Viktor Arnar Ingólfsson

Haus ohne Spuren

BLT Nr. 92252. Bergisch Gladbach Juni 2007

Originaltitel: Engi spor

Selbstverlag. Reykjavík 1998

Verlag Mál og Menning. Reykjavík 1999



In Viktor Arnar Ingólfssons Roman Haus ohne Spuren geht es um zwei allem Anschein nach identisch ausgeführte Morde an Vater und Sohn im Abstand von 28 Jahren (1945 und 1973).
In Wirklichkeit handelt es sich um gut getarnte Selbstmorde: "Beide hatten sich in eine fixe Idee verrannt, die nicht realisierbar war, der eine in die Eisenbahn, der andere in das Familienmuseum" (S. 363).

Jacob Kieler und sein Sohn Jacob Kieler junior sind Teil einer angesehenen bürgerlichen isländischen Familie des 19. und 20. Jahrhunderts.

Jacob Kieler studiert in Kopenhagen und Berlin (besser: Charlottenburg) Eisenbahntechnik, verdient sich in den USA als Eisenbahningenieur erste Sporen, heiratet unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg eine Engländerin aus wohlhabender Familie und kehrt nach Island zurück, wo er in Reykjavík ein angesehenes Ingenieurbüro betreibt.
Jacob Kieler träumt von einer isländischen Eisenbahn und setzt alles daran, diesen Traum zu verwirklichen. Seine Idee stößt im Land auf mehr Widerstand als Interresse; mit Beginn des 2. Weltkriegs scheitert sie endgültig.

Dies alles erfährt der Leser aus Tagebuchaufzeichnungen Kielers, die die Handlung des Romans - die Aufklärung des "Mordes" an seinem Sohn - unterbrechen, kommentieren, vorantreiben.

In einer depressiven Phase, die durch das Ende aller Hoffnungen auf eine isländische Eisenbahn und damit verbundene hohe finanzielle Verluste verursacht und durch das Schicksal seines Bruders Matthías, für das er sich verantwortlich glaubt (S. 305), verstärkt wird, verübt Kieler Selbstmord. Diesen inszeniert er als Mordfall, damit seiner Frau die hohe Lebensversicherung nicht verloren geht.

Kielers Sohn, der Bankangestellte Jacob Kieler junior, widmet sich nach dem Tode seines Vaters der Mutter und dem Erhalt des elterlichen Hauses, das er zu einem Museum bürgerlicher Wohnkultur Islands machen möchte. Doch lehnt die Stadt Reykjavík den Ankauf der Villa ab. Um seine Pläne in Eigenregie verwirklichen zu können, begeht er Unterschlagungen großen Stils. Als ihm das Wasser bis zum Mund steht, nimmt er sich auf dieselbe Art wie sein Vater das Leben.

Wie 28 Jahre zuvor geht die Reykjavíker Kriminalpolizei auch diesmal von einem Verbrechen an Kieler aus, bis sie eher zufällig beide angebliche Mordfälle aufklären kann.

In dieses Handlungsgerüst fügt der Verfasser eine Reihe Episoden ein - so die Verfolgung eines kommunistischen Arbeiters als angeblichen Mörder des Ingenieurs Kieler, so die Verdächtigung des Sohnes dieses Arbeiters als Mörder des Bankangestellten Kieler, so Bemühungen, in Island eine Monarchie zu errichten und sich in Deutschland einen König zu suchen, so das Schicksal von Matthías Kieler, dem Bruder des Eisenbahningenieurs.

Matthías Kieler lebt als Cellist auf dem Kontinent - zunächst in Deutschland, später in Österreich. Allerdings taucht er unmittelbar vor beiden Todesfällen in Reykjavík auf, weswegen er nach dem Tode seines Neffen befragt, als Verdächtiger inhaftiert und nach brutaler Behandlung durch isländische Polizeibeamte stirbt.

Matthías Kieler interessiert hier vor allem, weil er homosexuell ist.

Im Handlungsverlauf besucht er Island zusammen mit seinem Diener Klemenz. Ziel der Reise ist die Klärung einer Erbschaftssache.

Die Haushälterin von Jacob Kieler jun. zweifelt nicht daran, daß Klemenz der Butler von Matthías Kieler sei (S. 67f.); der Leser aber hat sofort den Eindruck,als bestehe zwischen den beiden Männern ein gleichgeschlechtliches Verhältnis. Diese Vermutung wird bestätigt durch die Schilderung der Begegnung zwischen der Kriminalbeamtin Hrefna und Klemenz (S. 202, 269f.).

Im Verlauf der Ermittlungen erfährt die Kriminalpolizei, daß Matthías Kieler in einem deutschen KZ gewesen sei, doch kennt der Informant nicht die Gründe (S. 234).

Im Dunkeln bleiben zunächst die Schwierigkeiten, in die sich Matthías 1928 gebracht hatte und derentwegen er sofort nach Berlin abreisen mußte. Während sein Vater kein Wort mehr mit ihm wechselte und ihn enterbte und auch die Mutter bis kurz vor ihrem Tod sich von Matthías distanzierte, bricht der Bruder, der Ingenieur Jacob Kieler, nicht mit ihm (vgl. S. 256 in Verbindung mit S. 282, 285, 295, 301, 303, 343).

Erst im letzten Viertel des Romans werden Vermutungen und Andeutungen zur Gewißheit: Der Reykjavíker Kriminalbeamte Davíd, der sich in Österreich auf Urlaub befindet, hat private Nachforschungen über Matthías Kieler geführt und berichtet, daß dessen Nachbarn mitgeteilt hätten, "dass Matthías und sein Diener Klemenz schwul sind und wie ein Paar zusammenleben...Sie scheinen auch irgendeiner homosexuellen Vereinigung hier in der Stadt anzugehören. Herr Kirschbaum fand ihre Namen auf einer geheimen Liste, die von der Polizei geführt wird. Solchen Leuten gegenüber kann man ja nicht vorsichtig genug sein" (S. 281).
"Nein, das ist richtig", bestätigt Halldór, der Leiter der Ermittlungen.

Dieser kleine Dialog, negative Äußerungen des Ermittlers Egill über Homosexuelle (S. 163), Halldórs unsensible Art, Matthías Kieler über die Vorgänge von 1928 zu verhören, belegen, daß drei der fünft mit den Ermittlungen befaßten Kriminalbeamten homophob sind. Und dekuvrierend ist auch der folgende Satz des Erzählers: "Halldór überlegte. Matthías hatte ihn enttäuscht. Er hatte eigentlich angefangen, ihn sympathisch zu finden, und dann stellte sich heraus, dass er gelogen hatte und homosexuell war" (S. 304f.). Matthías' gewaltsamer Tod, den vor allem Egill zu verantworten hat (S. 316f.), wird hingenommen und hat in Ingólfssons Roman keinerlei Folgen für die Kriminalpolizei (vgl. S. 320f.)!

Im übrigen wird vom Verfasser auch der ermordete Jacob Kieler junior so beschrieben, daß die Vermutung nahe liegt, er sei homosexuell (vgl. S. 67, 76).

Matthías' Obduktion führt zu einer ausführlichen Schilderung des Schicksals dieses Mannes und seines Freundes: Klemenz empfindet sich als Frau in der Gestalt eines Mannes; Matthías ist homosexuell. Beide Männer freunden sich an, werden von Klemenz' Vater im Bett ertappt, woraufhin Matthías, um einen Skandal zu vermeiden, Island sofort verlassen muß. Klemenz folgt ihm. Beide fühlen sich im toleranten Berlin der Weimarer Republik wohl. 1938 planen sie, wegen der Homosexuellenverfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland in die USA zu gehen, unterlassen dies aber, weil Matthías im Auftrag seines Bruders dessen Eisenbahnprojekt bei deutschen Instanzen befördern soll. Als sich dieses mit Beginn des zweiten Weltkriegs zerschlägt, versuchen Matthías, dem der Paß abgenommen worden war, und Klemenz im Jahre 1940 Deutschland illegal zu verlassen. Das mißlingt. Beide werden verhaftet und in Hamburg inhaftiert. Mit dieser Maßnahme will man auf Jacob Kieler Druck ausüben und ihn als Spion für Deutschland gewinnen.

Nach den schweren Bombenangriffen auf Hamburg werden die beiden Männer nach Rendsburg verlegt und dort im Dezember 1943 von Berliner Kriminalbeamten mit dem Vorwurf konfrontiert, gegen § 175 verstoßen zu haben. Man erwartet von ihnen die Namen hochgestellter homosexueller Persönlichkeiten, doch sind ihnen keine bekannt. Die beiden Isländer werden gefoltert und von ihren Vernehmern mit einem Messer kastriert. Dem Rendsburger Gefängnisarzt gelingt es, Matthías und Klemenz zusammenzuflicken und ihnen das Leben zu retten. Am Ende des Krieges werden sie nach Bützow-Dreibergen verlegt und schließlich im April 1945 mit Hilfe des schwedischen Roten Kreuzes nach Schweden gebracht. Von dort aus reisen sie im Sommer 1945 nach Island, um Jacob Kieler um Geld für eine Krankenhausbehandlung in der Schweiz zu bitten. Dieser hält sich für das Schicksal seines Bruders für verantwortlich und hat nach Ansicht von Klemenz unter anderem deshalb Selbstmord begangen (vgl. S. 305, 318, 328f., 333-345).

Es ist bedauerlich, wie schludrig Ingólfsson mit den deutschen Verhältnissen umgeht. Die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung setzt nicht erst 1938 oder gar 1943 ein, wie der Roman glauben machen möchte.
Daß homosexuelle Männer bei Verhören auch gefoltert wurden, ist zu vermuten, daß Kriminalbeamte aber Homosexuelle während Vernehmungen so ganz nebenbei mit einem Messer kastrierten, halte ich für wenig wahrscheinlich.
Kastrationen - sogenannten "freiwillige Entmannungen" - von Strafgefangenen ging ein längerer Entscheidungsprozeß bzw. ein mehrwöchiges Genehmigungsverfahren voraus; ausgeführt wurden sie von Chirurgen in Haftkrankenanstalten und bestanden in der Entfernung der Hoden. Die Operationswunden waren klein und wurden ärztlich behandelt.
Das gesamte Genital abzuschneiden, die Männer dann liegen- und es darauf ankommen zu lassen, ob sich ihrer jemand erbarmt oder nicht, entspringt wohl Ingólfssons Phantasie. Der Aufarbeitung des Schicksals homosexueller Männer während der NS-Zeit tut der isländische Verfasser damit keinen Gefallen.

Nicht Mitgefühl mit den Opfern leitet Ingólfsson, sondern eher eine homophobe Grundhaltung, denn die antihomosexuellen Ausfälle der isländischen Ermittler und der Tod des Homosexuellen Matthías Kieler im Reykjavíker Untersuchungsgefängnis haben in seinem Buch keine juristischen Folgen, sind nichts anderes als eine quantité négligeable.


© Gottfried Lorenz


Viktor A. Ingólfsson schrieb mir am 28.9.2007 (Abschrift mit Genehmigung von V. A. Ingólfsson vom 2. Oktober 2007) :

Dear Dr. Lorenz

 
I hope you forgive me, writing this in English.
I can read and understand German, speak a little but writing is rather difficult for me.
The reason for this writing is, that through a Google search, I noticed a review on my book "Haus ohne Spuren" on your web-side.
I read it with a great interest and I have to say that you are quite right on many things.
It is however the conclusion that bothers me a little.
It seems that you take for granted that my personal philosophy is the same as some of my fictitious characters have. Well, it is not and let me explain.
My deepest belief is that everyone should be judged by character and not by his or her sexual orientation.
I am a great supporter of gay rights and I am proud to say that I have dear friends who are homosexuals.
Therefore I am sad to see that someone considers my a homophobe.
My story takes place in the year 1973 and, sorry to say, in those days homophobia was the norm in Iceland.
It's therefore that some of the characters in my story have those ignorant views on homosexuals.
In a way my story is about the bad treatment homosexuals suffered in those days and before.
But I had hoped that my sympathetic views would be noticed as a underlying theme.
But as I wrote, you are quite right on other things.
The bad fate, two of my characters, suffered in Rendsburg is not based on any decent research.
There I am following the bad example of countless other authors who have used Germany in WW2 very inaccurately.
I have no excuse for that.
If you feel that you need to comment on this any further, you can reply in German.
All the best from Reykjavík.


Viktor Arnar Ingólfsson.