Gustav Adolf Wyneken



Arbeitsschule mit Selbständigkeit statt Paukschule; Kulturunterricht statt aufgesplittertem Fächerunterricht in Deutsch, Geschichte und Religion; "bewegliche Klassen" -d.h. Unterricht nach dem Reifestand jedes einzelnen Schülers; Primat der Kulturkenntnisse vor Naturkenntnissen; Fremdsprachenunterricht durch Lehrer des Sprachraums, dessen Sprache gelehrt wird; Kunstunterricht möglichst durch Künstler, man solle keinen Enthusiasmus auf Kosten der Klarheit erzeugen; Koedukation von Jungen und Mädchen; Sexualerziehung; areligiöse Erziehung; neues Erziehen mit eigenem Willen und Wollen und eigenem Denken der Schüler ohne Erziehungsdrill; Internate auf dem Lande als beste Schulform; Einbezeihung von körperlicher Arbeit in Werkstätten und Gärten in den Tageslauf eines Schülers; die Schulgemeinde als Entscheidungsträger der Schule; Sport, Spiel, Gymnastik; gesunde Ernährung; Abstinenz von Alkohol; gute Umgangsformen; zwei je einwöchige Schulwanderungen pro Schuljahr zu Fuß oder per Rad in Deutschland und darüber hinaus; Feste, Aufführungen, gemeinsame Feiern; ungezwungenes Miteinander von Schülern und Lehrern - Bildung von Familien ("Kameradschaften"), wobei Schülerinnen und Schüler sich eine Lehrkraft als Tutor ("gewählter Führer") aussuchen - so lauten wichtige Schlagworte des Reformpädagogen Gustav Adolf Wyneken aus den Jahren 1906 bis 1911.


Geboren wurde Gustav Adolf Wyneken am 19. März 1875 in Stade als Sohn eines Pastors. Von 1894 bis 1897 studierte er in Berlin, Halle, Greifswald und Göttingen Theologie und Philologie, bestand 1897 in Hannover das erste theologische Examen und wurde 1898 in Greifswald promoviert. 1899 bestand er die Oberlehrerprüfung, heiratete 1900 (er läßt sich 1910 scheiden; aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor), arbeitete von 1900 bis 1906 als Lehrer in Landerziehungsheimen und war Mitarbeiter von Hermann Lietz (1868-1919), mit dem er sich -wie nachfolgend mit allen Weggefährten- überwirft. Als er 1902 aus der Kirche austrat, mußte er die Leitung eines Landerziehungsheims aufgeben.

1906 gründete Wyneken zusammen mit Paul Geheeb (1870-1961) in Wickersdorf (südöstlich von Saalfeld/Saale) die "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" (FWG). 1909 verläßt Geheeb im Streit mit Wyneken Wickersdorf und gründet mit seiner zweiten Frau Edith Geheeb-Cassirer (1885-1982) in der Nähe von Darmstadt die Odenwaldschule.
1910 wurde Wyneken die Konzession als Schulleiter entzogen, doch übte er als Vorsitzender des "Bundes freier Schulgemeinschaften" und als Herausgeber der im Jenaer Diederichs Verlag erscheinenden Zeitschrift "Die Freie Schulgemeinde" weiterhin Einfluß auf die pädagogische Diskussion aus.


1913 arbeitete Wyneken an der Formulierung der "Meißner-Formel" des "Ersten Freideutschen Jugendtages" mit: "Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei."


Wegen Wynekens unbedingtem Führungsanspruch gegenüber allen anderen reformpädagogischen Vorstellungen kam es rasch zu Spannungen mit Vertretern abweichender Richtungen in der Freideutschen Jugend.


Ostern 1919 wurde Wyneken wieder Leiter der FSG Wickersdorf (120 Schülerinnen und Schüler, 12 Lehrkräfte), doch quittierte er am 13. Oktober seinen Dienst, als auf Grund einer Denunziation des Hilfslehrers Hoffmann Vorwürfe wegen Mißbrauchs von Schülern gegen ihn aufgekommen waren. Wyneken flüchtete zunächst ins Ausland, stellte sich dann aber den Behörden.


Am 30. 8. 1921 wurde Wyneken in Rudolstadt (Thür.) zu einem Jahr Gefängnis verurteilt; dieses Urteil hatte auch in einem Berufungssverfahren Bestand. Verbüßen mußte Wyneken die Strafe nicht;  am 20. 4.1923 wurde er von der Thüringer Staatsregierung amnestiert.


1925 gelang es Wyneken, Wirtschaftsleiter "seiner" Schule in Wickersdorf zu werden -allerdings ohne Unterrichtserlaubnis. Nach dem Weggang des Direktors Peter Suhrkamp und dem Tod seines Freundes und Schwagers verliert Wyneken jeden Rückhalt im Kollegium und beim Ministerium. Wegen seiner Liebesbeziehung zu Herbert Könitzer -dem späteren Kampfflieger- mußte er 1931 Wickersdorf endgültig verlassen. Seit 1934 lebte Wyneken in Göttingen. In der NS-Zeit erhielt er -trotz mehrfacher Bemühungen- keine Anstellung als Lehrer. In der reformpädagogischen Diskussion der Nachkriegszeit spielte er keine größere Rolle.


Wyneken starb am 8. Dezember 1964 in Göttingen.


Die Vorwürfe und der Prozeß gegen Wyneken in den Jahren 1920 und 1921 lösten auch in Hamburg ein großes Echo aus. Die "Hamburger Nachrichten" vom 2. November 1920 -sich auf die "Vossische Zeitung" beziehend- brachten eine 15-Zeilen-Meldung unter der Überschrift "Abgang Wynekens von Wickersdorf", in der sowohl über die generelle Schwierigkeit, mit ihm zusammenzuarbeiten, als auch über die aktuellen Vorwürfe, sich an zwei Schülern vergangen zu haben, berichtet wird: "In seiner Schulgemeinde erklärten sich nach langer Verteidigungsrede des Angeklagten über 20 Schüler für ihn, nur fünf gegen ihn, während sich 18 der Stimme enthielten. Trotzdem zog es Wyneken vor, die Anstalt zu verlassen, da voraussichtlich eine gerichtliche Untersuchung des Falles in die Wege geleitet werden wird."


Über den Prozeßbeginn am 30.8.1921 berichtet das "Hamburger Fremdenblatt" vom 31. August in einem eigenen Bericht aus Rudolstadt. An diesem Prozeß nahm als Vertreter der modernen Schulbewegung der Hamburger Dr. Jäger, Leiter der staatlichen Lichtwarkschule, teil. Das in den späten Nachtstunden des 30. August gefällte Urteil von einem Jahr Gefängnis wird vom "Hamburger Echo" -in seiner Berichterstattung dem "Hamburger Fremdenblatt" folgend- als "skandalös" bezeichnet; die Zeitung spricht von der Verfolgung Wynekens durch einen "nichtswürdigen Halunken", einen "eifersüchtigen Neider"; ehemalige Schüler wie der Hamburger praktische Arzt Dr. Jerosch und Dr. Jäger von der Lichtwarkschule hätten zugunsten Wynekens, der eine "nackte Umarmung" ohne unsittliche Implikationen zugegeben hatte, ausgesagt. Als Vertreter der Elternschaft der FSG Wickersdorf nahm der Hamburger Oberregierungsrat Dr. Förster an dem Prozeß teil.

Urteilsschelte üben auch die "Altonaer Nachrichten" vom 1.9.1921. Die "Hamburger Nachrichten" dieses Tages sprechen von Wyneken als einem "vorbildlichen Schulreformer", während die "Neue Hamburger Zeitung" vom 1.9. sich mit einem sachlichen Prozeßbericht begnügt. In einem Kommentar des "Hamburger Echos" vom 18. September -ebenfalls unter der Üsberschrift "Das skandalöse Urteil- werden Wynekens Buch "Eros" (Lauenburg 1921, erschienen im Verlag Ad. Saal) positiv gewürdigt, eine Solidaritätsadresse des Wickersdorfer Lehrerkollegiums abgedruckt, und es wird darauf hingewiesen, daß gegen das Urteil Revision eingelegt worden sei. Von einer Kundgebung zugunsten Wynekens durch die Generalversammlung des Bezirksverbandes Groß-Berlin des "Bundes entschiedener Schulreformer" berichtet die "Neue Hamburger Zeitung" am 1. Oktober 1921.


In Hamburg konstituierten sich ein "Wyneken-Kampfausschuß" (WKA) mit einer Geschäftsstelle in der Schäferkampsallee 17 und "Wyneken-Kampfgruppen". Diese Kampfgruppen werden am 29.9.1921 in Richtlinien (unterzeichnet von Oswald Matthias) mit der Anrede "Heil Euch, daß Ihr Wynecken (!) die Treue halten und für ihn eintreten wollt!" aufgefordert, keine großen öffentlichen Versammlungen einzuberufen, bevor eine Entscheidung im Revisionsverfahren gefällt worden sei. Für Veranstaltungen zugunsten Wyneken werden Themenstellungen vorgeschlagen. Wolle man Wyneken helfen, solle man ihm schreiben, ihn besuchen und seine Bücher lesen. Auch solle der Fall Wyneken erweitert werden um die Fälle Klappholttal (1919 gegründete Volkshochschule auf Sylt), Wilcker (wohl Karl Wilker, reformerischer Vordenker der Erlebnispädagogik) und Bernfeld (Siegfried Bernfeld, mit Wynekens Werk vertraut, Pädagoge und Psychoanalytiker), "wo sich auch das Aufeinanderstoßen alter und neuer Sittlichkeitsbegriffe" offenbare. Überdies wird um freiwillige Spenden gebeten.


Die Sitzung des WKA am 29. September 1921 zeigt unterschiedliche Meinungen darüber, wie man Wyneken helfen könne. Sinnlos sei, tätig zu werden, bevor über die Revision entschieden worden sei. Der Berliner Jurist Dr. Sachs vertritt die Ansicht, daß Wyneken auch im zweiten Verfahren verurteilt werde, wenn das Gericht das Urteil möglicherweise auch zur Bewährung aussetze. In diesem Falle komme ein Begnadigungsgesuch in Frage.

Redner der Sitzung waren u.a. der Schulleiter der Versuchsschule Berliner Tor (Lottig) , der Schulleiter der Wendekreisschule (Zeidler) sowie Dr. Jäger.


Auf der Tagesordnung der Hamburger Jugendratssitzung vom 29. September 1921 standen Beratungen über den WKA. Oswald Mattias hält es für notwendig, daß sich dieser auch mit "der Revision des Strafgesetzbuches, durch das in seiner heutigen Form das Jugendleben in seinen Tiefen aufs Höchste gefährdet werden kann", zu befassen habe. Und Dr. Jäger meint, das Volksempfinden habe sich geändert und stehe nicht auf Seiten derer, die Wyneken verurteilt haben. Dr. Sachs sieht in diesem Urteil einen "Angriff auf das Recht der Jugendgestaltung". Dies bedeute aber nicht, daß man "für die Homosexualität" eintrete. Man einigt sich schließlich auf eine Formel, wonach der Fall Wyneken zum Anlaß genommen werde, Vorbereitungen zu treffen, um "Jugendkundgebungen anzuleiten und die freie Gestaltung der Jugend gegen eine überlebte Rechtsauffassung zu schützen."


Reichlich drei Wochen später beschließt die Jugendratssitzung vom 20. Oktober, "daß ein selbständiger Ausschuß zur Lösung der Strafrechtsreform eingesetzt wird", der mit dem WKA zusammenarbeiten solle.


Scharfe Prozeß-, Richter- und Urteilsschelte übt Kurt Hiller in der "Wochenschrift für Freiheit und Freundschaft - Offizielles Organ des 'Deutschen Freundschaftsverbandes' 'Die Freundschaft'" vom 10.-16.9.1921.

In dem Artikel "Zum Fall Wyneken" wendet er sich auch gegen den "Mindermenschen", den "Knirps", den "Wicht" und die "ressentimentale Kröte" Hoffmann, der den "Riesen" Wyneken "brünstiger Handlungen zeiht, die verboten sind." Hiller sieht in Wyneken einenLehrer in der Nachfolge Sokrates', einen Lehrer, der seine Schüler liebt und dies zeigt -ohne unsittlich zu sein.

Hiller kritisiert aber auch Wyneken, wenn er bemängelt, daß dieser sich nicht zum homosexuellen Anteil seiner bisexuellen Veranlagung bekannt habe - "Sokrates, glaub ich, hätte anders gehandelt.



Im Jahre 1929 erschien im Paul Zsolnay Verlag (Wien, Berlin, Leipzig; Neuauflage 1947/48 im Axel Springer Verlag Hamburg) der Roman "Kampf um Odilienberg" von Erich Ebermayer (1900-1970).

Erich Ebermayer hatte Wyneken 1923 kennen gelernt, zwei Jahre später wird er Vorsitzender des Aufsichtsrates der FSG Wickersdorf. Mit den Auseinandersetzungen in dieser Schule, nachdem Wyneken 1925 die Wirtschaftsleitung hatte übernehmen dürfen, wie auch vermutlich mit denjenigen zwischen Wyneken und Geheeb 15 Jahre vorher, in denen es um die reine Lehre Wynekens, um dessen Einfluß auf Schüler und um die Macht über sie geht, beschäftigt sich Ebermayers Roman, der Wyneken (im Roman: Mahr) zwar nicht unkritisch sieht, letztlich aber eine Apologie seiner Ideen und seiner Persönlichkeit ist: Mahr zermürbt seinen Widersacher, den pädagogischen Leiter der Schule Silberstedt, der eine Reihe von Mahrs pädagogischen Vorstellungen (den Freundschafts- und Eros-Begriff, das elitäre Erwähltwerden eines Schülers durch eine Führerpersönlichkeit, die Grundtugenden "Achtung - Dienen - Glauben") in Frage stellt und die Schule der modernen Zeit anpassen will. Vor dem Scheitern und dem Fall ins Bodenlose rettet Silberstedt allein die Ehe mit einer wohlhabenden Schülerin; der "einsame Wolf" oder "schleichende Tiger" Mahr und sein kleiner Kreis Schüler -die Kameradschaft Mahr- können triumphieren.


Ebermayers Schlüsselroman überzeugt weder literarisch noch als Verteidigung Wynekens. Mahr (Wyneken) handelt im "Kampf um Odilienberg" in vielem verantwortungslos und unpädagogisch. Der hohe Freundschafts- und Eros-Begriff bleibt in Ebermayers Roman unklar und verquast. Die Beziehung zwischen Mahr und dem Schüler Olaf von Beek hat ihr Vorbild in Stefan Georges Maximin-Kult. Manifestes homosexuelles Verhalten wird in Ebermayers Roman nicht thematisiert (lediglich das Verhältnis zwischen Ivo und seinem Freund Ilja oder -vermutlich- die Erfahrungen, die Flaps in Berlin gemacht hatte, spiegeln Homosexualität wider). Im Gegenteil, der Roman bemüht sich, Mahrs (Wynekens) Erosbegriff möglichst a-geschlechtlich erscheinen zu lassen: "Der neue Eros. Was war das? Offenbar nichts Parfümiertes, Weiches, Weibisches. Das wenigstens konnte man den Mahr-Leuten nicht vorwerfen, daß sie das Gehabe 'sexuelle Zwischenstufen' zur Schau trugen" (S. 198).


Ebermayers Buch ist kein schwuler, sondern ein schwüler Text, der verschweigt, was gemeint ist, aber nicht gesagt werden sollte oder durfte.


Im Zusammenhang mit Wyneken und Wickersdorf sei auf den Läufer Dr. Otto Peltzer hingewiesen, der in Wickersdorf gewirkt hat. In seiner Autobiographie Umkämpftes Leben. Sportjahre zwischen Nurmi und Zátopek. (Verlag der Nation. Berlin 1955) widmet er Wickersdorf die Kapitel "Für den Sport und die Jugend" (S. 117-124)und - zum Teil - "Überraschende Wende" (S. 125-141).

Vgl. zu Peltzer: Volker Kluge: Otto der Seltsame. Die Einsamkeit eines Mittelstreckenläufers. Otto Peltzer (1900-1970). Parthas Verlag. Berlin 2000.


Literatur:

Vgl. zu Wyneken die ihn mit viel Verständnis und positiv sehende Arbeit von Thijs Maasen: Pädagogischer Eros. Gustav Wyneken und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Mit einem Vorwort ("Vom Pädagogischen Eros") von Rüdiger Lautmann = Sozialwissenschaftliche Studien zur Homosexualität. Herausgegeben von Rüdiger Lautmann. Band 6. Verlag rosa Winkel. Berlin 1995.


1. Gustav Wyneken/Paul Geheeb: Programm der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, November 1906 (=Akte 994 des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein)


2. Gustav Wyneken: Konzept der Freien Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld/Saale, 1907 (= Akte 1000 des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf Burg Lauenstein)


3. Gustav Wyneken: Die deutschen Landerziehungsheime. In: Die Freie Schulgemeinde, 1. Jg. Diederichs Verlag, Jena 1911, Heft 4, S. 97-119


4. Gustav Wyneken: Programm einer Freien Schulgemeinde. In: Die Freie Schulgemeinde, 2. Jg. Diederichs Verlag, Jena 1912, Heft 2/3, S. 43-48


5. Bernd-Ulrich Hergemöller: mann für mann. Biographisches Lexikon. MännerschwarmSkript Verlag,Hamburg 1998, S. 755-757


6. Gustav Wyneken (1875-1964) biographische Notizen unter: http://koerting.info/almut/gw.htlm

7. Gustav Wyneken - aus Wikipedia:  http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Wyneken



8. http://infos.aus-germanien.de/Erster_Freideutscher_Jugendtag

9. http://infos.aus-germanien.de/Siegfried_Bernfeld

10. http://www.aventerra.de/was.php?level=04.01.00

11. Nachlaß Gustav Wyneken (NGW) Mappe 1175-1178

 

© Gottfried Lorenz.