Jan Simonsen

Guttene fra Yorkstrasse


Forlaget Norske Bøker, Rasta 2005



Während der letzten dreieinhalb Jahrzehnte - seit der Reformierung des Sexualstrafrechts - hat sich das Bild der männlichen Prostitution in Deutschland erheblich geändert.


Kam der männliche Prostituierte für Männer bis dahin in der Regel aus der untersten Unterschicht, dem Lumpenproletariat, war er zumeist in unvollständigen oder zerrütteten Familien aufgewachsen, besaß er zumeist weder Schulabschluß noch Berufsausbildung, so stellt sich die Situation heute oft anders dar.


Gewiß, es gibt den genannten Typ Strichjunge nach wie vor, wobei zunehmend das Kriterium ausländische, zumeist ost- bzw. südosteuropäischer oder türkischer Herkunft (=Migrationshintergrund) hinzutritt. Daneben und darüber hinaus aber existiert ein breites Spektrum von Berufs- und Gelegenheitsprostituierten aus nahezu allen Bevölkerungs-, Bildungs- und Altersschichten, die ihre Tätigkeit als seriöse Dienstleistung begreifen und die ihnen ein nicht unerhebliches Einkommen sichert oder den Verdienst aus einem 'bürgerlichen' Beruf ergänzt. Dieser Bereich der Prostitution, der sich weder am Bahnhof, noch in den Pornokinos oder Stricherkneipen abspielt, sondern in Studios, Hotels, Wohnungen, und deren Termine telefonisch oder per Internet verabredet werden, ist dabei, sein Schmuddelimage abzulegen.


Jan Simonsens Roman "Guttene fra Yorkstrasse" unterstützt dieses veränderte, neue Bild des west- oder nordeuropäischen mann-männlichen Prostituierten, das vor kurzem erst in einer dänischen Untersuchung beschrieben worden ist. Prostitution ist danach ein Dienstleistungsberuf wie jeder andere; und wer dazu bereit ist und die körperlichen Voraussetzungen erfüllt, hat oft bessere Verdienstmöglichkeiten als in vielen anderen Berufen. Allerdings gilt auch hier: Erfolg hat, wer etwas kann und leistet, wer sein Privatleben dem Beruf zuliebe hintenanstellt, wer sich körperlich fit erhält, keine gesundheitlichen Risiken eingeht und das eingenommene Geld nicht in vollen Zügen ausgibt.


War die Berufszeit für männliche Prostituierte früher in der Regel auf wenige Jahre begrenzt, bieten zunehmend Call-Men zwischen Mitte dreißig und Mitte fünfzig ihre Dienste an und scheinen auf Resonanz zu stoßen.


Die Callboys in Simonsens Roman gehören einerseits zur Generation der modernen Prostituierten, die ihren Job als normale Dienstleistung verstehen, entsprechen aber andererseits in ihrer Altersstruktur (16 bis 25 Jahre) eher den älteren Vorstellungen von männlichen Prostituierten.
Und auf diese Altersgruppe zielt möglicherweise auch der werbewirksame Aufdruck auf dem Buchumschlag "Anbefalt aldersgrense 15 år".


Jan Simonsens Text ist über weite Strecken (etwa zwei Drittel der gut 300 Seiten des Buches) ein pornographischer Roman mit männlichen Prostituierten als Handlungsträgern. Die meisten von ihnen sind hetero- oder bisexuell, einige wenige homosexuell. Sie stehen ausschließlich oder vorwiegend Männern zur Verfügung; der Wunsch einiger dieser Jungen, weibliche Kundschaft zu haben, scheitert an der geringen oder unerquicklichen Nachfrage von dieser Seite.

Inhalt des Romans:


Jan Simonsen läßt einen dreiundzwanzigjährigen Mann sein Leben erzählen. Er heißt Henrik Pedersen, seine Namen als Callboy wechseln: Michael, Lars, Billy.
Geboren ist Henrik Pedersen in Deutschland; seine Eltern sind Norweger, die in Deutschland im Auftrag der Sekte "Smiths Venner" missionieren. Der Junge wächst also in einer christlich-fundamentalistischen Familie mit vielen Geschwistern auf. Verboten ist fast alles: Musik, Kino, Vergnügen etc.
Mit der Pubertät kommt es zu schweren Konflikten zwischen den frommen, bigotten Eltern und ihrem Sohn Henrik. Mehrfach reist er aus.


Als Handelsschüler wird Henrik Mitglied einer rechtsradikalen Kameradschaft, deren homosexueller Leiter ihn überredet, Modell für pornographische Aufnahmen zu stehen. Nicht lange danach beginnt Henrik eine Lehre, über die der Leser nichts erfährt. Daneben betätigt er sich als Callboy. Nachdem der Versuch, nur Frauen zur Verfügung zu stehen, scheitert, wendet sich Henrik der mann-männlichen Prostitution zu. In der Ludwigshafener Yorkstraße mietet er eine Wohnung, die bald zu einem Bordell wird, in dem er neben der Tätigkeit als Callboy aus seiner Sicht die Funktion einer Puffmutter, aus der Sicht der Polizei die eines Zuhälters gegenüber befreundeten Callboys (die er als seine Familie sieht) übernimmt. Von "seinen" Jungen verlangt Henrik dreierlei: Safer Sex, keine Diebstähle, keine Drogen - Prinzipien, deren Einhaltung er strikt durchsetzt.


Die Callboys der Yorkstraße haben Erfolg, verdienen viel Geld, machen private und geschäftliche Spritztouren nach Hamburg, Kusel, Berlin, Oslo und Pforzheim,leben in Saus und Braus, ohne an Rücklagen zu denken.


Mehrere Polizeirazzien deuten das baldige Ende dieses Lebens an. Kurz nachdem Henrik beschlossen hatte, seinen Job als Callboy aufzugeben, wird er verhaftet, angeklagt und schließlich zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Minderjährige zur Prostitution angehalten und seine Wohnung dafür zur Verfügung gestellt hatte.

Am Ende des Romans läßt sich Henrik Pedersen nach Norwegen als in eine Art "Gelobtes Land" ausliefern.


Die Schilderung des Lebens als Callboy durch den konservativen norwegischen Politiker Jan Simonsen entspricht in manchem wohl realen Gegebenheiten; vor allem aber läßt der Autor alle Formen homosexueller Praktiken Revue passieren und befriedigt damilt den Voyerismus von Lesern.


Der Rahmen des pornographischen Teils ist weitgehen unergiebig - konstatiert, statt zu entwickeln und zu begründen. außerdem scheint der Autor sich in der Topographie Deutschlands nicht wirklich auszukennen. Vor allem aber ist das, was er über das deutsche Polizei- und Justizwesen schreibt, entweder schief oder falsch. Im gesamten Roman wimmelt es überdies von Unwahrscheinlichkeiten aller Art.


Die Thematik des Romans hätte sorgfältigere Recherchen und ein besseres Lektorat verdient.

 
Der Roman liegt bisher nicht in deutscher Übersetzung vor.

 

© Gottfried Lorenz.