Anke Gebert

Eine Karriere in Deutschland

Edgar Kirschniok

Unternehmer, Jahrgang 1928, ledig


= Historie im Gmeiner-Verlag

Gmeiner -Verlag GmbH. Meßkirch 2007



Anke Geberts Buch Eine Karriere in Deutschland hat als konkreten Anlaß den 80. Geburtstag von Edgar Kirschniok im kommenden Jahr.

Seine Biographie ist interessant, unterscheidet sich aber kaum von den Lebensläufen anderer erfolgreicher Kaufleute und Unternehmer, die zwischen 1927 und 1930 geboren wurden, die NS-Zeit noch bewußt erlebt, wenn auch nicht mitgestaltet haben, und die als junge Soldaten oder Flakhelfer das Glück hatten, den Krieg mehr oder weniger unbeschadet und ohne lange Gefangenschaft zu überleben.

Das richtige Gespür für Chancen und kommende Entwicklungen, Unternehmungsgeist, Intelligenz, glückliche Zufälle, Protektion, gute Nerven beeinflußten ihren Aufstieg, ließ sie Krisen überwinden und Niederlagen in Siege verwandeln - gleichgültig, ob sie im Verlagswesen, in der Kältetechnik (wie Kirschniok), im Anlagenbau oder Außenhandel tätig waren.

Anders aber als viele andere seiner erfolgreichen Zeitgenossen ist Kirschniok homosexuell. Kirschniok posaunte seine sexuelle Orientierung nicht hinaus - das war bis in die 80er Jahre von einem Mann seiner Position realistischerweise nicht zu erwarten -, kaschierte sie aber auch nicht mit Eheschließung oder Freundinnen, wie dies andere homosexuelle Erfolgsmenschen für opportun hielten. Edgar Kirschniok wurde sich seiner Homosexualität im Laufe der Zeit immer stärker bewußt, akzeptierte und bejahte sie.

Das Buch nennt drei langjährige Lebensgefährten Kirschnioks: 1. den Engländer George Smith, den er 1946 in Berlin kennenlernte, der sein Geschäftspartner wurde und mit dem er bis 1960 bzw. 1962 persönlich und geschäftlich in spannungsreicher Weise verbunden war (vgl. S. 41, 81-86). 2. Seinen Freund Uwe lernte Edgar Kirschniok 1960 in Hamburg kennen; 1970 trennte er sich von dem jungen Lufthansa-Steward (vgl. S. 81f., 104f.).
3. Am 2.2.1971 begegnete Kirschniok - ebenfalls in Hamburg - dem neunzehn Jahre jüngeren Helmut Schröder, mit dem er bis heute zusammenlebt und den er 1992 als Sohn adoptierte (vgl. S. 105, 161f.). Ihm dankt die Autorin ausdrücklich für das große Engagement, mit dem er das Buchprojekt begleitet habe. Man kann die vorliegende Biographie somit auch als Schröders Geburtstagsgeschenk für seinen Adoptivvater sehen.

Zentrale Orte in Kirschnioks Leben sind der Großraum Frankfurt am Main, Berlin, ein Sommerhaus an der Algarve und Sylt.
Ab und zu hielt sich Kirschniok aus beruflichen Gründen in Hamburg auf. Hier wohnte er im Hotel Atlantik (S. 81), knüpfte homosexuelle Kontakte, besuchte die Roxi-Bar (S. 78) und den Club Uhlenhorst (S. 105). In Hamburg lernte er Uwe (S. 81f.) und vor allem Helmut Schröder (S. 105) kennen.

Was Anke Gebert über Kirschnioks Vorstellungen, sein Denken und seine Arbeit schreibt, ist für den Leser nicht nachprüfbar - er muß sich auf das verlassen, was die Autorin nach drei Treffen mit Kirschniok für mitteilenswert gehalten hat.
Anders verhält es sich mit den im Buch erwähnten historischen Zusammenhängen, in denen sich Kirschnioks Leben vollzieht. Hier hätte Gebert sehr viel sorgfältiger recherchieren oder formulieren müssen. Wenige Beispiele sollen genügen:
So heißt es im Text (S. 11f.): "Edgar blieb ein Einzelkind, denn die Eltern machten sich Sorgen über die politische Entwicklung in Deutschland. Die NSDAP war wieder zugelassen und das Sprachverbot für Adolf Hitler aufgehoben worden. Zwei Ereignisse im Geburtsjahr Edgars sollten in seinem späteren Leben eine Rolle spielen. Zum einen wurde die erste 'MS Europa' in Hamburg vom Stapel gelassen. Die zweite bedeutsame Begebenheit war der Kongress zur Sexualreform, der sich mit der strafrechtlichen Verfolgung Homosexueller befasste."
Kirschnioks Eltern waren keine Gegner des Nationalsozialismus (vgl. S. 13f.,16f.); die Ursachen dafür, daß Edgar Kirschniok keine Geschwister hatte, sind deshalb eher privater Natur, die das Buch auch nicht verschweigt (vgl. S. 17).
Für Hitler hatte es (in Bayern) kein Sprach-, sondern zwischen 1925 und 1927 ein R e d e verbot gegeben.
1928 lief die d r i t t e 'Europa' vom Stapel.
Was für einen Kongreß zur Sexualreform meint die Autorin? 1928 fand der 'Internationale Kongress der Weltliga für Sexualreform auf wissenschaftlicher Grundlage' in Kopenhagen statt.
Was aber hat dieser Kongreß mit Kirschniok zu tun, der von der nationalsozialistischen Gesetzgebung gegen Homosexuelle bis 1969 betroffen war und sich deshalb vorsehen mußte, als Schwuler in das Räderwerk der deutschen Justiz zu geraten?

Weiterhin:
Berlin litt erst seit dem Frühsommer 1943 unter Bombenangriffen; es ist deshalb wenig wahrscheinlich, daß Kirschniok schon 1942 im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Schneidemühl kam (vgl. S. 18).

Schneidemühl gehörte weder zum Warthegau, noch lebten dort bis Kriegende viele Polen (vgl. S. 18f.).

Der Begriff Warthegau wurde in der NS-Zeit geprägt und stammt nicht aus der Kaiserzeit (vgl. S. 18). Aus diesem Gebiet ist die polnische Bevölkerung nach der Niederlage Polens systematisch vertrieben worden.

Das 'Kraftwerk West' in Spandau ist am Ende der Weimarer Republik errichtet und im 2. Weltkrieg kaum beschädigt worden. Edgar Kirschniok kann also kaum an diesem Kraftwerk mitgebaut haben (vgl. S. 40).

Die Homosexuellenzeitschrift 'Die Insel' ist keine Neubenennung der Zeitschrift 'Die Freunde' (vgl. S. 78).

Die schwule Roxi-Bar lag in der Kleinen Freiheit, nicht auf der Reeperbahn (vgl. S. 78).

So unbarmherzig der § 175 von der Justiz auch angewendet wurde - nicht die Homosexualität als Veranlagung wurde strafrechtlich verfolgt, sondern die gleichgeschlechtliche Handlung (vgl. S. 80).

Ein Gebäude mit dem Namen Dom Potrviny kann es in Prag am Wenzelsplatz aus sprachlichen Gründen nicht gegeben haben (S. 93).

Merkwürdig erscheint, daß Kirschniok während der NS-Zeit von einem entlassenen kommunistischen Lehrer in einer öffentlichen Schule Nachhilfeunterricht erhalten haben soll (vgl. S. 21f.), daß Kirschnioks Freund als Brite im Jahre 1948 im belgisch besetzten Monschau stationiert war (vgl. S. 49).

Problematisch sind überdies Bemerkungen ohne Bezug zur Lebensgeschichte von Edgar Kirschniok. Was soll folgender Absatz (S. 25): " Edgar kam zum Arbeitsdienst nach Kampen auf der Insel Sylt. Er kannte Sylt nicht, obwohl die Insel schon seit den 20er Jahren sehr populär war. Allerdings mehr in Künstlerkreisen. Thomas Mann verbrachte viel Zeit in Kampen und schrieb dort zum Beispiel seinen Roman Tod in Venedig. In den 30ern zogen Nazigrößen auf die Insel. Goebbels bevorzugte Kampen und Göring baute sich ein Haus in Wennigstedt, in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Leni Riefenstahl, der großen Regisseurin und Fotografin des Tausenjährigen Reiches. Göring setzte sich stark für den Naturschutz in Kampen ein und verhinderte eine großflächige Bebauung der Heideflächen zwischen Kampen und List."
Soll damit angedeutet werden, daß Kirschniok sein Haus in Kampen Görings Naturschutzpolitik verdankt?
Einen Beleg dafür, daß Thomas Mann seine N o v e l l e "Der Tod in Venedig" in Kampen verfaßte, habe ich nirgends gefunden. Erschienen ist die Novelle im Jahre 1912.

Und was will Anke Gebert mit folgendem Satz sagen (vgl. S. 47): "Edgar und George nutzten ... das Auto, um so viel wie möglich aus Berlin herauszukommen, um 'über den Zaun zu sehen', doch das war nur innerhalb der westlichen Sektoren möglich."

Anke Geberts Buch enthält eine Reihe Fotos, deren Wiedergabe nicht zufriedenstellend ist (vgl. S. 11,13,46f.,78,140,144,166,169,171).

Ich weiß, wie Bücher entstehen, wie sich Druckfehler einschleichen, wie Kürzungen, die der Verlag oder das Finanzbudget vorschreiben, unverständliche Passagen entstehen lassen. Doch bedarf es dann eines Lektors, der sich als Außenstehender des Textes annimmt.

©Gottfried Lorenz, 17.10.2007