Stefan Wolter

Der "Prinz" von Prora

Erfahrungen eines NVA-Bausoldaten


Projekte-Verlag. Halle/Saale 2005

( vgl. auch:
Stefan Wolter
Der "Prinz von Prora" im Spiegel der Kritik.
Das Trauma NVA und WIR
Projekte-Verlag. Halle/Saale 2007)




Der Titel "Hinterm Horizont allein -
Der "Prinz" von Prora
Erfahrungen eines Bausoldaten"

assoziiert dreierlei:

1. Das Hermetische des Lebens des Bausoldaten Wolter auf Rügen im Unterschied zu Udo Lindenbergs Titel "Hinterm Horizont geht's weiter...hinterm Horizont immer weiter, gemeinsam sind wir stark".

2. Die besondere Sicht des Verfassers auf sich selbst. Das Wort "Prinz" erscheint im Text in ironischer Brechung, wird als Mobbing empfunden, spiegelt aber auch die Selbsteinschätzung des Verfassers wider.

3. Wolters Buch berichtet von den eigenen Erfahrungen als Bausoldat und versteht sich somit nicht als wissenschaftliche Monographie über diese Spezialinstitution im Rahmen der NVA.

Stefan Wolters Buch beginnt mit einem langen, 49 Seiten umfassenden Prolog. Es folgen drei chronologisch gegliederte Kapitel: I: 1986 Hoffnung und Illusion, II: 1987 Zermürbung und Lähmung, III: 1988 Tagedrücken. Und es schließt mit einem Epilog von 1 1/2 Seiten.

Der Prolog schildert Wolters Wiederbegegnung mit Rügen - fünfzehn Jahre nach seiner Zeit als Bausoldat in Prora und Mukran und berichtet von den letzten Monaten in Eisenach zwischen Musterung,Einberufung und der Abreise nach Prora.
Die drei mit den Jahreszahlen 1986, 1987, 1988 bezeichneten Hauptkapitel sind wiederum gegliedert in Unterkapitel entsprechend den einzelnen Monaten als Bausoldat auf Rügen. Dabei folgen auf eine generelle Darstellung von Gedanken und Erlebnissen jeweils Briefe von Stefan Wolter an seine Angehörigen in Eisenach, die das zuvor Gesagte belegen sollen (oder anders: die Quelle der ihnen vorausgehenden zusammenfassenden Darstellung sind).
Diese Briefe aus Prora und Mukran sind zumeist lebendig geschrieben und aussagekräftig. Man muß zwischen den Zeilen lesen können, um ihren Inhalt zu erschließen, denn Stefan Wolter mußte so formulieren, daß die Briefzensur der Stasi seine Briefe nicht aussortierte und ihm und deren Empfängern Schwierigkeiten machen konnte.
Was Wolter in diesen Briefen schreibt (sofern er sie nicht nachträglich überarbeitet hat), ist somit aus seiner Perspektive als neunzehn-, zwanzigjähriger DDR-Bürger zu sehen.

Folgt man seiner Darstellung, muß Stefan Wolter in Prora ein Paradiesvogel gewesen sein: Er war jung, hübsch, bildungsbeflissen, ein Ästhet, wohl auch ein Snob und bisweilen wehleidig und arrogant. Auf all das lassen Benennungen wie "Prinz", "Prinzessin auf der Erbse", "Prinzessin Stefanie" schließen (vgl. S. 157, 207-209).
Da die Bausoldaten jahrgängeübergreifend einberufen wurden, gehört er während seiner Zeit in Prora zu den jüngsten Dienstleistenden dieser Kategorie. Naturgemäß mußte er als Mensch, der gerade sein Abitur bestanden hatte, viele Erfahrungen zum ersten Male machen: den Verlust der Geborgenheit des Elternhauses, ein Weihnachtsfest in der Kaserne eines kirchenfeindlichen atheistischen Staates statt im Familienkreis und im vertrauten heimatlichen Eisenach, das zwangsweise Zusammenleben mit fremden Menschen auf engem Raum, das keinen Platz für Privates läßt. Er mußte lernen, sich selbst durchzusetzen. Und er konnte nicht länger auf den Vater zurückgreifen, der in Eisenach für ihn die Kastanien aus dem Feuer geholt hatte.
Vor allem aber ist er während der gesamten Zeit als Bausoldat tagaus, tagein fremdbestimmt von einer Institution, die er und seine Kameraden innerlich ablehnten - was die Vorgesetzten natürlich wußten. Und sie reagierten mit Repressionen, sie verhängten willkürlich Strafen und versuchten mit ausgesuchten Schikanen, vor allem auch die jungen Christen zu treffen.

Interessant ist Wolters Buch insbesondere auch für homosexuelle Leser.
Hatte sich seine Entscheidung gegen den Dienst mit der Waffe auf Grund seines sozialen Hintergrundes folgerichtig ergeben, so ist es andererseits gerade seine Herkunft, die es ihm schwer macht, sich seiner sexuellen Veranlagung bewußt zu werden und sie zu akzeptieren.
Das Erwachsenwerden eines jungen Homosexuellen erfordert sehr viel mehr Energie als die eines heterosexuellen Jugendlichen, weil ein junger schwuler Mann nicht in ein anerkanntes Normensystem hineinwächst und dieses nur auszufüllen braucht, sondern weil er sich mit seinem Umfeld, vor allem aber mit sich selbst auseinandersetzen muß, um als selbstbewußter Schwuler sein Leben zu gestalten.
Stefan Wolter stammt aus einer Pastorenfamilie. Aufgeklärt worden ist er weder zu Hause noch in der Jungen Gemeinde und wohl auch nicht in der Schule. Und selbstverständlich hatte er mit 18 Jahren noch keine sexuellen Erfahrungen (S. 43). Doch ist andererseits Homosexualität auch kein Tabuthema: Stefan Wolters Schwester meint, daß er den Eindruck eines Schwulen mache, wenn er durch Eisenach schlendert (S. 42). Und Stefan Wolters Briefe aus Prora und Mukran spielen auf schwule Kameraden an - so wenig freundlich dies bisweilen auch klingt (vgl. S. 94f., 129, 290; vgl. aber auch S. 321).
Wolter tritt seinen Dienst bei den Bausoldaten in sexueller Hinsicht als "reiner Tor" an, und folgerichtig bereitet ihm das gemeinsame Nacktduschen in der Kaseren Schwierigkeiten.

Die Begegnung mit aufgeklärten oder sich offen schwul gebenden Kameraden (Markus, Sven, Jan) irritiert ihn. Naiv läßt er sich mit dem homosexuellen Jan auf ein frivoles Spiel ein - und wundert sich darüber, daß Jan es gerne zu Ende spielen möchte (S. 120). Was ihm Jan erzählt, findet er abstoßend und interessant zugleich (S. 120, 152).

Am Ende des Buches ist in sexueller Hinsicht nichts entschieden. Zwar hat sich Stefan Wolter seinem Freund Thomas "im Küssen hingegeben", doch empfindet er dies im Nachhinein als "unmoralisch und peinlich" - ein Gefühl, von dem ihn Thomas befreit. Aber als der nackte Stefan kurz vor seiner Entlassung als Bausoldat am Strand beim Streicheln des nackten Thomas einen Orgasmus erlebt, herrscht danach Schweigen - besser: Sprachlosigkeit (S. 342).
Thomas zweifelt nicht daran, nach seiner Entlassung ein Leben als Heterosexueller zu führen. "Und ich, obgleich ich keine andere Liebe als diese hier kennen gelernt hatte, schloss mich dieser Meinung an", fügt Stefan Wolter hinzu (S. 340). Was Stefan Wolters Coming out hätte sein können, verläuft am Strand im wahrsten Sinn

In seinem 2007 erschienenen Buch "Der 'Prinz von Prora' im Spiegel der Kritik" thematisiert Stefan immer wieder die Wirkung des homosexuellen Aspekts seines Berichts über sein Leben als Bausoldat auf die Leser. Daran, daß er homosexuell ist, läßt der Verfasser nun keinen Zweifel mehr.

© Gottfried Lorenz 29. 11. 2007