Fritz Junkermann



Gelang es einem Homosexuellen im 20. Jahrhundert nicht, seine Veranlagung zu verbergen, war er mannigfachen Bedrohungen, Diskriminierung, Haß, Häme und abgeschmackten Witzen ausgesetzt.

Als Homosexueller zu leben, war gefährlich - nicht erst unter nationalsozialistischer Herrschaft und nicht nur bis 1969. Geriet er zum ersten Mal in die Fänge der Kriminalpolizei, wurde er erkennungsdienstlich behandelt, d.h., man fotografierte ihn, nahm seine Fingerabdrücke und hielt körperliche Besonderheiten als unveränderliche Merkmale fest.
Insbesondere durch die Fotos in der Lichtbildkartei oder der "Spezial-Fotokartei" konnte er bei künftigen Ermittlungen leicht "bezeichnet" werden - wie der kriminalistische Fachausdruck lautet(e).

Eine besondere Gefahr ging dabei von Strichjungen aus. Wurden sie verhaftet, versuchten viele von ihnen Strafmilderung dadurch zu erreichen, daß sie "auspackten" und ihre Kunden nannten.

Einer solchen Konstellation fiel Fritz Adolf Oskar Albert Junkermann zum Opfer.
1883 in Stuttgart als Sohn des Hofschauspielers August Junkermann geboren, hatte er zwischen 1906 und 1940 als Theater- und Filmschauspieler, als Kabarettist und Vortragskünstler Erfolg.
Sein Bruder Hans (1872-1943) leitete in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts das Schloßparktheater in Berlin-Steglitz.
Während der 30er Jahre war die Schauspielerin Sigrid Salten Junkermanns Partnerin auf Tourneen im In- und Ausland.
1932 war Junkermann nach § 175 StGB zu einer Strafe von 280,-RM verurteilt worden.

Am 30.1.1940 wurde Fritz Junkermann von dem Hamburger Strichjungen W. Sch. als Partner genannt. Dieser machte detaillierte Aussagen über die von Junkermann bevorzugten sexuellen Praktiken und berichtete von drei Alben mit pornographischen Aufnahmen in Junkermanns Besitz. Bei einer "Ausführung" (kriminalistischer Fachausdruck) bezeichnete W. Sch. Junkermanns Hamburger Wohnung.

W. Sch. war am 18.11.1939 wegen Eigentumsdelikten in Haft genommen worden. Auf Grund einer weiteren Anzeige wegen Diebstahls wurde Sch. am 23.11.1939 erneut vernommen. Dabei bezeichnete er die Person, die ihn angezeigt hatte, als Partner gleichgeschlechtlicher Handlungen. Sch. gab überdies zu, zwischen Ende September 1939 und dem Tag seiner Verhaftung als Strichjunge sein Geld verdient zu haben.

Nach diesem Geständnis wurde vom 24. Hamburger Kriminalkomissariat nach den zahlreichen Freiern von W. Sch. gefahndet.
Erst in seiner dritten Vernehmung am 30. Januar 1940 nannte Sch. den Namen Junkermann und bezeichnete die Pension, in der er während seines Hamburger Gastspiels gewohnt hatte.

Am 19.1.1940 war Sch. wegen Rückfalldiebstahls zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden und hoffte vermutlich, durch Zusammenarbeit mit Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft die Justiz in einem Prozeß wegen Tätigkeit als Strichjunge milder stimmen zu können - eine Rechnung, die nicht aufging: am 1. November 1940 wurde W. Sch. nach § 175a Ziffer 4 StGB zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Durch Zusammenziehung mit dem Urteil vom 19.1.1940 betrug die Gesamtstrafe 3 Jahre Zuchthaus, Sicherungsverwahrung und Anrechnung der Untersuchungshaft aus dem ersten Urteil.

Mit dem 30. Januar 1940 beginnt die Fahndung nach Junkermann, der sein Hamburger Gastspiel längst beendet hatte.
Am 19.2.1940 erfuhr die Hamburger Kripo aus Berlin, daß Junkermann "in den Wilhelmshallen am Zoo aufgetreten" sei. Von dort aber ist er "nach Auskunft der Geschäftsleitung...nach Hannover gereist und tritt dort in der Roten Mühle auf."
Der entscheidende Hinweis auf Junkermann kommt dann am 22. Februar 1940 aus Hannover: Junkermann wohne in Berlin NW 7, Mittelstr. 34 in der Pension Scharlemann. Dort wird er am 5.3.1940 festgenommen; die drei Alben mit pornographischen Aufnahmen werden beschlagnahmt.
Die Berliner Kripo stellt in diesem Zusammenhang fest, Junkermann sei "bisher als Homosexueller nicht bekannt gewesen oder sonst in Erscheinung getreten."
Junkermann wird nach seiner Festnahme von dem Berliner Kriminalsekretär Sander von der Abteilung Stapo C 3 vernommen.
Folgt man den Angaben des Berliner Personalblatts und dem Vernehmungsprotokoll, trat Junkermann seit dem 1. März 1940 im Etablissement "Alt-Bayern" in der Friedrichstraße auf. Sein monatliches Einkommen war mit 900,-RM recht hoch, wobei aus den Angaben nicht hervorgeht, ob es sich um einen Netto- oder Bruttobetrag handelt.

Junkermann war geschieden, verfügte über einen in Dortmund am 29.5.1936 ausgestellten Reisepaß, war Mitglied der Reichskulturkammer Fachschaft Artistik in der Berliner Keithstraße 11, gehörte weder der NSDAP noch einer Unterorganisation dieser Partei an.

Fritz Junkermann bestreitet in der Vernehmung, mit W.Sch. etwas zu tun gehabt zu haben - er sei "geschlechtlich völlig normal veranlagt und habe noch keinen gleichgeschlechtlichen Umgang mit Männern gehabt." Und weiter sagt er: "Mit der außergerichtlichen Einziehung der bei mir beschlagnahmten unzüchtigen Bilder bin ich einverstanden."

Nach Kriminalsekretär Sander bestand trotz Junkermanns Leugnen "dringender Tatverdacht", weswegen er dem Vernehmungsrichter Amtsgerichtsrat Gernholtz vorgeführt wird, der am 6.3.1940 Haftbefehl erläßt.

Am 8.3.1940 wird Junkermann in das Untersuchungsgefängnis Plötzensee eingeliefert. Sechs Tage später, am 14.3.1940, erteilt er Rechtsanwalt Külz (Berlin W 50, Rankestr.5) Prozeßvollmacht.

Soweit Berlin.

Am 21.3.1940 erläßt das Amtsgericht Hamburg Haftbefehl gegen Junkermann und beantragt dessen Überführung aus Berlin in die Hansestadt.
Sein Anwalt bittet am 26.3.1940 die Hamburger Oberstaatsanwaltschaft um einen Einzeltransport: "Der Beschuldigte ist zur Zeit leidend und schwer beweglich; die Ueberführung im Sammeltransport würde deshalb eine unbillige Härte bedeuten und auch zu Unzuträglichkeiten führen."
Daß diese Bitte erfüllt worden ist, muß bezweifelt werden, denn nach einer Notiz des Gefängnisses Plötzensee vom 27.3.1940 ist Junkermann am selben Tag in das Untersuchungsgefängnis Hamburg überführt worden, wo er zwei Tage später, am 29.3.1940, eingeliefert wird. Am selben Tag erläßt Amtsgerichtsrat Dr. Nölthing Haftbefehl.

Während der Vernehmung am 10. April 1940 leugnet Junkermann zunächst, gesteht dann aber die "Geschlechtshandlungen zwischen dem jungen Mann und mir", zu denen es nach reichlichem Alkoholgenuß gekommen sei. Junkermann fügt hinzu, er habe Angst gehabt, von Schattmann erpreßt zu werden.

Am 29.5.1940 geht die Verteidigung Junkermanns von Rechtsanwalt Külz in Berlin auf den Hamburger Anwalt Dr. A. Linshöft (Hamburg 36, Jungfernstieg 30) über.

Der Prozeß gegen Junkermann findet am 15.7.1940 statt: Staatsanwalt Siemssen, einer der berüchtigsten Hamburger Homosexuellenverfolger, beantragt 18 Monate Gefängnis; Amtsgerichtsrat Garrels verurteilt Junkermann zu 15 Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft "wegen fortgesetzter widernatürlicher Unzucht".

Dieses Urteil fällt aus dem Rahmen der in Hamburg üblicherweise verhängten Strafen gegen Homosexuelle, die zum ersten Mal wegen eines Vergehens nach § 175 vor Gericht standen oder deren erste Verurteilung nach § 175 StGB weit zurücklag und denen nicht mehr als ein Partner nachgewiesen werden konnte.

Warum das Urteil so hart ausfiel, ist den Akten nicht zu entnehmen. Möglicherweise war Junkermann politisch mißliebig; vielleicht hatte er sich bei seinen Auftritten mit ironischen Bemerkungen zu weit vorgewagt.
Die in der Urteilsbegründung (1) bekundete Abscheu vor Junkermanns Sexualpraktiken ist weniger Ursache des Urteils als vorgeschobene Rechtfertigung für dessen besondere Härte.

Rechtskräftig wurde das Urteil am 23.7.1940.

Unter dem Datum des 11. Septembers 1940 heißt es in den Akten: "Die 3 Alben mit Bildern wurden entnommen und werden mit noch anderen Sachen demnächst vernichtet."

Der Reichstheaterkammer Fachschaft Artistik wurde die Strafakte Junkermann am 7. Februar 1941 zur Einsichtnahme übersandt.

Junkermann verbüßte seine Strafe zunächst im Männergefängnis der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel und ab 19. März 1941 im Strafgefängnis Glasmoor. Von dort aus wurde er am 6. Juni 1941, 13.40 Uhr entlassen. Die "Mitteilung über den Abgang eines Gefangenen" stellt fest, daß Junkermann "der Pol(izei) Beh(örde) Hbg. zwecks Weiterleitung a(n) d(ie) Kripo Berlin C 2, Diercksenstr. 14 zugeführt worden" ist - eine Bemerkung, die immer ein Zeichen dafür ist, daß der Gefangene nicht wirklich entlassen wurde, auch wenn es auf dem Abgangsformular dann weiter heißt, Junkermann beabsichtige, "in Bad Pyrmont, Wiesenweg 9 b(ei) Saten (i.e. Sigrid Salten) Wohnung zu nehmen. Grund des Abganges: Strafende."

Am 19.7.1941 wird Junkermann als Vorbeugehäftling im KZ Sachsenhausen eingeliefert. Über die Gründe für diese Maßnahme ist ebensowenig bekannt wie darüber, warum Junkermann trotz Kastration nicht aus dem KZ entlassen worden ist (2).

Im Juli 1941 und am 7.2.1942 hatte er den Antrag auf "freiwillige Entmannung" gestellt; der ärztliche Bericht über Junkermanns Kastration trägt das Datum 9.4.1942.
Ein knappes halbes Jahr später wird Junkermann mit dem Transport Kräutergarten angeblich nach Dachau, in Wirklichkeit aber nach Bernburg/Saale verlegt, wo er am 5. Oktober 1942 vergast wird.

Die Sterbeurkunde des Standesamtes Oranienburg trägt das Datum 12. Oktober 1942 (3).

1. Im Urteil heißt es: Junkermann sei 1932 wegen fortgesetzter widernatürlicher Unzucht bestraft worden. "Die Strafe ist freilich unter Berücksichtigung der damaligen Einstellung der Gerichte gegenüber Vergehen § 175 StGB sehr milde ausgefallen. Der Angeklagte ist damals nur anstelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Wochen zu einer Geldstrafe von 28o,-RM verurteilt worden."
Junkermann habe den Geschlechtsverkehr mit Schattmann in der von diesem angegebenen Weise gestanden. "Die widerliche Art und Weise, in der er sich mit dem Zeugen Schattmann abgegeben hat, entspricht voll und ganz der Art, wie er sich bereits im Jahre 1931 vergangen hat. Es erschien daher kaum glaubwürdig, daß es sich hier um eine einmalige Entgleisung handeln soll. Wenn der Angeklagte in der Zwischenzeit niemals wieder straffällig geworden ist, so ist das offenbar dem Umstand zuzusprechen, daß er infolge seines Berufes (Vortragskünstler) ständig seinen Wohnsitz wechselt und daher noch niemals abgefaßt (sic) ist.
Daß es sich nicht um eine einmalige Entgleisung handelt, ergibt sich ferner daraus, daß der Angeklagte an nicht weniger als drei Abenden in der gleichen üblen Weise sexuelle Beziehungen zu dem Zeugen gehabt hat...Es handelt sich bei dem Angeklagten offenbar um einen Menschen, der hemmungslos zur Befriedigung seiner geschlechtlichen Triebe die gemeinsten Handlungen vornimmt. Insoweit bietet er zweifellos eine Gefahr für die Allgemeinheit. Eine scharfe Bestrafung erschien angemessen..."
(vgl. 213-11:3932/41 Bl. 51-53).

2. Die Vermutung, Junkermann sei umgebracht worden, weil die SS befürchtet habe, daß er über seinen Bruder, den Staatsschauspieler Hans Junkermann, "höheren Ortes unliebsame Enthüllungen über das KZ Sh-Oranienburg machen" könne (vgl. Joachim Müller, Kastrationen im Krankenrevier, S. 297 - vgl. Anm.3), überzeugt nicht. Einerseits hatten Häftlinge vor ihrer Entlassung schriftlich zu versicher, Schweigen zu bewahren, wollten sie nicht erneut in "Schutzhaft" genommen werden, andererseits war "höheren Ortes" selbstverständlich bekannt, was in den Konzentrationslagern vor sich ging. Überdies dürfte der Einfluß des 1872 geborenen Schauspielers Hans Junkermann wenige Monate vor seinem Tod nicht allzu groß gewesen sein.

3. Die Darstellung des Schicksals von Fritz Junkermann beruht im wesentlichen auf der Strafakte Junkermann im Staatsarchiv Hamburg. Sie ist dort zu finden unter 213-11: Staatsanwaltschaft. Landgericht - Strafsachen unter der Reponierungsnummer 3932/41.

Vgl. weiterhin
a) die Strafakte W.Sch. im Staatsarchiv Hamburg unter 213-11: 2984/41;

b) die Ausstellungstafeln in der Gedenkstätte Sachsenhausen, Revierbaracke II F, Krankenzimmer Nr. 54;

c) Joachim Müller und Andreas Sternweiler: Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen. Verlag rosa Winkel. Berlin 2000. S. 46, 288, 297, 299.

 

© Gottfried Lorenz.