Der Fall Martens - ein prominentes Opfer der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung in Hamburg



Trotz Vernichtung einschlägiger Aktenbestände bis Ende des 20. Jahrhunderts bewahrt das Hamburger Staatsarchiv noch fünf Aktenkonvolute auf, die Auskunft über das Schicksal von Emil Martens geben (1).

 

Hierbei ist zu berücksichtigen, daß in diesen Akten Martens ausschließlich aus juristischer oder gerichtsmedizinischer Perspektive gesehen wird. Die sogenannten Vernehmungsprotokolle sind nichts anderes als eine Zusammenfassung der Befragung des Beschuldigten durch den vernehmenden Kriminalbeamten. Sie geben keine zuverlässige Auskunft über den Verlauf der Vernehmung. Ob der Beschuldigte korrekt behandelt oder unter Druck gesetzt und vielleicht sogar körperlich bedroht worden ist, bleibt ebenso offen wie das, was er tatsächlich gesagt hat. Der Benutzer der Akten muß versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Nicht selten enthalten die Akten ungenaue oder falsche Angaben. Dies beruht zum einen auf Hörfehlern (Daten, Familien-,Straßen-, Ortnamen), zum anderen auf Übertragungsfehlern von den handschriftlichen Aufzeichnungen des Vernehmungsbeamten zur maschinengeschriebenen Fassung; nicht zuletzt aber beruhen Fehler auf mangelnden Kenntnissen oder Ignoranz der des jeweiligen Kriminalbeamten.

 

Martens ist 1941 von dem unnachgiebigen und harten Kriminaloberassistenten Petersen verhört worden.

 

Er war ein guter Kaufmann, ein erfolgreicher Unternehmer, ein zuverlässiger Geschäftspartner, ein hervorragender Organisator, ein guter Gesellschafter und Tänzer; seine Buchhaltung rief ausdrücklich das Lob der Hamburger Steuerbehörde hervor; er war durchsetzungsfähig, rhetorisch begabt, freundschaftsfähig; über viele Jahre leitete er erfolgreich einen großen Hamburger Sportverein --- und er war h o m o s e x u e l l:  EMIL FRIEDRICH MARTENS, langjähriger Präsident des HSV.


Geboren wurde Emil Martens am 17. Mai 1886 in Nusse (Krs. Hgt. Lauenburg).

 

Sein Vater war in Nusse Eigentümer eines "Allwarengeschäfts", das er aus Gesundheitsgründen im Jahre 1893 verkaufte; ein Jahr später starb er; Emil Martens' Mutter lebte bis 1911.

 

Emil Martens ist der dritte von vier Büdern. Paul, der älteste Bruder, war zunächst Assekuranzmakler, später ist er Inhaber der Firma Superradio in Eppendorf; der zweitälteste war vor dem ersten Weltkrieg Stadtbaumeister in Posen (Poznan), danach ist er Architekt beim Reichsbauamt in Hamburg. Der jüngste Bruder fuhr zur See und ließ sich 1920 in Chile nieder.

 

Die Hamburger Brüder und deren Familien scheinen zu Emil Martens gehalten zu haben, als er auf Grund seiner homosexuellen Veranlagung in die Mühlen von Polizei und Justiz geriet: Er erhielt Arbeit als Prokurist bei seinem Bruder Paul mit 300,-RM brutto monatlichem Einkommen; sein Neffe Karl ist auf den Karteikarten der Strafanstalten als nächster Verwandter verzeichnet.

 

Paul Martens erwähnt bei einer Befragung, daß sein Bruder über die homosexuelle Veranlagung nicht habe sprechen wollen.

 

Emil Martens bekennt sich gegenüber Kriminalpolizei,Gericht und Gerichtsärzten ohne Wenn und Aber zu seiner Homosexualität.

 

1903 beendet Emil Martens seine Schulausbildung mit der Mittleren Reife, absolviert danach eine kaufmännische Lehre von dreieinhalb Jahren und arbeitet von

1907 bis 1910 bei der Ölimportfirma A. André in Hamburg.

1910 tritt er in das Geschäft seinen ältesten Bruders ein und macht sich im Mai 1914 selbständig.

 

Im selben Jahr meldet er sich als Kriegsfreiwilliger und wird dem Hamburger Infanterie Regiment 76 zugeordnet.

 

Am 24.4.1917 gerät er an der Vimy-Höhe (bei Arras) in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1919 entlassen wird.

Martens ist Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse, des Hanseatenkreuzes und des 1934 gestifteten Ehrenkreuzes für Frontkämpfer.

 

Während der Kriegsgefangenschaft lernt er seinen späteren Geschäftspartner und langjährigen Freund (ohne jegliche sexuelle Komponente) Maurer kennen, mit dem er nach dem 1. Weltkrieg die Firma Vitus Maurer (Import und Verkauf von Perlmuttknöpfen) gründet, die 1928 an einen englischen Eigentümer übergeht. Martens ist dann deren Geschäftsführer von 1928 bis zu seiner ersten Verhaftung 1936.

 

Maurer ist nicht nur Geschäftspartner, sondern auch Freund; beide Männer wohnen bis 1936 zusammen, auch nach Maurers Heirat und Familiengründung. Martens nimmt an dem Leben der Familie Maurer teil gleichsam als Ersatz für eine eigene Familie. Die enge Bindung an die Familie Maurer hat Bestand bis zu Martens' Tod am 15. Januar 1969.

 

Martens außerberufliches Interesse galt dem Fußball.

 

1907 wird er Mitglied des HSV, spielt bis zum ersten Weltkrieg aktiv Fußball.

Vom 4. 2. 1928 bis zum 25. 1. 1934 ist er Präsident des HSV; seine Amtszeit ist mit sechs Jahren sehr viel länger als die jedes anderen HSV-Präsidenten vor dem 2. Weltkrieg.

Martens führt den Verein erfolgreich, aber auch autoritär.

Kurze Zeit nach Martens' Amtsantritt wird der Sportplatz-Verein Ochsenzoll gegründet (16. 3. 1928); zwischen 1929 und 1931 erfolgt die Umgestaltung des erworbenen Geländes zu Rasen-Sportplätzen.

1934 wird Martens von der Sportbehörde seines Amtes enthoben, da er gegen das Amateurstatut verstoßen habe.

Der Verein macht Martens zum Ehrenvorsitzenden.

 

Seit 1928 habe sich Emil Martens für die nationalsozialistische Bewegung eingesetzt, heißt es in den Akten, doch sei er der NSDAP erst nach der Machtübernahme Hitlers beigetreten, um als Präsident bis dahin Neutralität wahren zu können. Nach seiner ersten Verurteilung gem. § 175 wird er aus der NSDAP ausgeschlossen.

 

Irgendwann - und hier macht sich das Fehlen der Akten massiv bemerkbar - nach der Ablösung von Martens als HSV-Präsident muß er in das Fadenkreuz von Polizei, Kriminalpolizei, Gestapo und Justiz geraten sein. Entweder ist er von einem Strichjungen, mit dem er verkehrt hatte, der Kripo gegenüber erwähnt worden, oder aber er geriet bei seinen Besuchen von einschlägigen Lokalen auf St. Pauli ("Anker" und "Grenzfaß" werden in den Akten genannt) oder von "Klappen" in das Visier der Polizei. Auch die Denunziation durch Dritte ist nicht auszuschließen.

 

Wie es sich auch verhalten mag: Am 14. 12. 1936 wird Emil Martens vom Schwurgericht Hamburg wegen fortgesetzter widernatürlicher Unzucht nach § 175 alter und neuer Fassung StGB zu 10 Monaten Gefängnis unter Anrechnung der U-Haft verurteilt.

Am 30. 7. 1937 ist diese Strafe verbüßt.

 

Die Verurteilung nach alter Fassung des § 175 deutet darauf hin, daß Martens wegen Vorgängen verurteilt worden ist, die vor der Verschärfung des § 175 am 28. 6. 1935 lagen.

Nach Verbüßung der Strafe zieht sich Martens aus dem öffentlichen Leben zurück, meidet Sportplätze.

 

1938 trifft Martens auf den Strichjungen H.N. (2), in dessen Unterkunft er von dem Erpresser-Ehepaar Bromberg (3) das erste Mal erpreßt wird.

 

Am 14.4.1939 wird Martens wegen Unzucht in 2 Fällen vom Schwurgericht Hamburg zu 20 Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt.
Überlegungen von Martens im Jahre 1939, sich kastrieren zu lassen, wozu ihm von Seiten des Gerichts geraten wird, werden auf Anraten seines damaligen Rechtsanwalts Dr. Tachau (4) nicht weiterverfolgt.

die Strafe aus dem Jahre 1939 ist verbüßt am 8.11.1940.

 

Am 2. September 1941 nennt H.N. der Kripo Martens als Partner im Jahre 1938. Petersen lädt ihn daraufhin zum 15.9.1941 zur Vernehmung vor, zu der Martens allerdings nicht erscheint. Am 17. 9. erhält Petersen die Mitteilung, daß sich Martens im Krankenhaus St. Georg befinde. "Am 18. 9. 41 wurde mir mitgeteilt, daß Martens vermutlich Asperintabletten in größerer Menge und Kognack zu sich genommen haben soll" (sic!) In Wirklichkeit handelt es sich um einen Selbstmordversuch mit Veronal, ausgelöst durch den Selbstmord zweier homosexueller Bekannter und durch die kriminalpolizeiliche Vorladung.

Am 24. 9. 1941 wird Martens zu dem Erpressungsfall von 1938 vernommen. Da Martens' damalige Straftat (Verkehr mit H.N.) mit dem Urteil vom 14. 4. 1939 abgegolten war, erfolgte keine Festnahme.

 

Dies ändert sich mit der Aussage des Erpressers und Strichjungen Karl Ludwig Schultz (5) am 23. 11. 1941, der Martens als Partner von 1937 und zwischen Juni und September 1941 angibt und ihn der Kriminalpolizei in der Lichtbildkartei bezeichnet.

 

Kriminaloberassistent Petersen lädt Martens am 25. 11. 1941 telefonisch zur Vernehmung, nach der Martens festgenommen wird. Eine erneute Vernehmung erfolgt am 29. 11. 1941, in der Martens die Aussagen von Schultz bestätigt.

 

In der Lichtbildkartei kann Martens keine Partner bezeichnen, was Petersen in Erstaunen versetzt und zu der Vermutung Anlaß gibt, daß Martens bewußt niemanden habe belasten wollen.

 

Erst durch den Bericht der "Ermittlungshilfe der Strafrechtspflege" vom 19. Januar 1942, der die Befragungen von Paul Martens, Vitus Maurer und Paul Hauenschild, dem damaligen Leiter der Abt. Ochsenzoll im HSV, zusammenfassend wiedergibt, erfährt die Kriminalpolizei von der HSV-Vergangenheit des Beschuldigten Emil Martens!

 

Martens befindet sich vom 25.November bis 1.Dezember 1941 in Polizeigewahrsam, erst dann erläßt Amtsgerichtsrat Bayer Haftbefehl, womit die Untersuchungshaft beginnt.

Martens beauftragt den Rechtsanwalt Heinz Möller (Jungfernstieg 34), der wiederholt in ähnlich gelagerten Fällen die Vertretung übernommen hatte, mit der Wahrnehmung seiner Interessen.

Die staatsanwaltlichen Untersuchungen führte der unerbittliche, in seinen Kommentaren zynische Staatsanwalt Nicolaus Siemssen (nach dem 2. Weltkrieg aufgestiegen, u. a. zum Ankläger der Entnazifizierungskammer in Hamburg-Bergedorf). Er bestellt am 22. 1. 1942 beim Gesundheitsamt ein gerichtsärztliches Gutachten darüber, ob "auch ärztlicherseits" die Anordnung der Sicherungsverwahrung befürwortet werde. Entsprechend fällt das Gutachten von Dr. Schwarke am 5.3.1942 aus - nach nur einmaliger Untersuchung des Beschuldigten: Dr. Schwarke empfiehlt dringend die Sicherungsverwahrung, es sei denn, Martens lasse sich "freiwillig entmannen".


Am 7. 3. 1942 teilt Rechtsanwalt Möller der Staatsanwaltschaft mit, Martens wolle sich "freiwillig entmannen" lassen. Möller hatte erkannt, daß nur dies -wenn überhaupt- Martens vor Sicherungsverwahrung und Überführung in ein Konzentrationslager bewahren könne.


Kurios mutet an, daß am 5. 2. 1942 offiziell die Prüfung der Länge der Haftdauer eingefordert wird - Erinnerung an ein rechtsstaatliches Verfahren.

 
Die Anklageschrift des Staatsanwalts Siemssen trägt das Datum 16. 3. 1942.

Martens wird darin nach §§ 175, 20a, 42e StGB als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher angeklagt und als solcher am 15. 5. 1942 - gemäß Antrag des Staatsanwalts während des Prozesses - zu 18 Monaten Zuchthaus und Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Gericht rechnete die Polizei- und Untersuchungshaft auf die Strafe an.

Im Urteil heißt es: Solange der Angeklagte nicht entmannt sei, bedeute er "für die öffentliche Sicherheit, insbesondere für die staatlichen Bestrebungen, das Strichjungenunwesen zu bekämpfen, eine derartige Gefahr, dass seine Sicherungsverwahrung gemäß § 42e StGB unumgänglich ist."


Keine Erwähnung im Urteil findet, daß Martens von Schultz und Kumpanen erpreßt worden war.


Am 1. 6. 1942 wird Martens im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen eingeliefert. Am 28. 8. 1942 genehmigt der Hamburger Senator Ofterdinger den Antrag auf freiwillige Entmannung, wodurch "eine feste Einfügung des Martens in die Volksgemeinschaft mit sozialer Brauchbarkeit zu Leistungsfähigkeit zu erwarten" sei; die beiliegende Rechnung möge Martens ausgehändigt werden.


Am 24. 11. 1943 dringt Möller auf rasche Durchführung der Kastration, um die Sicherungsverwahrung so schnell wie möglich aufheben lassen zu können.


Die Kastration erfolgt am 15. 12. 1942 durch den Hamburger Chirurgen Schädel im Lazarett der UHA Hamburg-Stadt.


Schon am 12. 1. 1943 richtet Rechtsanwalt Möller an die Staatsanwaltschaft Hamburg den Antrag "nach Einholung einer ärztlichen Äußerung über den Erfolg der Entmannung, die Sicherungsverwahrung nunmehr aufzuheben bzw. einen entsprechenden Antrag bei Gericht zu stellen oder den diesseitigen Antrag bei Gericht zu unterstützen."


Sowohl das zuständige Gericht als auch die Staatsanwaltschaft stimmen am 21. bzw. 22. Januar 1943 der Aufhebung der Sicherungsverwahrung zu.
Wegen Überlastung des Bremer Anstaltsarztes Dr. Alfes findet die erste Nachuntersuchung von Martens - nach wiederholten Mahnungen aus Hamburg- erst am 30. März 1943 statt. Auch Alfes spricht sich für die Aufhebung der Sicherungsverwahrung aus.


Am 27. 5. 1943 hat Martens seine Zuchthausstrafe verbüßt und wird in Bremen-Oslebshausen in Sicherungsverwahrung genommen.


Vier Tage später richtet der Hamburger Oberstaatsanwalt Labriga eine Anfrage an den Vorstand -d. h. die Leitung- des Zuchthauses Bremen-Oslebshausen, ob Martens zu den Gefangenen gehöre, die auf Grund der Verfügung des Reichsministeriums der Justiz über die Abgabe asozialer Gefangener an die Polizei abgegeben werden sollen.

(In diesem Falle wäre Martens in ein KZ eingeliefert worden.)


Der Vorstand des Zuchthauses Oslebshausen teilt daraufhin dem Generalstaatsanwalt beim Hanseatischen Oberlandesgericht mit: "Gegen Martens ist zwar die Sicherungsverwahrung verhängt worden. Aus dem Urteil ergibt sich jedoch, daß diese Maßnahme im Falle der freiwilligen Entmannung wieder aufgehoben werden sollte. Martens ist deshalb von mir nicht mit den anderen Gefangenen mit anschließender Sicherungsverwahrung zur Abgabe an die Polizei gemeldet worden. Ich habe vielmehr Martens zu den Fällen genommen, in denen trotz Verhängung der Sicherungsverwahrung durch Abteilung XV des Reichsjustizministeriums überprüft werden soll, ob eine Abgabe an die Polizei stattfinden soll."


Am 15. 6. 1943 bittet Oberstaatsanwalt Richard Labriga das Reichsjustizministerium um Weisung, ob er Martens aus der Sicherungsverwahrung entlassen dürfe.


Erst am 6. Oktober erhält er Antwort von dem Ministerialdirigenten im Reichsjustizministerium Wolfgang Mettgenberg: "Im Einvernehmen mit dem Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern habe ich keine Bedenken zu erheben, wenn Martens aus der Sicherungsverwahrung entlassen wird."


Labriga ordnet daraufhin am 18. 10. 1943 die Entlassung von Martens an und läßt diese Entscheidung am 19. 10. an das Zuchthaus Bremen-Oslebshausen telegraphieren.
Am 21. Oktober 1943 wird Martens in das Polizeigefängnis Bremen verlegt.

Am 1. Dezember 1943 bittet das Gesundheitsamt Hamburg das Einwohnermeldeamt um die Adresse von Martens, da die 2. Nachuntersuchung anstehe.


Vierzehn Tage später (15. 12.) erkundigt sich das Hauptgesundheitsamt Hamburg beim Zuchthaus Bremen-Oslebshausen, wo denn Martens geblieben sei, und erhält am 17. 12. die Antwort, Martens sei am 21. 10. 1943 in das Polizeigefängnis Bremen verlegt und von dort am 27. 10. nach Hamburg überführt worden.
Daraufhin bittet das Hauptgesundheitsamt am 21. 12. 1943 die Polizei um Mithilfe bei der Suche nach Martens. Die Antwort vom 27. 12. 1943 lautet: Die ehemalige Vermieterin von Martens könne keine Angaben machen; der Bruder Paul Martens sei der Ansicht, daß sich Emil Martens "jetzt vermutlich in einem Arbeitslager" befinde.


Am selben Tag teilt das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel dem Gesundheitsamt mit, daß Martens am 25. Oktober im Polizeigefängnis eingetroffen sei.


Am 6. Januar 1944 erfolgt schließlich die 2. Nachuntersuchung des kastrierten Mannes.

Am selben Tag wird er entlassen.


Die Ursachen der Verzögerungen beim Prozeß der Aufhebung der Sicherungsverwahrung und der Entlassung bleiben im Dunkeln. Statt kriegsbedingter Schwierigkeiten sind wohl Schikanen zu vermuten.


Am 22. 5. 1946 erfolgt die dritte Nachuntersuchung von Martens durch den Obermedizinalrat und baldigen Professor Dr. Koopmann, einen der eifrigsten "Entmanner" der NS-Zeit in Hamburg, nachdem der Leiter der Behörde, Dr. Gemsjäger, auf diese Untersuchung gedrungen hatte.



1
Es handelt sich um Rep. 213-11:5909/43

352-12:Ablage 1999/1 Martens

242-4:663

sowie um 213-11:4908/42 Unterakte Bd. 2 Schultz Bl. 40, 56-59.


Nicht mehr vorhanden sind die Akten Martens für die Jahre 1935 bis 1940, deren Inhalt nur ansatzweise aus den vorhandenen Konvoluten erschlossen werden kann.


2
H.N., geb. 15. 2. 1917; er wird am 18. 9. 1939 wegen Erpressung und nach §175a Ziffer 4 StGB zu drei Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Polizei- und Untersuchungshaft verurteilt.
Am 13. 11. 1942 wird H.N. nach seiner Strafverbüßung der Kriminalpolizei Hamburg zugeführt, was Einweisung in ein KZ bedeuten kann.
H.N. überlebte die NS-Zeit. Das Konvolut mit seinen Strafakten enthält ein Schriftstück, in dem 1956 von einer Strafsche gegen ihn die Rede ist.

3
Helmut Bromberg, geb. 9. 1. 1909, wird am 10. 2. 1942 vom Landgericht Hamburg wegen Kuppelei, Zuhälterei und Erpressung zu 4 Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 4 Jahre verurteilt.
Seine Frau erhält wegen derselben Delikte 18 Monate Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 2 Jahre.

Bromberg wird am 18. 7. 1943 zum Heeresdienst einberufen und aus dem Zuchthaus entlassen; am 12. 1. 1945 erteilt ihm das Kommando der Heeresgruppe E endgültig die Wehrwürdigkeit (die er auf Grund seiner Zuchthausstrafe verloren hatte).
Im Oktober 1945 erhält seine Frau die Mitteilung, daß ihr Mann gefallen sei.

4
Rechtsanwalt Walter Julius Tachau, geb. 30. 4. 1897, Vorstandmitglied des HSV.
Am 6.6.1940 teilte der Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht Hamburg dem Reichsjustizministerium mit: "Tachau ist Volljude, hat gleichwohl verstanden, diese Tatsache bislang zu verheimlichen. Bis zu seiner Festnahme hat er den Beruf als Rechtsanwalt ausgeübt."

Am 21.6. 1940 verliert Tachau seine Zulassung als Rechtsanwalt durch den Präsidenten des Hanseatischen OLG.

Am 20. 9. 1940 wird Tachau von der Strafkammer VI des Landgerichts Hamburg zu 3 Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt.

Im Revisionsverfahren vor dem Reichsgericht wird am 16. 1. 1941 der Revision der Hamburger Staatsanwaltschaft vom 7. 10. 1940 stattgegeben.
Das neue Urteil des Landgerichts Hamburg vom 29. 4. 1941 lautet: 3 Jahre Gefängnis sowie 101,-RM Geldstrafe.

5
Karl Ludwig Schultz, geb. 30. 12. 1915.
Am 6. 5. 1942 wird Schultz als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher verurteilt:
"1. zusätzlich zu der am 3. 4. 1941 gegen ihn erkannten Zuchthausstrafe wegen Gewerbsunzucht in sieben Fällen zu drei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust,
2. wegen Gewerbsunzucht in elf Fällen, Erpressung in zwei Fällen und einer versuchten Erpressung zu insgesamt sechs Jahren Zuchthaus.
Die Sicherungsverwahrung wird angeordnet. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm auf zehn Jahre aberkannt."

Schultz verbüßt die Strafe zunächst im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen.
Am 16. 12. 1942 wird er von dort auf Anordnung des Reichsjustizministeriums verlegt - wohin, ist der Oberstaatsanwaltschaft Hamburg weder vor noch nach Kriegsende klar.
Im November 1945 läßt sie deshalb nach ihm fahnden, am 21. 12. 1945 sogar mit Steckbrief.
Die Fahndungsgruppe ermittelt schließlich, daß Schultz laut Mitteilung des Standesamtes Weimar II am 14. 7. 1944 im Konzentrationslager Buchenwald gestorben sei.
Recherchen in Buchenwald ergaben, daß Schultz dort am 17. 9. 1943 eingeliefert worden war, die Häftlingsnummer 20982 erhalten hatte und im Block 52 (im Kleinen Lager) am 14. 7. 1944 umgekommen ist.

ANHANG



Am Montag, dem 20. 1. 1969, veröffentlichte das Hamburger Abendblatt auf S. 4 folgende Todesanzeige mittleren Umfangs:

Der langjährige Freund unserer Familie

EMIL MARTENS

geb. 17. Mai 1889 gest. 15. Januar 1969

ist für immer von uns gegangen.

Wir werden seiner stets in aller Herzlichkeit gedenken.

Therese Maurer

Familie Ulf Maurer

Familie Paul Haarmeyer

Hamburg 13, Isestr. 119

Die Trauerfeier findes statt am Freitag, dem

24. Januar 1969, um 13 Uhr Kapelle 8,

Ohlsdorfer Friedhof.




Florian Mildenberger erwähnt in seinem Buch ....in der Richtung der Homosexualität verdorben. Psychiater, Kriminalpsychologen und Gerichtsmediziner über männliche Homosexualität 1850-1970. MännerschwarmSkript Verlag. Hamburg 2002 den Fall Martens, allerdings in der Schreibweise "MERTENS" (S. 289 und Register S. 508).

Mildenberger spricht von positiven "Stellungnahmen früherer Gönner" zugunsten von Emil Martens. Nach Sachlage sind diese "Gönner" ein Vorstandsmitglied des HSV, der Mitinhaber der gemeinsamen Firma bis zu deren Verkauf sowie ein Bruder von Martens (s.o.). Diese Männer kann man kaum als "Gönner" bezeichnen; politischen Einfluß besaßen sie nicht.


Mildenberger schreibt: "Der Überstellung ins Konzentrationslager als 'asozialer Justizgefangener' entging er (Martens) nur knapp im Herbst 1942." Aus dem angegebenen Quellennachweis ergibt sich dieser Schluß nicht.

 

© Gottfried Lorenz.