischen Gesellschaft.

Es gelingt letztlich nicht, die Welt der Farbigen der USA und diejenige der weißen homosexuellen Amerikaner zu einer einheitlichen anderen Welt (another Country) zu verknüpfen, die dieselben Interessen hat und gemeinsam für Gleichberechtigung mit der 'ersten' Welt kämpft.

 

© Gottfried Lorenz.