Marek Krajewski

Tod in Breslau


Goldmann Verlag btb. München 2002



"Tod in Breslau" lautet der Titel des ersten Romans des polnischen Altphilologen Marek Krajewski, der an der Universität Wroclaw lehrt.


Wer die Topographie des deutschen Breslau der Jahre 1933/34 kennt oder kennenlernen möchte, kommt bei der Lektüre des Buches auf seine Kosten: die erwähnten Straßennamen, Geschäfte, öffentlichen Gebäude - all das wird der Leser auf einem Stadtplan der Dreißiger Jahre oder in seiner Erinnerung wiederfinden und verifizieren können. Vermissen wird er den Ring, das Rathaus, die Jahrhunderthalle. Sie haben keine Funktion in Krajewskis Handlung, bei der es vordergründig um die Aufklärung eines Mordes an einer jungen schlesischen Adligen, an deren Gouvernante und einem Zugschaffner im Mai 1933 im Zug Berlin > Breslau zwischen Liegnitz und der schlesischen Metropole geht.


Nachdem innerhalb kurzer Zeit ein alter, kranker jüdischer Händler exotischer Tiere in die Fänge der Ermittler von Kriminalpolizei und Gestapo gerät, umgebracht und der Öffentlichkeit als Täter präsentiert wird (was die Beförderung des stellvertretenden Chefs der Kriminalabteilung des Polizeipräsidiums Eberhard Mock zum Kriminaldirektor zur Folge hat), ergeben die durch den Vater des getöteten Mädchens veranlaßten weiteren Ermittlungen, daß es sich bei der Tat um einen Ritualmord handelt, dessen Ursachen Jahrhunderte zurück im Verhalten eines Verwandten des schlesischen Adligen während der Kreuzzüge gegenüber den Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, des geistigen Führers der Yeziden zu suchen ist. Mit der Ermordung des adeligen Mädchens ist jedoch nur die Hälfte der Rache vollzogen, die andere -die Tötung des Bruders- steht noch aus. Von diesem wußte die Ermordete nichts; denn er ist der uneheliche, nicht legitimierte Sohn des Vaters der ermordeten Adligen. Aufgewachsen in einem Berliner katholischen Waisenhaus unter dem Namen Herbert Anwaldt, ist er Kriminalbeamter geworden und wird nun von seinem ihm unbekannten schlesischen Vater zur Aufklärung des Mordfalls in Breslau herangezogen. Er ist somit Jäger (als Ermittler) und Gejagter (als das vorgesehene zweite Opfer des yezidischen Racheplans) in einem. Seine Tötung wird vor allem von Kriminaldirektor Mock, der sich seiner väterlichen annimmt, in vielfältiger Weise verhindert- in Breslau und in Dresden, wo Anwaldt nach 1934 in einer psychiatrischen Klinik lebt und weder der Euthanasie der Nationalsozialisten noch der mörderischen Attacke eines als Major der sowjetischen Armee getarnten yezidischen Rächers zum Opfer fällt.


Die Handlung wirkt konstruiert und weit hergeholt. Sie ist wesentlich komplizierter, als die Zusammenfassung vermuten läßt, malt ein breites Sittengemälde der Halb- und Unterwelt Breslaus, schildert die Konkurrenz zwischen Gestapo und Polizei zu Beginn der NS-Zeit, flicht die mörderischen Praktiken von SA und SS ein, weist auf den Antisemitismus und die Propaganda gegen die Freimaurer als konstituive Elemente des Nationalsozialismus hin und zeichnet den Opportunismus aus Karrieregründen nach.

Der mörderischen Gesinnung der "Bösen" steht diejenigen der "Guten" in nichts nach. Die Grenze zwischen Verbrechern und Ermittlern ist weitgehend aufgehoben. Das Fazit der Aufklärung des Mordes an drei Menschen sind neun weitere Leichen.


Mogk übernimmt die Vaterrolle gegenüber Anwaldt, was dessen leiblicher Vater nicht hatte tun wollen. Mogk stiftet Anwaldt zum Mord an seinem adligen Vater, dem letzten Mitwisser der freimaurerischen Vergangenheit des Kriminaldirektors, an, und bringt den "Sohn" damit -als Schutz vor yezidischen Anschlägen- für kurze Zeit ins Gefängnis und anschließend in eine Irrenanstalt; dort schützt er Anwaldt vor der Euthanasie und nach 1945 als Mitarbeiter der Stasi in der SBZ und der jungen DDR vor dem Ritualmord durch einen Yeziden in der Uniform eines Majors der Roten Armee.


Anwaldt ist ein gebildeter Mann. Er liest den "König Ödipus" von Sophokles im Original. Verse aus diesem Drama erscheinen leitmotivisch in Krajewskis Roman; auch das Motto des Buches stammt aus diesem Werk.


Krajewskis Buch als Kriminalroman zu bezeichnen, fällt schwer. Historische, gesellschaftliche, nationale Anspielungen aller Art, die Orgie von Gewalt, Blut, Sex, Tod, vor allem aber Ironie und Sarkasmus weisen über dieses Genre hinaus.


Für den homosexuellen Leser interessant sind -tatsächliche oder fingierte- Einblicke in das homosexuelle Leben der schlesischen Hauptstadt zu Beginn der NS-Zeit.

Allzu plakativ behandelt wird die Involvierung von Homosexuellen in den SA-Aparat und in die Röhm-Affäre.


Deutlich wird aber auch, wie sehr Homosexuelle Erpressungen von hoher und vornehmer Stelle ausgesetzt sind und wie sie Opfer von sowohl politisch als auch persönlich motivierten Morden werden.

 

© Gottfried Lorenz.