Hans Siemsen

(1891-1969)

Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers

Düsseldorf 1947 (Komet Verlag)

Berlin 1981 (LitPol Verlag)

Berlin 2000 (Verlag rosa Winkel)

Erstausgabe in englischer Sprache unter dem Titel

Hitler Youth

1. Aufl. London 1940 (Lindsay Drummond Ltd.)

2. Aufl. London 1941



Gewidmet ist das Buch dem fiktiven Adolf Goers, gefallen am 23. 12. 1937 in Spanien auf Seiten der Internationalen Brigaden.

Hans Siemsens knapp 200 Seiten umfassende Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers ist eine in der Emigration in Paris entstandene zeitgenössische Darstellung der deutschen Hitlerjugend (HJ). Sie beruht auf dem Bericht eines Hitlerjungen aus dem Rheinland, der nach vier Monaten Haft und Mißhandlung im KZ Columbia-Haus in Berlin und unmittelbar vor einer neuen Verhaftung ins Ausland entkommen kann.

Die zwölf Seiten lange Einleitung "Wie und weshalb dies Buch entstanden ist" und vier zwischen Mai und November 1937 geschriebene Briefe des fiktiven Adolf Goers an Hans Siemsen haben vor allem die Aufgabe, die Darstellung des Buches zu autorisieren - ihren authentischen Charakter hervorzuheben und zu legitimieren.
Dies war insofern notwendig, als Siemsen alles vermeiden mußte, was deutschen Stellen Hinweise auf Informanten und Oppositionelle hätte geben können. Andererseits mußte das Buch glaubwürdig sein, um es von Seiten des Deutschen Reiches und der NSDAP nicht als bloße Feindpropaganda abtun zu können.
Recherchierbar aus Siemsens Buch sind heute nur noch die Oktoberausgabe 1937 des Exilblatts "Deutsche Informationen" und die Verhältnisse in den Konzentrationslagern Columbia-Haus und Lichtenburg.

Brisant war Siemsens Buch für die Nationalsozialisten in mehrfacher Hinsicht, denn es informiert über das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit - über die ungeheuere Korruption in der Führungsschicht, über die Willfährigkeit der deutschen Justiz gegenüber den zahlreichen größeren und kleineren Führern aller Parteigliederungen, über Trinkgelage, Alkoholismus, Dummheit und Unfähigkeit, über Brutalität, Denunziationswut und Intrigensucht der Verantwortlichen. Die Idee der Volksgemeinschaft wird mit Füßen getreten; wer konstruktiv Kritik äußert oder auch nur aufmuckt, wird verhaftet und in Konzentrationslager eingewiesen.

Ein Hauptthema des Buches sind die in der HJ verbreiteten homosexuellen Beziehungen. Siemsen - selbst homosexuell - vermeidet alles, was Homosexuelle und Homosexualität diskriminiert oder lächerlich macht, schildert aber ausführlich, wie sehr HJ-Führer bis hin zum Reichsjugendführer ihre Untergebenen auch sexuell an sich binden, wie wenig diese Führer in der Regel Verurteilungen fürchten müssen und wie schwer andererseits ihre Untergebenen bestraft werden.

Daß der Kampf des nationalsozialistischen Deutschlands gegen Homosexuelle als Sittlichkeitsverbrecher, die die Volksgemeinschaft gefährdeten, nur vorgeschoben war, steht für Siemsen fest. Daß seine Leser aus dem Buch mehrheitlich aber auch diese Schlußfolgerung ziehen, ist füglich zu bezweifeln.

Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers enthält Mitteilungen, die nur wenig bekannt sind:

So sei in der HJ seit 1933/1934 das Wort quexen für sich homosexuell betätigen gebräuchlich gewesen.
Abgeleitet ist dieses Verb vom Namen der Hauptperson des 1933 gedrehten Propagandafilms Hitlerjunge Quex: Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend. Es gab Gerüchte, wonach der Reichsjugendführer mit dem jungen Schauspieler, der den Hitlerjungen Quex spielte, ein intimes Verhältnis habe oder gehabt habe.

Im KZ Columbia-Haus in Berlin hätten Gefangene, die wegen Verstoßes gegen den § 175 StGB verhaftet worden waren, eine gelbe Armbinde tragen müssen.

Eine gelbe Binde mit einem schwarzen A - für Arschficker hätten im KZ Lichtenburg homosexuell veranlagte Gefangene an Arm und Bein tragen müssen.

Hinter Adolf Goers verbirgt sich Siemsens Freund Walter Dickhaut, der nach brutalen Verhören durch die Gestapo aus Deutschland hatte fliehen können. Anders als der fiktive Adolf Goers ging Dickhaut nicht nach Spanien, sondern floh zusammen mit Siemsen in die USA, wo Dickhaut als ehemaliger HJ-Angehöriger aber nicht bleiben durfte und deswegen nach Kuba emigrierte. (Vgl. Hans Siemsen. Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehehen von Dieter Sudhoff = Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 3. Köln 2003. Nachwort S. 145f.)

Der Fall des Harburger HJ-Führers K. Sch.



Daß die HJ nicht "schwulenfrei" war und nicht sein konnte, versteht sich von selbst in einer Organisation von Hunderttausenden pubertierender Jungen, galt doch als "schwul" jegliche im weitesten Sinne geschlechtliche Betätigung von Jungen mit Kameraden - gleichgültig, ob es sich dabei um den Griff zwischen die Beine, um verbale oder gestische "Anmache", um gegenseitige Onanie oder auch individuelle Onanie in Gegenwart anderer jeweils für sich "wichsender" Jungen handelte oder um ausgeprägtere Formen gleichgeschlechtlichen Verkehrs.
"Wenn wir auf Fahrt sind, machen wir dieses alle", soll ein achtzehnjähriger HJ-Führer zu einem vierzehnjährigen Untergebenen gesagt haben (1).
Und auf die Frage eines Kriminalbeamten antwortete ein siebzehnjähriges HJ-Mitglied: "Ich weiss wohl, was schwul ist, was Homosexualität ist, weiss ich nicht" (2).

Ein Sittenbild der HJ in Harburg-Wilhelmsburg gibt die Akte K.Sch./H.M. im Hamburger Staatsarchiv (3).

K.Sch., geboren 1909, Mitglied der NSDAP seit 1932, seit Oktober 1933 Oberjungzugführer der HJ und Stellenleiter für weltanschauliche Schulung, war als Volksschullehrer tätig.

Mitte Oktober 1937 wurde der Hamburger Kriminalpolizei "vertraulich...zur Kenntnis" gebracht, daß K. Sch. homosexuell sei und mit fünfzehn- bis achtzehnjährigen Jungen sexuelle Kontakte habe.

Diese Anzeige hatte umfangreiche Ermittlungen zur Folge:
34 Personen im Alter von 12 bis 20 Jahren, aber auch eine Kollegin und ein Kollege von K. Sch. wurden in Hamburg und Isenbüttel (Kreis Gifhorn) vernommen. Im Hamburger Staatsarchiv befinden sich dagegen nur zwei Prozeßakten gegen Tatbeteiligte (4).
Da die meisten verhörten Personen zum Zeitpunkt ihrer Tat noch nicht 16 Jahre alt waren, scheint bei ihnen von einer strafrechtlichen Verfolgung abgesehen worden zu sein.
K. Sch. gab zu, als Lehrer und bzw. oder HJ-Führer mit 11 Jungen oder jungen Männern sexuelle Kontakte gehabt zu haben. Dafür wurde K. Sch. am 3. Juni 1938 zu 9 Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der Schutz- und Untersuchungshaft von mehr als sieben Monaten und zu 5 Jahren Ehrverlust verurteilt.
Am 9. Mai 1938 war K. Sch. per einstweiliger Verfügung aus der NSDAP ausgeschlossen worden.

Über den speziellen Fall K.Sch. hinaus enthüllt seine Akte - wie zu erwarten- ein sexuelles Beziehungsgeflecht zwischen sieben HJ- und DJ (Deutsches Jungvolk)- Mitgliedern der Jahrgänge 1918 bis 1923, denen nichts Menschliches fremd war.

1. Vgl. 213-11:9285/38 Bl. 48

2. Vgl. 213-11: 2138/38 Bl.6
Derselbe junge Mann wird von einem anderen Kriminalbeamten "als ein ganz verkommener Junge" bezeichnet, der "homosexuelle Erlebnisse" liebe.

3. 213-11:9285/38

4. 1. Akte H.M., die dieselbe Reponierungsnummer wie die Akte K.Sch. hat;
2. Akte 2138/38, betr. den Studenten und Volontär P. Th.

 

© Gottfried Lorenz.