Dr. Hans Meyer, Journalist in Hamburg



Die umfangreiche Aktenvernichtung im Hamburger Staatsarchiv bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein hat der Erforschung der Geschichte von Männern, die als Homosexuelle nach den §§ 175, 175a, 176, 183, 185 StGB verurteilt worden sind, unermeßlichen Schaden zugefügt.
Die erhalten gebliebenen Strafakten erhellen oft nur Einzelaspekte des Gesamtschicksals eines verfolgten homosexuellen Mannes, lassen Verweise in einer Akte auf sogenannte "ältere Vorgänge", frühere Vernehmungsprotokolle und vorhergehende Urteile ins Leere laufen. Die Kriminal- und Strafgeschichte eines Mannes kann somit häufig nur bruchstückhaft rekonstruiert werden.
Dies ist z. B. der Fall für Dr. jur. Hans Louis Ferdinand Meyer.
Erhalten geblieben ist die Strafakte 213-11: 3801/40. Sie enthält Prozeßakten aus dem Jahre 1939.

Aus der genannten Akte ergibt sich (1):
Geboren ist Hans Meyer am 4. Dezember 1894 in Hamburg.
1919 wurde er zum Dr. jur. promoviert und 1929 von seinem Studienfreund Dr. Körner als "Berichterstatter" bei den Altonaer Nachrichten eingestellt. Zu Körner hat nach Aussage des Amtsrichters Öhlckers ein langjähriges gleichgeschlechtliches Verhältnis bestanden, das mit Körners Tod 1932 endete.
Am 14. 6. 1937 wurde Meyer "wegen fortgesetzten Vergehens gegen § 175 StGB" mit 18 Monaten Gefängnis bestraft, "weil er in den Jahren 1932-1937 mit zahlreichen Männern in der übelsten Form zum Teil auch in sadistischer Weise homosexuellen Verkehr hatte" (2).
Verbüßt war die Strafe am 28. Juli 1938, doch hatte Meyer auf Grund der Strafe "seine gutbezahlte Stellung bei den Altonaer Nachrichten verloren": Überdies war ihm von seiner Universität der Doktortitel aberkannt worden.(3)

Am 14. 2. 1939 um 4.15 Uhr erstattete der Soldat K.L. (*18. 6. 1916 in Bremerhaven), der in der Wentorfer Bismarckkaserne stationiert war, bei der Polizei Anzeige gegen einen Mann wegen Spionageverdachts, wegen sexueller Belästigung und wegen des Versuchs, ihn gegen Geldzahlung zum Geschlechtsverkehr zu bewegen.
Die schriftliche Anzeige erfolgte am 23. 2. 1939 bei der Hamburger Polizeibehörde am Neuen Wall. Am selben Tag zeigt K.L. der Polizei den "Tatort" - eine Wohnung in der Abteistraße 19.
Am 7. März 1939 bezeichnete K.L. in der Lichtbildkartei als "Täter" Dr. Hans Meyer(4).

Da Meyer sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Hamburg aufhielt, wurde er vom Kriminalkommissar z.Pr. Wieken zur Fahndung ausgeschrieben.

Am 10. Mai 1939 teilte das Amtsgericht Kehl am Rhein der Hamburger Staatsanwaltschaft mit, daß am 11. März von diesem Gericht Haftbefehl gegen Meyer erlassen worden sei wegen eines Vorgangs am 9.3.1939 in der Bahnhofstoilette Kehl. Am 25. April 1939 sei deswegen von der Staatsanwaltschaft Offenburg Anklage gegen Meyer nach den §§ 175 und 183 StGB erhoben worden (6).

Am 2. Mai ist nach dieser Mitteilung Meyer von Gerichtsassessor Schäfer zum Hamburger Tatvorgang vernommen worden: Meyer habe alle sexuellen Avancen an K.L. bestritten und diesen beschuldigt, ihm ein Opernglas und Geld gestohlen zu haben.
Am Ende des Schreibens heißt es: "Dem Beschuldigten wurde eröffnet, dass der Haftbefehl des Amtsgerichts Hamburg in Vollzug gesetzt sei"(7).

Am 28. Juli 1939 wurde Meyer vom Amtsgericht Offenburg nach §§ 175 und 183 StGB zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt (8). Das rechtskräftige Urteil verbüßte er in Mannheim, als es wegen der Vorgänge vom 13./14. Februar 1939 am 17. November desselben Jahres zum Prozeß vor dem Amtsgericht Hamburg kommt. In diesem wird Meyer wegen Beleidigung von K.L. nach § 185 StGB zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Zusammengezogen mit dem Offenburger Urteil beträgt die Gesamtstrafe 16 Monate Gefängnis - ohne Anrechnung der Untersuchungshaft, da Meyer geleugnet und kein Geständnis abgelegt habe (9).

Das Urteil macht einen eigenartigen Eindruck: Es spielt den nachweislich geschehenen Diebstahl des Opernglases -im Urteil zum Feldstecher mutiert- herunter und sieht die Glaubwürdigkeit von K.L. besonders darin begründet, daß er "bei der eingehenden Vernehmung durch das Gericht und bei der erschöpfenden Wahrnehmung des Fragerechts durch den Herrn Verteidiger eine unerschütterliche Ruhe und Selbstsicherheit gezeigt (habe), die seine Glaubwürdigkeit außer jeden Zweifel stellt..."

Interessant ist die Akte Meyer noch aus einem ganz anderen Grund, denn die Wohnung, in die Dr. Meyer den Soldaten K.L. mitgenommen hatte, gehörte dem Schriftleiter Axel Cäsar Springer (*2.5.1912 in Altona) (10).
Springer wurde deshalb am 7. März 1939 von der Kriminalpolizei vernommen: Er gibt zu, Dr. Meyer den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben zu haben, damit dieser während Springers Sanatoriumsaufenthalt von November 1938 bis Februar 1939 ein Auge darauf habe und ihm die Post nachschicke.
Springer zeigt sich in der Vernehmung über Meyers Veranlagung informiert, belastet ihn aber nicht. Er betont, Meyer seit langem "aus seiner Tätigkeit als Angestellter bei meines Vaters Zeitung Hamburger Neueste Zeitung (11) zu kennen. Er "habe noch nie mit ihm in gleichgeschlechtlichen Dingen etwas gehabt", was ihm die Kriminalpolizei abnimmt, zumal er auf Kriminaloberassistent Sinjen "nicht den Eindruck (macht), daß er homosexuell ist" (12).

1. Vgl. zu den folgenden Angaben das Hamburger Urteil vom 17.11. 1939 in der Akte 213-11: 3801/40 Bl. 58f.

2. Möglicherweise handelt es sich bei demjenigen "Meyer", den der Strichjunge Th.H. am 13. 5. 1938 als Partner im Jahre 1934 in der "Marienburg" bezeichnet hatte, um Dr. Hans Meyer. Vgl. 213-11:8324/38 Bl.6.
Vgl. weiterhin den Aufsatz "Der Marienburg-Prozeß 1936" unter Nr.30 dieser Homepage.

Bei der Hamburger Kriminalpolizei bestanden für 1938 und 1939 insgesamt 3 sogenannte "Vorgänge (vgl. 213-11:3801/40 Bl.8 links).

3. Vgl. 213-11: 3801/40 Bl.58

4. Vgl. o. Bl.8links

5. Vgl. o. Bl.8 links,9

6. Vgl. o. Bl.18

7. Vgl. o. Bl. 18-20links

8. Vgl. o. Bl.58f.

9. Vgl. die Urteilsbegründung s. o. Bl. 58-64

10. Vgl.o. Bl. 7-8

11. Nachfolgeblatt der Altonaer Nachrichten

12. Vgl. die von Springer unterschriebene Aussage unter 213-11:3801/40 Bl.7links,8, vgl. den Kommentar von Sinjen Bl. 7, 8links-9.

 

© Gottfried Lorenz.